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Wiedersehen auf Mallorca / Bittersüß ist meine Rache / Der Glanz in deinen Augen / Ein Mann für May

Helen Bianchin

Wiedersehen auf Mallorca

1. KAPITEL

Gianna verließ das Apartmentgebäude in Main Beach und ging zu Fuß das kurze Stück zum Meer hinunter. Sanft rollten die Wellen des Pazifischen Ozeans in der ewig gleichen Bewegung an den Strand. Der wolkenlose Himmel dieses frühen Morgens erstrahlte in blassem Blau, und die Frühlingssonne versprach einen warmen Tag.

Etwas Abwechslung tut einfach gut, stellte Gianna fest, als sie beschwingt durch den hellen Sand lief.

Warum sie jedoch nicht wie sonst zum Trainieren ins Fitnessstudio gegangen war, sondern einen Strandlauf an der frischen Luft vorgezogen hatte, wollte sie gar nicht weiter ergründen.

Lag es an der Mondphase? Oder an der unruhigen Nacht mit den aufregenden Träumen?

Egal – an der frischen Luft zu sein hatte auf jeden Fall seinen Reiz, und Gianna fühlte sich auf einmal in der Lage, die Dämonen der Vergangenheit zu vertreiben.

Vierzig Minuten wollte sie joggen, dann schnell einen Coffee-to-go holen, danach zurück ins Apartment – duschen, frühstücken, ankleiden und los zur Arbeit.

Bellissima – die luxuriöse Geschenkboutique, die ihr in einer der angesagtesten Vororte an der Gold Coast gehörte, genoss einen fabelhaften Ruf, was auch mit an der gelungenen Mischung aus importierten und heimischen Waren lag, die sie anbot. Exquisite Duftkerzen, orientalische Seifen, ausgefallene Gläser, kleine Skulpturen aus Kristall, Elfenbein oder Silber eigneten sich hervorragend als Geschenke. Auch bestickte Servietten aus feinstem irischen Leinen, Kissenbezüge aus Seide und exklusive Künstlerkarten fand man in der Boutique.

Gianna hatte das große Los gezogen, als das Schicksal ihr die Gelegenheit bot, das Geschäft zu erwerben, nachdem sie es zuvor fast ein Jahr lang in Abwesenheit der Eigentümerin verantwortlich geführt hatte. Nun, nach weiteren zwei Jahren, hatte sie der Boutique ein komplett neues Aussehen verpasst und das Sortiment erweitert. Außerdem gab sie zwei Mal jährlich einen Katalog heraus. Das alles hatte dazu beigetragen, dass der Umsatz gewaltig angestiegen war.

Das Leben ist doch schön, überlegte Gianna, während sie über den feuchten festen Sandboden joggte. Mit ihren achtundzwanzig Jahren war sie stolze Besitzerin eines erfolgreichen Geschäfts sowie eines Apartments in bester Lage, und damit hatte sie sich die Voraussetzungen für eine vielversprechende Zukunft geschaffen.

Der milde Seewind strich sanft über ihren wohlgeformten Körper, während ihre Gedanken weiterwanderten. Sie musste an ihre kurze Ehe denken mit dem stolzen Spanier, den sie vor vier Jahren auf einer Party während eines Mallorca-Urlaubs kennengelernt hatte.

Raúl Velez-Saldaña.

Raúl war ein attraktiver Enddreißiger, mit markanten Zügen, groß gewachsen, dunkel … und gefährlich für den Seelenfrieden jeder Frau.

Wer könnte ihm schon widerstehen? Und welche Frau wollte das überhaupt?

Ein Blick von ihm hatte genügt, um sie dahinschmelzen zu lassen. Wie zu einer unbedeutenden kleinen Pfütze zu seinen Füßen, so hatte sie damals selbstironisch gedacht.

Aber ganz so war es nicht gewesen.

Zunächst hatte sie gegen ihn angekämpft, dann gegen sich selbst. Immer in dem Bewusstsein, dass sie, wenn sie ihm nicht widerstehen würde, verloren wäre … und zwar ganz und gar.

Gianna fröstelte. Obwohl es eher wärmer wurde, war ihr plötzlich kalt, während sie den Strand in südlicher Richtung entlanglief.

Sie hatte mehr als nur Sex miteinander verbunden. Es war die vollkommene Vertrautheit gewesen … sehr intensiv. Wie hypnotisiert war sie gewesen. Sechs perfekte Monate lang hatten sie nur für den Moment gelebt, unfähig, ohne einander zu existieren.

Zu der Zeit war Raúl ständig in der Weltgeschichte unterwegs gewesen, und sie hatte Urlaubstage verschwendet, nur um ihn irgendwo treffen und bei ihm sein zu können.

Bis sie zugestimmt hatte, nach Madrid zu ziehen, zu ihm in sein Luxusapartment im Stadtteil Salamanca. Mein Gott, das Leben, das sie damals mit ihm geteilt hatte …

Dann kam der Ausrutscher, in null Komma nichts war es passiert. Um bei der Hochzeit ihres Bruders Ben dabei zu sein, war sie nach Sydney geflogen und hatte durch alle Zeitzonen hindurch während des gesamten langen Fluges geschlafen. Dabei hatte sie völlig vergessen, ihre Anti-Baby-Pille zu nehmen.

Sie konnte sich noch lebhaft an den Tag erinnern, an dem in ihr der Verdacht aufkeimte, sie könne schwanger sein. Sie wusste sogar noch genau, wann sie den Schwangerschaftstest durchgeführt hatte, der positiv ausgegangen war. Drei Mal innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden hatte sie den Test wiederholt, um sicherzugehen, dass es sich auch wirklich nicht um einen Irrtum handelte.

Tagelang hatte sie sich mit dem Wissen herumgequält, bevor sie es Raúl eröffnete. Er hatte die Nachricht ausgesprochen ruhig aufgenommen und völlig unaufgeregt eine überraschende Lösung vorgeschlagen: Heiraten.

Mit seinem „Kein Kind von mir wird unehelich geboren“ konnte Gianna nicht viel anfangen. Insgeheim hatte sie auf eine Liebeserklärung gehofft. Eine Abtreibung wäre für sie natürlich auch nicht infrage gekommen, aber dass Heiraten die einzige Lösung sein sollte, wollte sie auch nicht gleich akzeptieren.

Allerdings, welche Alternative hatte sie denn? Sollte sie als alleinerziehende Mutter nach Australien zurückkehren? Einen Kampf um das Sorgerecht gegen Raúl beginnen … den sie mit Sicherheit verlieren würde?

Raúls verwitwete Mutter lieferte mit ihren begeisterten und von Herzen kommenden Segenswünschen das überzeugendste Argument. Ein Kind verdiente es, einen Vater zu haben, in einer Familie aufzuwachsen, betonte sie.

Dieses Argument brachte eine Saite in Gianna zum Klingen, denn ihre eigene Mutter war vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Vater hatte eine andere Frau kennengelernt, war mit ihr nach Paris gezogen und hatte wieder geheiratet. Der Kontakt schlief nahezu ein … bis auf gelegentliche E-Mails mit angehängten Fotos und noch seltenere Telefonanrufe.

Nur mit Ben, ihrem Bruder, hielt sie intensiven Kontakt via Mail und Telefon.

Selbst Freundinnen hatte sie kaum … und die wenigen, die sie hatte, waren über die ganze Welt verstreut.

Absichtlich entschied sie sich für einen Neubeginn fern von Sydney, der Großstadt, in der sie geboren und aufgewachsen war. Queensland hatte sie mit seinem subtropischem Klima und seinen traumhaften Stränden gelockt, und heute, fast drei Jahre später, fühlte Gianna sich dort auch richtig zu Hause.

Raúl hatte sich um sie gekümmert, das war ihr durchaus bewusst. Was spielte es da schon für eine Rolle, ob es aus Liebe geschehen war? Fürsorge reichte doch. Und wer weiß, was daraus noch hätte werden können?

Bittersüße Gedanken waren das. Denn sieben Wochen nachdem sie Gianna Velez-Saldaña geworden war, hatte sie eine Fehlgeburt erlitten.

In der Zeit danach hätte sie dringend seinen Trost benötigt. Nachts hatte sie wach gelegen, lange, nachdem er eingeschlafen war, und sich nach seiner Berührung gesehnt. Sie wollte viel mehr als nur in seinen Armen liegen.

Kummer und Sorge … und ja, leider auch die Hormone führten eine andere Entscheidung herbei. Dazu beigetragen hatte auch eine anscheinend gut gemeinte, aber dennoch herzlose Bemerkung von Sierra, einer von Raúls Exgeliebten. Sie meinte, es wäre klüger gewesen, mit der Heirat zu warten, bis die Geburt des Babys näher gerückt wäre.

Von da an ging es bergab. Raúl verbrachte zunehmend mehr Zeit im Büro und mit geschäftlichen Terminen. Meistens hatte er das Haus bereits verlassen, wenn sie aufwachte, und immer öfter kam er aus den verschiedensten Gründen nicht rechtzeitig zum Abendessen nach Hause.

Die Unterhaltung zwischen ihnen beschränkte sich aufs Nötigste. Sie waren höflich zueinander und verhielten sich in der Öffentlichkeit so, wie man es von ihnen erwartete.

Der traurige Höhepunkt des Ganzen allerdings war gekommen, als sie Raúl eines Abends auf seinem Handy anrufen wollte, während er auf einer Geschäftsreise in Argentinien weilte. Sierra ging an den Apparat und gurrte vor Vergnügen, als sie Gianna eröffnete „dass jetzt nicht gerade der passende Augenblick für ihren Anruf sei, comprende?“ Als ob dies nicht schon deutlich genug gewesen wäre, setzte sie noch eine spitze Bemerkung obendrauf. „Raúl lässt sich gerade ein Bad ein. Ich muss ja wohl nicht extra betonen, dass ich ihm gleich Gesellschaft leisten werde, oder?“

Der inneren Taubheit folgte Zorn, danach ein Tobsuchtsanfall. Dann packte Gianna in aller Ruhe die Koffer, rief ein Taxi und nahm den erstbesten Flug nach Hause.

Schnee von gestern, rief sie sich zur Ordnung. Sie hatte sich erfolgreich ein neues Leben aufgebaut und war wieder so selbstsicher wie früher.

Der schrille Ruf einer Möwe durchschnitt die Morgenstille. Gianna verfolgte mit den Augen, wie der Vogel elegant über das Wasser schwebte und im nassen Sand landete.

Apartmentgebäude säumten die Strandpromenade von Main Beach – hohe Betonbauten, die exotische Namen trugen, und die ganz unterschiedliche Architekturstile repräsentierten.

Die auflaufende Flut begann mit Wellen, die weiße Gischtkronen trugen und sanft gegen den Strand rollten – Vorboten weit mächtigerer Wellen, die ideal zum Surfen waren.

Gianna drehte vom Strand ab und lief den leichten Anstieg zur Strandpromenade hinauf, überquerte die Straße und bestellte in einem Strandcafé einen Milchkaffee zum Mitnehmen.

Es war halb acht, als sie in ihr Apartment zurückkehrte. Sie zog sich aus, nahm eine Dusche, kleidete sich neu an, nahm ein wenig Obst mit Joghurt zu sich, packte eine Tasche und den Laptop ein, fischte die Wagenschlüssel vom Regal und fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage.

Nach wenigen Minuten Fahrt parkte sie vor einem luxuriösen Einkaufszentrum, das wirkte, als ob gebogene Segel weit in den Himmel ragten. Es war architektonisch ein einzigartiges Bauwerk, das die unterschiedlichsten Boutiquen beherbergte, von denen das Bellissima eine war. Ein Lächeln huschte über Giannas Gesicht, als sie einen Augenblick die Schaufensterauslage betrachtete.

Sieht gut aus, dachte sie zufrieden, als sie sich vorbeugte, um die Eingangstür aufzuschließen. Vielleicht sollte sie die Zinn- gegen eine Kristallvase austauschen und einen Strauß Seidenblumen hineinstellen und die Teller aus gehämmertem Silber durch das bunte Glasvogelpaar ersetzen.

