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Komm und küss mich, schöner Fremder! / Mein Geliebter, mein Wüstenprinz / Die Braut des italienischen Millionärs / Tanz ins Glück mit dem Boss

Abby Green

Komm und küss mich, schöner Fremder!

PROLOG

Leonidas Parnassus sah aus dem Fenster seines Privatflugzeugs, nachdem es auf dem Flughafen von Athen gelandet war. Er fühlte sich ganz und gar nicht wohl, und er spürte ein unangenehmes Ziehen in der Brust. Und obwohl das Kabinenpersonal sich schon bereitmachte, die Türen zu öffnen, widerstrebte es ihm aufzustehen. Vermutlich, weil sein Vater in zu einem „Gespräch“ nach Athen bestellt und er zu seinem Verdruss eingewilligt hatte. Jedenfalls redete er sich ein, das wäre der Grund für sein Unbehagen.

Leos Züge waren plötzlich so hart, dass der Steward, der zu ihm trat, verunsichert stehen blieb. Doch Leo bemerkte ihn gar nicht. Für ihn gab es in diesem Augenblick nichts anderes als die flirrende Hitze draußen auf dem Rollfeld und seine düsteren Gedanken.

Obwohl als Grieche geboren, hatte er nie einen Fuß auf griechischen Boden gesetzt. Seine Familie war noch vor seiner Geburt aus dem Haus der Vorfahren vertrieben worden. Erst vor ein paar Jahren war sein Vater triumphierend hierher zurückgekehrt. Endlich hatte er es nach langer Zeit geschafft, den Familiennamen von einem schrecklichen Verbrechen reinzuwaschen, und genoss nun seinen wiederhergestellten Status und unschätzbaren Reichtum.

Verbitterung mischte sich in Leos Wut, als er sich an das von Gram gezeichnete Gesicht seiner geliebten Großmutter erinnerte. Für sie war es zu spät gewesen. Sie war in einem fremden Land gestorben, das sie nie geliebt hatte. Vor langer Zeit hatte sich Leo geschworen, an den Ort zurückzukehren, dem seine Familie in Schande den Rücken kehren musste. Und den er um seiner Großmutter willen doch hasste, weil sie in dieser Stadt so gelitten hatte.

Die Familie Kassianides, der Grund für all den Schmerz und die Trauer, lebte immer noch in Athen. Erst jetzt, viel zu spät, hatten sie für all das gezahlt, was sie seiner Familie angetan hatten.

Und nun war er hier. Trotz ihres Zerwürfnisses hatte sein Vater ihn gebeten, nach Athen zu reisen. Seine Stimme hatte geschwächt geklungen, ganz anders als sonst, und das hatte Leo auf gewisse Weise berührt. Er hatte sich gezwungen gesehen zu kommen.

Wollte er sich vielleicht damit beweisen, dass er seinen Gefühlen nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?

Allein der Gedanke daran ließ ihn erschauern. Schon als Kind hatte er sich geschworen, sich nie von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen. Denn genau das hatte seine Mutter das Leben gekostet.

Er würde doch wohl in der Lage sein, das Haus seiner Vorfahren anzusehen, um ihm dann für immer den Rücken zu kehren!

Doch zunächst musste er sich damit auseinandersetzen, dass sein Vater ihm die Leitung des Reedereigeschäfts der Parnassus übergeben wollte. Leo hatte sein Erbe lange Zeit verleugnet. Stattdessen hatte er die Leitung verschiedener Tochtergesellschaften übernommen, die Finanzierung und Grundstückserschließung umfassten. Eben erst hatte er in New Yorks Lower East Side einen gesamten Block neu gestalten lassen.

Sein einziger Beitrag zum Kernunternehmen seines Vaters lag schon ein paar Jahre zurück. Damals hatten sie gemeinsam die Schlinge um Tito Kassianides’ Hals enger gezogen, des letzten verbliebenen Patriarchen der Kassianides-Familie. Es war das Einzige, was Vater und Sohn je verbunden hatte: der Wunsch nach Rache.

Unweigerlich musste Leo an seine Großmutter denken. Wie lange hatte sie auf diesen Moment gewartet und doch nie die Möglichkeit gehabt, ihre Heimatstadt wiederzusehen?

Ein diskretes Hüsteln riss ihn aus seinen Gedanken. „Entschuldigen Sie, Sir?“

Verwirrt sah Leo hoch. Der Steward deutete auf die nun offene Tür. Erneut verspürte Leo ein Ziehen in der Brust. Ihm schien beinahe, als würde draußen vor der Tür etwas Bedrohliches auf ihn warten. Diese Gefühle waren ihm so unangenehm, dass er abrupt aufstand, als könne er sie dadurch abschütteln.

Als er zur Tür ging, war er sich bewusst, dass sein Flugpersonal ihn beobachtete. Normalerweise störte ihn das nicht, er war Aufmerksamkeit gewöhnt. Doch jetzt war es ihm unangenehm.

Sengende Hitze schlug ihm beim Aussteigen entgegen. Obwohl er zum ersten Mal die Luft von Athen einatmete, überwältigte ihn ein Gefühl von intensiver Vertrautheit. Er hatte immer geglaubt, seine Großmutter zu verraten, wenn er den Boden von Athen betrat. Doch jetzt hatte er das Gefühl, sie stünde hinter ihm und würde ihn sanft vorwärtsdrängen. Ein zutiefst verstörendes Gefühl für einen Mann, der sich sonst von seiner Vernunft leiten ließ.

Er versteckte seine Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille, während ihn eine Gänsehaut überlief. Denn er ahnte, dass sich von nun an sein ganzes Leben ändern würde.

Zur selben Zeit am anderen Ende von Athen

„Jetzt atme erst einmal tief durch, Delphi, und dann sagst du mir, was los ist. Sonst kann ich dir nicht helfen.“

Doch die Worte beschworen nur eine neue Flut von Tränen herauf. Angel griff nach einem weiteren Taschentuch, während es ihr eiskalt über den Rücken lief. Ihre jüngere Halbschwester sagte mit zittriger Stimme: „Ich habe nichts Böses getan. Schließlich bin ich Jurastudentin.“

Angel strich ihrer hübschen Schwester besänftigend eine dunkelbraune Strähne aus dem Gesicht. „Ich weiß, Liebes. Was auch immer es ist, es kann doch nicht so schlimm sein. Sag es mir einfach, dann sehen wir weiter.“

Delphi war introvertiert und viel zu still. Sie war schon immer so gewesen, und seit ihre Zwillingsschwester vor sechs Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, hatte sie sich noch mehr in sich selbst zurückgezogen und in ihre Bücher vergraben. Deshalb registrierte sie zunächst nicht, als ihre Schwester leise sagte: „Ich bin schwanger …“

Erst als Delphi noch einmal ansetzte, diesmal mit lauterer Stimme, drangen deren Worte zu ihr durch.

„Hast du gehört, was ich gesagt habe, Angel? Ich bin schwanger.“

Angel umklammerte die Hände ihrer Halbschwester und sah in deren dunkelbraune Augen. Sie selbst hatte hellblaue, obwohl sie den gleichen Vater hatten.

Darum bemüht, sich den Schock nicht anmerken zu lassen, meinte sie: „Wie ist denn das passiert, Delph?“ Sie verzog das Gesicht. „Ich meine, ich weiß natürlich wie, aber …“

Schuldbewusst senkte ihre Schwester den Blick, die Wangen gerötet. „Das mit Stavros und mir ist ernster geworden …“ Delphi hob den Blick. Als Angel merkte, wie aufgewühlt ihre Schwester war, war sie von Mitleid überwältigt.

„Wir wollten es beide, Angel. Wir hatten das Gefühl, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Und wir wollten, dass es in Liebe geschieht …“

Angels Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Das Gleiche hatte auch sie bis jetzt gewollt, aber … Ihre Schwester riss sie aus ihren dunklen Erinnerungen.

„Und wir haben ein Kondom benutzt, aber …“ Wieder ergoss sich Röte über ihre Wangen. Offenbar war es ihr peinlich, über all das zu reden. „Es ist gerissen. Wir wollten aber erst warten, ob tatsächlich etwas passiert ist, über das wir uns den Kopf zerbrechen müssen. Das ist jetzt der Fall.“

„Weiß Stavros es schon?“

Delphi nickte unglücklich und wirkte nun verlegen. „Ich habe dir nie davon erzählt, aber Stavros hat mich letzten Monat an meinem Geburtstag gefragt, ob ich ihn heiraten würde.“

Angel war nicht sonderlich überrascht, weil die beiden sich schon lange liebten. „Hat er mit seinen Eltern gesprochen?“

Erneut liefen Delphi Tränen über die Wangen. „Ja. Sein Vater meinte, er würde ihn enterben, wenn er mich heiratet. Du weißt, dass sie uns nie gemocht haben …“

Angel konnte Delphis Schmerz nachempfinden. Stavros entstammte einer der ältesten und angesehensten Familien in Griechenland, und seine Eltern waren unverbesserliche Snobs. Doch ehe sie etwas sagen konnte, fuhr Delphi mit erstickter Stimme fort: „Und jetzt ist alles noch schlimmer, weil die Parnassus-Familie wieder zu Hause ist. Jeder weiß, was passiert ist und dass Vater bald bankrott ist …“

Ein vertrautes Gefühl von Scham erfasste Angel, als sie den Namen hörte: Parnassus. Vor vielen Jahren hatte ihre Familie den viel ärmeren Parnassus-Clan fälschlich eines schrecklichen Mordes bezichtigt. Es war noch nicht allzu lange her, dass sie diesen entsetzlichen Fehler wiedergutgemacht hatten. Nachdem ihr Großonkel Costas in einem Abschiedsbrief gestanden hatte, das Verbrechen selbst begangen zu haben, waren die Parnassus, inzwischen eine reiche Familie, triumphierend aus Amerika nach Athen zurückgekehrt, auf Rache bedacht. Der anschließende Skandal und die Umkehrung der Machtverhältnisse hatten zur Folge, dass ihr Vater, Tito Kassianides, geschäftlich immer mehr Verlust erlitten hatte, bis er sich nun einem Konkurs gegenübersah.

„Stavros will mit mir durchbrennen …“

Abrupt wurde Angel in die Wirklichkeit zurückgeholt. Sie wollte Einspruch erheben, doch Delphi hob die Hand. „Aber ich werde das nicht zulassen.“ Sie kämpfte verzweifelt gegen die Tränen an. „Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass er mit allem bricht und enterbt wird. Ich weiß doch, dass ihm nichts wichtiger ist, als eines Tages in die Politik zu gehen. Wegzulaufen könnte ihm alle Chancen verbauen.“

Angel wunderte sich über die Selbstlosigkeit ihrer Schwester. Erneut nahm sie deren Hände und meinte sanft: „Und was ist mit dir, Delph? Du verdienst es genauso, glücklich zu sein. Und du verdienst es, dass dein Baby einen Vater hat.“

In diesem Moment schlug unten im Haus eine Tür, und beide zuckten zusammen.

„Er ist wieder da …“ In Delphis Stimme lagen Angst und Abscheu, während ihr Vater in seiner trunkenen Wut unartikuliert brüllend die Treppe heraufpolterte. Als Angel sah, dass wieder Tränen über Delphis Wangen liefen, wurde ihr bewusst, dass sie ihrer jüngeren Schwester unbedingt helfen musste, um sie vor einem schmerzlichen Skandal oder dem Verlust von Stavros zu schützen. Zärtlich umfasste sie Delphis Schultern und zwang ihre Schwester, ihr in die Augen zu sehen.

„Es war richtig, dass du mir alles erzählt hast, Liebes. Lass dir nichts anmerken. Uns wird schon etwas einfallen. Alles wird wieder in Ordnung kommen …“

Delphis Stimme klang nun beinahe hysterisch. „Aber Vater hat sich immer weniger unter Kontrolle, und Mutter ist völlig aufgelöst …“

„Ganz ruhig. Ich war doch immer für dich da, oder nicht?“

Angel wand sich innerlich. Sie war eben nicht da gewesen, als Delphi sie am meisten gebraucht hatte: nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester Damia. Danach hatte Angel sich geschworen, zu Hause zu bleiben, bis Delphi, zutiefst verstört durch den schrecklichen Unfall, wieder auf eigenen Füßen stehen könnte. Als Delphi sie nun mit so unverhohlenem Vertrauen ansah, musste Angel einen Anflug von Panik unterdrücken. Zärtlich strich sie ihr eine Träne von der Wange.

