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Ein verführerisches Geschenk / Zuckerguss und Weihnachtskuss / Mit dir unter dem Mistelzweig / Frohe Weihnachten, Louise!

Sharon Kendrick

Ein verführerisches Geschenk

1. KAPITEL

Vielleicht lag es ja daran, dass bald Weihnachten war und dass das schneidend kalte Wetter sie ganz durcheinanderbrachte. Oder vielleicht lag es daran, dass sie einfach genug hatte. Aber etwas musste sich ändern. Etwas musste sich ändern.

Angie betrachtete ihre zitternden Finger, als seien es die Finger einer anderen Frau. Aber keineswegs! Diese gepflegten, unlackierten Nägel waren ihre eigenen. Wie töricht sie doch war! Mit großer Leere im Herzen verzehrte sie sich nach einem Mann, der für sie unerreichbar bleiben würde. Der sie nicht einmal als Vertreterin des anderen Geschlechts wahrnahm. Und der sie schlechter behandelte als seine PS-starken Autos.

Dabei war sie wahrhaftig kein lebloser Gegenstand. Sie war eine Frau aus Fleisch und Blut mit ihren eigenen Sehnsüchten, die wohl niemals in Erfüllung gehen sollten. Sie musste ihn verlassen – sie musste es einfach tun. Denn wenn sie nicht aufpasste, würde sie ihr gesamtes Leben mit der Liebe zu einem Mann vergeuden, der diese Liebe niemals erwidern konnte.

Und früher oder später würden sich ihre Träume zerschlagen, wenn er sich schließlich eine passende Frau zur Braut nahm. Eine dieser Schauspielerinnen oder Models, mit denen er im Laufe seines so aufregenden Lebens ausgegangen war.

Riccardo Castellari war Angies Chef – und der Mann, um den so ziemlich all ihre Gedanken kreisten. Nun ja, nicht mehr lange, denn gleich nach Neujahr würde sie sich nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen. Hauptsache weit weg von dem schwarzäugigen Italiener, der allein mit der Andeutung seines trägen Lächelns eine Frau in Ohnmacht fallen lassen konnte.

Auch wenn er in letzter Zeit wenig gelächelt hatte. Seine Stimmung war düster gewesen, und sein reizbares Gemüt schien noch strapazierter als ohnehin schon. Ungewöhnlich, fand Angie, aber sie war sich nicht sicher, warum.

„Jetzt sei mal ein bisschen fröhlich, Angie! Bald ist doch Weihnachten.“

Die Worte von Juniorsekretärin Carol drangen in ihre Gedanken und zauberten ein unbeabsichtigtes Lächeln auf Angies Gesicht. „Ja, da hast du recht“, stimmte sie zu und sah sich im Gemeinschaftsraum um.

Weihnachten stand vor der Tür, und die sonst stilvoll eingerichteten Büroräume von Castellari International waren nun verziert mit allerlei Adventsschmuck. Kurz nach Eröffnung der Londoner Zentrale seines höchst erfolgreichen Weltkonzerns hatte Riccardo aus Gründen des guten Geschmacks jegliche Flittergirlande verboten.

Doch ganz allmählich, nachdem Jahr für Jahr ein bisschen mehr Weihnachtsdekoration hinzugekommen war, hatte er dem Mehrheitswunsch nachgegeben. In diesem Jahr sah der Gemeinschaftsraum aus, als hätte der Weihnachtsmann persönlich ihn eingerichtet.

Glitzernder Flitter in Silber, Gold, Rot und Grün war großzügig über alle möglichen Bilderrahmen und Türpfosten geworfen worden, und Lichterketten schmückten die Faxgeräte.

Das Café unten an der Ecke spielte von morgens bis abends rührselige Weihnachtslieder, und erst gestern hatte die Heilsarmee auf dem Vorplatz gestanden und so schön gespielt, dass Angie Tränen in die Augen geschossen waren. Mit einem Kloß im Hals hatte sie aus ihrer Handtasche einen zerknitterten Fünfpfundschein hervorgeholt.

Ja, Weihnachten stand vor der Tür. Aber war das nicht Teil des Problems – und der Grund dafür, dass sie emotional so labil war? Denn zu Weihnachten war die Welt wie verwandelt. Mit einem Mal kristallisierten sich Hoffnungen und Träume heraus, Sehnsüchte und Ängste. Und egal, ob man es wahrhaben mochte: Zu Weihnachten erkannte man plötzlich, was man im Leben vermisste.

„Freust du dich schon auf die Weihnachtsfeier heute Abend?“, fragte Carol.

Angie verzog mit gespieltem Entsetzen das Gesicht. „Machst du Witze?“

Carol sah sie aufmerksam an. „Und wie läuft das so ab? Alle sagen, es sei absolut fantastisch, in einem der edelsten Restaurants Londons. Und es würden keine Kosten gescheut! Und stimmt es, dass Mr. Castellari bis zum Schluss bleibt?“

Sie lächelte Carol vielsagend an. „Ja, das stimmt. Er bleibt bis zum Ende.“ Oder bis zum bitteren Ende, wie es Riccardo ziemlich bissig darstellte. Ja, so war es, er war nicht gerade verrückt nach Weihnachten.

Doch einmal im Jahr gab er sich alle Mühe und erfüllte die Erwartungen der Castellari-Mitarbeiter. Großzügig spendierte er eine Feier, von der die Leute noch im Februar redeten, und gewährte jedem einen dicken Bonus. Selbst ihr. Doch hatte sie sich nicht schon manches Mal gesehnt nach etwas … Persönlicherem?

Angie war bewusst, dass es sinnlos war, das Unmögliche herbeizusehnen. Sie stand auf und schnippte ein paar kleine Flusen von ihrem Jerseyrock. „Ich sollte jetzt besser gehen und noch ein paar Vorkehrungen treffen – ich erwarte Riccardo nämlich jeden Augenblick zurück.“

„Ach, ja?“, fragte Carol neidisch.

„Ja. Er ist schon auf dem Weg vom Flughafen hierher.“ Angie kannte seinen Terminkalender bis auf die Minute genau. Die dunkle Limousine würde in diesem Moment Richtung Innenstadt gleiten. Riccardo würde auf dem Rücksitz seine langen Beine ausstrecken.

Er hätte seine Krawatte gelockert, und vielleicht würde er ein Telefongespräch führen in einer der drei Sprachen, die er fließend beherrschte. Vielleicht würde er sogar ein paar ungezwungene Worte mit seinem italienischen Fahrer Marco wechseln – der bei Bedarf auch als sein Leibwächter auftrat.

„Wenn die Straßen frei sind“, fuhr Angie mit einem Blick auf die Uhr fort, „dann müsste er eigentlich …“ Ihr Pager stieß einen kurzen, schrillen Piepton aus. Unweigerlich begann ihr Herz zu rasen.

„Entschuldige bitte“, sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln und versuchte ihre Aufregung zu überspielen, „aber er ist bereits im Gebäude.“

In ihren flachen, marineblauen Schuhen eilte sie zu ihrem Büro, das direkt neben Riccardos lag. Freudig atmete sie auf, als sie den großen, hellen Raum betrat. Denn ganz egal, wie oft sie schon in dieses Büro gekommen war, Angie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie einen so schönen Arbeitsplatz hatte.

Von der Castellari-Firmenzentrale blickte man auf den beeindruckenden Trafalgar Square im Herzen Londons. Hell leuchtete der berühmte Christbaum, den der norwegische König jedes Jahr schicken ließ, und aus jedem einzelnen Fenster strahlten bunte Lichterketten. Angie lächelte unwillkürlich. Es war einfach … märchenhaft schön.

Dann aber vernahm sie das Geräusch vertrauter Schritte im Korridor, das sie selbst bei Tiefschnee wiedererkennen würde. Flink huschte Angie in Riccardos Büro, um ihn zu begrüßen, und wischte sich dabei jegliche Spuren von Wehmut aus dem Gesicht.

Sie setzte die konzentrierte Miene auf, die ein Chef von seiner Sekretärin erwarten durfte. Aber nichts konnte das Herzrasen verhindern, das sich einstellte, sobald sich die Tür öffnete und Angie in Riccardos dunkles, zum Dahinschmelzen schönes Gesicht blickte.

„Ach, Angie. Sie sind hier. Gut.“ Seine tiefe Stimme mit dem leicht italienischen Akzent strich über ihre Haut wie Seide. Er ließ seine Aktentasche und seinen Kaschmirmantel auf eines der Ledersofas fallen.

Riccardos schwarzes Haar war zerzaust, als wäre er nervös mit seinen Fingern hindurchgefahren. Seine Krawatte hatte er gelockert, wie sie es vermutet hatte. Er warf ihr ein kurzes Lächeln zu. Dann nahm er sich einen Stapel Papiere und blätterte sie durch. „Könnten Sie mir bitte die Unterlagen zur Posara-Übernahme geben?“

„Ja, sicher, Riccardo“, antwortete sie sanft, während sie wie automatisch den schicken Mantel auf einen Bügel hängte. Verriet etwa ihr Gesicht, dass sie sich verletzt fühlte, weil der Mann, den sie seit vierzehn Tagen nicht gesehen hatte, sie kaum begrüßte? Kein Hallo oder Wie geht’s? Hätte er es überhaupt bemerkt, wenn sie durch eine andere Sekretärin ersetzt worden wäre?

Doch eine gute Sekretärin sollte sich nicht daran stören, dass sie für ihren Chef auch unsichtbar sein könnte. Auf die Arbeit kam es an. Und Angie war stolz darauf, eine gute Sekretärin zu sein.

„Schöne Reise gehabt?“, fragte sie höflich und legte die verlangten Unterlagen in die Mitte seines Schreibtischs.

Er zuckte mit den Schultern. „New York ist eben New York. Sie wissen ja, voller Lärm, Leben und Leidenschaft.“

Zufällig wusste Angie das nicht. Denn sie war noch nie dort gewesen. „Ja, das nehme ich wohl an“, bemerkte sie freundlich und verkniff sich die Frage, die sie nur zu gerne gestellt hätte. Nämlich ob er sich mit Paula Prentice getroffen hatte – der Frau, mit der ihn die Regenbogenpresse vor einem Jahr in Verbindung gebracht hatte.

Paula war eine sonnengebräunte Blondine mit strahlend weißen Zähnen und einem Körper, den die Leser eines führenden Männermagazins zum begehrenswertesten des Jahres gekürt hatten.

Als Riccardo damals mit der kalifornischen Schönheit eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte, war er viele Wochenenden in New York gewesen. Jedes Mal hatte Angie bei seiner Rückkehr angespannt Riccardos Gesicht studiert. Würde er bald die Hochzeit mit der umwerfenden Paula ankündigen, hatte sie sich damals gefragt.

Zu Angies großer Erleichterung trennten sich die beiden wieder – was sie wiederum nur aus der Presse erfuhr. Denn Riccardo würde niemals mit seiner Sekretärin über Privates reden.

Er ignorierte die Unterlagen vor sich auf dem Schreibtisch. Stattdessen lehnte er sich zurück und betrachtete Angie einen Moment. Geringschätzig warf er einen Blick auf ihren adretten Rock und die brave Bluse. Wie langweilig sie mal wieder aussah!

Aber vielleicht wäre es nicht besonders klug von ihm, an Angies Äußerem herumzumäkeln. Denn war nicht gerade ihre Schlichtheit einer der Gründe dafür gewesen, dass er sie eingestellt hatte?

Er hatte sich nach jemandem umgesehen, der seine bisherige Sekretärin ersetzen konnte, die bereits im Rentenalter war. Riccardo wusste, was er im Büro nicht wollte: Frauen, die ihre Beine so übereinanderschlugen, dass sie einen kurzen Blick unter ihren Rock gewährten. Oder die beim Vorbeugen ihr Dekolleté zur Schau stellten.

Ja, eigentlich betrachtete Riccardo seine Bürostunden als eine Art Auszeit von den ständigen Belagerungen seitens des weiblichen Geschlechts, das ihm seit seiner frühen Jugend nachstellte.

Doch die Vorstellungsgespräche hatten sich als ergebnislos erwiesen. Seine hohen Ansprüche hatten keine der Bewerberinnen abgeschreckt, trotzdem hatte Riccardo sie alle abgelehnt. Hauptsächlich mit der merkwürdigen Begründung, dass es keine gegeben hatte, mit der er nicht vor Feierabend ins Bett gesprungen wäre. Und er wollte eine Sekretärin und keine Geliebte.

