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Entführt ins Glück / Süße Sünde / Öffne dein Herz, Ellie! / Hochzeit im Paradies

Chantelle Shaw

Entführt ins Glück

1. KAPITEL

Laut dem Detektiv, den er engagiert hatte, sollte er die Geliebte seines Vaters genau hier finden. Raul Carducci stieg aus seiner Limousine und sah den Kai des kleinen englischen Fischerdörfchens hinunter. Nature’s Way – Natürliche Lebensmittel und Kräuterheilkunde. Das Geschäft lag zwischen einer Eisdiele und einem winzigen Geschenkladen, die beide geschlossen hatten. Und dem äußeren Anschein nach würden sie auch bis zum Beginn der Sommersaison geschlossen bleiben …

Vom bleigrauen Himmel nieselte es unablässig herab, und Raul schlug sich mit grimmiger Miene den Mantelkragen hoch. Je eher er nach Italien zurückkehren konnte, wo die Frühlingssonne bereits das tiefblaue Wasser des Lago Bracciano erwärmte, desto besser. Aber er war nach Pennmar gekommen, um Pietro Carduccis letzten Willen zu erfüllen. Darum lenkte er seine Schritte entschlossen in Richtung der einzigen Ladenfassade, die für den Publikumsverkehr geöffnet zu sein schien.

Libby war so in die Jahresbilanz von Nature’s Way vertieft, dass es einige Sekunden dauerte, bis das zarte Klimpern des Windspiels über der Tür an ihr Ohr drang.

Ein eher seltenes Geräusch in der Winterzeit, dachte sie mit leichtem Bedauern und betrachtete die roten Zahlen auf den Abrechnungsbögen. Nach der letzten Saison hatten die Gäste Pennmar recht frühzeitig verlassen, und mittlerweile war das kleine Reformhaus nahezu bankrott.

Einen Laden dieser Art in einem Dorf an Cornwalls Küste zu eröffnen, war eine der haarsträubendsten Ideen von Libbys Mutter gewesen. Das kleine Erbe der Großmutter war schnell aufgebraucht. Libbys Mutter aber hatte standhaft an den Erfolg ihres Geschäfts geglaubt.

Der Gedanke an Liz verursachte den vertrauten, ziehenden Schmerz in Libbys Brust. Aber für Melancholie blieb keine Zeit. Ein Kunde wartete auf sie, also schob sie energisch den Vorhang zur Seite, der den kleinen Büroraum vom Rest der unteren Etage abtrennte.

Der Mann stand mit dem Rücken zu ihr, und seine breiten Schultern kamen in dem edlen hellen Mantel auffallend gut zur Geltung. Er ließ seinen Blick rastlos über die Auslagen schweifen, und bei jedem seiner Schritte befürchtete Libby, er würde mit dem Kopf gegen die niedrige Decke stoßen.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, erkundigte sie sich fröhlich, doch ihr Lächeln verschwand, als der Fremde sich auf dem Absatz umdrehte und sie finster anblickte. Sofort begriff sie, dass hier kein gewöhnlicher Tourist vor ihr stand. Um genau zu sein, war nichts an dieser maskulinen Erscheinung gewöhnlich!

Seine zurückgekämmten Haare waren so pechschwarz wie die Flügel eines Raben, und die bronzefarbene Haut glänzte im gedämpften Licht des Ladens wie Seide. Fasziniert musterte Libby seine Gesichtszüge: eine hohe Stirn, ausgeprägte Wangenknochen, ein energisches Kinn und sinnlich geschwungene Lippen. Er war ohne Übertreibung der umwerfendste Mann, den sie jemals zu Gesicht bekommen hatte.

Libby konnte den Blick gar nicht mehr von ihm abwenden und errötete, als seine Augen sich verengten und er seinerseits ihre Erscheinung abschätzend musterte. Ein purpurner, gemusterter Rock und ein giftgrünes Top schienen nicht zu seinen bevorzugten modischen Kombinationen zu gehören – der Fremde schüttelte sich praktisch innerlich vor Abscheu. Jedenfalls war das Libbys Eindruck.

Und sie lag vollkommen richtig. Raul bevorzugte tatsächlich stilvolle, elegante Frauen und hatte für exzentrischen Hippieschick nicht das Geringste übrig. Allerdings war das Mädchen, das hinter dem Verkaufstisch stand, ausgesprochen hübsch. Ihr zartes, strahlend schönes Gesicht wurde von einer leuchtend roten Lockenmähne umrahmt, und Nase und Wangen zierten hübsche kleine Sommersprossen.

Doch am meisten beeindruckten ihn die strahlenden blaugrünen Augen, von langen, dunklen Wimpern umrahmt, die ihn intelligent und aufmerksam ansahen. Ihr rosaroter Kussmund war leicht geschürzt, so als fragte sie sich im Stillen, warum Raul sich wohl in ihren Laden verirrt hatte.

Solche Lippen muss man küssen, dachte er automatisch und wunderte sich über seine eigenen Gedanken. Wahrscheinlich erfasste er nur, wie attraktiv diese junge Frau aussehen könnte, würde sie ein vernünftiges Designerkleid tragen.

Raul biss die Zähne zusammen. Er musste sich mit der Geliebten seines Vaters beschäftigen, nicht mit diesem fremden Mädchen. Ganz gleich, wie einladend ihr Schmollmund auf ihn wirkte! „Ich bin auf der Suche nach Elizabeth Maynard“, erklärte er knapp.

Die Stimme des Mannes klang angenehm tief, etwas rau und so sexy wie dunkle, geschmolzene Schokolade auf nackter Haut! An seinem Akzent erkannte Libby die unverkennbar italienische Herkunft. Es passierte nicht jeden Tag, dass ein so hinreißender Frauenmagnet ihr Geschäft betrat. Heute war er sogar der allererste Kunde überhaupt.

Die Höflichkeit gebot, ihm umgehend zu antworten. Andererseits war sie Fremden gegenüber extrem misstrauisch und äußerst vorsichtig. Immerhin hatte sie ihre unkonventionelle Kindheit damit verbracht, sich vor Kredithaien zu verstecken oder aber mit Gläubigern nur durch den Briefschlitz zu sprechen, während ihre Mutter durch das Badezimmerfenster floh.

Und wenn er nun wegen Gino hier ist? überlegte sie erschrocken und kämpfte mit aufsteigender Panik.

„Wer sind Sie?“, wollte Libby wissen, und ihr Tonfall war wesentlich schärfer als gewöhnlich.

Verärgert zog Raul die Stirn in Falten. Die meiste Zeit seines Lebens hatten Angestellte sich darum bemüht, seine Wünsche und Anordnungen bedingungslos auszuführen. Er sah keine Veranlassung, einer Verkäuferin gegenüber seine Motive offenzulegen. Bei dem Versuch, seine wachsende Ungeduld zu verbergen, kniff er die Augen leicht zusammen.

„Mein Name ist Raul Carducci.“

Die junge Frau sog scharf den Atem ein, und ihre Augen wirkten plötzlich unnatürlich groß. „Pietro Carduccis Sohn?“, stieß sie hervor.

Bei dieser Frage erstarrte Raul vor Wut. Hatte die Mätresse seines Vaters etwa mit ihren Angestellten über seine Familie geredet? Hatte sie damit angegeben, eine Affäre mit einem reichen italienischen Aristokraten zu haben, und es vor dem ganzen Dorf breitgetreten?

Er warf einen Seitenblick auf den schweren Vorhang und überlegte, ob Elizabeth Maynard sich wohl dahinter verbarg. Vor dem Stoff hingen unzählige klirrende Perlenketten herab.

Si, Pietro Carducci war mein Vater“, sagte er achselzuckend. „Und ich muss mit Miss Maynard sprechen. Also wenn Sie ihr bitte umgehend mitteilen würden, dass ich hier bin?“ Seine Stimme wurde zunehmend schärfer. Es gelang Raul nicht, die Bitterkeit zu verbergen, die er seit der Testamentseröffnung verspürte. „Zweifellos wird sie begeistert sein zu hören, dass es ihr eine lebenslange Essensmarke eingebracht hat, den illegitimen Sohn meines Vaters auszutragen. Sie wird nicht länger am Hungertuch nagen müssen, indem sie sich mit einer Bruchbude wie dieser hier abmüht.“ Abfällig betrachtete er die Auslagen mit Bioprodukten, Kräutertees, Duftkerzen und Räucherstäbchen. „Sie, Signorina, werden sich allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit einen neuen Job suchen müssen.“

Schweigend starrte Libby Raul Carducci an. Ihre Mutter hatte zwar von Pietros Sohn gewusst, aber die Affäre mit dem heißblütigen Italiener war nur von kurzer Dauer gewesen. Libbys Mutter hatte nicht einmal geahnt, dass ihm die weltberühmte Firma Carducci Cosmetics gehörte, bis sie zufällig einen Artikel über ihn las.

Liz hatte damals mit sich gerungen, ob sie ihrem ehemaligen Liebhaber überhaupt von der Schwangerschaft erzählen sollte. Als sie Pietro schließlich darüber informierte, dass sie sein Kind zur Welt gebracht hatte, meldete sich dieser nicht einmal.

Doch auch wenn Pietro Carducci seinen illegitimen Nachwuchs nicht anerkannte, musste er offenbar seinem älteren Sohn von Gino erzählt haben. Bei diesem Gedanken wurde Libby schlecht, und sie versuchte, in Rauls Gesicht abzulesen, wie er zu dieser Tatsache stand. Erfreut war er sicherlich nicht. Doch bevor Libby Näheres erfahren konnte, erklang das Windspiel über der Tür.

Raul drehte den Kopf und sah eine Frau hereinkommen, die einen Buggy vor sich herschob. „Da sind wir, Gino, wieder zurück im Warmen“, sagte sie vergnügt und übertönte damit die Schreie des Kindes, das kurz darauf unter einer durchsichtigen Regenhaube zum Vorschein kam. „Schon gut, mein Süßer! Gleich habe ich dich aus deiner Karre befreit.“

Ein beklemmendes Gefühl überfiel Raul, als er die getönte Haut und die schwarzen Locken des Jungen sah. Die Frau hatte ihn Gino genannt, und auch wenn der Kleine noch kein Jahr alt war, war die verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Vater unverkennbar. Das machte jeden DNA-Test überflüssig!

Dann fiel Rauls Blick auf die ältere Dame, auf die geröteten Wangen, die wüsten braunen Haare und ihre kräftige Figur. Kaum zu glauben, dass Pietro, der als Liebhaber ausgesuchter klassischer Schönheit gegolten hatte, diese Frau zu seiner Geliebten gemacht hatte. Noch unwahrscheinlicher, dass sie tatsächlich in einem Stripclub gearbeitet haben sollte!

Mit finsterer Miene rief er sich den Termin mit dem Anwalt und Testamentsvollstrecker seines Vaters in Erinnerung …

„Dies ist das Testament und der letzte Wille von Pietro Gregorio Carducci“, hatte Signor Orsini laut verlesen. „Es ist mein Wunsch, dass die Kontrolle über meine Firma Carducci Cosmetics zu gleich großen Teilen an meinen Adoptivsohn Raul Carducci und an meinen kleinen Sohn und einzigen Blutsverwandten Gino Maynard übertragen wird.“ Dem Juristen entging nicht, wie sehr die Nachricht von einem weiteren Kind Raul erschütterte. „Ich vermache meinen beiden Söhnen Raul und Gino zu gleichen Teilen die Villa Giulietta. Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, dass Gino im Haus seiner Familie aufwächst. Seine Anteile am Unternehmen und an der Villa werden bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr von einem Treuhänder verwaltet. Und bis zu seiner Volljährigkeit soll seine Mutter Elizabeth Maynard mit ihm zusammen in der Villa leben und seine Interessen bei CC vertreten.“

Beinahe sein ganzes Leben lang hatte Raul sich darauf vorbereitet, die Firma seines Adoptivvaters eines Tages zu übernehmen – und nun sollte sie nicht ihm allein gehören. Aber das Wort Blutsverwandter schmerzte ihn noch viel mehr als der materielle Verlust.