„Du musst dich auf dein Examen in ein paar Monaten vorbereiten und hast keine Zeit für andere Dinge. Überlass also alles mir.“

Delphi schlang ihre zarten Arme um Angels Hals und zog sie an sich. Überwältigt von Mitgefühl wurde Angel erneut bewusst, dass ihre jüngere Schwester schwanger war. Also musste sie dafür sorgen, dass sie und Stavros heiraten konnten. Aber sollte Tito herausfinden, dass sie …

Delphi rückte von ihr ab und sprach Angels Gedanken laut aus. „Und was ist, wenn Vater …?“

„Er wird dir nichts tun, das verspreche ich“, fiel Angel ihr ins Wort. „Du solltest jetzt zu Bett gehen und ein bisschen schlafen. Mach dir keine Sorgen. Ich werde alles regeln.“

1. KAPITEL

Ich werde alles regeln. Diese schicksalhaften Worte schwirrten Angel auch noch eine Woche später durch den Kopf. Sie war zu Stavros’ Vater gegangen, um mit ihm zu sprechen, aber er hatte es nicht einmal für nötig befunden, sie zu empfangen. Klarer hätte er nicht ausdrücken können, dass sie eine gesellschaftliche Außenseiterin war.

„Kassianides!“

Abrupt wurde Angel aus ihren düsteren Gedanken gerissen, als ihr Chef ihren Namen rief. Seine ungeduldige Miene deutete darauf hin, dass er sicher schon zwei oder drei Mal versucht hatte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

„Wenn Sie wieder bei uns auf der Erde sind, gehen Sie zum Pool und schauen nach, ob alles sauber ist und die Teelichter auf den Tischen stehen!“

Sie stammelte eine Entschuldigung, ehe sie davoneilte. Tatsächlich hatten ihre Gedanken um Delphi sie von dem verstörenden Umstand abgelenkt, dass sie sich am schlimmsten Ort befand, den sie sich vorstellen konnte: in der Parnassus-Villa, die oberhalb von Athen auf den Hügeln lag. Als Bedienung bei einer Party, die für Leonidas Parnassus gegeben wurde, den Sohn von Georgios Parnassus. Alle sprachen davon, dass er im Begriff stand, das Familienimperium zu übernehmen, ein Mann, der es aus eigenen Kräften zum Multimillionär geschafft hatte.

Nur zu deutlich wurde ihr all das wieder bewusst, als sie die Treppe hinuntereilte, die von wunderschönen Bougainvillen gesäumt war. Sie befand sich im Zuhause der Familie Parnassus, die die ihre leidenschaftlich hasste.

Einen Moment blieb sie stehen. Ein hysterisches Lachen stieg in ihr auf, als sie sich der Ironie bewusst wurde. Sie, Angel Kassianides, würde der Crème de la Crème von Athen Drinks servieren, direkt unter der Nase der Familie Parnassus. Kalter Schweiß brach ihr aus bei dem Gedanken, was Tito tun würde, könnte er sie jetzt sehen.

Angel zwang sich weiterzugehen. Erleichtert seufzte sie auf, als ein schneller Blick zum Poolbereich ihr zeigte, dass niemand dort war. Die Gäste waren noch nicht eingetroffen. Trotzdem überlief sie eine Gänsehaut.

Sie hatte keine Möglichkeit gehabt, diesem Abend hier zu entrinnen. Aus „Sicherheitsgründen“ waren ihr und ihren Kollegen erst auf halbem Weg zu ihrem geheim gehaltenen Ziel gesagt worden, wohin der Minibus sie bringen würde. Angel wusste, dass ihr Chef sie sofort feuern würde, wäre sie ausgestiegen. Denn er hatte Angestellte, die bei seinem Catering-Unternehmen gearbeitet hatten, schon aus geringfügigerem Anlass auf die Straße gesetzt. Und sie konnte es sich nicht leisten, ihren Job zu verlieren, da allein ihr Einkommen das Studium ihrer Schwester sichern konnte und ihnen etwas zu essen garantierte.

Angel versuchte, sich zu beruhigen, indem sie sich sagte, dass ihr Chef, ein Engländer, nichts von ihrer skandalösen Verbindung zu der Familie Parnassus wissen konnte. Während sie Teelichter in die antiken silbernen Halter steckte und auf dem Tisch mit der weißen Damasttischdecke abstellte, machte sie sich dankbar bewusst, dass auch vom Personal niemand aus der Gegend war.

Ihre einzige Sorge war, dass einer der Gäste sie erkennen könnte. Aber so, wie sie diese Leute kannte, würden sie ihr in ihrer Arbeitskleidung aus schwarzem Rock und weißer Bluse sicher keinen zweiten Blick gönnen. Vielleicht könnte sie in der Küche bleiben, die Tabletts herrichten und dann verschwinden …

Plötzlich fuhr Angel zusammen, als sie ganz in ihrer Nähe Wasser aufspritzen hörte. Da war jemand im Pool. Vorsichtig stellte sie die letzte Kerze auf den Tisch, während ihr bewusst wurde, dass dieser Jemand schon die ganze Zeit im Pool gewesen sein musste.

Der Himmel leuchtete in dunklem Violett, sodass sie ihre Umgebung wohl nur schemenhaft wahrgenommen hatte. Angel wollte gerade zurück in die Küche gehen, als sie eine Bewegung direkt neben sich bemerkte. Sie blickte sich um.

Ein griechischer Gott mit olivefarbener Haut schwang sich gekonnt aus dem Pool, Wassertropfen perlten auf seinen angespannten Muskeln. Wie in Zeitlupe schien er sich zu seiner vollen Größe aufzurichten. Benommen schüttelte Angel den Kopf. Griechische Götter existierten überhaupt nicht. Das da war ein Mann aus Fleisch und Blut. Als ihr bewusst wurde, dass sie dastand und ihn anstarrte, geriet sie in Panik. Erschrocken wich sie zurück und war im Begriff, über einen Liegestuhl zu stolpern. Im gleichen Moment griff der Mann nach ihr, sodass sie gegen seine Brust fiel, während er sie an den Oberarmen festhielt.

Für einen langen Augenblick versuchte Angel sich einzureden, dass sie all das nur träumte. Diesen verwirrend herben Duft, die nackte nasse, muskulöse Brust, nur einen Hauch von ihrem Mund entfernt, sodass sie fast mit ihren Lippen die dunklen Haare hätte berühren können.

Entschieden löste sie sich aus seinen Armen. Sengende Hitze färbte ihre Wangen, als sie endlich wieder aufrecht stand. Sie schluckte, während ihr Blick über breite Schultern hoch zu seinem Gesicht flog.

„Es tut mir sehr leid. Ich bin einfach … erschrocken. Das Licht … Ich habe nicht gesehen …“

Der Mann hob eine schwarze Braue. Erneut musste Angel schlucken. Gott im Himmel, sein Gesicht war genauso schön wie sein Körper. Dichte schwarze Haare, hohe Wangenknochen und ein markantes Kinn. Sein Mund versprach eine Sinnlichkeit, die etwas tief in ihr berührte.

Von seiner Oberlippe lief eine dünne Narbe hoch zu seiner Nase, und Angel musste sich zusammennehmen, um nicht mit dem Finger darüberzufahren. Sie wollte gerne wissen, woher diese Narbe wohl rührte – obwohl dieser Mann ihr völlig fremd war.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Angel nickte zerstreut. Er klang wie ein Amerikaner. Vielleicht war er ein Geschäftspartner, der über Nacht blieb. Und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.

Sie nickte. „Mir … mir geht es … gut.“

Er runzelte ein wenig die Stirn. Anscheinend machte es ihm nicht das Geringste aus, dass er fast nackt war. „Sie sind nicht aus Griechenland?“

„Doch, ich bin Griechin, aber auch halb Irin. Ich war dort lange Zeit im Internat …“ Schnell schloss sie den Mund. Was redete sie da eigentlich?

Die Falten auf der Stirn des Fremden vertieften sich ein wenig, als sein Blick über ihre Arbeitskleidung schweifte. „Und trotzdem bedienen Sie hier?“

Sein verwunderter Ton brachte Angel wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. In Griechenland gingen nur Mädchen aus privilegierten Kreisen im Ausland auf ein Internat. Plötzlich fühlte sie sich verletzlich. Sie hätte sich eigentlich im Hintergrund halten sollen, statt sich mit den Gästen zu unterhalten.

Sie trat zurück. „Entschuldigen Sie, aber ich muss zurück zu meiner Arbeit.“

Angel wollte sich gerade abwenden, als er in gedehntem Ton meinte: „Vielleicht sollten Sie sich erst etwas Trockenes anziehen, bevor Sie den Champagner servieren.“

Sie folgte seinem Blick, der auf ihren Brüsten ruhte. Entgeistert schnappte sie nach Luft, als sie sah, dass sie tatsächlich durchnässt war. Durch ihre weiße, nun durchsichtige Bluse schimmerten ihr BH und darunter die vor Lust aufgerichteten Knospen.

Peinlich berührt stolperte Angel wieder rückwärts, kam dem Liegestuhl gefährlich nah und floh die Treppe hinauf, begleitet von einem tiefen, spöttischen Lachen.

Eine Stunde später schaute Leonidas Parnassus sich in dem dicht gedrängten Salon um und versuchte, seine Enttäuschung zu unterdrücken, da er die Kellnerin nirgends finden konnte. Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn, weil er sie unbedingt wiedersehen wollte. Und dass ihre Gestalt ihm unter der Dusche so lebhaft vor Augen gewesen war, gefiel ihm auch nicht.

Jetzt stieg das Bild erneut in ihm auf. Eine dunkle Röte auf den Wangen, mit intensiv hellblauen Augen, umrahmt von dichten dunklen Wimpern. Sie hatte ihn angesehen wie ein verschrecktes Rehkitz. Als hätte sie noch nie zuvor einen halbnackten Mann gesehen.

Sie hatte einen winzigen Schönheitsfleck unter der vollen Unterlippe. Er verzog das Gesicht, als er merkte, wie sein Körper auf diese Erinnerung reagierte. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass er so schnell auf sie ansprach. Während er sie vom Pool aus beobachtet hatte, wie sie schnell und geschickt ihre Arbeit verrichtete, die glänzenden braunen Haare zu einem Knoten hochgesteckt, schien sie in Gedanken ganz woanders gewesen zu sein, sonst hätte sie ihn sicher bemerkt. Denn Leo war gewiss kein Mann, den man übersah.

Als er sie instinktiv an sich gezogen hatte, hatten sich ein paar Strähnen aus ihrem Knoten gelöst, sodass der Wunsch in ihm aufgestiegen war, den Knoten ganz zu lösen und seine Hände in ihren seidigen Haaren zu vergraben.

Erneut sah er sich um. Wo steckte sie nur? Hatte er sich all das nur eingebildet? Als sein Vater mit einem Freund auf ihn zukam, zwang er sich zu einem wohlwollenden Lächeln, während er sich dafür hasste, zum Sklaven einer namenlosen Kellnerin geworden zu sein.

Der Anblick seines Vaters lenkte ihn einen Moment ab. Er war alt geworden seit ihrem letzten Treffen. Die Vorstellung, dass er hier gebraucht wurde, überwältigte ihn beinahe. Aber war sein Platz wirklich hier? Er versuchte sich an dem Wort: Zuhause. Sein Herz schlug schneller.

Er dachte an sein modernes, aber dennoch steriles Penthouse in New York, inmitten von Wolkenkratzern aus Stahl und Glas. An seine perfekt gepflegte und sehr erfahrene blonde Geliebte. Und er überlegte, wie es sein würde, all das hinter sich zu lassen. Doch er spürte … nichts.

Seit er in Athen war, waren all seine Erwartungen auf den Kopf gestellt worden. Er hatte geglaubt, nichts für diese Stadt zu empfinden. Stattdessen hatte er das Gefühl, etwas zutiefst Ursprüngliches in seiner Seele gefunden zu haben. Etwas war zum Leben erwacht und konnte nicht mehr verbannt werden.

Wie um dieses Gefühl zu verstärken, fiel ihm etwas am anderen Ende des Raums ins Auge. Hochgesteckte glänzende Haare, ein schlanker Rücken. Leos Herz begann, noch schneller zu schlagen, in einem ganz anderen Rhythmus.

