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Immer nur du! / Happy End auf Korfu / Meine widerspenstige Prinzessin / Heiße Küsse zum Dessert

Maggie Cox

Immer nur du!

1. KAPITEL

Mit lautem Krachen zuckte ein gleißend heller Blitz über den pechschwarzen Himmel und verlieh der dunklen Gestalt vor der bleiverglasten Haustür bedrohlich scharfe Konturen.

Jenny, die gerade nach oben gehen und ein Bad nehmen wollte, verharrte mitten in der Bewegung. Der Anblick der unheimlich wirkenden Silhouette ließ sie unwillkürlich erschauern. Doch schon einen Augenblick später setzte ihr gesunder Menschenverstand wieder ein. Wahrscheinlich war es nur ein Tourist, der sich bei dem Unwetter verfahren hatte und nach dem Weg fragen wollte.

Sie war jetzt seit zweieinhalb Monaten in Cornwall, um das malerische Gästehaus ihrer Freundin Lily zu betreuen, solange diese bei ihren Eltern in Australien war, und bisher hatte Jenny noch nie ein Problem mit der abgeschiedenen Lage von Raven Cottage gehabt.

Ganz im Gegenteil, die Einsamkeit und die Nähe zum Atlantik hatten ihr dabei geholfen, ihre schmerzliche Vergangenheit zu verarbeiten und ihr lädiertes Selbstwertgefühl wieder ein wenig aufzubauen. Eine Scheidung war immer unangenehm, aber für Jenny war sie besonders schmerzlich gewesen, da der Trennungswunsch allein von ihrem Exmann ausgegangen war. Und als wäre das noch nicht genug gewesen, hatte sich die Rückkehr in ihr Elternhaus zu einem monatelangen Albtraum entwickelt, der ihr noch immer in den Knochen steckte.

Als die Gestalt draußen energisch den Türklopfer betätigte, kehrte Jenny abrupt in die Realität zurück. Sie atmete tief durch, zauberte ein professionelles Lächeln auf ihr Gesicht und ging zur Tür.

Dios mio!“, fluchte der unerwartete Besucher, kaum dass sie aufgemacht hatte. „Das ist ja wohl der ungemütlichste Ort, den ich je gesehen habe!“

Jennys Lächeln gefror, als sie seinem Blick begegnete. Diese samtschwarzen, dicht bewimperten Augen waren ihr ebenso vertraut wie alles andere an diesem Mann. „Rodrigo …“, stieß sie schockiert hervor. „Was, in aller Welt, machst du denn hier?“

Ohne zu antworten, drängte sich ihr vom Regen völlig durchweichter Exmann an ihr vorbei ins Foyer. Mit verdrossener Miene strich er sich das nasse schwarze Haar aus dem Gesicht, während Jenny mühsam versuchte, ihre Fassung wiederzugewinnen.

„Das Gleiche könnte ich dich auch fragen“, stellte er fest, wobei ihm deutlich anzumerken war, dass er auf ihren Anblick ebenso wenig gefasst gewesen war, wie sie auf seinen.

Der verrückte Hoffnungsfunke, er könnte gekommen sein, um sich mit ihr zu versöhnen, erlosch augenblicklich. „Ich kümmere mich um die Pension, solange Lily in Australien ist“, informierte Jenny ihn steif. „Und was treibt dich hierher? Doch sicher nicht der Wunsch, Cornwall im Spätherbst kennenzulernen?“

Rodrigo verzog die wohlgeformten Lippen, als sei schon der bloße Gedanke eine Zumutung. „Ich habe morgen eine geschäftliche Besprechung in der Gegend und brauche ein Zimmer für die Nacht. Und jetzt sag bitte nicht, dass alles ausgebucht ist und ich wieder in diese Sintflut hinaus muss!“

„Bei so einem Wetter würde ich nicht einmal einen Hund vor die Tür jagen, Rodrigo“, versicherte Jenny ihm mit unbewegter Miene. „Im Übrigen hast du Glück. Um diese Jahreszeit kommen nur wenige Touristen, sodass wir nicht voll belegt sind.“ Genau genommen war er im Moment der einzige Gast, doch das verschwieg sie ihm wohlweislich.

Rodrigo atmete erleichtert auf und bedachte sie mit einem etwas schiefen Lächeln. „Es freut mich festzustellen, dass du mich trotz allem nicht genug hasst, um mich draußen meinem Schicksal zu überlassen.“

Unter seinem intensiven Blick schien Jennys Körpertemperatur um mehrere Grad anzusteigen. „Ich nehme an, dass du sofort auf dein Zimmer möchtest“, sagte sie betont sachlich. „Vermutlich kannst du es kaum erwarten, aus den nassen Sachen herauszukommen.“

Für ihre letzten Worte hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen, aber zum Glück verzichtete Rodrigo auf einen anzüglichen Kommentar. „Du sagst es“, bestätigte er nur. „Allerdings muss ich vorher noch mein Gepäck aus dem Auto holen.“

Wenige Minuten später kehrte er mit einem Koffer und einer schwarzen Ledertasche zurück, von der Jenny wusste, dass sie seinen Laptop enthielt.

„Gib mir deinen Mantel“, forderte Jenny ihn auf und wartete scheinbar gelassen, bis er sich von seinem Trenchcoat befreit hatte. In ihrem Innern tobte ein Aufruhr, aber davon sollte er um keinen Preis etwas mitbekommen.

Als sie das tropfnasse Kleidungsstück an einen Haken hinter der Tür hängte, stieg ihr ein Hauch von Rodrigos vertrautem Aftershave in die Nase, der prompt eine Flut höchst unerwünschter Erinnerungen auslöste. Entschlossen, sich nicht davon überwältigen zu lassen, schlang Jenny fest die Arme um sich, bevor sie sich zu ihrem Exmann umdrehte. „Und wo findet dein Meeting morgen statt?“, erkundigte sie sich beiläufig.

„In Penzance. Ich hatte dort ein Hotelzimmer gebucht, aber unterwegs hat mein Navigator plötzlich gestreikt, und ich habe mich hoffnungslos verfahren. Dann fiel mir wieder ein, dass Lily hier in der Gegend eine Pension namens Raven Cottage hat. Das Verrückte ist, dass ich nicht einmal danach suchen musste. Plötzlich tauchte das Haus vor mir auf, aber dass ich dich hier treffen würde, hätte ich im Leben nicht vermutet …“

Rodrigo zögerte, als wollte er noch etwas hinzufügen, und Jenny kämpfte mit aller Kraft gegen die hartnäckige Hoffnung an, die sich erneut in ihr regte. „Dann brauchst du das Zimmer nur für eine Nacht?“

„Ja“, bestätigte er, während er stirnrunzelnd seine handgearbeiteten italienischen Schuhe betrachtete, die durch den Regen völlig ruiniert waren. „Zum Glück, denn wie du schon vermutetest, ist Cornwall im Oktober absolut nicht nach meinem Geschmack.“

„Dann möge der Himmel verhüten, dass du länger leiden musst, als unbedingt nötig.“

Bevor Jenny sich von ihm abwenden konnte, hielt Rodrigo ihre Hand fest. „Wünschst du dir, dass ich leide, Jenny?“ Seine schlanken, kräftigen Finger, die ihre umschlossen, waren eiskalt, aber tief in seinen Augen glomm ein dunkles Feuer.

„Glaub mir, ich habe Wichtigeres zu tun, als meine Zeit mit solch albernen Wünschen zu vergeuden“, erwiderte sie kühl und entzog ihm rasch ihre Hand. „Zu deinem Zimmer geht es hier entlang.“

Sie führte ihn die Treppe hinauf zu dem Raum, der das Prunkstück des Hauses war. Was auch immer zwischen ihnen schiefgelaufen war – Rodrigo hatte einen exquisiten Geschmack, und sie wollte ihm keinen Grund liefern, an seiner Unterkunft herumzumäkeln.

Falls das Wetter sich bis dahin beruhigt hatte, würde ihn morgen früh ein spektakuläres Erlebnis erwarten. Der traumhafte Blick auf den Atlantik hatte noch jeden Gast, der hier logiert hatte, ins Schwärmen gebracht. Trotz ihrer zwiespältigen Gefühle hoffte Jenny, dass auch Rodrigo sich davon berühren lassen würde.

In diesem Augenblick bezweifelte sie es jedoch. Schweigend beobachtete sie, wie er flüchtig den Blick durch den Raum schweifen ließ und dann achtlos sein Gepäck auf dem handbestickten seidenen Bettüberwurf ablud. Etwas Gelangweiltes, Desillusioniertes ging von ihm aus, als hätte das Leben ihm nichts mehr zu bieten, was ihn noch beeindrucken konnte.

Jenny wusste, dass es albern war, aber dennoch empfand sie Rodrigos gleichgültige Reaktion als Kränkung. Lily hatte so viel Liebe in die Einrichtung dieses Zimmers gesteckt. Allein für die schweren Samtvorhänge und das antike Davenport-Bett mit dem handgeschnitzten Rahmen hatte sie einen großen Teil ihrer Ersparnisse geopfert. Jeder einzelne Gegenstand war sorgfältig ausgewählt worden, um eine entspannende, luxuriöse Atmosphäre zu schaffen und gleichzeitig den altmodischen englischen Charme zu erhalten, den die meisten Touristen erwarteten.

Nach dem schweren Autounfall, bei dem Lilys Schwester und deren Mann ums Leben gekommen waren, hatte Lily als nunmehr alleinige Eigentümerin von Raven Cottage beschlossen, das Haus zur schönsten und begehrtesten Pension der ganzen Grafschaft zu machen. Es war ihre Art gewesen, mit dem schrecklichen Verlust fertig zu werden, und als Innenarchitektin war es für Jenny Ehrensache gewesen, Lily als Beraterin zur Seite zu stehen.

Beim Hereinkommen hatte sie die kleinen antiken Lampen zu beiden Seiten des Bettes eingeschaltet, die den Raum in ein sanftes, bernsteinfarbenes Licht tauchten. Konnte es eine einladendere Zuflucht vor einem Unwetter wie diesem geben, fragte sich Jenny, während der Regen gegen die altmodischen Fenster prasselte. Ein weiterer ohrenbetäubender Donner erschütterte die Dachbalken. Aber wie es aussah, nahm ihr gleichgültiger Exmann es nicht einmal wahr.

„Wie kommt es überhaupt, dass du ein geschäftliches Treffen in Cornwall hast?“

Jenny gelang es zu ihrem eigenen Erstaunen, kühl und unbeteiligt zu klingen. Rodrigo Martinez – Multimillionär und Besitzer einer Kette von Wellness Hotels, die zu den exklusivsten der Welt gehörten – war der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war. Sein männlich schönes Gesicht mit den ausdrucksvollen schwarzen Augen, sein perfekt proportionierter, durchtrainierter Körper und vor allem seine umwerfend sinnliche Ausstrahlung hatten sie von der ersten Sekunde an in den Bann gezogen.

Und wie Jenny in diesem Moment feststellte, war sie immer noch nicht immun gegen seinen Anblick.

„Ich eröffne ein neues Hotel in Penzance.“ Seine tiefe, leicht heisere Stimme mit dem sexy spanischen Akzent ließ sie von Kopf bis Fuß erschauern. „Den neuesten Marktforschungsergebnissen zufolge wird der Tourismus in dieser Gegend in den nächsten Jahren stark anziehen.“

„Und da willst du natürlich auch ein Stück vom Kuchen haben.“

Unbeeindruckt zuckte er die breiten Schultern. „Ich arbeite in der Hotelbranche, was erwartest du?“

Jenny presste die Lippen zusammen. „Dass du tust, was du immer getan hast, Rodrigo, weiter nichts. Wie du dich vielleicht erinnerst, habe ich schon vor langer Zeit gelernt, dass es dumm wäre, mehr von dir zu erwarten.“

„Und offenbar hegst du deswegen immer noch einen Groll auf mich.“ Er seufzte und fuhr sich mit beiden Händen durch das dichte, regennasse Haar. „Hör zu, ich brauche dringend eine heiße Dusche, und da ich nicht annehme, dass du mir dabei Gesellschaft leisten willst, solltest du jetzt vielleicht hinausgehen.“

„Fahr zur Hölle, Rodrigo!“

„Denkst du, dort bin ich noch nicht gewesen, querida ?“, fragte er sie leise.

