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Wo der Lavendel blüht / Geständnis auf Mauritius / Die Braut des Anderen / Mein glutäugiger Verführer

Kate Hewitt

Wo der Lavendel blüht

1. KAPITEL

Nach dem Applaus legte sich erwartungsvolle Stille über den Konzertsaal und füllte den großen Raum mit einer elektrisierenden Atmosphäre.

Auf der Bühne des Salle Pleyel in Paris atmete Abigail Summers noch einmal tief durch, hielt die Finger über die Klaviatur des Konzertflügels, schloss die Augen und begann zu spielen.

Die Klänge von Beethovens Klaviersonate Nr. 23 flossen aus ihrer Seele in ihre Finger, ergriffen Besitz von ihrem Körper und ihrem Geist. Der ausverkaufte Saal existierte nicht mehr für sie, die Masse des Publikums verblasste. Sieben Jahre als Konzertpianistin und lebenslanger Unterricht hatten sie gelehrt, sich ausschließlich auf die Musik zu konzentrieren.

Und doch, mitten in der Appassionata, wurde sie … sich bewusst. Anders ließ es sich nicht beschreiben. Jemand beobachtete sie. Natürlich, da saßen Hunderte von Menschen im Saal, die sie beobachteten, doch dieses Gefühl hier war anders. Er – instinktiv wusste sie, dass diese Ausstrahlung von einem Mann ausging – war anders. Einzigartig. Sie spürte seinen Blick, auch wenn sie nicht wusste, warum.

Und wer er überhaupt war.

Obwohl ihre Haut prickelte und ihre Wangen erröteten, hob sie nicht den Kopf, sondern spielte weiter, während ihr Körper eine sinnliche Freude empfand, die sie so noch nie vorher erfahren hatte. Sie konnte sich ja nicht einmal sicher sein, ob ihre Wahrnehmung auf einer realen Ursache basierte. Daher wünschte sie plötzlich, das Stück endlich zu Ende zu bringen, damit sie aufschauen und herausfinden konnte, wer sie ansah.

Die Musik floss weiterhin aus ihren Fingern, doch mit dem losgelösten Teil ihres Geistes fragte sie sich, wie so etwas möglich war. Noch nie hatte sie sich gewünscht, ein Musikstück möge zu Ende sein, und noch nie war ihr die Aufmerksamkeit eines Einzelnen aus dem Publikum vorgekommen wie ein Scheinwerfer, der direkt auf ihrer Seele lag.

Wer war er?

Oder bildete sie sich nur ein, dass dort jemand saß? Jemand Außergewöhnliches, auf den sie ihr ganzes Leben gewartet hatte?

Die letzten Noten verklangen, und Abby schaute auf.

Sie erblickte ihn sofort, trotz der gleißenden Bühnenscheinwerfer und des weiten Ozeans verschwommener Gesichter. Es war, als würden ihre Augen magisch von ihm angezogen. Ihm schien etwas Magnetisches anzuhaften, selbst ihr Körper spürte den unwiderstehlichen Sog.

Er sah sie unverwandt an, und einige wenige Sekunden hatte ihr Bewusstsein Zeit, Details zu registrieren: ein dunkler Schopf, das Haar etwas zu lang, ein markantes Gesicht wie gemeißelt, und einfach unglaublich blaue Augen. Leuchtend. Intensiv. Brennend.

Das Rascheln von Konzertprogrammen drang an ihre Ohren. Leichte Unruhe lief durchs Publikum. Abby hätte längst mit dem nächsten Stück beginnen sollen, eine Fuge von Bach. Stattdessen saß sie hier reglos, wie benommen, versunken in die eigenen Gedanken.

Den Luxus, sich weitere Fragen zu stellen, konnte sie sich nicht leisten, auch blieb ihr keine Zeit, nach Antworten zu suchen. Mit einem tiefen Atemzug nahm sie sich zusammen und zwang sich, an nichts anderes als die Musik zu denken, an deren einzigartige Schönheit.

Sie schlug die Tasten an, das Publikum lehnte sich mit einem unhörbaren Seufzer in die Sitze zurück, und noch immer war ihr Bewusstsein auf ihn ausgerichtet.

Und sie fragte sich, ob sie ihm je wieder begegnen würde.

Jean-Luc Toussaint saß auf seinem Platz, jeden Muskel angespannt. Er war erfüllt von einer ahnungsvollen Erwartung, von Hoffnung – ein Gefühl, das er seit Monaten nicht mehr empfunden hatte. Wohl eher seit Jahren. Er hatte überhaupt nicht mehr gefühlt. Doch als Abigail Summers, Wunderkind und weltberühmte Pianistin, die Bühne betrat, da keimte Hoffnung aus der Asche seines früheren Selbst in ihm auf. Ein Gefühl, von dem er gedacht hatte, es nie wieder empfinden zu können.

Natürlich hatte er Fotos von ihr gesehen. Vor dem Saal hingen auch ihre Konzertplakate, künstlerisch bearbeitet, eine graziöse Silhouette von ihr am Flügel. Und doch hatte nichts ihn auf den Moment vorbereitet, als sie auf die Bühne gekommen war, in dem langen schwarzen Abendkleid, den Kopf hoch erhoben, das schimmernde dunkle Haar zu einem eleganten Chignon eingeschlagen. Und nichts hätte ihn vorbereiten können auf die unerwartete Reaktion seiner Seele, seiner Gefühle, auf die Hoffnung und Freude, die ihn durchströmten.

Er versuchte, diese Gefühle als die verzweifelten Auswüchse seiner Einbildung abzutun, denn mehr konnten sie nicht sein. Sechs Monate war Suzanne jetzt tot, und vor knapp sechs Stunden hatte er ihre Notizen und Briefe gefunden und die Wahrheit über ihren Tod herausgefunden. Die Schuld fraß an ihm mit zerstörerischer Kraft.

Kurz darauf hatte er das Schloss mit all seinen Erinnerungen verlassen und war nach Paris gefahren. Aus einem Impuls heraus war er in diesem Konzert gelandet. Er hatte die Plakate in der Stadt gesehen und sich spontan für einen Besuch entschieden, er wollte sich ablenken, wollte sich in etwas anderem verlieren, ohne nachdenken oder fühlen zu müssen.

Fühlen konnte er schon lange nicht mehr. Er war leer, ausgehöhlt, abgestorben … bis Abigail Summers auf der Bühne erschien.

Und dann hatte sie zu spielen begonnen. Sicher, die Appassionata war eines seiner Lieblingswerke, er verstand den Gefühlszustand, den der Komponist durchlaufen hatte, die Verzweiflung über das Unvermögen, den eigenen Verfall aufzuhalten. Abigail Summers hatte dem Stück eine neue Energie verliehen, so intensiv, dass er auf seinem Sitz die Fäuste ballte. Es war ihm unmöglich gewesen, die Augen von ihr zu wenden, und mit seinem Blick hatte er sie dazu zwingen wollen, zu ihm zu sehen.

Dann hob sie den Kopf und tat es tatsächlich. Ihre Blicke hielten einander fest. Eigentlich eine Unmöglichkeit, schließlich waren sie sich nie begegnet, und dennoch hatte das Erkennen Luc wie ein Speer durchfahren. Etwas lang verloren Geglaubtes war wieder an seinen Platz gerückt.

Hoffnung.

Ein wunderbares, ein berauschendes Gefühl. Und ebenso Furcht einflößend. Dennoch wollte er mehr. Er wollte endlich vergessen, was geschehen war, all die Fehler, die er in den letzten sechs Jahren begangen hatte. Mit dieser Frau wollte er sich verlieren, auch wenn es nicht von Dauer sein konnte.

Als sie wieder zu spielen begann, ließ Luc sich von der Musik davontragen. Dieser eine Blick hatte eine verzweifelte Sehnsucht in ihm erweckt, aber mit dieser Sehnsucht kehrte auch gleichzeitig die vertraute Hoffnungslosigkeit zurück.

Wie konnte er jemanden begehren und dessen Nähe suchen, wenn er absolut nichts mehr zu geben hatte?

In ihrer Garderobe ließ Abby sich vor dem Schminktisch auf den Stuhl sinken und stieß einen Seufzer aus. Der Auftritt war ihr heute endlos lang erschienen. In der Pause war sie unruhig hinter der Bühne auf und ab gelaufen, was ihrem Spiel in der zweiten Hälfte nicht gut getan hatte. Wäre ihr Vater und Manager hier, würde er ihr raten, ein Glas Wasser zu trinken und sich zu beruhigen. Doch ihr Vater war im Hotel zurückgeblieben, von einer schlimmen Erkältung ans Bett gefesselt. Denk an die Musik, Abby, allein an die Musik. Nie war ihr erlaubt gewesen, an etwas anderes zu denken. Bis heute Abend hatte sie auch nie an etwas anderes denken wollen.

Jetzt jedoch … Wer mochte dieser Mann sein? Sie wollte ihn treffen, mit ihm reden, ja ihn sogar berühren.

Sehnsucht und Furcht ließen sie erschauern. Nach dem Konzert gab es immer einige glühende Bewunderer, die ihre Glückwünsche persönlich hinter der Bühne überbringen wollten. Manche schickten Blumen und Einladungen. Die Geschenke nahm Abby dankend an, die Einladungen schlug sie aus. Das war die strikte Politik ihres Vaters – die Imagepflege der Abigail Summers als weltentrückte Ausnahmepianistin.

Im Spiegel streckte sie sich selbst die Zunge heraus. Wie sie diese Bezeichnungen hasste – Ausnahmepianistin, Wunderkind! Das klang nach einem trainierten Pudel. Ihr Vater jedoch nannte sie „einzigartig“ und „unerreichbar“.

Heute Abend wollte sie nicht unerreichbar sein. Sie wollte gefunden werden. Von ihm. Weil sie sich noch nie so lebendig gefühlt hatte. Der Blickkontakt mit diesem Mann hatte alles in ihr zum Vibrieren gebracht.

Würde er kommen?

Eine Theaterangestellte steckte den Kopf nach einem kurzen Klopfen zur Tür herein. „Mademoiselle Summers, recevez-vous des visiteurs?“

„Ich …“ Ihre Gedanken wirbelten. Empfing sie Besucher? Die Antwort lautete natürlich immer Nein. Signiere das Programm für sie, Abby, mehr nicht. Du kannst nicht nur eine weitere Pianistin sein. Du musst anders sein. „Sind es viele?“, fragte sie schließlich in fließendem Französisch.

Die junge Frau zuckte mit einer Schulter. „Vielleicht ein Dutzend. Sie bitten um ein Autogramm.“

Enttäuschung machte sich in Abby breit. Der Mann würde nicht um ihr Autogramm bitten, er war keiner ihrer Fans. Er war … Ja, wer war er? Niemand von Bedeutung, versuchte ihr Verstand sie zu überzeugen, während ihr Herz sich verzweifelt wünschte, es wäre anders. Sie schluckte. „Na schön, schicken Sie die Leute herein.“

Monsieur Dupres, der Direktor, tauchte auf, einen missbilligenden Ausdruck auf dem strengen Gesicht. „Wie ich verstanden habe, empfängt Mademoiselle Summers keine Besucher.“

Ein Gleichgesinnter ihres Vaters. Ihr Vater besaß in jeder Konzerthalle seine Verbündeten. „Ich denke, ich kann selbst entscheiden, ob ich Besuch empfange oder nicht“, entgegnete sie kühl, auch wenn ihr Herz wild raste. Sie widersprach grundsätzlich nicht, machte keine Szenen, für das Theaterpersonal war ihr Vater zuständig. Geradewegs sah sie dem Direktor in die Augen. „Schicken Sie sie herein.“

Pikiert presste er die Lippen zusammen. „Wie Sie wünschen.“

Abby strich mit den Händen über ihr Haar und zupfte ihr Kleid zurecht. Im Spiegel ließ das Schwarz des Kleides ihre Wangen blass und ihre grauen Augen riesig aussehen.

Als es klopfte, drehte sie sich zur Tür und musste sich zusammennehmen, um ihr Lächeln aufrechtzuhalten.

Er war nicht unter den Konzertbesuchern, die vor ihrer Garderobe standen. Korpulente ältere Damen, mit ihren ergeben dreinschauenden Männern im Schlepptau, hielten ihr mit schwärmerisch vorgebrachten Komplimenten das Programmheft hin, damit sie es signierte.

Was hatte sie denn erwartet, fragte sie sich still, während sie lächelnd plauderte und unterschriebene Programme zurückreichte. Dass er mit einem gläsernen Schuh hinter der Bühne auftauchte? Glaubte sie etwa an Märchen?

