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Zurück zu dir, Geliebte / Im Castello des Glücks / Der italienische Traummann / Rendezvous in der Stadt der Liebe

Kate Walker

Zurück zu dir, Geliebte

1. KAPITEL

Im Licht der untergehenden Sonne war der gewundene Weg nur schwer zu erkennen. Deshalb musste Penny langsam gehen, obwohl sie am liebsten gelaufen wäre.

Sie wollte so schnell wie möglich weg von der Villa und niemals dorthin zurückkehren.

Doch wenn sie jetzt ging, dann würde sie sich eingestehen müssen, dass ihr Traum von der Liebe wie eine Seifenblase zerplatzt war.

Penny wusste nicht, ob sie sich dafür schon bereit fühlte. Denn sie wollte nicht wahrhaben, dass ihr geliebter Ehemann nie mehr zurückkommen würde.

Am Kiesstrand angelangt, streifte sie ihre Sandaletten ab und ging barfuß weiter. Draußen auf dem Meer konnte sie schemenhaft ein kleines Ruderboot erkennen. Darin saß ein breitschultriger Mann, der einen Sonnenhut trug und angelte.

Selbst jetzt noch schauderte sie bei dem Anblick einer Person auf dem Wasser. Denn irgendwo dort draußen, Tausende von Kilometern entfernt, hatte Zarek sein Leben gelassen und in der Tiefe des Meeres sein Grab gefunden.

Und sie musste sich mit noch etwas viel Schlimmerem abfinden, nämlich dass Zarek sie nie wirklich geliebt hatte. Ihre kurze Ehe war für ihn nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Eine kühl kalkulierte Geschäftsverbindung. Er hatte sie nur geheiratet, damit sie ihm einen Erben schenkte. Eine Tatsache, die Penny schwer zu schaffen machte. Trotzdem konnte sie ihn nicht loslassen.

Oberhalb des kleinen Hafens fand Penny einen kleinen Felsen, auf den sie sich setzte. Das Kinn in die Hände gestützt, beobachtete sie aus zusammengekniffenen Augen das kleine Ruderboot, das auf den Wellen schaukelte. Inzwischen war es fast dunkel, und während sie starr in die Ferne blickte, ließ sie widerstrebend die Szene, die sie gerade erlebt hatte, Revue passieren.

„Penelope …“

Sie war gerade dabei, die Villa zu verlassen, als sie beim Klang der Stimme hinter sich erstarrte.

„Wo willst du hin?“

Nur eine Frau, die sie kannte, hatte einen derart eisigen Tonfall. Und nur eine Frau nannte sie auf diese vorwurfsvolle Art und Weise Penelope. Alle anderen, ihre Familie und ihre Freunde, benutzten die Kurzform Penny.

Nicht so ihre Schwiegermutter – oder vielmehr ihre Stiefschwiegermutter.

„Ich wollte spazieren gehen.“

„Zu dieser Tageszeit?“

„Abends finde ich es angenehmer, weil es kühler ist.“

Noch immer hatte sie sich nicht umgedreht. Aber auch so sah sie die elegante Erscheinung von Hermione Michaelis vor sich. Diese achtete penibel auf ihre schlanke Linie und wollte mit ihren schwarz gefärbten Haaren offensichtlich jünger wirken, als sie es mit neunundfünfzig war.

„Ich habe mich immer noch nicht richtig an die Hitze hier gewöhnt“, fügte Penny hinzu.

„Immer noch nicht? Nach so langer Zeit?“, hakte ihre Schwiegermutter verständnislos nach.

Penny biss sich auf die Lippe, um sich eine passende Antwort zu verkneifen. Seit Zareks Verschwinden vor zwei Jahren lebte sie mit ihrer Schwiegermutter zusammen. Notgedrungen, denn Hermione machte ihr das Leben absichtlich schwer. Als zweite Frau von Darius Michaelis hatte sie von Anfang an die alleinige Kontrolle über die Odysseus Reederei haben wollen. Die unerwünschte Schwiegertochter stand ihr dafür im Weg. Und das schon viel zu lange, ärgerte sich Hermione. Denn Pennys Glück schien zwar zerstört, aber nicht ihre Hoffnung auf Zareks Rückkehr.

„Ich möchte mich nicht unnötig lange in der Sonne aufhalten. Die Haut altert dann schneller.“

Offenbar hatte ihre kleine Spitze gesessen, denn Hermione atmete scharf ein. Da ihre Schwiegermutter ihr Leben lang eine Sonnenanbeterin gewesen war, zahlte sie nun den Preis dafür. Selbst ihre teuren Pflegecremes und das Lifting, dem sie sich vor Kurzem unterzogen hatte, konnten daran nichts ändern.

„Nimmst du den Köter mit?“, erkundigte sie sich nun.

Ihre verächtliche Bezeichnung galt Argus, dem großen schwarz-weißen Hund, der sehr an seinem Herrchen gehangen hatte. Penny liebte den Hund. Denn außer ihr schien er der Einzige zu sein, der Zareks Verlust betrauerte. In den ersten Wochen nach dessen Verschwinden hatte der treue Hirtenhund sogar jegliche Nahrungsaufnahme verweigert, sodass sie schon fürchtete, ihn auch noch zu verlieren. Schließlich jedoch hatte sein Lebenswille gesiegt. Und nun folgte er ihr auf Schritt und Tritt und lag sogar unter dem Schreibtisch, wenn sie arbeitete.

„Ich glaube nicht“, erwiderte sie. „Wir haben heute schon einen langen Spaziergang gemacht, und vorhin hat er geschlafen.“

Dass Argus dabei in ihrem Bett gelegen hatte, verschwieg sie. Denn Hermione suchte nur nach einem Vorwand, um den Hund loszuwerden. Dieses Risiko wollte Penny nicht eingehen. Zu sehr war ihr Argus in der Zwischenzeit ans Herz gewachsen. Argus hatte ihr Gesellschaft geleistet, als sie dringend Trost brauchte. Nachts schlief er neben ihrem Bett, was sie ungemein beruhigte, und sie hatte bittere Tränen in sein langes, zotteliges Fell geweint, als sie an jenem Abend Gewissheit über Zareks Schicksal erhielt. Außerdem war der Hund ihre einzige noch existierende Verbindung zu ihrem verschollenen Ehemann.

„Diese verdammte Töle hat Flöhe!“

Penny sah förmlich, wie Hermione verächtlich die Lippen verzog, doch sie wollte sich nicht umdrehen.

„Eins kann ich dir versichern – mein Hund hat keine Flöhe“, entgegnete sie scharf und trat nach draußen. Endlich konnte sie die frische Meeresluft einatmen. Im Haus fühlte sie sich zunehmend wie eine Gefangene.

„Bleib nicht so lange weg“, wies Hermione sie an. „Es wird gleich dunkel.“

Machte sie sich etwa Sorgen um sie? Das war ja etwas ganz Neues. Als Penny sich nun doch umdrehte, begegnete sie dem funkelnden Blick ihrer Schwiegermutter. Falls sie geglaubt hatte, ihre Sicherheit würde dieser am Herzen liegen, hatte sie sich getäuscht. In ihren dunklen Augen lag ein eisiger Ausdruck. Dabei wirkte sie wie eine Kundin, die die Ware prüfte, oder wie eine Züchterin, die eine widerspenstige Stute begutachtete.

Bei diesem Gedanken musste Penny sich eingestehen, dass sie dasselbe auch über Zarek sagen konnte. Er hatte sie nur geheiratet, damit sie ihm ein Kind gebar – einen Erben für seine Reederei.

„Ich komme schon klar …“

„Wir müssen mit dir reden …“

Sie hatten beide gleichzeitig gesprochen. Bei den Worten ihrer Schwiegermutter krampfte Pennys Herz sich kurz zusammen, um dann umso schneller zu pochen.

Sie wusste nur zu gut, worum es ging. Schließlich war es das Einzige, worüber Hermione und der Rest der Familie seit zwei Jahren mit ihr sprechen wollten.

„Das kann warten, bis ich zurück bin“, rief Penny ihr trotzig zu und lief in den Garten.

Dann war sie den Weg Richtung Strand entlanggeeilt. Fast hätte sie damit gerechnet, dass ihre Schwiegermutter ihr folgte, sie am Arm packte und ins Haus zurückzerrte. Sie hätte es ihr durchaus zugetraut.

Als Penny jetzt wieder in die Ferne blickte, stellte sie fest, dass der Mann in dem kleinen Boot zurück an Land ruderte. Dabei zeichneten sich seine Muskeln deutlich unter seinem langärmeligen weißen T-Shirt ab. Da er bei dem Wellengang schnell vorankam, musste er sehr kräftig sein. Während sie ihn beobachtete, erschauerte sie leicht, was sie auf die kühle Meeresbrise zurückführte.

Vielleicht lag es aber auch an dem Unbehagen, das sie beschlich, wenn sie an die bevorstehende Auseinandersetzung in der Villa dachte. Hermione und ihre Söhne, Jason und Petros, würden wieder einmal versuchen, sie zu einer Entscheidung zu bewegen. Sie solle Zukunftspläne schmieden, sagten sie, und endlich akzeptieren, dass Zarek tot sei. Ständig lagen sie ihr damit in den Ohren. Wenigstens besaßen die drei so viel Einfühlungsvermögen und Taktgefühl, dass sie Penny in den vergangenen vier Wochen in Ruhe gelassen hatten. So konnte sie auch am zweiten Jahrestag von Zareks Verschwinden ungestört trauern.

„O Zarek …“

Verzweifelt barg Penny das Gesicht in den Händen und schloss die Augen. Noch immer überkam sie manchmal eine große Traurigkeit, der sie sich hilflos ausgeliefert fühlte. In solchen Momenten fragte sie sich, wie sie weiterleben sollte, ohne Zarek wenigstens noch einmal zu sehen. Auch wenn er nichts für sie empfunden hatte, sie hatte ihn über alles geliebt.

„Ich werde dich niemals vergessen …“, flüsterte sie, verstummte allerdings, als ihr die Bedeutung dieser Worte bewusst wurde.

Denn mit jedem Tag, der verging, verblasste die Erinnerung an seine überwältigende Ausstrahlung, sein attraktives Äußeres und seine starke Anziehungskraft ein wenig mehr. Wenn sie sich sein Bild ins Gedächtnis zu rufen versuchte, stellte sie immer häufiger fest, dass es vor ihrem geistigen Auge verschwamm.

Laute Geräusche, als würde Holz auf Holz schlagen, rissen sie plötzlich aus ihren Gedanken. Als sie aufblickte, sah sie, dass der Angler gerade an dem kleinen Holzsteg anlegte. Er zog die Ruder heraus und legte sie auf den Boden, bevor er aufstand.

Er war auffallend groß. Fasziniert betrachtete Penny seine Silhouette, die sich im goldenen Licht der untergehenden Sonne abzeichnete. Geschmeidig sprang er auf den Steg, das nasse Tau in der Hand. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie so auf den Anblick eines Mannes reagierte. Eine Erkenntnis, die ihr Herz schneller schlagen ließ.

Aus dieser Entfernung hätte sie eigentlich sein Gesicht erkennen müssen, doch er hatte seinen Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen. Außerdem trug er das schwarze Haar lang und hatte einen Vollbart, was ihm etwas Verwegenes, beinah Animalisches verlieh. Erneut spürte sie, wie ihr ein Schauer über den Rücken rieselte.

Vielleicht sollte sie ihn vorsichtig auf sich aufmerksam machen, damit er wusste, dass er nicht allein war.

„Guten Abend …“

Keine Antwort. Nachdem Penny sich geräuspert hatte, versuchte sie es auf Griechisch.

„Kalispera.“

Daraufhin wirbelte er zu ihr herum. Er kniff die Augen zusammen und zog den Hut noch tiefer ins Gesicht, als würden die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ihn blenden.

„Kalispera.“

Seine Stimme klang rau und unerwartet unfreundlich. Nicht aggressiv oder feindselig, aber abweisend. Das befremdete Penny, denn seit sie auf der Insel lebte, hatten die Einheimischen sie immer herzlich begrüßt. Dabei waren ihre mangelnden Sprachkenntnisse nie ein Problem gewesen.

