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Heiß wie die Sonne Griechenlands / Feuriger Flirt in Italien / Hochzeit mit einem spanischen Milliardär / Mit dir auf unserer Liebesinsel

Annie West

Heiß wie die Sonne Griechenlands

1. KAPITEL

Ihr Herz schlug so laut, dass Angelina kaum mehr das Geräusch ihres eigenen heiseren Atems vernehmen konnte. Nie hätte sie geglaubt, jemals eine derart atemberaubende Ekstase zu erleben, die sie alles andere vergessen ließ.

Der Duft seiner Haut weckte in ihr den Wunsch, sich noch enger an seine nackte Schulter zu schmiegen. Zufrieden seufzte er auf und strich zärtlich mit der Hand über ihre Hüfte, liebkoste ihre nackte Haut und zog Angelina näher, sodass sie nun halb über seinem erhitzten Körper lag.

Erfasst von erstaunter Verzückung hielt sie für einen Moment den Atem an. Er war so stark, zärtlich und rücksichtsvoll.

All das, was sie nie zuvor bei einem Mann erlebt hatte.

Angelina hatte gelernt, nichts von all dem mehr zu erwarten.

Doch er hatte sie ins Paradies entführt. Hatte sie liebkost und ihr Freude bereitet, bis alle Zurückhaltung und alle Gedanken in einem Flammenmeer reinster Glückseligkeit zerborsten waren.

Noch nie hatte sie eine so intensive Lust erlebt wie in dem Augenblick, als sie sich in seinen Armen verloren hatte, und für immer würde sie ihm dankbar sein für das, was er ihr heute geschenkt hatte. Gegenseitiges Verlangen hatte sie miteinander verbunden, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, trotzdem wärmte diese Verbundenheit ihr Innerstes mehr als die reine körperliche Lust.

Viel zu lange war sie einsam gewesen.

Als er in seinem Beiboot von seiner wunderschönen alten Jacht zum Strand gerudert war, seine nackten Schultern von der Sonne mit einem goldenen Schimmer überzogen, hatte sie sofort gespürt, dass er etwas Besonderes an sich hatte. Außerdem strahlte er so viel Männlichkeit aus, dass es ihr den Atem verschlug.

Was umso erstaunlicher war, da sie, Angelina Manolis, seit sieben Jahren keine Sehnsucht mehr nach einem Mann verspürt hatte und geglaubt hatte, nie wieder Verlangen danach zu haben.

Ein paar Tage lang hatte sie versucht, nicht auf den Fremden zu achten, der in die Abgeschiedenheit der kleinen privaten Bucht eingedrungen war. In ihr Refugium. Jeden Morgen hatte sie nach dem Schwimmen unter den Pinien gelegen und versucht, sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Doch unweigerlich schweifte ihr Blick immer wieder zu dem Fremden auf der Jacht, und sie beobachtete ihn, wie er auf dem Deck arbeitete, fischte oder in dem klaren Wasser der kleinen Bucht schwamm.

Selbst mit geschlossenen Augen war sie sich seiner bewusst gewesen, und es schien ihm mit ihr genauso ergangen zu sein.

Er hatte sie nach dem Weg in die nächstgelegene Stadt gefragt, aber das Flackern in seinem Blick hatte ihr verraten, dass seine Frage nur ein Vorwand gewesen war. Es hatte ihr gefallen, dass er sie mit ausgesprochen männlicher Anerkennung angesehen hatte, und sie war weder zurückgeschreckt noch hatte sie sich belästigt gefühlt.

Sein Blick hatte lediglich das widergespiegelt, was sie auch für ihn empfand.

Gefangen von seinen dunklen Augen hatte Angelina fortan das Gefühl gehabt, ziellos in der Ägäis dahinzutreiben, fernab jeder Realität. Weit weg von ihren Zukunftsplänen, dem Schmerz der Vergangenheit, ja selbst ihrem tiefen Misstrauen Männern gegenüber. Was bedeutete auch schon das Gefühl von Vertrautheit angesichts dieser überwältigenden Anziehungskraft?

Sie strich mit den Lippen über seine Haut und konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Kuss darauf zu drücken und seine salzige Haut zu schmecken. Ein tiefer Laut drang aus seiner Kehle, der fast wie ein Schnurren klang und zu ihrem Gefühl träger Glückseligkeit passte.

Vielleicht empfand sie seine Leidenschaft ja nur deshalb als so erfrischend, weil sie so lange allein gewesen war. Sie war fünfundzwanzig und er ihr zweiter Liebhaber …

Doch alle Gedanken verflüchtigten sich, als er mit seiner gespreizten Hand an der Innenseite ihres Oberschenkels entlangfuhr. Überwältigt rang Angelina nach Luft, während sie spürte, wie ein neuer Schauer der Lust sie erfasste.

Hitze durchströmte sie, als seine Hand sie dort liebkoste, wo ihre Leidenschaft gerade erst verebbt war.

„Gefällt dir das?“ Seine tiefe Stimme verriet, dass er genau wusste, wie sehr sie sich nach seiner Berührung sehnte. Selbst eine unerfahrene Frau wie sie merkte, dass er ein Meister des Liebesspiels war.

Ein Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen, während ihm seine dunklen Haare wirr in die Stirn fielen. Dann fiel ihr Blick auf den roten Fleck an seinem Hals.

War das ein Liebesbiss? Hatte sie sich so vergessen?

„Aber das geht doch nicht … nicht schon wieder“, stammelte sie schüchtern.

Ein selbstischeres Lächeln stahl sich auf seine Lippen, bei dem ihr ein Prickeln über den Rücken lief.

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“

„Nein.“ Sie klang atemlos. „Ich muss jetzt gehen …“

„Pst, glikia mou“, murmelte er mit seiner verführerischen Stimme. „Meine Süße. Entspann dich einfach. Es gibt im Moment nichts Wichtigeres als das hier.“

Als er sie erneut voller Leidenschaft küsste, schwand Angelinas Widerstand unweigerlich.

Wie konnte sich so etwas Unerhörtes so richtig anfühlen?

Doch es war so leicht, sich dieser meisterhaften Verführung hinzugeben, ihre lebenslange Vorsicht zu ignorieren und nur den Augenblick zu genießen. Es war befreiend, die Realität zu vergessen und die harten Lektionen, die sie hatte lernen müssen. Wenn auch nur für einen kleinen Augenblick.

Purer Wahnsinn.

Genau das ist es gewesen, entschied Angelina, als sie nun im Gästezimmer vor dem Spiegel stand. Wie sonst war zu erklären, dass sie ihm erlaubt hatte, sie zu verführen.

Nein, nicht erlaubt. Vielmehr hatte sie ihn ermutigt, weil sie begierig darauf gewesen war zu spüren, wie sich sein großer, muskulöser Körper anfühlte. Voller Ungeduld hatte sie dem sinnlichen Versprechen nachgehen wollen, das sie in seinem Blick gelesen hatte. Sie war begierig darauf gewesen, eine Lust zu erleben, die sie bisher nicht gekannt und nun zum ersten Mal erlebt hatte.

Mit einem Fremden.

Ein Schauer durchzuckte sie, als sie daran dachte, was sie getan hatte. Eine Frau, die früher in der Klatschpresse als „Eisprinzessin“ bezeichnet worden war, hatte sich einem Fremden in leidenschaftlichem Vergessen hingegeben. Nicht ein Mal, nicht zwei Mal. Nein, drei Mal, in atemberaubender Folge.

Er besaß die Figur eines durchtrainierten Schwimmers – breite Schultern, schmale Hüften, muskulöse Gliedmaßen und einen lässigen Gang, der zeigte, dass er sich seiner Stärke wohl bewusst war. Vor langer Zeit hatte sie zu Hause in Australien Männer mit solch wunderschönen Körpern gesehen. Aber auf einer kleinen Insel in Nordgriechenland, abseits der Touristenpfade, hätte sie nie damit gerechnet.

Sicher, sie hatte umwerfend schöne Männer getroffen, aber keiner hatte mit seinem Charme ihren Puls schneller schlagen lassen.

Nicht zuletzt deshalb hatten sich die Klatschmäuler enttäuscht gezeigt, weil sie ihrem viel älteren Ehemann sechs Jahre treu ergeben geblieben war.

Auch dass ihr Mann sie lediglich als sein Eigentum begehrt und eifersüchtig über sie gewacht hatte, hatte sie nicht dazu getrieben, irgendwo anders Trost zu suchen. Alkis war impotent gewesen, und Angelina war nichts anderes übrig geblieben, als ihr Verlangen während dieser unglücklichen, freudlosen Ehe zu unterdrücken, genauso wie ihre Gefühle. Seine krankhafte Eifersucht und seine furchterregenden Ausbrüche hatten ihr dabei geholfen, sich diesen Mann auf Abstand zu halten. Und sie hatte gelernt, die anderen aufdringlichen Männer mit kühler Würde, die ihr Markenzeichen geworden war, abzuweisen.

Bei keinem Mann hatte sie je dieses überwältigende Verlangen verspürt. Und trotzdem war es nichts als ein kurzer Augenblick der Verrücktheit gewesen, sicher verursacht durch die Sorge um ihre Tante, die Belastung, weil sie die Ferien unter dem Dach ihres Onkels verbringen musste, und die unerträgliche Anspannung nach den letzten schrecklichen Monaten mit Alkis.

Nach einem Leben als „braves Mädchen“, das tat, was von ihm erwartet wurde, hatte sie nun endlich einmal etwas getan, ohne vorher die Konsequenzen abzuwägen.

Angelinas Mund verzog sich zu einem freudlosen Lächeln, als sie ihr Spiegelbild betrachtete. Wie ein braves Mädchen sah sie jetzt gerade wirklich nicht aus.

Auf Anweisung ihres Onkels hatte sie ein langes Kleid angezogen, das viel zu festlich aussah für ein Abendessen in der Familie. Die Haare hatte sie hochgesteckt und den funkelnden Diamantschmuck angelegt, das einzige Geschenk von Alkis, das sie behalten hatte.

Doch die Kleidung konnte nicht verhüllen, dass eine Veränderung in ihr vorgegangen war.

Ihre Wangen waren gerötet, die Augen funkelten, und ihre Lippen waren noch geschwollen von all den Küssen. Vor allem ihr Blick, der von heimlicher Befriedigung sprach, musste sie verraten.

Immer noch verspürte sie den überwältigenden Wunsch zu fliehen, wenn sie diese Fremde im Spiegel betrachtete. Sie wollte dieses steife Abendessen vergessen, das ihr Onkel organisiert hatte, um stattdessen barfuß zum Strand zu laufen und ihren Fremden zu suchen.

Ihren Liebhaber.

Den Mann, dessen Namen sie nicht einmal kannte.

Und trotzdem würde sie es nicht tun, weil sie viel zu gut erzogen war. An diesem Nachmittag hatte sie ihren Augenblick der Freiheit erlebt. Doch das war nun vorbei. Sie musste diesen Mann vergessen, bevor er die Mauern der Abwehr gänzlich einreißen würde, die sie so verzweifelt um sich errichtet hatte.

„Ich will, dass ihr Mädchen euch heute Abend besondere Mühe gebt.“ Onkel Aristides’ Worte klangen wie eine Drohung. Warnend hob er den Finger und sah seine Tochter an, die neben Angelina stand. „Besonders du, Viola. Deine Mutter fühlt sich heute wieder einmal nicht wohl, also wirst du ihren Platz einnehmen.“ Missbilligung lag in seiner Stimme, als würde er glauben, Tante Desma sei absichtlich krank geworden.

Angelina verbiss sich eine scharfe Antwort, als sie die tiefe Falte zwischen den buschigen Brauen ihres Onkels und Violas unglückliche Miene bemerkte. Denn ihre fügsame Cousine würde dafür zahlen müssen, wenn Angelina ihren Onkel verärgerte.

„Heute Abend wird nichts zu beanstanden sein, Onkel. Ich habe alles mit dem Personal noch einmal geprüft. Das Essen sieht köstlich aus, und der beste Champagner liegt auf Eis. Unser Gast wird ganz sicher beeindruckt sein.“

Ihr Onkel war noch reizbarer als sonst, und die arme Viola war schon jetzt mit den Nerven am Ende und fürchtete jeden Moment einen Wutausbruch.