Mit sieben Jahren war er von Pietro und Eleonora Carducci aus einem Waisenhaus in Neapel adoptiert worden und hatte seitdem mit ihnen in der Villa Giulietta gelebt. Pietro bestand darauf, dass Raul sein rechtmäßiger Erbe sei und eines Tages Carducci Cosmetics übernehmen würde. Vater und Sohn standen sich immer sehr nahe, und ihre Verbindung war nach Eleonoras Tod vor zehn Jahren nur noch inniger geworden.

Gerade deshalb war das Doppelleben seines Vaters für Raul auch so unbegreiflich. Der Mann, den er Papa genannt und dessen Tod er beweint und betrauert hatte, war plötzlich zu einem verlogenen Fremden geworden.

„Im Testament Ihres Vaters befindet sich eine Klausel, die für Sie interessant sein dürfte“, hatte Signor Orsini gemurmelt. „Pietro hat festgelegt, dass Ginos Anteile bis zu seiner Volljährigkeit in Ihren Händen liegen, sollte Miss Maynard vor dem achtzehnten Geburtstag ihres Sohnes heiraten. Mit diesem Schachzug soll wohl das Unternehmen geschützt werden, für den Fall, dass Miss Maynard in Bezug auf einen Ehemann eine schlechte Wahl trifft.“

CC wird jeden möglichen Schutz brauchen, wenn ich die Geschäfte Seite an Seite mit einer Stripteasetänzerin führen soll“, hatte Raul gereizt erwidert. „Mein Vater muss den Verstand verloren haben.“

Darauf hatte Bernardo Orsini den Kopf geschüttelt. „Trotz der Tatsache, dass man bei Ihrem Vater einen aggressiven Hirntumor diagnostiziert hat, bin ich absolut sicher, dass er dieses Testament im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verfasst hat. Er war ernsthaft besorgt um seinen kleinen Sohn.“

Mühsam lenkte Raul seine Gedanken zurück in die Gegenwart und starrte die Frau an, die gerade erst den Laden betreten hatte. Der Anwalt behauptete, Elizabeth Maynard hätte als Tänzerin in dem Club Purple Pussy Cat gearbeitet, sei aber vor sechs Monaten aus ihrer Londoner Wohnung verschwunden, obwohl sie dem Vermieter noch mehrere tausend Pfund Miete schuldete.

In Rauls Geist hatte sich das Bild einer gefärbten Blondine geformt, das nicht das Geringste mit dieser vom Regen durchnässten Dame zu tun hatte. Er hasste die Vorstellung, dass sie in die Villa einziehen würde, obwohl er die Aussicht, sie in die Firmenpolitik miteinbeziehen zu müssen, fast amüsant fand. Wenn er nur nicht immer noch so enttäuscht und wütend über den Schachzug seines Vaters wäre!

„Ich wusste, er hört sofort auf zu weinen, sobald er seine Mummy sieht“, flötete die Frau plötzlich, und Raul fühlte sich, als wäre er vom Blitz getroffen worden. Die Frau legte der rothaarigen Verkäuferin das Baby in die Arme.

„Sie sind Elizabeth Maynard?“, fragte er verblüfft.

Nachdem sie dem Kind einen herzhaften Kuss gegeben hatte, hob sie den Kopf und sah Raul direkt an. „Das bin ich. Obwohl die meisten Menschen mich Libby nennen.“

Ihm war völlig egal, wie die meisten Leute sie nannten. Unfassbar, dass dieses junge Ding die Geliebte seines Vaters gewesen sein sollte! Sie konnte höchstens Anfang zwanzig sein, und Pietro war Mitte sechzig gewesen.

Ekel schnürte ihm die Kehle zu – nein, es war kein Ekel. Vielmehr empfand er Neid und Eifersucht. Raul war über seine eigene Reaktion entsetzt.

Dio!

Kein Wunder, dass sein Vater diese rothaarige verführerische Sirene streng unter Verschluss gehalten hatte. Diese Schönheit konnte Raul sich sehr gut in einem erstklassigen Stripclub vorstellen. Mit neu erwachtem Interesse ließ er den Blick über die Kurven unter ihrem eng anliegenden Top gleiten und stellte sich unwillkürlich vor, wie sie in einem knappen Kostüm und mit offenen Haaren auf der Bühne wirken würde. Wie sie mit beiden Händen hinter ihren Rücken griff, um den BH zu lösen, wie sie sich dann aufreizend die Träger von den Schultern streifte und ihre …

Sein Körper heizte sich unangenehm auf, und er unterdrückte einen Fluch. „Du bist also Ginos Mutter?“ Er wollte klare Verhältnisse schaffen, und angesichts ihres Alters sah er keine Veranlassung für übertriebene Höflichkeiten.

Libby zögerte. Margaret war übertrieben damit beschäftigt, nach irgendetwas in ihrer Handtasche zu kramen, aber ihre stumme Neugier war nicht zu übersehen. Die ältere Dame war Libbys Nachbarin und eine ausgesprochen freundliche Person, die regelmäßig auf den kleinen Gino aufpasste. Aber sie war auch eine Klatschbase, die jedes neue Gerücht in Windeseile durch das gesamte Dorf trug. Aber niemand hier in Pennmar durfte wissen, dass Libby nicht Ginos Mutter, sondern lediglich seine Schwester war!

Sie dachte an die ersten schrecklichen Tage nach dem Tod ihrer Mutter zurück. Als Liz zusammengebrochen war und anschließend nicht wieder das Bewusstsein erlangte, hatten sie gemeinsam in London gelebt und gerade den Umzug nach Cornwall vorbereitet.

Damals war Gino erst drei Monate alt gewesen, und Libby stand einerseits wegen ihrer Trauer regelrecht unter Schock, musste sich aber andererseits um ihren kleinen Bruder kümmern. Ihre Freundin Alice, eine angehende Juristin, war ihr eine unschätzbare Hilfe gewesen. Aber sie hatte Libby auch vor den Problemen gewarnt, die Liz’ Tod mit sich brachte.

„Wenn deine Mutter kein Testament hinterlassen hat, in dem du ausdrücklich als Ginos Vormund eingetragen bist, fällt das Sorgerecht für ihn automatisch an den Staat und damit an das zuständige Jugendamt“, erklärte Alice. „Und nur weil du seine Halbschwester bist, werden sie nicht automatisch dich als Pflegemutter auswählen, selbst wenn du darum kämpfst.“

Liz war an einer Thrombose gestorben, und Libby hatte sich nicht einmal von ihr verabschieden können. Darum existierte auch keine Verfügung, wer sich im Todesfall um den Kleinen kümmern sollte. So entschied Libby in ihrer Not, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Eine Woche nach der Beerdigung zog sie in das kleine Pennmar und übernahm dort den Laden, den Liz und sie kurz zuvor mit dem Erbe der Großmutter eingerichtet hatten. Jeder im Dorf hielt Gino für Libbys Sohn, und wegen Alices Warnung stellte Libby dieses Missverständnis niemals klar. Deshalb brachte sie es auch nicht über sich, vor Margaret die Wahrheit zuzugeben.

Ich erkläre einfach später, wie die Dinge liegen, nahm sie sich vor und straffte die Schultern. Rauls Blick, der unablässig auf ihr ruhte, war eiskalt.

„Ja, ich bin Ginos Mutter“, entgegnete sie ruhig, doch die Lüge verursachte einen säuerlichen Geschmack auf ihrer Zunge. Oder war es die Abscheu, die sich in seinen Augen spiegelte? Mit Scham dachte sie daran, dass ihr Top von der Wohlfahrt stammte und der Rock aus einem alten Vorhang genäht war.

„Du bist viel jünger, als ich erwartet habe“, gab er unumwunden zu. „Da fragt man sich doch, was du an meinem steinreichen, fünfundsechzigjährigen Vater eigentlich so anziehend gefunden hast, oder?“

Sein Sarkasmus traf ins Schwarze, und Libbys Gesicht lief dunkelrot an. Aber sie konnte sich in Gegenwart von Margaret, die noch immer vorgab, etwas in ihrer Handtasche zu suchen, unmöglich verteidigen.

„Entschuldigung“, entgegnete sie darum kühl, „aber ich denke nicht, dass dich meine Beziehung zu deinem Vater etwas angeht.“ Arroganter Mistkerl! setzte sie im Stillen hinzu.

Weil sie spürte, dass Margaret vor Neugier zu platzen drohte, wandte sie sich ihr lächelnd zu. „Vielen Dank, dass du mit Gino spazieren warst. Der Kinderarzt hat mir noch einmal versichert, wie gut die Seeluft für seine Lunge ist.“

„Jederzeit wieder gern“, sagte die ältere Dame eifrig und warf dem unbekannten Besucher einen kritischen Seitenblick zu. „Ich könnte mich auch jetzt um ihn kümmern, falls du mit diesem Herrn etwas Wichtiges zu besprechen hast?“

Damit die Geschichte im Dorf die Runde macht und man mir Gino wegnimmt? dachte Libby. „Danke, aber ich muss ihn jetzt ohnehin erst füttern. Außerdem will ich nicht noch mehr deiner Zeit in Anspruch nehmen. Drehst du bitte das Öffnungsschild um, wenn du gehst?“

Obwohl Libby diesen Rauswurf so elegant wie möglich formulierte, sah Margaret etwas betroffen aus. Sie trat hinaus auf den Bürgersteig und schloss fest die Tür hinter sich.

„Bevor du noch irgendetwas sagst, möchte ich erklären, warum …“ Libby wurde von Ginos lautem Geheule unterbrochen.

Trotz seiner zehn Monate konnte der Kleine schon recht kräftig zappeln, und Libby musste sich anstrengen, um ihn sicher auf dem Arm zu halten. Ein heftiger Hustenanfall schüttelte den zierlichen Körper, und Libbys Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem geplagten Kind.

„Entschuldige mich, er muss etwas trinken“, murmelte sie und verschwand ohne ein weiteres Wort mit Gino hinter dem Vorhang.

Nur leider hustete ihr kleiner Bruder so stark, dass sie ihm unmöglich etwas zu trinken geben konnte. Außerdem trug er noch seinen dicken Regenanzug und fing allmählich an, furchtbar zu schwitzen. Sein Kopf lief rot an, und Libby versuchte mit einer Hand, den Reißverschluss zu öffnen. Dabei bemerkte sie, dass Raul ihr ins Hinterzimmer gefolgt war und sie beobachtete.

„Lass mich ihn halten, während du ihn ausziehst“, bot er spontan an und nahm ihr das Baby ab, bevor sie Einwände erheben konnte.

Der Unbekannte überraschte Gino so sehr, dass zumindest sein Weinen nachließ. Das Kind fremdelte zurzeit, und Libby wunderte sich darüber, dass Gino Raul mit Interesse und nicht mit Angst begegnete.

„Du musst magische Hände haben“, meinte sie. „Normalerweise schreit er sich um Kopf und Kragen, wenn ihn jemand auf den Arm nimmt, den er noch nicht gut kennt.“ Ohne Raul anzusehen, streifte sie ihrem Bruder den viel zu warmen Anzug ab. „Aber Gino ist Zwilling, und Menschen mit diesem Sternzeichen sind ausgesprochen intuitiv“, fuhr sie mit ernstem Tonfall fort. „Bestimmt spürt er die familiäre Bindung zu dir. Schließlich seid ihr Brüder.“ Als sie Rauls hochgezogene Augenbraue sah, setzte sie hinzu: „Nun ja, dann eben Halbbrüder.“

„Es besteht keinerlei Blutsverwandtschaft zwischen uns“, informierte er Libby trocken. „Pietro war mein Adoptivvater.“ Er bemerkte die Überraschung in ihren Augen und fragte sich selbst, warum er diese Tatsache unbedingt sofort klarstellen musste. Ihn widerte die Vorstellung an, dass Libby mit seinem Vater …

Schnell verdrängte er den Gedanken, nur um sich dabei zu erwischen, wie sein Blick wieder auf ihre wohlgerundeten Brüste fiel. Elizabeth Maynard war die Geliebte seines Vaters gewesen, und es war wohl mehr als unpassend, sich sexuell von ihr angezogen zu fühlen.