Ihre Geschenkboutique – exklusive Ware, außergewöhnlich geschmackvoll arrangiert – war ganz und gar durch ihren eigenen Stil geprägt. Die Beleuchtung im Laden hatte sie so arrangiert, dass die einzelnen Stücke zu erglühen und zu funkeln schienen. Gianna erlaubte sich einen kurzen Moment voller Stolz, bevor sie hinüberging zum Ladentisch und sich auf den neuen Geschäftstag vorbereitete.

Am Morgen ging es ziemlich lebhaft zu. Jedes Geschenk wurde exklusiv verpackt. Von ihren Kunden erntete sie dafür immer großes Lob. Sie legte allergrößten Wert auf aufmerksamen und freundlichen Service. Wie sehr das geschätzt wurde, zeigte die große Zahl an Stammkunden.

Gianna betrachtete ihr Geschäft als ihre Lebensaufgabe. Unablässig war sie auf der Suche nach ungewöhnlichen Artikeln. Zudem gab sie regelmäßig neue Kataloge heraus und hielt ihre Website auf dem neuesten Stand.

Dass sie dies alles völlig allein geschafft hatte – anfangs mithilfe eines Kleinkredits der Bank –, erfüllte sie mit Stolz. Die Zuschüsse, die Raúl monatlich überwies, ließ sie unangetastet auf einem separaten Konto liegen.

Die Arbeit bedeutete Gianna alles. Sie konzentrierte sich auf das Jetzt und die unmittelbare Zukunft.

Natürlich hatte sie ein paar gute Freunde, mit denen sie sich manchmal traf. Aber mit einzelnen Männern ging sie nicht mehr aus. Eine Einladung zum Abendessen und angenehme Konversation am Ende eines Arbeitstages bedeuteten schließlich nicht automatisch, dass man anschließend miteinander ins Bett ging. Jedenfalls nicht nach ihren Vorstellungen.

Ihre Freunde meinten es gut mit ihr. Sie wollten Gianna glücklich sehen, zufrieden, mit einem Mann an ihrer Seite, der wirklich zu ihr passte.

Ankündigungen wie ‚Er ist wundervoll – ein wirklicher Gentleman‘ hielten jedoch nie, was sie versprachen, das hatte sie rasch herausgefunden.

‚Du wirst ihn anhimmeln, er ist ja sooo charmant‘ … Vielleicht, wenn einem langweilige Kriecher gefielen.

Alle Vermittlungsversuche misslangen, egal, wie gut sie gemeint waren. Vielleicht war das ja auch ihre eigene Schuld … denn sie war einfach nicht in der Lage, sich innerlich von Raúl zu trennen.

Seine ständige Anwesenheit in ihren Gedanken war erdrückend. Gelegentlich stockte ihr der Atem, wenn sie zufällig einem großen breitschultrigen Mann begegnete, der ihr verteufelt vertraut vorkam. Wenige Sekunden folgten, die ihr Herz fast zum Stillstand brachten … bis er ihr sein Profil zuwandte und sie das Gesicht eines Fremden sah. Sehr schnell kehrte sie dann in die Wirklichkeit zurück.

Also stürzte sie sich in die Arbeit. Und es gab reichlich zu tun. Wareneinkauf. Auslieferung. Beratung der Kundschaft.

Beschäftigt zu sein, das war die Lösung. Ein steter Strom von Kunden stellte sicher, dass sie gar nicht erst zum Denken kam. Weil das Geschäft glücklicherweise so gut lief, hatte Gianna vor zwei Jahren Annaliese als Teilzeitkraft eingestellt. Sie arbeitete täglich von zehn Uhr dreißig bis sechzehn Uhr bei ihr.

Annaliese war intelligent, attraktiv, hatte ein sonniges Gemüt und Sinn für Humor. Sie war eine hervorragende Verkäuferin und, was das wichtigste war, mit Leib und Seele bei der Sache.

„Guten Morgen. Ein doppelter Latte macchiato für die Chefin.“

„Danke.“ Giannas Dankbarkeit war echt. Von Anfang an versorgte ihre Mitarbeiterin sie immer mit Kaffee. Mit einem warmen Lächeln auf den Lippen brachte Annaliese ihr auch an diesem Tag einen heißen Kaffee mit.

Erst am frühen Abend kam Gianna dazu, einen Blick in die Warenausgangsliste zu werfen. Sie sah sehr zufriedenstellend aus – was bedeutete, dass sie das Lager wieder auffüllen musste. Nur zu gerne rief Gianna ihre Lieferanten an, bevor sie dann bald den Laden schließen würde.

Als die automatische Ladentür aufglitt, zauberte Gianna in Erwartung eines Kunden ein Lächeln auf ihr Gesicht … das allerdings sofort gefror, als sie den Mann erkannte.

Seine kraftvolle Gestalt entsprach ganz dem Bild, das sie in Erinnerung hatte, und sein dunkles Haar schimmerte im Kunstlicht. Es betonte auch seine Züge, die hohen Wangenknochen, das energische Kinn, den olivefarbenen Teint … und Augen, die so dunkel waren, dass sie fast schwarz wirkten.

Raúl.

Exliebhaber, abgelegter Ehemann, kurzum ein Mensch, von dem sie innig gehofft hatte, sie würde ihm nie wieder begegnen.

Du lieber Himmel! Was will er hier?

Eine Schrecksekunde lang musste sie an jene Zeit denken, zu der noch perfekte Ordnung in ihrem Leben geherrscht hatte.

Bis es in wenigen Monaten in tausend Stücke zerbrach, nachdem sie eine Fehlgeburt hatte und der Schmerz darüber alles völlig durcheinander gebracht hatte.

Mehrfach hatte er sie angerufen. Doch weil sie nie abnahm, hatte er eines Tages vor der Tür gestanden und hatte von ihr verlangt, mit ihm nach Madrid zurückzukehren.

Doch sie hatte sich geweigert und Zeit und Raum für sich allein verlangt.

„Hast du mir nichts zu sagen, Gianna?“

Sein leichter Akzent machte sie nervös, und der Anblick seiner markanten Gesichtszüge brachten sie in die Wirklichkeit zurück.

Seine dunklen feurigen Augen wurden am äußeren Rand von winzigen Fältchen gerahmt. Die senkrecht verlaufenden Falten in den Wangen schienen seit ihrer letzten Begegnung tiefer geworden zu sein.

O mein Gott. Sie unterdrückte einen verzagten Seufzer. Lass dich auf nichts ein.

Es kostete sie gewaltige Anstrengung, ein schiefes Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern. „Was würdest du denn gern hören? Hallo, wie geht es dir, das scheint ja wohl …?“ Sie hielt inne.

„Unpassend?“

„Unglaublich banal“, erklärte Gianna.

Seine Augen verdunkelten sich.

Obwohl sie Schuhe mit hohen Absätzen trug, überragte Raúl sie noch. Sie musste ihren Kopf heben, um ihm in die Augen sehen zu können.

„Was führt dich hierher?“, fragte sie.

„Die Schönheit Australiens vielleicht? Die der Gold Coast im Speziellen?“, sagte er mit schleppendem Akzent. Dann machte er eine ausschweifende Bewegung mit dem Arm durch die gesamte Boutique und hob genüsslich eine Augenbraue.

„Vielleicht auch, dass ich dich wiedersehen wollte?“

„Ein Anruf hätte genügt, um mir zu sagen, was du willst.“

„Wenn du dich dazu herabgelassen hättest, ihn anzunehmen.“

Hätte ich das? Sein Name war immer noch gespeichert, damit sie es gleich sah, falls er anrief. Denn sie wollte entscheiden können, ob sie den Anruf entgegennahm oder nicht, auch wenn er es schon länger nicht mehr versucht hatte.

„Ich wüsste keinen Grund, der dein persönliches Erscheinen notwendig gemacht hätte.“

Eindringlich musterte er sie. Sie war schlanker geworden. Etwas blass unter einem dezenten Make-up, beinahe unmerkliche Schatten unter den strahlend blauen Augen. Und die Ader an ihrem Hals pulsierte verdächtig schnell.

Also ist sie doch nicht so cool, wie sie sich gibt, stellte er zufrieden fest.

Ein leises Zittern lag in ihrer Stimme, als sie sagte: „Es gibt nichts, was ich von dir hören möchte.“

Der Türsummer ertönte erneut. Sie brauchte einen Moment, um das Gefühl Muss das jetzt sein zu verdrängen, und wandte sich der Tür zu.

„Verzeihung. Haben Sie noch geöffnet?“

Mit fragendem Blick wandte sich Raúl Gianna zu. Er bewunderte, wie sie ganz schnell zu einem geschäftsmäßigen Lächeln wechselte, um die Kundin zu begrüßen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Die große rote Schale im Schaufenster – sie hat mir auf Anhieb gefallen.“

„Sehr exquisit, nicht wahr? Mundgeblasen, aus Venedig.“ Vorsichtig holte sie das gute Stück aus der Auslage.

Der stolze Preis war deutlich auf dem Schildchen sichtbar, doch die Dame schreckte das nicht ab. „Ich nehme sie.“

Gianna lächelte freundlich. „Soll ich sie als Geschenk verpacken?“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gerne.“

„Selbstverständlich.“

Innerhalb von Minuten befand sich die Schale in einer passenden Schachtel, war mit geschmackvollem Papier umwickelt und mit einer Schleife versehen. Ein Geschenk, das sicher großen Eindruck machen würde.

Nachdem die Kundin mit Kreditkarte bezahlt hatte, geleitete Gianna sie zum Ausgang und wünschte ihr einen schönen Abend. Dann schloss sie die Ladentür ab.

„Wenn du alles erledigt hast, was noch zu tun ist, gehen wir“, erklärte Raúl.

Wir?“, entgegnete Gianna genervt und ging zur Verkaufstheke hinüber. „Nirgendwohin werde ich mit dir gehen.“

„Ich denke schon.“ Seine Stimme nahm einen gefährlich weichen Klang an.

Das quittierte sie mit einem kalten Blick. „Dann nenn mir einen Grund, der mich umstimmen könnte.“

Ohne weitere Einleitung sagte Raúl nur ein einziges Wort: „Teresa.“

Giannas Augen weiteten sich und ihre Miene umwölkte sich, als sie den Namen seiner Mutter hörte. Teresa Velez-Saldaña hatte sie, als sie die Geliebte ihres Sohnes war, offen aufgenommen und ihre Heirat begrüßt, und sie hatte viele Tränen vergossen, als Gianna ihr Baby verlor.

Eine wunderbare Frau, die ihr bei jeder Gelegenheit mit Rat zur Seite gestanden und regelmäßig Kontakt zu ihr gehalten hatte. Immer wieder hatte sie auch betont, dass Gianna sie jederzeit besuchen könne.

Die Briefe hatte Gianna zunächst mit Vorsicht beantwortet. Doch als ihr klar wurde, dass Raúl darin keine Rolle spielte, hatte sie die Reserviertheit aufgegeben.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie nun daran dachte, dass Teresa krank, verletzt oder … Gott behüte … noch etwas Schlimmeres geschehen sein könnte.

„Nein.“

„Was, nein?“, gab Gianna schneidend zurück, verärgert darüber, dass er offensichtlich noch immer in der Lage war, ihre Gedanken zu lesen. Dabei hatte sie sich eingebildet, sie sei mittlerweile in der Lage, völlig ungerührt zu wirken.

Offensichtlich hatte sie sich geirrt.

Sie schaute ihn lange einfach nur an, in der Hoffnung, er würde den Blick abwenden. Doch er blieb standhaft, und ihr wurde bewusst, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug. Ihr ganzer Körper schien zum Leben zu erwachen, und das Schlimmste war, dass Raúl darum wusste.

„Also, was ist mit Teresa? Sag schon, verdammt!“

Sein Blick wurde ernst. „Vor wenigen Wochen wurde bei ihr eine inoperable Krebserkrankung diagnostiziert.“

Im ersten Moment konnte sie gar nichts sagen.

„Seltsam. Sie hat in ihren Briefen kein Wort darüber verloren“, brachte sie schließlich heraus. Zuneigung, Respekt und Vertrauen zwischen den beiden Frauen hatten zu einer echten Freundschaft geführt. „Es tut mir so leid!“

„Ja, das glaube ich dir.“ Sein Blick hielt ihren fest, und die Eindringlichkeit, die darin lag, brachte sie beinahe ins Schwanken. „Meinst du“, fuhr er ruhig fort, „dass dein Mitleid weit genug geht, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen?“

Da sie befürchtete, dass ihr nicht gefallen würde, was er gleich sagen würde, achtete sie darauf, mit ruhiger Stimme und zurückhaltend zu antworten: „Wenn ich es einrichten kann.“

„Teresa sehnt sich nach deiner Gesellschaft.“

Gianna erstarrte. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht und sie hatte Mühe, die Kontrolle über ihre verrücktspielenden Nerven zu behalten.