Plötzlich erschien ihr das Ganze völlig absurd, dieser angebliche Moment, in dem sich ihre Blicke verhakt hatten, lächerlich. Sie musste sich das alles eingebildet haben. Sobald die Bühnenscheinwerfer auf sie herunterstrahlten, war es unmöglich, Gesichter im Zuschauerraum auszumachen.

Die Bewunderer zogen sich zufrieden zurück, hinweggescheucht von einem mürrischen Monsieur Dupres, und Abby war mit der Verlegenheit über die eigene Einfalt allein.

Einsam.

Das Wort blitzte in ihrem Kopf auf, sie verdrängte es. Schließlich führte sie ein volles und beschäftigtes Leben als begehrte Konzertpianistin. In jeder großen Metropole dieser Welt wurden ihre Auftritte gefeiert, sie sprach drei Sprachen fließend, und Legionen von Verehrern lagen ihr zu Füßen. Wie könnte sie da einsam sein?

„Aber ich bin es“, sagte sie laut in den Raum hinein. Beim Klang ihrer Stimme zuckte sie zusammen. Sie redete mit sich selbst, weil sie niemanden zum Reden hatte.

Fast unwillig nahm sie ihren alten Dufflecoat vom Bügel, der so ganz und gar nicht zu dem eleganten Abendkleid passte, und zog ihn über. Draußen auf dem Korridor konnte sie die Reinigungstruppe hören, die mit ihrer Schicht begann. Die meisten der Theaterangestellten waren schon nach Hause gegangen, zurück zu dem Leben, das sie führten.

Und was sollte sie jetzt machen? Ein Taxi zurück zum Hotel nehmen, über einem Glas warme Milch ihrem Vater vom Abend berichten und dann zu Bett gehen wie ein braves kleines Mädchen?

Mit fahrigen Fingern schloss sie den obersten Mantelknopf. Sie hatte keine Lust mehr auf die Rolle, die ihr Vater ihr schon vor Jahren zugeschrieben hatte. Diesen Mann zu sehen, wer immer er auch war, hatte den Drang in ihr erweckt, mehr zu erleben. Mehr zu sein.

Selbst wenn es nur für eine Nacht war.

Abby war vierundzwanzig Jahre alt, allein in Paris, und der Abend lag noch vor ihr … Allerdings hatte sie nicht die geringste Ahnung, was sie unternehmen sollte, um ihren Hunger nach Leben zu stillen.

Monsieur Dupres erschien in ihrer Garderobe. „Soll ich Ihnen ein Taxi rufen lassen, mademoiselle?“

Abby öffnete den Mund, um zuzustimmen, stattdessen schüttelte sie den Kopf. „Nein danke, Monsieur Dupres. Es ist ein wunderbarer Abend. Ich gehe zu Fuß.“

Der Direktor zog die buschigen Brauen zusammen. „Es regnet.“

„Trotzdem.“ Ein Akt von Trotz, unbedeutend und winzig nur, aber es fühlte sich so gut an. Sie lächelte. „Ich laufe.“

Die Hand am Mantelkragen, trat Abby auf die verlassene Rue du Faubourg St. Honoré in die feuchte Nacht hinaus. Die Bürgersteige glänzten schwarz im Regen, die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Taxis tauchten die umliegende Gegend in gelbes Licht.

Abby sah sich um. Ihr Hotel lag nicht mehr als eine halbe Meile die Straße hinunter. Sie könnte hinlaufen, so wie sie es Monsieur Dupres gesagt hatte. Enttäuschung nagte an ihr. Da wollte sie das Leben spüren, und sie lief im Regen zurück zum Hotel. Erbärmlich!

Ihre Absätze klapperten auf dem Trottoir. Ein Mann hastete an Abby vorbei, den Mantelkragen seines Trenchcoats gegen das ungemütlich nasskalte Wetter hochgeschlagen. In einem Hauseingang schmuste ein Liebespärchen, Regentropfen glitzerten auf dem Gesicht der Frau. Abby ging weiter, sich mehr denn je bewusst, wie allein sie war. Eine Frau in einem Pelzmantel und mit Juwelen behangen trat aus einem Nobelhotel und schaute hochmütig auf die Welt um sich herab.

Abby blieb stehen. Licht fiel golden auf die Straße, durch die Glasfront konnte man in die mit Marmor verkleidete Lobby sehen. Ein Kristalllüster hing von der Decke herunter. Bevor die Tür zufiel, vernahm Abby das Klingen von Kristall und das leise, perlende Lachen einer Frau.

Ohne nachzudenken, was sie tat, drückte Abby die Tür wieder auf. Der Portier sprang zwar eilfertig hinzu, aber er kam eine Sekunde zu spät. Sie winkte ihn mit einer Geste fort.

Abby kannte solche Hotels nur zu gut, überall auf der Welt. Sie konnte Empfangschefs, Portiers und Pagen in mehreren Sprachen Anweisungen geben, und doch, als sie jetzt hier allein im Foyer stand, war alles neu. Niemand wusste, wer sie war, und sie konnte tun und lassen, was sie wollte.

Die Frage war nur … was?

Ein Page kam auf sie zu. „Mademoiselle?“

Abby hob ihr Kinn. „Wo ist die Bar?“

Mit einer leichten Verbeugung zeigte der Mann auf einen dunkel getäfelten Raum zu seiner Rechten. Dankend nickte Abby und ging in die Richtung, ohne zu wissen, weshalb und warum.

Der Barkeeper hinter der Theke polierte Gläser und schaute zu ihr hin, als sie sich auf einen der Barhocker schob. Er registrierte den alten Mantel und die strassbesetzten Träger ihres Abendkleides. „Wünschen Sie einen Drink?“

„Ja.“ Abby schluckte. Der Genuss von Wein und Champagner war ihr vertraut, und bei diversen Gelegenheiten hatte sie manchmal einen ihr unbekannten Cocktail probiert. Heute wollte sie etwas anderes. „Ich nehme …“ Ihr Mund war staubtrocken. „Einen Martini.“

„Pur oder auf Eis?“

Großartig! Wollte sie Eis? Was war überhaupt alles in einem Martini? Und wieso hatte sie einen bestellt, obwohl ihr Gefühl Abby sagte, dass er ihr nicht schmecken würde? „Pur“, erwiderte sie fest. „Mit einer Olive.“ Sie meinte sich zu erinnern, dass immer eine Olive hinzugegeben wurde. Wenn ihr der Drink nicht schmeckte, hatte sie wenigstens etwas zu knabbern.

Der Barkeeper wandte sich um, und Abby ließ den Blick durch die Bar wandern. Nur ein Gast saß noch hier, am anderen Ende des Tresens. Es lief ihr eiskalt über den Rücken.

Er.

2. KAPITEL

Sie wusste, dass er es war, noch bevor er aufschaute. Wusste es, weil ihr Puls zu rasen begann und sich alles in ihr in höchster Wachsamkeit befand. Er saß auf dem allerletzten Hocker und hielt den Kopf gebeugt, ein Glas Whiskey vor sich.

Dann hob er den Kopf und schaute zu ihr, genau wie vorhin hielt er ihren Blick gefangen. Das Atmen fiel ihr schwer, ihr schwindelte. Keiner von ihnen sprach ein Wort, sie sahen einander nur an. Viel länger, als es sich für zwei Fremde in einer Bar gehörte. Doch Abby konnte ihren Blick nicht abwenden. Es überfiel sie das Gefühl, reglos in einem Vakuum zu verharren. Und zu warten.

„In natura sind Sie noch bezaubernder.“ Er sprach Englisch mit einem leichten Akzent, seine tiefe Stimme hing in dem leeren Raum.

Also hatte er sie erkannt, wusste, wer sie war. Natürlich, viele Leute erkannten sie. Sie war schließlich das Wunderkind, die Ausnahmepianistin. Doch die schwelende Hitze in seinem Blick sagte ihr, dass er in ihr nicht das Wunderkind sah, auch nicht die Pianistin. Er sah sie an, wie ein Mann eine Frau ansah. Es war ein wunderbares Gefühl.

„Sie erinnern sich an mich“, stellte sie mit bebender Stimme fest und errötete, als ihr klar wurde, was diese Bemerkung preisgab. Aber sie konnte sich nicht verstellen, wusste nicht, wie so etwas ging. Sie wollte es auch gar nicht.

Er zog eine Augenbraue in die Höhe, ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Natürlich erinnere ich mich.“ In seinen blauen Augen lag jene Intensität, die Abby schon im Konzertsaal aufgefallen war. „Und jetzt weiß ich auch, dass Sie sich an mich erinnern.“

Das Rot auf ihren Wangen wurde dunkler. Der Barmann stellte den Martini, mit Olive und Cocktailstab, vor sie hin, und Abby drehte den Kopf, dankbar für die Unterbrechung. Um sich abzulenken, nahm sie einen Schluck, viel zu hastig und viel zu groß. Prompt begann sie zu husten, der Alkohol brannte in ihrer Kehle. Klirrend stellte sie das Glas auf die Theke zurück.

Mehr spürte sie es, als dass sie es sah, wie er aufstand und zu ihr kam, spürte die Hitze, die sein schlanker Körper ausstrahlte, nahm den Duft seines herben Aftershaves wahr. Und hustete noch ein bisschen stärker.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er fürsorglich, aber Abby glaubte, ein amüsiertes Lachen in seinen Worten mitschwingen zu hören. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und atmete tief durch.

„Ja. Ich habe mich nur verschluckt.“

„Das kann passieren“, murmelte er, und Abby wusste, er ließ sich nicht täuschen. Dann konnte sie genauso gut offen sein.

„Um ehrlich zu sein, ich habe noch nie einen Martini getrunken.“ Sie drehte sich um und sah ihn an. „Ich wusste nicht, dass er so … so stark ist.“ Jetzt, da er nur wenige Schritte von ihr entfernt stand, nutzte sie die Gelegenheit, um ihn genau zu studieren. Er war groß, über ein Meter neunzig, und sie fühlte sich neben ihm mit ihren ein Meter fünfundsiebzig klein. An den Schläfen zogen sich silberne Strähnen durch das dunkle Haar, das lang genug war, um über den Hemdkragen zu streichen. Seinem Gesicht mit den wie gemeißelten Wangenknochen und dem markanten Kinn haftete eine strenge Schönheit an. Zusammen mit den durchdringenden blauen Augen strahlte es zwar Stärke aus, wirkte aber seltsamerweise gleichzeitig gequält. Ein Mann, der vom Leben geprägt worden war, vielleicht sogar von einer Tragödie.

„Warum haben Sie dann einen Martini bestellt?“

„Ich wollte einen weltgewandten Eindruck machen. Lächerlich, nicht wahr?“

Er neigte leicht den Kopf zur Seite, sein Lächeln wurde breiter und schuf zauberhafte Grübchen in seinen Wangen. „Wenn man bedenkt, wie weltgewandt Sie sind, ist es das, stimmt.“

Abby lachte verlegen. „Sie kennen sich mit Komplimenten aus, nicht wahr, Monsieur …“

„Luc.“

„Monsieur Luc?“

„Einfach nur Luc.“ Die Endgültigkeit in seinen Worten machte Abby klar, wie anonym diese Unterhaltung in Wirklichkeit war. Er würde sie nicht wissen lassen, wer sich hinter dem Vornamen verbarg. „Und Sie sind Abigail.“

„Abby.“

Sein Lächeln jedoch erweckte eine seltsam intime Wärme in ihr. Ihr gefiel diese Wärme, die langsam durch ihren Körper floss, auch wenn sie so ein Gefühl noch nie erfahren hatte. Wie goldener Honig, der ihre Glieder weich machte und sie mit einer angenehmen Mattigkeit erfüllte, obwohl ihr Herz noch immer wild schlug. Sie könnte wirklich glauben, in einem Märchen zu sein. Sie hatte ihn gefunden, und er sie.

„Abby, natürlich“, murmelte er.

Natürlich. Als würden sie sich bereits seit einer Ewigkeit kennen. Als hätten sie beide auf diesen Moment gewartet. Abby kam es tatsächlich so vor.