Entschlossen hob er den Kopf. „Wahrscheinlich hat der Kleine so geweint, weil er Angst hatte, dass du ihn fallen lässt.“

„So ein Quatsch!“, erwiderte sie und schüttelte den Kopf über so viel Unwissenheit. Dann runzelte sie die Stirn und horchte an der Brust des Babys, in der es leicht rasselte. „Ich muss ihn nach oben bringen und ihm sein Antibiotikum geben.“

Als sie Raul ansah, bemerkte sie, wie er ungeniert die Bilanzen von Nature’s Way studierte. Mit wenigen Schritten war sie bei ihm und schlug die Geschäftsbücher zu.

„Warum bist du eigentlich hier?“, wollte sie wissen. „Ich habe aus der Zeitung von Pietros Tod erfahren, allerdings schon vor sechs Monaten. Seitdem ist niemand aus deiner Familie hergekommen, um Kontakt aufzunehmen.“

Hocherhobenen Hauptes sah er auf sie hinunter. „Das ist wohl kaum meine Schuld. Schließlich bist du aus London verschwunden, ohne deine Miete zu bezahlen, und es hat eine ganze Weile gedauert, dich ausfindig zu machen. Freiwillig bin ich nicht hier, so viel kann ich dir versichern.“ Sein Ton wurde schneidend. „Aber mein Vater hat testamentarisch festgelegt, dass sein Sohn zu Hause in Latium aufwachsen soll. Ich bin also hier, um Gino mit nach Italien zu nehmen.“

2. KAPITEL

Zuerst war Libby zu verblüfft, um ihre Stimme wiederzufinden. Die Warnungen ihrer Freundin Alice schossen ihr erneut durch den Kopf.

Hätte Liz mit ihrem Tod gerechnet, wäre es selbstverständlich ihr Wunsch gewesen, Libby als Vormund für Gino einzusetzen. Nur leider gab es dafür keine stichhaltigen Beweise. Welch eine Ironie, dass ausgerechnet Pietro Carducci, der seinen Sohn nicht einmal anerkannt hatte, für dessen Zukunft vorsorgen wollte …

Und Raul glaubte, Gino wäre Libbys Sohn. Ganz offensichtlich war ihm nicht bekannt, dass es zwei Elizabeth Maynards gab und die Geliebte seines Vaters bereits verstorben war. Jetzt hielt er sie natürlich für ein geldgieriges Flittchen, aber das war immer noch leichter zu ertragen, als Gino zu verlieren.

„Warum glaubst du, wir … ich hätte in London meine Miete nicht gezahlt?“, wollte sie wissen. „Natürlich habe ich dort alle Rechnungen beglichen, bevor ich hierhergezogen bin.“

Ihm gefiel ihr selbstbewusster Tonfall nicht. Raul war Unterwürfigkeit, Dienstleistungsbereitschaft und Bewunderung gewohnt – aber ganz sicher keine klaren Ansprachen auf Augenhöhe. Noch dazu von einer solchen …

Die Rolle einer Frau beschränkte sich darauf, einen Mann nach einem harten Arbeitstag mit leichtem Small Talk abzulenken und ihm und sich beim Sex gegenseitige Befriedigung zu verschaffen. Natürlich ohne emotionale Bindungen oder Verpflichtungen!

Und diese Libby, wie sie sich nannte, kam mit ihren sturmfarbenen Augen und den leuchtend roten Locken nicht einmal dafür infrage. Wütend betrachtete Raul ihren leicht geöffneten Schmollmund, der förmlich dazu einlud, mit der Zunge geteilt zu werden. Dio!

Sie war Pietros Spielzeug gewesen, und als sein Sohn würde er sicherlich nicht die Fehler des Vaters wiederholen.

„Dein Vermieter behauptet, du wärst ständig in Zahlungsverzug gewesen und hättest ihn auf einer Rechnung über mehrere tausend Pfund sitzen lassen“, erklärte er kalt. „Warum sollte der Mann lügen?“

„Vermutlich, um mir eins auszuwischen, weil ich nicht mit ihm ins Bett hüpfen wollte“, konterte sie verbittert. „Er ist ein widerwärtiger alter Bock. Immer wenn ich ihm sein Geld gebracht habe, hat er keine Gelegenheit ausgelassen, mich zu bedrängen oder zu begrapschen. Er hat mir sogar direkt angeboten, die Miete zu reduzieren, wenn ich ihn auf andere Weise bezahlen würde.“

„Und das hat dich nicht gereizt?“, erkundigte Raul sich sarkastisch. „Ich dachte, es wäre eine Angewohnheit von dir, für deinen finanziellen Vorteil mit alten Kerlen ins Bett zu steigen. Bei meinem Vater bist du jedenfalls auf eine echte Goldmine gestoßen“, fügte er hinzu. „Sein Kind zu bekommen, war ein cleverer Zug von dir. Pietro hat dir und dem Kind nicht nur ein Wohnrecht in der Villa meiner Familie garantiert, sondern auch noch die Kontrolle über die Hälfte der Firmenanteile von Carducci Cosmetics. Zumindest bis zu Ginos achtzehntem Geburtstag.“

Als Libby ihn fassungslos anblickte, stieß er ein abfälliges Lachen aus. Dann griff er in seine Manteltasche und holte ein paar Papiere hervor. „Herzlichen Glückwunsch, das ist der Jackpot!“ Damit knallte er den Stapel auf ihren Schreibtisch.

Nach einigen Schrecksekunden löste Libby sich aus ihrer Starre und sah sich die Dokumente an. Gründlich las sie sich das Testament durch und konnte kaum begreifen, was sein Inhalt für ihr Leben bedeutete.

„Du möchtest also, dass Gino und ich bei dir in Italien leben?“, fragte sie lahm und verspürte eine grenzenlose Erleichterung. Demnach war Raul nicht gekommen, um ihr das Baby einfach wegzunehmen. Nicht, dass sie es zugelassen hätte!

„Ich könnte mir auf Anhieb nichts vorstellen, was ich weniger wollen würde“, erwiderte er abweisend und strich sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. „Doch unglücklicherweise habe ich in diesem Punkt keinerlei Entscheidungsgewalt. Mein Vater hat seinen letzten Willen klar und deutlich formuliert. Er hat verlangt, dass Gino und seine Mutter in der Villa wohnen.“

Libby sah ihren kleinen Bruder an, und ihr Herz öffnete sich, als Gino sie mit ernsten, nussbraunen Augen aufmerksam betrachtete. Sein Aussehen verriet die italienische Herkunft, aber das Lächeln hatte er von seiner Mutter geerbt. Libby liebte das Kind wie einen eigenen Sohn, und es tat ihr unendlich leid, dass er seine leibliche Mutter niemals wirklich kennenlernen würde.

Aber war es wirklich das Beste für ihren geliebten Kleinen, nach Italien zu ziehen und bei seinem Halbbruder zu leben?

„Wir müssen eine Menge klären“, begann sie zögernd. „Vielleicht können wir uns in ein oder zwei Tagen treffen?“

Ungeduldig runzelte er die Stirn. „Ich kann es mir nicht leisten, hier tagelang meine Zeit zu verschwenden. Außerdem, was gibt es da groß zu besprechen? Mein Vater hat Gino als Erben eingesetzt, und ich glaube kaum, dass du dir diese einmalige Gelegenheit durch die Lappen gehen lässt. Wahrscheinlich war deine Schwangerschaft sowieso beabsichtigt, um irgendwann an das Geld meines Vaters zu kommen?“

„Blödsinn!“, wehrte Libby sich wütend. Unwissentlich beleidigte Raul ihre Mutter und nicht sie, und am liebsten hätte sie ihm dafür eine Ohrfeige verpasst. Liz war damals aus allen Wolken gefallen, als sich herausstellte, dass ihre Urlaubsaffäre mit dem heißblütigen Italiener Folgen haben würde. „Aber auch wenn die Schwangerschaft nicht geplant war, Gino ist ein absolutes Wunschkind! Dein Vater ist über seine Geburt informiert worden, hat seinen Sohn allerdings nicht anerkannt. Und ich habe nie irgendetwas von ihm erwartet.“

Das kaufte Raul ihr nicht ab. „Mein Vater war ein Ehrenmann, der seinem eigenen Kind niemals den Rücken zugekehrt hätte.“ Nachdenklich sah er sie an. „Wann ist der Kleine genau geboren?“

„Am siebten Juni. Er ist jetzt zehn Monate alt.“

„Pietro war letztes Jahr im Juni schwer krank, im August ist er verstorben“, erklärte Raul. „Ein inoperabler Hirntumor, der erst im Oktober davor diagnostiziert wurde und ziemlich schnell gewachsen ist. Hast du etwa von seiner Krankheit gewusst?“, fragte er plötzlich scharf.

Libby schüttelte den Kopf. Pietro musste kurz nach der Kreuzfahrt krank geworden sein, die ihre Mutter gewonnen hatte. Auf dem Schiff hatte Liz sich ernsthaft in den faszinierenden Italiener verliebt. Sie entschuldigte sich sogar bei ihrer Tochter dafür, jahrelang behauptet zu haben, dass Männer unzuverlässig seien und man niemals sein Herz an einen verlieren dürfe.

Als sie nichts mehr von Pietro hörte, war Liz am Boden zerstört gewesen – vor allem, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr. „Ich habe es schon wieder getan, Libby“, hatte sie geschluchzt und das Teststäbchen in die Höhe gehalten. „Ich habe einem Mann vertraut, und nun sitze ich allein mit seinem Baby da. Genau wie bei deinem verfluchten Vater! Allmählich sollte ich doch wohl begriffen haben, dass alle Kerle selbstsüchtige Bastarde sind, oder etwa nicht?“

Bis zum heutigen Tag hatte Libby Pietro für sein Verhalten verachtet, aber offensichtlich hatte der ältere Mann unmittelbar nach der Kreuzfahrt erfahren, wie unheilbar krank er war. Jeder Mensch ging anders mit einem solchen Schicksal um. Und als Liz ihm endlich schrieb, hatte er möglicherweise nicht mehr die Kraft für eine entsprechende Antwort. Immerhin hatte er aber noch verfügt, dass für Liz und Gino gesorgt war.

Lange hatte Gino ruhig auf dem Arm seiner Schwester gesessen, doch nun fing er wieder an zu husten. Sie gab Raul ein Zeichen, ihr zu folgen, und ging die Treppe hinauf in den ersten Stock, um Ginos Medizin zu holen.

„Was hat er eigentlich?“, fragte Raul direkt hinter ihr, als sie ihre Hand gerade auf die Klinke der Wohnzimmertür legte.

„Er hatte eine Bronchitis, die sich leider zu einer ausgewachsenen Lungenentzündung entwickelt hat“, erklärte Libby über die Schulter. „Es ging ihm sehr schlecht, er musste zwei Wochen im Krankenhaus verbringen. Und jetzt werden wir diesen schrecklichen Husten nicht mehr los. Der Arzt meint, die feuchten, schimmeligen Wände in diesem Haus würden alles nur noch schlimmer machen.“

Mit dem Fuß stieß sie die Tür zum Wohnzimmer ganz auf und zuckte heftig zusammen. Bei all den Überraschungen hatte sie völlig vergessen, was für ein Drama sich am Vortag abgespielt hatte. Ein Teil des Dachs hatte nachgegeben, und Regenwasser war ins Schlafzimmer eingedrungen.

Zum Glück war ihr guter Freund Tony zur Stelle gewesen – buchstäblich als Retter in der Not. Er war vorbeigekommen, um mit Libby eine Flasche Wein zu teilen und ihre finanzielle Notlage zu besprechen. Gemeinsam hatten sie die zum Teil durchweichten Sachen ins Wohnzimmer verfrachtet, und Tony hatte das Loch in der Decke notdürftig zugestopft. Dabei war er allerdings klatschnass geworden und musste seine Sportsachen aus dem Auto holen und sich umziehen.

Ihre Bilder lehnten am Sofa, und die Kleider lagen in Stapeln und Bergen auf dem Fußboden. Zu ihrem Entsetzen lag die Unterwäsche ganz obenauf. Auch Raul fielen zuerst die vielen knallbunten Baumwollhöschen auf. Libby wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Sein Blick wanderte über die teilweise abgeblätterte Tapete und die dunklen Stockflecken an der Fensterseite, die sich auch mit Schimmelreiniger nicht dauerhaft vermeiden ließen. Dabei wuchs seine Verachtung von Minute zu Minute.