„In Madrid?“ Die Frage war unnötig, denn sie kannte die Antwort bereits.

„Zunächst einmal, ja.“

2. KAPITEL

MADRID. Die Stadt, in der Raúl residierte und den millionenschweren Großkonzern seines Vaters leitete.

Bei dem bloßen Gedanken daran, wie er ihr gegenüber Höflichkeit vortäuschen würde, wann immer er Teresa besuchen kam, hätte sie am liebsten geschrien.

Und das würde er garantiert tun … und nicht zu selten.

Sie durfte nicht zustimmen.

Gianna hatte keine Lust, sich irgendwo in der Nähe von Raúl aufzuhalten. Vor allem wollte sie sich nicht in eine Lage manövrieren lassen, über die sie keine oder nur wenig Kontrolle hatte.

Entsprechend fiel ihre Antwort aus. „Das kann nicht dein Ernst sein.“

Sein Blick ruhte weiter auf ihr. „Und ob.“

Die widersprüchlichsten Gedanken wirbelten durch ihren Kopf.

Wenn ich das machen würde …

Bist du wahnsinnig?

Sie musste sich um ihr Geschäft kümmern und konnte unmöglich von einer Sekunde auf die andere alles hinwerfen.

„Einige wenige Wochen deiner wertvollen Zeit, Gianna“, fügte Raúl in bezwingendem Ton hinzu. „Für Teresa. Ist das zu viel verlangt?“

Im ersten Moment wollte sie mit einem eindeutigen Ja antworten. Dabei zerbrach sie sich schon den Kopf darüber, was sie für ihre Abwesenheit alles arrangieren müsste. Sie würde Annaliese das Geschäft übergeben, eine zusätzliche Kraft einstellen, sich vorher um Lagerbestand und Bestellungen kümmern …

Am liebsten hätte sie laut gestöhnt.

Warum, zum Teufel, verschwendete sie auch nur einen einzigen Gedanken daran? Das Ganze war schlicht unmöglich.

Raúl hingegen bemerkte an ihrer Miene ihren Gefühlsaufruhr und ahnte, was in ihr vorging.

„Du bist für Teresa wie eine leibliche Tochter“, sagte er ruhig. „Unabhängig von unserer Situation. Sie möchte dir ein paar Sachen … Erbstücke … persönlich überreichen.“

Nein. Doch sie sprach die Ablehnung nicht so drastisch aus.

„Ich könnte das nicht annehmen.“

„Warum nicht?“

„Weil diese Dinge alle dir gehören sollten“, sagte sie schnell. Viel zu schnell. Worte, die ihr über die Lippen kamen, ehe sie darüber nachdenken konnte. „Deiner Familie. Deiner Frau.“

Mein Gott, was rede ich da bloß?

Spöttisch hob er eine Braue. „Du bist meine Frau“, erklärte er mit seidenweicher Stimme. „Oder hast du vergessen, dass wir vor dem Gesetz noch verheiratet sind?“

Vergessen? Wie konnte sie das je vergessen, wenn kein Tag verging, ohne dass er ihr in den Sinn kam? Und auch kaum eine Nacht … wenn er es wieder einmal schaffte, in ihren Träumen aufzutauchen.

„Das kannst du nicht von mir verlangen“, brachte sie schließlich heraus.

„Gibt es denn einen triftigen Grund für deine Ablehnung?“

Nicht nur einen, wollte sie schon herausplatzen. Doch innerlich war sie wie zerrissen, als sie daran dachte, dass sie dieser Frau, die sie vorbehaltlos unterstützt hatte, als sie es am meisten brauchte, Loyalität und Dankbarkeit schuldete.

Nachzugeben würde bedeuten, unangenehme Erinnerungen heraufzubeschwören, zumindest jene, die mit dem Mann zu tun hatten, der nun leibhaftig vor ihr stand.

Ein Mann, dessen körperliche Präsenz etwas tief in ihr anrührte und sie in Hochspannung versetzte.

Drei lange Jahre, dachte sie, und nichts hat sich geändert.

„Gibt es einen Liebhaber, den du zurücklassen müsstest?“

Sie zuckte zusammen. Gianna wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Nach Raúl hatte es keinen Mann mehr gegeben, der ihr etwas bedeutete, weil es einfach nicht gefunkt hatte. Kein Mann hatte es vermocht, ihr Blut so in Wallung zu bringen.

Wie viele Geliebte hatte er wohl gehabt, seit sie ihn verlassen hatte? Sierra Montefiore … hatte sie inzwischen ihren Platz eingenommen? Der bloße Gedanke daran versetzte ihr einen schmerzhaften Stich in der Brust.

„Ja“, platzte sie leichtfertig heraus und dachte dabei an Jazz, einen schwarzweißen Kater, den sie aus dem Tierheim hatte. Sein warmes, kuscheliges Fell fühlte sich tröstlich an, wenn er sich nachts auf ihrem Bett zusammenkringelte.

Raúls Blick verdunkelte sich, dann verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. „Ich bin mir sicher, er wird dich für ein paar Wochen entbehren können“, sagte er leidenschaftslos mit dem für ihn typisch schleppenden Akzent.

Gianna tat so, als würde sie darüber nachdenken. „Das bezweifle ich.“

Jazz würde es sicher nicht gefallen, in eine Tierpension abgeschoben zu werden, und sich wahrscheinlich nach ihrer Rückkehr tagelang mit Liebesentzug revanchieren. Der kleine Schmusekater hatte eine besitzergreifende Persönlichkeit … Giannas Apartment war seine Wohnung. Jeder Neuankömmling wurde sorgfältig inspiziert, angenommen oder abgelehnt, in jedem Fall war er später Objekt unablässiger Beobachtung.

„Ja oder Nein, Gianna?“

Sie warf ihm einen geringschätzigen Blick zu. „Nur für den Fall, dass du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast: Mir steht für meine Boutique lediglich eine einzige Halbtagskraft zur Verfügung. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden.“

„Ich wüsste nicht, dass ich das von dir verlangt hätte.“

„Ach nein? Du, der Mann, der nur mit den Fingern zu schnippen braucht, und jeder seiner Lakaien springt sofort, um ihm zu Diensten zu sein?“

Amüsiert zog er die Mundwinkel nach oben. „Du bist keiner meiner Lakaien.“

„Da habe ich aber Glück gehabt.“

„Beim Abendessen können wir alles Nötige besprechen.“

„Ich kann mich nicht erinnern, bereits Ja gesagt zu haben.“

„Das musst du auch nicht.“ Er hatte wieder diesen spöttischen Ton an sich – doch sie beschloss, das vorerst zu ignorieren. Ohne ein weiteres Wort ging sie zur Verkaufstheke und beschäftigte sich mit den Tageseinnahmen – Scheine, Schecks, Kreditkartenbelege, das gesamte Bargeld. Als sie damit fertig war, betätigte sie den Dimmer für die Beleuchtung, packte ihre Handtasche, schaltete die Alarmanlage ein und deutete mit einer Kopfbewegung an, dass sie das Geschäft nun verlassen würden.

Als sie zum Aufzug gingen, war sie sich Raúls Nähe sehr bewusst, ganz zu schweigen davon, welche Wirkung er auf sie ausübte.

Es verwirrte sie, dass sie immer noch so fühlte, obwohl sie ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie hasste es, in eine Zeit zurückversetzt zu werden, in der sie nur für ihn gelebt hatte – nur für ihn da gewesen war. Allein der Gedanke an ihn hatte sie damals glücklich gemacht, und wenn er nach Hause kam, musste sie sich immer zurückhalten, ihm nicht sofort in die Arme zu fliegen.

Sie wusste noch genau, wie er gelacht und sie an sich gedrückt hatte, während er ihren Hals liebkoste … ehe er sie auf eine Weise küsste, die sie tief in ihrer Seele berührte.

Es war wie im Paradies, dachte sie, als sie den Aufzug verließen.

„Ich wohne in dem Hotel gleich gegenüber“, sagte Raúl. „Und ich habe dort einen Tisch für uns reserviert.“

„Ich habe schon Pläne vor heute Abend“, erklärte sie. Und was für schöne Pläne! Nach Hause fahren, sich umziehen, den Kater füttern, sich selbst etwas zu essen machen, fernsehen, zu Bett gehen.

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Dann ändere sie.“

Gianna baute sich vor ihm auf. „Und wenn ich mich weigere?“

„Legst du es auf einen Streit mit mir an?“

Er war ihr viel zu nahe, sodass sie plötzlich sein Aftershave bewusst wahrnahm, das leicht nach Moschus duftete und unverwechselbar seins war – als ob es extra für ihn kreiert worden wäre.

Es rührte auf eine Weise an ihre Sinne, die ihren Seelenfrieden bedrohte.

Raúls Augen verengten sich, als spürte er, was in ihr vorging. Und das ärgerte sie über die Maßen.

Sie musterte ihn betont herablassend. „Lass uns von vornherein eine Sache klarstellen.“ Tief sog sie die Luft ein. „Wenn ich überhaupt zustimmen sollte, dann nur zu meinen Bedingungen.“ Entschlossen suchte sie seinen Blick. „Es wird Tage dauern, vielleicht sogar eine ganze Woche, bis ich alles für mein Geschäft geregelt habe. Wenn es so weit ist, werde ich den ersten Flug nach Madrid buchen, meine Unterkunft arrangieren und dich dann von meiner Ankunft informieren. Bis dahin, schlage ich vor, kehrst du besser nach Madrid zurück.“

„Ist das alles?“, fragte er freundlich.

„Ja.“

Er bedachte sie mit einem leidenschaftslosen Blick. „Falsch.“

„Wie falsch?“

„Wir fliegen in meinem Privatjet nach Madrid, und dass du im Hotel wohnst, kommt nicht infrage.“

„Das ist doch lächerlich!“

Man musste verrückt sein, solch ein Angebot zurückzuweisen – in seinem Privatjet zu reisen, der einen großen und bequemen Salon einschloss, der leicht zu einem Büro umfunktioniert werden konnte, ein geräumiges Schlafzimmer mit Bad, jeden erdenklichen Luxus, den man sich nur vorstellen konnte …

Nur dass es endlose Stunden in Raúls Gesellschaft bedeutete, was Gianna um alles in der Welt vermeiden wollte.

„Ich ziehe es vor, einen Linienflug zu nehmen.“

Für einen langen Augenblick ruhte sein Blick auf ihr, und es schien eine gewisse Bewunderung darin zu liegen. Hilflos spürte Gianna, dass ihr Herz schneller schlug.

„Teresa wird von einem hervorragenden Ärzteteam betreut. Die Villa auf Mallorca ist geräumig, und unsere Patientin besteht darauf, dass du ihr als ihr Gast Gesellschaft leistest.“

Mallorca? „Ich glaube nicht …“

„Legst du es darauf an, mich wegen jedes Details zurechtzuweisen, Gianna?“

„Warum nicht?“

„Sollten wir nicht einen vorübergehenden Waffenstillstand vereinbaren?“

Sie war müde. „Es war ein anstrengender Tag für mich. Ich habe noch etwas zu erledigen und muss ein paar Leute anrufen.“

„Sofort nach dem Essen bist du entschuldigt. Eine Stunde, Gianna – oder weniger …“

Sie war verunsichert. Aber warum sollte sie ihm nicht ein bisschen nachgeben und ihm diese Genugtuung gönnen? Du schaffst es, sagte sie sich.

Scheinbar gelassen zuckte sie die Schultern. „Na gut.“

Raúl warf ihr einen nachdenklichen Blick zu und spürte, dass sie seltsam angespannt war. Sie erinnerte ihn an eine Gazelle, die sich unsicher war, ob sie ihm vertrauen oder davonlaufen sollte.

Mit gutem Grund, gestand er sich ein, als der Aufzug hielt. Mit Sicherheit würde sie die Flucht ergreifen, wenn sie vermuten würde, dass noch mehr hinter Teresas Wunsch steckte – mehr als ein paar Erbstücke zu übergeben oder Zeit miteinander zu verbringen.