„Das hoffe ich“, donnerte ihr Onkel. „Wir erwarten heute Abend einen wichtigen Gast. Einen sehr wichtigen.“ Er unterstrich die letzten Worte mit einer entsprechenden Handbewegung.

Angelina beschlich ein ungutes Gefühl. Was hatte ihr Onkel nur vor? Dieser Abend musste weit mehr sein als eine normale Familienfeier zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag. Auch wenn in diesem Haus peinlich genau auf Formalitäten geachtet wurde, waren Diamanten und teure Abendkleider bei so einem Anlass nicht üblich. Also musste er irgendetwas im Schilde führen.

Als sein Blick wieder zu Viola schweifte, durchfuhr Angelina ein beklemmendes Gefühl der Angst. Sie wusste genau, wie rücksichtslos ihr Onkel sein konnte und wie verschlagen.

„Und vergiss nicht, was ich dir gesagt habe, Viola“, schnauzte er.

Viola wurde blass. „Ja, Vater.“ Mit ihren achtzehn Jahren hatte sie nichts von dem unverfrorenen Selbstvertrauen ihres Vaters. Angelina wusste, dass es eine schwierige Aufgabe für ihre Cousine war, mit den Geschäftspartnern ihres Vaters Konversation zu betreiben.

Entschieden trat Angelina vor. „Der Abend wird ein Erfolg, Onkel. Dafür werden wir schon sorgen.“

Auch wenn es bedeutete, dass sie noch den letzten Rest an Geduld würde aufbringen müssen, um die langatmigen Ausführungen seiner Freunde über die Ungerechtigkeiten der Regierung und die Fehler der Jugend zu ertragen. Sie würde alles tun, um einen Wutausbruch ihres Onkels zu verhindern, der Viola dazu bringen würde, sich noch weiter in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen.

Forschend sah Aristides Manolis Angelina von oben bis unten an, als würde er nach einer Schwachstelle bei ihr suchen. Doch sechs Jahre Ehe mit einem reichen Mann, in der sie zahllose Gesellschaften in den höchsten Kreisen über sich hatte ergehen lassen müssen, hatten sie gelehrt, stets zu glänzen und jede Situation zu meistern.

Und ein Abendessen zu viert stellte für sie kein Problem dar, selbst wenn ihr Gast ein anspruchsvoller Nörgler wäre.

„Du wirst unsere Gastgeberin sein“, bestimmte er. „Allerdings wünsche ich nicht, dass Viola sich wie üblich im Hintergrund hält.“

Angelina merkte, dass sie gleichzeitig mit Viola nickte. Auch wenn sie erst fünf Tage in diesem Haus war, spürte sie bereits das Joch der Ergebenheit, das schwer auf ihren Schultern lastete.

War es wirklich erst ein paar Stunden her, dass sie nackt in den Armen eines Mannes gelegen und sich ihm schamlos in einer verschwiegenen Bucht hingegeben hatte?

Kaum hatte ihr Onkel das Zimmer verlassen, griff Angelina nach der Hand ihrer Cousine. Violas Finger waren eiskalt.

„Alles wird gut, Viola. Ich bin ja bei dir.“

Zitternde Finger drückten ihre Hand, und Angelina spürte, wie verzweifelt ihre Cousine war. Dann löste Viola sich von ihr, straffte sich und hob das Kinn. Ein Abbild eleganter Gelassenheit, wie es von den Manolis-Mädchen erwartet wurde.

Die Frauen in ihrer Familie hatten früh gelernt, ihre Gefühle zu verbergen. Stattdessen gaben sie sich gelassen und liebenswert, eine Zierde und ein Gewinn für den richtigen Mann.

Der richtige Mann. Angelina unterdrückte einen Schauer des Entsetzens. Gott sei Dank lag dieses Schicksal nun hinter ihr. Sie wollte nie wieder einem Mann gehören und schon gar nicht einem, der sie ständig kontrollierte. Immer noch irritierte sie das Gefühl ihrer unerwartet erhaltenen Unabhängigkeit.

Und dennoch gebot ihr der sechste Sinn, vorsichtig zu sein. Irgendetwas stimmte nicht. Die Spannung, die in der Luft lag, hatte nichts mit der üblichen Aufregung vor einer Gesellschaft zu tun.

„Was ist denn eigentlich los, Viola?“

Verstohlen warf ihre Cousine einen Blick zur Tür. „Dieser Gast heute.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Papa will mich mit ihm verheiraten.“

Entsetzt schnappte Angelina nach Luft. Alles drehte sich, und sie griff haltsuchend nach einer Stuhllehne.

Plötzlich sah sie sich selbst mit achtzehn Jahren, so alt wie Viola jetzt. Damals hatte sie allein hier gestanden, während ihr Onkel sie knapp darüber informiert hatte, dass sie heiraten müsste.

Sollte sie sich weigern, würde sie ihre Familie zerstören.

„Angelina?“

Violas Stimme drang durch den Nebel ihrer albtraumhaften Erinnerung. Angelina blinzelte und bemühte sich um Haltung.

Wieder eine Ehe, die arrangiert wurde. Wieder eine Katastrophe.

Angelina griff nach Violas Hand. Sie wusste nur zu gut, dass ihre Cousine sie jetzt brauchte …

Der Klang männlicher Stimmen riss sie aus den Gedanken – die forsche Stimme ihres Onkels, gefolgt von dem volltönenden, ruhigen Bass seines Gastes. Der Klang dieser Stimme ließ sie zusammenzucken, da er ihr seltsam vertraut schien.

Doch schnell wischte sie diesen absurden Gedanken beiseite. Sicher hatte Violas Geständnis sie aus dem Konzept gebracht, genauso wie der unerwartete Nachmittag voller Leidenschaft, mit dem sinnlichsten Mann der Welt.

Sie wünschte sich so sehr, jetzt beim ihm zu sein und nicht in diesem Raum, der sie mit seinem überbordenden Luxus zu ersticken schien.

Angelina atmete tief durch. Viola brauchte ihre Unterstützung. Daher durfte sie sich nicht einer Schwäche hingeben, ganz egal, wie erschüttert sie war.

„Wir werden den Abend schon überstehen.“ Sie warf ihrer Cousine ein beruhigendes Lächeln zu. „Denk immer daran, dass er dich zu nichts zwingen kann.“

Viola sah skeptisch aus, doch es blieb keine Zeit mehr, sich weiter darüber auszutauschen, weil die Männer sich dem Zimmer näherten.

Wieder brachte die Stimme des Gastes etwas in Angelina zum Schwingen.

Etwas, das heute im Schutz der Pinien bei der zutiefst sinnlichen Berührung des Fremden erwacht war und ihren Puls nun viel zu schnell schlagen ließ.

Sie achtete nicht auf dieses seltsame Gefühl und trat zur Begrüßung vor. Doch abrupt blieb sie stehen.

Mit breitem Lächeln sah Onkel Aristides den Mann neben sich an, ehe er sich mit ausholender Geste umwandte.

„Nun, meine Lieben, das ist unser Gast. Mein geschätzter Geschäftsfreund, Damon Savakis.“

Die Welt schien plötzlich in tausend scharfe Scherben zu zerspringen, als Angelina ihren Besucher erkannte. Wie gelähmt starrte sie ihn an, ihr Puls raste, und verstohlen schnappte sie nach Luft.

Elegant – anders konnte man ihn nicht beschreiben. Mit lässiger Würde trug er sein Dinnerjacket, als wäre er darin zur Welt gekommen. Doch der perfekte Schnitt konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich darunter ein Mann verbarg, der voller Energie war. Ein Mann mit der Haltung und der körperlichen Perfektion eines geborenen Athleten.

Sein Gesicht war atemberaubend, die Verkörperung männlicher Kraft und Sinnlichkeit, und seine Augen verengten sich, als er sie erkannte und sie mit kaum verhohlener Anerkennung betrachtete.

Angelinas Mund wurde trocken. Nur verschwommen war sie sich bewusst, dass ihr Onkel Viola zu sich zog, um sie vorzustellen.

Schließlich trat auch sie vor – viel zu spät –, bemüht um eine höfliche Begrüßung.

„Wie geht es Ihnen, Herr Savakis? Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen.“

Als seine warme Hand die ihre umschloss, unterdrückte sie die verführerische Erinnerung an den Mann, der sie an diesem Nachmittag sehr viel intimer berührt hatte.

Sie trat zurück, doch er hielt weiter fest ihre Hand umschlungen, während sein eindringlicher Blick auf ihr ruhte.

Panik durchfuhr sie, doch dann gewann ihre strenge Erziehung die Oberhand. Sie verdrängte die Gefühle, die einen Sturm in ihr ausgelöst hatten, und setzte ein ausdrucksloses Lächeln auf.

Damon Savakis’ dunkler Blick konnte eine Frau in einen Strudel von Sehnsucht und Verlangen reißen, und Angelina wusste das nur allzu gut.

Als er schließlich sprach, fuhr ihr bei dem vertrauten Klang seiner Stimme ein Schauer über den Rücken.

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Angelina.“ Seine Worte waren banal, nichts als eine höfliche Floskel, die man von ihm erwartete. Und sie waren nichts im Vergleich zu seinem sengenden Blick.

Nichts im Vergleich zu der leidenschaftlichen Verführung vor wenigen Stunden.

2. KAPITEL

Angelina stockte der Atem, während er sie mit seinem Blick festhielt.

Die Stimme ihres Onkels schien wie aus weiter Ferne zu ihr zu dringen, denn so nahe bei diesem Fremden gab es nichts anderes für sie als das Feuer in seinen Augen. Es löschte jeden Gedanken aus, und sie wusste weder, was sie tun noch sagen sollte. Nur ein überwältigendes Verlangen war in ihr, das sie ganz und gar erfüllte.

Dieser Mann sollte also Viola heiraten?

Unmöglich. Es musste ein Missverständnis sein.

Angelina wollte mit ihrer Hand über seine Wange streichen, um sich zu vergewissern, dass er wirklich da war. Sie wollte seinen männlichen Duft einatmen und …

Nein!

Ihr drehte sich der Magen um bei dem Gedanken, ihrem Onkel erklären zu müssen, wie gut sie seinen Gast bereits kannte.

Dieser Nachmittag hatte ein Augenblick außerhalb von Zeit und Raum bleiben sollen, eine Fantasie, die ihr nur ein Mal im Leben vergönnt war. Ein einmaliger Fehltritt.

Doch nun stand sie dem Mann gegenüber, der sie dazu gebracht hatte, ihre Abwehr aufzugeben, hinter der sie sich so sicher gefühlt hatte.

Plötzlich wurde ihr erschreckend bewusst, dass er Macht über sie hatte. Sie hatte ihre Vorsicht aufgegeben, ihn in ihr Leben gelassen und ihre verletzliche Seele für ihn geöffnet. Jetzt war es zu spät, die Tür wieder zuzuschlagen.

Gefühle, die sie sieben lange Jahre hinter Mauern versperrt hatte, waren wieder zum Leben erwacht.

Nun konnte sie dieses überwältigende Verlangen nicht mehr leugnen.

Verlangen nach einem Mann, der gekommen war, um ihre Cousine zu heiraten.

Was war dann sie, Angelina, für ihn gewesen?

Ihr drehte sich der Magen um vor Schmerz.

Verzweifelt darum bemüht, Abstand zu wahren, wandte Angelina sich abrupt um und deutete auf die Sofas. Ihre Hand blieb ruhig, und nur sie allein wusste, dass ein Zittern durch ihren Körper lief.

„Möchten Sie nicht Platz nehmen?“ Ihre Stimme klang kühl, beinahe tonlos, und sie hoffte inständig, dass niemand merkte, wie sehr sie um Kontrolle rang.

„Nach Ihnen.“ Damon Savakis neigte den Kopf und hob die Hand zu ihrem Rücken, als wollte er sie zu einem der antiken Sofas geleiten.

Auch wenn er das Seidenkleid nicht berührte, spürte sie doch seine Hitze, wie eine trügerische Liebkosung ihres Rückens. Unwillkürlich versteifte sie sich.

„Was möchten Sie gern trinken? Einen Cocktail, Wein, Sherry? Oder etwas Stärkeres. Wir haben Ouzo, Brandy …“

Schweigend beobachtete er sie, als wüsste er, dass ihre Nervosität sie gesprächig machte. Das Feuer in seinen Augen war verloschen. Stattdessen wirkte sein Blick nun nachdenklich.

