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Auf Italienisch sagt man „Ti amo“ / Verliebt in den Bruder des Prinzen / Zärtliche Küsse des Milliardärs / Ein Diamantring vom Boss

Maggie Cox

Auf Italienisch sagt man „Ti amo“

1. KAPITEL

Wenn sich spätabends der Betrieb etwas legte, hatte sie Muße, ihrem Hobby nachzugehen. Dann sie ließ den Blick über die wenigen Gäste wandern, die an Tischen oder an der Bar saßen, und dachte sich Geschichten über sie aus. Schon als Kind hatte Anna sich in ihre Fantasiewelt geflüchtet, wenn die Realität zu grausam wurde.

Nun wurde ihr Blick erneut magnetisch von einem attraktiven Mann angezogen, der etwas abseits an einem Tisch saß und Löcher in die Luft starrte. Vor mindestens zwei Stunden hatte er in einem der stilvollen weinroten Sessel Platz genommen und sich nicht einmal die Mühe gemacht, seinen Mantel auszuziehen. Die anderen betuchten Gäste interessierten ihn nicht. Er schien sie nicht einmal wahrzunehmen. Offensichtlich konzentrierte er sich nur auf seine eigenen Sorgen.

Diese Geistesabwesenheit hatte Annas Neugier geweckt. Es war einfach zu verlockend, hinter das Geheimnis dieses faszinierenden Träumers zu kommen. Verstohlen musterte sie ihn. Sie hatte ihm noch nicht in die Augen gesehen, vermutete jedoch, dass er jedes Gegenüber hypnotisch in seinen Bann ziehen konnte. Ein ahnungsvoller Schauer rann ihr über den Rücken.

Nachdem sie sich pflichtbewusst vergewissert hatte, dass keiner der Gäste eine weitere Bestellung bei ihr aufgeben wollte, widmete sie sich wieder ganz dem mysteriösen Unbekannten. Er hatte glattes mittelblondes Haar, das von wenigen silberfarbenen Fäden durchzogen war und bald wieder einen Schnitt vertragen konnte.

Es war dem Mann anzusehen, dass er wohlhabend war und über einen guten Geschmack verfügte. Außerdem merkte man ihm an, dass er Macht und Einfluss besaß. Allerdings ließ er die breiten Schultern zurzeit vor Kummer hängen. Ihn umgab eine Aura, die deutlich spürbar zum Ausdruck brachte, dass er allergrößten Wert darauf legte, ungestört zu bleiben. Ob ein wichtiges Geschäft geplatzt war? War er von jemandem hintergangen worden? Oder hatte ihn jemand enttäuscht? Jedenfalls macht man sich diesen Mann besser nicht zum Feind …

Nachdenklich musterte Anna ihn erneut. Nein, sie hatte sich geirrt. Er trauerte um jemanden. Deshalb trug er auch einen schwarzen Mantel und wirkte so gequält. Mitfühlend betrachtete sie sein schönes Profil und das ausgeprägte Grübchen im Kinn. Sie sollte jetzt wirklich aufhören, ihn anzustarren. Es war sehr unhöflich, außerdem hatte sie sein Geheimnis ja jetzt gelüftet. Der arme Mann! Er musste am Boden zerstört sein.

Auch das dritte Glas Scotch on the Rocks war inzwischen geleert. Ob er noch einen Drink bestellen wollte? Aus bitterer Erfahrung wusste sie, dass Alkohol keine Lösung war. Ihr Vater jedenfalls war unter Alkoholeinfluss nur noch aggressiver geworden.

Die Hotelbar schloss um halb zwölf, und es war bereits Viertel nach elf, wie Anna bei einem Blick auf ihre Armbanduhr feststellte. Sie griff sich ein leeres Tablett, ging leichtfüßig zwischen den Tischen hindurch und blieb klopfenden Herzens und mit einem freundlichen Lächeln vor dem Tisch des Mannes stehen.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Sir, aber hätten Sie gern noch einen Drink? Ich frage nur, weil die Bar in einer Viertelstunde geschlossen wird.“

Ein eisiger Blick aus glitzernden blaugrauen Augen traf sie. Nach einer Schrecksekunde sah Anna ein, es nicht besser verdient zu haben. Schließlich hatte seine Körpersprache deutlich genug signalisiert, dass er nicht gestört werden wollte. Doch dann umspielte ein kaum merkliches Lächeln seine Lippen.

„Was meinen Sie? Sehe ich aus, als brauchte ich noch einen Drink, Schönheit?“

Sein britischer Akzent wies eine leichte mediterrane Färbung auf. Aber was sollte die Anrede? Sie war doch keine Schönheit! Abgesehen von dem rostroten Haar, das sie nach Feierabend löste und ihr bis zur Taille reichte, fand Anna sich eher unscheinbar. Dennoch wurde ihr bei dem unerwarteten Kompliment heiß, auch wenn es vielleicht nicht ganz ernst gemeint war.

„Ich bilde mir wirklich nicht ein zu wissen, was Sie brauchen, Sir“, antwortete sie.

„Bitte sagen Sie Dan zu mir“, gab er zurück. So wurde er in London genannt. Gerade an diesem Abend hätte er es nicht ertragen, mit Dante angeredet zu werden, dem Namen, den seine Mutter ihm gegeben hatte.

Diese Bitte brachte sie ein wenig aus der Fassung. Oder war es der brennende Blick, mit dem er sie musterte? „Es wird hier nicht gern gesehen, wenn wir die Gäste mit dem Vornamen anreden“, erklärte sie.

„Halten Sie sich denn immer an Regeln?“

„Sicher, schließlich möchte ich meinen Job behalten.“

„Dieses Hotel könnte auf die Dienste einer jungen Frau wie Ihnen wohl kaum verzichten.“

„Sie kennen mich doch gar nicht!“

„Vielleicht würde ich das ja gern ändern.“ Sein sinnliches Lächeln sprach für sich.

Ein erregtes Sehnen durchflutete sofort Annas Körper. „Das kann ich mir kaum vorstellen“, widersprach sie jedoch ernst. „Sie suchen doch nur nach etwas Ablenkung.“

„Ach, wirklich? Und wovon will ich mich ablenken?“ Amüsiert zog er eine dunkelblonde, mit einem leichten Kupferton durchzogene Augenbraue hoch.

„Von den traurigen Gedanken, die Sie offensichtlich bedrücken.“

Das Lächeln verging ihm. Abweisend sah er sie an. „Woher wissen Sie, was mich bedrückt? Können Sie Gedanken lesen?“

„Nein.“ Beschämt biss Anna sich auf die Lippe. „Ich beobachte Menschen und spüre, was sie beschäftigt.“

„Das ist aber ein ziemlich gefährlicher Zeitvertreib. Warum beschäftigen Sie sich damit? Haben Sie keine eigenen Sorgen? Dann wären Sie eine absolute Ausnahmeerscheinung.“

„Ich habe sehr wohl eigene Probleme“, widersprach sie. „Hätte ich ein sorgenfreies Leben geführt, wäre ich wohl kaum in der Lage, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und zu spüren, was in ihnen vorgeht. So oberflächlich bin ich aber nicht.“

„Und ich dachte, Sie seien eine einfache, unkomplizierte Servierkraft. Stattdessen entpuppen Sie sich als Philosophin.“

Anna war nicht beleidigt. Wieso auch? Sie spürte ja die tiefe Verzweiflung des Mannes und konnte ihm nicht böse sein. Von ganzem Herzen wünschte sie sich, ihn irgendwie aufmuntern zu können.

„Ich wollte Ihnen wirklich nicht zu nahe treten, aber Sie wirkten so einsam und traurig, da dachte ich, Sie würden sich vielleicht gern den Kummer von der Seele reden. Ich kann sehr gut zuhören. Manchmal fällt es einem leichter, sich einer fremden Person anzuvertrauen. Na ja, vergessen Sie einfach, was ich gesagt habe. Wahrscheinlich würde Ihnen ein weiterer Drink mehr helfen.“

Dante zuckte mit den Schultern. „Ich komme ganz gut allein zurecht. Trotzdem vielen Dank für das freundliche Angebot. Wie heißen Sie?“

„Anna.“

„Nur Anna?“

„Anna Bailey.“

Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte sie: Beabsichtigte er etwa, sich über sie zu beschweren? Sie wollte doch nur nett sein. Nichts hätte ihr ferner gelegen, als ihn zu beleidigen. War er etwa so einflussreich, dass sich die Hotelleitung genötigt sehen würde, sie an die Luft zu setzen? Hoffentlich nicht!

Das gemütliche Familienhotel in einer ruhigen Ecke von Covent Garden war seit drei Jahren ihr Zuhause. Sie fühlte sich hier sehr wohl, und die Arbeit machte ihr Spaß. Es machte ihr auch nichts aus, manchmal bis in die späten Abendstunden zu arbeiten. Ihre Arbeitgeber waren sehr nett und großzügig, was sich nicht zuletzt in einer üppigen Gehaltserhöhung widerspiegelte, die ihr ein Leben ohne Geldsorgen ermöglichte. Es wäre furchtbar, wenn sie wieder in die alten Verhältnisse zurückkehren und von der Hand in den Mund leben müsste.

„Hören Sie, Mr …“

„Ich sagte doch, Sie sollen mich Dan nennen.“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“, fragte er irritiert.

„Weil das nicht professionell wäre. Ich bin hier angestellt und Sie sind Gast.“

„Und doch haben Sie mir angeboten, mich bei Ihnen auszuheulen. Machen Sie allen Gästen so ein Angebot, Anna?“

Verlegen senkte sie den Kopf. „Natürlich nicht! Ich wollte doch nur …“

„Der einzige Grund, mich nicht Dan zu nennen, besteht also darin, dass Sie sich strikt an die Regeln halten, oder?“

„Ich lasse Sie jetzt lieber wieder allein.“

„Nein, bitte bleiben Sie. Könnten Sie sich nicht überwinden, etwas weniger förmlich zu sein? Oder gibt es einen Ehemann oder Freund, der zu Hause auf Sie wartet?“

Überrascht sah Anna auf. „Nein.“ Unauffällig blickte sie sich um, um zu prüfen, ob jemand sie beobachtete.

Brian, ihr junger dunkelhaariger Kollege, polierte gerade die halbmondförmige Bar und unterhielt sich dabei mit einem Gast. Ein elegant gekleidetes Paar mittleren Alters saß Händchen haltend an einem Tisch und hatte nur Augen füreinander. Begeistert hatten sie Anna vorhin erzählt, wie sehr ihnen der Theaterbesuch anlässlich ihrer Silberhochzeit gefallen hatte. Die beiden wirkten so verliebt wie am ersten Tag.

Mit einem Seufzer wandte sie sich wieder um und bemerkte, dass Dante sie interessiert von Kopf bis Fuß musterte. Als er den Blick besonders lange auf Hüften und Brüsten verweilen ließ, spürte Anna ein sinnliches Ziehen. Die lila Bluse mit dem Stehkragen und der gerade geschnittene graue Rock hatten nichts Aufreizendes an sich, aber der Röntgenblick des Mannes schien durch die Kleidung hindurchzugehen. Offenbar stellte er sich Anna nackt und willig in seinem Bett vor.

Eine lustvolle Woge heißen Verlangens erfasste Anna. Sie hatte das Gefühl, von einem mächtigen Sog in unbekannte Tiefen gezogen zu werden.

„Wenn das so ist, nehme ich Ihr Angebot doch an.“ Dante schenkte ihr ein sinnliches Lächeln. „Vielleicht ist es genau das Richtige, meine Probleme heute Nacht bei einem so süßen Mädchen abzuladen. Wann haben Sie Feierabend?“

„Gegen Mitternacht. Brian und ich müssen noch die Kasse machen.“ Erstaunt stellte sie fest, dass ihre Stimme völlig gelassen klang, obwohl in ihrem Körper ein heftiges Feuer loderte.

„Wie kommen Sie normalerweise nach Hause? Mit dem Taxi?“

„Nein, ich wohne hier im Hotel.“

Wäre der attraktive Fremde ihr nicht so unter die Haut gegangen, hätte sie ihm diese Information sicherlich vorenthalten. Doch warum sollte sie verhehlen, dass Dan sie faszinierte? Seine sinnliche Ausstrahlung, die tiefe, verführerische Stimme, die traurigen Augen zogen sie magnetisch an. Ein erregendes Prickeln hatte ihren Körper erfasst. Es fiel ihr schwer, noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Nervös umklammerte sie das Tablett, als wolle sie dahinter Schutz suchen.