Teresa hegte den verzweifelten Wunsch auf eine Aussöhnung zwischen ihrem Sohn und der jungen Dame, die er zur Frau genommen hatte. Einer Frau, die Teresas Meinung nach so gut zu ihrem Sohn passte, dass das Scheitern ihrer Ehe fast schon als Sakrileg anzusehen war.

Es dämmerte, als sie über eine überdachte Fußgängerbrücke liefen, um zu dem bekannten Wellnesshotel auf der anderen Seite zu gelangen. Die Straßenlaternen brannten bereits, und die Umrisse beleuchteter Hochhauskomplexe, die Luxusapartments beherbergten, zeichneten sich gegen den dunklen Nachthimmel ab.

Die weitläufige Hotellobby verströmte karibisches Flair. Ein eindrucksvoller Wasserfall stürzte in ein überdimensionales Becken mit ozeanblauem Wasser, und eine Marmortreppe führte zur nächsten Etage. Hinter einer starken Glasfassade war ein Swimmingpool mit einer Insel aus Sand zu sehen. Eine Bar befand sich auf dem künstlichen Strand.

Das Restaurant war noch wenig besucht, und der Oberkellner führte sie an einen Tisch am Fenster, ließ sie ihren Platz einnehmen und winkte den Weinkellner herbei.

Raúls Anwesenheit rief diskrete Blicke hervor, vor allem bei den Frauen. Bei seinem attraktiven südländischen Aussehen war keineswegs überraschend, musste sich Gianna widerwillig eingestehen.

Er hob sich einfach gegenüber der Masse ab. Eine schwer zu fassende Rücksichtslosigkeit schien hinter seinem eleganten Äußeren zu lauern und verlieh ihm eine maskuline Vitalität, eine ungeheuer erotisch-sinnliche Ausstrahlung. Breite Schultern, eine muskulöse Gestalt, schmale Taille und Hüften, strammer Po, lange, kräftige Beine … er war einfach umwerfend, und das in jeder Hinsicht.

Sie erinnerte sich an das Gefühl, von ihm umarmt zu werden. Der Moschusgeruch erregter Männlichkeit in Kombination mit edlem Parfüm … o Gott, wenn sein Mund, seine Zunge, seine Finger sie berührten und sie in einen fiebrigen Rausch versetzten …

Aufhören!

Einen verrückten Augenblick lang glaubte sie, sie hätte das Wort laut ausgerufen.

Was war nur los mit ihr?

Sie schaffte es, Haltung zu bewahren, als der Kellner kam, um Raúl die Weinkarte zu reichen.

„Wir haben eine exzellente Auswahl. Haben Sie besondere Wünsche oder darf ich Ihnen Vorschläge unterbreiten?“

Mit seinem Blick suchte er ihren. „Gianna?“

Diesmal überließ sie ihm gerne das Sagen, und sie tat es mit einem freundlichen Lächeln. „Wähl du aus.“

Er entschied sich für einen milden Roten aus einer der feinsten Kellereien Australiens.

„Für mich Mineralwasser – nach wie vor“, erklärte sie.

„Um einen klaren Kopf zu behalten?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.

„Ich habe eine Abneigung gegen Alkohol am Steuer.“

„Sehr klug.“

Mit einem Lächeln nahm sie dann die Speisekarte in Empfang und gab vor, sie genau zu studieren, während in ihr die unterschiedlichsten Gefühle tobten.

Es war sinnlos.

Sie war doch schon lange über ihn hinweggekommenjedenfalls hatte sie das bisher gedacht.

Es war drei Jahre her, dass sie eine Scheidung in Erwägung gezogen hatte. Nicht eingerechnet die Monate der Trennung, als sie sich in ihrer Verzweiflung zurückgezogen hatte.

Also … warum dann diese nervliche Anspannung? Und der viel zu schnelle Puls?

Sollte sie immer noch empfänglich für ihn sein?

Der bloße Gedanke daran entsetzte sie. Unmöglich.

„Wollen wir bestellen?“

Den Gedanken, in seiner Gegenwart vor Nervosität kaum essen zu können, fand sie nicht sehr anregend. Also entschied sie sich für eine Vorspeise als Hauptgericht und bestellte einen Salat dazu.

Im selben Moment, als er sein Weinglas hob, entdeckte sie etwas Goldglänzendes an seinem Finger. Ihre Augen weiteten sich, als sie erkannte, dass es der Ring war, den sie ihm bei der Hochzeit angesteckt hatte.

Und er trug ihn noch immer?

Warum war sie darüber so überrascht, wo doch ihr eigener ebenfalls noch immer ihre Hand schmückte? Auch wenn sie ihn an die andere Hand gesteckt hatte. Ein breiter Goldring besetzt mit Diamanten. Sie hatte es nicht geschafft, den Ring abzulegen, solange ihre Ehe offiziell noch bestand.

Gianna suchte nach Worten – doch ihr fiel nichts ein, was einen Sinn ergeben würde.

Gut siehst du aus, würde es nicht treffen.

Wie läuft das Geschäft denn so? klang albern.

Raúl war ein hartherziger rücksichtsloser Unternehmer, bekannt für seine unkonventionellen Methoden. Er kämpfte mit unfehlbarem Instinkt weiter, wenn seine Mitarbeiter und Berater schon längst aufgegeben hatten.

Jede neue Unternehmung jedoch überprüfte er vorher aufs Sorgfältigste. Alles wurde bis ins Kleinste zunächst durchgespielt.

Sie erinnerte sich noch genau, dass sie so manches Mal mitten in der Nacht allein in ihrem Bett aufgewacht war und ihn in seinem Arbeitszimmer fand, wo er Statistiken und andere Unterlagen studierte. Schlaf war oft ein Fremdwort für ihn gewesen.

Mein Gott – warum stiegen diese Bilder gerade jetzt wieder in ihr hoch?

Es war verrückt. Und sie zwang sich, all diese Gedanken schnell wieder zu verbannen.

„Ich schlage vor, du erzählst mir jetzt, was genau Teresa von mir erwartet.“

Erstaunlich. Ihre Stimme klang besonnen, selbst in ihren eigenen Ohren.

„Ganz einfach. Das Vergnügen deiner Gesellschaft.“ Sein Blick durchbohrte sie – dunkel, geheimnisvoll. „Ab und zu speist sie mit ein paar engen Freundinnen, und ich stelle mir vor, dass sie sich speziell bei diesen Gelegenheiten freuen würde, wenn du dabei wärst.“

Keine schwierige Aufgabe. Sie hielt seinem Blick stand, wenngleich sie sich gewünscht hätte, sich deswegen nicht so anstrengen zu müssen. „Ich werde Teresa gern unterstützen, wann immer sie meine Anwesenheit benötigt.“

Teresa genoss bei Gianna allerhöchstes Ansehen. Der einzige Stolperstein war Raúl. Die Zeit mit ihm würde schwierig werden, um es vorsichtig auszudrücken.

Doch ein paar Wochen waren schließlich keine Ewigkeit, überlegte sie. Oberstes Gebot würde sein, Teresas Wunsch zu erfüllen, sich persönlich von ihr zu verabschieden.

Während sie diesen Gedanken nachhing, merkte sie gar nicht, wie köstlich das Essen war, das sie in kleinen Bissen zu sich nahm.

Bald würden sie fertig sein, und sie konnte sich verabschieden.

Doch ganz so einfach war es nicht.

Nichts, was den Mann betraf, der ihr gegenübersaß, konnte als einfach bezeichnet werden. Denn wie war es sonst möglich, dass sie sich in so einem Gefühlsaufruhr befand, während sie sich doch geschworen hatte, ihn zu hassen?

Es ergab keinen Sinn.

Und nun? spottete eine Stimme in ihrem Inneren. Warum Zeit und Energie verschwenden, um das Unmögliche zu lösen?

Raúl speiste mit sichtlichem Appetit, und sie ärgerte sich darüber, dass er so gelassen sein konnte, während sie von einem unkontrollierbaren Sog der Gefühle mitgerissen wurde.

„Vielleicht möchtest du mich ja darüber aufklären, was du in den letzten drei Jahren so alles angestellt hast?“, meinte sie zu ihm.

„Und was im Speziellen möchtest du wissen?“

„Unbedeutende persönliche Details.“

„Als da wären?“

Nun sag es schon! „Zum Beispiel wer deine aktuelle Geliebte ist.“

Sie konnte einen Muskel an seinem Kinn zucken sehen, während sein Blick sich verdüsterte. „Möchtest du alte Wunden aufreißen?“

„Eigentlich nicht.“ Erstaunlich, wie weh das noch immer tat. „Aber ich finde, es ist nicht mehr als recht und billig, zu fragen, ob ich einer Frau begegnen werde, die eine wichtige Rolle in deinem Leben spielt.“

„Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen.“

„Sierra?“

„Das war nur möglich durch ihre hervorragenden Schauspielkunst und mein schlechtes Urteilsvermögen, lange bevor ich dich getroffen habe“, erklärte Raúl gelassen. „Danach war nichts mehr.“

Sie war überrascht, wie gerne sie ihm geglaubt hätte. Doch die Fakten sprachen gegen ihn.

Als beide mit dem Essen fertig waren, lehnte sie dankend einen Kaffee ab, kramte ein paar Geldscheine hervor, um ihren Anteil zu bezahlen, und legte sie auf den Tisch.

„Willst du mich beleidigen?“, fragte er gefährlich leise.

„Keineswegs.“ Sie erhoben sich beide gleichzeitig. „Wir bleiben in Kontakt?“, fragte sie übertrieben höflich.

Sie bedachte den Oberkellner mit einem matten Lächeln und verließ erleichtert das Restaurant Richtung Lobby. Der Mann am Empfang nickte ihr zu, als sie vorbeiging, und fast hatte sie schon die Fußgängerbrücke erreicht, als Raúl zu ihr aufschloss.

Wie ein Raubtier hatte er sich an sie herangeschlichen. Sie warf ihm einen ungnädigen Blick zu. „Wir haben uns bereits verabschiedet.“

„Ich kann mich nicht erinnern, die Worte ‚Gute Nacht‘ vernommen zu haben.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.

„Wie nachlässig von mir“, flötete Gianna. „Buenas noches.“

Auf der zweispurigen Straße unter ihnen floss der Verkehr gleichmäßig dahin.

„Du musst nicht den Gentleman für mich spielen“, sagte sie, als sie nach wenigen Schritten in dem Einkaufszentrum angekommen waren. „Ich bin sehr wohl in der Lage, meinen Wagen auch ohne deine Hilfe zu finden.“

„Selbstverständlich.“

Er folgte ihr in den Aufzug, und als sie wieder ausstiegen, begleitete er sie wortlos zu ihrem Wagen.

Sie schenkte ihm keine Beachtung, als sie auf ihren kleinen Lexus zusteuerte. Sie drückte die Zentralverriegelung, setzte sich hinters Steuer und startete den Motor.

„Zufrieden?“, fragte sie durch das heruntergelassene Fenster.

Er zückte eine Karte und reichte sie ihr. „Meine private Handynummer.“

Das diffuse Licht machte es Gianna unmöglich, Raúls Miene zu erkennen, und damit auch, in welcher Stimmung er sich befand.

„Danke“, sagte sie artig.

Sie ließ das Fenster hochfahren und winkte ihm höflich zu, als sie den Wagen auf die Ausfahrt zusteuerte.

Vorsichtig reihte sie sich in den fließenden Verkehr ein, bog links zum nächsten Kreisel ein und wechselte auf die Spur, die in südlicher Richtung nach Main Beach führte.

Erst als sie in die Einsamkeit ihrer Wohnung eintauchte, erlaubte sie sich, entspannt aufzuatmen. Erfreut hob sie den Kater hoch, der sie schon sehnsüchtig erwartet hatte.

„Hallo, du Prachtkerl.“ Sie streichelte das weiche Fell unter seinem Kinn. „Hast du mich vermisst?“

Er antwortete, in dem er den Kopf in ihre Handfläche schmiegte, während sie mit ihm auf dem Arm zur Küche ging, um Futter zu holen.

Während Jazz fraß, zog sie ihre Schuhe aus. Im Schlafzimmer legte sie dann ihre Kleider ab und ging ins Bad, um heiß zu duschen.

