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So heiß küsst nur ein Playboy / Verführt von einem Prinzen / Sinnliche Erpressung aus Leidenschaft / Nur dieser eine Tanz?

Susan Stephens

So heiß küsst nur ein Playboy

1. KAPITEL

Sechs Stunden und fünfzehn Minuten auf demselben harten Stuhl, am selben Schreibtisch, in demselben kalten Büroraum, in derselben Kleinstadt …

Sie verlor die Lust am Leben.

Beinahe …

Eine Telefonkonferenz mit Signor Rigo Ruggiero in Rom zu organisieren, war eine Tortur, selbst für eine so hartnäckige junge Anwältin wie Katie Bannister. Es bedeutete nämlich, sich zuerst an Ruggieros Armee versnobter Gefolgsleute vorbeilavieren zu müssen.

Sie hätte vor Wut laut schreien können, blieb äußerlich jedoch völlig gelassen – ganz in ihrem professionellen Element. Ohne jegliches Innenleben.

Kein Innenleben? Nein, das wäre zu einfach. Unglücklicherweise war Katie mit einer regen Fantasie gesegnet und besaß eine geradezu unglaubliche Vorstellungskraft, die sie regelmäßig in Schwierigkeiten brachte. Außerdem konnte sie im Handumdrehen vom unscheinbaren, reizlosen Mauerblümchen zur messerscharf argumentierenden, selbstbewussten Kämpferin werden.

Als Neuzugang in einer kleinen Anwaltskanzlei erwartete man von Katie üblicherweise nicht, sich um derart wichtige, einflussreiche Klienten zu kümmern. Aber laut ihrem Vorgesetzten handelte es sich lediglich um eine Kleinigkeit. Und wenn sie sich nach oben arbeiten wollte, sollte sie sich besser in diesen Fall verbeißen – unwichtig oder nicht.

„Pronto …“

Endlich! „Signor Ruggiero?“

„Si?“

Die tiefe, sonore Stimme am anderen Ende der Leitung ging Katie durch Mark und Bein. Die italienischen Worte klangen sexy und gleichzeitig leicht abwesend. Eilig ordnete Katie ihre Gedanken und warf einen Blick auf ihre Unterlagen mit den Sicherheitshinweisen, die sie sich notiert hatte. Denn erotische Stimme hin oder her, sie musste sicher sein, mit dem richtigen Mandanten zu sprechen.

Man musste Signor Ruggiero zugutehalten, dass er all ihre Fragen bereitwillig, ausführlich und höflich beantwortete. Und Katies Fantasie entschloss sich ausgerechnet in diesem Augenblick, wieder einmal ein Eigenleben zu führen. Immerhin wusste sie, wie er aussah: sehr groß, dunkler Typ und mit attraktiv nicht einmal annähernd zu beschreiben. Nun hatte sie diesen italienischen Tycoon endlich am Telefon und konnte ihm mitteilen, dass er der Begünstigte im Testament seines verstorbenen Bruders war.

„Meines verstorbenen Stiefbruders“, korrigierte er sie.

Der honigsanfte Bariton schmeichelte sich noch etwas tiefer in ihr Bewusstsein ein, obwohl ihr die Schärfe in seinen Worten nicht entging. Er klang ernst und desinteressiert.

Ein Mann, der so schwer erreichbar ist, legt sicher keinen gesteigerten Wert auf Smalltalk, sagte sich Katie und legte einen Gang zu. „Entschuldigen Sie, Signor Ruggiero, ich spreche natürlich von Ihrem Stiefbruder.“

Während des Gesprächs schnappte sie noch ein paar weitere Hinweise auf. Wenn sie irgendetwas gut konnte, war es, sich anhand der Stimme ein klares Bild von einem Menschen zu machen. Ihre Ausbildung zur Opernsängerin an einem der weltbesten Musikkonservatorien hatte ihr empfindsames Gehör dahingehend geschult, auch die leisesten Nuancen aus einem Ton zu extrahieren. Und die Stimme am anderen Ende der Leitung vereinte präzise eingesetzten Charme mit eiserner Entschlossenheit.

„Könnten Sie zum Punkt kommen, Signorina Bannister?“

„Natürlich.“

Katies Stärke lag auch darin, selbst ausgesprochen anstrengende, übel gelaunte Mandanten zu beruhigen. Aber nach einem langen Tag in einem kalten Büro, gekleidet in ein billiges Kostüm, hing ihre Geduld buchstäblich am seidenen Faden. Schließlich überbrachte sie Signor Ruggiero keine Hiobsbotschaft, sondern informierte ihn lediglich über ein Gelderbe.

Noch mehr Geld, dachte Katie und betrachtete ein Magazin, das eine Freundin ihr extra auf den Schreibtisch gelegt hatte. Das Titelbild zeigte Rigo Ruggiero – hinreißend sexy und schön. Nicht, dass sie an ihm interessiert wäre!

Entschlossen erläuterte sie dem buchstäblich reichsten Mann in Italien, warum sie ihn persönlich sprechen musste. In Rom, wohin sie als professionelle Sängerin auch hatte gehen wollen.

„Ich habe keine Zeit, dorthin zu kommen …“

Sie straffte die Schultern. „Diese Antwort hat Ihr Stiefbruder erwartet.“ Ihr Herz schlug schneller, als sie die Einzelheiten und Instruktionen aus dem letzten Willen des Verstorbenen rezitierte. Im Hinterkopf dachte sie über den allgemeinen Büroklatsch nach. Offenbar war Rigo Ruggiero nicht nur ein extrem erfolgreicher Unternehmer, sondern auch ein notorischer Playboy. Zu behaupten, Katie Bannister und er lebten auf unterschiedlichen Planeten, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.

Es trug zur allgemeinen Belustigung bei, dass ausgerechnet die offizielle Kanzleijungfer damit beauftragt wurde, Italiens begehrtesten Junggesellen zu treffen. Äußerlich ließ Katie sich zwar nichts anmerken, aber der Spott ihrer Kollegen traf sie sehr. Andererseits wäre sie wenigstens vor Ruggieros Avancen sicher, sobald er einen Blick auf ihr unspektakuläres Äußeres geworfen hätte. Was kümmerte sie also sein Ruf als Herzensbrecher?

Allmählich regte sie auf, wie lustlos er sich über den Tod seines Bruders äußerte. War es zu viel verlangt, wenigstens etwas Betroffenheit zu zeigen? „Die Anweisungen Ihres Stiefbruders sind leider eindeutig, Signor Ruggiero. Er beauftragte unsere Kanzlei Flintock, Gough and Coverdale damit, seinen letzten Willen zu vollstrecken. Mr. Flintock bat mich, die Erfordernisse entsprechend dieses Briefs …“

„Erfordernisse entsprechend eines Briefs?“ Verspottete er sie etwa? „Sprechen Sie grundsätzlich Juristenjargon mit Ihren Mandanten, Signorina Bannister? Das muss ziemlich verwirrend für die armen Menschen sein.“ Sein Tonfall war trocken und leicht amüsiert. „Ich selbst bevorzuge das klare, direkte Wort.“

Niemand hatte es je gewagt, Katie derart zu kritisieren. Sie sah diesen selbstgefälligen Milliardär im Geiste vor sich, wie er sich in seinem Schreibtischsessel ausstreckte und lächelte mit arrogantem Blick herausfordernd.

Instinktiv schloss sie die Augen. „Was ich Ihnen zu erklären versuche, Signor Ruggiero …“

„Bevormunden Sie mich nicht!“

Seine Warnung erschreckte sie. „Ich entschuldige mich. Es war nicht meine Absicht, bevormundend zu klingen.“

„In diesem Fall vergebe ich Ihnen.“

Jetzt klang seine Stimme ganz sanft, als wollte er Katie necken – mit ihr flirten. So unwahrscheinlich das auch war, ihr Inneres reagierte sofort darauf und signalisierte erhöhte Wachsamkeit. Zusammen mit freudiger Erregung!

„Können wir also bitte einen Termin festlegen?“, bat sie freundlich, aber bestimmt.

Stille am anderen Ende der Leitung, dann murmelte er schließlich eine Antwort. „Wann immer Sie wünschen.“

Sein heiserer Kommentar schien Katie von innen zu wärmen, während sie durch das Fenster hinaus in den verregneten, kalten Herbst von York sah. Hinter ihrer eher unscheinbaren Fassade schlug das Herz einer reisefreudigen Abenteurerin. Einst wollte sie die Opernhäuser dieser Welt besuchen. Würde sie es schaffen, als Anwältin nach Rom zu fliegen? Oder brach dieser Trip alte Wunden auf – Wunden und die Erinnerung, dass sie ihre Singstimme auf tragische Weise verloren hatte?

„Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, Signorina Bannister“, drängte Rigo Ruggiero. „Wann soll unser Treffen stattfinden?“

Ihr wäre eine Auszeit sehr recht, und sie könnte schon am nächsten Tag nach Rom unterwegs sein. Bevor Katie es verhindern konnte, sprudelten die Worte aus ihr heraus. „Wie siehst es morgen aus, Signor Ruggiero? Wenn Ihnen das passt?“

„Ich werde es einrichten“, entgegnete er knapp.