„Möchten Sie noch etwas zu trinken bestellen? Ich muss zurück zur Bar.“

„Danke, vielleicht später.“

Dante knöpfte sich den Mantel auf und reichte ihr das leere Glas, wobei er beiläufig ihre Hand berührte. Die Berührung traf sie wie ein elektrischer Schlag.

„Ich übernachte hier, Anna. Was halten Sie davon, nach Feierabend gemeinsam noch ein Glas zu trinken?“

Ihr lag schon eine höfliche Ablehnung auf der Zunge, doch vielleicht konnte sie ihm ja doch helfen, indem sie ihm einfach zuhörte. Wortlos wandte sie sich um und kehrte auf unsicheren Beinen zur Bar zurück.

Sein plötzliches Gefühlschaos war Dante völlig unverständlich. Direkt nach der Beerdigung seiner Mutter war er zurück nach London geflogen. Den einzigen Menschen, den er je aufrichtig geliebt hatte, gab es nun nicht mehr. Seine Mutter war stets für ihn da gewesen. Wenn er das Gefühl hatte, die ganze Welt hätte sich gegen ihn verschworen, dann war er zum ruhenden Pol seines Leben zurückgekehrt und hatte bald darauf wieder an das Gute im Menschen geglaubt.

Der Verlust seiner Mutter schmerzte ihn wahnsinnig. Und nun drehten seine Gedanken sich plötzlich noch um diese fremde Frau. Sein Körper sehnte sich danach, von einer rothaarigen Schönheit mit warmherzigen braunen Augen, die betörend funkelten, liebkost zu werden. Gerade erst hatte er die Bekanntschaft der jungen Frau gemacht und ihr schüchternes Angebot, seinen Kummer bei ihr abzuladen, geringschätzig abgelehnt. Offensichtlich war er den Umgang mit einem netten, aufrichtigen Wesen nicht mehr gewohnt, sonst hätte er die Kleine wohl kaum so schroff in ihre Schranken gewiesen.

Seine Mutter würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, wie unflätig er sich benahm! Erneut stieg tiefe Verzweiflung in Dante auf. Er riss sich die Uhr vom Handgelenk und legte sie auf den auf Hochglanz polierten Nachttisch. Den Mantel ließ er achtlos aufs Bett fallen. Der edle Kaschmirmantel hatte ihn mehrere hundert Dollar gekostet, aber was tat das schon zur Sache? Der Reichtum hatte seinen Besitzer nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Auch seine Großzügigkeit hielt sich in Grenzen.

Dante machte sich nichts vor. Die von ihm durch geschickte Investitionen erworbenen Unternehmen und Immobilien spiegelten lediglich wider, wie getrieben und rücksichtslos er als Geschäftsmann geworden war. Tief im Herzen fürchtete er nämlich noch immer, alles wieder zu verlieren.

Die Angst gründete sich auf eine Kindheit in bitterster Armut und einen Vater, der Frau und Sohn verlassen hatte. Sie hatten in einem kleinen italienischen Bergdorf gelebt, und seine Mutter war gezwungen gewesen, in zwielichtigen Spelunken der nahe gelegenen Stadt für Männer zu singen und zu tanzen. Nur so hatte sie den Lebensunterhalt für sich und Dante verdienen können. Bereits in jungen Jahren hatte Dante sich in den Kopf gesetzt, es möglichst schnell zu großem Reichtum zu bringen, um seiner Mutter und sich ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Der Wohlstand würde ihn schützen, hatte er damals gedacht, und niemand hätte je wieder Gelegenheit, ihm oder seiner Mutter wehzutun. Auch die Erniedrigung, ihre Schönheit für Geld zur Schau zu stellen, würde ihr für immer erspart bleiben.

Der finanzielle Schutzpanzer hatte allerdings dazu geführt, dass Dante auch in seiner Ehe und anderen Liebesbeziehungen distanziert und gefühlskalt geworden war.

„Kein Wunder, dass man dich als Eisklotz der Geschäftswelt bezeichnet“, hatte Marisa, seine amerikanische Exfrau, gelästert. „Du legst deinen Eispanzer ja nicht einmal zu Hause ab.“

Anfangs war seine Mutter unglaublich stolz gewesen auf seinen rasanten Aufstieg. Er hatte ihr ein Traumhaus am Comer See gekauft und dafür gesorgt, dass es ihr an nichts fehlte. Doch als er sie in letzter Zeit dort besucht hatte, war sie beunruhigt gewesen. Renata hatte sich Sorgen um ihn gemacht. Erst die gescheiterte Ehe, dann zahlreiche Beziehungen, die alle nach kurzer Zeit wieder in die Brüche gingen – offenbar hatte ihr Sohn vergessen, worauf es im Leben wirklich ankam.

Nicht seine Unternehmen und Immobilien sollten die größte Rolle in seinem Leben spielen, hatte sie ihn belehrt, sondern die Menschen, die ihm wichtig waren. Sie hatte sogar gedroht, das weitläufige Anwesen am Comer See zu verkaufen und sich in eine Berghütte zurückzuziehen, wenn er seine Lebenseinstellung nicht bald ändern würde. Schließlich wäre sie als Tochter eines Schäfers an ein solches Leben gewöhnt und schämte sich nicht, zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Irgendjemand musste ihm ja beibringen, was wirklich wichtig war im Leben.

Noch immer schmerzten ihn die Vorhaltungen seiner Mutter, die sie ihm mit bebender Stimme im Krankenhaus gemacht hatte.

Um sich abzulenken, dachte er an die junge Frau mit dem tizianroten Haar. Anna Bailey …

Sofort regte sich Lust in seinem Körper, als hätte jemand ein Feuer in ihm entfacht. Ungeduldig griff Dante nach seiner Armbanduhr, um einen Blick darauf zu werfen. Dann sah er begehrlich zur Tür. Wann kam seine rothaarige Schönheit denn endlich? Nicht eine Sekunde lang kam ihm in den Sinn, dass sie vielleicht gar nicht auftauchen würde.

Beim Hinausgehen hatte Annas neuer Freund sich über den Tresen gebeugt und mit Verschwörermiene geflüstert: „Ich schlage vor, wir nehmen noch einen Drink in meiner Suite. Ich warte dort auf Sie, oberstes Stockwerk. Es würde mir wirklich viel bedeuten. Besonders heute. Bitte enttäuschen Sie mich nicht, Anna.“

Ihr war heiß geworden vor Verlangen, als sein warmer Atem ihr Ohr gestreift hatte. Völlig wehrlos war sie diesem erregenden Gefühl ausgeliefert. Schwindel überkam sie, und ihr Verstand schien auszusetzen. Ihr Herz klopfte wie wild, als sie dem breitschultrigen Dan nachsah.

Inzwischen hatte sie sich in ihre kleine Wohnung zurückgezogen und saß nachdenklich vor der Frisierkommode.

Der geheimnisvolle Fremde hatte die einzige Suite bezogen, über die das Hotel verfügte. Anna wusste, dass sie unglaublich luxuriös eingerichtet war. Erlesene türkische Teppiche zierten die Wände, die handgefertigten Möbel waren von höchster Qualität und eine Fußbodenheizung sorgte für wohlige Temperaturen. Die Übernachtung in diesem Luxus kostete ein kleines Vermögen.

Anna biss sich auf die Lippe und betrachtete prüfend ihr Spiegelbild. Sah man ihr an, wie aufgeregt und nervös sie war? Und spielte sie tatsächlich mit dem Gedanken, einen Gast auf seinem Zimmer zu besuchen? Das Gespräch mit dem verliebten Paar in der Bar hatte sie fast ein wenig neidisch gemacht. Die beiden waren so vertraut miteinander umgegangen, dass sie sich selbst noch einsamer gefühlt hatte. Schenkte man den geflüsterten Worten des Fremden Glauben, dann sehnte auch er sich offensichtlich nach Zweisamkeit. Um wen er wohl trauerte? Vielleicht um seine verstorbene Frau?

Anna fühlte zugleich Mitleid und einen namenlose Sehnsucht. Das verwirrte sie. Was sollte sie tun? Wenn jemand sie beim Betreten der Suite beobachtete, könnte sie das den Job kosten. Wollte sie das wirklich riskieren, nur weil sie sich einsam fühlte? Verzweifelt stand sie auf und spritzte sich im Badezimmer kaltes Wasser ins Gesicht.

Dann kehrte sie zurück und warf einen Blick auf den ausgeschalteten Fernseher. Weder ein Spätfilm noch eine Talkshow konnten sie heute Nacht reizen. An Schlaf war auch nicht zu denken, denn sie war viel zu aufgedreht. Ihr war unerklärlich, wieso dieser Mann so eine überwältigende Anziehungskraft auf sie ausübte. Doch das Gefühl durfte sie nicht einfach ignorieren. Morgen ist er vielleicht schon wieder abgereist, überlegte sie fieberhaft.

Und dann würde sie sich immer wieder den Kopf darüber zerbrechen, was gewesen wäre, wenn sie ihn besucht hätte.

Mit bebenden Händen löste sie die Haarspange. Geistesabwesend bürstete sie das Haar, bis es seidig schimmerte. Dann kniff sie sich in die Wangen, damit sie rosiger wirkten, und schlüpfte in ein dunkelgrünes Top und hellblaue Jeans. Er will ja nur reden, gaukelte sie sich vor, als sie die Wohnung verließ. Trotzdem raste ihr Puls. Vielleicht wollte Dan ja doch mehr von ihr. Insgeheim sehnte sie sich sogar danach.

Nach kurzem Zögern betrat sie den Lift und fuhr in die oberste Etage. Vor ihrem geistigen Auge tauchte Dan auf, der sie mit verschleiertem Blick aus tieftraurigen Augen angesehen hatte. Sofort legte sich ihre Unsicherheit. Wahrscheinlich brauchte er tatsächlich nur jemanden zum Reden …

Die höfliche Begrüßung, die ihm auf der Zunge lag, als er die Tür öffnete, war vergessen, sowie sein Blick auf die Erscheinung fiel, die vor der Suite wartete. Das tizianrote Haar fiel Anna locker über die Schultern und erinnerte ihn an einen herbstlichen Sonnenuntergang. Der erregende Anblick verschlug ihm regelrecht die Sprache.

„Komm rein“, sagte er schließlich nur leise.

Lächelnd kam Anna der Aufforderung nach. Dantes Herz begann sofort, schneller zu pochen.

„Was möchtest du trinken?“ Dante überquerte einen in Gold- und Rottönen gehaltenen chinesischen Teppich und blieb vor einem Barschrank aus Mahagoniholz stehen.

„Gar nichts, vielen Dank. Ich vertrage keinen Alkohol. Ein Schluck genügt, schon dreht sich alles vor meinen Augen.“

„Wie wär’s dann mit einem Glas Saft oder Wasser?“

„Nein danke. Ich möchte wirklich nichts.“

Er stützte die Hände in die Hüften und lächelte schuldbewusst. „Ich glaube, mir reicht es auch für heute.“

„Dann haben Sie also beschlossen, Ihren Kummer doch nicht zu ertränken?“

„Es ist dein Besuch, der mich davon abhält, Anna.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Wie gut das Dunkelgrün ihren hellen Teint zur Geltung bringt, dachte Dante. Ohne Vorwarnung überkam ihn eine neue Welle der Trauer, die ihn an seinen großen Verlust erinnerte. Der Schmerz war kaum zu ertragen.

Er wollte die Arme ausstrecken, sich ans Leben klammern, sich vergewissern, dass er auch nach dem Tod seiner Mutter noch Schönheit und Grazie bewundern konnte, wenn er die Augen aufmachte. Und die Verkörperung dessen stand ja direkt vor ihm. Würde Anna ihm aus seiner tiefen Verzweiflung helfen? Oder war bei ihm wirklich Hopfen und Malz verloren? War er ein schlechter Mensch?

Wahrscheinlich hatte er es nicht verdient, geliebt zu werden. Sogar sein eigener Vater hatte ihn verlassen. Vermutlich geschah ihm das ganz recht. Die Menschen, die ihm nahestanden, verließen ihn. Sie wandten sich wohl von ihm ab, weil er über seinem Streben nach Reichtum die Nöte seiner Mitmenschen vergessen hatte.