Angel zwang sich, niemanden anzusehen und den Blick auf den Boden gerichtet zu halten. Sie hatte in der Küche bleiben wollen, aber ihr Chef hatte sie in den großen Salon geschickt, als sei sie seine erfahrenste Angestellte.

In diesem Moment fing sie den scharfen Blick von Aristotle Levakis auf, einem Geschäftspartner der Familie Parnassus. Ihr Magen zog sich in Panik zusammen. Die Begegnung würde zu einer Katastrophe führen. Aristotle Levakis kannte sie, denn sein Vater war bis zu seinem Tod mit ihrem Vater befreundet gewesen.

Sie wollte einer kleinen Gruppe von Gästen Wein von ihrem Tablett anbieten, als sie versehentlich von einem der anderen Kellner angerempelt wurde. Ihr Tablett kippte zur Seite, und entsetzt sah sie, wie sich vier Gläser Rotwein über das makellos weiße Designerkleid einer schönen Frau ergossen.

Einen Moment geschah nichts. Die Frau blickte nur fassungslos auf ihr Kleid. Dann schrie sie plötzlich so schrill auf, dass Angel zusammenzuckte, während sich eine unheimliche Stille über den Raum legte.

„Du dummes, ungeschicktes Mädchen …“

Wie aus dem Nichts tauchte ein großer dunkler Schatten an Angels Seite auf. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie merkte, dass es der Mann aus dem Pool war. Kurz zwinkerte er ihr zu, ehe er die entsetzte Frau beiseitenahm und leise auf sie einredete.

Während Angels Chef, der herangeeilt war, sich um die Frau kümmerte, drehte der Mann sich zu Angel um. Worte schwirrten ihr durch den Kopf, die keinen Sinn ergaben. In seinem perfekt geschnittenen Smoking sah er so umwerfend aus, dass ihr die Sprache wegblieb.

Ruhig nahm er ihr das nun leere Tablett aus der Hand und übergab es einem der anderen Kellner. Das Chaos am Boden war bereits beseitigt worden.

Der Mann legte die Hand auf ihren Arm und führte sie durch den Salon und die geöffneten Terrassentüren hinaus ins Freie.

Die duftende, angenehm kühle Abendluft umfing Angel wie eine Liebkosung. Trotzdem war ihr heiß. Nicht nur vor Verlegenheit, sondern auch, weil der Mann seine große Hand um ihren Oberarm gelegt hatte. Vor einer niedrigen Mauer blieben sie stehen, hinter der sich ein makellos gepflegter Rasen hügelabwärts erstreckte.

Bedrückende Stille machte die Luft schwer, während die Geräusche der Party nur noch gedämpft durch die geschlossenen Terrassentüren zu hören waren. Hatte er die Türen geschlossen? Der Gedanke, dass er mit ihr vielleicht nicht gestört werden wollte, ließ sie erschauern. Sie sah zu ihm hoch und befreite sich dann aus seinem Griff. Lächelnd schob er die Hände in seine Taschen. Seine dunklen dichten Haare, ein wenig zu lang für die derzeitige Mode, gaben ihm eine so verwegene Schönheit, dass Angel sich erneut schwach fühlte.

„Also … so trifft man sich wieder.“

Angel fürchtete, dass ihre Stimme nicht so kühl klingen würde, wie sie hoffte. „Tut mir leid … Sie müssen mich ja für einen entsetzlichen Tollpatsch halten. Normalerweise bin ich nicht so ungeschickt. Danke, dass Sie …“ Angel deutete zum Salon. „Dass Sie die Situation entschärft haben. Aber ich glaube nicht, dass mein Chef mir das verzeihen wird. Das Kleid hat vermutlich so viel gekostet, wie ich in einem Jahr verdiene.“

Er zog eine Hand aus der Tasche und winkte lässig ab. „Betrachten Sie es als erledigt. Ich habe gesehen, was passiert ist. Es war ein Versehen.“

Angel schnappte nach Luft. „Das geht doch nicht. Ich kenne Sie nicht einmal.“

Seine Unbekümmertheit und die lässige Zurschaustellung von Reichtum hinterließ Kälte in ihr. Eine Ablehnung der gesamten gehobenen Gesellschaft, obwohl sie selbst darin aufgewachsen war. Doch es erinnerte sie an zu viel Dunkles in ihrer eigenen Familie.

Ein gefährliches Glitzern stand nun in seinem Blick. „Ganz im Gegenteil. Ich würde sagen, dass wir auf dem besten Weg sind, uns … einander vertraut zu machen.“

In diesem Moment schien ein Funke überzuspringen. Als der Mann näher trat und die Lücke zwischen ihnen schloss, schnürte es Angel die Kehle zu. Sie konnte weder denken noch sprechen. Während er ihren Blick festhielt, bemerkte sie, dass seine Augen in einem goldenen Licht zu strahlen schienen.

Sanft fuhr er mit dem Finger über ihre zarte Wange und hinterließ dort eine brennende Spur.

„Ich musste ständig an Sie denken.“

Die Kälte in Angels Brust verflog. „Ach wirklich?“

Er nickte. „Und an Ihren Mund.“

„Meinen Mund …“, wiederholte Angel einfältig, ehe ihr Blick auf seinen Mund fiel und die dünne Narbe, die sich zur Nase hinzog. Ihr Verlangen, mit dem Finger darüberzufahren, war fast übermächtig.

„Haben Sie gerade daran gedacht, wie es wäre, wenn ich mit meinem Mund Ihre Lippen berühren würde?“

Angels Blick flog hoch und begegnete einem starken Glühen in seinen Augen. Hitze sammelte sich als Antwort in ihrem Unterleib. Am liebsten hätte sie die Beine zusammengepresst, um den verwirrend süßen Schmerz zu bekämpfen, der sich dort aufbaute.

Ehe sie eine Antwort finden konnte, hatte er die Hand um ihre Wange gelegt. Plötzlich gab es keine Distanz mehr zwischen ihnen, weil er sich langsam zu ihr hinunterbeugte.

Er roch nach Moschus und Hitze. Ein Duft, auf den sie instinktiv reagierte.

Verzweifelt versuchte Angel, sich an etwas festzuhalten. Sie legte ihre Hand auf seine, um sie wegzuziehen. Doch dann war sein Mund dem ihren so nahe, dass sie seinen Atem spürte, der sich mit ihrem vermischte. Ihre Lippen prickelten. Sie wollte … wollte …

„Sir?“

Angel wollte so verzweifelt seinen Mund auf ihrem spüren, dass sie noch näher zu ihm rückte.

„Mr. Parnassus … Sir?“

Angel hatte die Augen geschlossen, doch jetzt hob sie flatternd die Lider. Beinahe hätten sich ihre Lippen berührt, sie mit ihrer Zunge seinen Mund erkundet. Und dann war dieser Name in ihr Bewusstsein gedrungen.

Mr. Parnassus.

Abrupt wurde sie in die Wirklichkeit zurückgeholt, während das Stimmengewirr der Gäste durch die nun geöffneten Terrassentüren zu ihnen drang. Angel zog unbewusst seine Hand weg und trat schockiert zurück.

Jemand kam hinaus auf die Terrasse. Der Butler, der dort gestanden hatte – wie lange schon? –, zog sich diskret zurück. Stattdessen stand nun Olympia Parnassus dort, die Frau des Gastgebers. Angel kannte sie von einem Gespräch in der Küche, bei dem Olympia dem Bedienungspersonal Anweisungen gegeben hatte.

„Leo, mein Schatz, dein Vater sucht dich. Die Rede soll bald gehalten werden.“

Angel merkte, dass er sie mit einer einzigen fließenden Bewegung dem Sichtfeld der anderen Frau entzog. „Gib mir noch zwei Minuten, Olympia“, bat er mit tiefer Stimme.

Sein Ton duldete keinen Widerspruch. Offensichtlich war er es gewohnt, Befehle zu geben, die auch befolgt wurden. Schließlich war er Leonidas Parnassus.

Angel hörte kaum, dass die ältere Frau etwas erwiderte, ehe sie zurück in den Salon stöckelte und die Türen hinter sich schloss. Der Schock verlieh ihr langsam wieder Kraft.

Auch wenn sie wusste, dass Leonidas Parnassus sich wieder zu ihr umgedreht hatte, schaffte sie es nicht, ihn anzusehen. Er hob ihr Kinn und lächelte sie verführerisch an.

„Tut mir leid, dass wir unterbrochen wurden. Ich muss gleich gehen. Aber … wo waren wir stehen geblieben?“

Angel wusste, dass sie auf der Stelle gehen musste. Denn sie war eben im Begriff gewesen, Leonidas Parnassus zu küssen. Der Mann, der sich mit Sicherheit am öffentlichen Ruin ihrer Familie weiden würde. Zorn stieg in ihr auf. Sie befanden sich in einer ernsten Notlage, und alles nur wegen seiner Verwandten und deren Gier nach Rache. Aber sie und ihre Schwester verdienten es nicht, für etwas zahlen zu müssen, das schon Jahrzehnte zurücklag.

Angel schob seine Hand fort und zwang sich zu einem frostigen Ton. „Hören Sie, ich weiß nicht, was für ein Spiel Sie treiben. Ich jedenfalls muss jetzt zurück an meine Arbeit. Wenn mein Chef mich mit Ihnen hier draußen sieht, werde ich auf der Stelle gefeuert. Das ist Ihnen offensichtlich noch nicht in den Sinn gekommen.“

Leonidas Parnassus sah sie einen langen Augenblick an, ehe er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und einen Schritt zurücktrat. Der verführerische Mann, der sie eben noch geneckt hatte, war verschwunden. Stattdessen stand nun der Sohn und Erbe einer ungeheuer reichen Familie vor ihr. Der Mann, der es außerdem bereits aus eigenen Stücken zum Millionär gebracht hatte.

Er verströmte überhebliches Selbstvertrauen, und Angel musste einen Schauer unterdrücken, als sie die Kälte in seinem Blick bemerkte.

„Entschuldigen Sie.“ Er klang frostig. „Ich hätte nie den Versuch gemacht, Sie zu küssen, hätte ich gewusst, dass Ihnen der Gedanke so unangenehm ist.“

Sein Verhalten strafte seine Worte Lügen, denn er wirkte nicht im Geringsten reumütig. In diesem Moment streckte er seine Hand aus und umfasste erneut ihr Kinn. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, und sie spürte, dass Röte sich über ihre Wangen ergoss.

Sein Charme war verflogen. „Wem wollen Sie eigentlich etwas vormachen, Schätzchen? Ich kenne die Anzeichen der Begierde. Sie waren eben scharf auf mich, genauso wie am Pool.“

Erneut riss Angel sich von ihm los, während wieder Panik in ihr aufstieg. Hätte er auch nur die geringste Ahnung, wer sie war … „Machen Sie sich nicht lächerlich. Das stimmt nicht. Ich möchte Sie bitten, mir jetzt aus dem Weg zu gehen, damit ich zurück an die Arbeit kann.“

„Das werde ich“, gab er barsch zurück. „Aber nicht bevor wir bewiesen haben, dass Ihre Beteuerung eine Lüge war.“

Ehe sie Luft holen konnte, hatte er ihren Mund erobert. Ihr Widerstand schmolz dahin, als er sie so leidenschaftlich küsste.

Die Wirklichkeit schien sich aufzulösen, während sie sich aneinanderpressten und sie seine harte Männlichkeit spürte.

Und dann war es plötzlich vorbei, als er einen Schritt zurücktrat. Benommen stand Angel da und fühlte sich zutiefst gedemütigt.

Leonidas Parnassus sah sie nur an, sein Gesicht gerötet. Vor Wut? Oder aus Befriedigung, weil er ihr bewiesen hatte, dass er recht gehabt hatte?

Ein diskretes Hüsteln erklang in ihrer Nähe, ehe jemand die Stimme erhob.

„Sir? Könnten Sie bitte zu Ihrem Vater hereinkommen?“

Mit ausdrucksloser Miene wandte sich Leonidas Angel zu. Jetzt konnte sie sich kaum noch vorstellen, dass dieser Mann sie eben erregt hatte.

„Ich bin sofort da“, rief Leonidas dem Butler zu, während er den Blickkontakt zu Angel hielt. Er schien sich vollständig unter Kontrolle zu haben, sah man von seinen geröteten Wangen ab.