„Also.“ Er deutete fragend auf das Glas mit dem Martini. „Was glauben Sie?“

Abby verzog die Lippen. „Ich glaube, Champagner ist mir lieber.“

„Dann sollen Sie Champagner bekommen.“ Ein kurzer Wink zum Barmann und ein Schwall in schnellem Französisch, und wenig später standen eine Flasche horrend teuren Champagners und zwei blitzende Kristallflöten auf der Theke. „Trinken Sie ein Glas mit mir?“

Abby musste ein euphorisches Lachen unterdrücken. In all den Jahren, in denen sie Konzerte gab, war ihr so eine Begegnung nie gestattet worden. Immer arrangierte ihr Vater sorgfältig sämtliche Treffen und Autogrammstunden. Oft war sie sich dabei vorgekommen wie ein exotisches Tier im Zoo, begafft, bewundert und dann allein gelassen. Wie in einem Käfig, dachte sie plötzlich. Mein ganzes Leben lang schon bin ich eingesperrt.

Jetzt und hier fühlte sie sich frei.

„Ja, gern.“ Sie war erstaunt, wie leicht es ihr fiel, die Einladung anzunehmen.

Luc führte sie zu einer gemütlichen Nische in der leeren Bar. Der Kellner folgte, entkorkte die Flasche und goss die perlende Flüssigkeit in die Flöten. Luc hob sein Glas.

„Stoßen wir an auf unerwartete Überraschungen.“

Abby konnte nicht widerstehen. „Kommen nicht alle Überraschungen unerwartet?“

Das Lächeln strahlte aus seinen Augen. „Sicher“, stimmte er zu und trank einen Schluck.

Auch Abby nippte an ihrem Glas. Der Champagner prickelte auf ihrer Zunge und in ihrer Kehle. Sie starrte auf die aufsteigenden Bläschen in ihrem Glas und überlegte verzweifelt, was sie sagen könnte. Obwohl sie es gewohnt war, in allen großen Konzerthallen Europas aufzutreten, und sie sich auf Flughäfen ebenso wie in Luxushotels souverän und sicher bewegte, fühlte sie sich in der Gegenwart dieses Mannes unsicher, ja sogar linkisch.

Unter ihren langen Wimpern hervor warf sie einen neugierigen Blick auf ihn. Eine harte Entschlossenheit lag in seinen Zügen, sie stand in seltsamem Kontrast zu der leichten Konversation und seinem charmanten Lächeln. Wie eine düstere Schwermut, die Abby nicht verstand. Allerdings war sie auch nicht sicher, ob sie die verstehen wollte.

Er trank sein Glas leer und lächelte sie an, der Kummer zog sich zurück. „Ich hatte nicht damit gerechnet, Sie noch einmal zu sehen. Es muss eine Art Vorsehung sein, dass Sie ausgerechnet in diese Bar gekommen sind.“

Vorsehung. Schicksal. So wirkte es tatsächlich. „Normalerweise fahre ich nach meinen Konzerten mit einem Taxi zurück ins Hotel.“

„Aber heute Abend nicht. Warum?“ Sein blauer Blick traf auf ihre Augen.

„Weil …“ Wie sollte sie erklären, dass in diesem einen Moment, während dem sie ihn im Konzertsaal hatte sitzen sehen, eine Veränderung in ihr vorgegangen war, Wünsche und Sehnsüchte in ihr erweckt worden waren, die sie nie vorher empfunden hatte? „Weil ich mich rastlos fühlte.“

Er nickte, so als würde er all das verstehen, was sie nicht gesagt hatte. „Als ich Sie sah“, er drehte den schlanken Stiel des Glases zwischen den Fingern, „da verspürte ich etwas, das ich schon lange nicht mehr gefühlt habe.“

Abby hielt unmerklich die Luft an. „Was?“

Luc hob den Blick und überrumpelte Abby mit seiner Offenheit. „Hoffnung.“ Zärtlich strich er ihr eine feuchte Strähne aus dem Nacken, seine Finger berührten sie nur flüchtig, und doch lösten sie einen Strudel von Emotionen in Abby aus. „Haben Sie es nicht auch gespürt, Abby? Als Sie da oben auf der Bühne am Flügel saßen und mich ansahen? Ich habe nie …“ Er hielt inne, setzte erneut an. „Es war wie ein Stoß. Elektrisierend. Magisch.“

„Ja.“ Sie brachte die Worte kaum heraus. „Ich habe es auch gespürt.“

„Da bin ich froh.“ Ein melancholisches Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Es wäre traurig, wenn es einseitig wäre.“ Er griff nach der Flasche und schenkte nach, auch wenn Abby kaum getrunken hatte. „Waren Sie zufrieden mit Ihrem Spiel heute Abend?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie nippte an dem Champagner. „Ich kann mich nicht an viel erinnern.“

Luc lachte leise. „Ich auch nicht, um ehrlich zu sein. Sobald Sie die Bühne betraten, verblasste alles andere. Ich wartete nur auf den Moment, Sie endlich ansprechen zu können.“

„Wieso sind Sie dann nicht …“ Abby unterbrach sich. Eine solche Frage würde zu weit gehen.

Doch er beendete die Frage für sie. „Wieso ich nach der Vorstellung nicht zu Ihnen in die Garderobe kam?“ Einen Moment lang starrte er in sein Glas, bevor er den Blick hob und ihr direkt in die Seele sah. „Ich hielt es für besser, es nicht zu tun.“

„Aber …“ Wie sollte sie ihm erklären, dass sie sich verzweifelt gewünscht hatte, er würde kommen? Es klang lächerlich. Sie hatten einen kurzen Blick getauscht, mehr nicht. Abby setzte das Glas ab. „Irgendwie scheint das Ganze nicht …“

„Real? Nein, vielleicht nicht.“ Er wandte das Gesicht ab, mit zusammengepressten Lippen, und Abby hatte das Gefühl, genau das Falsche gesagt zu haben. Sie wünschte, sie könnte ihre Worte zurücknehmen. Dann sah er sie wieder an und lächelte schwach. „Möglicherweise ist der Zeitpunkt gekommnen, um prosaisch zu werden. Haben Sie schon gegessen? Lassen Sie uns etwas bestellen. Und dann erzählen Sie mir von sich.“

Abby zuckte verzagt mit einer Schulter. „Wenn Sie meine Biografie lesen, die im Programm abgedruckt ist …“

„Darin stehen die Fakten, doch sicherlich nicht, was Sie wirklich ausmacht.“

„Ich weiß nicht einmal genau, was mich ausmacht.“ Ratlos zog sie die Augenbrauen zusammen, als er leise lachte. „Das hört sich schrecklich mysteriös an, nicht wahr?“

„Dabei wollte ich eine heiterere Atmosphäre schaffen.“ Er winkte den Kellner heran, bestellte für sie beide, dann stützte er die Ellbogen auf den Tisch. „Also … Was ist Ihre Lieblingsfarbe? Haben Sie Angst vor Spinnen? Vor Schlangen? Hatten Sie als Kind einen Hund oder eine Katze?“ Er nippte an seinem Glas und lächelte sie dann über den Rand hinweg an. „Oder vielleicht einen Goldfisch?“

„Weder noch.“ Abby trank einen Schluck. „Und zweimal Ja.“

„Entschuldigung?“

„Keine Haustiere, und ich habe Angst sowohl vor Spinnen als auch vor Schlangen. Wie ist es bei Ihnen?“

„Was? Ob ich mich vor Spinnen und Schlangen fürchte?“

„Nein, ich werde andere Fragen stellen.“ Aber welche? Was wollte sie über ihn wissen? Alles. Sie wollte ihn kennenlernen, neben ihm einschlafen und an seiner Seite aufwachen … „Schnarchen Sie?“, sprudelte es aus ihr heraus. Prompt lief sie rot an.

„Ob ich schnarche?“, wiederholte er gespielt schockiert und lächelte. „Wie sollte ich das wissen? Zumindest hat sich bisher noch niemand beschwert.“

„Äh … gut.“ Sie fingerte verlegen mit der Serviette, und plötzlich spürte sie Lucs Hand, warm und beruhigend, auf ihren Fingern liegen.

„Abby, Sie sind nervös.“

„Stimmt“, gab sie zu. „Ich …“ Sie zwang sich, ihn anzusehen. „Normalerweise lasse ich mich nicht von fremden Männern einladen.“

„Und das ist auch gut so“, erwiderte er. „Aber ich verspreche Ihnen, bei mir sind Sie sicher.“

Er sagte es so ernst, und sie glaubte ihm. „Ich weiß.“

Der Kellner näherte sich lautlos mit einem Tablett und stellte die Teller gekonnt vor sie hin. Als sie wieder allein waren, deutete Luc auf das Carpaccio mit den Spargelspitzen. „Habe ich richtig gewählt?“

„Es sieht köstlich aus.“ Sie nahm die Gabel und spießte ein Spargelstückchen auf. „Waren Sie überrascht, mich zu sehen? In der Bar, meine ich?“

„Mir kamen Sie vor wie eine Erscheinung“, antwortete Luc. Er hielt inne, dachte nach. „Und doch wusste ich, dass Sie kommen würden.“ Seine Stimme wurde leiser. „Manche Dinge scheinen vorbestimmt zu sein.“

„Mir erging es ähnlich“, wisperte Abby, dann lachte sie unsicher. „Aber wie schon gesagt, es scheint alles seltsam irreal.“

„Alles Gute und Schöne besitzt einen irrealen Charakter.“ Es war ein zynischer Kommentar, und Abby fragte sich, was er durchgemacht haben musste, um so etwas zu sagen. „Aber der heutige Abend ist so real wie jeder andere auch.“

Abby nickte. Sie hatte das Bedürfnis, die Stimmung aufzuheitern. „Also, ich weiß nun, dass Sie nicht schnarchen“, sie steckte sich das Stückchen Spargel in den Mund, „aber mehr weiß ich noch nicht.“ Sie dachte nach. „Sie sind Franzose.“

„Richtig.“

„Und sprechen perfekt Englisch.“

„So wie Sie Französisch.“

Sie nahm das Kompliment mit einem leichten Nicken an. „Sie haben mich vorher nie spielen hören.“

„Sie sind ein richtiger Detektiv.“

„Leben Sie in Paris?“

„Nein.“

Da sie sich entspannt fühlte, wurde sie mutiger. „Sie sind reich.“

Er bestätigte ihre Vermutung mit einem lässigen Achselzucken, wie es nur die Reichen konnten. „Ich habe mein Auskommen. So wie Sie auch, wie ich annehme.“

Abby nickte. Sicher, Geld hatte sie genug. Ihr Vater kümmerte sich darum, seit sie mit siebzehn ihr erstes eigenes Konzert geben durfte. Sie selbst hatte keine Ahnung, wie groß ihr Vermögen war und wie es angelegt war. Ihr Vater stellte ihr Bargeld zur Verfügung, sie brauchte ja nicht viel. Den Eintritt für Museen und eine Tasse Cappuccino, das eine oder andere Buch. Ihre Kleider wurden von einer Stilistin ausgewählt, die auch für Make-up und ihre Frisur zuständig war. Sie aß in Restaurants und Hotels und hatte einfach alles, was sie brauchte. Wenn sie jetzt daran dachte, machte es sie traurig.

„Sie wirken plötzlich bedrückt“, bemerkte Luc. „Ich wollte Sie nicht verstimmen.“

„Das haben Sie nicht“, beeilte Abby sich zu sagen. „Ich habe nur gerade nachgedacht.“ Sie lächelte, um von sich abzulenken. War sie bisher etwa nicht glücklich mit ihrem Leben gewesen? In Lucs Gegenwart fühlte sie sich einfach lebendiger und zufriedener als je zuvor, und das machte ihr die Unvollkommenheiten ihres Lebens bewusst. „Wenn Sie nicht aus Paris kommen, woher dann?“

Luc ließ sich Zeit, sodass Abby glaubte, er wolle diese Frage nicht beantworten. „Aus dem Süden“, sagte er schließlich. „Dem Languedoc.“

„Da war ich noch nie.“

Er lächelte wissend. „Dort gibt es keine großen Konzertsäle.“

Es stimmte, ihr Leben definierte sich über Konzertsäle – Paris, London, Berlin, Prag, Mailand, Madrid. Sie hatte große Konzertsäle in großen Städten gesehen und anonyme Hotels. Aber das Languedoc … Sie fragte sich, ob er eine Villa dort besaß, oder vielleicht sogar ein Château. Aus irgendeinem Grund stellte sie sich ein altes Bauernhaus aus grauem Schiefer inmitten eines im Sonnenschein leuchtenden Lavendelfeldes vor. Ein Zuhause. Lachend schüttelte sie den Kopf. Jetzt ging ihre Fantasie wirklich mit ihr durch.