„Einen Whisky, bitte.“

Schnell ging Angelina zur Bar. „Und du, Onkel?“

„Brandy natürlich.“ Tadel klang in seiner Stimme mit, doch Angelina merkte es kaum. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, das Zittern in ihren Beinen unter Kontrolle zu bringen.

Schock und Zweifel gleichermaßen hinderten sie daran, einen klaren Gedanken zu fassen.

Sie kannte den Namen – Damon Savakis. So wie jeder den Eigner des großen Unternehmens kannte, unter dessen Führung weltweit luxuriöse Jachten, exklusive Ferienanlagen oder Marinas gebaut wurden. Seinen Reichtum verdankte er seinem ausgeprägten Scharfsinn in Bezug auf Geschäfte und seiner Fähigkeit, im richtigen Moment zuzuschlagen, um seinen Profit noch zu erhöhen. Laut Expertenmeinung war er gerissen, rücksichtslos und hatte stets teuflisches Glück.

Aber das Wichtigste war, dass er als größter Rivale der Manolis-Schiffswerft galt. Sicher hatte ihr Onkel von ihm als Bedrohung gesprochen, und nicht als Freund!

Doch warum lebte er auf einer wunderschönen, aber alten Jacht, die in ihrer Bucht vor Anker lag?

Hatte er schon die ganze Zeit gewusst, wer sie war? Wenn ja, hätte er ihr doch sicher von seiner Verbindung zu ihrem Onkel erzählt, da sie sich schließlich auf dessen Anwesen aufhielt.

Und von seinen Plänen, Viola heiraten zu wollen.

Es sei denn, er hatte ihr absichtlich die Wahrheit verschwiegen. Entsetzt schnappte Angelina nach Luft.

Hatte es ihm vielleicht ein besonderes Vergnügen bereitet, sie zu verführen, während er gleichzeitig plante, um ihre Cousine zu werben? Hatte er sich vielleicht darüber amüsiert, wie naiv und leicht zu haben sie gewesen war? Hatte er seinen Spaß daran, wie sehr sie sich nun um Haltung bemühte?

Bittere Galle brannte in ihrer Kehle, als schmerzliche Erinnerungen in ihr hochstiegen.

Angelina hatte zu viel Erfahrung mit mächtigen Männern und deren Zeitvertreib. Sie wusste, wie sie die Frauen benutzten. Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können, das alles zu vergessen? Ihre ersten, wirklich glücklichen Stunden nach sieben langen Jahren waren nichts als eine Täuschung gewesen.

Mit zitternden Händen griff sie nach den Gläsern.

„Lassen Sie mich Ihnen helfen“, erklang seine Stimme direkt hinter ihr. Er nahm ihr den Korkenzieher aus der Hand. „Bevorzugen Sie Wein?“

Harmlose Worte, doch sein Atem auf ihrem Nacken ließ sie erschauern. Seine Nähe beschwor eine Intimität, die ihr Verlangen von Neuem sofort entzündete.

Scham durchflutete sie, weil sie keine Kontrolle über ihren Körper hatte.

Sie nickte knapp, während er die Weinflasche entkorkte.

„So treffen wir uns also wieder, Angelina.“ Sein Flüstern galt nur ihr.

Langsam hob sie den Kopf, um seinen Blick zu erwidern, wünschte sich jedoch im gleichen Moment, es nicht getan zu haben. Seine Augen loderten wie ein Höllenfeuer und hinterließen glühend heiße Spuren auf ihrem Gesicht, dem Hals, den Brüsten. Sein Blick zeigte deutlich, dass er sich an jede Einzelheit des heutigen Nachmittags erinnerte.

„Du bist offensichtlich eine sehr vielseitige Frau. Welche Rolle spielst du denn heute Abend?“ Sein missbilligender Ton ließen sie erzittern.

Angelina zögerte, weil sein Angriff so unerwartet kam. „Was meinen Sie damit?“ Obwohl die anderen sie nicht hören konnten, weigerte sie sich, ihn in deren Anwesenheit zu duzen.

Leichthin zuckte er die Schultern, doch sein eindringlicher Blick strafte seine lässige Haltung Lügen. Er sah sie an wie ein Habicht, der eine Feldmaus gesichtet hatte.

„Von einer Dirne zu einer wohlerzogenen jungen Frau der Gesellschaft, und das an einem Nachmittag.“ Seine Lippen verzogen sich vor Abscheu. „Du siehst aus, als könntest du kein Wässerchen trüben, obwohl du vor ein paar Stunden einen dir völlig Fremden verführt hast. Bist du immer so anpassungsfähig?“

Seine gewollt beleidigenden Worte verschlugen ihr die Sprache. Er hatte recht mit dem, was er sagte, und trotzdem … wie konnte er so abfällig über sie reden, nach allem, was sie miteinander geteilt hatten?

Doch sie war nicht die Einzige dort unten am Strand gewesen, die vor Lust in Flammen gestanden hatte. Wie konnte er es da wagen, sie so unverschämt zu verurteilen?

„Genauso anpassungsfähig wie Sie, Herr Savakis.“ Sie verschluckte sich fast an ihren Worten.

Für einen endlos langen Augenblick hielten ihre Blicke einander fest. Hitze stieg ihr in die Wangen, und als sie abrupt den Blick abwandte, sah sie auf seine Hand, die ihr das Glas Wein hinhielt. Er hatte starke Hände, langgliedrig, aber dennoch kräftig.

Als er mit seinem Zeigefinger am Stiel des Glases entlangfuhr, fiel ihr unweigerlich ein, wie er ihre Knospen mit diesem Finger liebkost hatte, bis sie sich vor Verlangen gewunden hatte. Leise hatte sie aufgestöhnt, während er sie liebkoste und mit kundigen Fingern erforschte. Sie hatte sich verletzlich gefühlt. Nackt.

Unfassbar, dass ihr Körper sie so verraten konnte. Abscheu erfüllte sie.

Schnell nahm sie das Glas aus seiner Hand, sorgsam darauf bedacht, seine Finger nicht zu berühren. Doch als sie ihm den Whisky reichte, umfasste er ihre Hand.

„Was machst du denn da?“, dröhnte ihr Onkel. „Du solltest unseren Gast nicht für dich allein in Beschlag nehmen, Angelina.“

„Ich komme schon, Onkel“, rief sie und versuchte, sich Damon Savakis’ Griff zu entziehen.

„Was ist denn, Angelina? Freust du dich nicht, mich zu sehen?“ Seine Stimme klang genauso verführerisch wie am Nachmittag. Fast schien ihr, als hätte sie sich sein missbilligendes Verhalten eben nur eingebildet.

„Als Freund meines Onkels sind Sie hier natürlich willkommen“, brachte sie knapp heraus. Jetzt schien es ihr fast unmöglich, dass er tatsächlich der aufregend leidenschaftliche Liebhaber war, der ihr Zärtlichkeit und eine alles verzehrende Lust geschenkt hatte.

Damon runzelte die Stirn. „Kein besonders überzeugender Empfang, glikia mou“, flüsterte er. „Ich hätte eigentlich ein wenig mehr Leidenschaft erwartet.“

Hitze durchströmte sie, als er mit tiefer Stimme das Kosewort aussprach, und ihre Schwäche entsetzte sie. Wie konnte sie sich nur derart zu einem Mann hingezogen fühlen, der keinerlei Bedenken hatte, mit ihr zu flirten, obwohl er doch hier war, weil er um Viola werben wollte.

Das, was sie an diesem Nachmittag erlebt hatte, hatte ihr eine Ahnung davon gegeben, wie sie wieder zu einem ganzen Menschen werden könnte.

Ihr Magen zog sich so schmerzhaft zusammen, dass sie sich kaum noch aufrecht halten konnte. Das, was ihr so viel bedeutet hatte, war für ihn nur ein perverses Vergnügen gewesen.

Schließlich schaffte sie es, sich seinem Griff zu entziehen, und nahm das Glas mit dem Brandy für ihren Onkel.

„Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich möchte meinem Onkel gern den Drink bringen. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns zu den anderen gesellen.“

Doch er rührte sich nicht, sondern hielt sie mit seinem Blick gefangen. „Wirst du heute Nacht zu mir kommen, Angelina?“ Seine tiefe Stimme hallte in ihrem Körper wider. Zweifellos war dies eine unmissverständliche Einladung.

Panik stieg in ihr auf. Und Abscheu. Sie fühlte sich bloßgestellt und ohne jeden Schutz.

Absichtlich hatte er sie hinters Licht geführt und sie dazu gebracht, ihre innersten Wünsche und Bedürfnisse zu verraten. Bedürfnisse, von denen sie bis jetzt nicht einmal gewusst hatte. Nun wollte er sich daran weiden und den kurzen Augenblick der Glückseligkeit in etwas Schmutziges verwandeln.

„Angelina?“

Angelina sah in seine dunklen Augen. Sie erzählten von seinem Verlangen, doch in seinem Blick lag auch ein Anflug von Belustigung, als würde ihn all das zutiefst amüsieren.

Unwillkürlich straffte sie sich und hob empört das Kinn. Sie hatte genug von den heimtückischen Spielchen der Männer, die sich der Frauen je nach Lust und Laune bedienten.

„Wollen Sie die Wahrheit hören?“, flüsterte sie heiser. „Sie gehören nicht hierher, Herr Savakis. Und ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als zu einem Essen mit einem Mann wie Ihnen gezwungen zu werden.“

Das Aufflackern überraschter Wut in seinem Blick zeigte ihr, dass ihm ihr Verhalten ganz und gar nicht gefiel.

Doch er hatte sich auf ihre Kosten amüsiert, und zweifellos hatte es ihm ein besonderes Vergnügen bereitet, eine Frau zu verführen, die in den Klatschspalten als „unberührbar“ abgestempelt wurde.

Übelkeit stieg in ihr hoch. Und sie hatte geglaubt, dass dieser Tag ein ganz besonderer Tag sein würde. Eine Oase der Wärme und des Trostes in einer kalten Welt.

Wie dumm von ihr. Hatte die Erfahrung sie nicht gelehrt, keinem Mann zu trauen?

„Das ist also dein Spiel, Angelina?“

Sie achtete nicht auf den warnenden Unterton in seiner Stimme.

„Ich spiele nicht, Herr Savakis.“

Sie spürte, dass er sie forschend ansah und sein Kinn missbilligend vorstreckte.

Er war wie alle anderen, die erwarteten, dass sie sich ihren Launen fügte. Aber sie war jetzt ihre eigene Herrin, frei und unabhängig.

Trotzdem schlug ihr Herz bis zum Hals, als sie an ihm vorbeiging. Heiß spürte sie seinen Blick auf ihrem nackten Rücken.

Wie sollte sie einen ganzen Abend mit ihm überstehen?

Er sah nicht aus wie ein Mann, der einer Herausforderung aus dem Weg ging.

„Nein, danke.“ Damon schüttelte den Kopf, als ein Bediensteter ihm Wein nachschenken wollte.

„Aber nicht doch, Damon.“ Ungehalten hob sein Gastgeber die Hand. „Kein Grund, enthaltsam zu sein. Sie müssen ja nicht mehr fahren. Trinken Sie.“ Er nickte dem Bediensteten zu und beobachtete, wie dieser sein Glas mit Champagner füllte. „In diesem Haus gibt es nur vom Feinsten.“

„Das bezweifle ich auch nicht“, erwiderte Damon. Sein Blick schweifte über das erlesene Geschirr auf der Damasttischdecke. Kaum jemand würde annehmen, dass Aristides Manolis mit all seinem Luxus, der ihn umgab, kurz vor dem Bankrott stand.

Aber Damon wusste es. Und mit seinem Vermögen könnte er das Familienunternehmen der Manolis’ retten.

Oder es zerstören.

Seit Jahren arbeitete er darauf hin, sich das Unternehmen anzueignen, um es dann Stück für Stück auseinandernehmen zu können. Er wollte sich rächen für das, was diese Familie der seinen angetan hatte. Und er würde seinen Triumph genießen.

In diesem Moment fiel ihm Angelinas Schmuck ins Auge – eine Arbeit aus Gold und hochkarätigen Diamanten. Für seinen Geschmack viel zu protzig und eine unverblümte Zurschaustellung von Reichtum.