„Und, hatten Sie einen guten Fang?“

Hatte sie etwas Falsches gesagt? Der Fremde betrachtete sie einen Moment lang so durchdringend, dass sie fast Angst vor ihm bekam. Jetzt wünschte Penny plötzlich, sie hätte Argus mitgenommen. Nicht umsonst war der Hund nach dem Riesen Argos aus der griechischen Mythologie benannt worden, dessen Name „Wächter“ bedeutete. Mit ihm fühlte Penny sich sicher.

Allerdings machte der Fremde auch keine Anstalten, sich ihr zu nähern. Vielmehr schüttelte er unvermittelt den Kopf, nachdem er eine Weile über ihre Frage nachgedacht hatte.

„Nein“, entgegnete er barsch, bevor er sich abwandte, um das Boot an einem Eisenring am Steg zu vertäuen. Dann hockte er sich hin, um sich zu vergewissern, dass der Knoten hielt.

Als sie das Spiel seiner Beinmuskeln beobachtete, erschauerte Penny wieder. Diesmal wusste sie, dass es nicht nur an der kühlen Brise lag, die über ihre Haut strich.

Was war bloß mit ihr los? Ihr wurde ganz schwindelig bei den unerwarteten Gefühlen, die plötzlich auf sie einstürmten.

War es wirklich möglich, dass sie sich wieder für einen Mann interessierte? Seit Zareks Tod hatte sie nicht mehr derartiges gefühlt. Sie hatte schon geglaubt, ihre Sinne seien für immer erloschen. Aber warum erwachten sie gerade jetzt? Was war so Besonderes an diesem unnahbaren Angler mit Bart? Oder lag es nur daran, weil sie schon so lange alleine war und sich einsam fühlte?

Von einer seltsamen inneren Unruhe befallen, wollte Penny aufstehen. Doch es schien ihr unmöglich, so sehr hatte der Fremde sie in seinen Bann gezogen. Ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt, und ihr Herz pochte so wild, dass ihr das Atmen schwerfiel.

In diesem Zustand hätte sie nicht allein an den Strand gehen sollen. Ihre gedrückte Stimmung und die unangenehme Begegnung mit Hermione hatten sie so aus der Fassung gebracht, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Stattdessen betrachtete sie wie gebannt einen völlig Fremden. Er hatte einen tollen Körper, fiel ihr auf. Aber reichte das, um sie so zu verwirren?

Schließlich stand der Angler wieder auf und wandte so den Kopf, dass sie einen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte. Beim Anblick der langen Narbe, die sich vom Kinn bis zur Schläfe zog und sich hell von seiner gebräunten Haut abhob, stieß sie unwillkürlich einen erschrockenen Laut aus.

„O nein …“

Sie verstummte, als er zu ihr herumwirbelte. Seine ganze Körperhaltung, die Anspannung und sogar die Art, wie er das Tau umklammerte, bewiesen ihr, dass er ihre Reaktion bemerkt hatte und missbilligte.

„Das … muss sehr wehgetan haben“, brachte Penny stockend hervor.

„Ja, das hat es“, bestätigte er schroff.

„Und … jetzt immer noch?“

„Nein, jetzt nicht mehr.“

„Woher …?“

Verlegen verstummte sie, als seine Augen sie wütend anfunkelten. Hatte sie ihn tatsächlich fragen wollen, wie er sich verletzt hatte? Sie musste verrückt sein. Es war fast dunkel, und sie stand einem Furcht einflößenden, kräftigen Fremden gegenüber und stellte ihm Fragen, die er offensichtlich nicht beantworten wollte.

Warum interessierte es sie überhaupt? Was hatte dieser Mann an sich, das sie so berührte? Sollte sie nicht lieber den Mund halten? Seine Narbe war Beweis genug, dass ihm körperliche Gewalt nicht fremd war. Vielleicht war er gefährlich?

„So viele Fragen“, spöttelte der Fremde nun in einem Tonfall, bei dem sich ihr Magen zusammenkrampfte. „Warum so neugierig?“

„Ich …“

Pennys Herz schlug schneller, während sie nach einer Antwort suchte.

„Ja …?“, hakte er fragend nach. Ganz bewusst blieb Penny ruhig sitzen. Dabei versuchte sie, möglichst gelassen zu wirken. Auf keinen Fall wollte sie ihm das Gefühl vermitteln, dass sie Angst vor ihm hatte. Doch als er plötzlich einen Schritt auf sie zumachte, sprang sie hastig auf.

„Penny! Bist du hier?“, hörte sie in diesem Moment eine vertraute Männerstimme aus der Dunkelheit rufen.

„Jason!“

Eine große Erleichterung breitete sich in ihr aus. In diesem Moment wäre ihr jeder Angehörige von Zareks Familie willkommen gewesen. Jason war allerdings auch der Einzige, der von Anfang an nett zu ihr war. Den Grund dafür hatte sie nie hinterfragt. Er war kaum älter als sie und im herkömmlichen Sinne attraktiv.

Und von ihm hatte sie auch erfahren, warum Zarek sie tatsächlich geheiratet hatte.

„Er braucht einen Erben“, hatte Jason ihr anvertraut. Zarek hatte es sogar selbst bestätigt, als sie ihn darauf ansprach.

„Hast du mich geheiratet, damit ich dir ein Kind schenke?“

„Ist das nicht offensichtlich? Ich konnte die Hände nicht von dir lassen“, hatte er erwidert. „Und ich wusste, dass wir hübsche Babys bekommen würden.“ Die Erinnerung an Zareks Geständnis schmerzte Penny noch immer.

„Alles in Ordnung, agapiti mou?“

Jasons Worte brachten sie wieder in die Gegenwart zurück. Agapiti mou? Diese Koseworte hatte sie noch nie aus seinem Mund gehört. Doch in diesem Moment war es genau die Art von fürsorglicher Zuwendung, die sie brauchte. Penny sprang auf und lief so schnell auf ihn zu, dass sie in dem weichen Sand fast gestolpert wäre.

Als er die Arme ausbreitete, schmiegte sie sich an ihn und barg das Gesicht an seiner Brust. Daraufhin legte er die Arme um sie.

Erst als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte, beschlich sie das Gefühl, einen großen Fehler gemacht zu haben. Denn Jason hielt sie noch immer eng umschlungen in seinen Armen. Ganz offensichtlich hatte er ihre Reaktion falsch gedeutet.

„Penny …“

Auch sein Tonfall hatte sich verändert und verriet Empfindungen, die sie im Keim ersticken musste. Der Angler mochte ihr einen Schrecken eingejagt haben, doch das Unbehagen, das sie nun überkam, legte nahe, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war.

„Jason …“ Sie hob den Kopf, während sie sich aus seiner Umarmung zu befreien versuchte.

Genau wie sie befürchtet hatte, verstärkte er seinen Griff. Gleichzeitig wurde ihr unangenehm bewusst, dass der Fremde sie noch immer beobachtete. Dabei wollte sie das hier nicht, und falls Jason glaubte, er hätte jetzt den idealen Zeitpunkt gefunden, um einen Annäherungsversuch zu unternehmen …

Schlagartig wurde ihr klar, dass sie genug hatte. Genug von dieser Situation und dieser Familie. Sie gehörte nicht hierher und war immer eine Fremde auf dieser Insel gewesen. Seine Stiefmutter und seine Stiefbrüder hatten sie von Anfang an abgelehnt und nur geduldet. Und auch für Zarek war sie nur Mittel zum Zweck gewesen.

Nur warum wollte sie dann unbedingt hierbleiben, wenn sie nicht erwünscht war? Um an verklärten Erinnerungen festzuhalten? Vielleicht sollte sie endlich nach Hause zurückkehren und ein neues Leben beginnen, überlegte Penny. In ihrem Herzen würde Zarek immer bei ihr sein.

Plötzlich wusste sie, wie sie Jason ablenken konnte. Denn obwohl ihm Hermiones Durchsetzungskraft fehlte, brannte er genauso darauf, die alleinige Kontrolle über die Odysseus Reederei auszuüben, wie seine Mutter.

„Ich möchte für morgen eine Vorstandssitzung einberufen“, erklärte Penny laut, um das Geräusch der Wellen zu übertönen.

Es funktionierte. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, spürte sie die veränderte Anspannung in seiner Haltung und sah das begierige Funkeln in seinen Augen. Er lockerte sogar seinen Griff, sodass sie einen Schritt zurückweichen konnte.

„Warum?“, fragte er Penny misstrauisch, als könne er es kaum glauben.

„Ich bin diese ganze Geschichte leid, Jason“, stieß sie heftiger als beabsichtigt hervor. „Ich möchte weg von hier und endlich ein neues Leben beginnen. Ich habe es satt, immer nur auf der Stelle zu treten. Es ist höchste Zeit, das Finanzielle zu regeln. Außerdem kann ich Zarek nicht beerben, solange wir ihn nicht offiziell für tot erklärt haben. Also machen wir es, lassen wir das alles hinter uns …“

„Ich kümmere mich sofort darum“, unterbrach Jason sie. Er war sichtlich erfreut und umarmte sie gleich noch einmal. Diesmal allerdings freundschaftlich. Sein Ehrgeiz und seine Geldgier waren eindeutig stärker als seine Gefühle. Oder hatte er nur mit ihr geflirtet, um sie zu diesem Schritt zu bewegen? Penny hielt es für nicht unwahrscheinlich. Noch ein Grund mehr, dachte sie, erleichtert über ihre Entscheidung zu sein.

„Und wie willst du es durchziehen?“

Aber sie hatte genug, denn unter den schweigenden Blicken des Fremden fühlte sie sich zunehmend unwohler. Sie wollte sich nur noch in die Villa und in ihr Zimmer zurückziehen.

„Nicht jetzt, Jason. Nicht hier. Wir werden beobachtet.“

„Von wem?“, unterbrach Jason sie scharf.

„Der Mann da …“

Möglichst unauffällig deutete sie in Richtung Hafen, auf die Stelle, an der das Boot vertäut war.

„Welcher Mann?“

„Er …“

Penny verstummte, als sie sich umdrehte und nur noch das Boot im Lichtkegel der Laterne sah, das sanft auf den Wellen schaukelte. Der geheimnisvolle Fremde war verschwunden. Und sie hatte keine Ahnung wie viel er gesehen oder gehört hatte. Ob er etwas von ihrem Wortwechsel mit Jason mitbekommen hatte, fragte sich Penny mit pochendem Herzen. Ein ungutes Gefühl beschlich sie.

2. KAPITEL

In Zukunft muss ich etwas vorsichtiger sein, sagte sich Zarek, als er sich vom Hafen entfernte. Kurz darauf erreichte er das kleine weiße Haus, in dem er seit seiner Ankunft auf der Insel vor wenigen Tagen wohnte.

Er hatte sich eben fast verraten. Hätte Penny seine Stimme erkannt, hätte sie sofort gewusst, dass er noch lebte.

Und noch sollte sie es nicht erfahren. Die Zeit war noch nicht reif dafür. Zuerst musste er herausfinden, wie die Dinge inzwischen standen. Denn es war schon zwei Jahre her, dass er zuletzt auf Ithaka gewesen war. Und viel weniger Zeit war vergangen, seit er sich wieder an alles erinnern konnte. Damals hatte er geglaubt, er würde nach einer Woche zurückkehren. Niemals hätte er für möglich gehalten, dass es Jahre dauern würde, bis er endlich nach Hause finden würde.

Doch nun war er zurückgekehrt. Und offenbar nicht zu früh, wie er sich sagte, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel und er den kleinen Wohnraum betrat. Anscheinend stimmte, was er gehört hatte. Seine Stiefmutter und ihre Familie wollten sich das Unternehmen unter den Nagel reißen. Seine Abwesenheit schien Hermione und ihre Söhne geradezu ermuntert zu haben, die alleinige Kontrolle über die Odysseus Reederei anzustreben.

Und Penny half ihnen sogar noch dabei, indem sie ihn für tot erklären wollte. Außerdem war sie nun offensichtlich mit Jason, seinem verhassten Stiefbruder, zusammen. Zarek hatte alles mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört. Wie ein Liebespaar hatten die beiden eng umschlungen am Strand gestanden. Bei dem Anblick war ein unbändiger Zorn in ihm aufgeflammt. Da er nicht tatenlos zusehen konnte, hatte er sich abgewandt und war gegangen, bevor der Drang, sich zu erkennen zu geben, übermächtig geworden war.