„Ich …“, begann Angel aufgelöst.

Er schnitt ihr das Wort mit einem herrischen „Warten Sie hier auf mich“ ab. „Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen.“

Damit drehte er sich auf dem Absatz um. Angel sah, wie er mit entschiedenen Schritten zurück in den überfüllten Salon ging, während er sich mit der Hand durch die Haare fuhr. Sein Rücken wirkte sehr breit und kräftig in der schwarzen Smokingjacke.

Sie konnte nicht glauben, was eben passiert war.

Schockiert legte sie einen Finger an ihre geschwollenen Lippen. Peinlich berührt und voller Abscheu wurde ihr wieder bewusst, dass sie ihren Körper an seinen gepresst hatte, als er sie küsste … Nicht einmal in den leidenschaftlichsten Momenten ihrer Beziehung mit Achilles hatte sie ein so intensives Verlangen verspürt, das jeden Gedanken ausgeschaltet hatte. Genau das war Teil des Problems gewesen, wie sie sich verbittert erinnerte.

Bei der schmerzlichen Erinnerung fühlte Angel sich verletzlich und bloßgestellt, als ob das, was eben geschehen war, nicht schon schlimm genug wäre.

Als sie hörte, dass Bewegung in die Gäste im Salon kam, sah sie sich hastig nach einem Fluchtweg um. Sie entdeckte ein paar Stufen, die von der Terrasse nach unten und vermutlich nach hinten zur Küche führten. Eilig hastete sie hinunter, auch wenn sie wusste, dass sie ihren Job vergessen konnte. Der Vorfall mit dem verschütteten Wein hatte ihr Schicksal schon besiegelt. Und das Stelldichein mit dem Ehrengast setzte dem Ganzen die Krone auf.

Bald würde ihr Chef wissen, wer sie war, doch sie wollte nicht dabei sein, wenn er davon erfuhr.

Eilig sammelte sie in der Küche ihre Sachen zusammen, ehe sie die Auffahrt hinunterlief, ohne einen Blick zurück zu werfen.

Leo stand da und hörte der gefühlsgeladenen Rede seines Vaters zu. Georgios Parnassus machte kein Hehl daraus, dass er seinem Sohn Leo nun die Zügel übergeben wollte. Erneut spürte Leo Stolz in sich aufsteigen und das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Obwohl er dem alten Mann nicht die Befriedigung schenken wollte, so schnell zu kapitulieren, konnte er nicht leugnen, dass er für sich beanspruchen wollte, was ihm durch seine Geburt zustand.

Sein alter Herr war kein Narr. Zweifellos hatte er genau darauf gebaut, als er ihn bat, nach Griechenland zu kommen.

Obwohl er, nachdem der stürmische Applaus für seinen Vater verebbt war, seine Gedanken und Absichten in wohlgesetzten Worten darlegte, verlangte sein Körper immer noch nach der Frau, die er draußen auf der Terrasse zurückgelassen hatte. Er warf einen Blick zu den Türen, die wieder offen standen, konnte sie jedoch nicht entdecken. Verwirrt überlegte er, ob sie vielleicht gegangen war. Er hatte ihr doch gesagt, sie solle warten. Und er war hier gefangen, belagert von den üblichen Schmeichlern, die um seine Gunst wetteiferten.

Dass er erpicht darauf war, hinauszukommen, um das zu beenden, was sie begonnen hatten, verdross ihn. Er stand an einer Weggabelung in seinem Leben, ein großer Moment, und konnte doch an nichts anderes denken als die verführerische Kellnerin, die die Frechheit besessen hatte, ihm ein Wechselbad der Gefühle zu präsentieren. Dass er mit Wut reagierte, überraschte ihn und war ihm neu. Die Frauen, die er kannte, waren erfahren und kannten ihr Ziel. Gefühle spielten dabei keine Rolle.

Doch als sie ihn angesehen hatte, als sei er ein unerfahrener Junge, der versuchte, sie zu betatschen, hatte er rotgesehen. Noch nie hatte er das Bedürfnis gehabt, einer Frau etwas beweisen zu wollen. Noch nie ein solch unbarmherziges Verlangen bei einer Frau verspürt, sie zu küssen. Als er dann spürte, dass sie ihren anfänglichen Kampf gegen ihn aufgab, in seinen Armen dahinschmolz und ihn küsste, als ob ihr Leben …

„Georgios hätte sich nicht klarer ausdrücken können. Also, bist du bereit, den Köder anzunehmen, Parnassus?“

Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er einen Moment brauchte, um in die Wirklichkeit zurückzukehren. Die Gäste, die um ihn herumgeschwänzelt waren, waren verschwunden. Nur Aristotle Levakis, der Geschäftsfreund seines Vaters, stand vor ihm und sah ihn erwartungsvoll an. Leo mochte Ari Levakis. Sie hatten während der Übernahmeverhandlungen eng zusammengearbeitet, auch wenn Leo in New York gewesen war.

Leo zwang sich zu einem Lächeln und meinte scherzend: „Glaubst du wirklich, dass ich dir etwas verrate, damit ganz Athen morgen weiß, wie ich mich entschieden habe?“

Gutmütig schnalzte Ari mit der Zunge. Leo versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, obwohl er weiter Ausschau nach schimmernden braunen Haaren hielt, zu einem Knoten hochgesteckt.

Deshalb bekam er nicht mit, was Ari gerade gesagt hatte, und verfluchte sich im Stillen. „Entschuldige, was meintest du?“

„Dass ich überrascht war, sie hier zu sehen. Ich habe mitbekommen, wie du sie nach draußen geführt hast. Hast du ihr gesagt, dass sie gehen soll?“ Ari schüttelte den Kopf. „Die traut sich was, das muss ich schon sagen …“

Leo erstarrte. „Sie?“

„Angel Kassianides. Titos älteste Tochter. Sie hat hier als Bedienung gearbeitet … als sie Pia Kyriapoulos Wein über das Kleid schüttete, hast du sie nach draußen geführt. Sicher hast du sie weggeschickt.“

Leo reagierte sofort, als er den Namen Kassianides hörte. Es war der Name seines Feindes, ein Name, der für Verlust, Schmerz, Erniedrigung und unbeschreibliches Herzeleid stand. Er runzelte die Stirn und versuchte zu verstehen. „Angel Kassianides … Sie ist eine Kassianides?“

Ari nickte und hob dann die Brauen, als er Leos erstaunte Miene bemerkte. „Wusstest du das nicht?“

Leo schüttelte den Kopf, während er versuchte, die Information zu verdauen. Woher sollte er wissen, wie Tito Kassianides’ Kinder aussahen? Während der Übernahme hatten sie nicht direkt mit der Familie Kassianides zu tun gehabt. Es war eine saubere, sterile Angelegenheit gewesen, doch nun, da er ein Mitglied dieser Familie kennengelernt hatte, beschlich ihn ein seltsames Gefühl der Unzulänglichkeit. Jetzt, nachdem er sie geküsst hatte …

Plötzlich fühlte er sich verwundbar. Wer sagte ihm, dass andere sie nicht auch erkannt hatten, so wie Ari? Als er sie hinausführte, hatte er nur eins im Sinn gehabt: mit ihr allein zu sein, um zu sehen, wie sie auf ihn reagierte. Zorn überlagerte das unwillkommene Gefühl der Verletzlichkeit. Ob sie geplant hatte, dass sie sich zufällig über den Weg liefen? Welches Spiel hatte sie, verdammt noch mal, mit ihm getrieben? Hatte sie ihn mit ihren großen blauen Augen verführen wollen und dann versucht vorzugeben, dass sie ihn nicht begehrte? Vom ersten Augenblick an hatte sie mit ihm gespielt. Ihre geweiteten Augen waren kein Zeichen gewesen, dass auch sie sich von ihm angezogen fühlte, wie er geglaubt hatte. Vielmehr war es Erstaunen gewesen, weil sie ihn erkannt hatte. Der Gedanke ließ bittere Galle in ihm aufsteigen. Er hatte sich noch nie so schutzlos gefühlt.

Ob Tito Kassianides sie geschickt hatte, als eine Art Schachfigur? War das Ganze nur Show gewesen? Sein Körper versteifte sich vor Abscheu. In diesem Augenblick sah er, wie sein Vater mit ein paar anderen Männern zu ihm kam. Also müsste er für den Rest des Abends lächeln und sich unterhalten, statt hinauszulaufen, Angel Kassianides zu suchen und ihr einige sehr wichtige Fragen zu stellen.

Eine Woche später in New York

Leo stand in seinem Büro an dem großen Fenster, das einen überwältigenden Ausblick über Manhattan bot. Doch er nahm ihn nicht wahr. Denn seit er Athen verlassen hatte, sah er immer nur Angel Kassianides’ Engelsgesicht vor sich. Wie sie es ihm entgegenstreckte und die Augen schloss, ehe er sie küsste. Bitter lachte er auf. Angel, der Engel. Wie passend!

Er riss sich von den Gedanken an Angel los und dachte an Athen. Obwohl er es noch niemandem gestanden hatte, vor allem nicht seinem Vater, hatte die Zeit in Athen etwas grundlegend in ihm verändert. New York lag vor ihm ausgebreitet, doch die Stadt war nur noch eine wirre Ansammlung von Wolkenkratzern für ihn.

Er hatte an diesem Morgen seine Geliebte angerufen, der er die ganze Woche aus dem Weg gegangen war, was ganz und gar nicht seiner Art entsprach. Und er hatte mit ihr Schluss gemacht. Ihr theatralischer Wutausbruch klang ihm immer noch in den Ohren. Doch er hatte nicht einmal den Anflug eines schlechten Gewissens verspürt, sondern nur Erleichterung.

Angel. Es verwirrte ihn, wie leicht sie sich in seinem Bewusstsein eingenistet hatte. Es hatte sie in Griechenland nicht mehr suchen und fragen können, welches Spiel sie in der Villa seines Vaters getrieben hatte. Eine geschäftliche Krise hatte seine Anwesenheit in New York erfordert, eine Krise, die noch ein paar Wochen andauern würde. Und er war es nicht gewöhnt, dass eine Frau ihn ablenkte, besonders dann nicht, wenn er nicht einmal mit ihr geschlafen hatte.

Zorn brodelte in ihm. Das Gefühl, zum Narren gehalten worden zu sein, war neu für ihn, und er wollte sich nicht länger davon beherrschen lassen. Angel Kassianides spielte mit dem Feuer, wenn sie glaubte, einen Parnassus zum Narren halten zu können. Wie konnte sie es wagen? Nach allem, was ihre Familie der seinen angetan hatte? Und gerade an dem Abend, als er der Gesellschaft von Athen vorgestellt worden war?

Offenbar gaben die Kassianides sich nicht damit zufrieden, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wollten sie die alte Feindschaft wieder aufleben lassen? Oder schlimmer noch: so lange kämpfen, bis sie wieder die Zügel in der Hand hatten?

Leo runzelte die Stirn. Vielleicht wurden die Kassianides von einigen alteingesessenen Familien in Athen unterstützt. Und trotzdem könnte Angel an diesem Abend auch zufällig da gewesen sein.

Eine kleine Stimme in seinem Kopf höhnte: War es ein wirklich Zufall, dass du gerade sie unter all den Menschen bemerkt hast? Leo ballte die Hände zu Fäusten. Damit würde er sie nicht davonkommen lassen.

Er nahm das Telefon und erledigte einen kurzen Anruf. Nachdem er aufgelegt hatte, wandte er sich wieder dem Fenster zu. Leo hatte kurzerhand eine alles verändernde Entscheidung getroffen: Er würde nach Athen zurückkehren und das Reedereigeschäft der Parnassus übernehmen. Prickelnde Erwartung erfasste ihn.

Der Gedanke, dass er Angel Kassianides wiedersehen und sie zwingen würde, sich ihm zu erklären, ließ sein Blut schneller pulsieren. Er biss die Zähne zusammen, um seine Ungeduld zu bezwingen, auf der Stelle abzureisen. Er hatte in New York noch eine geschäftliche Krise zu bewältigen. Und er redete sich ein, dass es nicht Angel Kassianides war, die ihm zu seiner Entscheidung verholfen hatte.