Ärger, Schmerz und Bedauern stürmten gleichzeitig auf Jenny ein. „Wann sollte das wohl gewesen sein“, erkundigte sie sich höhnisch. „Als dir eins deiner vielen Millionengeschäfte durch die Lappen gegangen ist? Falls dir so etwas je passiert ist, was ich stark bezweifle, muss es ein echter Tiefpunkt für dich gewesen sein.“

Unvermittelt verhärteten sich Rodrigos Züge. „Was für eine schmeichelhafte Meinung du doch über mich hast, Jenny. Du glaubst anscheinend, dass mich nichts interessiert, außer Geld zu machen?“

Die Hand schon um den Türknauf geschlossen, erwiderte Jenny standhaft seinen Blick. „Das glaube ich keineswegs. Ich weiß es.“ Nur zu gern hätte sie die Tür mit einem befreienden Knall hinter sich zugeschlagen, aber ihre gute Erziehung verbot es ihr. „Du findest mich unten in der Küche“, informierte sie ihn stattdessen. „Ich mache dir einen Kaffee und etwas zu essen.“

„Jenny?“

„Ja?“

„Nichts … Wir können später reden.“

Da ihr keine passende Antwort einfiel und ihr überdies die Tränen gefährlich locker saßen, verließ Jenny wortlos das Zimmer. Auf dem Flur blieb sie für einen Moment stehen und atmete mehrmals tief durch. Es war jetzt mehr als zwei Jahre her, dass sie Rodrigo das letzte Mal gesehen hatte. Gegen jede Vernunft hatte sie wieder und wieder gehofft, dass er sie anrufen oder auf irgendeine andere Art mit ihr in Kontakt treten würde. Dass er ihr gestehen würde, wie sehr er es bereute, sie um die Scheidung gebeten zu haben, und dass er sie zurückhaben wollte. Aber er hatte es nie getan.

Als Jenny von Barcelona wieder nach England zurückgekehrt war, hatten all ihre Freundinnen sie beschworen, keinen Gedanken mehr an Rodrigo zu verschwenden. Wenn diesem Egozentriker nicht klar sei, was für einen Schatz er so leichtfertig aufgegeben hatte, dann habe er Jenny auch nicht verdient, war ihre einhellige Meinung. Sie solle ihn so schnell wie möglich vergessen und sich stattdessen ein schönes Leben mit der fürstlichen Abfindung machen, die er ihr nach der Scheidung hatte zukommen lassen.

Ein netter Ratschlag, aber ebenso gut hätten sie Jenny vorschlagen können, nicht mehr zu atmen. Ihre Gedanken hatten sich schlichtweg geweigert, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit Rodrigo. Der Schmerz, ihn verloren zu haben, wollte einfach nicht weniger werden. Nur der schiere Überlebenswille hatte ihr schließlich die Kraft gegeben, das Studio für Inneneinrichtungen wiederzubeleben, dass sie vor ihrer Ehe in London geführt hatte.

Und nun war er wie aus dem Nichts wieder aufgetaucht!

Wie gern hätte Jenny sich ihm als selbstbewusste Karrierefrau präsentiert, die die Vergangenheit für immer hinter sich gelassen hatte und nun ein abwechslungsreiches, rundum befriedigendes Leben führte.

Doch leider konnte davon keine Rede sein.

Um die plötzlich aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, biss Jenny sich fest auf die Lippen und ging hinunter in die Halle. Ein weiterer Blitz erhellte das Haus, kurz darauf begannen sämtliche Lampen heftig zu flackern. Beinah hätte Jenny laut aufgeschrien, als sie etwas Weiches an ihrem Knöchel spürte, doch dann sah sie, dass es Lilys Katze war, die sichtlich verstört zu ihr aufblickte.

„Hast du Angst vor dem Gewitter, Cozette?“ Liebevoll hob Jenny das leicht übergewichtige Tier hoch und drückte sich das warme Bündel an die Brust. „Arme kleine Katze. Wir gehen jetzt in die Küche, und dann sehe ich mal nach, ob ich nicht ein leckeres kleines Trostpflaster für dich finde …“

Rodrigo packte seinen Laptop aus und fragte sich, ob man in Cornwall überhaupt schon wusste, dass es so etwas wie das Internet gab. Als er von unten eine Stimme hörte, hielt er unvermittelt inne. Ganz still stand er da und lauschte dem verführerischen Singsang, der, wie er rasch schlussfolgerte, Lilys Katze gelten musste.

Schon bei ihrer ersten Begegnung war er von Jennys Stimme wie hypnotisiert gewesen. Ihr samtiger Klang in Verbindung mit dem kultivierten britischen Akzent hatte wie ein Aphrodisiakum auf ihn gewirkt. Und jetzt, mehr als drei Jahre später, stellte er fest, dass sich daran bis heute nichts geändert hatte.

Erschrocken über die Heftigkeit, mit der urplötzlich seine Libido erwachte, stieß Rodrigo scharf die Luft aus. Reiß dich gefälligst zusammen, befahl er sich verärgert. Jenny ist schon lange nicht mehr deine Frau, und außerdem ist sie immer noch stinkwütend auf dich

Und zwar aus gutem Grund

Sie waren gerade ein Jahr verheiratet gewesen, als Rodrigo ihr eröffnete, dass er sich von ihr trennen wolle. Selbst jetzt noch fiel es ihm schwer zu glauben, dass er es gesagt und dann auch tatsächlich umgesetzt hatte. Er hatte Jenny geliebt und nie die Absicht gehabt, sie so tief zu verletzen, aber er war noch immer der Meinung, dass er die einzig richtige Entscheidung getroffen hatte.

Rodrigo konnte nicht leugnen, dass bei seinem spontanen Einfall, Lilys Pension aufzusuchen, die Hoffnung mitgespielt hatte, etwas Neues über Jenny zu erfahren. Allerdings hätte er nicht im Traum damit gerechnet, dass seine schöne Exfrau ihm höchstpersönlich die Tür öffnen würde.

Es war ein unglaubliches Gefühl gewesen, ihr plötzlich wieder gegenüberzustehen. All die Leidenschaft und Zärtlichkeit, die er einmal für sie empfunden hatte, waren plötzlich wieder da, als hätte nie etwas zwischen ihnen gestanden. Er wusste jedoch, dass es ein fataler Fehler wäre, auch nur den Versuch zu machen, ihr wieder näherzukommen. Es würde unweigerlich wieder in einem Desaster enden, und das konnte er Jenny nicht noch einmal antun.

Mit einem tiefen Seufzer, in dem sich seine Frustration und Anspannung entluden, streifte Rodrigo sich die nassen Sachen vom Körper und ging unter die Dusche.

„Gibt es hier im Haus einen Internetanschluss?“

„Was …?“ Sekundenlang konnte Jenny nur stumm Rodrigos fragenden Blick erwidern, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Sicher“, erwiderte sie, „aber die Verbindung ist leider nicht sehr stabil. Sie kommt und geht, besonders bei solchem Wetter.“

„Das hatte ich schon befürchtet.“

„Morgen ist das Gewitter sicher abgezogen, und dann klappt es bestimmt besser. Ich hoffe, du überlebst es, eine Nacht lang nicht arbeiten zu können.“

„Sehr witzig.“ Er verzog kurz die Mundwinkel und warf einen Blick zum Tisch, auf dem ein Becher mit dampfendem Kaffee und ein Teller ordentlich aufgestapelter Sandwiches standen. „Ist das für mich?“

„Ja. Setz dich hin und bedien dich. Ich nehme an, du trinkst deinen Kaffee noch mit Zucker? Ich habe jedenfalls zwei Stück hineingetan.“

„Es ist das einzige Vergnügen, dass ich zu sehr schätze, um es aufzugeben“, witzelte Rodrigo, doch als er den verletzten Ausdruck sah, der über Jennys Gesicht huschte, hätte er sich für seine unsensible Bemerkung ohrfeigen mögen. Zumal sie nicht einmal den Tatsachen entsprach. Noch nie in seinem Leben war ihm etwas schwerergefallen, als auf die zahllosen Freuden zu verzichten, die Jenny ihm geschenkt hatte. Und nach dem heftigen Ziehen in seiner unteren Körperregion zu urteilen, hatte sich ein Teil von ihm noch immer nicht mit diesem Verlust abgefunden.

Als er sich an den Tisch setzte, unterdrückte er mit eiserner Willenskraft das beinah schmerzhafte Verlangen, das Jennys Anblick in ihm auslöste. Widerstrebend wandte er den Blick von ihr ab und nahm stattdessen die gemütliche, ländliche Küche genauer in Augenschein.

Mit den schweren Möbelstücken aus Eichen- und Pinienholz, dem altmodischen Kochgeschirr und den langen Regalen, auf denen handbemaltes Porzellan aufgereiht war, war sie Lichtjahre entfernt von den hypermodern ausgestatteten Küchen seiner exklusiven Feriendomizile. Der ganze Raum strahlte einen heimeligen, einladenden Charme aus, und für einen Moment schien es Rodrigo, als wäre er wieder in dem einfachen andalusischen Bauernhaus hoch in den Bergen von Ronda, wo er aufgewachsen war. Eine Welle von Sehnsucht ergriff ihn, als längst vergessen geglaubte Erinnerungen in ihm aufstiegen.

„Das sieht sehr gut aus“, murmelte er und biss hungrig in eins der Sandwiches, die Jenny dick mit Schinken belegt und mit englischem Senf bestrichen hatte.

„Wärst du früher gekommen, hättest du ein richtiges Abendessen bekommen. Ich habe eine Fleischpastete gemacht, aber den Rest habe ich schon eingefroren. Aber warte …“ Sie nahm eine runde Blechdose aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch. „Ich könnte dir zum Nachtisch noch Früchtekuchen anbieten.“

Der Duft, der ihm in die Nase stieg, als sie den Deckel öffnete, ließ Rodrigo das Wasser im Mund zusammenlaufen. „Bei meiner Schwäche für hausgemachten Kuchen werde ich diesem Angebot kaum widerstehen können.“ Seine Mundwinkel hoben sich zur Andeutung eines Lächelns. „Ist es einer von deinen?“

„Ja, und er ist noch ganz frisch. Ich habe ihn erst heute morgen gebacken.“

„Immer noch die emsige kleine Hausfrau, wie ich sehe, Jenny Wren.“

Der vertraute Spitzname entschlüpfte ihm, bevor er es verhindern konnte, und er bemerkte, wie Jennys zarte Haut sich mit einer bezaubernden Röte überzog. Wren war das englische Wort für Zaunkönig. Mit diesem zarten Vogel, der scheinbar nie zur Ruhe kam, hatte er sie damals immer verglichen. Ein plötzlicher Graupelschauer peitschte gegen das Fenster, während ihre Blicke für einen Moment ineinandertauchten.

„Nenn mich nicht so“, bat sie ihn leise.

Rodrigo spürte, wie sich sein Rückgrat anspannte. „Warum nicht?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte.

„Weil du mit dem Tag unserer Scheidung das Recht dazu verloren hast. Und jetzt iss, du musst ja halb verhungert sein.“ Sie ging zur Anrichte, um noch mehr Brot aufzuschneiden, und der magische Augenblick war vorbei.

Es war klar, dass jeder weitere Kommentar nur Öl aufs Feuer gießen würde. Mechanisch biss Rodrigo erneut in das Sandwich, das er eben noch so köstlich gefunden hatte und das jetzt wie Pappe schmeckte. Da Jenny mit dem Rücken zu ihm stand, konnte er ihr Gesicht nicht sehen, aber ihre unkoordinierten, hastigen Bewegungen verrieten ihm, wie sehr dieser kurze Augenblick alter Vertrautheit sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

„Soll ich dir noch einen Kaffee aufbrühen? Es macht keine Mühe, das Wasser ist noch heiß.“

Als sie unvermittelt über die Schulter blickte und ihn fragend mit ihren großen kornblumenblauen Augen ansah, wäre er am liebsten aufgesprungen, um sie in seine Arme zu reißen. Doch wie sie bereits gesagt hatte: Mit seiner Entscheidung, ihre Ehe zu beenden, hatte er für immer das Recht auf Nähe zu ihr verwirkt. Aber das Gefühl von Wärme in ihm blieb und machte ihm bewusst, wie lange sich schon keine Frau mehr so fürsorglich um ihn gekümmert hatte.

