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Ein Schlossherr zum Verlieben / Heißes Happy End in Griechenland / Auf der Jacht des italienischen Millionörs / Im Licht der Wintersonne

Christina Hollis

Ein Schlossherr zum Verlieben

1. KAPITEL

Das schrille Klingeln hörte einfach nicht auf. Noch verwirrt vom Tiefschlaf durchwühlte Gwen mit zitternden Händen den Wäschekorb nach ihrem Handy. Ein gehetzter Seitenblick auf ihren Wecker verriet ihr, dass sie gut eine Stunde zu spät aufgewacht war. Endlich fand sie ihr Telefon.

„Gwenno! Warum hast du so lange gebraucht, um ranzugehen?“

Zum ersten Mal war Gwen froh darüber, dass ihre Mutter sie täglich anrief.

„Mam! Ich habe im Augenblick leider keine Zeit, weil ich diese große Feier heute vorbereiten muss. Gerade hatte ich schon befürchtet, du wärst ein Mitglied vom Küchenpersonal und würdest dich krankmelden.“

Gwen biss sich auf die Zunge und schnitt eine Grimasse. Es war keine gute Idee, ihre Mutter gleich mit der Wahrheit zu konfrontieren. Zu Hause dachte schließlich jeder, Gwen wäre mit ihrem neuen Leben äußerst erfolgreich. Sie mussten es glauben …

„Das heißt …“, setzte sie erneut an. „Ich meine damit, es arbeiten natürlich genügend Leute für mich, aber jeder von ihnen hat seine ganz eigene Begabung, auf die ich nur ungern verzichten möchte.“

Verlegen kreuzte sie ihre Finger. Denn in Wahrheit kämpfte Gwen darum, ihre Rechnungen bezahlen zu können. Und anstatt aus einem großen Personalpool schöpfen zu können, erledigte sie selbst die Arbeit von wenigstens drei Angestellten. Alles nur, um Geld zu sparen. Permanent fühlte sie sich erschöpft und überlastet, weshalb sie auch vergessen hatte, ihren Wecker zu stellen. Eigentlich hatte sie sich nur für zwanzig Minuten aufs Ohr legen wollen, war dann aber für beinahe eineinhalb Stunden fest eingeschlafen.

„Meine Güte, ich sollte längst im Restaurant sein!“, rief sie in ihr Telefon und suchte mit einer Hand hastig ihre Sachen zusammen.

Wie üblich glaubte ihre Mutter, auch auf dieses Problem die passende Antwort zu kennen. „Du redest doch immer von deinen zahlreichen Angestellten, Gwenno. Sollen die sich endlich mal das Geld verdienen, das du ihnen zahlst.“

„Zahlreiche Angestellte? Ja, richtig, natürlich. Es ist nur so, dass ich gern so viel wie möglich selbst erledige. Meine eigene Schuld, ich liebe eben meine Arbeit. Und ich habe mich noch nicht wirklich daran gewöhnt, alleinige Besitzerin des Restaurants zu sein. Manchmal wird das alles ein bisschen viel“, setzte sie ausweichend nach und klang dabei sogar für ihre eigenen Ohren nicht gerade überzeugend.

Enthielt der Tonfall ihrer Mutter etwa auch eine Spur Misstrauen? „Wir haben dir das ganze Geld nicht geliehen, damit du dich zugrunde wirtschaftest, Gwenno. Es sollte dir lediglich dabei helfen, Chefin vom Le Rossignol zu werden.“ Mrs. Williams wählte jedes ihrer Worte sorgfältig. „Und wir sind alle mächtig gespannt darauf, dich dort zu besuchen.“

Obwohl Gwens Herz spürbar eine Etage tiefer rutschte, brachte sie ein zustimmendes Lachen zustande. „Großartig! Ich kann es auch kaum abwarten, euch alle wiederzusehen. Es ist ja schon wieder Monate her.“

„Vier Monate, drei Wochen und fünf Tage, seit du es endlich geschafft hast, dieses Restaurant zu kaufen“, erwiderte Mrs. Williams stolz. „Dabei haben dein Vater und ich uns praktisch zu Tode gesorgt, nachdem du deine sichere Laufbahn bei uns im Laden aufgegeben hast, um deinem Traum nachzujagen.“

Mühsam kämpfte Gwen gegen die aufsteigenden Tränen. Der Gedanke daran, dass ihre Familie herausfinden könnte, was es mit Gwens angeblichem Erfolgsleben in Malotte wirklich auf sich hatte, war unerträglich. Natürlich wollte sie um jeden Preis ihre Pläne umsetzen, aber die Zeiten waren hart. Jede einzelne Reservierung musste mit äußerster Sorgfalt bearbeitet werden. Leider auch die heutige – für eine fürchterlich anstrengende Gräfin. Diese grauenhafte Frau wollte lediglich bei ihrem Stiefsohn Eindruck schinden und scherte sich nicht um Gwens Anstrengungen oder ihr Restaurant, sondern ausschließlich um ihr eigenes Auftreten am Abend.

Gwen hoffte nur, dass der Mann, um den sich alles drehen sollte, ein angenehmerer Mensch war.

Etienne Moreaus Tag verlief nach Plan. Einem Uhrwerk gleich waren geschäftliche und auch private Termine durchorganisiert, und genau so gefiel es ihm. Obwohl er es lästig fand, ständig Einladungen zu Benefizveranstaltungen und Galas zu bekommen.

Die meisten Leute waren Abstauber, mit denen man kein einziges sinnvolles Gespräch führen konnte. Etienne war regelmäßig auf der Flucht vor Geldjägern: anhängliche Frauen oder auch Jungspunde mit dubiosen Projekten, die einen Finanzier suchten.

Die reichsten Männer des Landes baten ihn in den Aufsichtsrat ihrer Unternehmen, nur um die Aktionäre mit seinem Titel zu beeindrucken. Aber Etienne hatte von seinem verstorbenen Vater gelernt, was harte Arbeit bedeutete, auch wenn er bereits reich auf die Welt gekommen war.

Er seufzte. In exakt neunzig Minuten würde ein Angestellter auf ihn zukommen, während er selbst die Stufen seines Châteaus hinabschritt.

Man würde ihm eine frische Blume am Revers befestigen und ihm die Haustür öffnen. Genauso war es früher auch immer bei seinem Vater gewesen, und vermutlich auch bei den vorangegangenen Generationen. Etienne tat seinem treuen Personal den Gefallen, alte Traditionen aufrechtzuerhalten. Vor einiger Zeit hatte er sich sogar vorgestellt – mit klopfendem Herzen –, wie sein eigener Sohn einmal in diese Fußstapfen trat …

Aber das war, bevor Etienne die Abgründe der menschlichen Natur hatte kennenlernen dürfen. Jetzt konzentrierte er sich ausschließlich auf seine Arbeit, und diese Besessenheit führte zu immensen wirtschaftlichen Erfolgen. Für einen Mann, der eigentlich nichts mehr beweisen musste, erlangte Etienne außergewöhnlich viel Ruhm und Ehre. Eine Schande, dass ihn selbst dieser Weg allmählich langweilte.

Er musste dringend eine neue Herausforderung finden. Seine Erziehung war darauf ausgerichtet gewesen, ihn auf die Rolle als Graf von Malotte vorzubereiten. Doch mittlerweile hatte er sich noch darüber hinaus entwickelt. Der Adelsstand allein gab ihm zu viel Raum für finstere Gedanken, Etienne dürstete nach Ablenkung. Vielleicht wartete ja heute Abend eine Überraschung auf ihn?

In Windeseile duschte Gwen und zog sich an. Unfähig, sich dem Stapel ungeöffneter Briefe zu widmen, stopfte sie die Umschläge in eine Schublade. In letzter Zeit enthielten sie ohnehin nur schlechte Nachrichten. Ihr neues Leben hielt ein paar sehr, sehr harte Prüfungen für sie bereit. Trotzdem wollte Gwen nicht einfach aufgeben.

Hastig suchte sie sich ein Kleid aus dem Schrank, das sie später tragen konnte, wenn die Gäste mit der Chefköchin des Hauses Small Talk halten wollten. Dieser Teil ihrer Arbeit gefiel Gwen am wenigsten, aber er entpuppte sich als äußerst wichtig, um neue Kunden und Aufträge zu akquirieren.

Schon immer hatte Gwen davon geträumt, Chefin eines erstklassigen Restaurants zu werden. In Rekordzeit hatte sie es geschafft, eine Partnerschaft mit ihrer besten Freundin von der Cateringschule aufzubauen: Carys sorgte für Glamour und den nötigen Geschäftssinn, Gwen kochte mit gesenktem Kopf. Ihr System funktionierte perfekt, bis die romantischen Abenteuer von Gwens Partnerin das Geschäft ins Chaos gestürzt hatten. Carys verschwand und ließ Gwen mit einem Haufen Ärger am Hals zurück.

Da sie keinen neuen Kompagnon fand, stand Gwen vor einer schweren Entscheidung. Sie konnte verkaufen und einfach nach Hause fahren. Das würde allerdings bedeuten, ihre Eltern hätten recht damit gehabt, die Le Rossignol-Affäre – wie sie den beruflichen Traum ihrer Tochter abfällig nannten – als riesengroßen Fehler zu bezeichnen.

Oder aber Gwen verschuldete sich bis unters Dach, um ihr neues Leben allein zum Laufen zu bringen. Im Gegensatz zu einer gesicherten Zukunft im Laden ihrer Eltern bedeutete das einen Weg in die Ungewissheit – aber auch in die Unabhängigkeit, und das war für Gwen entscheidend. Sie wollte sich nicht auf andere Menschen verlassen müssen.

Also blieb ihr im Grunde keine Wahl. In vielen schlaflosen Nächten hatte sie versucht, sich diese verrückte Idee aus dem Kopf zu schlagen, doch am Ende hatte ihr Traum gewonnen. Sie kaufte das Restaurant auf, und ihre Familie war der Ansicht, sie würde gutes Geld zum Fenster hinauswerfen.

Inzwischen beschlich Gwen das ungute Gefühl, wie recht sie damit vielleicht behalten sollten. Aber natürlich hätte sie das niemals zugegeben, nicht in einer Million Jahren. Außerdem wollte sie irgendwann das befriedigende Gefühl haben, es ganz allein schaffen zu können. Dafür lohnte sich auch die härteste Arbeit.

Allerdings verspürte sie in diesem fremden Land manchmal den Wunsch, sich an einer starken Schulter ausweinen zu können. Ein stressiger Tag jagte den nächsten, und die Zeit flog nur so dahin. Gwen seufzte. Die größte Freude bereitete ihr das Kochen von aufwendigen Gerichten, aber mittlerweile verbrachte sie mehr Zeit mit den Menschen, die diese Gerichte aßen.

Wenige Minuten später im Auto stellte sie fest, dass die Tankanzeige sich bereits weit im roten Bereich bewegte. Oh, bitte nicht ausgerechnet heute! Sie hatte doch getankt. War der Wagen etwa kaputt? Wenigstens ging es auf dem Weg zu ihrem Restaurant meistens bergab. Mit etwas Glück würde sie es pünktlich schaffen …

Fünf Stunden später zwängte Gwen sich in ihr elegantes Kleid. Es war die einzige Abendgarderobe, die sie besaß – perfekt für diesen aristokratischen Anlass. Mitternachtsblauer Samt schmiegte sich eng an ihre schönen Kurven und verlieh Gwen etwas Prinzessinnenhaftes.

Die blonden Haare lockten sich weich um ihre Schultern, und dieser farbliche Kontrast hatte eine äußerst attraktive Wirkung, aber dafür hatte Gwen keinen Blick. Sie sah nur ein schlichtes Mädchen aus den Waliser Tälern, das sich auf recht plumpe Weise für ein Parkett zurechtgemacht hatte, auf dem es sich nicht zu bewegen wusste.

Hoffentlich reichte es für die versnobte Gräfin, der sie heute zu Diensten sein musste.

Die Bar und die Lounge des Restaurants waren schnell gefüllt. Junge Frauen, die extra für diesen Abend engagiert worden waren, schwirrten mit Tabletts umher und reichten Getränke oder kleine Appetithäppchen. Gwen überflog unauffällig die Menge auf der Suche nach ihrer Kundin, der Gräfin.

