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Der Millionär und die Gärtnerin / Schön durch die Liebe / Stürmische Gefühle in der Karibik / Wenn die Leidenschaft wieder erwacht

Christina Hollis

Der Millionär und die Gärtnerin

1. KAPITEL

Kira stand im Schatten der hohen Pinien und schaute über das Bella-Terra-Anwesen hinaus, ihre Aufmerksamkeit auf die andere Seite des Tals gerichtet. In der Ferne zog sich eine weiße Narbe durch die grünen Hügel – die Straße. Kira wartete darauf, eine Wolke toskanischen Staubs zu erblicken, die das Ende ihrer friedlichen Abgeschiedenheit einläuten würde.

Ihr kleines Paradies würde sich bald für immer verändern. Das Land um ihr Haus herum stand zum Verkauf. Wollte man der Maklerin glauben, so hatte der fantastischste Mann der Welt Interesse, es zu kaufen.

Kira wiederum hätte es nicht weniger interessieren können. Sie war nach Italien gezogen, um all dem zu entfliehen. Das, was sie bisher über Signor Stefano Albani gehört hatte, tat nichts, um ihre Meinung über Männer zu verbessern. Die Maklerin war am Nachmittag gekommen, um Albani das Anwesen zu zeigen. Doch als der Mann nicht auftauchte, hatte sich die atemlose Aufregung der Frau mehr und mehr gelegt. Vermutlich war der Milliardär mehr an Frauen interessiert als an einem riesigen Gut.

Als die Maklerin sich dann Sorgen wegen ihres nächsten Termins zu machen begann, hatte Kira angeboten, den Schlüssel zur Villa und das Exposé zu überreichen. Zwar gab sie sich nur ungern mit Fremden ab, aber es sah ja nicht so aus, als würde Signor Albani noch kommen. Und das Angebot war eigentlich eher ein Vorwand, um die Maklerin endlich loszuwerden.

Es klappte. Die Frau eilte davon und ließ Kira allein zurück.

Was gab es Schöneres, als einen Nachmittag lang die Aussicht über Bella Terra zu genießen?

Wolken verdeckten jetzt die heiße Sonne, und Kira wurde immer zuversichtlicher, dass Stefano, der charmante Verführer, nicht mehr kam – eine Erleichterung in mehr als nur einer Hinsicht. Je weniger Hausbesichtigungen stattfanden, desto länger würde es dauern, das Anwesen zu verkaufen. Kira war es gleich, selbst wenn das riesige alte Haus für immer leer stehen sollte. Ihr kleines Häuschen lag separat von der Villa, auch wenn zwischen den beiden Gebäuden Sichtkontakt bestand.

Bella Terras letzter Besitzer, Sir Ivan, war ein ebenso reservierter Mensch gewesen wie Kira. Sie hatten sich jeden Tag über das Tal hinweg zugewinkt, während Kira sich um die Gärten des Anwesens kümmerte. Weiter war ihre Freundschaft nie gegangen, und es hatte ihnen beiden zugesagt. Jetzt war Sir Ivan tot. Seltsam, in den zwei Jahren, seit Kira La Ritirata gekauft hatte, hatte sie kaum – und wenn, dann nur geschäftlich – mit dem Mann gesprochen, und doch vermisste sie ihn. Wer immer Bella Terra kaufte, wäre bestimmt nicht so diskret und unaufdringlich wie der alte Mann. Sie hasste die Vorstellung.

Sie fragte sich, ob die Zukunft vielleicht eine weniger große Bedrohung darstellen würde, wenn sie jemanden hätte, mit dem sie reden könnte. Ein Brief war gestern angekommen. Aus England. Der Umschlag lag ungeöffnet auf dem Küchentisch. Sie wusste, sie würde den Brief beantworten müssen, aber noch brachte sie es nicht über sich.

Bemüht richtete sie ihre Gedanken wieder auf die Szenerie vor sich. Die Wolkenbank über den Hügeln wurde dichter. Bald würde ein Gewitter losbrechen und der Regen die einzige Straße zu Bella Terra in einen schlammigen Fluss verwandeln. Kira lächelte vor sich hin. Sollte Signor Albani wider Erwarten auf dem Weg sein, würde ihm sicher schnell die Lust vergehen, sich mit einem teuren Sportwagen den Hügel hinaufzukämpfen wie ein Lachs gegen die Stromschnellen. Ihr kleines Paradies wäre also noch eine Weile sicher.

Plötzlich meinte sie, eine Veränderung in der Luft zu spüren. Die Vögel stellten ihr Gezwitscher ein, ein Reh brach aus dem Wald und sprang über den Pfad in die Wiese hinein. Kira spürte den Boden unter ihren Füßen beben, instinktiv lief auch sie zu der Sommerwiese. Die Pinienwipfel, gerade noch ruhig, wogten jetzt hin und her wie sturmgepeitschte Wellen.

Doch es war kein Erdbeben, es war etwas viel Alarmierenderes. Ein Hubschrauber stieß aus der Luft herab und riss Ruhe und Frieden des Tales entzwei.

„Für die nächsten zwei Stunden bin ich nicht zu erreichen“, sagte Stefano Albani in seine Freisprecheinrichtung. „Mit dem Mailand-Projekt ist alles geregelt, und sollten Murrays Leute sich melden, sag ihnen, dass die Beteilung nicht zustande kommt – es sei denn, sie lassen sich etwas einfallen, das mich interessieren kann.“

Er beendete den Anruf und lehnte sich in den Sitz zurück, trotzdem entspannte er sich nicht. Um einen Hubschrauber zu fliegen, brauchte man volle Konzentration. Wenn er eine Immobilie besichtigte, sah er sich das Objekt grundsätzlich erst aus der Luft an. Bella Terra hier war perfekt, geradezu ein Traum. Schattige Wäldchen boten Schutz vor der Sommerhitze, während prächtig blühende Terrassenbeete in allen Farben nahe beim Haus genügend Platz boten, um die Sonne zu genießen. Apropos genießen …

Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Da unten stand eine Frau und winkte mit beiden Armen, in der einen Hand hielt sie Papiere. Ein Mundwinkel hob sich zu einem halben Lächeln. Er hatte nur am Telefon mit der Maklerin gesprochen, aber wie es von hier oben aussah, war sie ebenso attraktiv, wie ihre Stimme bei dem langen und wirklich anregenden Telefonat geklungen hatte. Da weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten, wäre sicherlich eine angenehme Art und Weise, sich nach einem hochtourigen Arbeitstag zu entspannen.

Er schaute zu der hübschen kleinen ragazza dort hinunter und winkte zurück. Nach den Schlachten im Vorstandszimmer und den Investitionsentscheidungen boten ein paar Stunden an einem Ort wie diesem hier eine großartige Abwechslung. Die Gesellschaft einer schönen Frau war ein zusätzlicher Bonus.

Mit einem Lächeln landete Stefano den Helikopter hinter dem Haus. Die wenigen wertvollen Stunden Freiheit ließen sich ja bestens an.

Kira war der Sinn für Humor vergangen. Bella Terra war ein ruhiges Tal, das Donnern von Hubschrauberrotoren ein beleidigender Angriff auf die stille Schönheit. Vor allem schien es ihr wie ein Omen für die Dinge, die noch kommen würden.

„Da fliegen Fasane ja höher!“, rief sie dem Metallvogel nach, natürlich ohne gehört zu werden. Dennoch … es war ein gutes Gefühl, dem Ärger Luft zu machen.

Mit in die Hüften gestemmten Händen schaute sie zu, wie der Hubschrauber hinter dem Haus absank. Wäre sie nicht so verärgert, wäre sie vielleicht nervös gewesen. So jedoch spurtete sie los, zwängte sich durch ein überwachsenes Loch in dem schmiedeeisernen Zaun und marschierte zum Haus.

Der Hubschrauber stand direkt vor dem Eingang, sauber geparkt wie ein Auto – von dem Piloten jedoch keine Spur. In der drückenden Hitze umrundete Kira die Villa und ärgerte sich noch mehr. Jeder vernünftige Mensch hätte sich sofort in den Schatten geflüchtet! Als sie auf der Nordseite ankam, sah sie eine männliche Gestalt durch den Durchlass in der Eibenhecke verschwinden, der zum Brunnengarten führte. Sie wollte schon rufen, doch etwas an der athletischen Grazie des Mannes ließ sie stumm bleiben. Als sie dann in dem sonnendurchfluteten Karree ankam, war niemand mehr zu sehen.

Sie hörte Schritte, ohne bestimmen zu können, aus welcher Richtung sie kamen, dann legten sich plötzlich starke Hände um ihre Taille und zogen sie in eine Umarmung.

„Endlich haben wir uns gefunden, Miss Barrett“, schnurrte eine tiefe Stimme. „Ich hatte gedacht, Sie würden bei der Haustür auf mich warten.“

Die gemurmelten Worte vibrierten an Kiras Nacken. Unwillkürlich zuckte sie vor dem warmen Atem an ihrer Haut zurück. Doch die Hände hielten sie nur fester und zogen sie eng an eine harte Männerbrust.

„Als wir miteinander telefonierten, sagten Sie, Sie freuten sich schon darauf, mich kennenzulernen. Wo genau, sagten Sie, gehen wir heute Abend zum Dinner?“ Damit drehte er sie in seinen Armen um und drückte seine Lippen auf ihren Mund.

Kira machte sich mit einer Schnelligkeit von ihm frei, die sie beide erstaunte. „Ich bin nicht Amanda Barrett!“, stieß sie aus. „Also behalten Sie Ihre Hände bitte bei sich.“

Der Besucher zog sich sofort von ihr zurück. Er war zu gewandt, um sich den Schreck anmerken zu lassen. Stattdessen deutete er mit steinerner Miene eine Verbeugung an. „Scusi, signora.“

Mit blitzenden Augen wich Kira zwei Schritte zurück. Erstens hatte sie nicht erwartet, dass er so abrupt aufhören würde, zweitens hatte sie keine Ahnung, was sie als Nächstes tun sollte. Wenn das Signor Stefano Albani war, seines Zeichens Milliardär, dann war er völlig anders als all die anderen reichen Männer, für die sie bisher gearbeitet hatte. Die waren nämlich alle steif und humorlos gewesen und hätten sich im Traum keine solche Unverschämtheit einfallen lassen. Stefano Albani jedoch sah aus, als wäre er zu allem bereit.

„Ich habe Sie offensichtlich verwechselt, entschuldigen Sie. Ich wollte mich hier mit der Maklerin treffen. Wissen Sie, wo ich sie finde?“, fragte er in perfektem Englisch mit leichtem Akzent.

„Inzwischen wahrscheinlich bei sich zu Hause, nachdem sie mindestens zwei Häuser in der Zeit verkauft hat, die Sie gebraucht haben, um überhaupt hier aufzutauchen“, fauchte sie. Das innere Durcheinander wegen des unerwarteten Kusses hatte sich noch nicht gelegt.

Nichts in seiner Miene regte sich, dann begann es um seine Mundwinkel zu zucken. „Dio, es ist lange her, seit jemand so mit mir gesprochen hat!“

Das schiefe Lächeln ließ ihn fast jungenhaft aussehen. Einen Moment lang fühlte Kira sich überrumpelt. Sie schluckte. Aber sie würde sich mit Sicherheit nicht von ihm verwirren lassen, nur weil sie den Blick nicht von seinem schönen Mund wenden konnte. „Sie müssen entschuldigen, signore, aber erst erscheinen Sie ohne jegliche Entschuldigung mit dreistündiger Verspätung, und dann fliegen Sie so tief über das Tal, dass Sie die gesamte Tierwelt zu Tode erschrecken und zudem einen wunderschönen Abend zerstören.“ Auch wenn sie mit fester Stimme sprach, krümmte sie sich doch innerlich, als seine Miene wieder ernst wurde. Nun, offensichtlich nannten nicht genügend Menschen ihm gegenüber die Dinge offen beim Namen, das hatte er ja soeben selbst gesagt.

„Wenn ich für Aufregung gesorgt habe, dann entschuldige ich mich“, meinte er steif. „Schließlich ist die Ruhe hier der größte Kaufanreiz für mich.“ Seine Züge entspannten sich wieder. „Ich bin Stefano Albani“, stellte er sich jetzt offiziell vor, „und daran interessiert, Bella Terra zu kaufen. Da ich Sie für Miss Barrett hielt, ging ich auch davon aus, dass Sie mich mit der größten Begeisterung begrüßen würden.“

„Nun, bin ich aber nicht.“ Alles andere, was sie sonst noch sagen wollte, verkniff Kira sich. Schließlich bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie bald Nachbarn sein würden. Warum es also schwieriger machen als nötig?