„Danke für Ihre Kooperation.“ Sie bekam kaum noch Luft, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Am Telefon zu sprechen, war eine Sache, aber wenn Rigo Ruggiero erst einmal mit eigenen Augen sah, was für eine langweilige Person Katie war … Und sobald sie einen Fuß in Rom auf die Straße setzte, würden alte Sehnsüchte in ihr erwachen, die äußerst schmerzhaft werden könnten.

„Ich freue mich darauf, Sie persönlich kennenzulernen“, sagte er. „Sie haben übrigens eine ganz reizende Stimme.“

Eine reizende Stimme! „Vielen Dank.“ Von Playboys erwartete man schließlich, dass sie flirteten. Und woher sollte Signor Ruggiero wissen, dass ihre einst so vielversprechende Singstimme nach einem Brand in Katies Studentenwohnheim zu einem rauen Krächzen verkümmert war?

Damals im Krankenhaus war sie außer sich vor Freude gewesen, als sie erfuhr, dass all ihre Freunde unverletzt geblieben waren. Doch zu hören, dass der inhalierte Rauch ihrer Gesangskarriere ein jähes Ende gesetzt hatte, zerstörte Katies Zukunftspläne. Und das war nicht der einzige Schaden, den sie von dem Feuer davontragen sollte.

Sie würde niemals wieder singen und hatte genügend Narben auf ihrem Rücken, um sich zu schwören, dass niemand sie jemals nackt sehen würde. Nachdem ihre Gesangskarriere unwiderruflich beendet war, begann Katie ein neues Leben als Anwältin. Das bedeutete ein Dasein im Schatten anstelle des Rampenlichts, das sie als Sängerin erwartet hätte. Aber Katie legte gar keinen Wert auf Spotlights – es war die Musik, die ihr fehlte.

„Signorina Bannister? Sind Sie noch dran?“

„Entschuldigen Sie, Signor Ruggiero. Ich habe nur gerade etwas fallen lassen.“

Verträumt warf sie einen Blick auf das Titelblatt der Zeitschrift, die noch immer vor ihr lag. Ein muskulöser Traum von einem Mann im Designeranzug, dessen Gesicht eher einem verruchten Piraten als einem gepflegten Multimilliardär glich. Dichtes schwarzes Haar, Dreitagebart und stechende smaragdgrüne Augen, in denen es gefährlich blitzte.

„Sie haben Ihre Meinung bezüglich unseres Treffens doch nicht etwa geändert?“

Seine Frage klang ziemlich herausfordernd, und Katie spürte wieder diese undefinierbare innere Erregung. „Ganz und gar nicht“, versicherte sie ihm fest.

Entschlossen langte sie über den Tisch und wollte gerade die Zeitschrift in den Abfalleimer befördern, als sie plötzlich innehielt. Der zynische Zug um seinen Mund brachte sie zwar auf die Palme, trotzdem war er der perfekte Rahmen für seine eindrucksvolle arrogante Stimme.

Und als gäbe es nicht schon genug Perfektion in seinem Leben, zeigte das Bild ihn auch noch mit einem blonden Mädchen im Arm, das eher wie eine Puppe und nicht wie ein lebendiger, atmender Mensch aussah.

Es wird schon werden, versuchte Katie sich Mut zu machen und richtete sich kerzengerade auf. Ich kann das! Dieser Trip nach Rom ist eine reine Geschäftsreise, und nichts könnte mich davon abhalten.

„Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, Signorina Bannister.“

„Ja?“ Unwillkürlich umklammerte sie den Hörer etwas fester, während sie weiterhin auf das makellose Antlitz von Ruggieros Begleiterin starrte.

„Warum Sie?“, erkundigte er sich knapp.

Der Playboy war verschwunden, stattdessen wollte ein erfolgreicher Unternehmer wissen, warum man ihm eine junge, unerfahrene Anwältin zur Lösung seines Falls schickte.

Der Grund war ihr fließendes Italienisch, das sie ihrer Opernausbildung verdankte. Jedenfalls nahm Katie an, dass man sie deshalb ausgewählt hatte. Außerdem war sie unscheinbar, bescheiden und ungebunden und hatte als Neuzugang in der Sozietät ohnehin nichts zu sagen, soweit es um die Arbeitsverteilung ging.

Aber das wollte sie nicht unbedingt nach außen kehren. „Ich bin die einzige Anwältin unserer Kanzlei, die so kurzfristig nach Rom fliegen kann.“

„Sie sind also nicht so erfolgreich und eingebunden?“

„Signor Ruggiero …“

„Piano, piano, bella!“

Ich soll mich beruhigen, dachte sie und spürte, dass sein sexy Tonfall tatsächlich eine besänftigende Wirkung auf sie ausübte. Allein schon die italienische Sprache klang wie Musik in ihren Ohren. So stellte sie sich den perfekten Liebhaber vor …

„Schön“, schloss Ruggiero, „dann sehen wir uns morgen in Rom.“

Es fiel ihm erschreckend leicht, Katie um den Finger zu wickeln. Einen Moment lang war er streng und fordernd, im nächsten faszinierte er sie mit Witz und Charme. Und natürlich lag er richtig mit seinen Vorbehalten hinsichtlich ihrer beruflichen Qualifikation. Sie war keine gute Anwältin und würde auch nie eine gute werden – dazu fehlten ihr der Biss und die Hingabe für die Juristerei.

Manchmal fragte Katie sich, ob sich die Leidenschaft, mit der sie Opernsängerin hatte werden wollen, überhaupt auf ein anderes professionelles Feld übertragen ließ. Im Augenblick hatte sie wenigstens einen guten Job, bei dem sie im Hintergrund agieren konnte – und das passte ihr ausgesprochen gut.

Inzwischen dachte sie an nichts weiter als an die harte, wirtschaftliche Realität. In der Kanzlei spekulierten die Angestellten bereits über Entlassungen, und der Trip nach Rom würde Katies Position definitiv verbessern. Trotzdem kostete es sie eine furchtbare Überwindung, sich dem berühmten Multimilliardär Rigo Ruggiero in ihren Kaufhausklamotten und ihrem unübersehbaren Kleinstadtgehabe zu präsentieren. Leider blieb ihr keine andere Wahl.

„Ich werde dann den Flug buchen“, sagte sie mehr zu sich selbst.

„Das würde ich empfehlen“, bemerkte er trocken. „Mailen Sie mir die Einzelheiten, und ich sorge dafür, dass Sie am Fiumicino Airport abgeholt werden.“

„Das ist sehr …“

Fassungslos starrte sie auf den toten Hörer in ihren Händen. Wie ausgesprochen rüde, einfach aufzulegen! Oder sollte sie es eher als Herausforderung betrachten?

Als die anderen Frauen in der Kanzlei behaupteten, sie hätte genügend verstecktes Feuer in sich, um diesen berüchtigten Eigenbrötler von Playboy im Handumdrehen in die Tasche zu stecken, hatte Katie nur gelacht und müde abgewinkt. Vielleicht war das früher einmal der Fall gewesen. Außerdem hatten ihre Kolleginnen nicht persönlich mit ihm gesprochen und sich lediglich ein Bild aus der Presse gemacht.

Dieser Kerl war kaltblütig und herzlos genug, um den Tod eines nahen Verwandten teilnahmslos hinzunehmen. Und er beendete ein Gespräch ohne das geringste Gebot der Höflichkeit! Rigo Ruggiero war ein arrogantes Monster, und je eher sie ihren Auftrag für ihn erfüllte, desto besser. Es beunruhigte Katie allerdings, dass er eine gewisse Wirkung auf sie ausübte …

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, lehnte Rigo sich auf seinem Stuhl zurück. Obwohl Katie Bannister mit ihm über einen Mann sprechen wollte, von dem er nie wieder zu hören gehofft hatte, brachte die junge Anwältin ihn zum Schmunzeln. Ihm gefiel ihre Stimme. Sie war jung, sie klang heiser und damit einfach sexy. Und intelligent. Sofort hatte er im Geiste ein Bild vor Augen.

Sein Stiefbruder hatte ihn also in seinem Testament bedacht. Womit? Mit einem Kelch vergiftetem Wein? Mit Anteilen an einem Verbrechersyndikat?

Rigo sprang auf und lief unruhig in seinem Büro umher. Warum sollte ihm ein Mann, der ihm Zeit seines Lebens nichts als Hass und Abscheu entgegengebracht hatte, irgendetwas hinterlassen? Und was waren das für persönliche Einflechtungen, die es erforderlich machten, dass eine englische Anwältin dafür extra nach Rom fliegen musste?

Er wusste, dass Carlo einige Jahre in Nordengland gewohnt hatte. Aber falls es etwas von Wert zu erben gab, so war es mit Sicherheit Diebesgut oder Hehlerware. Es musste sich um etwas handeln, mit dem Carlo seinen Stiefbruder auch noch nach seinem Tod kompromittieren konnte.