Doch dann erregte etwas weitaus Interessanteres ihre Aufmerksamkeit. Ein Neuankömmling stand im Eingang, und seine bloße Präsenz fesselte Gwens Blick. Kühl musterte er die anwesenden Gäste im Raum, beinahe wie ein Oberfeldwebel, der die Reihen seiner Soldaten durchging. Ein wirklich imposanter Anblick! Der Fremde war größer als die meisten Männer, aber es war sein ganzes Erscheinungsbild, das ihn so einzigartig machte. Buchstäblich jeder drehte sich nach ihm um, als der mysteriöse Gast sich geschmeidig vorwärts bewegte.

Zu Gwens Überraschung steuerte er zielstrebig auf sie zu.

Bonsoir. Sie müssen Gwyneth Williams sein.“

Zur Begrüßung neigte er höflich den Kopf. Ihr fiel es schwer, ihre professionelle Miene beizubehalten, so nervös machte sie dieser unbekannte Mann.

Bonsoir, Monsieur“, entgegnete Gwen und lächelte. „Ja, ich bin die Küchenchefin hier und normalerweise hinter den Töpfen verborgen. Aber der heutige Abend ist eine Ausnahme.“

Seine dunklen Augen glitzerten. „Allerdings. Bis vor einem Moment wusste ich nicht, wie besonders.“ Der Charme schien ihm so natürlich zu sein wie das Atmen. Er hob ihre ausgestreckte Hand an seine Lippen. „Mein Name ist Etienne Moreau. Ich besuche dieses Restaurant häufiger. Schade, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind.“

Gwen war hingerissen, sie konnte gar nicht anders. Trotz der vielen Menschen um sie herum gab dieser Mann ihr das Gefühl, allein mit ihm auf der Welt zu sein. Was für eine willkommene Abwechslung nach all den Wochen voller Mühe und Sorgen.

„Vielen Dank. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Mr. Moreau?“

Gewandt glitt sie hinter die Bar und war froh, sich für einen Augenblick beschäftigen zu können. Schließlich durfte man seine Gäste nicht einfach nur fassungslos anstarren! Und Gräfin Sophie, die diesen Empfang gab, hatte Gwen obendrein geraten, einen großen Bogen um ihren geschätzten Stiefsohn zu machen. Vermutlich war die ältere Dame von ihrem Beschützerinstinkt getrieben. Kein Wunder, bei so einem gut aussehenden, charmanten Exemplar!

Aber niemand würde etwas dagegen haben, wenn Gwen ihren Gastgeberpflichten nachkam, oder? „Was darf es sein?“, erkundigte sie sich und spürte, wie Etienne sie intensiv betrachtete. Seine warmen, braunen Augen schmeichelten ihrem Körper und ihrer Seele gleichermaßen. Gwens Welt stand für einen Moment still.

„Am liebsten etwas, das Sie mir unmöglich in einer bevölkerten Bar anbieten könnten“, raunte er, und sein leichter französischer Akzent entschuldigte jede Anzüglichkeit.

Sie erwiderte sein herausforderndes Lächeln, hielt sich jedoch an einen professionellen Tonfall. „Ich meinte, was möchten Sie trinken, Monsieur? Le Rossignol verfügt über eine außerordentlich große Auswahl an guten Weinen und Spirituosen.“

Doch Etienne bat nur höflich um einen Kaffee und wandte sich dann den Gästen zu, die neben ihm an der Bar standen und auf ein Gespräch mit ihm drängten. Dabei wanderte sein Blick immer wieder zurück zu Gwen, die sich über diese ungewohnte Aufmerksamkeit unendlich freute.

Als sie Etienne seine Tasse reichte, betrachtete dieser unauffällig ihre Hände.

Merci, Mademoiselle. Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?“

„Tut mir leid, Monsieur, aber ich muss arbeiten.“

Beim Lächeln entblößte er perfekte weiße Zähne. „Das bedeutet wohl, Sophie hat Sie bereits instruiert und gedroht, Sie mit einem Fluch zu belegen, sollten Sie zu viel meiner Zeit in Anspruch nehmen?“

Ihr überraschter Blick verriet Gwen. Aber seine Worte taten so gut, und sie hätte in diesem Augenblick vor Etienne buchstäblich zerschmelzen können. Himmel, sie musste sich unbedingt zusammennehmen!

„Ganz und gar nicht, Monsieur. Aber ich bin im Dienst. Und mich mit nur einem Gast zu beschäftigen, so charmant er auch sein mag, wäre höchst unprofessionell“, erwiderte sie leichthin, obwohl ihr jedes einzelne Wort schwerfiel. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden? Ich muss mich unter die Leute mischen.“

Gedankenverloren sah er ihr nach und nippte dabei an seinem Kaffee.

„Du hast wohl nicht lange gebraucht, um über Angela hinwegzukommen, was, Etienne?“, bemerkte sein Gesprächspartner von der Seite.

Etienne zog die Oberlippe hoch. „Sentimentalitäten sind etwas für Frauen oder Kinder. Ich verschwende meine Zeit nicht damit.“ Dann zuckte er mit den Schultern und schob seine Tasse von sich. „Entschuldige mich bitte. Ich muss noch ein paar Worte mit der Gräfin Sophie wechseln.“

Er wünschte, man könnte die Vergangenheit abhaken, ohne dass diese einen Einfluss auf die Gegenwart hatte. Bei den meisten Menschen fiel es Etienne leicht, sie zu ignorieren. Es war einfach, sich auf der Oberfläche des Lebens von einer Ablenkung zur nächsten zu bewegen, ohne lange darüber nachzudenken.

Um seinen düsteren Gedanken Einhalt zu gebieten, behob Etienne lieber das Elend anderer Leute. Wenn es in seiner Macht stand, half er ihnen, und das verschaffte ihm ein Gefühl von Zufriedenheit. Allerdings konnte es seine innere Unruhe nicht stillen.

Seit Jahrhunderten waren die Männer der Moreau-Familie Krieger gewesen. Etienne dagegen war mit einem außergewöhnlichen Intellekt gesegnet und fand es wesentlich leichter, sich mit Bilanzen und Bankdaten zu beschäftigen als mit Menschen. Zahlen logen wenigstens nicht.

Trotzdem fragte er sich, wie lange Miss Gwyneth Williams seinem Charme wohl widerstehen konnte.

Wie üblich wollte sich jeder mit Etienne unterhalten, und es dauerte eine Weile, bis er Gwen in der Menge wiederentdeckte. Sie stand bei seiner Stiefmutter, und er stellte zufrieden fest, dass sie ihn ebenso im Auge behielt wie er sie.

Allerdings schob Sophie Moreau Gwen von sich fort und zerrte ihre Nichte Emilie nach vorn, sobald sie ihren Stiefsohn erblickte. Etienne wechselte einen konspirativen Blick mit Gwen, deren Mundwinkel sich zu einem amüsierten Lächeln verzogen. Aber sie spielte die Unnahbare und verschwand so schnell sie konnte in der Küche.

„Hast du Ärger mit dem Personal, Sophie? Soll ich mir diese Frau einmal vorknöpfen und ein paar Takte mit ihr reden?“, wandte er sich mit Unschuldsmiene an seine Stiefmutter.

Die Gräfin runzelte verärgert die Stirn. „Ganz sicher nicht. Du bist nicht hier, um zu arbeiten, Etienne. Du sollst deiner Cousine Emilie sagen, wie du sie findest. Ist sie nicht groß geworden?“

An Sophie Moreau gab es nur zwei Vorteile: Etienne konnte in ihr lesen wie in einem Buch, und sie kam immer direkt auf den Punkt. Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete er das rundliche, hübsche Mädchen an ihrer Seite, das in pinkfarbene Seide gehüllt war. Er gab ihr einen formellen Handkuss und versteckte seine Verachtung hinter einem ausdruckslosen Lächeln.

„In der Tat, Emilie. Wie alt bist du inzwischen? Du musst doch mindestens sechzehn sein?“

„Achtzehn!“, zischte seine Stiefmutter empört. „Darum hast du doch auch zugestimmt, anlässlich ihrer Geburtstagsfeier nächsten Monat als Ehrengast zu erscheinen.“

„Ich würde niemals einen Stiefverwandten im Stich lassen.“ Er nickte Emilie großmütig zu.

Das Mädchen kicherte, und dabei blitzte seine Zahnspange im diskreten Licht des Restaurants auf.

„Emilie wird zum Ende des nächsten Schuljahrs vom Internat gehen. Es sei denn, dir fällt ein Grund ein, aus dem sie diesen schrecklichen Ort schon früher verlassen könnte, Etienne?“ Aufmerksam sah Sophie ihren Stiefsohn an, doch dieser täuschte Verständnislosigkeit vor und wartete. „Es sei denn …“, begann sie erneut, brach jedoch ab. „Ach, jetzt stell dich doch nicht so stur, Etienne! Du brauchst einen Sohn und Erben, um die Familienlinie fortzuführen. Einen Jungen, der all diese wunderbaren Häuser von dir erben wird.“

Mit einem scharfen Blick brachte Etienne seine Stiefmutter zum Schweigen. Sie zuckte zusammen, fing sich aber sogleich wieder.

„Es ist doch inzwischen schon zwei Jahre her, dass du dir die Finger an diesem Weib verbrannt hast. Du musst an die Zukunft denken, Etienne!“

„Wozu? Das tust du doch schon für uns beide, liebste Stiefmutter“, gab er sarkastisch zurück.

In der Küche des Le Rossignol verliefen die Vorbereitungen für das Dinner auf den Punkt zeitgenau. Alles war fertig, alles sah fantastisch aus. Gwen verlor den Überblick, wie viele Komplimente sie für ihre Angestellten, ihr Restaurant und ihre Küche bekam, während sie sich mit den Gästen unterhielt. Trotzdem lagen ihre Nerven blank. Da half es auch nicht gerade, dass die Kellnerinnen sich ständig über den neuesten Klatsch und Tratsch unterhielten, den sie beim Servieren der Drinks und Häppchen aufschnappten.

„Madame will sichergehen, dass sie weiterhin einen Anteil an Etiennes Vermögen behält, wenn er heiratet“, verriet eine von ihnen. „Darum versucht sie auch, ihn mit ihrer Nichte zu verkuppeln.“

„Ich habe dir schon einmal gesagt, du sollst nicht alles weitertratschen, was du aufschnappst“, ermahnte Gwen sie und entfernte vorsichtig einen Tropfen Champagner von einem der Gläser. „Es wäre schrecklich für ein junges Ding wie Emilie, wenn sie erfahren würde, was man über sie redet.“ Insgeheim verging sie allerdings fast vor Neid, wenn sie daran dachte, dass jemand sich mit diesem Traummann vermählte!

„Keine Sorge, Chefin! Man braucht doch nur zu lesen, was in den Zeitungen über Etienne Moreau geschrieben wird, um …“ Die Doppeltür zum Gastraum flog auf, und die junge Kellnerin Clemence sah, wie Sophie und ihre Nichte vor dem imposanten Comte zurückwichen. Auch Gwen sah es. „Sehen Sie? Er hat ihnen eine Abfuhr erteilt. Das ist Ihre Chance, Chefin. Graf Etienne ist millionenschwer! Er verbringt viel Zeit hier und gibt das beste Trinkgeld von allen. Seien Sie nett zu ihm!“ Vergnügt zwinkerte Clemence ihr zu.

Todesmutig bahnte Gwen sich kurz darauf mit einem Glas teurem Bordeaux bewaffnet einen Weg zu Etienne. Mit jedem Schritt in seine Richtung schien seine magnetische Anziehungskraft noch um ein Vielfaches zu wachsen. Dieses Phänomen machte Gwen Angst. Immerhin war er ein fremder Mann, und sie war eine hart arbeitende, bodenständige Frau, die auf eigenen Beinen stand und den Kopf nicht gerade in den Wolken trug. Wie konnte er ihr also auf den ersten Blick derart die Sinne rauben?

Jeder Nerv in ihrem Körper reagierte auf diesen aufregenden Mann. Dabei sollten brave Mädchen wie sie nicht solche körperlichen Gelüste entwickeln, ohne die betreffende Person überhaupt zu kennen. Brave Mädchen blieben zu Hause im Geschäft ihrer Eltern und posierten nicht in mitternachtsblauem Samt vor der französischen Aristokratie.