Eingehüllt in ihr Nachthemd holte sie sich später eine Tasse Tee ins Arbeitszimmer, öffnete den Laptop und begann zu arbeiten, bis Jazz unter Protest auf die Tischplatte sprang.

„Ja, ich weiß. Zeit, zu Bett zu gehen.“

Sie reckte sich und spürte die Verspannung in Nacken und Schultern, sicherte ihren Text, fuhr das Programm herunter, legte Jazz in sein Schlafkörbchen und zog sich ins Schlafzimmer zurück.

Es war spät geworden. Sie schlüpfte unter die Bettdecke und löschte das Licht. Innerhalb von Minuten würde der Schmusekater es sich auf ihrem Bett gemütlich machen, das stand fest.

Raúls Bild erschien vor ihrem inneren Auge. Sie ging den Abend noch einmal durch von dem Augenblick an, als er den Laden betrat bis zum Verlassen der Parkgarage. Es waren eineinhalb Stunden gewesen, und sie erinnerte sich an jedes Detail.

Erst ließen diese Gedanken sie eine ganze Weile nicht einschlafen und dann träumte sie die ganze Nacht von ihm … glückliche Szenen wechselten mit traurigen.

Gerädert wachte sie auf. Schlimmer noch. Ein heftiger Kopfschmerz plagte sie, und am liebsten hätte sie sich diesen Tag freigenommen.

Doch sie hatte wichtige Dinge zu erledigen, musste vieles organisieren …

„Raus aus den Federn!“, trieb sie sich selbst an. Duschen, anziehen, frühstücken, Katze versorgen, ein Kaffee im Stehen – das Leben musste weitergehen!

3. KAPITEL

Die folgenden Tage waren von großer Hektik geprägt, in denen ständig vieles gleichzeitig erledigt werden musste. Schlaf bekam Gianna immer erst sehr spät und viel zu wenig.

Irgendwann schaffte sie es, zwischendrin ihren Bruder Ben anzurufen. Sie erläuterte ihm ihre Entscheidung und hörte sich seinen Rat an.

Er war nicht auf ihrer Seite, denn er wollte nicht, dass sie wieder verletzt wurde.

„Zwei Wochen, Ben“, versicherte sie ihm. „Ich werde die Zeit mit Teresa auf Mallorca verbringen. Raúl wird die meiste Zeit in Madrid sein.“

„Das hoffe ich. Musst du da mitmachen?“

„Ja. Teresa zuliebe.“

„Gut. Aber pass auf dich auf“, warnte er sie. „Und wir müssen in Kontakt bleiben.“

„Das verspreche ich.“

Annaliese akzeptierte ihre Rolle als vorübergehende Geschäftsführerin mit bemerkenswerter Unkompliziertheit. Gemeinsam führten sie die Vorstellungsgespräche für eine neue Mitarbeiterin für das Bellissima durch. Schließlich entschieden sie sich für eine freundliche, gut aussehende Verkäuferin mit tadellosem Lebenslauf. Sie entschlossen sich auch, eine weitere Bewerberin auf Abruf in Reserve zu halten.

Am Ende der Woche war alles so weit erledigt, und als das Wochenende – da war in der Boutique immer am meisten los – ohne Schwierigkeiten vorübergegangen war, gab es keinen vernünftigen Grund mehr, Raúl nicht zu kontaktieren.

Natürlich gab es jede Menge unvernünftiger Gründe, die dagegen sprachen. Jeden einzelnen bedachte und verwarf sie mehrmals täglich.

Sie hatte Raúl ihr Wort gegeben, und würde sich – wenn nichts Unvorhergesehenes wie ein Unfall oder eine Krankheit dazwischenkäme – in wenigen Tagen mit Raúl in seinem Privatjet auf den Weg nach Madrid machen.

Ein Königreich hätte sie dafür gegeben, diese Reise nicht mit ihm unternehmen zu müssen.

Jetzt hab dich nicht so, redete sie sich ein.

Raúl war schließlich Vorstandsvorsitzender des Velez-Saldaña-Konzerns. Er arbeitete lang und reiste viel.

Zwei Wochen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie ihm kaum begegnen, und wenn doch, könnte sie Mutter und Sohn ohne Weiteres allein lassen.

Sie hatten seit ihrem letzten gemeinsamen Abend lediglich ein einziges Mal telefoniert, und das nur, um die Abflugzeit abzustimmen.

Also wählte sie seine Nummer. Den leichten Schauer, der ihr den Rücken hinunterlief, als sie seine sonore Stimme vernahm, versuchte sie zu ignorieren.

„Gianna!“

Er nannte ihren Namen, noch bevor sie sich gemeldet hatte. Offensichtlich hatte er ihre Nummer gespeichert. Dabei gab sie ihre Handynummer nur an für sie wichtige Geschäftsleute oder sehr gute Freunde. Aber eigentlich sollte sie das nicht wirklich wundern, schließlich besaß er die Macht und den Einfluss, an jede erdenkliche Information zu kommen.

„Ich bin bereit, am Mittwoch abzureisen.“ Sie gab sich kühl.

„Ich werde dich mit einem Wagen um sechs Uhr morgens vor deinem Apartmenthaus abholen.“

Sie erstarrte. „Ich ziehe es vor, ein Taxi zu nehmen und dich am Flughafen zu treffen.“

„Dein Wunsch nach Unabhängigkeit ist kaum zu überbieten. In diesem Fall jedoch ziemlich unsinnig, denn wir beide fahren schließlich in dieselbe Richtung.“ Kurze Pause. „Sechs Uhr, Gianna.“

Sie schluckte gerade noch den aufsteigenden Zorn hinunter, dann hörte sie das leise Klicken am anderen Ende der Leitung. Er hatte aufgelegt.

„Gibt es Probleme?“

Als sie Annalieses Stimme hörte, bezwang sie ihre Wut und deutete sogar ein Lächeln an. „Nein.“

Keine, mit denen sie nicht fertig würde, sagte sie sich im Stillen, als sie die Boutique gegen Mittag verließ. Jazz musste zur Tierpension gebracht und die Rezeption in ihrem Apartmentgebäude über ihre Abwesenheit informiert werden, und schließlich musste sie noch packen.

Irgendwann würde sie auch eine Kleinigkeit zu sich nehmen müssen. Und den Kühlschrank ausräumen.

Pack es einfach an.

Und mache dir nicht so viele Gedanken.

Erst spät ging sie zu Bett, stellte den Wecker und machte sich zum Schlafen fertig, um sich dann hin und her zu wälzen und müde im Morgengrauen wieder aufzuwachen. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war das grüne Leuchtzifferblatt der Digitaluhr, das zwei Uhr fünfzehn anzeigte.

Es war schon fast sechs, als sie im Aufzug nach unten fuhr, und es überraschte sie nicht, Raúl im Eingangsbereich des Gebäudes zu entdecken.

Er hatte eine ungeheuer erotische Ausstrahlung – was ihm ganz sicher bewusst war. Frauen jeden Alters flogen auf ihn … und machten ihm eindeutige Angebote, wohl um zu erfahren, ob sein Ruf als glänzender Liebhaber gerechtfertigt war. Nach Giannas Kenntnis pflegte er diese Angebote nicht anzunehmen – aber konnte sie sicher sein?

Auf seinen Geschäftsanzug hatte er heute verzichtet. Stattdessen trug er schwarze Hosen, eine schwarze Jacke aus butterweichem Leder und ein weißes Hemd mit offenem Kragen.

Zwei Wochen, sagte sie sich noch einmal. In dieser Zeit würde sie ihn kaum zu Gesicht bekommen. Wo war also das Problem?

„Guten Morgen!“ Ihre Stimme hatte einen rein sachlichen Ton, und eine Sekunde lang meinte sie in seinem Blick einen Anflug von Belustigung zu entdecken.

„Bist du bereit?“

Ja, und wild entschlossen, versicherte sie sich insgeheim und lächelte. „Klar.“

Allerdings war sie nicht schnell genug, als er nach ihrer Reisetasche griff. Ein Zittern durchlief sie, als seine Finger ihre kurz berührten, ehe sie die Hand wegzog.

So viel zum Thema Gelassenheit. Sie waren noch nicht einmal am Flughafen, geschweige denn in Spanien, und schon war sie das reinste Nervenbündel.

Na toll. Ein langer Flug lag vor ihr. Viele Stunden mit ihmviel zu viele davon.

War ihm eigentlich bewusst, wie nervös er sie machte?

Ziemlich sicher, befand Gianna, als sie in den Fond des großen Wagens stieg, während er das Gepäck im Kofferraum verstaute.

Welche Themen schnitt man an, wenn man sich mit einem Exliebhaber unterhielt, der zufällig auch noch der eigene Ehemann war? Bald jedoch der Exehemann, dachte sie. Denn die Scheidung war nur noch eine reine Formsache.

Sollten sie über das Wetter reden? Über weltpolitische Zusammenhänge? Sie grübelte, während Raúl die Uferstraße am Ozean entlangfuhr.

Wie würde er wohl reagieren, wenn sie ihn rundheraus nach seiner selbstsüchtigen Exgeliebten ausfragte, Sierra Montefiore, die sich bei der ersten Krise in ihrer Ehe sofort auf Raúl gestürzt hatte?

Nicht gerade die beste Art, einen Tag zu beginnen, oder den Flug, oder die zwei Wochen auf Mallorca. Sachlich bleiben, das war die Devise.

Reiß dich zusammen, verordnete sich Gianna. Und das tat sie … mit höflichem Charme und entschiedener Haltung. Sie spielte sogar Fremdenführerin und erklärte, welche Gebäude entlang der Gold Coast neu und welche weiteren Projekte in dieser rasch wachsenden Stadt geplant waren.

Derlei Konversation ließ die dreißig Minuten Fahrt zum Flughafen rasch verstreichen. Raúls privater Learjet wartete, und die Zollformalitäten waren schnell erledigt.

An Bord holte Gianna das neueste dicke Werk ihres Lieblingsautors hervor. „Fühl dich bitte nicht verpflichtet, mich zu unterhalten.“ Sie brachte sogar ein leichtes Lächeln zustande. „Ich bin vollauf zufrieden, wenn ich einfach mal nur lesen kann.“

„In ungefähr einer Stunde wird Frühstück serviert.“ Täuschte sie sich, oder spielte da ein spöttischer Zug um seine Lippen? „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich ein wenig arbeite?“

Sie hielt seinem Blick stand. „Keineswegs.“

Raúl senkte den Kopf und wendete sich seinem Laptop zu, den er gerade ausgepackt hatte. Sofort fing er an, konzentriert zu arbeiten. Die Fähigkeit, sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren, hatte er während seines Universitätsstudiums zur Perfektion gebracht. Hinzu kam ein nahezu fotografisches Gedächtnis, das ihm das Studieren sehr leicht gemacht hatte. Sein Studium hatte er mit hervorragenden Abschlüssen beendet und dann drei Jahre lang in New York gearbeitet, bevor er von seinem Vater in die Konzernleitung nach Madrid berufen wurde.

Nach dem Tod seines Vaters übernahm Raúl die Position des Vorstandsvorsitzenden und baute die Firma zu einem weltweit agierenden Konzern aus. Er hatte ein Vermögen verdient, das unter anderem in erstklassigen Innenstadtimmobilien in diversen Weltstädten und in Beteiligungen an Industrieholdings angelegt war.

Er hatte alles – besser gesagt beinahe alles. Eine Sache fehlte ihm, vielleicht die bedeutendste, fand er. Ihm fehlte die Liebe einer Frau … ihm fehlte Familie.

Nicht irgendeine Frau. Gianna war die seine gewesen, bis das Leben eine unangenehme Überraschung bereithielt und Gianna ihn verließ. Eine Scheidung war für ihn allerdings nicht infrage gekommen. Für sie offenbar auch nicht. Zumindest bis jetzt.

Als das Frühstück kam, entschied sich Gianna für Müsli, Obst und Kaffee.

Durch die Zeitverschiebung würden sie Madrid am Dienstag spätabends erreichen und dadurch fast einen vollen Tag gewinnen.