Als Rigo vierzehn Jahre alt war, heiratete sein Vater ein zweites Mal. Mit siebzehn verließ Rigo sein Elternhaus für immer. Bis dahin hatte er viele von Carlos grausamen Streichen und Intrigen über sich ergehen lassen müssen. Sein Elternhaus stand ihm nicht länger offen, da er die Liebe seines Vaters verloren hatte. Also ging Rigo nach Rom und verwirklichte seine Träume. Seitdem hatte er nichts mehr persönlich von Carlo gehört – der sieben Jahre älter gewesen war als er.

Im Grunde verdankte er seinem Stiefbruder enorm viel, dachte Rigo, während er durch die deckenhohen Panoramafenster auf die Stadt hinuntersah. Immerhin lebte er in einem exklusiven Stadtteil, und dieses Penthouse war nur eine seiner zahlreichen Immobilien. Das Landleben all die Jahre zuvor hinter sich zu lassen, hatte ihm Erfolg und Reichtum gebracht.

Und wieder dachte er an dieses Mädchen aus England, das er morgen irgendwie in seinen Tagesplan einbauen musste. Seufzend überflog er den Kalender. Gerade erst hatte er die letzte einer ganzen Serie unfähiger Privatsekretärinnen gefeuert – und einen adäquaten Ersatz zu finden, stellte sich als außerordentlich schwierig heraus.

Wenn Signorina Bannister nur halb so fesselnd war, wie ihre Stimme versprach, würde er mit Freuden den gesamten morgigen Tag für sie freimachen.

An Katie nagten Zweifel, ob sie für diesen Auftrag überhaupt geeignet war. Die Kanzlei hätte eher jemanden mit Biss und einem gewissen stilvollen Auftreten nach Rom schicken sollen. Jemanden, der kultiviert war und sinnbildlich die gleiche Sprache wie Rigo Ruggiero sprach. Trotz zwei neuer Strumpfhosen und einer noch unbenutzten weißen Bluse gab ihre Garderobe nichts her, das einem Besuch bei einem italienischen Multimilliardär angemessen wäre.

Um sich zu sammeln, atmete Katie ein paarmal tief durch. Wenn sie ohnehin keine Gelegenheit hatte, sich auf diese Weise zu behaupten, sollte sie es gar nicht erst versuchen. Sie war einfach eine kompetente junge Anwältin aus Nordengland, und das bedeutete, ein braunes Kostüm mit dazu passenden, halbhohen Schuhen passte als Outfit vollkommen.

Dies ist schließlich kein Privaturlaub, überlegte Katie, packte aber trotzdem noch ein Paar bequeme Jeans und ein Sweatshirt in ihre Tasche. Zwar sah der straffe Zeitplan keine Freizeit vor, aber falls sich doch eine Gelegenheit ergeben sollte, hätte sie zu diesem Zweck etwas anzuziehen.

Alles ist braun, stellte sie fest, als sie ihr kleines Häuschen verließ. Selbst meine Reisetasche. Ein Leben im Schatten ist das Eine, aber wann ist die Farbe aus meinem Dasein gewichen? Gleichzeitig mit der Musik?

Energisch schob sie ihr Kinn vor und beschloss, das Beste aus ihrem Kurztrip herauszuholen. Immerhin traf sie einen der aufregendsten Männer der Gegenwart, und das im wunderschönen Rom. Natürlich würde sie kein Teil von Rigo Ruggieros Leben sein, aber für wenige Stunden durfte sie ihn als beeindruckter Beobachter aus der Nähe betrachten. So könnte sie anschließend zumindest den Mädels im Büro ihre Kaffeepausen mit Einzelheiten über den Milliardär der Träume versüßen.

Signor Ruggiero hatte gelogen. Schützend klammerte Katie sich an ihre Reisetasche und sah verwirrt auf den stark bevölkerten Bürgersteig vor dem Fiumicino Airport. Die Sonne brannte heiß auf sie hinunter, und jeder um sie herum schien zu wissen, wohin er gehen musste. Nur Katie wurde von niemandem erwartet und hatte im ersten Moment keine Ahnung, was sie tun sollte.

Warum habe ich mich nicht gleich selbst um alles gekümmert, ärgerte sie sich und kramte die Adresse aus ihren Unterlagen heraus, unter der sie Rigo Ruggiero möglicherweise finden konnte. Gerade als sie nach einem der wartenden Taxis winken wollte, trat ihr ein elegant gekleideter, großer Mann entgegen.

„Signorina Bannister?“

Die Stimme schien durch Katies Brustkorb zu dringen und sie von innen heraus zu wärmen. Beinahe wäre sie in die Arme des Mannes gestolpert, dessen Aussehen alle offiziellen Fotos von ihm verblassen ließ.

Ihr Herz schien nur noch unregelmäßig zu schlagen, während sie die tiefbraune Farbe seiner Hände betrachtete. Man hatte das Gefühl, dieser Mann war so heiß, dass man ihn nur mit Schutzhandschuhen anfassen konnte. So ein Frauenschwarm würde jemanden wie Katie – sosehr sie es sich auch wünschen mochte – niemals bemerken. Außer natürlich an einem Tag wie heute, wenn er keine andere Wahl hatte.

„Oh, ja, Entschuldigung!“ Hastig richtete sie sich auf, bevor er mit der Kunstfaser ihres Kostüms in Berührung kommen konnte. „Signorina Bannister? Das bin ich.“

„Sind Sie sicher?“

Ihre Wangen wurden flammend rot. „Selbstverständlich bin ich sicher …“ Sie reichte ihm die Hand. Doch Signor Ruggiero betrachtete sie nur schweigend, und sein professionelles Lächeln erreichte seine Augen nicht. Ratlos ließ sie ihren Arm wieder sinken. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie mich persönlich abholen würden.“

„Es ist mir ein Vergnügen“, entgegnete er höflich und verbeugte sich sogar. Aber sein Tonfall strafte seine Worte Lügen.

Katie sah ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Rigo Ruggiero konnte seine Enttäuschung offenbar nur mühsam verbergen. Nachdem er ihre heisere Stimme am Telefon gehört hatte, rechnete er wohl damit, einer verführerischen Sirene zu begegnen.

Da waren wir wohl beide auf dem falschen Dampfer, dachte Katie. Jetzt ist es nicht mehr nur ein geschäftlicher Termin für mich – jetzt ist es persönlich geworden!

„Sie hatten hoffentlich einen guten Flug.“

„Sehr gut, danke.“ Diesen Ton hätte er auch seiner alleinstehenden Tante gegenüber angeschlagen, davon war Katie fest überzeugt. Seufzend betrachtete sie den eindrucksvollen Mann vor sich.

Er besaß eine starke, charismatische Ausstrahlung, eine Art leuchtender Aura, und wirkte selbst in dem kostspieligen Maßanzug rau und gefährlich. Dunkle Haut lugte aus seinem leicht aufgeknöpften weißen Hemd hervor, und der feine Stoff seiner Kleidung umschmeichelte eine außergewöhnlich athletische Figur.

Das könnte man wohl Lust auf den ersten Blick nennen, dachte Katie ironisch und schämte sich gleich darauf für diesen ungewohnten Gedanken.

Unglücklicherweise rutschte ihr in diesem Augenblick die Handtasche vom Unterarm, und ein Teil des Inhalts fiel direkt vor Rigos polierte Lederschuhe.

„Erlauben Sie, Signorina Bannister …“

Sofort bückte er sich und hob Pass, Flugtickets, Toffees, Taschentücher und andere demütigende Artikel vom Boden auf.

„Darf ich Ihnen die Reisetasche abnehmen?“, bot er an und sah ihr direkt in die Augen.

Dieses hässliche, braune alte Ding? „Sehr gern. Und werfen Sie bitte einen Blick in meinen Pass, um meine Identität zu bestätigen“, fügte Katie tonlos hinzu.

„Das wird wohl nicht nötig sein“, antwortete er. „Warum stecken Sie den Pass nicht irgendwo hin, wo Sie ihn nicht so schnell verlieren können?“

Ich bin keine alte Tante, dachte sie. In seinen Augen bin ich ein unselbständiges Kind!

Was für ein großartiger Eindruck, den sie da in den ersten Minuten ihres Kennenlernens hinterlassen hatte. Sie hatte sich als schlecht angezogener, rotwangiger Trottel präsentiert, an dem kein Mann von Welt ernsthaftes Interesse haben konnte.

„Gut“, verkündete er. „Ich werde den Wagen holen.“

„Nicht nötig. Es ist völlig in Ordnung für mich, ein Taxi zu nehmen.“

„Damit wir im Konvoi bei meinem Penthouse ankommen?“, erkundigte er sich trocken.

Wie viel schlimmer konnte es noch werden? „Da haben Sie natürlich recht“, murmelte Katie erstickt.

Kurze Zeit später hielt ein schnittiger, knallroter Sportwagen vor ihr, und Katie schoss sofort durch den Kopf, dass die Dinge ab jetzt einen deutlich besseren Verlauf nehmen konnten – wenn sie sich nur anstrengte. Es rumorte in ihrer Magengegend, als sie bemerkte, wie um sie herum das allgemeine Gemurmel anschwoll. Ganz offensichtlich hatte man Rigo Ruggiero erkannt, und nun wollte jedermann wissen, mit wem er sich am Flughafen traf.