Zarek schüttelte den Kopf und ließ den Blick durchs Fenster auf das Meer schweifen, das nun im Mondschein dalag. Leise schlugen die Wellen an den Strand.

Jason hatte bereits die ersten Schritte unternommen, um das Ziel zu erreichen, das seine Mutter und er immer verfolgt hatten. Kaum hatte man sein, Zareks, Verschwinden bestätigt, hatte sein älterer Stiefbruder die Handlungsvollmacht für die Leitung der Reederei beantragt. Sobald sich ihm die Gelegenheit bot, hatte er sie ergriffen. Aber natürlich verfügte Penny über alle Rechte.

Penny, die für die kurze Zeit ihrer Ehe weitaus mehr entschädigt worden war, als sie es sich je hätte erträumen lassen.

Unwillkürlich fuhr Zarek über die lange Narbe an seiner Schläfe und verzog das Gesicht. In solchen Momenten fühlte er sich hilflos seinen dunklen Erinnerungen ausgeliefert.

Sie waren einer der Gründe, warum er inkognito nach Ithaka zurückgekehrt war und sich mit den langen Haaren und dem Vollbart getarnt hatte. Offenbar hatte es funktioniert. An diesem Abend war er zum ersten Mal seiner Frau begegnet, und sie hatte ihn offenbar nicht erkannt.

Aber schon beim Klang ihrer Stimme hatte er wieder an ihre letzten Worte zum Abschied denken müssen.

„Dann geh doch endlich! Ich werde dich nicht aufhalten.“

Dabei hörte er sie so deutlich, dass er aufblickte und in den Spiegel über dem Kamin sah, fast als würde er damit rechnen, dass die Tür aufgegangen und Penny in den Raum getreten war.

Zarek schüttelte den Kopf, als könnte er ihre schrillen Worte dadurch verdrängen. Dann blickte er wieder aus dem Fenster auf den Strand. Dexa Beach, einer der schönsten Strände von Ithaka, lag völlig verlassen da. Der Wind hatte inzwischen aufgefrischt und fegte durch die Olivenbäume.

Nachdem ihre Ehe innerhalb kurzer Zeit gescheitert war, hatte er geglaubt, Penny wäre genauso froh über eine Auszeit wie er. Sie hatte nicht einmal mehr mit ihm schlafen wollen. Dabei war der Sex eines der Dinge gewesen, die von Anfang an gestimmt hatten, die Basis ihrer Beziehung.

„Aber wenn du jetzt gehst, ist es endgültig vorbei!“, hatte sie ihn angeschrien und den sinnlichen Mund verächtlich verzogen. „Denn ich werde ganz bestimmt nicht auf dich warten.“

Hatte sie doch auf ihn gewartet? Zuerst hatte er es angenommen, als er erfuhr, dass sie sich immer noch auf Ithaka aufhielt. Er hatte sich sogar die Frage gestattet, ob sie vielleicht hoffte, er würde zurückkehren. Ihren Worten zufolge war sie allerdings nur hiergeblieben, um alles Rechtliche zu regeln, nicht weil sie sich durch ihr Treuegelübde an ihn gebunden fühlte.

Aber schließlich hatte sie ja auch unmissverständlich klargestellt, warum sie ihn überhaupt geheiratet hatte. Er war dumm genug gewesen, ihr zu glauben, dass sie Kinder wollte, sich sogar sehnlich wünschte, was natürlich gelogen war. Sie hatte sogar die Pille genommen, und als er sie zur Rede stellte, hatte sie wutentbrannt erwidert: „Kinder? Du machst wohl Witze? Wo habe ich das unterschrieben? Stand das etwa in dem Ehevertrag, den ich unterzeichnen musste?“

Eigentlich hatte er nie angenommen, dass ein derartiger Vertrag nötig wäre. Seine Anwälte hatten ihm jedoch dazu geraten. Und so hatte er mit widerstrebenden Gefühlen seine finanziellen Angelegenheiten darin geregelt. Das meiste zu ihrem Vorteil, was im Nachhinein ein Fehler gewesen war.

Denn schon kurze Zeit später hatte sich Penny als intrigante kleine Mitgiftjägerin erwiesen. Sie hatte ihn nur des Geldes wegen geheiratet und nie vorgehabt, ihren Teil der Abmachung einzuhalten. Sie hatte nie beabsichtigt, ihm den Erben zu schenken, den er sich so ersehnte. Selbst wenn er gesund und munter von der Troja zurückgekehrt wäre, wäre sie als Millionärin aus ihrer kurzen Verbindung hervorgegangen. Und von seinem Tod hätte sie sogar noch mehr profitiert.

Für sie war die Nachricht über sein Verschwinden bestimmt ein Grund zur Freude gewesen. Ganz sicher hatte sie dabei auf das Schlimmste gehofft.

Für sie musste es die Antwort auf all ihre Gebete gewesen sein, als genau das eintrat, was sie wollte. Er war nicht zurückgekehrt und hatte ihr das Feld überlassen. Endlich konnte sie sich das Unternehmen unter den Nagel reißen. Der Weg dahin war nun frei. Dafür hatte sie sich nicht einmal von ihm scheiden lassen müssen. Ja, er hatte es ihr wirklich verdammt einfach gemacht.

Zarek strich sich durch das schulterlange Haar, während er sich im Spiegel betrachtete. Seine Augen wirkten dunkel, und um seinen Mund lag ein harter Zug, der trotz des Barts deutlich zu erkennen war. Es gab eine viel bessere Möglichkeit, mit der Situation umzugehen, und Penny hatte ihm gerade selbst die perfekte Gelegenheit dazu geboten.

Er war viel zu lange fort gewesen, wenn auch unfreiwillig. Deshalb hatte er die letzten zwei Wochen damit verbracht, sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Nun war es Zeit zu handeln.

Entschlossen betrat er das kleine, einfache Badezimmer und öffnete den Schrank, um eine Schere und seinen Rasierapparat herauszunehmen. Er musste endlich seine Tarnung ablegen und sich zu erkennen geben.

Zarek Michaelis war zurückgekehrt. Und schon bald würden es alle erfahren.

Auch seine treulose Ehefrau.

Er freute sich schon auf ihren Gesichtsausdruck, wenn ihr klar wurde, dass sie leer ausgehen würde. Und auf ihre Reaktion, wenn sie erfuhr, dass ihr tot geglaubter Ehemann noch lebte und wild entschlossen war, sein früheres Leben weiterzuführen.

„Du musst endlich eine Entscheidung treffen, Penelope.“ Hermione beugte sich vor und blickte sie durchdringend an, während sie mit den langen Fingernägeln auf den polierten Tisch trommelte, um ihre Aussage zu unterstreichen. „Wir können die Dinge nicht so weiterlaufen lassen.“

„Wir?“, wiederholte Penny, die um jeden Preis vermeiden wollte, dass ihre Schwiegermutter den Verlauf der Vorstandssitzung bestimmte.

Natürlich war ihr die ganze Zeit klar gewesen, dass sie sich irgendwann zu einem Entschluss durchringen musste. Die anderen lagen ihr damit schon seit über einem Jahr in den Ohren. Und in ihrem tiefsten Inneren wusste sie, dass sie sich bereits entschieden hatte. Doch sie war nicht glücklich damit.

„Wir sind alle Aktionäre“, erinnerte Hermione sie scharf, woraufhin Penny innerlich zusammenzuckte.

„Kleinaktionäre“, konterte sie im selben Tonfall, damit niemand merkte, wie schwer es ihr fiel, angesichts des Unvermeidlichen die Fassung zu wahren. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.

„Aber trotzdem ist die Odysseus Reederei Familiensache“, bemerkte Petros, Hermiones zweiter Sohn und Jasons jüngerer Bruder. Ungeduldig rutschte der stämmige Grieche auf seinem Stuhl nach vorne. „Und du verhinderst, dass wir an der Leitung des Unternehmens teilhaben“, warf er ihr vor. „Wir müssen alle unsere Fachkenntnisse einsetzen, damit es nicht untergeht. Ohne Zarek ist es wie ein führerloses Schiff. Es braucht einen Steuermann.“

Sein steifer Tonfall und sein konzentrierter Gesichtsausdruck deuteten nicht darauf hin, dass er dieses Wortspiel bewusst benutzt hatte.

„Aber ich leite doch die Reederei“, hielt Penny dagegen, während sie sich unwillkürlich verspannte.

Denn genauso verhielt es sich seit dem Moment, in dem man Zarek für vermisst erklärt hatte. Sie hielt die Firma am Laufen. Der Rest der Familie hatte ihr kaum Zeit gegeben, sich über den Verlust ihres Mannes klar zu werden, geschweige denn ihn zu verarbeiten. Die drei hatten sie dazu gedrängt, einen neuen Vorstandsvorsitzenden für die Firma zu finden, und das Thema jeden Monat mindestens einmal auf den Tisch gebracht. Penny hatte wirklich alles darangesetzt, das Unternehmen zusammenzuhalten, aber nun reichte es ihr endgültig.

„Es ist ein Reederei-Imperium“, wischte Petros ihren Einwand mit einer abfälligen Geste beiseite. „Und an der Spitze sollte ein Mann stehen. Außerdem wissen wir alle, dass Zarek nicht mehr zurückkehrt. Und solange nichts offiziell geregelt ist, bleibt die Firma für Investoren weiterhin unattraktiv.“

„Du weißt, was du tun musst.“ Nun beugte Jason sich vor, um Pennys Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Offenbar hatte er beobachtet, wie sie die Lippen zusammenpresste, und fürchtete, sie könnte ihre Worte vom Vorabend zurücknehmen und es sich anders überlegen. „Penny, seit Zarek verschwunden ist, sind mehr als zwei Jahre vergangen. In der ganzen Zeit gab es nicht ein Lebenszeichen von ihm. Wir müssen endlich die Wahrheit akzeptieren und ihn für tot erklären lassen.“

Nun war es heraus. Die Worte hingen förmlich im Raum. Aber nicht einmal in diesem Moment wusste sie, ob sie dies hier tatsächlich durchziehen konnte.

„Man kann jemanden, der als vermisst gilt, erst nach sieben Jahren für tot erklären lassen“, wandte Penny ein.

„Nicht in diesem Fall“, erinnerte Jason sie. „Nicht, wenn es so viele Beweise gibt. Alles deutet darauf hin, dass Zarek an jenem Tag an Bord der Jacht getötet wurde. Selbst der Anführer der Piraten hat gesagt …“

„Ich weiß, was er gesagt hat!“, unterbrach sie ihn scharf – zum einen, weil sie keine Argumente hatte, zum anderen, weil sie jene Worte nicht noch einmal hören wollte.

„Ja, das ist er“, hatte der Anführer der Piraten geantwortet, die Zareks Jacht geentert hatten, als man ihm später während der Ermittlungen ein Foto von ihm zeigte. „Und ja, er ist tot. Ich habe ihm eine Kugel in den Kopf gejagt.“

Er war voller Hass gewesen und stolz darauf, dass er einen der reichsten Männer Griechenlands getötet hatte. Und so hatte es ihn nicht einmal gekümmert, dass er sich mit seiner Aussage schwer selbst belastete.

„Und dann habe ich gesehen, wie er über Bord gegangen ist“, hatte er triumphierend hinzugefügt. „Wahrscheinlich haben die Haie ihn gefressen.“

Trotz der warmen Sonnenstrahlen, die durch die Fenster fielen, fröstelte Penny. Monatelang hatten jene Worte sie in ihren Träumen verfolgt, und unzählige Male war sie nachts schweißgebadet und mit Herzrasen aufgewacht. In ihren Albträumen hatte sie sein Gesicht vor sich gesehen, als er sie verlassen hatte, mit harter Miene und einem feindseligen Ausdruck in den Augen. Noch immer hatte sie schwer damit zu kämpfen, dass sie ihm zuletzt so schlimme Dinge an den Kopf geworfen hatte. Nichts konnte das ungeschehen machen.

„Dann weißt du ja, was die Anwälte gesagt haben – nämlich dass jemand aufgrund einer derartigen Aussage für tot erklärt werden kann.“

„Ja …“

Allerdings wollte sie es nicht wahrhaben, denn damit hätte sie ihre Niederlage gegen Hermione und deren Söhne eingestanden.

