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Leidenschaft in Blackwood Manor / Die Geliebte des Wüstensohns / Happy End in Argentinien / Verrat mir dein Geheimnis!

Sharon Kendrick

Leidenschaft in Blackwood Manor

1. KAPITEL

Das Letzte, was sie jetzt unternehmen wollte, war ein ausgedehnter Spaziergang. Der Wind blies eisig, und die grauen Wolken hingen verdächtig tief. Aber Ashley blieb nichts anderes übrig, als sich zu Fuß auf den Weg zu machen. Außerdem war sie nach dem Morgen in einem stickigen Bahnabteil extrem aufgekratzt, und ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um die erste Begegnung mit ihrem neuen Chef.

Immer wieder ermahnte sie sich, dass es keinen Grund gebe für diese unerträgliche Nervosität. Er konnte wohl kaum so Furcht einflößend sein, wie die Dame von der Arbeitsagentur angedeutet hatte.

Unglücklicherweise hatte Ashley den wunderbaren und schwerreichen Jack Marchant nicht – wie erhofft – auf seinem imposanten Landsitz angetroffen. Christine, die sich als seine Haushälterin vorstellte, hob auf die Frage, wann der Herr des Hauses denn zurückerwartet wurde, nur müde die Augenbrauen.

„Das weiß man bei Mr Marchant nie“, hatte sie leicht hochnäsig verkündet. „Dieser Mann macht, was er will.“

Doch irgendwie beschlich Ashley das Gefühl, dass die Hausangestellte den Reizen ihres Vorgesetzten gegenüber nicht ganz unempfänglich war.

Verfroren rieb Ashley ihre Hände aneinander, die in dicken Wollhandschuhen steckten, und setzte ihren Weg durch die Kälte fort. Die Dame von der Agentur beschrieb Mr Marchant als höchst eindrucksvoll. Ein Begriff, der wohl eine ganze Reihe unausgesprochener Sünden dieses Mannes mit einschloss. Bedeutete es, dass er cholerisch und dominant war? Oder einfach zu unhöflich, um seine neue Sekretärin persönlich zu empfangen?

Nicht dass es von Bedeutung wäre, was für einen Charakter er hatte. Ashley brauchte diesen Job, sie brauchte das Geld. Dringend. Es war ein lukrativer Kurzzeitvertrag, und dafür würde sie sich mit allen möglichen Unannehmlichkeiten abfinden – selbst mit dieser öden nördlichen Landschaft und der beißend kalten Luft.

Obwohl Ashley während ihrer gesamten Kindheit von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht worden war, konnte sie mit Veränderungen nicht gut umgehen. Vielleicht gerade deshalb. Sie bekam regelrecht klaustrophobische Anfälle, wenn sie fremde Menschen traf oder sich in einer neuen Situation einrichten musste. Es war ungeheuer anstrengend für sie, sich auf Leute und ihre Befindlichkeiten, Erwartungen und Vorlieben einzustellen.

Dafür hatte sie aber von klein auf gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, gesprochene Worte und echte Absichten voneinander zu unterscheiden und die Wahrheit hinter einem falschen Lächeln zu erkennen. Sie hatte ihre Lektion gelernt und dabei eine Überlebensstrategie entwickelt, die sie unbewusst bis zum heutigen Tag praktizierte.

Nachdem ihre Finger nun eine Nuance wärmer waren, blieb Ashley einen Moment stehen und sah sich um. Kahle Bäume und Hecken schlossen das großzügige Grundstück ein, hinter dem sich eine schier endlose Moorlandschaft erstreckte.

Was für ein einsamer Ort, dachte sie. Irgendwie spröde und sehr karg.

Als sich der Weg nach einer Weile über eine Hügelkuppe schlängelte, konnte sie zumindest in der Ferne ein kleines Dorf entdecken. Hinter ihr lag das riesige Anwesen Blackwood Manor und wirkte aus der Ferne sogar noch imposanter als von Nahem. Das graue steinerne Gebäude fügte sich trotz seiner gigantischen Größe hervorragend in die Landschaft ein. Dunkle Baumgruppen und diverse Nebengebäude vervollständigten das Bild, zusammen mit einem glitzernden See.

Was es wohl für ein Gefühl ist, so viel Land zu besitzen? fragte Ashley sich. Ob dieser Reichtum Mr Marchant so eindrucksvoll macht? Eigentlich heißt es aber doch, Geld verderbe den Charakter!

Ashley war so in ihre Tagträume vertieft, dass sie das seltsame Geräusch, welches sich rasant näherte, zunächst nicht bemerkte. Zu spät wurde ihr klar, dass ein großes, dunkles Pferd auf sie zugaloppierte. Nein, es war nicht nur dunkel, es war pechschwarz und sah aus, als wäre es aus einem gruseligen Kindermärchen entsprungen. Unter dem glänzenden Fell arbeiteten die starken Muskeln des Tieres, und auf seinem Rücken thronte ein Mann, dessen ebenfalls rabenschwarzes Haar vom Wind stark zerzaust war. Ashley blinzelte erstaunt. Sie sah ausgeblichene Jeans, einen kraftvollen, maskulinen Körper und ein Gesicht, das hart und verschlossen wirkte.

Wüste dunkle Augen starrten sie an, während sie wie hypnotisiert mitten auf dem Weg stehen blieb. Der Anblick des Fremden auf seinem hohen Ross hielt sie in seinem Bann, und plötzlich schien das Pferd direkt über ihr zu sein. Mit einem spitzen Schrei sprang Ashley zur Seite, und das Tier stieg erschrocken hoch, weil in diesem Augenblick auch noch ein großer schwarz-weißer Hund aus der Seitenhecke schoss.

Um sie herum brach ein ohrenbetäubender Tumult aus, und Ashley verlor den Überblick. Das Pferd stürzte und warf dabei seinen Reiter ab, der regungslos liegen blieb, während der Hund ununterbrochen bellte. Entsetzt warf sich Ashley neben dem Mann auf die Knie und beugte sich über ihn. War er etwa tot? Mit zitternden Händen berührte sie seine Schultern. „Hallo? Hallo? Sind Sie okay?“

Erleichtert stellte sie fest, dass er leise stöhnte.

„Können Sie mich verstehen?“, fragte sie laut. „Ich sagte, können Sie mich verstehen?“

„Natürlich kann ich Sie verstehen! Immerhin schreien Sie mir ja direkt ins Ohr!“

Seine Stimme klang tief und erstaunlich kräftig. Die dichten schwarzen Wimpern teilten sich etwas und ließen die stürmischen braunen Augen durchblitzen, deren Ausdruckskraft Ashley noch kurz zuvor gefesselt hatte.

„Haben Sie Schmerzen?“, erkundigte sie sich.

Er schnitt eine Grimasse. „Was glauben Sie denn?“ Sein Tonfall klang verständlicherweise gereizt. Dann versuchte er vorsichtig, seine Beine zu bewegen, wobei sich seine kräftigen Oberschenkel durch die verwaschenen Jeans abzeichneten.

Dieser Anblick lenkte Ashley für einen Augenblick ab, und sie schluckte. „Kann ich … kann ich irgendetwas für Sie tun?“

„Nun, Sie könnten damit anfangen, mir mal etwas Platz zu machen!“, entgegnete er unwirsch. „Zurück! Ich bekomme ja kaum noch Luft.“

Sein Ton war forsch und autoritär. Sofort wich Ashley zurück, und der Fremde rappelte sich auf. Allerdings kam er nicht weiter als bis auf seine Knie. Der Hund spielte mittlerweile völlig verrückt und sprang bellend um den Mann herum, bis er ihn mit einem harschen Befehl zum Schweigen brachte.

„Still, Casey!“

Die Schultern des gestürzten Reiters sackten nach vorn, und er setzte sich mit einem Seufzer auf die Straße.

Instinktiv kam Ashley wieder näher. „Sie sollten sich besser nicht bewegen.“

„Woher wollen Sie denn wissen, was ich zu tun habe?“

„Das habe ich im Erste-Hilfe-Kurs gelernt. Ich denke, Sie sollten ganz ruhig sitzen bleiben. Ich werde mit meinem Handy einen Krankenwagen rufen. Vielleicht haben Sie sich etwas gebrochen.“

Ungeduldig schüttelte er seine dunklen Haare. „Da ist nichts gebrochen. Eventuell verstaucht, sicher nichts Ernstes.“ Wieder versuchte er aufzustehen, und dieses Mal schaffte er es mit Mühe und Not.

Trotz seiner gekrümmten Haltung konnte man erahnen, wie groß dieser attraktive Mann war. Neugierig betrachtete Ashley ihn und fand, dass er unbeschreiblich interessant aussah. Dicht neben seinen sinnlich geschwungenen Lippen zeichnete sich eine feine Narbe ab, und sie fragte sich, ob er wohl in einen Unfall oder in einen Kampf verwickelt worden war.

Seine Gesichtszüge waren etwas zu herb, um sie als hübsch im konventionellen Sinne bezeichnen zu können. Es war vielmehr, als würde seine unübersehbare Männlichkeit anziehend und abstoßend zugleich wirken. Ashley fühlte sich seltsam verwirrt.

„So kann ich Sie jetzt unmöglich allein lassen“, stellte sie entschlossen fest.

„Natürlich können Sie“, widersprach er. „Es wird spät, und auf diesen Straßen sollte man in der Dunkelheit nicht mehr allein herumspazieren. Oder kennen Sie sich hier gut aus?“

„Nein, überhaupt nicht.“

„Natürlich nicht. Sonst wären Sie wohl kaum mitten auf dem Weg stehen geblieben, obwohl ein Pferd angaloppiert kommt“, bemerkte er trocken. „Wo wohnen Sie denn?“

„Eigentlich bin ich erst heute hier in die Gegend gezogen.“

„Oh?“

Der starre Blick aus seinen dunklen Augen irritierte sie. „Nach Blackwood Manor“, ergänzte sie und räusperte sich.

Er runzelte die Stirn, und sein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Ach so, dort wohnen Sie also? In dem grauen Haus direkt am Moorgebiet?“

Ashley nickte, obwohl die Vorstellung merkwürdig war, diesen Ort als ihr Zuhause zu bezeichnen. „Ja.“ Sie zuckte die Achseln. „Es gehört natürlich nicht mir, sondern meinem neuen Boss.“

„Wirklich?“, hakte er nach und betrachtete sie etwas genauer. „Und wie ist der so, Ihr neuer Boss?“

„Keine Ahnung. Wir haben uns noch nicht kennengelernt, weil er unterwegs war, als ich ankam. Er ist …“ Beinahe hätte sie ausgeplaudert, dass sie dafür eingestellt worden war, seinen Roman zu tippen. Aber Ashley biss sich rechtzeitig auf die Zunge. Schließlich ging es diesen Fremden überhaupt nichts an, aber sein Gesichtsausdruck brachte sie irgendwie dazu, ihm alles über sich erzählen zu wollen. Außerdem lenkte sie das Geplapper von dem Effekt ab, den seine Ausstrahlung auf ihre Sinne ausübte.

Eilig richtete Ashley sich auf, um etwas Abstand zu gewinnen. Diskretion war Teil ihrer Position als persönliche Assistentin, und es könnte gewaltigen Ärger geben, wenn Mr Marchant Wind davon bekam, dass Ashley Einzelheiten über ihre Arbeit verbreitete.

„Ich sollte mich jetzt besser auf den Weg machen“, begann sie. „Das heißt, wenn Sie ganz sicher sind, dass ich nichts weiter für Sie tun kann. Mein Chef ist vielleicht schon zurück, und ich möchte ihn ungern warten lassen.“

„Einen Moment noch! Sie könnten mir doch noch helfen, indem Sie mein Pferd zu mir zurückbringen.“

Ashley hatte das reiterlose Tier völlig vergessen und sah nun unsicher zu ihm rüber. Das Pferd wirkte sogar noch einschüchternder als sein Besitzer. Rastlos trat es von einem Huf auf den anderen und blies stoßweise seinen heißen Atem in die kalte Luft.

„Oder haben Sie etwa Angst?“, fragte der Fremde herausfordernd.

„Ich weiß nicht besonders viel über Pferde“, gab sie zu.