Als Liz und Libby im vergangenen Jahr Geschäft und Wohnung besichtigt hatten, waren die Räume hell, sauber und trocken gewesen. Doch nach dem nassen Winter konnte man eine grauenhaft schlechte Bausubstanz nicht mehr leugnen, und Libby kämpfte hier regelrecht gegen Windmühlen. Die Feuchtigkeit saß in den Wänden fest und ließ sich durch nichts und niemand wirksam bekämpfen.

„Entschuldige das ganze Chaos“, murmelte sie peinlich berührt. „Mein Schlafzimmer stand letzte Nacht plötzlich unter Wasser, und da mussten wir meinen ganzen Kram hier hereinschaffen.“

„Wir?“

„Mein Freund Tony war zum Glück da.“ Sie folgte seinem Blick zu dem niedrigen Beistelltisch, auf dem drei leere Weinflaschen und zwei benutzte Gläser standen.

„Sieht ja nach einer anständigen Party aus“, knurrte Raul abfällig.

Er glaubt doch wohl nicht, wir hätten drei Flaschen getrunken? ging es ihr durch den Kopf. „Tony arbeitet in einer Bar und bringt mir manchmal alte Weinflaschen mit, die ich dann dekoriere und auf Kunsthandwerkmärkten verkaufe. Wir sind beide Künstler“, fügte sie hinzu, als eine Antwort von Raul ausblieb. Warum fühlte sie sich bemüßigt, sich vor diesem überheblichen Fremden zu rechtfertigen?

Gino begann zu zappeln und wollte abgesetzt werden. Behutsam bückte Libby sich und gab den Kleinen frei. Ihre Arme schmerzten bereits von der Anstrengung, ihn zu tragen, und sie schüttelte auf dem Weg in die Küche ihre Hände aus.

Zielstrebig krabbelte das Baby auf den Beistelltisch zu und streckte sich, um eine der Glasflaschen zu erreichen. In letzter Sekunde griff Raul ein und stellte alle zerbrechlichen Gegenstände außer Reichweite. Kaum zu glauben, was für eine Bruchbude voller Gefahrenquellen diese Behausung war! Und dieser schimmelige Geruch!

Was dachte sich Elizabeth Maynard eigentlich dabei, hier ein Kind großziehen zu wollen? Ein paar Männerjeans hingen zum Trocknen über einer Stuhllehne, vermutlich die Kleidung von dem ominösen Barmann/Künstler Tony, der vergangene Nacht hier gewesen war! War er ihr fester Freund und Liebhaber? Und wenn dem so war, welche Rolle spielte er in Ginos Leben? Stiefvater, oder hatte der Kleine eine Reihe freundlicher Onkel, die mit seiner Mutter gut bekannt waren?

Dieser Gedanke gefiel Raul überhaupt nicht. Ratlos sah er auf den Jungen hinab und erkannte wieder die starke Ähnlichkeit mit seinem Vater. Die gleichen goldenen Sprenkel in den riesigen nussbraunen Augen. Pietro hätte den Kleinen vergöttert. Raul verstand nicht, warum sein Vater sich ihm nicht anvertraut hatte.

Ein Jammer, dass auch die Mutter im Testament vorkam. Raul seufzte verärgert. Offensichtlich hatte Libby keine Ahnung, wie man sich um ein Baby kümmerte. Gino sah eine Weile aus dem Fenster, dann drehte er sich zu Raul um und entblößte strahlend zwei schneeweiße Zähnchen.

Der Junge war süß, keine Frage. Raul ertappte sich dabei, wie er breit zurückgrinste, und in seiner Brust erwachte ein starker Beschützerinstinkt für seinen kleinen Halbbruder. In diesem Moment wusste er, dass er Gino versorgen und lieben wollte, so wie sein Vater es getan hätte, wenn er noch leben würde.

Auf diese Weise konnte Raul seinem Adoptivvater zurückgeben, was er ihm alles verdankte. Gino würde nicht nur materiell versorgt sein, Raul wollte eine Vaterfigur für ihn sein – und sich bedeutend besser um ihn kümmern als seine verantwortungslose Mutter. Das schwor er sich.

Libby kehrte aus der Küche zurück. „Könntest du ihn kurz halten, während ich ihm die Medizin gebe? Er ist nicht gerade begeistert davon.“ Sie schüttelte das kleine Fläschchen, füllte etwas Flüssigkeit in einen Messbecher und begriff plötzlich, dass sie Raul extrem nahe kommen musste, um Gino seine Medizin zu verabreichen.

Doch es gab kein Zurück mehr, und Libby bemühte sich, nicht zu auffällig zu zögern. Rauls Rasierwasser duftete verführerisch und drohte, ihre Sinne zu benebeln. Heimlich atmete sie es tief ein und stellte sich dabei vor, mit dem Kopf an seiner nackten Brust zu liegen. Woher kam dieser Gedanke nur?

Erschrocken richtete sie sich wieder auf. „Braver Junge“, stammelte sie leise und setzte Gino in seinen Hochstuhl.

Raul riss seinen Blick von den kleinen Spitzen los, die sich in Brusthöhe auf Libbys Top abzeichneten. „Wann kannst du abreisefertig sein?“, fragte er.

In Panik sah sie zu ihm hoch. Offenbar blieb ihr kaum Zeit zu entscheiden, wie sie sich verhalten sollte. Das Land verlassen? Sich weiterhin als Ginos Mutter ausgeben? Wie sollte sie auf Dauer mit einer so massiven Lüge leben? Ratlos starrte sie in Raul Carduccis kalte Augen und fasste spontan einen Entschluss.

„Ich weiß nicht genau“, erwiderte sie. „Ich muss meinen Mietvertrag kündigen und versuchen, den Bestand irgendwie zu veräußern. Und natürlich muss ich alle meine Sachen zusammenpacken.“ Dieser Punkt auf der Agenda würde allerdings nicht allzu lange dauern: ihre Kunstmaterialien, ihre Bilder, ein paar Kleider und einige Erinnerungsstücke ihrer Mutter. „Ich denke, ich könnte Gino Ende des Monats nach Italien bringen.“

„Ich habe von Tagen gesprochen, nicht von Wochen“, unterbrach er sie. „Meine Angestellten werden sich um die Auflösung des Geschäfts kümmern und deine Habseligkeiten nach Italien schicken lassen. Du selbst brauchst lediglich ein paar Sachen für dich und Gino einzupacken. Das sollte nicht länger als eine Stunde dauern.“ Er warf einen gelangweilten Blick auf seine goldene Armbanduhr. „Ich sehe eigentlich keinen Grund, warum wir nicht gleich heute Nachmittag abreisen sollten.“

„Heute Nachmittag?“, wiederholte sie entsetzt. „Das kann doch wohl kaum dein Ernst sein? Ich muss noch eine Million Dinge regeln, bevor ich mit Gino in einem anderen Land ein neues Leben anfangen kann.“ Ein anderes Land. Ein neues Leben. Das klang auch in Libbys Ohren völlig unreal. „Warum diese Eile?“

Anstatt ihr zu antworten, begutachtete Raul die vielen Landschaftsbilder, die im Wohnzimmer verteilt herumstanden. „Sind das deine Arbeiten?“, wollte er wissen.

„Ja. Meine bevorzugten Materialien sind Ölfarben und Kohle.“

Landschaftsmotive oder auch Stillleben von außergewöhnlichen Pflanzen, Terrassenecken, Strandbilder, Meeresperspektiven … Man hatte das Gefühl, in den farbenfrohen, lebendigen Bildern das Wasser rauschen zu hören oder die duftenden Blumen anfassen zu können. „Verkaufst du viele davon?“

Sein skeptischer Ton gefiel ihr nicht. „Einige. Aber hauptsächlich im Sommer, wenn es hier von Touristen nur so wimmelt. Ich stelle sie im Laden aus, aber im Winter hat das alles keinen Zweck.“

„Du wirst dich um deinen Lebensunterhalt nicht mehr kümmern müssen, sobald du in der Villa Giulietta wohnst“, bemerkte er kühl. „Vor allem musst du nicht länger als Stripteasetänzerin auftreten.“

„Was für ein Glück, denn ich bin noch nie als Stripteasetänzerin aufgetreten“, konterte Libby und wurde rot, als Rauls Blick absichtlich an ihren Brüsten hängenblieb.

„Der Purple Pussy Cat Club?“, erinnerte er sie.

Ihre Wangen brannten noch heißer als zuvor. Er hatte also von dem Club gehört, in dem sie und Liz früher gearbeitet hatten, und hielt sie nun für eine Tänzerin. Das waren die Nachteile, wenn sie sich als ihre Mutter ausgab! „Ich war keine Tänzerin“, erklärte sie zögernd. „Ich habe an der Bar gearbeitet, das ist alles.“

Ihr Traum, einmal die Kunsthochschule zu besuchen, war an der Realität gescheitert. Wegen des unsteten Lebens ihrer Mutter hatte Libby nur eine sehr lückenhafte, unvollständige Schulbildung genossen. Nach dem relativ schlechten Abschluss musste sie als Putzfrau und Bedienung in einem Imbiss jobben, bis Liz ihrer Tochter schließlich die Stelle als Bardame vermittelte – eben in dem Nachtclub, in dem Liz als Tänzerin arbeitete.

Es war der einzige Job gewesen, den Liz bekommen konnte, nachdem sie einige Jahre auf Ibiza gelebt hatte und dann nach England zurückgekehrt war. Sie hatte ihn zwar gehasst, aber sie und ihre Tochter brauchten dringend Geld. Und alles war besser, als beim Sozialamt Schlange zu stehen und am Existenzminimum zu leben. Liz war sehr unkonventionell gewesen und oft auch unverantwortlich, aber sie hatte ihren Stolz gehabt.

Noch immer sah Raul sie erwartungsvoll an, und irgendetwas in seinem Blick fand Libby zutiefst erotisch. Sie konnte sich nicht von ihm abwenden, so als würde sie in seinem Bann stehen und von den mitternachtsschwarzen Augen hypnotisiert werden.

Er kam auf sie zu und streckte – beinahe widerwillig – eine Hand aus, um eine der feuerroten Locken mit den Fingerspitzen zu berühren. „Du bist also keine Stripperin?“

„Nein!“

„Schade“, brummte er kaum hörbar. „Ich hätte dich für eine private Vorstellung gebucht.“

„Tja, das wäre pure Geldverschwendung“, gab sie schnippisch zurück und brachte ein paar Schritte Abstand zwischen sich und Raul. „Hör mal, ich glaube nicht, dass das funktionieren wird. Wenn du solche Dinge sagst, kann ich mir nicht vorstellen, mit Gino nach Italien zu kommen. Schon gar nicht von jetzt auf gleich!“ Sie nahm den Kleinen aus seinem Hochstuhl und presste ihn schützend an sich. „Außerdem hat Gino nächste Woche einen wichtigen Arzttermin wegen seiner Atembeschwerden.“

Gedankenverloren stand Raul am Fenster und blickte in den Regen hinaus. „Selbstverständlich werdet ihr mit mir kommen. Du wirst dir doch nicht die Chance entgehen lassen, ein Leben im Luxus zu führen?“ Angewidert von sich selbst spürte er, wie sich Verlangen in seiner Lendengegend regte. Ganz offensichtlich hatte er schon zu lange keine Frau mehr in den Armen gehalten. Ein Umstand, den er ändern würde, sobald er wieder zu Hause war!

Doch zuerst musste er Elizabeth Maynard davon überzeugen, ihn augenblicklich nach Italien zu begleiten. Immerhin hielt sie fünfzig Prozent seines Unternehmens in ihrer Kontrolle, und ohne sie konnte er seine Geschäfte nicht weiterführen.

„Wenn wir in Italien ankommen, werde ich Gino sofort von einem Spezialisten untersuchen lassen“, versicherte er ihr. „Schließlich ist er ein Carducci, und sein Vater hätte ganz bestimmt nur das Beste für ihn gewollt.“

Meine Mutter ebenfalls, dachte Libby traurig und sah sich in der heruntergekommenen Wohnung um.