Plötzlich erklang in einiger Entfernung ein gedämpfter Schrei, gefolgt von einem lauten Geräusch, das Penny herumwirbeln und zur Tür blicken ließ.

„Bestimmt hat eine der dämlichen Hausangestellten wieder etwas fallen lassen“, meinte Jason ironisch. „Ich schätze, wir müssen jetzt noch etwas auf unseren Kaffee warten. Penny …“

„Ich ziehe ihr die Kosten für das kaputte Geschirr von ihrem Gehalt ab“, fügte Hermione bissig hinzu, sichtlich frustriert über die Tatsache, dass nicht alles nach ihren Vorstellungen lief.

Dann stand sie auf, schob ihren Stuhl zurück und ging zur Tür, um die Angestellte zurechtzuweisen. Dieses herablassende Verhalten riss Penny aus ihrer Lethargie und führte ihr mit aller Macht vor Augen, warum sie am Vorabend ihre Entscheidung getroffen hatte. Sie musste von hier verschwinden!

„Du hast ja so recht, Jason“, erklärte sie nachdrücklich. „Zarek ist verschwunden, und die Odysseus Reederei gehört mir, sodass ich damit machen kann, was ich will. Sobald wir die Formalitäten erledigt haben, gehört das Unternehmen dir, Jason.“

Mit diesem Entschluss würde sie endlich ein neues Leben beginnen können.

Schweren Herzens nahm sie ihr Wasserglas vom Tisch und prostete Jason damit spöttisch zu. Allerdings wagte sie nicht, es an die Lippen zu führen, weil ihre Kehle wie zugeschnürt war.

„Der König ist tot“, verkündete sie betont locker. „Es lebe der König!“

Danach herrschte Schweigen, eine beklemmende Atmosphäre, die ihr das Atmen schwer machte.

Ein Geräusch veranlasste Jason, der neben ihr saß, sich umzudrehen. Bis auf Penny, die mit ihren Gedanken woanders war, blickten alle Anwesenden schockiert zur Tür. Gleichzeitig ging ein ungläubiges Raunen durch den Raum. Selbst Hermione fasste sich mit ihrer schlanken, perfekt manikürten Hand entsetzt an den Hals.

„Also …“, begann Penny, verstummte jedoch, als ihr bewusst wurde, dass alle Augen auf einen Punkt hinter ihrem Rücken gerichtet waren.

Im selben Augenblick erklang eine vertraute Stimme.

„Der König ist tot? Ich glaube, da täuscht du dich.“

Penny fühlte sich, als hätte man ihr einen Schlag versetzt. Ihr wurde schwindelig, als sie sich ebenfalls umwandte und sich zwang, den großen, dunkelhaarigen Mann auf der Türschwelle anzusehen.

Das konnte nicht wahr sein. Es war ausgeschlossen! Es musste ein Traum sein – oder ein Albtraum oder beides. Denn es konnte einfach nicht stimmen …

„Denn wie du siehst, gineka mou , bin ich ausgesprochen lebendig.“

Gineka mou, hatte er gesagt. Meine Ehefrau! Sie spürte, wie ihr das Blut unter seinem brennenden Blick aus dem Gesicht wich, als Zarek den Raum betrat.

„Ich … Du …“

Penny wollte aufstehen, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Ja, selbst der Boden schien unter ihren Füßen nachzugeben, als hätte eine große Flut das Haus fortgetragen und aufs Meer hinausgespült. Und der eisige Ausdruck in Zareks Augen erstickte selbst nach so langer Zeit jeden Impuls, sich ihm in die Arme zu werfen. Er erinnerte sie an ihre letzte Begegnung, ihre heftige Auseinandersetzung, in der sie beide ihre Ehe als Lüge entlarvt hatten.

Penny sank auf ihrem Stuhl zurück und schüttelte matt den Kopf, bevor sie sich mit zittriger Hand die Augen rieb, um sich zu vergewissern, dass sie nicht halluzinierte.

Als sie dann jedoch blinzelte, war Zarek immer noch da. Mit schroffen Zügen und einem bohrenden Blick stand er vor ihr. Mit einem Mal fühlte sich Penny schwach und verletzlich.

Penny schien es, als würde sie ihm zum ersten Mal begegnen, so lange hatte sie ihn nicht gesehen. Er trug einen hellgrauen Anzug und ein weißes Hemd. Ein Outfit, das seinen immer noch durchtrainierten Körper betonte. Niemand in diesem Raum vermochte sich seinem unwiderstehlichen Charisma zu entziehen.

„Zarek …“, brachte Penny heiser hervor. „Du …“

„Allerdings, ich bin es wirklich .“ Zarek nickte unmerklich, ohne auch nur eine Sekunde lang den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden. „Zarek Michaelis. Dein verschollener Ehemann. Endlich wieder zu Hause.“

3. KAPITEL

Endlich wieder zu Hause.

Aber war das hier wirklich noch sein Zuhause, fragte sich Zarek. Sein Gefühl vermittelte ihm etwas anderes.

Zwar befand er sich wieder auf Ithaka, im Haus seiner Familie, wo er aufgewachsen war und auf das er sich immer gefreut hatte, wenn er weg war. Doch nun war von dieser Freude nichts mehr zu spüren.

Was ihn allerdings auch kaum überraschte. Schließlich war seine Familie gerade im Begriff gewesen, ihn für tot erklären zu lassen. Schlimmer noch: Niemand schien sich über seine Rückkehr und die Tatsache zu freuen, dass er noch lebte.

Nicht einmal Penny, die gerade feierlich auf sein Ableben angestoßen hatte, während er die Tür öffnete. Dabei war sie doch seine Frau.

Aber was hatte er erwartet? Dass sie überglücklich seinen Namen rufen und sich ihm in die Arme werfen würde? Falls er sich das erträumt hatte, musste er unglaublich naiv sein. Schließlich hatte sie es ihm selbst gesagt. Und seine stille Hoffnung, dass sie auf ihn gewartet hatte, war bereits am Vorabend jäh zerstört worden, als er sie zusammen mit Jason am Strand gesehen hatte.

Deswegen überraschte es ihn auch nicht, dass Penny ihn nun anblickte, als sei er ein Gespenst. Schlank und elegant wie immer in einem dunkelgrünen, ärmellosen Leinenkleid saß sie vor ihm. Dabei wirkte sie sogar noch entsetzter als Hermione, die trotz Bräune blass geworden war.

„Begrüßt man etwa so den verlorenen Sohn?“, brach Zarek schließlich mit zynischen Worten das Schweigen. „Ich hatte mit einem herzlicheren Empfang gerechnet.“

„Dann hättest du uns vorher wissen lassen sollen, dass du kommst!“

Hermione hatte inzwischen einigermaßen die Fassung wiedergewonnen, doch ihr wütender Unterton verriet ihre wahren Gefühle.

„Wir dachten, du bist tot. Warum hast du dich nie bei uns gemeldet?“

„Weil ich nicht wusste, wo ich mich hätte melden sollen.“

Seine mysteriöse Antwort brachte Hermiones Nasenflügel zum Beben. Fragend blickte sie ihn an. Sie schien eine Antwort zu erwarten. Aber es kümmerte Zarek überhaupt nicht. Und er hatte nicht die Absicht, lang und breit zu erzählen, warum er noch lebte und niemanden bisher darüber informiert hatte. Nicht hier vor dem halben Vorstand, zu dem auch der Anwalt und der Steuerberater der Odysseus Reederei gehörten.

„Ich dachte, ich nutze die Zeit und ziehe vorher noch ein paar Erkundigungen ein. Es war wirklich interessant, was ich herausgefunden habe. Aber jetzt möchte ich nur sagen, dass ich hier bin. Und bleibe. Also …“

Er beugte sich über die Dokumente auf dem Konferenztisch und nahm sich einen Stift.

„Das hier kann weg …“ Schwungvoll begann Zarek alle Punkte der Liste durchzustreichen, in denen es darum ging, ihn für tot zu erklären und die Leitung der Odysseus Reederei auf seine Stiefbrüder zu übertragen. Dann sah er auf.

Ein Blick in die bestürzten Gesichter der Anwesenden reichte. Kurzerhand knüllte Zarek das Dokument zusammen und warf es in Richtung Papierkorb, ohne sich darum zu scheren, ob er diesen traf oder nicht.

„Damit erkläre ich die Sitzung hiermit für geschlossen. Und ihr …“ Dabei sah er seine Stiefmutter und Stiefbrüder an. „… dürft jetzt nach Hause gehen.“

Hektische Betriebsamkeit setzte ein, als alle aufstanden und aus dem Raum strömten. Doch plötzlich kam ausgerechnet Jason auf ihn zu und streckte ihm mit einem falschen Lächeln die Hand entgegen.

„Schön, dass du wieder da bist. Unfassbar!“

Er hört sich tatsächlich so an, als würde er es ernst meinen, überlegte Zarek zynisch und wunderte sich nicht darüber, dass der Händedruck etwas zu fest ausfiel. Jason hatte sich schon immer darauf verstanden, den netten Bruder zu spielen, obwohl er ihn als ältesten Sohn und rechtmäßigen Erben hasste.

Petros hingegen konnte seinen Unmut und seine Enttäuschung über sein unerwartetes Auftauchen genauso wenig verbergen wie seine Mutter. Zareks Verschwinden hätte ihm den Weg in eine sorgenfreie Zukunft ebnen sollen. Dieser Weg war nun verbaut. Und so hatte er es offensichtlich besonders eilig, den Raum zu verlassen. Zarek hatte nichts dagegen, wenn er und alle anderen endlich verschwanden und ihn allein ließen.

Nur Penny sollte bleiben.

Seine Frau saß noch immer auf ihrem Stuhl, regungslos wie eine Statue und aschfahl im Gesicht. Der Ausdruck in ihren Augen war genauso unergründlich wie ihre Miene. Es fiel Zarek sehr schwer, sich nicht abzuwenden und hinauszugehen.

War dies das Gesicht einer unschuldigen Frau? Einer Frau, die den Verlust ihres Mannes betrauert hatte? Oder war es das einer Frau, die sich darauf gefreut hatte, ein neues Leben zu beginnen – mit dem Vermögen, das sie sich während ihrer kurzen Ehe verdient hatte?

Wo blieben die Wiedersehensfreude und das glückliche Strahlen, das jeder Mann unter Umständen wie diesen hätte erwarten können? Wo der erleichterte Aufschrei, die überschwängliche Umarmung, die ihm bewiesen, wie sehr Penny ihn vermisst hatte? Ihre Freude darüber, dass er unversehrt nach Hause zurückgekehrt war. Darüber, dass er noch am Leben und wieder bei ihr war.

Eigentlich hätte er es vorhersehen müssen. Hatte sie ihm nicht zum Abschied damit gedroht, dass es genauso kommen würde?

Wieder klangen ihm ihre Worte in den Ohren.

„Geh einfach!“, hatte sie ihn angeschrien. „Aber wenn du es tust, erwarte ja nicht, dass ich hier auf dich warte, wenn du zurückkommst. Denn für diese Ehe lohnt es sich nicht, zu bleiben. Wenn du jetzt durch diese Tür da gehst, ist es vorbei …“

Doch er war durch die Tür gegangen. Schließlich war ihm nichts anderes übrig geblieben. Die Probeläufe für die Troja waren enorm wichtig gewesen, damit sie das neue Design vervollständigen und auf den Markt bringen konnten. Außerdem hatte er Penny und sich Zeit und Abstand geben wollen. Allerdings hatte er geglaubt, in wenigen Tagen wieder zurück zu sein, nicht erst nach Jahren.

Also, warum war sie immer noch hier? Warum war sie auf Ithaka geblieben? Hatte sie vielleicht doch gehofft, er würde zurückkommen? Oder war sie nur deswegen noch hier, um sein Vermögen zu erben? Er konnte sich keinen Reim darauf machen.

Als die Narbe in seinem Gesicht schmerzhaft zu pochen begann, fuhr Zarek sich geistesabwesend darüber. Dabei bemerkte er, dass Penny ihn beobachtete. Falls sie ihn am vergangenen Abend nicht erkannt hatte, so tat sie es jetzt.

Und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass es ihr zu schaffen machte.