Der Mann nickte. „Dann halten Sie sich lieber von ihm fern! Ich mache das schon. Bleiben Sie mal ruhig stehen!“

Mit einer Hand stützte er sich auf Ashleys Schulter ab, um sich stöhnend ganz aufzurichten, und sie durchfuhr bei diesem unerwarteten, nachdrücklichen Kontakt ein wohliger Schauer. Es fühlte sich fast intim an, andererseits war sie es auch nicht gewöhnt, überhaupt von einem Mann angefasst zu werden. Durch ihre Kleidung spürte sie die Hitze seines Körpers, und Ashley stellte sich vor, wie sie unter dieser Berührung langsam zu schmelzen begann. Wie Schokolade in der Sonne …

Bildete sie sich das ein, oder wurden seine Lippen deutlich schmaler? Und an der Schläfe pochte eine kleine Ader. War es nur ihre eigene bizarre Empfindung, dass es jetzt völlig natürlich wäre, wenn er sie einfach in seine starken Arme nahm? Und sie dann gegen seinen muskulösen Körper presste und sie …

Plötzlich wandte der Mann sich abrupt von ihr ab und humpelte zu seinem Pferd hinüber. Unablässig gab er dabei beruhigende Laute von sich und sprach beschwichtigend auf das Tier ein.

Fasziniert beobachtete Ashley, wie er schließlich wieder in den Sattel stieg. Diese Eleganz hatte sie bisher nur bei Reitern im Fernsehen gesehen. Der üble Sturz schien längst vergessen, Pferd und Reiter harmonierten in beneidenswerter Anmut miteinander. Liebevoll tätschelte der Fremde seinem Rappen den Hals und hob dann den Blick, um Ashley direkt in die Augen zu sehen.

Einen unsinnigen Sekundenbruchteil lang wollte sie ihn bitten, noch nicht weiterzureiten, sondern bei ihr zu bleiben und ihr noch länger das Gefühl zu geben, lebendig zu sein. Sie wollte dieses neue sinnliche Erlebnis in ihrem Inneren nicht so schnell wieder loslassen. Zum Glück bekam Ashley sich gleich wieder in den Griff, als sie seinen kühlen Blick bemerkte.

„Danke für Ihre Hilfe“, sagte er. „Dann machen Sie sich mal schnell auf den Weg! Bevor es dunkel wird und Sie noch eine nichts ahnende Kreatur mit diesen riesigen, unschuldigen Augen zu Tode erschrecken! Casey! Komm her, mein Junge!“

Der Fremde schenkte Ashley ein letztes spöttisches Lächeln, dann gab er seinem Rappen die Sporen und galoppierte davon, dicht gefolgt von seinem übermütigen Hund.

Eine ganze Weile blieb sie regungslos stehen und beobachtete, wie das ungleiche Trio in der Ferne verschwand. Mit zitternden Fingern berührte sie die Haut direkt unter ihren Augen. Von niemandem waren sie bisher als riesig und unschuldig bezeichnet worden! Erst recht nicht von jemandem, der so umwerfend aussah wie dieser rätselhafte Mann.

Es war ein langer Weg zurück nach Blackwood Manor. Als ihr eine schmallippige Christine die Tür öffnete, schoss ein riesiger schwarz-weißer Hund an der Haushälterin vorbei und sprang begeistert an Ashley hoch.

„Casey!“, rief Ashley erstaunt, und Christine schien gar nicht aufzufallen, dass die neue Sekretärin den Namen des Hundes kannte. „Wem gehört er eigentlich?“

„Mr Marchant natürlich.“

„Dann ist er inzwischen zurück?“

Die Haushälterin nickte. „Schon, aber nicht für lange“, entgegnete sie grimmig. „Hatte offenbar einen kleinen Unfall.“

„Einen Unfall?“ Ashley wurde leicht übel.

„Genau. Ist von seinem Pferd gestürzt, nur ein Stück hier die Straße runter. Deshalb wollte er ins Krankenhaus und sich röntgen lassen.“

Der Hund. Ein Unfall. Die ganze Bedeutung des Wortes eindrucksvoll. Allmählich setzte sich das Mosaik in Ashleys Kopf zusammen, und ihr Herz begann, schneller zu schlagen, als ihr klar wurde, mit wem sie gerade aneinandergeraten war. Mit ihrem neuen Chef Jack Marchant.

2. KAPITEL

Die nackten Äste schlugen immer wieder gegen Ashleys Fenster, weil es so windig war. Doch sie hörte es kaum, während sie blind in den Garten hinausstarrte. Immer wieder musste sie an den schwarzhaarigen Mann mit den stechenden dunklen Augen denken, der vor ihren Augen vom Pferd gefallen war. Ohne es zu wissen, war sie ihrem zukünftigen Arbeitgeber über den Weg gelaufen und mit ihm in eine ziemlich bizarre Situation geraten.

Ihr neuer Chef.

Mühsam schluckte Ashley ihre Panik hinunter. Ob er verletzt war? Ernsthaft verletzt? In genau diesem Moment könnte er in der Notfall-Ambulanz liegen, auf einem sterilen Bett, während eine schwere innere Blutung seine Lebensgeister schwinden ließ. Dann hätte sie vielleicht niemals wieder die Gelegenheit, ihn zu sehen oder mit ihm zu sprechen. Und obendrein war es ihre Schuld!

Aus eigener Erfahrung wusste sie, wie schnell sich das Leben in nur einer Sekunde ändern konnte. Zuerst galoppiert man noch wild und frei über die Felder, und im nächsten Augenblick …

Sie schluckte. Wenn er jetzt tatsächlich schwer verletzt sein sollte, war es unverantwortlich von ihr gewesen, ihn allein fortreiten zu lassen. Aber Christine behauptete, es gebe noch keine Neuigkeiten, also blieb Ashley nichts anderes übrig, als auf Mr Marchants Rückkehr zu warten. Sie war gleich in ihr Zimmer gegangen und versuchte seitdem, zur Ruhe zu kommen.

Bisher war sie nur Räume gewöhnt, die das Ausmaß eines Schuhkartons hatten. Aber dieses Schlafzimmer war riesig und äußerst luxuriös eingerichtet. Über dem breiten Bett lag eine Tagesdecke aus reinem Kaschmir, und im Schrank fand Ashley noch weitere Kuscheldecken und Kissen. Christine hatte sie schon vorgewarnt, dass die Temperaturen in diesem Teil des Landes manchmal rasant in den Keller fielen. Ein gemütliches Sofa stand so ausgerichtet, dass man bequem in den Garten hinunterblicken konnte, und auf einer weißen Kommode an der Wand stand ein kleiner Fernsehapparat.

„Mr Marchant schaut selbst nicht so oft fern“, hatte Christine erklärt. „Das Gerät unten ist also fast nie an. Aber ich habe ihm gesagt, man kann niemanden hier in die Einöde locken, ohne ihm die Möglichkeit für eine ordentliche Abendunterhaltung zu bieten.“

Ashley hatte lächeln müssen. Nein, sie konnte sich den grimmigen Jack Marchant auch nicht auf der Couch vorstellen, wie er sich eine Serie oder eine Gameshow ansah.

Im Grunde war sie selbst auch kein großer Fan von TV-Unterhaltung. Sie hatte sich ein paar Bücher mitgebracht, von denen sie eines zu lesen begann, während sie auf Nachrichten aus dem Krankenhaus wartete. Doch die geschriebenen Worte schafften es dieses Mal nicht, sie in eine Fantasiewelt zu entführen, die sie der Realität vorzog. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem anziehenden, maskulinen Körper zurück, der noch vor wenigen Stunden zusammengekrümmt vor ihr am Boden gelegen hatte.

Das war also Jack Marchant gewesen. Sie hatte einen älteren Mann erwartet, jemanden, der konservativer war. Mit einer randlosen Brille und verknöcherten, hochakademischen Ansichten. Jemanden, der vielleicht einige trockene Militärbiografien verfasst hatte und nun in das Lager der Belletristik wechseln wollte.

Aber Jack Marchant war anders – anders als jeder Mann, der ihr bisher begegnet war.

Ihr Buch rutschte ihr achtlos auf den Schoß, und Ashley schlang selbstvergessen ihre Arme um den eigenen Oberkörper. In den vergangenen Jahren hatte sie sich mit einer Reihe von Jungs verabredet, aber sie waren eben nur … Jungs. Den Fremden dagegen, der sich heute auf ihrer Schulter abgestützt hatte, konnte man nur als männlichsten aller Männer bezeichnen! Und sie hatte keine Ahnung, wie sie mit einem solchen Chef umgehen sollte.

Eigentlich muss ich mich doch lediglich mit der Arbeit auseinandersetzen, erinnerte sie sich selbst. Er ist mein Vorgesetzter, und es gibt keinen Grund, dort mehr hineinzuinterpretieren. Ich tippe seine Arbeit ab, lebe still und zurückhaltend in seinem Haus und kassiere am Ende eines jeden Monats mein großzügiges Gehalt. Einzig und allein aus diesem Grund bin ich hier.

Sie wurde durch ein lautes Klopfen an der Tür aus ihren Gedanken gerissen. Als Ashley öffnete, stand Christine in Hut und Mantel vor ihr.

„Ich muss jetzt los“, verkündete die Haushälterin knapp. „Und Mr Marchant ist aus dem Krankenhaus zurück. Er wartet unten in der Bibliothek und würde gern mit Ihnen sprechen.“

„Geht es ihm denn gut?“, fragte Ashley schnell.

„Ja, schon. Es braucht mehr als einen Sturz vom Pferd, um jemandem wie ihm Schaden zuzufügen.“

Trotzdem spürte Ashley ein nervöses Flattern in ihrer Magengegend, während sie an die bevorstehende Begegnung mit ihrem Arbeitgeber dachte. Unsicher strich sie über ihren Pullover und ihre Jeans.

„Dann ziehe ich mich besser noch um“, überlegte sie laut.

„Ist vermutlich besser“, bemerkte Christine in ihrer etwas rauen Art. „Aber lassen Sie ihn nicht zu lange warten! Das mag er gar nicht. Wir sehen uns in ein paar Tagen. Viel Spaß!“

Spaß? dachte Ashley. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass ihre neue Position als Privatsekretärin spaßig werden würde.

Nachdem Christine gegangen war, schlüpfte Ashley in einen schlichten Rock und eine Tunika, flocht ihre langen Haare zu einem ordentlichen Zopf und eilte dann die Treppe hinunter zur Bibliothek. Die Tür war geschlossen, also klopfte Ashley zaghaft an. Daraufhin hörte sie die gedämpfte, aber dennoch fast herrische Aufforderung, einzutreten. Am liebsten hätte sie auf der Stelle kehrtgemacht.

Stattdessen schob sie mutig die schwere Holztür auf und entdeckte eine breitschultrige Gestalt, die mit dem Rücken zu ihr am offenen Kamin stand. Sie erkannte ihn sofort, und in diesem Raum war seine Erscheinung noch beeindruckender als in freier Natur. Vielleicht auch nur deshalb, weil die roten Flammen des Feuers seine Silhouette gigantisch wirken ließen.

Plötzlich fühlte Ashley sich in der Gegenwart dieses bemerkenswert maskulinen Mannes so gut wie wertlos. Dieses Bewusstsein traf sie hart und machte sie auf einen Schlag furchtbar unsicher. Sie hatte Mühe, seinen Namen über die trockenen Lippen zu bringen.

„Mr Marchant?“

Mit einer schwungvollen Bewegung drehte er sich halb zu ihr um, und das Kaminfeuer beleuchtete seine kantigen Gesichtszüge. Er wirkte unreal, wie aus einer anderen Welt. Oder hatte er sich absichtlich vom Rest der Menschheit abgekapselt? Warum wirkte es, als sei er vollkommen isoliert? War es dieses riesige, ruhige Haus in der Einöde?

Nein, seine Miene verriet ein Gefühl von Schmerz. Und so etwas wie Wut. Doch im nächsten Augenblick waren diese Emotionen verschwunden, und sein forschender Blick wurde eiskalt.

