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Zweite Chance für das Glück? / Liebe im Doppelpack / Sag mir dein süßes Geheimnis / Das schönste Muttertagsgeschenk

Jessica Hart

Zweite Chance für das Glück?

1. KAPITEL

Sie konnte es sich beim besten Willen nicht leisten. Seufzend warf Rose ihren Kugelschreiber hin. Wie sie es auch drehte und wendete, es reichte einfach hinten und vorne nicht. Sie saß in der Klemme.

„Was soll ich bloß mit dir machen?“, fragte sie ihren kleinen Sohn.

Jack gab keine Antwort, aber Rose hatte auch keine erwartet. Mit zwanzig Monaten reichte sein Vokabular für eine praktische Lösung ihres Problems noch nicht aus, aber beim Klang ihrer Stimme sah er zu ihr auf und schenkte ihr ein so hinreißendes Lächeln, dass Roses Herz sich vor Rührung zusammenschnürte. Auch wenn er keine Lösung für ihr momentanes Kinderbetreuungsproblem hatte – sein Lächeln gab ihr die Zuversicht, dass sie es schon irgendwie schaffen würde.

Rose ließ die deprimierenden Kontoauszüge auf dem Küchentisch liegen und setzte sich neben ihren Sohn auf den Fußboden. Jack wandte seine Aufmerksamkeit wieder den bunten Bauklötzchen zu, die um ihn herum verstreut lagen. Geistesabwesend legte Rose drei aufeinander, um Jack zu zeigen, wie man einen Turm baute.

„Ich brauche diesen Auftrag, aber ich kann dich unmöglich mit ins Studio nehmen“, sagte sie, als Jack den Turm umwarf. „Peter und Peters Haus ist einfach zu durchgestylt für Kleinkinder. Zu viele scharfe Kanten und Antiquitäten, und außerdem kann ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren, wenn du dabei bist.“

Rose sprach ziemlich häufig mit Jack, auch wenn er sie noch nicht verstehen konnte. Er lauschte offensichtlich gern ihrer Stimme, und sie selbst fühlte sich weniger allein, wenn sie jemandem ihre Probleme mitteilen konnte, auch wenn der Dialog zwangsläufig etwas einseitig blieb.

Verdrossen blickte Jack auf den kaputten Turm. Rose baute rasch einen neuen und höheren. Sein Gesicht hellte sich sofort auf. Klasse, noch etwas zum Kaputtmachen!

„Vielleicht hätte ich den Heiratsantrag deines Vaters doch annehmen sollen“, fuhr Rose schuldbewusst fort.

Aber bei dieser Vorstellung war ihr immer etwas unbehaglich zumute. Natürlich wäre es das Vernünftigste gewesen, und normalerweise hatte sie auch kein Problem damit, vernünftig zu sein, aber jemanden zu heiraten, den man nicht wirklich liebte, war ein gewagter Schritt, ganz egal, wie praktisch es schien. Roses einziges Zugeständnis war bislang nur, darüber nachdenken zu wollen.

„Allerdings hätte das dein jetziges Betreuungsproblem auch nicht gelöst“, fügte sie rasch hinzu und legte vorsichtig einen blauen Bauklotz auf die Spitze des Turms. „Dein Dad hätte trotzdem beruflich nach Bristol gehen müssen, und ich würde immer noch hier sitzen, ohne zu wissen, wie ich deine Betreuung bezahlen soll. Das ist nämlich unmöglich, solange ich den Auftrag nicht habe, aber ich kann auch nicht arbeiten, wenn niemand auf dich aufpasst.“

Rose setzte sich auf die Fersen und sah lächelnd zu, wie Jack den zweiten Turm mit einem Triumphschrei zerstörte. „Das ist ein echtes Problem, oder?“

„Da!“, schrie Jack entzückt.

„Klingt wie ein Ja für mich.“ Seufzend warf Rose einen Blick auf die Uhr und erhob sich mühsam. Es wurde Zeit für Jacks Abendessen. Vielleicht fiel ihr ja wie durch ein Wunder noch eine Lösung ein, wenn er im Bett lag und sie etwas Ruhe zum Nachdenken hatte.

Rose überließ Jack seinen eigenen Turmbaukünsten und ging in die Küche. Sie liebte diesen Raum. Von der schmalen Eingangsdiele mit der Treppe zum ersten Stock abgesehen, waren sämtliche Wände im Erdgeschoss des viktorianischen Reihenhauses entfernt worden, um einen großen Raum zu schaffen. Das Ergebnis war ein heller offener Wohnbereich mit bequemen Sofas nach vorne raus und auf der Rückseite eine großzügige Küchen- und Esszone mit Zugang zu ihrem Garten.

Streng genommen war es zwar gar nicht ihr Garten, sondern Drews, doch er wohnte schließlich nicht hier und hätte auch nichts mit dem Garten anfangen können. Jedes Mal, wenn Rose an die lächerlich geringe Miete dachte, die sie ihm zahlte, wurde ihr fast schwindlig vor Erleichterung und Dankbarkeit. Ohne Drews Großzügigkeit wäre sie nach Jacks Geburt nicht zurechtgekommen. Aber so war er schon immer gewesen.

Verantwortungs- und rastlos, geradezu lächerlich bindungsscheu, aber unbestreitbar großzügig.

Ihr Blick fiel auf ein altes Foto, das mit einem Snoopy-Magneten an der Kühlschranktür befestigt war. Rose blinzelte darauf in die Sonne, während Drew den Arm um sie legte. Sie sahen unglaublich glücklich und voller Vertrauen in die Zukunft aus. Und sehr jung.

Rose hielt es für richtig, ein Foto von ihm zu haben – schließlich war es sein Haus – aber der Anblick versetzte ihr jedes Mal einen Stich. Es zeigte Drews typisches schiefes Lächeln, die ironisch funkelnden Augen und die eigentümliche sternförmige helle Stelle in seinem dunklen Haar. Sie hatte immer gewusst, dass sie ihn liebte. Sie hatte nur nicht erkannt, wie sehr, bis er fortging.

Drew. Wo er jetzt wohl steckte? „Ich bin gerade auf dem Sprung nach Afrika“, hatte er fröhlich verkündet, als sie ihn das letzte Mal auf der öden Party gesehen hatte, zu der sie mit Seb gegangen war. „Ich wirke bei einem Entwicklungshilfeprojekt mit. Wasserversorgung für abgelegene Dörfer.“ Rose hatte gar nicht richtig hingehört, als er erzählte, wohin es ging – wahrscheinlich eines dieser afrikanischen Länder, deren Hauptstädte sie nie aussprechen konnte. Sie hatte damals nur eins begriffen: dass er fortging.

Offensichtlich wollte er sich lieber Staub, Hitze und Gefahr aussetzen, als eine Familie mit ihr zu gründen.

Roses Blick ruhte auf seinem Gesicht. Sie konnte ihn sich deutlich vorstellen, wie er mit hochgekrempelten Ärmeln in die afrikanische Sonne blinzelte. Drew liebte Herausforderungen. Er war schon immer ein Abenteurer gewesen und jemand, mit dem man sogar in den langweiligsten Situationen Spaß haben konnte.

Wie lange war es eigentlich schon her, dass sie zuletzt Spaß gehabt hatte? fragte Rose sich sehnsüchtig.

Nicht seitdem sie Drew das Ultimatum gestellt hatte. Werde solide und gründe eine Familie mit mir, oder ich suche mir jemand anders, jemanden, der Kinder will, hatte sie zu ihm gesagt.

Drew hatte sich gegen sie entschieden.

„Aber wir bleiben doch Freunde, oder?“, hatte er beim Abschied gefragt. Das waren keine leeren Worte gewesen. Als Rose ihn nämlich später fragte, ob sie das Haus mieten könne, das er in der Zwischenzeit als Geldanlage gekauft hatte, hatte er keinen Moment gezögert. „Du würdest mir damit sogar einen Riesengefallen tun“, hatte er gesagt. „Ich könnte mir keine bessere Mieterin wünschen als dich, Rose.“

Rose unterdrückte einen Seufzer. Drew hatte jetzt ein eigenes Leben, genau wie sie. Sie gab sich einen Ruck und öffnete den Kühlschrank, sodass das Foto außer Sichtweite war. Dann zwang sie sich, über das Abendessen ihres Sohns nachzudenken statt über Drew.

Sie holte ein Stück Huhn und eine Schüssel mit früher am Tag zubereitetem Tomatenpüree aus dem Kühlschrank und beschloss, Nudeln zu kochen. Vielleicht konnte sie ja ein paar Erbsen in die Soße hineinmogeln. Es war wirklich erstaunlich, wie misstrauisch Jack gewisse grüne Gemüsesorten inzwischen beäugte.

Sie füllte gerade einen Topf mit Wasser, als es an der Tür klingelte. Jack blickte von seinen Bauklötzchen hoch. Er sah genauso überrascht aus wie sie.

„Wer mag das nur sein?“, fragte Rose und drehte das Wasser ab. „Normalerweise bekommen wir um diese Zeit keinen Besuch.“ Da Jack in den letzten Monaten so agil geworden war, dass sie ihn für keinen Augenblick allein lassen wollte, bückte sie sich und nahm ihn auf den Arm. „Dann lass uns mal nachsehen.“

Sie setzte ihn mit geübtem Schwung auf ihre Hüfte und quetschte sich an der Kinderkarre vorbei, die die enge Eingangsdiele versperrte. Durch das Milchglas in der Eingangstür konnte sie die Umrisse eines Mannes erkennen und runzelte irritiert die Stirn. Für eine Umfrage war jetzt wirklich nicht die passende Zeit, und das würde sie diesem Kerl auch sofort sagen!

Doch die Worte erstarben ihr auf den Lippen, als sie die Tür öffnete und sah, wer vor ihr stand.

Drew.

Drew!

Mit einem Baby.

Unbeholfen veränderte er die Position des Babys. Die Kleine war schwerer als erwartet, aber wenigstens schlief sie noch, dachte er dankbar. Was für ein Tag! Als er nach dem Mittagessen zu den Clarkes aufgebrochen war, hatte er keine Ahnung gehabt, wie sehr dieser Besuch sein Leben verändern würde.

„Es wird schon alles gut gehen“, hatte er Betty Clarke versichert. „Ich habe eine alte Freundin namens Rose. Sie wird mir bestimmt helfen.“

Drew wusste, dass er Rose eigentlich vorher hätte anrufen sollen, aber seine Situation war einfach zu kompliziert, um sie am Telefon zu erklären. Außerdem hatte er es kaum erwarten können, sie zu sehen.

Erst als er auf der Türschwelle seines eigenen Hauses stand und auf die Klingel drückte, kamen ihm Zweifel. Vielleicht wäre ein Anruf doch ganz sinnvoll gewesen? Was war zum Beispiel, wenn Rose noch bei der Arbeit war oder womöglich hinterher ausging? Ob sie noch ihre alte Handynummer hatte?

Doch zu seiner riesigen Erleichterung sah er durch das Milchglas jemanden zur Tür kommen. Hoffentlich war es Rose. Plötzlich war er so nervös, dass er für einen Augenblick sogar das Baby auf seinem Arm vergaß. Ihre letzte Begegnung war fast anderthalb Jahre her, und damals hatte sie irgendeinen unscheinbaren Kerl im Schlepptau gehabt, den Drew auf Anhieb nicht hatte ausstehen können. Aber mit etwas Glück war sie ja vielleicht gerade allein, und sie konnten ein persönliches Gespräch führen. So wie früher.