„Willkommen zu Hause!“

„Schön, dass du wieder da bist!“, begrüßten ihn einige der Mitarbeiter beim Verlassen des Raumes. Höfliche Floskeln. Sie schüttelten ihm die Hand oder klopften ihm leicht auf die Schulter. Alles Dinge, die Zarek nur nebenbei wahrnahm. Seine ganze Konzentration war auf Penny gerichtet, die noch immer auf ihrem Stuhl am anderen Ende des Raums saß.

„Und was ist mit dir, meine liebe Gattin?“

Er sah hinüber zu Penny, die noch immer krampfhaft ihr leeres Wasserglas umklammerte.

„W…was soll mit mir sein?“

„Hast du mir nichts zu sagen?“, erkundigte er sich herausfordernd.

„Nein …“

Sie konnte überhaupt keinen klaren Gedanken fassen, denn ihr schwirrte der Kopf. Jetzt wunderte sie sich auch nicht mehr darüber, dass der Hausangestellten vorhin ein Tablett aus der Hand gefallen war. Zareks völlig unerwartetes Auftauchen musste diese zutiefst schockiert haben. Penny konnte ihr gut nachfühlen, denn ihr war es ganz ähnlich ergangen.

Sein Anblick hatte sie so erschüttert, dass sie halb aufgestanden und dann wieder auf ihren Stuhl gesunken war. Völlig durcheinander, hatte sie nicht mehr gewusst, ob sie einen Freudenschrei ausstoßen oder in Panik geraten sollte.

Ihr erster Impuls, aufzuspringen und sich Zarek in die Arme zu werfen, war von der Erinnerung an ihre letzte Begegnung im Keim erstickt worden. Der Schock war so groß, dass sie regungslos sitzen blieb, obwohl sie sich mit jeder Faser ihres Körpers nach Zareks Nähe sehnte, danach, seine Körperwärme zu spüren und seinen Duft einzuatmen. Er sollte sie in die Arme nehmen und einfach festhalten.

Das schreckliche Gefühl, dass sie nach allem, was damals vorgefallen war, nicht mehr das Recht dazu hatte, lähmte sie jedoch. Doch noch stärker wog die Angst davor, eiskalt von ihm zurückgewiesen zu werden. Penny schaffte es nicht, sich von der Stelle zu rühren, obwohl ihr Herz aufgeregt pochte und sie verlangend den attraktiven Mann vor sich betrachtete.

„Es gibt nichts, was ich hier sagen möchte.“

Nun schien es ihr, als wäre das Glas in der Hand, das sie immer noch krampfhaft umklammerte, ihr einziger Rettungsanker. Als würden die Empfindungen, die sie den ganzen Tag unterdrückt hatte, mit aller Macht auf sie einstürmen, sobald sie es losließ.

„Wir sollten nicht vor den anderen über unsere Privatangelegenheiten sprechen.“

„Nein, du hast recht.“ Zarek nickte unerwartet. „Worüber wir reden müssen, ist ganz persönlich. Es geht niemanden etwas an.“

Die letzte Bemerkung war an Jason, Hermione und Petros gerichtet, was er mit einem finsteren Blick in deren Richtung unterstrich. Die drei Mitglieder der Familie Michaelis standen an der Schwelle zum Ausgang und blickten Zarek fragend an. Vor den anderen Vorstandsmitgliedern hatten sie Zusammenhalt demonstrieren müssen. Aus diesem Grund hatten sie Freude über Zareks Rückkehr gezeigt, eine geheuchelte Freude. Doch nun, da alle anderen gegangen waren, herrschte plötzlich eine unbehagliche Atmosphäre, die Zarek mit seinen letzten Worten noch verstärkt hatte.

„Wir müssen alle miteinander reden …“, brach Jason schließlich das beklemmende Schweigen. „Wir müssen wissen, was mit dir passiert ist.“

„Das werdet ihr auch – alles zu seiner Zeit. Aber zuerst möchte ich allein mit meiner Frau sprechen“, erklärte Zarek energisch. Eigentlich hätte sie den Wunsch äußern müssen, mit ihm allein sein zu wollen, dachte Penny. Doch sie hatte weder die Kraft noch den Mut dazu.

„Ihr gebt mir sicher recht, dass es zwischen Mann und Frau private Dinge gibt, die niemanden etwas angehen, stimmt’s?“, sagte Zarek und blickte Jason scharf an.

Penny fragte sich, ob sie es sich nur einbildete oder ob er Mann und Frau tatsächlich bewusst betont hatte. Er schien ganz deutlich machen zu wollen, dass Penny zu ihm gehörte.

„Natürlich, aber …“, entgegnete Jason.

„Alles zu seiner Zeit“, wiederholte Zarek streng und zeigte auf die Tür. Damit waren Hermione und ihre Söhne entlassen.

Ungeachtet dessen blieb Jason allerdings stehen und blickte Penny fragend an.

„Penny?“, erkundigte er sich besorgt, als wollte er sich vergewissern, wie es ihr ginge.

Genau das fragte sie sich auch. Ihre Gedanken waren ein einziges Durcheinander. Ihr geliebter Ehemann war wieder zurück, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Er lebte! Aber warum konnte sie ihre unbändige Freude darüber nicht zeigen?

Ob es an der tiefen Kluft lag, die sich damals zwischen Zarek und ihr aufgetan hatte, überlegte Penny.

Und nun wollte er mit ihr allein sein. Früher hätte sie sich darüber gefreut. Doch jetzt beschlich sie ein ungutes Gefühl. Was mochte Zarek von ihr wollen?

„Alles in Ordnung, Jason“, erwiderte sie dennoch, obwohl es sie unendliche Kraft kostete, nach außen hin die Fassung zu wahren. „Mir geht es gut.“

Es schien ihr, als würde ein anerkennender Ausdruck in seinen dunklen Augen aufflackern, als Zarek sich daraufhin zu ihr umwandte. Die unterschwellige Angst, dass da noch etwas anderes war, riss Penny schließlich aus ihrer Starre. Endlich schien sie wieder klar denken zu können. Mein geliebter Zarek ist wieder zurück, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Dabei fühlte sie sich überglücklich und panisch zugleich. Was sollte sie davon halten? Ja, Zarek war zurückgekehrt. Doch er schien sich verändert zu haben. Wer war dieser Mann, der zwei Jahre lang als vermisst gegolten hatte? Und was war in dieser Zeit mit ihm passiert?

4. KAPITEL

Penny zwang sich aufzustehen, als Hermione und ihre Söhne den Raum verließen. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, denn gleich würde sie mit Zarek alleine sein.

So aufgeregt war sie nicht einmal ganz am Anfang gewesen, als sie ihn kennenlernte und kurz darauf heiratete. Damals hatte sie es kaum erwarten können, bis die Gäste gingen und sie endlich eins werden konnten.

Vor zwei Jahren war sie sich so sicher gewesen. Sicher, dass er sie begehrte – dass er sie liebte. Schließlich hatte er sie ja geheiratet. Mit knapp zweiundzwanzig war sie so jung gewesen, so naiv in Herzensangelegenheiten und sexuell völlig unerfahren. Erst später wurde ihr schmerzlich bewusst, dass Sex für Zarek nichts mit Liebe zu tun hatte.

Nun waren alle anderen gegangen. Nervös trat Penny von einem Fuß auf den anderen, während sie sich innerlich gegen das wappnete, was kommen würde. Nun, da sie stand, fühlte sie sich ihm zumindest eher gewachsen. Den meisten Männern war sie immer zu groß gewesen, Zarek Michaelis hingegen nicht. Einer seiner Vorfahren – vermutlich sein irischer Urururgroßvater, den alle den Giganten genannt hatten – war ungewöhnlich groß gewesen und hatte dieses Gen an Zarek weitervererbt. Selbst mit ihren knapp eins achtzig musste Penny deshalb zu ihm aufblicken.

„Und?“, fragte sie, als er die Tür ein wenig zu energisch für ihren Geschmack schloss. „Was …?“

Sie verstummte allerdings, weil ihr die Kehle plötzlich wie zugeschnürt war. Angespannt stand sie da und beobachtete starr, wie er die Hand hob und sich die Schläfe rieb, als würde ihm irgendetwas zu schaffen machen.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte Penny sich vorsichtig. „Stimmt etwas nicht?“

Als er nicht antwortete, sondern nur regungslos verharrte, das Gesicht abgewandt, hatte sie plötzlich ein Déjà-vu-Erlebnis.

Irgendetwas kam ihr seltsam vertraut vor. Nur was? Angestrengt überlegte sie. Dann ließ sie den Gedanken fallen. Es gab momentan wichtigere Dinge, sagte sich Penny.

„Was ist?“, fragte sie plötzlich besorgt. „Hast du Kopfschmerzen?“

Da Zarek noch immer schwieg und einfach nur dastand, stürzte sie schließlich auf ihn zu. „Sag mir gefälligst, was los ist!“

Instinktiv legte sie ihre Hand auf seine, die nach wie vor auf seiner Schläfe ruhte, und betrachtete ihn dabei forschend. Doch er hatte die Lider gesenkt, sodass sie den Ausdruck in seinen Augen nicht sehen konnte.

„Sag es mir!“

Einige Herzschläge lang zuckte er nicht einmal mit der Wimper. Schließlich bewegte er sich unmerklich, indem er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte, und atmete tief durch. In diesem Moment spürte sie seine Körperwärme durch sein Baumwollhemd und nahm seinen sinnlichen Duft war, der sie an Sonne und Meer erinnerte.

Und im Bruchteil einer Sekunde hatte die Stimmung sich verändert. Ihre Angst war einer unerträglichen Anspannung gewichen. Das Blut pochte ihr fast dröhnend in den Ohren. Die Lippen halb geöffnet, stand sie da, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Sie nahm nichts außer dem Gefühl von Zareks weicher, warmer Haut wahr, das sie förmlich elektrisierte. Und dies erinnerte sie wiederum auf schmerzliche Weise daran, wie es früher zwischen ihnen gewesen war. Nie hatte sie seinen Berührungen, seinen Küssen widerstehen können. Verzweifelt hatte ihr Körper sich danach gesehnt …

„Zarek …“, flüsterte Penny und schluckte dann mühsam. „Zarek …“

„Nein. Lass mich“, sagte Zarek rau, die Augen noch immer geschlossen. „Nicht …“

„Was?“

Als er die Lider aufschlug und sie ansah, wusste sie genau, was er meinte.

Er wollte nicht, dass sie ihn berührte. Und er brauchte es nicht einmal auszusprechen, denn sein Gesichtsausdruck sagte alles.

In diesem Moment wurde ihr klar, was für einen großen Fehler sie begangen hatte. Sie war ihm zu nahe gekommen. Viel zu nah! Aus Sorge um ihn hatte sie spontan alle Barrieren überwunden. Sogar die, die sie aus Selbstschutz errichtet hatte.

„Deine Frau darf dich also nicht berühren?“

„Meine Frau … Warst du das je wirklich?“

Mit glühendem Blick sah er sie an, während er die andere Hand auf ihre legte und diese mit eisernem Griff umfasste, um sie wegzuziehen.

Und plötzlich begriff sie.

„Du warst es!“, rief sie, um Fassung ringend, denn am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst oder sich auf ihn gestürzt.

Sie hatte die lange, weiße Narbe schon einmal gesehen, aber im Schein einer Laterne. Außerdem war sein Gesicht halb von dem Sonnenhut, dem langen Haar und dem Vollbart bedeckt gewesen. Und sie hatte geglaubt, dieses Gesicht würde einem Angler gehören.

„Du hast hinter mir herspioniert!“

Die Erinnerungen an seinen glühenden Blick, als er sie in Jasons Armen gesehen hatte, ließen sie angespannt klingen.

„Hinter dir herspioniert?“, wiederholte Zarek zynisch. „Das hört sich ja so an, als hättest du etwas zu verbergen.“

„Bestimmt nicht. Wer hat sich denn vor wem versteckt?“

Eigentlich hätte sie gar nicht auf seine Bemerkung eingehen, sondern ihn fragen sollen, wo er gewesen und was mit ihm passiert war. Schließlich wollte sie wissen, woher er diese schreckliche Narbe hatte. Doch sie brachte die Worte nicht über die Lippen, denn ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Bei der Vorstellung, dass er sie heimlich beobachtet hatte, krampfte ihr Herz sich zusammen. Er misstraute ihr also noch immer, erkannte sie schmerzlich. Noch bis vor Kurzem hatte sie geglaubt, sie wäre überglücklich, falls sich herausstellen sollte, dass Zarek noch lebte und es ihm gut ging.