„Es tut mir weh, Sie so zu sehen“, sagte Anna leise.

„Wie?“

„Als ob Sie sich selbst nicht leiden können.“

„Vor dir kann man wohl gar nichts verbergen“, antwortete er unbehaglich.

„Ich will doch nur helfen.“

„Wirklich? Meinst du das ernst?“

„Natürlich. Wäre ich sonst hier? Möchten Sie jetzt über Ihren Kummer reden?“

„Nein, mein Herz. Ich möchte etwas anderes“, erklärte er mit rauer Stimme und konnte seine überwältigende Sehnsucht kaum verbergen.

2. KAPITEL

Wie in Zeitlupe griff er nach Annas Hand. Sein eindringlicher, lodernder Blick nahm Anna gefangen. In diesem Moment zählte für sie nur noch dieser faszinierende Mann.

„Was willst du?“, flüsterte sie mit kaum vernehmbarer Stimme. „Was brauchst du?“

„Dich, Anna. Hier und jetzt möchte ich, dass du mir gehörst.“

Jedes weitere Wort war überflüssig. Hingerissen ließ Dante die Finger durch ihr langes seidiges Haar gleiten, bevor er Annas Gesicht umfasste und begann, sie zu küssen. Schon die erste Berührung seiner Lippen entfachte heißes Verlangen in ihr, das schon viel zu lange in ihr geschwelt hatte und nun endlich gestillt werden wollte.

Sie hatte schon befürchtet, ihre geheime Sehnsucht würde unerfüllt bleiben. Hin und wieder hatte sie ihr Misstrauen gegenüber Männern überwunden und sich liebkosen lassen, doch ihre Hoffnungen waren jedes Mal enttäuscht worden. Natürlich hatte sie das immer verletzlicher gemacht und dazu geführt, dass sie immer mehr davon überzeugt war, bis ans Ende ihrer Tage allein und ungeliebt zu bleiben. Doch jetzt konnte sie von dem fordernden, leidenschaftlichen Spiel der warmen Zunge in ihrem Mund kaum genug bekommen.

Neben Leidenschaft und heißem Begehren nahm Anna auch wahr, wie wütend und verzweifelt Dan war. Da ihr diese starken Emotionen vertraut waren, machten sie ihr keine Angst. Instinktiv verstand sie das Gefühlschaos, in dem er sich befand, obwohl sie nichts Genaues wusste.

Sie schmiegte sich an den weichen dunklen Rollkragenpullover, unter dem sie Dans muskulöse Brust spürte, und atmete den erregend männlichen Duft ein, der sich mit einer sinnlichen Eau-de-Cologne-Note vermischt hatte. Anna musste sich an Dan festhalten, denn er küsste sie so fordernd und unersättlich, dass ihr schwindlig wurde.

Wie lange hatte sie davon geträumt, so von einem Mann geküsst zu werden! Nur zu willig erwiderte sie seine Liebkosungen. Dabei fiel ihr plötzlich der Ratschlag ihrer Mutter ein, den sie niemals vergessen hatte: „Gib dich nur jemandem hin, den du liebst.“

Irgendwie waren sie auf dem Bett im Nebenzimmer gelandet. In ihrer Hast, sich gegenseitig zu entkleiden, hatten sie nicht einmal Zeit gefunden, eine Lampe anzuknipsen. Sie konnten die störende Kleidung gar nicht schnell genug abstreifen, um endlich richtigen Körperkontakt zu haben. Nur wenn es gar nicht anders ging, unterbrach Dante die erregenden Küsse, die eine lange Nacht voller Leidenschaft versprachen.

Wahrscheinlich hatte er den Verstand verloren, mit dieser jungen rothaarigen Schönheit, die er gerade erst kennengelernt hatte, ins Bett zu gehen, aber das war ihm egal. Sie war das Beste, was ihm seit Jahren passiert war. Warum sollte er sich so eine Chance entgehen lassen?

Begierig atmete er ihren berauschenden Duft ein und begehrte sie mit jeder Sekunde heftiger. Den erotischen Anblick des feuerroten Haarschopfs auf dem cremefarbenen Seidenkissen würde er so schnell nicht vergessen. Annas schöner kurvenreicher Körper fühlte sich verführerisch seidig an. Mit leisem Stöhnen reagierte sie auf seine Liebkosungen und verriet, dass sie ebenso erregt war wie er. Er konnte es kaum erwarten, endlich eins mit ihr zu werden und alles andere um sich herum zu vergessen. Jetzt zählte nur die Leidenschaft, die bereits seit dem ersten Blick zwischen ihnen loderte.

Er spürte, wie sie sich fast unmerklich versteifte, als er begann, ihren geheimsten Ort zu ertasten. Dante hielt sofort inne und umfasste ihr schönes Gesicht. „Entschuldige, Anna. Ich hätte dich gleich wegen der Verhütung fragen sollen.“

Schüchtern erwiderte sie seinen Blick, die Augen dunkel vor Erregung. „Keine Sorge, ich nehme die Pille.“

Sie ist einfach hinreißend, dachte Dante und küsste sie, bis sie sich wieder entspannte. Erst dann gab er dem überwältigenden Verlangen nach und drang langsam und behutsam in sie ein. Die Hitze, die ihn umfangen hielt, war unglaublich.

War Anna zusammengezuckt, oder hatte er sich das nur eingebildet? Er war zu erregt und sehnte sich zu sehr nach Erfüllung, um länger darüber nachzudenken.

Anna und er fanden sich in dem uralten Rhythmus, der das ersehnte Glücksgefühl versprach und ihn für den Moment von der Trauer um seine Mutter ablenkte. Die Ekstase löschte für den Augenblick alle anderen Gefühle aus.

Dantes Leidenschaft überwältigte Anna. Verzückt beobachtete sie, wie er sich auf ihr bewegte. Sein Liebespiel wurde immer intensiver und entfesselter. Instinktiv schlang sie die langen Beine um seine Taille, bis er so tief mit ihr vereinigt war, dass es sich anfühlte, als sei er ein Teil von ihr. Sie waren eine Einheit mit zwei heftig im Einklang pochenden Herzen. In diesem Augenblick fühlte sie sich seelenverwandt mit diesem Mann, der so unglaubliche Gefühle in ihr entfesselte. Ohne zu zögern, hatte sie sich ihm hingegeben, als hätte das Schicksal es so vorgesehen.

Ob er diese Vorstellung beunruhigend fände? Schließlich hatten sie sich gerade erst kennengelernt.

Inzwischen hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Mit bebenden Händen streichelte Anna Dantes muskulösen Rücken. Immer wieder küsste er sie leidenschaftlich auf den Mund und widmete sich dann ihren herrlichen Brüsten. Sie stöhnte lustvoll, als er an ihren aufgerichteten Brustwarzen saugte. Die Liebkosungen versetzten ihren ganzen Körper in Verzückung.

Als ihre Lippen sich erneut zu einem feurigen Kuss fanden, wurde Anna von einem ihr unbekannten Gefühl überwältigt, das sich unaufhaltsam verselbstständigte. Je mehr sie versuchte, sich dagegenzustemmen, desto berauschender wurde es. Verunsichert sah sie dem Mann in die Augen, der diese nie geahnte Lust immer intensiver werden ließ. Mit einem belustigten, wissenden Lächeln gab er ihr zu verstehen, dass alles in Ordnung war. Erst dann überließ sie sich ganz der Ekstase.

Heiße Wellen durchfluteten sie und trugen sie in unbekannte Gefilde. Es fühlte sich an, als würde sie sich von einer Klippe in einen rauschenden Wasserfall stürzen. Ihr ganzer Körper war heiß und bebte vor Erregung. Es war unglaublich! Tränen kullerten ihr über die Wangen. Verzweifelt biss sie sich auf die Lippe, um ein lautes Stöhnen zu unterdrücken.

In diesem Moment wurde Anna bewusst, dass diese Erfahrung ihr Leben grundlegend verändert hatte. Nicht einmal ihre Mutter, die sie sorgfältig aufgeklärt hatte, hätte sie auf die überwältigenden Gefühle vorbereiten können, die sie in den Armen dieses wunderbaren Mannes empfand. Tief berührt schaute Anna ihn an.

Er bewegte sich jetzt in einem schnelleren Rhythmus. Sie spürte seinen muskulösen Körper. Seine blaugrauen Augen, deren Farbe sie an ein stürmisches Meer erinnerte, hatte er fest auf sie gerichtet. Einsamkeit und tiefe Trauer spiegelten sich in diesem Blick und das brach Anna fast das Herz.

Trotz ihrer intimen Zweisamkeit wirkte Dan unendlich einsam. Wie gern hätte Anna ihn getröstet. Doch dann stöhnte er aus tiefstem Herzen. Ein mächtiges Beben ließ seinen Körper erzittern, bevor er sich wieder entspannte. Hitze breitete sich in ihr aus.

„Anna“, stieß Dante hervor, umfasste zärtlich ihr Gesicht und schüttelte ungläubig den Kopf.

Als er den Kopf zwischen ihre Brüsten bettete, trocknete Anna sich die Tränen und umarmte Dante, bevor sie ihm tröstend über das seidige blonde Haar strich.

„Alles wird gut“, wisperte sie beruhigend. „Was immer dich quält, mit der Zeit wird der Schmerz erträglicher. Daran glaube ich ganz fest. Bald wirst du wieder Freude am Leben finden.“

„Ich wünschte, ich könnte deine Zuversicht teilen. Aber eigentlich habe ich die Hoffnung aufgegeben, jemals ein glückliches Leben zu führen.“

Sein warmer Atem streifte ihre Brüste wie eine zarte Liebkosung, während die Bartstoppeln erregend auf ihrer Haut prickelten. Doch die tiefe Verzweiflung in seinem Tonfall verstörte Anna zu sehr, um auf ihre eigenen Empfindungen achten zu können.

„So darfst du nicht denken.“ Zärtlich umfasste sie sein Gesicht und schaute ihm eindringlich in die Augen.

Ihre Worte überraschten ihn. Doch sie konnten seine Verzweiflung nicht mindern. „Schon gut, Anna. Mir geht es gut. Ich werde es überleben. Das war bisher immer so.“

„Aber das Leben ist doch viel zu schön, um ständig einen Überlebenskampf zu führen.“

„Das gilt für dich, mein Engel. Zumindest hoffe ich das. Dein Leben soll schön sein.“

„Ich habe es auch nicht immer leicht gehabt“, gab sie schüchtern zu bedenken. Zwei Jahre lang musste ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Dann hatte ich endlich eine Arbeit gefunden, die mir Spaß gemacht hat. Ich habe mich richtig hineingekniet. Leider habe ich diese Stelle verloren, als das Hotel von einer Kette übernommen wurde. Die neuen Besitzer waren völlig rücksichtslos und haben die gesamte Belegschaft durch ihre eigenen Leute ersetzt. Also musste ich wieder ganz von vorn anfangen. Glücklicherweise bin ich hier im Mirabelle gelandet. Das Gute kommt manchmal unverhofft.“

„Für dich mag das so sein.“

„Willst du mir nicht verraten, was dich so aus der Bahn geworfen hat? Hast du einen geliebten Menschen verloren?“

Nach langem Schweigen seufzte Dante tief auf. „Ich sagte ja bereits, dass ich meine Probleme mit mir selbst ausmache. Außerdem fühle ich mich gerade sehr wohl, cara. Ich liege in deinen Armen, höre dein Herz pochen, du schmiegst deinen tollen Körper an mich. Wie kann es mir da schlecht gehen?“

„Es freut mich, dass ich dich ein wenig trösten konnte.“ Sie versuchte, sich aufzurichten. „Ich sollte jetzt besser gehen, um noch etwas Schlaf zu bekommen. Ich bin am Morgen als Zimmermädchen eingeteilt.“

„Dann arbeitest du nicht nur in der Bar?“

„Nein. Ich mache eine richtige Ausbildung zur Hotelmanagerin. Das Mirabelle ist ein Familienbetrieb, und wir packen alle da an, wo wir gerade gebraucht werden.“ Sie lächelte scheu.