Aber dann war er auf dem Heimweg an der Abteilung mit den Schreibkräften vorbeigekommen. Dabei war ihm ein unscheinbares Mädchen aufgefallen, das über den Aktenschrank gebeugt war. Für den Geschmack eines Italieners sah sie entsetzlich aus. Sie trug einen zweckmäßigen Rock, der ihr keinesfalls stand, und ihr Haar hatte sie zu einem unschmeichelhaften Zopf nach hinten gebunden.

Beim Blick auf die Uhr dachte er noch, wie spät es doch schon sei, und bewunderte ihren Einsatz für die Firma. Er kam zu dem Schluss, dass es wohl bei ihr zu Hause niemanden gab, der auf sie wartete. Es war unwahrscheinlich, dass bei einem derart unauffälligen Wesen die Männer Schlange standen. Vielleicht, dachte er ironisch, war sie eine der Frauen, die das Büro als ihr zweites Zuhause betrachteten.

Seine Anwesenheit musste sie wohl erschreckt haben, denn sie drehte sich überrascht um und fuhr sich mit den Fingern über die ungeschminkten Lippen. Eine zarte Röte stieg ihr in die Wangen. Das hatte Riccardo schon lange nicht mehr gesehen, dass eine Frau seinetwegen errötete. Ein Lächeln huschte über seine Lippen.

„Kann ich … Ihnen helfen, Sir?“, fragte sie in respektvollem Ton. Riccardo konnte also davon ausgehen, dass sie wusste, wer er war.

„Vielleicht ja.“ Seine Augen wurden schmal, als er die Trostlosigkeit des Großraumbüros wahrnahm. Ihre schlanken Finger betrachtend, fragte er: „Können Sie Maschine schreiben?“

„Natürlich, Sir.“

„Schnell?“

„Oh ja, Sir.“

„Und was würden Sie sagen“, fragte er sie, „wenn ich Sie bitten würde, mir einen Kaffee zu machen?“

Angie senkte den Blick. „Ich würde Sie fragen, ob Sie ihn mit Milch oder Zucker möchten, Sir“, antwortete sie leise.

Riccardo hatte gelächelt. Sie hatte also keine unrealistischen Ambitionen auf die Vorstandsetage. Und nicht diese lächerliche Einstellung, dass Frauen von heute sich zu schade sind, Männer wie ihn zu bedienen!

Gleich am nächsten Morgen war Angie in sein Büro eingezogen – und bis zum heutigen Tag war sie die beste Sekretärin, die er je gehabt hatte. Hauptsächlich, weil sie nicht anmaßend war. Und vielleicht auch, weil sie sich nicht in ihn verliebt hatte, wie es eigentlich alle Frauen zu tun pflegten.

Das unwiderstehliche Kaffeearoma riss Riccardo aus seinen Erinnerungen, als Angie ihm eine Tasse vorsetzte. Cappuccino natürlich, denn es war ja Vormittag. Nach dem Mittagessen gab es dann einen starken Espresso.

Angie war für ihn wie Balsam auf entzündeter Haut, kam Riccardo plötzlich in den Sinn. Wie ein warmes Schaumbad nach einem Transatlantikflug. Für einen Moment entspannte er sich. Aber nur für einen Moment.

New York war anstrengend gewesen. Die Schauspielerin, mit der er seit Anfang des Jahres ausgegangen war, hatte nicht einsehen wollen, dass es aus war. Warum nur zeigen Frauen so wenig Würde, wenn ein Mann Schluss macht, fragte er sich bitter. Und dann waren da noch die Probleme zu Hause in der Toskana …

„Riccardo?“ Angies sanfte Stimme drang in seine düsteren Gedanken.

„Was?“

Sie stand da und sah ihn an. Sie fragte sich, warum sein schönes Gesicht so grimmig dreinblickte. „Sie wissen schon, dass die diesjährige Weihnachtsfeier heute Abend etwas früher anfängt?“

„Müssen Sie mir damit jetzt in den Ohren liegen?“

„Das nennt man ‚rechtzeitig erinnern‘.“

Genervt unterdrückte er einen Seufzer. „Um wie viel Uhr?“

„Wir fangen um halb acht an.“

„Und das Restaurant ist reserviert?“

„Es ist für alles gesorgt. Ich wollte gerade hingehen, um letzte Details zu klären. Sie brauchen nichts weiter zu tun, als zu erscheinen.“

Er nickte. „Ich fahre schnell zu mir nach Hause, um mich umzuziehen“, sagte er. „Von da aus komme ich dann direkt zum Restaurant. Es gibt doch nichts Dringendes, um das ich mich hier noch kümmern muss, oder?“

„Nichts, was nicht bis Montag warten könnte.“

In dem Moment, als sie zur Tür hinaus wollte, bemerkte er wieder den schlichten, marineblauen Rock, der Angies Hüften unschmeichelhaft umspielte. Plötzlich fiel ihm das Paket ein, das er im Auto gelassen hatte.

„Ach, Angie?“

„Ja, Riccardo?“

„Sie legen normalerweise nicht so viel Wert darauf, sich … schick anzuziehen, nicht wahr?“, fragte er zögernd. „Für die Weihnachtsfeier, meine ich.“

Angie verharrte, bevor sie sich mit betont gefasster Miene umdrehte. Die Frage kam nicht nur unerwartet, sie war obendrein extrem verletzend. Doch sie war sich ziemlich sicher, dass er es nicht so gemeint hatte. Natürlich zog sie sich etwas Schickes an. Aber ihr Geschmack unterschied sich nun mal von dem der Kolleginnen.

Zwangsläufig. Sie war ja auch ein ganzes Stück älter als die anderen. Ja, mit Anfang zwanzig, da konnte man sich noch ohne Weiteres eines der günstigen Paillettenkleider kaufen, die es zum Jahresende in allen Läden gab. Für nur wenig Geld bekam man eine komplette Abendgarderobe und sah trotzdem traumhaft darin aus.

Aber mit siebenundzwanzig war das etwas anderes. Da lief man schnell Gefahr, einfach nur geschmacklos zu wirken.

Angie besaß nur konservative Kleidungsstücke, die nie aus der Mode kamen. Letztes Jahr hatte sie ein schönes beigefarbenes Strickkleid und dazu eine echte Perlenkette getragen.

„Ach, ich werde mich in irgendeinen Fummel werfen“, erwiderte sie betont lässig. Auf keinen Fall sollte Riccardo merken, wie verletzt sie war.

„Nun ja, wie soll ich es sagen? Ich habe im Auto ein Geschenk für Sie“, entgegnete Riccardo ungewohnt leise. „Ich werde Marco bitten, dass er es für Sie heraufbringen lässt.“

Angie riss die Augen auf. Ein Geschenk? Neben dem Weihnachtsgeld war es für ihn normalerweise mit einem Gutschein und einer Kiste Wein aus seiner Kellerei in der Toskana getan. Und dabei rührte sie Alkohol kaum an. Aber nie zuvor hatte er ihr irgendetwas Persönliches gekauft.

Ihr Herz bebte. Ahnte Riccardo womöglich, dass sie vorhatte, die Firma zu verlassen? Versuchte er auf diese Weise, sie zum Bleiben zu bewegen? Nein, Riccardo würde niemals so subtil vorgehen.

Er musterte sie freundlich und lächelte sie an. „Etwas zum Anziehen. Für die Weihnachtsfeier.“

2. KAPITEL

Angie stockte der Atem, als sie die letzte Lage Papier zur Seite streifte und das Abendkleid aus der Glanzschachtel hob. Ihre Wangen leuchteten so scharlachrot wie der Seidensatin, der durch ihre Finger glitt. Und plötzlich war sie froh, dass sie allein war. Froh, dass sie niemand beobachtete. Denn Riccardo konnte doch nicht ernsthaft wollen, dass sie das anzog!

Es war eines dieser Kleider, wie sie oft in Hochglanzmagazinen abgebildet wurden. Und selbst Angie war der Name des Designers geläufig, der so hübsch auf dem Etikett eingestickt war. Sie schluckte. Dieses Kleid musste ein kleines Vermögen gekostet haben.

Für einen kurzen Moment schoss ihr der verrückte Gedanke in den Kopf, es auf einer Auktionsseite im Internet zu verkaufen. Aber was, wenn Riccardo es herausfanden? Wäre das nicht schrecklich unhöflich: Seine undankbare Sekretärin verhökert ein Geschenk, das selbst für ihn nicht ganz billig gewesen war?

Sie betrachtete das Kleid im Licht. Wie hauchzart es war, und wie es schimmerte! Fast wie süßer roter Sirup. Ein unbekanntes Gefühl überkam sie, eine Mischung aus Neugier und Wehmut. Konnte jemand wie sie es sich überhaupt erlauben, so etwas zu tragen?

Schnell huschte Angie in das angeschlossene Badezimmer, wo sich Riccardo manchmal duschte, wenn er nach der Arbeit direkt zum Essen fuhr. Sie schloss die Tür ab und zog blitzschnell Rock und Bluse aus.

Sofort wurde ihr klar, dass es sich um eines der Kleider handelte, unter denen man unter keinen Umständen einen BH tragen durfte. Es sei denn, man hatte zufällig einen von diesen rückenfreien. So etwas besaß Angie aber ganz sicher nicht. Ihre Unterwäsche war genauso praktisch wie der Rest ihrer Garderobe und wurde von ihr nach der Maßgabe ausgewählt, sich möglichst wenig unter ihrer Kleidung abzuzeichnen.

Ziemlich verstohlen nahm sie ihren BH ab und schlüpfte in das Kleid. Just in dem Moment hörte sie jemanden das Büro betreten. Panik überkam sie. Riccardo hatte ihr nicht mitgeteilt, dass er jemanden erwartete!

„Hallo?“, rief sie nervös.

„Angie?“

Ganz vorsichtig öffnete Angie die Tür und steckte ihren Kopf hindurch. Als sie sah, dass es nur Carol war, seufzte sie erleichtert. „Ja, was gibt’s?“, fragte sie forsch. Dabei war es gar nicht so einfach, einen klaren Kopf zu behalten, wenn sich dieser zarte Stoff an ihre Haut schmiegte wie eine sinnliche Umarmung.

Carol blinzelte zu ihr hinüber. „Was machst du da?“

Einen Moment lang kam es Angie in den Sinn, der Juniorsekretärin zu sagen, dass es sie ja wohl nichts anginge, was sie machte. Aber Carol würde ihr vielleicht die Wahrheit sagen. „Kannst du mir mal deine ehrliche Meinung sagen, was ich gleich auf der Weihnachtsfeier tragen soll?“

Carol lächelte. „Ja, klar.“

Als Angie aus dem Badezimmer trat, stand Carol da wie vom Blitz getroffen. Wie klug es gewesen war, jemanden zu fragen!

„Ich ziehe es sofort wieder aus.“

„Mach das bloß nicht“, sagte Carol mit Nachdruck. „Komm mal her ins Licht. Ich will dich ganz sehen. Oh, Angie … ich kann gar nicht glauben, dass du das bist. Du siehst einfach hinreißend aus!“

Als sich die spiegelverglasten Türen eines der vornehmsten Restaurants der Stadt öffneten und Angie in Carols hochhackigen Schuhen über die Schwelle trat, fiel ihr auf, dass etwas seltsam anders war. Stille. Für einen Augenblick herrschte eine absolute Stille, bevor das Stimmengewirr wieder einsetzte. Angie blinzelte. Sie war sich sicher, dass sie sich das nicht eingebildet hatte.

Wie aus dem Nichts eilte ein Kellner heran und wich ihr kaum von der Seite, als sie ihn nach dem Castellari-Tisch fragte. Breit grinsend deutete er ihr an, ihm zu folgen. Während sie den Raum durchquerte, spürte Angie, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren. Warum nur starren mich alle so an, fragte sie sich in Panik.

Verstohlen ließ sie ihre Hand über den Po gleiten, um das Kleid zu glätten. Denn für einen kurzen Moment war ihr der schreckliche Gedanke gekommen, es könnte in ihrer Strumpfhose eingeklemmt sein. Aber zum Glück schien alles in Ordnung.

Bis zu dem Zeitpunkt, als sie den langen Tisch mit den Castellari-Mitarbeitern erblickte. Riccardo saß am Kopfende und starrte sie an, wie er sie noch nie zuvor angesehen hatte. Angies Nerven fingen an zu flattern. Was, wenn Riccardo das Kleid nicht gefiel? Oder es ihm mit einem Mal unangenehm war, dass er seiner Sekretärin ein so persönliches Geschenk gemacht hatte?