Und nun das …

Offenbar hatte sich nichts zwischen ihnen geändert. Noch immer begegnete er ihr argwöhnisch, als könnte man ihr nicht trauen. Auch machte er keine Anzeichen, dass er sie vermisst hatte. Allerdings hatte er ja auch nie etwas für sie empfunden, rief sich Penny ins Gedächtnis.

„Findest du nicht, dass es mein gutes Recht war, herauszufinden, was während meiner Abwesenheit alles passiert ist?“

Der zornige Ausdruck in seinen Augen zeigte ihr, dass Zarek sein Urteil über sie bereits gefällt hatte.

„Ich möchte weg von hier und endlich wieder anfangen zu leben“, zitierte er sie zynisch. „Ich habe es satt, immer nur auf der Stelle zu treten.“

„Das war nicht für deine Ohren bestimmt. Außerdem gehört es sich nicht, das Gespräch anderer Leute zu belauschen“, konterte Penny. Dabei war ihr natürlich klar, wie er ihre Worte deutete. „Kennst du nicht das Sprichwort vom Lauscher an der Wand?“

„Die meisten Lauscher hören sicher nicht, wie ihre Ehefrauen davon reden, sie für tot erklären zu lassen.“

„Aber du warst tot! Zumindest dachte ich … dachten wir es.“

„Und das kam dir gerade recht.“

Schmerzhaft verstärkte er seinen Griff, aber das war es nicht, was sie so schockierte, sondern die erregenden Empfindungen, die sie bei seiner Berührung durchfluteten. Wie konnte sie immer noch so stark auf ihn reagieren, wo sie doch wusste, dass er sie nicht liebte?

„Ich will das nicht“, brachte sie hervor. Dabei wich sie zurück, so weit sie konnte, denn er hielt sie weiter fest.

Sie wollte endlich allein sein, um sich in aller Ruhe darüber klar werden zu können, wie es nun weitergehen sollte.

„Lass mich los!“

Die widersprüchlichen Gefühle, die sie überkamen, brachten sie völlig aus dem Gleichgewicht.

„Lass mich los, habe ich gesagt!“

Daraufhin gab Zarek ihre Hand so plötzlich frei, dass Penny fast das Gleichgewicht verloren hätte. Aus Angst, dass er wieder auf sie zugehen könnte, hielt sie sich am nächsten Stuhl fest.

„Komm mir nicht zu nahe! Halt dich gefälligst von mir fern!“

Prompt meldete sich ihr Gewissen, weil sie so feige und unehrlich war. Nichts wünschte sie sich mehr, als in seinen Armen zu liegen, seine Körperwärme zu spüren und Trost bei ihm zu finden.

Aber er verschränkte nur die Arme vor der Brust und betrachtete sie mit einem eisigen Ausdruck in den Augen.

„Das erinnert mich an deine freundlichen Worte, die du mir zum Abschied mitgegeben hast“, entgegnete er zynisch.

„Dann geh doch endlich!“, hatte sie ihn angeschrien. „Aber wenn du es tust, erwarte ja nicht, dass ich hier auf dich warte.“ Wut und Schmerz hatten sie damals angetrieben. Denn sie wäre eher gestorben, als ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn liebte, während er nur Sex – und einen Erben – wollte. Trotzdem verletzte es sie, dass er ihre Worte nun gegen sie verwendete.

„Plötzlich tauchst du wieder auf. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie sich das für mich anfühlt?“, versuchte sie einzulenken, allerdings vergeblich, wie sein eisiger Blick und die immer noch abwehrend verschränkten Arme ihr bewiesen.

„Dann nimm sie dir.“

„Was soll ich mir nehmen?“

Seine unvermittelte Kapitulation ließ ihren Kampfgeist sofort wieder erlöschen.

„Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“

Diesmal klang es eher wie ein Befehl, und die Verachtung, die aus seiner Stimme sprach, war wie ein Schlag ins Gesicht. Plötzlich wirkte Zarek resigniert.

„Zeit, um dich damit abzufinden, dass dein Ehemann, von dem du gehofft hattest, er wäre tot …“

„Ich habe es nie gehofft!“

Das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. Auch wenn ihre Ehe in einem Desaster geendet hatte, so hatte sie niemals gehofft, er wäre nicht mehr am Leben. Dass er so von ihr dachte, entsetzte Penny.

„Wie kannst du mir so etwas unterstellen?“

„… doch noch lebt“, fuhr er unerbittlich fort. „Ich weiß, dass ich dich mit meinem Auftauchen schockiert habe, und brauche auch erst mal etwas Abstand.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie fühlte sich, als würden die Wände näher rücken und ihr die Luft zum Atmen nehmen. Zarek war gerade erst wieder in ihr Leben getreten und brauchte schon Abstand zu ihr.

„Um mich einzugewöhnen“, fügte er mit einem seltsamen Tonfall hinzu. „Ich war lange weg.“

Forschend betrachtete sie ihn und bemerkte erst jetzt die Fältchen in seinen Augen- und Mundwinkeln und die vereinzelten grauen Haare an seinen Schläfen – Anzeichen dafür, dass sein Leben in den vergangenen zwei Jahren nicht immer leicht gewesen war. Sie dachte daran, was der Polizeipsychologe damals gesagt hatte, als sie noch hoffte, Zarek würde zurückkehren.

„Die lebensbedrohliche Erfahrung einer Geiselnahme kann einen Menschen verändern.“ Genau das waren seine Worte gewesen.

Bestimmt hatte Zarek Furchtbares durchgemacht. Bei dem Gedanken daran lief Penny ein Schauer über den Rücken.

Er würde Zeit und Abstand brauchen, um sich wieder einzuleben, hatte es geheißen. Man würde ihn als Geisel halten, und sein Leben wäre in Gefahr. Es wäre unwahrscheinlich, dass er nach einer derartigen Traumatisierung einfach so weitermachen würde wie bisher.

Die Empfindungen, die bei der Vorstellung auf sie einstürmten, beschämten sie zutiefst und ließen sie sich schuldig fühlen. Sie war es, die Zarek Zeit geben musste. Nicht umgekehrt.

„Es tut mir leid“, erklärte Penny deshalb, ohne zu überlegen. „Ich hätte mir denken können … Brauchst du etwas? Hast du schon gegessen? Soll ich dir ein Sandwich bringen lassen oder einen Kaffee?“

Sie redete wie eine völlig unerfahrene Gastgeberin, die zum ersten Mal einen Fremden bewirtete. Und offenbar dachte Zarek genauso, denn ein spöttischer Zug umspielte seine sinnlichen Lippen, und in seinen Augen lag ein gefährlicher Ausdruck. Schließlich machte er eine wegwerfende Geste.

„Nein, nichts. Wenn ich etwas brauche, kann ich es mir selbst holen – oder eine der Angestellten damit beauftragen. Ich gehe davon aus, dass noch alle für mich arbeiten, oder?“

„Natürlich tun sie das“, bestätigte sie scharf, denn sie wusste, worauf er anspielte. Er machte seine Besitzansprüche geltend. Es waren seine Angstellen, seine Villa und seine Reederei.

Aber was war sie für ihn? Hatte sie als seine Frau immer noch einen Platz in seinem Haus? Und wenn ja, für wie lange? Während seiner Abwesenheit hatte sie eine Rolle spielen müssen, aber nun, da er zurück war …

Wollte er weiter mit ihr verheiratet bleiben?

„Du kannst jetzt gehen.“

Damit war sie entlassen. Um seine Worte zu verdeutlichen, wandte Zarek sich von ihr ab und ging zum Fenster, eine Hand tief in die Hosentasche geschoben, während er sich mit der anderen erneut an die Schläfe fasste.

Auf der Türschwelle blieb Penny stehen und drehte sich halb zu ihm um.

„Zarek …“

Doch er machte nur eine abwehrende Geste. „Geh!“, wies er sie scharf an. „Geh einfach.“

Was habe ich denn anderes erwartet? fragte sie sich, als sie sich abwandte und ging.

Zarek Michaelis. Dein verschollener Ehemann. Endlich wieder zu Hause.

Die spöttischen Worte, die er ihr an den Kopf geworfen hatte, klangen ihr in den Ohren, während sie den langen, sonnendurchfluteten Flur entlang zur Treppe ging.

Er war wieder zu Hause, aber offenbar hatte sich nichts geändert. Und daher konnte sie auch keine Freude über seine unerwartete Rückkehr empfinden. Körperlich mochte er anwesend sein, doch was seine Seele und sein Herz betraf, so gehörte er ihr genauso wenig wie damals.

Vielleicht sogar noch weniger, denn damals hatte er sie zumindest begehrt.

Er hatte mit ihr schlafen wollen, sodass sie ihn immerhin körperlich an sich binden konnte. Allerdings war das vor ihrer heftigen Auseinandersetzung gewesen, und nun schien sogar sein Verlangen erloschen zu sein.

„Nein. Lass mich“, hatte er gesagt, als sie ihn berührte. Dabei hatte er die Augen geschlossen gehalten, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Er hatte sie immer nur begehrt und nie geliebt, war sich Penny ganz sicher. Doch anders als früher konnte und wollte er es offenbar nicht mehr verbergen. Oder hätte er sie sonst so rüde zurückgewiesen? Wohl kaum, dachte Penny betrübt.

Es sah ganz so aus, als wäre er von den Toten auferstanden, um dann für immer aus ihrem Leben zu verschwinden.

Lautes Winseln ließ Penny aus einem unruhigen Schlaf schrecken.

„Argus, nein!“, rief sie schlaftrunken, denn Hermione sollte den Hund nicht hören. „Hör auf! Ich bin gleich …“

Sie verstummte, als sie richtig wach wurde und sich aufsetzte. Es war nicht Morgen, sondern Abend, wie sie jetzt feststellte. Es war fast völlig dunkel im Raum. Im Schein des Mondes, der gerade hinter den Wolken hervorkam, konnte sie die Möbel und Gegenstände im Zimmer schemenhaft erkennen. Heute war der Tag, an dem sich ihr Leben völlig geändert hatte. Des Tages, an dem Zarek von den Toten auferstanden war.

„Zarek!“

Allein der Gedanke an ihn ließ sie fast vom Bett aufspringen. Sie wirbelte herum und blickte starr auf die andere Seite des Bettes. Sie war leer. Ob Zarek noch kommen würde, fragte sich Penny. Denn dies hier war sein Zimmer. Ein Schauer rann ihr über den Rücken, und sie wusste nicht, ob es Erregung oder Furcht war. Wie hätte sie sich gefühlt, wenn sie neben ihrem Mann aufgewacht wäre?

„Nein!“

Energisch schüttelte Penny den Kopf, um die quälenden Gedanken zu verdrängen, bevor sie zur Tür eilte und Argus hinausließ. Schwanzwedelnd lief er den Flur entlang, wobei seine Pfoten auf dem polierten Holzfußboden trappelten. Es war stockdunkel, sodass sie erst das Licht einschalten musste, um etwas sehen zu können.

„Argus … warte …“

Sie wünschte, sie hätte zuvor einen Blick auf ihre Armbanduhr geworfen, die auf dem Nachttisch lag. Wie spät es wohl war? Penny war jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen. Auf keinen Fall wollte sie die anderen wecken und sich Vorwürfe von Hermione und deren Söhnen machen lassen.

Und Zarek?

Bei dem Gedanken an ihn wurde sie so nervös, dass sie fast gestolpert und die breite, geschwungene Treppe hinuntergefallen wäre. Sie hatte keine Ahnung, wo ihr Mann sich aufhielt oder was er gerade machte. Ebenso wenig wusste sie, wie viel Zeit seit ihrer Begegnung mit ihm vergangen war.