„Ich beiße nicht, Signorina Bannister“, rief er ihr über das Dach des Sportwagens zu, als er ausstieg und Katie aus ihrer Versteinerung riss.

Mit wackligen Beinen bewegte sie sich auf das Auto zu. Alle starrten sie an, und Katie meinte, die Enttäuschung der Umherstehenden körperlich zu spüren und ihr unterdrücktes mitleidiges oder auch spöttisches Gelächter zu hören.

Ich bin eben keine Schönheit, sagte sie sich und straffte die Schultern. Na und? Kann ja schließlich nicht jeder wie ein Supermodel aussehen!

Beim Einsteigen wurde Katie plötzlich ganz heiß, weil sie im Grunde keine Ahnung hatte, wie man sich elegant in ein derart niedriges Auto setzte. Und ihre Befürchtungen waren berechtigt, denn gleich darauf steckte sie praktisch fest. Aber es kam noch schlimmer. Rigo eilte ihr zu Hilfe und hob sie dabei mühelos an, um sie dann langsam in den Schalensitz niederzulassen, der – wie Katie erst jetzt bemerkte – offenbar um den winzigen Po einer Elfe herum geformt worden war.

Wenigstens schirmte er sie so vor den neugierigen Blicken der Menge ab.

„Sitzen Sie bequem?“, erkundigte er sich, nachdem er ebenfalls eingestiegen war.

„Perfekt.“

Sex lag in der Luft, daran gab es für Katie keinen Zweifel mehr. Purer, animalischer Sex, den Rigo Ruggiero ganz einfach durch sein Dasein ausstrahlte.

„Ich muss gestehen, ich habe nicht damit gerechnet, von Ihnen kontaktiert zu werden“, erklärte er während der rasanten Fahrt. „Jetzt bin ich natürlich neugierig geworden und frage mich: Was kann so wichtig sein, dass man Sie persönlich mit der Ausführung dieser Testamentsanordnungen betraut?“

Mit einem Seitenblick schien er noch hinzuzufügen: Warum schickt man ausgerechnet jemanden wie Sie? Katie sank noch etwas tiefer in sich zusammen und starrte auf ihre Schuhe. Ihre schmucklosen, langweilig braunen Schuhe. Schnell schob sie die Füße nach vorn außer Sichtweite.

„Und entspannen Sie sich, Signorina Bannister! Ich bin ein guter Autofahrer.“ Ihm war nicht entgangen, dass sie sich rechts und links am Sitz festklammerte. „So eilig habe ich es nun auch wieder nicht mit diesem Testament.“

„Tut mir leid, ich bin es nur nicht gewohnt …“ Zu spät bemerkte Katie, dass er sie nur aufziehen wollte. Ihre plumpe Reaktion war nicht gerade förderlich für ihr Selbstvertrauen, und so sah sie stumm aus dem Fenster.

Schön, Katie Bannister zu begegnen, war also ein kleiner Schock gewesen, aber allmählich gewöhnte Rigo sich an ihre eigenartige Anziehungskraft. Sie war ganz anders als der Typ Frau, mit dem er sich normalerweise umgab. Doch das musste nicht zwingend schlecht sein. Eben nur anders.

Rigo legte keinen gesteigerten Wert auf falsche Brüste und ein falsches Lächeln – vor allem aber konnte er keine Komplikationen gebrauchen. Signorina Bannister war eine stille, kleine Maus, und das bedeutete lediglich, dass er mehr Zeit als erwartet mit ihr verbringen musste. Wie könnte er sie schließlich den Wölfen von Rom zum Fraß vorwerfen?

Sie war in einem fremden Land, und dank ihm hatte sie kaum Zeit gehabt, sich auf diesen Aufenthalt vorzubereiten. Hier schlug der Puls schneller als im ruhigen, ländlichen Nordengland. Jetzt hatten sie erst einmal eine dreiviertelstündige Fahrt vor sich, und er wollte das unangenehme Schweigen auf jeden Fall beenden.

„Mir wäre es lieber, Sie würden mich Rigo nennen.“

Als eine Antwort ausblieb, warf er ihr einen Seitenblick zu. Katie machte auf ihn den Eindruck einer Person, zu der das Leben nicht immer gut gewesen war. Aber deshalb gleich den Sozialarbeiter spielen? Sie weckte zwar seinen Beschützerinstinkt, andererseits war er alles andere als ein Weichling. Vielleicht reichte es, ihr klarzumachen, dass sie von ihm nicht das Geringste zu befürchten hatte.

„Sie können Signorina Bannister zu mir sagen“, erwiderte sie schließlich, und Rigo lachte laut auf.

Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte er sich. „Gut, Signorina Bannister“, lenkte er fröhlich ein. „Ihr Wunsch ist mir Befehl.“ Jedenfalls soweit es die Namensfrage betraf.

2. KAPITEL

Im Stillen genoss Katie diesen Hauch von dolce vita. Es war ihr erstes Abenteuer seit langer, langer Zeit: Italien, Rom, ein waschechter, steinreicher Playboy in einem roten Sportwagen. Näher konnte man einer reizvollen Fantasie gar nicht kom-
men.

Die Welt hinter den getönten Scheiben des Autos war atemberaubend. Sie hatten das Industriegebiet hinter sich gelassen und bereits die ersten Stadtteile vom Zentrum Roms erreicht. Es war beinahe, als würde man die ersten Seiten eines Geschichtsbuchs aufschlagen.

Mühelos steuerte Ruggiero den schnittigen Wagen durch den unübersichtlichen Verkehr, und Katie spürte, wie sie sich zunehmend entspannte und ihre Umgebung auf sich wirken lassen konnte. Das Kolosseum, die Märkte des Trajan … nur den Mann neben sich wagte Katie nicht zu betrachten. Doch auch ohne ihn anzusehen, war sie sich bewusst, dass er wie ein römischer Gladiator gebaut war, eher athletisch als zu muskulös, und damit hinreißend attraktiv.

„Die Trajansmärkte sind seit Kurzem wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden“, erklärte er.

Diesen Konversationstonfall hatte sie zwar nicht von dem römischen Gladiator in ihrer Vorstellung erwartet, trotzdem war sie dankbar für Rigos Versuch, ein zwangloses Gespräch zu eröffnen. „Wirklich?“

„Die riesigen Marktgebäude waren schon im Jahre Einhundertdreizehn nach Christus in Betrieb“, fuhr er fort und schenkte ihr ein umwerfendes Lächeln, das Katies Aufmerksamkeit auf seine strahlend weißen Zähne lenkte.

Unwillkürlich bewunderte sie die sinnlichen Lippen, das mit sorgfältig gestutzten Bartstoppeln übersäte Kinn, den Hals, an dem man seinen Puls erkennen konnte, wenn man genau hinsah …

Ob er weiß, wie er auf Frauen wirkt, überlegte Katie und schüttelte diesen Gedanken schnell wieder ab. Hoffentlich nicht!

Katies Kopf schwirrte noch von all den neuen Eindrücken, als sie schon längst in Rigos gigantisch großem, supermodernem Arbeitszimmer saß. Sonnenlicht durchflutete den Raum und hätte wohl jedes einzelne Staubkörnchen entlarvt – wenn es welche geben würde.

Wie Katie vermutete, lebte Rigo in unvorstellbarem Luxus. Sein Penthouse war einfach makellos und voller wundersamer Überraschungen. Wohin man auch blickte, entdeckte man technisches Spielzeug und allerlei andere Dinge, die das Leben erleichterten. Die vorherrschenden Farben waren strahlendes Weiß und gebürsteter Stahl, es gab viel Glas, und an den Wänden hing moderne Kunst.

Per Fernbedienung ließ sich sogar ein Teil des Dachs öffnen, und Katie riss überrascht den Mund auf, als direkt über ihrem Kopf ein paar Vögel vorbeiflogen. So lebten also die reichsten der Reichen auf diesem Erdball! Nach dem Chaos und der Lebhaftigkeit dieser wunderbaren Stadt war Rigos Penthouse ein Zufluchtsort der Ruhe.

Rigo setzte sich ihr gegenüber an seinen gläsernen Schreibtisch und sah sie an. „Gefällt Ihnen die Aussicht von hier
oben?“

„Ich liebe es.“ Zu drei Seiten konnte man auf die Dächer Roms hinabblicken, aber Rigos Bariton reizte Katie noch weitaus mehr. Dieser Mann war einfach so perfekt, dass sie den Blick nicht von ihm losreißen mochte.

Nur leider würde sie ihn niemals wirklich kennenlernen. Dafür würde sie den heutigen Tag in ihrem Herzen bewahren. Jede Einzelheit: wie maskulin und anziehend Rigo war, wie überaus höflich und gewandt. Obwohl sie das vermutlich in Bezug auf ihre zukünftige Männerwahl beeinflusste, denn gegen Rigo musste jeder andere gnadenlos abfallen.

Er für seinen Teil verarbeitete wohl noch den Schock, Katie persönlich zu begegnen, und behandelte sie wie eine arme Verwandte, die vom Land zu Besuch in die Großstadt gekommen war.