„Bitte bleib!“ Besitzergreifend ließ er die Finger durch das seidige rote Haar gleiten und küsste es. „Ich möchte, dass du bis zum Morgen bei mir bleibst. Tust du mir den Gefallen, Anna? Mehr als diese eine Nacht kann ich dir nicht versprechen, aber ich möchte dich bis zum Morgengrauen im Arm halten. Genügt dir das? Bleibst du bei mir?“

Fünf Jahre später

Anna eilte in die große Hotelküche und knöpfte sich dabei den Regenmantel auf, während sie sich suchend nach Chefkoch Luigi umsah. Er entsprach so gar nicht dem landläufigen Bild eines beleibten Küchenchefs, sondern war groß und dünn, hatte ein schmales Gesicht und lockiges schwarzes Haar, in das sich schon einige Silberfäden gemischt hatten und das er zum Pferdeschwanz gebunden trug.

Ach, da ist er ja, dachte Anna, als sie ihn an einer der blitzsauberen Arbeitsflächen entdeckte, wo er gerade Zutaten abwog und eine bekannte Opernarie vor sich hin pfiff.

„Ist die bestellte Ware eingetroffen?“, fragte sie außer Atem. „Ich habe mit dem Geschäftsführer des Delikatessengeschäfts telefoniert. Er behauptet, die Sachen wären bereits ausgeliefert.“

Luigi wandte sich um, musterte sie von Kopf bis Fuß und fragte streng: „Hast du heute Morgen etwa wieder nicht gefrühstückt? Du rennst hier im Eiltempo durch die Gegend, als könntest du von Luft allein existieren.“

„Du wirst es nicht glauben, aber ich habe vorhin ein Croissant gegessen, während ich auf den Geschäftsführer warten musste.“ Herausfordernd verschränkte sie die Arme über dem nassen Regenmantel und musterte Luigi, der sie etwas zweifelnd anschaute.

Es war rührend von ihm, sich um ihr Wohlergehen zu sorgen, doch inzwischen war das unnötig. Schließlich war sie nicht mehr die naive Vierundzwanzigjährige, als die sie einmal im Mirabelle angefangen hatte. Inzwischen war sie zweiunddreißig, hatte ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und bekleidete den Posten als stellvertretende Geschäftsführerin.

„Ein Croissant? Das besteht auch nur aus Luft. Wie willst du denn damit bis zum Mittagessen auskommen?“

„Es war mit Vanillecreme und Aprikosen gefüllt und hat köstlich geschmeckt. Das hält erst einmal vor“, entgegnete Anna lächelnd. „Würdest du jetzt bitte meine Frage beantworten? Anita erwartet eine wichtige Delegation zum Mittagessen und alles muss perfekt sein.“

„Habe ich euch schon jemals im Stich gelassen?“ In gespielter Beleidigtheit hob Luigi die Arme.

„Nein, Luigi, du bist eine Bank.“

Er strahlte. „Die Lieferung ist eingetroffen und die Qualität der schwarzen Oliven ist wie immer ausgezeichnet.“

„Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen. Und sonst ist auch alles in Ordnung?“

Anna wandte sich mit der Frage auch an das restliche Küchenpersonal: die Souschefin Cheryl und drei junge Küchenhilfen. In ihrem Job hatte sie inzwischen einen siebten Sinn für auftauchende Probleme entwickelt.

Die Hoteleigentümer Anita und Grant Cathcart leiteten das Hotel mit fester Hand, hatten aber auch stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Angestellten. Deshalb war Anna auch geblieben. Und während der Schwangerschaft hatte das Ehepaar sie nach Kräften unterstützt, nicht zuletzt, weil sie sich unentbehrlich gemacht hatte. Sie hatten ihr sogar eine hübsche Zweizimmerwohnung im Souterrain des Hotels vermietet und bei der Suche nach einem geeigneten Kindergarten in der Nähe geholfen. Außerdem hatten sie Anna die Teilnahme an einem Onlinekurs für Manager ermöglicht, damit sie aufsteigen und einen besser bezahlten Job machen konnte. Dafür war sie Anita und Grant unendlich dankbar.

„In der Küche ist alles in Ordnung, Anna.“ Die hübsche blonde Cheryl biss sich auf die Lippe, bevor sie zögernd hinzufügte: „Wir wüssten allerdings gern, warum eine Delegation einer der bekanntesten Hotelketten in Großbritannien hier zum Essen eingeladen wird. Hast du eine Ahnung, was da los ist?“

Der Schreck durchfuhr Anna. Für heute Nachmittag war eine Besprechung mit den Hoteleigentümern angesetzt. Die ganze Nacht und auch an diesem Morgen, als sie Tia zum Kindergarten gebracht hatte, hatte sie sich den Kopf über den Grund des Meetings zerbrochen.

Das hübsche kleine Hotel befand sich in einem eleganten georgianischen Gebäude ganz in der Nähe von Covent Garden. Doch selbst an dieser exklusiven Ecke war die Wirtschaftskrise zu spüren. Die Zahl der Buchungen war deutlich zurückgegangen.

Wollte die Hotelkette sich etwa das Mirabelle einverleiben? Nicht auszudenken, wenn sie erneut ihren Job verlieren würde! Und ihre Wohnung noch dazu.

Vor dem Personal durfte sie sich diese Befürchtung jedoch nicht anmerken lassen.

„Genaues weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich würde vorschlagen, ihr konzentriert euch auf die Arbeit und lasst das Spekulieren. Wir werden noch früh genug erfahren, was dahintersteckt. So, ihr Lieben, ich muss weiter. Jason vertritt Amy am Empfang. Sie hat sich krankgemeldet. Ich werde ihn jetzt ablösen.“

Die dreiköpfige Delegation – zwei Männer, eine Frau – ließ sich Luigis ausgezeichnetes Dreigängemenü schmecken. Anschließend verschwanden die drei mit Anita, Grant und deren Sohn Jason in dessen Büro.

Immer wieder sah Anna auf die Uhr. Was machten die da so lange?

Nach endlos langen zweieinhalb Stunden klingelte das Telefon am Empfang. Anna übergab an Linda, die bereits zur Spätschicht eingetroffen war, und machte sich auf den Weg zum Direktionszimmer, in das Jason sie gerade gebeten hatte.

Vor der Tür strich sie sich nervös über den eleganten dunkelblauen Rock und bändigte eine Haarsträhne, die sich aus der Spange gelöst hatte. Dann klopfte sie an die Tür. Obwohl Eltern und Sohn sie mit einem freudigen Lächeln begrüßten, spürte Anna, dass der Schein trog.

„Liebe Anna, komm, setz dich zu uns.“

Die zierliche Anita mit dem brünetten Pagenkopf und dem noch immer makellos glatten Gesicht – trotz ihres Alters von neunundfünfzig Jahren – begrüßte sie gewohnt herzlich.

„Es wird dich freuen, dass Luigis Menü sehr gut angekommen ist. Unsere Gäste waren äußerst beeindruckt.“

„Der Mann ist ein begnadeter Koch“, bestätigte auch Grant. „Da kann man schon mal über sein Riesenego hinwegsehen.“

Anna merkte ihm sofort an, wie nervös er war. Natürlich wurde sie sofort noch unruhiger und setzte sich angespannt auf die Stuhlkante. Auch Jason, der seiner Mutter sehr ähnlich sah, wirkte angespannt und reagierte nur mit einem resignierten Schulterzucken auf ihren fragenden Blick. Sie befürchtete das Schlimmste.

Nervös faltete sie die Hände im Schoß. „Was hat der Besuch der Delegation zu bedeuten? Stecken wir in Schwierigkeiten?“

Anita wollte antworten, doch Grant kam ihr zuvor. „Ja, Anna.“ Nervös trocknete er sich die feuchte Stirn mit einem Taschentuch. „Wir haben große finanzielle Probleme. Die Rezession hat uns zur Strecke gebracht. Dir ist sicher nicht entgangen, dass wir in den letzten Monaten ständig Verlust gemacht haben, weil die Buchungen zurückgegangen sind. Nur auf unsere treuesten Gäste ist noch Verlass. Wenn wir mit den anderen Hotels mithalten wollen, müssen wir investieren und renovieren. Aber wie soll das gehen, wenn die Kasse leer ist und die Banken uns einen Kredit verweigern? Also mussten wir in den sauren Apfel beißen und nach Investoren suchen.“

„Wollt ihr das Hotel verkaufen?“ Entsetzt dachte Anna sofort darüber nach, was dann aus Tia und ihr werden sollte. Wovon sollten sie leben? Wo sollten sie wohnen?

„Wir haben ein Kaufangebot erhalten, es aber noch nicht angenommen und uns Bedenkzeit ausgebeten. Schließlich befindet sich unser Hotel seit drei Generationen im Familienbesitz.“ Anita rang sich ein trauriges Lächeln ab. „Bis zum Wochenende müssen wir uns entscheiden. Wenn wir das Angebot annehmen, müssen wir alle ausziehen und verlieren unsere Jobs, weil die neuen Eigentümer renovieren und ihr eigenes Personal einsetzen wollen. So sieht es leider aus.“

Im ersten Moment war Anna wie vom Donner gerührt. Doch dann riss sie sich zusammen, denn sie war Anita und Grant zu großem Dank verpflichtet und durfte sie in dieser schwierigen Situation nicht im Stich lassen. Daher lächelte sie zuversichtlich, auch wenn sie es nicht war.

„Das ist wirklich eine schwierige Situation, in die ihr zudem unverschuldet geraten seid. Wir Angestellte finden sicher bald wieder einen Job, aber was wird aus euch? Ich hängt doch so sehr am Mirabelle.“

„Es ist lieb, dass du dir Sorgen um uns machst, Anna.“ Grant lächelte ihr traurig zu. „Wir werden schon irgendwie zurechtkommen, wir haben ja uns. Was zählt, ist, dass man mit dem Menschen zusammen ist, den man liebt.“ Liebevoll drückte er Anitas Hand. „Natürlich werden wir dir bei der Wohnungssuche helfen. Darauf kannst du dich verlassen. Und mit deiner Qualifikation und Erfahrung wirst du schnell wieder einen lukrativen Job finden. Du bist eine Bereicherung für jedes Hotel.“

„Dann lasst ihr uns am Wochenende wissen, wie ihr euch entschieden habt?“

„Wahrscheinlich schon früher. Anita, Jason und ich setzen uns nachher noch einmal zusammen. Wir sagen euch dann Bescheid.“ Grant erhob sich. „Es ist schon nach fünf Uhr. Wird es nicht Zeit, dass du deinen kleinen Engel vom Kindergarten abholst?“

Erschrocken warf Anna einen Blick auf ihre Armbanduhr und stand hastig auf. Sie musste sich tatsächlich beeilen. Tia würde schon ungeduldig warten und darauf brennen, ihr von den Erlebnissen des Tages zu berichten.

Und Anna konnte es kaum erwarten, ihre geliebte kleine Tochter in die Arme zu schließen.

3. KAPITEL

Dante stand am Fenster seines Apartments in Westminster und blickte nachdenklich hinaus auf die im Sonnenschein glitzernde Themse. Dann wandte er sich ungeduldig ab und warf sein Handy aufs Bett. Er war gerade von einer Geschäftsreise aus New York zurückgekehrt und litt unter der Zeitverschiebung. Doch durch das Telefonat mit seinem Geschäftsfreund war er plötzlich wieder hellwach.

Das Mirabelle … An diesen Namen erinnerte er sich auch noch nach fünf Jahren. Offenbar steckten die Eigentümer in finanziellen Schwierigkeiten und sahen sich gezwungen, einen Verkauf an die Hotelkette zu erwägen, zu deren Vorstand sein Freund Eddie gehörte. Die Toplage des Hotels hatte Eddie gereizt, und eigentlich war er sich sicher gewesen, das Mirabelle bald in seine Kette eingliedern zu können. Doch zu seiner grenzenlosen Verblüffung hatten die Eigentümer das Kaufangebot abgelehnt. Das Hotel sollte unbedingt im Familienbesitz bleiben.

„Ganz schön sentimental, oder?“, hatte er gefragt. „Wäre das nicht ein Projekt für dich, Dante? Der Laden ist eine potenzielle Goldgrube. Wenn du willst, erzähle ich dir nachher mehr bei einem Drink.“

Dante hatte zugesagt, und nun dachte er wieder an die unglaubliche Nacht, die er vor fünf Jahren im Mirabelle verbracht hatte. Sie hatte sein ganzes Leben verändert. Sein ganz persönlicher Engel hatte ihn dazu bewogen, Gutes zu tun, statt immer nur Profit zu machen, den er durch harte Arbeit verdient zu haben glaubte. Seine Ziele waren nicht mehr so hoch gesteckt, und er hatte eine Richtung eingeschlagen, die ihn mit viel größerer Zufriedenheit erfüllte. Seine Mutter hätte ihre helle Freude an diesem Sinneswandel gehabt. Schade, dass sie das nicht mehr erleben durfte.