„Ich wurde aufgehalten. Da ich so schnell wie möglich herkommen wollte, musste ich den Hubschrauber nehmen. Und die Störung dauerte ja auch nur wenige Sekunden. Ich vermute, das Tal hat sich über die Jahre von Schlimmerem erholt. Die Menschen versuchen immer, der Landschaft ihren Stempel aufzudrücken. Irgendwann aber schüttelt das Land sie alle wieder ab.“

Kiras Argwohn musste auf ihrer Miene zu erkennen gewesen sein, denn er beeilte sich, hinzuzufügen: „Ich verspreche, dass es nicht wieder vorkommt. Tiefflüge über das Tal wird es nicht mehr geben, wenn ich eingezogen bin.“

Seine Worte klangen entschieden, aber da spielte noch immer dieses Lächeln um seine Lippen. Und Kira war es unmöglich, wegzuschauen. Es gab so vieles zu sehen. Jetzt, da die Unstimmigkeiten zwischen ihnen beseitigt waren, hatten seine Augen das strahlende Blau eines perfekten italienischen Sommerhimmels. Seine seidigen dunklen Locken waren kurz geschnitten, jedoch lang genug, dass die Sommerbrise mit ihnen spielen konnte. Er strahlte Stärke aus, aber es war die Stärke von stählernen Nerven, nicht nur plumpe Muskelkraft. Im Gegensatz zu den Milliardären, für die Kira in der Vergangenheit gearbeitet hatte, wirkte dieser Mann wie jemand, der sowohl Körper als auch Verstand nutzte. Unvorstellbar, dass er seine Zeit ausschließlich vor einem Computerbildschirm verbrachte. Kira wünschte, sie hätte Amanda Barrett zugehört, als diese von dem wundervollen Signor Albani schwärmte, doch leider hatte sie die Ohren auf Durchzug gestellt. Nur gut, dass die Maklerin nicht mehr hier war. Sie wäre dem Mann zu Füßen gesunken wie eine gefällte Eiche.

Dass alle Frauen dies taten, konnte man sich wiederum leicht vorstellen. Verwundert und fasziniert zugleich fragte Kira sich, warum keine erkannte, was er wirklich war – ein reicher Mann, der ausschließlich auf das eigene Vergnügen achtete.

Jetzt sah er an der alten Villa empor, als würde sie ihm bereits gehören. Kira ignorierte den Schauer und sagte sich, dass es keine Bedeutung hatte. Er war ja noch nicht einmal über die Schwelle getreten, wie konnte er sicher sein, dass das Haus das richtige für ihn war?

„Das werden wir ja dann sehen – falls Sie einziehen“, erwiderte sie grimmig. Der Gedanke kam ihr, dass Stefano Albani ebenso ein Mann sein könnte, der Herausforderungen liebte und keiner Konfrontation aus dem Weg ging, also sollte sie sich mit ihren Kommentaren besser zurückhalten. Es hatte natürlich überhaupt nichts damit zu tun, dass sie nicht wie eine keifende Xanthippe vor diesem umwerfend attraktiven Mann aussehen wollte, nein, ganz bestimmt nicht. „Eigentlich habe ich nur hier auf Sie gewartet, um Ihnen die Schlüssel und das Exposé zu übergeben, signore. Allerdings hatte ich nicht mehr mit Ihnen gerechnet. Ich hatte meinen Abend schon verplant, bis Sie dann aus der Luft gefallen sind und …“

„Und Ihnen die Pläne für den Abend durcheinandergebracht habe?“

Die Falte auf Kiras Stirn zeigte sich wieder. „Ich wollte sagen: ‚… und mich zu Tode erschreckt haben.‘ Und dann wollte ich mich auch noch für meine nicht sehr freundliche Reaktion entschuldigen“, endete sie frostig.

Wortlos streckte Stefano die Hand aus. Kira starrte auf seine Handfläche, bis ihr klar wurde, was er von ihr wollte – das Exposé und die Schlüssel. Sie reichte ihm beides. Das Exposé hatte sie so lange in den Händen gedreht, dass es eindeutig gelitten hatte. Er musste erst die Seiten glatt streichen, bevor er es lesen konnte.

„Wovon halte ich Sie denn heute Abend ab?“, fragte er nach einigen Augenblicken. Da er den Blick nicht von den Unterlagen hob, überrumpelte seine Frage Kira.

„Von nichts, wie üblich“, erwiderte sie prompt.

Jetzt hob er den Kopf, mit einem Lächeln, das wie Perlen schimmerte. „In diesem Fall … warum führen Sie mich nicht durch das alte Haus?“

Das Angebot kam so unerwartet, dass Kira ohne nachzudenken antwortete: „Liebend gern!“

Sie bereute die Worte, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte. Das war nicht ihre Aufgabe, sie hatte damit nichts zu tun. Sie hatte sich nur dazu bereit erklärt, Schlüssel und Unterlagen zu übergeben, mehr nicht. Sie ruderte zurück. „Liebend gern, Signor Albani, aber ich bin nur die Nachbarin. Ich kenne mich in dem Haus überhaupt nicht aus.“ Mit einem Seufzer schaute sie an der alten Fassade hoch. „Ich war nur in einem oder vielleicht zwei Räumen …“

„Es gehört schon lange einem Engländer“, entnahm Stefano den Unterlagen. Er blickte auf. „Kennen Sie ihn?“

„Sir Ivan war mein Kunde. Ich habe als Gartenplanerin für ihn gearbeitet. Aber mehr nicht“, fügte sie noch an.

„Also zwei Engländer mit der berüchtigten britischen Diskretion?“

Sein spöttisches Lächeln trieb Kira in die Defensive. Pikiert über seine Bemerkung, musste sie den Impuls unterdrücken, auf dem Absatz kehrtzumachen. „Ich weiß mehr über die Gärten und Anlagen hier draußen als jeder andere, signore, aber für das Haus ist die Broschüre Ihnen sicher eine bessere Hilfe.“

„Sie sind Gartenplanerin?“ Er musterte sie mit neuem Interesse. Das Blut schoss Kira in die Wangen: Sie fühlte sich in ihrer Arbeitskluft – staubige Jeans und schlichtes weißes T-Shirt – von Kopf bis Fuß inspiziert.

Als er ihre Reaktion sah, lächelte er frech. „Aber warum stehen wir hier und verschwenden Zeit mit reden, wenn wir uns das Haus anschauen können? Wie ich Engländerinnen kenne – und glauben Sie mir, ich kenne sie gut“, sagte er in einem Ton, der keinen Zweifel über die Bedeutung aufkommen ließ, „sind Sie genauso neugierig darauf wie ich, das Innere zu sehen. Was meinen Sie, sehen wir es uns gemeinsam an?“

Wenn das kein Wunschdenken war! Seit zwei Jahren träumte Kira davon, sich ausgiebig in dem schönen alten Haus umsehen zu können. Und jetzt lud er sie ein, es zu tun …

Ohne auf ihre Antwort zu warten und das Exposé in der einen Hand, berührte er mit der anderen leicht ihre Hüfte und schob sie vorwärts. So angenehm hätte die aufmunternde Berührung gar nicht sein dürfen. Also machte Kira hastig einen Schritt vor, um seiner Hand zu entkommen. Sie kam auch vor ihm bei der Tür an, trat dann beiseite, damit er aufschließen konnte. Stefano ließ ihr den Vortritt, doch sie zögerte. Sicher, sie brannte darauf, das Haus zu erkunden, aber allein. Die wunderschöne alte Villa mit Stefano Albani zu besichtigen, ob er nun der neue Besitzer werden würde oder nicht, schien ihr viel zu intim.

Stefano jedoch kannte keine solchen Skrupel. Jetzt legte er die Hand an ihren Rücken und drängte sie nach vorn. Der leise Seufzer, der ihr entschlüpfte, schien das Schmelzen ihres Widerstands einzuläuten.

„Nach Ihnen. Ich will mir alles ansehen. Daher, fürchte ich, wird es wohl einige Zeit in Anspruch nehmen.“

Er sprach leise, aber mit Autorität. Auch benahm er sich, als würde das Haus bereits ihm gehören. Schuldbewusst lief Kira rot an. Sie hatte so lange allein über dieses Tal hier bestimmt, dass sie es als ihr persönliches kleines Paradies erachtete. Jetzt hatte sie die Möglichkeit, sich auch das Haus anzusehen. Dass es zusammen mit diesem Mann geschehen sollte, jagte ihr ein erregendes Prickeln über die Haut. Ehrlich gesagt, es war dieses intensive Gefühl, das sie zögern ließ.

Die Kunst des Small Talks hatte sie schon vor Langem verlernt. Und dieser Mann schien zudem ihre Fähigkeit zu ersticken, klar zu denken. Wenn sie in seine blauen Augen schaute, dann erkannte sie dort vieles, was ihr auch morgens im Badezimmerspiegel aus den eigenen Augen entgegenblickte. Umso mehr Grund, auf der Hut zu sein. Unter dieser glatten Schale könnten sich durchaus Geheimnisse verbergen, so wie auch bei ihr. Unerklärlicherweise drängte sie es jedoch, diese Schale Stück für Stück abzuziehen und zu sehen, welche Wahrheit darunterlag.

Der Druck seiner Hand an ihrem Rücken wurde fester. Es fühlte sich so gut an, dass es nur falsch sein konnte. Kira schluckte und hielt jenen unbändigen und fremden Instinkt im Zaum. „Bitte, fassen Sie mich nicht an, Signor Albani“, sagte sie leise.

Er ließ die Hand sinken und schaute sie überrascht an. „Sind Sie sicher?“

„Absolut“, behauptete sie mit ausdrucksloser Miene.

„Interessant“, sagte er schließlich nachdenklich, nachdem er sie lange gemustert hatte. „Erst machen Sie mir streng Vorhaltungen, und jetzt sind Sie nervös wie ein Rehkitz. Ich kam her, um mir eine Immobilie anzusehen. Es scheint nicht das Einzige, was einer genaueren Erkundung wert ist.“

2. KAPITEL

„Sie brauchen mir nicht zu schmeicheln“, murmelte Kira. „Sich selbst auch nicht.“ Sie klopfte sich den Staub von der Hose, hatte sie doch das Gefühl, für die Besichtigung dieses altehrwürdigen Hauses hätte sie sich erst umziehen sollen.

„Keine Sorge, es ist schließlich nicht der Vatikan“, meinte Stefano schmunzelnd. „Sie sehen gut aus. Sie gehören zu den Frauen, die in gleich, was sie auch tragen, gut aussehen.“

Bei seinem Kompliment hob sie den Kopf. Er lachte, als ihre Blicke sich trafen.

„Sie haben recht. Ich sehe mir nur ein Haus an, mehr nicht“, behauptete sie bemüht unschuldig. Dieser Stefano Albani besaß eine seltsame Anziehungskraft. Wenn sie jetzt ging, würde sie ihn wahrscheinlich nie wiedersehen. Schloss sie sich ihm dagegen an, so konnte sie nicht nur den Abschied noch ein wenig hinauszögern, sondern sie würde auch endlich einen Blick in ihr Traumhaus werfen können. „Sollen wir dann, signore?“, sagte sie mit mehr Sicherheit.

Wieder lachte er. „Auf einmal so geschäftsmäßig? Kommen Sie, lassen wir den Rest der Welt hinter uns zurück. Ich glaube, es kann uns beiden nur guttun.“ Unter seinem direkten Blick wurde Kira mulmig. „Wie wäre es, wenn Sie sich erst einmal vorstellten? Wie ich heiße, wissen Sie jetzt, aber ich habe keine Ahnung, wer Sie sind.“

Das fragte Kira sich auch des Öfteren. In der Abgeschiedenheit von Bella Terra hatte sie sich nur ein- oder zweimal vorstellen müssen, und so war es ihr auch recht gewesen. Denn jedes Mal, wenn sie ihren Namen aussprach, musste sie daran denken, mit welcher Scham und Schande sie England verlassen hatte. „Kira Banks“, murmelte sie mit gesenktem Kopf und wollte über die Schwelle treten.