Sie hatte auch gar nicht schlafen, sondern nur für eine Weile allein sein wollen, um die Ereignisse zu verarbeiten, die ihr Leben innerhalb weniger Minuten völlig auf den Kopf gestellt hatten. Dass Zarek sie so rüde zurückgewiesen und aus dem Raum geschickt hatte, hatte sie sehr mitgenommen. Seufzend war sie aufs Bett gesunken und hatte sich dann hingelegt und die Lider geschlossen, um zu überlegen …

Die Bilder, die dann vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht waren, hatten allerdings jeden klaren Gedanken unmöglich gemacht. Immer wieder hatte sie Zarek vor sich gesehen, den Mann, den sie geliebt und stolz ihren Ehemann genannt hatte, bevor ihr klar geworden war, dass sie nie die Frau seines Herzens gewesen war. Sie hatte sich an ihren Hochzeitstag vor knapp drei Jahren erinnert. Überwältigend attraktiv hatte ihr Zarek vom Altar aus entgegengeblickt, während sie feierlich auf ihn zugeschritten war.

Sie hatte in diesem Moment nicht fassen können, dass dieser mächtige Mann sie, die kleine Sekretärin in der Im- und Exportfirma, die so oft mit seiner Reederei zusammenarbeitete, nun hier stand, um sie zu heiraten.

In jener Nacht hatte ihr Zarek seine sinnliche und leidenschaftliche Seite gezeigt. Und das mit einer Intensität, die ihr den Atem nahm. Sie hatte sich ihm bedingungslos hingegeben, weil sie glaubte, er würde sie lieben. Erst später, als ihr die Wahrheit bewusst wurde, hatte sie sich nach und nach von ihm zurückgezogen.

Nun, da sie jene Tage Revue passieren ließ, spürte Penny, wie sie weiche Knie bekam, und sie musste sich am Treppengeländer festhalten. Sie war mit den Erinnerungen an ihre Hochzeitsnacht eingeschlafen, und deshalb waren ihre Träume von den wildesten, erotischsten Fantasien erfüllt gewesen. Unruhig hatte sie sich hin und her gewälzt, erfüllt von einer brennenden Sehnsucht.

So hatte sie, seit Zarek zur Testfahrt mit seiner Jacht Troja aufgebrochen war, nicht mehr empfunden. Im Zorn hatte er sie verlassen, um ihr Zeit zum Luftholen und Nachdenken zu geben, wie er sagte. Und als man ihn später für vermisst erklärte, hatte sie geglaubt, er würde nie wieder zurückkehren. Die ungestillte körperliche Sehnsucht, waren im vergangenen Jahr langsam abgeklungen. Aber es schien, als bräuchte Zarek jetzt nur den Raum zu betreten, um Begierde in ihr zu wecken, die lichterloh aufflammte, sobald sie ihn berührte.

Er hingegen hatte offenbar nicht so empfunden.

„Nein“ , hatte er gesagt. Nur ein einziges Wort. Die Ablehnung, die aus seinem Tonfall und dem eisigen Ausdruck in seinen Augen sprach, hatten bewiesen, dass er sie nicht wollte.

Penny fragte sich, ob alles anders gekommen wäre, wenn man ihn damals nicht gekidnappt hätte und er wie geplant drei Tage später zurückgekehrt wäre. Prompt lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Zarek hatte sie geheiratet, weil er ein Kind wollte, weil er einen Erben brauchte, damit die Odysseus Reederei im Besitz seiner Familie blieb und nicht an seine Stiefmutter und deren Söhne fiel.

Auch im Erdgeschoss war es dunkel und ganz still, als hätten alle die Villa verlassen. Aber wohin hätten sie gehen sollen?

Und wo war Zarek? War er womöglich gleich nach seinem unerwarteten Auftauchen wieder verschwunden? Ihr Herz krampfte sich zusammen bei der Vorstellung, dass er vielleicht nie wieder zurückkommen würde. So würde ihr lediglich das Wissen bleiben, dass er noch lebte und nach wie vor mit ihr verheiratet war, wenn auch nur auf dem Papier.

„Zarek?“ Ihre Stimme bebte. „Ist da jemand?“

5. KAPITEL

Lautes Bellen ließ Penny zusammenzucken. Argus hatte plötzlich den Kopf gehoben und hielt seine schmale Schnauze witternd in Richtung des Wintergartens. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Dann sprang er mit freudigem Schwanzwedeln los.

„Argus!“, hörte sie Zarek aus einiger Entfernung überglücklich rufen. Penny straffte ihre Schultern und folgte langsam dem großen Tier.

Im Wintergarten fiel das Mondlicht durch die geöffneten Verandatüren. Von hier aus konnte man auf die schaumgekrönten Wellen blicken, die sich an den Felsen brachen. Zarek saß in einem bequemen Rattanstuhl vor der Schwelle, und sein Gesicht lag im Schatten.

„Argus!“, sagte er wieder, während er sich mit einer Hand auf den Schenkel klopfte. Nachdem der Hund zu ihm gekommen war, kraulte Zarek seinen schwarz-weißen Kopf und Rücken mit beiden Händen und flüsterte ihm Koseworte auf Griechisch zu. Hund und Herrchen schienen überglücklich zu sein.

Obwohl es albern war, verspürte Penny bei dieser augenscheinlichen Wiedersehensfreude eine brennende Eifersucht.

Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, wenn sie sich Zarek gleich in die Arme geworfen hätte, überlegte sie. Das zumindest hätte ihren wahren Gefühlen Ausdruck verliehen. Aber Argus hatte die eisige Distanz, die Streitereien und Auseinandersetzungen in jenen Tagen vor Zareks Abreise natürlich nicht ertragen müssen. Er wurde um seiner selbst willen geliebt.

Wie sehr sehnte sie sich danach, denselben sanften Tonfall zu hören, den ihr Mann Argus gegenüber anschlug, oder genauso liebevoll von ihm berührt zu werden.

„Du hast den Hund behalten“, riss der Klang seiner Stimme sie plötzlich aus ihren Gedanken, sodass sie zusammenzuckte und ihn ansah. Sein Gesicht lag im Dunkeln, sodass sie seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte.

„Natürlich“, erwiderte sie steif. „Was hast du denn gedacht?“

„Er war ja nicht dein Haustier. Und du hattest nie viel für Hunde übrig.“

„Nein. Aber ich wollte ihn nicht weggeben, weil wir ja zuerst glaubten, du würdest wiederkommen.“

Auf keinen Fall sollte er erfahren, dass die Existenz des Hundes das Einzige gewesen war, was sie am Leben gehalten hatte. Dass dieser neben ihrem Bett schlief, weil sie sich so einsam gefühlt und unzählige Tränen in sein zotteliges Fell geweint hatte.

„Außerdem hat er dich so vermisst, dass ich mich einfach um ihn kümmern musste. Und danach … haben Argus und ich uns irgendwie aneinander gewöhnt.“ Dass sie den Hund tief in ihr Herz geschlossen hatte, verriet sie nicht.

„Danke, Penny.“

Noch immer hatte Zarek die Hand in das Fell des Tiers geschoben. Argus hatte den Kopf auf sein Knie gelegt und blickte ihn so treuselig an, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten. Früher einmal hatte sie genauso empfunden, hatte versucht, seine Aufmerksamkeit zu erregen und sich verzweifelt nach einem netten Wort oder einer Liebkosung gesehnt.

„Es ist ziemlich dunkel hier drinnen“, erklärte Penny unvermittelt, um die Atmosphäre zu entschärfen, bevor sie sich abwandte, um nach dem Lichtschalter zu tasten. Sie wollte ihn gerade betätigen, als Zarek scharf sagte: „Nicht!“ Etwas versöhnlicher fügte er dann hinzu: „Ich habe den Anblick des Mondlichts auf den Wellen schon immer geliebt. Das hat mir gefehlt.“

Dies war das Stichwort für sie, ihn zu fragen, wo er gewesen war, doch ihr fehlte der Mut. Sie tappte im Dunkeln – im eigentlichen und im übertragenen Sinne – und musste sich langsam vorantasten, um einen Weg zu finden.

„Wie du willst.“

Dann setzte sie sich auf einen der Stühle, die ihm gegenüberstanden. Vielleicht konnte sie seinen Gesichtsausdruck von dieser Stelle aus erkennen.

„Wie spät ist es?“

„Ungefähr acht.“

Zarek machte sich nicht einmal die Mühe, auf seine Armbanduhr zu blicken. Anscheinend interessierte die Uhrzeit ihn nicht im Geringsten.

„So spät?“

Wie hatte sie so lange schlafen können? War sie nach diesem zermürbenden Tag so erschöpft gewesen? Oder hatte die Erleichterung über Zareks Rückkehr sie derart müde gemacht? Noch immer konnte Penny nicht fassen, dass sie ihm jetzt tatsächlich gegenübersaß, ihn ansah, seine Stimme hörte und seinen Duft wahrnahm. Am liebsten hätte sie die Hand ausgestreckt und ihn berührt, um sich zu vergewissern, dass er wirklich da war. Um seine Körperwärme zu spüren. Aber die Angst vor seiner Reaktion hielt sie davon ab.

Sie fühlte sich so verletzlich, dass sie es nicht ertragen hätte, noch einmal von ihm zurückgewiesen zu werden.

„Wo sind eigentlich die anderen?“, erkundigte Penny sich, um einen lockeren Plauderton bemüht.

Normalerweise waren die Angestellten zu dieser Stunde damit beschäftigt, das Abendessen vorzubereiten. Vorher traf die Familie sich immer auf einen Drink im Wohnzimmer oder auf der Terrasse. Allerdings war dies auch kein gewöhnlicher Tag.

„Weg.“

„Weg? Wohin?“

Gleichgültig zuckte Zarek die Schultern. „Nach Hause – oder sonst wohin.“

„Alle?“

Diesmal nickte er nur.

Es fiel ihr schwer zu glauben, dass sogar Hermione gegangen war, nachdem sie so entschlossen gewesen war, in die Villa zu ziehen.

„Wie hast du Hermione dazu bewegen können zu gehen?“

Sie hatte das in fast zwei Jahren nicht geschafft, auch als sie ihre Schwiegermutter ganz direkt aufgefordert hatte, auszuziehen. Seitdem hatte sie keine Ruhe vor ihr und fühlte sich ständig ihrer Kritik ausgesetzt.

„Ihr ist nichts anderes übrig geblieben – es sei denn, sie hätte auf die großzügige Abfindung verzichtet, die sie von der Firma erhält“, erklärte er zynisch. „Es war nicht schwer, sie zu überzeugen.“

„Dann ist also niemand hier?“

Penny wusste selbst nicht, ob ihre Stimme vor Angst, Erleichterung oder prickelnder Vorfreude bebte. Und Zarek ging es offenbar ähnlich, wie sie feststellte, denn er runzelte flüchtig die Stirn.

„Niemand außer uns – und Argus.“

Schließlich stand er auf, um den Hund liebevoll hinauszuscheuchen. Zögernd lief dieser zur Tür, als würde er befürchten, sein Herrchen könnte jeden Moment verschwinden. Eine Empfindung, die Penny teilte.

„Aber warum?“

„Weil wir beide einiges nachzuholen haben. Wir müssen miteinander reden, und zwar allein.“

„Oh“, entgegnete Penny nur, denn seine Worte verhießen nichts Gutes. Unbehaglich schluckte sie.

Zarek wandte sich von der Tür ab, lehnte sich an die Wand und schob die Hände in die Hosentaschen. Plötzlich wirkte er noch größer und stärker. Fast gefährlich.

Am liebsten wäre Penny aufgesprungen, um sich Zarek weniger unterlegen zu fühlen. Allerdings hätte er dann sofort gemerkt, wie unbehaglich ihr zumute war.

„Meinst du nicht, du solltest zuerst etwas essen?“

So hätte sie wenigstens einen Vorwand, aufzustehen. Und wenn sie sich in der Küche zu schaffen machte, würde sie sich ablenken können.

Sie empfand seine Nähe als bedrohlich, weil sie ihn in mancher Hinsicht so gut kannte und er ihr in anderer wiederum völlig fremd war.

„Ich habe keinen Hunger.“

Offenbar hatte er sie durchschaut. Er hatte nicht die Absicht, von dem Weg abzuweichen, dem er folgte.

„Aber ich hätte nichts gegen einen Drink“, räumte er dann ein.

„Natürlich …“

Penny stand auf und ging zu der Anrichte, in der die Flaschen standen. „Es gibt hier eine kleine Bar“ Bei diesen Worten wurde ihr bewusst, wie albern sie sich benahm. Schließlich war das hier sein Zuhause.