Bei seiner Abreise nach Afrika hatte Drew insgeheim gehofft, Rose endlich zu vergessen. Sie führte inzwischen ein eigenes Leben, so wie auch er demnächst. Und dieses künftige Leben würde so derart anders aussehen als sein früheres, dass er noch nicht einmal an sie denken würde.

Leider hatte das nicht funktioniert. In all den drückend heißen, von den Geräuschen unzähliger Tiere erfüllten Nächten hatte ihr Bild so erfrischend und kühl vor ihm gestanden wie Eiswasser.

Drew hatte sich wieder und wieder gesagt, dass er die Erinnerung an Rose bestimmt nur romantisch verklärte, aber als sich schließlich die Tür öffnete, musste er feststellen, dass sie noch immer genauso hinreißend aussah wie früher. Sie hatte dasselbe glatte silberblonde Haar, dieselben großen grauen Augen und denselben hübsch geschwungenen Mund, der ihn bis in seine Träume verfolgt hatte.

Aber sie war nicht allein. All die langen afrikanischen Nächte, und nicht einmal hatte er sie sich mit einem Kleinkind auf der Hüfte vorgestellt.

Eigentlich seltsam, denn er hatte immer gewusst, dass sie Kinder wollte.

Und ganz offensichtlich hatte sie jetzt eins.

Als er Rose plötzlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, waren seine sorgsam zurechtgelegten Worte plötzlich wie aus seinem Gedächtnis gefegt. Rose. Er hatte sie mit seinem Charme einwickeln wollen, damit sie ihm half – wenn nötig wollte er sogar um ihre Hilfe betteln. Aber anscheinend kam er zu spät.

Viel zu spät.

„Hallo Rose“, sagte er daher nur lahm und verzog die Lippen zu einem verkrampften Lächeln. Gleichzeitig hatte er das seltsame Gefühl zu stolpern und in einen tiefen dunklen Abgrund zu stürzen.

Sie starrte ihn mit offenem Mund an. „Drew!“, keuchte sie erschrocken auf. Schließlich fand sie ihre Stimme wieder, auch wenn sie in ihren Ohren irgendwie fremd klang. „Drew … was … was …?“, stotterte sie. In ihrem Kopf überstürzte sich alles. Sie wusste gar nicht, was sie zuerst fragen wollte. „Was machst du hier?“, stieß sie schließlich hervor. „Ich dachte, du bist in Afrika!“

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete Drew, dem gerade bewusst wurde, dass er sich im Vorteil befand. Zumindest hatte er erwartet, sie zu sehen, auch wenn ihn der Schock darüber, dass sie ein Kind hatte, völlig unvorbereitet traf. Genauso unvorbereitet wie seine Reaktion auf ihren Anblick. Sein Herz schlug plötzlich wie verrückt. „Darf ich reinkommen?“

„Ja … natürlich …“ Wie betäubt trat Rose zurück. Drew schob sich unbeholfen an ihr vorbei in die Diele. Für einen verstörenden Moment lang standen sie ganz dicht beieinander, und Rose wurde zu ihrem Entsetzen bewusst, dass das hier kein Traum war. Es war die nackte Realität. Drew war tatsächlich hier, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt. Seine Haut war etwas brauner als in ihrer Erinnerung, aber ansonsten war er genau derselbe.

Abgesehen von dem Baby in seinen Armen natürlich.

Rose hatte sich noch immer nicht von ihrem Schock erholt. Sie wusste nicht, was sie zuerst sagen oder tun sollte.

„Tut mir leid wegen der Karre“, sagte sie schließlich schwer atmend. Ihr fiel nichts anderes ein. „Ich kann sie sonst nirgendwo abstellen.“

„Kein Problem.“

Drew schob sich an der Karre vorbei ins Wohnzimmer und sah sich um. Er erkannte das unmöbliert gekaufte Haus kaum wieder. Die Möbel gehörten ihm, aber Rose hatte dem Raum unverkennbar ihren persönlichen Stempel aufgedrückt. Als Innenarchitektin besaß sie die Gabe, ein Haus mit nur wenigen geschickt platzierten Stücken stilvoll einzurichten.

Die knallbunten Bauklötzchen, die auf dem Boden verteilt waren, passten allerdings in kein Stilschema, genauso wenig wie der Plastikhochstuhl am Tisch oder die übrigen Babysachen. Roses Leben hatte sich verändert.

Ohne ihn.

Drew zwang sich erneut zu einem Lächeln, als sie hinter ihm ins Zimmer trat. Zum ersten Mal sah er sich den kleinen Jungen auf ihrem Arm näher an. Er erwiderte seinen Blick aus grauen Augen, die mit denen Roses fast identisch waren.

„Und wer ist das?“, fragte er so jovial wie möglich, obwohl sein Tonfall in seinen Ohren irgendwie unecht klang.

„Das ist Jack“, antwortete Rose und hielt ihren Kleinen etwas fester als sonst üblich.

„Ist er dein Sohn?“, fragte Drew und verfluchte sich insgeheim selbst für seine Dummheit, als sie nickte. Natürlich war Jack ihr Sohn. Jeder Idiot konnte das auf den ersten Blick erkennen.

„Hallo Jack“, sagte er, aber der Junge vergrub verschüchtert das Gesicht am Hals seiner Mutter.

Drew wusste noch genau, wie sich das anfühlte, und erinnerte sich plötzlich wieder an den Duft von Roses Haut in ihrer Halsbeuge. Hastig wandte er den Blick ab und schämte sich seiner Eifersucht auf ein kleines Kind.

„Er wird sich bestimmt gleich an dich gewöhnen“, sagte Rose. „Gib ihm nur eine oder zwei Minuten.“

Drew lächelte angestrengt. „Also … herzlichen Glückwunsch“, stieß er hervor. „Du wolltest ja immer schon gern Kinder haben. Du musst sehr glücklich sein.“

„Das bin ich. Jack ist alles, was ich mir immer gewünscht habe.“

Nein, nicht alles, Rose, korrigierte sie sich selbst im Stillen. Wie oft hatte sie das Ultimatum bereut, das sie Drew damals gestellt hatte! Aber hätte sie das nicht getan, wäre Jack nicht auf der Welt.

„Warum hast du mir nie gesagt, dass du ein Kind hast?“

Rose setzte Jack auf den Fußboden. Er umklammerte ihre Beine. „Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dich das interessiert, Drew. Du bist Kindern immer aus dem Weg gegangen.“ Sie warf einen Blick auf das schlafende Baby in seinen Armen, vermied jedoch die sich aufdrängende Frage. „Was geht es dich an, ob ich ein Kind habe oder nicht?“

Drew wurde rot. „Ich dachte, wir sind Freunde“, sagte er. „Ich interessiere mich einfach für dein Leben. Vielleicht geht es mich ja wirklich nichts an, aber …“ Er schwieg einen Augenblick und zuckte schließlich unbeholfen die Achseln. „Ich wünschte nur, ich hätte davon erfahren, das ist alles.“

„Ich hatte keine Ahnung, wie ich dich erreichen kann“, erinnerte Rose ihn und bemühte sich um einen etwas sachlicheren Tonfall. „Du kannst nicht erwarten, auf dem Laufenden gehalten zu werden, wenn du jahrelang ans Ende der Welt verschwindest.“

„Nur knapp anderthalb Jahre“, hörte Drew sich zu seiner eigenen Überraschung verteidigen. „Klar, ich konnte in Afrika keine Mails empfangen, aber ich hatte ein Postfach. Du hättest mir schreiben können.“

„Stimmt, das hätte ich“, räumte Rose ein. Da Jack sich noch immer an ihren Beinen festklammerte, ging sie unbeholfen zu einem der Sofas und winkte Drew, sich auf das andere zu setzen. „Tut mir leid“, sagte sie aufrichtig. „Aber du warst einfach so weit weg.“

Sie hätte Drew wirklich von Jack erzählen sollen, vor allem, da sie in seinem Haus wohnte. Aber irgendwie hatte sie nie die richtigen Worte gefunden.

„Ich wollte ja schreiben, aber …“ Resigniert zuckte sie mit den Schultern. „Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wie ich es dir sagen sollte.“

„Na ja, es bestand ja auch keine Notwendigkeit dafür“, antwortete Drew nach einer Pause. „Es ist nur so merkwürdig, dich plötzlich mit einem Kind zu sehen.“

„Ich könnte dasselbe über dich sagen.“ Rose sah das friedlich in seinen Armen schlummernde Baby vielsagend an. Es war offensichtlich ein Mädchen. Irgendjemand hatte ihr ein Kleidchen, einen Mantel und eine niedliche gestreifte Mütze angezogen, aber ganz sicher nicht Drew. Er hielt das Baby nämlich wie eine nicht entschärfte Bombe. „Wie heißt sie?“

„Molly.“

„Hübscher Name“, sagte Rose und fragte sich, was Drews Gesichtsausdruck zu bedeuten hatte. „Wessen Kind ist sie?“

Er zögerte. „Meins“, sagte er nach einer Weile. „Molly ist meine Tochter.“

Es folgte ein langes und ausgedehntes Schweigen. Selbst Jack schien die unterschwellige Spannung im Raum zu spüren, denn er hörte damit auf, auf Roses Schoß zu klettern und starrte sie fragend an.

„Deine Tochter?“, fragte Rose mit erstickter Stimme. Mit dieser Antwort hätte sie beim besten Willen nicht gerechnet.

„Ich habe es selbst gerade erst erfahren“, erklärte Drew. Er musste plötzlich schlucken. Das Gespräch gestaltete sich viel schwieriger als gedacht. „Rose“, gestand er, „ich brauche deine Hilfe.“

Fassungslos starrte Rose das Baby an. Drews Tochter. Immer wieder hatte er betont, keine Kinder zu wollen, und jetzt war er plötzlich Vater. Eine andere Frau hatte ein Kind von ihm. Der Schmerz darüber traf sie unvermittelt und mit voller Wucht.

Mechanisch nahm sie Jack auf den Schoß und schluckte ebenfalls. Dann riss sie den Blick von Molly los und sah Drew direkt in die Augen.

„Das musst du mir näher erklären“, sagte sie.

2. KAPITEL

Gequält fuhr Drew sich mit der Hand durchs Haar und ließ die unverwechselbare Pemberton-Strähne vom Kopf abstehen. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll …“

„Das liegt doch wohl auf der Hand, wenn es um Babys geht“, antwortete Rose.

Drew lächelte verunsichert. „Stimmt, aber normalerweise kann man sich ein paar Monate auf die Ankunft eines Babys vorbereiten. Ich hatte die Chance nicht. Molly ist für mich eine genauso große Überraschung wie für dich.“

Rose runzelte die Stirn. „Wie lange weißt du schon von ihr?“

„Ungefähr zweieinhalb Stunden“, antwortete Drew mit einem Blick auf die Uhr. „Bis dahin hatte ich keine Ahnung von ihrer Existenz.“

„Was? Noch nicht einmal einen Verdacht?“

„Natürlich nicht“, antwortete er empört. „Ich wäre sonst nie nach Burkina Faso gegangen. Wofür hältst du mich eigentlich?“

„Für einen Mann, der niemals Kinder haben wollte.“

„Wollte ich auch nicht. Deshalb ist das alles ja auch so …“ Drew blickte auf das Baby hinunter. „Ich komme mir vor wie nach einem Unfall“, gestand er hilflos. „Gerade eben noch war ich ein Junggeselle ohne Sorgen und Verpflichtungen, und zack – plötzlich bin ich Vater! Ich kann es noch immer nicht fassen.“

Drew sah wirklich aus wie vom Donner gerührt. Rose ging es nicht anders. Ihr Herz klopfte wie wild, seitdem sie von seiner Tochter erfahren hatte. Ausgerechnet Drew. Mit ihr hatte er nie Kinder haben wollen!