Sie warf ihm ein schüchternes Lächeln zu, auf das er nicht reagierte. Im Gegenteil. Er starrte sie weiterhin mit einem Gesichtsausdruck reinsten Erstaunens an. Es war ein Ausdruck, den er selbst dann nicht ablegte, als er sie zu sich heranwinkte. Angie ging auf Riccardo zu und blieb vor ihm stehen. Er musterte sie von oben bis unten, als wären ihr plötzlich Flügel gewachsen. Oder Hörner.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie zögerlich.

Riccardos Mund war ganz trocken. So würde er es nicht ausdrücken. Es war nur so, dass er es sich bis zu diesem Moment nicht hatte träumen lassen, dass seine Sekretärin die kessesten Brüste besaß, die er je gesehen hatte. Die der seidene Stoff streichelte, wie es sonst nur die Hände eines Mannes zu tun vermochten.

Er hatte auch keine Ahnung gehabt, dass Angies Taille so schmal und zart war, dass ihre Hüften so sanfte Kurven beschrieben, und dass sie einen so wohlgeformten Po hatte. Oder dass ihre Beine so lang waren. So lang, dass … Er musste schlucken.

Ma, che ca…“, fing er an. Er hielt inne, als der Kellner ihm etwas auf Italienisch zuflüsterte. Riccardo schnauzte zurück, sodass der Mann ganz verdutzt dreinblickte und wieder verschwand. Dann zeigte Riccardo ganz entschieden auf den leeren Platz neben sich.

Angie konnte ihr Glück kaum fassen und setzte sich zu ihm. Normalerweise gab es heftigen Streit darüber, wer neben dem Chef sitzen durfte. Und üblicherweise nickte er gebieterisch den zwei Glücklichen zu, die links und rechts von ihm Platz nehmen durften, während Angie dies nur aus der Ferne beobachtete.

Aber heute erwies er keiner anderen Aufmerksamkeit als ihr.

„Was zum Teufel soll das?“, fragte er sie energisch.

Sie blinzelte verwirrt. Ein völlig unangebrachter Zorn schien in Riccardos Augen zu lauern. Und warum um Himmels willen bekam sie ihn zu spüren? „Was bitte meinen Sie?“

„Sie sehen …“ Ihm fehlten die Worte.

„Das Kleid gefällt Ihnen nicht, ist es das?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht“, gab er kurz angebunden zurück. So sehr er auch versuchte, seine Augen von ihrem zarten Dekolleté abzuwenden, er schaffte es nicht.

„Was dann?“

Riccardo legte die Serviette über seinen Schoß. Er war heilfroh, dass er so den unteren Teil seines Körpers verbergen konnte. Wie konnte er ihr nur zu verstehen geben, dass sie nicht mehr aussah wie seine Sekretärin Angie? Dass er sich bei der schlichten und altbackenen Angie entspannt und ungezwungen gefühlt hatte.

Dieses verführerische Wesen neben ihm hingegen zog die lüsternen Blicke eines jeden Mannes im Raum auf sich. Und dass dies ihn selbst einschloss, kam ebenso ungelegen wie unerwartet.

Riccardo schüttelte den Kopf. „Ich hatte nicht erwartet, dass Sie …“

So nach Worten ringend kannte Angie Riccardo gar nicht. Überhaupt nicht. „Dass ich was?“, fragte sie fordernd. Aber tief im Innern wusste sie genau, was er meinte. Und es schmerzte sie weitaus mehr, als er sich vorstellen konnte. Riccardo hatte nicht erwartet, dass sie in dem Kleid so gut aussehen würde, darum ging es. So naiv das nicht zu verstehen, war Angie dann doch nicht.

„Wenn Sie andeuten wollen, dass mein Kleid ungeeignet für diese Weihnachtsfeier ist, dann bedenken Sie, dass Sie es doch waren, der gesagt hat, ich solle es anziehen. Und dass Sie es waren, der es für mich gekauft hat“, wandte sich Angie in scharfem Ton an Riccardo.

Jetzt verdüsterte sich sein Blick noch mehr. Erst sah es so aus, als wolle er noch etwas sagen, vermutlich eine weitere Beleidigung, aber dann nickte er einfach und zwang sich zu einem trägen Lächeln. „Verzeihen Sie, Angie, dass ich meine Manieren vergessen hatte. Das Kleid … steht Ihnen ausgezeichnet“, fügte er rasch hinzu. Ungeduldig winkte er ab, als der Brotkorb herumgereicht wurde.

Ein aufgeregtes Kribbeln durchfuhr Angie bei seinen Worten. Und dabei war das Letzte, was sie nun gebrauchen konnte, eine Verstärkung ihres Nervenkitzels. Sie nahm dem Kellner ein Glas Champagner ab und trank einen großen Schluck. „Tatsächlich?“

Herrgott, ja! Riccardo fühlte sich wie ein Mann, der damit gerechnet hatte, bittere Medizin zu schlucken, und der nun feststellte, dass sie so süß war wie Nektar. Er hatte Angie das Kleid mehr aus Langeweile und aus praktischen Gründen geschenkt als alles andere. Und nun hatte sie ihn total überrascht.

Es war schon lange nicht mehr vorgekommen, dass ihn eine Frau so überrascht hatte.

Riccardo musste daran denken, dass Angie die Frau war, die mehr Zeit mit ihm verbrachte als jeder andere Mensch. Die ihm seinen Kaffee brachte und die Hemden aus der Reinigung holte. Gedankenversunken nahm er sein eigenes Glas Champagner in die Hand. Und vergiss nicht, sagte er sich, dies ist die Weihnachtsfeier, und du musst sie nach dem heutigen Abend bis nach Neujahr nicht wieder sehen. Und dann würde dieses betörende weibliche Wesen auch wieder aussehen wie seine Sekretärin Angie.

„Und was machen Sie über Weihnachten?“, fragte er, um das Gespräch nicht verstummen zu lassen. Um sich von seiner Erregung abzulenken, machte er sich daran, eine Riesengarnele aufzuspießen.

„So dies und das.“ Angie nahm einen weiteren Schluck Champagner. Der war einfach köstlich. „Familie, Sie wissen schon.“

Riccardo legte seine Gabel ab. Sicherlich wusste er das. Manchmal dachte er, er könne ein Lehrbuch schreiben über Familien, insbesondere über schwierige italienische Familien. Aber Angies Familie war wahrscheinlich ganz anders. Er verzog die Mundwinkel zu einem ironischen Lächeln. „Dann feiern Sie also mit Ihren Eltern? Lassen Sie mich raten: ein gemütliches, typisch englisches Weihnachtsfest unterm Christbaum.“

Angie verzog keine Miene. Stattdessen führte sie ihr Glas an ihre Lippen – mehr um abzulenken als um zu trinken, denn ihr war schon leicht schwindelig. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Nun ja, nicht wirklich, nein. Sie wissen doch: Mein Vater ist gestorben, und meine Mutter grämt sich wegen der Scheidung meiner Schwester.“

Riccardos entging Angies subtiler Seitenhieb nicht, und seine Augen verengten sich. Wusste er das wirklich? Hatte sie es vielleicht einmal erwähnt, und es war ihm wieder entfallen? Er betrachtete Angies glänzendes Haar und fragte sich, warum sie es nicht viel öfter offen trug. „Sì, sì – natürlich“, entgegnete er unbestimmt, denn er hatte eigentlich eine höfliche, knappe Antwort von ihr erwartet, um nicht weiter über dieses Thema reden zu müssen. Aber es war ja bald Weihnachten, und sie hatte seine Höflichkeit verdient. „Und ist das eine … schwierige Situation?“

Angie kannte ihren Chef gut genug, um zu erkennen, wann er abgelenkt war. Oder wann er eine Frage stellte, nur weil er meinte, dass dies von ihm erwartet wurde und nicht, weil ihn die Antwort wirklich interessierte. Und obwohl es sonst ihre Art war, instinktiv auf Riccardos Wünsche einzugehen, unangenehme Dinge von ihm fernzuhalten und sein Leben so sorgenfrei wie möglich zu gestalten, war sie heute Abend nicht in der Stimmung dazu.

Sollte er doch einmal zur Abwechslung sie etwas fragen.

Angie dachte darüber nach, dass das Fest schon bedrohlich nah gerückt war. Und an die verzweifelten Telefonanrufe ihrer Schwester, die ihre Mutter und sie erhalten würden. Und wie frustrierend es dann wieder einmal wäre, so weit weg zu sein und der Schwester nicht beistehen zu können.

Ihre Gedanken wanderten zu Riccardo, der wie jedes Jahr in die Toskana fliegen würde. Zu seiner Familie in deren wunderschönes Schloss. Im Gegensatz zu ihr konnte er sich auf ein aufregendes neues Jahr mit neuen Herausforderungen freuen. Wahrscheinlich würde er auch wieder eine neue Frau an seiner Seite haben.

„Ja, in der Tat, es ist nicht leicht“, gab sie zu. „Besonders zu Weihnachten. Denn, Sie erinnern sich bestimmt, meine Schwester lebt ja in Australien, und wir können nicht bei ihr sein.“

Riccardo lehnte sich zurück, damit der Kellner die kaum angerührten Garnelen abräumen konnte. Nun gab es Fisch, den Riccardo wenig begeistert beäugte. „Ja“, sagte er, „ich kann mir vorstellen, dass es nicht ganz einfach ist.“

Angie bezweifelte das. Riccardo hatte viele Eigenschaften, die ihn bei den Frauen unwiderstehlich machten. Aber die Gabe, Mitgefühl zu zeigen und sich in die Lage anderer zu versetzen, stand nicht gerade weit oben auf dieser Liste.

„Nun ja“, fuhr Angie fort, „meine Schwester ruft immer wieder verzweifelt bei mir an. Sie macht eine sehr nervenaufreibende Scheidung durch“, erklärte sie.

Riccardo zuckte mit den Achseln. „Nun, das liegt sicherlich in der Natur einer Scheidung.“ Er bemerkte einen zarten Parfümduft. Vielleicht trug Angie immer Parfüm … doch falls ja, warum hatte er es noch nie bemerkt?

Als Riccardo registrierte, dass einer der Kellner Angie ebenso fasziniert betrachtete wie er, warf er ihm einen eiskalten Blick zu. Der Keller verschwand. „Haben sie aus Liebe geheiratet – Ihre Schwester und deren Mann?“, fragte er und lehnte sich zurück.

„Aber ja“, sagte Angie verteidigend, obwohl die Frage sie völlig unvorbereitet traf. Sie war erleichtert, dass im Kerzenlicht ihre plötzliche Gesichtsröte nicht auffiel, wenn Riccardo mit einem Mal von Liebe sprach.

Er zuckte mit den Schultern. „Na, sehen Sie, dann ist der Grund für die Trennung ja schon auf den Punkt gebracht.“

Sie hob die Augenbrauen. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Nicht? Das ist doch ganz einfach. Heirate nie aus Liebe. Viel zu unsicher.“

Jemand knuffte Angie voller Begeisterung in die Rippen. Sie drehte sich zur Seite und zog halbherzig eines der im weihnachtlichen England so beliebten Knallbonbons aus einem Körbchen. Jede der mit buntem Papier eingeschlagenen Rollen enthielt eine kleine Überraschung für die Partygäste.

Angie war froh über diese kurze Unterbrechung, gab sie ihr doch Zeit, ihre Gedanken zu sammeln und eine Antwort zu formulieren. So konnte sie sich auch sicher sein, dass Riccardo ihre naive Enttäuschung darüber nicht sah, dass er offensichtlich so wenig von wahrer Liebe hielt. „Das glauben Sie doch nicht wirklich, Riccardo, oder?“, hakte sie schließlich betont fröhlich nach.

Sì, piccola“, sagte er mit sanfter Stimme. „Davon bin ich überzeugt. Denn es ist unrealistisch, dass Mann und Frau sich ein Leben lang binden, nur weil vorübergehend Hormone und Lust im Spiel sind. Und Liebe ist nichts weiter als ein höfliches Wort für diese Dinge.“

Er kostete von seinem Salat. „Ich denke, Mann und Frau sollten so viele Gemeinsamkeiten in ihrem Leben finden wie möglich und hart am Gelingen ihrer Ehe arbeiten. Schon der Kinder wegen. Das sieht man heutzutage leider immer seltener bei unserem laschen Scheidungsrecht.“ Er setzte sein Glas ab und lächelte. „Und natürlich kann man die Chancen auf eine erfolgreiche Ehe noch steigern.“

Angie starrte ihn an. „Und wie?“

„Indem die Braut eine Generation jünger ist als der Bräutigam.“

Angie verschluckte sich beinahe an ihrem Wein. Sie fühlte das Blut in ihre Wangen emporsteigen. „Wie bitte?“, fragte sie empört.