Stefano blockierte ihren Weg. „Sie scheinen nicht sehr froh darüber zu sein.“ Sein Ton klang leicht, doch seinem Blick nach zu urteilen, verlangte er unnachgiebig eine Erklärung. „Weshalb?“, hakte er nach, als sie noch immer nichts sagte.

Sie wollte ihn trotzig niederstarren, doch es funktionierte nicht. Gegen die Intensität seines Blicks, der nichts als die Wahrheit forderte, kam sie nicht an.

„Ich habe mich hierher geflüchtet.“ Es war, als flüsterte sie die Worte. „Ich wollte irgendwo leben, wo niemand meinen Namen kennt.“

Er trat einen Schritt zurück. „Na schön, belassen wir es dabei … für den Moment“, fügte er dann lächelnd hinzu. „Nur sagen Sie jetzt bitte nicht, ich hätte eine lang gesuchte Kriminelle in ihrem italienischen Schlupfloch aufgespürt.“

Sicher, er neckte sie nur, um sie zu provozieren, das wusste sie. Und sie konnte es sich nicht leisten, nach dem Köder zu schnappen. Weil der Schmerz zu dicht unter der Oberfläche saß. Sie brauchte Stefano Albani nicht, um kaum verheilte Wunden aufzureißen, das besorgten schon andere. „Weshalb ich hier bin, geht nur mich etwas an.“ Sie bemühte sich angestrengt, ihn nicht anzufauchen. „Wie auch immer, Signor Albani … es würde viel zu lange dauern, die Gründe zu erklären, und manche Dinge behält man besser für sich. Fangen wir doch endlich an, uns dieses wunderbare Haus anzusehen, oder?“

Es kostete sie Mühe, sich von seinem Blick loszureißen. Sie schaffte es, indem sie sich auf das Foto auf dem Deckblatt des Exposés in seiner Hand konzentrierte – die einzige Möglichkeit, sich der köstlichen Gefahr dieses Mannes zu entziehen.

Stefano bedeutete ihr, vor ihm in die Eingangshalle zu gehen. Diese war riesig und herrlich kühl. Das Echo ihrer Schritte über die geplatzten Marmorfliesen hallte an den Wänden wider.

Kira sah sich um. Sie hatte die Villa sonst nur durch einen der hinteren Eingänge betreten, und sie wollte jetzt nichts verpassen. Während sie sich mit glänzenden Augen in Tagträumereien erging, schob Stefano sich an ihr vorbei und widmete sich den mehr praktischen Aspekten, klopfte Holztüren und Putz ab, inspizierte Treppen und Geländer, blickte prüfend auf Wände und Decken.

„Das ist das schönste Haus, das ich je gesehen habe“, entschlüpfte es Kira überwältigt.

Stefano war nicht so leicht zu beeindrucken. „Mein Stadthaus in Florenz ist wesentlich praktischer und vor allem in besserem Zustand.“ Dann warf er ihr ein blendendes Lächeln zu. „Aber Sie haben recht. Lage und Größe sind unübertroffen.“

Kira nickte. „Natürlich wird sicher einiges renoviert werden müssen, es ist schließlich ein altes Haus. Ich würde nichts lieber tun, als hier ein paar Akzente zu setzen, die das Ganze heimeliger machen. Stellen Sie sich nur vor, es ist Dezember und genau dort“, sie zeigte auf den leeren Platz zwischen den beiden Treppenfüßen, „steht ein fünf Meter hoher Weihnachtsbaum.“

Stefano schaute in Richtung Treppe, neigte den Kopf erst zur einen, dann zur anderen Seite. „Stimmt, fünf Meter passt genau. In einem alten Haus sind Proportionen immer von großer Wichtigkeit.“

In Kiras Magen begann es zu flattern. Eigentlich hatte sie es eher scherzhaft gemeint, vor allem hatte sie nicht erwartet, dass ein Milliardär sich ernsthafte Überlegungen über Weihnachtsbäume machte. Vielleicht war das ja ein Hoffnungsfunke. Selbst wenn er das Haus mit schillernden Gästen füllen sollte, so hatte er doch scheinbar ein Auge für die wichtigen Dinge des Lebens.

„Ein Baum steht dort genau richtig. Wenn ich das erste Weihnachtsfest hier feiere, sollen die Leute sprachlos sein vor Bewunderung – ich mag es nämlich lieber ruhig.“ Mit einem Lächeln sah er erwartungsvoll zu ihr hin. „Damit wäre die Weihnachtszeit also schon geklärt. Was schlagen Sie für die Einweihungsparty vor?“

Eine völlig unerwartete Frage. Kira versuchte in seiner Miene zu lesen, ob er sie aufzog. Unschuldig hielt er ihrem forschenden Blick stand. Sie konnte nicht anders … sie lächelte zurück. „Ich bin die Letzte, die Sie so etwas fragen sollten. Ich arbeite lieber mit Pflanzen als mit Menschen.“

„In gewisser Hinsicht ist ein Weihnachtsbaum wohl auch eine Pflanze, nicht wahr?“ Er lächelte. „Davon werde ich auf jeden Fall viele brauchen. Wenn wir dann Nachbarn sind, werde ich Sie häufiger um Rat fragen.“

Ungläubig sah sie ihn an. „Sie brauchen niemanden um Rat fragen, signore, und schon gar nicht mich!“

„Hilfe kann jeder gebrauchen“, hielt er dagegen. „Indem ich Experten engagiere, kann ich meine Zeit für die Dinge nutzen, die ich wirklich tun will. Somit kann ich mich auf die Planung für Weihnachten konzentrieren.“ Er ließ einen prüfenden Blick durch die Halle schweifen, bevor er abrupt zu ihr hinsah. „Sie haben sicher ein gutes Auge für Farben. Hätten Sie nicht Lust, die Dekoration zu übernehmen?“

Fast hätte Kira aufgelacht. Es schien ihr absurd, mitten im Sommer in einer Villa in der Toskana zu stehen und etwas zu planen, das noch Monate entfernt war. „Warum sollten Sie jemanden engagieren, um Ihren Weihnachtsbaum zu schmücken? So lange ich denken kann, freue ich mich jedes Jahr darauf. Es ist die Möglichkeit, wieder ein Kind zu sein, ohne all den Druck.“

Stefanos Miene wurde plötzlich hart. „Ich weiß, was Sie damit meinen.“

Unter der Last der Erinnerung seufzte Kira auf. „Keine Proben für Weihnachtschor, Sternsingen und Krippenspiel, kein Binden von Mistelzweigen oder Basteln von Weihnachtssternen. Als ich noch ein Kind war, hörte das nie auf.“

Er schürzte die Lippen. „Erstaunlich, dass Sie überhaupt noch Zeit für sich selbst hatten.“

„Hatte ich nicht. Das ist die Strafe, wenn man als wohlbehütetes Kind aufwächst.“

„Kann ich nicht beurteilen. Ich bin gleich von meiner Schlafkiste unter dem Tisch in die Arbeitswelt hinausgezogen, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

„Grundgütiger, Sie müssen ja eine armselige Kindheit gehabt haben!“, sagte sie lachend.

Das Lachen verging ihr, als sein Blick sich undurchdringlich auf sie richtete. „Stimmt, die hatte ich. Aber das liegt hinter mir. Jetzt zählt nur die Zukunft.“

Sein jäh stählerner Ton jagte ihr einen Schauer über den Rücken, und er bemerkte es.

„Ihnen ist kalt. Warum gehen Sie nicht nach draußen und lassen sich von den letzten Sonnenstrahlen aufwärmen?“

„Nein, es geht schon“, antwortete sie hastig. Sie wollte sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, die Villa zu besichtigen, zu der sie jeden Tag von ihrer Seite des Tals hinüberblickte.

Seine Augen blitzten auf. „Solange Sie sich sicher sind …“

Kira wurde mulmig. Jedes Mal, wenn er sie anschaute, lächelte er. Es war ein ungewöhnliches Lächeln, das wie eine Liebkosung an die geheimsten Stellen in ihrem Innern rührte. Sie merkte, wie die Knospen ihrer Brüste sich gegen den dünnen Baumwollstoff drückten. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass es nichts mit der kühlen Halle zu tun hatte. Ihm musste es auch aufgefallen sein, denn erst flackerte Erkennen in seinen Augen auf, dann wandte er den Blick abrupt ab.

Kira hatte keine Ahnung, wie sie reagieren sollte. Eilig hastete sie auf die nächste Tür zu. „Lassen Sie uns sehen, was dahinter liegt.“

Nur ein Schritt in das Zimmer, und sie blieb stehen. Es war ein Empfangssalon, von der Zeit längst vergessen. Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster und ließen Staubkörnchen aufblitzen. Es war ein typisch italienischer Raum, nur das Mobiliar …

„Ach du meine Güte!“, entfuhr es Kira. „England auf dem Kontinent! Meine Adoptiveltern haben ihr Leben lang mit solchen Möbeln gelebt – Stühle mit geflochtenen Lehnen, Chintz-Sofas und Porzellanfiguren. Sir Ivan hat das wohl alles aus England herüberbringen lassen. Warum, um alles in der Welt, zieht jemand nach Italien, um sich dann ein typisch britisches Landhaus einzurichten?“

„Ich weiß es nicht.“ In Stefanos Stimme schwang Missbilligung mit. „Manche kaufen Eigentum unter dem Vorwand, Italien zu lieben, doch in Wahrheit ist die Toskana für sie nichts anderes als England mit besserem Wetter.“

„Nicht für mich. Ich liebe es hier“, warf Kira sofort ein. „Ich konnte es gar nicht abwarten, England hinter mir zu lassen, einschließlich der Möbel …“ Sie hielt inne, fragte sich, wie weit sie gehen durfte. Aber eigentlich hatte sie nichts zu verlieren. „Falls wir Nachbarn werden sollten, wäre es mir lieb, wenn Sie dieses alte Haus gut behandelten. Es wäre so schade, wenn sein Charme zerstört würde.“

„Für ein paar Wochen im Jahr werden Sie es doch wohl aushalten, oder?“

Kira war verwirrt. „Also werden Sie nicht so oft hier sein?“

„Doch, aber Sie werden den Sommer nicht hier verbringen, oder?“

Sie reagierte verärgert. „Und wieso nicht?“

Überrascht schaute er sie an. „Sie pendeln also nicht zwischen Ihrem Zuhause in England und dem hier hin und her?“

„Nein!“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ich dachte, das hätte ich klargemacht – ich habe kein Zuhause mehr in England. Und warum sollte ich von hier weggehen? Auf Bella Terra finde ich alles, was ich will – Frieden und Schönheit.“

Die Falte auf seiner Stirn glättete sich. „Das heißt wohl, in England konnten Sie keinen Frieden finden. Deshalb haben Sie Ihre Schönheit hierher gebracht?“ Als sie nichts sagte, fuhr er nachdenklich fort: „Es gibt bestimmt nicht viele Menschen, die sich freiwillig an einem so entlegenen Ort niederlassen. Sie sind selbstsicher, arbeiten für Ihren Lebensunterhalt und lieben diesen Ort so sehr, wie ich vorhabe, ihn zu lieben. Wie ist es möglich, dass eine unabhängige und gradlinige junge Frau England unter einer so düsteren Wolke verlässt?“

Unruhig drehte Kira sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars um den Finger. „Da kamen mehrere Dinge zusammen.“ Sie hoffte, weitere Fragen damit abzuwenden, doch mit fragend hochgezogenen Brauen forderte er sie stumm auf, mehr zu erklären. Ihre Hand glitt zu der feinen goldenen Kette an ihrem Hals. Er schien tatsächlich interessiert zu sein, bereit, ihr zuzuhören. Und sie war es leid, alles in sich hineinzufressen. Vielleicht, wenn sie die ganze traurige Geschichte einem neutralen Dritten erzählte, würde es sie erleichtern. Und es war unwahrscheinlich, dass sie ihn wiedersah. Doch wo sollte sie anfangen?

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht wichtig.“

Ernst musterte er sie. „Ich glaube, schon. Irgendetwas bedrückt Sie.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. Als er leicht ihre Schulter berührte, zuckte sie zusammen. „Sie brauchen nicht gleich wegzurennen. Ich möchte doch nur Hilfe anbieten.“

„Die brauche ich nicht“, behauptete sie steif. Seine Hand war so warm, so beruhigend … so verlockend. Kira genoss das Gefühl. Und dann ruinierte er den Moment, denn als sie den Kopf hob, schaute sie direkt in seine lachenden Augen.