„Wie könntest du Gino um sein Geburtsrecht bringen?“ Raul beschloss, seine Taktik zu ändern. „Die Frühlingssonne in Latium wärmt schon jetzt den See neben der Villa Giulietta, und das Klima dort wird dem Kleinen guttun. Er kann sich in dem großen Haus und auf dem riesigen Grundstück nach Herzenslust austoben, in den Orangenhainen spielen und später auf dem lago segeln lernen.“ Er selbst würde es ihm beibringen, so wie sein Adoptivvater es ihm gezeigt hatte! Das nahm Raul sich fest vor.

Plötzlich kam ihm ein störender Gedanke. „Gino hat doch wohl einen Pass?“, wollte er wissen.

„Ja, den hat er.“ Obwohl Liz ein ziemlich chaotisches Leben geführt hatte, war es ihr doch wichtig gewesen, kurz nach Ginos Geburt einen Pass für ihn zu beantragen. Vermutlich hoffte sie, Pietro würde früher oder später nach seinem Sohn fragen und ihn nach Italien einladen.

Offenbar mag Raul seinen Halbbruder, dachte Libby erleichtert. Und Liz hätte bestimmt gewollt, dass Gino in einem großen Haus und nicht in dieser verschimmelten Wohnung aufwächst.

Sie dachte daran, wie hartnäckig sich die Bank weigerte, ihren Dispositionskredit zu erweitern. Und daran, wie viele schlaflose Nächte sie damit verbrachte, sich um die Miete für den nächsten Monat zu sorgen. Sie war pleite, um ehrlich zu sein. Und in absehbarer Zeit würden sie und Gino ohnehin kein Dach mehr über dem Kopf haben.

Da kam Pietro Carduccis Testament wie ein Wunder aus heiterem Himmel. Es könnte für Libby der rettende Anker in der Not sein. Finanzielle Sicherheit für Gino bis ans Ende seines Lebens! Und Raul hatte es auf den Punkt gebracht: Sie durfte ihrem kleinen Bruder sein Geburtsrecht nicht verwehren. Zudem die Aussicht, den Jungen von einem Facharzt untersuchen zu lassen …

„In Ordnung“, stimmte sie mit klopfendem Herzen zu und hatte das unwirkliche Gefühl, sich offenen Auges in den Abgrund zu stürzen – in ein besseres, unbekanntes Leben voller Fremdkontrolle. „Wir kommen heute noch mit dir mit.“

„Gut.“ Er hatte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass das Vermögen seiner Familie Libby nach Italien locken würde. Entschlossen nahm er ihr Gino aus den Armen. „Ich kümmere mich um ihn, während du eure Sachen zusammenpackst. Mein Privatjet wartet in Newquay am Flughafen. Ich werde den Piloten anweisen, in etwa zwei Stunden startbereit zu sein.“

3. KAPITEL

„Wir sind in wenigen Minuten da“, verkündete Raul.

Libby war in die vorbeiziehende italienische Landschaft vertieft, aber beim Klang seiner Stimme horchte sie auf, und in ihrem Magen begann es zu kribbeln, als sie in sein schönes Gesicht blickte. Seine subtile Erotik wirkte extrem anziehend auf Libby, und sie fragte sich ernsthaft, wie es wohl wäre, ihn zu küssen. War er ein zärtlicher oder eher ein fordernder Liebhaber?

Ihre Wangen brannten, und sie hoffte inständig, er möge ihre Gedanken nicht erraten. Wie konnte sie sich zu einem Mann hingezogen fühlen, den sie kaum kannte und auf den ersten Blick unsympathisch fand? Offenbar führte ihr Körper ein höchst unwillkommenes Eigenleben.

Er ist so furchtbar ernst und konservativ, dachte Libby. Und dabei vermutlich nicht älter als Mitte dreißig!

Seine arrogante Haltung ihr gegenüber war nervtötend. Noch in Cornwall hatte Raul von ihr wissen wollen, ob sie wirklich alle Farben des Regenbogens in ihrer Garderobe vereinigen musste. Ihr orangefarbener Lackregenmantel gefiel ihm ganz eindeutig nicht besonders.

Ob alle Männer seiner Gesellschaftsschicht so verkrampft waren? Mit Miles hatte Libby auch nur schlechte Erfahrungen gemacht. Ihre kurze Affäre mit Mr Miles Sefton nahm ein jähes Ende, als Libby zufällig ein Gespräch mithörte, das er mit seinem Vater, dem alten Graf Sefton, führte. Natürlich sei sein Techtelmechtel mit der Bedienung vom Golfclub nichts Ernstes, sondern lediglich ein unbedeutender Zeitvertreib.

Die Erinnerung an diese erniedrigende Episode schmerzte Libby. Vielleicht wiederholte sich die Vergangenheit, und auch Raul würde ihr unmissverständlich klarmachen, wie wenig sie wert war. Ein kleiner Niemand, den er leider nicht so leicht abschütteln konnte.

Der Wagen wurde langsamer und fuhr eine von hohen Zypressen umsäumte Auffahrt entlang. Durch die dunkelgrünen Bäume blitzte das von der warmen Abendsonne angestrahlte Creme und Rosé des Gebäudes. In der Ferne glitzerte das tiefblaue Wasser des Sees, den Raul erwähnt hatte. Und dann kam endlich die Villa Giulietta zum Vorschein.

Sie sah wie ein Märchenschloss aus, mit vier Türmchen und unzähligen, von dunklen Steinen umrahmten Fenstern. Die Scheiben reflektierten das goldene Sonnenlicht, und überall waren wunderschöne Details in die Architektur eingearbeitet. Libby war überwältigt.

„Unglaublich“, flüsterte sie. „Das ist unglaublich schön.“

„Stimmt.“ Für einen Moment vergaß Raul den Frust, der seit einem halben Jahr in ihm wütete. Dies war sein Heim, und er liebte es.

Seine Exfrau hatte ihm sogar vorgeworfen, es mehr zu lieben als sie. Ganz besonders, als er sich weigerte, für immer nach New York zu ziehen. Zu dem Zeitpunkt steckte die Ehe mit Dana bereits in ihrer unwiderruflichen Endphase, und Raul wehrte sich nicht gegen diese Tatsache. Als sie sich trennten, bot er ihr das Apartment in Manhattan an und ging davon aus, sie würde keinen Anspruch auf die Villa erheben.

Weit gefehlt, dachte Raul bitter. Dana entpuppte sich als habgieriger Scheidungsprofi und erreichte ein legendäres Präzedenzurteil, indem sie erfolgreich Unterhalt nach nur einem Jahr Ehe einklagte.

Aber auch wenn er ein Vermögen an sie gezahlt hatte, wenigstens bekam sie die Villa Giulietta nicht in ihre nimmersatten Finger. Die Ehe war etwas für Idioten, das hatte Raul gelernt. Er würde nicht wieder den Fehler begehen zu heiraten.

Der Wagen hielt, und eine Frau eilte die Eingangstreppe hinunter auf den Vorplatz. Ungeduldig trat sie von einem Bein auf das andere und wartete darauf, die Neuankömmlinge endlich in Empfang nehmen zu können.

„Meine Tante Carmina“, sagte Raul zu Libby, bevor er auf die andere Frau zuging. „Zia Carmina“, rief er laut und führte galant ihre Hand an seine Lippen. Schließlich war sie die Schwester seiner Mutter, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, wenn sie ihren Dauerbesuch abgekürzt hätte und endlich nach Rom zurückkehren würde. Allmählich nahm seine Sympathie für sie ab.

Mit Gino auf dem Arm kam Libby auf Rauls Tante zu und duckte sich fast unter ihrem abfälligen Blick.

„Wer ist diese Frau?“, wollte Carmina wissen.

Raul winkte Libby weiter zu sich heran. „Das ist Elizabeth Maynard“, erklärte er auf Englisch. „Sie war Vaters …“ Er zögerte, aber seine Tante warf schon bestürzt beide Hände in die Luft.

„Dieses Mädchen war die Geliebte meines Schwagers?“, kreischte sie auf Italienisch. „Aber sie sieht so … gewöhnlich aus. Was hat Pietro sich dabei gedacht? Er muss von Sinnen gewesen sein, seine kleine puttana in die Villa einzuladen!“

Obwohl Raul beinahe das Gleiche dachte, ärgerte er sich über das rüde Verhalten seiner Tante und war froh, dass Libby den hässlichen italienischen Redeschwall nicht verstand.

„Mein Vater hatte jedes Recht, seine Wünsche zu formulieren und deren Umsetzung zu veranlassen. Und es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass seine … Gefährtin und sein Sohn hier leben sollen“, erinnerte er die ältere Dame kühl.

„Pah!“ Carmina machte keine Anstalten, Libby zu begrüßen, sondern schenkte ihr nur einen weiteren vernichtenden Blick und kehrte ins Haus zurück.

Sprachlos sah Libby ihr nach und drückte Gino an sich. Ihre Hände zitterten vor Aufregung, obwohl sie natürlich nicht genau verstanden hatte, worüber Raul mit seiner Tante gesprochen hatte. Trotzdem war ihr nicht entgangen, dass Carmina sie offensichtlich beleidigt hatte.

Wieder einmal zweifelte Libby an ihrer Entscheidung, sich als Ginos Mutter auszugeben. Möglicherweise würde die Carducci-Familie sie ja akzeptieren, wenn sie zugab, nicht die blutjunge Dirne ihres hochgeschätzten Pietro gewesen zu sein. Allerdings fiel das schlechte Licht dann auf ihre Mutter, was Libby nicht viel nützte. Und sobald Raul erfuhr, dass sie kein Wohnrecht in der Villa besaß, würde er sie sofort mit der Limousine zum Flughafen bringen lassen.

Bei seinem gesellschaftlichen Ansehen und finanziellen Möglichkeiten würde es ihm außerdem garantiert gelingen, als naher Verwandter von Gino das Sorgerecht für den Kleinen einzuklagen.

Raul fiel auf, wie nervös Libby war. Sein Angebot, ihr das Baby abzunehmen, lehnte sie etwas zu heftig ab, und er konnte sich keinen Reim auf ihr seltsames Verhalten machen. Die meisten Frauen wären bei der Aussicht, in dieser Luxusvilla leben zu dürfen, vollkommen aus dem Häuschen.

Überhaupt sah Libby absolut deplatziert aus: lila Stiefel, bunter Rock, dazu giftgrüne Strumpfhosen und dieser unbeschreibliche orangefarbene Regenmantel. Doch nichts konnte von ihrem bezaubernden Gesicht ablenken. Nicht zum ersten Mal fixierte Raul ihre weichen Lippen und verspürte dabei eine Sehnsucht, die ihn stark beunruhigte.

Dio, sie war eine regelrechte Hexe! „Komm mit! Ich zeige dir deine Zimmer“, sagte er barsch.

Stumm folgte sie ihm und fühlte sich im geräumigen Inneren der Villa noch kleiner und unsicherer als zuvor. Dabei hätte sie sich gern die prachtvollen Leuchter, die riesigen Gemälde und antiken Möbel genauer angesehen. Aber Raul eilte schnellen Schrittes voraus, und Libby hatte den Eindruck, sich für immer in diesen endlosen Gängen zu verlaufen, sollte sie ihn jetzt aus den Augen verlieren.

Im Obergeschoss stieß er die Tür zu einer hellen, überraschend modern eingerichteten Suite auf: Wohnzimmer, kleiner Essbereich und ein angrenzendes Schlafzimmer mit Bad.

Und es gab noch eine Tür, hinter der sich ein hellgelb gestrichenes Kinderzimmer verbarg. „Hier soll Ginos Reich entstehen“, erklärte er, und Libby bewunderte die blauen Vorhänge und den dazu passenden Läufer. Alles wirkte neu und frisch.

Sie setzte ihren kleinen Bruder auf dem Boden ab, und er krabbelte sofort auf eine bunte Spielzeugkiste zu.

„Das Kindermädchen schläft übrigens auch angrenzend zu diesem Zimmer“, informierte Raul sie tonlos.

„Welches Kindermädchen?“, wunderte Libby sich laut.