2. KAPITEL

Einen Monat später

Angels Herz hämmerte schmerzhaft in der Brust. Schon wieder war sie an diesem schlimmsten Ort: in der Villa der Familie Parnassus. Ihr wurde übel, als sie sich daran erinnerte, was draußen auf der Terrasse geschehen war. Entschieden schloss sie die Augen und atmete tief durch. Sie durfte jetzt nicht daran denken. An Leo Parnassus. Oder welches Gefühl er in ihr geweckt hatte, ehe sie herausfand, wer er war. Und wie schwer es war, ihn zu vergessen.

Schließlich öffnete sie die Augen wieder und versuchte, in dem dämmrigen Licht etwas zu erkennen. Die Räume schienen leer zu sein, und sie sandte einen stummen Dank zum Himmel. Zumindest dies eine Mal hatten die Zeitungsberichte wohl der Wahrheit entsprochen. Sie hatte gelesen, dass es um Georgios Parnassus’ Gesundheit nicht zum Besten stand und dass er sich auf einer kürzlich erworbenen griechischen Insel erholte. Die Dokumente, die sie in der Innentasche ihrer Jacke fühlte, beruhigten sie. Deshalb war sie hierher gekommen. Und es war richtig gewesen.

Seit die Presse vor ein paar Tagen angekündigt hatte, dass Leo Parnassus die Leitung des Reedereigeschäfts übernehmen, New York verlassen hatte und für immer nach Athen übersiedeln würde, war Angel zunehmend unruhiger geworden, ihr Vater hingegen immer verbitterter. Ein junger, dynamischer Kopf an der Spitze der Parnassus-Corporation war eine weitaus größere Bedrohung als der kränkelnde Vater.

Als Angel am Tag zuvor von ihrer neuen Arbeit nach Hause gekommen war, fand sie Tito über einem dicken Dokument, betrunken vor sich hin lallend. Er hatte gemerkt, dass sie sich durch die Eingangshalle davonschleichen wollte, und hatte sie zu sich ins Wohnzimmer gerufen. Widerstrebend war sie zu ihm gegangen, um ihn nicht zu verärgern.

Er deutete auf das Dokument. „Weißt du, was das ist?“

Angel schüttelte den Kopf.

„Das, meine liebe Tochter, ist mein direkter Weg aus dem Bankrott.“ Er wedelte mit den Blättern in der Luft herum. „Was ich hier in der Hand halte, ist das größte und dunkelste Geheimnis der Familie Parnassus“, schwadronierte er weiter. „Und ihr Schicksal. Georgios Parnassus’ Letzter Wille. Jetzt weiß ich alles. Über ihre Vermögenswerte und wie er sie aufteilen will. Ich weiß auch, dass seine erste Frau Selbstmord begangen hat. Sie müssen es vertuscht haben. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn das zu den richtigen Leuten durchsickert? Damit kann ich sie fertigmachen.“

Damit kann ich sie fertigmachen. Angel ertrug den Gedanken kaum, dass ihr Vater nach all den Jahren und dem, was die Parnassus-Familie durchgemacht hatte, die Fehde immer noch weiter anfachen wollte. In seiner Verbitterung erkannte er nicht, dass er damit sich und seine Familie in ein noch schlechteres Licht stellen würde. Ganz zu schweigen von dem unendlichen Schmerz, den er den Parnassus zufügen würde, wenn er deren Familiengeheimnisse enthüllte – falls es zutraf, dass Georgios’ erste Frau sich selbst getötet hatte.

„Woher hast du das?“

Verächtlich winkte ihr Vater ab. „Das spielt doch überhaupt keine Rolle.“

Voller Abscheu erwiderte sie: „Du hast einen deiner Schläger zur Villa geschickt, um das Dokument zu stehlen!“

Auf dem Gesicht ihres Vaters bildeten sich rote Flecken. Selbst wenn Angels Vermutung falsch war, stimmte hier etwas nicht. Es gab immer noch ein paar Männer, die für den alten Kassianides jedes Risiko eingehen würden.

„Und wenn schon?“, brauste er auf. „Jetzt verschwinde. Es macht mich ganz krank, dich ansehen zu müssen, weil ich dann immer an deine liederliche Mutter erinnert werde.“

Angel zuckte nicht einmal zusammen, da sie diesen Vorwurf schon zu oft gehört hatte. Er hatte sie von jeher dafür verantwortlich gemacht, dass ihre glamouröse irische Mutter die Familie verlassen hatte, als Angel gerade zwei Jahre alt war. Sie verließ das Zimmer und wartete eine Weile draußen, ehe sie wieder zurückging. Sicher würde ihr Vater in seinem Stuhl einschlafen, in einer Hand das Dokument, in der anderen eine leere Flasche Whiskey. Tatsächlich fand sie ihn laut schnarchend vor. Es war ein Leichtes, ihm die Papiere aus der Hand zu nehmen und wieder zu verschwinden.

Spät am Abend des nächsten Tages hatte sie sich dann zur Villa der Familie Parnassus aufgemacht, war jedoch einen Moment in Panik geraten, als sie einen Sicherheitsbeamten entdeckte und sich ihres ungeheuren Vorhabens bewusst wurde. Sie hatte ihm erklärt, vor ein paar Wochen hier gearbeitet zu haben und dass sie etwas Wertvolles liegen gelassen hätte.

Der Mann wandte sich mit versteinerter Miene ab, besprach sich mit jemandem im Haus und ließ Angel zu ihrer großen Erleichterung ein. Leise schlich sie durch das stille Haus und hoffte, schnell das Arbeitszimmer zu finden. Sie würde die Dokumente in die Schublade legen und wieder verschwinden.

Angel wollte nicht zulassen, dass ihr Vater noch mehr Unheil zwischen den Familien stiftete. Es war das Letzte, was sie, und vor allem Delphi, brauchten. Würde die alte Fehde mit der mächtigsten Familie in ganz Athen wieder aufflammen, würde das jegliche Aussicht auf eine Heirat von Delphi und Stavros zunichtemachen. Und das konnte und wollte Angel nicht zulassen.

Sie hastete in die große Empfangshalle und blieb einen Moment stehen, um sich zu beruhigen und ihre dunklen Gedanken abzuschütteln. Plötzlich fühlte sie ein Prickeln im Nacken und rief sich im Stillen zur Ordnung. Da ist niemand. Geh einfach weiter!

Als sie eine halb geöffnete Tür entdeckte, hielt sie die Luft an und näherte sich auf Zehenspitzen. Vorsichtig schob sie die Tür ein Stück weiter auf und atmete erleichtert aus, als sie sah, dass niemand im Arbeitszimmer war. Der Mond war das einzige Licht und warf dunkle Schatten in den Raum.

Angel konnte einen Schreibtisch ausmachen, ging hin und ertastete eine Schublade. Sie zog sie auf, während sie mit der anderen Hand das Testament aus ihrer Jackentasche zog. Sie wollte es eben in die Schublade legen, als plötzlich helles Licht aufflammte und Angel erschrocken zurücksprang.

Leonidas Parnassus stand im Türrahmen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah sie mit so bedrohlich dunklem Blick an, dass Angel wie erstarrt war. Seine Stimme klang eiskalt, als er sagte: „Was, zum Teufel, machen Sie da?“

Angel blinzelte in das helle Licht. Sie hörte ein Dröhnen in den Ohren und musste gegen einen Schwächeanfall ankämpfen. Sprachlos blickte sie Leo Parnassus an, der nur ein paar Schritte von ihr entfernt dastand. Er sah umwerfend aus, in seiner dunklen Hose und dem hellblauen Hemd. Genau der Mann, der sich in den vergangenen Wochen immer wieder in ihre Träume geschlichen hatte.

Mit wenigen Schritten hatte Leo den Raum durchquert. Er bewegte sich mit solcher Anmut, dass Angel nur dastand und ungläubig beobachtete, wie er ihr mühelos das Dokument aus der Hand nahm.

„Also, Kassianides, wollen wir doch mal rausfinden, warum Sie hier sind.“

Benommen sah Angel zu, wie er das Dokument aufschlug. Sie hörte, dass er scharf die Luft einsog, als er erkannte, worum es sich handelte.

Dann sah er sie an, mit einem Blick kalt wie Eis. „Der Letzte Wille meines Vaters? Sie sind gekommen, um sein Testament zu stehlen? Oder vielleicht auch noch andere Dinge, die Sie in Ihre schmutzigen kleinen Finger bekommen?“

Angel schüttelte den Kopf, während ihr verwirrt bewusst wurde, dass er sie Kassianides genannt hatte. „Sie … Sie wissen, wer ich bin?“

Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Er warf das Testament auf den Schreibtisch, ehe er ihren Arm umklammerte. Angel verbiss sich bei seiner Berührung einen Schrei. Rüde zerrte er sie zu einem Stuhl in der Ecke und zwang sie zum Sitzen.

„Ich hätte es mir doch denken können, nach Ihrem letzten Auftritt. Sie haben sich bedenkenlos dort Zutritt verschafft, wo Sie nicht willkommen sind.“

Auch wenn er ihre Frage nicht beantwortet hatte, war sie jetzt sicher, dass jemand auf der Party sie erkannt haben musste, als er sie auf die Terrasse geführt hatte.

„Wenn ich gewusst hätte, wo ich an diesem Abend arbeiten sollte, wäre ich nicht gekommen. Aber man hat es mir zu spät gesagt.“

Bedrohlich ragte Leo vor ihr auf, die Hände vor der Brust verschränkt, und schnaubte verächtlich. „Bitte, verschonen Sie mich. Andere mögen Sie mit Ihrer Unschuldsmiene hinters Licht führen können, aber das, was ich gerade gesehen habe, beweist alles. Sie sind genauso verdorben wie Ihre gesamte Familie.“

Angel wollte aufstehen, während grimmige Wut in ihr aufflammte. Es war nicht fair von ihm, zu behaupten, sie wäre wie ihre Vorfahren oder ihr Vater. Doch ehe sie ein Wort herausbringen konnte, hatte er sie ohne große Mühe auf den Stuhl zurückgestoßen. Es war nicht so sehr seine Grobheit, die sie schockierte, sondern dass er sie berührte.

Sie ballte die Hände zu Fäusten, froh um die Kraft, die der Zorn ihr verlieh. „Sie verstehen das völlig falsch. Ich bin nicht hier, um etwas zu stehlen …“

Mit einer unwirschen Handbewegung brachte Leo sie zum Schweigen.

Auch wenn sie ihren Vater nicht liebte, führte es zu nichts, ihm die ganze Schuld zuzuschieben. Leo Parnassus würde ihr nur ins Gesicht lachen. Sie war auf frischer Tat ertappt worden und konnte nur sich selbst die Schuld daran geben, keinem anderen.

Sie beobachtete, wie er im Zimmer auf und ab lief, die Hände in die Hüften gestemmt. Er hatte lange, schlanke Finger und dunkle Härchen auf den Handrücken. Plötzlich stieg ein Bild in ihr auf, wie er sich aus dem Pool geschwungen hatte, und Hitze sammelte sich in ihrem Bauch.

In Panik sprang Angel auf und stellte sich hinter den hochlehnigen Stuhl. Als ob der sie beschützen könnte! Leo blieb stehen, drehte sich zu ihr und musterte sie mit kühlem Blick.

„Was … was wollen Sie denn jetzt machen?“, stotterte Angel. „Werden Sie die Polizei rufen?“

Er achtete nicht auf ihre Frage, sondern ging zu einem Sideboard und schüttete sich einen Whiskey ein. In einem Schluck trank er ihn aus.

„Hat Ihr Vater Sie heute Abend hergeschickt? Oder ist das Ganze auf Ihrem eigenen Mist gewachsen?“

Angel umklammerte die Lehne des Stuhls. „Ich habe Ihnen doch erklärt, dass ich am Abend der Party nicht wusste, wo ich arbeiten sollte. Aus Sicherheitsgründen wurde uns erst auf dem Weg zur Villa gesagt, wohin wir fahren.“

Er lachte auf. „Und nachdem Sie und Ihr Vater jetzt wussten, dass Georgios nicht da ist, haben Sie die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Allerdings haben Sie nicht damit gerechnet, dass ich hier sein würde.“

„Es … es stand nichts davon in der Presse.“

Als Leo sie böse anfunkelte, sank ihr Mut noch mehr. Ihre Worte hatten alles nur noch schlimmer gemacht. Sie konnte ihm unmöglich verraten, dass sie jeden Tag die Zeitungen nach einem Bericht über ihn durchgesehen hatte.