„Gefällt es Ihnen dort?“

Luc dachte nach. „Mir hat es dort gefallen.“ Dann schüttelte er die grüblerische Stimmung ab. „Aber genug von mir.“ Er lehnte sich vor, sodass Abby seine Augen schimmern sehen und den Duft seines Aftershaves wahrnehmen konnte. „Ich will doch mehr über Sie erfahren. In der kurzen Biografie las ich, dass die Appassionata Ihr Lieblingsstück ist. Warum?“

Die Frage überraschte sie. „Weil die Musik wunderschön und gleichzeitig traurig ist“, antwortete sie schließlich.

„Und das sagt Ihnen zu?“

„So … so fühle ich manchmal.“ Ein Eingeständnis, das sie eigentlich nicht hatte machen wollen. Eine Einsicht, die ihr bisher nicht einmal selbst klar gewesen war. Abby liebte die Musik, liebte es, Klavier zu spielen, und trotz ihres enormen Erfolges schien es ihr, als sei ihr Leben nicht so verlaufen, wie sie es sich gewünscht hätte. Sie fühlte sich, als würde ihr ein essenzieller Teil des Lebens fehlen, das andere Menschen führten. Hoffte sie, es endlich zu finden, mit diesem Mann? „Wieso fragen Sie?“

„Weil es auch mein Lieblingsstück ist, aus den gleichen Gründen, die Sie soeben genannt haben.“

Abby lachte leise. „Wir beide hören uns schrecklich melancholisch an.“

Der Ober erschien und räumte die Teller ab, verschwand dann lautlos wie eine Katze. Es musste fast Mitternacht sein, ihr Vater würde sie längst zurückerwarten. Oder schlief er? Sorgen würde er sich nicht um sie machen, denn sieben Jahre Konzertroutine waren noch nie unterbrochen worden – erst der Auftritt, dann die Fahrt mit der Limousine oder dem Taxi zurück zum Hotel.

Wann würde sie heute ins Hotel zurückkommen? Und wie? Dieser Abend sollte nicht zu Ende gehen, noch nicht. Ein gestohlener Moment, unerwartet einem Leben abgerungen, das aus Musik und Pflichterfüllung bestand. Sie wünschte, er könnte ewig dauern.

„Woran denken Sie?“ Doch Luc beantwortete die Frage gleich selbst. „Daran, dass uns die Zeit wegrennt? Dass uns nur ein paar Stunden bleiben?“

„Woher wussten Sie …?“

„Weil ich das Gleiche dachte.“ Er lächelte traurig. „Aber vielleicht ist das alles, was uns gewährt wird.“

„Nein!“ Das Wort platzte regelrecht aus ihr heraus. Dann, ruhiger, leiser: „Ich will nicht, dass der Abend zu Ende geht.“

Luc neigte den Kopf ein wenig zur Seite, betrachtete sie mit dunklen Augen. „Ich auch nicht“, und dann fügte er nüchterner hinzu: „Er wird auch nicht so schnell enden. Wir haben noch vier Gänge. Schließlich sind wir in Frankreich, nicht wahr?“

Bien sûr“, stimmte Abby zu. Dabei hatte sie nicht das Essen gemeint, und sie war sicher, er auch nicht. Doch worauf genau hatte sie sich also bezogen? Ihr Magen zog sich zusammen.

Wie auf Stichwort trat der Ober mit dem nächsten Gang an den Tisch. Der Abend verging, der gute Wein, das hervorragende Essen und die angeregte Konversation verliehen der Atmosphäre etwas Außergewöhnliches. Abby fiel es erstaunlich leicht, entspannt zu plaudern. Sie fühlte sich sogar so wohl, dass sie unter dem Tisch die hohen Pumps von den Füßen streifte und den Saum ihres Abendkleides über ihre Zehen schlug.

„Wenn Sie tun könnten, was Sie wollen, was würden Sie sich dann aussuchen?“, fragte Luc sie nach dem dritten Gang.

Abby stützte das Kinn in die Hand und sah ihn mit strahlenden Augen an. „Drachen steigen lassen.“ Für ihre spontane Antwort erntete sie ein erstauntes Schmunzeln. „Oder kochen lernen.“

„Einen Drachen steigen lassen?“, hakte er nach.

Abby zuckte die Schultern. „Früher auf Hampstead Heath habe ich sie immer mit ihren Drachen gesehen.“

„Sie?“

„Die anderen Kinder. Ich hatte nie Zeit dafür. Meine Klavierstunden …“ So viel hatte sie nicht von sich preisgeben wollen, sie war froh für die Ablenkung, als der Ober mit dem Dessert an den Tisch kam. „Und kochen möchte ich, weil Essen so köstlich ist und ich nie gelernt habe, wie man es zubereitet.“ Genießerisch steckte sie sich einen Löffel Mousse au Chocolat in den Mund. „Und Sie? Was würden Sie tun?“

„Die Zeit zurückdrehen.“ Er klang so düster, erstaunt schaute Abby auf. Dann lächelte er. „Damit ich diesen Abend mit Ihnen immer wieder erleben kann.“

Doch Abby wusste, dass er das nicht gemeint hatte.

Viel zu bald kehrte der Ober mit Kaffee und Petits Fours an den Tisch zurück. Der Abend näherte sich seinem Ende. In einer Viertel-, höchstens einer halben Stunde würde Abby sich verabschieden, ein Taxi ins Hotel nehmen und durch das verlassene Foyer zum Aufzug gehen müssen. Sie konnte nur hoffen, dass der Nachtportier ihrem Vater nichts verriet. Mademoiselle est revenue très tard

Und dann würde sie sich davon überzeugen, dass dieser Abend nie geschehen war, dass Luc nie existiert hatte …

Aber dieser Abend musste ja gar nicht in der Bar enden! Sie konnten doch noch irgendwo anders hingehen, irgendwohin, wo es privater war …

Ein Zimmer. Schließlich war das hier ein Hotel. Hatte Luc ein Zimmer hier? Die Fragen, ebenso wie die möglichen Antworten, schwirrten durch Abbys Kopf. Dachte sie wirklich daran, die Nacht mit diesem Mann zu verbringen, sie, eine Frau, die in ihrem Leben bisher nicht einmal richtig geküsst worden war? Ein One-Night-Stand?

Und doch stieß der Gedanke sie nicht ab. Sie waren seelenverwandt. Bei dem trivialen Ausdruck legte sich ein Schatten auf ihre Stirn. Luc berührte ihre Hand.

„Abby, woran denken Sie?“

„Dass ich nicht nach Hause gehen will.“ Sie spürte das Blut heiß in ihre Wangen schießen, und plötzlich war es ihr gleich. „Ich will bei Ihnen bleiben.“

Luc runzelte die Stirn, Bedauern stand in seinem Blick. „Es ist schon spät. Sie sollten gehen.“

Übermütig fasste sie nach seinem Handgelenk, ihr Daumen fand instinktiv die Stelle, an der sein Puls schlug. „Nein.“ Bettelte sie etwa?

„Es ist besser“, erwiderte Luc leise. „Ich …“ Er seufzte und richtete den Blick auf ihre Finger an seinem Handgelenk. Gedankenverloren streichelte er über die weiche Haut ihrer Hand. Ein flüchtiger Kontakt nur, und doch erschauerte Abby überwältigt.

„Gibt es einen Grund, weshalb wir nicht … zusammen sein können?“, fragte sie leise und sah ihn offen an. „Sind Sie verheiratet?“

Der Druck seiner Finger wurde stärker. „Nein.“

Sie bemühte sich um einen leichteren Ton. „Gibt es da jemand Besonderen für Sie?“

„Nein, niemand.“

„Nun, dann …“ Abby holte tief Luft, klaubte ihren ganzen Mut zusammen und schenkte ihm ein Lächeln. Damit schenkte sie sich selbst. „Es gibt mich.“

3. KAPITEL

Abby war nervös. Luc fühlte den Stich des Bedauerns, etwas, das er viel zu oft in seinem Leben verspürt hatte. Er hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen. Doch er war wie verzaubert gewesen, von Freude erfüllt, als sie die Bar betreten hatte. Es war ihm tatsächlich wie eine Vorsehung erschienen. Ein Geschenk des Schicksals. Und jetzt bot sie sich ihm an. Das größte Geschenk überhaupt.

Luc konnte es sich so gut vorstellen, denn auch er wünschte es sich sehr. Er würde ihre Hand nehmen, seine Finger mit ihren verschränken und ihr aus dem Sitz helfen, würde sie hinausführen aus der Bar, in der der Geruch von Zigaretten und Alkohol hing, und mit ihr nach oben in ein Zimmer gehen. Nein, in die beste Suite des Hauses, weniger würde er ihr nicht bieten. Vor sich sah er, wie sie in den Raum trat, schlank und elegant, und im nächsten Moment würde er hinter ihr stehen und ihr die dünnen Träger des Abendkleides von den hellen Schultern streichen und einen Kuss auf die Stelle an ihrem Hals setzen, wo ihr Puls so wild schlug.

Allein bei der Vorstellung ballten sich seine Finger unwillkürlich zu Fäusten, alles in ihm schmerzte vor Verlangen. Vor Sehnsucht, sich in einer Frau zu verlieren, in dieser Frau. Für einen Moment, eine Nacht. Denn mehr konnte es nicht sein. Er hatte nichts mehr zu geben, sein Herz war wie ein kalter Stein in seiner Brust. Doch jetzt, während er Abby betrachtete, flatterte es leise, wollte ins Leben zurückkehren.

Aber das reichte nicht. Und deshalb musste der Abend enden, hier und jetzt. Um Abbys willen.

Er setzte ein Lächeln auf, das ihm Schmerzen bereitete. Er wollte sie nicht gehen lassen. Sie war das erste Gute, was ihm seit Langem widerfahren war, vielleicht sogar jemals. Sie fortzuschicken, würde er nicht ertragen. Noch nicht.

Abby wappnete sich, sicher würde er sie zurückweisen. Oder verspürte er Mitleid mit ihr? Hatte sie sich gerade auf dem Silbertablett angeboten, nur um abgewiesen zu werden?

„Sind Sie sich im Klaren darüber, was Sie da sagen?“

„Natürlich.“ Mutige Worte. Sie streichelte über sein Handgelenk. „Sonst hätte ich es nicht gesagt.“

Luc sah auf ihre verschränkten Hände. Etwas Düsteres ging in großen Wellen von ihm aus, Abby spürte die maßlose Trauer. „Sie sind eine schöne Frau“, sagte er leise, und Enttäuschung stach mit tausend Nadeln auf Abby ein.

„Aber?“

Luc sah auf, lächelte. „Ich will Sie nicht verletzen.“

„Das werden Sie nicht.“ Noch weitere mutige Worte. Dumme Worte möglicherweise. Doch im Moment wäre alles erträglicher, als Luc und ihren erwachenden Sehnsüchten den Rücken zu kehren. Mit einem schweren Seufzer schüttelte er den Kopf. Abby hielt den Atem an, wartete gespannt und voller Hoffnung.

Dann erhob er sich und zog sie mit sich hoch.

„Wohin gehen Sie?“, fragte Abby.

„Die Frage lautet doch, wohin gehen wir?“

Abby ließ sich von ihm aus der Bar führen, der einzig zu hörende Laut war das Rascheln ihres Abendkleides bei jedem ihrer Schritte. In der Lobby redete Luc kurz mit dem Hotelangestellten hinter dem Empfang, Sekunden später geleitete er Abby zu den Aufzügen. Sie konnte kaum fassen, dass das alles wirklich geschah. Dass sie es zuließ, dass sie darum gebeten hatte. Sie kannte Luc doch gar nicht, und doch …

Und doch kannte sie ihn, vielleicht besser, als sie je einen anderen Menschen gekannt hatte. Selbst wenn sie es gewollt hätte, sie konnte sich nicht abwenden, nicht von dieser Situation und nicht von ihm. Sie hatte keine Wahl, die Sehnsucht war zu groß.

Während der Fahrt nach oben zur Penthouse-Suite hielt das surreale Gefühl an. Beide sprachen sie kein Wort, aber das Klopfen von Abbys Herz hallte in ihren Ohren, so laut, dass sie sicher war, Luc müsse es hören. Sie warf einen Blick auf ihn. Er wirkte ruhig und souverän, ja entschlossen.

Der Lift hielt an, die Türen öffneten sich und führten direkt in den Salon der Suite, die das gesamte oberste Stockwerk einnahm.