Sie erinnerte ihn an all die anderen reichen, verdorbenen Frauen, die er kannte. Er konnte kaum glauben, dass diese Frau mit dem teuren Designerkleid und der ausdruckslosen Miene die gleiche war, die ihn so leidenschaftlich verführt hatte. Denn diese Frau hatte Lebensfreude und Sinnlichkeit ausgestrahlt. Und in ihrer Hingabe hatte etwas sehr Aufrichtiges gelegen. Eine warmherzige Großzügigkeit, die ihn fast hatte glauben lassen, dass sie etwas Besonderes war.

Das Verlangen, mit dem sie auf ihn reagiert hatte, hatte ihn erstaunt. Seither hatte er dem nächsten Tag in Vorfreude entgegengesehen und sich vorgenommen, mehr über diese Fremde herausfinden, die ihn stärker fesselte, als es je eine andere vermocht hatte.

Wie hatte er nur so naiv sein können.

„Sie bewundern wohl die Juwelen meiner Nichte?“ In der Stimme seines Gastgebers lag hämische Überlegenheit. Er protzte gerne mit dem, was er hatte oder vorgab zu haben. „Nicht übel, was?“

Angelinas Gesicht war eine höfliche Maske, doch als sie Damons Blick begegnete, spürte er erneut, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte.

Und das machte ihn rasend. Er sollte doch wohl fähig sein, seine Sehnsucht im Zaum zu halten, jetzt da er wusste, wer und was sie war. Ein verwöhntes Mitglied der Manolis-Familie.

Ihre leidenschaftliche Hingabe am Strand hatte ihn entzückt. Doch ihr ausdrucksloser Blick und ihre kühle Haltung an diesem Abend zeigten ihm, dass ihr kleines Intermezzo vom Nachmittag nichts als das billige Vergnügen einer gelangweilten Societylady gewesen war.

Vielleicht hatte sie es sogar geplant.

„Ein erstaunlicher Halsschmuck“, murmelte er, während sein abschätzender Blick zu Angelina und der Kette schweifte, die ihr tief ausgeschnittenes Dekolleté schmückte.

Sie wusste genau, wie sie ihre Vorzüge zur Geltung bringen konnte, und das ärgerte ihn. Vielleicht war es aber auch dieser kühle Blick aus ihren grünen Augen, der ihn aufbrachte. Er war es nicht gewohnt, dass sich Frauen ihm gegenüber so gleichgültig verhielten, besonders dann nicht, wenn er sie mit einer solchen Hingabe geliebt hatte. Ganz zu schweigen davon, dass er von ihr nicht für wert erachtet wurde, mit ihr an einem Tisch zu sitzen.

Seit er sie geliebt hatte, sehnte er sich nach mehr. Eigentlich hatte er vorgehabt, seine zauberhafte Gespielin am nächsten Tag wieder zu suchen. Doch jetzt musste er entdecken, dass diese Frau nichts als ein verdorbenes reiches Mädchen war, die sich dessen schämte, was sie miteinander geteilt hatten.

Die sich seiner schämte.

Diese Erkenntnis verletzte seinen Stolz und riss alte Wunden auf, die er schon vor langer Zeit vergessen zu haben glaubte. Ihr abweisendes Verhalten, aber auch die Tatsache, dass es ihm überhaupt etwas ausmachte, schürte seine Wut.

Seltsamerweise entfachte ihre kühle Haltung aber auch sein Verlangen, zumal er noch nie einer Herausforderung hatte widerstehen können. Nicht, weil sie ihn als kleines, schmutziges Geheimnis abtun wollte, sondern weil sie trotz seines Reichtums und seiner Macht nicht zulassen wollte, dass ein Mann, der aus der Arbeiterklasse stammte, die makellose Haut einer blaublütigen Manolis weiter beschmutzte.

„Alkis hat immer einen ausgezeichneten Geschmack gehabt, nicht wahr, meine Liebe?“

„Er hat genau gewusst, was er wollte, Onkel.“ Sie klang, als ob Reichtum und Müßiggang für sie selbstverständlich waren.

„Alkis?“, hakte Damon nach.

„Mein Mann.“ Wären da nicht ihre funkelnden Juwelen gewesen, hätte man ihren gesenkten Blick als Zeichen von Schüchternheit werten können.

Ihr Ehemann. Wut flammte in ihm auf. Er hätte es wissen müssen.

Sie hatte ihn nur benutzt.

Ungewollt stiegen Erinnerungen in ihm auf an die Zeit, als er noch kein Geld gehabt hatte, sondern nur seine Entschlossenheit, seinen ausgeprägten Sinn für Geschäfte und sein gutes Aussehen. Reiche Frauen hatten sich um ihn geschart, auf der Suche nach einem Abenteuer.

„Ist Ihr Mann nicht hier bei Ihnen?“ Damon bezwang seine Wut, genauso wie den Ekel, den er vor sich selbst empfand, weil er sich ihr zügellos hingegeben hatte, ohne vorher zu hinterfragen, wer sie war.

Mit weit geöffneten Augen sah sie ihn über den Tisch hinweg an. Für einen Moment spürte er wieder dieses Gefühl der Einheit, das sie erfahren hatten. Mit ihr hatte er eine größere Glückseligkeit erlebt als jemals zuvor.

Das allein heizte sein Misstrauen noch mehr an. Und seinen Ekel, dass er diesem Trugbild verfallen war.

„Mein Mann ist vor ein paar Monaten gestorben, Herr Savakis.“

„Mein Beileid“, entgegnete er, und sie nickte knapp. Ihre Miene verriet keine Spur von schmerzlichem Verlust oder Bedauern. Was war sie nur für eine Frau, die der Tod des eigenen Ehemannes so kaltließ? Instinktiv spürte Damon, dass ihr Herz nicht gebrochen war, ganz egal, was sie hinter ihrer kühlen Fassade auch verbergen mochte.

„Alkis hat immer nur das Beste gewählt“, mischte ihr Onkel sich ein. „Diese Diamanten sind von erlesenster Qualität.“

„Ach ja?“ Damon beugte sich vor, als wollte er sie genauer betrachten. „Sie sind recht außergewöhnlich.“ Und kitschig, fügte er im Stillen hinzu.

„Sie sind eigens angefertigt worden. Angelina, gönne unserem Gast doch einen genauen Blick.“

„Ich bin sicher, Onkel, dass er sie eigentlich gar nicht sehen …“

„Im Gegenteil“, fiel Damon ihr ins Wort. „Ich würde sie mir gerne näher ansehen.“ Wenn der Manolis-Clan so einfältig war, mit seinem vermeintlichen Reichtum zu protzen, würde er sich diesen Umstand liebend gern zunutze machen.

Während sie auf ihn zukam, wirkten ihre wunderschönen Kurven in dem Seidenkleid äußerst verführerisch. Sein ganzer Körper spannte sich an, während er den Wunsch bezwang, die Hand nach ihr auszustrecken.

Als sie schließlich vor ihm stand, stieg ihm der Duft eines teuren Parfüms in die Nase, das er seiner letzten Geliebten gekauft hatte.

Verärgert stand er auf. Ihm war der frische, natürliche Duft ihrer nackten Haut sehr viel lieber als dieses künstliche Aroma.

Aber es erinnerte ihn wieder daran, dass die Frau vom Nachmittag, zu der er sich hingezogen gefühlt hatte, nur eine Täuschung war.

Damon hob die Hand, um einen der tropfenförmigen Ohrringe zu berühren. Ihr leichtes Zittern verriet, wie sehr sie sich bemühte, die Kontrolle zu wahren, und er genoss das Wissen, dass sie in Wahrheit nicht so kühl blieb, wie sie sich gab.

„Bemerkenswert“, murmelte er und trat vor, sodass er sie fast streifte. Sein Blick wanderte zu ihrem Dekolleté.

Was mochte sie wohl für diesen Schmuck im Gegenzug geboten haben?

Plötzlich erinnerte er sich wieder an die Geschichte. Dies war also die Frau, von der ganz Athen gesprochen hatte, als sie mit neunzehn Jahren einen reichen Mann griechisch-amerikanischer Abstammung heiratete, der alt genug war, ihr Vater zu sein. Sie hatte also mit ihrer Jugend und ihrer Schönheit bezahlt, um Reichtum und einen angesehenen Namen zu erhalten.

Damon war zu der Zeit an der pazifischen Küste gewesen, um die abschließenden Arbeiten für einen luxuriösen Jachthafen zu überwachen. Bei seiner Rückkehr hatten alle von diesem Paar gesprochen. Jetzt wusste er, warum. Angelina sah umwerfend aus und war eine der schönsten Frauen, die er je getroffen hatte.

Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. Sie war tatsächlich wunderschön, doch hinter ihrer glänzenden Fassade steckten ein geldgieriger Geist und eine Herzlosigkeit, die sie dazu gebracht hatte, sich für ein Leben im Luxus zu verkaufen.

Betont gelangweilt wandte er sich ab und fing den verwirrten Blick der anderen jungen Frau auf, die ebenfalls am Tisch saß. „Aber es sind nicht unbedingt die herrlichsten Juwelen, die die größte Anziehungskraft ausüben“, sagte er leise. „Manchmal ist Natürlichkeit viel anziehender.“

„Absolut richtig, Damon“, bestätigte Manolis etwas zu vehement, während Angelina mit ausdrucksloser Miene wieder ihren Platz auf der anderen Seite des Tisches einnahm. „Wahre Schönheit ist viel unaufdringlicher.“

Doch Unaufdringlichkeit war nicht unbedingt ein Wesenszug seines Gastgebers, wie Damon deutlich bewusst wurde, als Manolis nun die Vorzüge seiner eigenen Tochter anpries wie ein Vollblutpferd bei einer Auktion, während die junge Frau peinlich berührt war.

Glaubte Manolis tatsächlich, dass er, Damon Savakis, an einer kleinen verschüchterten Maus interessiert war, die ihn nicht einmal ansehen konnte, ohne zu erröten?

Er presste die Lippen zusammen. Daher wehte also der Wind. Manolis hoffte, dass Damon sich für seine Tochter interessieren würde.

Der Mann musste verrückt sein.

Oder vielleicht verzweifelter, als er selbst bisher angenommen hatte. Wusste er vielleicht, dass Damon beabsichtigte, sein Unternehmen zu zerschlagen?

Sein Blick wanderte hinüber zu Angelina. Sollte ihr der Nachmittag mit ihm überhaupt etwas bedeutet haben, konnte sie nicht besonders glücklich sein über die Pläne ihres Onkels. Doch ihre ungerührte Miene zeigte deutlich, dass er für sie nichts als ein kleines Abenteuer gewesen war.

Hatte sie sich aus eigenen Stücken dazu entschieden, sich ihm so freizügig anzubieten, oder war es Manolis’ Plan gewesen, dass sie sich in der versteckten Bucht trafen?

Hatte Manolis vielleicht bemerkt, dass Damon schon früher eingetroffen war? Wollte er ihn weichkochen, bevor er mit seinen Verhandlungen begann, und hatte seine Nichte als Köder benutzt? Zweifellos gehörte er zu den Männern, die sich solch hinterhältiger Tricks bedienten.

Zorn brodelte in Damon hoch.

Hatte Angelina ihre Vorliebe für ein kleines Abenteuer dazu benutzt, ihrem Onkel zu helfen, so wie sie ihren Körper an einen reichen Mann verkauft hatte?

Der Abscheu, den er empfand, schmeckte bitter auf seiner Zunge.

Dass Damon bald das Familienunternehmen der Manolis’ an sich reißen würde, wärmte den Teil seiner Seele, der trotz seines enormen Erfolgs die Vergangenheit nicht vergessen konnte.

Es wäre ihm eine Befriedigung, Manolis geschäftlich auszulöschen.

Eigentlich hatte er seinen Anwälten die Verhandlungen überlassen wollen, doch die Neugier hatte ihn hierher getrieben. Denn er hatte sich daran erinnert, mit welcher Ehrfurcht seine Eltern von der Manolis-Familie gesprochen hatten, bei der sein Vater und sein Großvater gearbeitet hatten. Aber das Unternehmen hatte sie schließlich zerstört.

Doch die Zeiten hatten sich geändert. Nun war Damon an der Macht, und sein Wort würde über Aufstieg oder Fall dieser Familie bestimmen.

3. KAPITEL

„Was soll das heißen, dass mein Treuhandfonds eingefroren ist? Das kann nicht sein.“ Angelina hatte Mühe, ruhig zu bleiben, während sie ihren Onkel ansah, der hinter dem großen Schreibtisch saß. „Das Erbe fällt an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag an mich. Und das ist heute.“

Er wich ihrem Blick aus.