„Dort drüben ist das Kolosseum“, sagte er und deutete mit einer Hand in die Richtung. „Können Sie es sehen?“ Er bemerkte ihr Zittern und warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Ist Ihnen kalt? Sie zittern ja.“

„Nur etwas erschöpft von der Reise, nehme ich an.“

Darauf betätigte Rigo einen Knopf an seiner Schreibtischkonsole, und eine unsichtbare Wärmequelle hüllte Katie mit angenehmer Wohlfühlluft ein.

„Ich vergaß, dass Sie einen so weiten Weg hinter sich haben“, bemerkte er trocken, und die Ironie seiner Worte war unüberhörbar.

„Können wir dann anfangen?“, fragte Katie tonlos und öffnete den dicken Umschlag, den sie vor sich abgelegt hatte. Ihr war schrecklich zumute. Erfahrungsgemäß enthielten Testamente oft harte Worte, die mitunter mehr schmerzten als körperliche Verletzungen. Sie hoffte inständig, nicht die Überbringerin schlechter Nachrichten zu werden.

„Worauf warten Sie, Signorina Bannister?“

Ja, was geht es mich an, wie er zu seinem Stiefbruder steht, dachte sie und schlug das erste Dokument sorgfältig auf. „Dies ist der letzte Wille des verstorbenen …“

„Machen Sie es bitte kurz! Wir wissen doch beide, um wessen Testament es sich handelt.“

Plötzlich war sein Charme verschwunden, und sein Gesichtsausdruck ließ ihr Blut gefrieren. Es wäre ganz sicher ein Fehler, diesen Mann zu unterschätzen. Und man hatte ihr beruflich schon mehrfach ans Herz gelegt, ihre Emotionen – vor allem ihr Mitgefühl – unter Kontrolle zu halten und sich auf das Wesentliche zu beschränken.

Es fiel Katie schwer, jede Minute mit dem jeweiligen Mandanten konsequent abzurechnen und ihnen darüber hinaus keinerlei persönliche Aufmerksamkeit zu schenken. Um ehrlich zu sein, gelang ihr das nie so recht … und heute würde sicherlich keine Ausnahme darstellen.

Mit noch heiserer Stimme als sonst fuhr Katie fort. Das Verhältnis zwischen den Stiefbrüdern war offenbar nicht gerade gut gewesen, und sie befürchtete schon das Schlimmste – als plötzlich das Telefon klingelte.

Wütend schlug Rigo mit der flachen Hand auf den Tisch und stieß einen frustrierten Laut aus. Ganz eindeutig wollte er in diesem wichtigen Augenblick nicht gestört werden.

„Wenn ich abnehme, könnte ich mich als Privatsekretärin ausgeben und den Anrufer vertrösten“, schlug Katie spontan vor, und in Rigos Augen leuchtete es überrascht auf.

Mit einem kurzen Nicken wies er auf das Telefon und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Pronto?“ Konzentriert beantwortete Katie die Fragen des Anrufers in fließendem Italienisch und merkte, wie Rigo sie verblüfft anstarrte.

„Warum haben Sie mir nicht verraten, dass Sie Italienisch sprechen?“, wollte er wissen, nachdem sie das Telefonat beendet hatte.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es Sie interessiert.“

Mit dieser lapidaren Antwort hatte er nicht gerechnet. „Nein, Sie haben natürlich recht. Und? Wollen Sie mir nicht verraten, wer angerufen hat?“

Katie ließ sich von seinem strengen Ton nicht beeindrucken. „Scheinbar haben Sie einen wichtigen Termin vergessen“, erwiderte sie und erläuterte knapp, was sie soeben erfahren hatte.

Da sprang Rigo fluchend auf und zerrte sein Mobiltelefon aus der Tasche. Dann wählte er eine Nummer und lief unruhig im Zimmer auf und ab.

Es gab nur eine einzige Sache, für die er diese wichtige Unterredung abbrechen würde. Einst hatte Rigo sich geschworen, die Belange der Kinder, deren Wünsche er erfüllen wollte, grundsätzlich über seine eigenen Interessen zu stellen. Und wenn man ihn nun bat, einen kleinen Jungen in seinem Sportwagen herumzufahren, musste es einen guten Grund dafür geben.

„Natürlich kann er sofort kommen“, versicherte Rigo seinem Freund. Sobald er außer Hörweite war, erklärte er, warum er den Tag mit einer jungen Anwältin aus England verbringen musste und nicht selbst ans Telefon gegangen war.

„Eine junge Frau?“, hakte der Freund neugierig nach.

„Sehr jung und äußerst respektabel“, setzte Rigo trocken nach und warf verstohlen einen Blick auf Katie Bannisters Hinterkopf. Ihr dichtes, glänzendes Haar hatte die gleiche hellbraune Farbe wie ihre Augen. Allerdings trug sie es streng zurückgekämmt, was sie sehr konservativ aussehen ließ. Er konzentrierte sich wieder auf sein Gespräch.

„Wie enttäuschend für dich, Rigo“, zog der andere Mann ihn auf. „Aber bestimmt hast du schon einen Plan im Kopf, wie du diese Dame um den Finger wickeln kannst?“

Eigentlich nicht, deshalb reagierte Rigo auf den Kommentar etwas irritiert. „Ich bin schon unterwegs“, versprach er schnell und legte auf. Im Geiste betrachtete er sich in Bezug auf Katie Bannister eher als Beschützer, nicht als Verführer. Sie war auch viel zu jung für ihn, vermutlich sogar gänzlich unberührt oder zumindest extrem unerfahren und naiv. Kurzum: Sie war überhaupt nicht sein Typ.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr und steckte sein Mobiltelefon wieder in die Tasche. „Wir müssen die Verlesung verschieben. Mir ist etwas Dringendes dazwischengekommen. Aber keine Sorge, wir machen einen neuen Termin.“

„Mein Flug nach Hause …“

„Ich kann mich nur entschuldigen.“

Verärgert runzelte Katie die Stirn. Zwar stand es ihr nicht zu, über Mandanten zu urteilen, aber dennoch fand sie Rigos Verhalten unverzeihlich. Wie konnte er etwas so Bedeutendes wie eine Testamentseröffnung, die seinen verstorbenen Stiefbruder betraf, einfach absagen, nur weil er mit dem Sportwagen herumfahren wollte? So viel zumindest hatte sie in ihrem Telefongespräch mitbekommen. „Eine Entschuldigung ist nicht notwendig“, entgegnete sie steif. „Immerhin bezahlen Sie mich für meine Zeit.“

„Inklusive eines ordentlichen Trinkgeldes“, versprach er.

Nun war Katie ernsthaft beleidigt. Schließlich ging es ihr im Leben niemals in erster Linie um Geld, aber wie sollte ein Mann wie Rigo Ruggiero das verstehen?

„Und Sie können Ihre Verabredung nicht verschieben?“, erkundigte sie sich noch einmal.

„Nein.“

„Aber Sie wollen diese Sache doch so schnell wie möglich hinter sich bringen?“, erinnerte sie ihn.

„Ich versichere Ihnen, mein Interesse ist ungebrochen, aber ich muss jetzt wirklich gehen.“

„Soll ich hier auf Sie warten?“

Rigo war schon auf halbem Weg zur Tür. „Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause! Danke für Ihre Geduld, ich werde bald wieder zurück sein.“

„Und mein Flug?“, rief sie.

„Buchen Sie einen neuen!“ Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Großartig, dachte Katie. Und was jetzt? Ich muss hier in Rom bleiben.

Seit dem schrecklichen Feuer ging ihr Privatsphäre über alles. Sie war nie mehr länger von zu Hause fortgeblieben, um das Risiko zu umgehen, dass jemand einen Blick auf ihre Narben warf. Immerhin könnte jederzeit ein Zimmermädchen oder ein anderer Angestellter eines Hotels unerwartet den Raum betreten. Diese Vorstellung ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Ich kann das nicht, schoss es ihr durch den Kopf. Vielleicht werde ich niemals so weit sein.

Konnte sie sich mit ihrem begrenzten Budget überhaupt einen verlängerten Aufenthalt in Rom leisten? Und dann der Umgang mit dem fabelhaften Rigo Ruggiero! Katies Körper erinnerte sie auf beschämende Weise daran, wie leicht der Milliardär sie aus der Ruhe brachte. Allein der Gedanke an ihn verursachte ein angenehmes Ziehen in ihren Brüsten und brachte ihr Herz zum Pochen. Das konnte ja heiter werden!

Entschlossen nahm sie sich vor, ein günstiges Hotel zu suchen. Nur leider wusste sie nicht, wann sie den nächsten Flug buchen konnte. Noch nicht! Stattdessen war sie den Launen eines egozentrischen Playboys ausgeliefert, der einerseits behauptete, sich für ihr Anliegen zu interessieren, sich andererseits aber nur nach seinem Vergnügen richtete. Zu viel Geld und zu viel Langeweile, schloss Katie.