In Riccardos schwarzen Augen war Spott zu erkennen. „Aber warum sind Sie so geschockt?“, fragte er unbekümmert. „Die italienischen Männer machen das erfolgreich seit Jahrhunderten. Meine eigenen Eltern hatten so eine Ehe und waren sehr glücklich miteinander, bis mein Vater starb. Denn so ein Altersunterschied stellt die allerbeste Kombination der Geschlechter dar. Ein erfahrener Mann kann einer Jungfrau einiges beibringen. Er schult sie in der feinen Kunst der Liebe, und sie schenkt ihm viele Kinder.“

Angie bekam kaum noch Luft. „Sie sind … einfach nur …“

Er beugte sich näher zu ihr und genoss ihre offensichtliche Wut. Er spürte, dass es ihn weitaus mehr erregte, als er zulassen durfte. Aber plötzlich war ihm das egal. „Einfach nur was, piccola?“

„Ungeheuerlich! Altmodisch! Widerlich! Soll ich weitermachen?“, erwiderte Angie scharf. Sie versuchte, die Aufregung, die seine Nähe ausgelöst hatte, zu zügeln. Aber war der eigentliche Grund für ihre Empörung nicht so sehr Riccardos Angriff auf die Frauenrechte als vielmehr die Tatsache, dass seine Kriterien der Brautfindung ganz eindeutig nicht auf sie zutrafen?

„Riccardo, ich kann nicht glauben, dass Sie einen so überholten Standpunkt vertreten“, entgegnete sie verärgert.

Doch er grinste nur verschmitzt. Er schien überhaupt nicht zur Einsicht kommen zu wollen. „Ach, ich sage nur, wovon ich überzeugt bin, altmodisch hin, altmodisch her. Und ich habe nie vorgegeben, anders zu sein, Angie“, entgegnete er.

Und das, dachte sie, charakterisiert ihn ziemlich gut. Riccardo hatte sich sein ganzes Leben lang selbst gefallen. Und dass die Kombination aus Aussehen, Intelligenz und Charisma ihre Wirkung tat, bestärkte ihn noch darin. Es war unerheblich, dass er Meinungen von sich gab, die unglaublich antiquiert waren und die viele nicht mehr für zeitgemäß hielten. Riccardo machte sich nichts daraus, denn er hatte es nicht nötig. Reich, mächtig, ledig. Er stürmte durchs Leben, wie es ihm gefiel, und er hatte nicht vor, das zu ändern. Warum auch?

Also vergiss das teure Kleid und die unterdrückten Gefühle für ihn, sagte sie sich verbittert. Sei einfach Angie. Geh mit gutem Beispiel voran und zeig den jungen Kolleginnen, wie viel Spaß man auf einer Weihnachtsfeier haben kann.

„Wer will noch ein Knallbonbon aufreißen?“, fragte sie fröhlich.

Riccardo saß zurückgelehnt in seinem Stuhl und beobachtete Angie, wie sie ein kitschig-buntes Armband aus dem Papier eines aufgerissenen Knallbonbons fischte. Sie machte gute Miene dazu und streifte es über das Handgelenk. Eigentlich ist sie immer gutmütig, dachte er bei sich. Sie war einer der Menschen, die völlig unbemerkt im Hintergrund die Räder der Wirtschaft am Laufen hielten, ohne Aufmerksamkeit oder Ruhm für sich selbst in Anspruch zu nehmen.

Er konnte mit Angie reden, wie er mit keiner anderen Frau sonst reden konnte. Wo wäre nur die Welt ohne Menschen wie sie? Riccardo kniff die Augen zusammen, als ihm ohne Vorwarnung ein beunruhigender Gedanke kam. Gott mochte ihm beistehen, wenn sie jemals vorhätte zu kündigen.

Behandelte er sie richtig? Bekam sie von ihm alle Vergünstigungen, die einer Sekretärin in ihrer Position zustanden? Er sah hinaus in das Schneetreiben vor dem Fenster. Schnee war ungewöhnlich in London, und es würde eine kalte Nacht geben. Sein Blick fiel auf den scharlachroten Satin, und das Blut pochte ihm in den Schläfen. Eine sehr kalte Nacht. Besonders in einem solchen Kleid.

Genau in dem Augenblick fiel Riccardo ein weiterer Kellner auf, der ganz offensichtlich seine Augen nicht von Angie lassen konnte. „Wie kommen Sie eigentlich nach Hause?“, fragte er unvermittelt.

Angie stockte der Atem. „Nach Hause?“

„Ich nehme doch an, Sie haben ein Zuhause“, erwiderte er trocken. „Wo wohnen Sie?“

Die Frage war ihr unangenehmer, als sie erwartet hätte. Sie wusste alles über Riccardo. Sie kannte seine Hemdengröße, seine bevorzugten Hotels und seine Lieblingsweine. Sie kannte den Geburtstag seiner Mutter, seines Bruders und seiner Schwester und erinnerte ihn immer daran, auch ja rechtzeitig Geschenke zu kaufen. Dass es zwangsläufig dazu kam, dass sie dann diese Geschenke aussuchen musste, tat weiter nichts zur Sache – denn dafür wurden gute Sekretärinnen schließlich bezahlt, oder nicht?

Sie wusste, wo er am liebsten seinen Skiurlaub verbrachte und wohin er gelegentlich in die Sonne flog. Sie wusste, dass er nie einen Nachtisch, aber ab und an ein Stückchen Bitterschokolade zu seinem Kaffee aß.

Ja, sie wusste sogar, welche Blumen er Frauen sandte, wenn er auf Freiersfüßen ging – rosafarbene Rosen. Und wenn er dann unweigerlich Schluss machte, wurde ein großzügiges Trostgeschenk rausgeschickt – mit Perlen und Diamanten besetzte Ohrstecker von einem international renommierten Juwelier. Die auszusuchen machte Angie immer besonders viel Spaß.

Doch während sie nun schon fünf Jahre lang auf jede seiner Launen eingegangen war, um sein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, wusste Riccardo Castellari noch nicht einmal, wo sie wohnte!

„Stanhope“, sagte sie kurz und legte den Löffel ab.

„Und wo ist das?“

„Richtung Flughafen Heathrow, nicht weit von der Piccadilly Line.“

„Aber das ist ja meilenweit draußen.“

„Ja, Riccardo. Das ist es.“

„Und wie kommen Sie dahin?“

Na, wie wohl? „Auf meinem Besenstiel“, gluckste sie.

Er runzelte die Stirn. Angie und glucksen? War sie betrunken? „Das war eine ernst gemeinte Frage, Angie“, brummte er.

„Schon gut. Mit der U-Bahn natürlich.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. Es war ganz ungewohnt, ihr seidiges Haar auf ihren Schultern zu spüren. „Wie immer.“

Er musste an das nächtliche Londoner U-Bahn-System denken, brechend voll mit vorweihnachtlichen Nachtschwärmern, und daran, welcher Empfang ihr wohl dort bereitet würde. Sein Blick schweifte von ihrer erstaunlich schmalen Taille zu den wohlgeformten Brüsten in dem dünnen Stück Stoff. Er musste verrückt gewesen sein, ihr dieses Kleid zu schenken.

Kein Wunder, dass die Kellner die ganze Zeit um sie herumgeschlichen waren wie ein Rudel Wölfe. Bis er ihnen mit einem eisigen Blick zu verstehen gegeben hatte, dass ihr Trinkgeld gefährdet war. Konnte er es verantworten, sich gemütlich zurückzulehnen, während er Angie allein in die Nacht hinausgehen ließ? Das wäre dasselbe, als wolle man ein Lamm hungrigen Löwen zum Fraß vorwerfen!

„Kommen Sie, ziehen Sie Ihren Mantel an“, wies er sie abrupt an. „Ich bringe Sie nach Hause.“

3. KAPITEL

Einen Moment lang starrte Angie Riccardo ungläubig an. „Sie … wollen mich nach Hause bringen?“

Seine schwarzen Augen leuchteten. „Ja, das möchte ich.“

„Sie meinen, Sie fahren mit mir in der U-Bahn?“, fragte Angie verdutzt. Sie stellte sich schon ihren milliardenschweren Chef vor, wie er sie die Rolltreppe hinunter begleitet.

„Nein, nicht mit der Bahn.“ Ihn schauderte. „In meinem Auto.“

„Sie können mich doch nicht in ihrem Auto nach Hause bringen“, widersprach sie ihm. „Sie haben getrunken.“

„Ich mag zwar etwas getrunken haben“, sagte er mit unbewegter Miene, „aber ich bin immer noch so gut wie nüchtern. Was ich bei Ihnen bezweifeln würde. Und glauben Sie mir, es gibt nur wenige Dinge auf der Welt, die unattraktiver sind als eine Frau, der man ihr Betrunkensein ansieht.“

„Das ist aber eine sehr chauvinistische Aussage.“

Riccardos Augen leuchteten. „Ich bin nun mal ein sehr chauvinistischer Mann, piccola – ich dachte, das hätten wir schon geklärt?“

Angie schluckte. Es hatte etwas sehr Aufregendes an sich, wenn er so mit ihr sprach. Halb herausfordernd, halb bedrohlich. Aber piccola bedeutete „klein“, oder nicht? Sie verzog ihre Mundwinkel nach unten. Das war nicht gerade das Kompliment des Jahres. „Wollen Sie behaupten, ich sei betrunken?“

„Nein, ich sage nur, dass Sie genug Alkohol gehabt haben, um … ungezügelt auf mich zu wirken. Ich finde, Sie sollten nicht allein nach Hause fahren, das wäre gefährlich. Und ich fahre auch nicht persönlich, dafür beschäftige ich Marco. Also, nehmen Sie bitte ihre Handtasche, und dann fahren wir los.“

Auf einmal klang Riccardos Stimme furchtbar herrisch. So hatte sie ihn schon mal reden hören, wenn das eine oder andere Model, mit dem er eine Affäre hatte, überraschend im Büro vorbeischaute. Angie bemerkte, wie die Frauen aus der Personalabteilung sie mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck anstarrten. „Und die Leute … reden die denn nicht, wenn wir gemeinsam gehen?“

Er sah sie kühl an. „Warum sollten sie?“, fragte er gleichgültig. „Ich fahre doch nur meine Sekretärin nach Hause.“

Jetzt war Angie also eindeutig in ihre Schranken gewiesen worden.

Marco wartete schon abfahrbereit vor der Tür, und Angie machte es sich auf dem Rücksitz bequem. Dabei vergaß sie völlig, dass ihr Saum nur ungefähr halb so lang war wie sonst. So konnte Riccardo einen delikaten Blick auf ihre Oberschenkel erhaschen, der sein Blut augenblicklich in Wallung geraten ließen. Schnell wandte er seine Augen ab und blickte stattdessen starr aus dem Fenster, während sie westwärts aus der Innenstadt fuhren.

Die Fahrt schien ewig zu dauern. Unendlich viele winzig kleine Häuser standen gleichförmig am Straßenrand, während davor Autos Stoßstange an Stoßstange geparkt waren. Die Geschäfte sahen wenig attraktiv aus, und manche waren für die Nacht richtiggehend verbarrikadiert worden. Eine Gruppe rauchender Jugendlicher stand verdrossen an einer Straßenecke.

Riccardo runzelte die Stirn. Er zahlte ihr doch bestimmt nicht so wenig, dass sie in einer Gegend wie dieser leben musste?

Die Limousine hielt lautlos vor einem hohen Haus. Riccardo drehte sich um und sah, dass Angie es sich gemütlich gemacht hatte. Schlief sie? Ihr Kopf lehnte an der Kopfstütze, und ihre Lippen waren entspannter, als er sie je gesehen hatte. Ihr Haar umspielte locker ihre Schultern. Nicht gerade meine flinke und tüchtige Sekretärin, dachte er.