Ein schlechtes Zeichen. Denn Aristides Manolis begegnete unangenehmen Fragen sonst mit einem rüpelhaften Angriff. Dass er es jetzt nicht einmal versuchte, machte sie wachsam, genauso wie die Tatsache, dass er einem Gespräch unter vier Augen schon die ganze Woche aus dem Weg gegangen war. Nachdem sie sich von Damon Savakis verabschiedet hatten, hatte er sie endlich in sein Arbeitszimmer gerufen.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken, trotz der schwülen Luft, die durch das Fenster hereinwehte. An Damon Savakis wollte sie in diesem Moment wirklich nicht denken.

Die gezwungene Unterhaltung mit diesem Mann, der sie einerseits mit höflicher Herablassung behandelte und sie gleichzeitig mit seinem Blick verschlang, hatte ihr schon genug zugesetzt. Der Mann, dem sie tatsächlich für ein paar kurze Stunden ihr Vertrauen geschenkt hatte.

„Ja, so war es geplant.“ Manolis schob einen silbernen Brieföffner hin und her. „Aber die Umstände haben sich geändert.“

Angelina wartete alarmiert, doch er weigerte sich fortzufahren.

„Es war nicht nur geplant, Onkel, sondern von Rechts wegen so bestimmt.“ Tief atmete sie durch. „Meine Eltern haben den Treuhandfonds eingerichtet, als ich noch ein Baby war. Und heute soll mir die Erbschaft überlassen werden.“

Ihr war herzlich wenig von ihren Eltern geblieben. Erinnerungen und ein abgenutztes Fotoalbum. Von Trauer erfüllt war sie mit ihren vierzehn Jahren zu ihren griechischen Verwandten gekommen. Ihr Onkel hatte ihr unmissverständlich klargemacht, dass das Haus ihrer Eltern mit allem Inventar verkauft werden würde. Es sei ein unnötiger Luxus, es zu behalten, hatte er erklärt. Besser wäre es, den Erlös in den Treuhandfonds zu stecken, den sie einmal erben würde.

Angelina war nur mit einem Koffer und einem hellgrünen Rucksack angekommen, den ihr ihre Mutter für eine geplante Segeltour gekauft hatte.

Auch jetzt noch schoss ihr bei der Erinnerung an den großen Verlust ein schmerzhafter Stich durch die Brust.

„Du bekommst ja dein Erbe, Angelina. Es dauert nur ein bisschen, bis alles organisiert ist. Ich hatte ja keine Ahnung, dass du es so eilig hast.“ Seine Stimme klang nun aggressiv und anklagend. „Was ist denn mit dem Geld, das Alkis dir überlassen hat?“

„Du weißt genau, dass Alkis sein Vermögen seinen Kindern vererbt hat. Das ist doch sicher so ausgehandelt worden, als du mit ihm diese Ehe arrangiert hast.“ Ein Anflug von Verbitterung ließ ihre Stimme rau klingen. „Von dem, was übrig war, habe ich seine Verbindlichkeiten bezahlt. Deshalb brauche ich jetzt mein Erbe.“

Angelina hatte Pläne für die Zukunft gemacht, aber um diese verwirklichen zu können, brauchte sie das Geld. Zudem würde sie den Rest ihres kitschigen Schmucks verkaufen und dann ein kleines Geschäft aufmachen, sobald sie das Haus ihres Onkels wieder verlassen hatte. Sie würde ihre eigenen Entscheidungen fällen und ihr eigenes Leben führen, ohne dass sich jemand einmischte.

Sie wusste, was sie wollte, und keiner würde sie daran hindern, ihr Ziel zu erreichen.

Seit Jahren war sie nicht mehr so voller Energie gewesen. Sie freute sich auf die Herausforderung, die harte Arbeit und die Befriedigung, sich etwas Eigenes aufbauen zu können.

„Vielleicht sollte ich einfach unsere Anwälte anrufen …“

„Nein!“ Sein scharfer Ton ließ ihren Puls schneller schlagen. „Du warst schon immer sehr eigensinnig und schwierig. Warum kannst du nicht einfach abwarten, statt mich wegen dieser Sache so zu bedrängen?“

Angelina hatte gelernt, eine ausdruckslose Miene zu bewahren, auch wenn ihr Blut kochte. Eigensinnig! Während all der Jahre hatte sie den Männern in ihrem Leben erlaubt, sie von einer Hölle in die andere zu schicken. Sie war vielmehr zu unterwürfig gewesen und hatte sich zu viel gefallen lassen. Doch damit war von jetzt an Schluss.

„Mach dir keine Umstände, Onkel“, sagte sie so gelassen wie möglich. „Ich fahre morgen nach Athen und kümmere mich selbst um die Formalitäten.“

In seinem Blick schimmerte fast so etwas wie Hass auf. „Das wird dir nichts nützen.“

Angelina spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Ihr Onkel pflegte nicht zu scherzen, besonders dann nicht, wenn es ums Geld ging.

„Sieh mich nicht so an“, schnauzte er. „Du bekommst es schon. Sobald dieses Geschäft mit Damon Savakis abgeschlossen ist.“

„Was hat er denn mit meinem Erbe zu tun?“ Ihre bemüht in Zaum gehaltene Wut schien ihr die Brust zusammenzupressen.

„Das Familienunternehmen ist eine Zeit lang … nicht gut gelaufen. Es gab Probleme, Kosten, mit denen keiner gerechnet hatte, und obendrein eine Konjunkturflaute.“

Seltsam, dass nur das Unternehmen der Manolis’ von dieser Flaute betroffen gewesen zu sein schien, während Konkurrenzunternehmen wie „Savakis Enterprises“ boomten. Doch Aristides Manolis würde gar nicht auf die Idee kommen, dass seine Nichte dies wusste. Denn seiner Meinung nach waren die Frauen in seiner Familie unfähig, auch nur die Grundbegriffe des Geschäfts zu verstehen.

„Und jetzt?“ Angelina sank in ihren Sessel, da ihre Knie unter ihr nachzugeben drohten.

„Wenn ich mit Savakis einig geworden bin, werden wir bald wieder flüssig sein.“

„Nein, Onkel. Selbst wenn du zu einem erfolgreichen Abschluss kommst, erklärt das noch nicht, was das mit meinem Fonds zu tun hat.“

Aristides umklammerte den Brieföffner noch fester, während er den Blick abwandte. „Wir hatten einige Probleme. Deshalb musste ich einen Weg finden, um das Unternehmen wieder in Fahrt zu bringen.“

Angelinas Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Sie kniff die Augen zusammen, während ihr Puls in ihren Ohren hämmerte.

Wie oft würde dieser Mann ihr Vertrauen noch missbrauchen?

Warum war sie nur so naiv gewesen zu glauben, dass zum ersten Mal in ihrem Leben endlich einmal etwas richtig laufen würde?

Gier und Betrug, das waren immer wieder die Themen, um die es in ihrem Erwachsenenleben ging. Eigentlich hätte sie inzwischen darauf gefasst sein müssen. Und trotzdem war sie jedes Mal aufs Neue geschockt, wenn sie wieder einmal zum Opfer männlicher Doppelzüngigkeit geworden war.

Erschöpft öffnete sie die Augen und warf einen Blick auf das fleckige Gesicht ihres Onkels. „Du hast mir mein Erbe gestohlen“, flüsterte sie.

„Angelina Manolis! Hüte deine Zunge! Jetzt da dein Mann tot ist, bin ich das Familienoberhaupt.“

„Ich weiß, wer du bist.“ Sie verdrängte die Panik und den Schmerz über diesen unvergleichlichen Betrug. „Und was du bist.“ Seine Augen weiteten sich, doch er schwieg. „Und ich dachte, du besäßest zumindest so viel Anstand, nicht deine eigene Familie zu bestehlen.“

Donnernd krachte seine Faust auf den Tisch, doch Angelina zuckte nicht einmal zusammen. „Ich habe nichts gestohlen, sondern das Geld aus dem Fonds nur kurzfristig umverteilt. Du würdest es sowieso nicht begreifen …“

„Ich begreife, dass du ein Dieb bist“, entgegnete sie und hielt seinen Blick fest, bis er zur Seite sah. „Als mein Treuhänder solltest du damit umsichtig umgehen und nichts tun, was nicht rechtmäßig ist.“

Angelina kämpfte mit ihrer aufsteigenden Wut. Sie war versucht, ihn noch heute zur Verantwortung zu ziehen, doch als sie an ihre Cousine und die geliebte Tante dachte, ließ sie von dem Gedanken ab. Ein solcher Schritt, wenn auch gerechtfertigt, würde die beiden nur verletzen und ihr das Erbe trotzdem nicht zurückbringen.

„Das Geld wird bald verfügbar sein.“ Noch nie hatte sie diesen fast flehentlichen Unterton bei ihm gehört. „Mit Zinsen. Wenn dieses Geschäft klappt.“

„Du erwartest also, dass Damon Savakis dir aus der Patsche hilft?“ Fast hätte sie hysterisch aufgelacht. „Er hat einen ausgezeichneten Ruf – als Gewinner – und nicht, weil er Mitgefühl für die Konkurrenz hat. Er hat kein Interesse, dir zu helfen.“

„Aber wir werden nicht länger Rivalen sein.“ Aristides beugte sich vor. „Wenn alles so läuft, wie ich es geplant habe, wird Damon Savakis mehr als nur ein Geschäftsfreund sein. Er wird dann zur Familie gehören.“

Angelina blieb abrupt stehen, als sie am nächsten Vormittag Stimmen draußen bei der Sitzgruppe am Pool hörte. Es war ihre Cousine Viola … mit Damon Savakis. Kein anderer Mann konnte Angelina mit seinem Lachen so aus dem Gleichgewicht bringen. Seine tiefe Stimme brachte etwas tief in ihr zitternd zum Schwingen.

Sie presste die Hände zusammen, während unwillkürlich heftiges Verlangen in ihr aufstieg.

Wie dumm sie doch gewesen war! Sie hatte geglaubt, dass er genau wie sie selbst überwältigt war von der Anziehung, die sie nicht leugnen konnte. Stattdessen war sie für ihn nur ein billiges Vergnügen gewesen.

Sein Verhalten vom gestrigen Abend hatte ihren dummen Tagtraum zerstört. Er fand sie amüsant. Ihre Verwirrung und ihr Schmerz hatten diesem Abend für ihn noch mehr Würze verliehen. Wie pikant, seine Geliebte und potenzielle Verlobte zusammen zu sehen.

Sie hatte davon gehört, dass er peinlich genau auf jede Einzelheit achtete. Deshalb musste er am Strand auch gewusst haben, wer sie war, weil er sicherlich Erkundigungen über die Mitglieder der Manolis-Familie eingezogen hatte.

Aber um seine Identität hatte er ein Geheimnis gemacht und sich stattdessen an ihrer Verlegenheit am Abend ergötzt.

Ein Verhalten, das sie zutiefst verabscheute.

Entschieden straffte sie die Schultern.

„Guten Morgen, Viola. Herr Savakis.“ Sie schenkte ihm ein knappes Lächeln. „Tut mir leid, dass ich so spät dran bin. Mir war nicht mehr bewusst, dass wir einen Gast haben.“

„Herr Savakis wird ein paar Tage mit uns verbringen“, erklärte Viola gefasst, während Angelina innerlich zusammenzuckte.

Ein paar Tage! Das wurde ja immer schlimmer.

„Er ist zum Frühstück gekommen.“ Viola klang ruhig und gelassen, ganz die perfekte Gastgeberin. Nur jemand, der sie gut kannte, konnte an ihrer ein wenig zu aufrechten Haltung bemerken, dass sie sich unbehaglich fühlte.

Schuldgefühle stiegen in Angelina auf, weil sie nicht daran gedacht hatte, dass ihre schüchterne Cousine allein die Gastgeberin spielen musste. Sie selbst hatte lange geschlafen, nachdem sie die halbe Nacht wach gelegen und sich Gedanken über das Geständnis ihres Onkels bezüglich ihrer finanziellen Lage gemacht hatte.

„Ihr Onkel hat mir freundlicherweise angeboten, Ihre Gastfreundschaft noch weiterhin genießen zu dürfen“, murmelte eine tiefe Stimme von der anderen Seite des Tisches her.