Das Telefon klingelte. Sie fragte sich unwillkürlich, wo eigentlich diese ganzen hochnäsigen Angestellten waren, die noch vor wenigen Tagen verhindert hatten, dass Katie ihren hochwohlgeborenen Vorgesetzten erreichte. Hatte er sie alle gefeuert? Ein Mann wie er beschäftigte doch sicherlich eine Assistentin, die seine Termine plante und sein Telefon besetzte?

Als das Klingeln nicht aufhörte, gab Katie schließlich nach und nahm den Hörer ab. „Pronto?“

„Signorina Bannister?“

Am liebsten hätte sie sich selbst verleugnet, um diesem arroganten Kerl eins auszuwischen. „Si“, seufzte sie nach einer Weile.

„Ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen“, beteuerte er, und Katie schnaubte verächtlich. „Sie sollen das Beste aus ihrer Zeit in dieser wunderbaren Stadt machen. Haben Sie schon einen neuen Flug gebucht?“

Vermutlich konnte er es kaum abwarten, sie endlich wieder los zu sein. „Ich wollte gerade …“

„Tun Sie es nicht! Nicht, bevor ich zurück bin!“

Jetzt kommandierte er sie auch noch herum! War sie ihm irgendetwas schuldig? „Signor Ruggiero, ich bin nicht darauf vorbereitet, in Rom zu bleiben.“

„Aber das ist doch kein Problem. Was immer Sie brauchen sollten, kaufen Sie es und lassen Sie mir die Rechnung zukommen!“

„Das kann ich definitiv nicht annehmen!“, rief Katie prompt.

„Aber natürlich. Und in meinem Penthouse gibt es sieben Schlafzimmer. Sie können sich Ihr Gästezimmer praktisch aussuchen.“

Sprachlos rang sie nach Luft.

„Signorina Bannister? Sind Sie noch dran?“

„Ja“, krächzte sie mühsam.

„Vergessen Sie nicht, wir beide haben noch etwas Geschäftliches zu besprechen. Ich erwarte, dass ich Sie antreffe, wenn ich zurückkomme. Das wird doch wohl nicht so schwer sein?“, fügte er etwas versöhnlicher hinzu. „Die Dachterrasse hat einen herrlichen Pool. Von dort aus hat man einen atemberaubenden Ausblick über die Stadt. Unten am Telefon ist ein grüner Knopf. Damit erreichen Sie die Küche und können rund um die Uhr nach Herzenslust Essen bestellen. Es gibt auch einen Fitnessraum und einen angrenzenden Wellnessbereich. Bitte nutzen Sie das alles, als wäre es Ihr Eigentum! Und vergessen Sie nicht, dort zu sein, wenn ich hier fertig bin! Ach, und in der Zwischenzeit … Könnten Sie bitte meine Anrufe für mich entgegennehmen und notieren? Das wäre reizend.“

Die Leitung war tot, bevor Katie protestieren konnte.

Um ein Haar hätte sie den mobilen Hörer vor Wut gegen das riesige Panoramafenster geschleudert. Und dabei hatte sie geglaubt, alles über Gefühlskontrolle zu wissen. Ging Rigo tatsächlich davon aus, dass sie für ihn Gewehr bei Fuß stand?

Das Telefon klingelte erneut, und Katie drückte kurz entschlossen ein paar Knöpfe, bis sie herausfand, wie man den Anrufbeantworter aktivierte. Eine Tatsache blieb jedoch bestehen: Sie musste mindestens eine Nacht in Rom bleiben und konnte nicht direkt nach dem Meeting mit Rigo zurück nach Hause fliegen.

Allerdings wollte sie nicht mit ihm im Penthouse übernachten. Auf keinen Fall! Aber jetzt war nicht der Augenblick, um in Panik zu verfallen. Zuallererst musste sie in ihrer Kanzlei anrufen und ihren Kollegen behutsam eine moderate Version der Ereignisse schildern. Anschließend wollte sie sich ein bezahlbares Hotel suchen und ein paar Dinge einkaufen, die sie für eine Übernachtung brauchte.

Und falls Rigo wirklich noch brennend interessierte, was sein Stiefbruder im Testament verfügt hatte, würde er sie eben aufsuchen müssen. Das war schließlich der normale Weg, miteinander umzugehen …

Katie checkte in einem Mittelklassehotel ein: Standardzimmer mit Ausblick auf die Außenklimaanlage. Aber sie hatte alles, was sie brauchte. Ein sauberes Bett, ein eigenes Badezimmer, einen Schreibtisch mit Stuhl und einen Fernseher. Vor allem gab es eine gemütliche Lobby mit separaten Sitzgruppen. Dort konnte sie sich mit Rigo treffen, wenn er sich dazu bequemte, ihr seine Zeit zu schenken.

Und was jetzt? Immerhin befand sie sich in einer der aufregendsten Städte der Welt. Geschichte, Mode, Lifestyle … Und sie hatte die Wahl, allein in ihrem Zimmer zu sitzen oder sich ganz mutig nach unten in die Lobby zu wagen, um dort auf Rigo zu warten. Oder sollte sie sich einfach mit Fernsehen ablenken?

Fernsehen in Rom? Was war mit ihren Einkaufsplänen? Bestimmt gab es gleich in der Nähe des Hotels eine günstige Gelegenheit, die Filiale einer Billigkette oder ein Einkaufszentrum.

Als sie sich beim Concierge erkundigte, erklärte er ihr den Weg zur Via del Corso. Er beschrieb die Straße als eine der beliebtesten Einkaufsstraßen von Rom, und Katie fand schnell heraus, dass er nicht untertrieben hatte. Hier herrschte so viel Glanz und Trubel – kein Vergleich zu den Einkaufsmöglichkeiten in ihrer Heimat. Ein paarmal blieb sie überwältigt stehen und sah sich um, bis sie von anderen Passanten angerempelt und so zum Weitergehen gezwungen wurde.

Ich bin eine einfache Touristin und genieße jeden Augenblick, nahm sie sich vor. Mit diesem Entschluss warf sie sich ins Getümmel und stellte fest, dass sie das bunte Chaos, die klangvolle italienische Sprache und die ansteckende Energie der Menschen liebte. Ihre Arbeit schien Lichtjahre entfernt …

Von Minute zu Minute verschwand ihre Melancholie etwas mehr, und in ihr wuchs der Wunsch, so viele faszinierende Erfahrungen wie möglich zu sammeln, um sie zu bewahren und später mit den Mädels im Büro teilen zu können. In ihrer Vorstellung kaufte Katie haufenweise Fantasiekleider für ihre Fantasiegarderobe und zahlreiche Fantasieaccessoires dazu. Es war herrlich, für einen Tag die Märchenprinzessin zu spielen …

Später saß sie in einem schicken Café und trank mitten auf dem Bürgersteig ihren Latte macchiato – genau wie die anderen Menschen um sie herum. Für Katie jedoch bedeutete das enorm viel. Sie fühlte sich frei, lächelte in den blauen Himmel und hätte gern ihren Zopf gelöst, um die offenen Haare zu schütteln – so wie es die anderen Frauen in ihrem Alter taten.

Warum eigentlich nicht? Sie ließ sich sogar dazu hinreißen, ihre Kostümjacke aufzuknöpfen. Der gut aussehende Kellner lobte ihre Aussprache und flirtete ungeniert mit ihr. Damit bestätigte er jedes Klischee von den romantischen, verführerischen Italienern, das englische Frauenherzen höher schlagen ließ. Natürlich war ihr klar, dass dieser Flirt nicht ernst gemeint war, dennoch tat ihr die Aufmerksamkeit außerordentlich gut. Und zum ersten Mal seit Jahren traute sie sich, solch harmlose Avancen zu erwidern. So konnte sie schließlich auch ihr Italienisch ein wenig vertiefen …

Ihre Augen leuchteten vergnügt, und sie fühlte sich seit geraumer Zeit endlich wieder lebendig. Rom tat ihr gut und weckte ihre Lebensgeister – dafür allein hatte die Reise sich schon gelohnt. Die Stadt hielt, was sie versprach: Sie war magisch, romantisch, inspirierend … einfach voller Abenteuer, die es nur noch zu entdecken galt.

Allerdings fand Katie es ausgesprochen unheimlich, dass sich allmählich etwas in ihr entfesselte. Sie hoffte inständig, dass es nicht ihre wagemutige Seite war. Denn die hatte Katie seit ihrem Unfall sicher weggeschlossen – aus reinem Selbstschutz. Jetzt dachte sie an Rigo und daran, wie gefährlich es war, in seiner Gegenwart zu viel Selbstvertrauen aufzubauen. Das würde sie nur in unvorstellbare Schwierigkeiten bringen.

Ein Schatten fiel über ihren Tisch. Nein! Das konnte doch nicht sein!

„Signorina Bannister.“

„Rigo!“ Erschrocken sprang sie auf, setzte sich aber sogleich wieder hin. Hatte er sie nicht sogar ausdrücklich gebeten, ihn mit Vornamen anzureden? „Sie habe ich hier am allerwenigsten erwartet“, keuchte sie.

„Das ist nicht zu übersehen.“

Er warf dem Kellner, der sich geschmeidig zwischen den engen Tischen bewegte, einen finsteren Blick zu. Hatte Rigo den kleinen Flirt etwa mitbekommen? Bestimmt zog er völlig falsche Schlüsse aus Katies Verhalten. Aber daran ließ sich im Augenblick nichts ändern.