„Ich freue mich schon darauf, wenn wir eines Tages unsere Sünden miteinander vergleichen, Miss Kira Banks. Ich bin sicher, meine werden Ihre alle übertreffen.“

Abrupt wandte Kira den Kopf. Er sollte nicht sehen, wie elend sie sich fühlte. Sie presste die Augen zusammen und kämpfte gegen aufsteigende Tränen an. Deshalb war sie auch völlig unvorbereitet für das, was als Nächstes geschah. Stefano zog sie in seine Arme und an seine Brust. Es schien das Natürlichste von der Welt, deshalb ließ sie es ohne Protest geschehen.

„Kann ich irgendetwas tun?“ Seine Stimme hallte in der leeren Villa wider.

Kira schüttelte den Kopf. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das Thema fallen lassen könnten.“

„Abgemacht.“

Er ließ sich Zeit, um sie wieder freizugeben. Normalerweise mochte Kira Körperkontakt nicht, doch das hier war anders. Stefanos Art zu berühren war eine Erfahrung, die sie durchaus gern noch einmal machen wollte.

Offensichtlich würde er nicht lockerlassen. Er konnte eine Herausforderung ebenso wenig ausschlagen wie sie selbst. Allerdings wusste sie auch, dass sie noch mehr Fragen nicht aushalten würde. Auf unerwünschte Aufmerksamkeit reagierte sie meist mit enormer Gereiztheit, für die sie sich dann hinterher entschuldigen musste. Das Schlimmste jedoch war, wie willig sie seinen Trost angenommen hatte.

Reiß dich zusammen, befahl sie sich still. Dieser Mann war es gewohnt, zu bekommen, was er wollte. Es war geradezu peinlich, dass sie seinen Charme für etwas Dauerhafteres gehalten hatte.

„In jedem Leben gibt es Dinge, auf die man nicht unbedingt stolz ist, das kann ich verstehen“, sagte er schließlich mit einem knappen Nicken. „Da wir uns also jetzt auf einen Waffenstillstand geeinigt haben, können wir dann mit der Besichtigung weitermachen?“

Er hatte sich wieder hinter die undurchdringliche Maske zurückgezogen, fast empfand Kira es als Verlust. Sie fragte sich, ob er jemals die Erfahrung von Verlegenheit gemacht oder sich fehl am Platz gefühlt hatte. Es schien ihr eher unwahrscheinlich.

Sie lächelte flüchtig. „Sicher.“

Wie es wohl sein mochte, sich ihm anzuvertrauen? Kira war sicher, dass er auf jeden Fall zuhören würde. Wirklich zuhören, nicht nur so tun, weil er Hintergedanken hatte. Man würde das Leben aus einer anderen Perspektive sehen können.

Mit solchen Gedanken hatte sie sich bisher noch nie beschäftigt, aber nur durch wenige Sekunden in Stefanos Armen hatte sich eine ganze Welt mit neuen Möglichkeiten aufgetan. Fast war sie versucht, ihr Schneckenhaus zu verlassen. Aber wenn er nicht einmal einen geschäftlichen Termin einhalten konnte, würde er mit einer Zufallsbekanntschaft kaum besser umgehen. Daher verwarf sie die Idee entschieden.

„Wenn Sie wirklich Interesse an dem Anwesen haben, sollten Sie es sich einfach ansehen, Signor Albani.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sie sich um und verließ das sonnenhelle Zimmer. Die dunkle Halle würde auch ihr Gemüt kühlen.

„Sie brauchen nicht vor mir wegzulaufen, Kira.“

Sie blieb stehen. „Sie wären überrascht.“

Ihre sich verdüsternde Laune kümmerte Stefano überhaupt nicht. Eine Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, lächelte er sie an. „Worauf warten Sie dann noch? Überraschen Sie mich.“

Seine Worte ließen sie unsicher werden. Bis vor Kurzem hatte ihr Leben hauptsächlich aus Überraschungen bestanden, und keine davon war angenehm gewesen. Dann war sie nach Italien geflohen und hatte zwei wunderbare Jahre in Freiheit verlebt. Doch jetzt, mit dem Tod ihres besten Kunden, bestand wiederum die Gefahr, dass Freiheit und Glück ihr entrissen werden würden. Ohne dass es ihr klar war, ließ sie die Schultern hängen. Und noch immer spürte sie seinen fragenden Blick auf sich liegen.

Sie begegnete diesem Blick mit einem Schulterzucken. „Ich fürchte, viel mehr als das, was Sie vor sich sehen, kann ich Ihnen nicht bieten, signore.“

Seine Miene blieb reglos, während er sie weiterhin ansah. „Dann ist es ja nur gut, dass ich hier bin, um mir Bella Terra anzusehen. So ist meine Reise zumindest nicht komplett umsonst.“ Er durchquerte die Halle. „Also dann zum Geschäftlichen. Ich möchte mir das Haus ansehen. Kommen Sie mit?“

3. KAPITEL

„Warum hat der englische Gentleman, der Besitzer, Sie hier allein zurückgelassen?“, fragte Stefano auf dem Weg durchs Haus.

„Er ist gestorben.“

Zum ersten Mal war das Lachen wirklich aus seinen Augen verschwunden. „Das tut mir leid.“

Sein Mitgefühl schien echt zu sein. „Er war fünfundachtzig Jahre alt“, meinte Kira. „Es kam also nicht wirklich unerwartet.“

Stefanos Miene blieb ernst. „Trotzdem ist es immer traurig, wenn jemand stirbt. Mir tut leid, dass Sie einen Freund verloren haben. Ich weiß, wie das ist.“ Seine Stimme klang reserviert und bedauernd, so als hätte er seine eigenen Geheimnisse. Er schüttelte den Kopf, als müsse er Erinnerungen abschütteln. Als er sich wieder ihr zuwandte, stand ein charmantes Lächeln auf seinen Lippen. Er nahm Zuflucht in den Flirt. „Kira, was für ein schöner Name für eine schöne Frau. Glänzendes rotbraunes Haar, jadegrüne Augen und Haut von der Farbe von Magnolien – was mehr kann ein Mann sich wünschen?“

„Nichts – bis seine Frau es herausfindet.“ Sie schlüpfte an ihm vorbei und lief durch die Halle in den Teil des Hauses, in dem sie vorher schon gewesen war. Auf diese Weise konnte sie Abstand gewinnen, ohne den Kontakt zu verlieren. Jedes Mal, wenn sie den Wunsch verspürte, Stefano näherzukommen, rief sie sich streng zur Ordnung. Und doch hypnotisierte seine Anziehungskraft sie regelrecht. Wenn er dann auch noch begann, mit ihr zu flirten, erweckte das nur die Erinnerung, wie schnell die Dinge sich wenden konnten.

„In dieser Hinsicht muss ich mir keine Sorgen machen, Kira. Ich habe keine Frau.“

Sie hörte seine Schritte neben sich, ohne den Kopf zu wenden. „Das sagen sie alle, Signor Albani.“

„Nennen Sie mich doch Stefano.“

„Auch das sagen sie alle.“

Sie ging zur Hintertür und schloss sie auf. Dahinter lag der Garten des Innenhofs. Die frische Luft und der Blumenduft beruhigten Kira jedes Mal. Sie hatte dieses Gartenkarree angelegt. Als sie mit ihrer Arbeit anfing, hatte es hier nicht mehr als aufgeplatzten Beton und schlammige Pfützen gegeben. Jetzt war dieser Garten ein Prunkstück ihrer Arbeit. Stefano würde auf jeden Fall von ihr abgelenkt werden, wenn er erst hier draußen war. Und es interessierte sie, was er von ihrer Anlage hielt. Es war immer gut, eine neutrale Meinung zu hören. Dies wiederum würde sie von ihren Gedanken ablenken.

Der große Innenhof war mit den für die Gegend typischen cremefarbenen Steinfliesen gepflastert, umrundet wurde er von einer schattigen Kolonnade, in der Mitte stand ein erhöhter Fischteich. Die warme Luft hing wie ein Vorhang vor der Schwelle. Kira trat durch die schwere Tür hinaus, Stefano folgte ihr.

In einer der Ecken wuchs ein Kalifornischer Flieder. Bienen schwirrten um die Blütenstände, ihr Summen begleitet vom leisen Murmeln eines künstlich angelegten Baches. In den Schatten breiteten Farne ihre Wedel aus, Moose hatten sich auf feuchten Steinen angesiedelt. Um den Teich luden sonnengewärmte große Steine zum Sitzen ein.

Stefano ließ sich auf einem davon nieder und schaute ins Wasser. „Es ist einzigartig hier. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir.“

Kira ließ sich Zeit, sie wollte nicht zu eifrig erscheinen. Sie schlenderte auf die andere Seite und setzte sich in sicherem Abstand zu ihm. Seine Nähe schien eine verheerende Wirkung auf ihre Selbstbeherrschung auszuüben.

„Ich liebe dieses Haus schon jetzt. Eine wahre Oase!“

„Danke. Ich wollte Sir Ivan einen Platz schaffen, den er bei gleich welchem Wetter genießen kann.“

„Sie haben das hier angelegt?“ Eindeutige Bewunderung schwang in seiner Frage mit.

„Ja. Auch die anderen Arbeiten, die Sie bei Ihrem Rundgang über das Gelände bemerken werden. Sir Ivan hatte einige von meinen Gartendesigns auf der Chelsea Flower Show gesehen. Er beauftragte mich, einen Dachgarten für seine Londoner Stadtvilla anzulegen. Danach übernahm ich mehr und mehr Projekte für ihn und seine Bekannten, bevor ich vor zwei Jahren schließlich hierhergezogen bin.“

Um Stefanos schöne Lippen spielte ein anerkennendes Lächeln. „Also sind Sie eine Selfmadefrau? Gratuliere!“

Kira zuckte die Schultern. „Ich mache nur meine Arbeit.“

„Kein Grund, so bescheiden zu sein. Empfehlungen haben Sie bisher weit gebracht, aber jetzt, durch den Tod Ihres Freundes Sir Ivan, haben Sie einen wichtigen Klienten verloren. Haben Sie sich schon nach Ersatz umgesehen, um die Lücke zu füllen?“

Kira schüttelte den Kopf. Sie hatte absichtlich nicht darüber nachgedacht. Sie hasste es, Werbung für sich zu machen. Ihr war es lieber, wenn die Leute zu ihr kamen, weil ein Bekannter sie empfohlen hatte oder weil sie anderswo einen von ihr angelegten Garten gesehen hatten.

„Ich muss zugeben, dass mir nur die Gartenarbeit Spaß macht. Mit Leuten zu verhandeln ist ein Albtraum für mich, den ich zu vermeiden suche.“

Stefano räusperte sich. Kira fragte sich, ob er ebenso erstaunt über ihre Offenheit war wie sie selbst. Zumindest gefiel ihm der Garten. Sie stand auf und schob die Erinnerungen an den Frieden bei ihrer Arbeit hier beiseite. Sollte Stefano Albani das Haus kaufen, würde sie diesen Ort nie wieder sehen. Sie sollte das meiste aus dieser Besichtigung machen.

Sie trat aus dem Sonnenlicht in den Schatten und hätte die kühle Luft eigentlich begrüßen sollen. Stattdessen überkam sie ein Schauer und das Gefühl des Verlorenseins – ein Gefühl, das sie ihr Lebtag zu begleiten schien. Ihre Adoptiveltern hatten sie als hoffnungslosen Fall aufgegeben, als das unerwartete leibliche Kind geboren wurde. Im Grunde tat sie nun dasselbe mit diesem Garten – in ein paar Wochen oder Monaten würde sie ihm den Rücken kehren und ihn anderen überlassen.