Nicht seit Jenny, um genau zu sein.

Während der vergangenen zwei Jahre war Rodrigo fast ständig im Ausland unterwegs gewesen und hatte gearbeitet wie ein Verrückter. Er hatte kaum Zeit gehabt, sich einmal richtig auszuschlafen, geschweige denn über sich selbst nachzudenken. Und nun schockierte ihn die Erkenntnis, wie sehr er Jennys sanfte, liebevolle Gegenwart vermisst hatte.

Schon bei ihrer ersten Begegnung hatten ihre Wärme und Einfühlsamkeit ihn ebenso verzaubert wie ihre Schönheit. Er war überzeugt davon gewesen, einem Engel begegnet zu sein, und als er merkte, dass sie seine Gefühle erwiderte, hatte er sein unverschämtes Glück kaum fassen können.

2. KAPITEL

„Willst du dich nicht zu mir setzen und mir beim Essen Gesellschaft leisten?“

Sekundenlang war Jenny von Rodrigos intensivem Blick wie gebannt. Er machte den Eindruck, als würde er sich nach ihrer Gesellschaft förmlich verzehren, nur konnte sie sich beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen.

Wahrscheinlich wollte er nur seine Schuldgefühle ihr gegenüber beruhigen und ihr erneut die Gründe für sein damaliges Verhalten darlegen. Aus seiner Sicht mochte das verständlich sein, aber sie hatte keine Lust, sich nach zwei Jahren Funkstille noch einmal anzuhören, dass seine Arbeit ihn zu sehr in Anspruch genommen hatte, um gleichzeitig seinen Verpflichtungen als Ehemann nachzukommen.

Mehr als das befürchtete Jenny jedoch ein verspätetes Geständnis, dass Rodrigo noch ein weiteres Motiv gehabt hatte, sie zu verlassen. Während der letzten Monate ihrer Ehe war ihr mehr als einmal der Gedanke gekommen, dass er möglicherweise eine Affäre hatte. Und falls das zutraf, wollte sie es definitiv nicht hören. Sie war an der Trennung fast zerbrochen und legte keinen Wert darauf, dass er ihr nun den endgültigen Tiefschlag versetzte.

„Dazu habe ich jetzt keine Zeit“, erwiderte sie nervös und steckte sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Ganz abgesehen davon, wüsste ich nicht, worüber wir überhaupt reden sollten. Deine Arbeit ist dir wichtiger als alles andere, und du hast die Konsequenzen daraus gezogen. Nachdem du mir unsere Ehe vor die Füße geworfen hast, habe ich die Scherben aufgesammelt und einen neuen Anfang gemacht, während du dich wieder ganz deiner einzig wahren Liebe widmen konntest. Wozu also noch in der Vergangenheit herumstochern?“

Mit unbewegter Miene erwiderte Rodrigo ihren Blick, nur ein kleiner Muskel zuckte an seiner Wange. „Mir ist klar, dass du mich für einen gefühllosen Mistkerl halten musst, aber …“

„Ich stelle nur die Tatsachen fest“, unterbrach sie ihn schroff. „Unsere Ehe war ein Fehler, und daran war ich ebenso beteiligt wie du.“ Jennys Atem ging so flach, dass es vor ihren Augen flimmerte. „Ich hätte mich nie darauf einlassen dürfen, dich nach nur drei Monaten Bekanntschaft zu heiraten. Hätte ich in meiner Verliebtheit nicht jeden Blick für die Realität verloren, wäre mir rechtzeitig klar geworden, dass die Arbeit immer die Nummer eins in deinem Leben sein wird.“

Eine Weile betrachtete Rodrigo stumm seine ineinander verschränkten Hände. Dann hob er den Kopf und sah Jenny forschend in die Augen. „Warum hast du nie den Scheck eingelöst, den ich dir damals geschickt habe?“

„Weil ich dein verdammtes Geld nicht haben wollte!“, warf sie ihm zornig an den Kopf. Ihr Herz schlug so heftig, dass es ihr fast aus der Brust sprang. „Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebte, und nicht, um ein lukratives Geschäft zu tätigen.“

„Du hast jedes Recht der Welt auf das Geld“, stellte Rodrigo ruhig fest. „Ich habe dich enttäuscht, indem ich ein Versprechen abgab, das ich nicht halten konnte. Es war nur fair, dich dafür zu entschädigen.“

„Ich wollte aber keine Entschädigung! Ich wollte mir ein neues Leben aufbauen und dich so schnell wie möglich vergessen.“

„Und, ist es dir gelungen?“

Die Frage hing wie ein Damoklesschwert in der Luft. Rodrigo anzulügen, wäre Jenny unwürdig erschienen, aber sie wollte sich auch nicht vor ihm demütigen, indem sie ihm die Wahrheit sagte. „Lass einfach alles stehen, wenn du fertig bist“, sagte sie daher nur. „Ich muss jetzt den Müll wegbringen und nachsehen, ob im Haus alles in Ordnung ist, bevor ich ins Bett gehe.“

„Gewissenhaft wie immer“, bemerkte Rodrigo lächelnd. „Wie ich sehe, hat Lily eine gute Freundin in dir.“

„Sie ist mir auch immer eine gute Freundin gewesen, besonders während der letzten zwei Jahre.“

„Sie muss mich für das, was ich dir angetan habe, verabscheuen.“

Jenny presste kurz die Lippen zusammen. „Wenn es so ist, weiß ich nichts davon, da wir so gut wie nie von dir sprechen.“

„Verstehe“, murmelte er. „Wann kommt sie eigentlich zurück?“

„In zwei Wochen.“

„Und was ist mit deinem Einrichtungsstudio? Wolltest du es nach deiner Rückkehr nach London nicht wieder eröffnen?“

„Das habe ich auch, aber in den letzten Monaten war das Geschäft ziemlich flau. Deswegen konnte ich auch herkommen und für Lily einspringen.“

„Und wie läuft es mit Tim? Bezahlst du immer noch allein die Hypothek für das Haus, das ihr von euren Eltern geerbt habt? Ich erinnere mich, dass er ein ausgeprägtes Talent dafür hatte, jeder geregelten Arbeit aus dem Weg zu gehen.“

Bei der Erwähnung ihres Bruders krampfte sich Jennys Magen zusammen. Rodrigo konnte ja nicht wissen, was zwischen ihr und Tim vorgefallen war und wie katastrophal ihre Beziehung geendet hatte.

„Tim lebt nicht mehr in England“, informierte sie ihn spröde. „Er hat eine Frau kennengelernt und ist mit ihr nach Schottland gezogen, nachdem ich ihm seinen Anteil an dem Haus ausgezahlt habe.“

„Dann wohnst du jetzt allein dort?“

Unter seinem scharfem Blick stieg Jenny heiße Röte in die Wangen. Ohne zu antworten, wandte sie sich hastig ab und hob den Müllbeutel aus dem Plastikcontainer unter der Spüle. Auf dem Weg zur Tür betete sie im Stillen, dass Rodrigo es gut sein lassen und sie mit weiteren bedrängenden Fragen verschonen möge.

„Jenny?“

Er war plötzlich so dicht hinter ihr, dass sie seine Körperwärme spüren konnte. Einen Augenblick lang stand sie wie erstarrt da, während ihr Puls sich alarmierend beschleunigte. „Ja?“, brachte sie mühsam hervor, bevor sie sich widerstrebend zu ihm umdrehte.

„Lass mich das für dich machen“, schlug er vor. „Da draußen herrscht Weltuntergangsstimmung, und ich möchte nicht, dass du vom Sturm weggeweht wirst.“

Wie zur Bestätigung seiner Worte brachte in diesem Moment ein heftiger, lang anhaltender Donner das Haus zum Erzittern. Wieder begannen alle Lichter im Haus zu flackern, als könnte es jeden Augenblick in Dunkelheit versinken. Den Müllbeutel fest umklammert, schüttelte Jenny störrisch den Kopf. „Ich habe keine Angst vor Gewitter. Außerdem sind es nur ein paar Schritte.“

Bevor er widersprechen konnte, öffnete Jenny die Tür zum Wirtschaftsraum und dann eine weitere, die direkt zu dem gepflasterten Gartenweg führte, an dessen Ende ein robustes Eisentor das Grundstück von der Straße trennte. Von Letzterer war allerdings trotz der eingeschalteten Außenbeleuchtung nichts zu sehen. Alles, was Jenny durch die graue Wand aus Nebel und Regen erkennen konnte, war ein entwurzelter Baum, der quer über dem Weg lag.

Heftige Windböen wirbelten Laub und Zweige durch die Luft und zerrten an Lilys geliebtem Gewächshaus, das bereits gefährlich schwankte. Der Regen peitschte wütend gegen die dünnen Glasscheiben, und es schien Jenny nur noch eine Frage der Zeit, bis das ganze Gebilde zusammenbrechen und Lilys hingebungsvoll aufgezogene Tomatenpflanzen unter sich begraben würde.

Der Gedanke, dass allein sie für diesen Verlust verantwortlich wäre, brachte Jenny umgehend in Aktion. Entschlossen kämpfte sie sich zum Geräteschuppen am anderen Ende des Gartens vor, wo sie zu ihrer Erleichterung eine zusammengerollte Abdeckplane entdeckte, die ihr ausreichend robust erschien. Nachdem sie nach einigem Herumkramen einen Satz angerosteter Metallheringe zum Befestigen gefunden hatte, trat sie – ihre Schätze fest gegen die Brust gepresst – den Weg zurück zum Gewächshaus an.

Dort angekommen, machte sie sich mit grimmiger Entschlossenheit daran, die Plane zu entrollen, doch schon bald wurde ihr klar, dass sie einen aussichtslosen Kampf kämpfte. Kaum hatte sie es geschafft, ein Stück davon auszubreiten, riss der Wind es ihr wieder aus den eisigen Händen. Dennoch weigerte Jenny sich, aufzugeben. Verbissen versuchte sie es immer wieder aufs Neue, während ihr unaufhörlich der Regen in die Augen lief, sodass sie kaum sehen konnte, was sie tat.

„Was, zur Hölle, treibst du da?“

Sie hob den Kopf und erblickte Rodrigo, der atemlos und triefend vor Nässe vor ihr stand und sie anstarrte, als hätte sie den Verstand verloren.

„Das Gewächshaus …“, schrie Jenny gegen das Heulen des Windes an. „Ich muss es abdecken, sonst wird der Sturm es zerstören.“

Ohne weitere Worte packte Rodrigo ein Ende der wild flatternden Plane und drückte es ihr in die Hand. „Geh ein paar Schritte zurück, dann ziehen wir sie zusammen auseinander“, wies er sie an. „Hast du etwas, um sie festzumachen?“

Jenny nickte und deutete auf die Heringe, die zu ihren Füßen lagen.

„Wir brauchen einen Hammer, um sie in den Boden zu schlagen.“

Verflixt! Wie hatte sie nur so dumm sein können, nicht daran zu denken?

„Im Geräteschuppen ist einer“, rief sie. „Ich hole ihn schnell.“

Doch ehe sie loslaufen konnte, hielt Rodrigo sie am Arm zurück. „Nein, das mache ich“, entschied er mit einer Miene, die keinen Widerspruch duldete. „Wo ist der Schuppen?“

„Dahinten, am anderen Ende des Gartens.“

Sein Blick folgte ihrem ausgestreckten Arm. „Okay, ich sehe ihn. Bis gleich, und Jenny …“ In seinen dunklen Augen blitzte es kurz auf. „Pass auf, dass du inzwischen nicht weggeweht wirst. Ich erwarte morgen ein Frühstück mit allem Drum und Dran, und dafür brauche ich dich noch.“

Überraschend schnell kehrte er mit einem großen Holzhammer zurück, und von da an ging es zügig voran. Mit beruhigender Sicherheit rief Rodrigo Jenny seine Anweisungen zu, und mit vereinten Kräften gelang es ihnen schließlich, die Plane über das gläserne Dach zu ziehen. Als Rodrigo den letzten Hering durch die Öse schob und mit mehreren kräftigen Hammerschlägen in den Boden trieb, betrachtete Jenny, die inzwischen vor Kälte fast erstarrt war, dankbar Lilys sicher eingehülltes Gewächshaus. Mochte das unerwartete Auftauchen ihres Exmannes auch kaum verheilte Wunden in ihr aufgerissen haben – letztendlich war es ein Segen, dass es ihn ausgerechnet heute hierher verschlagen hatte. Ohne seine Hilfe hätte sie diesen Kraftakt niemals bewältigt, so viel war sicher.