„So sieht man sich wieder.“

„Ja.“

Wieder dieses merkwürdig schiefe Lächeln, das er ihr schon nach dem Unfall zugeworfen hatte. „Meine Lebensretterin.“

Unangenehm berührt hob sie die Schultern. „Ich habe ja nicht gerade viel zu Ihrer Rettung beigetragen.“

„Nein, haben Sie nicht.“ Nachdenklich betrachtete er ihr hübsches Gesicht und erinnerte sich an ihre behutsamen Hände, als sie ihn wachrütteln wollte. Wie stark eine zärtliche Berührung doch sein konnte. Etwas in dieser Art hatte Jack schon lange nicht mehr empfunden. Angenehm und anregend. Sein Blick fiel auf ihre Brüste, die sich durch den dünnen Baumwollstoff der taillierten Tunika abzeichneten. „Ohne Zweifel waren Sie zu sehr in Schuldgefühle vertieft, um von größerem Nutzen zu sein.“

„Schuldgefühle?“, wiederholte sie in defensivem Ton. Damit hatte er einen wunden Punkt getroffen.

Immer wieder war Ashley in ihrem Leben mit falschen Anschuldigungen konfrontiert worden, und das ausgerechnet von den Menschen, auf die sie angewiesen war: von ihren Pflegemüttern, von den Heimleiterinnen oder auch von gleichaltrigen Leidensgenossen. Sie war unterprivilegiert gewesen und hatte ein leichtes Ziel abgegeben.

Und nun starrte sie in diese unerbittlichen schwarzen Augen und fühlte sich wieder jemandem ausgeliefert, der ihr ungerechtfertigte Vorwürfe machen wollte. „Ich war mir keiner Schuld bewusst“, sagte sie mit belegter Stimme.

„Wissen Sie denn nicht, dass man Pferde nicht erschrecken sollte? Dass sie ebenso temperamentvoll wie Frauen sind?“ Fragend zog er die Brauen hoch. „Nun bleiben Sie da nicht so schüchtern an der Tür stehen! Kommen Sie her und setzen Sie sich! Ich beiße nicht. Da wir die nächsten Monate zusammengepfercht sein werden, sollte ich wohl etwas mehr über Sie erfahren, meinen Sie nicht? Setzen Sie sich ruhig dort drüben neben die Lampe, dann kann ich Sie besser sehen.“

Sein prüfender Blick und der unmissverständlich dominante Ton setzten Ashley reichlich zu. Mit zitternden Knien durchquerte sie das Zimmer und setzte sich auf die Kante des Stuhls, auf den Jack Marchant zeigte. Jack selbst nahm ihr gegenüber Platz, und sie merkte, dass sein Gesicht fast vollständig im Schatten lag. Noch ein Faktor, der ihre Unsicherheit ins Unermessliche steigen ließ.

Die verwaschenen Jeans hatte er gegen eine edle, dunkle Hose getauscht, die gut zu seinem figurbetonten Seidenhemd passte. In dieser formellen Kleidung wirkte er wie ein Aristokrat, der vor dem Kamin seines Anwesens nach einem langen Arbeitstag die Beine ausstreckte.

„Sie sind viel jünger, als ich erwartet habe“, bemerkte er und kniff leicht die Augen zusammen. Warum, zur Hölle, hatte die Agentur ihm so jemanden geschickt? Ein junges Mädchen mit der rosig zarten Haut einer Frühlingsblüte …

Ashley zuckte die Achseln. „Die Agentur hat keine Altersbeschränkung erwähnt, Mr Marchant.“

„Nein, bitte nennen Sie mich nicht so“, unterbrach er sie schnell und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich mag keine Formalitäten. Nicht, seit ich die Armee verlassen habe. Sag ruhig Jack, und im Übrigen sollten wir uns duzen, das ist unkomplizierter.“

Ein kraftvoller Name, der gut zu ihm passt, fand Ashley. Im Kopf wiederholte sie diesen Namen so oft, dass sie darüber fast Jacks Anwesenheit vergaß.

„Und du bist also Ashley?“, holte er sie ungeduldig in die Realität zurück und hoffte, sie würde sich diese Tagträumerei nicht zur Gewohnheit machen!

„Das ist richtig“, antwortete sie steif. „Ashley Jones.“

„Und wie alt bist du, Ashley Jones?“

„Achtzehn.“

„Achtzehn?“, rief er fassungslos und setzte ein verächtliches Schnaufen nach. Sie war sogar noch jünger, als er auf den ersten Blick angenommen hatte. Aber vielleicht war es gerade ihre Jugend, die er instinktiv anziehend fand. Es ließ ihn über Sex nachdenken, obwohl er diesen im Augenblick weder wollte noch brauchte. Vage erotische Fantasien bahnten sich ihren Weg in seinen sonst so rationalen Verstand, und sein Körper reagierte mit einem leichten Ziehen in der Lendengegend.

„Ich hatte mir eine Assistentin mit mehr Erfahrung erhofft“, sagte er knapp.

Sie hörte den herablassenden Unterton in seiner Stimme, und ihr früh erworbener Verteidigungsmechanismus erwachte zum Leben. Es konnte doch wohl nicht sein, dass sie ihren Job verlor, noch bevor sie zu arbeiten begonnen hatte? „Sie werden schnell feststellen, dass ich für die hier anstehenden Aufgaben ausgesprochen viel Erfahrung mitbringe, Mr Marchant.“

„Jack.“

„Jack“, korrigierte sie sich hastig.

„Trotzdem habe ich eher mit einer Dame mittleren Alters gerechnet“, fuhr er fort. „Der es nichts ausmacht, sich am Ende der Welt zu verschanzen.“ Nachdenklich runzelte er die Stirn und fragte sich, ob Ashley überhaupt eine Vorstellung von dem gehabt habe, was sie hier erwartete. „In dieser Gegend gibt es keine Nachtclubs, musst du wissen. Es ist ruhig, sogar sehr ruhig. Keine blinkenden Lichter und keine Pubs, in denen sich haufenweise junge Männer amüsieren.“

„Nachtclubs und Neonbeleuchtung interessieren mich sowieso nicht.“

Es folgte eine ziemlich lange Pause, und Jacks Augen wurden schmaler. Nein, mit dieser vernünftigen Frisur und dem schlichten Outfit konnte er sich Ashley kaum auf der Tanzfläche einer großen Bar vorstellen. „Nun, ich hoffe, du wirst dich hier nicht langweilen.“

Ashley schüttelte den Kopf und gewann allmählich den Eindruck, ihr neuer Arbeitgeber würde ihr eine subtile Warnung aussprechen. „Das bezweifle ich. Und so jung ist man mit achtzehn auch nicht mehr.“

Jack stieß ein bitteres Lachen aus. „O doch, glaub mir!“, widersprach er etwas zu heftig und überlegte, ob er selbst jemals so frisch und jung ausgesehen hatte wie sie. Mit klaren, strahlenden Augen, ohne Falten … Vor langer Zeit mal, möglicherweise. Vor der Armee. Bevor …

Frustriert biss er die Zähne zusammen. Bevor die große Lotterie des Lebens ihm ein Ticket in die Hölle verpasst hatte! Er bückte sich, um ein Stück Holz auf das Kaminfeuer zu werfen, und sah schweigend dabei zu, wie die orangefarbenen Funken aufstoben. „Wenn man die Fünfunddreißig überschritten hat, kommt einem ein Mädchen in deinem Alter wie ein Kleinkind vor.“

Wie alt ist er denn eigentlich? fragte Ashley sich. Genau fünfunddreißig oder etwa schon vierzig?

In seinem Gesicht zeichneten sich zwar nur wenige kleine Falten ab, aber es trug den Ausdruck und die Schatten zahlloser mühsamer Erfahrungen. Jack hatte es ganz offensichtlich nicht immer leicht gehabt.

Plötzlich kam Ashley ein Gedanke. Sollte Jack entscheiden, dass er jemand anderen einstellen wollte, verlor sie diesen lukrativen Job. Dabei war sie dringend auf das Geld angewiesen, mehr als jemals zuvor. Und obwohl sie ihm ihre Verzweiflung nicht offen zeigen wollte, musste sie doch versuchen, sich und ihre Fähigkeiten in ein besseres Licht zu rücken.

Mit seiner nächsten Frage kam er ihr zuvor. „Seit wann arbeitest du denn für deinen Lebensunterhalt?“

„Seit ich sechzehn bin.“

Ihr Lächeln zauberte einen völlig neuen, hinreißenden Ausdruck auf ihr Gesicht. Jack war für einen Moment sprachlos. „Als was?“, erkundigte er sich dann heiser.

„Hauptsächlich als Sekretärin, obwohl ich von mir behaupten darf, sehr flexibel einsetzbar zu sein. Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe und arbeite am besten selbstständig. Meine letzte Stelle hatte ich an einem Internat, davor war ich in einem großen Hotel.“

„Also immer Jobs mit Kost und Logis?“

„Richtig. Ich möchte sparen, um mir irgendwann ein eigenes Haus finanzieren zu können.“ Doch zuerst musste sie den Schuldenberg abtragen, der wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf schwebte.

„Wolltest du denn nie studieren?“

Ashley seufzte, denn diese Frage hörte sie nicht zum ersten Mal. Natürlich hätte sie liebend gern eine Universität besucht, aber das war schlicht unmöglich gewesen. Wenn man ständig umziehen musste und einige der schlechtesten Schulen des Landes besucht hatte, waren das nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine akademische Laufbahn.

„Es hat einfach nicht sein sollen“, erklärte sie ausweichend.

So leicht wollte er sie nicht vom Haken lassen. „Keine ehrgeizigen Eltern, die einem im Nacken sitzen?“

Sie schluckte. „Ich habe keine Eltern.“

„Das habe ich mir bereits gedacht“, erwiderte er sanft.

Entgeistert starrte Ashley ihn an. Konnte er Gedanken lesen, oder stand ihr das Stigma Vollwaise etwa buchstäblich auf die Stirn geschrieben? Ihre Lippen zitterten. „Wieso?“

„Du hast so eine ungewöhnliche Aura von Verschlossenheit und Unabhängigkeit an dir.“ Seine Antwort klang rätselhaft. „Man merkt, dass du schon früh für dich allein verantwortlich warst.“

„Das ist ziemlich weitsichtig“, entgegnete sie langsam, als würde sie mehr zu sich selbst sprechen.

„Immerhin bin ich Schriftsteller“, bemerkte er ironisch. „Weitsicht gehört zu meinem Beruf. Meine Kollegen und ich mögen nicht die geselligsten Mitmenschen sein, dafür ist aber unsere Beobachtungsgabe extrem ausgeprägt. Daher ist mir auch gleich aufgefallen, dass du ein Mädchen aus der Stadt bist.“

„Warum? Weil ich achtlos über Wege laufe und Pferde erschrecke?“

„Einmal das, und dann ist da noch deine auffallend helle Haut. Es sieht aus, als würdest du dich niemals in der Sonne aufhalten.“ Ihm war jede Entschuldigung recht, ihre feinen Gesichtszüge aufmerksam betrachten zu können, ohne dass es zudringlich wirkte. Ashley war keine klassische Schönheit, aber sie hatte etwas ungeheuer Attraktives an sich. Lag es an diesen magischen Augen, die alle Schattierungen von Grün in sich vereinten? Oder war es eher ihre ruhige und aufmerksame Ausstrahlung, die ihn fesselte? „Sehr blass“, murmelte er und wusste selbst nicht, warum er das noch einmal betonen musste.

Allmählich wurde Ashley unter seinem kritischen Blick unwohl zumute. Die ganze Gesprächssituation erschien ihr zu privat: die persönliche Anrede, das offene Kaminfeuer, die körperliche Nähe, das permanente Starren … Sie räusperte sich gründlich, um sich aus dieser seltsamen, hypnotischen Stimmung zu befreien.

„Hat das Krankenhaus Ihnen … ich meine, haben sie dir grünes Licht gegeben?“, erkundigte sie sich.

Er hob eine Augenbraue. „Warum bin ich wohl jetzt hier und rede dummes Zeug, so als hätte ich meinen gesunden Menschenverstand verloren?“

„Da wir uns erst zum zweiten Mal begegnen, ist mir persönlich nichts Ungewöhnliches aufgefallen“, konterte Ashley gelassen, und Jack musste lachen.