„Komm“, sagte Luc nur, denn Abby blieb plötzlich auf der Schwelle des Lifts stehen. Der Mut hatte sie verlassen, sie fühlte sich unsicher und eingeschüchtert. Nicht von dem überwältigend luxuriösen Raum, das nicht. Von ihren Tourneen war sie an jeden erdenklichen Luxus gewöhnt. Nein, es war er.

Mit einer lässigen Geste ließ er die Schlüsselkarte auf das Tischchen fallen und schüttelte sich das Jackett von den Schultern. Unter dem feinen Stoff seines Hemdes konnte Abby das Spiel seiner Muskeln mitverfolgen. Für einen Moment stand er im Profil. Sie glaubte nicht, dass sie es sich nur einbildete, aber seine Wangenmuskeln und sein Kinn bekamen plötzlich einen harten Zug. Auch der Schauer, der sie beim Anblick seines bewundernswerten Körpers durchlief, entstammte nicht nur ihrer Einbildung. Doch als er sich lächelnd zu ihr drehte, fragte sie sich dennoch, ob ihre Fantasie ihr nur einen Streich gespielt hatte.

„Kommst du nicht herein?“ Ein amüsierter Ton schwang in seiner Stimme mit, und Abby senkte den Blick.

„Ich …“ Sie leckte sich über die trockenen Lippen. „Ich weiß nicht.“

Mit gerunzelter Stirn ging er auf sie zu und fasste sie sanft bei den Schultern. „Hast du Angst?“

„Nein, nicht wirklich.“ Sie versuchte sich an einem Lachen, doch es klang gezwungen und unsicher. „Nicht vor dir“, fügte sie sofort hinzu. „Eher vor … vor der Situation. Es ist auch keine Angst. Ich weiß nur nicht, was ich jetzt tun muss. Ich meine …“

Er strich an ihren bloßen Armen herab und hinterließ eine Gänsehaut. „Setzen wir uns und plaudern einfach“, schlug er beruhigend vor. „Es hat mir Spaß gemacht, mich mit dir zu unterhalten.“

„Ja, mir auch“, versicherte sie. „Ich meine, mit dir zu reden, nicht mit mir.“

„Abby.“ Er lachte leise und streichelte behutsam ihre Wange. „Ich verstehe schon.“

Sie lachte nervös. „Du musst mich für schrecklich naiv halten.“

Er hob die Augenbrauen. „Ganz und gar nicht.“

„Wirklich nicht?“ Wieder lachte sie, dieses Mal entspannter. „Für meine Ohren höre ich mich aber ziemlich naiv an.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ich weiß nicht, was ich jetzt tun oder sagen soll.“

„Es gibt doch kein festes Drehbuch, oder?“

„Nein, kein Drehbuch“, sagte sie und ließ sich von ihm zum Sofa führen. „Aber sicher werden doch bestimmte Dinge … erwartet, oder?“

„Abby, ich versichere dir, ich habe keine Erwartungen. Ich war überrascht, dich in der Bar zu sehen, und ich bin noch erstaunter, dich nun hier zu sehen.“

Sie setzten sich. Lucs Schenkel lag an ihrem, und Abby streifte die Pumps ab und zog die Beine unter, bedeckte ihre Füße mit dem langen Rock ihres Abendkleides.

„Ich finde dich keineswegs naiv. Wohltuend erfrischend, würde ich es nennen.“

„Ist ‚erfrischend‘ nicht einfach nur eine nette Art, um auszudrücken, dass jemand anders ist?“

„Anders ist gut.“

„Anders ist anders“, beharrte Abby. „Fremdartig. Unnormal.“

Seine schlanken kräftigen Finger glitten unter die Falten ihres Kleides, massierten dort abwesend ihre schmalen Fesseln, ohne dass sein Blick je ihr Gesicht verlassen hätte. „Kommst du dir so vor?“

„Manchmal.“ Wie kam es, dass es ihr so leicht fiel, mit ihm zu reden? Ihm Dinge zu gestehen, die sie nicht einmal sich selbst eingestand? „Seit meinem fünften Lebensjahr besteht mein Leben nur aus Klavierspiel“, erklärte sie mit einem Schulterzucken. „Ich stand immer abseits.“

„In der Schule?“

Abby schüttelte den Kopf. „Nach meinem achten Geburtstag erhielt ich nur noch Privatunterricht zu Hause. Damit ich mich ganz auf die Musik konzentrieren konnte.“

„Abseits von den Kindern auf Hampstead Heath, nicht wahr? Von ihnen?“

„Ja“, gab sie trocken zu und wunderte sich, wie er so schnell so vieles von ihr verstehen konnte. „Abseits von ihnen.“

In dem Schweigen, das folgte, starrte Abby fasziniert auf sein Bein. Sie konnte die Formen der Muskeln unter dem schwarzen Wollstoff erkennen und wollte dieses Bein berühren. Wollte die harten Muskeln unter ihrer Handfläche spüren, wollte seine warme Haut fühlen …

Was immer es war, das sie da dachte und fühlte, es erfüllte ihr ganzes Sein mit magischer, elektrisierender Spannung, so wie er es vorhin beschrieben hatte. Es machte sie atemlos und schwindlig und schüchtern, selbst als ihre Hand einen eigenen Willen entwickelte und sich auf sein Bein legte.

Ihr Blick richtete sich auf sein Gesicht. Sie sah das wissende Lächeln dort. Mit einem Finger strich er ihr über die Wange, und Abby erschauerte. So leicht und behutsam die Liebkosung auch war, sie lehnte sich in sie hinein und schmiegte ihre Wange in seine Handfläche. Es war ein wunderbares Gefühl, sie schloss die Augen und wünschte, dieser Moment würde nie vorbeigehen.

„Abby …“ Sie hörte die Bedenken in seiner Stimme, fast klang es wie eine Bitte. Aber von Zweifeln wollte sie nichts wissen, drehte den Kopf und setzte einen Kuss in seine Hand. Sie handelte instinktiv, die Sehnsucht gab ihr vor, was zu tun sei. Sich auf fremdes Gebiet zu begeben, war gefährlich, aufregend und wundervoll. Wie war es nur möglich, dass sie so fühlte? Ihr schien es, als wäre sie ihr ganzes Leben lang kalt und leblos gewesen und würde jetzt von Emotionen überflutet.

Luc beugte sich vor und küsste sie, strich zärtlich mit den Lippen über ihren Mund. Abby stockte der Atem. Vierundzwanzig Jahre alt und noch immer ungeküsst. Nicht richtig, zumindest. Nicht so.

Dieser Kuss war wundervoll, und sie wollte mehr. Sie überraschte sich selbst damit und wahrscheinlich auch Luc, dass sie es war, die den Kuss vertiefte. Zwar war sie unberührt und unerfahren, aber die Sehnsucht war ihr Lehrer, der beste Lehrmeister überhaupt, der sie antrieb, ihre Lippen zu öffnen und Luc jetzt zärtlich zu küssen. Als er ihr Gesicht umfasste und nun selbst mehr forderte, klopfte ihr Herz so wild wie noch nie.

Ungeduldig fingerte sie an den Knöpfen seines Hemdes, legte die Hände auf seinen Oberkörper, fühlte, wie seine Muskeln sich bei der Berührung anspannten. Luc beugte den Kopf ein wenig mehr, küsste ihren Hals, glitt mit den Lippen zu ihrer Halsmulde und immer weiter hinunter, um die samtigen Halbmonde ihrer Brust zu liebkosen, die das Dekolleté ihres Kleides freigab.

Abby schnappte nach Luft. Noch nie war sie so berührt worden, noch nie hatte sie so intensiv gefühlt. Oder so intensiv begehrt. Lucs Haar kitzelte ihre Haut, während er die Spur heißer Küsse weiterzog. Instinktiv bog sie sich zurück, um ihm besseren Zugang zu gewähren. In ihrem Kopf drehte sich alles, sie fühlte sich matt und träge und doch lebendig wie nie …

Und dann hörte es auf.

Luc hob den Kopf, schob den Träger ihres Kleides auf ihre Schulter zurück. „Du solltest besser gehen, Abby“, murmelte er mit einem unglücklichen Lächeln.

Die Enttäuschung wollte sie zerreißen. Damit hatte sie nicht gerechnet, sie wollte nicht gehen. „Aber … warum?“ Sie klang so kleinlaut und verloren, dabei sah sie das Aufblitzen von Verzweiflung in seinen Augen.

„Weil ich dich nicht ausnutzen will. Du bist jung und unschuldig, und so solltest du auch bleiben.“

Wut schoss in ihr hoch, heiß und ungezügelt. „Ich bin keine Porzellanpuppe, die man ins Regal stellt und nur ansieht.“

„Das sage ich nicht …“

„Aber jeder sieht mich so, Luc. Jeder behandelt mich so.“ Abby schluckte, plötzlich brannten Tränen in ihren Augen. Sie wollte, dass Luc verstand. Ein einziges Mal sollte jemand sie verstehen. „Wie jemanden, den man von Weitem bewundert, aber besser nicht anfasst, nicht …“ Abrupt brach sie ab, dennoch formten ihre Lippen das Wort: „Liebt“. „Du nutzt mich nicht aus, wenn ich Ja sage“, flüsterte sie dann.

Luc schüttelte den Kopf. „Weißt du überhaupt, wozu du Ja sagst?“

Ihr Lachen klang unsicher. „So naiv bin ich auch wieder nicht.“

Liebevoll strich er ihr eine Strähne von der Wange. „Wenn ich dich nur nicht so sehr begehren würde …“

Von plötzlichem Wagemut gepackt, zog sie seine Finger an ihre Lippen. „Ich will begehrt werden.“

„Von mir?“

„Ja, von dir. Nur von dir. Noch nie habe ich …“ Sie hielt inne. ‚Noch nie‘ waren zwei Wörter, die viel zu häufig in ihrem Leben auftraten. „Schick mich nicht weg, Luc. Lass mich bleiben.“

Seine Augen wurden dunkel, er presste die Lippen zusammen. „Ich bin ein Egoist, weil ich dich hier behalten will. Aber ich werde es tun. Ich will dich nicht gehen lassen. Nicht jetzt. Noch nicht.“ Seine Stimme klang rau. „Ich kann es nicht.“

„Dann lass mich bleiben“, sagte sie laut, und ihr Herz fügte still hinzu: Für immer.

Wortlos nahm Luc sie bei der Hand und führte sie ins Schlafzimmer zu dem großen Doppelbett. Abby stand still und gerade, während er ihr das Kleid von den Schultern schob und es raschelnd zu Boden glitt. Sie war nicht einmal verlegen, als er sie ihrer Dessous entledigte. Warum sollte eine Frau verlegen sein, wenn der Mann sie voller Bewunderung, ja Ehrfurcht betrachtete, als wäre sie ein unbezahlbarer Schatz? So nämlich schaute Luc sie an, und so berührte er sie auch.

Hob sie auf seine Arme und legte sie vorsichtig auf das große Bett, dann zog er sich selbst aus und legte sich zu ihr. Seine Fingerspitzen strichen zärtlich über ihren Bauch. Sie erschauerte.

„Frierst du?“

„Nein.“ Abby lächelte und erschauerte erneut, als er einen Kuss auf ihren Bauchnabel hauchte.

„Ich werde vorsichtig sein, um dir nicht wehzutun“, murmelte er.

„Ich weiß“, seufzte Abby, „dass du mir nicht wehtun wirst.“

Denn alles fühlte sich wunderbar und glorreich an, jedes Gefühl war köstlich und magisch. Seine Zärtlichkeiten erregten sie über alle Maßen, und als er sie ermunterte, ihn zu berühren, wurde sie kühn und furchtlos und genoss das lustvolle Stöhnen, das sie ihm entlockte.

Sie redeten nicht mehr, wozu auch? Das, was hier geschah, ging viel zu tief. Wozu brauchten sie Worte, wenn ihre Körper so perfekt in stummer Sinnlichkeit miteinander harmonierten?

Dann plötzlich rollte Luc sich von Abby, ließ sie kalt mit leeren Armen zurück.

„Luc …“, stöhnte sie protestierend.

„Ich habe keinen Schutz dabei.“ Er richtete sich auf, setzte sich auf die Bettkante und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Sich vorzustellen, wir hätten fast …“

Ein Feuersturm unbefriedigter Leidenschaft tobte in Abby. Sie wollte mehr, obwohl ihr nicht einmal wirklich klar war, was dieses „Mehr“ genau war. „Wirst du nicht mit mir …?“

„Wir müssen verhüten, Abby.“ Während er sich hastig anzog, schenkte er ihr ein Lächeln. „Ich werde nicht Russisches Roulette mit deinem Leben spielen.“ Er verharrte für einen Augenblick. „Es sei denn … nimmst du vielleicht die Pille?“

Stumm schüttelte sie den Kopf. Der Gedanke an Verhütung war ihr nie gekommen, geschweige denn, welche Konsequenzen aus ihrem Handeln erwachsen könnten.