Jack machte es sich auf ihrem Schoß bequem, schob den Daumen in den Mund und beobachtete Drew und das Baby fasziniert. Rose schlang die Arme um ihn und zog ihn eng an sich. Sie wusste selbst nicht, ob sie damit ihm oder sich selbst Geborgenheit vermitteln wollte.

„Wie alt ist Molly?“

„Die Clarkes haben gesagt, sie sei fast acht Monate alt.“

„Die Clarkes? Wer sind die Clarkes? Und wo ist Mollys Mutter?“

„Sie ist tot.“ Drew hörte, wie Rose vor Schreck scharf einatmete, und rieb sich erschöpft das Gesicht. „Hör mal, du hast recht. Ich sollte ganz von vorn anfangen.“

„Du meinst wohl, als du mit Mollys Mutter geschlafen hast?“

Drew zuckte wegen ihrer Direktheit zusammen. „Ja“, antwortete er. „Sie hieß Hannah und arbeitete als Technikerin in meinem Büro. Sie hat die technischen Zeichnungen gemacht und … Na ja, ist ja egal, was sie gemacht hat. Ich kannte sie schon von Anfang an, und wir haben uns immer gut verstanden. Hannah war wahrscheinlich ziemlich attraktiv, aber ich habe nie viel darüber nachgedacht. Sie war einfach nur eine Freundin.“

Sie war nicht du, hätte Drew am liebsten zu Rose gesagt, aber er tat es nicht.

„Wenn ihr ein gemeinsames Baby habt, wart ihr eindeutig mehr als Freunde“, sagte Rose spitz.

Typisch Rose, dachte Drew wehmütig. Sie sah so lieb aus, aber unter der Fassade verbarg sich eine erfrischende und manchmal unangenehme Schärfe.

„Wir waren nur Freunde, zumindest bis zu meiner Abschiedsparty“, beharrte er. „Aber in dieser Nacht war ich … Also, die Wahrheit ist, dass ich mir überhaupt nicht sicher war, ob meine Entscheidung, nach Afrika zu gehen, die richtige war, aber ich wollte meine Zweifel niemandem zeigen und tat daher mein Bestes, Spaß zu haben. Genauer gesagt, über den Durst zu trinken“, fügte er trocken hinzu. „Hannah war auch in merkwürdiger Stimmung – fast schon wild. Ich hatte damals keine Ahnung, aber wenn ich ihre Eltern heute richtig verstanden habe, wollte sie zu diesem Zeitpunkt unbedingt ein Kind.“

„Und sie hat ausgerechnet dich zum Vater auserwählt?“ Rose hob ungläubig die Augenbrauen.

„Ich weiß, das klingt merkwürdig, aber sie wollte auf keinen Fall eine feste Beziehung. Sie hat ihren Eltern erzählt, dass ich höchstwahrscheinlich gute Gene hätte, aber als Vater eine Katastrophe wäre.“

„Ha!“, schnaubte Rose. Im Gegensatz zu ihr hatte Hannah sich offensichtlich keine Illusionen über Drew gemacht. Sehr vernünftig.

„Hannah wusste, warum du und ich uns getrennt hatten. Ihr war daher klar, dass ich keine Kinder wollte, aber das störte sie nicht weiter. Sie wollte einfach nur schwanger werden.“

Jack wurde allmählich unruhig. Anscheinend hatte er sich inzwischen davon überzeugt, dass Drew und Molly nichts Schlimmes im Schilde führten, und wollte jetzt zu seinem Spielzeug zurück. „Zu einer Schwangerschaft gehören immer zwei“, sagte Rose und hielt schützend eine Hand vor Jack, damit er beim Runterkrabbeln von ihrem Schoß nicht vom Sofa fiel. „Warum hast du nicht verhütet?“

Drew rutschte unbehaglich hin und her. „Ich hatte an diesem Abend nicht damit gerechnet, mit jemandem zu schlafen. Eigentlich ging ich davon aus, mir nur ein paar Drinks zu genehmigen, aber eins führte schließlich zum anderen, und dann hat Hannah mich zu sich nach Hause eingeladen und … die Dinge wurden etwas … du weißt schon …“

„Ich verstehe“, antwortete Rose ausdruckslos.

„Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihr gesagt habe, nichts dabei zu haben, aber Hannah meinte nur, sie nähme die Pille und …“ Drew warf einen Blick auf Roses Gesicht. „Sieh mich nicht so an! Ich weiß, dass das total verantwortungslos war, aber Hannah war ja nicht gerade eine Fremde für mich.“

„Sie hat dich also bewusst belogen?“

„Sie wollte eben unbedingt ein Kind, zumindest haben ihre Eltern das so gesagt. Sie hielt es für reines Glück, dass sie sofort schwanger wurde, aber wahrscheinlich wusste sie ganz genau, dass sie gerade einen Eisprung hatte. Und dass ich ein paar Tage später von der Bildfläche verschwunden sein würde, passte ihr ausgezeichnet. So würde ich mir zumindest nicht eins und eins zusammenzählen können.“

„Und das hat sie alles ihren Eltern erzählt?“, fragte Rose fassungslos. Ihre eigenen Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie neunzehn war. Sie hatte sie sehr geliebt und vermisste sie noch immer schmerzlich, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, mit ihnen über ihren Eisprung zu reden und ihnen anzuvertrauen, dass sie sich von einem Mann schwängern lassen wollte, der keine Kinder mochte. Es wäre ihr schon schwer genug gefallen, ihnen von Jack zu erzählen.

„Hannah war eine sehr starke Persönlichkeit. Sie hätte dir gefallen“, antwortete Drew. „Wirklich!“, fügte er angesichts ihres skeptischen Gesichtsausdrucks hinzu. „Ihre Eltern haben gesagt, dass sie das Kind auf jeden Fall allein großziehen wollte. Über mich hat sie nichts weiter erzählt, als dass ich in ihrem Büro arbeite und sie mich mag, aber dass ich der Letzte sei, mit dem sie sich eine Beziehung vorstellen könne.“

Drew verschwieg jedoch, dass Hannah ihren Eltern auch erzählt hatte, dass er Rose nach wie vor liebte und sie schon allein deshalb wusste, dass jeder Versuch, um des Babys willen zusammenzukommen, zum Scheitern verurteilt war.

„Also bist du völlig ahnungslos nach Afrika abgereist?“

„Genau. Hannah hat nach unserer gemeinsamen Nacht total locker reagiert. Für sie war es nur eine flüchtige Affäre, und sie betrachtete mich weiterhin als ihren Freund. Ehrlich gesagt war ich ziemlich erleichtert darüber.“

„Natürlich warst du das“, sagte Rose bissig. „Du warst noch nie der Typ, der gern Verantwortung für sein Handeln übernimmt, oder?“

Drew wurde rot vor Wut. „So war es nicht!“, antwortete er. „Außerdem habe ich Verantwortung übernommen. Als ich erfuhr, dass Hannah tot ist, bin ich sofort zu ihren Eltern gefahren, um ihnen mein Beileid auszusprechen … es kam mir irgendwie richtig vor.“

Das war es. Rose musterte Drew mit zusammengezogenen Augenbrauen. Sie stand noch so unter Schock wegen ihres Wiedersehens und der Tatsache, dass er ein Kind hatte, dass sie ihn bisher noch gar nicht richtig betrachtet hatte. Er war brauner geworden, stimmt, und schlanker. Um seine grünen Augen waren ein paar neue Fältchen, aber ansonsten sah er genauso aus wie in ihrer Erinnerung.

Trotzdem – irgendetwas hatte sich verändert. Er wirkte irgendwie solider. Sein spöttischer Mund und der ironische Gesichtsausdruck waren unverändert, aber er strahlte eine neue Selbstsicherheit und eine Nachdenklichkeit aus, die sie vorher nicht an ihm wahrgenommen hatte. Afrika hatte ihn verändert. Seine Zeit dort schien ihn verantwortungsbewusster statt leichtsinniger gemacht zu haben.

Drew war anders. Rose konnte nicht erklären, was genau es war, aber sie spürte es irgendwie. Und die Veränderung hatte nichts mit dem schlafenden Baby auf seinem Schoß zu tun.

„Was ist dann passiert?“, fragte sie.

„Ich fuhr mit sehr gemischten Gefühlen zu Hannahs Eltern“, erzählte Drew. „Ich hatte keine Ahnung, was ich überhaupt sagen sollte, aber wie sich herausstellte, erledigte sich dieses Problem von allein. Nachdem Mrs. Clarke die Tür geöffnet hatte, starrte sie mich zuerst nur fassungslos an und trat dann wortlos zur Seite, um mich ins Haus zu lassen. Ich habe zuerst gar nicht begriffen, was los war, aber dann hat sie mich ins Wohnzimmer geführt, und da war ein Baby in einem Wipper.“

„Das ist Molly“, hatte Hannahs Mutter gesagt.

„Ist sie Hannahs Tochter?“, hatte Drew gefragt und sich dem Baby genähert. Mrs. Clarke hatte nur unsicher gelächelt. Sein eigenes freundliches Lächeln war ihm vergangen, als er die verräterische weiße Strähne in dem weichen dunklen Haar des Babys erkannte. Stumm hatte er den Blick zu Betty Clarke gehoben und sie fragend angesehen. Sie hatte nur genickt.

„Ihre auch“, hatte sie gesagt.

Drew zog die Mütze von Mollys Kopf, um Rose zu zeigen, was er meinte. Rose hatte sich im Laufe ihrer Beziehung so an Drews eigentümliches Haar gewöhnt, dass sie seine weiße Strähne nach einer Weile gar nicht mehr wahrgenommen hatte, aber sie wusste noch genau, wie erstaunt sie darüber gewesen war, sie auch bei seinem Vater zu entdecken.

„Es ist eine Art genetischer Defekt“, hatte Drew ihr erklärt. „So eine Autoimmungeschichte. Aus irgendeinem Grund wird bei einigen aus unserer Familie an dieser Stelle kein Melanin produziert. Und bei allen hat die Strähne genau den gleichen Umriss.“

Molly war dunkelhaarig und hatte über der rechten Stirn eine sternförmige weiße Stelle. Genau wie Drew.

Es bestand kein Zweifel, dass sie seine Tochter war.

Rose beobachtete, wie Drew behutsam Mollys Haar glättete. Eine Art Schmerz – Eifersucht? Bitterkeit? – schoss ihr so heftig durchs Herz, dass sie den Blick abwenden musste.

„Warum haben Hannahs Eltern nicht versucht, dich nach ihrem Tod ausfindig zu machen?“, fragte sie nach einer Weile.