Ihre Eltern wären sprachlos vor Entsetzen, wenn sie Gwens Gedanken lesen könnten. Sie waren schon außer sich gewesen, als Gwens Bruder Glyn eine junge Frau aus Bristol geheiratet hatte und auf die andere Seite des Flusses gezogen war. Mrs. Williams’ Schwestern waren seit jeher der Meinung, Gwen habe ein ungewöhnlich wildes, verstecktes Temperament. Und allmählich fragte Gwen sich, ob ihre Tanten vielleicht recht hatten …

Etiennes Tag war im Grunde vorhersehbar gewesen, aber nun wurde er von Minute zu Minute besser. Zuerst hatte er seine Stiefmutter zurechtgewiesen, und nun näherte sich auch noch die reizende Gwyneth Williams mit einem vielversprechenden Rotweinglas auf dem Tablett.

Obwohl er häufig im Le Rossignol verkehrte, hatte er nie das Glück gehabt, ihr persönlich zu begegnen. Aber die Gerüchte, die er gehört hatte, stimmten. Sie war eine ungewöhnlich schöne Frau mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlung. Und ihr aufregend geschnittenes Abendkleid unterstrich ihren weiblichen Charme auf die schönste Art und Weise.

Er wollte die Hand nach ihr ausstrecken, sie berühren und …

Eigentlich hatte er sich geschworen, nach dem Desaster mit Angela die Finger von Frauen zu lassen. Aber wer könnte einer Offenbarung wie Gwyneth Williams widerstehen? Es war nicht zu übersehen, wie viele Blicke sie auf sich zog. Eine perfekte Figur mit aufregenden Kurven und azurblaue Augen, die einen elektrisierten. So etwas nannte man also sexuelle Chemie!

„Sie haben sich meinen Angestellten in der Vergangenheit gegenüber sehr großzügig gezeigt. Darf ich mich mit einem ausgesuchten Tropfen revanchieren? Mit Empfehlung des Hauses.“

Ihre Worte klangen wie Musik in seinen Ohren und übten einen verhängnisvollen Effekt auf ihn aus: eine Kettenreaktion, die sich durch seinen Körper fortsetzte, ohne dass er ihr Einhalt gebieten konnte. Alles an ihm war bereit für sie.

Gwen reichte Etienne das Weinglas. Dabei berührten sich ihre Finger für den Bruchteil einer Sekunde. Lange genug, um eine stumme Botschaft zu schicken, die beide wahrnahmen und verstanden. Dann rief jemand nach Gwen.

Sie schlängelte sich an einer Gruppe männlicher Gäste vorbei, und einer von ihnen sagte etwas zu ihr. Zwar konnte Etienne nicht verstehen, worum es ging, aber er sah, wie Gwen sich mit eisiger Miene auf dem Absatz umdrehte. Ihre blassen Wangen waren mit Farbe überzogen, und Etienne bewegte sich augenblicklich vorwärts. Auch wenn es den Anschein hatte, als könne sie mit der Situation umgehen, wollte er ihr zumindest Schützenhilfe geben.

Im Stillen zählte Gwen bis zehn und dachte an die unbezahlten Rechnungen, die zu Hause in der Schublade auf sie warteten. Irgendwie musste sie sich mit diesen grauenvollen Leuten arrangieren. Mund-zu-Mund-Propaganda war unumgänglich, wenn man in diesem Geschäft überleben wollte.

„Was für eine Verschwendung, dich in der Küche zu verstecken“, posaunte der aufdringliche Gast mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Sieht aus, als hättest du wesentlich mehr zu bieten. Wie wäre es?“ Mit einer schnellen Handbewegung steckte er ihr einen Fünfhundert-Euro-Schein in den Ausschnitt.

Nur aus Rücksicht auf die anderen Gäste behielt Gwen ihr kaltes Lächeln bei, während sie die Geldnote entfernte und auf den Boden fallen ließ.

„Es gibt noch viel mehr, wo das herkommt“, versprach der Mann herausfordernd.

„Das freut mich sehr für Sie, Monsieur“, antwortete Gwen würdevoll und wandte sich ab. Hoch erhobenen Hauptes verschwand sie in der sicheren Küche. Bei ihrem finsteren Anblick verstummten ihre Angestellten sofort.

„Bittet Eloise darum, die Gästeliste zu überprüfen“, verlangte sie tonlos. „Sie soll die Namen der Männer markieren, die neben dem Aquarium sitzen. In Zukunft sind wir vollständig ausgebucht, wenn einer von ihnen anrufen sollte, um eine Reservierung zu machen. Ich werde im Le Rossignol niemanden dulden, der sich derartig benimmt. Solche Leute brauchen wir nicht“, schloss sie mit mehr Überzeugung in der Stimme, als sie tatsächlich empfand.

Im Augenblick stand ihr Geschäft auf Messers Schneide, sodass sie sich eigentlich nicht erlauben konnte, jemanden abzuweisen. Sie durfte gerade ihre reichen Kunden nicht vergraulen. Alle kannten sich untereinander, und in diesen Kreisen verbreiteten sich unangenehme Neuigkeiten wie ein Lauffeuer. Und von Menschen wie Gwen wurde eben erwartet, dass sie demütig ihre Arbeit verrichteten und sich dabei einiges gefallen ließen. Es war unfair!

Gwen war erleichtert, dem gesellschaftlichen Trubel für eine Weile entfliehen und sich in das organisierte Chaos hinter den Kulissen stürzen zu können. Mit dieser Welt war sie vertraut, hier fühlte sie sich wohl und hatte alles unter Kontrolle. Draußen im Restaurant hingegen verlangte man von ihr, eher Zierde als von wirklichem Nutzen zu sein.

Etienne beobachtete Gwens Reaktion auf den Übergriff ihres Gastes genau, und es war offensichtlich, dass die Chefin des Le Rossignols sich durchzusetzen wusste. Im Kopf machte er sich eine Notiz über das unmögliche Verhalten des Mannes. Bei Gelegenheit würde er den Vorfall einigen seiner einflussreichen Freunde berichten, und er war schon jetzt sicher, dass diese vorlaute Runde in Zukunft nicht mehr zu bedeutenden Anlässen eingeladen werden würde.

Andererseits war es wohl kaum seine Angelegenheit, Gwyneth Williams’ Ehre zu verteidigen. Dass dieses kleine Drama im Restaurantraum ihm derart an die Nieren ging, störte ihn.

Vielleicht wollte er sich auch nur von dem unmöglichen Theater seiner Stiefmutter ablenken. Sophie gab überall mit ihrer Verwandtschaft zu Etienne an und pries ständig ihre Nichte als potenzielle Ehefrau an. Aber wenn er ehrlich war, lag sein Motiv, sich für Gwen zu interessieren, ganz woanders. Sie zog ihn in ihren Bann – so einfach war das.

Während sie arbeitete, behielt er sie stets im Auge, und er sah auf, als sie sich zwangsläufig den aufdringlichen Gästen von vorhin nähern musste. Ihr herzförmiges Gesicht blieb völlig starr, aber ihre innere Anspannung war nicht zu übersehen. Je näher sie der Gruppe kam, desto zögerlicher wurden ihre Schritte. Einer der Männer beugte sich vor, als wollte er ihr einen kräftigen Klaps auf den Po verabreichen.

Leicht erschrocken wich Gwen aus, aber bevor sie etwas sagen konnte, war Etienne an ihrer Seite.

„Lass sie in Ruhe“, befahl er kalt.

„Sagt wer?“, lallte der junge Mann und rappelte sich auf. Ganz offensichtlich hatte er schon einiges getrunken, bevor er zu diesem Empfang erschienen war. Mittlerweile war er in einem Stadium angekommen, in dem ihn seine guten Manieren verließen.

„Sage ich.“ Etiennes Stimme klang hart wie Stahl. Er hielt es nicht für nötig, sich mit seinem Adelstitel vorzustellen. Nicht bei einem unwichtigen Bürschchen wie diesem!

„Als wenn ich darauf etwas geben würde.“ Der Betrunkene schwankte leicht und schlug dann ohne Vorwarnung in Etiennes Richtung.

Um Etienne zu warnen, stieß Gwen einen Warnschrei aus, dabei hätte sie in diesem Moment nichts Falscheres tun können. Abgelenkt von ihrem Schrei, drehte Etienne sich zu ihr um, und die Faust seines Angreifers traf ihn seitlich am Kiefer.

Die Gespräche um sie herum verstummten augenblicklich. Mit einer einzigen, mühelosen Bewegung brachte Etienne den jungen Mann zu Boden und drehte ihm beide Arme auf den Rücken. Anschließend geleitete er den Betrunkenen vor die Tür, und alle Anwesenden starrten ihm hinterher.

Gwen wagte nicht, sich zu rühren. Wenn sie jetzt auch nur einen Schritt vorwärts machte, würde sie im nächsten Augenblick zur Tür stürzen, um zu sehen, was sich draußen abspielte. Und sie durfte diese unglückliche Szene nicht noch schlimmer machen, als sie ohnehin schon war.

Stattdessen wartete sie mit den übrigen Gästen mehrere unerträgliche Minuten lang ab, bis Etienne endlich wieder in ihrer aller Mitte erschien. Sein Atem ging schwer, und das Haar sah ziemlich zerwühlt aus, aber den spontanen Applaus der Anwesenden nahm er mit einem gelassenen Lächeln zur Kenntnis.

„Ihre Wange blutet“, bemerkte Gwen mit leiser Stimme und starrte auf das dunkelrote, schmale Rinnsal, das sich von der bronzefarbenen Haut absetzte.

„Kein Grund, so besorgt zu klingen, Mademoiselle“, murmelte er fast ungläubig, so als wäre es ihm fremd, dass jemand sich ernsthaft Sorgen um ihn machte.

Die merkwürdige Art, wie Etienne ihr antwortete, wunderte Gwen. Aber vermutlich wurden die meisten Menschen ihm gegenüber nicht allzu persönlich. Viele waren berechnend, genau wie seine Stiefmutter, und Gwen konnte nicht umhin, Mitleid für Etienne zu empfinden.

„Aber natürlich, Monsieur“, entgegnete sie darum im Brustton der Überzeugung. „Ich könnte in große Schwierigkeiten geraten, wenn einer meiner Gäste hier vor meinen Augen verblutet, während ich tatenlos dabei zusehe.“ Lächelnd zeigte sie auf den Hinterausgang des Restaurants. „Wenn Sie mir bitte in mein Büro folgen möchten?“

Ihr Herz klopfte ihr bei jedem einzelnen Wort bis in den Hals. Ein Wunder, dass Etienne es nicht hörte.

Er lachte. „Nichts könnte mir größeres Vergnügen bereiten, Mademoiselle.“ Damit schritt er langsam auf die Tür mit der Aufschrift G. Williams – Privat zu.

2. KAPITEL

Gwen überlegte fieberhaft, was sie nun tun sollte, da einhundertachtzig Pfund pure Männlichkeit ihr Büro ausfüllten. Der Anblick von Etienne, der in diesem Moment auf den kleinen Balkon hinausging, schüchterte sie ein. Seine breitschultrige Silhouette setzte sich gegen den Schein der untergehenden Sonne ab.

Mit wackligen Knien ging sie auf ihn zu. „Ich habe Ihren Wein mitgebracht, Monsieur. Und darf ich mich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie sich um den betrunkenen Gast gekümmert haben? Das war sehr ritterlich von Ihnen. Sie haben es nicht verdient, auch noch Blessuren davonzutragen.“

„Normalerweise wäre das auch gar nicht geschehen. Aber er hatte einen dieser Schlagringe dabei, die manche Halbstarke heutzutage tragen. Der hat den Schaden angerichtet.“

Dankbar nahm er ihr das Glas Bordeaux ab und blies seinen Atem in die warme Abendluft. Das Licht aus Gwens Büro traf auf seine schimmernde Haut und brachte den bronzenen Ton zum Leuchten. Gwen war wie hypnotisiert von diesem Anblick.

Merci“, sagte er leise.