Entspannt lehnte er sich zurück in die Kissen seines Stuhls. Hinter der ernsten blassen Miene verbarg sich also ein ausgefeilter Sinn für Sarkasmus? Und die Aufrichtigkeit, mit der Ashley auf seine Fragen einging, war schlicht entwaffnend. Derart ehrliche Menschen liefen ihm nicht allzu häufig über den Weg. Diese junge Frau war lange nicht so schüchtern, wie sie auf den ersten Blick wirkte. „Möglicherweise hat der Reitunfall ja doch Spätfolgen. Du musst mir wirklich Bescheid sagen, sobald du an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifelst“, verlangte er.

Sie verkniff sich ein Lächeln. „Ich glaube, das gehört nicht ganz in meinen Aufgabenbereich.“

„Vielleicht nicht“, räumte Jack ein und beugte sich vor, um noch ein Stück Holz nachzulegen. „Was genau hat die Agentur dir denn über die Stelle verraten?“

Während Jack auf eine Antwort wartete, faltete er die Hände und stützte das Kinn auf die ausgestreckten Daumenkuppen. Eine recht verkrampfte und nachdenkliche Pose, wie Ashley fand. Es sah fast aus, als würde er mit den Händen eine Pistole imitieren wollen, und dieser Gedanke beunruhigte Ashley etwas. In der Armee war er sicherlich oft mit Waffen und Gewalt konfrontiert gewesen.

Allerdings fand Ashley ihn nicht nur beängstigend, sondern auch beängstigend sexy. Auf düstere, umwerfende Weise war er eine fleischgewordene Frauenfantasie. Mittlerweile verstand Ashley, warum die Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur ganz rote Wangen bekommen hatte, als sie von dem eindrucksvollen Mr Marchant sprach. Offenbar gab es keine Altersbegrenzung für seinen starken Effekt auf Frauen, denn auch Ashley selbst fühlte sich durch ihren Chef ziemlich angeregt.

„Man sagte mir, du hättest Biografien über einige einflussreiche Männer verfasst. Hauptsächlich Militärgrößen.“

„Wie grauenhaft trocken das klingt!“

„Und dass ich dein aktuelles Manuskript abtippen soll.“

„Nicht vom Diktiergerät, sondern von einer handschriftlichen Vorlage. Ich hoffe, darüber hat man dich aufgeklärt. Es stört meinen Gedankenfluss, mich auf die Tatstatur eines Computers konzentrieren zu müssen, deshalb schreibe ich lieber ganz altmodisch alles von Hand. Ich nehme an, mit dieser Marotte bin ich nicht allein?“, hakte er neugierig nach. „Das machen doch viele Autoren so?“

Ashley nickte und fragte sich, wie seine Handschrift wohl aussah. Genauso wild und unleserlich wie die Gedanken, die offensichtlich hinter seinen dunklen Augen tobten? „Ich glaube schon.“

„Und du weißt, dass es sich um einen Roman handelt?“

„Ja.“

„Hast du schon einmal einen Roman getippt?“

Wieder nickte sie. „Letztes Jahr, das erste Werk von Hannah Minnock. Sie war Lehrerin an der Internatsschule, wo ich gearbeitet habe. Die Wende einläuten – eher anspruchslose Frauenliteratur“, gab sie unumwunden zu. „Ein betont lustiger und etwas flapsig geschriebener Scheidungsratgeber.“

Jack war irritiert. „Tja, du wirst schnell feststellen, dass mein Buch von ganz anderem Schlag ist“, bemerkte er trocken.

„Davon gehe ich aus. Worum geht es genau?“

Er schwieg eine Weile und sah auf seine Hände hinunter, bevor er mit einer Antwort herausrückte. „Um meine Zeit in der Armee.“

„Oh, verstehe.“

„Ach, ja?“ Spöttisch zog er die Brauen hoch. „Und was genau verstehst du von meinem Leben beim Militär?“

„Nur, was ich aus den Nachrichten und Zeitungen erfahren habe.“

„Und warst du schockiert? Lässt du dich schnell von blutrünstigen Geschichten aus der Bahn werfen?“ Seine Augen blitzten herausfordernd auf. „Kann man dir leicht Angst einjagen, Ashley?“

Ihre erste Reaktion auf diese Frage war Herzrasen. Früher wäre sie gleich zusammengebrochen und hätte zugegeben, Angst – echte Angst – sehr gut zu kennen. Dafür war die brutale Persönlichkeit einer ihrer Pflegemütter verantwortlich. Die grausame Mrs Fraser hatte Ashley den ganzen Abend über im Schrank unter der engen Treppe eingeschlossen, um sie für ein Vergehen zu bestrafen, das die Zehnjährige gar nicht begangen hatte.

Dieses Erlebnis würde Ashley ihr Leben lang nicht vergessen. Es hatte einen dunklen Fleck auf ihrer Seele hinterlassen, unauslöschbar. Der Staub und die Spinnenweben waren für das kleine Mädchen schlimm genug gewesen, aber obendrein musste es noch befürchten, dass ihm jeden Augenblick von irgendwoher eine krabbelnde Spinne auf den Kopf fallen könnte.

Die größte Angst hatte Ashley jedoch vor der Dunkelheit gehabt. Klaustrophobische Dunkelheit: ein idealer Nährboden für kindliche Horrorfantasien. In jener Nacht holten zahlreiche Geister und Dämonen die kleine Ashley ein und versetzten sie in Furcht und Schrecken.

Als man sie nach Stunden aus ihrem Gefängnis befreite, stand sie völlig neben sich. Ihre Lippen bluteten, weil sie so fest daraufgebissen hatte, und die Kleider waren vollkommen nass geschwitzt. Der Kinderarzt vermutete wenig später, dass sie eine Art Anfall gehabt haben musste.

Nie würde Ashley vergessen, wie entsetzt der Mann sie angestarrt hatte. Als könne er nicht glauben, dass solche Dinge heutzutage immer noch geschehen. Aber das taten sie, Ashley gab sich diesbezüglich keinen falschen Illusionen hin. Die Zeiten änderten sich, die Natur der Menschen leider nicht.

Das Jugendamt fand fast umgehend eine neue Pflegefamilie, obwohl Mrs Fraser der Behörde in ihrer cleveren und manipulierenden Art deutlich gemacht hatte, dass man mit Ashley nichts als Ärger hatte. Die Kleine sei eine Lügnerin und eine Betrügerin, behauptete die giftige Frau, und somit eilte Ashley ein falscher Ruf voraus. Sie musste erfahren, dass man aufgrund der Verleumdungen nun regelrecht nach Anzeichen suchte, um diese Vorurteile zu bestätigen.

Als Folge hatte Ashley hart trainiert, um ihr Temperament und ihre scharfe Zunge im Zaum zu halten. Energisch begrub sie einen ganzen Teil ihrer Persönlichkeit und wurde zu einer ruhigen, anpassungsfähigen Ashley, die niemanden provozieren wollte.

Und falls Jack Marchant die Einzelheiten erfahren wollte, wann und wieso sie mit außergewöhnlicher Angst konfrontiert worden war, konnte er lange darauf warten. Denn manche Geheimnisse gerieten besser in Vergessenheit …

„Nein, ich fürchte mich nicht so schnell“, behauptete Ashley.

„Ach nein? Und trotzdem habe ich eben gesehen, wie sich dein Blick getrübt hat“, sagte er direkt. „Und so etwas wie Angst habe ich ebenfalls erkannt.“

Er verfügt wirklich über eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, dachte sie. Und obendrein ist er viel zu intelligent, um sich mit schnöden Ausflüchten abspeisen zu lassen.

Aber Jack war ihr Vorgesetzter, mehr nicht. Das gab ihm gewisse Rechte, allerdings ausschließlich in Bezug auf ihre gemeinsame Arbeit. Er hatte kein Recht, in ihrer Vergangenheit herumzustochern und die Geister zu wecken, die sie mühsam zu verdrängen versuchte. Daher wappnete sie sich innerlich und streckte ihr Kinn vor. „Jeder Mensch hat dunkle Ecken in seiner Vita. Dinge, die man am liebsten vergessen möchte“, erklärte sie ruhig. „Meinst du nicht?“

Ihre Worte führten eine Veränderung in ihm herbei. Ashley bemerkte ein schwaches Pochen an seiner Schläfe, und nun war es sein eigenes Gesicht, über das sich ein sichtbarer Schatten legte. Ein merkwürdiger Anblick, wie ein so starker Mann in kürzester Zeit fast verzweifelt wirken konnte, ohne dabei auch nur einen einzigen Ton von sich zu geben. Doch im nächsten Augenblick hatte Jack die Fassung wiedererlangt, und Ashley überlegte verwundert, ob sie sich seine Betroffenheit eingebildet hatte.

Ein seltsames Lächeln verzerrte sein Gesicht, ohne jeglichen Anflug von Humor. „Dann sollten wir die Erinnerungen wohl lieber ruhen lassen, nicht wahr?“, schlug er vor und ließ keinen Zweifel daran, dass dieses Thema damit beendet war. Entschlossen schlug er seine Hände auf die Oberschenkel und stand auf. „Komm, lass uns etwas zu Abend essen!“

Er sah auf sie hinunter und wartete auf eine Reaktion. Doch in seiner Gegenwart fühlte Ashley sich plötzlich sehr klein und zerbrechlich. Sie bekam eine Gänsehaut, obwohl ihr innerlich eigentlich immer wärmer wurde.

Noch nie hatte ein Mann nur mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck eine solche Reaktion in ihr hervorgerufen.

3. KAPITEL

Ashley verlebte eine rastlose erste Nacht auf Blackwood Manor. Zweige, die gegen die Fenster schlugen, machten das Schlafen unmöglich, genauso wie die Erinnerungen, die Ashley einholten, sobald sie die Augen schloss. Bilder von schwarzen Haaren im hellen Feuerschein, von einem großen, muskulösen Körper, der ihr nahe war. Und vor allem von kühlen, intelligenten Augen, die sie unablässig musterten.

Zwar hatte sie noch mit Jack zusammen gegessen, doch kurz danach war er mit einer knappen Entschuldigung auf den Lippen in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Und Ashley hatte sich im einsamen Erdgeschoss verloren und deplatziert gefühlt. Sie floh in ihr Zimmer, nahm ein Bad und wusch ausgiebig ihre Haare. Dann lag sie hellwach in ihrem Bett und überlegte angestrengt, ob sie hier – zumindest vorübergehend – glücklich werden konnte.

Es gelang ihr nicht, das Bild aus ihrem Kopf zu verbannen, wie Jack nach seinem Reitunfall vor ihr am Boden gelegen hatte. Seine schwarzen, verwuschelten Haare und die alten Jeans … ein krasser Gegensatz zu seinem seidenen Hemd und der klassischen Hose, in denen er neben seinem Kamin gesessen hatte. Ihr gefielen beide Varianten. Ihr gefiel der ganze Mann!

Und in diesem Augenblick lag er ein Stockwerk unter ihr in seinem Bett, vielleicht sogar nackt. Wälzte er sich genauso unruhig wie sie unter den teuren Decken herum? Ihre Gedanken verliefen plötzlich in eine eindeutig erotische Richtung, und Ashley vergrub ihr brandrotes Gesicht im kühlen Kopfkissen.

Irgendwann übermannte sie der Schlaf, doch wenig später erwachte sie mit einem Riesenschreck, weil jemand unten lautstark eine Tür zuknallte. Dann begann ein regelmäßiges dumpfes Poltern, als wenn jemand unruhig auf und ab tigerte.

Ruckartig setzte sie sich auf und blinzelte in die Dunkelheit ihres Zimmers. Litt Jack Marchant an Schlaflosigkeit? Was ging ihm durch den Kopf, dass er nachts kein Auge zutat?

Ashley gab den Versuch zu schlafen endgültig auf und blieb wach liegen, bis das uralte Heizungssystem lautstark seinen täglichen Betrieb aufnahm und das erste graue Tageslicht durch die halb geöffneten Vorhänge kroch.