Drew schüttelte den Kopf. „Hannah war sehr vorsichtig mit dem, was sie preisgab, aber ihre Eltern haben mitbekommen, wie Hannah nach der Geburt beim Anblick der Strähne lächeln musste. ‚Genau wie bei deinem Dad‘, hat sie zu Molly gesagt. Ihre Eltern hatten gehofft, jemanden mit der gleichen Strähne bei Hannahs Beerdigung zu entdecken, aber damals war ich natürlich im Ausland. Sie hatten daher keine andere Wahl, als sich selbst um Molly zu kümmern, aber das fiel ihnen nicht leicht. Betty – Hannahs Mutter – wird bald an der Hüfte operiert, und ihr Mann ist herzkrank. Sie waren drauf und dran, das Jugendamt einzuschalten, als ich plötzlich vor ihrer Tür stand. Es erschien ihnen wie ein Wink des Schicksals. Und bei diesem Haar brauchten sie auch keinen DNA-Test.“

„Ich verstehe“, sagte Rose langsam.

Drew blickte zu Molly hinunter und sah Rose dann in die Augen. „Ich konnte sie doch nicht einfach im Stich lassen. Wie du schon gesagt hast, es gehören immer zwei dazu, wenn ein Baby entsteht. Ich habe mich daher bereit erklärt, mich zumindest bis nach Bettys Hüftoperation um Molly zu kümmern und danach gemeinsam mit den Clarkes nach einer Lösung zu suchen.“

„Aber du hast doch gar keine Ahnung von Babys“, protestierte Rose. „Ich kann es nicht fassen, dass sie dir die Kleine einfach so überlassen haben.“

Betty hielt zuerst auch nicht viel von der Idee, aber es schien keinen anderen Ausweg zu geben. Außerdem habe ich … Ich habe ihnen gesagt, dass du mir helfen wirst“, gestand er hastig.

Rose holte genervt Luft. Typisch Drew! Er hatte sie immer schon für selbstverständlich gehalten und auf seinen Charme spekuliert, wenn er etwas von ihr wollte. „Du hast mir noch nicht einmal gesagt, dass du wieder da bist, Drew!“

„Ich weiß“, sagte er. „Ich bin auch erst gestern angekommen. Es ging alles so schnell. Das Projekt lief fantastisch, aber dann haben wir erfahren, dass die Rebellen auf dem Vormarsch sind. Wir bekamen Anweisung, uns nach Ouagadougou zurückzuziehen, und dann hat man beschlossen, uns nach Hause zu schicken, bis die Situation geklärt ist. Wer weiß, wann das sein wird?“

„Also hast du dich unversehens in London wiedergefunden?“

Drew nickte. „Ich habe gleich nach meiner Ankunft bei der Firma angerufen und gefragt, was ich in der Zwischenzeit tun soll.“

„Und was haben sie gesagt?“

„Dass ich mir zwei Wochen freinehmen soll und sie mir einen anderen Job besorgen, wenn ich bis dahin nichts aus Afrika gehört habe. Vielleicht kann ich in das Team zurückkehren, bei dem ich vor meiner Abreise gearbeitet habe. Nach dem Telefonat bin ich sofort bei ihnen vorbeigegangen und habe bei dieser Gelegenheit von Hannah erfahren …“

Drew seufzte. „Weißt du, ein Teil von mir wünscht, ich wäre nie zu den Clarkes gefahren.“ Er warf wieder einen Blick auf seine Tochter. „Molly hat irgendwie alles verändert“, sagte er, noch immer fassungslos.

„Das tun Babys normalerweise.“

Rose versuchte sich vorzustellen, wie es für ihn war, nach London zurückzukehren. Einen Tag noch arbeitete er in einem staubigen Dorf, und am nächsten war er plötzlich wieder in der Großstadt. Er wähnte sich frei von jeder Verantwortung und musste plötzlich feststellen, dass er eine Tochter hatte. Rose überraschte es nicht, dass er noch immer wie vom Donner gerührt aussah. Der Jetlag und der Kulturschock wären auch ohne die beängstigende und unerwartete Verantwortung für ein Kind belastend genug gewesen.

Verdammt noch mal, sie wollte kein Mitleid mit ihm empfinden! Wie konnte er es wagen, einfach so mit einem Baby bei ihr aufzutauchen und selbstverständlich vorauszusetzen, dass sie alles stehen und liegen lassen würde, um ihm zu helfen?

„Und da fiel ich dir plötzlich wieder ein“, sagte sie kalt.

„Ich wollte dich sowieso besuchen“, antwortete Drew. Er wollte ihr sagen, dass der Gedanke, sie wiederzusehen, der einzige Lichtblick in dem Durcheinander und Chaos seines Aufbruchs gewesen war, aber dafür war jetzt eindeutig nicht der richtige Zeitpunkt. Er hatte ehrlich gesagt nicht darüber nachgedacht, was es für sie bedeutete, wenn er plötzlich mit einem Baby bei ihr auftauchte, aber ihm war inzwischen bewusst, dass sein Verhalten sehr taktlos war.

„Ich hatte mich sehr darauf gefreut, dich wiederzusehen“, fuhr er fort. „Aber ich ging davon aus, dass du den ganzen Tag arbeiten würdest, und als ich von Hannah erfuhr, hielt ich es für besser, zuerst zu ihren Eltern zu fahren.“

Er zögerte. „Als ich Molly sah und die Situation verstand … Du warst der erste Mensch, der mir einfiel, Rose.“ Drew konnte sich selbst nicht erklären, warum er in diesem Augenblick ein so starkes Bedürfnis nach ihr empfunden hatte. Irgendwie hatte er das Gefühl gehabt, dass sich alles zum Guten wenden würde, wenn er Rose nur fand und ihr Molly zeigte. „Du kennst ja meine Mutter. Sie war schon bei ihrem eigenen Kind nicht besonders engagiert. Ich konnte mir daher nicht vorstellen, dass sie mir eine große Hilfe sein würde, selbst wenn ich sie davon hätte überzeugen können, aus Spanien zurückzukehren. Mein Vater wäre vielleicht eingesprungen, aber er ist krank, und meine Stiefmutter hat im Moment genug mit seiner Pflege zu tun. Mir fiel sonst niemand ein als du.“

„Ist es dir nicht einmal in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht beschäftigt sein könnte? Dass ich unter Umständen ein eigenes Kind habe, um das ich mich kümmern muss?“

„Nein“, antwortete Drew. „Darauf wäre ich nie gekommen. Irgendwie ging ich davon aus, dass sich hier nichts verändert hat und ich auf dich genauso zählen kann wie früher.“

Er sah ihr in die Augen. „Ich kann sonst nirgendwohin, Rose. Ich wusste, dass du dich mit Babys auskennst, und irgendwohin musste ich Molly ja bringen.“

„Und das hier ist dein Haus“, fügte Rose trocken hinzu und wandte den Blick ab. „Das hast du anscheinend vergessen zu erwähnen.“

„Habe ich nicht, aber ich wollte dich damit nicht unter Druck setzen. Du lebst hier, und daran wird sich auch nichts ändern. Wenn du willst, dass ich gehe, werde ich verschwinden, aber ich bitte dich um Mollys willen, mir zu helfen. Ich bin Wasserbauingenieur, Rose. Ich habe überhaupt keine Ahnung von Babys. Gleich morgen suche ich eine Nanny für Molly, aber heute Abend brauche ich deine Hilfe.“

Rose warf einen Blick auf das Baby. Molly war noch so klein. Wie konnte sie sich weigern, ihr zu helfen? Drew wusste genau, dass sie das nie übers Herz bringen würde. Sie hob den Blick zu Drew.

„Na schön“, antwortete sie schließlich. „Ich helfe dir heute Abend, aber danach müssen wir uns unterhalten, Drew.“

„Was immer du willst“, antwortete Drew. Die Erleichterung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

Wie auf Kommando verzog Molly das Gesicht und wurde unruhig. Drews erleichterter Gesichtsausdruck verwandelte sich in schiere Panik.

„Oh Gott, sie wacht auf“, rief er verzweifelt und saß wie erstarrt da, als könnte er das Baby damit in den Schlaf zurückbefördern. „Was soll ich nur machen?“

In diesem Augenblick begann Molly zu schreien. Jack blickte erschrocken von seiner Kiste mit Bauklötzchen auf.

„Ga?“

„Ist schon gut, Jack, das ist nur das Baby“, antwortete Rose und stand auf. Behutsam nahm sie Molly aus Drews Arm. „Ich nehme sie.“

Sie legte Molly an die Schulter und rieb ihr beruhigend den Rücken. „Alles ist in Ordnung, Süße … pst … ist ja schon gut …“, murmelte sie und wippte sanft auf und ab.

Drew beobachtete die beiden nervös. „Ist alles okay mit ihr? Warum weint sie so?“

„Sie ist an einem fremden Ort bei fremden Menschen aufgewacht, Drew. Würdest du da an ihrer Stelle nicht auch in Tränen ausbrechen?“

Aus dem Augenwinkel sah Rose, dass Jack mit zusammengezogenen Augenbrauen dasaß und sie beobachtete. Anscheinend war er eifersüchtig auf das Baby. Am liebsten hätte Rose Drew gründlich ihre Meinung gesagt, aber das musste warten.

„Jack braucht sein Abendessen“, sagte sie zu Drew, „und Molly wird auch hungrig sein. Hat ihre Großmutter dir etwas für sie mitgegeben?“

„Mein Auto ist vollgestopft mit dem Zeug.“

„Warum bringst du es dann nicht rein?“, fragte Rose. „Wir werden jetzt die Kinder ins Bett bringen, und danach müssen wir dringend ein Wörtchen miteinander reden!“

3. KAPITEL

Als Drew Mollys letzte Sachen ins Haus brachte, hatte sich im Wohnbereich bereits ein Riesenstapel aufgetürmt, aber zumindest war Jacks Essen inzwischen fast fertig. Da sie Molly noch immer auf dem Arm hatte, musste Rose das Essen praktisch einhändig zubereiten. Gleichzeitig redete sie dem eifersüchtigen Jack gut zu, um ihn von seiner Überlegenheit gegenüber der kleinen und hilflosen Molly zu überzeugen, die noch nicht einmal die Hälfte von dem konnte, was er beherrschte, Bauklötzchen aufheben zum Beispiel. Jack war für eine Weile damit beschäftigt, mit seinen Fähigkeiten anzugeben, aber er ließ sich nicht lange ablenken. Rose war daher froh, als Drew endlich fertig war und sie ihm seine Tochter zurückgeben konnte.

„Hier – nimm du sie“, sagte sie.

Bevor Drew protestieren konnte, hatte Rose ihm das Baby schon in die Arme gelegt. Molly starrte zu ihm auf, und Drew starrte zurück. Er wurde plötzlich von nie gekannten Gefühlen überwältigt. Seine Tochter! Ihre Augen hatten die gleiche Farbe wie seine, und sie hatte die gleiche Haarsträhne wie er. Er spürte, wie sich sein Hals mit einer Mischung aus Angst und Liebe zusammenschnürte.

Und dann begann Molly zu weinen, und der Augenblick war vorbei.