Zwar war er immer noch im Vorstand mehrerer hoch dotierter Unternehmen und kaufte und fusionierte Firmen, hatte sich jedoch von der Mehrzahl seiner eigenen Unternehmen getrennt. Sein Hauptaugenmerk richtete sich inzwischen darauf, Familienbetriebe zu unterstützen und profitabler zu machen. Er hatte auch wieder den Nachnamen seiner Mutter angenommen und den englischen Namen abgelegt, den er zu Beginn seiner Karriere in Großbritannien geführt hatte. Nun hieß er wieder Dante Romano und das fühlte sich sehr gut und viel authentischer an. Nur einige seiner Freunde nannten ihn noch Dan.

Das Mirabelle …

Er streckte sich auf dem großen Doppelbett aus und griff nach dem Handy. Was wohl aus der Schönheit mit dem tizianroten Haar geworden war, mit der er die Nacht verbracht hatte? Anna Bailey. Die Erinnerung an sie war wunderschön. Wenn er die Augen schloss, meinte er, die sinnlichen Küsse zu schmecken. Er konnte sich sogar noch an Annas Parfüm erinnern: eine Moschusnote, vermischt mit Orangenduft und einem Hauch Patschuli. Ihr seidiges Haar und ihr sinnlicher Körper hatten danach geduftet.

Als Dante sich an Annas verführerische rosige Lippen erinnerte, die er am liebsten gleich bei ihrer ersten Begegnung in der Bar geküsst hätte, stöhnte er unterdrückt auf. Mit Anna hatte sich alles so gut und völlig selbstverständlich angefühlt. Einen schier endlos lang wirkenden Moment war ihm schwindlig gewesen vor Verlangen nach ihr. Sie war sein Engel, der ihn aus dem Dunkel geführt hatte.

Energisch schlug er die Augen wieder auf. Warum musste ausgerechnet das Mirabelle in Schwierigkeiten stecken? So ein Zufall war ja fast unheimlich. Auf alle Fälle würde er mal vorbeischauen, nahm er sich vor.

Eine weitere schlaflose Nacht lag hinter ihr. Frustriert hatte Anna schließlich Kissen und Bettdecke auf den Fußboden geschleudert und war nun beim Frühstück so schlecht gelaunt, dass sie sogar die arme Tia anschnauzte.

Natürlich tat es ihr sofort leid, zumal Tränen in den blaugrauen Augen ihres kleinen Lieblings schimmerten. Schuldbewusst zog Anna sie an sich, küsste und herzte sie und entschuldigte sich immer wieder. „Tut mir leid, Schatz, Mummy hat es nicht so gemeint. Sie ist nur etwas gestresst.“

„Was heißt das, Mummy?“ Tia wickelte sich eine lange Haarsträhne ihrer Mutter um den Finger.

„Das erkläre ich dir, wenn ich dich aus dem Kindergarten abhole“, antwortete Anna ausweichend. Bis dahin hatte die Kleine das sicher längst vergessen. Mit ihren vier Jahren würde sie es sowieso noch nicht verstehen. Außerdem sollte sie eine fröhliche, unbeschwerte Kindheit erleben und nicht mit den Problemen ihrer Mutter belastet werden.

Die Cathcarts hatten Anna mitgeteilt, dass sie das Angebot der Hotelkette abgelehnt hatten. Doch Annas Erleichterung wurde bereits am nächsten Tag durch die Information getrübt, dass ein neues Angebot von einem unabhängigen Investor vorlag, der von einem Delegationsmitglied einen Tipp bekommen hatte. Erneut musste sie befürchten, Job und Zuhause zu verlieren.

Besorgt verließ sie gemeinsam mit Jason das Büro seiner Eltern und begleitete ihn zu seinem eigenen. „Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es also einen Investor, der euch helfen will, das Hotel zu modernisieren und profitabler zu machen. Kannst du mir das mal genauer erklären?“

„Kein Grund zur Sorge, Anna. Ganz im Gegenteil!“ Jason lächelte ihr aufmunternd zu. „Wenn der Typ denn wirklich am Mirabelle interessiert ist. Wir hoffen, dass er Geld in unser Hotel steckt, damit es modernisiert werden kann und wieder mehr Gäste kommen. Natürlich würde er dadurch zum Miteigner, dem die Mehrheit am Hotel gehört. Aber wir behalten ein Mitspracherecht. Ich habe mich über ihn erkundigt. Der Typ ist international tätig. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Unterstützung von Familienbetrieben, die mit seiner Hilfe wieder schwarze Zahlen schreiben. Wenn wir sein Angebot annehmen, können wir das Hotel weiterhin führen, allerdings unter seiner Aufsicht. Aber das ist gar nicht schlecht, weil wir ja auch von seiner Erfahrung profitieren. Mit seiner Hilfe können wir es schaffen, Anna.“

Höflich hielt Jason ihr die Tür auf und räumte ihr einen Stuhl frei, bevor er sich an den Schreibtisch setzte, der unter den vielen Papierstapeln kaum noch zu sehen war.

„Zunächst muss er sich natürlich einen Überblick über die Abläufe hier verschaffen. Dann entwirft er eine Strategie, wie man das Hotel wirtschaftlicher machen kann. Insbesondere beleuchtet er etwaige Spannungen unter den Mitarbeitern.“

Anna verzog das Gesicht. „Seit wann gibt es hier Spannungen? Okay, in der Küche herrscht schon mal ein rauer Ton. Aber das ist überall so. Die meisten Chefköche sind Primadonnen. Luigi ist da keine Ausnahme.“

„Du hast recht. Eigentlich kommen wir alle gut miteinander aus. Trotzdem lässt sich das Betriebsklima sicher noch verbessern. Ich habe herausgefunden, dass der Mann zuallererst Einzelgespräche mit den Mitarbeitern führt, um zu erfahren, ob sie mit ihrem Job zufrieden sind. Wer unzufrieden ist, leistet auch keine gute Arbeit, meint er. Ihm eilt der Ruf voraus, dass er die Zusammenarbeit von Hotelleitung und Angestellten deutlich verbessert. Das Beste an seinem Konzept ist aber, dass die Familie weiterhin der Tätigkeit nachgehen kann, die sie liebt. Wir müssen nicht verkaufen. Und wenn das Hotel wieder richtig gut läuft, sind wir vielleicht sogar in der Lage, die Anteile wieder zurückzukaufen. Natürlich wird auch kein Mitarbeiter entlassen. Ist das nicht super, Anna? Wenn dieser Dante Romano tatsächlich in unser Hotel investiert, sind wir aus dem Schneider.“

„Und was hat er davon? Er wird doch sein Geld sicher nicht investieren, weil er so ein guter Mensch ist.“ Anna konnte Jasons Begeisterung nicht so recht teilen. Irgendwo muss ein Haken an der Sache sein, dachte sie misstrauisch.

Der ernste junge Mann im dunkelgrauen Anzug, der an den Ärmeln schon etwas abgewetzt war, ließ sich nicht beirren.

„Natürlich zahlt sich die Investition auch für ihn aus. Schließlich ist er Geschäftsmann, Anna. Aber er scheint ehrlich daran interessiert zu sein, uns zu helfen. Ich weiß, dass du dir Sorgen um Mum und Dad machst. Das brauchst du nicht. Sie sind erfahrene Hoteliers und lassen sich nicht über den Tisch ziehen. Dante Romano wird zwar den größten Anteil am Hotel erhalten, aber wir leiten es weiterhin. Außerdem ist das Projekt langfristig angelegt. Du solltest dem Mann also wenigstens eine Chance geben, bevor du das Weite suchst.“

„Aus deinem Mund klingt das, als wäre dieser Kerl ein absoluter Glücksgriff“, bemerkte sie.

Tatsächlich schien diese Lösung für alle Beteiligten ideal zu sein, denn alle behielten ihren Job. Aber verbaute sie Anita und Grant nicht die Chance, irgendwo anders ein gutes Leben zu beginnen? Lag es wirklich in ihrem Interesse, das Mirabelle zu behalten?

„Noch ist nichts entschieden, Anna.“ Ihre Skepsis hatte Jason nun wohl doch nachdenklich gemacht. „Romano kommt zum Mittagessen her. Anschließend wird verhandelt. Am Spätnachmittag steht die Entscheidung, wie es hier weitergeht, vielleicht schon fest. Richtest du Luigi bitte aus, dass er sich heute selbst übertreffen soll? Wir wollen unseren Gast doch beeindrucken.“

„Selbstverständlich. Ach, Jason?“

„Ja?“

„Du sollst wissen, dass ich dich und deine Eltern nach Kräften unterstützen werde. Auch ich hänge nämlich an diesem Hotel.“

„Danke, Anna. Ich weiß, dass ich auf dich zählen kann.“

Anna stand auf, rang sich ein Lächeln ab und ging zur Tür. Nach einem letzten Blick auf den nun geistesabwesenden Jason verschwand sie in Richtung Küche. Offenbar dachte der junge Cathcart bereits über seine Zusammenarbeit mit diesem Romano nach. Vielleicht konnte er damit endlich beweisen, was in ihm steckte, und aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters treten.

Als Dante die Glastür öffnete und die gemütliche, altmodische Hotelhalle betrat, holten ihn erneut die Erinnerungen ein. Die Chintzsessel und Ledersofas luden zum Verweilen ein.

Nach der unglaublichen Nacht, die er damals mit Anna verbracht hatte, war er ganz früh am Morgen Richtung New York abgereist. Es hatte ein gutes Jahr gedauert, bis er über den Tod seiner Mutter hinweg gewesen war und sich neue Ziele gesetzt hatte. Seine bisherige Tätigkeit war ihm plötzlich völlig bedeutungslos erschienen. Als der größte Schmerz vergangen war, erinnerte er sich an Annas Zärtlichkeit und an den festen Glauben seiner Mutter, dass er ein deutlich besserer Mensch war, als allgemein angenommen wurde. Das hatte ihn nachdenklich gemacht und war der Beginn einer Tätigkeit gewesen, die ihn erfüllte und wieder Freude in sein Leben brachte.

Die Cathcarts waren ausgesprochen sympathische Leute, die noch an Werte glaubten, die ihm allerdings teilweise antiquiert erschienen. Dante fühlte sich wohl in der Gesellschaft des entzückenden Ehepaars und ließ sich das ausgezeichnete Mittagessen schmecken.

Gleichzeitig blickte er mit wachen Augen um sich. Er bemerkte, wie abgenutzt die Samtvorhänge vor den großen Fenstern waren. Die Silberbestecke hatten auch schon bessere Tage gesehen und die Berufskleidung des Servicepersonals wirkte altmodisch.

Als er nach dem Essen im Büro der Cathcarts in einem bequemen Ledersessel Platz nahm, die Seidenkrawatte lockerte und den von Anita eingeschenkten Kaffee – mit Milch und Zucker – genoss, sah er den Verhandlungen entspannt entgegen. Die Lage des Hotels war fantastisch. Eddie hatte recht: Das Mirabelle könnte sich als wahre Goldgrube entpuppen, wenn man es renovierte und modernisierte. Leider fehlte es der Familie an den dazu notwendigen finanziellen Mitteln, aber die konnte er ja zur Verfügung stellen.

„Es kann gleich losgehen, Mr Romano. Wir warten nur noch auf unsere stellvertretende Geschäftsführerin. Sie gehört praktisch zur Familie und wir möchten sie gern dabeihaben.“

Jason lächelte etwas zaghaft, als er sich Dante gegenübersetzte. Die Hand, in der er Stift und Block hielt, zitterte kaum merklich. Interessant, dachte Dante. Überfordert ihn der Job des Geschäftsführers? Oder fühlt er sich in Gegenwart seiner Eltern unsicher?