Ganz vorsichtig berührte er sie an der Schulter und stellte dabei fest, wie weich sich diese anfühlte. Und als sie die Verschränkung ihrer Beine löste, konnte er ein weiteres Mal einen flüchtigen, aufregenden Blick auf ihre Schenkel werfen.

Angie erwachte aus ihrem Halbschlaf und starrte ihn überrascht an. Die Wärme des Autos und die ruhige Fahrt durch die Nacht hatten sie in einen Traumzustand versetzt. Es schien ihr, als sei dieser Traum noch nicht zu Ende. Denn Riccardo beugte sich über sie. Riccardo, mit seinem strengen, aber geheimnisvollen Gesicht. Seine leuchtenden, tiefschwarzen Augen und diese Lippen, die so schnell zwischen Verachtung und Sinnlichkeit wechseln konnten.

Einen Moment lang verlor sie sich in diesem Blick. Sie verspürte einen eigenartigen Schmerz in der Magengrube, als sie sich einmal mehr der Illusion hingab, dass Riccardo sie jeden Moment küssen könnte.

Nur hatte es bereits genügend Illusionen für einen Tag gegeben. Das Kleid, die Fahrt mit dem Chauffeur. Aber Mitternacht rückte näher, und ihre Kutsche würde sich wohl gleich wieder in einen rostigen Vorstadtbus verwandeln.

Angie blinzelte. Sie hatte Mühe, ihren Körper auf dem weichen Ledersitz aufzurichten. Ihr Mund war ganz trocken, und sie tastete den Fußraum des Wagens nach ihrer Handtasche ab. „Danke fürs Nachhausebringen.“

„Gern geschehen.“

Riccardo machte keine Anstalten auszusteigen. Plötzlich besann Angie sich auf ihre Manieren. Er hatte einen meilenweiten Umweg für sie gemacht. Und sie hatte gesehen, dass er kaum das Abendessen angerührt hatte. Biete ihm Kaffee an, dachte sie. Er wird sowieso ablehnen. Denn irgendwie war die Stimmung seltsam. Verwirrend. Riccardo saß mit ihr in einem Wagen vor ihrer Haustür!

„Äh, möchten Sie noch eine Tasse Kaffee?“

Riccardo wollte gerade Marco bitten, Angie beim Aussteigen behilflich zu sein, als ihre Frage ihn innehalten ließ. Er verkniff sich die übliche Ablehnung. Woran, fragte er sich, lag es – dieses Verlangen zu sehen, wie jemand wie Angie lebte, in einer völlig anderen Welt? Auf einmal war er unerklärlich neugierig geworden. Wie ein Tourist in einer fremden Stadt, der soeben eine kleine, versteckte Straße entdeckt hat und herausfinden möchte, wohin sie führt.

„Warum nicht?“, fragte er etwas träge und lehnte sich hinüber, um ihr die Tür zu öffnen.

Einen Moment lang hielt Angie den Atem an. In all den Jahren, die sie nun schon zusammenarbeiteten, waren sie sich nah gewesen, aber nie so nah wie jetzt. So nah, dass der Hauch seines verführerischen Sandelholzduftes und seiner warmen Männlichkeit ihr die Sinne zu rauben drohte. Ihre Hände zitterten, als sie ausstieg. Und ihr Herz raste, als sie den Schlüssel in das Schloss steckte.

Verzweifelt versuchte sie sich daran zu erinnern, in welchem Zustand sie die Wohnung am Morgen verlassen hatte. Ja, es stimmte, sie war eine ordentliche Person. Aber sie war auch nur ein Mensch. Siedend heiß fiel ihr ein, dass sie am Morgen drei Slips zum Trocknen über die Wanne gehängt hatte. Was, wenn Riccardo die Toilette benutzen wollte?

Angie gab sich Mühe, Stolz auf ihr trautes Heim zu zeigen, und führte ihn ins Wohnzimmer. Jedoch kam sie nicht umhin, ihre Wohnung mit seinen Augen zu sehen. Ein winziger Raum mit abgenutztem Mobiliar, das sie mit ein paar bunten Schondecken aufzupeppen versucht hatte. Und obwohl sie mehrere Schichten Farbe auf die Wände aufgetragen hatte, schien die hässliche Prägetapete darunter immer noch durch. Oder ihre Küche, die aussah, als sei sie per Zeitmaschine aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts in ihre Wohnung transportiert worden.

Angies einziges Zugeständnis an das bevorstehende Fest waren ein paar Stechpalmenzweige in einem Emaillekrug. Sie hatte diese unten auf dem Markt gekauft und, der englischen Tradition folgend, als Weihnachtsschmuck auf den Tisch gestellt. Wenigstens brachten die dunkelgrünen Blätter und die roten Beeren etwas Farbe ins Zimmer.

„Ich muss nur, äh … ich gehe mal eben Kaffeewasser aufsetzen“, teilte sie ihm mit und flitzte los. Als der Kessel auf dem Herd stand, eilte sie ins Bad, schnappte die Unterwäsche von der Leine und stopfte sie rasch in den Trockenschrank. Dabei wurde ihr bewusst, wie erbärmlich doch ihre matte Wanne mit dem uralten Boiler darüber wirkte. Bitte lass ihn nicht das Bad benutzen wollen, betete sie.

Minuten später kam Angie mit dem fertigen Kaffee ins Wohnzimmer zurück. Riccardo stand nun am Fenster und blickte hinaus. Als er sich zu ihr umdrehte und sie sah, dass er seine Jacke ausgezogen hatte, fing ihr Herz unweigerlich an zu rasen. Er hatte sein Sakko lässig über die Sofakante gehängt, und noch nie war seine italienische Eleganz sichtbarer gewesen als hier, wo sie in krassem Kontrast stand zu ihrer bescheidenen Wohnung.

Ziemlich unbeholfen reichte sie ihm eine Tasse mit dem ausgeblichenen Aufdruck eines längst vergangenen nationalen Sportereignisses. Wie eben vieles in Angies Leben ausgeblichen war. Oder lag es nur daran, Riccardo hier stehen zu sehen – so kräftig und so voller Charisma – dass ihre Selbstzweifel sie so plagten?

Sie hatte erwartet, dass er eine höfliche Bemerkung über ihr Zuhause machen würde, aber er tat es nicht. Er wirkte nach wie vor leicht abgelenkt, wie schon seit Wochen, stellte sie fest. Eine Anspannung, die seine ohnehin ausgeprägte Wachsamkeit eines Alphamännchens noch verstärkte.

„Ist alles … in Ordnung, Riccardo?“, fragte sie ihn unsicher.

Er war mit den Gedanken ganz woanders gewesen, und seine Augen wurden schmal, als er sich mit einer großen Tasse Kaffee in der Hand in ihrem schäbigen Wohnzimmer stehend wiederfand.

„Warum fragen Sie?“

„Na ja, Sie scheinen ein wenig … ach, ich weiß nicht … ein wenig angespannt in letzter Zeit. Mehr als sonst.“

Er kniff die Augen argwöhnisch zusammen. Wollte sie ihn ausfragen? Über Dinge, die sie nichts angingen? Doch er konnte in ihrem Gesicht lediglich Besorgnis ablesen, so wie immer. Und konnte er nicht mit Angie reden wie sonst mit keiner anderen Frau? Schließlich war das Verhältnis zwischen Chef und Sekretärin einzigartig eng, ohne in irgendeiner Art intim zu sein.

Bei Angie konnte Riccardo sich aussprechen, konnte sie ihn doch mit ihrem gesunden Menschenverstand seine Sorgen vergessen machen. Er stellte seinen Kaffee, den er nicht einmal gekostet hatte, auf einen kleinen Beistelltisch und zuckte mit den Schultern.

„Nur ein paar Probleme zu Hause“, gab er zerknirscht zu.

Egal wie lange er bereits in London oder sonst wo auf der Welt gelebt hatte, sie wusste, dass Italien immer sein Zuhause sein würde. Und ganz besonders das Schloss in der Toskana.

„Hat es etwas mit der bevorstehenden Hochzeit ihrer Schwester zu tun?“, fragte Angie vorsichtig.

Seine Augen wurden noch schmaler, als er sie mit einem misstrauischen Blick ansah.

„Woher wissen Sie das?“

Angie ignorierte seinen anklagenden Ton. Sie wusste, wie ungeheuer zurückhaltend er bei Privatsachen war. Aber ihm war doch sicherlich klar, dass sie bei vielen seiner Telefonate genau verstand, worum es ging. Besonders wenn er die Beherrschung verlor. Oder brachte ihre allgemeine Unsichtbarkeit es mit sich, dass er selbst diese Tatsache verkannte?

„Ich habe gehört, wie Sie …“, begann sie zögerlich.

Sein düsterer Blick traf sie. „Wie ich was, Angie?“

„Wie Sie …“, stammelte sie hilflos, „… eine Auseinandersetzung hatten.“

Wütend schlug er mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel. „Sie meinen, als ich meiner Schwester gesagt habe, wie verdammt glücklich sie sein kann, dass sie sich einen Adeligen als Verlobten geangelt hat? Dass sie einen Duca gefunden hat, der sie zur Frau nehmen möchte? Sodass sie eines nicht so fernen Tages eine Duchessa wird!“

Angie starrte ihn bestürzt an. Was für ein schrecklicher Snob Riccardo doch manchmal sein konnte! Sie hatte seine rebellische und unternehmungslustige Schwester ein paar Mal gesehen und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich Floriana an ein Leben in der italienischen Aristokratie gewöhnen könnte.

Beim Blick in Riccardos ausdrucksloses Gesicht dachte Angie nur, was für ein furchterregender Bruder er sein musste. Der immerzu ein Machtwort sprach und Gehorsam einforderte. Sie hatte Mitgefühl mit Floriana. Ein Mitgefühl, das immerhin stark genug war, um Riccardos Schwester in deren Abwesenheit zu verteidigen. „Aber die gesellschaftliche Stellung dieses Mannes ist doch nicht so wichtig wie ihre Gefühle für ihn … Liebt sie ihn überhaupt?“

Riccardo spitzte die Lippen. „Oh bitte, nicht schon wieder, Angie. Ich dachte, ich hätte mich vorhin klar ausgedrückt, wie ich über ‚Liebe‘ denke. Aldo vergöttert Floriana. Er ist ein sehr wohlhabender Mann mit Stammbaum – und er hat sie vor allen Dingen auf die richtige Bahn gebracht, was auch dringend nötig war. Wir können uns alle geehrt fühlen, dass er meine Schwester auserwählt hat! Er wird ihr nämlich ein hervorragendes Zuhause bieten, während sie ihm ganz sicher einen Stammhalter schenkt“, sagte er abschließend.

Stammhalter?“, wiederholte Angie ungläubig.

„Sie haben ein Problem damit, stimmt’s?“

„Das scheint mir eben eine seltsam kaltherzige Sichtweise auf die Ehe zu sein.“

„Das ist nicht kaltherzig, es ist einfach nur praktisch“, blaffte er zurück. „Aber ich nehme an, Sie wissen das besser, nicht wahr, Angie. Sie mit ihrer ungeheuren Erfahrung in Sachen Ehe!“

Diese Bemerkung saß, und das war sicher auch so gewollt. Aber nun stieg erst recht die Empörung in Angie auf. Er hörte sich ja so an, als wolle er seine Schwester an den Höchstbietenden verschachern!

„Ist da nicht noch etwas Entscheidendes, das Sie vergessen haben?“, erkundigte sie sich höflich aber mit Nachdruck. „Sie reden so abschätzig von Liebe – aber was ist mit Leidenschaft? Kommt die gar nicht vor?“

Leidenschaft.

Das Wort trat in sein Bewusstsein wie ein Fels, den man in einen stillen Teich gerollt hatte, und löste eine Reaktion in ihm aus wie nach und nach sich ausbreitende Wellen auf dem Wasser. Es war ein Wort, das er aus dem Mund der unscheinbaren Angie nie erwartet hatte. Und doch schien es so herrlich angebracht, denn schließlich trug sie an diesem Abend eben die Farbe, die für Leidenschaft stand.

Als er seinen rasenden Puls spürte, wurde er schlagartig an seine Männlichkeit erinnert, wie es zuvor bereits im Restaurant geschehen war. Welche Verlockung, wenn er bedachte, dass seine Erinnerung an körperliche Lust schon beinahe verblasst war. Mit Schrecken machte er sich klar, wie lange er nicht mehr mit einer Frau im Bett gewesen war.