„Was machen wir mit dieser Wunde, Monsieur?“

„Nichts, das wird schon wieder.“

Ganz automatisch berührte sie den kleinen Riss in der Haut und zog dann erschrocken ihre blutverschmierten Finger zurück. „Oh, entschuldigen Sie bitte!“

Ein selbstsicheres Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Aber nicht doch, Mademoiselle. Alles ist mir recht, was uns einander näherbringt.“

„Wie bitte?“ Plötzlich wirkte sie nicht mehr wie die souveräne Inhaberin des Restaurants, sondern wie eine verletzliche Frau, die gerade belästigt worden war.

Innerlich kochte Etienne vor Wut auf sich selbst, und er nahm sich vor, so vorsichtig und behutsam wie nur möglich zu sein. Sie verdiente es, das spürte er instinktiv – genauso deutlich, wie er sein eigenes Verlangen nach ihr spürte …

„Kann ich irgendetwas anderes für Sie tun, Monsieur?“, erkundigte sie sich vorsichtig, und ihre Augen drückten stumme Erwartung aus.

Darin las Etienne Fragen, die er nur zu gern beantwortet hätte. „Allerdings.“ Sein Körper übernahm die Kontrolle, und nur Sekunden später lag Gwen in seinen Armen. Sie sank regelrecht gegen ihn, während er seine Hände in ihren Haaren vergrub. Als seine Lippen sich auf ihren Mund legten, schob Gwen eine Hand in seinen Nacken, so als wollte sie sichergehen, dass er den Kuss nicht gleich wieder abbrach.

Noch nie hatte sie etwas Vergleichbares erlebt! Etienne Moreau überwältigte sie mit der Kraft eines Hurrikans. Jeder rationale Gedanke wurde unmöglich, als sie seine Zunge an ihrem Mund spürte. Gierig nach seiner Nähe stellte Gwen sich auf die Zehenspitzen und presste ihre Brüste fest gegen seinen Oberkörper. Es kümmerte sie nicht länger, ob es richtig oder falsch war, was sie gerade tat.

Plötzlich tönten schrille Polizeisirenen durch die Nacht. Etienne und Gwen fuhren erschrocken auseinander und sahen sich schweigend in die Augen. Etiennes Hand ruhte noch leicht auf ihrer Schulter, aber ansonsten waren die intime Umarmung, die wärmende Nähe und auch die aufgepeitschte Lust vorbei.

Ganz langsam kehrte Gwen wieder in die Realität zurück, nicht zuletzt dank des lauten Schepperns von zahlreichem Geschirr vor ihrer Bürotür. Das Abendessen wurde serviert, und sie ließ ausgerechnet in diesem sensiblen Moment ihre Angestellten im Stich. Stattdessen küsste sie einen ehrenwerten Gast, der ihrer Kundin besonders nahestand. Nicht zu vergessen, dass diese Gwen ausdrücklich näheren Umgang mit ihrem Stiefsohn verboten hatte!

Und bestimmt kannte Etienne auch ihren Vermieter Nick, der es ihr ermöglicht hatte, das Restaurant für einen Spottpreis zu kaufen. Auch wenn sie sich nun mächtig anstrengen musste, um die Kredite bei ihren Eltern und der Bank zurückzuzahlen. Nick war sehr großzügig gewesen. Aber er war auch der Besitzer ihrer kleinen Unterkunft in den Hügeln, und obendrein war Gwen auf die Gunst seiner einflussreichen und wohlhabenden Geschäftsfreunde als Kunden angewiesen. Es wäre fatal, wenn er erführe, wie unprofessionell sie sich gerade verhielt – oder wenn es durch Etienne selbst die Runde machte!

Konnte sie ihm trauen? Männer prahlten gern, das wusste Gwen noch von ihren Brüdern. Etiennes Gesichtsausdruck verriet nicht das Geringste. Er schien sich vollkommen von ihr zurückgezogen zu haben.

„Das war ein Fehler“, murmelte er leise. „Fehler passieren.“

Gwen wollte den Atem anhalten, doch es gelang ihr nicht, und die Luft entwich fast pfeifend wie aus einem beschädigten Luftballon. Eigentlich sollten seine Worte sie erleichtern, doch stattdessen hinterließen sie ein sehnsüchtiges, brennendes Loch in ihrem Inneren.

Sie wollte von diesem Mann begehrt werden, genauso heiß und wild, wie sie ihn begehrte. Ihre Wangen färbten sich dunkelrot. Wann war sie denn auf diesen verwegenen Gedanken gekommen? Etienne weckte Gefühle in ihr, die Gwen völlig unbekannt waren.

„Anspannung drückt sich auf viele verschiedene Arten aus“, erklärte er weiter, und an seinem Kiefer zuckte ein Muskel.

Mehr brauchte Gwen nicht zu wissen. Jetzt verstand sie, warum Clemence sie vor diesem Grafen gewarnt hatte. Er war die Sorte, die sich einfach nahm, was sie wollte, ohne im Gegenzug etwas anzubieten. Er würde sie nie als denkendes, fühlendes und menschliches Wesen betrachten, sondern höchstens als Trophäe, die es zu erobern galt. Vielleicht wollte er sich aber auch nur mit ihr ablenken. Macho!

„Ich habe schon vor langer Zeit herausgefunden, dass Geld und Manieren einander nicht bedingen, Monsieur“, entgegnete sie eisig. „Und ich bin selbst alles andere als stolz auf dieses kleine Intermezzo, das kann ich Ihnen versichern.“

Damit nahm sie sein Weinglas und wandte sich um zur Balkontür.

„Aber ich bin es“, ertönte hinter ihr seine tiefe, amüsierte Stimme. „Das liegt mir im Blut, chérie. Du bist unwiderstehlich, und ich bin schlicht deinem Charme verfallen.“

Sie stieß einen ungläubigen Laut aus, eilte aber nur aus einem Grund hastig fort: um ihre Schamesröte zu verbergen. Seine Worte würden für den Rest ihres Lebens wie ein Echo durch ihren Kopf schallen. Er fand sie unwiderstehlich? So ein umwerfendes Kompliment hatte sie noch nie bekommen. Sie wünschte, sie könnte ihm das glauben. Konnte sie?

Aber ihr blieb keine Zeit, um über diese Frage nachzudenken. Denn als Gwen ihr Büro verließ, stürmte bereits Gräfin Sophie mit giftgrün blitzenden Augen auf sie zu.

„Ich hoffe, Sie haben meinen Stiefsohn nicht noch mehr verärgert!“, rief sie drohend, und ihr stark geschminktes Gesicht war vor Wut verzerrt. „Er hat es nicht gern, sich mit Personal herumschlagen zu müssen.“

Wenn die wüsste, dachte Gwen. Gerade hatte ihr geschätzter Etienne jedenfalls keine derartigen Bedenken gehabt.

„Ich habe dem Grafen einen Wein serviert, ihm das Verbandszeug bereitgelegt und mich bei ihm für seine Hilfe bedankt. Das ist alles, Madame“, erklärte Gwen selbstbewusst.

Die stämmige, mit Juwelen behängte Gräfin sah abfällig an ihr hinunter. „Schön. Ich hoffe, derartige Vorfälle ereignen sich hier nicht zu häufig. Von einem teuren Etablissement wie diesem erwarte ich etwas mehr.“

Mit diesen Worten rauschte sie an Gwen vorbei, die am liebsten vor Wut in Tränen ausgebrochen wäre. Leider war sie dringend darauf angewiesen, dass die Gräfin ihre Rechnung ohne Reklamationen beglich. Gwen dachte an ein Zitat ihrer Mutter: Die Reichen haben das Vergnügen, den Armen bleibt die Mühe.

Wütend stapfte sie in die Küche, wo sie den Rest des Abends zu verbringen gedachte. Es sei denn, ihre Anwesenheit im Gastraum wäre unbedingt und dringend erforderlich. Was sie nicht hoffte!

Die letzten zwei Jahre hatte Etienne unter einer erdrückenden Wolke dunkler Erinnerungen verbracht. Sein rastloser Lebensstil zwischen Arbeit und Partys war die unweigerliche Folge seiner Depression, aber wahres, ehrliches Vergnügen hatte er trotzdem nicht erlebt. Bis zu dem Augenblick, als er sich einen verbotenen Kuss von Gwyneth Williams stahl.

Sie hatte etwas an sich, das ihn zum Lächeln brachte. Ihm entging nicht, dass sie sich für den Rest des Abends hauptsächlich in ihrer Küche versteckte. Und wann immer sie sich unter die Leute mischen musste, behielt sie Etienne scheinbar unauffällig im Auge und ging ihm konsequent aus dem Weg. Eine ungewöhnliche, interessante Frau und wunderschön obendrein.

Ihre Anwesenheit machte diesen Abend zu einem Erlebnis, und Etienne ertappte sich dabei, wie er Gwen bei jeder Gelegenheit beobachtete. So etwas hatte er schon sehr, sehr lange nicht mehr getan.

Nach einigen Stunden waren fast alle Gäste nach Hause gefahren, und Gwen hatte immer noch alle Hände voll damit zu tun, ihr Personal vom Tratschen abzuhalten. Dabei bekam sie natürlich mit, worüber allgemein geredet wurde. Anscheinend waren die hartnäckigen Nachtschwärmer noch zu einem exklusiven Casino weitergezogen.

Wie üblich war Gwen die Letzte, die das Restaurant verließ und hinter sich abschloss. Als sie endlich im Auto saß und den Zündschlüssel drehte, geschah nichts. Mit Entsetzen dachte sie an ihre leere Tankanzeige und legte die Stirn erschöpft auf das Lenkrad. Oh, nein!

Hartnäckig versuchte sie es noch einmal, und plötzlich sprang der Motor ihres alten Citroëns hustend an. Eilig legte Gwen den Gang ein und hoffte auf das Beste. Aber auf der Bergstraße zu ihrem kleinen, gemieteten Cottage gab der Motor auf, und ihr blieb nichts anderes übrig, als den Wagen am Straßenrand stehen zu lassen.

Obwohl ihre Füße höllisch schmerzten, versuchte Gwen, diesem spontanen Spaziergang etwas Schönes abzugewinnen. Über ihr funkelten unzählige Sterne am Himmel, und Nachtigallen sorgten für eine ungewöhnlich romantische Akustik. Ihre Gedanken schweiften ab – zu dem verwegenen Kuss auf dem Balkon ihres Büros.

Darum hörte sie den schnellen Sportwagen gar nicht heranbrausen, der mit quietschenden Reifen neben ihr zum Stehen kam. „Ah, c’est le chef anglais! Was machst du hier so allein in dunkler Nacht?“

Etienne Moreau. Gwen konnte es kaum glauben, und zu ihrer grenzenlosen Erleichterung war er allein. Ihn nach ihrem wunderbaren Kuss in Begleitung einer anderen Frau sehen zu müssen, hätte sie wirklich gestört.

„Ich bin auf dem Weg nach Hause, aber mein Auto ist liegen geblieben“, erklärte sie und hoffte, er würde nicht nach Details fragen. Dies war der Mann, der sie angeblich unwiderstehlich fand. Auf keinen Fall durfte er sie für ein Dummchen halten, das nicht in der Lage war, die Tankanzeige eines Fahrzeugs im Auge zu behalten.

„Der rote Citroën mit den vielen Parkkratzern und dem fehlenden Seitenspiegel, der einen halben Kilometer von hier am Straßenrand steht?“

Sie nickte kleinlaut.

„Steig ein, ich fahre dich!“

Plötzlich überkam sie Panik. Der Sportwagen hatte ein Vermögen gekostet, er lag ganz und gar außerhalb ihrer Liga, und der Fahrer … Es war eine Sache, von einem Traummann zu fantasieren, aber wenn diese Fantasie wahr zu werden drohte, konnte einem das schon Angst einjagen.

„Nein, nein, vielen Dank. Ich komme zurecht. Absolut. Ich bin ohnehin gleich da. Darum würde ich doch nicht …“

Sein Lächeln wurde breiter, je schneller sie sprach. „Unsinn. Steig ein! Wie könnte ich dich weiter in diesen Stilettos gehen lassen und mich selbst noch Gentleman schimpfen?“ Aus seinem Mund klang das fast logisch.