Wieder glücklich im Haus angelangt, musterte Jenny ihn unauffällig von der Seite. Glitzernde Regentropfen perlten von seinem schwarzen, windzerzausten Haar, und die nasse Kleidung klebte ihm so eng am Körper, dass die kräftigen Muskeln darunter überdeutlich zu erkennen waren. Rasch wandte Jenny sich von dem verwirrenden Anblick ab und warf stattdessen einen Blick in den ovalen Spiegel neben der Garderobe. Eine Entscheidung, die sie auf der Stelle bereute …

Es war so ungerecht!

Während Rodrigo aussah wie ein Actionheld, der glorreich von einer lebensgefährlichen Mission zurückgekehrt war, erinnerte sie eher an eine räudige Katze, die mehrere Tage in der Kanalisation verbracht hatte.

Um sich von dieser niederschmetternden Erkenntnis abzulenken, versprach Jenny ihm für den nächsten Morgen das beste Frühstück seines Lebens. „Das ist das Mindeste, was ich dir für deinen todesmutigen Einsatz schulde“, fügte sie mit einem vorsichtigem Lächeln hinzu. „Für Lily ist dieses Gewächshaus wie …“

Weiter kam sie nicht, da sich in diesem Moment Rodrigos sinnlicher Mund sanft auf ihren legte. In Jennys Kopf herrschte völlige Leere – allerdings war sie noch in der Lage, den erotischen Effekt seines warmen Atems in Verbindung mit der Berührung seiner kalten Lippen wahrzunehmen.

Das Ganze dauerte nur etwa zwei Sekunden, aber es genügte, um jede Faser ihres Körpers vor Sehnsucht vibrieren zu lassen.

Er sollte es noch einmal tun!

Nur länger, intensiver …

Der Gedanke an einen richtigen Kuss von ihrem einstigen Ehemann machte Jenny ganz schwindlig vor Verlangen. Hastig trat sie einen Schritt zurück und wäre dabei um ein Haar über den antiken Axminster-Läufer gestolpert, den sie bei einer Kunstauktion zu einem Spottpreis ersteigert und Lily zur Einweihung geschenkt hatte.

„Wofür war das?“, fragte sie atemlos.

Ihre Frage schien Rodrigo zu amüsieren. „Betrachte es als Dankeschön deiner abwesenden Freundin“, schlug er vor. „Aber jetzt sollten wir schleunigst aus diesem nassen Zeug herauskommen, bevor wir uns noch eine Lungenentzündung holen.“

Es war ein durch und durch vernünftiger Vorschlag, der in keiner Weise die lebhaften Bilder rechtfertigte, die plötzlich vor Jennys innerem Auge auftauchten … schockierend lüsterne Bilder von ihr und Rodrigo, wie sie mitten in der Eingangshalle die Hüllen fallen ließen und …

„Na, dann nichts wie hoch auf unsere Zimmer“, drängte er, als sie sich nicht von der Stelle rührte. „Und wenn wir geduscht und uns etwas Trockenes angezogen haben, treffen wir uns in der Küche und nehmen einen heißen Schlummertrunk, vale?“

Der milde Spott in Rodrigos Stimme brachte Jenny im Nu wieder auf den harten Boden der Realität zurück. „Gute Idee“, murmelte sie und stürzte auf die Treppe zu, als wäre ihr der Teufel persönlich auf den Fersen.

Aber sie wusste nur zu gut, dass es ihre eigenen, unkontrollierbaren Gefühle waren, vor denen sie die Flucht ergriff.

Mit geschlossenen Augen ließ Rodrigo den heißen Wasserstrahl auf sich niederprasseln und fragte sich, was ihn nur geritten hatte, Jenny zu küssen. Noch bis vor wenigen Minuten hatte er alles im Griff gehabt, und nun kam er sich vor wie ein Junkie, der sich nach zwei Jahren Entzug einen winzigen Rückfall gestattet hatte und prompt wieder der Droge verfallen war.

Dabei war es im Grunde genommen nicht einmal ein richtiger Kuss gewesen, sondern eher eine freundschaftliche Geste. Ein plötzlicher Impuls, dem er ohne zu überlegen nachgegeben hatte, als er Jenny mit diesem verlorenen Blick in der Diele stehen sah.

Dummerweise hatte Rodrigo nicht damit gerechnet, dass seine freundschaftliche Geste ein wahres Erdbeben in ihm auslösen würde. Als er den Moment erneut durchlebte, durchrieselte ihn ein angenehmer Schauer. Wie hatte er nur vergessen können, wie mühelos seine Exfrau diese verheerenden Gefühle in ihm auslösen konnte?

Noch beängstigender war jedoch die Vorstellung, dass jetzt ein anderer Mann in den Genuss ihres hinreißenden Körpers kam. Wie viele Liebhaber mochte sie seit ihrer Trennung gehabt haben? Dass es keinen gegeben hatte, hielt Rodrigo für ausgeschlossen. Jenny war zu jung und viel zu schön, um lange allein zu bleiben.

Plötzlich spürte er einen heißen Stich der Eifersucht in seiner Brust. Völlig unangemessen, wie ihm sehr wohl bewusst war, denn Jenny war frei und konnte tun und lassen, was sie wollte.

Sie waren seit zwei Jahren geschieden.

Aber was, wenn sie doch keinen Liebhaber hatte? Würde das bedeuten, dass sie immer noch etwas für ihn empfand? Kaum war dieser Gedanke gesponnen, ließ er Rodrigo nicht mehr los und breitete sich wie ein schleichendes Gift in ihm aus.

Maldita sea!

Wie lange war es her, dass er zuletzt die Freuden der körperlichen Liebe genossen hatte? Es kam ihm vor, als wäre es in einem anderen Jahrhundert gewesen.

Nicht, dass er keine Möglichkeit gehabt hätte, seine sexuellen Bedürfnisse auszuleben. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr umschwärmten ihn Frauen jeden Alters wie die Bienen den Honigtopf. Aber in letzter Zeit hatte er keine der ihm so bereitwillig gebotenen Gelegenheiten wahrgenommen. Seine Arbeit verschlang wie ein Fass ohne Boden nahezu jeden Augenblick seiner Lebenszeit, und plötzlich war ein ganzes Jahr vergangen, in dem er praktisch wie ein Mönch gelebt hatte.

Kein Sex, keine sozialen Kontakte, keine Ferien.

Er fing schon an, sich wie eine Maschine zu fühlen. Wie ein Roboter bewegte er sich von A nach B, ohne dabei seine Umgebung wahrzunehmen, mochte sie auch noch so paradiesisch schön sein. Aber das war nun mal der Preis, den man zahlen musste, wenn man Erfolg haben wollte. Und die Belohnung war schließlich nicht zu verachten. Vom andalusischen Bauernsohn zum Besitzer eines weltweit florierenden Hotelimperiums! Das war eine Leistung, auf die Rodrigo zu Recht stolz sein konnte, und sie bestätigte ihm täglich seinen Wert.

Dennoch sollte er sich demnächst eine kurze Auszeit nehmen. In den vergangenen Monaten litt er beunruhigend oft an Schwindelgefühlen, Herzrasen und Appetitlosigkeit. Hinzu kam, dass es immer weniger in seinem Leben gab, das ihm noch Freude machte, seien es berufliche Erfolgserlebnisse oder materielle Dinge. Es kam ihm vor, als würden seine Empfindungen immer mehr abstumpfen. Selbst sein neuestes Projekt – eine exklusive Wellnessanlage an der wilden, malerischen Südwestküste Englands – begann schon, seinen ursprünglichen Reiz zu verlieren.

Die typischen Symptome der Managerkrankheit, dachte Rodrigo voller Selbstironie, aber es wäre das Letzte, was seine Aktionäre hören wollten. Sie zählten auf seinen unfehlbaren Instinkt für lukrative Investitionen, der bisher mit wunderbarer Zuverlässigkeit nicht nur seine, sondern auch ihre Taschen gefüllt hatte.

Seufzend drehte er das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Nachdem er sich eine frische Jeans und ein schwarzes Sweatshirt übergezogen hatte, warf er einen Blick in den noch beschlagenen Spiegel.

Was Rodrigo sah, gefiel ihm ganz und gar nicht.

Seine Züge wirkten hart und angespannt, in seinen Augen lag ein dumpfer Ausdruck, und die neuen Linien, die er um seinen Mund und an der Stirn entdeckte, zeugten von seinem chronischen Mangel an Schlaf und Entspannung.

Unversehens sah er Jennys süßes, engelhaftes Gesicht vor sich. Würde eine Nacht hemmungslos ausgelebter Lust in ihrem Bett seinen Augen wieder Glanz verleihen? Würden ihre sanften Seufzer, ihre Lustschreie und Liebkosungen ihm helfen, einen Teil der Kraft und Vitalität zurückzugewinnen, die ihn in letzter Zeit zunehmend zu verlassen schienen?

Er unterdrückte ein Stöhnen, als eine neue Welle heißen Verlangens durch seinen Körper raste. Rodrigo zweifelte nicht daran, dass eine Liebesnacht mit Jenny den gewünschten Effekt haben würde. Aber nach allem, was er ihr angetan hatte, durfte er es nicht einmal in Erwägung ziehen.

Dennoch. Als er sein Zimmer verließ, um nach unten zu gehen, musste er sich eingestehen, dass er nicht nur auf einen warmen Schlummertrunk hoffte …

Sie stand mit dem Rücken zu ihm am Herd und machte in einem Topf Milch heiß. Als hätte sie intuitiv seine Nähe gespürt, blickte sie über die Schulter und lächelte ihm kurz zu.

Der Blick ihrer großen kornblumenblauen Augen bohrte sich wie ein Pfeil in Rodrigos Herz. Ihr ungeschminktes Gesicht wirkte so unschuldig und rein wie das eines frisch gebadeten Kindes und löste eine seltsame Mischung aus Unsicherheit und brennender Begierde in ihm aus.

Was er in diesem Moment empfand, war nicht einfach das übliche sexuelle Verlangen eines Mannes, der eine attraktive Frau sieht. Es war ebenso auch die irrationale Sehnsucht nach einem unmöglichen Traum.

Normalerweise verjagte Rodrigo diese Sehnsucht wie eine lästige Fliege. Aber manchmal – so wie jetzt – wurde sie so stark, dass sie ihm fast die Luft abschnürte und sein unersättliches Bedürfnis nach Erfolg und Anerkennung vorübergehend verdrängte.

Liebe. Geborgenheit. Zu Hause sein …

Es war ein wirklich verführerischer Traum und Jenny seine perfekte Verkörperung. Nur würde dieser Traum für Rodrigo Martinez nie Wirklichkeit werden. Er war Pragmatiker, Realist. Ein Mann, der Lichtjahre davon entfernt war, auf die Erfüllung irgendwelcher naiver Wunschvorstellungen zu hoffen – was seine schöne Exfrau zweifellos bestätigen würde.

In dem weißen Morgenmantel, der an Kragen und Ärmelaufschlägen mit pinkfarbenen Rosenknospen bestickt war, strahlte sie eine Unschuld und Reinheit aus, die Rodrigo plötzlich um den Optimismus und die Fröhlichkeit seiner Jugend trauern ließ. Um eine Zeit, in der seine leidenschaftliche Jagd nach Erfolg noch nicht jedes Quäntchen unbeschwerter Lebensfreude aus ihm herausgesaugt hatte und das vage Gefühl, das etwas nicht stimmte, noch nicht sein ständiger Begleiter gewesen war.