Und nun ertappte er sich dabei, wie er seinen Blick über das helle Dekolleté der Frau wandern ließ, die da vor ihm stand. Scharlachrote Seide auf weißer Haut.

„Leidenschaft?“, wiederholte er. Das Blut pochte ihm in den Schläfen. „Was wissen Sie denn von Leidenschaft?“

„Ich … ich lese Bücher“, antwortete sie schnell. Ihr war bewusst, dass sie nun vielleicht eindeutig die Grenze überschritten hatte.

„Nur Bücher?“, stichelte er vorsichtig.

Und ganz plötzlich merkte Angie, dass sich die Atmosphäre gänzlich geändert hatte. Eine düstere, fast schon gefährliche Stimmung, die aber gleichzeitig höchst aufregend war. Bildete sie sich das nur ein, oder hatte sich Riccardos schlanker Körper angespannt? Er wirkte auf einmal so wachsam, wie ein Athlet in Höchstform, der sich mental auf den bevorstehenden Lauf vorbereitete.

Er musterte sie mit seinen dunklen Augen, genau wie im Restaurant, als er sie in dem roten Kleid erblickt hatte. Aber jetzt, so stellte selbst sie fest, schien da noch etwas anderes in seinem Blick zu liegen. Etwas, das Begierde schon sehr nahe kam.

Ihre Sinne schärften sich, und sie spürte ihre Wangen erröten. Plötzlich fühlte sie sich der bizarren Situation, in der sie sich befand, nicht mehr gewachsen. Es war schlichtweg ein Fehler, dass Riccardo hier war. Immerhin wartete Marco noch unten im Wagen. Es kam ihr vor, als blicke sie in einen dunklen Wasserstrudel, in den man besser nicht springen sollte.

„Sehen Sie, es ist schon spät, und ich sollte Sie nicht länger aufhalten. Danke … vielen Dank für das Nachhausebringen, Riccardo“, sagte sie unsicher. „Und für das Kleid, natürlich. Es ist traumhaft.“ Aber selbst, als sie es aussprach, wusste Angie, dass sie das Kleid wahrscheinlich nie wieder anziehen würde. Wohin würde sie schon gehen, wo es gerechtfertigt wäre, so etwas zu tragen? Denn eigentlich hasste sie es aufzufallen.

„Es war mir ein Vergnügen“, erwiderte Riccardo. Er hatte Mühe, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber durch ihren unerwartet wehmütigen Gesichtsausdruck fühlte er sich plötzlich noch unbehaglicher. Sollte er ihr sagen, warum er ihr das Kleid geschenkt hatte? Ihr sagen, dass …

„Angie“, sagte er vorsichtig, als er das leichte Zittern ihrer Lippen bemerkte.

Nie zuvor hatte sie dieses Timbre in seiner Stimme wahrgenommen. „Ja?“, flüsterte sie, als sie ihren Blick hob und seine markanten Gesichtszüge betrachtete, die sie so sehr liebte.

Während er sich vom Anblick ihres offenen Haars hinreißen ließ, das ihn an Getreidefelder im Wind erinnerte, stieg ihm der betörende Duft ihres Parfüms abermals in die Nase. Ihre Augen waren heute dunkler als sonst, und auch ihre Lippen glänzten so provozierend wie nie zuvor.

Riccardo wusste, dass er dabei war, mit dem Feuer zu spielen, doch er schaffte es, nicht zu fliehen. Angies geschmeidiger Körper, eingehüllt in rote Seide, lockte ihn in einer Sprache, die so alt war wie die Menschheit selbst.

Und ganz plötzlich überkam ihn die Lust. Er gab sich der überwältigenden Begierde hin, sie in seine Arme zu reißen, obwohl er sich sagte, dass er einen großen Fehler beging und dass dies nicht passieren durfte. Und dass Angie, vernünftig wie sie war, es auch nicht geschehen lassen würde.

Doch Angie schien an diesem Abend nicht vernünftig sein zu wollen. Sie blickte ihm mit einem Ausdruck ins Gesicht, der seine eigenen Gefühle widerzuspiegeln schien, und grub dabei ihre Zähne in die Unterlippe, als versuche sie, ein dringendes Verlangen zu unterdrücken. Ein Verlangen, das er augenblicklich erkannte, denn es war sein eigenes. Und ganz unvermittelt senkte er seinen Kopf und küsste sie – und sie küsste ihn. Gerade so, als ginge es um Leben oder Tod.

4. KAPITEL

Riccardo fuhr mit seinen Lippen über die ihren, und Angie erschauderte unter dem süßen Druck seines Mundes. Der kraftvolle Kuss überstieg jede Fantasie, die sie davon gehabt hatte. Und davon hatte es, weiß Gott, mehr als genug gegeben.

Riccardo küsste sie! Millionen Sterne explodierten in ihrem Kopf, und heiß strömte das Blut durch ihre Adern. Träumte sie das alles?

Nein, keineswegs. Träume – egal wie realistisch – ließen einem das Herz nicht so heftig klopfen, dass man glauben mochte, von diesem Pochen zu zerspringen. Träume ließen einem nicht die Knie dermaßen zittern, als habe man nach wochenlangem Siechtum das Bett erstmals wieder verlassen. Und Träume beschworen auch nicht so lebhaft die Empfindung herauf, die einen durchfuhr, wenn einem der umwerfende Chef mit seinen kräftigen Händen über den ganzen Körper fuhr, als hätte er jedes Recht dazu.

Leise stöhnte Angie auf. Sie konnte nicht glauben, dass dies wirklich passierte. Sie konnte einfach nicht fassen, dass sie in Riccardo Castellaris Armen lag und so feurig geküsst wurde. Angie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Es hätte sich eigentlich völlig falsch anfühlen sollen. Doch konnte sie sich an nichts erinnern, das sich jemals dermaßen richtig angefühlt hatte.

Während er ihren Po streichelte, ergriff sie wollüstig seine Schultern und presste sich hingebungsvoll an seine kräftige Statur. Sie war nicht mehr in der Lage, ihre Lust zu verbergen. „Oh!“

„Gefällt dir das?“, stieß er hervor, als er seine Lippen von ihren löste.

„Oh ja. Ja!“

Beinahe hilflos schloss Riccardo die Augen und presste sich noch stärker an sie, bis er an seinen Rippen ihre weichen Brüste spürte, deren erotische Aufforderung ihn völlig überraschte. Da er nicht geplant hatte, sie zu küssen, hatte er auch unmöglich die Intensität erahnen können, mit der sein Körper auf diesen Kuss reagierte.

Eigentlich hätte er sich jetzt von Angie losreißen sollen. Die aufgeheizte Atmosphäre hätte er auf den Champagner und die süßliche Weihnachtsstimmung schieben können. Nur verhielt es sich so, dass ihm überhaupt nicht danach war. Im Gegenteil! Sein Verlangen steigerte sich rasend schnell und verlangte danach, gestillt zu werden.

„Riccardo“, stieß Angie schwer atmend an seinem Ohr hervor.

Es war diese Art, wie sie seinen Namen flüsterte, die sein Schicksal besiegelte. Davor wäre er vielleicht noch in der Lage gewesen, das törichte Treiben auf der Stelle zu beenden, aber ihr Stöhnen kam einem Angriff auf seine Sinne gleich.

„Was?“, fragte er heiser.

Die verwegenen Worte schienen wie von selbst über ihre Lippen zu kommen – aber wie konnte es auch anders sein, wenn sie sie schon eine Ewigkeit lang unterdrückt hatte? „Ich … ich will dich.“

„Jetzt?“, murmelte er und lächelte heimlich in ihr duftendes Haar. Zwar wusste er, dass er sich beherrschen sollte, immerhin war sie seine Sekretärin! Aber ihre aufrichtige Kapitulation war wie ein Freibrief für ihn.

Plötzlich war alles egal. Jetzt, da sie sich so hemmungslos an ihn drückte, zählte nichts so sehr wie der Drang, sie einfach nur zu besitzen. Herauszufinden, ob ihr Körper wirklich so aufregend war, wie das scharlachrote Kleid versprach. Dieses Kleid, das ihm schon den ganzen Abend lang die Sinne geraubt hatte.

Verführerisch begann Riccardo, seine Hüften zu bewegen. Angie hauchte in seinen Mund, als er seine Hand unter ihr Kleid schob. Dabei spürte er, wie sie in williger Erwartung erbebte. Er umfasste eine Brust und streichelte die aufgerichtete Knospe.

Angie stöhnte laut auf. In Ekstase fuhr sie mit ihren Fingernägeln über seinen Rücken und grub sie durch das zarte Seidenhemd hindurch in sein warmes Fleisch.

Riccardos Herz hämmerte wie wild. Ein weiteres Mal rief ihn seine innere Stimme zur Vernunft, diesen Wahnsinn augenblicklich zu beenden. Doch sein Verlangen wurde immer stärker. Sobald er damit angefangen hatte, den glatten, seidigen Stoff von Angies Kleid hochzuschieben, gab es kein Halten mehr.

Genüsslich ließ er seine Finger über ihren erregend straffen Po wandern. Die Strumpfhose, die sie trug, verhinderte jedoch, dass er sich zu einer noch aufregenderen Körperregion vortasten konnte.

Riccardo ließ von Angies Lippen ab, sah an ihr hinunter und hakte einen Finger ganz ungeniert im Bund ihrer Strumpfhose fest. „Ich finde, wir sollten die besser ausziehen, was?“, fragte er, und sein Atem ging schwer.

Angie war so erregt, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, geschweige denn sprechen. Ihre Lippen waren trocken, und ihr Herz pochte wie verrückt. Dennoch begann eine Alarmglocke in ihr zu schrillen.

Konnte er nicht einfach weitermachen? Sie einfach hier an Ort und Stelle entkleiden, ohne dass sie ihm erst die Erlaubnis dafür geben musste? Schließlich wollte sie sich von Leidenschaft treiben lassen und nicht von kühler Logik. Denn nur so würde ihm nicht auffallen, wie unerfahren sie war.

Und dann dachte Angie darüber nach, wie es wohl wäre, wenn Riccardo sie wirklich komplett entkleidete. Sie hatte nachmittags noch eine extra feine Strumpfhose passend zum freizügigen Seidenkleid gekauft. Eine, die einen flachen Bauch zauberte. Das Letzte, was Angie sich hatte vorstellen können, war, dass Riccardo sie ihr auszog! Wäre er wohl enttäuscht zu sehen, dass sie ein kleines Bäuchlein darunter versteckte?

Und die schmeichelhafteste Bemerkung, die sie je über ihre Hüften gehört hatte, war „gebärfreudig“. Wie würde sie denn dastehen, im Vergleich zu den perfekten Körpern der Supermodels, mit denen er sonst ins Bett ging? Angie zitterte halb vor Furcht, halb vor Erregung. Denn Riccardo berührte nun ihre nackte Haut.

Da er auf seine Frage keine Antwort erhalten hatte, ließ er von der Strumpfhose ab und vergrub seine Finger in ihrem vollen Haar. In wilden Strähnen fiel es über seine Hände. Angies Erregung erreichte kaum gekannte Ausmaße, als er seinen Kopf senkte und mit seinen Lippen ihr Schulterblatt liebkoste.

„Du bist auf einmal so still, cara mia.

Die seidenweichen Worte klangen aus seinem Mund wie Poesie. Und dann noch dieser Kuss … unerträglich schön. Sich vor Lust windend schluckte Angie ihre Selbstzweifel hinunter. Es war ihr jetzt egal, dass sie diese komische Strumpfhose trug. Egal waren ihr auch die anderen Frauen. Und ebenso die Tatsache, dass sie sich in ihrer winzigen, schäbigen Wohnung befanden und nicht an einem der mondänen Orte, die Riccardo gewohnt war.

Alles, was jetzt zählte, war Riccardo, der einzige Mann, der in ihrem Leben jemals eine Bedeutung gehabt hatte. Nur durfte er das nicht erfahren. Zumindest nicht heute!

Sie presste ihre Lippen an sein Ohr. „Ja, zieh sie aus“, flüsterte sie.

In seiner Erregung schaute er sich um. Sollte er sie etwa hier ausziehen? Da stand ein kleines Sofa, und auf dem Boden lag ein ziemlich abgewetzter Teppich. Wenn es irgendwo auf der Welt ein Zimmer gab, das das genaue Gegenteil von Erotik ausstrahlte, dann war es wohl dieses. „Lass uns ins Bett gehen“, sagte er mit Nachdruck. „Komm, zeig mir, wo es langgeht.“

Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Schlafzimmer. Ihr Herz galoppierte vor Aufregung und Furcht, denn obwohl Angie sich dagegen wehrte, sah sie auch dieses Zimmer plötzlich mit Riccardos Augen. Doch dieser schien die Einrichtung gar nicht zu beachten. Er zog Angie in seine Arme und betörte sie ein weiteres Mal mit seinen Küssen, bevor er sich erneut ihrem Kleid widmete.