Stefano hatte ihr Schaudern bemerkt und schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Klingt ganz danach, als wären Sie die perfekte Nachbarin für mich.“

Kiras Blick sagte ihm, dass sie da anderer Meinung war. „Ich fürchte, ich werde für niemanden, der diesen Besitz kauft, eine gute Nachbarin werden. Sir Ivan und ich lebten in friedlicher Koexistenz in diesem Tal. Ich kann mir keinen besseren Nachbarn als ihn vorstellen.“

Stefano lachte nur. „Ich werde mich ehrlich bemühen. Hoffen wir, dass ich die Rolle des Nachbarn so gut verkörpern kann wie Sie die Rolle der Immobilienmaklerin.“

Seine Weigerung, ihre höfliche Warnung ernst zu nehmen, verärgerte sie. „Ich habe keine Rolle übernommen. Ich bin lediglich hier, weil ich Ihnen die Schlüssel übergeben sollte. Und Sie sind hier, weil Sie sich das Haus ansehen wollen. Ich bezweifle, dass wir uns nach dem heutigen Tag noch einmal begegnen werden.“

Stefano lächelte nur stumm. Das Sonnenlicht schien auf seinem Haar und seinem Gesicht zu tanzen, und plötzlich schien Kira der Gedanke, dass sie sich nicht mehr sehen würden, keineswegs so beruhigend, wie sie zuerst angenommen hatte.

Auf der weiteren Besichtigungstour durch das Haus begann Kira sich zu fragen, ob sie sich vielleicht in dem illustren Signor Albani getäuscht hatte. Eines schienen sie nämlich auf jeden Fall gemein zu haben: Sobald sie einen Raum betraten, steuerte er sofort auf das nächste Fenster zu, um hinauszuschauen. Erst danach inspizierte er Böden, Decken und Möbel.

Irgendwann konnte Kira ihre Neugier nicht mehr zügeln. „Ihnen scheint die Aussicht zu gefallen.“

Stefano blickte noch eine Weile aus dem Fenster, bevor er etwas erwiderte. „Ist es so offensichtlich?“

„Sie gehen immer zuerst an die Fenster.“

Er runzelte die Stirn. Es schien ihn zu stören, dass sie es bemerkt hatte. „Ich sehe nur nach, wo die nächsten Nachbarn liegen. Ich schätze Privatsphäre.“

Kira musste das zustimmende Lächeln zurückhalten. „Das verstehe ich. Dieses Tal ist ideal, niemand wird Sie stören. Lassen Sie uns nur hoffen, dass Sie mich ebenfalls nicht stören!“

Er warf ihr einen stechenden Blick zu, bevor er ins nächste Zimmer ging und das Zimmer mit der Beschreibung in dem aufwendig produzierten Exposé verglich. Kira nahm sich vor, sich eine solche Broschüre von der Maklerin zu besorgen. Das wäre ein passendes Andenken an das Haus und den heutigen Tag.

Sie sah das Haus heute zum ersten und wohl auch zum letzten Mal, und so machte es ihr nichts aus, Stefano durch die Zimmer zu folgen. Während er die Bausubstanz prüfte, genoss sie es, sich einfach umzusehen. Dieses alte Haus war wunderschön. Korridore und Räume besaßen stille Würde, trotz des Staubs und der blinden Fensterscheiben. Sir Ivan musste schon seit Jahren nicht mehr in den oberen Stockwerken gewesen sein, so wie es hier aussah. Alles war mit einer dicken Staubschicht überzogen. All die antiken Uhren – Standuhren in Zimmerecken, Uhren aus feinstem Porzellan auf den Kaminsimsen – gaben längst keinen Laut mehr von sich. Nur das leise Klingeln des Windspiels im Zitronenbaum draußen drang herein.

„Ah, perfetto“, entfuhr es Stefano befriedigt.

Kira war wie verzaubert, als er in das nächste Zimmer ging, und beobachtete ihn still. Er bewegte sich mit der selbstsicheren Grazie eines Mannes, der überall zu Hause war. Mit großen Gesten forderte er sie auf, sich dieses und jenes genauer anzuschauen, und wurde dann absolut still, sobald er sich wieder ans Fenster stellte. Wenn er so reglos und in seine Gedanken verloren dastand, konnte Kira sich vorstellen, dass er inneren Frieden gefunden hatte, doch eigentlich war in seinen Augen immer die Anspannung eines getriebenen Mannes zu lesen.

Kira fühlte sich unwiderstehlich von ihm angezogen. Geräuschlos bewegte sie sich auf ihn zu. Es drängte sie, ihn zu berühren, bevor er für immer für sie verloren wäre …

Doch dann bewegte er sich, der Zauber war gebrochen. Mit einem überraschten Blick auf ihre erhobene Hand lächelte er sie an.

„Bitte, Sie brauchen sich nicht zurückzuhalten. Da wir Nachbarn werden, ist es vielleicht eine gute Idee, dass wir uns näher kennenlernen.“

Kira zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Ich … ich wollte Ihnen nur Spinnweben von der Schulter wischen. Sie sehen doch selbst, wie staubig hier alles ist.“

Sie überzeugte weder ihn noch sich selbst.

„Das hat wirklich Spaß gemacht“, sagte Kira nach der großen Runde, als sie wieder bei der Haustür angekommen waren.

„Sie scheinen erstaunt darüber“, sagte Stefano mit einer hochgezogenen Augenbraue.

„Das bin ich. Ich hatte nicht mehr mit Ihrem Auftauchen gerechnet, und normalerweise gehe ich Fremden aus dem Weg, so weit ich kann.“

„Mir konnten Sie nicht aus dem Weg gehen.“ Stefano lief über die Terrasse. Er war entschlossen, sich auch das Grundstück anzusehen. Kira wurde nervös. Die Wolken brauten sich mehr und mehr zusammen, wurden angestrahlt von einer blutroten Sonne. Stefano jedoch ignorierte diese Warnung. Statt zu seinem Helikopter zu gehen, entfernte er sich immer weiter davon.

„Sollten Sie sich nicht auf den Rückweg machen?“, rief sie ihm nach und wollte ihn auf den sich zuziehenden Himmel aufmerksam machen.

Er drehte sich langsam um. „Man sollte meinen, Sie wollen mich loswerden. Mir gefällt dieses Anwesen, Kira. Ich will mir alles ansehen.“

„Aber es fängt gleich an zu regnen!“

Das beeindruckte ihn wenig. „Was nass wird, trocknet auch wieder. Das ist mein Motto. Ich werde in dieser großartigen Villa auf dem Land leben, dann sollte ich auch zu denken anfangen wie jemand, der auf dem Land lebt. Vielleicht lerne ich auch, wie man Bäume als natürlichen Regenschirm nutzt.“

Sie war nicht sicher, ob das ein Scherz sein sollte. Und sie hasste Unsicherheit. Daher folgte sie ihm, entschlossen, es herauszufinden.

Donner rollte über das Tal. Donner war noch etwas, das sie hasste. „Bei diesem Wetter wollen Sie draußen herumlaufen? Sie könnten vom Blitz erschlagen werden! Sind Sie verrückt?“

Er blieb stehen. „Man hat mich schon vieles genannt, aber das nicht!“ Schnell wie besagter Blitz war er bei ihr. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er sie. „Haben Sie etwa Angst?“

Trotzig hob sie das Kinn. „Natürlich nicht. Ich habe vor nichts Angst.“

„Dann kommen Sie.“ Er drehte sich wieder um und marschierte los, sodass sie sich beeilen musste, um ihm zu folgen. „Ich möchte, dass Sie für mich arbeiten. Mein Haus in Florenz braucht mehr Grün … und einen Dachgarten. Und wenn Sie damit fertig sind, können Sie als Beraterin für einige Öffentlichkeitsprojekte arbeiten, die ich sponsere. Im Moment fehlt da noch der Fokus. Ihre Ideen könnten genau das sein, was gebraucht wird. Sie sollen sich ein Design ausdenken, das allen gefällt, und dann stellen Sie Arbeitsgruppen zusammen und …“

„Moment!“ Diese herrischen Anweisungen würde sie aufhalten. „Alles schön und gut, aber ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen, nur weil Sie es so haben wollen.“

„Warum nicht?“ Ihm war völlig unverständlich, wieso sie Einwände erheben sollte.

„Weil … ich erst in meinem Terminkalender nachsehen muss“, meinte Kira würdevoll. Stefano war offensichtlich zu sehr daran gewöhnt, seinen Kopf durchzusetzen. Dennoch … ein Dachgarten auf einem Haus in Florenz bot eine einmalige Chance …

„Mit dem Besitzer von Bella Terra ist auch einer Ihrer großen Kunden verstorben. Ich fülle diese Lücke, ohne dass Sie lange suchen müssen. Ich habe Ihre Arbeit gesehen und biete Ihnen einen langfristigen Arbeitsvertrag. Wo also liegt das Problem?“

Das Problem bist du, dachte sie. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich für Sie arbeiten möchte, Signor Albani“, erwiderte sie steif. „Wir sind sehr verschieden. Möglich, dass wir nicht miteinander zurechtkommen.“

Lange betrachtete er sie, bevor er etwas sagte. „Was Sie damit meinen, ist doch, Sie befürchten, wir könnten zu gut miteinander zurechtkommen. Und nennen Sie mich doch bitte wieder Stefano“, fügte er mit einem überzeugenden Lächeln an.

Sein Selbstbewusstsein war wirklich erstaunlich, zudem schien er ihre Gedanken lesen zu können. Dennoch konnte Kira ihn deshalb nicht unsympathisch finden.

„Aber deshalb müssen Sie sich keine Sorgen machen. Ich bin so beschäftigt, dass die Kommunikation mit den Leuten, die bei mir unter Vertrag stehen, meist nur per E-Mail stattfindet. Ich werde also nicht persönlich anwesend sein und Sie in Versuchung führen.“

Kira wandte das Gesicht ab. Er war nicht das Einzige, das sie in Versuchung führte. Es gab so viele Ansprüche an sie und ihre Finanzen. Sie dachte an den Brief, der in ihrer Küche auf sie wartete. Und in ihrem kleinen alten Haus gab es immer etwas zu reparieren. Ein langfristiger Vertrag bot eine gewisse Sicherheit. Wann immer sie mehr verdiente, als sie für sich benötigte, schickte sie Geld nach England, obwohl sie wusste, dass sie es bereuen würde – wie sie es immer bereut hatte. Doch es gelang ihr nie, ihr Herz zu stählen. Ein langfristiger Vertrag würde ihr Selbstvertrauen sicherlich stärken und ihr helfen, hart zu bleiben.

„Nun, Ihre Vorhaben klingen interessant“, hob sie vorsichtig an. „Sobald ich zu Hause bin, sehe ich in meinem Terminkalender nach, ob ich Sie irgendwie einschieben kann.“

Nachdenklich musterte er sie. Dann zog er eine Visitenkarte aus der Tasche. „Natürlich, ich verstehe, dass Sie nicht sofort eine Zusage geben können. Ich werde dennoch den Vertrag schon einmal aufsetzen lassen. Hier“, er reichte ihr seine Karte, „rufen Sie mich an, wenn Sie sich entschieden haben.“

Kira nahm die Karte an und befahl sich, kein Souvenir in ihr zu sehen. „Danke. Ich werde es mir überlegen.“

Ein Blitz zuckte über den Himmel, Kira wappnete sich für das Donnergrollen. „Das Gewitter rückt näher. Wollen Sie wirklich noch eine Tour über das Grundstück machen?“

„Es wird schon gut gehen.“ Er lächelte. „Vertrauen Sie mir.“

Das tat Kira grundsätzlich nicht. Die Leute nutzten diesen Satz ebenso achtlos wie den Ausdruck „ehrlich“.

Von diesem Moment an wusste Kira, dass die Dinge in die falsche Richtung laufen würden. Sie verspannte sich und verharrte in der Rolle des stillen Beobachters, während Stefano Gärten und Grundstück ablief und immer wieder lobende Kommentare über ihre Arbeit machte. Als sie am entlegensten Ende des Besitzes angelangt waren, setzte der Regen ein, erst nur ein paar dicke Tropfen, gefolgt von einem Wolkenbruch mit tropischen Proportionen.

„Stellen wir uns dort unter!“, schrie Stefano gegen das Gewitter an und zeigte auf ihr Cottage. „Das ist der einzige Schandfleck in meiner Landschaft, aber nutzen wir es noch, bevor meine Leute es abreißen.“

„Was?“ Ihr entsetzter Aufschrei ging im Donnergrollen unter.

Sie spurteten los, doch Stefano blieb abrupt stehen, als er die Blütenpracht in den Beeten um das Haus herum sah. „Jemand lebt dort?“

„Ja, ich!“ Kira rannte an ihm vorbei und stieß die Tür zu ihrem Heim auf.

„Ich wusste nicht, dass es Pächter auf dem Besitz gibt“, meinte Stefano, als Kira sich die nassen Sandalen abstreifte.