„So vertreiben Sie sich also die Zeit, während ich fort bin?“, erkundigte er sich beiläufig.

„Haben Sie Ihre kleine Spritztour genossen?“, antwortete Katie mit einer Gegenfrage.

„Ich bin davon ausgegangen, dass Sie mich im Penthouse erwarten.“

„Leider wusste ich nicht, wie lange Sie von Ihrem Termin aufgehalten werden“, gab Katie gelassen zurück. „Meinen Rückflug werde ich ohnehin verpassen, weil ich immer noch das Testament verlesen muss.“ Mit einer Hand wies sie auf einen leeren Stuhl. „Möchten Sie sich vielleicht zu mir gesellen?“

Mit starrer Miene zog Rigo einen dritten Stuhl an den Tisch. „Wie Sie sehen, bin ich nicht allein.“

Das hatte Katie bisher tatsächlich vollkommen übersehen. Hinter ihm tauchte die hübsche Blondine auf, die Katie bereits auf dem Titelblatt ihrer englischen Zeitschrift bewundert hatte. Sie trug etliche Einkaufstaschen, die sie geschickt zwischen den Tischen hindurchmanövrierte, und buchstäblich jeder männliche Cafébesucher drehte sich nach ihr um.

Augenblicklich nahm Katie sich vor, dieses Mädchen in der kurzen Zeit, die sie in ihrer Gegenwart verbringen würde, mit Freundschaft und Anerkennung zu überhäufen – um sich ihre latente Eifersucht keinesfalls anmerken zu lassen. So kleingeistig wollte sie nicht einmal vor sich selbst erscheinen.

Mit einem perfekt geformten Schmollmund beschwerte sich die unbekannte Schönheit auf Italienisch bei Rigo darüber, dass sie aufgehalten wurden, und zupfte ungeduldig an seinem Ärmel. Dann starrte sie mit ihren riesigen, geschminkten Augen Katie an.

Diese erwiderte den Blick mit einem Lächeln – oder tat zumindest ihr Bestes, eine höfliche, freundliche Miene aufzusetzen.

Nachdem Rigos Begleiterin Katie ausgiebig gemustert hatte, wagte sie ihrerseits ein zaghaftes Schmunzeln. Offenbar war sie zu dem Schluss gekommen, keine ernsthafte Konkurrenz vor sich zu haben.

„Antonia“, sagte Rigo mit unerwarteter Strenge in der Stimme. „Denk bitte daran, dass Signorina Bannister geschäftlich hier in Rom ist!“

Er verteidigt mich, wunderte Katie sich. Doch ihre aufkeimende Freude verflog sofort, als Rigo seine junge Freundin direkt neben ihr platzieren wollte.

„Keine Sorge“, erwiderte Antonia spitz. „Ich weiß, wann ich unerwünscht bin.“ Sorgfältig verstaute sie ihre Einkaufstüten unter dem Tisch und richtete sich dann auf. „Ich will gar nicht dabei sein, wenn ihr euch über Geschäfte unterhaltet.“

„Oh, bitte, meinetwegen müssen Sie nicht gehen“, widersprach Katie schnell und stand auf. „Ich wollte ohnehin gerade los.“

„Nein, wollten Sie nicht“, schaltete Rigo sich ein. „Sie haben Ihren Macchiato ja kaum angerührt.“

Erschrocken sah Katie auf seine Hand hinunter, die er lose auf ihren Arm gelegt hatte. Ob er merkte, wie sie unter dieser Berührung erzitterte?

„Und du setzt dich jetzt hin!“, befahl er Antonia. „Was ist nur los mit euch beiden?“

Wo sollte ich da anfangen, dachte Katie im Stillen und setzte sich zögernd wieder auf ihren Stuhl. Mehr denn je fühlte sie sich wie die arme, unwillkommene Verwandte vom Land, der man einen schönen Tag in der Stadt bescheren wollte.

Genüsslich streckte Rigo sich aus. „Und Sie gehen also shoppen, während ich davon ausgehe, dass Sie im Penthouse meine Anrufe entgegennehmen?“, begann er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Gegen ihren Willen färbten sich Katies Wangen tiefrosa. „Ich habe mir eine Auszeit gegönnt“, erwiderte sie ausweichend.

„Bravo! Ich bewundere Ihre Initiative, Signorina Bannister.“ Auf seltsame Weise klang sein Lob durchaus aufrichtig.

Spiel mit dem Feuer, und du wirst dich verbrennen, ermahnte Katie sich selbst. Unsicher griff sie nach einer Serviette, nachdem sie versehentlich etwas von ihrem Kaffee verschüttet hatte.

„Beantworten Sie mir eine Frage, Signorina Bannister“, bat Rigo und lehnte sich nach vorn. „Wenn ich Sie einstellen wollte, könnten Sie dann dem Drang widerstehen, in Rom einkaufen zu gehen?“

Meinte er das etwa ernst? Glaubte er, sie könnte diese Anspannung zwischen ihnen jeden Tag aushalten?

„Diese Frage stellt sich nicht, Signor Ruggiero, da ich nicht frei bin.“

„Rigo“, erinnerte er sie. „Nun ja, ich werde einen Weg finden, mit dieser Enttäuschung zu leben.“ Belustigt zwinkerte er in die Runde und warf dann einen Blick auf seine Uhr. „Wir sollten uns dem Testament widmen. Was haben Sie für Ihren Rückflug veranlasst?“

„Ich habe für mich ein offenes Ticket gebucht.“

„Oh, gut. In diesem Fall gibt es keinen Grund zur Eile. Und Sie können die Einladung nicht ausschlagen, Antonia und mir heute beim Dinner Gesellschaft zu leisten.“

Katie traute ihren Ohren kaum. Essen mit Antonia und Rigo? Etwas Unpassenderes konnte sie sich nicht vorstellen. Um Zeit zu gewinnen, bis ihr eine wasserdichte Entschuldigung einfiel, lächelte sie nichtssagend.

Diesen Moment wählte der Kellner, um ihr mit funkelnden Augen einen Eisbecher aufs Haus zu kredenzen. Mit einem geraunten Kompliment auf den Lippen verbeugte er sich tief vor Katie und ignorierte die dolchartigen Blicke, mit denen Rigo ihn bedachte.

Katie selbst war fassungslos. Offensichtlich nahm Rigo die spielerischen Annäherungsversuche des Kellners ernst. Wie absurd! Das konnte auch nur in Rom passieren …

3. KAPITEL

Katie war vollkommen klar, dass Rigos Verhalten ausschließlich auf Machismo zurückzuführen war. Kein anderer Mann hatte das Recht, einer Frau, die an seinem Tisch saß, ungefragt seine Aufmerksamkeit zu schenken. Das war eine Beleidigung für jeden kapitalen Playboy!

Ich bin eine unabhängige Frau, erinnerte Katie sich entschlossen. Und ich will und werde meinen Trip nach Rom genießen. „Nein, danke“, sagte sie laut. „Aber trotzdem vielen Dank für die Einladung. Ich habe vor, mir einen ruhigen Abend in meinem Hotel zu gönnen.“

„Dem Russie?“, fragte er.

Es wunderte sie nicht im Geringsten, dass Rigo bereits herausgefunden hat, wo sie abgestiegen war. Obwohl sein Gesichtsausdruck verriet, was er über dieses Hotel dachte …

Als Antonia betont auffällig gähnte, nutzte Katie die Gelegenheit, um den Termin mit Rigo auf den nächsten Vormittag zu verlegen. Sie einigten sich auf neun Uhr, und insgeheim war Katie ungeheuer stolz auf sich, wie gut sie ihre Position gegenüber dem autoritären Multimilliardär verteidigt hatte.

Rigo stand auf, um sich von Katie zu verabschieden. Neben ihm kam sie sich ausgesprochen zierlich vor. Als er galant ihren Handrücken küsste, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Seine Lippen waren angenehm warm und fest.

„Ich verspreche, beim nächsten Mal schenke ich Ihnen wirklich meine ungeteilte Aufmerksamkeit“, raunte er.

Warum klang das eher wie eine Drohung? Automatisch entzog sie ihm ihre Hand etwas schneller, als sie es beabsichtigt hatte.

„Warten Sie“, sagte er plötzlich und sah sich zu Antonia um. „Ich habe euch noch gar nicht miteinander bekannt gemacht.“ Mit einer Hand strich er dem anderen Mädchen eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Signorina Bannister, darf ich Ihnen meine verwöhnte kleine Schwester Antonia vorstellen?“

Der schmollende Gesichtsausdruck verschwand aus dem hübschen Gesicht, und Antonia umrundete den Tisch, um Katie in die Arme zu schließen. „Willkommen in Rom“, sagte sie und schürzte dann doch wieder die Lippen. „Rigo stellt mich sonst nie irgendwelchen interessanten Menschen vor.“

Interessant, dachte Katie verwundert, während Rigos Schwester sie auf beide Wangen küsste. Das muss ich wirklich den Mädels im Büro erzählen.