Um sich von dem plötzlichen Druck in der Herzgegend zu befreien, rieb Rodrigo sich mit kreisenden Bewegungen die Brust. Dabei ruhte sein Blick bewundernd auf Jennys goldblonden Locken. Sie waren noch etwas feucht und ringelten sich so verführerisch um ihre Schultern, als wollten sie ihn dazu einladen, mit ihnen zu spielen, wie er es früher so gern getan hatte.

„Ich mache uns eine heiße Schokolade“, verkündete sie, während sie mit einem Schneebesen Kakaopulver in die Milch einrührte. „Es ist dir doch recht, oder?“

„Mehr als das.“ Rodrigo räusperte sich, um seine Stimme wieder klar zu bekommen. „Für einen Abend wie diesen könnte ich mir keinen perfekteren Abschluss vorstellen.“

Du Lügner, spottete eine Stimme in seinem Kopf. Und wie zur Bekräftigung donnerte es draußen, als wäre das Ende der Welt gekommen. Er konnte sich leicht eine weit aufregendere Alternative vorstellen, aber das kam, wie Rodrigo sich erneut ermahnte, nicht infrage.

„Ich habe das Gefühl, das außer uns niemand im Haus ist.“ Er löste sich vom Türrahmen und ging zum Tisch. Ohne den Blick von ihrem schmalen Rücken zu lösen, zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Kann es sein, dass ich der einzige Gast bin?“

Für einen Moment hielt sie in der Bewegung inne. „Augenblicklich ja“, bestätigte sie. „Wie gesagt, um diese Zeit ist hier nicht viel los, was vermutlich bis Weihnachten so bleiben wird.“

„Wirst du dann immer noch hier sein und Lily zur Hand gehen?“

„Nein. Sobald sie wieder zurück ist, fahre ich wieder nach London zurück.“

„In das Haus, in dem du aufgewachsen bist.“

Jennys Schultern verspannten sich sichtlich. „Ja“, murmelte sie kaum hörbar.

„Irgendwie schade“, bemerkte Rodrigo nach kurzem Schweigen. „Du scheinst hier mehr zu Hause zu sein, als an jedem anderen Ort, an dem ich dich gesehen habe.“

„Tatsächlich?“ Sie wandte sich vom Herd ab und nahm zwei Steingutbecher aus einem der offenen Regale, wobei sie sorgfältig darauf achtete, nicht in seine Richtung zu schauen. „Und was vermittelt dir diesen Eindruck?“

„Die ländliche Umgebung steht dir. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie du abends vor deinem rosenumrankten Cottage den Sonnenuntergang genießt und der verführerische Duft von frisch gebackenem Kuchen durchs Haus zieht.“

„Und in diesem idyllischen kleinen Szenario bin ich ganz allein?“ Weiterhin darauf bedacht, jeden Blickkontakt mit ihm zu vermeiden, ging Jenny zum Herd zurück und goss die fertige Schokolade in die Becher.

„Keine Ahnung. Sag du es mir.“

„Du weißt, dass ich immer eine Familie wollte.“

„Ja.“ Er bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl. „Das weiß ich sehr gut.“

„Wohingegen du nie Kinder wolltest.“

„Richtig.“

„Dann war es nur gut für dich, dass unsere Ehe nicht funktioniert hat, oder?“ Endlich drehte sie sich zu ihm um und brachte die beiden Becher an den Tisch. Ein köstliches Aroma stieg von ihnen auf, doch es war der zarte Duft von Jennys Seife, den Rodrigo wahrnahm, als sie sich ihm gegenübersetzte. Er erinnerte ihn an unbeschwerte Sommertage und frisch gewaschenes Leinen, und wieder glomm dieses Feuer in ihm auf, das ihn lebendiger und intensiver empfinden ließ als seit Ewigkeiten.

Sie seufzte leise und sah ihn mit ihren klaren blauen Augen ruhig an. „Eines Tages wirst du einer Frau begegnen, die dir wirklich etwas bedeutet, Rodrigo, und dann wirst du deine Meinung über Kinder ändern.“

Er gab einen undefinierbaren Laut von sich. „Wohl kaum.“

„Wie kannst du dir so sicher sein?“

Ein unnachgiebiger Zug erschien um seine Lippen. „Weil ich genau weiß, was ich will und was nicht. Da gibt es weder Unklarheiten noch Überraschungen.“

Jenny umschloss ihren Becher mit beiden Händen, als wollte sie sich daran wärmen. „Es muss ein gutes Gefühl sein, immer genau zu wissen, dass man das Richtige tut.“

Interessiert beobachtete sie, wie die winzigen Milchschaumbläschen auf ihrem Kakao nach und nach zerplatzten. Als sie wieder zu Rodrigo aufblickte, krampfte sich sein Magen vor Schuldgefühlen zusammen. Er wusste, dass er der Grund für den Schmerz in diesen herrlichen Augen war, aber wäre er heute in derselben Situation wie damals, würde er wieder genauso entscheiden.

Oder vielleicht doch nicht?

„Lass uns jetzt aufhören, über Dinge zu reden, die längst nicht mehr aktuell sind“, bat Jenny ihn, bevor er dieser Frage weiter nachgehen konnte. „Sag mir lieber, ob das Wasser heiß genug war, als du geduscht hast.“

Rodrigo zuckte gleichgültig die breiten Schultern. „Es war okay.“

Sie seufzte erleichtert. „Da bin ich aber froh. Der Durchlauferhitzer hat nämlich manchmal seine Mucken, und ich hatte schon befürchtet …“

„Du machst dir zu viele Sorgen um andere, Jenny, weißt du das?“

Unter seinem unverwandten Blick, dem nichts zu entgehen schien, stieg Jenny das Blut in die Wangen. „Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Lilys Gäste alles haben, was sie brauchen, und dass sie sich hier wohlfühlen“, verteidigte sie sich. „Es war ein großer Vertrauensbeweis von Lily, mir ihr Haus und damit auch ihre Einkommensquelle anzuvertrauen. Da ist es doch nur normal, dass ich meinen Job gut machen will, oder?“

„Glaub mir“, versicherte Rodrigo ihr. „Du machst einen so guten Job, dass du jedes Tophotel beschämen würdest.“

Zögernd erwiderte sie sein Lächeln. „Und du musst es schließlich wissen.“

„Allerdings“, bestätigte er ohne falsche Bescheidenheit. „Außerdem halte ich es für wichtig, Engagement und gute Arbeit zu würdigen, wann immer ich sie sehe.“

„Deine Angestellten müssen dich dafür lieben. Neben einer guten Bezahlung möchte schließlich jeder für seine Leistungen geschätzt werden.“

Er zog träge eine Braue hoch, was ihn ungemein sexy aussehen ließ. „Da stimme ich dir voll und ganz zu, aber die meisten Arbeitgeber vergessen das nur allzu oft.“

Im Stillen machte Rodrigo eine rasche Bestandsaufnahme seiner engsten Mitarbeiter. Waren sie zufrieden mit ihrem Job? Betrachteten sie ihn als guten Arbeitgeber? So direkt hatte es ihm zwar noch niemand gesagt, aber da es in den letzten fünfzehn Jahren so gut wie keine Beschwerden gegeben hatte, konnte er wohl davon ausgehen. Für ihre Loyalität und harte Arbeit belohnte er seine Teammitglieder mit regelmäßigen Bonuszahlungen und Luxusurlauben in einem seiner Feriendomizile, wobei sie freie Wahl hatten, in welchem. Ebenso achtete er darauf, dass sie alle gute Altersversorgungen und private Krankenversicherungen hatten. Er wusste auch, dass er trotz seiner strikten Forderung nach höchster Qualität sehr beliebt war.

„Du genießt also immer noch deine Arbeit?“, erkundigte sich Jenny und hob nun ihrerseits die fein gezeichneten Brauen.

„Ja“, antwortete er knapp, wobei seine Züge sich unmerklich verschlossen.

Die stürmische Nacht, die Wärme des gemütlichen Hauses und seine schöne, ihm nur allzu vertraute Gastgeberin hätten ihn leicht verführen können, sich weiter zu öffnen, als er es seit Jahren getan hatte. Doch eine innere Stimme warnte ihn davor, Jenny zu gestehen, dass die heiße Liebe zu seinem Unternehmen in letzter Zeit ein wenig nachgelassen hatte.

„Natürlich“, stellte sie sachlich fest. „Das war wohl eine ziemlich dumme Frage.“

„Nein, war es nicht.“

„Schon gut, du brauchst nicht höflich zu sein.“ Sie trank einen Schluck von ihrer Schokolade und leckte sich anschließend mit der Zungenspitze den braunen Schaum von der Oberlippe. Rodrigo stöhnte innerlich auf. Bisher hatte er heldenhaft ihrer sinnlichen Ausstrahlung widerstanden, aber nun wurde es langsam eng für ihn.

„Mein Vater war nur ein einfacher Klempner, aber er hat seine Arbeit ebenfalls sehr geliebt.“ Nachdenklich wanderte Jennys Blick von Rodrigos Gesicht zu seinem Ralph Lauren-Sweatshirt. „Natürlich hat er sich nicht annähernd so elegant und teuer gekleidet wie du. Offen gesagt, hat er trotz seiner harten Arbeit erschreckend wenig verdient. Wenn er mitbekam, dass ein Kunde finanzielle Probleme hatte, hat er oft nur den halben Preis berechnet, sodass er finanziell nie auf einen grünen Zweig kam.“ Ein zärtliches Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie sein gutmütiges Gesicht mit den stahlblauen Augen vor sich sah, in denen immer ein verschmitztes Zwinkern zu liegen schien. „Wie du siehst, war er als Geschäftsmann nicht gerade eine Kanone, aber er war der beste Vater, den man sich nur wünschen konnte.“

„Das ist offensichtlich“, stellte Rodrigo leise fest. „So, wie du über ihn sprichst, musst du ihn sehr geliebt und bewundert haben.“

„Oh ja, das habe ich. Es gab keinen Tag in meinem Leben, an dem ich mich nicht von ihm unterstützt und bedingungslos geliebt fühlte. Ich musste nie daran zweifeln, dass ich ihm alles bedeute, und das ist in meinen Augen das kostbarste Geschenk, das ein Mensch einem anderen machen kann. Im Vergleich dazu ist geschäftlicher Erfolg völlig unbedeutend.“

3. KAPITEL

Betroffen sah Jenny, wie Rodrigos Züge zu einer ausdruckslosen Maske versteinerten, als wollte er sich vor weiteren Anschuldigungen schützen, die sie möglicherweise noch auf Lager hatte.

Dabei war es gar nicht ihre Absicht gewesen, ihm seine Arbeitssucht vorzuwerfen oder seine Abneigung, eigene Kinder in die Welt zu setzen. Jedenfalls nicht bewusst. Aber es war wohl unvermeidlich gewesen, dass die Bitterkeit die sie noch immer darüber empfand, irgendwann aus ihr herausbrechen würde.

Sie hatte es wundervoll gefunden, mit Rodrigo verheiratet zu sein. Gegen jede Vernunft hatte sie inbrünstig darauf gehofft, dass er seinen Entschluss, keine Familie zu gründen, eines Tages ändern würde. Und wenn er erst die Freuden der Vaterschaft kennenlernte, so hatte sie sich immer wieder gesagt, würde ihn das bestimmt auch von seiner Arbeitssucht heilen.

Aber all ihre Träume und Hoffnungen wurden grausam zerschlagen, als er eines Tages nach Hause kam und ihr mit diesem unnachgiebigen Gesichtsausdruck, den sie nie vergessen würde, das Ende ihrer Ehe verkündete.

Es war gewesen, als würde sie einem völlig Unbekannten zuhören. Einem eiskalten, distanzierten Fremden, der keine Ähnlichkeit mehr mit dem leidenschaftlichen, zärtlichen Mann besaß, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Noch immer erschauerte Jenny, wenn sie an jenen schrecklichen Abend dachte, an dem ihre ganze Welt zu einem einzigen Scherbenhaufen zerfiel.

Und nun saß sie mit Rodrigo in dieser gemütlichen Küche, während draußen der Sturm mit unverminderter Kraft wütete, und wünschte sich, dass die Wärme und Geborgenheit dieses Raums nicht vom Herdfeuer ausgehen würde, sondern von ihrer gegenseitigen Liebe.