„Ich bin gleich wieder zurück.“ Er küsste sie auf die Stirn, und Abby legte die Hand an seine Wange.

„Beeil dich“, flüsterte sie, und Luc nickte.

Sobald Luc das Zimmer verlassen hatte, fühlte Abby sich schrecklich allein. Sie hörte das Klingeln des Aufzugs und das leise Geräusch der Türen, die sich erst öffneten und dann wieder schlossen.

Die Luft strich plötzlich kalt über ihre Haut. Sie wickelte sich in die Bettdecke ein und wartete sehnsuchtsvoll auf Lucs Rückkehr.

Aber die Ereignisse des Abends, der Champagner, das reichhaltige Essen, die überwältigenden Gefühle forderten ihren Tribut. Abby fielen die Lider zu.

Es dauerte nur wenige Minuten, um zur nächsten Nachtapotheke zu laufen und die nötigen Dinge zu besorgen. Auf dem Weg zurück zur Suite vibrierte jede Faser in Luc vor erwartungsvoller Vorfreude. Er fühlte sich so lebendig.

Und dann stand er in der Schlafzimmertür und sah Abby schlafend in dem großen Bett liegen, das Haar wie schwarze Seide auf den Kissen ausgebreitet. Ihre Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen, und ihre Lippen waren blutrot und geschwollen von seinen Küssen.

Er fragte sich, was sie wohl träumen mochte. Träumte sie von ihm?

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag – wie irreal dieser ganze Abend war. Wie fantastisch.

Der heutige Abend ist so real wie jeder andere auch.

Er hatte gelogen, das wurde ihm augenblicklich klar. Sie hatten der Realität einen kurzen Moment gestohlen, aber jetzt musste dem Ganzen Einhalt geboten werden. Er war dabei gewesen, ihr die Unschuld zu nehmen. Sich zu nehmen, was nicht ihm gehörte. Egoistisch und ohne nachzudenken hätte er sich genommen, was nicht seins war, und wäre am nächsten Morgen gegangen. Weil er keine andere Wahl hatte als zu gehen. Nichts hatte er mehr zu geben, und fühlen konnte er schon lange nicht mehr.

Noch während ihn diese Gedanken überfielen, kehrte die Kälte in seine Seele und sein Herz zurück. Es war ein so vertrautes Gefühl, fast begrüßte er sie. Nur das Wissen darum, wie sehr er Abby verletzen würde, saß wie ein Pfeil in seinem Fleisch.

Es sei denn … Wenn er jetzt ging, während sie schlief, dann würde er sie verletzen, aber lange nicht so sehr. Nicht so tief.

Ein Stöhnen entfuhr ihm ungewollt, er wollte nicht gehen. Wenigstens für ein paar Stunden wollte er sich in ihren Armen verlieren …

Er war ein egoistischer Mistkerl, war es immer gewesen. Er nahm sich, wen und was er wollte, ohne darauf zu achten, welchen Schmerz er anderen Menschen zufügte.

Nein, dieses Mal nicht.

Wie in Zeitlupe, erfüllt von Trauer über den Verlust von etwas, das er nie besessen hatte, schob Luc das ungeöffnete Päckchen Kondome in die Hosentasche und ging zum Bett. Zart küsste er Abby auf die Stirn. Sie stieß einen leisen Seufzer aus, der ihm schier das Herz zerreißen wollte.

So lange hatte er sich mit einer harten Schale umgeben, damit er nichts mehr fühlen musste. Weil er nichts fühlen wollte. Er wollte die nagende Schuld und die Reue nicht mehr spüren, die seine Verfehlungen verursacht hatten.

Er hatte Suzanne im Stich gelassen, hatte Monat um Monat nichts gesehen, nichts gemerkt, nichts verstanden. Und keinen Finger gerührt, um sie zu retten. Das würde er niemandem mehr antun, vor allem nicht jemandem, der so süß und unschuldig war wie Abby. Dazu würde er es nicht kommen lassen.

Sie hatte ihr Leben, ihre Musik … eine große, wunderbare Welt, die nichts mit ihm zu tun hatte.

Es war besser so.

Ein letztes Mal strich er ihr zärtlich über die Wange, dann ging er mit langsamen Schritten und blutendem Herzen zur Tür zurück. Er fühlte. Und er verdrängte diese Gefühle rigoros, erlaubte der Gefühllosigkeit, sich erneut auf seine Schultern zu legen und ihn einzuhüllen wie ein wallender Umhang.

Seinen Mantel über dem Arm, drehte er sich noch ein letztes Mal um und flüsterte ein einzelnes Wort: „Leb wohl.“

Dann schlüpfte er aus dem Zimmer und schloss leise die Tür.

4. KAPITEL

Abby erwachte langsam und reckte sich wohlig.

Excusez!“

Mit einem Ruck richtete Abby sich auf und starrte auf das verlegen dreinschauende Zimmermädchen, das am Fußende des Bettes stand. Hastig riss sie das Laken hoch, um ihre nackte Brust zu bedecken. Sie blickte sich um und suchte nach Luc, doch ihr Magen zog sich ungut zusammen, sie ahnte die Wahrheit bereits.

Er war fort.

Genau wie sie die Verbindung zwischen ihnen gestern Abend gefühlt hatte, realisierte sie nun seine Abwesenheit. Doch dieses Gefühl jetzt war viel schlimmer, elektrisierte nicht, sondern höhlte aus. Mitten in der Nacht hatte er sich davongestohlen, wie ein Dieb, noch bevor sie überhaupt …

Abby verdrängte den Gedanken und schluckte das Schluchzen hinunter, das sie schütteln wollte. Sah zurück zu dem Mädchen, das sie mit nur schlecht kaschierter Neugier musterte, und fühlte die Schamesröte über ihr Gesicht kriechen. Von irgendwoher klaubte sie die letzten Reste ihrer Würde zusammen.

Vous pouvez retourner dans quelques minutes“, sagte sie, so hochmütig es ihr möglich war.

Das Zimmermädchen nickte und verschwand, und Abby war wieder allein.

Komplett allein.

Sie schluckte den Kloß herunter, der ihr plötzlich in der Kehle saß. Wieso war Luc gegangen? Er hatte gesagt, er wolle nur einen Verhütungsschutz besorgen, und dann hatte er sie hier zurückgelassen. Warum? Weil er es sich anders überlegt hatte? Weil sie ihm die ganze Sache plötzlich nicht mehr wert gewesen war? Kam er noch einmal zurück? Das hier war doch sein Zimmer, oder?

Abby stand auf, wickelte sich in das Laken und ging auf Suche … nach irgendeinem Zeichen, das die Hoffnung nähren würde, er käme noch zurück. Dass er nur eben schnell hinausgegangen war, um Kaffee zu besorgen, die Zeitung, Frühstück …

Wie unsinnig. In einem Hotel wie diesem hier wurde das Frühstück samt Zeitung ans Bett serviert. Luc und sie könnten hier liegen, frischen Kaffee trinken, sich gegenseitig mit warmen Croissants füttern und die Zeitungsseiten austauschen. Und dann würden sie sich lieben, langsam und zärtlich und leidenschaftlich, so wie es schon gestern Abend hätte passieren sollen.

Natürlich würde das nicht geschehen, er war ja nicht mehr da. Nicht einmal eine Notiz hatte er hinterlassen.

Eine Illusion, so wie der gesamte gestrige Abend nur eine Illusion gewesen war. Märchen hatten nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sie waren nichts anderes als Lügen, die sich den Anschein von Gutenachtgeschichten gaben. Sie war eine Närrin, dass sie sich erlaubt hatte, auch nur einen Moment lang daran zu glauben. An ihn zu glauben.

Noch immer eingewickelt in das Laken, ließ Abby sich mutlos auf die Bettkante sinken. Verzweiflung kroch ihren Rücken hinauf und wollte mit eiskalten Fingern nach ihrem Herzen greifen. Nein, sie würde nicht zusammenbrechen. Nicht hier, nicht jetzt. Er war gegangen, und das musste sie akzeptieren.

Sie musste hier raus.

Auf dem Boden lag noch immer ihr Abendkleid. Etwas anderes hatte sie nicht anzuziehen. Der Gedanke, in dem Kleid durch die Hotellobby laufen zu müssen, vorbei an den neugierigen Blicken, jagte eine neue Welle der Scham durch sie hindurch.

Wie hatte er ihr das antun können? Nach allem, was sie zusammen erlebt hatten! Doch was hatten sie denn zusammen erlebt? Nichts! Ihr Körper hatte vor Verlangen nach ihm geschmerzt, und er war einfach gegangen!

Die Bilder stürzten auf sie ein. Seine Hände auf ihr, sein Mund, überall … Sie unterdrückte ein Schluchzen. Nein, daran würde sie nicht denken! Sie durfte es nicht, wenn sie aus diesem Hotel herauswollte. Ihr Vater wartete auf sie. Er musste sich Sorgen machen und würde wütend Erklärungen von ihr verlangen.

Was hatte sie nur getan?! Gestern Abend war sie nicht in der Lage gewesen, an die Konsequenzen auch nur zu denken, da hatte sie nur gewollt. Luc gewollt. Wünschte sich doch so sehr, dass der Abend mit ihm nie zu Ende gehen sollte.

Doch er war schon vor Stunden zu Ende gegangen, und sie hatte nicht einmal etwas davon bemerkt.

Mit zitternden Händen zog Abby sich an. Das Kleid hing zerknittert an ihr herab, sprach Bände, wie sie ihre Nacht verbracht hatte. Sie schlüpfte in ihren alten Mantel und stieg in die Pumps. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr ein blasses Gesicht, hager und angespannt durch die Erkenntnis am Morgen danach.

Abby hörte die Lifttüren gehen und wusste, das Zimmermädchen war zurückgekehrt. Sie atmete tief durch und rauschte mit hoch erhobenem Kopf durch die Schlafzimmertür.

Excusez-moi, mademoiselle“, murmelte das Mädchen. „Der Gentleman ist bereits in der Nacht abgereist. Ich wusste nicht, dass er einen Gast mitgebracht hatte.“

„Nun, ich gehe jetzt auch“, sagte Abby kalt, denn ihr Stolz war alles, was sie noch hatte. Sie schenkte dem Mädchen keinen einzigen Blick, wollte deren Häme oder Mitleid nicht sehen. Erst im Aufzug verließ die Haltung sie. Kraftlos sackte sie gegen die Aufzugswand, das Elend wollte sie aufschreien und in Tränen ausbrechen lassen.

Irgendwie schaffte sie es dennoch, sich aufrecht zu halten. Mit geradem Rücken und gereckten Schultern durchquerte Abby die opulente Hotellobby, ohne nach rechts oder links zu sehen. Doch sie hörte das raunende Getuschel und wusste, sie war erkannt worden.

Draußen auf der Straße kühlte die Morgenluft ihre brennenden Wangen. Sie winkte ein Taxi heran und ließ sich erleichtert auf den Rücksitz fallen, als es nur Sekunden später auch schon am Straßenrand anhielt.

Sie musste während der Fahrt mit ihren Gedanken weit weg gewesen sein, denn plötzlich wurde die Tür neben ihr aufgerissen.

„Wo warst du die ganze Nacht?“, drang die Stimme ihres Vaters erbost zischelnd an ihr Ohr.

Abby bezahlte den Fahrer und stieg aus. „Ich war aus“, antwortete sie tonlos. „Bitte, Dad, lass uns hier auf der Straße keine Szene machen.“

Andrew Summers nickte verbissen, und Abby folgte ihm hinauf in die Suite. In dem kleinen Salon blieb sie stehen, drückte ihren alten Mantel vor der Brust an sich und sah erstaunt zu, wie ihr Vater eine der kleinen Whiskeyflaschen aus der Minibar nahm, die Flasche aufdrehte und den Inhalt in einem Schluck hinunterstürzte. Nie hatte sie ihn mehr als ein Glas Wein zum Dinner trinken sehen.