„Das ich für dich und Gino als Hilfe eingestellt habe. Sie kommt von einer der besten Agenturen Italiens und hat hervorragende Referenzen.“

„Und selbst wenn sie Mutter Theresa persönlich wäre!“, brauste Libby auf, gepackt von nackter Angst. Sie wollte nicht, dass irgendjemand ihren Platz in Ginos Leben einnahm. „Du kannst sie gleich wieder entlassen. Ich komme sehr gut allein mit dem Kleinen zurecht.“

„Den Eindruck habe ich nicht, nach allem, was ich in Pennmar beobachten musste“, widersprach Raul scharf. „Zudem du dort mit ihm in einem heruntergekommenen Loch gewohnt hast.“

Dieser Vorwurf brachte sie fast zur Explosion. „Ich habe die Wohnung absolut sauber gehalten und ständig gegen den Schimmelbefall angeschrubbt! Es ist nicht meine Schuld, dass die Wände dort so feucht waren.“

„Das Wohnzimmer hat wie ein Schweinestall ausgesehen!“

„Nur, weil ich meine Sachen dort schnell unterbringen musste, nachdem mein Schlafzimmer unter Wasser stand …“ Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach sie, und kurz darauf betrat eine dunkelhaarige Frau das Zimmer.

„Ah, Silvana“, sagte Raul. „Dann kann ich dir ja gleich deinen neuen Schützling vorstellen.“ Mit einer schwungvollen Bewegung nahm er Gino auf den Arm, und zu Libbys Bestürzung quiekte ihr Bruder vergnügt und erforschte Rauls Gesicht mit seinen weichen kleinen Händen. „Das ist Gino.“ Es folgte eine kurze Pause. „Und das ist seine Mutter, Miss Maynard.“

Silvana schenkte Libby ein strahlendes Lächeln und lenkte ihre Aufmerksamkeit gleich darauf wieder auf das Kind. „Was für ein niedlicher kleiner Junge“, bemerkte sie in akzentfreiem Englisch und fügte auf Italienisch hinzu: „Sei un bel bambino, Gino.“

„Er versteht kein Italienisch“, sagte Libby gepresst und wünschte sich insgeheim, Gino würde beim Anblick des Kindermädchens eine seiner berühmten Heulattacken bekommen. Doch der Kleine schien sich auf Rauls Arm ausgesprochen wohl und sicher zu fühlen und bedachte Silvana mit seinem einzigartigen Grinsen – das bisher nur Libby vorbehalten gewesen war.

„Silvana spricht beide Sprachen fließend und wird Gino bilingual erziehen“, informierte Raul Libby mit kühler Stimme. „Schließlich ist Italien seine neue Heimat, und da sollte er wohl seine Muttersprache beherrschen. Findest du nicht?“

„Ich denke schon“, murmelte Libby zustimmend und fühlte sich schrecklich, weil sie nicht selbst gleich daran gedacht hatte. „Ich werde es ebenfalls lernen. Mit Spanisch hatte ich keine Probleme, daher sollte es mir nicht schwerfallen“, fügte sie selbstbewusst hinzu.

„Hast du in der Schule Spanisch gelernt?“, fragte Raul interessiert.

„Nein …“ Sie mochte nicht zugeben, wie chaotisch ihre schulische Laufbahn zwischen Ibiza und London gewesen war. „Ich habe einen Teil meiner Kindheit auf Ibiza verbracht und dort Spanisch gelernt.“

Inzwischen hielt Silvana Gino auf dem Arm, der sich die Nähe zu seinem neuen Kindermädchen anstandslos gefallen ließ. Offenbar hatte er seine Fremdelphase überwunden!

Es wäre zutiefst egoistisch von mir, wenn ich darauf bestehen würde, seine einzige Bezugsperson zu bleiben, überlegte Libby schweren Herzens. Also stimmte sie zu, als Silvana anbot, Gino zu baden und zu füttern. Sie gab dem Baby einen dicken Kuss auf die Wange und kehrte dann mit Raul ins Wohnzimmer ihrer Suite zurück.

Dort aber stapfte sie energisch mit dem Fuß auf. „Ich kann dich nicht daran hindern, eine Nanny zu beschäftigen“, erklärte sie gereizt. „Aber du verschwendest dein Geld. Ich bin Ginos Mutter und werde mich daher auch in erster Linie um ihn kümmern, genauso, wie es bisher gewesen ist.“

Ihr Temperament erstaunte ihn. Zudem war er davon ausgegangen, dass sie mit dem Kind ihre eigene finanzielle Zukunft absichern wollte und das Angebot, die Pflege für Gino in fremde Hände zu geben, dankbar annehmen würde.

„Du kannst ja wohl kaum rund um die Uhr für Gino da gewesen sein, wenn du dich gleichzeitig um den Laden kümmern musstest“, gab er zu bedenken. „Außerdem bist du doch nach eigenen Angaben auch noch Künstlerin. Mit einem Baby kommt man allerdings nicht zum Malen.“

„Ich habe ihn immer mit in den Laden genommen und gemalt, wenn er geschlafen hat. Außerdem liegt meine Kunst eher brach, seit … seitdem ich Gino habe.“

Er dachte an die prachtvoll bunten Bilder in ihrem Apartment. „Es muss hart gewesen sein, etwas aufzugeben, das man liebt.“

Wortlos streifte sie ihren Mantel ab und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die wilden Locken. „Nicht wirklich. Gino kommt immer zuerst. Ich liebe ihn mehr als alles andere auf der Welt.“

Mit fest aufeinandergepressten Lippen schritt Raul zum Fenster. Er musste seinen Blick auf irgendetwas anderes lenken – nicht auf Libby. Seit sie diesen fürchterlichen Regenmantel nicht mehr trug, waren ihre vollen Brüste wieder deutlich in den Vordergrund gerückt. Es war Raul zwar unbegreiflich, aber er spürte ein unheilvolles Verlangen danach, sich näher mit ihren weichen, einladenden Kurven zu beschäftigen. An seinen Vater wollte er dabei überhaupt nicht denken …

„Du wirst Silvanas Dienste spätestens dann benötigen, wenn du an unseren Vorstandssitzungen teilnimmst. Mein Vater hat Gino fünfzig Prozent seiner Firma hinterlassen, die du bis zu Ginos Volljährigkeit verwalten musst.“

„Ich verstehe.“ Nachdenklich biss Libby sich auf die Unterlippe. Ihr graute davor, mit hochgebildeten Geschäftsleuten über Firmenpolitik diskutieren zu müssen. Sie würden ihr gegenüber alle so arrogant und überheblich auftreten wie Raul. „Allerdings weiß ich natürlich nicht viel über diese Dinge“, setzte sie leise hinzu.

„So viel konnte ich selbst feststellen, als ich die Bilanzen deines Ladens gesehen habe“, bemerkte er verächtlich. „Aber keine Sorge! Du musst nichts weiter tun, als dort zu unterschreiben, wo ich es dir sage.“

Gekränkt sah sie ihm in die Augen. Es hatte sie eine Menge Arbeit gekostet, Nature’s Way aufzubauen, und dafür war ihr insgesamt auch nicht viel Zeit geblieben. „Wenigstens scheint Silvana nett zu sein“, lenkte sie ein. „Ganz anders als deine Tante, diese alte Gewitterziege!“

Insgeheim teilte Raul diese Auffassung, aber das konnte er vor Libby keinesfalls zugeben. „Ich werde nicht erlauben, dass du dich meiner Familie gegenüber so respektlos äußerst“, erwiderte er steif. „Du bist ausschließlich auf Wunsch meines Vaters hier, aber vergiss bitte nicht deine Position!“

Seine Arroganz goss buchstäblich Öl in Libbys Feuer. „Was genau ist denn meine Position?“, wollte sie wissen und warf ihren Kopf so heftig zurück, dass ihre roten Locken nur so tanzten. „Deine geschätzte Tante hat mich jedenfalls angesehen, als wäre ich gerade erst aus einer dunklen Gosse hervorgekrochen. Und nebenbei, was bedeutet eigentlich das Wort puttana? Vielleicht sollte ich Silvana bitten, es für mich zu übersetzen?“

Rauls Miene war erstarrt. Noch nie in seinem Leben hatte jemand seine Autorität derart infrage gestellt oder in einem solchen Ton mit ihm gesprochen. Um ein Haar hätte er dieses unmögliche englische Frauenzimmer in seine Arme gerissen und ihr mit einem harten Kuss auf den frechen Mund gezeigt, wer hier der Herr im Hause war!

„Es bedeutet Hure“, antwortete er kalt.

„Oh.“ Das hatte Libby sich zwar bereits gedacht, aber sie wollte zumindest unterstreichen, dass sich seine hochwohlgeborene Familie anscheinend auch nicht einwandfrei zu benehmen wusste. Außerdem war ihr klar gewesen, dass sie in der Villa wohl kaum herzlich willkommen geheißen werden würde. Zu dumm, dass sich ihre Augen trotzdem mit Tränen füllten. „Das ist ziemlich brutal“, sagte sie knapp.

Dio! Raul hielt die kleine Engländerin zwar für eine hervorragende Schauspielerin, dennoch meldete sich sein schlechtes Gewissen. „Zia Carmina ist die Schwester meiner Mutter. Nach Eleonoras Tod blieb sie eng an Vaters Seite“, erklärte Raul etwas milder. „Du musst schon verstehen, dass sie zutiefst geschockt ist. Plötzlich erfährt sie, dass ihr geliebter Schwager mit einer geheimen Urlaubsaffäre ein Kind gezeugt hat. Und dann bist du auch noch so jung. Dio, Pietro war alt genug, um dein Großvater zu sein! Kein Wunder also, wenn Carmina mit deiner Anwesenheit Schwierigkeiten hat. Immerhin trauert sie noch um meinen Vater.“

„Ein bisschen zu sehr, wie mir scheint“, murmelte Libby so leise, dass Raul es nicht verstehen konnte. Dann erhob sie ihre Stimme. „Ich bin ebenfalls in Trauer. Die letzten sechs Monate waren die schlimmsten meines Lebens, das kannst du mir glauben!“

Ratlos rieb Raul sich den Nacken. War ihr belegter Tonfall auch nur vorgespielt? Sie konnte doch unmöglich so sehr unter dem Tod seines Vaters leiden? Libby war ganz anders, als Raul sie sich während der vergangenen Monate vorgestellt hatte, und ihr schien Pietro wirklich am Herzen gelegen zu haben. Aber warum fühlte sich ein so hübsches, junges Mädchen zu einem vierzig Jahre älteren Mann hingezogen, wenn nicht wegen des Geldes?

Alles wäre viel leichter, wenn sie ein oberflächliches, berechnendes Luder wäre! Ärgerlich ging Raul im Zimmer auf und ab und versuchte, sein Verlangen nach Libby abzuschütteln. Dann durchquerte er plötzlich den Raum und öffnete einen Koffer, der neben einem kleinen Tisch stand.

„Es war zwar ein langer Tag für dich, aber ich bräuchte trotzdem dringend deine Unterschrift für ein paar Dokumente.“

„Worum geht es?“, fragte sie und kam interessiert näher.

„Sie beziehen sich auf eine Reihe von Entscheidungen, die ich für das Unternehmen getroffen habe“, erklärte er vage und blätterte ein wenig in dem Stapel herum. „Diese Akte bezieht sich zum Beispiel auf die Fusion mit einer schwedischen Kosmetikfirma. Die Transaktion soll demnächst unbedingt über die Bühne gehen. Und dieses Dokument hier autorisiert den Transfer von Fonds zu einer unserer Tochterunternehmen in den Staaten. Eigentlich brauchst du nur deinen Namen darunterzusetzen, du musst dir nicht alles durchlesen.“

Libby runzelte misstrauisch die Stirn. „Wie kann ich das unterschreiben, wenn ich es nicht verstehe?“

Irritiert sah Raul zu, wie sie sich hinsetzte und die Schreibtischlampe anknipste. „Das ist doch zwecklos“, versuchte er einzuwenden und beobachtete, wie goldene Lichtreflexe auf ihrem Haar tanzten. „Du hast doch selbst gesagt, du verstehst nichts von Geschäftspolitik. Ich habe keinen Schimmer, warum mein Vater ausgerechnet dich als Verwalterin der Firmenanteile einsetzen wollte.“ Nun gelang es ihm nicht mehr, seinen Frust im Zaum zu halten. „Nach Pietros Tod bin ich davon ausgegangen, allein für Carducci Cosmetics verantwortlich zu sein. Du ersparst uns beiden eine Menge Zeit und Ärger, wenn du einfach deine Unterschrift unter diese Papiere setzt!“

In Libbys Innerem türmte sich der Ärger über den wahren Grund für Rauls dringende Suche nach Gino. Ihm war egal, ob ein Baby in einer verschimmelten Wohnung lebte oder nicht, er wollte lediglich sein Erbe sichern.