Hatte sie sich nur eingebildet, dass er die letzten Worte besonders betont hatte? Als wollte er damit andeuten, dass er auf eine Gefälligkeit von ihr hoffte?

Würde er tatsächlich so unverschämt sein?

Langsam drehte Angelina sich zu ihm um, ohne auf ihren beschleunigten Puls zu achten.

Er trug ein weißes Hemd, das am Kragen offen stand, Designerjeans und eine Miene, die verriet, dass er sich wie zu Hause fühlte, während er sich auf seinem Stuhl zurücklehnte.

„Ich wollte Herrn Savakis gerade unseren Gästebungalow zeigen“, erklärte Viola.

Angelina atmete auf. Zumindest würden sie nicht im gleichen Haus wohnen.

„Bitte nennen Sie mich Damon. Bei ‚Herr Savakis‘ fühle ich mich so, als gehörte ich schon zur Generation Ihres Vaters. Wir müssen ja nicht so förmlich sein.“

Doch, das müssen wir, dachte Angelina und warf einen Blick zu Viola. Sie war entsetzt, dass sich dieser Albtraum nun ein zweites Mal wiederholen sollte.

„Danke, gern, Damon. Bitte nennen Sie mich Viola.“

„Viola.“ Er schenkte ihr ein knappes Lächeln, dann drehte er sich zu Angelina um und durchbohrte sie förmlich mit seinem dunklen, fragenden Blick.

„Genau genommen gehören Sie tatsächlich einer anderen Generation an“, erklärte Angelina, ehe er etwas sagen konnte. „Sie sind doch schon Ende dreißig, nicht wahr? Und Viola ist gerade erst achtzehn.“

Er hob die dunklen Brauen, doch als er seine Lippen verzog, wirkte er eher belustigt als verärgert. „Ich bin vierunddreißig, falls Sie es genau wissen wollen“, murmelte er.

„Ach wirklich? So … jung?“ Angelina gab vor, überrascht zu sein. Dabei wusste sie, wann er geboren war, weil sie gestern Abend noch spät im Internet nachgeforscht hatte. Er war zu alt für Viola, nicht nur an Jahren, sondern auch wegen seiner Erfahrung und den Erwartungen, die sie nie würde erfüllen können. Das wusste Angelina aus eigenem, schmerzlichem Erleben.

„Alt genug, um zu wissen, was ich will, Angelina.“ Der Klang ihres Namens aus seinem Mund ließ sie erschauern. „Darf ich Sie Angelina nennen?“

„Ich …“ Ihr lag schon auf der Zunge, ihm zu sagen, dass sie gern bei der höflichen Form bleiben wollte, als sie Violas ängstlichen Blick bemerkte. „Sie können mich gern Angelina nennen.“

„Danke.“ In seinen dunklen Augen schimmerte ein Licht auf, das sie beinahe um ihre Fassung brachte. Deshalb merkte sie erst einen Moment später, dass Viola sich eben einem Hausmädchen zugewandt hatte, das zu ihnen getreten war, um ihrer Cousine etwas mitzuteilen.

„Würden Sie mich bitte entschuldigen?“ Viola erhob sich. „Da ist ein Anruf für mich.“

Ihre geröteten Wangen verrieten Angelina, dass Niko angerufen haben musste, der Sohn des Arztes im Ort, der ihre Cousine schon seit Jahren liebte. Er baute ein Touristikunternehmen auf und hoffte, dass Onkel Aristides sich mit ihrer Hochzeit einverstanden erklären würde.

Angelina wusste besser als jede andere, dass dieser die Ehe mit einem Mann aus dem Ort niemals gutheißen würde, ganz egal, wie sehr die beiden sich auch lieben mochten. Geld und Status waren die einzigen Kriterien, die für ihn zählten.

Ihr Blick wanderte wieder zu Damon Savakis. Er wirkte nahezu fürstlich mit seinem dunklen, blendenden Aussehen, gewohnt an Luxus, sinnliche Vergnügungen und absoluten Gehorsam. Er würde sich der armen Viola bedienen, um sich dann bald woanders sein Vergnügen zu suchen.

Ein Opferlamm in der Familie war genug! Ein zweites, neben Angelina, konnte die Familie nicht fordern.

Sie würde nicht tatenlos zusehen, wie ihr Onkel das Leben seiner Tochter durch eine arrangierte Heirat zerstörte, so wie er ihres zerstört hatte. Vor allem nicht, da Viola ihr Glück bei einem ehrlichen Mann finden könnte, dem sie sehr viel bedeutete. So einen Mann gab es nur sehr selten, wie sie aus schmerzlicher Erfahrung wusste.

„Lass dir Zeit, Viola. Ich kümmere mich um unseren Gast.“

„Das klingt vielversprechend.“

„Entschuldigung?“ Angelina wandte sich zu Damon um, der sie mit einem Lächeln musterte, das seine Augen nicht erreichte.

„Mir gefällt der Gedanke, dass du dich um mich kümmerst“, erklärte er gedehnt. „Was stellst du dir denn da so vor?“

Hitze flackerte in seinem berechnenden Blick auf, der zu ihrem jadegrünen Top wanderte. Es war im Nacken zusammengebunden und ließ ihren Bauch frei. Heiße Flammen tanzten über ihre nackte Haut, als ob er sie tatsächlich berühren würde.

So wie gestern …

Angelina schob energisch ihren Stuhl zurück. „Ich werde Ihnen den Gästebungalow zeigen“, entgegnete sie mit einer Stimme, die fest klang. Doch sie konnte nicht verhindern, dass ihr Körper auf ihn reagierte, wenn er sie auf diese Weise ansah.

Hätte sie gewusst, dass er zu Gast war, hätte sie ein langes Sommerkleid angezogen statt der dünnen Hose und dem spärlichen Top. Doch der Schimmer in seinen Augen verriet ihr, dass es auch keinen Unterschied gemacht hätte, weil er sich ohnehin gut daran erinnerte, wie sie unbekleidet aussah.

Genauso wie sie sich an ihn erinnerte. Zitternd holte sie Luft und wandte den Blick ab, um ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen.

„Ist das schon alles … Angelina?“ Er war aufgestanden und fuhr mit dem Finger über ihren Hals, sodass sie unweigerlich zusammenzuckte. „Ich hatte auf etwas … Intimeres gehofft.“

„Sie … Sie sollten Ihr Glück nicht überstrapazieren.“

Entschieden hob sie das Kinn und ging zur Terrasse. Es erschreckte sie, wie schwer es ihr fiel, ihren Abwehrpanzer wieder anzulegen. Erst als sie ihre Stimme wieder unter Kontrolle hatte, blieb sie stehen.

„Hier geht es zu den Unterkünften für die Gäste.“

Damon sah ihr hinterher, als sie über den Rasen vorausging. Ihr Hüftschwung war verführerisch, genauso wie ihre Rundungen, die sich in der engen weißen Hose abzeichneten. Hatte sie sich für diese Hose entschieden, um ihn zu reizen? Fast hatte er den Eindruck, dass sie keine Unterwäsche darunter trug.

Hitze stieg in ihm auf. Reichte es nicht, dass er wegen ihr die ganze Nacht wach gelegen hatte? Er war wütend, weil sie ihn benutzt und dann zurückgewiesen hatte, und trotzdem verlangte es ihn danach, ihren wundervollen Körper erneut zu berühren.

„Kommen Sie?“ Sie blieb stehen und wandte sich halb um, sodass er ihr aristokratisches Profil bewundern konnte. Selbst mit ihrem einfachen Pferdeschwanz sah sie aus, als sei sie einem der Hochglanzmagazine entsprungen, die seine Mutter so gerne las – von wunderschönen, privilegierten Menschen.

Auch wenn er inzwischen selbst privilegiert war und Macht und Geld besaß, spürte Damon dennoch, dass zwischen ihm und diesen Leuten eine große Kluft bestand. Eine Kluft, die er bewusst geschaffen hatte, weil er sich den künstlichen Reizen der High Society strikt verweigerte.

Er genoss seinen Reichtum und machte das Beste daraus, für sich selbst und die Menschen, die ihm etwas bedeuteten. Aber er hatte sich geschworen, niemals dem seichten Gehabe und der schrillen Selbstsucht dieser Welt zu erliegen. Als Kind hatte er genug davon mitbekommen, da seine Mutter in den Häusern der reichsten Familien dieses Landes geputzt hatte. Später, als Teenager, hatte er dann ebenfalls dort gearbeitet und die Moralvorstellungen der oberen Zehntausend aus erster Hand kennengelernt.

Damon war stolz auf seine Wurzeln und schämte sich nicht, dass er durch harte Arbeit und Beharrlichkeit zu Erfolg gekommen war statt durch ein Erbe. Und das Letzte, was er wollte, war, sich zu einer Frau hingezogen zu fühlen, die diese geldgierige Seichtheit verkörperte. Eine Frau, die die Werte der Manolis-Familie ganz und gar übernommen hatte.

Dass er sie trotz allem begehrte, ärgerte ihn maßlos.

Lässig schlenderte er zu ihr, spürte die Wärme, die sie ausstrahlte, und beugte sich vor, um ihren Duft einzuatmen.

Hatte er gehofft, sie damit in Verlegenheit zu bringen, so wurde er enttäuscht. Entschieden ging sie weiter.

Verlangen stieg in ihm auf und bekräftigte seine Entscheidung der letzten Nacht, dass sie noch nicht miteinander fertig waren. Sie konnte ihn doch nicht einfach wie Luft behandeln, sobald sie ihre Erfüllung gehabt hatte.

„Du hast eine ungewöhnliche Haarfarbe.“ Sie schimmerten wie dunkler Honig.

Sie zuckte die Schultern. „Vielleicht sind sie ja gefärbt.“

„Aber Angelina, wir wissen doch beide, dass es nicht so ist.“ Schließlich hatte er sie bereits ganz und gar unbekleidet gesehen und sich dabei von der Echtheit ihrer Haarfarbe überzeugen können.

Einen Moment stand sie nur da, die Schultern seltsam gekrümmt. Dann wirbelte sie herum und begegnete seinem Blick. Sie wirkte nicht im Mindesten peinlich berührt. Zweifellos war sie leichtlebig genug, mit ihrem neuesten Geliebten intime Details zu besprechen.

Wie musste sie ihren Mann wohl an der Nase herumgeführt haben? Wahrscheinlich hatte sie sich ganz und gar hemmungslos all ihren Fantasien hingegeben, ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer.

„Für eine Griechin sind helle Haare eher ungewöhnlich.“ Er war ihr jetzt so nahe, dass er die goldenen Flecken in ihren grünen Augen schimmern sah.

„Ich bin Halbgriechin. Meine Mutter war Australierin.“ Sie klang gereizt, als hätte er sich zu weit in ihre Privatsphäre vorgewagt. „Außerdem haben einige Leute hier im Norden helle Haare. Also, falls Ihre Neugier jetzt befriedigt ist …“

„Noch nicht. Sag“, erwiderte er gedehnt, „warum hältst du mich eigentlich derart auf Abstand? Nach dem gestrigen Nachmittag habe ich doch wohl ein bisschen mehr Herzlichkeit verdient. Oder gehörst du zu den Frauen, deren Blut nur bei einem heimlichen Stelldichein in Wallung gerät? Erregt dich der Gedanke, in flagranti erwischt werden zu können?“

Angelina starrte zu dem langgestreckten Bungalow, der ein Stück weiter am Ende des Weges lag. Wie sollte sie es nur schaffen, bis dahin ihre Haltung zu wahren?

Der Gedanken an den gestrigen Nachmittag brachte tatsächlich ihr Blut in Wallung.

Trotzdem zuckte sie zusammen, weil er mit seinem Verdacht vielleicht recht haben könnte. Vielleicht war der Schauer der Erregung, den sie verspürt und der ihre Zweifel hinweggespült hatte, nicht zuletzt deswegen so überwältigend gewesen, weil sie sich fremd gewesen waren und weil sie etwas so Kühnes nie zuvor getan hatte.

Angelina schloss kurz die Augen und erinnerte sich daran, wie sie in seinen Armen gelegen hatte. Jede seiner Liebkosungen hatte sie genossen, mit einer Intensität, die ihr nun Angst machte.

Nichts hatte sich je so richtig, so vollkommen angefühlt.