Die Intensität ihrer Sehnsucht trieb Jenny die Tränen in die Augen, obwohl sie wusste, dass es Zeitverschwendung war, solch Traumvorstellungen nachzuhängen. Es wäre bei Weitem klüger, sich daran zu erinnern, dass ihr attraktiver Exmann nur für eine Nacht Gast in diesem Haus war. Und das auch nur deswegen, weil die Umstände es erzwungen hatten.

Als Lily sie gebeten hatte, diese drei Monate für sie einzuspringen, hatte Jenny sich fest vorgenommen, ihre Aufgabe professionell und besonnen zu erfüllen, und das würde sie auch während der kurzen Zeit tun, die Rodrigo sich hier aufhielt.

„Ich mache jetzt meinen Rundgang durchs Haus, und dann gehe ich zu Bett“, verkündete sie und stand entschlossen auf. Für einen Moment drehte sich alles in ihrem Kopf, aber das war nach den Ereignissen dieses Tages wohl kaum verwunderlich.

Rodrigo blickte zu ihr auf. „Wieso habe ich bloß das Gefühl, dass du vor mir davonläufst?“

„Ich laufe nicht davon!“, widersprach sie ihm scharf. „Wenn hier jemand Experte darin ist, dann du und nicht ich.“

„Das klingt ja fast, als hättest du mich vermisst, querida. Könnte das der Grund sein, warum du plötzlich so gereizt bist?“

„Ich bin weder gereizt, noch habe ich dich vermisst“, stellte sie klar. „Ich mache einfach mit meinem Leben weiter, und ich bin froh, dass du keine Rolle mehr darin spielst. Denn ehrlich gesagt war es nicht gerade ein Vergnügen, Abend für Abend allein in unserer Wohnung zu sitzen und darauf zu warten, dass du anrufst, nur um mir mitzuteilen, dass du im Büro schläfst oder für zwei Wochen irgendwohin fliegen musst. Selbstverständlich ohne mich“, fügte sie sarkastisch hinzu.

„Dann muss unsere Trennung ja eine Erlösung für dich gewesen sein.“ In Rodrigos Stimme schwang nun ebenfalls Ärger.

„Wenn dich diese Vorstellung darin bestärkt, das Richtige getan zu haben, dann sieh es von mir aus weiter so. Ich bin zu müde, um noch länger hier herumzustehen und mich mit dir zu streiten. Wann willst du morgen dein Frühstück haben?“

„Wie du weißt, hält es mich nie sehr lange in den Federn. Passt dir halb acht?“

„Kein Problem.“

„Dann wünsche ich dir eine gute Nacht, Jenny“, sagte Rodrigo förmlich. Sie hatte mehr als deutlich gemacht, dass der Abend beendet war und sie ganz sicher nicht in seinem Bett schlafen würde.

„Gute Nacht“, murmelte sie und wandte sich mit eisiger Miene zur Tür.

Es wäre lächerlich gewesen, das Gewitter für seine schlaflose Nacht verantwortlich zu machen. Tatsächlich war es die Kaltschnäuzigkeit, mit der er seine Ehe beendet hatte, die Rodrigo nicht zur Ruhe kommen ließ. Auch wenn er damals überzeugt gewesen war, triftige Gründe dafür zu haben. Zwei Jahre lang war es ihm gelungen, seine Schuldgefühle in Schach zu halten, doch nun drängten sie mit aller Macht an die Oberfläche.

Jennys Bemerkung über die vielen Abende, an denen sie auf seinen Anruf gewartet hatte, nur um zu erfahren, dass er wieder nicht nach Hause kommen würde, geisterte ihm unaufhörlich durch den Kopf und machte ihn fast verrückt. Mindestens zehn Mal stand er auf und tigerte ruhelos im Zimmer auf und ab, während er sich fragte, ob sie auch wach war und an die hässliche Szene dachte, mit der er ihrer Ehe den Todesstoß versetzt hatte.

Irgendwann im Morgengrauen ging Rodrigo endgültig ins Bett zurück. Der Sturm heulte noch immer mit unveränderter Stärke ums Haus. Hinzu waren rasende Kopfschmerzen gekommen. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich einzuschlafen, um sich nicht weiter mit Selbstvorwürfen zu quälen.

Als Rodrigo um zehn vor acht noch immer nicht aufgetaucht war, stellte Jenny die Platte mit Eiern und Schinken, die sie für ihn gemacht hatte, in den Ofen und brühte eine neue Kanne Kaffee auf. Ein heftiges Frösteln überlief sie, als sie einen Blick aus dem Fenster warf. Draußen herrschte immer noch Endzeitstimmung.

Wo bleibt er nur? fragte sie sich und zog ihre Strickjacke fester um sich. Rodrigo war ein notorischer Frühaufsteher, und der Begriff Verschlafen kam in seinem Wortschatz nicht vor.

Eine Weile betrachtete sie gedankenverloren den unaufhaltsam strömenden Regen. Ob er es wirklich riskieren sollte, bei diesem Wetter loszufahren? Im Geiste sah Jenny ihn schon die Kontrolle über seinen Wagen verlieren und hilflos gegen einen Baum rasen, und ehe es ihr bewusst wurde, war sie schon auf dem Weg nach oben.

Zögernd klopfte sie an seine Tür. „Bist du wach, Rodrigo?“, rief sie. „Es ist schon fast acht.“

Keine Antwort.

Sie klopfte erneut, während ihr das Herz heftig gegen die Rippen schlug. „Rodrigo, alles okay?“

Ein dumpfes Geräusch drang an ihr Ohr, als würde ein schweres Buch auf den Boden fallen. Es folgte ein unverständliches Gemurmel, dann schwang unvermittelt die Tür auf.

Ehe Jenny zurücktreten konnte, stand er mit wild zerzaustem Haar vor ihr und rieb sich schlaftrunken die Augen. Die Pyjamahose aus marineblauer Seide saß ihm provozierend tief auf den schmalen Hüften, ansonsten trug er nichts.

Beim Anblick seines nackten, muskulösen Oberkörpers wurde Jenny der Mund trocken. Eilig riss sie sich zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hast verschlafen“, teilte sie ihm mit. „Das ist bei dir wohl ein Jahrhundertereignis.“

„Wer, zum Teufel, könnte bei einem solchen Getöse auch schlafen?“, brummte er missmutig. „Das war kein Gewitter, sondern ein Bombenangriff.“

„Es ist immer noch nicht besser geworden“, unterrichtete Jenny ihn mit ernster Miene. „Ich denke, du solltest erst losfahren, wenn der Sturm etwas nachgelassen hat.“

Er lehnte sich lässig gegen den Türrahmen und grinste unverschämt. „Hast du Angst, ich könnte tot im Straßengraben enden, querida?“

Jenny presste die Lippen zusammen. „Damit macht man keine Scherze, Rodrigo. Vielleicht lässt dich dein Größenwahn glauben, dass du unverwundbar bist, aber es wäre Wahnsinn, sich bei diesem Sturm hinauszuwagen. Ich bin fast drei Monate hier, und selbst im Sommer kann das Wetter ziemlich tückisch werden.“

„Deine Fürsorge rührt mich, Jenny Wren, aber ich bin weder naiv noch verrückt. Ich habe selbst schon überlegt, mein Meeting auf morgen zu verlegen.“

Dass er diese Möglichkeit überhaupt in Betracht zog, machte Jenny für einen Moment sprachlos. „Na schön, wie auch immer …“ Sie wich einen Schritt zurück, um seiner beängstigenden Nähe zu entkommen. „Ich habe dein Frühstück im Ofen warm gestellt. Vielleicht schaffen eine Portion Eier mit Schinken und ein starker Kaffee es ja, dich wiederzubeleben.“

Rodrigo musterte sie von Kopf bis Fuß, wobei er sich viel Zeit nahm. „Möglicherweise ist dein Anblick noch wirkungsvoller …“, meinte er nachdenklich. „Aber Kaffee klingt gut. Gib mir ein paar Minuten, und ich bin unten.“

Rodrigo bestand darauf, sich an seinem sogenannten „freien Tag“ im Haus nützlich zu machen, und Jenny versuchte gar nicht erst, sein Hilfsangebot abzulehnen. Abgesehen davon, dass jeder Widerspruch ohnehin zwecklos gewesen wäre, lagen tatsächlich einige dringende Reparaturarbeiten an. Außerdem konnten sie sich nicht in die Haare geraten, solange er beschäftigt war.

Dass er sich jedoch als begnadeter Heimhandwerker entpuppen würde, war, milde ausgedrückt, eine Überraschung.

Er rollte das vom Regen ruinierte Linoleum im Wirtschaftsraum auf, reparierte die defekten Jalousien in einem der Gästezimmer und ölte die quietschende Tür der Speisekammer, als hätte er nie etwas anderes getan. Wer hätte vermutet, dass dieses verschwitzte Bild von einem Mann in verblichenen Jeans und schwarzem T-Shirt einer der vermögendsten Hoteliers der Welt war, der in Armani-Anzügen und imposanten Konferenzsälen zu Hause war?

Der Regen trommelte unvermindert aufs Dach, als Jenny ihn zum Mittagessen rief. Würde dieses Unwetter denn nie enden?

Rodrigo betrat genau in dem Moment die Küche, als Jenny ein heftiges Frösteln überlief.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“ Stirnrunzelnd musterte er ihr blasses Gesicht.

„Aber ja, es geht mir gut. Es ist nur gerade jemand über mein Grab gelaufen.“

Ein alarmierter Ausdruck trat in seine Augen. „Was meinst du damit?“, fragte er erschrocken.

Jenny schüttelte den Kopf und rang sich ein Lächeln ab. „Nichts, das ist bloß eine Redensart, nichts weiter. Setz dich, du musst ja vor Hunger fast umfallen. Es gibt nur Chili con carne und gebackene Kartoffeln, aber es ist heiß und nahrhaft.“

Der Duft, der vom Herd zu ihm herüberwehte, löste ein unüberhörbares Knurren in Rodrigos Magen aus. „Glaub mir, es ist mehr als willkommen“, versicherte er ihr.

„Ich wusste gar nicht, dass du handwerklich dermaßen begabt bist“, bemerkte Jenny, als er sich mit einem tiefen Seufzer auf einen Stuhl fallen ließ.

„Mein Onkel war Zimmermann, und ich bin als Teenager oft bei ihm gewesen“, klärte er sie auf. „Er hat mir vieles beigebracht. Unter anderem auch, dass es gut ist, wenn ein Mann seine Hände zu gebrauchen weiß.“

Jenny brachte die Kartoffeln und das Chili an den Tisch und füllte ihm eine reichliche Portion auf den Teller, bevor sie sich selbst bediente. „Aber dein Vater wollte, dass du Geschäftsmann wirst.“

„Ganz recht, das wollte er.“

Sie betrachtete ihn nachdenklich. „Wärst du stattdessen lieber Zimmermann geworden wie dein Onkel?“

Rodrigo, der sich gerade über sein Essen hermachen wollte, ließ die Gabel wieder sinken. „Vielleicht war das eine Zeit lang so“, räumte er ein, „aber dann wurde ich realistischer. Zumindest was das Geld verdienen betrifft.“

Jenny setzte sich ihm gegenüber. Eine Weile widmeten sie sich schweigend ihrer Mahlzeit, während ihr Blick immer wieder an Rodrigos muskulösen Oberarmen hängen blieb.

„Vermisst du eigentlich manchmal deinen Bruder?“, erkundigte er sich unvermittelt.

Sie presste kurz die weichen Lippen zusammen. „Nein“, gab sie unumwunden zu. „Du weißt ja selbst, was für ein chaotisches Leben er geführt hat, und als ich nach England zurückkam, war er an einem absoluten Tiefpunkt. Seine Schulden hatten ein unüberschaubares Ausmaß angenommen, und er war der Meinung, dass ich für deren Begleichung zuständig wäre.“

Überrascht zog Rodrigo die dunklen Brauen hoch. „Wieso denn das?“

Jenny seufzte. „Wahrscheinlich, weil ich mich nach dem Tod unserer Eltern um ihn gekümmert habe und er glaubte, dass das bis in alle Ewigkeit so bleiben würde. Außerdem fühlte er sich mir gegenüber benachteiligt, weil ich beruflich gut vorankam, während er aus jedem Job, den er anfing, nach kurzer Zeit wieder gefeuert wurde.“ Sie hielt inne und starrte für einen Moment blicklos vor sich hin. „Na ja, wie auch immer. Am Ende habe ich ihm seinen Anteil an unserem Elternhaus ausgezahlt, und er ist mit einem Mädchen, dass ihn für den tollsten Kerl aller Zeiten hielt, nach Schottland gezogen.“

„Du hast also nichts mehr von ihm gehört?“

„Nein“, erwiderte sie kurz angebunden.