„Also … wo war ich stehen geblieben?“

Äußerst geschickt öffnete er den Reißverschluss ihres Kleides, das sich augenblicklich in ein rotes Knäuel zu ihren Füßen verwandelte. Als Nächstes kam ihr BH an die Reihe. Was Angie ein wenig einschüchterte, war die ungeheure Fingerfertigkeit, mit der er diesen in Sekundenschnelle öffnete und auf den Boden warf. Nur für die Strumpfhose brauchte er etwas länger. Doch schließlich flog auch diese in hohem Bogen durchs Zimmer, bevor er ihre entblößte Haut mit einer Spur feuchter Küsse bedeckte.

Angie schnappte nach Luft, als er ihren Bauch erreichte. Es war kaum fassbar, dass er vorhatte, seine erotische Reise auf ihrem Körper fortzuführen. Und schon waren Riccardos Lippen an ihrer intimsten Stelle angelangt. Sie stöhnte heftig auf und begann am ganzen Leib zu zittern. Es hätte sie eigentlich beschämen sollen, dass ihr Chef so intime Sachen mit ihr anstellte. Doch Angie empfand nichts als schiere Lust, als er sie aufs Bett drückte.

War dies nicht genau das, wovon sie die letzten vier Jahre geträumt hatte? Hastig griff sie nach seinem Hemd und versuchte umständlich, es zu öffnen. Bildete sie sich das nur ein, oder war da wirklich ein Knopf abgesprungen und auf den Boden gehüpft?

„Ah, cara. Lentamente … sachte, sachte …“ Riccardo lachte leise. Überrascht und weiter angeheizt von ihrer Ungeduld legte er Brieftasche, Handy und Schlüssel auf dem Nachttisch ab. „Du musst dich noch ein bisschen gedulden.“

Aber Angie wollte nicht warten. Es kam ihr vor, als habe sie soeben einen Regenbogen gesehen. Sie fühlte sich geblendet von dessen zerbrechlicher Schönheit, wusste aber wohl, dass er jeden Moment verschwinden konnte. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war, dass Riccardo es sich anders überlegte. Wenn sie schon dazu bestimmt war, weiterhin allein durchs Leben zu gehen, dann doch wenigstens mit der süßen Erinnerung an diese eine herrliche Nacht.

Mit einer Verwegenheit, die sie selbst überraschte, ergriff Angie Riccardos Gürtelschnalle und machte sich daran zu schaffen. Stöhnend ergriff er ihre Hände und zog sie beiseite.

„Nicht!“, entfuhr es ihm.

„Aber …“

„Lass das besser mich machen, sonst könntest du mir wehtun“, protestierte er. Eilig zog Riccardo den Reißverschluss nach unten, beförderte die Hose mit einem Fußtritt zur Seite und entledigte sich rasch seiner übrigen Kleidung.

Im Nu stand er splitternackt vor Angie. Dann legte er sich neben sie aufs Bett. Angesichts des zusätzlichen Gewichts wölbte sich die dünne Matratze ungewöhnlich stark nach unten durch. Angie genoss es, wie Riccardos muskulöse Arme und Beine sie umschlangen, und sie erahnte die ungeheure Manneskraft, die auf sie zukommen würde.

„Riccardo“, flüsterte sie. Riccardo lag in ihrem Bett und in ihren Armen. Sie wollte ihn fragen, ob sie beide dies alles vielleicht nur träumten. Aber ihr fehlten einfach die Worte.

Nachdem er ein Kondom übergestreift hatte, begann Riccardo, sie erneut zu küssen, und Angies Verlangen steigerte sich, bis es beinahe unerträglich war. Schließlich ließ er seinen nackten Körper auf sie sinken. Als sie seine heiße Männlichkeit in sich spürte, stieß sie einen leidenschaftlichen Schrei aus.

Auf der Stelle hielt er inne, und sein fragender Blick durchbohrte sie. „Sag mir jetzt bitte nicht, dass ich der Erste bin“, forderte er sie mit einem Schaudern in der Stimme auf.

Angie spürte, dass etwas Unheimliches in der Luft lag. Etwas, das die zerbrechliche Schönheit des Augenblicks zu zerstören drohte. „Nein“, flüsterte sie. „Natürlich nicht.“

Riccardo verzog seine Lippen kurz und nahm seine rhythmischen Bewegungen wieder auf. Um Angie zappeln zu lassen. Um sie zu quälen. Um sie an den Rand des Wahnsinns zu treiben und dann aufzuhören. Er ließ sie all die Techniken kennenlernen, für die ihn die Frauen so schätzten, bis sie ihn anflehte weiterzumachen. Und diese in sein Ohr gehauchte Bitte war es dann schließlich, die Riccardo dazu brachte, sich leidenschaftlich gehen zu lassen.

Ihre Erregung steigerte sich noch einmal, sie schrie leise auf, und er spürte, wie ein gewaltiges Beben ihren gesamten Körper erfasste. Jetzt war es an ihm. Das unbeschreibliche Wohlgefühl, das ihm die Explosion seiner Sinne bereitete, schöpfte er aus bis zur Neige. Auch wenn es ihn ängstigte, sich fallen zu lassen. Denn dieser Moment war der einzige überhaupt, in dem sein starker Körper mit so etwas wie Schwäche konfrontiert wurde.

Einen Moment lang lag Riccardo einfach nur da. Er spürte, wie Müdigkeit ihn überfiel, so wie es ihm jedes Mal widerfuhr, ganz gleich, wie sehr er sich dagegen wehrte. Und dieses Mal lag ihm ganz besonders viel daran, nicht einzuschlafen. Er legte wahrhaftig keinen Wert darauf, am nächsten Morgen neben seiner Sekretärin aufzuwachen.

Doch seine Glieder waren schwer und träge geworden, und sobald sich seine Augenlider senkten, war ihm bewusst, dass er diesen Kampf verlieren würde. Ist das die Methode, mit der die Natur sicherstellt, dass ein Mann in der Nähe der Frau bleibt, mit der er soeben Liebe gemacht hat, fragte Riccardo sich schlaftrunken.

Neben ihm verharrte Angie vollkommen regungslos, bis sein gleichmäßiges Atmen ihr verriet, dass er eingeschlafen war. Auch dann wagte sie nicht, sich zu rühren, da sie Angst hatte, ihn aufzuwecken und den Zauber zu zerstören. Denn ganz sicher hatte eine besondere Magie die Dinge an diesem Abend gefügt. Wie sonst war es zu erklären, dass ihr geliebter Riccardo neben ihr lag, nackt und zufrieden, nachdem er sie geliebt hatte, wie … wie …

Angie schluckte. Es war die wundervollste Erfahrung ihres Lebens gewesen. Wie sie es sich immer vorgestellt hatte, nur noch viel schöner. Jahrelang hatte sie geglaubt, in Riccardo verliebt zu sein, aber nun, da sie ihm tatsächlich so nahe gekommen war, verstärkte sich dieses Gefühl um das Tausendfache.

Angie bekam wieder Herzrasen. Denn sie wagte zu hoffen, dass ihre Gefühle nicht auf Einseitigkeit beruhten. Niemals hätte dieses berauschende Erlebnis so wunderschön sein können, wenn es sich nicht so verhalten würde. Oder?

Verschwommen zeichnete sich eine gefleckte Zimmerdecke in Riccardos Blickfeld ab. Reflexartig schloss er die Augen wieder. Aber als er sie kurz darauf abermals öffnete, war die Decke immer noch da. Und nicht nur die, sondern auch …

Einen Moment lang hielt er den Atem an, als er bemerkte, dass jemand neben ihm lag. Und er erstarrte, als er sich daran erinnerte, wer es war.

Angie!

Die Ereignisse des Vortages kamen wie eine dunkle, unliebsame Woge über ihn herangerollt. Das Kleid. Die Weihnachtsfeier. Der Champagner nach dem langen Flug. Und dann kaum etwas gegessen. Dieses verdammte Kleid! Und dann hatte er sie auch noch nach Hause gebracht und war über sie hergefallen. Und sie hatte ihn ohne Vorbehalte gewähren lassen.

Das Herz hämmerte ihm in der Brust, als er so da lag, immer noch nicht ganz wach. Endlich riskierte Riccardo einen Blick zur Seite, darauf bedacht, Angie nicht zu wecken.

Ohne das Kleid hatte sie nur noch wenig Ähnlichkeit mit der Sirene vom vergangenen Abend, sie sah vielmehr aus wie die Angie, die er kannte. Ihr Kopf lag tief im Kissen eingesunken, ihr Gesicht war leicht gerötet, und die Bettdecke war etwas nach unten gerutscht, sodass er eine kleine, rosige Brustspitze sehen konnte.

Panik erfasste ihn. Immerhin war soeben sein schlimmster Albtraum wahr geworden.

Er lag nackt im Bett mit seiner Sekretärin!

Einen Moment lang ließ er sich zu Gedanken hinreißen, wie er sie bald für immer aus seinem Kopf verbannen müsste. Die Erinnerung an ihre weiche Haut, ihre ungekünstelte Wonne bei jeder seiner Berührungen. Die Art, wie sie ihn geküsst hatte – als hätte sie das Küssen gerade erst für sich entdeckt. Mit Entschlossenheit verbat er sich jeglichen erotischen Gedanken.

Und jetzt?

Ganz, ganz behutsam schob er ein Bein in Richtung Bettkante, als er bemerkte, wie sie sich neben ihm rührte. Auf der Stelle hielt er inne.

„Morgen“, murmelte Angie heiser.

Riccardo gefror fast das Blut in den Adern. Da lag so eine liebestrunkene Note in ihrer Stimme. Dahingehaucht, als sei sie immer noch ganz vernarrt in ihn. Aber das kannte er ja. Frauen benutzten diese Masche immer, wenn sie mit ihm im Bett gewesen waren. Und er wusste sich einfach nicht dagegen zu wehren.

Mental auf ihre Kulleraugen vorbereitet, drehte er sich zu ihr um. Es war ja nicht ihre Schuld, dass sie so empfand. Frauen waren eben darauf konditioniert, anders zu reagieren als Männer. Das war allseits bekannt.

Wenn sie erst einmal erfahren hatten, wie es war, von ihm in Ekstase versetzt zu werden, hatten sie die verrücktesten Vorstellungen. Aber mit geschickter Vorgehensweise konnte man mit diesen falschen Vorstellungen aufräumen. Er musste nur vorsichtig sein, denn er respektierte Angie sehr.

Als seine Sekretärin!

„Morgen.“ Sein Lächeln war kurz und oberflächlich. Und, das war das Wichtigste: völlig unverbindlich. Es war diese Art Lächeln, die er aufsetzte, wenn er ein paar Minuten zu spät zu einer Vorstandssitzung kam.

Er beugte sich über sie und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze. Damit vermittelte er ihr gerade das passende Maß an unbekümmerter Zuneigung, um sie wissen zu lassen, dass er nicht allzu schlecht von ihr dachte. Ohne ihr jedoch falsche Hoffnungen zu machen, dass das Ganze zu etwas führen könnte. Denn das würde es auf keinen Fall. Und je früher sie es begriff, desto besser.

Er schob die Decke zur Seite und schwang seine langen Beine aus dem Bett. Angies Schlafzimmer hatte letzte Nacht keineswegs beengt gewirkt, jetzt kam es ihm plötzlich vor wie ein winziger Käfig.

Angie schaute ihn an. „Du stehst doch jetzt nicht auf?“

„Ich muss mal ins Bad.“

Angie grinste. Natürlich, ins Bad. Und wie intim das klang. „Gleich die erste Tür …“

„Na, ich denke, das hätte ich gerade noch selbst herausgefunden“, entgegnete er trocken.

Es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, dass er nackt war. Angie lag da und beobachtete ihn, wie er aus dem Zimmer ging. Ihr Blick klebte an seiner muskulösen Statur. Von seinen dunklen, behaarten Beinen hoben sich sichtbar die blassen Pobacken ab, die eindeutig bewiesen, dass er in der Sonne gewesen war.