„Ich frage mich, warum Pietro dir nicht gleich alle Anteile vermacht hat?“, erwiderte sie schneidend. „Vielleicht vertraute er nicht darauf, dass du in Ginos Interesse handeln würdest, es sei denn, sie sind mit deinen direkt gekoppelt?“

Sein Gesicht wurde weiß vor Wut. „Du wagst es anzudeuten, mein Vater hätte nicht genug Vertrauen zu mir gehabt?“, stieß er hervor und hasste den Umstand, dass Libby seine eigenen Zweifel laut ausgesprochen hatte. Es stach ihm ins Herz, dass sein Vater ihm vielleicht nicht über den Weg getraut hatte. Also versuchte Raul, dieses kränkende Gefühl mit Aggression zu ersticken.

Ich bin zu weit gegangen, ahnte Libby, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. Andererseits wollte sie um jeden Preis die Wahrheit ans Licht bringen, um die Dinge zwischen ihnen zu vereinfachen. „Pietro wird seine Gründe gehabt haben, Ginos Mutter die Obhut über die Hälfte des Unternehmens anzuvertrauen.“

Daraufhin warf er den Kopf zurück, als hätte sie ihm eine Ohrfeige gegeben. „Dio, jemand sollte dir beibringen, deine Zunge im Zaum zu halten!“ Mit der Wucht eines angreifenden Raubtiers stürzte Raul auf Libby zu, umfasste ihr Gesicht und presste seine Lippen in einem wütenden Kuss auf ihren Mund.

4. KAPITEL

Libby wollte sich wehren, Raul von sich stoßen und ihm alle möglichen Beleidigungen an den Kopf werfen. Aber sie war wie erstarrt, und nach wenigen Sekunden schien sich jeder Knochen in ihrem Leib zu verflüssigen. Sie wurde weich, vom Kopf bis zu den Füßen, und sank hilflos gegen Rauls kräftigen Oberkörper.

Ihre Zungen begegneten sich heiß und fordernd in einem sinnlichen Liebesspiel. So etwas hatte Libby nicht einmal mit Miles erlebt, in den sie wirklich verliebt gewesen war.

Während Raul mit einer Hand über ihre volle Brust fuhr, stieß er Libby mit der anderen erschrocken von sich. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagte er heiser.

Die Verachtung in seinen Augen galt ihm selbst ebenso sehr wie ihr, aber Libby las noch mehr in seinem Gesicht. Lust. Er hasste sich dafür, dass sie Verlangen in ihm auslöste.

Hastig raffte er die Unterlagen zusammen und stopfte sie zurück in den Aktenkoffer. Dann sah er Libby kurz und durchdringend an, bevor er zur Tür schoss und sie aufriss. Bevor er verschwand, warf er noch einen Blick über die Schulter auf die hellhäutige, rothaarige Schönheit, die schon seinem Vater den Kopf verdreht hatte, und nahm sich vor, sich zukünftig besser gegen ihren Zauber zu wappnen.

„Ich habe heute Abend noch einen wichtigen Termin“, erklärte er kühl und hielt an der Tür inne. „Meine Tante fühlt sich nicht wohl, darum wird dein Abendessen hier in der Suite serviert werden. Morgen Mittag wartet eine Vorstandskonferenz auf uns. Wir werden also nach dem Frühstück nach Rom aufbrechen, weil ich vor der Besprechung noch einige Dinge im Büro zu erledigen habe. Silvana kümmert sich um Gino.“

„Wie lange werden wir unterwegs sein? Ich möchte ihn am ersten Tag nicht gern allein lassen“, sagte Libby besorgt.

„Die Konferenz dauert bis in den Nachmittag. Und abends findet ein wichtiges geschäftliches Dinner statt“, lautete die nüchterne Antwort.

Ihre finstere Miene quittierte Raul mit einem Schulterzucken. „Verabredungen dieser Art gehören zu den Aufgaben eines Geschäftsführers. Aber natürlich gäbe es einen Weg für dich, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen und vielleicht sogar wieder mit dem Malen anzufangen.“

„Und der wäre?“

„Du könntest Ginos Anteile notariell auf mich übertragen.“ Sofort schüttelte Libby den Kopf, und Raul verlor beinahe die Fassung. „Ich habe den Großteil meines Lebens damit verbracht, mich zu Vaters Nachfolger in der Firma ausbilden zu lassen! Pietro ist immer ein vorsichtiger Unternehmer gewesen, aber ich habe Pläne, die unsere Firma weit nach vorn bringen würden!“

„Vielleicht hätte sich Pietro auch mehr Vorsicht von dir gewünscht“, gab Libby zu bedenken. „Womöglich befürchtete er, du könntest in Bezug auf Carducci Cosmetics zu viele Risiken eingehen. Ich verstehe bestimmt nicht viel von Unternehmensführung“, gab sie zu, „aber ich bin nicht ganz dumm. Und ich würde niemals verschwenderisch oder unverantwortlich mit Ginos Erbe umgehen. Das bedeutet, ich werde keinen geschäftlichen Entscheidungen zustimmen, die mir zu riskant erscheinen.“

Damit waren die Fronten geklärt, und in Raul machte sich eine unerträgliche Bitterkeit breit. Der einzige Punkt, in dem er und sein Vater sich nie einig geworden waren, betraf die Zukunft von Carducci Cosmetics. Pietro bevorzugte den Kurs des sicheren Investments und der sorgfältig abgewogenen kleinen Fortschritte, während sein Adoptivsohn auf schnelle Expansion und Verlagerung der Kernkompetenzen setzte – zugegebenermaßen mit dem Nachteil eines größeren Risikos. Aber hatte er nicht hinreichend bewiesen, wie erfolgreich seine Entscheidungen letztlich immer waren?

Das hanebüchene Testament bewies hinlänglich, dass sein Vater ihm misstraut hatte. Doch es gab einen Ausweg: Sollte Libby heiraten, würden Ginos Anteile bis zu seiner Volljährigkeit an Raul gehen. Von dieser Klausel wusste Libby nichts, da sie in ihrer Wohnung in Pennmar nicht das ganze Testament gelesen hatte.

Madre di Dio! Aber die Geliebte seines Vaters zu heiraten, ging Raul damit nicht zu weit? Er hatte der Ehe abgeschworen, in diesem Fall wäre es allerdings nichts weiter als ein wirtschaftlicher Schachzug. Und obendrein erlaubte es ihm, mit einer Frau ins Bett zu gehen, die ihn bis aufs Blut reizte – in jeder Hinsicht!

Diese Frau hatte sich auf eine Affäre mit einem alten Mann eingelassen. Demnach würde Raul bei ihr sicher ein leichtes Spiel haben. Außerdem konnte er sämtliche Risiken mit einem wasserdichten Ehevertrag auf ein Minimum reduzieren.

In Gedanken versunken betrachtete er ihr hautenges Top, unter dem sich der BH abzeichnete. Raul erinnerte sich an das Gefühl ihrer vollen Brust unter seiner Hand, und dieser Gedanke löste primitive Gefühle in ihm aus. Die Idee war geboren, und er würde mit ihrer Umsetzung zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!

Libby dagegen fasste sich unbewusst mit den Fingerspitzen an die Lippen und kämpfte mit den Tränen. Sie war müde, überfordert und sah sich außerstande, mit Raul um die Vorherrschaft in seiner Firma zu kämpfen. Und dann dieser Kuss! Warum hatte sie der körperlichen Versuchung so leicht nachgegeben? Sie wollte doch nur Gino zu der Stabilität und finanziellen Sicherheit verhelfen, die sie selbst niemals im Leben erfahren hatte.

Von nun an musste sie darauf achten, Abstand zu Raul zu wahren. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt und hatte am Beispiel ihrer Mutter gesehen, wohin unbedachte Affären einen Menschen führen konnten. Und Raul hatte mit Sicherheit genügend Anwärterinnen, die nur darauf warteten, von ihm erhört zu werden.

Meine Entscheidung war richtig, dachte Libby trotzig. Ich darf mir ab sofort nur keine Fehler mehr erlauben.

Am nächsten Morgen brausten sie mit Rauls Lamborghini Richtung Rom, vorbei an Olivenhainen und endlosen Feldern. Aus dem Augenwinkel musterte Libby die tief gebräunten, kräftigen Hände, die das Steuer des Sportwagens umfassten.

Sie hatte lange überlegt, wie sie sich dem Anlass entsprechend kleiden sollte. Ihre Wahl war auf einen kurzen Jeansrock gefallen, der zusammen mit den dunklen Leggins einigermaßen salonfähig wirkte. Jedenfalls fand sie das, Rauls abwertender Blick jedoch war unmissverständlich gewesen.

Aber was sollte sie sonst tragen? Sie besaß nun einmal keine Designerkostüme und wusste selbst, dass ihr lilafarbenes Top kaum seriös wirkte. Libby hoffte, mit einer ordentlichen Hochsteckfrisur das Beste aus der Situation zu machen, aber spätestens der pinkfarbene Schal und die Flipflops stempelten sie als Eindringling in einer Welt ab, in der sie nicht das Geringste zu suchen hatte …

Raul dagegen sah wie der perfekte Geschäftsmann aus: maßgeschneiderter schwarzer Anzug, frisch rasiert und zurückgekämmtes Haar. Wenigstens war das Hemd nicht weiß, sondern blassblau.

Da Libby das bleierne Schweigen zwischen ihnen unerträglich fand, kramte sie ein paar Bonbons hervor. „Möchtest du?“, bot sie Raul an.

„Was ist das? Kaugummi?“

Seine Abscheu war beinahe komisch, trotzdem fühlte Libby sich angegriffen. „Bist du eigentlich niemals locker?“, wollte sie wissen.

Für ein paar Sekunden wandte er seinen Blick von der Straße. „Wenn du damit meinst, ob ich mich auch wie ein Zirkusclown kleiden würde, lautet die Antwort definitiv nein!“

„Ich sehe nicht wie ein Clown aus“, erwiderte sie beleidigt. „Mir gefallen einfach fröhliche Farben.“

„Das habe ich bemerkt“, antwortete Raul trocken.

„Besser, als sich wie ein alter Rektor zu benehmen. Du gehst bestimmt sogar mit einem Maßanzug ins Bett!“, platzte sie heraus.

„Um ehrlich zu sein, schlafe ich am liebsten nackt.“

„Oh.“ Sie machte ein Geräusch, das wie ein unterdrücktes Husten klang. Im Geiste sah sie vor sich, wie Raul sich mit seinem wunderbaren, muskulösen Körper zwischen Satinlaken aalte.

Ihm gefiel es, wie schnell Libby errötete. „Apropos, wie benimmt sich eigentlich ein alter Rektor?“, hakte er nach. „Du scheinst da ganz persönliche Erfahrungen gemacht zu haben.“

„Ach, Mr Mills mochte mich nie“, entgegnete sie abwehrend. „Er hielt mich für eine Rebellin und versprach mir ständig, ich würde meinen Abschluss ohnehin nicht schaffen. Aber ich habe es ihm gezeigt“, verkündete sie nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme. „Zumindest habe ich Kunst bestanden.“

„Nur Kunst?“ Raul dachte an seinen ausgezeichneten Abschluss in Rom und sein Masterdiplom in Harvard. Es schockierte ihn, dass er mit einer relativ ungebildeten Amateurin das Unternehmen seiner Familie weiterführen sollte. Hatte sie etwa nur einen Hochschulabschluss in Kunst?