Abrupt öffnete sie die Augen wieder. Sie hatte ihm bereits zu viel von sich geschenkt und würde nicht zulassen, dass er mit ihren Gefühlen spielte, während er mit ihrem Onkel über die Verbindung zu Viola verhandelte.

„Sie haben keinerlei Recht, auch nur irgendetwas von mir zu fordern.“ Angelina sah ihn mit kühlem Blick an, hinter dem sie bemüht ihre verwirrenden Gefühle versteckte.

„Da bin ich anderer Meinung. Seit gestern Abend benimmst du dich äußerst unfreundlich.“

Damon trat näher, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um seinen Blick halten zu können. Seine Wärme umhüllte sie ebenso wie sein Duft nach Seife, Meer und Mann, sodass sie sich zurückhalten musste, ihn nicht zu berühren.

Schnell schob sie die Hände in die Hosentaschen, um nichts Verbotenes zu tun. „Gestern gehört der Vergangenheit an.“

„Aber das, was wir miteinander geteilt haben, muss nicht vorbei sein.“ Leise und verführerisch drang seine Stimme durch ihre Schutzmauer und weckte ein nie gekanntes Verlangen in ihr.

Und genau das machte ihr entsetzliche Angst.

„Es ist vorbei“, erwiderte sie bestimmt und wünschte, sie könnte es selbst glauben.

„Und wenn ich noch nicht bereit bin, die Sache zu beenden?“ Sein Blick wirkte arrogant.

„Es gibt nichts zu beenden“, platzte sie heraus und hatte Mühe, ruhig zu bleiben. „Wir hatten Sex, das ist alles.“

„Nur Sex.“ Seine Brauen hoben sich, und sie glaubte Zorn in seinem Blick zu sehen. Einen Moment später war seine Miene wieder ausdruckslos. „Bist du darauf spezialisiert, Angelina? Heißer Sex mit einem Fremden, den du am nächsten Tag schon vergessen hast?“

Verlegenheit und Wut erfüllten sie gleichermaßen, doch sie wusste, dass sie gelassen bleiben musste. Langsam schweifte ihr Blick von seinen Schultern über seine breite Brust, die muskulösen Arme und kräftigen Beine.

„Das Gleiche könnte ich von Ihnen sagen.“ Im Stillen verfluchte sie ihren trockenen Mund, der ihre Worte rau hatte klingen lassen. „Sie haben gestern bekommen, was Sie wollten. Damit ist die Sache erledigt.“

„Du irrst dich, schöne Dame. Damit ist die Sache ganz und gar nicht erledigt.“

Hitze stieg in ihr auf, und jeder Muskel zog sich zusammen vor … Erwartung? Erregung?

Nein! Sie würde seine Verführungsspielchen nicht mitmachen. Der gestrige Nachmittag war ein schrecklicher Irrtum gewesen. Sie hatte all ihre Grundsätze und Moralvorstellungen vergessen, nur für ein paar Stunden der Leidenschaft. All das war nur ein Augenblick der Verrücktheit gewesen.

Doch sie hätte ahnen müssen, dass nichts so einfach sein würde wie es gestern schien.

„Glauben Sie mir, Herr Savakis, es ist vorbei. Warum sehen Sie sich nicht woanders um?“ Angelina zweifelte nicht daran, dass er noch vor der Abenddämmerung eine Frau finden würde, die begierig darauf war, in die lange Liste seiner Gespielinnen aufgenommen zu werden. So wie sie selbst gestern. Schmerzhaft zog sich ihre Brust zusammen.

„Weil ich ein Mann bin, der bekommt, was er will, glikia mou. Du hast mir Appetit gemacht, und jetzt will ich mehr.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem sehnsüchtigen Lächeln, das sie mit Panik erfüllte.

„Ich will dich, Angelina. Und ich beabsichtige, dich auch zu bekommen.“

4. KAPITEL

Was, zum Teufel, war nur in ihn gefahren? Damon hatte die Worte nicht einmal ganz ausgesprochen, als er schon an seinem Verstand zweifelte.

Sie gehörte sicher nicht zu den Frauen, die er in seinem Leben haben wollte.

Nichts, was er von ihr wusste, gefiel ihm.

Außer ihrer ungezügelten Leidenschaft beim Sex.

Die ungeschminkte Wahrheit war, dass ihm dieses eine Mal mit Angelina nicht genügte. Trotz seiner Skrupel und seiner Wut wollte er sie. Immer noch. Immer wieder.

Er verfluchte sich für seine Schwäche, gegen die er nichts tun konnte. Sein Verlangen war stärker als seine Vernunft.

Als ihre Augen sich weiteten und sie den Mund leicht öffnete, stellte er sich vor, wie er ihre Lippen mit einem Kuss erobern würde.

„Sie machen mir keine Angst mit Ihrer Drohung.“ Doch ihre Stimme klang belegt. Sie hatte Angst.

Oder war erregt. Damons Körper spannte sich bei diesem Gedanken.

„Das war keine Drohung, sondern ein Versprechen.“

„Sie haben keine Macht über mich.“ Angelina warf ihm einen glühenden Blick zu, wie eine Amazone, trotzig und stolz. „Ich führe mein eigenes Leben. Kein Mann hat mir zu sagen, was ich zu tun habe.“

Sie deutete auf den Bungalow am Ende des Weges. „Ich bin sicher, Sie finden allein hin, Herr Savakis.“ Damit drehte sie sich um und ließ ihn stehen. Wie einen Dienstboten, den man entließ.

Doch niemand entließ Damon Savakis.

Trotzdem musste er ihren Mut bewundern. Es gab nicht viele, die sich ihm widersetzten, und das faszinierte ihn. Am liebsten hätte er ihr die Maske heruntergerissen und sie mit seinem Körper gewärmt, bis sie beide in Flammen aufgingen.

Entschieden schob er die Hände in die Taschen seiner Jeans. Nein, das wäre zu einfach, zu primitiv. Er wollte, dass sie zu ihm kam und um seine Aufmerksamkeit bettelte.

In den letzten vierundzwanzig Stunden war Angelina zu mehr als nur einer Herausforderung geworden. Er war besessen von ihr, trotz ihrer Verachtung und obwohl er wusste, wer sie war. Oder vielleicht gerade deswegen.

Ein Anflug von Wut stieg in ihm auf. Sein Großvater und sein Vater hatten für einen geringen Lohn für die Manolis-Familie geschuftet und ihre Gesundheit ruiniert. Die schwere Arbeit hatte seinen Großvater früh ins Grab gebracht. Als Damons Vater dann bei einem Arbeitsunfall in der Schiffswerft der Manolis’ starb, war ein Mitarbeiter des Unternehmens zur Beerdigung geschickt worden.

Doch außer Beileidsbekundungen hatte seine Mutter nicht einmal eine Entschädigung bekommen, obwohl diese ihr eigentlich zustand. Die Anwälte hatten eine Gesetzeslücke gefunden, die die Firma von ihrer Verantwortung enthob. Als wäre es nicht vielmehr eine Sache von Gewissen und Ehre gewesen.

Damon hatte seine Wut umgeleitet in die Suche nach Erfolg. Er wollte sichergehen, dass seine Familie nie wieder so verwundbar sein würde wie zu der Zeit, als er fünfzehn Jahre alt war, das älteste von fünf vaterlosen Kindern.

War es da verwunderlich, dass es ihn diebisch freute, wie Aristides Manolis versuchte, ihn zu umgarnen? Oder dass er seine Freude an dem Gedanken hatte, dass Angelina Manolis, die sich ihm gegenüber so verächtlich gab, sich seinem Willen beugte?

Mit ihrer verdammten Ignoranz hatte sie ihr Schicksal besiegelt.

Damon würde sie dazu bringen, ihm ihr Verlangen zu gestehen. Er würde sie erneut verführen, aber nur, bis er genügend Erfüllung gefunden hatte. Dann würde er sie fallen lassen, während sie sich nach dem verzehrte, was sie nicht mehr würde haben können, selbst wenn sie noch so darum bettelte.

Am liebsten wäre Angelina den Hügel hinaufgerannt, doch ihre Knie zitterten so stark, dass sie Mühe hatte, überhaupt einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Sie spürte noch immer seinen leidenschaftlichen, besitzergreifenden Blick wie eine Berührung. Wann immer seine dunklen Augen auf ihr ruhten, vergaß sie alles, und trotz ihrer Wut war ihr verräterischer Körper sich seiner nur überdeutlich bewusst.

Ungeniert hatte sie sich ihm hingegeben, ohne an die Folgen zu denken.

Und jetzt konnte sie nicht von hier fort, ehe die Probleme um ihr Erbe nicht geklärt waren. Denn ohne dieses Geld könnte sie ihren Traum von einem eigenen kleinen Geschäft und von ihrer Unabhängigkeit vergessen.

Dieser Traum hatte ihr geholfen, die grausamen Jahre ihrer Ehe zu ertragen. Er hatte ihr Hoffnung gegeben und war ihr viel zu wertvoll, um ihn jetzt aufzugeben. Doch sie konnte nichts anderes tun als beten und darauf hoffen, dass Damon sich wie durch ein Wunder den Plänen ihres Onkels fügen würde.

Taumelnd blieb sie stehen, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie ihre Pläne nur mit Damons Geld würde verwirklichen können.

Gott sein Dank wusste er nichts davon, denn er wäre skrupellos genug, ihre Verwundbarkeit auszunutzen.

Ein Schluchzen riss sie aus ihren Gedanken. Sie folgte dem Weinen, bis sie zu einer kleinen Baumgruppe kam. Zu ihrer Bestürzung fand sie Viola zusammengekauert auf einer Bank.

Angelina erstarrte, während sie von Erinnerungen überschwemmt wurde.

Vor sieben Jahren war auch sie hierhergekommen und hatte haltlos geweint, weil die Liebe ihres Lebens sie betrogen hatte. Damals hatte sie geglaubt, dass der Schmerz und die Enttäuschung nie größer sein könnten.

Wie naiv sie doch gewesen war. Es war erst der Anfang gewesen.

„Viola! Was ist denn, Liebes?“ Sie eilte zu ihr und schlang die Arme um die zitternden Schultern ihrer Cousine.

„Es ist wegen Papa“, schniefte sie. „Er weiß, dass ich mit Niko gesprochen habe, und er war sehr wütend deswegen.“ Sie sackte in sich zusammen, und Angelina zog sie näher zu sich.

„Hat er dir verboten, Niko zu sehen?“

Viola nickte.

„Erzähl weiter.“ Angelinas Herz schien schwer wie Blei. Sie hatte gehofft, dass es nicht so weit kommen würde.

„Er hört überhaupt nicht zu, und es ist ihm auch egal, dass Niko und ich uns lieben“, schluchzte Viola. „Er sagt, dass ich die Familie und das Unternehmen retten muss.“

Angelina hielt sie noch fester.

„Ich habe versucht, vernünftig mit ihm zu reden“, stammelte Viola, und Angelina wusste, was es ihre Cousine gekostet haben musste, sich von ihrem tyrannischen Vater nicht einschüchtern zu lassen. „Ich habe ihm gesagt, dass Damon an mir nicht interessiert ist, schließlich bin ich nicht annähernd so bezaubernd wie du. Doch das hat ihn noch wütender gemacht. Er sagte, dass Damon eine gehorsame und häusliche Frau will, die ihm Kinder schenkt. Eine aus guter Familie, die ihn mit den richtigen Leuten zusammenbringt.“

Angelina stieß verächtlich die Luft aus. Als hätte Damon es nötig zu heiraten, um sich einen Platz in der Gesellschaft zu sichern. Mit seiner Autorität und seinem ungeheuren Reichtum würde er überall Einlass finden. Ihr Onkel musste wirklich hinter dem Mond leben.

Doch in einem Punkt hatte er recht: Männer tauschten tatsächlich immer wieder ihren Reichtum gegen eine Frau. Ihr Onkel hatte Alkis’ Besessenheit in Bezug auf Angelina ausgenutzt, um das Familienunternehmen zu sanieren, das durch seine schlechte Führung in Schwierigkeiten gesteckt hatte.

„Papa sagt, dass ein Mann eine Frau heiratet, weil sie ihm Kinder schenkt und ihm ein angenehmes Leben bereitet. Und dass Damon sich woanders nach … nach …“

„Nicht doch, Viola. Alles wird gut.“ Die Gefühllosigkeit ihres Onkels erfüllte Angelina mit bitterer Wut.