„Ich bin eine Woche früher gekommen, weil ich hoffte, ein paar Leute damit überraschen zu können.“ Sein Mund wurde zu einer harten Linie. „Jetzt, da ein Machtwechsel bevorsteht, glauben einige Leute wohl, wir wären ein leichte Zielscheibe.“

Angel wurde übel, als ihr plötzlich etwas bewusst wurde. „Sie haben mich kommen sehen. Der Sicherheitsbeamte hat bei Ihnen nachgefragt …“

Leo deutete auf die Tür, die rechts neben Angel lag und durch die er eingetreten war. Sie gab den Blick in ein Vorzimmer frei, in dem unzählige Bildschirme schwarz-weiße Bilder zeigten. Bilder von Überwachungskameras. Eines zeigte das Haupttor. Leo hatte praktisch jeden ihrer Schritte verfolgt. Benommen dachte sie daran, wie sie durch das Haus geschlichen war. Sie hätte sich doch niemals in die Nähe der Villa gewagt, hätte sie gewusst, dass er hier war. Langsam wandte sie sich wieder zu ihm um.

Leos Miene wirkte so hart, dass Angst sie durchzuckte. Dieser Mann hatte nichts mehr von dem verführerischen Fremden, den sie vor einiger Zeit kennengelernt hatte.

„Ihre Dreistigkeit sucht wirklich ihresgleichen. Vermutlich rührt ihr Selbstvertrauen aus Ihrer gesellschaftlichen Stellung, auch wenn Sie diese nicht länger innehaben.“

Angel hätte gelacht, wäre die Sache nicht so ernst gewesen. Tito mochte zwar einst vermögend gewesen sein, aber er war ein Despot. Es war keine Dreistigkeit gewesen, die sie hierher geführt hatte, sondern nackte Angst und der Wunsch, etwas richtigzustellen.

„Ich bin nicht gekommen, um etwas zu stehlen, das schwöre ich.“

Leo deutete auf das Testament, das auf dem Schreibtisch lag, ohne ihren Worten Beachtung zu schenken. „Was wollten Sie denn dadurch in Erfahrung bringen?“ Bitter lachte er auf. „Was für eine dumme Frage. Zweifellos hat Ihr Vater gehofft, sich Insiderinformationen über den Besitz meines Vaters verschaffen zu können, um ihm irgendwie Schaden zufügen zu können. Oder wollten Sie die Informationen vielleicht dazu nutzen, um mich in eine Sexfalle zu locken? Wollten Sie unseren Kuss von damals zu Ihrem Vorteil nutzen?“

Heiße Röte schoss in Angels Wangen, als sie an diesen Kuss dachte.

Erneut wurde ihr klar, dass es sinnlos war, die Wahrheit zu sagen. Leo Parnassus würde eher an den Weihnachtsmann denn an ihre Unschuld glauben, vor allem, weil alles gegen sie sprach. Sie wusste nur eins: Sie musste hier raus, da ihr unter seinem eindringlichen Blick zunehmend heiß wurde.

Vorsichtig kam sie um den Stuhl herum und beruhigte sich damit, dass er ein weltgewandter Mann war, den man sicher mit vernünftigen Argumenten überzeugen konnte.

„Sie haben das Testament ja wieder. Es tut mir leid, dass ich mir unbefugt Zutritt verschafft habe. Ich verspreche Ihnen, dass Sie nie wieder etwas von mir hören oder sehen, wenn Sie mich gehen lassen.“ Angel achtete nicht darauf, dass ihr Herz sich bei diesen Worten zusammenzog. Wie ihr Vater auf all das reagieren würde, wenn er davon erfuhr, darüber wagte sie nicht einmal nachzudenken. Und sie konnte nicht versprechen, dass er nicht wieder Dummheiten machte.

Leo setzte sein Glas auf dem Tisch ab. Die Luft zwischen ihnen war plötzlich geladen, und Angel merkte, dass etwas Goldenes in den Tiefen seiner Augen aufflammte. Es erinnerte sie daran, wie er sie vor dem Kuss auf der Terrasse angesehen hatte. Träge glitt sein Blick über ihren Körper in der abgetragenen Jeans, den Turnschuhen, dem schwarzen Top und der Jacke. Und plötzlich hatte sie das Gefühl, als würden lauter kleine Flammen auf ihrer Haut brennen.

Ihr Herz begann zu hämmern. In blinder Panik bewegte sie sich vorwärts. Er würde sie doch sicher nicht aufhalten. Schließlich war sie ja nicht eingebrochen.

Doch als sie gerade an ihm vorbeigehen wollte, spürte sie einen festen Griff um ihren Arm und wurde so schnell herumgedreht, dass sie das Gleichgewicht verlor und gegen ihn fiel. Alle Luft schien aus ihrem Körper zu weichen.

Mit einer schnellen Bewegung löste er ihre Haare, die in ungebändigter Fülle über ihre Schultern fielen. Er hob ihr Gesicht, während er sie mit dem anderen Arm fest an sich presste. Angel wagte nicht, sich zu bewegen oder zu atmen.

„Eigentlich haben Sie mir sogar einen Gefallen getan, Kassianides, wissen Sie das?“

Angel zuckte bei der Erwähnung ihres Nachnamens zusammen. Sie hasste sich dafür, dass es ihr etwas ausmachte.

„Sie haben mir eine Fahrt zu Ihnen erspart. Ich wollte Sie nämlich zur Rede stellen, warum Sie an diesem Abend hier waren. Haben Sie tatsächlich geglaubt, dass Sie damit davonkommen?“

Eine rhetorische Frage. Angel schwieg, da ihre immer stärker werdenden Gefühle sie ängstigten.

„Ich wollte auch wissen, ob ich zu hart in meiner ersten Einschätzung war. Nur weil Sie Titos Tochter sind, ist das wohl noch kein Grund, vom Schlimmsten auszugehen.“

Angel wollte ihren Ohren nicht trauen. Ein Hoffnungsschimmer keimte in ihr auf, und sie nickte langsam. Dann öffnete sie den Mund, doch er gab ihr nicht die Möglichkeit, etwas zu sagen. Seine Stimme wurde noch eine Spur härter.

„Aber das, was Sie heute Abend getan haben, ist zutiefst verachtenswert. Kaum haben Sie eine Möglichkeit gesehen, sind Sie zurückgekommen, um diesmal etwas von wahrem Wert zu stehlen, mit dem Sie meiner Familie Schaden zufügen können. Da dieses Testament auch Informationen über mein eigenes Vermögen enthält, haben Sie nicht nur meinem Vater gegenüber ein Verbrechen begangen, sondern auch mir gegenüber.“

Kaltes Entsetzen erfasste sie. Das war noch schlimmer, als sie gedacht hatte.

„Es ist fast rührend, wie naiv Sie sind. Glauben Sie wirklich, es wäre so einfach gewesen, in die Villa zu kommen, wäre ich nicht da gewesen?“

Das zarte Pflänzchen der Hoffnung erstarb in Angel. Sie versuchte, sich von ihm zu befreien, und bereute es sofort, weil es ihm nur Grund gab, sie noch fester zu packen und seine Hüfte an ihre zu pressen. Federleicht strich sein Atem über ihr Gesicht.

Als er seine Finger in ihren Haaren vergrub, zuckte sie zusammen, auch wenn er ihr nicht wehgetan hatte. Sein spöttisches Lächeln durchschnitt ihre Abwehr.

„Sind Sie wirklich so dumm zu glauben, dass Sie so einfach davonkommen, Kassianides?“

Kalte Angst durchrieselte sie. „Was … was wollen Sie damit sagen?“

„Es gibt noch einen Grund, warum ich Sie aufsuchen wollte.“

Angel erschauerte. „Ach ja?“

Er nickte. Sein Gesicht war dem ihren jetzt so nahe, dass sie das Gefühl hatte, in den Tiefen seiner dunklen, golden schimmernden Augen zu versinken. Instinktiv legte sie die Hände auf seine Brust, um sich festzuhalten. Sie spürte, dass sein Herz stark darunter schlug.

„Seit Wochen rauben Sie mir den Schlaf. Ich habe versucht, es zu ignorieren, aber das Verlangen lässt sich nicht leugnen. Auch wenn ich mich selbst dafür verachte, will ich dich, Angel.“

Angels Verstand war weder in der Lage, die Bedeutung seiner Worte zu erfassen, noch den Gefühlsaufruhr, der sie zu überschwemmen drohte, als er sie Angel genannt hatte. All die Nächte, in denen sie schweißgebadet aus heißen Träumen erwacht war … hatte er auch an sie gedacht?

Erneut versuchte sie, sich seinem Griff zu entwinden, doch Leo hielt sie fest. Als er seinen Kopf näher zu ihr beugte, drehte Angel ihren verzweifelt zur Seite. In gefährlich weichem Ton flüsterte er an ihrem Ohr: „Du bist an diesem Abend hierher gekommen, um meine Familie zu demütigen. Und mich. Heute bist du gekommen, uns zu bestehlen. Damit wirst du nicht davonkommen, Angel. Du kannst doch nicht mit dem Feuer spielen und erwarten, dich nicht zu verbrennen.“

In Panik wandte Angel ihm das Gesicht zu. Sie hatte noch nie in ihrem Leben gestohlen. „Aber das stimmt nicht. Ich …“

Leo brachte sie zum Schweigen, als er seinen Mund auf ihren presste. Rücksichtslos, wütend. Er küsste sie so heftig, dass Angel der Atem wegblieb. Sie fühlte Tränen in sich aufsteigen.

Erst als sich ein schwacher Laut des Protests Bahn brach, ließ Leo von ihrem Mund ab. Sein leidenschaftlicher Blick hätte sie anwidern, erschrecken müssen, doch sie spürte nichts dergleichen.

Stattdessen erschauerte sie. Denn trotz allem fühlte es sich richtig an. Leo massierte jetzt sanft ihren Nacken, was sie noch schwächer werden ließ. Mit Zärtlichkeit, Sanftheit konnte sie nicht umgehen. Sie spürte, dass sein Daumen über ihre Wange strich, wo eine Träne herabgerollt war.

Leos Lächeln wirkte angespannt. „Tränen sind rührend, Angel, aber sinnlos. Genau wie vorzugeben, dass du mich nicht willst.“

Er bewegte sich ein wenig, sodass Angel den harten Beweis seiner Erregung an ihrem Körper spürte. Feuchte Hitze sammelte sich zwischen ihren Beinen. Sie wollte nicht glauben, dass sie so auf ihn reagierte, doch seit sie gesehen hatte, wie er sich aus dem Pool schwang …

Sein Blick wirkte hypnotisierend. Alles schien sich aufzulösen, wer sie war und warum sie gekommen war.

Als Leo erneut mit seinen Lippen ihren Mund berührte, entrang sich ihr ein tiefer Seufzer.

Geschickt brachte er sie dazu, den Mund zu öffnen, und kostete mit der Zunge die Süße ihrer Lippen. Angel wusste kaum, was sie tat, als sie seinen Kuss erwiderte. Sie spürte nur, dass sie mehr wollte …

Leo zog sie noch näher an sich und intensivierte sein verführerisches Spiel. Ohne richtig zu erfassen, was sie tat, schlang Angel die Hände um seinen Nacken, bog sich ihm entgegen und vergrub ihre Finger in seinem dichten Haar.

Als Leo sich von ihr löste, stöhnte sie hilflos auf. Sie hob die schweren Lider und bemerkte sein sündhaft verführerisches Lächeln. Mit zitternder Hand strich sie ihm eine dunkle Strähne aus der Stirn.

Leos Hand lag nun auf dem Bund ihrer Jeans, und einen Moment später schlüpfte sie unter ihr Top. Ihr Puls raste, als er ihre nackte Haut berührte. Seine Hand wanderte höher, und nach einem quälend langen Augenblick zog er ihren trägerlosen BH herunter.

Angel hatte vollkommen den Boden unter den Füßen verloren und das Gefühl, als stünde sie neben sich und würde mit wachsendem Entsetzen beobachten, dass sie sich von ihm in dieser Weise berühren ließ.