„Ist es nicht unangemessen, bei Teresa so spät in der Nacht aufzutauchen?“

Nachdenklich betrachtete er sie über seine Kaffeetasse hinweg. Dann leerte er sie in einem Zug und füllte nach. „Wir werden in meiner Wohnung übernachten, und am nächsten Tag nach Mallorca weiterfliegen.“

In seiner Wohnung? Für nichts in der Welt.

Ihre blauen Augen glitzerten feurig. „Ich werde mir ein Hotelzimmer nehmen.“

„Angst, Gianna?“

„Vor dir? Nein.“

„Wenn das so ist, brauchst du auch nichts dagegen haben.“

Klar, dachte sie. Wer’s glaubt wird selig.

Sie wendete sich wieder dem Buch zu und täuschte intensives Interesse daran vor. Die Handlung war vorhersehbar, aber sie war ein erklärter Fan des Autors und seiner Erzählweise. Trotzdem behielt sie keinen Satz. Raúls Anwesenheit lenkte sie einfach zu stark ab. Deshalb klappte sie nach einer Weile das Buch zu und verschaffte sich ein wenig Bewegung, indem sie den Jet in seiner gesamten Länge einige Male durchschritt.

Er hingegen schien sich kein bisschen gestört zu fühlen. Vielmehr widmete er sich während des gesamten Fluges über Stunden seiner Arbeit – als wäre es ein völlig normaler Bürotag.

Bemerkte er eigentlich, wer außer ihm noch mit an Bord war? Irgendwie ärgerte es sie, dass er so gleichgültig war. Und dabei sollte ihr das doch gerade recht sein.

Während die Zeit verrann und die Ankunft in Madrid immer näher rückte, fühlte sich Gianna immer nervöser und angespannter.

Es hatte etwas Surreales, nach langem Flug mitten in der Nacht aus einem Privatflugzeug zu steigen und zu entdecken, dass Raúls Fahrer Carlos in der Ankunftshalle auf sie wartete.

Wenig später hatten sie in Raúls großem Mercedes Platz genommen, ihr Gepäck war verstaut und der Wagen verließ das Flughafengelände.

Gianna lehnte sich nach vorn. „Könnten Sie mich bitte in ein Hotel bringen, Carlos?“

Sie fing den fragenden Blick des Fahrers im Rückspiegel auf. „Señor?“

„Zum Apartment“, konterte Raúl gelassen.

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Ich möchte aber in ein Hotel“, gab sie mit ruhiger Entschiedenheit zurück.

„In dem Apartment gibt es drei Gästesuiten“, erwiderte er.

Als ob sie das nicht selbst wüsste. Schließlich hatte sie dort einige Zeit mit ihm gelebt.

Ihr Verstand sagte ihr, dass es spät und ein langer Tag gewesen war. Alles, was sie wollte, war duschen, ins Bett gehen und schlafen.

War es wirklich so entscheidend, wo sie das tun würde?

Eindringlich sah er sie an. „Gib es auf, Gianna.“

Sie bedachte ihn mit einem wütenden Blick und versuchte, sich dann auf den Anblick der Stadt bei Nacht zu konzentrieren. Doch der Gedanke daran, die weitläufige Penthousewohnung zu betreten, die sie mit Raúl geteilt hatte, bedeutete, dass auch all ihre Erinnerungen wieder in ihr aufsteigen würden. Erinnerungen, die sie als erledigt in eine Schublade gesteckt hatte, die „Vergangenheit“ hieß, wo sie für immer verstaut sein sollten. Eine Schublade, die sie nie wieder geöffnet hatte … außer in ihren unkontrollierbaren wilden Träumen.

Als sie damals von Madrid wegging, hatte sie nur ihre persönlichsten Sachen mitgenommen. Alle Geschenke von Raúl – Kleider, Wäsche, Schmuck – hatte sie zurückgelassen.

Hatte er inzwischen etwas verändert? Umgestellt? Vielleicht alle Spuren beseitigt?

Reiß dich zusammen, schalt sie sich. Stell dich nicht so an wegen einer Nacht in der Wohnung.

Das Luxusapartment erstreckte sich über zwei Etagen, in der oberen befand sich Raúls Schlafzimmer und sein Arbeitszimmer. Die Gästesuiten, die Lounge und das Speisezimmer lagen in der unteren Etage.

Sie würde ihn also erst am Morgen treffen, wenn Carlos sie zum Flughafen bringen würde.

Also – was soll’s? Was soll schon passieren?

Nichts – außer in ihrem Kopf.

Ein wenig beruhigt stieg sie aus dem Mercedes. Der Aufzug brachte sie in das Apartment, wo Raúl ihr Gepäck in einer der Gästesuiten abstellte. Dann wünschte sie ihm eine gute Nacht.

Auspacken, duschen, ins Bett, entschied sie. Und so dauerte es nicht lange, bis sie unter der Decke lag.

Doch sie fand keinen Schlaf. Erinnerungen überfielen sie, und sie wälzte sich hin und her und hätte gern gewusst, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Teresa – denk ausschließlich an Teresa.

Doch sie wurde die Unruhe und das Gefühl des Getriebenseins einfach nicht los. Schließlich schlüpfte sie aus dem Bett und schlich in die Küche.

Eine heiße Milch mit einem Schuss Brandy würde sicher ihre angespannten Nerven beruhigen, die Auswirkungen des Jetlags und die Verspannungen lösen und ihr noch ein paar Stunden Ruhe ermöglichen.

Mit der Tasse, in der sie die Milch in der Mikrowelle schnell erwärmt hatte, trat Gianna in der Lounge an die Fensterfront, von der man einen fantastischen Blick auf die nächtliche Großstadt hatte. Einzelne hohe Gebäude wirkten wie von Scheinwerfern beleuchtet und strahlende Neonreklamen flimmerten in allen Regenbogenfarben.

Raúl hörte ein entferntes Piepsen – es kam von der Alarmanlage. Leise schwang er sich aus dem Bett und schaute auf den Monitor der Alarmanlage. Der Sensor wies auf die Lounge hin. In null Komma nichts schlüpfte er in eine Jeans und stieg leise die Treppe hinunter.

Wäre jemand unbefugt durch den Haupteingang eingedrungen, wäre ein Großalarm ausgelöst worden, bei dem ein Trupp von Securityleuten bereits auf dem Weg hierher gewesen wäre.

Da es sich um einen internen Alarm handelte, blieb nur eine Lösung: Gianna.

Als er die Lounge betrat, sah er sie schon von Weitem vor der Glasfront stehen.

Ihre schlanke Silhouette zeichnete sich davor ab und rief in ihm einen Wirbel von Gefühlen hervor.

Sie trug eine Schlafanzughose aus Baumwolle und nur ein Top. Ihr Haar hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Ihre Züge wirkten in der dämmrigen Beleuchtung blass.

„Konntest du nicht schlafen?“

Beim Klang seiner Stimme schreckte sie auf. Mit weit geöffneten Augen fuhr sie herum, während er an ihre Seite trat.

Er hatte die geschmeidigen Bewegungen einer Katze, und instinktiv schlang sie schützend die Arme um sich.

„Vermutlich wegen des langen Flugs“, sagte sie leichthin.

„Du konntest auch während des Flugs nicht schlafen.“

Wie konnte er wissen, dass sie im Flugzeug lediglich die Augen geschlossen hatte und gar nicht schlief? In seiner Gegenwart war sie zu aufgeregt gewesen, um zu schlafen. Sie hatte sich geärgert, so verwundbar und überempfindlich zu sein.

Ach verdammt, schau den Tatsachen ins Gesicht … Sie war unsicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie hatte sich in eine Lage manövriert, in der sie unablässig an die Vergangenheit erinnert wurde. Sich all dem nun wieder auszusetzen, erschien ihr als der Gipfel der Dummheit.

Doch nun war sie hier, und nach dem Frühstück würde die konzerneigene Maschine sie nach Mallorca bringen. Dort, in Teresas Villa in Cala Fornells in Calvià, würde sie einen herrlichen Blick auf das Mittelmeer haben, und konnte Raúl aus dem Weg gehen.

Doch all diese Überlegungen halfen ihr im Moment nicht weiter, wo er in Armeslänge neben ihr stand. Sein kraftvoller, nur halb bekleideter Körper erinnerte sie nur zu heftig daran, dass sie auch damals öfter aus dem Bett geschlüpft war, weil sie nicht einschlafen konnte. Dann pflegte er ihr den Nacken und die Schultern zu massieren und die Verspannungen zu lösen, bevor er sie hochhob und wieder ins Bett zurücktrug.

Einen kurzen Augenblick lang spürte sie die Sehnsucht nach seinen Berührungen und Zärtlichkeiten. Ob er auch so fühlte? Es war ihm nicht anzumerken, und sie versuchte sich selbst davon zu überzeugen, dass sie es doch gar nicht wollte.

Stattdessen stand sie da, sich seiner Gegenwart sehr bewusst und beinahe gefügig, genau das Gegenteil dessen, was sie versuchte vorzugeben. Verdammt, sie konnte seinen Duft riechen, diese Mischung aus dem typischen Geruch seines Körpers und seines Aftershaves.

Erinnerungen wurden geweckt … die sie vergessen wollte.

Entschieden trank sie den Rest ihrer Milch aus und deutete auf den leeren Becher. „Ich bringe ihn in die Küche, dann gehe ich wieder zu Bett.“ Einen Wimpernschlag lang wartete sie, dann wünschte sie ihm übertrieben höflich eine gute Nacht.

Er tat nichts, um sie aufzuhalten. Etwas in ihr hätte sich fast gewünscht, er würde es tun.

Bist du verrückt?

Dieser Gedanke klang noch nach, als sie wieder ins Bett schlüpfte und die Nachttischlampe ausknipste. Es war das letzte, das sie dachte, bevor sie in tiefen Schlaf fiel.

4. KAPITEL

Der Notizzettel fiel Gianna sofort auf, als sie die Küche betrat. Ich habe schon gefrühstückt. Bedien dich einfach. Abflug nach Mallorca um neun Uhr. R

Gianna war erleichtert, ohne Raúl frühstücken zu können. Sie entschied sich für Haferflocken, Obst und einen starken Kaffee. Während des Frühstücks überflog sie die wichtigsten Überschriften in der Tageszeitung, die auf dem Tisch lag, und war überrascht, wie gut ihr Spanisch noch war.

Bald würde Carlos vor der Tür stehen, um sie zum Flugzeug zu bringen. Danach würde sie wenigstens Raúls Anwesenheit nicht mehr ertragen müssen. Natürlich würde er das eine oder andere Mal Teresa besuchen kommen, doch sicher nicht täglich.

Raúl wartete bereits in der Lounge auf sie und sprach auf Französisch in sein Handy. Das überraschte sie nicht weiter, denn das Geschäft bestimmte den Großteil seines Lebens. Aber vielleicht sprach er ja gerade mit einer Frau. Allein der Gedanke daran verursachte ihr Schmerzen.

Dann erstarrte sie, als ihr Blick auf einen riesigen Koffer zu seinen Füßen fiel.

Bitte erspare mir, dass er mit nach Mallorca kommt.

Obwohl – warum sollte er nicht? Teresa war seine Mutter, und er hatte über eine Woche in Australien verbracht, in der er sie nicht mehr gesehen hatte.

Genau in diesem Augenblick beendete Raúl sein Telefonat und wandte sich ihr zu. „Guten Morgen. Alles bereit?“

„Hi“, sagte sie fröhlich und zeigte auf ihre Reisetasche. „Ja.“

„Gehen wir.“ Er nahm beide Gepäckstücke auf. Sie verließen das Apartment und nahmen den Aufzug ins Erdgeschoss, wo Carlos bereits wartete.

Der Flug verlief unspektakulär, ebenso die Ankunft. Ein Wagen mit Chauffeur wartete bereits am Flughafen in Palma, um sie zu Teresas Villa zu bringen.

Etwas Magisches lag über den balearischen Inseln, fand Gianna. Speziell über Mallorca mit seinen schönen Häusern und Villen, den grünen Hügeln und dem glasklaren Wasser des Mittelmeers. Wunderbare Ausblicke boten sich überall und das Leben verlief deutlich ruhiger als in Madrid.

Teresas Anwesen lag auf einer Anhöhe mit sorgfältig gepflegten Gärten und wunderschönen, herrlichen Blumen in den unterschiedlichsten Farben. Hohe Eingangsportale gaben den Weg zu einer sichelförmigen Auffahrt frei. Dahinter befand sich das zweistöckige Gebäude, dessen massive, mit Bronze beschlagene Holztüren einladend offen standen.