„Den ganzen Morgen haben die Reporter hier herumgelungert“, schimpfte er, den Rücken zu ihr gekehrt. Sie sah seine Hand zittern, als er die kleine Flasche abstellte. „Scheinbar hat man dich gestern Abend zusammen mit einem Mann gesehen.“

Und Abby hatte gedacht, sie wären allein gewesen! Und diskret. Wie naiv sie doch war. Sie lächelte zynisch. In den letzten vierundzwanzig Stunden war sie schnell erwachsen geworden. „Es stimmt. Ich war mit einem Mann zusammen“, bestätigte sie kühl.

Ihr Vater drehte sich zu ihr um, mit ungläubig hochgerissenen Augenbrauen. „Ein Fremder? Du bist mit einem Fremden ausgegangen? Abby, wie konntest du nur!“

Gleichgültig zuckte sie mit einer Schulter. Sie würde nicht zugeben, wie leicht es ihr gefallen war. „Ich habe mit ihm zu Abend gegessen. Was ist daran so schlimm?“

„Die Reporter behaupten, du seist mit ihm aufs Zimmer gegangen.“

Abby hob ihr Kinn. „Mein Privatleben geht niemanden etwas an.“

„Falsch“, widersprach Andrew sofort. „Mich geht es etwas an, und die Öffentlichkeit auch. Denn du stehst im Licht der Öffentlichkeit. Wir haben hart dafür gearbeitet, um dich zu einer Berühmtheit zu machen.“

„Vielleicht will ich ja gar keine Berühmtheit sein.“

Andrew schüttelte den Kopf. „Dafür ist es jetzt zu spät.“

Für viele Dinge ist es zu spät, dachte Abby. Auch für Bedauern. Sie musste an Lucs Wunsch denken, die Zeit zurückdrehen zu können. Würde sie die Zeit zurückdrehen? Um den gestrigen Abend ungeschehen zu machen?

Nein, das nicht. Sie würde die Uhr zurückdrehen, damit der Abend in der Erfüllung gipfeln würde, die er versprochen hatte. Wie unglaublich dumm war das?! Doch die letzte Nacht war magisch gewesen, trotz der Enttäuschung, die der Morgen brachte, und Abby war froh, eine solche Nacht erlebt zu haben.

„Ich brauche eine Dusche“, erklärte sie ihrem Vater knapp. „Und ich will mich umziehen. Dann können wir reden.“ Abby sah das überraschte Aufflackern in seinen Blick. Er war es nicht gewohnt, Anordnungen von ihr zu hören. Sie war es ja auch nicht gewohnt, Anordnungen zu geben.

Mit dem Rascheln von Seide drehte sie sich um und verschwand in ihrem privaten Schlafzimmer. In dem angrenzenden Bad zog sie das Kleid aus und kickte es in die Ecke. Nie wieder würde sie es tragen, es schien ihr beschmutzt. Alles schien ihr beschmutzt.

Wütend drehte sie die Dusche auf und stellte sich unter den heißen Wasserstrahl, ließ ihre Tränen vom Wasser fortschwemmen. Die magische Schönheit der letzten Nacht konnte die Hässlichkeit des Morgens nicht wettmachen. Wieso war Luc gegangen, ohne ein Wort?

Die Antwort war offensichtlich. Er hatte seine Meinung geändert. Sie war so linkisch und tölpelhaft gewesen, dass er mitten in der Nacht aus dem Bett gestiegen und verschwunden war. Nie würde sie besitzen, was nötig war, um ihn zu halten.

Geduscht und angezogen kehrte Abby in den Salon zurück. Ihr Vater saß auf dem Sofa und telefonierte mit grimmiger Miene. Mit dem Theaterdirektor? Mit einem Reporter? Mit ihrem Agenten?

Energisch klappte er das Handy zu und warf Abby einen zornigen Blick zu. „Das war deine Mutter. Sie hat heute Morgen schon in der Tageszeitung von dem geheimnisvollen Mann gelesen, der mit dem Wunderkind gesehen wurde.“

Das Wunderkind. So wurde sie seit ihrem siebzehnten Lebensjahr genannt. Nie hatte sie diesen Ausdruck gemocht, er klang so unpersönlich. Sie ging zum Fenster und schaute auf die Stadt hinaus. Bald würde der Frühling Einzug halten, doch noch reckten die Bäume ihre Äste kahl und grau in den fahlen Himmel.

„Ich glaube nicht, dass dir klar ist, was diese letzte Nacht bedeutet“, fuhr ihr Vater mit vorwurfsvoller Stimme fort.

Ein trockenes Lachen entrang sich ihrer Kehle. „Ich weiß genau, was sie bedeutet.“ Nichts, sie bedeutete absolut nichts.

„Für deine Karriere“, betonte er, „und auch für …“ Er brach ab.

Ihr Vater war ihr Mentor und ihr Manager, doch über persönliche Dinge wurde in ihrer Beziehung nicht gesprochen. Abby war weder Frau noch Tochter für ihn, sie war Pianistin. Das Wunderkind. „Welche Bedeutung sollte es schon für meine Karriere haben?“ Im Moment interessierte sie das nun wirklich nicht im Geringsten.

„Es ruiniert deinen Ruf, wenn du als Party-Girl bekannt wirst.“

„Party-Girl?“, wiederholte sie fassungslos. Ihr Leben könnte nicht weiter davon entfernt sein – sowohl von Partys als auch von allem, was mit dem weiblichen Geschlecht als solchem zu tun hatte. Nie hatte sie etwas unternommen, nie etwas getan, das ein solches Urteil verdiente … bis zum gestrigen Abend.

Gestern Abend war ihr alles egal gewesen – ihr Ruf, ihre Karriere, ihr Leben. Für einen Abend, für einen Mann. Für einen Mann, der nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Der erst gar nichts mit ihr hatte zu tun haben wollen!

„Abigail.“ Ihr Vater mühte sich um Geduld. „Wir haben hart gearbeitet, um dahin zu gelangen, wo wir jetzt sind. Wir haben immer auf unseren Ruf geachtet, haben das Image der Frau genährt, die sich ganz und gar der Musik verschrieben hat.“

Dass ihr Vater ständig von „wir“ sprach, entging ihr nicht. Er glaubte wirklich, dass ihre Karriere und ihr Erfolg nur durch gemeinsame Anstrengungen möglich gemacht worden waren. So war es schon immer gewesen, von Anfang an. Seinem Empfinden nach hatte er ebenso viel Mühe investiert wie sie, deshalb traf ihn auch jedes Gerücht, jede Andeutung, jede Bedrohung persönlich.

Die Enttäuschung über den Betrug des gestrigen Abends jedoch fühlte er nicht.

Abby schaute wieder zum Fenster hinaus. Feiner Nieselregen hatte eingesetzt, ließ den Bürgersteig dort unten glänzen. Sie versteifte sich, als sie die Hand ihres Vaters auf ihrer Schulter spürte.

„Abby, was immer gestern Nacht auch passiert ist …“ Ihr Vater beendete den Satz nicht, aber sie wusste, es war das Beste, womit er aufwarten konnte. Für ihn war dies ein enormer Beweis von Zuneigung, und von irgendwoher schaffte sie es, ein Lächeln hervorzuholen.

„Ist schon in Ordnung, Dad.“

„Heute Abend musst du dir die Seele aus dem Leib spielen“, fuhr er fort, jetzt wieder ganz Manager. „Für eine göttliche Vorstellung werden alle Sünden vergeben.“

Sünden. Ein passender Ausdruck. Und Abby nickte, so als wäre sie der gleichen Meinung.

Abby spielte sich nicht die Seele aus dem Leib. Vielleicht, weil ihre Seele abgestorben war. Kalt und leblos kam sie sich vor, und so klang auch ihr Spiel. Sie brachte das Konzert zu Ende, doch dieses Mal kamen keine Bewunderer nach der Vorstellung zu ihrer Garderobe.

Vielleicht war das Publikum verwirrt, vielleicht kümmerte es aber auch niemanden.

Während Abby sich umzog, hörte sie ihren Vater draußen auf dem Korridor auf und ab gehen und mit ihrem Agenten telefonieren.

„Es heißt doch, nur keine Publicity ist schlechte Publicity. Ich weiß, Randall, aber das ist nur eine Phase, das geht vorbei. Wir haben noch sechs Konzerte auf dieser Tournee. Sie schafft das.“

Aber ich schaffe es eben nicht, dachte Abby plötzlich. Sie starrte auf ihr Konterfei im Spiegel und lauschte auf die immer drängender klingenden Bitten ihres Vaters. Und selbst wenn … ich will nicht. Vierundzwanzig Jahre lang hatte sie nur für die Musik gelebt. Jetzt wollte sie für sich selbst leben.

Als Abby aus der Garderobe trat, ließ ihr Vater das Handy gerade in die Tasche zurückgleiten. Müde lächelte er ihr zu.

„Heute Abend war nicht unsere beste Vorstellung, Abby. Aber uns bleiben zwei Tage, bevor wir in Mailand sein müssen. Wir beide könnten eine Pause gebrauchen.“

Wir, dachte Abby, immer wir. Als Mädchen hatte sie es gern gehört, weil sie dann das Gefühl gehabt hatte, Teil von etwas Großem zu sein. Heute irritierte es sie nur noch. „Ich möchte die restlichen Auftritte absagen“, hob sie leise an. „Ich bin ausgebrannt. Ich brauche mehr als nur ein paar Tage.“

Andrew starrte sie an. „Abby …“

„Seit sieben Jahren gebe ich Konzerte und mache Aufnahmen. Ich brauche eine richtige, eine lange Pause.“

Andrew atmete schwer aus. „Also gut, na schön. Aber erst nach dieser Tournee.“

„Ich kann nicht mehr“, gestand Abby schlicht. „Du hast mich doch heute gehört. Wir können das Geld für die Eintrittskarten zurückgeben, wir erstatten es, und …“

„Nein, können wir nicht“, fiel Andrew ihr ins Wort, und zum ersten Mal hörte er sich wirklich wütend an.

Fassungslos starrte Abby ihren Vater an. Ein Gefühl von Angst kroch ihren Rücken hoch. Endlich, nach einem langen Moment, fand sie ihre Sprache wieder. „Warum nicht?“, fragte sie tapfer.

„Weil ich es verloren habe, Abby.“ Verzweiflung rückte an die Stelle von Wut. Andrew ließ den Kopf hängen. „Ich habe alles verloren.“

5. KAPITEL

Sechs Monate später

In der warmen Septembersonne saß Luc in einem Straßencafé in Avignon und schaute auf die knappe Überschrift im Kulturteil der Le Monde.

Ausnahmepianistin Abigail Summers beendet ihre Karriere

Sein Magen zog sich zusammen. Es war das Schuldgefühl, das er die ganze Zeit versuchte im Zaum zu halten. Er hatte versucht, weder an Abby noch an jenen wunderbaren, wenn auch unerfüllten Abend vor sechs Monaten zu denken. Hatte versucht, sie zu vergessen, und sich in die Arbeit gestürzt. Abby konnte einfach keine Verwendung für ihn in ihrem Leben haben.

Dennoch war es ihm nicht gelungen, sie aus seinen Gedanken zu verbannen.

Und jetzt spürte er die Schuldgefühle, die von ihm Besitz ergriffen. Hatte sie sich seinetwegen von der Bühne zurückgezogen? Hatte er noch eine Unschuldige mit seiner Gier, seinem Egoismus verletzt? Obwohl das nie seine Absicht gewesen war …

Salut, Luc.“

Luc schaute von der Zeitung auf und sah seinen Notar, Denis Depaul, am Tisch stehen. Er faltete die Zeitung zusammen und warf sie auf den leeren Stuhl neben sich, wünschte, er könnte seine Erinnerungen und Sorgen ebenso leicht ablegen. „Salut.“

Denis setzte sich und bestellte einen Kaffee, bevor er sich Luc zuwandte. „Schön, dich wieder mal zu sehen. Du kommst nicht mehr oft in den Süden.“

„Ja, das stimmt.“ Luc zwang sich, entspannt zu wirken. Denis war ein alter Freund der Familie, er hatte schon Lucs Vater vertreten. Nach dessen Tod – Luc war damals erst elf Jahre alt gewesen – hatte er die Angelegenheiten der Familie betreut, bis Luc alt genug gewesen war, die Führung von Toussaint Holding zu übernehmen.

„Ich habe Neuigkeiten.“

„So?“ Luc nippte an seinem Espresso.

„Ja.“ Denis hielt inne. „Für Château Mirabeau ist ein Angebot abgegeben worden.“ Luc verharrte, die Finger um die kleine Tasse gelegt, bemühte sich, seinen Ton neutral zu halten. „Ein Angebot? Mir war nicht klar, dass es zum Verkauf steht.“

„Das nicht. Aber da es seit sechs Monaten nicht mehr bewohnt wird, beginnen die Leute, sich Gedanken zu machen.“

„Sollen sie ruhig“, erwiderte Luc gleichgültig, doch Denis ließ sich von diesen Worten nicht täuschen.