Leo strich mit seinem Daumen über ihre vor Erregung aufgerichtete Knospe, ehe er rüde das Top hochschob, um ihre Brust seinem Blick zu enthüllen. Eine Welle des Verlangens stieg in Angel auf. Ihr Verstand schrie ihr zu, sich von ihm zu lösen, doch sie schaffte es nicht. Als er mit seiner Zunge über ihre Brustspitze fuhr und daran saugte, warf Angel ihren Kopf zurück und umklammerte seine Schultern.

Sie wurde zu einem Ort getragen, von dem es keine Rückkehr gab. Ihr Verlangen war so übermächtig, dass sie Angst hatte zu vergehen. Als Leo dann eine Hand zwischen ihre Beine schob und sie auseinanderzwang, war sie ganz verloren. Noch nie zuvor war sie so außer Kontrolle gewesen.

Er liebkoste sie durch die Jeans, wusste genau, wo sie am empfindlichsten war, während er weiter an ihr Brust saugte. Verzweifelt schrie Angel auf, damit er aufhörte und gleichzeitig nie von ihr abließ.

Angel spürte, wie ihr Körper sich anspannte und etwas in ihr wie in Zeitlupe zu explodieren begann. Die Welt hatte aufgehört zu existieren. Das hier war jetzt ihre Wirklichkeit.

Mit einem rauen Flüstern flehte sie ihn an und wusste doch kaum, worum sie bat. „Leo …“

Für eine Sekunde glaubte sie Erlösung zu finden, doch plötzlich wurde alles still. Leo hörte auf, sie zu liebkosen, und hielt sie auf Armeslänge von sich.

Schockiert stand Angel einen langen Augenblick da, während die Welt wieder gerade gerückt wurde. Er zog ihr den BH und das Top zurecht, um sie zu bedecken.

Sie konnte es immer noch nicht glauben. Erst da wurde ihr bewusst, dass ihre Hände noch auf seiner Brust lagen. Schnell zog sie sie fort, als hätte sie sich verbrannt. Sie fühlte sich so schwach, dass sie fürchtete, ihre Beine würden sie nicht mehr tragen. Leise fluchend hob Leo sie auf die Arme, trug sie zum Stuhl zurück und setzte sie darauf ab.

Angel fehlten die Worte, um auszudrücken, wie verletzt und entblößt sie sich fühlte. Leo hatte sie erniedrigen wollen, und sie war augenblicklich in seinen Armen dahingeschmolzen. Wie musste er jetzt über sie lachen. Noch Sekunden zuvor hatte er sie beschuldigt, gestohlen zu haben, ehe er sie küsste. Und sie hatte sich ihm hingegeben.

Ihre Wangen brannten so heiß, als würden sie in Flammen stehen. Sie dachte daran, wie sie atemlos und mit rauer Stimme seinen Namen ausgestoßen hatte, genau in dem Augenblick, als Leo sie in eine Welt entführte, von der sie nichts gewusst hatte. Sie hatte geglaubt, ihren Freund vom College zu lieben, doch er hatte es nicht annähernd geschafft … Sie schluckte. Aber dieser Mann, der sie offensichtlich verachtete … Sie fühlte sich so sehr gedemütigt, dass ihr Magen sich schmerzhaft zusammenzog.

„Angel …“

Seine Stimme klang plötzlich sehr nahe. Dass sie so auf ihn reagiert hatte, ließ brennenden Zorn in ihr aufsteigen, und sie sprang auf. Zu spät merkte sie, dass Leo ihr ein Glas mit Brandy hinhielt. Benommen konnte sie nur zusehen, wie es durch ihre abrupte Bewegung aus seiner Hand geschleudert wurde und auf dem Parkettboden zerbrach.

Entsetzt sah sie Leo an. „Es tut mir sehr …“

Er schnitt ihr das Wort ab. „Du hättest dich nur weigern müssen, Angel. Schließlich haben wir beide mitgemacht. Also gib dich jetzt nicht als empörte Jungfer.“

Wenn er wüsste! Ein Zittern durchlief sie, während sie von unterschiedlichsten Gefühlen durchflutet wurde. Sie wollte Leo ins Gesicht schlagen, obwohl sie noch nie eine Menschenseele geschlagen hatte. Gleichzeitig wollte sie sich in seine Arme werfen und ihn anflehen, sie wieder zu küssen.

Es kostete sie all ihre Kraft, entschieden das Kinn zu heben. „Ich habe das Glas nicht gesehen. Es tut mir leid.“

Er bedachte sie nur mit einem glühenden Blick. In dem Versuch, ihm zu entkommen, ging Angel in die Knie und sammelte die Scherben ein. Sie hörte, wie er hinter ihr etwas Unverständliches murmelte und sie dann hochzog.

„Lass das. Ich sage Bescheid, dass man sich darum kümmert.“ Dann fiel sein Blick auf ihre Hand. „Du blutest ja.“

Angel hatte es nicht einmal gespürt, doch jetzt sah sie, dass ihr Finger aus einer großen Schnittwunde blutete. Leo befreite sie von den Scherben in ihrer Hand und legte sie auf den Schreibtisch. Während er vorsichtig ihre verletzte Hand hielt, hob er mit der anderen den Hörer ab, tippte eine Nummer ein und gab ein paar knappe Anweisungen.

Angel wäre beeindruckt gewesen, hätte sie klar denken können. Doch so konnte sie ihm nur folgen, als er sie aus dem Zimmer zur Haupttreppe führte.

Wenig später fand sie sich in einem sehr geräumigen Badezimmer wieder. Leo knipste das Licht an und wühlte in einem Schränkchen herum. Dann zog er einen Verbandskasten hervor. „Nein, lass mich das …“

„Setz dich und halt den Mund.“

Angel wurde auf den Toilettendeckel gedrückt und ließ ungläubig zu, wie Leo sich vor sie kniete und die Schnittwunde untersuchte. Und dann nahm er ihren Finger in den Mund und saugte fest daran.

Ihr blieb die Luft weg. Sie wollte zurückweichen, doch er war zu stark. Endlich ließ er von ihrem Finger ab und sagte angespannt: „Ich wollte sichergehen, dass kein Splitter mehr in der Haut steckt. Der Schnitt ist tief, muss aber wohl nicht genäht werden.“

Verwirrt sah sie zu, wie Leo geschickt die Wunde säuberte und dann ein Pflaster um ihre Fingerspitze klebte. Danach führte er sie hinunter ins Wohnzimmer, und Angel setzte sich vorsichtig auf die Sofakante, weil sie glaubte, nicht länger stehen zu können.

Leo goss ihr eine dunkle, goldene Flüssigkeit ein und brachte ihr das Glas. Sein Mund war eine grimmige Linie. Angel nahm das Glas in beide Hände, mied aber Leos Blick. Obwohl sie nur selten Alkohol trank, war sie jetzt froh, ihre Sinne ein wenig damit betäuben zu können.

3. KAPITEL

Leo beobachtete, wie Angel das Glas in beiden Händen hielt. Eine seltsam kindliche Geste, die ihn tief berührte. Eigentlich wollte er ihr den hübschen Hals umdrehen, sie aber gleichzeitig auf die Couch legen, um das zu beenden, was sie im Arbeitszimmer begonnen hatten. Immer noch spürte er, wie seine Zunge sich auf ihrer harten Knospe bewegt hatte, wie sie sich entgegenbog. Und es hatte ihn große Kraft gekostet, sich unter Kontrolle zu halten.

Er hatte Angel nicht mit Gewalt nehmen wollen. Der Impuls, sie zu küssen, kam von seiner sprachlosen Wut darüber, dass sie so starke Emotionen in ihm auslöste. Und das, obwohl er wusste, wer und was sie war. Doch der Kuss war schnell außer Kontrolle geraten. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so überwältigt gewesen zu sein, dass jede mahnende Stimme in seinem Kopf verstummte. Bis sie mit rauer Stimme seinen Namen gesagt und ihn aus einer Art Trance gerissen hatte.

Er war erst vor drei Stunden in Athen angekommen und schauderte immer noch bei dem Gedanken, dass er sein Leben bewusst in ganz neue Bahnen gelenkt hatte. Er ging zum Sideboard, schüttete sich einen Drink ein und versuchte, Ordnung in seine wirren Gedanken zu bringen. Seit der Sicherheitsbeamte ihm gesagt hatte, wer draußen vor dem Tor stand, hatte er nicht mehr klar denken können.

Dass sie etwas Verbotenes im Sinn hatte, war sofort klar geworden, als sie nicht vor der Haustür erschien, sondern den Eingang zur Küche nahm. Als sie dann wie eine kleine Diebin durchs Haus geschlichen war, hatte sich seine Brust vor Enttäuschung zusammengezogen.

Mit ihrer dreisten Art hatte sie ihn auch an diesem Abend zum Narren gehalten. Während er seinen Drink in einem Schluck austrank, sagte er sich, dass seine Entscheidung, schnell zurückzukommen, nichts mit der Frau zu tun hatte, die hinter ihm auf der Couch saß. Er wusste genau, was er mit ihr machen würde, um sie loszuwerden, damit er endlich sein neues Leben in Athen aufnehmen konnte.

Angel saß auf der Couch, umklammerte ihr Glas und wartete darauf, dass er sein Urteil verkünden würde. Lange stand Leo mit dem Rücken zu ihr gewandt da, sodass die Spannung in ihrem Körper sich noch steigerte, trotz der beruhigenden Wirkung des Alkohols.

Als er sich endlich umdrehte, gab seine Miene nichts preis. Nicht ein Mal hatte er ein Lächeln für sie gehabt, ein Zeichen von Menschlichkeit … außer in dem Augenblick, als er sich um ihre Wunde kümmerte. Angel dachte daran, wie er an ihrem Finger gesaugt hatte, und ein Zittern durchlief ihren Unterleib.

Sie schluckte. Damals in der Villa hatte sie den harten Unterton in seiner samtweichen Stimme nicht gehört. Aber schließlich war er Leo Parnassus. Gewissermaßen der ungekrönte König von Athen. Und sie war seine erbitterte Feindin. Jetzt umso mehr.

Leo kam zu ihr, setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel und lehnte sich zurück.

„Warum bist du am Abend der Party hierher gekommen?“

Angel wollte ihren Ohren nicht trauen. „Das habe ich bereits gesagt. Ich wusste nicht, wohin wir fahren. Ich konnte doch nicht einfach verschwinden, dann hätte ich auf der Stelle meinen Job verloren.“

„Du hast ihn doch sowieso verloren“, erklärte er seidenweich.

Atemlos sah Angel ihn an. Woher wusste er davon? Obwohl es nach ihrem Verhalten an diesem Abend eigentlich klar war. Wusste er auch, dass sie seitdem in dem exklusiven Grand Bretagne Hotel als Zimmermädchen arbeitete?

Leo nippte an seinem Drink. „Mein Foto war in allen Zeitungen, als ich hier ankam. Dein Vater hat verzweifelt nach jemandem gesucht, der ihn retten kann – und du willst mich allen Ernstes glauben machen, du hättest nicht gewusst, wer ich bin, als du mich am Pool gesehen hast?“

Sie nickte. Sie hatte es tatsächlich nicht gewusst. Instinktiv war sie davor zurückgeschreckt, auch nur eine Zeile über die Familie Parnassus und ihre triumphale Rückkehr zu lesen, da es ihr aus unterschiedlichen Gründen zu nahe gegangen wäre. Außerdem war sie mit den Problemen ihrer Schwester beschäftigt gewesen.

Angel umklammerte ihr Glas. Ärger wallte in ihr hoch, weil Leo sich so überheblich verhielt und sie sich durch sein Verhalten bedroht fühlte. „Ob du es glaubst oder nicht, ich hatte keine Ahnung. Reicht es dir nicht, dass deine Familie alles getan hat, um meine zu ruinieren?“

Leo stieß ein kurzes Lachen aus. „Warum sollte ich damit zufrieden sein, wenn du darauf aus bist, erneut Unfrieden zu stiften? Dass du heute hier eingedrungen bist, ist doch Beweis genug.“

Er beugte sich vor, während seine Augen Blitze sprühten. Angel hätte sich am liebsten verkrochen, doch sie blieb aufrecht sitzen und verfluchte sich dafür, ihn provoziert zu haben.

Leo lehnte sich wieder zurück und sah sie herablassend an. „Jedenfalls stecke ich jetzt in einer interessanten Zwickmühle.“

Angel sagte nichts. Er würde sie sicher gleich aufklären.