Davor stand Teresa, die sie aufs Herzlichste begrüßte. Eine schlanke Frau Anfang sechzig, die Gianna innig umarmte, bevor sie sich ihrem Sohn zuwandte und auch ihn in die Arme nahm. Sie küsste ihn auf beide Wangen.

„Du hast sie mitgebracht“, sagte sie warmherzig. „Danke!“

Raúl hielt Teresa eng umfasst. Er hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Stirn, eine Geste, die Giannas Herz berührte.

„Ja“, gab er ebenso weich zurück. „Du hattest mich schließlich darum gebeten.“

Was für Gianna die Frage aufbrachte, ob er sich Teresas Wunsch vielleicht nur widerstrebend gefügt hatte. Und wenn ja, warum? Hatte Raúl – so wie sie – über eine Scheidung nachgedacht?

Ihre Verehrung für und ihre Zuneigung zu Teresa waren die einzigen Gründe gewesen, nach Mallorca zu reisen.

„Ich habe von Elena zwei Suiten im Gästeflügel herrichten lassen“, begann Teresa. „Raúl, breite dich ruhig im Arbeitszimmer aus, solange du hier bist.“

Raúl sollte hier bleiben? fragte sich Gianna. Mein Gott, für wie lange? Nein … bitte … doch nicht für die gesamten zwei Wochen?

Zwar hatte er einen Großkonzern zu leiten, doch dank moderner Technik konnte er dies beinahe von überall auf der Welt tun.

Sie war kaum in der Lage, den aufflammenden Zorn in ihren lebhaften blauen Augen zu unterdrücken.

Auf seinem Gesicht hatte sich ein verhaltenes Lächeln ausgebreitet, fast, als wäre er in der Lage, ihre Gedanken zu lesen.

„Ihr wollt euch sicher frisch machen und umziehen“, bot Teresa an. „Danach könnt ihr mir bei einem Kaffee auf der Terrasse Gesellschaft leisten. Es ist so friedlich dort um diese Tageszeit.“

Gianna bemerkte mit Bedauern, dass Teresa schmaler geworden war und ihre einst strahlenden Augen ein wenig von ihrem Glanz verloren hatten. Es tat ihr im Herzen weh, die alte Dame so zu sehen, und sie musste mit den Tränen kämpfen, als sie sich der Treppe zuwandte.

Die Villa war gut geplant. Der großzügige Eingangsbereich hatte einen Marmorfußboden und hohe Decken. Eine breite geschwungene Treppe führte ins Obergeschoss und teilte die Villa in zwei Flügel: der eine beherbergte Teresas Privatgemächer, der andere war für Gäste vorgesehen. Im Erdgeschoss befanden sich rechts vom Eingangsbereich ein repräsentatives Wohnzimmer, der Speisesaal sowie ein Fernsehraum, während eine Bibliothek, das Arbeitszimmer sowie ein einfacheres Wohn- und Esszimmer auf der linken Seite zu finden waren. Eine geräumige Küche, Hauswirtschaftsräume und die Zimmer der Bediensteten befanden sich in einem Nebengebäude, das durch einen überdachten Verbindungsweg zu erreichen war.

Teresa liebte es, zu großen Gesellschaften einzuladen. Daran musste Gianna denken, als sie den prächtigen Treppenaufgang hinaufschritt. Teresa hatte viele Wohltätigkeitsveranstaltungen für notleidende Kinder organisiert und dabei Sponsoren angeworben. Ihr Haus in Madrid war bekannt für solche Abende.

Mallorca war ihr Heiligtum. Hier lebte sie weniger aufwendig, hierhin hatte sie sich immer gern zur Erholung zurückgezogen. Nun war es ihr ständiger Wohnsitz geworden.

„Du darfst auswählen, Gianna.“

Raúls dunkle Stimme brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Unentschlossen hob sie eine Hand. „Mir egal.“

„Solange es nicht meine ist?“

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Darauf bekommst du keine Antwort.“ Damit ging sie an ihm vorbei und betrat die Suite am Ende des langen Flurs. Um dann festzustellen, dass er ihr gefolgt war. „Was hast du vor?“

Sarkastisch hob er eine Augenbraue, als er ihr Gepäck an das Ende des großen Bettes wuchtete. „Ich denke, du wirst auspacken wollen.“

Gianna zwang sich zu einem ruhigen, höflichen Ton. „Danke.“

Tag eins, dachte sie halb selbstironisch. Noch weitere dreizehn. Hoffentlich bleibt er nicht die ganze Zeit.

Jede Gästesuite war sehr geräumig und geschmackvoll eingerichtet. Handgearbeitetes Mobiliar, begehbare Schränke und ein eigenes Badezimmer waren Standard. Die raumhohen Fenster boten einen atemberaubenden Blick über gepflegte Rasenflächen und Gärten bis hinab zum Meer.

Wunderschön, musste sie zugeben. Und absolut ruhig. Friede lag in der Luft.

Es klopfte zwei Mal an der Tür.

Als sie öffnete, stand Raúl davor. „Wenn du fertig bist, könnten wir zusammen hinuntergehen.“

Ihn abzuweisen wäre ungehobelt, wenn nicht gar regelrecht unhöflich. Doch sie konnte nicht anders, sie musste alles, was er sagte und tat infrage stellen. Was natürlich kindisch war, schalt sie sich selbst.

Sie war eine Frau von Welt – selbstbewusst, klug und nicht länger von irgendwelchen Gefühlen verblendet.

„Warum nicht?“ Sie brachte sogar ein dürftiges Lächeln zustande.

Einen Moment lang zeigte sein Blick wieder einen Ausdruck von Belustigung, der aber gleich wieder zugunsten einer gefassten Fassade verschwand.

Gekühlter Obstsaft, aromatischer schwarzer Kaffee, Eiswasser und kleine Leckereien standen auf einem Tisch auf der Terrasse zur Auswahl, die sie durch eine offene Glastür betraten. Teresa hatte bereits Platz genommen.

„Da seid ihr ja.“ Ihre warme Begrüßung drückte große Zuneigung aus. „Setzt euch und greift zu.“

Gianna war versucht, ein Kompliment auszusprechen – du siehst gut aus –, doch das hätte nicht der Wahrheit entsprochen. Wie geht es dir, wäre ebenso unpassend gewesen. Stattdessen sagte sie freundlich: „Wunderbar, hier bei dir sein zu dürfen.“

Ein Lächeln legte sich über Teresas Gesicht, und Leben kam in ihre Züge. „Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite, Liebes.“

Es war so gut wie unmöglich, sich von Raúls Anwesenheit nicht beeinflussen zu lassen. Er war ein Störfaktor, der Herzklopfen verursachte und sie aus dem Gleichgewicht brachte.

Ob er das wusste? Sie befürchtete es.

„Morgen könnten wir ein wenig ausspannen und uns ausgiebig unterhalten, damit wir wieder auf dem Laufenden sind“, meinte Teresa. „Und meine werte Freundin Adriana hat eine Einladung für uns und ein paar Freunde für Ende der Woche ausgesprochen.“

„Was immer du wünschst – vorausgesetzt, es ermüdet dich nicht“, mahnte Raúl zur Vorsicht.

„Mir würde es weit besser gefallen, einfach die ganze Zeit hier mit dir gemeinsam zu verbringen“, warf Gianna spontan ein.

Teresa strahlte. „Das kannst du auch. Doch ab und zu werden wir etwas unternehmen, mit lieben Freunden. Damit wir etwas Abwechslung haben.“ Sie nahm die umwölkte Miene ihres Sohnes wahr. „Du hast mein Wort, dass ich jeden Nachmittag ein paar Stunden ruhen werde.“

„Darum werden wir uns persönlich kümmern.“

Wir? Was bildete er sich eigentlich ein, von wir zu sprechen, als wären sie noch ein Paar? Ein weiterer Punkt auf der Liste, die sie mit ihm durchgehen würde, wenn sie allein waren.

Doch erst mussten sie noch das Mittagessen, das Elena zubereitet hatte, gemeinsam einnehmen. Es schmeckte hervorragend und verlief in heiterer Atmosphäre. Danach ruhte Teresa sich aus. Siesta.

Gianna nutzte die Zeit, um Ben, Annaliese und ihrem Vater E-Mails zu schicken.

Nach dem Abendessen, als Teresa sich für den Rest des Abends bereits zurückgezogen hatte, erkundigte sich Gianna bei Elena, wo Raúl steckte.

„Der Señor ist im Arbeitszimmer.“

Augenblicklich begab sie sich dort hin, klopfte kurz an und öffnete die Tür.

Raúl sah hoch, nickte, deutete auf einen Sessel und fuhr fort, in sein Handy zu sprechen, während er Daten in seinen Laptop eingab.

Die Konversation verlief auf Spanisch, und Gianna verstand das Meiste. Nicht unbedingt ein erfreuliches Gespräch, stellte sie fest, ehe er das Gespräch beendete und ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte.

„Du möchtest etwas mit mir besprechen?“

„Ja.“

Er lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Und du hast vor, mir alles ausführlich darzulegen?“

„Worauf du wetten kannst.“

Seine ironisch hochgezogenen Augenbrauen forderten sie zum Sprechen auf.

„Warum nennst du unsere beiden Namen in einem Atemzug?“ Ihre Augen spuckten Feuer. „Es gibt kein ‚wir‘.“

„Bist du nicht auch der Meinung, dass Teresa ihre Energie nicht verschwenden und sich somit nicht aufregen soll?“

„Selbstverständlich.“

„Dann ist dein Einwand also …?“

Am liebsten hätte sie ihm etwas an den Kopf geworfen. Während sie überlegte, welcher der Gegenstände auf seinem Schreibtisch dafür am besten geeignet wäre, bemerkte sie seinen warnenden Blick. Keinesfalls würde sie sich von ihm einschüchtern lassen.

„Verdammt, du brauchst hier nicht für mich zu sprechen.“

Forschend und wachsam sah er sie an. „Es stört dich, dass Teresa mich gebeten hat, meine Zeit hier bei ihr mit dir zusammen zu verbringen, nicht wahr?“

Das war also Teresa Wunsch gewesen? „Du hättest mir das vorher sagen sollen.“

Sein Blick ließ sie nicht los. „Wozu hätte das gut sein sollen?“

Ich hätte mich darauf vorbereiten können.

Doch was hätte das gebracht?

Raúl besaß immer noch die Macht, ihr wehzutun. Sie hasste ihn dafür. Noch mehr hasste sie sich selbst dafür, so verletzlich zu sein.

„Du sollst nur wissen, dass ich überhaupt nicht glücklich darüber bin. Je weniger Zeit wir miteinander verbringen, desto besser.“

Er neigte den Kopf. „Noch etwas?“

Wie hatte sie nur glauben können, ihn mit Worten schlagen zu können?

„Im Moment nicht.“

„Bist du dir da sicher, querida?“, fragte er ein wenig spöttisch und sah zu, wie sich ihre Wangen zartrosa färbten, während sie ihn ungläubig anschaute.

„Falls du meinst …“ Ihr fehlten die Worte. „Bist du verrückt?“

Doch allein der Gedanke daran, wie sein Mund sich auf ihren senkte … seine Hände sich über ihren Körper bewegten … O mein Gott, ich muss hier raus!

„Geh zum Teufel!“ Ihre Stimme klang zittrig, als sie sich abrupt erhob und den Raum verließ.

Hastig suchte sie ihre Suite auf. Sie war so unglaublich wütend … über ihn, aber vor allem über sich selbst.

Die Versuchung war riesengroß, sofort zu packen, ein Taxi zu rufen, den erstbesten Flug nach Madrid zu nehmen, und dann von dort aus nichts wie nach Hause.

Doch schließlich hatte sie Teresa versprochen, die kommenden Tage mit ihr zu verbringen. Sie saß in der Zwickmühle.

Also beruhige dich, sagte sie sich. Sie würde den Ärger mit ein paar Gymnastikübungen vertreiben, duschen und sich dann mit ihrem Buch ins Bett begeben.

Dieses Vorhaben setzte sie in die Tat um und las schließlich bis die Buchstaben vor ihren Augen zu verschwimmen begannen.