„Ist sie über den Zeitpunkt der Besprechung informiert?“

„Selbstverständlich. Sie ist nur …“

„Dann sollte sie auch pünktlich hier sein.“

Er milderte den Vorwurf mit einem flüchtigen Lächeln ab. In diesem Moment ging die Tür auf und Dante wandte sich erwartungsvoll um. Eine Frau mit rostrotem Haar kam herein, umgeben von einem Hauch von Orangen und Patschuli.

Überrascht und schockiert zugleich starrte er sie an. Anna! Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie noch hier arbeitete.

„Tut mir schrecklich leid, dass ich mich verspätet habe“, stieß sie hastig hervor und errötete verlegen. „Ich war …“

Der verblüffte Ausdruck in ihren schönen braunen Augen verriet Dante, dass sie ihn erkannt hatte. Sein Herz pochte aufgeregt. Erst jetzt gestand er sich ein, dass er tatsächlich befürchtet hatte, sie könnte ihn vergessen haben. Das hätte sein Stolz nicht verkraftet, denn noch immer träumte er so manche Nacht von ihr …

„Mr Romano“, sagte Grant Cathcart, „ich möchte Sie mit unserer tüchtigen Geschäftsführerin bekannt machen: Anna Bailey.“

Wie in Trance erhob Dante sich und streckte die Hand aus. Er befürchtete, keinen Ton herauszubringen. Annas schmale Hand fühlte sich kühl an und bebte, als Dante Annas Blick erwiderte. Wen erschütterte dieses Wiedersehen mehr?

„Miss Bailey … ich freue mich sehr“, hörte er sich ausdruckslos sagen.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Mr … Mr Romano“, antwortete sie höflich.

Annas warme samtige Stimme rief sofort Bilder der unvergesslichen Nacht in ihm wach. Ihm wurde heiß. Als er merkte, dass er noch immer ihre Hand hielt, ließ er sie widerstrebend los.

„Setz dich zu uns, Liebes!“ Anita lächelte aufmunternd. „Wenn du Kaffee möchtest, …“

„Nein danke.“ Wie eine Schlafwandlerin ging Anna um den Tisch herum und setzte sich neben Jason, dessen Augen sofort aufleuchteten.

Haben die was miteinander? Heftige Eifersucht durchzuckte Dante, als er das beobachtete. Er setzte sich schnell wieder.

„Da wir jetzt vollzählig sind, können wir ja anfangen.“ Grant ordnete seine Notizen und setzte zu einer Rede an.

Dante Romano? Kein Wunder, dass es ihr nicht gelungen war, ihn zu finden. Wieso hatte er seinen Namen geändert? Ob er immer noch so ein eiskalter Geschäftsmann war, als den die Zeitungen ihn damals beschrieben hatten? Sahen die Cathcarts in ihm wirklich den Retter aus der Not?

Hoffentlich gibt das kein böses Erwachen, dachte Anna beunruhigt und schnitt geistesabwesend grüne und rote Paprikaschoten in Würfel für die Gemüsepfanne, die sie für Tia und sich zum Abendessen zubereitete.

Als sie Dan oder Dante, wie er sich jetzt nannte, vorhin im Büro wiedergesehen hatte, hätte sie fast der Schlag getroffen. Der Blick seiner blaugrauen Augen war ihr durch und durch gegangen. Wie hypnotisiert hatte sie ihn erwidert.

Vor fünf Jahren war ihr gar nicht eingefallen, ihn nach seinem Nachnamen zu fragen. Wozu? Ihr Liebhaber hatte ihr ja deutlich genug zu verstehen gegeben, dass es bei dieser einen Nacht bleiben würde.

Sie hatte sich damit getröstet, ihn von seinem Kummer abgelenkt zu haben. Das musste ihr genügen, auch wenn es schmerzte, Dan niemals wiederzusehen. Erst als sie wusste, dass sie ein Kind von ihm erwartete, hatte sie versucht, ihn ausfindig zu machen. Schließlich hatte er ein Recht zu erfahren, dass er Vater wurde. Also hatte sie im Hotelcomputer nachgeschaut, auf welchen Namen die Suite gebucht worden war und im Internet nach Dan Masterson geforscht.

Als sie jedoch zu der Erkenntnis gelangte, wie eiskalt er offenbar als Geschäftsmann war, hatte sie es sich anders überlegt. Er mochte ja ein zärtlicher Liebhaber sein, aber in anderen Zusammenhängen schien er über Leichen zu gehen. Wollte sie ihrem Kind den Umgang mit einem solchen Menschen wirklich zumuten?

Nein!

Vor der besagten Nacht hatte Anna bis zur Erschöpfung gearbeitet und oft auch Doppelschichten übernommen. Kein Wunder, dass sie einmal vergessen hatte, die Pille zu nehmen. Allerdings hatte sie das erst festgestellt, als ihr morgens plötzlich ständig übel war.

Erst einige Monate nach Tias Geburt beschloss sie, Dan doch ausfindig zu machen. Aber er schien wie vom Erdboden verschluckt. Im Internet gab es keine aktuellen Einträge über ihn. Daher stellte Anna die Suche wieder ein.

Aus dem Wohnzimmer drang fröhliches Kinderlachen. Tia hatte ihre alten Bauklötze wiedergefunden, einen hohen Turm gebaut und ihn gerade zum Einsturz gebracht.

Anna lächelte wehmütig. Wie würde Dante reagieren, wenn er erfuhr, welche Folgen die leidenschaftliche Nacht vor fünf Jahren gehabt hatte? Würde er der Zeit nachtrauern, die er nicht mit seiner entzückenden Tochter hatte verbringen können? Tia hätte sein Leben sicher bereichert. Aber was hätte ich denn tun sollen? überlegte Anna verzweifelt. Ich konnte ihn doch nicht finden!

Ein neuer Gedanke durchzuckte sie. Dante würde sie doch im Zuge der Umstrukturierung nicht entlassen, oder? Und wenn er von Tia erfuhr, würde er versuchen, sie ihr wegzunehmen? Er war ja sehr wohlhabend und vermutlich einflussreich.

Geistesabwesend stellte sie den Herd aus und durchquerte die Küche. Vor einer Collage von Fotos, die Tia als Baby und Kleinkind zeigten, blieb sie stehen und fuhr vor Schreck zusammen, als plötzlich das Telefon klingelte.

„Hallo?“

„Anna? Ich bin’s, Dante. Ich bin noch im Hotel. Du warst vorhin so schnell verschwunden und ich würde gern mit dir reden. Wie ich erfahren habe, wohnst du im Souterrain. Kann ich zu dir kommen?“

4. KAPITEL

Vor Schreck verschlug es Anna die Sprache. Was nun? Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn sie Dante jetzt zu sich in die Wohnung einlud, würde er unweigerlich und leider völlig unvorbereitet auf Tia treffen, die noch immer fröhlich im Wohnzimmer spielte. Das konnte sie ihm nicht antun!

„Ich würde mich wirklich gern mit dir unterhalten, aber …“

„Aber?“

Wahrscheinlich zog er jetzt abschätzig die Augenbraue hoch, weil er wusste, dass Anna versuchte, ihn abzuwimmeln. Verflixt, warum konnte sie sich nicht besser verstellen?

„Ich bereite gerade das Abendessen vor. Können wir uns nicht morgen treffen? Du hast doch sowieso eine Besprechung mit Grant und Anita, oder?“

„Ich würde dich lieber jetzt gleich sehen. Ich bin in fünf Minuten unten.“

Es klickte in der Leitung. Anna hielt den Hörer weit von sich, als wäre er eine Handgranate, die jeden Moment explodieren konnte.

„Tia? Wir bekommen gleich Besuch. Wir warten mit dem Abendessen, bis er wieder fort ist, einverstanden?“

Im Eiltempo hob sie die auf dem Fußboden verstreuten Spielsachen auf und warf sie aufs Sofa. Dann zerrte sie an ihrem smaragdgrünen Pulli. Der war auch schon mal länger gewesen …

Verzweifelt versuchte sie, ruhig zu bleiben, und beschloss, sich hinter der Position der stellvertretenden Geschäftsführerin zu verstecken. Wenn sie sich betont professionell gab, würde schon nichts passieren. Dante wusste ja nicht, dass sie sich damals unsterblich in ihn verliebt und seitdem keinen anderen Mann angeschaut hatte.

Allerdings kannte Anna sich selbst gut genug, um zu wissen, dass sie ihre wahren Gefühle nur schlecht verbergen konnte. Früher oder später würde er den Braten riechen.

„Wer kommt denn zu Besuch, Mummy?“ Tia zog an Annas Hose und Anna schaute zu ihrer Tochter hinunter. In diesem Moment wurde Anna zum ersten Mal bewusst, dass Tia die blaugrauen Augen ihres Vaters geerbt hatte. „Mummy, ist es Auntie Anita?“

„Nein, Liebling.“ Nervös rang Anna sich ein Lächeln ab und überlegte fieberhaft, wie sie ihrer Tochter erklären sollte, wer seinen Besuch angekündigt hatte. „Es ist Dante Romano. Ein alter Freund von mir.“

„Und warum kenne ich ihn dann noch nicht?“, fragte die Kleine vorwurfsvoll.

„Weil …“

Die Antwort blieb ihr erspart, denn in diesem Augenblick klopfte es an der Wohnungstür. Anna schob sich die Ärmel hoch, geleitete Tia zum Sofa, wartete, bis sie bequem saß, und schob ihr zärtlich eine blonde Korkenzieherlocke aus der Stirn. „Ganz ruhig, Tia. Er ist sehr nett und freut sich bestimmt sehr, dich nun kennenzulernen.“

Dann eilte sie wieder hinaus. Tränen stiegen in ihr auf. Jetzt nicht! Verzweifelt wischte sie sich mit dem Handrücken über die Wangen, atmete tief durch und öffnete die Tür.

„Hallo.“

Sein selbstbewusstes Lächeln machte sie mit einem Mal wütend. Diesen plötzlichen Stimmungsumschwung konnte sie sich nicht erklären.

„Komm rein.“ Höflich machte sie ihm Platz. Hoffentlich sah man ihr nicht an, dass sie geweint hatte.

Dante fragte sich, ob er ungelegen kam. Annas bezaubernde braune Augen schimmerten verdächtig feucht. Damit musste wohl auch zu tun haben, dass sie versucht hatte, ihn auf morgen zu vertrösten. Doch so lange konnte er nicht warten. Er sehnte sich danach, sie wiederzusehen und sich ungestört mit ihr zu unterhalten. Zu gern wollte er wissen, ob sie manchmal an ihn dachte. War ihre gemeinsame Nacht auch für sie unvergesslich gewesen?

Anna schloss die Tür, verschränkte die Arme und baute sich vor ihm auf. Offensichtlich wollte sie sich im Flur mit ihm unterhalten. Sofort fühlte Dante sich zurückgewiesen, ließ sich jedoch nichts anmerken. Eindringlich musterte er ihr blasses Gesicht. Sie wirkte erschöpft.

„Was möchtest du mit mir besprechen?“, fragte sie ernst und fast ein wenig abweisend.

So hatte er sich das nicht vorgestellt. „Was ist denn das für eine Begrüßung, Anna? Du siehst aus, als würdest du gleich zum Verhör geführt. Entspann dich!“

„Entschuldige, aber ich bin beschäftigt.“

„Du bist beim Kochen, oder?“ Dante versuchte am Geruch zu erraten, was auf dem Herd stand.

„Was für eine Begrüßung hast du nach all den Jahren erwartet? Ich hätte nie damit gerechnet, dich jemals wiederzusehen. Kannst du dir nicht vorstellen, dass es ein Schock für mich war, als du plötzlich als Investor im Mirabelle aufgetaucht bist? Darauf war ich nun wirklich nicht vorbereitet.“ Sie biss sich auf die Lippe und atmete tief durch. „Es wäre mir sehr lieb, wenn wir uns in Zukunft auf rein beruflicher Ebene begegnen würden, Mr Romano.“

Dante musterte sie verblüfft. „Warum? Könntest du sonst in Versuchung kommen, da anzuknüpfen, wo wir vor fünf Jahren aufgehört haben?“

Ihre Unnahbarkeit verletzte ihn. Deshalb diese spontane Bemerkung. Natürlich war die Frage sehr verräterisch, denn sie offenbarte, was er sich seit dem unverhofften Wiedersehen mit Anna insgeheim gewünscht hatte.

Verlegen senkte sie den Blick. Als sie wieder aufsah, funkelten ihre Augen zornig.