Er streckte den Kopf aus dem Fenster und betrachtete eingehend Gwens zierliche Füße, die in der Tat noch in ihren Abendschuhen steckten. Schließlich hatte sie geglaubt, bequem mit dem Auto nach Hause fahren zu können.

„Also, nimmst du meine Einladung an?“ Freundschaftlich und etwas komödiantisch streckte er ihr seine Hand entgegen. „Ich bin übrigens Etienne.“

Gegen ihren Willen musste Gwen lachen. „Na gut. Das ist wirklich sehr nett von … dir.“

Er nahm eine Magnumflasche Champagner von seinem Beifahrersitz und hielt sie hoch. „Du wirst eine wesentlich interessantere Begleiterin sein als die hier, ma chef anglais. Ich habe die Flasche bei einer Wohltätigkeitsversteigerung gewonnen. Vielleicht stifte ich sie woanders wieder als Preis?“ Gut gelaunt stieg er aus und hielt Gwen die Wagentür auf. Nachdem sie eingestiegen war, drückte er ihr lächelnd die Flasche in den Arm.

„Ich sollte vielleicht klarstellen, dass ich eigentlich keine Engländerin, sondern Waliserin bin“, verkündete Gwen, um überhaupt irgendetwas zu sagen.

„Das erklärt einiges“, gab er fröhlich zurück und schwang sich auf den Fahrersitz. „Bevor es losgeht, gib mir bitte deinen Autoschlüssel. Ich werde jemanden schicken, der den Citroën abholt.“

„Danke, das ist wirklich sehr nett“, murmelte sie leicht irritiert. „Und warum ist es eine vielsagende Tatsache, dass ich Waliserin bin?“

„Nun, diese rebellische Seite an dir. Und das energische Vorhaben, in diesen Schuhen nach Hause zu laufen, anstatt einfach jemanden anzurufen, der dir hilft.“ Er schüttelte belustigt den Kopf. „Wo wohnst du eigentlich?“

„In Nicks Cottage. Ihr kennt euch doch, oder?“

„Stimmt. Dann bist du die beste Freundin seiner Verlobten. Gwyneth, na klar!“

Sie erstarrte. „Ich war früher mit seiner Exverlobten befreundet. Und bitte nenn mich lieber Gwen!“

„Oh, du reagierst eindeutig wütend“, stellte er fest. „Was ist denn passiert?“

Einen Moment überlegte Gwen, wo sie beginnen sollte. Es war nicht ganz fair, Carys für all ihre Probleme verantwortlich zu machen. „Nun, sie hat Nick und auch unser gemeinsames Restaurant ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit sitzen lassen“, fasste sie den Skandal zusammen und sparte sich die Einzelheiten. „Das abrupte Ende unserer Partnerschaft hat mich ein Vermögen gekostet, und ich bin dermaßen erschöpft, dass ich kaum weiß, welcher Tag gerade ist.“ Sie holte tief Luft und wunderte sich darüber, wie selbstverständlich die Worte aus ihr herausgesprudelt waren.

Selbst im Dunkeln des Wageninneren sah sie, wie geschockt Etienne war.

„Irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass unsere Freundschaft ähnlich verlässlich wie ein Eheversprechen ist“, erklärte sie ungefragt weiter.

„Und darüber hinaus würdest du deine beste Freundin lieber in einer Ehe mit einem reichen Mann sehen, als dass sie ihrem Herzen folgt und frei ist?“

„Mir wäre es am liebsten, wenn alles wie früher ist“, gab sie zu. „Carys als meine Geschäftspartnerin. Außerdem wusste sie in Bezug auf Nick, worauf sie sich einließ. Warum musste sie so Hals über Kopf verschwinden? Sie hat mich mit dem ganzen Schlamassel sitzen lassen.“ Gwen seufzte und bemerkte, wie Etienne das Lenkrad etwas fester umklammerte.

„Nick hat mich damals gebeten, sein Trauzeuge zu sein.“

„Wirklich? Ich habe dich auf der Feier gar nicht gesehen.“ Zwar hatte Gwen für den Tag mit ihrer Cateringcrew einen perfekten Hochzeitsempfang organisiert, zusätzlich zu ihrer Aufgabe als Brautjungfer, aber ein Mann von Etiennes Format wäre ihr niemals entgangen.

„Genau wie Carys habe ich im letzten Augenblick meine Pläne geändert. Die Beerdigung meines Vaters war an dem Tag.“

„Oh, das tut mir sehr leid“, sagte Gwen betroffen.

„Danke. Aber mein Vater, der vorherige Graf, war fast neunzig Jahre alt. Er ist friedlich eingeschlafen.“

„Trotzdem muss es schlimm für dich gewesen sein.“ Sie schwieg und wünschte sich plötzlich, ihre eigene Familie wäre nicht ganz so weit weg.

„Und?“, hakte er nach.

Verwundert über seinen gereizten Unterton sah sie ihn von der Seite an.

„Dies ist der Zeitpunkt, wo du fragen musst, was er mir hinterlassen hat“, erklärte er ungeduldig.

„Wie bitte? Ich? Warum denn?“ Völlig verwirrt suchte sie im Fußraum nach ihrer Handtasche, da Etienne in die Auffahrt zu ihrem kleinen Häuschen einbog.

„Weil das alle alleinstehenden Frauen tun, denen ich begegne.“

Es dauerte ein wenig, bis die Bedeutung seiner kalten, harten Worte bei Gwen ankam. Die Resignation in seiner Stimme war erschreckend ernst. Dabei war er in der privilegierten Lage, praktisch alles zu besitzen: gutes Aussehen, Geld, einen Titel, Stilempfinden und jede Menge Annehmlichkeiten, die solche Voraussetzungen mit sich brachten.

„Oh, je! Beinahe hätte ich Mitleid mit dir bekommen.“ Sie rang sich ein gekünsteltes Lachen ab. „Dabei wollte ich dich noch auf einen Kaffee zu mir reinbitten, um mich für deine Hilfe zu bedanken. Aber das macht dein Fanclub wohl auch dauernd, was?“

Zu ihrer Überraschung lachte Etienne. „Das tut er tatsächlich. Und bis heute Abend habe ich immer abgelehnt. Aber für einen Abend lasse ich mich gern von einem professionell zubereiteten café noisette verführen.“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu, und Gwen schluckte mit trockenem Hals.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihn ins Haus einzuladen? Das war doch eigentlich nur als Spaß gedacht …

„Ich will mich wirklich nur bei dir bedanken“, erklärte sie stockend. „Und zwar für alles, was du heute für mich getan hast. Nicht nur die Sache mit dem angetrunkenen Gast, sondern auch für den Umweg hier zum Cottage. Bei zwei Rettungsaktionen in wenigen Stunden ist ein Kaffee doch wohl das Mindeste.“

„Und für mich ist es das Mindeste, deine Einladung dankend anzunehmen“, entgegnete er übertrieben gestelzt und lächelte sie dann amüsiert an.

Etienne Moreau brachte Gwens Herz fast zum Stehen, wenn er sie nur ansah. Als sie vorhin das Restaurant hinter sich abgeschlossen hatte, war sie davon ausgegangen, ihn nie wiederzusehen. Und nun schloss sie ihre Tür auf und bat ihn in ihre Wohnräume. Es war kaum zu glauben!

Mit zitternden Händen drückte sie den Lichtschalter – nichts passierte. Merkwürdig, vermutlich war die Glühbirne im Eingangsbereich kaputt. Doch auch der nächste Schalter funktionierte nicht. Mit Schrecken fiel Gwen ein, wo das Problem lag. Die Rechnung des Elektrizitätswerks! Wie lange hatte sie die eigentlich schon vor sich hergeschoben? Offensichtlich zu lange. Wo war die letzte Mahnung gleich noch?

Neben ihr machte Etienne ein mitfühlendes Geräusch. „Kein Strom. Das bedeutet dann wohl kalter Champagner anstelle von heißem Kaffee?“ Er zuckte die Schultern. „Damit kann ich leben.“

„Nein, entschuldige. Aber ich kann dich unmöglich zu mir einladen, wenn ich keinen Strom habe.“ Hilflos blinzelte sie in die Dunkelheit und ärgerte sich maßlos darüber, dass die kostbare Zeit mit Etienne nun durch ihre eigene Schuld ein jähes Ende fand. „Ich bin so blöd! Zuerst das mit dem Auto, und nun das!“ Sie wandte sich zur Tür. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dir nichts anbieten kann.“

Doch er rührte sich nicht vom Fleck. „Das lass mich mal allein beurteilen, Gwen“, beruhigte er sie. „Warum fahren wir nicht zu mir und sprechen bei einem Gläschen Champagner darüber?“

War das Schicksal ausnahmsweise einmal gnädig mit ihr und gab ihr eine zweite Chance? Gwen hätte vor Freude in die Luft springen können. Aber durfte sie eine so intime Verabredung eingehen? Völlig unbeeindruckt von ihrem Zögern schob Etienne sie bereits sanft zur Tür.

„Oh, Etienne, ich weiß nicht so recht. Vielleicht sollen wir uns einfach verabschieden und es gut sein lassen.“ Sie blieb stehen, und ihre Stimme klang selbst für ihre eigenen Ohren maßlos enttäuscht. „Entschuldige, aber ich muss morgen ziemlich früh aufstehen. Es wird ein weiterer anstrengender Tag für mich, und da muss ich in Topform sein.“

Er ließ ihre Hand los, und seine Worte klangen, als wären sie an ihn selbst gerichtet. „Da stolpere ich doch tatsächlich über eine Frau, die lieber früh ins Bett geht, als mit mir einen Kaffee zu trinken?“ Offenbar war ihm das noch nie passiert.

„Die Entscheidung fällt mir nicht leicht. Aber keine Sorge. Dein Ruf als Frauenschwarm bleibt völlig intakt. Nichts hätte mich an einem späten Kaffee mit dir hindern können – außer einer Lieferung für das Le Rossignol um sieben Uhr morgens.“

Sein spitzbübisches Lächeln fand Gwen einfach hinreißend, und sie spürte einen warmen Schauer, als er wieder nach ihrer Hand griff.

„Ich werde jemanden beauftragen, die Lieferung anzunehmen und zu verstauen. Du musst doch wohl zugeben, dass ein guter Kaffee und ein nettes Gespräch diesen Abend perfekt abrunden würden.“ Er beugte sich vor und flüsterte in ihr Ohr. „Nur wenige Menschen würden mich abweisen.“

Oh, er war hervorragend mit seiner Verführungsmasche! Er wusste ganz genau, was er tat, und wie er es tun musste. Gwen war hin- und hergerissen. Was wäre denn so schlecht daran, nur eine Nacht lang ein bisschen unvernünftig und verantwortungslos zu sein?

Ihr Zweifeln sprach Bände, und Etienne zog sie siegessicher hinter sich her nach draußen. Lachend folgte Gwen ihm, schloss ihr Cottage ab und ließ sich auf dieses Abenteuer ein.

Warum auch nicht? dachte sie. Wenigstens ein einziges Mal. So eine Gelegenheit wird sich mir bestimmt nicht so bald wieder bieten. Und das Leben kann doch nicht nur aus Sorgen und Arbeit bestehen …

3. KAPITEL

Innerhalb weniger Sekunden war Gwen auf dem Beifahrersitz angeschnallt und atmete so schwer, dass Etienne es sofort bemerkte.

„Mache ich dich nervös, Gwen?“, erkundigte er sich und lenkte seinen Sportwagen die schmale Auffahrt entlang. Anschließend fuhren sie die Hügelstraße wieder hinunter.

Unbewusst legte Gwen sich eine Hand an die Brust. Sie spürte, wie ihr Herz gegen die Rippen hämmerte. „Nein! Nun, vielleicht ein bisschen. Es ist nicht gerade meine Gewohnheit, mit jemandem nach Hause zu gehen, den ich kaum kenne“, fügte sie ironisch hinzu. „Schließlich haben wir nur ein paar Worte miteinander gewechselt.“

„Wenn ich mich recht erinnere, haben wir etwas mehr gewechselt als nur ein paar Worte“, korrigierte er sie, und sein wunderbarer französischer Akzent verlieh diesen Worten etwas wahnsinnig Erotisches.