Und sie wollte es auch nicht. Tim hatte ihr die Hölle auf Erden bereitet, und sie hatte nicht das geringste Bedürfnis, ihn jemals wiederzusehen.

Rodrigo legte sein Besteck beiseite und sah Jenny mit diesem beunruhigend intensiven Blick an, der ihr jedes Mal durch und durch ging. „Warum hast du dir von dem Geld, das du von mir bekommen hast, nicht etwas Eigenes gekauft? Dann hättest du ihm das Haus überlassen und ihn einfach vergessen können.“

Jeder Muskel in Jennys Körper versteifte sich, doch es gelang ihr, ruhig seinem Blick standzuhalten. „Du bist nicht der Einzige, der seinen Stolz hat, Rodrigo. Kannst du nicht verstehen, dass ich nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist, weder Geld noch sonst etwas von dir haben will? Du hast dich dafür entschieden, die Verbindung zwischen uns zu beenden. Das ist dein gutes Recht, aber dann solltest du es auch richtig tun. Ich gehe jetzt meinen eigenen Weg, so wie ich es getan habe, bevor wir uns kennenlernten.“

Jedes ihrer Worte wirkte wie eine kalte Dusche auf Rodrigo. Klarer hätte sie kaum zum Ausdruck bringen können, dass sie ihn aus ihrem Leben ausradiert hatte, als hätte es ihn nie gegeben.

Mit einem Zug trank er das Glas Wasser leer, das sie ihm hingestellt hatte. „Ich mache jetzt besser weiter.“ Er wischte sich mit der Serviette über die Lippen und stand auf. „Es gibt noch eine Menge zu tun. Danke für das Essen.“

Jenny wollte etwas sagen. Irgendetwas, nur damit er noch ein bisschen länger blieb. Aber sie brachte kein Wort heraus, und so konnte sie nur schweigend zusehen, wie er die Küche verließ.

Als sie sich sechs Stunden später wieder gegenübersaßen und ihr Abendessen beendeten, konnte Jenny sich nicht länger einreden, dass mit ihr alles in Ordnung war. Ihre Knochen schmerzten, ihr ganzer Körper schien zu glühen, und ihr Kopf fühlte sich bleischwer an. Trotzdem versuchte sie, sich Rodrigo gegenüber nichts anmerken zu lassen.

„Wenn es weiter so regnet, werden wir uns wohl eine Arche bauen müssen“, bemerkte sie gespielt munter und zog den Morgenmantel, den sie sich nach ihrem Bad übergezogen hatte, fest um sich. Ihre Stimme klang so rau, als würde sie seit Jahren Kette rauchen und jeden Abend eine halbe Flasche Whisky trinken.

Bitte lass es keine Grippe sein, betete sie im Stillen. Das wäre wirklich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Rodrigo musterte sie besorgt. „Was ist los mit dir, Jenny? Du siehst ziemlich fertig aus.“

„Ich …“, sie räusperte sich, um ihm zu sagen, dass es nur eine kleine Erkältung sei, als eine Welle von Müdigkeit sie überrollte. Schwerfällig wie eine alte Frau erhob sie sich von ihrem Stuhl. „Tut mir leid“, brachte sie krächzend hervor. „Ich fühle mich nicht ganz wohl und muss mich hinlegen. Iss in Ruhe auf, und mach dann auch Schluss. Du hast für einen Tag wahrhaft genug gearbeitet.“

Sie hielt inne und atmete mehrmals tief ein und aus, um gegen das plötzliche Schwindelgefühl anzukämpfen. „Es ist nur …“ Sie zögerte sichtlich. „Darf ich dich um einen Gefallen bitten, Rodrigo?“

Der besorgte Ausdruck in seinen Augen verstärkte sich. „Natürlich“, versprach er ihr und stand ebenfalls auf. „Sag mir einfach, was ich tun soll.“

„Könntest du das Licht ausmachen und nachsehen, ob mit Cozette alles in Ordnung ist, bevor du nach oben gehst? Wahrscheinlich versteckt sie sich irgendwo aus Angst vor dem Gewitter.“

„Sicher, aber jetzt sag mir endlich was mit dir ist.“ Mittlerweile hatte er richtig Angst um sie. „Soll ich nicht besser einen Arzt rufen? Du scheinst Fieber zu haben.“

Jenny schüttelte heftig den Kopf. „Nein, auf keinen Fall! Ich habe mich nur erkältet, weil ich so lange im Regen herumgelaufen bin, das ist alles. Ich bin sicher, dass ich morgen wieder auf dem Posten bin.“

Rodrigo legte ihr die Hand auf die Stirn und stellte bestürzt fest, dass sie förmlich glühte.

„Ich brauche nur richtig durchzuschlafen, dann ist morgen alles wieder bestens“, versicherte Jenny matt, als sie seinen erschrockenen Gesichtsausdruck sah. „Wann möchtest du dein Frühstück?“

„Vergiss das Frühstück. Ich bringe dich jetzt auf der Stelle nach oben, und dann rufe ich einen Arzt an. Hast du eine Telefonnummer?“

„Ich brauche keinen Arzt. Ich muss nur …“ Vor ihren Augen begann es zu flimmern. Eine Woge von Übelkeit erfasste sie, als die Beine unter ihr nachgaben und der geflieste Fußboden mit rasender Geschwindigkeit auf sie zukam.

Das Letzte, was Jenny wahrnahm, waren Rodrigos Arme, die sie sicher umfingen, dann wurde alles dunkel.

Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, bis er endlich ihr Schlafzimmer fand.

Als er durch einen Türspalt einen von ihren Pullovern über einem Stuhl hängen sah, stieß er die Tür mit dem Fuß auf und trug Jenny quer durch den Raum zu ihrem Bett. Vorsichtig beugte er sich nach vorn, um die Bettdecke aufzuschlagen, dann streckte er sie vorsichtig auf den frisch duftenden Laken aus. Sein Herz setzte einen Schlag lang aus, als er das rasselnde Geräusch hörte, das ihren flachen, unregelmäßigen Atem begleitete.

So behutsam wie möglich befreite Rodrigo sie von ihrem Morgenmantel und zog die Decke bis zu ihren Schultern hoch. Dann setzte er sich zu ihr auf die Bettkante, um erneut die Hand auf ihre Stirn zu legen. Verdammt, sie musste mindestens 39 Grad Fieber haben! Ein beklommenes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er musste dringend etwas unternehmen, um ihre Temperatur herunterzubringen, aber zuerst musste er einen Arzt benachrichtigen.

Er flüsterte Jenny einige beruhigende Worte ins Ohr, bevor er nach unten raste. Neben dem Telefon, das auf einer Kommode in der Halle stand, entdeckte er ein ledergebundenes Adressbuch. Hastig durchblätterte er es mit einer Hand, während er mit der anderen den Telefonhörer aufnahm. Endlich fand er die Nummer von Lilys Hausarzt.

Rodrigo unterdrückte einen Fluch, als die Stimme des Anrufbeantworters ihn an den ärztlichen Notdienst verwies. Er notierte sich die Nummer, und Sekunden später hatte er eine männliche Stimme in der Leitung, die ihm bestätigte, dass er mit dem diensthabenden Notarzt sprach.

Rodrigo erklärte ihm dem Grund seines Anrufs und verlor beinah die Fassung, als der Mann ihm mitteilte, dass es in einer „verfluchten Nacht wie dieser“ unmöglich sei, nach Raven Cottage herauszukommen. Er müsse, so meinte er, bereits einige Patienten in der lokalen Nachbarschaft besuchen, und sofern es sich nicht um einen Fall von Leben und Tod handle, würde Mr Martinez sich, so leid es ihm tue, selbst um Ms Renfrew kümmern müssen. Er gab Rodrigo einige Ratschläge, um das Fieber zu senken und bat ihn, unbedingt wieder anzurufen, falls die Temperatur innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht gesunken sein sollte.

Nachdem er jahrelang nur mit den Fingern schnippen musste, um zu bekommen, was er wollte, war Rodrigo über die Reaktion des Arztes milde ausgedrückt empört. Nur mit äußerster Selbstbeherrschung konnte er sich davon abhalten, ihm eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung anzudrohen. Das hilft Jenny jetzt auch nicht weiter, sagte er sich und notierte stattdessen mit zusammengebissenen Zähnen die Anweisungen des Arztes.

Wieder zurück in ihrem Schlafzimmer, legte er ihr zum dritten Mal die Hand auf die Stirn, die ihm noch heißer vorkam als vorhin. Ihre Wangen waren vom Fieber gerötet, ihr ganzer Körper bebte vor Schüttelfrost. Kalte Angst kroch in Rodrigo hoch. Dann kam ihm plötzlich ein spanisches Schlaflied in den Sinn.

„Duerme, niña chiquita, duerme mi alma … , begann er leise zu singen. „… duérmete lucerito de la mañana …“

Sanft strich er ihr einige Locken aus der feuchten Stirn und gönnte sich für einen Moment den Luxus, sie ausgiebig zu betrachten. In dem unschuldigen weißen Batistnachthemd sah sie aus wie eine schlafende Prinzessin, die darauf wartet, von ihrem Prinzen wach geküsst zu werden.

Kopfschüttelnd schnitt Rodrigo eine Grimasse und stand auf, um ins angrenzende Bad hinüberzugehen. Zuerst das Schlaflied, das er nicht mehr gehört hatte, seit seine Großmutter es ihm vorgesungen hatte, und nun dieser kitschige Vergleich mit der schlafenden Prinzessin. Seit er über die Schwelle von Raven Cottage getreten war, schien er unter einem merkwürdigen Zauber zu stehen.

Rodrigo hatte keine Ahnung, was mit ihm los war, aber was immer auch der Grund für seine befremdlichen Reaktionen war: Dies war definitiv nicht der passende Zeitpunkt, um sie zu ergründen.

Er füllte eine altmodische Porzellanschüssel mit lauwarmem Wasser, nahm einen Waschlappen aus dem Handtuchregal und kehrte zu seiner Patientin zurück. Nachdem er den Waschlappen ins Wasser getaucht und sorgsam ausgedrückt hatte, presste er ihn mit sanftem Druck auf Jennys Stirn und dann nacheinander auf beide Seiten ihres Halses. „Es wird dir bald wieder besser gehen, mein Liebling, das verspreche ich dir“, murmelte er dabei.

Woher er das Vertrauen in seine Heilkünste nahm, wusste er nicht, zumal ihm die Angst um sie fast die Kehle zuschnürte.

„Es ist so heiß …“, flüsterte sie und bewegte unruhig den Kopf von einer Seite zur anderen. „Ich brauche etwas … Wasser …“

„Sofort, querida mía …“ Rodrigo griff nach der Karaffe auf dem Nachttisch und füllte das daneben stehende Glas. Dann schob er eine Hand unter ihren Kopf und führte mit der anderen das Glas an ihre Lippen.

Sie trank so gierig, dass einige Tropfen danebengingen und ihr übers Kinn rannen. Schließlich öffnete sie weit die großen blauen Augen und sah Rodrigo mit einer Mischung aus Verlegenheit und Dankbarkeit an. „Du … brauchst das nicht zu tun …“, wisperte sie kaum hörbar.