Es war noch recht kühl, und Ashley beeilte sich mit dem Anziehen. Sie entschied sich für einfache Jeans und eine zusätzliche Strickjacke, die sie später wieder ausziehen konnte, wenn es in diesem alten Landhaus endlich wieder etwas wärmer geworden war.

Dann schritt sie gemächlich die Treppe hinunter und lauschte nach Geräuschen, die ihr verrieten, ob Jack schon wach und bereit für die Arbeit war. Doch um sie herum blieb alles totenstill. Also zog Ashley sich unten ihre groben Schuhe an und ging durch die hintere Küchentür nach draußen. Sie wurde von frischer Morgenluft und einer märchenhaften Landschaft empfangen.

In der Nacht waren die Temperaturen unter null gefallen, und was gestern noch etwas fremd und eintönig gewirkt hatte, glitzerte heute übersät von unzähligen Eiskristallen in der frühen Sonne. Der Garten wirkte fast wie ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das einen interessanten Abschnitt englischer Naturgeschichte eingefangen hatte.

Einige Minuten lang blieb Ashley reglos stehen und nahm diese ihr fremde, aber dennoch wunderschöne Szenerie in sich auf. So hätte man sich das Motiv einer Weihnachtskarte vorstellen können. Frost hatte so etwas Puristisches an sich. Er war weiß wie Schnee, aber gleichzeitig auf eine subtile Weise stärker und härter. Nicht so vordergründig und üppig.

Sie streckte eine Hand nach oben aus und ließ die Finger über einen eiskalten Ast gleiten, sodass winzige Eiskristalle auf ihren Kopf rieselten. Vergnügt spazierte Ashley den Pfad entlang und sog die frische Luft tief in ihre Lunge. Erstaunlich, wie ruhig und friedlich es hier im Vergleich zur Stadt war!

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung am Haus wahr. Ashley drehte den Kopf zur Seite und entdeckte die unverkennbare Silhouette von Jack Marchant hinter einem der kunstvollen, gotischen Fenster. Er wirkte auf sie fast wie ein Teil dieses stummen Hauses, und selbst auf diese Entfernung spürte Ashley seinen stählernen Blick auf sich ruhen.

Ihr Herz setzte automatisch einen Schlag aus. Suchte Jack etwa schon nach ihr, damit sie ihre gemeinsame Arbeit in Angriff nehmen konnten? Und anstatt bereitzustehen, schlenderte sie verträumt durch den Garten und zupfte an Zweigen herum. Wie peinlich!

Eilig kehrte Ashley zum Haus zurück, und als sie die Küche wieder durch die Hintertür betrat, schlug ihr der köstliche Duft von aufgebrühtem Kaffee und getoastetem Weißbrot entgegen.

Jack stand am Fenster, und in seinen kräftigen Händen hielt er eine dampfende Tasse. Er war barfuß und trug wieder abgewetzte Jeans, die seine muskelbepackten Beine zur Geltung brachten. Das feuchte schwarze Haar kringelte sich leicht über dem Kragen eines grauen Baumwollhemds.

Im Raum herrschte sofort eine vertrauliche, beinahe intime Atmosphäre, die Ashley ziemlich verunsicherte. Vergeblich bemühte sie sich, ihre Aufregung schnell wieder in den Griff zu bekommen. Die gemütliche Wärme in der Küche verhalf glücklicherweise zu ein wenig Entspannung, aber sie sorgte auch dafür, dass Jack mit seinen nackten Füßen und hochgekrempelten Hemdsärmeln viel Haut zeigte.

„Guten Morgen“, sagte sie etwas atemlos.

„Ashley.“ Bildete er sich das ein, oder zitterten ihre Lippen leicht? Die Röte auf ihren Wangen war auf den Spaziergang im Garten zurückzuführen, oder doch nicht? War seine junge Privatsekretärin nervös? „Stehst du immer so früh auf, um vor dem Frühstück nach draußen zu gehen?“, erkundigte er sich und konnte den Blick nicht von ihrem einladenden Mund losreißen.

Abwehrend schüttelte Ashley den Kopf. „Normalerweise nicht. Meine letzte Wohnung befand sich in einer recht üblen Lage. Kein Ort, um allein vor die Tür zu gehen, unabhängig von der Tageszeit. Aber nachdem ich heute so früh aufgewacht bin …“ Sie ließ den Satz unvollendet und betrachtete die dunklen Schatten unter Jacks müden Augen.

„Setz dich doch“, bot er an.

„Danke.“ Da ihre Beine ohnehin recht wacklig waren, suchte Ashley sich hastig einen Stuhl an dem großen Eichentisch.

„Hast du gut geschlafen?“, erkundigte er sich beiläufig.

Sie zögerte. Vielleicht sollte sie ihm eine höfliche Lüge auftischen. Andererseits, was wäre dadurch gewonnen? Jack war sich bestimmt darüber bewusst, dass sie ihn in der Nacht gehört haben musste. „Nein, nicht so besonders gut.“

„Oh? Hat dich etwas wach gehalten?“

Ehrlichkeit war ihr wichtig, wichtiger als so manches andere. „Ich habe permanent Schritte gehört, so als wenn jemand durch die unteren Räume läuft.“

Für einen Sekundenbruchteil verdunkelte sich seine Miene. Hätte sie doch um des lieben Friedens willen flunkern sollen? Aber dann hellte sich Jacks Gesicht auf.

„Und jetzt befürchtest du, es könnte in diesem Gemäuer spuken?“, fragte er neugierig. „Der ruhelose Geist eines meiner Vorfahren möglicherweise?“ Jack schenkte ihr eine Tasse heißen Kaffee mit Milch ein und schob ihn über den Tisch. „Glaubst du an Geister, Ashley?“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein, tue ich nicht.“

„Dann denkst du, ich war es?“

„Ich weiß genau, dass du es warst“, entgegnete sie wie aus der Pistole geschossen. „Wer sollte es sonst gewesen sein? Schließlich sind wir zwei allein im Haus.“

Jack blieb stumm und fragte sich, was Ashley wohl getan hatte, während er umhergewandert war. Mit offenen Augen dagelegen und gehofft, er würde schlafwandeln und unbewusst den Weg zu ihrem Zimmer finden?

Augenblicklich stellte er sich ihre zierliche Gestalt unter der warmen Bettdecke vor, ihre nackten Brüste mit rosigen Spitzen, ihr ungeschminktes Gesicht und die verwuschelten Haare. Er würde sie in den Arm nehmen und mit einer Hand zwischen ihre Schenkel gleiten …

War er denn völlig verrückt geworden? Resigniert ließ er sich auf einen der Holzstühle fallen und schüttelte diesen unsittlichen Gedanken ab, damit sein Körper sich wieder abkühlen konnte. Dann nahm er einen großen Schluck viel zu heißen Kaffee und zuckte vor Schmerz zusammen. „Und hattest du Angst?“

Ashley nahm ihre eigene Tasse zur Hand und hob leicht die Achseln. „Ich bemühe mich stets, diesem Gefühl keinen Raum zu lassen.“

Ihre souveräne Antwort beeindruckte ihn zutiefst. Da saß sie nun am frühen Morgen in seiner Küche, und auf ihrem Kopf tauten gerade die letzten frostigen Kristalle von draußen. Unvermittelt stellte er sich vor, wie schwierig es für sie sein musste, so abrupt in sein Leben katapultiert zu werden. Sie tauchte an einem einsamen Ort wie diesem auf, ohne zu wissen, wer oder was auf sie zukam. Und sie sollte sich bereitwillig anpassen und seine Erwartungen erfüllen. „Wie kommt ein Mädchen wie du zu einem solchen Job?“, wollte er wissen.

Mit dieser Frage hatte Ashley nicht gerechnet, und sie wusste auch keine spontane Antwort darauf. Dabei wäre es ganz einfach gewesen: Sie mochte die Abwechslung und wollte so viele unterschiedliche berufliche Erfahrungen wie möglich sammeln. Und deshalb saß sie jetzt mitten im Januar in einer der weitläufigsten Moorlandschaften von Nordengland fest.

„Ich brauche das Geld“, erwiderte Ashley schließlich.

Seine linke Augenbraue zuckte, und er musste sich ein Lächeln verkneifen. Normalerweise versteckten die Menschen, die ihm begegneten, diese Art der Wahrheit hinter kleinen Lügen oder Übertreibungen. „Wofür?“

Sie entschied sich für gnadenlose Aufrichtigkeit, was angesichts seines durchdringenden dunklen Blicks nicht sonderlich schwerfiel. „Ich habe Schulden.“

„Oje.“ Es folgte eine kurze Pause. „Wie viel?“

Für ihn würde sich die Summe vermutlich verschwindend gering anhören. „Genug.“

„Verstehe.“ Nachdenklich nippte er an seiner Tasse. „Wie bist du in diese Situation geraten? Durch verschwenderische Extravaganz oder unvorhersehbare Notwendigkeit?“

Seine ungewöhnlich formelle Ausdrucksweise ließ Ashley ihre eigenen Worte besonders sorgfältig wählen. Außerdem, was wusste ein Mann wie Jack Marchant schon über das wahre Leben und die finanziellen Engpässe, die es mit sich brachte? Eine unerwartete Rechnung konnte den Kontostand für Monate aus dem Gleichgewicht bringen, auch wenn man mit Geiz und Entbehrung dagegen anarbeitete. Es war verflixt schwer, einen Schuldenberg abzutragen, obwohl ihrer nicht allzu groß war. Aber in Ashleys Alter hatten die meisten Menschen noch Eltern, an die sie sich in der Not wenden konnten. Jeder kannte zumindest eine Person, die eventuell mit einem Privatkredit aushelfen konnte. Nur Ashley hatte niemanden.

„Notwendigkeit“, erklärte sie knapp. „Zu viele Rechnungen in kürzester Zeit, einige davon höchst unerwartet.“

„Ach so.“

„Ich meine, es geht nicht um Schuhe oder Markenklamotten“, fügte sie schnell hinzu. „Ich war auch nicht scharf auf eine exotische Fernreise oder so.“

„Das habe ich auch nicht gedacht“, versicherte ihr Jack und konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass sie sich wegen ein paar sündhaft teurer Kleider bis über beide Ohren verschuldete. Dafür erschien ihm Ashley zu vernünftig, und abgesehen davon trug sie eine extrem unauffällige Garderobe, soweit er das beurteilen konnte. Schade eigentlich, bei einer so guten Figur. Und natürlich hatte er keine Ahnung davon, wie es war, jeden Penny umdrehen zu müssen. Er verspürte Mitleid mit seiner tapferen Sekretärin. „Nun, was du hier verdienst, wirst du fast vollständig sparen können. Mitten im Moor kann man schließlich nicht viel shoppen gehen.“

„Vermutlich nicht“, sagte sie leise. Es war angenehm, von Jack wegen der Schulden nicht verurteilt zu werden. Er war freundlich, hilfsbereit und obendrein ein sehr guter Zuhörer. Eigenschaften, die ihn als Mann noch umwerfender machten.

„Jedenfalls“, begann Jack hastig, als er merkte, wie Ashley errötete, „hilft es vielleicht ein bisschen.“ Er atmete hörbar aus. Es war lange her, seit eine Frau in seiner Gegenwart rot geworden war. Und meistens hatte es nur einen einzigen Grund dafür gegeben. Wieder überfiel ihn dieses ungewollte Gefühl von Lust und Leidenschaft. Dabei wollte er unbedingt verhindern, dass sich dieses junge Mädel in kindischen Schwärmereien verlor. Für so etwas hatte er weder Zeit noch Geduld. Keine bebenden Lippen und keine rosa Wangen mehr, nur weil er ein paar persönliche Worte an sie richtete. „Bediene dich ruhig!“, sagte er etwas zu schroff und wies mit einer Hand auf das Frühstück, das er vorbereitet hatte. „Und wenn du gegessen hast, fangen wir mit der Arbeit an. Okay?“

„Okay“, stimmte Ashley zu und sah ihm nach, als er den Raum verließ.