Hastig wandte Gwen ihren Kopf zur Seite und fragte sich, was sie jetzt darauf antworten sollte. Sie hatte keine Erfahrung mit neckischen Flirtversuchen, und Etiennes Nähe schüchterte sie zusätzlich ein. Sie spürte seine Blicke von der Seite und hielt erschrocken den Atem an, als sie durch ein hohes eisernes Tor fuhren.

„Ach, du meine Güte!“

Ihre Reaktion rührte ihn nicht. „Du hast dieses Portal nie zuvor gesehen?“, erkundigte er sich gelangweilt, meinte diese Frage aber offensichtlich nicht ernst.

„Das ist es nicht. Ich fahre jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit daran vorbei. Nur hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mal demjenigen begegne, der hier lebt. Oder sogar einen Blick hinter die Kulissen werfen darf. Das ist alles.“ Während sie neugierig in die Dunkelheit starrte, plapperte sie aufgeregt vor sich hin.

„Nicht vielen Leuten ist das vergönnt“, teilte Etienne ihr mit unmissverständlicher Entschlossenheit mit und passierte die Sicherheitskontrolle, ein besetztes Pförtnerhäuschen und eine Schranke. „Jeder Mensch braucht einen Rückzugsort, wo er vor den Blicken der Öffentlichkeit geschützt ist. Dort kann man einfach man selbst sein. Dieses Château gehört mir. Mein eigentliches Zuhause liegt allerdings an der Loire.“

Eine kleine, gewundene Straße führte zum Haupthaus hinauf. Das Château auf dem Hügel wirkte wie ein kleines Märchenschloss und sah vor dem von Sternen erleuchteten Nachthimmel wie in dunklen Samt gehüllt aus.

„Es ist atemberaubend schön“, wisperte Gwen voller Ehrfurcht, und Etienne parkte den Wagen an der Südseite des Gebäudes.

„Warte erst, bis du es bei Tageslicht siehst.“

Wenig später in der mit Marmor ausgelegten Eingangshalle nahm Etienne Gwen die Champagnerflasche ab.

„Die werde ich mal eben gegen eine etwas kleinere eintauschen, wenn du nichts dagegen hast? Fühl dich hier bitte ganz wie zu Hause, Gwen! Mein Personal hat inzwischen allerdings schon Feierabend“, entschuldigte er sich. „Ich verlange nicht von ihnen, sich an meine unorthodoxen Tageszeiten zu halten.“

Er verschwand im hinteren Teil des Hauses, während Gwen überwältigt den Kopf in den Nacken legte, sich um die eigene Achse drehte und die hohen, verzierten Decken bewunderte. Wie wunderbar, einen so ungewöhnlichen Ort sein Zuhause nennen zu dürfen. Er beherbergte mehr Kunst und Antiquitäten als so manches Museum.

Inmitten dieser luxuriösen und geschmackvollen Ausstattung fühlte sie sich plötzlich klein und unbedeutend. Am liebsten wäre sie Etienne nachgelaufen, um nicht allein zu sein. Außerdem wollte sie gern sehen, was er tat, wenn sie nicht bei ihm war.

Was für ein schräger Gedanke ist das denn bitte? fragte sie sich unwillkürlich. Ich bin es wirklich nicht gewohnt, einem Mann näherzukommen!

„Im Salon ist ein spätes Abendessen serviert“, verkündete Etienne bei seiner Rückkehr. „Den Champagner können wir später trinken.“

„Ist denn genug Essen für zwei da?“, erkundigte Gwen sich zaghaft und kam sich im gleichen Moment völlig idiotisch vor. Wenn sie doch nur nicht so nervös wäre!

„Nicht so schüchtern!“, beruhigte er sie und lachte. „Das Leben ist zum Leben da. Man muss sich nicht ständig vergewissern, dass man anderen dabei nicht auf die Füße tritt. Sonst macht man irgendwann gar keine Schritte mehr.“

Gwen ersparte es sich, seinen Worten eine tiefere Bedeutung beizumessen. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu fragen, was heute Abend noch alles auf sie zukommen würde. Schließlich bewegte sie sich auf vollkommen unbekanntem Terrain.

„Ich habe mich übrigens schon darum gekümmert, dass die Lieferung für dein Restaurant morgen früh in Empfang genommen wird. Es gibt also keinen Grund zur Sorge, du kannst dich entspannen. Außerdem ist es noch gar nicht so spät.“

„Für dich vielleicht nicht“, erwiderte Gwen unsicher. „Aber ich glaube langsam, wir machen hier gerade einen weiteren schweren Fehler. Ich hätte nicht mit dir kommen sollen …“

„Jetzt warte mal! Meinst du, ich lasse dich in dein Haus zurück, ohne Auto und Strom?“ Sein sanfter Ton flößte ihr Vertrauen ein. „Du kannst da doch nicht im Dunkeln sitzen, Gwen. Und hier geschieht heute nichts, was du nicht auch möchtest. Versprochen!“

Die Verlockung war groß. Nach etlichen Monaten harter Arbeit ohne jegliches Freizeitvergnügen verspürte Gwen den Wunsch, einmal über die Stränge zu schlagen. Immerhin war sie in Frankreich, um ihre Träume zu leben! Da war ein kleines Abenteuer doch wohl erlaubt?

Und wenn sie Etienne betrachtete, der mitten in seinem imposanten Château stand und hemmungslos mit ihr flirtete, konnte Gwen ihrem Schicksal eigentlich nur danken.

Also ließ sie sich von ihm in den kleinen Salon führen, in dem ein gedeckter Esstisch stand. Er schenkte ihnen beiden Kaffee ein und rückte ihr einen Stuhl zurecht. Dankbar nahm Gwen die Tasse an und sah prüfend hinein.

„Der scheint ziemlich stark zu sein. Ich werde danach niemals schlafen können“, bemerkte sie.

Sein Lächeln hatte etwas Teuflisches. „Gut.“

Mit einer Hand strich er ihren Arm hinauf, und sie machte den Fehler, ihm dabei in die Augen zu sehen. Damit war es um sie geschehen. Mehr brauchte es nicht, um alle Bedenken über Bord zu werfen. Die rebellische Seite in ihr erwachte, und das fühlte sich wundervoll an.

„Mir ist nicht ganz klar, was du von mir willst, Etienne.“

„Bleib heute Nacht bei mir!“ Seine Stimme klang überraschend heiser. „Ich habe mich schon seit langer Zeit nicht mehr so gefühlt wie bei dir. Viel zu lange.“

Gwens Kehle war staubtrocken. Etienne Moreau musste ein sehr glücklicher Mann sein, denn sie selbst hatte sich noch nie in ihrem ganzen Leben so gefühlt wie heute. Die kleine, warnende Stimme in ihrem Kopf wurde von ihrem ohrenbetäubenden Puls übertönt.

Der Mann aus ihren kühnsten Fantasien hatte zuerst ihren Geist in Besitz genommen, und nun wirkte seine Magie auch zunehmend auf ihren Körper. Gwen fühlte sich so stark von Etienne angezogen, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann sie nackt mit ihm im Bett liegen würde.

Offenbar hatte Etienne ihre Gedanken erraten. „Willst du den Kaffee überhaupt noch trinken?“ Er lachte leise und drückte seine Lippen leicht auf ihr Haar.

Gwen stand von ihrem Stuhl auf und drehte sich zu Etienne um. Er stand so dicht vor ihr, dass sie ihre Hände mühelos in sein nachtschwarzes Haar schieben konnte. „Ich will da weitermachen, wo wir aufgehört haben“, gab sie unumwunden zu.

Sein Kuss überraschte sie nicht, und trotzdem löste er eine wohlige Schockwelle in ihrem Körper aus. Und je mehr sie auf Etienne reagierte, desto stärker wuchs ihr gegenseitiges Verlangen nacheinander.

„Ich will dich“, murmelte er. „Bleib heute Nacht hier bei mir!“

Ein Restzweifel blieb. Ihr Leben lang hatte Gwen vernünftig und überlegt gehandelt, die heutige Nacht sollte eine rühmliche Ausnahme bleiben. War sie mutig genug, über ihren Schatten zu springen – ins kalte Wasser, ins echte Leben? Natürlich hatte sie schon einen festen Freund gehabt, aber noch nie war sie so sehr in Versuchung geführt worden. Wie könnte sie einen Traummann wie Etienne abweisen?

„Aber ich bedeute dir doch gar nichts“, begann sie leise, aber sein Finger an ihren Lippen brachte sie zum Schweigen.

„Heute Nacht sind wir beide alles füreinander“, versprach er sanft. „An morgen wollen wir nicht denken …“

Es zählte nur, dass er sie begehrte. Schon längst dachte Gwen nicht mehr daran, was sie nach diesem aufregenden Erlebnis erwartete. Hier und jetzt war sie der Mittelpunkt von Etiennes Welt, und dieses Gefühl konnte sie nur als einzigartig und unbezahlbar beschreiben.

„Ja“, seufzte sie und schlang die Arme um seine breiten Schultern.

Ihre Küsse wurden schnell intensiver und forscher. Inzwischen spürte Gwen deutlich, wie erregt Etienne war. Es gab ihr ein Gefühl von Bestätigung und Stolz, diese Wirkung auf ihn zu haben. Vollkommen selbstverständlich ließ sie sich von ihm hinauf in sein Schlafzimmer tragen.

„Danach habe ich mich schon den ganzen Abend gesehnt“, gestand Etienne, als er sie auf das Bett legte und ihr ganz langsam das Abendkleid abstreifte. Dabei berührte er so oft wie möglich mit der flachen Hand ihre weiche Haut, streichelte sie, kniff sie behutsam und nahm sich viel Zeit, Gwen auszuziehen. „Dein Körper ist so schön, chérie.“

„Findest du?“, hauchte sie und wurde allmählich ungeduldig. Die aufsteigende Lust drängte sie dazu, nicht länger tatenlos dazuliegen, sondern ihrerseits Etienne von seiner Kleidung zu befreien.

Er nickte. „Du bist genau, was ich brauche. Als sich unsere Blicke zum ersten Mal trafen, wusste ich, dass du meiner Existenz neues Leben einhauchen würdest.“

Mit einem vorwitzigen Ruck zog sie die gelöste Krawatte aus seinem Kragen. „Ich hoffe, ich bin nicht zu wild“, sagte sie keck und schob ihre Hand in sein halbgeöffnetes Hemd.

Dann zuckte sie heftig zusammen, da auch Etienne beschlossen hatte, etwas forscher und wilder zu werden. Gwen stöhnte auf, als die heiße Leidenschaft von ihr Besitz ergriff, die er mit seinen geschickten, sinnlichen Liebkosungen entfachte.

Ausgiebig verwöhnte er ihre vollen Brüste, nachdem er sie von dem BH befreit und das störende Dessous in eine Ecke seines Schlafzimmers geschleudert hatte. Er fuhr mit der Zunge über die dunklen Spitzen, bis Gwen erregt keuchte. Unter seinen Händen heizte sich ihre Haut regelrecht auf. Plötzlich stand Etienne auf und begann ebenfalls, sich zu entkleiden.

Er war gebaut wie ein Athlet. Gwen konnte sich an diesem prachtvollen Anblick gar nicht sattsehen. Dann glitt ihr Blick tiefer …

Ihm fiel auf, wie fasziniert sie seine Männlichkeit anstarrte. „Ich gehöre ganz dir“, verkündete Etienne mit einem leisen Lachen.

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Gwen richtete sich auf und fuhr mit beiden Händen seine kräftigen Oberschenkel hinauf bis hin zu dem Beweis seiner Erregung …

„Langsam, chérie! Nicht so eilig!“ Mit einem Griff zog er sie in seine Arme und ließ sich mit ihr zusammen in die weichen Kissen fallen, sodass Gwen auf ihm lag. Seine Finger erforschten auf zärtliche Weise die empfindlichste Stelle ihrer Weiblichkeit, bis Gwen es nicht länger aushielt. Ungeduldig versuchte sie sich so zu drehen, dass sie endlich zueinander finden konnten.