„Halte sie an deiner Schulter und laufe mit ihr herum“, sagte Rose zu ihm. „Sprich mit ihr. Sie weiß weder wo sie ist noch was los ist. Versuche sie zu beruhigen.“

Unbeholfen folgte Drew ihrer Aufforderung, während Rose Jack in seinen Hochstuhl setzte und sein Essen vor ihm hinstellte. Sie gab ihm einen Plastiklöffel, hatte jedoch nicht allzu viel Hoffnung, dass er ihn benutzen würde. Jack hasste es, gefüttert zu werden. Manchmal nahm er selbst den Löffel, aber meistens bevorzugte er die Hände. Er war ein guter Esser, aber eindeutig kein ordentlicher. Normalerweise landete die Hälfte in seinen Haaren oder seinen Ohren. Kein schöner Anblick.

Rose war schon daran gewöhnt, aber ihr fiel auf, dass Drew den Blick von Jack abwandte. „Gewöhne dich lieber daran“, sagte sie zu ihm. „Ich bezweifle, dass Molly bessere Tischmanieren hat! Apropos, wir sollten ihr auch etwas zu essen geben …“

Drew hatte keine Ahnung, womit er anfangen sollte. Er kam sich total unfähig vor, empfand jedoch tiefe Dankbarkeit, dass zumindest Rose zu wissen schien, was sie tat. Sie wühlte in dem Haufen mit Mollys Sachen herum und tauchte schließlich mit einem Lätzchen, einem Babygläschen und einer kleineren Version von Jacks Hochstuhl wieder auf.

„Okay, wir haben alles.“ Rose trug den Stuhl zum Tisch, stellte ihn neben Jacks und tat so, als bewundere sie die Menge, die er aufgegessen hatte. „Ich glaube, du hast dir einen Nachtisch verdient“, sagte sie zu ihm, und Jack stieß einen Begeisterungsschrei aus und schlug mit seinem Teller auf das Plastiktablett des Hochstuhls.

Drew mochte die Art, wie Rose sich um Jack kümmerte. Sie wirkte so entspannt und natürlich. Ob ihm das je bei Molly gelingen würde? Er warf einen nervösen Blick auf seine Tochter. Schwer vorstellbar. Obwohl er gerade nichts anderes tat, als sie herumzutragen, fühlte er sich viel überforderter als vor dem Einmarsch der Rebellen ins Dorf. Mit Aufständischen kam er klar, aber ein acht Monate altes Baby war eindeutig beängstigender.

„Wollen wir erst Molly ins Bett bringen und dann dich?“ Rose redete weiter auf Jack ein, damit er sich der kleinen Konkurrentin angenehm überlegen fühlen konnte, statt eifersüchtig auf sie zu sein. „Molly ist doch nur ein kleines Baby. Du dagegen bist schon ein großer Junge und darfst sogar schon Nachtisch essen.“ Rose warf einen Blick über die Schulter zu Drew. „Willst du sie nicht in den Hochstuhl setzen?“

„Äh … Rose …“ Drew hielt Molly mit angeekelt verzogenem Gesicht von sich weg.

„Was ist?“

„Sie … riecht.“

Rose konnte sich nicht länger beherrschen und prustete los. „Ich hätte eher daran denken müssen! Es wird höchste Zeit für deine erste Lektion in Sachen Kindererziehung: Windelwechseln!“

Rose suchte nach der Wickelunterlage, legte sie auf den Küchenfußboden und erteilte Drew Schritt für Schritt Anweisungen, während sie Jack seinen Nachtisch gab und ihm weiter gut zuredete. Sie hätte das Baby mindestens doppelt so schnell wickeln und füttern können wie Drew, aber sie musste aufpassen, dass Jack nicht eifersüchtig wurde – und außerdem musste Drew es sowieso irgendwann lernen. Schließlich hatte sie ihm nur für diese Nacht Hilfe versprochen.

Eine Nacht mit Drew.

Diese hier würde so ganz anders werden als die Nächte, die sie früher zusammen verbracht hatten. All die tollen Nächte, als sie lachend ins Bett gefallen und am nächsten Morgen eng umschlungen wieder aufgewacht waren. Rose konnte sich noch immer an den Duft von Drews Haut und das wundervolle Gefühl erinnern, mit dem Rücken an ihn geschmiegt in seinen Armen zu liegen. An seinen warmen Atem an ihrer Schulter, an das Gefühl seiner Lippen auf ihrem Nacken, wobei sie unweigerlich verräterisch erschauerte, ganz egal, wie sehr sie auch so tat, als würde sie schlafen …

Hastig riss Rose sich von ihren Erinnerungen los. Diese Nacht würde anders sein. Drew war nicht da, weil er seine Meinung geändert hatte oder sie zurückwollte. Er war gekommen, weil er ihre Hilfe brauchte, das war alles.

Weil er ein Baby mit einer anderen Frau hatte.

Denk an Jack, sagte Rose sich verzweifelt. Denk an Molly. Denk an alles andere, nur nicht daran, wie du nachher allein in deinem Bett liegen wirst, während Drew sich auf der anderen Seite des Flurs befindet – unter dem gleichen Dach, aber gleichzeitig unendlich weit weg.

„Großer Gott!“ Mit gerümpfter Nase steckte Drew die schmutzige Windel in eine Plastiktüte. „Wer hätte gedacht, dass jemand so Kleines so einen Stinker machen kann?“

Rose schob den Gedanken an die kommende Nacht beiseite und erhob sich von ihrem Stuhl, um die Windel zu entsorgen. „Willkommen in meiner Welt“, sagte sie.

Verglichen mit dem Windelwechseln würde das Füttern bestimmt ein Klacks sein, dachte Drew – bis er feststellen musste, dass es viel schwieriger war als angenommen. Wie sich herausstellte, hatte Molly nämlich ihren eigenen Willen. Nur zu oft presste sie stur die Lippen zusammen, wandte das Gesicht ab und schlug ihm herrisch den Löffel aus der Hand. Von dem Essen landete mehr auf Drew als in ihrem Mund, aber Rose schien das für ganz normal zu halten.

„Hauptsache, sie hatte etwas zu essen“, sagte sie, wischte routiniert Mollys Gesicht ab und nahm sie aus dem Hochstuhl. „Wie wär’s mit einem Bad?“

„Das wäre toll“, sagte Drew und blickte auf sein verschmiertes Hemd hinunter. „Macht es dir auch nichts aus?“

„Doch nicht du, Dummerjan! Molly und Jack.“

Als Molly schließlich bettfertig war, war Drew total erledigt. „Machst du das etwa jeden Abend?“, fragte er entgeistert.

„Ja, aber jetzt kommt der schönste Teil“, antwortete Rose, die nicht widerstehen konnte, die warme, saubere, an ihrem Hals schnaufende Molly an sich zu drücken.

Drew beobachtete, wie die Kleine mit ihren dicken Händchen in Roses Haar griff, und wurde überwältigt von dem Gefühl, ein Versager zu sein. „Ich werde das bestimmt nie allein schaffen“, sagte er verzweifelt.

„Doch, das wirst du. Drück Molly mal“, sagte Rose und reichte ihm das Baby. „Du wirst feststellen, dass es sich lohnt.“

Molly versteifte sich in seinen Armen. Drew befürchtete schon, dass sie wieder anfangen würde zu weinen, aber schließlich entspannte sie sich. „Sie ist schon fast eingeschlafen“, sagte Rose leise. „Gib ihr das Fläschchen“, fügte sie hinzu und reichte Drew die Flasche Milch, die sie vorbereitet und mit nach oben genommen hatte.

Also setzte Drew sich auf einen Stuhl und fütterte seine Tochter, während Rose Jack auf den Schoß nahm und ihm eine Geschichte vorlas. Der Kleine schien sich damit abgefunden zu haben, dass Molly bei ihm im Zimmer schlafen sollte. Sie hatten ihr Bettchen in einer Ecke aufgestellt.

Ich kann einfach nicht glauben, was ich hier mache, dachte Drew immer wieder. Ich kann nicht fassen, dass ich Vater bin. Und es ist unglaublich, nach all der Zeit wieder mit Rose zusammen zu sein.

Ein Teil von ihm bewunderte voller Ehrfurcht, wie klein und perfekt Molly aussah. Ihre Fingerchen lagen wie grübchenbesetzte Seesterne auf der Flasche, und sie machte beim Trinken leise schnaufende Geräusche. Sie fühlte sich so warm, fest und real an. Und sie war erstaunlich schwer.

Doch der andere Teil von ihm war sich Roses Gegenwart auf der anderen Seite des Zimmers nur allzu intensiv bewusst. Ihrer leisen Stimme beim Vorlesen, der Linie ihres Halses, dem Schwung ihrer Wimpern und dem zärtlichen Gesichtsausdruck, mit dem sie auf ihren Sohn hinablächelte. Jack schmiegte sich vertrauensvoll an sie, den Daumen im Mund. Seine Augen klappten ihm allmählich zu.

Bisher hatte Rose noch nichts von Jacks Vater erzählt. Warum war er jetzt nicht hier und genoss die friedliche Stimmung? Wollte er denn nicht dabei sein? Oder kam er womöglich jeden Augenblick nach Hause? Würde vielleicht gleich die Haustür zuschlagen und ein Mann eilig die Treppen zu seiner Frau und seinem Sohn hochlaufen? Aber irgendwie konnte Drew sich das nicht vorstellen. Rose hätte einen Ehemann bestimmt erwähnt, und im Badezimmer oder der Küche hatte er keine Hinweise auf eine männliche Präsenz entdeckt. Es war schon fast unheimlich, wie sehr ihn das erleichtert hatte.

Warum war Jacks Vater eigentlich nicht mit Rose zusammen? fragte er sich. Sie war eine warmherzige Frau, liebevoll und schön – alles, was ein Mann sich nur wünschen konnte.

Warum hast du sie dann verlassen? fragte eine bissige innere Stimme. Aber Drew kannte die Antwort. Rose hatte Kinder gewollt, und er nicht. Er hatte keine Lust auf das Füttern, das Geschrei, das Windelwechseln und die friedlichen Abende im Kinderzimmer gehabt. Auf nichts davon.

Drew sah zu Molly hinunter. Er hatte das alles nicht gewollt, aber jetzt, wo er es hatte, fühlte es sich irgendwie … anders als in seiner Vorstellung an.

Mollys Augenlider flatterten, hoben sich und flatterten wieder zu, bis sie mit einem leisen Seufzer den Sauger aus dem Mund gleiten ließ.

„Sie schläft“, sagte Rose leise. Sie legte Jack in sein Bettchen und gab ihm einen Gutenachtkuss. Er war so müde, dass er fast ohne Protest einschlief. „Lass mich sie hinlegen.“

Ganz vorsichtig nahm sie Molly aus Drews Arm und legte sie ins Bettchen. Er blickte auf das Baby im gedämpften Licht hinunter. Auf seine Tochter.

Seine Tochter, dachte er und wurde plötzlich wieder von dieser Erkenntnis überwältigt. Wortlos sah er Rose an, deren Lächeln zu sagen schien, dass sie seine Gedanken erriet.

„Alles wird gut“, versicherte sie ihm sanft. „Molly und du werdet gut zurechtkommen.“

Drew konnte nur hoffen, dass sie recht behielt. Sie ließen die schlafenden Kinder allein, und er folgte Rose die Treppe hinunter.

„Gott, was für ein Tag!“, sagte er und ließ sich erschöpft auf eines der Sofas fallen.

„Wie fühlst du dich?“, fragte Rose. Mechanisch begann sie, Jacks Spielzeug in eine Kiste zu räumen.