Sie knabberte an einem Toast mit Marmelade herum, räumte anschließend die Spülmaschine ein und eilte nach oben, um sich vor Arbeitsbeginn noch einmal frisch zu machen. Normalerweise war sie nicht eitel, aber an diesem Morgen hielt sie irgendetwas länger als üblich vor ihrem eigenen Spiegelbild. Dabei versuchte sie in erster Linie, sich selbst so zu sehen, wie Jack Marchant sie sah.

Ihr ovales Gesicht kam besser zur Geltung, wenn sie sich die Haare hinter die Ohren steckte. Ihr Aussehen war über die Jahre von vielen Menschen kritisiert worden, vor allem von den Pflegemüttern, die sich lieber ein puppenhaftes Kind ins Haus holen wollten. Kleine Mädchen mussten süß und schnuckelig aussehen, was bei Ashley leider nie der Fall gewesen war. Ihre Haut war zu blass und der Mund eine Nuance zu breit für ihr schmales Gesicht. Zugegeben, sie war mit dichtem Haar gesegnet, allerdings trug sie es fast immer nur streng zurückgeflochten. Einzig ihre Augen waren vorzeigbar: riesengroß, von einer ungewöhnlichen grünen Farbe, und an diesem Morgen strahlten sie besonders auffällig.

Vielleicht weil sie gerade mit dem wundervollsten Mann, der ihr je begegnet war, Kaffee getrunken hatte? Weil er sich ganz reizend mit ihr unterhalten und ihr dabei das Gefühl gegeben hatte, eine wertvolle und anregende Frau zu sein? Oder bildete sie sich zu viel auf ihr Gespräch am Frühstückstisch ein?

Wie dem auch sei, dachte Ashley und wusch sich ein letztes Mal die Hände, bevor sie sich in die Höhle des Löwen wagen wollte. Wahrscheinlich ist er einfach ein netter Mann, der aber inzwischen keinen weiteren Gedanken mehr an mich verschwendet.

Warum sollte ihn wohl interessieren, wie sie aussah? Ein Traumtyp wie er konnte sich schließlich jede Frau aussuchen, die er haben wollte.

Am besten konzentrierte sie sich auf ihre anstehende Aufgabe und setzte all ihre Energie dafür ein, anstatt sich romantischen Träumereien hinzugeben oder sich in emotionalen Verwirrungen zu verlieren.

Das Arbeitszimmer war leer, und so blieb Ashley noch Zeit, sich mit ihrer neuen beruflichen Umgebung vertraut zu machen. Der Raum war ganz anders eingerichtet als die Büros, die sie bisher gesehen hatte. Alles war klinisch sauber und aufgeräumt. Es gab nicht einmal Fotos oder Bilder an den Wänden und keine Dekorationsgegenstände, die üblicherweise irgendwann ihren Weg in die Umgebung kreativer Menschen fanden. Keine Orden oder andere militärische Auszeichnungen, wie Ashley eigentlich erwartet hatte, und auch keine Sporttrophäen.

Nur ein ordentlich eingeräumtes Bücherregal stand an der Wand, ansonsten gab es keinerlei Zeugnis von Jack Marchants Vergangenheit – oder Gegenwart. Dabei hieß es, dass die Einrichtung eines Menschen Aufschluss über seine Persönlichkeit und seinen Charakter geben konnte. Wenn das der Fall sein sollte, war Jack wohl genauso undurchsichtig und rätselhaft wie sein Arbeitsumfeld.

Dann fiel Ashley in der Zimmerecke ein entzückendes kleines Holzschränkchen auf. In das glänzende Wallnussholz der Oberfläche war schimmerndes Perlmutt eingearbeitet. Dieses Schmuckstück war viel zu schade, um in einem Versteck einzustauben.

Vorsichtig strich Ashley mit den Fingerspitzen über das glatte Holz, und ihre Hand steuerte wie von allein auf die kleine eingearbeitete Schublade zu, die sich leicht und lautlos öffnen ließ. Verwundert sah Ashley auf einen azurblauen Seidenschal hinunter, der von funkelnden goldenen Fäden durchwebt war. Mit diesem Fund hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

Wem gehört dieser Schal? fragte sie sich, als sie hinter sich die nahenden Schritte ihres Arbeitgebers hörte. Hastig schob sie die Schublade wieder zu und trat von dem Schränkchen zurück.

In diesem Moment erschien Jack mit einem ganzen Stapel Papieren auf seinem Arm im Zimmer. Seine Augen verengten sich, als er Ashley entdeckte. „Was machst du da?“

Sie war eine ehrliche Person, aber sie verfügte auch über einen gut ausgeprägten Instinkt. Und sie würde ihren kostbaren Arbeitsvertrag nicht riskieren, indem sie etwas zugab, das er möglicherweise als Herumschnüffeln auffassen könnte. „Nichts“, antwortete sie, ohne zu zögern, und verdrängte ihre eigene Neugier. „Ich sehe mich nur ein wenig um, aber ich bin startklar, wenn du es bist.“

Die Freundlichkeit und die Wärme schienen aus seiner Haltung verschwunden zu sein. Sein Gesicht wirkte abweisend, wenn nicht sogar unterschwellig feindselig. „Ich gehe davon aus, du hast eine Schweigepflichterklärung unterschrieben?“, fragte er.

Ashley sah ihn direkt an und zwang sich zu einem Lächeln. Das war eine ganz normale Frage für einen potentiellen Auftraggeber, und trotzdem fühlte sie sich persönlich angegriffen. „Ja, habe ich.“

Sein professionelles Misstrauen verletzte Ashley mehr, als sie sich eingestehen mochte. Was stellte dieser Kerl bloß mit ihr an?

4. KAPITEL

Während der gemeinsamen Arbeit fiel kein weiteres Wort mehr über das Thema Schweigepflicht. Und Ashley erwähnte auch den wunderschönen Schal nicht, den sie in der Schublade des hübschen Holzschränkchens gefunden hatte. Sie wagte es nicht. Schließlich ging es sie nichts an, und zudem ließ Jacks Verhalten überhaupt keine privaten Fragen zu. Er benahm sich höchst professionell.

Wenn es ihr doch nur ebenso leichtfallen würde, die verwirrenden Gefühle für ihren Chef zu verdrängen. In kürzester Zeit hatte er es geschafft, den Großteil ihrer Gedanken für sich zu beanspruchen. Dabei war ihr nicht ganz klar, was genau sie so sehr an diesem Mann faszinierte.

Wann immer er den Raum betrat, ob nun in seinen edlen oder in den eher lässigen Kleidern, Ashley war sofort abgelenkt und konnte ihren Blick kaum von ihm abwenden. Und wenn er mit irgendwelchen Unterlagen beschäftigt war, betrachtete sie verträumt sein kantiges Profil. Meistens sah er irgendwann hoch und erwischte sie beim Starren. Natürlich senkte sie dann sofort den Kopf, damit er nicht sah, was in ihr vorging. Seine unmittelbare Nähe war am schlimmsten für Ashley. Sie bekam einen trockenen Mund und konnte sich kaum noch konzentrieren.

Warum fühlte sie sich bloß zu jemandem hingezogen, der in ihr nicht mehr als eine Arbeitskraft sah? Für ihn hatte sie den Stellenwert von Christine, seiner Haushälterin, oder von den Putzfrauen, die mehrmals in der Woche erschienen, um den Landsitz auf Vordermann zu bringen.

Was er wohl denken würde, wenn er wüsste, dass Ashley manchmal nachts wach lag, weil sie Zeugin seiner eigenen Schlaflosigkeit wurde. In diesen Stunden fragte sie sich ernsthaft, wie es sich anfühlen würde, mit Jack Marchant Sex zu haben.

Eines Morgens blieb er direkt vor ihrem Schreibtisch stehen, und als sie zu ihm hochsah, schlug ihr Herz automatisch schneller.

Nicht gleich reagieren! ermahnte sie sich selbst und richtete ihre Ansprache ganz konkret an ihre Sinne. Lass ihn nicht merken, dass du mehr in ihm siehst als nur einen vorübergehenden Arbeitgeber!

„Guten Morgen, Jack.“

„Guten Morgen, Ashley.“

Sein Mund verzog sich zu einem aufmunternden Lächeln, und Ashley legte erwartungsvoll den Kopf schief. Dabei wünschte sie sich inständig, er würde einige Schritte zurücktreten, damit sie seinen markanten, männlichen Duft nicht einatmen musste. „Kann ich irgendetwas für dich tun?“

Innerlich verfluchte Jack ihre unschuldige Frage, denn sie beschwor in seiner Fantasie unanständige Bilder herauf. Konnte sie etwas für ihn tun? Selbstverständlich. Nur wäre sie vermutlich höchst schockiert, wenn er ihr mitteilte, was er am meisten begehrte …

Jack stellte sich intime Begegnungen mit seiner jungen Sekretärin vor, die ganz und gar nicht jugendfrei waren. Unter keinen Umständen durfte er zulassen, dass diese erotischen Träume jemals wahr wurden. Aber mit ihrem ungewöhnlich reifen und zugewandten Verhalten machte sie es ihm allmählich immer schwerer.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Ashley verhielt sich überhaupt nicht provokativ, und das machte es ihm schwer, richtig mit ihr umzugehen. Würde sie sich jeden Tag stark schminken, auffälliger kleiden und ihm bei jeder Gelegenheit aufreizend zuzwinkern, könnte er sie wenigstens in ihre Schranken weisen. Mit solchen Frauen wusste er umzugehen. Aber gegen ihre süße, einnehmende Art war er absolut machtlos.

Trotzdem, Jack war kein unerfahrener Idiot. Es fiel ihm nicht schwer, ihre subtilen Signale zu entschlüsseln. In den Tiefen ihrer grünen Augen erkannte er eindeutig Verlangen, aber gleichzeitig bemühte Ashley sich nach Kräften, ihre Gefühle vor ihm zu verbergen. Nur leider sorgte diese Zurückhaltung dafür, dass Jack sich stärker zu ihr hingezogen fühlte. Für ihn wirkte der Abstand, den sie ständig zwischen ihnen einzurichten versuchte, wie eine Herausforderung. Eine riesige, stumme Herausforderung. Und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er damit umgehen sollte.

„Ich habe mich nur gefragt“, begann er heiser, „wie du so zurechtkommst.“

„Wie ich zurechtkomme?“ Sie hörte auf zu tippen und wappnete sich innerlich gegen seinen eindringlichen Blick. „Meinst du, mit dem Buch?“

„Nein, darauf wollte ich eigentlich nicht hinaus. Ich sehe selbst, was für Fortschritte du machst.“ Mit einer unschlüssigen Handbewegung wies er auf die Unterlagen, die den Großteil ihres Schreibtischs einnahmen. „Ich meinte, wie kommst du mit dem Leben hier draußen zurecht? Und mit deinem Gehalt. Diese Sachen.“

Obwohl ihr Mund wieder staubtrocken wurde, brachte Ashley ein schmales Lächeln zustande. Jack klang so nüchtern und trocken, als würde er mit einem Militärkameraden sprechen. Aber viel mehr war sie schließlich auch nicht für ihn … „Alles ist gut. Ehrlich. Mehr als gut.“

„Dann langweilst du dich nicht?“

„Ich versuche, mich niemals zu langweilen, Jack.“

„Freut mich zu hören. Ich fand schon immer, Langeweile ist nur die Folge mangelnder Fantasie.“ Er starrte in ihre wunderbar grünen Augen. „Keinerlei Beschwerden darüber, wie du hier behandelt wirst?“

Beschwerden? dachte sie. Höchstens extremer Frust! Aber sie konnte sich wohl kaum über die Tatsache beklagen, dass sie ihren Boss zu sexy fand!

Wie üblich bei ihrer Arbeit entwickelte Ashley schnell eine recht produktive Routine. Sie gewöhnte sich an den Luxus, dass ihre Mahlzeiten für sie zubereitet wurden und dass dieses große Haus von Reinigungskräften gepflegt wurde, die sich ebenfalls um Ashleys Wäsche kümmerten und ihr regelmäßig frische Blumen ins Zimmer stellten.

Aber die Arbeit für Jack war ganz anders als ihre bisherigen Anstellungen. Noch nie hatte sie sich zu einem Vorgesetzten hingezogen gefühlt. Um ehrlich zu sein, hatte sie für keinen Mann bisher so starke Gefühle gehegt wie für Jack. Es war unprofessionell, und das missfiel ihr zutiefst.