„Dich zu betrachten ist das Erotischste, was ich jemals erlebt habe“, flüsterte Etienne, bevor er tief in sie eindrang. Gwen hatte ihn an einen Punkt gebracht, an dem er nie zuvor gewesen war. Es fühlte sich an, als würde er durch ein Feuer schweben. Und jetzt löschte er seine Lust in ihrem erhitzten Leib und …

Ihr Aufschrei und ihre Fingernägel, die sich in seine Schultern gruben, wirkten wie ein Eimer kaltes Wasser auf ihn.

„Habe ich dir wehgetan?“ Erschrocken blickte er sie an.

„Nein, mir geht es gut“, sagte sie schnell. Und wirklich, der Schmerz war bereits vergessen, und die Sehnsucht nach Erfüllung kehrte zurück. „Bitte, hör nicht auf!“

Etienne runzelte die Stirn. „Bist du etwa noch Jungfrau?“

„Ich war es“, gab sie zu, ließ die Augen dabei aber geschlossen. Sie wollte den Moment der Leidenschaft nicht einfach vorüberziehen lassen.

„Warum hast du mir das nicht erzählt, mon amour?“

Darüber versuchte Gwen nachzudenken, aber sein anbetungswürdiger Körper lenkte sie zu sehr ab. „Dann hättest du mich vielleicht nicht mehr gewollt“, erklärte sie schließlich.

„Die Entscheidung hätte ich gern selbst getroffen, chérie.“ Er küsste sie fest auf den Mund, und als er noch kreisend seine Hüften bewegte, loderte das Feuer in Gwens Inneren erneut auf. Es dauerte nur wenige, aufregende Minuten, bis sich ihre sexuelle Kraft in einem atemberaubenden Höhepunkt entlud.

Etienne presste dabei ihre Hüften fest an sich und folgte ihr auf den Gipfel der Ekstase. Sie waren eins, wenigstens für diesen kostbaren Augenblick.

Mit einem Seufzer ließ Gwen sich befriedigt und erschöpft in seine Umarmung sinken. Noch nie hatte sie sich einem anderen Menschen so nahe gefühlt. Etienne hatte ihren Körper in Besitz genommen – auf einzigartig schöne Weise. Trotzdem spürte sie eine dunkle Wolke am Horizont aufsteigen.

Zuerst wagte sie es nicht, das einträchtige Schweigen zwischen ihnen zu brechen, aber durch ihren Kopf spukte immer wieder der Moment, als Etienne sich nach dem Kuss auf dem Balkon zurückgezogen hatte. So etwas wollte sie kein zweites Mal erleben.

„Ich sollte besser gehen“, murmelte sie. Angriff war schließlich immer noch die beste Verteidigung.

Doch sein Arm glitt blitzschnell um ihre Taille und zog sie fest an seinen warmen, kräftigen Körper. „Bleib bei mir! Bitte!“

Das Gesicht in Gwens duftenden Haaren vergraben, lächelte Etienne in sich hinein, während er in einen friedlichen Halbschlaf wegdämmerte. Diese Frau in seinen Armen war wirklich etwas ganz Besonderes. Vor allem war sie die erste, die jemals freiwillig sein Bett verlassen wollte. Normalerweise hatte Etienne seine liebe Mühe damit, One-Night-Stands wieder loszuwerden. Gwens Haltung dagegen war erfrischend, obwohl sie zugegebenermaßen etwas an seinem Ego kratzte.

Und es fühlte sich herrlich an, ihren kurvigen Körper eng an seinem zu spüren. Ein Mädchen wie Gwen Williams war genau das, was er gerade brauchte. Ständig versuchte seine Stiefmutter, ihn zu verkuppeln. Was sie wohl sagen würde, wenn sie von dieser Affäre erfuhr?

Etiennes Lächeln wurde breiter. Gwen brachte nicht gerade die richtigen Voraussetzungen für eine potenzielle Gräfin mit, aber das kümmerte ihn nicht. Er wollte sie als seine Geliebte, und es war seit Jahren das erste Mal, dass er seiner Libido freien Lauf ließ. Definitiv ein Fortschritt – hinaus aus dem dunklen Tal.

Die schöne Restaurantbesitzerin vereinte Sex Appeal und Unschuld in einer unwiderstehlichen Mischung. Sie stellte den perfekten Ausgleich zu seinen harten Arbeitstagen und zu seiner nervtötenden Stiefmutter und ihrer Horde geldgieriger Verwandten dar. Gwen wollte ihn, und er wollte sie im Gegenzug nach Strich und Faden verwöhnen.

Was ihn aber am meisten verwunderte, war die Tatsache, dass sie ihn nicht ein einziges Mal nach der Größe oder Anzahl seiner Besitztümer gefragt hatte – und auch nicht nach seinem Bankkonto. Im Lauf der Jahre hatte Etienne viele Erfahrungen mit Frauen gesammelt, aber diese war ihm völlig neu. Anders als die meisten Leute sprach Gwen mit ihm, als wäre er ein Kumpel von nebenan, und genau das tat ihm im Augenblick ausgesprochen gut. Mit ihr an seiner Seite würde er sich bestimmt nicht mehr langweilen.

Gwen schlug die Augen auf und sah, dass der Morgen gerade erst dämmerte. Vermutlich würde es ein schöner, klarer Tag werden. In der Luft lag ein süßer Duft, den sie nicht ganz einordnen konnte. Und dann erinnerte sie sich wieder … an Etienne … und wurde dunkelrot im Gesicht.

Sein Arm umschlang noch immer ihre Taille, und Gwen lauschte seinen tiefen, ruhigen Atemzügen. In der Dunkelheit der Nacht hatten sie sich noch einmal geliebt, und sie konnte kaum glauben, dass ein Mann von seinem Status sich ernsthaft für sie interessierte. Er hatte ihr geraten, alle Ressentiments über Bord zu werfen, und Gwen war mehr als bereit, es immer wieder zu tun – solange es mit ihm zusammen geschah.

Und trotzdem konnte sie nicht bleiben. Er würde heute nichts mehr von ihr wollen, und außerdem musste sie zur Arbeit. In ihrem Leben gab es mehr zu regeln als nur einen leeren Benzintank zu füllen und eine Stromrechnung zu bezahlen. Ihr drohte der Bankrott, und sie wollte die Befürchtungen ihrer pessimistischen Freunde und ihrer Familie auf keinen Fall bestätigen.

Außerdem war sie von Anfang an davon überzeugt gewesen, dieses Geschäft auch allein zum Laufen bringen zu können. Sie musste nur hart am Ball bleiben! Doch ab heute würde Etienne sie stets in ihren Gedanken begleiten.

Zentimeter für Zentimeter befreite sie sich vorsichtig aus seiner Umarmung, und ihr Fuß hatte kaum den Boden berührt, als Etienne sich streckte und erneut einen Arm um Gwen schlang.

„Erzähl mir nicht, dass du schon so früh aufstehen willst?“, murmelte er verschlafen und drückte ihr einen Kuss auf die nackte Schulter. Seine Bartstoppeln kitzelten.

„Es wird schon hell. Ich sollte nach Hause gehen und mich um meine Sachen kümmern.“

„Warte, vorher bestell ich uns noch Frühstück!“ Allmählich wurde er wach. „Wir müssen auch noch etwas besprechen.“

„Müssen wir?“, hakte Gwen nervös nach und zog automatisch die Bettdecke fest um sich.

„Sicher. Wenn du dich frisch machen willst, im Badezimmer findest du alles, was du brauchst. Und falls etwas fehlen sollte, frag das Personal danach. Einfach klingeln.“

„Nein!“ Gwen beschlich das Gefühl, sich zur falschen Zeit am falschen Ort zu befinden. „Nein, danke. Ich komme allein zurecht.“

Gerade wollte er zum Telefon greifen, doch vorher nahm er sich noch die Zeit, Gwen einen innigen Kuss zu geben, bevor sie ins Badezimmer verschwinden konnte. Bereitwillig erwiderte sie seine Umarmung und wusste sofort wieder, warum sie sich gestern Abend so schnell auf Etienne eingelassen hatte. Dieser Mann konnte zaubern!

„Ungewöhnlich, dass eine Frau allein zurechtkommt, wenn das Haus doch voller Angestellter ist“, brummte er in ihre Haare.

„So bin ich eben erzogen worden“, gab sie zurück und stand auf. In eine der dünnen Bettdecken gehüllt eilte sie ins Badezimmer, bevor Etienne sie noch einmal zurückhalten konnte.

Dass das Badezimmer tatsächlich in jeder Hinsicht für einen weiblichen Besucher ausgestattet war, trug nicht gerade zu Gwens Wohlbefinden bei. Nach einer ausgiebigen Dusche wartete sie noch so lange, bis das Personal, das nebenan hörbar das Frühstück servierte, wieder verschwunden war.

Erst danach schlüpfte sie aus dem Bad, doch Etiennes Schlafzimmer war leer. Bodenlange Vorhänge blähten sich in der morgendlichen Brise, und Gwen lenkte ihre Schritte zu der gläsernen Doppeltür gegenüber vom Bett. Auf einem riesigen Balkon stand ein reichlich gedeckter Frühstückstisch – edel ausgestattet mit Stoffservietten und Silber –, und über die steinerne Brüstung bot sich ein spektakulärer Ausblick über die Hügelkette.

Etienne stand etwas abseits und telefonierte. Und wieder konnte Gwen den Blick nicht von ihm abwenden, so schön und begehrenswert sah er aus. Dennoch fiel es ihr schwer, ihm direkt in die Augen zu sehen, nachdem er sein Gespräch beendet hatte und sich zu ihr gesellte.

Ganz offensichtlich bemerkte er das. „Probier mal die Crêpes!“, versuchte er das Eis zu brechen und strahlte sie an. „Auch wenn du vom Fach bist, es sind mit Sicherheit die besten, die du je gegessen hast.“ Dann legte er einen warmen Croissant auf seinen eigenen Teller und wartete darauf, dass Gwen sich bediente.

Entschlossen gab sie sich einen Ruck und setzte sich, um zu frühstücken.

Abwartend sah Etienne sie an, bis er schließlich das Schweigen brach. „Mir hat die letzte Nacht außerordentlich gut gefallen, Gwen. Das ist dir bestimmt nicht entgangen.“ Er zwinkerte vielsagend und war fast erleichtert, als er ihr damit wenigstens ein unsicheres Lachen entlockte. Bevor er weitersprach, räusperte er sich ausgiebig. „Um ehrlich zu sein, würde ich gern etwas Festes daraus machen.“

Gerade hatte Gwen einen Löffel Obstsalat im Mund, und der Fruchtsaft rann nun ungehindert durch ihre halb geöffneten Lippen, während sie Etienne entgeistert anstarrte. Wenige Sekunden später fielen die ersten Tropfen auf die weiße Leinentischdecke und breiteten sich dort zu zartorangefarbenen Flecken aus.

Was willst du?“, fragte sie stockend.

„Ich habe viel um die Ohren, Gwen. Da brauche ich Ablenkung, etwas, das mich wieder auf den Boden holt und mir das Vertrauen in die Menschheit zurückgibt. Letzte Nacht habe ich die perfekte Lösung gefunden: dich. Wir beide wären ein ausgezeichnetes Team, davon bin ich überzeugt. Mit meiner Unterstützung wärst du bald alle deine Nöte los und müsstest nicht mehr wie ein Sklave in der Küche schuften. Du könntest endlich ein sorgenfreies Leben genießen.“

Ihr restlos verwirrter Gesichtsausdruck brachte ihn zum Lachen, und auch Gwen verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Was meinst du damit, Etienne?“

„Genau das, was ich sage. Ich bin so froh, dir begegnet zu sein, chérie. Es wäre mir ein Vergnügen, dir in finanzieller Hinsicht unter die Arme greifen zu dürfen. Ich will nicht, dass du andere Leute bedienen musst, um über die Runden zu kommen. Ich will dich ganz für mich allein haben und dich so unterstützen, wie du es verdienst.“

Er verführte sie schon wieder, jetzt allerdings auf eine andere Weise. Und seine Waffen waren wie üblich sein hinreißender Akzent und die warmen, tiefdunklen Augen.