„Ganz schlechter Stil, Mr Romano. Schlimm genug, dass ich Ihnen nur gut genug war für eine Nacht, aber anzunehmen, dass ich … dass ich jetzt selbstverständlich für eine Wiederholung zur Verfügung stehe, ist eine bodenlose Frechheit.“ Anna konnte sich kaum beruhigen. „Sie werden es nicht glauben, aber es gibt Leute, die sich weiterentwickelt haben.“

Dante nickte nachdenklich. „Ich weiß. Du bist sogar zur stellvertretenden Geschäftsführerin aufgestiegen.“ Ein Muskel zuckte in seiner Wange.

„Wollen Sie mir etwa unterstellen, ich hätte den Posten durch andere Mittel als harte Arbeit bekommen? Dann können Sie gleich wieder gehen. Ich lasse mich doch von Ihnen nicht beleidigen!“

Er konnte sich das Lächeln kaum verkneifen. Hatte Anna eigentlich eine Ahnung, wie sexy sie aussah, wenn sie wütend war? Die Augen sprühten Funken, das tizianrote Haar erinnerte an loderndes Feuer – bei diesem Anblick wäre jeder Mann auf verführerisch prickelnde Ideen gekommen. Er selbst jedenfalls hatte das Gefühl, vor Verlangen zu brennen.

„Ich bin nicht hergekommen, um dich zu beleidigen, Anna. Ich wollte dich einfach nur wiedersehen.“

„Wieso schreist du, Mummy?“

Ein kleines Mädchen mit den hübschesten blonden Korkenzieherlocken, die Dante je gesehen hatte, tauchte im Flur auf. Der Schreck durchfuhr ihn. Die Kleine hatte Anna mit „Mummy“ angeredet.

Nervös ging Anna auf das Kind zu und strich ihm über das ungebändigte Haar, dann griff sie beruhigend nach seiner kleinen Hand. „Tia, das ist der Mann, von dem ich dir erzählt habe: Mr Romano.“

„Warum nennst du ihn Mr Romano? Du hast doch gesagt, er heißt Dante.“

Ein bemerkenswert aufgewecktes Kind. Dante lächelte amüsiert. Und die Kleine erwiderte schüchtern sein Lächeln.

„Hallo Tia.“ Er schaute ihr in die faszinierenden blaugrauen Augen und stutzte, weil sie ihm seltsam bekannt vorkam. Merkwürdig. Dante wandte sich wieder Anna zu. „Du bist verheiratet und hast eine Tochter?“, fragte er benommen. „Ist das die Weiterentwicklung, die du erwähnt hast?“

„Ich bin nicht verheiratet.“

„Aber du lebst mit ihrem Vater zusammen?“

Verlegen senkte Anna den Blick. „Nein.“

„Dann ist wohl etwas schiefgelaufen.“ Dante hatte sich wieder gefangen und schöpfte neuen Mut. Sie war also wieder allein. Es musste ziemlich hart sein, das Kind allein zu erziehen. Hoffentlich sorgte der Vater wenigstens finanziell für seine Tochter. Dante, dessen Vater seine Mutter und ihn eiskalt im Stich gelassen hatte, wusste nur zu gut, wie sich das anfühlte. Er konnte nur hoffen, dass es Anna und Tia besser erging als ihm damals.


„Vielleicht solltest du jetzt doch lieber mit ins Wohnzimmer kommen.“ Anna ging mit Tia voran.

Dante hatte keine Ahnung, was das nun wieder zu bedeuten hatte, setzte sich aber ebenfalls in Marsch und fand sich gleich darauf in einem gemütlichen Wohnzimmer wieder, das durch einen hellen Anstrich größer und heller wirkte, als es war. Durch die hoch gelegenen Fenster der Souterrainwohnung drang ja nicht viel Tageslicht.

„Setz dich doch.“ Anna zeigte auf ein goldfarbenes Sofa, auf dessen einer Ecke sich Spielzeug stapelte. „Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?“

Es kam ihm verdächtig vor, dass sie innerhalb von Sekunden ihre abweisende Haltung aufgegeben hatte und nun die perfekte Gastgeberin spielte.

„Nein danke.“ Er nahm auf dem Sofa Platz, lockerte den Schlips und sah Anna forschend an. „Was ist hier eigentlich los? Du kannst mir nichts vormachen, Anna. Auf meine Menschenkenntnis kann ich mich verlassen.“

Nervös spielte sie mit ihrem Haar. Langsam wurde die Spannung unerträglich. Schließlich wandte Anna sich ihrer Tochter zu. „Willst du nicht in deinem Zimmer nach dem Malbuch suchen, das wir vorhin nicht gefunden haben? Das mit den Tieren vorn drauf. Schau überall ganz genau nach und bring auch Buntstifte mit.“

„Hilft Dante mir beim Anmalen, Mummy?“, fragte die Kleine erwartungsvoll.

„Gern“, antwortete Dante selbst und zwinkerte ihr zu. „Warum nicht?“

Fröhlich begab Tia sich auf die Suche, während Anna Dante einen vielsagenden Blick zuwarf und nach den richtigen Worten suchte.

„Als wir damals die Nacht miteinander verbracht haben …“ Sie räusperte sich. Dante wartete gespannt und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. „Ich bin schwanger geworden. Trotz Pille. Ich habe so viel gearbeitet und wenig geschlafen, dass ich ein einziges Mal vergessen habe, sie zu nehmen. Das ist mir natürlich erst später aufgegangen. Der langen Rede kurzer Sinn: Tia ist deine Tochter.“

Dante saß da wie vom Donner gerührt. Fassungslos starrte er Anna an. Ihm war, als habe er jegliche Orientierung verloren. Minuten vergingen. Er fühlte nichts, konnte keinen Gedanken fassen. In seinem Kopf herrschte gähnende Leere.

Wie gelähmt saß Dante einfach nur da. Schließlich kam wieder Leben in ihn. Plötzlich schienen die Emotionen sich zu überschlagen. Schwankend stand er auf und starrte die schlanke rothaarige Frau mit den ausdrucksvollen Augen an, die reglos vor ihm stand.

„Was soll das?“ Wütend herrschte er sie an. „Hat dich jemand auf die Idee gebracht, Geld aus mir herauszupressen? Jetzt rede schon!“ Ungeduldig fuhr er sich mit bebenden Händen durchs Haar. „Könntest du das bitte noch einmal sagen, Anna? Ich möchte sicher sein, mich nicht verhört zu haben.“

„Niemand hat mich angestiftet und ich will auch kein Geld von dir. Ich sage die Wahrheit, Dante. Die Nacht, die wir zusammen verbracht haben, ist nicht ohne Folgen geblieben.“

„Das Kind, mit dem du schwanger wurdest, ist Tia?“

„Ja.“

„Wenn das stimmt, warum hast du mich dann nicht ausfindig gemacht?“

„Weil wir vereinbart hatten, dass es bei dieser einen Nacht bleiben würde.“ Sie schluckte und wurde noch bleicher. „Am Morgen sind wir wieder getrennter Wege gegangen. Du warst so verzweifelt. Ich wusste, dass du um jemanden trauertest, aber du wolltest mir ja nicht erzählen, was passiert war. Du brauchtest mich in dieser Nacht, um dich von deinem Kummer abzulenken. Von einer Beziehung war nie die Rede. Du hast mir ja nicht einmal deinen Nachnamen verraten.“

Wütend schüttelte er nur den Kopf.

„Den Namen hättest du bei den Reservierungen im Computer gefunden. Eine kurze Suche im Internet und du hättest meine Kontaktdaten gehabt. Wieso hast du dich nicht bei mir gemeldet?“

Sie wollte etwas sagen, überlegte es sich aber offensichtlich anders. Schließlich wiederholte sie nur: „Wir hatten doch vereinbart, dass es eine einmalige Sache bleiben sollte. Ich habe lediglich deinen Wunsch respektiert.“

„Meine Wünsche respektiert? Bist du verrückt? Es handelt sich nicht um ein kleines Versehen, das sich einfach aus der Welt schaffen lässt. Ist dir eigentlich bewusst, was du getan hast, Anna? Du hast mir mein eigenes Kind vorenthalten! Vier Jahre lang musste meine Tochter ohne ihren Vater aufwachsen. Hat sie eigentlich nie nach mir gefragt?“

„Doch, das hat sie.“

„Und was hast du ihr erzählt?“

Verunsichert senkte Anna den Blick und überlegte verzweifelt, was sie sagen sollte. Schließlich sah sie wieder auf. „Als Tia wissen wollte, wo ihr Daddy ist, habe ich behauptet, du wärst krank und müsstest dich erholen. Was hätte ich denn sonst sagen sollen? Ich wusste ja nicht einmal, wo du warst und ob es dich überhaupt interessiert, dass du eine Tochter hast.“

Dante fasste sich an den schmerzenden Kopf. „Du hast dir ja nicht einmal die Mühe gemacht, nach mir zu suchen.“

„Du kannst doch nicht mir die Schuld zuschieben, wenn du es warst, der auf der Einmaligkeit unseres Zusammenseins bestanden hat.“ Anna war noch bleicher geworden.

„Wahrscheinlich wolltest du mich einfach vergessen, weil du schon den nächsten Liebhaber an der Angel hattest.“ Wütend funkelte Dante sie an. „Hat ein anderer Mann die Vaterrolle für Tia übernommen?“

„Nein, ich kümmere mich ganz allein um Tia. Gleichzeitig habe ich mich weitergebildet, um den Lebensunterhalt für uns zu verdienen. Ich habe überhaupt keine Zeit für eine Beziehung.“

Trotz seiner Wut war Dante dankbar, dass es Tia erspart geblieben war, sich ständig an neue Männer im Leben ihrer Mutter zu gewöhnen. Kinder brauchten Stabilität, Zuspruch, Liebe …

Erstaunt wurde Dante bewusst, dass er keine Sekunde an seiner Vaterschaft gezweifelt hatte. Dabei hatte er doch nur eine unglaubliche, leider viel zu kurze Nacht mit Tias Mutter verbracht. Doch beim ersten Blick in ihre ungewöhnlichen Augen, die seinen so ähnlich waren, hatte er eine tiefe Verbundenheit zu der Kleinen gespürt.

„Jetzt wirst du dir Zeit für eine Beziehung nehmen müssen, Anna. Deine gemütliche kleine Idylle, in der alles so läuft, wie du es willst, gehört hiermit der Vergangenheit an. Du hast die Bombe von meiner Vaterschaft platzen lassen, jetzt musst du auch die Konsequenzen tragen.“

„Was für Konsequenzen?“

„Kannst du dir das nicht denken?“ Dante ballte die Hände zu Fäusten. „Bildest du dir vielleicht ein, ich würde die Tatsache, dass ich der Vater deiner Tochter bin, einfach tatenlos hinnehmen und zur Tagesordnung übergehen? Vergiss es! Ich will meiner Tochter ein guter Vater sein. Dazu gehört auch, dass wir unsere Beziehung legalisieren – zum Wohl des Kindes natürlich, nicht weil ich außer mir vor Begeisterung bin, wieder mit dir zusammen zu sein, Anna. Du hast mich hintergangen und das werde ich dir ganz sicher nicht so schnell verzeihen.“

„Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass du eine wichtige Rolle in Tias Leben übernimmst“, erklärte Anna ruhig. „Aber das heißt noch lange nicht, dass wir eine Beziehung führen müssen. Vor fünf Jahren hast du eine Beziehung kategorisch ausgeschlossen, und ich habe es akzeptiert. Ich arbeite gern hier im Hotel, die Eigentümer haben sich sehr um Tia und mich gekümmert. Ich bin ihnen sehr dankbar. Warum sollte sich an der derzeitigen Situation etwas ändern?“

Dante rieb sich die schmerzenden Schläfen. Er sprach nicht gern von seiner Vergangenheit, aber in diesem Fall ließ sich das kaum umgehen. „Vor fünf Jahren stand ich kurz vorm Burnout. Ich hatte praktisch rund um die Uhr gearbeitet. Dann starb meine Mutter. Sie war Italienerin. Ich trage jetzt ihren Nachnamen. Ich erwähne das nur, weil ich an dem besagten Abend gerade von ihrer Beerdigung in Italien gekommen war. Damals hatte ich meinen Wohnsitz in New York, konnte aber keinen Direktflug bekommen und musste in London übernachten. Ich war völlig am Boden zerstört und konnte mir nicht vorstellen, eine Beziehung einzugehen.“

Dante sah Anna durchdringend an, bevor er tief Luft holte und weitersprach: „Auch meine Mutter war allein erziehend, daher weiß ich, wie schwer das ist. Sie ist früh gealtert und ich habe mir ständig Sorgen um sie gemacht. Ich werde also mit aller Macht zu verhindern versuchen, dass mein Kind das gleiche Schicksal erleidet. Es wird dir nichts anderes übrig bleiben, Anna: Du musst mich heiraten.“

Voller Mitgefühl betrachtete sie den Mann, nach dem sie sich fünf lange Jahre lang gesehnt hatte. Sie war froh, dass sie nun endlich wusste, was ihn damals so mitgenommen hatte. Ihr Herz flog ihm förmlich zu. Andererseits widerstrebte es ihr, sich lediglich aus Vernunftgründen an ihn zu binden. Dante Romano war zwar der Vater ihrer geliebten Tochter, aber Anna konnte ihn einfach nicht einschätzen. Sie konnte doch keinen Mann heiraten, den sie kaum kannte.