„Es ist ein interessantes Angebot, Luc. Sicher, du brauchst das Geld nicht, aber angesichts …“

„Angesichts was?“, hakte Luc nach.

Denis neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte Luc abwägend. „Angesichts der Tatsache, dass du nicht mehr dort wohnst“, sagte er dann nüchtern, „und auch nicht die Absicht geäußert hast, in Zukunft wieder dort zu wohnen.“ Seine Miene zeigte plötzlich Mitleid, Mitleid, das Luc nicht ertragen konnte.

Nicht nur, dass er kein Mitleid wollte, er hatte es auch nicht verdient. Es wäre einfacher für ihn, wenn Denis ihn verurteilte und ihn für Suzannes Tod verantwortlich machte. Doch niemand schien das zu tun, nur er selbst. Wäre ich nur aufmerksamer gewesen. Hätte ich sie nur mehr geliebt. Hätte ich nur bemerkt, wie unglücklich ich sie mache.

Vielleicht würde sie dann noch leben.

„Luc, das Angebot ist wirklich gut. Und das Schloss, mit all seinen Erinnerungen …“

Denis brauchte den Satz nicht zu beenden. Was Erinnerungen betraf, wusste Luc genau Bescheid: Château Mirabeau mit seinen Steinhängen und Weinbergen, mit den Springbrunnen und Aquädukten, mit seinen Geheimnissen und Sorgen und Narben. Château Mirabeau, wo Suzanne so unglücklich gewesen und unerwartet gestorben war.

„Ich kann es nicht verkaufen“, sagte Luc entschieden. „Seit vierhundert Jahren gehört es unserer Familie. Mein Vater …“ Er brach ab, schüttelte stumm den Kopf.

„Ich weiß, dein Vater hätte sich das niemals gewünscht“, sagte Denis verständnisvoll. „Aber er wusste auch nichts von solchen Umständen. Für dich ist es besser, wenn du das Schloss verkaufst, und damit beziehe ich mich nicht auf dein Bankkonto. Du musst endlich …“

„Du musst mir nur sagen, was ich im Hinblick auf meine Bankkonten zu tun habe, mehr nicht“, unterbrach Luc den alten Freund kühl. Er wusste, er klang barsch, aber er brauchte weder Rat noch Mitgefühl. Mürrisch wandte er das Gesicht ab und zuckte zusammen, als Denis seinen Arm berührte.

„Fünfunddreißig Millionen Pfund könnten vielleicht deine Meinung ändern.“

„Fünfunddreißig Millionen?“ Luc hob eine Augenbraue. Er hatte sich wieder gefasst, zumindest sah es nach außen hin so aus. „Mehr nicht?“

Denis schmunzelte. „Wie gesagt, du benötigst das Geld nicht unbedingt, aber … fünfunddreißig Millionen sind fünfunddreißig Millionen.“

„Nein.“

„Wie du meinst.“ Denis öffnete seinen Aktenkoffer, entnahm ihm einen Stapel Unterlagen und begann einen Bericht zu lesen über die anderen Besitztümer Lucs im Languedoc.

Lucs Blick glitt zu der Zeitung mit dem grobkörnigen Foto der „Ausnahmepianistin Abigail Summers“.

Abby.

Vor sechs Monaten hatte sie auf dem Zenit ihrer Karriere gestanden. Sie hatte alles erreicht, wofür sie gearbeitet hatte. Und jetzt hörte sie auf? Einfach so?

Warum? Die Antwort drängte sich unerbittlich auf. Seinetwegen. Weil er zu viel von ihr genommen hatte und dann wortlos verschwunden war.

Er hatte sich tatsächlich davon überzeugen können, dass es besser so war. Wäre er geblieben, hätte er sie in seine Arme gezogen und mit ihr geschlafen. Er hätte sie nicht losgelassen. Wahrscheinlich für eine lange Zeit nicht losgelassen.

Und dann? Sie hätte Gefühle entwickelt, sich vielleicht sogar eingebildet, sie würde ihn lieben. Irgendwann hätte er sie dann verletzt, enttäuscht, im Stich gelassen. Genau wie Suzanne.

„Luc?“

Sein Blick ruckte zu Denis zurück, der mit dem goldenen Kugelschreiber auf die Unterlagen tippte. Luc hatte keine Ahnung, worüber Denis redete. Irgendetwas über die Weinkellerei. „Ja, natürlich“, antwortete er vage und konnte nicht verhindern, dass seine Gedanken wieder zu jener Nacht wanderten, zu Abby.

Er wusste noch genau, wie sie sich angefühlt hatte. Weich, anschmiegsam, perfekt an seinen Körper angepasst. Auch die Erinnerung an den Duft ihres Haars – leicht nur, kaum wahrnehmbar, nach Lavendel – war immer noch lebendig. Der Duft erinnerte ihn an zu Hause. An die guten Zeiten. Seltsam. Als er Abby in seinen Armen gehalten hatte, da waren die Dämonen verschwunden, ihre hämischen Stimmen verstummt. In Abbys Armen hatte er Frieden empfunden.

„Luc?“, kam es ein weiteres Mal von Denis, und Luc nickte.

„Natürlich, ich höre zu.“

Aber er hörte nicht zu. Mit seinen Gedanken war er meilenweit weg. Er dachte an Abby und wo sie jetzt wohl sein mochte.

Und wie er sie finden könnte.

Abby nahm die hausgemachte Lasagne aus dem großen Kühlschrank und stellte sie in die Proviantkiste auf der Anrichte.

„Geht noch etwas nach Corner Cottage?“, fragte sie Grace Myer, die Eigentümerin von Cornish Country Kitchen Catering und seit vier Monaten Abbys Chefin.

Grace steckte sich eine ergraute Strähne hinters Ohr und überflog die Bestellliste. „Lasagne, Salat, Brot und Streuselkuchen, das war’s. Es ist ja nur für den einen Herrn.“

„Er bleibt die ganze Woche?“

„Ja. Er hat das Cottage wohl erst gestern angemietet, ganz kurzfristig.“ Grace legte die Bestellung auf die Kiste. „Da hast du alles. Und es macht dir nichts aus, heute Nachmittag nach Helston zu fahren?“

„Nein, überhaupt nicht“, antwortete Abby. Grace hatte sie ja für das Tragen und Ausliefern angestellt, weil sie selbst es wegen ihrer Rückenschmerzen nicht mehr schaffte. Und Abby gefiel die Arbeit. Endlich hatte sie das Gefühl, etwas Nützliches zu tun. Außerdem half es, sich beschäftigt zu halten. Dann blieb keine Zeit zum Grübeln.

Abby hievte die Kiste in Graces alten Truck, der draußen vor dem reetgedeckten Cottage parkte, und kletterte auf den Fahrersitz. Es war ein sonniger Septembertag, eine frische Brise wehte vom Meer herüber und spielte in Abbys Haaren, während Abby die Küstenstraße entlang nach Carack fuhr, dem kleinen Fischerdorf, wo Corner Cottage lag.

Nicht zum ersten Mal musste sie daran denken, wie sehr ihr Leben sich in den letzten sechs Monaten verändert hatte. Jener Abend in Paris, an dem ihr Vater ihr gestanden hatte, dass er das ganze Geld – ihr Geld! – verloren hatte, war der Wendepunkt gewesen. Zwei Konzerte hatte sie noch gegeben – und miserabel gespielt –, bevor sie die Tournee abbrach. Weil sie die neugierigen Spekulationen nicht mehr ertragen konnte, kehrte sie der Musikwelt den Rücken und brach alle Brücken hinter sich ab.

Und jetzt war sie hier. Ihre Tage verbrachte sie damit, fertige Mahlzeiten auszuliefern, die Grace zubereitete. Die Monotonie ihrer Arbeit wurde wettgemacht durch die wunderschöne Landschaft, durch die sich die Straßen wanden, durch die direkte Nähe zum Meer, durch die gelegentlichen Fahrten nach Helston oder Penzance, um frische Zutaten einzukaufen, und durch die Freunde, die sie hier gewonnen hatte – die alte Marta, die den Lebensmittelladen in Carack seit dreißig Jahren führte, der Postbote und natürlich Grace. Es waren die kleinen Freuden des Alltags, die sie zu schätzen gelernt hatte.

Nach Cornwall zu kommen war eine instinktive Entscheidung gewesen. Als Kind war sie einmal hier in den Ferien gewesen, der einzige wirkliche Familienurlaub. Eine wunderbare Woche mit Sandburgenbauen und schmelzender, tropfender Eiscreme in der kleinen Kinderhand. Es war ein gutes Gefühl, wieder hier zu sein.

Sie hatte Graces Stellenanzeige für eine Assistentin in der kleinen Lokalzeitung gelesen und sich beworben. Ihre Eltern waren verstört, die Öffentlichkeit fassungslos, doch Abby war froh.

Abgesehen von jener Nacht mit Luc, fühlte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben frei und glücklich.

Und wie immer, wenn sie an Luc dachte, spürte sie den Stich in ihrem Herzen. Warum war er damals gegangen? Hatte er es von Anfang an so geplant? Oder hatte er einfach nur das Interesse verloren? War es überhaupt noch wichtig?

Wenn sie Schmerz und Ärger einmal vergaß, dann müsste sie ihm sogar dankbar sein. Die Begegnung mit ihm hatte ihr die Augen geöffnet, hatte ihr gezeigt, wie eingeengt ihr Leben bis dahin gewesen war, auch wenn das sicherlich nicht seine Absicht gewesen war. Es hatte sie wachgerüttelt und sie zu diesem Schritt bewegt.

Corner Cottage war das letzte Häuschen in der Reihe der weiß getünchten Häuser auf der Hauptstraße von Carack, alle mit Blick auf das Meer. Abby roch das Salz in der Luft, als sie die Kiste aus dem Wagen hob, durch den kleinen Garten ging und durch die Hintertür in die Küche eintrat.

Sie liebte Corner Cottage. Es war klein und gemütlich, nur mit einer winzigen Küche im Parterre und dem Wohnraum, der von einem offenen Kamin beherrscht wurde. Oben unter dem Dach lag das Schlafzimmer, mit direktem Blick auf die schiefergraue See. Ein ideales Nest für ein Paar, Abby konnte sich bestens vorstellen, wie man sich zusammen unter das dicke Federbett kuschelte und stundenlang aufs Meer hinausschaute.

Zu Abbys Aufgaben gehörte es auch, zu überprüfen, ob in dem Cottage alles ordnungsgemäß sauber und bereit für den nächsten Mieter war, und so verstaute sie erst das Essen und ging dann von Raum zu Raum. Beim Anblick des großen Betts fühlte sie wieder den schmerzhaften Stich, und einen Moment erlaubte sie sich die Fantasie, sie würde zusammen mit Luc in diesem Bett liegen. Sie hatte ja niemanden sonst, den sie für ein solches Bild benutzen könnte. Luc war die Summe all ihrer romantischen und sexuellen Erfahrungen. Jene Momente mit ihm gehörten zu den wertvollsten und intensivsten Erinnerungen, die sie besaß. Oder verrannte sie sich hier nur in eine romantische Wunschvorstellung?

Natürlich tat sie das. Die Tatsache, dass er ohne ein Wort gegangen war, bevor sie überhaupt zusammen geschlafen hatten, war der Beweis dafür.

Abby schüttelte den Kopf. Sie musste aufhören, ständig an Luc zu denken, das machte sie nur verletzlich. Eigentlich sollte sie ausgehen und das Leben genießen, flirten und lachen und tanzen.

Sie ging wieder nach unten. Auf halber Treppe hörte sie, wie der Schlüssel in der Haustür gedreht wurde. Als Ankunftszeit hatte der neue Mieter drei Uhr nachmittags genannt, jetzt war es erst Mittag. Abby zuckte mit der Schulter. Nun, dann würde sie ihn eben noch begrüßen und sicherstellen, dass wirklich alles zu seiner Zufriedenheit war, bevor sie abfuhr.

Ein freundliches Lächeln auf den Lippen und die Worte „Willkommen in Corner Cottage“ auf der Zunge, stand Abby in der Mitte des Salons, um den neuen Gast in Empfang zu nehmen.

Die Tür ging auf, ihr Lächeln erstarb, die Worte blieben ihr im Hals stecken.

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