„Nein, ich habe es nicht vergessen“, sagte er trocken, als sie zögerte und ihn verlegen ansah. „Zwei Jahre sind keine so lange Zeit.“

„Lange genug!“, entgegnete sie wütend. „Ich hatte kein Lebenszeichen von dir und wusste nicht, was passiert war …“

„Ich war nicht in der Lage, dich anzurufen“, unterbrach er sie scharf. „Warum ist Hermione hier eigentlich eingezogen? War das deine Idee?“

„Bestimmt nicht! Sie hat darauf bestanden. Hast du je versucht, deine Stiefmutter zu etwas zu bewegen, was sie nicht will?“

„Allerdings.“

Zarek nahm eine Flasche Rotwein und zwei Gläser aus der Anrichte. Nachdem er die Flasche geschickt entkorkt hatte, schenkte er ihnen ein.

„Ich konnte sie jedenfalls nicht mit einer großzügigen Summe locken oder ihr damit drohen, ihr diese zu streichen. Hermione ist hier aufgetaucht, kurz nachdem wir von deinem Verschwinden erfahren hatten. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich dachte, vielleicht wäre es gut, wenn wir alle unter einem Dach wohnen, bis wir erfahren, was passiert ist.“

Dabei dachte Penny an ihre eigenen Gefühle. Sie war vor Schock und Kummer völlig außer sich gewesen. Als sie erfuhr, dass seine Jacht von Piraten gekapert worden war und man ihn als Geisel genommen hatte, hatte sie nicht mehr klar denken, geschweige denn die Energie aufbringen können, sich gegen Hermione zu behaupten.

„Und Jason …“, Penny stockte.

Dass Zarek überhaupt keine Reaktion zeigte, bewies ihr, dass sie nun gefährliches Terrain betrat. Er hatte ihre Begegnung mit Jason am Vortag am Hafen verfolgt. Und auch wenn er sie nicht liebte, war er immer noch mit ihr verheiratet. Außerdem war Zarek wie viele griechischen Männer besitzergreifend und eifersüchtig. Daher würde er es niemals dulden, seine Frau in den Armen eines anderen zu sehen, schon gar nicht in denen seines verhassten Stiefbruders.

„Und Jason?“, hakte er beinah lässig nach, während er ihr ein Weinglas reichte.

Nach wie vor konnte Penny seinen Gesichtsausdruck nur erahnen, aber seine angespannte Haltung und sein scharfer Unterton jagten ihr einen Schauer über den Rücken.

„Jason hat sich um die praktischen Dinge gekümmert. Er hat Verbindung zur Polizei und zur Presse gehalten. Er hat mir … sehr geholfen.“

Außerdem hatte Jason sich damals rührend um sie gekümmert, was sie dringend gebraucht hatte.

„Schön für ihn“, bemerkte Zarek mit einem unergründlichen Unterton, bevor er das Glas an die Lippen hob und einen Schluck Wein trank.

Penny beschloss, klare Verhältnisse zu schaffen. Da er ohnehin nur das Schlechteste von ihr dachte, wollte sie die Situation nicht noch komplizierter machen.

„Wir sind kein Paar“, erklärte sie geradeheraus und beobachtete, wie er daraufhin unmerklich den Kopf hob.

„Habe ich denn irgendetwas gesagt?“

„Nein, aber gedacht.“

„Ach, denke ich das?“

Erneut führte er das Glas an die Lippen, schluckte den Wein allerdings nicht sofort hinunter. Sein glühender Blick ließ erahnen, dass Zarek mit dunklen Erinnerungen kämpfte. Penny war sensibel genug, ihn nicht darauf anzusprechen. Zumindest noch nicht.

Ganz behutsam wollte sie sich an den Mann herantasten, der ihr Ehemann und gleichzeitig ein Fremder war. Sie kannte sein Gesicht, sein attraktives Äußeres, seine Stimme. Aber war dies immer noch der Zarek, den sie geliebt und geheiratet hatte? Sie wusste es nicht. Aber bevor sie sich daranmachte, das herauszufinden, wollte sie noch eine wichtige Sache klären.

„Ich weiß, wie es am Strand für dich ausgesehen haben muss. Aber wenn du gestern Abend noch länger geblieben wärst, hättest du auch gesehen, wie ich ihn weggestoßen habe.“

„Verzeih mir“, erwiderte er zynisch und verzog dabei verächtlich den Mund. „Aber ich musste erst einmal die Tatsache verdauen, dass meine Frau mich für tot erklären lassen wollte.“

„Von wollen konnte nicht die Rede sein. Es lag einfach nahe.“

„Und natürlich hattest du alles sorgfältig durchdacht. Mit Jasons Hilfe.“

„Ich brauchte nun mal Hilfe.“

Penny trank auch einen Schluck von dem Wein. Trotz der geringen Menge machte der Alkohol sich sofort bemerkbar und verstärkte das Gefühlschaos, das in ihr tobte. Da sie die Dunkelheit nun nicht mehr ertrug, setzte sie sich über Zareks Anweisung hinweg und schaltete die nächste Lampe ein. Dann wirbelte sie zu ihm herum und funkelte ihn herausfordernd an.

„Und wie du selbst festgestellt hast, warst du kaum in der Lage, irgendetwas zu tun.“

Sie war sich nicht sicher, ob das Licht half oder nicht. Ja, sie konnte seine Miene erkennen, aber wollte sie wirklich wissen, wie Zarek sie abfällig betrachtete? Wollte sie ihm in die Augen sehen und den Argwohn und die kalte Verachtung darin lesen? Außerdem konnte sie den Blick nicht von der langen Narbe abwenden, die seine schöne gebräunte Haut entstellte.

Impulsiv hob sie wieder die Hand. Sie wollte sich vergewissern, dass er tatsächlich bei ihr war, und verspürte gleichzeitig den verrückten Drang, über die Narbe zu streichen, als könnte sie dadurch den Schmerz auslöschen, den die Wunde verursacht haben musste.

Der Ausdruck, der plötzlich in seinen Augen aufflackerte, veranlasste sie jedoch, die Hand sofort wieder sinken zu lassen und zur Faust zu ballen. Schnell trank sie noch einen Schluck Wein, um sich Mut zu machen.

„Was ist mit dir passiert?“, fragte sie dann unvermittelt. „Man hat uns gesagt, du wärst … tot.“

„Hast du von den Piraten gehört?“ Zarek ging zu den offen stehenden Terrassentüren und lehnte sich daneben an die Wand. Von dort aus beobachtete er Argus, der gerade Witterung aufgenommen hatte und im Gebüsch schnüffelte.

Penny nickte. „Ich wollte es zuerst nicht wahrhaben, weil es mir so abwegig erschien. Aber danach hat es noch mehr solcher Vorfälle gegeben. Wir haben die Berichte im Fernsehen verfolgt – wie die Piraten die Jacht mit dem Beiboot verlassen haben. Zu dem Zeitpunkt wussten wir allerdings nicht, dass sie dich dabei als Geisel genommen hatten.“

„Niemand wusste es.“

Wieder trank er einen Schluck Wein und blickte hinaus in den nächtlichen Garten, der im Mondschein dalag. Als er geistesabwesend seine Narbe berührte, wusste Penny, dass er mit seinen Gedanken offenbar woanders war. Sie schauderte bei der Vorstellung, woher diese rühren mochte. Dass man ihm solche Schmerzen zugefügt hatte und ihn fast entstellt hätte, machte sie wütend und traurig zugleich, auch wenn die Narbe seiner herben Schönheit keinen Abbruch tat.

„Das kleine Boot, in dem sie zu fliehen versuchten, war mit einer Plane zugedeckt, sodass die Soldaten, die an Bord der Jacht gehen wollten, nicht hineinsehen konnten. Es war stockdunkel da drinnen – furchtbar!“

Nachdem er einen weiteren Schluck getrunken hatte, blickte er stirnrunzelnd auf das vom silbrigen Mondlicht erhellte Meer.

„Sie waren alle nervös, der Panik nahe … Ich vermute mal, dass sie irgendwelche Drogen genommen hatten …“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihre Hand, in der sie das Glas hielt, zu zittern begonnen hatte. Zarek sprach so sachlich, als würde er von irgendeiner harmlosen Begebenheit oder eine Geschichte erzählen, die er gehört hatte. Sie konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, wie schrecklich es sein musste, eine solche Situation zu durchleben. In einem kleinen, verdunkelten Boot gefangen zu sein, das mitten in der Nacht auf dem offenen Meer schaukelte, in der Hand von unberechenbaren Piraten.

Und die letzte Erinnerung, die Zarek an sie hatte, waren ihre wütenden Lügen, die sie ihm an den Kopf geworfen hatte, bevor er in See gestochen war.

„Sie haben sich gestritten. Einige von ihnen wollten mich als Geisel benutzen, um zumindest Lösegeld von der Firma zu erpressen.“

Es kostete Penny Mühe, das Glas an die Lippen zu führen. Vielleicht würde der Alkohol sie etwas beruhigen und die Übelkeit lindern, die sie plötzlich verspürte. Da ihre Hand allerdings noch stärker zitterte, konnte sie nicht trinken.

„Und als die Soldaten dann das Feuer eröffneten, eskalierte es richtig.“

„Oh, mein …“

Penny hatte ihr Weinglas klirrend auf die Fensterbank gestellt und dabei unabsichtlich die Scheibe getroffen. Abrupt wandte Zarek sich zu ihr um.

„Penny?“

„Tut mir leid. Ich wollte dich nicht unterbrechen. Erzähl weiter …“ Die Kehle schnürte sich ihr zu, und Penny musste schlucken. Es fiel ihr unendlich schwer, den Gedanken zu Ende zu führen, geschweige denn auszusprechen. Selbst nun, da Zarek vor ihr stand und die prahlerischen Worte des Anführers Lügen strafte, mochte sie es sich nicht vorstellen.

„Der Anführer sagte später, er hätte dir eine Kugel … in den Kopf gejagt.“

Bei dieser Vorstellung musste sie sich auf die Lippe beißen, um nicht verzweifelt zu stöhnen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und durch den Schleier sah sie, wie er sich erneut die Schläfe rieb – eine inzwischen vertraute Geste.

„Dann hat er maßlos übertrieben.“ Seine Stimme schien von weither zu kommen. „Vielleicht hatte er es vor, aber er hat mich verfehlt. Die Kugel hat nur meine Schläfe gestreift, und ich bin über Bord gegangen und ins Wasser gefallen Zum Glück trug ich noch meine Schwimmweste, sonst wäre ich sofort wie ein Stein untergegangen.“ Zarek blickte sie plötzlich eindringlich an.

„Penny?“

Dann kam er auf sie zu und blieb so dicht vor ihr stehen, dass er sie fast berührte. Als sie unwillkürlich den Kopf senkte, um seinem forschenden Blick auszuweichen, stellte er das Glas neben ihres und umfasste ihr Kinn.

„Was ist?“

Benommen ließ sie es geschehen, als er ihr Gesicht sanft ins Licht drehte und dabei die Stirn runzelte.

„Was ist?“, wiederholte er, diesmal noch rauer. „Du weinst?“

Penny wollte sich abwenden, brachte jedoch nicht die Kraft auf. Mit zittriger Hand wischte sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

„Allerdings!“, rief sie wütend, weil er offenbar nicht mit einer solchen Reaktion gerechnet hatte. „Und was überrascht dich daran? Was hattest du denn erwartet? Dass ich lache?“

„Es war dir also nicht gleichgültig?“

Er klang tatsächlich verblüfft! „Natürlich war es mir nicht gleichgültig! Und das ist es auch immer noch nicht! Vielleicht möchte ich nicht mehr mit dir verheiratet sein, aber ich würde niemals wünschen, du wärst tot !“

Das letzte Wort klang wie ein Schluchzen, weil ihr in diesem Moment bewusst wurde, wie nahe Zarek ihr war und wie sie sich gefühlt hatte, als sie glaubte, er wäre ums Leben gekommen.

„Du hast also ab und zu an mich gedacht, als ich weg war?“

„Sicher habe ich das! Unsere Ehe mochte vielleicht gescheitert sein, aber es gab … Dinge an dir, die ich vermisst habe …“

Die Kehle schnürte sich ihr zu, als Penny bei diesen Worten aufblickte und seinem glühenden Blick begegnete.

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