„Ich bin mir nicht sicher“, gestand Drew. „Voller Panik … überwältigt … und fassungslos.“

Rose lächelte. „Ich weiß, was du meinst. Mir geht es jedes Mal genauso, wenn ich Jack ansehe.“

Sie warf die letzten Spielsachen in die Kiste, schloss den Deckel, stand auf und ging in die Küche. Drew hatte den Eindruck, dass sie sich nicht setzen würde, ehe sie nicht die Küche sauber gemacht hatte. Er stand auf, um ihr zu helfen.

„Machst du das alles hier etwa jeden Abend?“, fragte er, während er den Hochstuhl abwischte.

„So ziemlich.“

„Ganz allein?“

Rose wrang den Lappen aus. „Meistens schon.“

„Rose … wo ist Jacks Vater?“

Rose schwieg einen Augenblick und verdrehte den Lappen ein letztes Mal. „Er wohnt nicht hier“, antwortete sie.

„Also seid ihr nicht verheiratet?“ Sie schüttelte den Kopf. Drew erschrak, als ihm bewusst wurde, wie erleichtert er darüber war.

„Nein, aber Seb ist trotzdem Jacks Vater. Er spielt eine wichtige Rolle in seinem Leben.“

Drew sah zu, wie sie die Arbeitsflächen abwischte. „Ich dachte immer, du würdest erst dann ein Baby bekommen, wenn du verheiratet bist. Das war es doch, was du wolltest.“

„Das dachte ich auch.“ Rose hatte eine Flasche Wein geholt, zog den Korken heraus und goss zwei Gläser ein, ohne Drew zu fragen, ob er überhaupt Wein wollte. „Aber im Leben läuft es nicht immer so wie geplant.“

Sie reichte Drew ein Glas, das er mit einem geistesabwesend gemurmelten Dank akzeptierte, ging in den Wohnbereich und streckte sich mit einem erschöpften Seufzer auf einem der beiden Sofas aus.

„Du hast durch Zufall herausgefunden, dass du Vater bist“, sagte sie. „Ich wurde mehr oder weniger auch nur zufällig Mutter. Ich habe Seb ein paar Monate vor deiner Abreise kennengelernt. Er ist ein toller Mann – sehr lieb, sehr verantwortungsbewusst.“ Ganz anders als Drew. „Er hatte ebenfalls eine gescheiterte Beziehung hinter sich, und niemand von uns hatte irgendwelche Erwartungen an den andern. Wir waren eigentlich eher Freunde.“

„Eindeutig mehr als Freunde, wenn ihr ein Baby miteinander habt“, zitierte Drew sie. Rose wurde rot.

„Okay, wir waren mehr als nur Freunde“, räumte sie ein. „Aber es war ehrlich gesagt nichts Bedeutsames für uns. Und dann … Ich nahm die Pille, aber eines Abends bekam ich eine Lebensmittelvergiftung … Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das einen großen Unterschied machen würde, aber leider tat es das doch. Ich war schon drei Monate schwanger, bevor ich überhaupt auf die Idee kam.“

„Und was ist dann passiert?“ Drew gefiel diese Geschichte überhaupt nicht.

Rose seufzte. „Ich habe mir einen Schwangerschaftstest gekauft und war zuerst geschockt über das Ergebnis. Ein Baby passte gerade überhaupt nicht in mein Leben, und ich wusste, dass Seb eine feste Beziehung genauso wenig wollte wie ich. Ich hatte immer diese romantische Idee gehabt zu heiraten und dann eine Familie zu gründen, und der Gedanke, alleinerziehend zu sein, machte mir Angst, aber … das da in mir war mein Baby. Es kam nicht infrage, ihm etwas anzutun. Und ich wusste, dass ich vielleicht nie wieder die Chance haben würde, ein Baby zu bekommen.“

„Was hat Seb gesagt, als du es ihm erzählt hast?“

„Er war zuerst genauso geschockt wie ich, aber für ihn kam eine Abtreibung auch nicht in Betracht. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir beide für das Kind verantwortlich sein, aber auf keinen Fall eine Beziehung eingehen würden, die im Grunde keiner von uns will. Daher hat Jack eine Mutter und einen Vater. Wir leben einfach nur nicht zusammen.“

Rose trank einen Schluck Wein. „Sebs Wohnung ist nicht weit weg von hier, weshalb ich auch so erpicht darauf war, dein Haus zu mieten. Mir war klar, dass ich mir in dieser Gegend hier sonst nichts leisten kann.“

„Also hast du schon von der Schwangerschaft gewusst, als du mich auf das Haus angesprochen hast?“

„Es war noch ganz frisch“, antwortete Rose. „Vielleicht hätte ich dir sofort davon erzählen müssen, aber ich war noch nicht in der Verfassung, mit jemandem darüber zu reden. Die Vorstellung, ein Kind zu bekommen, hat mich völlig überfordert, und ich hatte Angst, das alles nicht zu schaffen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt“, gab sie traurig zu.

„Aber du hast Jack trotzdem bekommen.“

„Ja, und ich habe es keinen Augenblick bereut. Aber es war nicht immer einfach. Ohne Seb hätte ich das alles nie geschafft. Wir wechseln uns bei der Betreuung ab, so gut es geht, und ich kann mit ihm über alles reden, was Jack angeht. Seb ist ein wichtiger Teil meines Lebens – und von Jacks natürlich auch.“

Drew hatte allmählich die Nase voll davon zu hören, wie wichtig Seb ihr war. „Und wo ist er jetzt?“, fragte er kalt.

„Er hat kürzlich seinen Job verloren“, erklärte Rose und suchte nach den richtigen Worten. „Es war zuerst ein Schock für uns beide, aber inzwischen hat er wieder eine befristete Stelle gefunden, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass daraus eine feste wird. Das Problem ist nur, dass er jetzt in Bristol arbeiten muss, was für Jacks Erziehung nicht gerade praktisch ist.“

„So weit liegt Bristol doch nicht von London entfernt“, sagte Drew. „Nur etwa anderthalb Stunden Fahrzeit, oder?“

„Nur wenn man ein Auto hat“, sagte Rose. „Ich habe aber keins. Außerdem hat es keinen Sinn, Pläne zu schmieden, solange Sebs Job noch nicht sicher ist. Ich habe allerdings noch ein anderes Problem.“ Sie warf Drew vom Sofa aus einen fragenden Blick zu. „Ich dachte da an ein Arrangement zwischen uns beiden“, sagte sie.

„Welches Arrangement?“, fragte Drew vorsichtig.

„Ein praktisches“, antwortete Rose. „Du hast gesagt, dass du für Molly eine Nanny brauchst, solange ihre Großmutter im Krankenhaus liegt. Warum nimmst du nicht mich?“

Drew starrte sie an. „Du willst, dass ich dich einstelle?“

„Nein, ich biete dir nur an, tagsüber auf Molly und Jack aufzupassen, während du bei der Arbeit bist, und wenn du dann nach Hause kommst, übernimmst du die Kinder, während ich zur Arbeit gehe. Wir wechseln uns bei der Kinderbetreuung ab und sparen eine Menge Geld.“

Rose sprach betont gleichmütig, um nicht zu verraten, wie verzweifelt wichtig Drews Zustimmung ihr war. Diese Lösung war ihr eingefallen, als Drew und sie die beiden Kinder gefüttert und gebadet hatten, und sie erschien ihr perfekt. Vielleicht war es nicht gerade das Wunder, das sie sich vor Drews Auftauchen erhofft hatte, aber doch ziemlich nahe dran.

Drew sah nicht überzeugt aus. „Warum willst du das?“, fragte er erstaunt.

„Weil das für mich bedeutet, dass ich hier bleiben kann“, erklärte sie. „Das ist dein Haus, und jetzt, wo du ein eigenes Kind vorsorgen musst, wirst du es brauchen. Zu viert kommen wir hier gerade noch zurecht, aber auf keinen Fall ist hier genug Platz für eine Nanny. Wenn du also eine willst, müssten Jack und ich ausziehen, und in meiner jetzigen unsicheren Situation möchte ich das auf keinen Fall.“

„Ich würde dich nie hier rausdrängen!“, sagte Drew empört.

„Du hättest vielleicht keine andere Wahl, Drew. Für dich steht jetzt Molly an erster Stelle, und wenn sie ein Zuhause braucht und jemanden, der sich in deiner Abwesenheit um sie kümmert, musst du dafür sorgen, dass sie es auch bekommt. Die Betreuung könnte ich übernehmen. Ich bin zwar keine ausgebildete Nanny, aber ich bin da und koste dich nichts. Es wäre die perfekte Lösung für uns zwei.“

4. KAPITEL

Drew sah sie zweifelnd an. „Für mich vielleicht“, sagte er stirnrunzelnd. „Welchen Nutzen du davon hättest, ist mir nicht ganz klar. Du willst doch nicht im Ernst arbeiten gehen, nachdem du den ganzen Tag auf zwei Kinder aufgepasst hast! Ich habe das nur ein paar Stunden gemacht – mit Unterstützung wohlgemerkt – und bin trotzdem total erledigt!“

Rose zuckte die Achseln. „Ich bin daran gewöhnt. Mich würde die Vorstellung, einen Brunnen in Afrika graben zu müssen, auch abschrecken, aber für dich ist das vielleicht nichts Besonderes. Ich kann eben nur abends arbeiten. Als Seb noch in der Nähe wohnte, war das anders, weil er einen Tag in der Woche zu Hause arbeitete und dann Jack betreuen konnte. An diesen Tagen ging ich immer ins Studio und habe ansonsten am Küchentisch gearbeitet, wenn Jack schlief. Ich kann von Glück sagen, dass Peter und Peter so flexibel und hilfsbereit sind.“

Erstaunt hob Drew die Augenbrauen. „Peter und Peter sind noch immer zusammen?“, fragte er.

„Allerdings. Sie haben unsereins eine Menge voraus“, antwortete Rose trocken. „Und sie waren toll zu mir. Ihre Firma läuft inzwischen so gut, dass sie mich laufend mit neuen Aufträgen versorgen. Natürlich wäre es besser, mehr Zeit im Studio zu verbringen, aber dann müsste ich jemanden finden, der sich um Jack kümmert, und das kann ich mir schlicht und einfach nicht leisten. Außerdem“, fuhr sie fort und griff nach ihrem Weinglas, „will ich möglichst viel Zeit mit Jack verbringen. Kleine Kinder werden so schnell groß, und sie verändern sich von Tag zu Tag. Ich habe großes Glück, dass ich mir meine Arbeit frei um Jack herum einteilen kann. Viele Menschen können das nicht.“

Drew stand auf, um die Weinflasche zu holen. Dann beugte er sich über den Couchtisch und füllte Roses Glas nach. „Klingt als hättest du alles im Griff“, sagte er langsam. „Warum machst du nicht einfach so weiter wie bisher? Es gibt schließlich keinen Grund, dich für Molly und mich aufzuopfern.“

„Doch, und zwar dann, wenn ich Unterstützung von dir brauche“, sagte Rose. „Und das ist der Fall. Peter und Peter haben mir gerade die Mitarbeit an einem großen Projekt angeboten. Es ist sehr wichtig für sie, und für mich bedeutet es gutes Geld und tolle Referenzen, aber es gibt einen Haken. Die Frist ist sehr kurz, und wenn ich den Auftrag annehmen will, muss ich in den nächsten sechs Wochen voll zur Verfügung stehen. Peter und Peter haben sich damit einverstanden erklärt, dass ich drei Abende die Woche bei ihnen im Studio arbeiten kann und den Rest zu Hause erledige, aber ich bezweifele, dass mein Verdienst für die nötigen Kinderbetreuungskosten reicht. Ich war gerade ziemlich verzweifelt über meine Lage, als du auftauchtest, aber deine Anwesenheit hat alles verändert …“

Rose verstummte und sah Drew über den Couchtisch hinweg an. Die Situation kam ihr mit einem Mal wieder so unwirklich vor, dass es ihr die Sprache verschlug. Als sie morgens aufgestanden war, hätte sie nie damit gerechnet, noch am gleichen Abend eine Flasche Wein mit Drew zu teilen. Doch plötzlich war er hier und sah sie an, nach all der Zeit, all den Monaten und Wochen, in denen sie ihn so schmerzlich vermisst hatte.