Allerdings könnte Jack Marchant sogar eine Heilige in Versuchung führen. Es war nicht nur seine von stahlharten Muskeln bepackte männliche Statur, die er offensichtlich während seiner Armeezeit erworben und nie wieder verloren hatte. Und auch nicht sein etwas raubeiniges, von wildem Charme gezeichnetes Gesicht, das auf so ungewöhnliche Weise Gefühle ausdrücken konnte. Nein, es war der ganze Mann von Kopf bis Fuß, jeder einzelne Teil von ihm. Sein intelligenter Sinn für Humor, seine Allgemeinbildung und seine verständnisvolle Art, die er von Zeit zu Zeit an den Tag legte.

Trotzdem merkte Ashley deutlich, dass Jack einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit im Verborgenen hielt, und auch das machte ihn unwahrscheinlich anziehend. Diese innere Unruhe, die unablässig in ihm loderte. Aus tiefstem Herzen wollte Ashley die Hände nach ihm ausstrecken und herausfinden, was ihn derart umtrieb. Irgendetwas musste ihn fürchterlich plagen, und deshalb konnte er auch nachts keine Ruhe finden.

Zwischen ihnen blieb unausgesprochen, dass Jack für die rastlose nächtliche Situation auf Blackwood Manor verantwortlich war. Sie redeten gar nicht mehr über dieses Thema, was Ashley ganz recht war. Schließlich sollte Jack nicht merken, dass sie sich Nacht für Nacht ausmalte, wie es wohl wäre, wenn er sie in ihrem Schlafzimmer besuchen würde.

Ironischerweise schlug Jack sich mit ganz ähnlichen Gedanken herum, hätte diese aber nie und nimmer laut geäußert …

Manchmal nahmen sie ihre Mahlzeiten zusammen ein, manchmal aß Ashley allein. Christine war eine ausgezeichnete Köchin und deckte täglich den Esstisch in dem hübschen Raum, der hier als Gartensalon bezeichnet wurde. Jack hatte Ashley geraten, die wenigen hellen Stunden des Tages auszunutzen, deshalb hatte sie grundsätzlich den halben Nachmittag frei, und sie arbeiteten erst ab vier Uhr weiter, wenn die Dämmerung einsetzte.

Nach dem Mittagessen verschwand er zu den Ställen, um auszureiten, während Ashley warm angezogen zu Fuß die Umgebung erkundete. Die Wildheit des Moores und die unbeschreibliche, raue Schönheit der Natur wuchsen ihr regelrecht ans Herz. Eine so herrliche Landschaft hatte Ashley bisher nirgendwo gesehen. Aber vielleicht hatte sie diese Erkenntnis ebenfalls Jack zu verdanken, weil er ihren Sinnen ganz neues Leben einhauchte?

Eines Tages kam er verspätet zum Essen und verbrachte fast die ganze Mittagspause in brütendem Schweigen. Verwundert beobachtete Ashley, wie er sich stirnrunzelnd Wein aus einer Karaffe einschenkte, dabei trank er für gewöhnlich keinen Alkohol vor dem Feierabend.

„Stimmt irgendetwas nicht?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

Über sein Glas hinweg starrte er sie an. „Ich werde heute nicht ausreiten können. Nero ist krank“, sagte er tonlos.

„Oje! Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes?“

„Nein, nicht so wild“, brummte er und schüttelte den Kopf. „Der Tierarzt war da und hat ihm eine Spritze gegeben. Jetzt soll das Stallmädchen ihn warm und trocken halten, und für ein paar Tage kann er nicht geritten werden.“

„Ach, dann ist es ja gut.“ Aufmunternd lächelte sie Jack an. „Bestimmt geht es ihm bald besser, und dann könnt ihr wieder zusammen über die Felder jagen.“

„Ja.“ Mit einem Klirren stellte er sein Weinglas ab und spürte, wie der Frust in ihm hochstieg. Er brauchte seine täglichen Ausritte, um Stress abzubauen: das Gefühl donnernder Hufen auf dem weichen Boden, den kalten Wind in seinen Haaren, die endlose Weite um sich herum. Und in letzter Zeit war seine Flucht ins Moorland noch aus einem anderen Grund lebenswichtig für ihn. Die Ausritte halfen ihm dabei, sein Verlangen nach Ashley unter Kontrolle zu halten. Er konnte sich verausgaben und seiner anziehenden Assistentin wenigstens für eine Weile aus dem Weg gehen. Denn was er inzwischen für sie empfand, war ausgesprochen unpassend und unprofessionell.

Jack spürte einen immensen Druck, der auf ihm lastete und den er so bald nicht würde abschütteln können. Missmutig stand er auf und sah Ashley düster an. Wie war es möglich, dass diese eher unscheinbare junge Frau ihm derart den Kopf verdrehen konnte? Sie brachte sein Blut in Wallung und regte seine Fantasie an, wann immer sie ihm über den Weg lief. Unterschätzte er ihre Unschuld? Wusste sie vielleicht ganz genau, wie sehr sie ihn um den Verstand brachte?

Ashley begegnete seinem dunklen, glitzernden Blick und fragte sich, warum er plötzlich wirkte, als wäre er wütend auf sie. „Na ja“, fuhr sie in übertrieben leichtem Ton fort. „Meinetwegen können wir uns gern an die Arbeit setzen, wenn du sowieso nicht ausreitest. Die Geschichte ist gerade an einem interessanten Punkt angekommen, aber du hast in diesem Abschnitt ungewöhnlich viele Streichungen und Änderungen vorgenommen. Ist bestimmt besser, wenn wir die mal zusammen durchgehen, bevor ich weitertippe.“

„Nein“, widersprach er heftig. „Ich habe die Nase voll von diesem verdammten Buch! Und du hast den ganzen Vormittag schon hart gearbeitet, du verdienst eine Pause. Wir könnten beide ein bisschen frische Luft gebrauchen. Lass uns gemeinsam spazieren gehen“, schlug Jack vor.

„Ein gemeinsamer Spaziergang?“

„Kein Grund, so schockiert zu klingen, Ashley“, sagte er fast beleidigt. „Du bist doch jeden Tag nach dem Mittagessen unterwegs, oder nicht?“

„Tja, schon.“ Sie wirkte unschlüssig und wusste nicht recht, ob sie die Gelegenheit, mit einem Traummann durch den herrlichen Garten zu streifen, beim Schopfe packen oder lieber aus dieser Situation fliehen wollte. „Aber ich laufe nicht besonders schnell, sondern schlendere nur so vor mich hin“, erklärte sie leise.

„Darauf stelle ich mich schon ein. Ist ja schließlich kein Wettrennen. So, und jetzt hol deinen Mantel.“ Sein Tonfall erlaubte keinen Widerspruch.

Gehorsam verschwand Ashley in der Eingangshalle und zog sich ihre Stiefel an. Warum wollte Jack mit ihr wandern gehen? Ihre Hände zitterten, als sie sich einen Schal umlegte und eine Mütze aufsetzte. Jack wartete bereits draußen auf sie. Und warum hatte er derart schlechte Laune? Es konnte doch nicht nur die Sorge um sein Pferd sein?

Jack stand bereits unter einer großen Eiche auf dem Rasen vor seinem Haus. Ein beeindruckendes Bild, so als hätte die Natur sich entschieden, zwei ihrer höchst gelungenen Exemplare zusammen zu präsentieren, um ihrer Kraft und Stärke besonderen Ausdruck zu verleihen.

Ashleys Herz schlug schneller, und in ihrer Magengegend verspürte sie ein aufgeregtes Flattern. Außerdem beschlich sie das ungute Gefühl, einer ernsthaften Gefahr ausgesetzt zu sein.

„Wo möchtest du langgehen?“, fragte er, als sie auf ihn zukam.

„Das ist mir egal“, rief sie und schob die Hände tief in ihre Manteltaschen. „Kennst du einen schönen Weg?“

„Sicher. Aber ich wollte gern wissen, welcher dir am besten gefällt.“

Nachdenklich blickte sie zu den grauen Wolken hinauf, die über den Himmel zogen. Im Stillen beneidete sie diese Wolken um ihre unendliche Freiheit. Sie konnten die Welt mit all ihren Sorgen und ihrem Kummer hinter sich lassen. „Ich würde gern den Hügel hinter dem Haus hinaufgehen. Ganz bis oben hin, von dort aus hat man den besten Blick auf das Moor.“

„Ich weiß genau, was du meinst“, entgegnete er leise.

Sie machten sich auf den Weg, und Ashley war froh, dass sie in den vergangenen Tagen an Kondition dazugewonnen hatte. Trotzdem war sie außer Atem, nachdem sie die Kuppe des recht steilen Hügels erreicht hatten. Jack schien der Anstieg keinerlei Mühe bereitet zu haben, aber schließlich waren seine Beine kräftiger und länger als ihre.

Neben ihm zu gehen vermittelte Ashley den Eindruck, als seien sie ein Paar. Mann und Frau, die zusammen die Umgebung erkundeten, und es fühlte sich wunderbar an. Als wäre Ashley geboren worden, um neben Jack durchs Leben zu schreiten. Sie genoss die Stille um sie herum und sogar das Schweigen zwischen ihnen. Und von Zeit zu Zeit warf sie ihm einen bewundernden Seitenblick zu, um sein charakterstarkes Profil in sich aufzunehmen. Zu attraktiv, zu sexy, um wirklich echt zu sein!

Allerdings verbrachten sie diese kostbare Freizeit nur deshalb miteinander, weil Jacks Pferd erkrankt war. Es machte keinen Sinn, mehr in diesen Umstand hineinzuinterpretieren.

Am höchsten Punkt des kleines Berges blieben sie stehen, und Ashley fühlte sich neben dem muskulösen Jack und in dieser unendlichen Weite erschreckend winzig. Und zerbrechlich. Oder schrumpfte sie etwa tatsächlich in sich zusammen, wenn er in ihrer Nähe war?

Ziemlich verwirrend, dachte Ashley. Ich mache mich doch völlig lächerlich, wenn ich zulasse, dass meine Bewunderung für Jack weiter wächst.

Sie, eine mittellose Waise ohne soliden Hintergrund, verzehrte sich nach einem Mann, der sich weit jenseits ihrer Liga befand? Das konnte nicht gut gehen.

Mit Mühe konzentrierte sich Ashley auf ihre Umgebung anstatt auf den schweigsamen Mann an ihrer Seite. Von hier aus konnte man zurück auf Blackwood Manor oder auch auf das raue Moor in der Ferne blicken. Immer wieder ein zutiefst beeindruckender Anblick, wie Ashley fand: schroff und kompromisslos. Hatte diese zerklüftete Landschaft auf subtile Weise Jacks Charakter beeinflusst? Oder war er hier, weil er nirgendwo anders hingehörte?

Dafür weiß ich zu wenig über ihn, dachte Ashley und fand diesen Umstand fast bedauernswert. Aber das ließe sich ja ändern.

„Hast du schon immer hier gelebt?“, wollte sie wissen.

Nach kurzem Zögern zuckte er die Achseln. „Bis ich zur Schule musste. Anschließend Universität, danach natürlich die Armee.“

„Beim Militär muss es ziemlich hart zugegangen sein, oder?“ Peinlich berührt hob sie eine Hand. „Entschuldige, das klingt nach einer dummen Plattitüde. Selbstverständlich war es hart. Ich wollte nur … mir ist das nie richtig klar geworden, bevor ich dein Buch in den Händen hielt.“

„Es handelt sich um einen Roman, Ashley.“

„Weiß ich doch“, erwiderte sie schnell. „Aber dieser Abschnitt, in dem der Offizier mitten in der Wüste seinen Wagen verlässt, und als er sich wieder umdreht, da…“ Sie brach den Satz ab, als sie merkte, wie lebendig diese Bilder in ihrer beider Köpfe wurden. Die blendende, lärmende Explosion der Bombe, dicht gefolgt von einem vorübergehenden Moment der völligen Taubheit. Und dann kehrten die Sinne zurück, in einem Augenblick, in dem man sich am liebsten dagegen gewehrt hätte. Der Geruch von Feuer, das Schreien und Wimmern der Sterbenden, Blut und Trümmer überall. „Das bist du. Richtig?“

Seine Lippen wurden dünn wie ein Strich. „Warum, Ashley? Ist das denn wichtig?“

Als sie die wütende Verzweiflung in seiner Stimme hörte, hätte Ashley ihre Frage zu gern wieder zurückgezogen. „Nein, wahrscheinlich ist es nicht wichtig“, murmelte sie.