„Gibt es auch nicht. La Ritirata gehört mir“, verkündete sie stolz.

„Das war mir nicht klar. Wie viel verlangen Sie dafür?“

„Es ist nicht zu verkaufen.“ Lachend eilte Kira die steinerne Treppe hinauf, um Handtücher aus dem Schrank auf dem Treppenabsatz zu holen.

Stefano folgte ihr ein paar Stufen hinauf, lehnte sich an die Wand und schaute zu ihr empor. „Man kann alles kaufen, es ist nur eine Frage des Preises. Sie können ein anderes Schlupfloch für sich finden, außerhalb von Bella Terra. Dann können wir beide uns einbilden, wir wären die einzigen Menschen in der Gegend.“

„Das ist es ja – im Umkreis von Meilen gibt es keine anderen Häuser. Einer der Gründe, warum ich es hier so liebe.“

„Sie können sich Ihr Paradies überall bauen, Kira, ich habe doch den Beweis gesehen. Kommen Sie, nennen Sie eine Zahl, gleich welche.“

„Na schön … eine Million Pfund“, meinte sie kichernd.

„Abgemacht. Ich lasse den Kaufvertrag von meiner Rechtsabteilung aufsetzen, sobald ich zurück bin.“

„Sie machen Witze!“ Sie schnappte nach Luft. „Das Haus ist nicht einmal einen Bruchteil davon wert.“

„Mein Seelenfrieden ist unbezahlbar.“

Der entschiedene Ernst in seiner Stimme verdutzte Kira. Sie schüttelte den Kopf. „Nun, Sie haben vielleicht nicht gescherzt, ich schon. Für kein Geld der Welt gebe ich mein Haus auf. La Ritirata bietet mir alles, was ich mir je gewünscht habe. Ich habe hart gearbeitet für mein Heim, und ich fühle mich sicher und zufrieden hier.“

„Mir fällt auf, dass Sie nicht mehr so nervös sind, jetzt, da Sie in den eigenen vier Wänden stehen“, meinte er nachdenklich. „Sie haben offensichtlich eine echte Bindung zu diesem Haus.“

„Die habe ich.“ Sie war froh, dass er ihre Absage zu akzeptieren schien.

„Nun, dann kann ich es kaum erwarten, die Wirkung von Bella Terra auch auf mich zu spüren. Ich besitze mehrere Immobilien, aber keine davon kann ich wirklich ein Zuhause nennen. Und keines meiner Häuser besitzt eine so heimelige Atmosphäre wie dieses hier.“

„Ich verbringe viel Zeit hier. Vermutlich ist das das Geheimnis meines Erfolgs.“

„Es funktioniert offensichtlich“, sagte er, während sie mit zwei flauschigen Handtüchern die Treppe wieder hinunterkam und ihm eines davon hinhielt. „Hier allein zu leben … Sie müssen ebenso mutig und geschickt sein, wie Sie talentiert und schön sind.“

Als er das Handtuch von ihr annahm, berührten sich ihre Finger. Flüchtig nur, doch Kira meinte, einen Stromstoß erhalten zu haben.

Genau über dem Haus spaltete ein Blitz den Himmel, doch keiner von ihnen bemerkte es. Stefano sah tief in Kiras Augen, und nichts anderes zählte mehr.

4. KAPITEL

Die Welt hielt den Atem an. Starr blickte Kira den Mann, der vor ihr stand, an. Alles in ihr sehnte sich danach, ihn zu berühren. Ihr fielen tausend Gründe ein, weshalb sie diese eine Stufe noch hinuntersteigen sollte, und nur ein einziger hielt sie davon ab: Den gleichen Fehler hatte sie schon einmal begangen, und danach hatte sie sich ein komplett neues Leben aufbauen müssen.

Stefano jedoch stieg eine Stufe empor, nahm ihr das Handtuch aus der Hand und trocknete ihr damit sanft das Haar. Seine sicheren Gesten ließen Kira sich fragen, bei wie vielen Frauen er das schon gemacht hatte. Unmöglich, es zu wissen. Aber sie wusste, wie mächtige Männer vorgingen – sie handelten selbstsicher und ließen niemandem Raum für Widerspruch. Einmal in seinen Armen, würde er ihr keine Zeit mehr zum Denken geben. Erst Bett, dann Verrat. Es würde einen Tag dauern, eine Woche oder vielleicht einen Monat, doch letztendlich immer mit dem gleichen Resultat enden. Er würde mit seinem Leben weitermachen, als sei nie etwas geschehen, sie dagegen wäre am Boden zerstört. Das hatte sie schon einmal erlebt, und Kira gedachte nicht, es erneut durchzumachen.

Sie hob abwehrend die Hände. Er fasste ihre Finger und schob das Handtuch über ihren Kopf zurück in ihren Nacken. Die Spange, die ihr Haar zusammenhielt, sprang ab und fiel klappernd die Stufen hinunter. Kira traf auf seinen Blick und begann zu zittern, doch nicht aus Angst, sondern vor Sehnsucht …

Nein, sie durfte auf keinen Fall in seinen Bann geraten.

Sie zwang sich zu einem Lachen. „Es ist gefährlich, auf Treppen herumzualbern. Hat Ihnen das nie jemand gesagt?“

„Nein. Aber dann wäre ich heute auch nicht dort, wo ich jetzt bin.“ Er drehte sich um und stieg die Stufen hinunter.

In Kira mischten sich Erleichterung und Enttäuschung. Er hatte überhaupt nicht vor, mehr von sich zu erzählen. Nun, das war also noch etwas, das sie gemeinsam hatten. Sie folgte ihm nach unten.

„Es gießt noch immer in Strömen, Stefano. Warum bleiben Sie nicht auf eine Tasse Kaffee?“

Statt sie anzusehen, ging er zur offen stehenden Haustür und schaute hinaus. Als er dann antwortete, war sein Ton ebenso leicht und unbeschwert wie ihrer.

„Gern. Ich meine es ernst, dass Sie für mich arbeiten sollen“, sagte er, ohne den Blick von der niederprasselnden Regenwand zu nehmen.

„Und ich meine es ernst, dass ich es mir erst überlegen muss.“ Sie schenkte Kaffee ein und mahnte sich, einen klaren Kopf zu behalten, solange er unter ihrem Dach war. „Ich muss die Konditionen kennen.“

„Es gibt keine. Ich halte meine Angelegenheiten immer gern simpel.“

Vom Türrahmen aus überblickte er die Landschaft jenseits des Gartenzaunes, als wäre es schon sein eigenes Königreich. Dann endlich drehte er den Kopf zu ihr. Ein Mann, der so selbstverständlich die Kontrolle übernahm, erwartete keinen Widerspruch von einer Frau. Stefano Albani mochte das Anwesen kaufen, aber die Macht, die er auf sie ausübte, hatte nichts mit dem Land zu tun. Die Sehnsucht nach ihm wuchs, und sie konnte dieses Verlangen auch in seinen blauen Augen erkennen. Es wäre so einfach, ihm nachzugeben, doch Kira befürchtete, dass Stefano nicht besser war als der Mann, dem sie zuletzt ihr Vertrauen geschenkt hatte.

Manche Träume verwirklichte man besser nicht. Auf diese Art hatten sie länger Bestand.

Wieder berührten sich ihre Finger, als sie Stefano den Kaffee reichte. Den Blick über den Rand auf sie gerichtet, leerte er die Tasse in einem Schluck, ging dann zum Tisch und stellte sie ab.

„Der Regen hat aufgehört. Ich sollte gehen. Danke für Ihre Gastfreundschaft, Kira. Normalerweise trenne ich Arbeit und Vergnügen, aber da Sie ja noch nicht auf meiner Gehaltsliste stehen …“

Bevor Kira wusste, wie ihr geschah, hatte er sie in seine Arme gezogen. Seine Lippen pressten sich kühl und unwiderstehlich auf ihren Mund. Ihre Beine wollten nachgeben, doch er war da, um sie zu stützen. Trotz all ihrer guten Vorsätze klammerte sie sich an ihn. Wie von allein fanden ihre Finger den Weg in sein Haar, zogen seinen Kopf noch näher. Seine Hände streichelten über ihre bloßen Arme, hielten sie in einem Gefängnis, dem sie nie entfliehen wollte …

Er löste sich von ihr, nahm ihre Hände in seine und drückte sie leicht. „Nein“, meinte er leise. „Nach allem, was Sie mir gesagt haben, Kira, würden auch Sie sich nie vergeben, wenn Sie Arbeit und Vergnügen nicht trennen.“ Seine Augen funkelten verschmitzt. „Ich lasse den Vertrag aufsetzen und schicke Ihnen den Entwurf so bald wie möglich zu. Bis dahin … auf Wiedersehen.“ Er hob ihre Hände an seine Lippen und warf ihr noch eine letzte Kusshand zu, bevor er das Haus verließ.

Kira musste sich zurückhalten, um ihm nicht nachzueilen. Erst als das Donnern des Helikopters immer schwächer wurde, trat sie auf die Veranda hinaus und sah dem Hubschrauber nach, der jetzt nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Himmel war.

Seit Jahren rannte Kira vor Romantik davon, seit jener katastrophalen Beziehung mit Hugh. Damals hatte sie geschworen, sich nie wieder mit einem Mann einzulassen. Jetzt war Stefano Albani in ihre abgeschiedene Welt eingedrungen und versuchte, die Mauern einzureißen. Sie sagte sich, dass es ihr egal sein konnte, schließlich hatte es nichts mit Gefühlen zu tun. Ihr Herz blieb unberührt außen vor, und deshalb bestand auch kein Risiko, dass sie noch einmal so verletzt werden würde. Ihre Reaktion auf Stefano war rein physisch, und so würde es auch bleiben. Er erregte ihren Körper, wie sie es nie zuvor empfunden hatte. Es war erstaunlich, aber zumindest blieb es somit auch simpel.

Es waren die Gefühle, die das Ganze immer verkomplizierten. Und Kira dachte nicht daran, noch einmal Gefühle mit ins Spiel kommen zu lassen.

Auf dem Rückflug nach Florenz summte Stefano bester Laune vor sich hin. Bella Terra bot alles, worum es im Leben ging. Deshalb arbeitete er so hart, deshalb ertrug er Druck und endlose Stunden Stress. Die Erinnerung war ein erbarmungsloser Antreiber. Als Teenager hatte er britische Touristen von ihren Villen in der Toskana schwärmen hören und sich geschworen, eines Tages genau wie sie zu leben. Was sie konnten, konnte er auch, und besser. Fast zwanzig Jahre hatte es gedauert, doch jetzt hatte er es erreicht. Bald schon würde er das schönste Tal in ganz Italien besitzen.

Und in diesem Tal lebte auch die schönste Frau des Landes. Miss Kira Banks könnte sich als eine größere Herausforderung entpuppen als zuerst angenommen. Weder sein Ruf noch sein Reichtum schienen sie zu beeindrucken – seiner Erfahrung nach ein absolutes Novum. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Das Neue war nicht der einzige Grund, weshalb er an sie denken musste. Der leidenschaftliche Kuss hatte ein pochendes Begehren entfacht. Es war schwierig gewesen, sich zurückzuhalten, doch er hatte sich beherrscht. An Möglichkeiten für Sex herrschte kein Mangel in seinem Leben, aber seine Reaktion auf Kira Banks fühlte sich irgendwie anders an. Praktisch zum ersten Mal in seinem Leben dachte er weniger an ihren perfekten Körper als an die Frau, die in diesem Körper steckte.

Er stellte fest, dass er sie wiedersehen wollte. Und dieser Wunsch beunruhigte ihn.

Meilenweit weg auf dem sicheren Erdboden erging es Kira ähnlich. Es hatte so lange gedauert, um über das Desaster mit Hugh Taylor hinwegzukommen, dass sie sich nie wieder auf einen Mann einlassen wollte. Dennoch ließ Stefano Albani ihre Knie weich werden. Ihre einzige Erfahrung mit dem anderen Geschlecht war mit Tränen geendet, jetzt brachte ein Mann sie dazu, ihre Meinung zu überdenken. Nein, Stefano rief keine Tränen bei ihr hervor, im Gegenteil. Jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, lächelte sie vor sich hin. Das wird aufhören müssen, mahnte sie sich streng. Und diese seltsame innere Wärme auch. Es war ein so unbekanntes Gefühl, dass es etwas dauerte, bevor sie es erkannte – Lust!