Es war, als wären die letzten zwei Jahre, zehn Monate und neunzehn Tage nie geschehen, als hätte sich nichts verändert.

Doch Rose wusste, dass das nicht stimmte. Alles hatte sich verändert. Drew hatte jetzt ein Kind und sie auch. Die wichtigste Erfahrung ihres Lebens teilten sie mit jemand anders – nicht miteinander, wie Rose es sich immer erträumt hatte. Für einen Moment lang wurde sie von Traurigkeit überwältigt, doch dann gelang es ihr, diese Gefühle abzuschütteln. Was passiert war, war passiert. Es hatte keinen Zweck, wegen etwas in Trübsinn zu verfallen, das man ohnehin nicht mehr ändern konnte.

Da Drew nicht merken sollte, wie viel sie noch für ihn empfand, riss sie sich zusammen.

„Meine Situation hat sich seit deiner Ankunft mit Molly verändert“, korrigierte sie sich selbst energisch. „Ich war kurz davor, Peter und Peters Angebot abzulehnen, aber jetzt habe ich vielleicht doch eine Chance. Ich brauche nur noch deine Zustimmung, ein bisschen für mich babyzusitten.“

Drew verzog skeptisch das Gesicht. „Aus deinem Mund klingt das alles so einfach. Aber was ist, wenn während deiner Abwesenheit etwas passiert? Wenn Jack oder Molly zum Beispiel aufwachen und weinen? Ich hätte keine Ahnung, was ich dann tun soll!“

„Dann wirst du es eben lernen.“

„Wie denn?“, fragte Drew und musste daran denken, wie souverän Rose vorhin mit Molly umgegangen war. Diese Sicherheit würde er nie haben.

„Genauso wie alle frisch gebackenen Eltern. Durch Erfahrung“, antwortete Rose. „Du kannst dich im Laufe der nächsten Woche schon mal daran gewöhnen, genauso wie Jack und Molly sich an dich gewöhnen werden. Danach kommst du bestimmt alleine klar.“

Drew fand noch immer, dass Rose das Problem bagatellisierte, aber er wollte sich mit seinen Bedenken nicht lächerlich machen. Sie hatte es ja schließlich auch geschafft. Warum nicht auch er? So schwierig konnte es ja nicht sein, auf ein Baby aufzupassen, oder? Er hatte in Afrika für die Wasserversorgung in feindlichen Gebieten gekämpft, mit Regierungen verhandelt und brauchbare Lösungen für manchmal schier unlösbare Probleme gefunden. Er hatte sogar bei über vierzig Grad im Schatten gearbeitet, sogar dann, wenn gar kein Schatten vorhanden war.

Da würde er doch wohl mit einem Baby zurechtkommen!

Oder?

„Dann hätten wir das ja geklärt“, sagte Rose. „Du bekommst also von morgen an einen Crashkurs in Sachen Elternschaft, und dann überlegen wir uns eine Zeiteinteilung, bei der wir beide arbeiten und uns um unsere Kinder kümmern können.“

Drew musterte Rose über den Rand seines Weinglases hinweg. Sie saß mit hochgezogenen Beinen in einer Sofaecke und schob sich müde das blonde Haar hinter die Ohren. Ihre grauen Augen waren so schön wie immer, aber sie hatte Schatten unter den Augen und neue Linien, die wahrscheinlich eher auf Sorgen als auf Lachen zurückzuführen waren.

Es musste sehr hart für sie sein, Jack allein großzuziehen, und das Geld war offensichtlich knapp. Rose war so ein warmherziger, liebevoller Mensch. Sie verdiente Besseres als das, was sie von Jacks Vater zu bekommen schien.

Aber wer war er, Seb zu kritisieren? fragte Drew sich in einem plötzlichen Anfall von Selbsterkenntnis. Was hatte er je getan, um Rose glücklich zu machen? Er hatte darauf beharrt, keine Kinder zu wollen und noch nicht einmal im Traum daran gedacht, seine kostbare Freiheit für sie aufzugeben. Er hatte auf die harte Tour lernen müssen, dass Freiheit nicht so verlockend war, wie es aussah. Ohne Rose an seiner Seite hatte sie ihm nicht mehr viel bedeutet.

Er konnte es Rose nicht verübeln, dass sie sich einen anderen Mann gesucht hatte. Schließlich hatte er selbst ihr kein Kind geschenkt. Daher durfte er sich jetzt auch nicht beschweren. Es war das Mindeste, sie zu unterstützen, damit sie arbeiten gehen konnte.

Er wünschte nur, er würde sich nicht so schuldig fühlen, weil sie den ganzen Tag auf seine Tochter aufpassen würde. In Wirklichkeit brauchte er Rose nämlich viel mehr als sie ihn.

Natürlich hatte sie recht mit ihrem Vorschlag. Sich die Sorge um die zwei Kinder zu teilen, war die offensichtliche Lösung für ihr Problem. Drew sah das auch völlig ein. Aber irgendwie fühlte es sich trotzdem merkwürdig an. Vielleicht weil das Ganze wie ein nüchternes Geschäftsabkommen klang? Die Rose aus seiner Vergangenheit war nicht nüchtern und praktisch veranlagt gewesen. Die alte Rose hätte sich nie Sorgen über Geld und Kinderbetreuung gemacht. Sie hätte ihn einfach nur in die Arme genommen und ihm gesagt, dass schon alles in Ordnung kommen würde und dass ihnen nichts Schlimmes zustoßen würde, solange sie zusammen waren.

Aber sie waren nicht mehr zusammen, rief Drew sich ins Gedächtnis. Wahrscheinlich war es genau das, was ihm so gegen den Strich ging. Rose und er würden in den nächsten Wochen unter einem Dach leben, aber mit Liebe oder einer Beziehung hatte das nichts zu tun. Es war nichts weiter als eine praktische Lösung für ein praktisches Problem. Rose hatte das mehr als klargestellt. Das sollte er nicht vergessen.

„Na schön“, antwortete Drew schließlich. Wenn Rose es so wollte, dann sollte es eben so sein. „Ich akzeptiere deinen Vorschlag. Wenn du mir sagst, was ich zu tun habe, werde ich abends auf Jack und Molly aufpassen, während du bei der Arbeit bist.“

Rose atmete erleichtert auf. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie angespannt sie auf seine Antwort gewartet hatte. „Danke“, antwortete sie schlicht.

„Ich müsste eigentlich eher dir danken“, antwortete Drew und schenkte ihnen wieder nach. „Lass uns auf unsere Abmachung trinken.“ Er beugte sich vor und stieß mit Rose an.

„Auf unsere Abmachung“, echote sie. Das Blut schoss ihr in die Wangen, und sie lehnte sich zurück. Es war irgendwie seltsam, mit Drew auf eine Abmachung anzustoßen – als seien sie Fremde, die ein reines Geschäftsabkommen schlossen. Als hätten sie nie zusammengelebt und sich nie geliebt.

Eine Gesprächspause entstand.

„Es wird bestimmt merkwürdig, wieder zusammenzuleben“, sagte Drew schließlich, um die verlegene Stille zu durchbrechen. Rose fragte sich, ob er womöglich gerade das Gleiche gedacht hatte wie sie.

Sie errötete noch tiefer. „Mit zwei Kindern ist alles anders.“

„Wahrscheinlich.“

Schon wieder drohte ihnen der Gesprächsstoff auszugehen. Rose rutschte unbehaglich auf dem Sofa herum. Warum fiel ihr nichts ein?

„Wäre es okay für dich, in dem dritten Schlafzimmer zu schlafen?“

Womit sie gleich klarstellte, dass er nicht bei ihr übernachten würde, dachte Drew trocken. Nicht, dass er damit gerechnet hätte.

„Natürlich“, antwortete er.

„Viel Platz hast du da nicht“, fuhr Rose fort. „Das Zimmer ist kaum mehr als eine Abstellkammer. Aber es würde mir auch nichts ausmachen, selbst dort zu schlafen, wenn du lieber mein Zimmer haben willst.“

Früher wären sie nie auf die Idee gekommen, getrennt zu schlafen.

„Kein Problem“, antwortete Drew und bemühte sich um einen ungezwungenen Tonfall. „Das Zimmer ist bestimmt der reinste Luxus verglichen mit meinen Schlaflagern in Afrika. Außerdem ist es ja nicht für immer.“

„Nein“, stimmt Rose mit flacher Stimme zu. „Es ist nicht für immer.“

Verlegen tranken sie ihren Wein. Die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus. Sie mussten an die vielen Male denken, als sie miteinander geschlafen und geglaubt hatten, für immer glücklich zu sein. An eine Zeit, in der sie sich nicht vorstellen konnten, einander eines Tages wie Fremde gegenüberzusitzen, unfähig, über ihre Gedanken oder Gefühle zu reden.

„Hast du mein Handy irgendwo gesehen?“, fragte Drew schließlich fast schon verzweifelt. Er sah sich suchend im Zimmer um, um nicht Roses Blick begegnen zu müssen. „Ich sollte die Clarkes anrufen und ihnen sagen, dass es Molly gut geht. Sie machen sich sonst bestimmt Sorgen.“

„Es liegt gleich da drüben“, sagte Rose und zeigte darauf. Dankbar dafür, dass er die unerträgliche Stille durchbrochen hatte, stand sie auf. Der Drew, den sie kannte, wäre nie so umsichtig gewesen, dachte sie. Hatte seine Zeit in Afrika ihn verantwortungsbewusster gemacht, oder war es der Schock, plötzlich Vater geworden zu sein? Wie dem auch sei, er hatte sich zu seinem Vorteil verändert. „Ich mache uns etwas zu essen, während du telefonierst.“

Drew, der gerade sein Handy aufklappte, erstarrte plötzlich. „Du willst jetzt doch nicht etwa noch kochen, oder?“, fragte er. „Es war ein total anstrengender Tag. Lass uns doch einfach etwas bestellen.“

„Das ist aber nicht gesund.“

„Wir leben ab morgen wieder gesund“, antwortete er entschieden. „Wo ist die nächste Pizzeria? Ich habe seit anderthalb Jahren keine Pizza mehr gegessen!“

Er bedrängte Rose solange, bis sie den Flyer eines Pizzalieferservices aus dem Altpapier fischte, und rief rasch die Clarkes an, um ihnen zu versichern, dass Molly wohlauf war. Noch ehe Rose überhaupt realisierte, was geschah, hatte er schon für sie beide Pizza bestellt und schaltete befriedigt sein Handy aus.