„Nein, wird es nicht. Wenn ich mich nicht seinem Willen beuge, verlieren wir alles. Das Haus. Die Firma. Einfach alles. Und Mama ist kränker, als Papa überhaupt klar ist. Wenn sie weitergehende ärztliche Behandlung braucht …“

Angelina ahnte nichts Gutes, als sie Violas angespanntes Gesicht betrachtete. Obwohl ihre Lippen zitterten, lag ein entschlossener Zug um ihren Mund.

„Du bist ja nicht allein, Viola. Vergiss das nie. Ich werde dir helfen.“

„Aber was könntest du denn schon tun? Oder ich?“

Angelina stand auf und streckte die Hand aus. Viola ließ sich von ihr aufhelfen. „Gib jetzt nicht auf. Wir finden schon einen Weg.“

Und sie würde einen Weg finden, ganz egal, was sie dafür tun müsste.

Sie konnte nicht zulassen, dass Viola das Gleiche erleiden musste wie sie selbst.

Entschieden presste Angelina die Lippen aufeinander.

Sie würde alles tun, um ihre Cousine davor zu bewahren, sogar auf die Knie fallen und Damon Savakis um Hilfe bitten, wenn das die einzige Lösung war.

„Danke, Angelina.“ Damon nahm das kalte Getränk von ihr entgegen und umschloss absichtlich ihre schlanke Hand.

Sie zuckte zusammen, und ein wenig Saft spritzte über ihre Hände.

Mit Befriedigung registrierte er, dass sie nervös war. Ihre Reserviertheit hatte während der letzten Tage, in denen sie die Gastgeberin gespielt hatte, Risse bekommen.

Zuerst hatte er geglaubt, sie würde ihm aus dem Weg gehen. Und er war bereit gewesen, ihr hinterherzujagen. Doch aus einer wilden Jagd war eine langsame zermürbende Belagerung geworden. Mit jedem Tag wuchs die Flamme des Verlangens zwischen ihnen, während er gleichzeitig spürte, dass ihre Abwehr schwächer wurde.

Angelina wollte ihm ihre Hand entziehen, doch er hielt sie fest. „Tut mir leid, ich habe den Saft verschüttet“, murmelte sie. „Ich hole schnell ein Tuch.“

„Lass mich das machen.“

Er hob ihre verschränkten Hände, während ihre Brüste sich unter dem Seidentop schnell hoben und senkten.

Dann beugte er den Kopf und küsste sanft den Saft von ihren Fingern. Ein Zittern durchzog ihren Körper.

Sie schmeckte süß, vermischt mit ihrem weiblichen Duft, der nach Sommer roch. Unwillkürlich wurde sein Verlangen zu einem verzweifelten Sehnen. Zu spät wurde ihm bewusst, dass er einen Fehler gemacht hatte, weil die Macht seiner anschwellenden Lust ihn jegliche Kontrolle vergessen ließ.

„Bitte nicht.“ Das Zittern in ihrer leisen Stimme war ihm nicht entgangen.

Ein Anflug von Schuldbewusstsein, ja, fast Mitleid durchfuhr ihn. Was war mit der Angelina passiert, die er kannte – das Wesen aus Eis und Feuer? Ihre Selbstbeherrschung verflog, und er erhaschte einen Blick hinter ihre Fassade, auf eine andere Frau.

War es nicht das, was er wollte? Sollte sie sich nicht ergeben und ihm gestehen, dass sie ihn begehrte?

Trotzdem zögerte er, als er die dunklen Schatten unter ihren Augen und den angespannten Zug um ihren Mund bemerkte.

„Angelina“, murmelte er und zog sie an sich.

„Angelina, könntest du mir helfen …“ Violas Stimme scholl von der Terrasse zu ihnen hinüber. Ihre Augen weiteten sich, als sie das Paar vor sich sah. Zu spät ließ Damon Angelina los, die sofort zurücktrat. „Tut mir leid. Ich wollte nur nach dem Rechten sehen.“

„Hallo, Viola. Sie müssen sich doch nicht entschuldigen.“ Damon lächelte. Er mochte das Mädchen, trotz ihres aufgeblasenen Vaters. In ihrer Schüchternheit gegenüber Fremden erinnerte sie ihn an seine jüngste Schwester.

Angelina lief zu Viola, legte schützend den Arm um deren Schultern und zog sie mit sich fort.

Damon runzelte die Stirn. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Angelina immer bestrebt war, ihre Cousine nicht mit ihm allein zu lassen. Aber warum?

War es möglich, dass Angelina trotz ihrer herablassenden Haltung eifersüchtig war, wenn er ihrer Cousine seine Aufmerksamkeit schenkte? Oder versuchte sie, die Jüngere zu beschützen, wie er zunächst geglaubt hatte?

Die Vorstellung überraschte ihn.

Für ein reizendes und unerfahrenes Mädchen wie Viola wäre er doch niemals eine Bedrohung. Wahrscheinlich war sie noch Jungfrau und ohnehin viel zu jung für ihn. Ein derart unschuldiges Ding würde er nie verführen. Es war doch viel unkomplizierter, sich mit Frauen einzulassen, die wussten, dass er es nicht auf eine langfristige Beziehung anlegte.

Wenn er dann tatsächlich eines Tages an eine Heirat denken würde …

Damon erstarrte.

War das vielleicht Aristides Manolis’ Plan? Wollte er Damon seine Tochter schmackhaft machen, damit er sie heiratete? Eine unsinnige Vorstellung. Doch dann erinnerte er sich an Angelinas Miene, als sie Viola ins Haus geleitete. Glaubte sie, er wäre daran interessiert, ihre Cousine zu heiraten?

Plötzlich ergab vieles für ihn einen Sinn.

Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf Damons Gesicht aus.

Jetzt hatte er sie.

Er kannte die Schwachstelle in Angelinas Abwehr. Nun musste er nur noch ein bisschen Druck ausüben.

„Genau dich habe ich gesucht.“ Damons Stimme klang tief und sinnlich. Unwillkürlich stellten sich Angelina die Nackenhaare auf. „Wir müssen reden.“

Es spielte keine Rolle, dass er sie verachtete oder die zerbrechliche Gemütsruhe bedrohte, die sie sich seit Alkis’ Tod erkämpft hatte. Es war eine sehr viel stärkere Macht, die sie an Damon Savakis fesselte und sie Vernunft oder Stolz vergessen ließ.

Nie hätte sie gedacht, dass Verlangen so mächtig sein konnte. In ihrer Unerfahrenheit hatte sie das Gefühl, dass es weit mehr zu sein schien. Als hätte sie sich in der abgeschiedenen Bucht mit dem Mann verbunden, der auf dieser Welt der einzig … Richtige war.

Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Schon immer war sie viel zu naiv gewesen und sollte endlich aufhören, an Trugbilder zu glauben.

Den Morgen hatte sie im Krankenzimmer ihrer Tante verbracht und war nun zum Ende des Gartens gegangen, der einen wunderschönen Ausblick über die Stadt und das Meer bot. Vielleicht würde ihr der Anblick helfen, ihren verlorenen Seelenfrieden wiederzufinden.

Langsam drehte sie sich jetzt um. Damon trug eine schwarze Hose zu einem weißen Hemd, während seine Jacke lässig über einer Schulter hing. Seine ernste Miene verriet ihr, dass mit ihm nicht zu spaßen war.

Er war einige Stunden bei ihrem Onkel gewesen. Wie hatten sie sich wohl entschieden?

„Ich werde bald abreisen“, erklärte er und trat näher.

Angelina umklammerte die Balustrade. Sie fühlte Erleichterung, keine Bestürzung. Und sie redete sich ein, sich zu freuen, dass er ging.

„Ich hoffe, es hat dir bei uns gefallen.“

Wie selbstverständlich sprach sie ihn plötzlich ebenfalls vertraut an. Wollte sie ihn damit halten? Doch abrupt wandte sie sich ab und sah hinüber zum Hafen, der in der Ferne lag.

„Deine Familie war in ihrer Gastfreundschaft sehr … freigebig.“ Sein seltsamer Tonfall ließ sie zusammenzucken.

Unten im Hafen legte gerade ein Boot ab, und Angelina wünschte sich, mitzusegeln, um sich vor Damon in Sicherheit zu bringen.

„Deine Familie war sehr großzügig, sodass ich in Erwägung ziehe, meine Verbindung zu ihr zu vertiefen.“

Sie sollte eigentlich erleichtert sein, denn wenn die Abmachung ihres Onkels seine Zustimmung fand, würde sie vielleicht ihr Erbe bekommen. Aber als sie seine zufriedene Miene bemerkte, keimte der Verdacht in ihr auf, dass es doch nicht so einfach werden würde.

„Mit einer Zusammenlegung der Unternehmen?“ Sie hielt die Luft an. Sein Onkel hatte ein mächtiges Raubtier eingeladen und dummerweise geglaubt, er könne die Oberhand behalten. Doch ihr Gefühl sagte ihr, dass er Damon Savakis sträflich unterschätzt hatte.

„Das ist nicht nötig“, entgegnete er amüsiert. „Ich denke da an etwas … Persönlicheres.“

Angelinas Finger zitterten, während sie sich an der Balustrade festhielt.

„Deine Cousine ist eine reizende junge Frau.“

Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Angelina drehte sich der Magen um.

„Viola wird einem Mann eine gute Frau sein“, fuhr er nachdenklich fort. „Sie hat die Qualitäten, die ein Mann sich für seine Ehefrau wünscht.“

„Wie bitte? Schüchtern und nur dem Willen des Mannes verpflichtet?“ Sie hatte erfahren müssen, was Männer wollten. Eine Frau, die ihr Ego aufpolierte und sich ihren Launen fügte. Dass eine Frau auch Bedürfnisse hatte, war ihnen dabei herzlich egal.

„Es überrascht mich, dass du deine Cousine nicht besser kennst. Ich wollte eigentlich sagen, dass Viola intelligent, liebenswert und großzügig ist. Und sehr hübsch in ihrer ruhigen Art.“

„Sie ist zu jung für dich“, entfuhr es ihr etwas zu harsch. „Viel zu jung.“

Sein träges Lächeln brachte sie in Rage. „Ich rede ja auch nicht von Gelegenheitssex. Ich rede von der Mutter meiner Kinder. Als Mann will man seinen Namen erhalten, seine Gene und sein Vermögen der nächsten Generation übergeben.“

Angelina kannte diese Haltung, seit sie als Teenager nach Griechenland gekommen war. Trotzdem ärgerte sie die Kaltblütigkeit, nur deswegen zu heiraten, weil man glaubte, es sei an der Zeit, sesshaft zu werden.

Sie betrachtete ihn aus leicht zusammengekniffenen Augen. „Es würde nicht funktionieren. Viola will dich nicht heiraten. Sie liebt einen anderen.“

Keinem Mann, der auch nur über einen Funken Stolz verfügte, würde es gefallen, wenn seine Frau sich nach einem anderen verzehrte.

Damon verzog die Lippen wie ein hungriger Wolf, der auf die nächste Beute lauerte. „Sie ist erst achtzehn. Natürlich glaubt sie da, verliebt zu sein, aber sie wird darüber hinwegkommen.“ Er straffte sich, während Angelina unweigerlich erneut fasziniert war über seine schiere männliche Ausstrahlung. Wenn ein Mann es schaffte, einem Teenager den Kopf zu verdrehen, dann er.

„Du verstehst nicht.“ Unruhig ging Angelina auf und ab. „Die beiden lieben sich wirklich.“

„In ihrem Alter? Das ist nichts als eine jugendliche Schwärmerei.“

Angelina wollte schon widersprechen, hielt sich jedoch zurück. Mit achtzehn hatte sie sich Hals über Kopf in den etwas älteren Studenten Petro verliebt und geglaubt, es sei die große Liebe.

Damals war sie sich wie ein hässliches Entlein vorgekommen. Weder in Griechenland noch bei ihrer neuen Familie hatte sie sich heimisch gefühlt und noch immer den Verlust ihrer geliebten Eltern betrauert. Vier lange Jahre hatte sie darum gekämpft, sich an all das Fremde zu gewöhnen und mit Mühe einen Studienplatz ergattert. Wie dankbar war sie da gewesen, als ein gut aussehender, älterer Student ihr sagte, dass sie attraktiv sei.

Es war sehr leicht gewesen, sie zu verführen, eine unbeholfene Jungfrau von ...

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