Die amüsierte Verlegenheit verging allerdings rapide, als ihr Blick auf den Briefumschlag auf dem Küchentisch fiel. Solange Stefano hier gewesen war, hatte sie gar nicht mehr daran gedacht. Sie nahm ihn auf und öffnete ihn. Wenn sie mit einem Mann wie Stefano umgehen konnte, dann würde sie auch mit diesem Brief fertig werden.

Sie faltete das erlesene Büttenpapier auseinander und kürzte den Prozess ab – sie las nur die letzte Zeile. In Liebe, Henrietta und Charles.

Sie runzelte die Stirn. Mehr brauchte sie nicht zu wissen. Wenn ein Brief mit dieser Zeile endete, dann baten ihre Adoptiveltern um Geld. Oh, natürlich würden sie es niemals offen ausdrücken, das nicht. Die Andeutungen waren versteckt in einem begeisterten Bericht über den Erfolg der jüngeren Tochter Miranda als Schauspielerin und deren neue Beziehung zu einem Millionär. Im Klartext hieß das, die Banks brauchten Geld, um den potenziellen Schwiegersohn in spe zu unterhalten. Die Hypothek mochte nicht bezahlt sein und das Haus langsam zerfallen, aber Mrs Banks würde dennoch erlesene Kanapees in einer Wolke teuren Parfüms reichen. Und vor allem nie die Hoffnung aufgeben, irgendwie doch noch an das große Geld zu kommen. Manche Dinge änderten sich eben nie.

Nun, Stefano Albani war stärker als alle schlechten Erinnerungen. Kira zerknüllte den Brief und warf ihn Richtung Papierkorb. Sie traf zwar nicht, aber mit Schwung hob sie den Papierball auf und ließ ihn in den Eimer fallen.

Erstaunlich, was ein kleiner Schub Selbstwertgefühl so alles bewirkte. Und ein Kuss von Stefano Albani hatte die gleiche Wirkung wie ein Aufputschmittel.

Am nächsten Tag lag eine Mappe mit dem Vertragsentwurf für die Gartengestaltung seines Hauses in Florenz auf Stefanos Schreibtisch. Darin befand sich auch die Notiz, dass man Miss Kira Banks anrufen und ins Büro bestellen würde.

Während der Meetings am Vormittag hatte Stefano kein einziges Mal an Kira gedacht, doch kaum zurück in seinem Büro, änderte sich das schlagartig, als er die Mappe aufschlug und ihren Namen las.

Es war nicht nur eine weitere Eroberung, sondern Miss Kira Banks – schlagfertig und spitzzüngig. Die Erinnerungen an den gestrigen Tag stürzten auf ihn ein. Er sah Kira vor sich, meinte, ihren Duft riechen zu können – Limone mit einem Hauch Lavendel, feine Seife und frische Luft. Ihm war völlig unbegreiflich, warum sie sich hinter diesem ruppigen Benehmen versteckte, er war überzeugt, dass es sich nur um eine Fassade handelte. Denn bei dem Kuss war sie unter seinen Händen weich und nachgiebig geworden, sie hatte absolut hinreißend reagiert. Jetzt musste er nur noch herausfinden, was in ihrem Kopf vorging.

Bei dem Gedanken fühlte er sich plötzlich unwohl.

Er drückte den Knopf der Sprechanlage. „Streichen Sie den Anruf und legen Sie den Vertrag für Kira Banks vorerst zurück“, wies er seine Assistentin an. „Ich muss noch etwas prüfen.“

Stefano stellte hohe Ansprüche, und er entschied sich immer für das Beste. Kira Banks wollte er anstellen, weil sie die Beste für den Job war, nicht, weil er mit ihr schlafen wollte.

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Arbeit und Frauen hielt er grundsätzlich strikt getrennt. Kira hatte ihm auf den ersten Blick gefallen, aber das war der unmöglichste Grund überhaupt, jemanden einzustellen. Ihre Arbeit war gut, aber dass sie ihn derart beschäftigte, konnte nicht gut sein. Er musste Emotionen ausklammern, sich distanzieren und andere Meinungen einholen, ob sie wirklich die richtige Person für das Projekt war.

Mit einem Stift strich er sorgfältig ihren Namen und Adresse auf den Unterlagen durch. Er arbeitete gerne schnell, aber nicht auf Kosten der Qualität. Außerdem … die leicht mysteriöse Aura, die Miss Kira Banks umgab, könnte vielleicht für einen Skandal um Albani International sorgen. Und das durfte er auf keinen Fall zulassen.

Für nichts würde er den Ruf seiner Firma riskieren, auch nicht für die schönste Engländerin in Italien.

Jeden Tag betrachtete Kira die Visitenkarte, die Stefano ihr überlassen hatte. Die Telefonnummer kannte sie längst auswendig, doch sie hatte sie nie gewählt. Dieser selbstsichere, gewandte Mann durfte niemals den Eindruck bekommen, Kira wäre nicht vollauf mit eigenen Projekten und Gedanken beschäftigt.

Irgendwann nach zwei Wochen konnte sie nicht länger widerstehen. Sie setzte sich, schaltete ihren Laptop ein – für den Fall, dass er gleich zum Geschäftlichen kommen wollte –, räusperte sich und nahm den Telefonhörer auf. Mit hämmerndem Herzen wählte sie seine Nummer.

„Signor Albanis Büro. Was kann ich für Sie tun?“, fragte eine Frau mit freundlicher Stimme.

Kira war völlig perplex. Naiverweise hatte sie angenommen, sie würde direkt mit Stefano verbunden.

„Mit wem spreche ich?“, fragte die Frau, so wie sie wahrscheinlich auch Tausende andere fragte.

„Kira Banks“, erwiderte Kira in dem freundlich-geschäftsmäßigen Ton, den sie für ihre Kunden nutzte. „Ich wollte wegen eines Vertrages nachfragen, den Signor Albani mir avisiert hatte.“

„Ah.“

Dieses eine kleine Wort brachte Kira wieder zurück auf den Boden der Realität. Während die Empfangssekretärin nachfragte, blieb Kira genügend Zeit, sich still wegen ihrer Dummheit zu schelten. Wie viele andere Frauen wohl tagtäglich diese Nummer anriefen? Der glattzüngige Stefano machte sicherlich Hunderte solcher Versprechen.

Die Stimme drang wieder durch die Muschel. „Tut mir leid, Miss Banks, aber bei uns wurde kein Vertrag auf diesen Namen ausgestellt. Können Sie mir vielleicht das Datum des Schreibens nennen, das Sie von uns erhalten haben?“

„Nein, ist schon in Ordnung. Ich muss mich offensichtlich geirrt haben“, murmelte sie unverbindlich. Es wäre ja nicht das erste Mal, dachte sie bitter, als sie den Hörer auflegte.

Elend starrte sie auf das Telefon. In ihren Tagträumereien hatte sie sich ausgemalt, wie Stefano Albani es gar nicht mehr erwarten konnte, sie wiederzusehen. Er hatte Bella Terra längst gekauft und bar bezahlt, damit er so schnell wie möglich einziehen konnte …

Stattdessen hatte er sie vergessen, wahrscheinlich schon in dem Moment, in dem er in seinen Hubschrauber gestiegen war. Er war auch nicht anders als all die anderen reichen Männer, für die sie gearbeitet hatte. Alle von ihnen hatten gewusst, wie man andere umgarnte, ob nun Investoren oder Frauen.

Kira berührte ihre Lippen. Sie meinte, das köstliche Prickeln noch immer spüren zu können, und musste lächeln, als sie sich an das wunderbare Gefühl erinnerte, wie es gewesen war, von ihm gehalten zu werden …

Der Mann war ein Schuft! Die Frage war nur, warum sie tatsächlich etwas anderes erwartet hatte. Sie hätte es von Anfang an wissen müssen!

Aber sie hatte schon Schlimmeres überlebt, und sie würde auch Stefano Albani überleben.

Nichtsdestotrotz war Kira die Enttäuschung über den nicht zustande gekommenen Vertrag anzumerken. Zwar zwang sie sich zu Gelassenheit, doch so leicht konnte sie Stefano nicht vergessen. Er hatte ein neues Feuer in ihrer Seele entzündet. Schon vor Langem hatte das Leben sie gelehrt, nichts zu erwarten, wenn es um Männer ging. Eigentlich hatte sie gewusst, dass Stefano nicht anders sein würde, dennoch … es war eine so schöne Vorstellung gewesen. Und die Erinnerung an ihn wollte sich auch nicht ersticken lassen. Ob in ihren Träumen oder am helllichten Tag, immer wieder tauchte das Bild von Stefanos Gestalt vor ihr auf.

Kira legte gerade letzte Hand an ein sehr erlesenes Projekt auf einem Anwesen vor den Toren von Florenz, als ihr Handy klingelte.

„Miss Kira Banks?“

Normalerweise riefen nur Kunden diese Nummer an, doch weder erkannte Kira die weibliche Stimme noch die Nummer auf dem Display. „Wer will das wissen?“, fragte sie argwöhnisch.

„Ich arbeite für Signor Albani. Wenn wir recht verstehen, beenden Sie gerade einen Auftrag für Fürst Alfonse. Signor Albani möchte, dass Sie zu ihm ins Büro kommen. Ein Wagen wird Sie abholen, in ungefähr …“

„Moment!“, unterbrach Kira verärgert. „Als ich letztens in Ihrem Büro anrief, wusste man angeblich nichts von mir!“

„Wann war das?“

„Vorgestern.“

„Da waren Sie wohl ein wenig zu ungeduldig“, kam die kühle Antwort zurück.

Kira war nicht in Stimmung, sich wie ein Idiot behandeln zu lassen. „Wenn Signor Albani clever genug ist, um herauszufinden, wo ich arbeite, dann sollte er es auch besser wissen, als mich mitten in der Arbeit zu unterbrechen. Ich bin beschäftigt und habe keine Zeit für unnützes Geplänkel mit einem unzuverlässigen Mann.“

Die Frau am anderen Ende schnappte schockiert nach Luft. „Miss Banks! Niemand erteilt Signor Albani eine Absage.“

„Tut mir leid, aber der Mann, für den ich im Moment arbeite, hat ebenso wenig Verständnis für Absagen. Und von mir wird er ganz bestimmt keine erhalten“, meinte Kira entschieden. „Falls Sie Signor Albani das nicht ausrichten wollen, sollten Sie mich vielleicht zu ihm durchstellen. Ich sage es ihm dann persönlich.“

Die Frau war alles andere als glücklich, dennoch wollte sie versuchen, Kira zu ihrem Chef durchzustellen.

Während Kira in der Leitung wartete, hatte sie genügend Zeit, um zu erkennen, dass sie zu weit gegangen war. Sie hatte sich von ihren Emotionen mitreißen lassen. So ungern sie auch einen Rückzieher machte … was die Arbeit anging, war sie Realist. Sie brauchte Aufträge. Allerdings stand hinter diesem neuen Auftrag der aufreibende Stefano Albani. Herrisches Gehabe gehörte scheinbar als unerlässliche Qualifikation zu jedem Milliardär, aber dieser spezielle Mann ging ihr unter die Haut. Und sie wollte für ihre Arbeit bekannt sein, nicht dafür, dass sie sich wegen eines Mannes zum Narren machte.

„Kira, Stefano hier“, schnurrte da eine Stimme an ihrem Ohr und vertrieb so jeglichen klaren Gedanken.

„Hallo“, sagte sie, weil ihr nichts anderes einfiel.

„Sie wollten mich sprechen?“

„Richtig.“ Sie schüttelte die seltsame Trance ab und berief sich auf ihren geschäftsmäßigen Ton. „Danke, dass Ihre Assistentin angerufen hat, aber ich arbeite gerade an einem sehr wichtigen Projekt. Ich kann jetzt nicht einfach alles stehen und liegen lassen.“

„Ich weiß, Sie haben Ihre Grundsätze.“ Ein Lächeln schwang in Stefanos Stimme mit. „Alfonse sagte mir jedoch, dass Sie bei ihm praktisch fertig sind. Und ich werde eine Weile außer Landes sein, daher wollte ich den Vertrag mit Ihnen durchsprechen, bevor ich abreise. Ich hielt es auch für eine gute Gelegenheit für uns beide“, fügte er noch hinzu.