„Die Pizza soll in etwa zwanzig Minuten kommen“, sagte er. „Ich kann es gar nicht erwarten. Ich bin nämlich am Verhungern …“ Seine Stimme erstarb, als er feststellte, dass Rose ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck betrachtete. „Was ist?“, fragte er.

„Was hast du für mich bestellt?“, fragte sie ganz ruhig.

Drew schüttelte verwirrt den Kopf. Er verstand nicht recht, wo ihr Problem lag, aber anscheinend hatte sie eines. Ein großes sogar. Was zum Teufel hatte er falsch gemacht?

„Vier Sorten Käse mit extra Peperoni“, sagte er.

„Habe ich etwa gesagt, dass ich das will?“

„Nein“, antwortete Drew zögernd und zermarterte sich das Hirn. Kurz darauf hätte er sich am liebsten vor den Kopf geschlagen, als ihm plötzlich bewusst wurde, was er getan hatte. „Ich habe dich gar nicht gefragt, was du willst. Tut mir leid, Rose.“ Er versuchte es mit einem gewinnenden Lächeln. „Das war früher immer deine Lieblingspizza. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Soll ich die Bestellung ändern?“

„Nein“, sagte Rose. „Ich will nur nicht, dass du so tust, als würdest du mich kennen, wenn das gar nicht der Fall ist.“

Drew dachte einen Moment nach. „Ich kann doch nicht so tun, als seien wir Fremde, Rose“, sagte er schließlich.

Wie stellte sie sich das vor? Schließlich war sie alles andere als eine Fremde für ihn. Er wusste, wie sie schmeckte und was in ihr vorging. Er kannte alles an ihr, angefangen von dem Glucksen in ihrer Stimme, wenn sie lachte, bis hin zu dem komischen Gesichtsausdruck, wenn sie niesen musste. Er wusste, wie geschwollen ihr Gesicht aussah, wenn sie weinte und dass sie die Zunge zwischen die Zähne schob, wenn sie sich konzentrieren musste.

Oder wie ihr Lächeln ihre schönen grauen Augen erhellte und ihr seidiges Haar sein Gesicht streifte, wenn sie sich über ihn beugte, um ihn zu küssen.

Er kannte jede Bewegung ihres Kopfes, jede Rundung und jedes Grübchen ihres Körpers und jede ihrer Marotten.

Drews Herz zog sich plötzlich schmerzhaft zusammen. Himmel, er war ein Idiot gewesen, als er sie verließ! Aber wie hatte er auch ahnen können, wie schrecklich er sie vermissen würde?

„Du könntest es zumindest versuchen“, sagte Rose. „Ich habe mich verändert, Drew, und du ebenfalls. Wir sind nicht mehr dieselben wie vor drei Jahren.“

„So sehr können wir uns doch gar nicht verändert haben.“ Aber Drew musste sich eingestehen, dass er vor drei Jahren noch nicht begriffen hatte, was für ein großer Fehler es war, Rose zu verlassen. Jetzt war er klüger. Natürlich war das eine Veränderung, aber im Grunde ihres Herzens waren sie doch immer noch dieselben wie früher, oder nicht? „Wir mögen zum Beispiel die gleiche Pizza“, erklärte er mit einem schwachen Versuch, die Stimmung aufzuheitern.

Doch Rose reagierte nicht auf sein flehentliches Lächeln. „Pizza ist nicht das Entscheidende“, sagte sie scharf. „Wir müssen uns wieder ganz neu kennenlernen.“

Drew ließ sich zurück auf eines der Sofas fallen, verschränkte die Hände und streckte die Arme über dem Kopf aus. „Na schön“, sagte er und zog eine Grimasse, als er die Verspannung in seinen Schultern spürte. „Erzähl mir von der neuen Rose Walters.“

Rose sah ihn misstrauisch an, aber nach dem, was sie gesagt hatte, konnte sie sich schlecht weigern. Ihr wurde plötzlich ganz schwach vor Müdigkeit. Sie ließ sich ihm gegenüber auf das andere Sofa sinken. „Was willst du wissen?“

Was Drew wirklich wissen wollte, war, was für ein Typ Jacks Vater war. Er wollte wissen, ob Rose ihn je geliebt hatte und wenn ja, ob sie ihn immer noch liebte. Sie war keine Frau für lockere Affären, also musste Seb ihr irgendetwas bedeutet haben. So sehr konnte sie sich gar nicht verändert haben, auch wenn sie das Gegenteil behauptete.

Früher einmal hätte er sie alles fragen können, aber das war jetzt unmöglich.

„Was machst du so, wenn Jack abends im Bett ist?“, fragte er statt dessen.

Rose dachte nach. „Normalerweise arbeite ich“, antwortete sie. „Der Abend ist die einzige Zeit, in der ich mich wirklich konzentrieren kann. Manchmal bekomme ich Besuch von Freundinnen, aber die meisten haben entweder selbst Kinder und sind daher ähnlich müde wie ich, oder sie arbeiten und haben einen ganz anderen Tagesablauf.“ Sie errötete. „Klingt nicht besonders aufregend, oder?“

Während sie über ihr Leben sprach, wurde Rose plötzlich bewusst, wie ruhig es inzwischen geworden war. Als sie noch mit Drew zusammenlebte, war immer etwas los. Sie gingen oft aus – ins Kino, ins Theater oder in Konzerte. Sie luden Freunde zum Essen ein und saßen lachend um den Tisch herum. An den Wochenenden machten sie lange Spaziergänge. Manchmal spielte Drew für ein Amateur-Hockeyteam, und Rose schlenderte dann durch die Galerien der Stadt und träumte davon, eine berühmte Künstlerin zu sein. Auch wenn sie nichts unternahmen, machte es Spaß, einfach nur zu Hause zu bleiben, gemeinsam zu kochen und sich über das Fernsehprogramm zu streiten. Und wenn sie sich liebten, hatten sie alle Zeit der Welt. Sie mussten an niemanden denken als an sich.

Drew hatte das alles aufgegeben, dachte Rose und richtete sich auf. Sie hatte ihn unter Druck gesetzt, eine Entscheidung zu treffen. Entweder eine Familie oder das Singleleben.

Und er hatte sich für ein Leben als Single entschieden. Die Schuld lag also nur bei ihr.

Manchmal fragte Rose sich, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie ihm nicht das Ultimatum gestellt hätte – wenn sie die Dinge einfach hätte weiterlaufen lassen, bis Drew sich vielleicht an die Vorstellung einer Familie gewöhnte. Aber das Risiko war ihr einfach zu groß gewesen. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, keine Kinder zu wollen, genauso wenig wie sie einen daraus machte, nicht auf sie verzichten zu wollen. Die Trennung war daher die einzige vernünftige Lösung gewesen.

Aber jetzt saß Drew ihr plötzlich gegenüber, als sei er nie fort gewesen.

5. KAPITEL

Drew dachte über ihre Worte nach. Ihr Leben klang wirklich nicht gerade spaßig. „Bist du denn nie einsam?“, fragte er.

Roses erster Impuls war, das abzustreiten, aber wozu? Drew war jetzt schließlich auch alleinerziehend. Er würde schon bald selbst herausfinden, was das bedeutete.

„Manchmal schon“, gab sie zu. „Ich liebe Jack, und wenn er wach ist, habe ich normalerweise keine Zeit, mich einsam zu fühlen. Aber wenn er im Bett liegt, wünsche ich mir natürlich manchmal ein Gespräch mit einem Erwachsenen, mit jemandem, mit dem ich über etwas anderes reden kann als Kinder. Für kleine Kinder dreht sich die Welt nur um sie selbst, daher wäre es manchmal schön, jemanden zu haben, der sich auch mal um mich kümmert und mir Arbeit abnimmt, wenn ich müde oder krank bin.“

„Warum hast du es nicht mit Seb versucht?“ Drew konnte seine Neugier einfach nicht mehr länger zügeln. „Dein Leben wäre doch viel einfacher, wenn ihr ein Paar wärt.“

„Bestimmt.“ Rose seufzte. „Seb hat mir nach Jacks Geburt einen Heiratsantrag gemacht, aber ich habe ihn abgelehnt.“

„Warum?“ Drew hoffte, dass sie ihm seine Erleichterung nicht anhörte.

„Weil ich mir nicht sicher war, ob ich Seb genug liebe“, antwortete Rose aufrichtig. „Und ich war mir nicht sicher, ob er mich genug liebt. Ohne Jack hätte er mir nie einen Antrag gemacht. Und wahrscheinlich hegte ich insgeheim immer noch die Hoffnung, eines Tages jemanden zu finden, der mich für immer liebt.“

Jemanden, mit dem sie sich so wohl fühlte wie mit Drew.

„Ich wollte nicht, dass Seb und ich nur aus Pflichtgefühl heiraten und diese Entscheidung womöglich irgendwann bereuen“, versuchte Rose zu erklären. „Ich wollte nicht wie deine Eltern enden und mich irgendwann pausenlos mit jemandem streiten, den ich vielleicht sogar hasse. Ich habe ja gesehen, was das bei dir angerichtet hat.“

Drew setzte sich erschrocken auf. „Was meinst du damit? Mit mir ist doch alles in Ordnung!“

„Dein Familienleben war so ganz anders als meins“, erklärte Rose. „Natürlich wolltest du dich nie festlegen und Kinder kriegen, weil du die Ehe als Enttäuschung erlebt hast. Deine Eltern waren doch bestimmt ein abschreckendes Beispiel, oder?“

„Na ja – zum Teil schon“, gab Drew widerstrebend zu. „Aber es ist ja nicht so, dass ich eine schlechte Kindheit gehabt hätte. Ich war die meiste Zeit weg im Internat.“

„Ich wollte aber nicht das Risiko eingehen, dass Jack mir irgendwann mal erklärt, der beste Teil seiner Kindheit sei die Zeit gewesen, als er weg von zu Hause war“, sagte Rose tonlos.

„Das klingt ja so, als sei es meine Schuld, dass du Seb nicht geheiratet hast“, sagte Drew halb im Scherz.

„Natürlich ist es nicht deine Schuld. Aber nachdem ich deine Familie gesehen habe, möchte ich erst dann heiraten, wenn ich mir sicher bin, dass ich den Richtigen gefunden habe.“

„Man kann sich nie hundertprozentig sicher sein, Rose. Selbst ich weiß das. Und eine Scheidung ist nicht das Ende der Welt. Die meisten Menschen kommen damit besser zurecht als meine Eltern“, fügte er trocken hinzu.

„Ich weiß“, sagte Rose. „Deshalb habe ich in der letzten Zeit auch wieder öfter darüber nachgedacht, ob ich Seb nicht doch heiraten soll.“

Drews Herzschlag setzte bei dieser Antwort für einen Moment aus, auch wenn er genau wusste, wie albern das war. Warum sollte Rose nicht darüber nachdenken zu heiraten? Hatte er ihr selbst nicht gerade gesagt, wie viel einfacher ihr Leben dadurch sein würde? Dabei war er selbst nie ein Verfechter der Ehe gewesen.

„Ach ja?“, fragte er. „Wie kommt denn das?“

„Bevor Seb nach Bristol zog, hat er seinen ...

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