Rodrigo erwiderte lächelnd ihren Blick. „Was sollte ich in einer Nacht wie dieser sonst tun, Jenny Wren? Außerdem bist du sehr krank, und ich bin weit und breit der einzige Mensch, der sich um dich kümmern kann.“

„Aber du … du bist nicht mehr für mich verantwortlich.“ Sie biss sich auf die Lippe, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Rede keinen Unsinn“, tadelte er sie sanft. „Ruh dich einfach aus und versuch, dich zu entspannen. Das ist alles, was du im Augenblick tun kannst.“

Er ging zurück ins Badezimmer und suchte im Spiegelschrank nach einem Medikament gegen Grippe und Fieber. Der Arzt hatte ihm geraten, Jenny nach Möglichkeit etwas davon zu geben. Schließlich wurde er fündig, doch es war nicht ganz einfach, Jenny die Kapseln zu verabreichen.

Ihr ganzer Körper schlotterte förmlich, was ein Anzeichen dafür war, dass das Fieber noch immer stieg. Wenn die Tabletten erst wirken, wird es sicher besser, sagte Rodrigo sich, doch es fiel ihm zunehmend schwerer, seine Angst um sie im Zaum zu halten. Sollte ihr Zustand sich noch weiter verschlechtern, würde er dafür sorgen, dass dieser verdammte Idiot von Notarzt den Tag bereute, an dem er geboren war!

Energisch drängte er seine dunklen Vorahnungen beiseite und überredete Jenny, die Pillen mit etwas Wasser zu schlucken. Als sie es endlich geschafft hatte, sank sie erschöpft in die Kissen zurück und schloss die Augen. Einige Minuten später schlief sie tief und fest.

Rodrigo stieß einen erleichterten Seufzer aus und ging hinunter in die Küche, wo er von einem herzerweichenden Miauen empfangen wurde. Lächelnd beugte er sich hinunter und hob das flauschige Häufchen Elend hoch, das sich ängstlich gegen seine Knöchel drückte. Die arme Cozette war durch das Gewitter sichtlich verstört, und so nahm Rodrigo sich einen Moment Zeit, um ihr gut zuzureden und ihr sanft das Fell zu kraulen, bevor er sie in ihr Körbchen neben dem Herd setzte.

Prüfend ließ er den Blick durch den Raum schweifen und stellte zufrieden fest, dass alles war, wie es sein sollte. Nachdem er das Licht in der Küche und den anderen unteren Räumen gelöscht hatte, machte er sich wieder auf den Weg nach oben.

Aus seinem Zimmer holte er sich einige Papiere für das Meeting, dass er auf morgen verschoben hatte, dann kehrte er zu Jenny zurück. Er machte sich zu große Sorgen um sie, um sie während der Nacht allein zu lassen.

Rodrigo sah sofort, dass sie tief und friedlich schlief, dennoch legte er kurz das Ohr auf ihre Brust, um sich zu vergewissern, dass sie normal atmete. Eine überaus leichtsinnige Aktion, die er auf der Stelle bereute. Der süße Duft ihrer Haut in Kombination mit der weichen, verführerischen Wölbung unter seiner Wange entfachte eine so brennende Begierde in ihm, dass er beinah vergaß, wie krank sie war.

Abrupt richtete er sich wieder auf und betrachtete mit stoischem Blick den gepolsterten Rattanstuhl, in dem er die Nacht zu verbringen gedachte. Sonderlich bequem wirkte er gerade nicht, aber er hatte ohnehin nicht die Absicht zu schlafen.

Man musste kein Arzt sein, um zu sehen, dass Jenny sich in einem kritischen Zustand befand. Er würde all seine Sinne beisammenhalten müssen, um jederzeit für sie da zu sein. Außerdem musste sie in vier Stunden wieder ihre Tabletten einnehmen, und davor würde er sie noch einmal mit lauwarmem Wasser abreiben, um ihre Temperatur zu senken.

Eine Viertelstunde später ließ Rodrigo seine Papiere in den Schoß sinken und starrte eine Weile blicklos vor sich hin. Sein Widerstreben, dem Inhalt der eng bedruckten Seiten seine Aufmerksamkeit zu schenken überraschte ihn kaum. Sein ganzes Denken und Fühlen war auf Jenny ausgerichtet, die sich unruhig von einer Seite auf die andere drehte.

Wer hätte gedacht, dass er einmal ein solches Engagement für seine geschiedene Frau an den Tag legen würde!

Wenn sie wieder gesund war, würde sie zweifellos einen ironischen Kommentar dazu abgeben. Schließlich war sie fest davon überzeugt, dass ihm jede Bereitschaft fehlte, sich um irgendetwas anderes als um sich selbst zu kümmern.

Während ihrer kurzen Ehe hatte sie sich zahllose Male darüber beklagt, dass er zu beschäftigt mit seiner Arbeit wäre, um genug Zeit mit ihr zu verbringen. Irgendwann hatte Rodrigo dann der Tatsache ins Auge sehen müssen, dass er als Ehemann ein Versager war.

Seine Mutter hatte immer gehofft, dass ihr einziger Sohn eines Tages eine liebevolle Frau finden, einen Haufen Kinder haben und sich an einem Ort niederlassen würde, an dem er sich wohlfühlte – vorzugsweise in Andalusien, wenn es nach ihr gegangen wäre. Sein Vater dagegen hatte ganz andere Pläne mit ihm. Von Anfang an hatte Benito Martinez den kleinen Rodrigo für eine erfolgreiche Karriere als Geschäftsmann gerüstet. Er hatte ihm diese Idee förmlich eingehämmert und ihm keine Chance gelassen, andere Alternativen zu erwägen.

Als junger Mann hatte Benito versucht, ein Bauunternehmen aufzubauen, aber das ehrgeizige Unternehmen war gescheitert. Er hatte einige finanzielle Fehlentscheidungen getroffen und dabei seine gesamten Ersparnisse verloren, was er als tiefe Schande betrachtete. Die einzige Hoffnung, die ihm noch geblieben war, war sein Sohn. Mit der Zeit hatte er sich immer mehr in den Gedanken verbissen, dass Rodrigo um jeden Preis erreichen musste, was ihm nicht gelungen war. Dann würde er, Benito, endlich wieder mit Stolz im Dorf verkünden können, dass der Name Martinez etwas bedeutete.

Die Konsequenz daraus war, dass Rodrigo im Grunde genommen nie sein eigenes Leben gelebt hatte. Wie so viele Söhne verbitterter Väter war auch er von frühester Jugend an dazu verurteilt gewesen, einem Traum nachzujagen, der nicht sein eigener war.

Verstörende Bilder und Gefühle rasten durch Jennys Kopf. Und alle drehten sich um einen Mann, der aussah, als wäre er einem Renaissance-Porträt entsprungen. Unergründliche, seelenvolle Augen, schimmerndes blauschwarzes Haar und ein himmlisch geschnittener Mund.

Sein schönes Gesicht verfolgte sie, seine warme Stimme mit dem verlockenden Akzent entführte sie in ein Land, das geprägt war von heißer Sonne, plätscherndem, mediterranem Wasser und dem Echo eines uralten Trommelschlags, der seit Jahrtausenden den Herzschlag seiner Bewohner begleitete. Der Renaissance-Mann hatte starke, muskulöse Arme, die sie an jeden Ort tragen konnten, den sie sich wünschte. Sie bedeuteten Sicherheit, Geborgenheit und noch etwas anderes … etwas Bedeutendes, für das sie kein Wort hatte, aber sie wusste, dass es die Antwort auf ihre tiefste Sehnsucht war.

Manchmal schüttelte ein heftiger Husten ihren Körper und riss sie vorübergehend aus ihrem unruhigen Schlaf. Dann richteten die Arme, von denen sie geträumt hatte, sie liebevoll auf, und eine warme, kräftige Hand hielt ihr ein Glas mit wunderbar kühlem Wasser an die ausgetrockneten Lippen.

So wie in diesem Moment.

Mit zitternden Fingern umschloss sie das Glas, griff ein wenig zu fest zu und spürte, wie das Wasser über ihre Brust lief. Auf ihrer heißen Haut fühlte es sich an, als würde sich eine Stahlklinge in ihr Fleisch bohren. Erschrocken schnappte sie nach Luft und riss weit die Augen auf.

„Oh nein, was habe ich getan!“

„Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest, querida, und nichts, was sich nicht leicht wieder in Ordnung bringen ließe. Warte … ich helfe dir, das Nachthemd auszuziehen, dann bringe ich dir ein Handtuch und etwas Trockenes zum Anziehen.“

Während Jenny noch mühsam versuchte, sich zu orientieren, zog Rodrigo ihr das nasse Nachthemd über den Kopf und verschwand im Bad. Zu benommen, um sich daran zu erinnern, dass er sie bereits nackt gesehen hatte, verschränkte sie die Arme vor ihren Brüsten. Sie zitterte wie Espenlaub, und die Kombination aus Fieber, Kälte und der Qual, sich nicht selbst helfen zu können, trieb ihr heiße Tränen in die Augen.

Rodrigo kehrte im Nu zurück und legte ihr ein großes, nach Lavendel duftendes Handtuch um die Schultern.

„Danke“, murmelte sie, konnte sich jedoch nicht dazu durchringen, ihm in die Augen zu sehen.

„Wo finde ich deine Nachthemden?“

„In der Kommode da drüben. Zweite Schublade von unten.“

So geschickt und pragmatisch, wie er ihr das feuchte Nachthemd ausgezogen hatte, streifte er ihr ein frisches über den Kopf, während Jenny nach und nach in die Realität zurückkehrte. Vor dem Fenster zuckten Blitze am nächtlichen Himmel, begleitet von grollendem Donner. Offenbar hatte das hartnäckige Unwetter noch nichts von seiner Kraft verloren.

Ein Gefühl wohliger Sicherheit breitete sich in Jenny aus, während die Elemente draußen weiter tobten. Sie war einfach zu schwach, um sich gegen Rodrigos Hilfe zu wehren. So blieb ihr nur die Hoffnung, dass sie am Morgen über das Schlimmste hinweg war und sich wieder selbst um sich kümmern konnte. Bis dahin hatte sie keine Wahl, als ihrem Exmann das Ruder zu überlassen.

Kraftlos ließ sie den Kopf gegen die Kissen sinken und lauschte mit geschlossenen Augen dem hypnotischen Klang seiner heiseren, samtigen Stimme, die etwas sang, was ihr wie ein spanisches Schlaflied erschien.

4. KAPITEL

Von einem Augenblick zum anderen schlug Jennys tröstlicher Traum von dem Mann mit den heilenden Händen und der Stimme wie Honig in einen Horrortrip um.

Es war völlig dunkel, bis auf die kleinen Flammen, die wie bösartige Zungen an dem schmalen Spalt unter der Tür leckten. Jennys Puls raste. Sie konnte nicht mehr atmen. Erfüllt von der Panik, sterben zu müssen, formten ihre Lippen unzusammenhängende Worte, mit denen sie verzweifelt um Hilfe flehte.

Starke Finger schlossen sich um ihre Handgelenke und beschworen sie, sich zu beruhigen, damit sie sich nicht selbst verletzte. Es ist alles in Ordnung, versicherte ihr die körperlose Stimme. Es gibt nichts, was dir Leid zufügen kann, dafür werde ich sorgen …

Plötzlich wurde es hell, und das schmale, ernste Gesicht des Renaissance-Manns schwebte direkt über ihrem. In seinen wunderschönen dunklen Augen, die mit unerschütterlicher Ruhe ihren gehetzten Blick erwiderten, las Jenny das Versprechen, das er mit allem, was sie beängstigte, fertig würde, was immer es auch sei. Nach und nach legte sich die Panik, und das Bewusstsein für ihre tatsächliche Umgebung kehrte zurück.

„Es ist alles gut, Kleines“, sagte Rodrigo sanft. Sein Blick und seine Stimme waren wie eine warme, Trost spendende Decke in einer rauen Winternacht. „Du hattest einen schlimmen Albtraum, aber jetzt ist er vorbei. Du liegst sicher in deinem Bett, und nichts kann dir etwas anhaben.“

„Ein Albtraum …? Ich …“

„Nein, beweg dich nicht. Ich bin gleich zurück.“

Sekunden später saß er neben ihr auf der Bettkante und begann wortlos, ihr das Gesicht, den Nacken und die Schultern mit dem Waschlappen abzureiben. Dabei lächelte er ihr aufmunternd zu, während ihr benommener Blick mit seinem verschmolz.

„Du hast immer wieder Feuer geschrien“, bemerkte er nach einer Weile.

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