„Du hast doch auf Ibiza gelebt?“, fragte er weiter, da eine Antwort ausblieb. „Hatte deine Familie dort Grundstücke oder Ähnliches?“

Zögernd schüttelte Libby den Kopf. Doch eigentlich sah sie keinen Anlass, ihren familiären Hintergrund zu verschweigen. „Meine Mutter hat mich allein großgezogen. Einen Vater habe ich nicht, oder besser gesagt, ich weiß nicht, wer er ist. Er hat meine Mutter verlassen, als sie mit mir schwanger war. Bei meiner Geburt war sie erst siebzehn und steckte in ziemlichen Schwierigkeiten.“ Liz’ Drogenabhängigkeit behielt sie für sich, genauso wie den Zustand ihrer früheren Wohnungen. „Das Jugendamt hat zeitweilig meine Pflege übernommen, bis Mum ihre Probleme wieder im Griff hatte. Meine Pflegeeltern waren feine Menschen, aber sie hatten noch sieben weitere Kinder in ihrer Obhut, und das Leben dort war ziemlich hektisch. Ich habe Mum sehr vermisst und war heilfroh, als ich wieder bei ihr leben durfte. Dann nahm sie mich mit nach Ibiza, und wir lebten dort in einer Kommune mit Künstlern und Freidenkern.“

Unwillkürlich hatte Raul eine Horde verantwortungsloser Hippies vor Augen, und er bedauerte Libby aufrichtig wegen ihrer extrem unkonventionellen Kindheit. Hoffentlich hegte sie keine ähnlichen Vorstellungen in Bezug auf Ginos Erziehung! Das würde er niemals erlauben! Der Sohn seines Adoptivvaters gehörte in die Villa Giulietta, und Raul war heilfroh, dass Pietro testamentarisch dafür gesorgt hatte.

Eine weitere Idee keimte in ihm auf. Wenn er Libby heiratete, konnte er Gino adoptieren und das alleinige Sorgerecht beantragen – nur für den Fall, dass sie wieder ein Kommunenleben anstreben sollte. „Und wie lange habt ihr euer Leben dort auf der Insel geführt?“, erkundigte er sich.

„Sieben Jahre. Als ich vierzehn war, kehrten wir nach England zurück. Ich wurde in Spanien zwar von einem Kommunenmitglied unterrichtet – einem ehemaligen Lehrer –, doch auf der staatlichen Schule in England stellte sich schnell heraus, wie groß meine Wissenslücken waren. Außerdem war ich den strengen Alltag mit festen Lernphasen und Schuluniform nicht gewohnt“, gab Libby zu. „Nur in Kunst war ich außergewöhnlich gut.“

Und jetzt, als Erwachsene, bereute sie ihren dürftigen Bildungsweg bitter. Natürlich hatte sie ihre Mutter sehr geliebt, aber sie wusste auch, wie leichtfertig Liz durchs Leben gerauscht war. Die Zeit in der Pflegefamilie war eine harte Prüfung für Libby gewesen, und gerade darum fürchtete sie sich davor, Gino zu verlieren.

Er gehörte einfach zu ihr. Raul war zwar sein Halbbruder, aber trotzdem nicht blutsverwandt mit ihm. Und er würde das Baby niemals so lieben können, wie sie es liebte …

„Wie willst du unter diesen Umständen eine tragende Rolle in der Firma übernehmen?“, wetterte Raul. „Eine Bardame mit einem Abschluss in Kunst …“ Fassungslos schüttelte er den Kopf und brummte etwas auf Italienisch.

„Ich bin vielleicht nicht qualifiziert, aber ich habe mir etwas erworben, das man Bauernschläue nennt“, erwiderte sie mit fester Stimme. „Jahrelang habe ich meiner Mutter bei ihrem Marktstand geholfen, und ich kenne den Unterschied zwischen riskanten und sicheren Geschäftsabschlüssen. Soweit es in meinen Möglichkeiten liegt, werde ich achtsam mit Ginos Firmenanteilen umgehen.“

„Wo bist du eigentlich meinem Vater begegnet?“

Diese Frage traf sie aus heiterem Himmel, und Libby versuchte fieberhaft, sich daran zu erinnern, was Liz ihr erzählt hatte.

„Wir haben uns auf einem Kreuzfahrtschiff getroffen“, murmelte sie zögernd. „Der Aurelia. Es war eine vierwöchige Reise auf dem Mittelmeer.“

Er schien überrascht. „Unternimmst du öfter Kreuzfahrten?“

Das Lügen fiel Libby nicht leicht, und ihre Wangen färbten sich allmählich rosa. „Nein, es war das erste Mal. Ich hatte die Kreuzfahrt gewonnen.“ Wenigstens dieser Teil der Geschichte entsprach der Wahrheit.

„Also bist du meinem Vater an Bord begegnet?“ Raul erinnerte sich an den Tag, als er seinen Vater zum Pier gebracht hatte. Damals hatte er gefunden, dass die anderen Gäste auf der Aurelia allesamt eher zum älteren Publikum zählten.

„Ja. Das Schiff war absolut gigantisch. Ich habe mich auf dem Weg zu meiner Kabine verlaufen und bin in der ersten Klasse gelandet. Pietro war gerade unterwegs zum Oberdeck. Wir gerieten ins Plaudern, und der Rest … ist Geschichte.“

„Was für ein glücklicher Zufall, dass du dich verlaufen hast“, warf er trocken ein.

So berechnend war meine Mutter nicht, dachte Libby sofort. Immerhin hat sie mich allein großgezogen, ohne sich jemals von einem Mann abhängig zu machen. Aber wie sollte sie das Raul erklären? Aus dem Grab, das Libby sich selbst geschaufelt hatte, kam sie so leicht nicht wieder hinaus.

Schweigend parkte er seinen Sportwagen direkt vor dem Bürogebäude seines Unternehmens. Es war ein hochmoderner Bau mit gläserner Front und breiten Marmorstufen, die ins Foyer führten. Im Empfangsbereich dominierten riesige schwarze Ledersofas und ein Marmortresen, an dem eine bildschöne Frau auf Besucher wartete.

Ich hätte mich schminken sollen, dachte Libby im Fahrstuhl auf dem Weg nach oben, wo sie als Erstes Rauls Privatsekretärin kennenlernte. Kurz darauf betrat sie den Konferenzraum, wo acht männliche Vorstandsmitglieder sich stirnrunzelnd zur Begrüßung von ihren Stühlen erhoben.

Vier Stunden später musste Libby zugeben, dass ihr neues Aufgabenfeld nichts damit zu tun hatte, einen einfachen Marktstand auf Ibiza zu organisieren. Ihr Kopf dröhnte regelrecht von all den Informationen. Zum Glück hatte man die Besprechung ihr zuliebe auf Englisch geführt, trotzdem war sie mitunter hoffnungslos überfordert gewesen.

„Wahrscheinlich ist das alles ziemlich langweilig für dich“, sagte Raul nach der Sitzung zu ihr, „aber ich würde es trotzdem begrüßen, wenn du dich um ein wenig mehr Aufmerksamkeit bemühst.“

Sein Sarkasmus provozierte sie. „Ich habe mich nicht gelangweilt, und ich bin auch an keiner Stelle eingeschlafen. Aber ich gebe zu, dass ich sicher nicht alles verstanden habe, was besprochen wurde.“

„Dann überschreibe doch einfach Ginos Anteile auf mich und ermögliche mir so, das Unternehmen vernünftig zu führen“, drängte er sie und starrte wieder einmal ihre feuerrote Haarpracht an. „Das Dinner beginnt erst um acht Uhr. Das lässt dir genügend Zeit, um etwas Passendes zum Anziehen zu kaufen. In der Via Condotti und am Piazza di Spagna findest du jede Menge erstklassiger Boutiquen“, fuhr Raul unbeirrt fort und drückte den Knopf für den Lift. „Ich bringe dich vorher noch zu einem Stylisten, aber da ich einen wichtigen Termin habe, wirst du allein dort bleiben müssen.“ Sein Blick fiel auf ihre violetten Kreolen, deren Farbe sich mit den rosafarbenen Flipflops biss. „Du repräsentierst jetzt Carducci Cosmetics, und ich werde nicht zulassen, dass du aussiehst, als würdest du deinen Lebensunterhalt mit Feudeln und Fensterputzen verdienen!“

Zwei Stunden später betrat Raul das Fünf-Sterne-Hotel, in dessen Restaurant das Geschäftsessen stattfand. Libby sollte ihn dort an der Bar treffen. Und wie erwartet, verspätete sie sich.

Ungeduldig betrachtete er die Menschen, die auf den Barhockern saßen. Ein halb nackter Rücken – in eisgraue Seide gehüllt – erregte seine Aufmerksamkeit.

Die Frau trug ein bodenlanges, trägerloses Kleid, silberne Stilettos und hatte ihre Haare locker hochgesteckt. Feuerrote Haare! Ein paar Locken fielen lose aus der Silberspange in den Nacken!

Kaum zu glauben, aber es war Libby! Sofort erinnerte sein Körper ihn daran, wie attraktiv er dieses unmögliche Frauenzimmer fand, und er starrte fassungslos in den Spiegel hinter der Bar, der ihr perfekt geschminktes Gesicht reflektierte.

Libby war von Natur aus unbeschreiblich schön. Aber nachdem ein Profi all ihre optischen Vorzüge vorteilhaft hervorgehoben hatte, war ihre einzigartige Ausstrahlung für niemanden mehr zu übersehen.

Und Raul wusste nicht, wie er sein Verlangen länger im Zaum halten sollte …

5. KAPITEL

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen, Signorina?“

Obwohl der Barkeeper höflich lächelte, entging Raul nicht, wie sein bewundernder Blick an Libbys Ausschnitt hängenblieb. Mit einem Satz war er bei ihr.

„Die Lady nimmt Champagner!“

Erschrocken fuhr Libby herum und fiel Raul dabei fast in die Arme. Hilfsbereit stützte er sie und hielt sie dabei etwas länger als notwendig fest.

„Sei bellissima!“, raunte er in ihr Ohr, und sein Atem verursachte eine Gänsehaut auf ihren Armen. „Du siehst in diesem Kleid hinreißend aus, cara.“

Bevor sie antworten konnte, musste sie ihre trockenen, dunkel getönten Lippen mit der Zunge befeuchten. „In diesem alten Ding?“, scherzte sie. „Damit feudele ich normalerweise den Boden oder putze die Fenster.“

In seinen Augen blitzte es auf, aber sein Gesichtsausdruck war voller Reue. „Ich kann kaum glauben, dass ich das gesagt habe. Bitte entschuldige! Du würdest selbst in Sack und Asche eine überzeugende Wirkung haben. Aber in diesem Kleid …“ Sein Blick glitt an ihr hinunter. „Das haut mich buchstäblich um, bella.“

Sein flapsiger Kommentar, aber vor allem seine ungewohnt galante Haltung verunsicherten Libby. Sie nahm einen großen Schluck von ihrem kühlen, prickelnden Champagner. „Das habe ich noch nie getrunken“, gestand sie lächelnd. „Aber du weißt ja, wie unkultiviert ich bin.“

Raul machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du bist die lebendigste Frau, der ich jemals begegnet bin“, sagte er wahrheitsgemäß. „Und ich fühle mich in deiner Gegenwart so angeregt wie nie zuvor. Ein Jammer, dass du mich für steif und konservativ hältst.“

„Das tue ich gar nicht“, gab sie zurück und wandte sich ihm ganz zu. Ihre Blicke trafen sich und tauschten ein elektrisierendes Geheimnis aus.

Da Libby nicht ahnte, was seit dem Vorstandstreffen mit Raul geschehen war, schob sie seine Verwandlung auf die hervorragende Arbeit des Stylisten. Offenbar ähnelte sie jetzt den Frauen, mit denen er umzugehen gewohnt war, und das lockte seinen italienischen Charme ans Tageslicht. Sie waren keine Feinde mehr, sondern einfach eine Frau und ein Mann, die sich zu einer abendlichen Verabredung trafen. Hinzu kam ein Flair von sexueller Anziehungskraft …

„Freut mich zu hören“, murmelte er und kam noch etwas näher, sodass sie sein herbes Aftershave einatmete. Mit dem Handrücken strich er über ihre Wange. „Um Ginos willen sollten wir versuchen, Freunde zu werden. Was meinst du, cara?“

Freunde! Sie konnte ihre Überraschung kaum verbergen. Das klang so verlockend, so einfach und unbeschwert. Wie das Verhältnis zu Tony in Pennmar. Allerdings würde sie sich in Rauls Gegenwart niemals gelassen und entspannt fühlen, dafür fand sie ihn zu attraktiv und zu aufregend, zu maskulin und unbeschreiblich ...

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