5. KAPITEL

Es war ein wundervoller Morgen, als Gianna aus dem Schlafzimmerfenster nach draußen blickte. Üppige grüne Rasenflächen breiteten sich zwischen sorgfältig gestutzten Sträuchern und Büschen aus, die wie Miniaturwachposten in Reih und Glied standen.

Sie öffnete das Fenster und hörte das leise plätschernde Wasser eines Brunnens. Vom Meer wehte eine Brise herüber. Gianna spürte ihren Hauch auf der Haut und den Duft von Salz in der Nase.

Es war himmlisch.

Fast himmlisch, korrigierte sie sich sofort. Denn Raúls Anwesenheit in der Villa seiner Mutter beunruhigte sie sehr, und über die Gründe dafür wollte sie lieber nicht genauer nachdenken.

Aus einer Entfernung von mehreren tausend Kilometern, von der anderen Seite der Welt, war sie überzeugt gewesen, dass sie über ihn und die Trennung hinweg sei.

Doch nun, aus der Nähe betrachtet, stellte sich diese Überzeugung als völlig falsch heraus. Mit jedem Tag wurde das offensichtlicher. Und es waren noch zwölf.

Teresa und Raúl hatten bereits auf der Terrasse Platz genommen, als Gianna zu ihnen stieß. Obgleich Teresa breit lächelte, war nicht zu übersehen, dass sie müde und blass aussah.

„Kaffee?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, beugte Raúl sich vor und füllte eine Tasse mit dem aromatisch dampfenden Getränk.

Seine bloße Gegenwart versetzte sie in Aufruhr. Einen Augenblick lang fühlte sie sich in eine Zeit zurückversetzt, in der sie ihm automatisch das Gesicht zuwandte, um sich von ihm küssen zu lassen. Und sie sich beide im Wissen um die Zärtlichkeiten der vergangenen Nacht anlächelten, ihr Körper noch von der Stärke seiner Leidenschaft glühte.

Nun war da nichts mehr als reine Höflichkeit, Teresa zuliebe. Gianna hatte keinen Grund, sich etwas anderes zu wünschen … und dennoch spürte sie einen Kloß im Hals und eine Traurigkeit, der sie nichts entgegenzusetzen hatte.

Sie nahm einen Schluck des herrlich aromatischen Kaffees.

„Hast du gut geschlafen?“

„Danke, ja“, log sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Ich habe mit Raúl gerade über die Wohltätigkeitsveranstaltung gesprochen, die ich heute Abend besuchen wollte“, begann Teresa. „Mit ihr sollen Spenden für schwer kranke Kinder gesammelt werden. Der Zweck liegt mir sehr am Herzen. Mein verstorbener Mann und ich haben uns schon sehr früh dafür eingesetzt. Doch ich fühle mich heute nicht stark genug.“

In Giannas Magen hatte sich ein nervöses Kribbeln ausgebreitet. Sie ahnte schon, was kommen würde, als Teresa sich ihr zuwandte.

„Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du mit Raúl für mich den Abend bestreiten würdest.“

Teresas Bitte abzulehnen wäre unhöflich. Deshalb dachte Gianna erst gar nicht darüber nach. „Es wird mir ein Vergnügen sein, vorausgesetzt Raúl hat nichts dagegen.“ Für den Fall, dass er lieber eine andere Frau mitnehmen würde … beispielsweise Sierra oder eine aktuelle Geliebte.

„Was sollte ich dagegen haben?“, erwiderte Raúl voller Ungeduld.

Teresas Miene hellte sich auf. „Danke.“ Sie nannte den Namen eines Luxushotels in Palma und sah Gianna dabei verschwörerisch an. „Dann hast du auch gleich einen Grund shoppen zu gehen.“

„Gleich nach dem Frühstück fahren wir nach Palma“, erklärte Raúl.

Fahren wir?

„Ich kann doch ein Taxi nehmen“, entgegnete Gianna betont freundlich.

„Meine Liebe“, mischte sich Teresa ein, „das wird Raúl nie im Leben zulassen.“

„Abfahrt um neun“, meinte Raúl kurz angebunden.

Und damit, so schien es, war die Diskussion beendet … zumindest in Teresas Gegenwart. Doch Gianna nahm sich vor, Raúl so bald wie möglich darüber zu informieren, dass sie allein einkaufen gehen würde.

Die Gelegenheit dazu bekam sie im Flur des Gästeflügels, als sie gerade eine handgeschriebene Nachricht für ihn im Arbeitszimmer hinterlassen wollte.

„Na, wolltest du dich unbemerkt davonschleichen?“

Wie aus dem Nichts war er aufgetaucht. Gianna fragte sich, wie er das immer wieder schaffte?

Sie reckte ihr Kinn empor, und ihre Augen funkelten wütend. „Es gibt wirklich keinen Grund, warum du mich begleiten solltest.“

„Das sehe ich anders.“ Er klang ein wenig amüsiert.

„Komm mir bloß nicht mit diesem übertriebenen Machogehabe, eine Frau dürfe nicht allein unterwegs sein.“

„Bist du wirklich darauf aus, von professionellen Taschendieben bestohlen zu werden? Die dir deine Geldbörse und dein Handy wegnehmen, ohne dass du etwas merkst? Und wenn du es dann feststellst, willst du dich dann auf die Suche nach einem Polizeirevier machen, um in unserer Villa anzurufen und um Hilfe zu bitten?“

„Und du wirst mich vor all dem bewahren, nur weil du neben mir gehst? Wirklich? Dir können Schurken und Bösewichte natürlich nichts anhaben?“

„Genau.“

„Natürlich“, meinte sie betont freundlich. „Ein Blick von dir, und jeder übelgesinnte Taschendieb rennt sofort davon.“

„Zweifelst du daran?“

Nein. Aber nicht um alles in der Welt würde sie es zugeben. Stattdessen warf sie ihm einen finsteren Blick zu, drehte sich auf dem Absatz um und ging rasch auf die Treppe zu … nur um festzustellen, dass er mitkam.

„Ich rufe mir ein Taxi.“ Ein letzter Versuch, Unabhängigkeit zu wahren.

Raúl warf ihr einen missbilligenden Blick zu, der mehr sagte als Worte.

„Du bist wirklich der lästigste und überheblichste Mann, dem ich je begegnet bin“, erklärte Gianna. Sie hatten gerade die große Garage erreicht, und er öffnete den Mercedes über die Fernbedienung.

„Steig ein, Gianna.“

Er klang gefährlich leise, und sein finsterer Blick schien ihr zu bedeuten, dass er sie nicht ungestraft weiter solche Dinge sagen lassen würde.

Um Himmels willen, warum benahm sie sich auch wie ein störrisches Kind? Sie neigte gar nicht zu Wutausbrüchen … nicht einmal dann, wenn sie angebracht wären.

Warum also gerade jetzt?

Weil jede Sekunde in Raúls Gegenwart sie an das Leben erinnerte, das sie gemeinsam geführt hatten. Und ihr Ärger diente nur dazu, die Mauer, die sie um sich herum errichtet hatte, aufrechtzuerhalten.

In Wirklichkeit hatte sie heillose Angst, er könnte diese Mauer niederreißen.

Wo würde das hinführen?

Genau dahin, wo es sie vor drei Jahren hingebracht hatte … mit gebrochenem Herzen an den Rande der Verzweiflung.

Am liebsten wäre sie in bitteres Lachen ausgebrochen.

Selbstschutz.

Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich auf den Beifahrersitz, legte den Sicherheitsgurt an und saß schweigend da, während Raúl den schweren Wagen aus der Garage fuhr.

Eine halbe Stunde später parkte er in der Tiefgarage eines noblen Hotels und führte sie kurz darauf in dem Hotel in eine Boutique, wo er mit Namen begrüßt und außerordentlich zuvorkommend behandelt wurde.

Raúl Velez-Saldaña war hier offensichtlich bekannt. Da sein Foto oft die Seiten der Klatschpresse schmückte, musste er hier nicht notgedrungen dadurch bekannt sein, dass er Wäsche oder teure Schuhe für andere Frauen erworben hatte.

Und selbst wenn es so wäre, konnte ihr das egal sein.

Ist es aber nicht. Das ergab doch alles keinen Sinn. Ihre Liebe war erloschen. Verdammt, sie konnte ihn nicht einmal mehr leiden.

Belüg dich nicht selbst.

Was war denn der Grund für ihre Schlaflosigkeit? Vielleicht das Wissen darum, dass seine Suite nur wenige Meter von ihrer entfernt war?

Sobald sie wieder in Australien war, würde sie ihren Anwalt beauftragen, die Scheidungspapiere so schnell wie möglich einzureichen.

„Ich glaube, du solltest dieses nehmen.“

Der Klang von Raúls Stimme, gefolgt von den zustimmenden Worten der Verkäuferin, brachte sie schlagartig in die Wirklichkeit zurück. Beim Anblick eines exklusiven saphirblauen Abendkleids aus Seidenchiffon bekam sie große Augen.

Sie mochte es ungern eingestehen … doch das Kleid war perfekt.

„Glücklicherweise ist es exakt die Größe, die die junge Dame braucht.“

„Meine Frau“, korrigierte Raúl. Gianna wollte schon protestieren, doch er legte zwei Finger auf ihre Lippen. „Du kannst mir später danken, querida.

Liebste? Dieses Wort gehörte zu einer anderen Zeit und hatte jetzt seine Gültigkeit verloren.

Sie war versucht, ihm in den Finger zu beißen, und es kostete sie große Anstrengung, es nicht zu tun. Sie war sich sicher, dass er das ahnte.

„Wir brauchen auch noch Schuhe dazu“, erklärte Raúl.

Als sie dann das Kleid überstreifte, in hochhackige Stilettos schlüpfte, die die Verkäuferin gebracht hatte, und sich im Spiegel sah, musste sie zugeben, dass beide, Raúl und die Verkäuferin, den Nagel auf den Kopf getroffen hatten.

Ihr Lächeln sprach Bände. „Danke!“

„Ihr Gatte hat einen sehr guten Geschmack“, sagte die Verkäuferin und klatschte in die Hände. „Ihre Frisur, señora … darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Sie haben so einen hübschen, schmalen Hals, dass es vielleicht vorteilhafter wäre, das Haar hochzustecken. Diamant-Ohrringe würden gut zur Geltung kommen …“ Sie war ganz begeistert. „… eine schmale passende Halskette … nicht zu viel, um dem Kleid nicht die Show zu stehlen, comprende?“ Sie stellte sich hinter Gianna und öffnete den Reißverschluss. „Ich werde die Sachen für Sie einpacken, während Sie sich umkleiden, si?“

Das Umziehen nahm nur wenige Minuten in Anspruch. Als sie aus der Kabine trat bekam sie gerade noch mit, wie Raúl seine Kreditkarte zückte. Sie drängte zur Verkaufstheke.

„Ich zahle für die Einkäufe.“

Die Verkäuferin hielt inne und warf Raúl einen fragenden Blick zu. „Señor?“

„Meine Frau hat einen bemerkenswerten Hang zur Unabhängigkeit“, erklärte er, „doch in diesem Fall …“

„Wie Sie wünschen.“

„Ich würde es trotzdem vorziehen …“ Gianna kam ins Schwanken, als Raúl ihren Mund mit einem sanften Kuss verschloss, der ihr den Atem raubte.

„Nein!“ Vergeblich versuchte sie zu protestieren.

Die Atmosphäre zwischen ihnen hatte sich so sehr aufgeladen, dass Gianna ein paar Herzschläge lang alles um sich herum vergaß.

„Ihre Einkäufe, señor.“

Die Stimme der Verkäuferin holte Gianna in die Realität zurück. Sie schüttelte den Kopf als ob sie ihm plötzlich zustimme. „Männer“, sagte sie mit einem leicht gequälten Lächeln, „haben immer die Spendierhosen an.“

„O señora“, schalt die Verkäuferin scherzhaft. „Welche Frau würde solch einen Mann nicht schätzen?“

Gianna lächelte zum Abschied noch einmal.

Doch sobald sie die Boutique verlassen hatten und außer Hörweite waren, fragte sie: „Welcher Teufel hat dich da drin geritten?“

„Was meinst du?“

„Spiel kein Spielchen mit mir. Du weißt sehr genau, was ich meine.“

„Du ärgerst dich, dass ich ...

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