Kira brauchte den Auftrag. Ebenso wollte sie Stefano wiedersehen. Und aus einem Geschäftstreffen konnte wohl kein Schaden entstehen, oder? Die Arbeit würde für eine sichere Barriere zwischen ihnen sorgen und Kira vor einem Desaster bewahren.

„Schon möglich.“ Sie gab sich Mühe, missgelaunt zu klingen. „Wo finde ich Sie?“

„Keine Sorge, schließlich habe ich Sie gefunden. Der Wagen wird Sie in genau …“, vom anderen Ende kam eine kurze Pause, und Kira konnte sich vorstellen, wie Stefano auf seine Armbanduhr schaute, „… fünfzehn Minuten abholen.“

Und so war es dann auch.

Als der Chauffeur die Limousine vor dem Haupteingang von Albani International zum Stehen brachte, schaute Kira mit einem unguten Gefühl an dem altehrwürdigen großen Gebäude empor. Durch die Drehtüren ergoss sich ein konstanter Strom von Menschen, und ein Portier trat an den Wagen, um den Wagenschlag für Kira zu öffnen. Sie stieg aus, holte noch einmal Luft und betrat das Foyer.

Glücklicherweise brauchte sie nicht zu warten, sondern wurde gleich zu Stefano gebracht. In einem Vorzimmer zu warten, hätten ihre Nerven nicht mitgemacht. Sie hatte sich vorgestellt, wie es sein musste, ihn wiederzusehen, doch jetzt, da es so weit war, klafften Vorstellung und Realität weit auseinander. Am liebsten hätte sie den Kopf gesenkt und wäre seinem Blick ausgewichen, aber so holte man keine Aufträge ein. Also hob sie das Kinn und begegnete seinen Augen mit der gleichen Direktheit, auch wenn es sie enorme Überwindung kostete.

Der Mann ihrer Träume saß in einen großen schwarzen Bürosessel zurückgelehnt, die Füße vor sich auf den Schreibtisch gelegt, und sprach in ein Diktafon. Auch wenn seine Augen unablässig auf ihr lagen, hörte er nicht auf, in das kleine Gerät zu sprechen.

Stefano sah genauso überwältigend aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Die lässige Haltung in dem maßgeschneiderten dunklen Geschäftsanzug machte es schwer, ihn nicht anzustarren. Kira ergab sich der Versuchung.

Stefano hatte den Brief zu Ende diktiert und legte das Gerät beiseite. „So sehen wir uns also wieder, Miss Banks.“

„In der Tat“, gab sie höflich zurück und konnte die Frage, die sie beschäftigte, seit er damals abgeflogen war, nicht zurückhalten. „Haben Sie Bella Terra gekauft, signore?“

„Ja. Aber bisher war ich zu beschäftigt, um hinzufahren. Sie haben sich wahrscheinlich gefragt, wo ich bleibe?“

„Nein, wieso hätte ich?“, gab sie kühl zurück. Niemals würde sie zugeben, wie viel Raum er in ihren Gedanken eingenommen hatte. Er stutzte unmerklich, und das gab ihr nicht nur ein kleines Triumphgefühl, es brachte auch ein Lächeln auf ihre Lippen. „Als Ihre Assistentin anrief, wusste ich im ersten Moment gar nicht mehr, wer Sie waren.“

Er lächelte ironisch. „Ich wusste bereits, dass Sie außergewöhnlich sind, Kira, aber jetzt wird mir klar, dass Sie absolut einzigartig sind.“

Er nahm die Füße vom Tisch und setzte sich gerade auf, wirkte dadurch noch imposanter. Kira mühte sich um eine ungerührte Miene. Übertreib es nicht mit den kessen Bemerkungen, mahnte sie sich still. Er soll nicht denken, dass er mir etwas bedeutet, aber er ist immerhin der Mann, der mich von dem Auftrag für Fürst Alfonse abgezogen hat.

„Ich möchte, dass Sie für mich arbeiten, Kira. Wie viel verlangen Sie?“

„Ich weiß vorher gern, auf was ich mich einlasse.“ Sie war stolz auf sich für den sachlichen Ton, vor allem, da sie tagelang Fantasien um diesen Mann gerankt hatte. „Ich möchte sicher sein, dass ich die Richtige für den Job bin. Sonst wäre es mir lieber, wenn Sie einen anderen unter Vertrag nähmen.“

„Das sehe ich ebenso“, erwiderte Stefano. „Aber Sie wären heute nicht hier, wäre ich dessen nicht sicher. Sie können mir genau das geben, was ich brauche, Kira Banks.“ Auch wenn sein Gesicht völlig ausdruckslos blieb, ließ die Doppeldeutigkeit seiner Worte sie leise nach Luft schnappen. Über den Tisch schob er ihr eine Aktenmappe zu. „Warum lesen Sie das nicht durch und sagen mir dann, was Sie davon halten?“

Kira rührte sich nicht. „Was? Jetzt gleich?“

Stefano hob lächelnd eine Augenbraue. „Spricht etwas dagegen?“

Seit ihrem Treffen hatte Kira seinetwegen viel zu viele rastlose Stunden verbracht, es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle gewesen – Erstaunen, Hoffnung, Enttäuschung. Daher konnte sie seinen Worten jetzt nichts Amüsantes abgewinnen. „Meine Arbeit ist mir wichtig, daher überlege ich mir immer sehr genau, welche Aufträge ich annehme.“

Stefano nickte zustimmend. „Diese Einstellung erwarte ich sogar von denen, die für mich arbeiten. Und deshalb will ich Sie ja an Bord haben. Meine Leute haben sich Ihre anderen Projekte angesehen. Wenn Sie für mich arbeiten, dann aus den richtigen Gründen, nicht wegen der falschen.“

Kira richtete den Blick von seinem einnehmenden Lächeln auf die Aktenmappe. Was mochten seine Leute sonst noch über sie herausgefunden haben? „Ist es denn nicht nur der Vertrag, um in den Gärten auf Bella Terra zu arbeiten?“

„Das … und in denen meiner Villa in Florenz, wie schon erwähnt. Da ich Ihre Arbeit kenne, habe ich zusätzlich noch meinen kürzlich erworbenen Besitz in der Karibik in den Vertrag mit einschließen lassen.“

Kira hätte vor Freude an die Decke hüpfen müssen. Das war ja ein Traumvertrag! Stattdessen runzelte sie die Stirn. „Ich habe noch nie in der Karibik gearbeitet.“

„Dann machen Sie sich auf eine Überraschung gefasst. Mit Sicherheit wird es eine großartige neue Erfahrung. Silver Island hat einfach alles – einhundert Hektar tropische Wildnis mitten im azurblauen Meer, umsäumt von weißen Sandstränden.“

Trotz ihres Vorsatzes, unbeeindruckt zu bleiben, begannen ihre Augen zu funkeln. „Das klingt fantastisch.“

Jetzt war es an Stefano, die Stirn zu runzeln. „Das dachte ich auch, als ich die Insel kaufte. Silver Island ist der perfekte Rückzugsort, es wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Insel herzurichten – und doch fehlt etwas.“ Nachdenklich strich er sich über das Kinn. „Ich möchte, dass Sie die Magie dorthin bringen, die Sie auch auf Bella Terra geschaffen haben. So, wie Sie in Florenz für die Dauer Ihrer Arbeit in meinem Haus wohnen können, werden Sie auch auf der Insel vor Ort bleiben.“

Und wo bist du während dieser Zeit? ertappte sie sich bei dem Gedanken.

„Sie haben vermutlich bemerkt, wie interessiert ich an Ihren Gärten war?“, fragte er jetzt.

„Ja, natürlich.“ Sie versuchte, sich allein auf die Momente der unbeschwerten Plauderei zwischen ihnen zu konzentrieren und die Szene, wie er sie in die Arme gezogen und geküsst hatte, völlig auszublenden. Doch vergeblich, seine Präsenz überwältigte jede andere Erinnerung.

Das leichte Beben ihrer Stimme hatte sie verraten. Stefano lächelte breit. „Ah, ich verstehe.“

Die Intensität seines Blicks ließ Wärme in ihr aufsteigen. Er erinnerte sie an einen Tiger, der zum Sprung ansetzte. Kira fühlte, wie das Beben sie mehr und mehr erfasste und ihre Selbstbeherrschung bröckelte. Feuer sammelte sich an ihren geheimsten Plätzen, schien nur auf ein Wort zu warten, um auszubrechen.

„Gut … wenn Sie mit dem Vertrag zufrieden sind, machen wir uns also auf den Weg.“

„Wohin?“, fragte sie schwach.

Stefano stützte die Ellbogen auf die Schreibtischplatte und verschränkte die Finger. „Nach Silver Island. Sie müssen sich ein Bild von der Insel machen, bevor Sie ihr wirklich Genüge tun können. Nichts kann das Erleben von Sand zwischen den Zehen und in der tropischen Brise wehenden Palmenwedeln unter blauem Himmel ersetzen.“

Die Worte flossen über seine Lippen wie die tropische Brise, von der er sprach – warm, sacht und oh so verführerisch …

5. KAPITEL

Kira wusste nicht, was sie tun sollte. Der Auftrag war fantastisch, und sie wollte ihn mehr als jeden anderen, den sie bisher übernommen hatte. Aber wenn sie ehrlich war, konnte eine derart enge Zusammenarbeit mit Stefano gefährlich werden. Wie sollte sie sich da auf ihre Arbeit konzentrieren? Und mit ihm zusammen auf die andere Seite der Welt zu reisen … Sie wäre weit weg von zu Hause und auf einen Mann angewiesen, der sie völlig in seinem Bann hielt. Die gleiche alte Geschichte wie damals während ihrer Studienzeit. Kira konnte es sich nicht leisten, noch einmal in die gleiche Falle zu tappen. Ein Mann wie Stefano würde sich niemals nur für eine Frau entscheiden, davon war sie überzeugt. Nicht, wenn er so sinnlich lächelte, nicht, wenn er so wunderbar küsste.

Ihr Herz durfte sie ihm nie anvertrauen. Aber da sie die Gefahr kannte, würde es doch auch sicher einfacher sein, ihr auszuweichen? Und sie hatte schließlich einen rechtlich bindenden Vertrag, das bedeutete doch Sicherheit, oder? Das Problem war nur, dass das Zusammensein mit Stefano eine zu große Versuchung darstellen würde. Sie traute sich nicht die Stärke zu, ihm zu widerstehen. Die vergangenen Tage hatte sie in einem ständigen Wechsel zwischen Hoffnung und Niedergeschlagenheit zugebracht, und dafür war allein er verantwortlich. Ihn jeden Tag zu sehen, würde tausendmal schlimmer sein.

„Aber vergessen wir das Geschäftliche erst einmal. Kommen Sie, ich führe Sie zum Lunch aus. Wenn Sie möchten, können wir uns beim Essen weiter darüber unterhalten.“

Kira stützte die Hände auf die Armlehnen ihres Stuhls. Die Gedanken jagten durch ihren Kopf. Alles ging viel zu schnell, es war dringend nötig, Grenzen zu ziehen. Stefano würde verstehen müssen, dass sie nicht vorhatte, sich so einfach zu fügen. „Ich lasse mich nicht drängen. Und bitte, sehen Sie mich und meine Gefühle nicht als selbstverständlich an.“

Hinter dem Schreibtisch blieb seine Miene unleserlich, doch für einen kurzen Moment glaubte Kira, Erstaunen darin aufblitzen zu sehen. „Sie glauben also, dass ich das tue?“

Sie wappnete sich für die Explosion. „Ja.“ Doch der Ausbruch erfolgte nicht. Stefano betrachtete sie nur nachdenklich. „Wie würden Sie es denn nennen?“, fuhr sie fort. „Bevor Sie mein Haus verließen, machten Sie alle möglichen Versprechungen und boten mir einen großartigen Auftrag an, doch dann … Sendepause. Als ich schließlich in Ihrem Büro anrief, wusste man von nichts. Von einer Kira Banks hatte man nie …“

„Weil ich erst noch nachprüfen wollte“, unterbrach er sie, „ob Sie wirklich die Richtige für …“

„Bitte, lassen Sie mich ausreden.“

Abrupt schwieg er und sah sie erstaunt mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Sie scheinen davon auszugehen, dass ich Ihnen bedingungslos gehorche. Aber dem wird nicht so sein, Stefano“,

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