„Obwohl wir es geschafft haben, das Vermögen der Kassianides auf null zu reduzieren, noch weniger, als wir selbst vor siebzig Jahren hatten, muss ich zugeben, dass mich dieser Triumph mit einem … leeren Gefühl zurücklässt. Dein dreistes Verhalten weckt in mir das Verlangen nach etwas … Greifbarem.“

Panik erfasste Angel. Sie hatte das Gefühl, eine unsichtbare Schlinge würde sich um ihren Hals legen. „In Konkurs zu gehen würde ich als ziemlich greifbar bezeichnen.“

Mit kühler Miene beugte Leo sich wieder vor. „Der Konkurs ist Sache deines Vaters. Nein, ich spreche davon, dass mein Großonkel beschuldigt wurde, eine schwangere Frau, die aus einer der reichsten Familien Athens stammte, vergewaltigt und ermordet zu haben. Eine ganze Familie wurde angesichts der drohenden Untersuchung durch die Polizei ins Exil gezwungen. Zudem musste mein Großonkel mit der Todesstrafe rechnen.“

„Hör auf“, bat Angel mit brüchiger Stimme. Sie kannte die Geschichte, und ihr wurde übel dabei.

Doch Leo ließ sich nicht beirren. „Wusstest du auch, dass mein Großonkel nie über diese entsetzliche Verleumdung hinweggekommen ist und sich schließlich umgebracht hat?“

Angel schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich elend. Das Ganze war weit schlimmer als sie sich vorgestellt hatte. „Das wusste ich nicht.“

„Mein Großonkel hat deine Großtante geliebt.“ Leo verzog den Mund. „Seine Schuld. Und weil deine Verwandten es nicht ertragen konnten, dass einer ihrer Lieblinge sich mit einem einfachen Werftarbeiter abgab, haben sie alles versucht, um diese Romanze zu vereiteln.“

„Ich weiß, was geschehen ist.“ Angel hatte das Gefühl, ihr würde sich der Magen umdrehen.

Hart lachte Leo auf. „Ja, jeder weiß Bescheid. Dank eines alten Trunkenbolds, der mit der Schuld nicht mehr leben konnte. Der das Verbrechen begangen und vertuscht hatte und sich von deinem Urgroßvater dafür hat bezahlen lassen.“

Nicht genug damit, dass ein familieninterner Mord begangen worden war, die Tat wurde auch noch feige vertuscht.

Angel zwang sich, Leos vorwurfsvollem Blick standzuhalten, obwohl sie sich vor Scham am liebsten verkrochen hätte. „Ich bin nicht schuld an dem, was sie getan haben.“

„Genauso wenig wie ich. Und trotzdem habe ich mein ganzes Leben lang dafür bezahlen müssen. Ich bin auf einem anderen Kontinent aufgewachsen und habe Englisch als Muttersprache statt Griechisch. Und ich habe zusehen müssen, wie meine Großmutter von Jahr zu Jahr immer mehr dahingewelkt ist, weil sie wusste, dass sie nie nach Hause zurückkehren würde.“

Angel wollte ihn bitten aufzuhören, doch die Worte kamen ihr nicht über die Lippen.

Leo war noch nicht am Ende. „Meinem Vater hat all das so zugesetzt, dass unsere Beziehung daran zerbrach. Genauso wie die zu seiner ersten Frau. Ich bin viel zu schnell erwachsen geworden, weil ich das tiefe Bedürfnis hatte, ein schreckliches Unrecht wiedergutzumachen. Während du also zu Hause gelebt hast, zur Schule gegangen bist und Freunde hattest, lebte ich auf der anderen Seite der Welt und fragte mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn mein Vater und meine Großmutter nicht gezwungen gewesen wären, ihre Heimat zu verlassen. Vielleicht hätte ich dann einen Vater gehabt, der für mich da gewesen wäre. Und ich fragte mich, was wir getan hatten, dass unser Name so verleumdet wurde. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie es ist, nicht zu wissen, wo man hingehört, und kein Recht zu haben, Wurzeln zu schlagen?“

Angel schüttelte den Kopf. Er würde sicher nicht hören wollen, wie einsam sie sich gefühlt hatte, nachdem ihr Vater sie in ein erzkonservatives Internat im Westen Irlands geschickt hatte. Denn sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass selbst ihre schlimmsten Erfahrungen dort nichts waren im Vergleich zu dem, was Leo durchgemacht hatte.

Sie fühlte sich leer. „Bitte sag mir, was du willst. Oder lass mich gehen.“

Leo stützte die Ellbogen auf die Knie. „Ganz einfach. Ich wollte dich vom ersten Moment an. Und ich will dich jetzt auch.“ Seine Lippen verzogen sich. „Obwohl ich weiß, wer du bist.“

Entgeistert schnappte Angel nach Luft. „Aber das geht doch nicht!“

In einem Anflug von Panik stand sie auf, stellte ihr Glas vorsichtig auf den Tisch und hoffte, Leo würde nicht bemerken, wie sehr ihre Hand zitterte.

Leo stand ebenfalls auf, und sie sahen sich über die kurze Distanz hinweg an.

„Setz dich, Angel. Wir sind noch nicht fertig.“

Benommen schüttelte Angel den Kopf. Sie hatte das Gefühl, als ob die Welt um sie herum immer enger würde.

„Du wirst für all das zahlen, was du mir angetan hast. Und zwar in meinem Bett. Als meine Geliebte.“

Angel hätte fast hysterisch aufgelacht. Doch als sie seine Miene sah, spürte sie Entsetzen.

„Du meinst es ernst.“

„Natürlich. Bei so etwas pflege ich nicht zu scherzen. Meinst du, ich bin so naiv zu glauben, dass dein Vater sich mit dem zufriedengibt, was er bekommt? Ich will dich, und zwar ganz in meiner Nähe, wo ich dich beobachten kann. Weg von deinem Vater und seinen Machenschaften. Nach der Leidenschaft zwischen uns zu urteilen, wird es für uns beide sicher nicht so unangenehm werden.“

Angel fühlte sich noch benommener.

„Du willst mit mir schlafen?“

Seine Lippen verzogen sich zu einem bedrohlichen Schmunzeln. „Unter anderem.“

„Aber …“

„Alle haben uns beide zusammen auf der Party gesehen. Und ich werde nicht zulassen, dass du Kapital daraus schlägst, jetzt, da ich zurück bin. Ganz zu schweigen von dem Fiasko heute Abend. Du bist eine Gefahr und eine Bedrohung. Du hast die Dreistigkeit besessen, zwei Mal in mein Heim einzudringen, und jetzt wirst du dafür bezahlen.“

„Aber mein Vater …“ Sie hielt inne. Er wird mich umbringen, dachte Angel mit wachsender Angst.

Leo winkte ab. „Dein Vater interessiert mich nicht besonders. Ich hoffe nur, dass ich ihn zutiefst damit erniedrigen kann, wenn er erfährt, dass seine kostbare Tochter die Geliebte seines größten Feindes geworden ist. Jeder wird genau wissen, warum du bei mir bist. Dass du mein Bett wärmst, bis ich bereit bin, mich anderweitig zu binden. Was auch immer ihr geplant habt, du und dein Vater, ab jetzt gelten meine Bedingungen. Du kannst ihm sagen, dass er keinen Vorteil daraus ziehen kann. Die Sache bleibt, wie sie ist. Wir werden ihm sicher nicht aus der Klemme helfen.“

Angel konnte kaum glauben, welchen Verlauf ihre Unterhaltung genommen hatte. Es war sinnlos, diesem Mann zu sagen, wie zerrüttet das Verhältnis zu Tito war. Er würde ihr nicht glauben, genauso wenig wie ihrer Beteuerung, an diesem Abend aus ehrenwerten Absichten gekommen zu sein.

Sie wollte ihn anschreien, dass sie ihn nicht begehrte, ihn nicht wollte, doch sie brachte die Worte nicht über die Lippen. Und ehrlich gesagt hatte sie Angst davor, wie er darauf reagieren würde. Es war noch nicht lang her, dass sie sich ihm im Arbeitszimmer hingegeben hatte, und das machte sie angreifbar für ihn.

Dass er sie so in die Ecke gedrängt hatte, weckte sie aus der Starre. Er konnte sie nicht zwingen, so etwas zu tun. „Ich gewinne nichts aus dieser Liaison. Du kannst mich doch nicht dafür bezahlen, dass ich deine Geliebte bin.“

Selbst wenn er die Polizei rufen würde, wäre das allemal besser als sein Vorschlag.

Unter verhangenen Lidern sah er sie an, während ein zynisches Lächeln über seine Züge huschte. „Du hast vollkommen recht. Ich würde dich nicht bezahlen. Aber du wirst es tun, weil du nicht anders kannst. Unglücklicherweise begehren wir einander. Du bist eben entbrannt in meinen Armen, und nach dem Auftritt heute Abend schuldest du mir etwas.“

Spott lag in seiner Stimme. „Trotz deiner Worte wirst du, sobald du in meinem Bett bist, nicht genug kriegen. Dich zu zieren mag vielleicht zu deinem Repertoire gehören, aber ich mag keine Spielchen, Angel. Also verschwendest du damit nur deine Zeit.“

Angel spürte, wie verlegene Hitze in ihre Wangen stieg, als sie daran dachte, wie sie in seinen Armen dahingeschmolzen war. Abrupt ging sie zur Tür und hoffte, er würde sie nicht berühren. Dann blieb sie stehen. Leo hatte zwar nicht versucht, sie zurückzuhalten, aber das beruhigte sie nicht im Mindesten. Sie drehte sich wieder um und hob ihr Kinn.

„Ich werde es nicht tun, weil du der letzte Mann auf Erden bist, mit dem ich freiwillig schlafen würde.“

Sie wandte sich wieder ab und wollte schon die Hand auf den Türknauf legen, als sie seine Stimme hörte. „Glaubst du wirklich, dass ich dich so einfach gehen lasse?“

Angel hasste sich dafür, dass sie nicht die Tür öffnete und verschwand. Stattdessen drehte sie sich zu ihm um und versuchte, ihrer Stimme Selbstvertrauen zu verleihen. „Du kannst mich nicht davon abhalten.“

Leo stand aufrecht mit gespreizten Beinen da, die Hände in den Taschen vergraben.

„Doch, ich kann.“

Angel spürte den Türknauf im Rücken. „Und was willst du machen? Mich kidnappen? Einsperren?“

Verächtlich sah er sie an. „Du hast dir zu viele griechische Seifenopern angesehen.“

Als er zu ihr trat, umklammerte Angel angespannt den Türknauf. Kurz vor ihr blieb er stehen.

„Obwohl ich dich dabei erwischt habe, wie du gerade stehlen wolltest und ich die Polizei rufen könnte, werde ich davon ablassen. Denn ich will nicht, dass es noch mehr Zwistigkeiten in unserer Affäre gibt, von denen die Presse unweigerlich erfahren wird.“

„Aber wir werden keine Affäre haben“, platzte Angel heraus. „Und ich habe nicht …“ Abrupt hielt sie inne. Offensichtlich hatte Leo sie nicht lange genug beobachtet, um mitzubekommen, wie sie das Testament aus ihrer Tasche gezogen hatte. Dann hätte sie nämlich erklären müssen, wo sie es herhatte. Es wäre Diebstahl, wenn auch nicht von ihrer Seite. Sie hatte die Dinge nur gerade rücken wollen.

Angel hätte Leo am liebsten entgegengeschleudert, er solle die Polizei rufen, aber dann wurde ihr bewusst, dass sie das unmöglich tun konnte. Die ganze Geschichte würde in die Zeitung kommen, und das konnte sie Delphi nicht antun. Die Schlinge zog sich fester um ihren Hals.

Leo stand einen Moment nur da, ehe er sagte: „Wir haben eine Affäre, Angel, seit dem Abend, an dem die Party stattgefunden hat. Und seitdem bin ich an einige Informationen über dich gekommen.“

Angel, immer noch schockiert, umklammerte den Türknauf. „Welche Informationen?“

„Nun“, begann Leo beinahe im Plauderton, „ich habe herausgefunden, dass du auf einer Kunstschule warst und Schmuckdesign gelernt hast. Und trotzdem hast du seit dem College keinen Versuch unternommen, von zu Hause auszuziehen, was auf eine enge Verbindung zu deinem Vater schließen lässt.“

Angel verkniff sich eine Erklärung.

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