„Es tut mir sehr leid, dass du deine Mutter verloren hast, Dante. Ich habe ja mitbekommen, wie erschüttert du warst. Aber du kannst mir nicht vorschreiben, dich zu heiraten, nur weil du Tias Vater bist. Das wäre verrückt und verantwortungslos. Schließlich kennen wir einander nur flüchtig. Außerdem habe ich nicht die Absicht zu heiraten. Ich finde alles gut so, wie es ist. Natürlich freut es mich, dass du von nun an eine aktive Rolle in Tias Leben spielen willst. Das kannst du aber auch ohne eine Beziehung zu mir.“

„Das könnte dir so passen!“ Wütend funkelte er sie an.

„Ach ja, noch was: Bitte behalte es für dich, dass du Tias Vater bist. Ich würde es Grant und Anita gern selbst irgendwann sagen, möchte aber den richtigen Zeitpunkt abwarten. Tust du mir den Gefallen?“

„Meinetwegen. Ich gebe dir zwei Tage Zeit. Aber dann erzählst du es ihnen, Anna. Sonst tue ich es“, fügte er drohend hinzu.

„Ich habe mein Malbuch gefunden. Und meine Stifte.“ Der kleine Wirbelwind schoss direkt auf Dante zu.

Einen Moment lang schien er völlig überfordert zu sein. Offenbar kämpfte er um seine Selbstbeherrschung. Anna konnte sich vorstellen, wie er sich fühlen musste.

„Hilfst du mir bitte beim Anmalen?“

Der große, breitschultrige Mann mit dem zerzausten blonden Haar war dem Charme seiner kleinen Tochter bereits erlegen. Anna sah es mit Freude, aber auch Sorge.

„Das habe ich dir doch versprochen, oder?“, fragte er mit vor Ergriffenheit rauer Stimme. Dann nahm er die Hand seiner Tochter und ließ sich lammfromm zum Sofa führen. Bevor er sich setzte, legte er das dunkelblaue Jackett ab und warf es achtlos über die Rückenlehne.

Dann suchte er Annas Blick. „Ich hätte jetzt doch gern etwas zu trinken. Ein Kaffee wäre schön. Mit Milch und zwei Löffeln Zucker. Danke, Anna.“

5. KAPITEL

Als Dante sich schließlich verabschiedete, nachdem er auf Annas Einladung hin mit ihnen zu Abend gegessen hatte, musste Anna der Tatsache ins Auge sehen, dass Tia völlig vernarrt in ihn war.

Die Kleine hatte beim Essen fast allein für die Unterhaltung gesorgt und freute sich so sehr über Dantes Gesellschaft, dass sie lauthals protestierte, als sie ins Bett gehen sollte. Erst als sie Dante das Versprechen abgenommen hatte, ihr noch eine Gutenachtgeschichte vorzulesen, ließ sie sich besänftigen.

Eine halbe Stunde später kehrte er geistesabwesend ins Wohnzimmer zurück. Offensichtlich brauchte er noch eine Weile, sich an seine neue Rolle zu gewöhnen. Auf die Idee, er könnte Vater geworden sein, wäre er wohl niemals gekommen.

Auf Annas Lächeln reagierte er nicht. Er wollte auch keine weiteren Erklärungen von ihr hören, warum sie ihn nicht kontaktiert hatte. All das konnte warten.

„Uns erwartet ein langer, anstrengender Tag im Hotel“, sagte er. „Über unsere persönlichen Angelegenheiten können wir morgen Abend weiterreden.“ Sein Blick verriet, dass kein Widerspruch geduldet wurde. „Gute Nacht, innamorata. Wir sehen uns morgen früh. Schlaf gut. Wir haben viel vor, du musst morgen hellwach sein.“ Er lächelte ihr flüchtig zu, dann war er verschwunden.

Innamorata … Hieß das nicht „Liebste“ auf Italienisch? Anna erschauerte. Sie hatte doch deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht an einer Beziehung interessiert war. Bestand Dante etwa trotzdem auf einer Heirat? Wahrscheinlich. Aber doch sicher nur, um seinen Anspruch auf Tia zu legalisieren. An mir ist er gar nicht interessiert, dachte Anna verletzt.

Sie fühlte sich plötzlich noch einsamer. Bis zum frühen Morgen lag sie wach und dachte an Dante. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Wie sollte sie den kommenden Arbeitstag nur überstehen, ohne zwischendurch einzunicken? Das würde dem neuen Geschäftspartner gar nicht gefallen, zumal er ihr ja noch eingeschärft hatte, ausgeschlafen zur Besprechung zu erscheinen. Dante war sowieso schon wütend, weil er erst jetzt von Tias Existenz erfahren hatte. Möglicherweise sann er auf Rache. Vielleicht verliere ich meinen Job und das Dach über dem Kopf, dachte Anna beunruhigt.

Frustriert boxte sie gegen das Kopfkissen und stöhnte. Dann machte sie entschlossen die Augen zu und versuchte, sich zu entspannen. Zwei Stunden Schlaf waren besser als nichts …

„Sie sind unpünktlich, Miss Bailey.“

Diese vorwurfsvolle Bemerkung kam nicht von den Cathcarts, sondern von Dante. Er saß an der Kopfseite des Konferenztisches im Büro der Hoteleigner. In seinem maßgeschneiderten dunklen Anzug, dem eleganten schwarzen Hemd und mit der kobaltblauen Krawatte sah er umwerfend aus.

Ein durchdringender Blick aus seinen faszinierenden Augen traf Anna auf der Türschwelle. Seit der Schulzeit hatte niemand mehr so tadelnd mit Anna gesprochen.

Dante kannte also kein Pardon. Offenkundig hatte er sich nach den Neuigkeiten des gestrigen Tages tatsächlich entschlossen, Rache zu nehmen. Außerdem wollte er wohl deutlich machen, wer hier der Boss war.

„Entschuldigung. Leider habe ich eine schlaflose Nacht hinter mir. Am frühen Morgen muss ich dann doch eingeschlafen sein und habe den Wecker nicht gehört.“

„Es ist doch nichts mit Tia, oder?“, fragte Anita sofort besorgt.

Auch Dante zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Nein, Tia geht’s gut. Ich konnte nur einfach nicht schlafen.“

Dante entspannte sich wieder und überflog die vor ihm liegenden Papiere, bevor er wieder aufsah und Anna kühl musterte. „So eine schwache Entschuldigung für Unpünktlichkeit ist inakzeptabel, Miss Bailey. Wenn Sie an Ihrem Job hier hängen, sollten Sie sich einen lauteren Wecker besorgen.“

Die Cathcarts musterten ihn verblüfft. Dem jovialen Grant war dieser ungewohnt scharfe Tonfall in seinem Büro sichtlich unangenehm. Anita lächelte Anna mitfühlend zu und gab ihr durch Lippensprache zu verstehen, das nicht so ernst zu nehmen.

„Dante?“ Die Hotelbesitzerin konnte seinen Anpfiff nicht einfach kommentarlos übergehen. Ihre Stimme war leise, aber nicht ohne Autorität. „Jeder von uns hat schon mal die Zeit verschlafen. Das passiert einfach und ist nur allzu menschlich. Übrigens duzen wir uns mit allen unseren Mitarbeitern und gerade Anna steht uns sehr nahe. Ich erwähnte ja bereits, dass sie nicht nur unsere Angestellte ist, sondern quasi zur Familie zählt.“

„Genau das ist das Problem in einem Familienunternehmen“, entgegnete Dante in scharfem Tonfall. „Ich habe nichts gegen einen informellen Umgangston, solange sich alle an die Spielregeln halten. Wenn sie den Mitarbeitern zu viel durchgehen lassen, tanzen sie Ihnen bald auf der Nase herum.“

„Das ist ja unerhört!“ Anna musterte ihn empört. Wie konnte er nur so von oben herab mit Anita reden? „Es würde mir nicht im Traum einfallen, meinen Vorgesetzten auf der Nase herumzutanzen. Ich verdanke ihnen alles: meine Arbeit, meine Wohnung …“

Sie biss sich auf die Lippe, um den wütenden Wortschwall zu stoppen, und setzte sich schnell neben Jason auf einen freien Stuhl. Es ärgerte sie, dass Dante sie für ihre Privatangelegenheiten am Arbeitsplatz abstrafte, noch dazu vor den Augen und Ohren der Cathcarts! So ein Fauxpas wäre ihr niemals passiert.

Dante überhörte ihren Ausbruch geflissentlich. Insgeheim freute es ihn diebisch, dass sie eine schlaflose Nacht hinter sich hatte. Warum sollte es ihr besser ergehen als ihm? Allein die völlig unerwartete Neuigkeit, dass er Vater eines entzückenden, wunderschönen Kindes war, hätte ihn schon um den Schlaf gebracht. Dazu kam noch Annas Weigerung, ihn zu heiraten.

Ablehnung und Zurückweisung hatten ihn schon immer schwer getroffen. Doch damit kam Anna nicht durch. Dante war wild entschlossen, sie zum Traualtar zu führen, selbst wenn sie sich noch so sehr wehrte. Ebenso entschlossen war er, es seiner Tochter an nichts fehlen zu lassen. Sie sollte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend erleben.

Doch das war alles Privatsache. Jetzt galt es, sich auf das Projekt Mirabelle zu konzentrieren. Das Hotel sollte in neuem Glanz erstrahlen und wieder schwarze Zahlen schreiben. Er hatte schon eine recht genaue Vorstellung davon, welche Veränderungen und Verbesserungen erforderlich waren. Seine Vorgehensweise war immer dieselbe: Zuerst führte er Einzelgespräche mit allen Mitarbeitern.

„Darf ich dir eine Tasse Kaffee einschenken?“ Fragend sah er Anna an, die vor dem Schreibtisch Platz genommen hatte.

„Nein danke.“ Sie begegnete seinem Blick nur flüchtig, dann schaute sie wieder weg.

Verärgerung und Enttäuschung über ihre abweisende Art gefährdeten den Vorsatz, freundlich und fair zu bleiben. War Anna immer noch wütend über seinen Anpfiff vorhin? Irgendwie musste er sich in besseres Licht setzen. Dieses Gespräch war sehr wichtig und durfte nicht durch private Probleme beeinflusst werden. Darüber konnten sie nach Feierabend sprechen.

„Auch gut. Dann können wir ja gleich in medias res gehen.“

„Wie du willst.“

„Entspann dich, Anna. Du siehst aus, als würdest du gleich zum Schafott geführt. Dabei wollen wir uns lediglich über deinen Job unterhalten.“ Ungehalten fuhr er sich durchs Haar und versuchte, sein Temperament zu zügeln. Diese Frau entfesselte beinahe unbeherrschbare Gefühl in ihm, ob es heißes Verlangen oder blinde Wut war. Wieso reagierte er so heftig auf sie?

„Kann ich meinen Job behalten, oder hast du vor, mich bei deiner Aufräumaktion gleich mit auf die Straße zu setzen?“

„Was?“ Verblüfft musterte er sie. Plötzlich bemerkte er die Angst in ihrem Blick.

„Du willst hier doch umfangreiche Verbesserungen vornehmen. Muss ich mir Sorgen um meinen Posten machen?“

Dante erinnerte sich an ihre erste Begegnung.

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