Sie hätte sich schüchtern, ängstlich und verunsichert fühlen sollen … aber sie tat es nicht. Wie auch? Schließlich hatte Riccardo sie in der vergangenen Nacht in nie für möglich gehaltene Höhen der Lust entführt. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich wie eine echte Frau. Riccardo lief nackt durch ihre Wohnung, und für ihn schien es das Natürlichste auf der Welt zu sein.

Angie hätte jetzt gern Zeit zum Zähneputzen gehabt. Sie fuhr mit ihren Fingern durch ihr zerzaustes Haar, schlug die Kissen auf und setze sich so anständig wie nur möglich in Positur. Wenn er sie jetzt nur noch einmal küssen würde!

Doch als er ins Zimmer zurückkehrte, musste sie mit großer Enttäuschung feststellen, dass er die seidenen Boxershorts vom Boden aufhob. Es sah ganz danach aus, als wollte er sich nun anziehen.

Sie setzte sich kerzengerade auf, während ihre Alarmglocken Sturm läuteten. „Du … du … gehst doch jetzt nicht etwa … oder?“

„Ich muss.“ Es ging nicht anders. Riccardo musste wieder klare Gedanken fassen und sich aus dieser Situation retten. Er musste wieder zu seinem normalen Leben zurückfinden. Denn auch wenn er es genossen hatte, so würde Angie doch wohl einsehen, dass diese Eskapade einen bedauernswerten Fehler darstellte. Das Beste war, die Erinnerung an den Abend auszulöschen, solange sie noch frisch war.

Die Bettdecke war Angie bis zur Taille gerutscht, und das offene Haar fiel ihr wie eine honigfarbene Mähne auf die Brust – sodass Riccardo für den Bruchteil einer Sekunde wieder vergaß, dass er es mit seiner unscheinbaren Sekretärin zu tun hatte.

Und dieser Bruchteil einer Sekunde reichte aus, um ein neuerliches Verlangen in ihm zu wecken, das seinen gesamten Körper überfiel. An Angies weit geöffneten Augen konnte er erkennen, dass ihr dies nicht entgangen war.

„Musst du wirklich gehen?“, flüsterte sie. All ihr Stolz war verschwunden. Was sie wollte, war wieder in seinen Armen zu liegen.

Riccardo presste die Lippen aufeinander, als ihm die Herausforderung in ihrer Stimme bewusst wurde. Ihm wurde plötzlich klar, dass Angie keineswegs die Unschuld in Person war, für die er sie gehalten hatte, sondern eine erwachsene Frau mit ihren eigenen Bedürfnissen.

„Wenn du mich weiterhin mit diesen großen Augen ansiehst und deine schönen Brüste so zur Schau stellst, dann kann ich mich vielleicht gar nicht mehr von dir losreißen, mia bellezza.“

Ein unbekanntes Funkeln in seinen schwarzen Augen versetzte sie in gespannte Erwartung, die ihr eine Gänsehaut bereitete. Nun schob Angie alle Bedenken beiseite. Sie wollte ihn, und er wollte sie. Warum sollte sie ihm also nicht beweisen, dass sie ihm in Sachen Liebeslust in nichts nachstand, auch wenn er ihr Chef war?

„Also, worauf wartest du?“, forderte sie ihn keck heraus.

Einen Moment lang herrschte Stille. Er ließ die Shorts wieder fallen, ging zu ihr hinüber und blieb vor dem Bett stehen. Ein kurzer Blick genügte, und er hatte die einladenden Augen, die halb geöffneten Lippen registriert. Und wie erst erregten die rosigen Knospen ihrer Brüste seine Aufmerksamkeit! Er wollte jetzt plötzlich nichts sehnlicher, als sie zärtlich zu liebkosen.

Wie ein Torero sein Tuch schleuderte Riccardo die Bettdecke zur Seite. Er sprang zu Angie ins Bett und setzte sich auf sie. Mit hungrigem Blick sah er sie an, dann umfing er sie mit seinen Armen.

„Riccardo!“, stieß Angie atemlos hervor, als er sie gegen die Matratze drückte.

„Riccardo!“, wiederholte er spöttisch. Er war plötzlich wütend geworden. Auf sie und auf sich. Wütend, dass er sich einfach so der Versuchung hingegeben hatte, obwohl er fest entschlossen gewesen war zu gehen. Sein klarer Menschenverstand sagte ihm, dass sein Treiben hier diesen Wahnsinn nur noch in die Länge ziehen würde.

Aber Begierde machte jeden Mann schwach. Und ganz gleich, wie sehr er wusste, dass er jetzt zur Tür hinausgehen sollte – nichts schien ihn davon abhalten zu können, mit seinen Lippen weiter Angies Brüste zu liebkosen. „Genau das wolltest du doch, oder?“ Er genoss, wie sie sich unter ihm vor Lust wand. Seine Hand glitt weiter an ihrem Körper herab, bis seine Finger in ihre wohlige Wärme eintauchten. „Oder?“

„Ja. Ja.

„Und das hier auch?“

Angie schloss die Augen. Ihr Herz raste wie wild. „Ja.“

„Und das?“ Seine Finger liebkosten sie immer heftiger. „Und was ist hiermit?“

„Ja, das weißt du doch!“ Atemlos blendete sie alle Zweifel aus. Es war einfach nur herrlich, noch einmal Riccardos Körper spüren zu dürfen. Diese Wonne, mit ihren Handflächen über die harten Oberschenkel zu streichen, während er sie küsste! Einfach unbeschreiblich, wie er sich auf sie legte und kraftvoll in ihr williges Fleisch eindrang. Wie er es wieder schaffte, sie in Ekstase zu bringen, bis sie ihren Verstand in einem Feuerwerk der Sinne vollends verlor. Und schließlich die Zärtlichkeit, die er ihr schenkte, um ihren Pulsschlag wieder zu beruhigen.

Noch zitternd streckte sie ihre Hand nach ihm aus. Ihr war jetzt nach einer anderen Art Intimität, und sie suchte von ihm Bestätigung, dass sie nicht soeben einen furchtbar dummen Fehler begangen hatten. „Riccardo …“

Ein Nerv zuckte auf seiner Wange, die sie streichelte. „Mmm?“

„Das war … das war …“

Er gab ihr schnell einen Kuss auf die Stirn und wandte sich von ihr ab. „Es war toll mit dir, piccola – aber das hätte uns nie passieren dürfen.“

Zuerst dachte sie, er mache Scherze, wolle sie aufziehen. Aber ein Blick auf den sturen Gesichtsausdruck, der ihr so schrecklich vertraut war, genügte. Er meinte es todernst, auch wenn sie nicht genau wusste, was er damit sagen wollte. Er stand auf.

„Du gehst?“

Diesmal zog Riccardo die Shorts tatsächlich an, wie auch die restlichen Kleidungsstücke. Er seufzte kaum hörbar, als er sein völlig zerknittertes Seidenhemd über die breiten Schultern zog.

„Ich muss.“

Er sagte nicht warum, und Angie begann, in Gedanken seinen Terminkalender durchzugehen. So weit sie sich erinnern konnte, hatte er heute keine Verpflichtungen.

Sie setzte ein breites Lächeln auf. „Wollen wir denn nicht noch … zusammen frühstücken?“

Er stellte sich betretenes Schweigen an ihrem schäbigen Tisch vor, das die ganze Sache nur unnötig in die Länge ziehen würde, und konnte gerade noch ein Schaudern unterdrücken. „Verlockend“, murmelte er, „aber ich habe leider keine Zeit.“

„Ach so? Hast du heute noch zu tun?“, hakte sie nach, obwohl sie sich dafür hasste. Schon als sie es aussprach, registrierte sie eine neue, zerbrechliche Note in ihrer Stimme. Die alte Angie wäre bei einer solchen Frage nie so verlegen geworden. Und hätte erst recht nicht so sehr auf eine Antwort gehofft.

Ohne zu antworten ging Riccardo ins Wohnzimmer, wo er nach seiner Jacke griff, die immer noch ordentlich über der Sofalehne hing. Er schlüpfte hinein und sah Angie vor sich stehen, die ihm barfuß aus dem Schlafzimmer gefolgt war. Während sie ihn beobachtete, band sie den Gürtel ihres glänzenden Kimonos zusammen.

Er hatte immer noch keine Ahnung, wie er ihr schonend zu verstehen geben sollte, dass das Ganze ein Ausrutscher gewesen war.

„Es ist so, Angie … ich hatte durchaus viel Spaß …“

Doch Angie war nicht komplett begriffsstutzig. Und sie kannte Riccardo lange genug, um zu erkennen, wann er jemandem eine Abfuhr erteilte. Sein Sinneswandel kränkte sie, doch sie versuchte, dies mit einer knappen Frage zu überspielen. „Was ist mit Marco?“

„Marco?“, fragte er verständnislos.

„Dein Fahrer. Schon vergessen? Wir haben ihn letzte Nacht im Wagen sitzen lassen.“

Kurzes Schweigen. „Marco kommt schon allein zurecht.“

Angie ging zum Fenster. Sie fragte sich, was die Leute wohl von der Limousine mit Chauffeur denken würden, in dieser engen, viel befahrenen Straße. „Er ist nicht mehr da!“

„Selbstverständlich ist er nicht mehr da. Er wartet normalerweise … ähm …“

Angie drehte sich um, ganz langsam. „Wartet normalerweise auf was, Riccardo?“

Riccardo wickelte seine Seidenkrawatte zusammen und steckte sie in die Jackentasche. „Nichts.“

„Nein, bitte – das würde ich jetzt gern wissen“, erwiderte sie. „Oder soll ich raten? Habt ihr etwa eine Zeit ausgemacht für deine nächtlichen Abenteuer? Sodass er weiß, dass du erfolgreich warst, wenn du bis dahin nicht zurückkommst?“

Riccardo blieb trotz ihres anklagenden Tons gelassen. „Das sind deine Worte, Angie, nicht meine.“

Sie errötete. „Also habe ich recht.“

Er presste die Lippen aufeinander. Hoffte sie, dass er sich jetzt schlecht fühlte? Nun, warum zum Teufel sollte er? Sie war doch diejenige gewesen, die ihn praktisch angebettelt hatte. Die ihn den ganzen Abend lang aufgereizt hatte mit ihren übereinandergeschlagenen Beinen.

„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich so etwas zum ersten Mal mache?“, nuschelte er. Sein Blick musterte sie und verharrte auf ihrem schönen Busen unter dem Kimono. „Und du doch wohl auch nicht, nehme ich an.“

Angie zuckte mit den Schultern. „Es gibt keinen Grund, mich hier wie ein Flittchen stehen zu lassen.“

Er zog die Schultern hoch. „Noch einmal – deine Worte, nicht meine. Wie sagt ihr noch in England so schön … ‚Wem der Schuh passt …‘?“

Sie wollte auf ihn losgehen und ihm eine Ohrfeige verpassen … aber was würde das schon bewirken? Als ob eine Frau es je schaffen könnte, einem Mann wie Riccardo Schmerz zuzufügen. Tief verletzt öffnete Angie den Mund, um ihre Ehre zu verteidigen, doch schloss ihn gleich wieder.

Es hatte keinen Zweck. Sie hätte sich den Mund fusselig reden können, aber es wäre reinste Zeitverschwendung gewesen. Riccardo glaubte sowieso nur, was er wollte. Wie immer. Genauso wie er glaubte, dass seine Schwester einen Adligen heiraten sollte, den sie nicht liebte!

Angie hob stolz den Kopf. „Ich denke, du solltest jetzt wirklich besser gehen.“

Riccardo blieb regungslos stehen. Seine Augen wurden schmal, als er ihre Wut bemerkte. Er überlegte, wie er sie beschwichtigen konnte. Denn es lohnte sich einfach nicht, eine große Sache daraus zu machen. Und ganz bestimmt lohnte es sich nicht, die perfekte Arbeitsbeziehung zwischen ihnen aufs Spiel zu setzen.

Auch Angie würde einen gut bezahlten Job nicht einfach hinwerfen, nur weil sie sich nach ein paar Drinks nicht mehr ganz unter Kontrolle gehabt hatten. In ein paar Tagen würde sie sich wahrscheinlich insgeheim erleichtert fühlen, dass er Vernunft hatte walten lassen.

Riccardo versuchte, die Anspannung mit einem seltenen, gutmütigen Lächeln zu lösen. „Sieh mal, lass es uns einfach vergessen, ja?“

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