Gwen hatte geglaubt, sie könnte nicht noch nervöser werden, als sie es ohnehin schon war. Doch jetzt schienen Tausende von Schmetterlingen in ihrem Bauch zu flattern. Zwar war sie körperlich noch unschuldig gewesen, als sie sich auf Etienne eingelassen hatte, aber da sie mit älteren Brüdern aufgewachsen war, hatte sie doch einiges über den männlichen Verstand gelehrt. Darum rechnete sie auch jetzt mit dem Schlimmsten.

„Warum solltest du mir Geld anbieten, obwohl wir uns erst gestern Abend zum ersten Mal begegnet sind?“

Bevor er antwortete, nahm Etienne ihre Hand und führte sie an seine Lippen, um in aller Ruhe jede einzelne Fingerkuppe zu küssen. Anschließend sah er ihr tief in die Augen.

„Ich dachte, das ist offensichtlich, chérie.“

4. KAPITEL

„Ich will, dass du ein Teil meines Lebens wirst, Gwen. Als meine Geliebte“, fügte Etienne hinzu, als er ihren misstrauischen Blick auffing. „Bedenke doch einmal die Vorteile! Ich könnte dir ein Restaurant woanders besorgen, wenn du magst. Sagen wir in Monte Carlo? Unten kümmern sich Sterneköche ums Essen, und oben im Privatapartment könnte ich mich an deinem bezaubernden Körper …“

Scheppernd ließ Gwen ihren Löffel auf den Teller fallen, und ihre blauen Augen waren kalt wie Eis. „Wie kannst du es wagen!“, fuhr sie ihn an. „Du hast bei unserem ersten Kuss gesagt, er wäre ein Fehler gewesen. Recht hast du! Jeder kann mal Fehler machen, Monsieur, aber es gehört schon eine bodenlose Frechheit dazu, einen Fehler derart auszuweiten und ein solches Angebot auszusprechen!“

Völlig verständnislos sah er sie an. „Was ist denn los, Gwen? Bist du sauer?“

„Das ist noch stark untertrieben.“

Hilflos hob er die Schultern. Bisher war es nie ein Problem für ihn gewesen, sich eine Geliebte zu nehmen, aber Gwen reagierte ja ständig unvorhersehbar. „Warum fühlst du dich denn so angegriffen? Es handelt sich doch lediglich um ein nützliches Arrangement für uns beide. Wo liegt das Problem?“

Fassungslos schüttelte sie den Kopf. Gerade hatte sie die schönste und sinnlichste Nacht ihres Lebens mit einem Traummann verbracht, und jetzt ging es nur noch um Geld! Es war, als würde ihr ein Märchen zwischen den Fingern zerbröckeln. „Ich habe keine Lust auf Fremdkontrolle. Um dem zu entgehen, bin ich von zu Hause weggelaufen. Für meine Zukunft bin ich ganz allein verantwortlich, das habe ich selbst so entschieden.“

„Du bist von zu Hause weggelaufen?“, fragte er besorgt. „Wann war das?“

„Letztes Jahr.“

Da beging Etienne den nächsten Fehler. Er lachte, und damit brachte er Gwen erst recht auf die Palme.

„Sieh mich nicht so an! Das ist nicht lustig. Ich bin stinksauer auf dich!“

„Du bist eine erwachsene Frau, Gwen, und viel zu alt, um einfach fortzulaufen. Warum sagst du nicht einfach, du bist endlich von zu Hause ausgezogen?“

„Weil meine Familie es nicht so sieht“, antwortete sie verbittert.

„Ach so. Also hast du Ärger mit deiner Verwandtschaft?“, erkundigte er sich und klang dabei, als hätte er ausgiebig Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt.

„Nein, überhaupt nicht. Das ist ja gerade das Problem. Für meinen Geschmack ist mir meine Familie viel zu nah. Sie wollten mich immer vor dem Scheitern bewahren, also durfte ich niemals etwas ausprobieren. Mein Leben sollte behütet und ohne Hindernisse verlaufen, und daran bin ich fast erstickt.“

„Ich will dich aber auch beschützen“, warf Etienne ein und griff nach der Kaffeekanne. „Lass uns doch in Ruhe darüber reden!“

„Wenn du mich nur fragen willst, ob ich deine Geliebte werde, gibt es nichts zu besprechen.“ Entschieden schob Gwen den Teller mit den Crêpes von sich.

„Warum nicht? Es ist doch wirklich die perfekte Lösung.“

„Für dich vielleicht. Du hast dann alles, was du möchtest, ohne weitere Verpflichtungen.“ Diese Worte fielen ihr unendlich schwer, da sie doch eigentlich nichts lieber täte, als sich wieder in Etiennes starke Arme zu werfen.

„Wie kannst du so etwas sagen, mon amour?“ Er wirkte ernsthaft irritiert. „Als meine Gefährtin hast du einen Anspruch auf meine Großzügigkeit. Du wirst alles bekommen, was du dir wünschst. Kredit in allen Geschäften, die dich interessieren, ein kleines Liebesnest in Paris … was auch immer. Alles, was dein Herz begehrt. Sag es mir, und es gehört dir. Ohne Limit. Ich teile mein Geld mit dir, solange wir zusammen sind.“

Gwen war absolut entsetzt. „Dein Gewissen kennt anscheinend keine Grenzen. Du würdest wohl alles tun, um deinen Willen zu bekommen? Außer natürlich, eine ehrbare Frau aus mir zu machen, wie man in England sagen würde.“

„Sprichst du von der Ehe? Nein, tut mir leid. Das steht nicht zur Debatte. Und du brauchst gar nicht so ein betroffenes Gesicht zu machen. Ja, jetzt hast du meine Achillesferse entdeckt. In diese süße Falle wäre ich schon einmal um ein Haar getappt. Keine Frau wird mir jemals wieder Fesseln anlegen. Du kannst alles haben, was du willst, außer meiner Unterschrift auf einem Trauschein.“ Er lachte. „Abgesehen von diesem kleinen Detail kennt meine Großzügigkeit wirklich keine Grenzen. Probier es aus! Nenn einen Preis!“

In aller Seelenruhe griff Gwen nach ihrer Stoffserviette, wischte sich die Hände ab und stand auf. „Du kannst mich nicht kaufen, ganz egal, wie viel Geld du hast. Ich will meine Unabhängigkeit behalten, genauso wie die Möglichkeit, mich allein in dieser Welt durchzuschlagen. Ich lasse mich nicht von jemand anderem über die Hürden schleppen.“

So schwer es ihr auch fiel, Gwen musste es tun. Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick auf diesem wunderbaren Mann ruhen, bevor sie sich zum Gehen wandte. „Ich bin nicht aus dem einen goldenen Käfig ausgebrochen, um mich gleich wieder in den nächsten sperren zu lassen. Au revoir, Monsieur.

Damit ließ sie ihn allein.

Normalerweise verschwendete Etienne nicht viel Zeit mit seinem Frühstück. Für ihn war es lediglich eine Gelegenheit, sich nach einer kurzen Nacht und vor einem anstrengenden Meeting neue Energie zuzuführen. Mehr nicht.

Heute jedoch gab es einen anderen Grund, warum sein Essen fast unangetastet blieb. Seit die Tür seines Schlafzimmers hinter Gwen ins Schloss gefallen war, starrte er reglos auf den Tisch vor sich. Es wäre auch unhöflich von ihm weiterzuessen, bevor sie zurückkehrte. Es konnte nicht allzu lange dauern, bis sie mit tränennassen Augen vor ihm stand und sich für ihr Verhalten entschuldigte. So tickten Frauen eben, das war nichts Neues für ihn.

Nur wartete er inzwischen ziemlich lange, und als er Gwen endlich sah, überquerte sie unten den Vorplatz. Ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, marschierte sie in ihrem herrlichen Abendkleid die Auffahrt hinunter.

Etienne stieß einen missmutigen Laut aus. Miss Gwyneth Williams war schon ein recht eigentümliches Frauenzimmer. Ständig ging sie auf Abstand, dabei war das grundsätzlich sein Vorrecht in einer Beziehung.

Und sie hatte nicht einmal über die Schulter gesehen, sodass er ihr noch abfällig hätte hinterherwinken können. Das wäre zumindest eine einigermaßen befriedigende Form des Abschieds für ihn gewesen. Immerhin hatte er ihren Körper für sich beansprucht, und wenn ihm etwas gefiel, ließ er sich das nicht so einfach wegnehmen.

Langsam begann er, nun doch zu frühstücken. Dabei wanderten seine Gedanken zu Gwens Geständnis. Ihre Familie hatte sie also in einen goldenen Käfig gesperrt?

Bisher hatte Etienne geglaubt zu wissen, welche Sorte Frau eine glückliche Familie im Stich lassen würde. Angela Webbington hatte es ihm gezeigt. Gestern hatte er Gwen in dem Glauben verführt, sie wäre anders als seine Exverlobte. Doch mittlerweile wusste er nicht mehr, was er von dem wilden walisischen Mädel zu halten hatte.

Letzte Nacht hatte sie ihn mit ihrer unschuldigen Leidenschaft um den Verstand gebracht, und heute Morgen bekam er die eiserne Faust einer Fremden zu spüren! Und er hatte erfahren, dass sie sogar ihre Familie links liegen ließ, weil sie sich zu viel um sie kümmerten.

Unbegreiflich! Etienne schüttelte den Kopf. Er selbst musste dauernd dem Willen seiner unmöglichen Stiefmutter nachgeben, nur weil es der letzte Wunsch seines Vaters gewesen war. Warum sah Gwen nicht, wie viel Glück sie eigentlich hatte?

Insgeheim fragte Etienne sich sehr oft, wie es wohl wäre, Teil einer normalen Familie zu sein. Die verabscheuenswürdige Kreatur, die sich Gräfin Sophie schimpfte, kritzelte ihre exorbitanten Einkaufslisten auf das geprägte Briefpapier von Etiennes verstorbenem Vater, und Etienne ließ ihr alles durchgehen. Sie war so weit unter seiner Würde, dass er es nicht einmal für nötig hielt, ihr gegenüber sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen.

Gwen Williams dagegen ließ etwas hinter sich, worum er sie glühend beneidete. Für ihn bestand eine ideale Familie aus Menschen, die einen freiwillig und um seiner selbst willen mochten. Nicht, um irgendwann in einem Testament berücksichtigt zu werden.

Aber Gwen sollte bald herausfinden, wie gut sie es eigentlich getroffen hatte. Dafür würde er schon sorgen. Eine Schande, dass sie es nicht schon längst begriffen hatte.

Vor lauter Wut bemerkte Gwen die Blasen an ihren Füßen erst, als sie ihre Haustür erreichte. Dort streifte sie ihre hohen Schuhe ab und warf sie in eine Ecke.

Sie fühlte sich zutiefst beleidigt und konnte nicht fassen, dass ihr Verhältnis zu Etienne nach der unbeschreiblichen Nacht eine so hässliche Wendung genommen hatte. Während sie ihre Arbeitskleidung anzog, kam sie nicht umhin, den Duft des teuren Duschgels einzuatmen, das sie in seinem Badezimmer benutzt hatte.

Zufällig warf Gwen einen Blick in den Spiegel und gewann den Eindruck, als hätte sich der Ausdruck ihrer Augen über Nacht verändert. Irgendwie wirkte ihr Blick verschleiert oder auch etwas geheimnisvoller als …

Lautes Klopfen an der Tür ließ sie zusammenfahren.

„Einen Moment!“, schrie sie die Treppe hinunter und knöpfte ihr Oberteil zu. Dann nahm sie zwei Stufen auf einmal und starrte wenig später entgeistert in Etiennes Gesicht.

Er war umgezogen, frisch rasiert und sah einfach umwerfend aus. Trotz ihrer Wut konnte Gwen nicht anders und starrte ihn bewundernd an. Am liebsten hätte sie ihn auch berührt, aber das wäre extrem unpassend gewesen. Er ging davon aus, dass sie sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als seine Bettgefährtin zu werden. Nun, damit hatte er sich gründlich getäuscht. Trotzdem würde Gwen ihn immer anziehend finden.

„Kommst du, um dich zu entschuldigen?“, fragte sie kühl.

Sein schiefes Begrüßungslächeln verschwand sofort wieder. „Nein. Wofür denn?“ Anscheinend ratlos biss er sich auf die Unterlippe.

Es war zum Schreien! Und tatsächlich musste Gwen sich zusammennehmen, um nicht laut zu werden.

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