„Meine Vergangenheit ist irrelevant“, stellte Jack klar. „So wie die Vergangenheit eines jeden anderen. Uns allen bleibt nichts weiter als die Gegenwart. Verstanden? Es macht keinen Sinn, ständig zurückzublicken und sich zu erinnern. Wir können nichts mehr rückgängig machen oder unser Handeln nachträglich beeinflussen. Daher müssen wir einfach mit dem leben, was geschehen ist. Fertig.“

„Ja.“ Ashley selbst würde wahnsinnig werden, wenn sie sich immer durch den Kopf gehen ließe, wie schwierig ihre Kindheit gewesen war. „Damit hast du bestimmt recht.“

Wie ruhig ihre Stimme klang. Sie wirkte wie Balsam auf Jacks verwundeter Seele, und er sah Ashley betroffen in die Augen. „Weißt du eigentlich, wie hinreißend dein hübsches Gesicht vor dem Hintergrund dieser rauen Landschaft aussieht?“, fragte er plötzlich. „Deine Haut ist so hell und makellos, und deine Haare haben die Farbe der Erde.“

Verblüfft suchte Ashley in seinem Gesicht nach Anzeichen von Hohn und Spott, konnte allerdings keinerlei Ironie entdecken. Nur eine düstere Intensität, die Jack Marchant unbeschreiblich lebendig und präsent wirken ließ. Er betrachtete sie, als wäre sie in diesem Moment die einzig wichtige Person auf der ganzen Welt. Es lag plötzlich eine Spannung zwischen ihnen, die man fast mit den Händen greifen konnte.

Für einen verwegenen Sekundenbruchteil gestattete sie sich die verbotene Fantasie, die sie bereits seit einiger Zeit immer wieder einholte: Jack zog sie in seine Arme und drängte seinen harten Körper fordernd gegen ihren. Unzählige Male hatte sie sich in den vergangenen schlaflosen Nächten diese Szene vorgestellt, neu ausgemalt, und dabei seinen regelmäßigen Schritten im unteren Stockwerk gelauscht. Sie stellte sich vor, wie er den Kopf neigte und sie küsste, wie sein unrasiertes Kinn über ihre zarte Haut rieb, wie seine dunklen Augen ihr eine letzte stumme Botschaft schickten, bevor sich die Lider schlossen.

Energisch schob sie diesen Tagtraum wieder beiseite. Er war ihr Chef, und sie brauchte diesen Job. Und zwar so dringend, dass sie ihn nicht wegen einer Schwärmerei aufs Spiel setzen durfte.

„Wir gehen besser wieder zurück“, schlug sie zaghaft vor, aber ihre Füße schienen am Boden festgeschraubt zu sein. Sie schaffte es nicht, auch nur einen Schritt vorwärts zu machen, denn das würde diesen zauberhaften Moment zerstören.

„Warum?“

Ashley sah zu ihm hoch. „Weil …“

„Deswegen?“ Ohne Vorwarnung schloss er seine Arme um sie und stieß hörbar den Atem aus, als ihre Körper sich endlich ganz eng berührten. „Wegen dieser verflixten Anziehungskraft zwischen uns, die einfach nicht mehr verschwinden will?“

„Jack!“

„Jack, was?“, raunte er herausfordernd.

In seinem Blick mischten sich Schmerz, Hilflosigkeit und Verlangen. Ashley war irritiert. War dies der Gesichtsausdruck eines Mannes, kurz bevor man sich küsste?

„Jack, das sollten wir wirklich lieber lassen“, flüsterte sie.

„Ganz im Gegenteil“, widersprach er heftig. „Ich werde noch verrückt, wenn wir es nicht tun.“

Instinktiv wollte Ashley zurückweichen, doch sie konnte sich nicht rühren. Und dann war es ohnehin zu spät. Jack drängte sich noch enger an sie heran und legte eine Hand an ihr Gesicht. Unendlich lange schien er ihr reglos in die Augen zu blicken – nachdenklich und fast ein wenig verstört –, bevor er sie endlich küsste.

5. KAPITEL

Jack presste seine Lippen fordernd auf ihren Mund, sein Kuss war heiß und sinnlich. Er stöhnte leise auf, und Ashley antwortete mit einem innigen Seufzen. Hilflos tastete sie nach seinen starken Schultern, weil sie ohne Unterstützung einfach zu Boden geglitten wäre.

Ihr Herz klopfte wie wild, sie konnte nicht fassen, wie nahe sie ihrem aufregenden Chef wurde. Der Damm war gebrochen, und Jack drängte seine Hüften eng an ihren Körper. Ashley klammerte sich am Revers seiner schweren Jacke fest, und der Kuss wurde noch intensiver.

Es gab keine Zurückhaltung mehr. Jack wirkte wie ein Mann, der kurz vor dem Verhungern war. Mit beiden Händen fuhr er in ihre Haare und löste die kleinen Spangen und Klammern, bis die dunklen Wellen locker um ihre Schultern fielen.

Er war erstaunt, wie harmonisch sich Ashleys hinreißende Figur an seinen Körper schmiegte – viel besser, als er sich in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte.

„Ashley“, flüsterte er dicht an ihren Lippen.

Sein heißer Atem streifte über ihre Haut. „Jack“, hauchte sie und küsste ihn ihrerseits, um sicherzugehen, dass sie sich diese plötzliche Magie zwischen ihnen nicht nur einbildete. „Jack.“

Von Ashley unbemerkt hatte er den Reißverschluss ihres Mantels halb geöffnet und schob nun eine Hand über ihre Brust. Etwas erschrocken über diese unerwartete Berührung zuckte Ashley zusammen, doch dann reagierten ihre Knospen auf Jacks geschickte Fingerspitzen und richteten sich hart auf. Ashley wurde von einer heißen Welle des Verlangens durchflutet.

Er spielte mit ihrer Lust, reizte und neckte Ashley, bis sie sich stöhnend in seinen Armen wand. „Jack“, wisperte sie atemlos.

„Das gefällt dir, oder?“, raunte er.

„O ja. Ja.“ So hatte sie sich noch nie zuvor gefühlt, allerdings war ihr auch noch kein Mann so nahe gekommen. „Bitte … bitte mach weiter!“

„Mit Vergnügen“, stieß Jack hervor.

O nein, mir ist es ein Vergnügen, jubelte sie innerlich. Wer hätte gedacht, dass man sich so fühlen kann?

Als würde man in Flammen stehen. Mitten in einem Feuer, das nur dieser eine Mann löschen konnte. Instinktiv passte sie sich den sinnlichen Bewegungen seiner Lenden an. Aber dann brach ohne Vorwarnung die Realität über Ashley herein und legte sich mit einer ungeheuren Last auf ihre Schultern.

Sie stand mitten in einer einsamen Moorlandschaft und ließ zu, dass ihr Vorgesetzter sein erotisches Spiel mit ihr trieb. Keuchend machte sie sich von ihm los und trat einen Schritt zurück. Dann kam der nächste Schreck: Jack sah mit seinen wilden Haaren und den leuchtenden schwarzen Augen aus wie der Teufel persönlich! Er war nicht länger der stolze Aristokrat, den sie zuvor in ihm gesehen hatte. Jetzt wirkte er wie ein Fremder.

Hastig richtete Ashley ihre Kleider und atmete tief durch. „Was tust du denn da?“

Auch er schien Mühe zu haben, wieder zu Atem zu kommen. „Ach, komm, Ashley! Nun spiel nicht die Unschuld vom Lande! Dieser Kuss war bereits seit Wochen vorherzusehen. Du weißt das, und ich weiß das. Bitte tue nicht so, als ob du es nicht genauso wolltest. Das wäre nicht ehrlich.“

Peinlich berührt wandte sie sich ab. Sie wollte protestieren, ihm weitere Vorwürfe machen, dabei hatte er doch vollkommen recht. Die letzten Wochen hatten tatsächlich darauf hingedeutet, dass es irgendwann geschehen würde. Diese vielen Seitenblicke, die scheinbar zufälligen Berührungen. Die innere Aufregung und dann der Frust, wenn er mal nicht in ihrer Nähe war. Sie konnte nicht leugnen, dass sie sich diesen Kuss selbst gewünscht hatte. Wahrscheinlich überraschte sie nur die Tatsache, dass Jack ebenso empfand.

Ashley war durcheinander und überfordert, und obendrein meldete sich ihr Fluchtinstinkt. Ihre Wangen brannten vor Scham. Ohne weiter zu überlegen, rannte sie los, rutschte jedoch auf dem weichen Boden aus.

„Ashley!“

Sein wütender Schrei wurde hinter ihr vom Wind fortgetragen. Sie achtete nicht auf Jack, sondern lief weiter zurück zum Haus – keuchend –, während die kalte Luft in ihrem Hals kratzte.

Im Gebäude streifte Ashley sich in Windeseile die Schuhe ab und floh nach oben in ihr Zimmer. Dort angekommen, starrte sie ungläubig ihr Spiegelbild an. Sie schloss die Augen und spürte wieder Jacks Hände auf ihren Brüsten. Diese Leidenschaft und diese Gier nach Nähe … all das war ihr fremd, und doch fand sie es unendlich erregend.

Außerdem hatte der Kuss Jack in jemanden verwandelt, den sie kaum wiedererkannte. Vielleicht hatte auch er den Eindruck, dass sie sich verändert hatte. Ihr Spiegelbild wirkte zumindest recht befremdlich.

Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Sicherlich, Ashley nahm sich für gewöhnlich vor Männern in Acht, aber sie war keinesfalls prüde. Sex war ein ganz normaler Teil des Lebens, und vor langer Zeit hatte Ashley sich dazu entschlossen, auf die wahre Liebe zu warten. Sollte so etwas überhaupt existieren.

Ashley hatte schon viele Menschen erlebt, die sich praktisch unter Wert verkauften. Und sie selbst war bisher nicht in den Genuss gekommen, sich ernsthaft für einen Mann zu interessieren. Bis sie Jack kennengelernt hatte! Und plötzlich wurden Gefühle in ihr wach, die sich mehr und mehr in drängendes Verlangen steigerten.

Aber das war aus mehreren Gründen problematisch. Jack war adelig und obendrein ihr Boss. Das ließ sich nicht einfach vom Tisch wischen. Reiche und kultivierte Landbesitzer verfielen keinen blutjungen, unerfahrenen Frauen, die ihre Kindheit und Jugend im Heim verbracht hatten.

Für diesen unwahrscheinlichen Fall müsste man schon umwerfend aussehen, mit einer riesigen Oberweite und Beinen bis zum Himmel, dachte Ashley verächtlich. Und auch dann kann man einen Mann vielleicht ins Bett locken, aber mehr auch nicht. Außerdem will ich diesen Job nicht riskieren.

Aber es hat dir sehr gefallen, oder nicht? meldete sich eine innere Stimme. Wahnsinnig gut gefallen sogar! Du hast dich ihm ja ziemlich schnell hingegeben. Bist wohl doch nicht so viel anders als deine Mutter?

Ihre Hände zitterten, während sie sich die Haare wieder hochsteckte. Nein! Sie hatte keine Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.

Erschrocken fuhr sie zusammen, als es an der Tür klopfte.

„Ashley?“ Die Ungeduld in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Ashley, antworte mir! Ich weiß, dass du dort drinnen bist. Öffnest du jetzt bitte diese verdammte Tür?“

Mit klopfendem Herzen starrte sie die hölzerne Barriere an, die sich zwischen ihr und dieser maskulinen, fleischgewordenen Versuchung befand. „Und wenn nicht?“

„Dann machst du mich wirklich wütend!“

Noch wütender? fragte sie sich. Andererseits, was hatte sie für eine Wahl? Natürlich musste sie ihm öffnen.

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