Sie erwiderte Antonias Umarmung mit dem Gefühl, dass Gegensätze sich wirklich anzogen. In Antonias Welt gab es sicher nicht viele englische Anwälte vom Land, die mit großen Augen durch das quirlige Rom liefen. Und Katie war bisher noch nie einem aufgestylten Popstardouble begegnet.

Nachdem das Missverständnis um Antonias Identität aus der Welt geschafft war, entspannte sich das Verhältnis zwischen den Frauen sofort. Schon kurze Zeit später hatte das blonde Mädchen Katie überredet, sich wieder hinzusetzen. Antonia sah ihrem schwarzhaarigen Bruder überhaupt nicht ähnlich, und Katie glaubte sich daran zu erinnern, dass auch sie lediglich eine Halbschwester von ihm war. Sie hätte Rigos familiären Hintergrund wirklich gründlicher recherchieren müssen.

„Hast du im Hotel wirklich alles, was du brauchst?“, erkundigte sich Antonia vertraulich. „Nachdem mein unverschämter Bruder dich nun hier in Rom festhält, musst du unbedingt ausgiebig einkaufen gehen!“ Sie wandte sich an Rigo. „Du kommst von allein gar nicht auf den Gedanken, dass andere Leute keine eigene Wohnung in jeder Stadt haben, oder? Ich wette, die arme Katie hat nicht einmal eine Zahnbürste dabei.“

„Ich muss tatsächlich noch ein paar Dinge besorgen“, gestand Katie. „Eine Übernachtung hatte ich nicht eingeplant.“

„Zum Glück hast du jetzt eine echte Expertin an deiner Seite“, rief Antonia begeistert. „Wir kaufen dir Waschzeug, Zahnpasta, eine gute Bürste und noch einen ganzen Haufen langweiliges Zeug, das man aber einfach braucht.“

Zum Glück bemerkte Rigo Antonias vielsagendes Zwinkern nicht.

„Bietest du etwa an, mit Katie einkaufen zu gehen?“ Mit gerunzelter Stirn sah er Katie an. „Wir können doch jetzt auch endlich zum du übergehen, oder?“

Wortlos zog Katie die Augenbrauen hoch. Dann räusperte sie sich. „Kannst … du deine Schwester denn entbehren?“

„Ich freue mich über jeden, der Antonia ein oder zwei Stunden beschäftigen kann“, begann er und brach ab, als beide Frauen ihn fassungslos anstarrten. „Und vergesst nicht, Dinner um acht!“, schloss er knapp.

Katie ignorierte ihn und strahlte Antonia – die ziemlich betroffen aussah – aufmunternd an. „Ich würde liebend gern mit dir einkaufen gehen. Und ich bin sehr zufrieden mit der Aussicht, heute Abend in meinem Hotel zu essen“, wandte sie sich abschließend an Rigo.

Das blonde Mädchen warf ihrem Bruder einen triumphierenden Blick zu. „Du scheinst endlich ein ebenbürtiges Gegenüber getroffen zu haben“, sagte sie auf Italienisch. Dann wandte sie sich wieder an Katie. „Und für heute Abend kaufen wir erst einmal auf seine Kosten ein umwerfendes Outfit.“

„Nein, nein, auf keinen Fall!“, wehrte Katie sich, doch schon im gleichen Moment tat es ihr leid, Antonia den Spaß zu verderben.

Die Augen der jungen Frau trübten sich, und ihr Gesichtsausdruck wurde beinahe defensiv. Antonia besaß ebenso viel Charme wie ihr Bruder, nur dass sie manchmal den Eindruck erweckte, als wäre sie es gewohnt, enttäuscht zu werden.

„Und wenn uns ein tolles Kleid in die Hände fällt?“, fragte sie hoffnungsvoll und schenkte ihrem Bruder einen flehenden Blick.

In Katie verkrampfte sich alles. Es war nicht so sehr ihr Stolz, der dem geplanten Einkaufsmarathon im Weg stand. Wenn Rigo sie für ihre Unannehmlichkeiten entschädigen wollte, bitte schön! Aber sie wollte keinesfalls riskieren, dass jemand ihre Narben sah. Vor allem einem blutjungen Mädchen wie Antonia musste sie einen solchen Anblick ersparen.

Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als Rigo seiner Schwester ein Bündel Geldscheine in die Hand drückte. „Kauf etwas Schönes für Euch beide!“, seufzte er und hob beschwichtigend die Hand, als Katie protestieren wollte. „Es ist das Mindeste, was ich für dich tun kann, nachdem ich mich heute Nachmittag so unmöglich verhalten habe.“

„Das absolut Mindeste“, bekräftigte Antonia vehement.

Die Einkaufstour mit Antonia übertraf Katies wildeste Träume. Konnte dies alles noch verrückter werden? Antonias Enthusiasmus war nicht zu bremsen, was angesichts des Angebots um sie herum kaum verwunderlich war. Katie selbst fiel immer öfter zurück, weil sie sich an den vielen exklusiven Schaufenstern nicht sattsehen konnte.

Dann stieß Antonia plötzlich einen Schrei aus und winkte ihre neue Freundin aufgeregt zu sich heran. Fassungslos betrachtete Katie das ausgestellte Kleid aus hauchzarter Seide im Fenster. Der Unterrock bestand aus besticktem Satin, verziert mit Perlen und Brillanten.

„Oh, ich kann nicht“, hauchte sie überwältigt. „Aber geh du ruhig hinein“, ermunterte sie Antonia dann. „Ich warte hier auf dich.“

„Nicht ohne dich“, erwiderte das Mädchen beharrlich. „Hier gibt es alles, was das Frauenherz begehrt. Du kannst dir doch einen Pyjama und süße Unterwäsche kaufen. Die brauchst du sowieso.“

Eigentlich hat sie recht, dachte Katie und gab nach.

Niemand würde die hübschen Wäschestücke je zu Gesicht bekommen, aber warum sollte sie sich nicht einmal selbst verwöhnen? Einzigartige Mode wie hier würde sie in Nordengland nicht so leicht finden. Also ließ sie sich nach langem Hin und Her ein paar wunderschöne Kleidungsstücke einpacken, die sie entweder nachts oder drunter tragen wollte …

Sie hätte diesem Einkauf trotz Antonias permanenter Ermunterung jederzeit Einhalt gebieten können, das wusste Katie. Doch sie wollte es gar nicht. Es gefiel ihr, ein Überraschungspaket schöner Dinge mit zurück ins Hotel zu nehmen, um die Sachen dort in Ruhe vor dem Spiegel anzuprobieren, ohne dass jemand ihre Narben sah.

Zu ihrem Entsetzen verpackte die Angestellte alles in roséfarbenem Seidenpapier und legte das Bündel dann in eine große Papiertüte, auf der eine nackte Frau abgebildet war, die sich in einem großen Champagnerglas räkelte.

„Sehr subtil“, murmelte Katie ironisch, als sie mit Antonia das Geschäft verließ. Im Grunde ihres Herzens fand sie diese außergewöhnliche, gewagte Tüte hinreißend. Aber ein Teil von ihr wünschte sich dennoch, sie wäre nicht unbedingt beidseitig bedruckt.

Antonia hakte sich unter und drückte Katies Arm. „Wir besorgen jetzt noch ein paar Sachen für dich, und dann habe ich die strikte Anweisung, dich mit dem Taxi ins Hotel zu bringen. Oh, sieh mal! Dort drüben ist Rigo!“

Tatsächlich. Katie zuckte heftig zusammen, als sie ihn aus einer Herrenboutique kommen sah und beobachtete, wie er die Sonnenrille aufsetzte und auf sie beide zusteuerte. Wie sollte sie ihre verräterische Tüte nur vor ihm verbergen?

Kurz darauf stand er schon vor ihr, und ihre Haut kribbelte vor Aufregung. Oder war es die Tatsache, dass er ihre Einkaufstüte kritisch musterte?

„Ihr Mädels habt offensichtlich alles gefunden, was ihr braucht?“, bemerkte er tonlos, doch der Sarkasmus in seiner Stimme war kaum zu überhören.

Eine heiße Röte überzog Katies Gesicht. „Ja, vielen Dank“, stieß sie hervor und begegnete tapfer seinem Blick. „Und wie du siehst, muss ich sogar noch die Tüten für deine Schwester tragen.“

In Rigos Augen blitzte es amüsiert auf. Es war offensichtlich, dass er ihr kein einziges Wort glaubte.

Die beiden jungen Frauen verabschiedeten sich wieder von Rigo und setzten ihren Einkaufsbummel fort. Es tat Katie gut, mit jemandem Zeit zu verbringen, der sie nicht ständig beobachtete oder bewertete. Außerdem sah sie so mehr von dieser wunderbaren Stadt, als sie je zu träumen gewagt hätte.

Wie sehr Antonia an ihrem Bruder hing, überraschte Katie. Wenn man dem Mädchen zuhörte, könnte man fast auf Idee kommen, er wäre ein Heiliger. Aber natürlich war Antonia – die augenscheinlich von Rigo verwöhnt wurde – nicht gerade objektiv.

Zum Dank für ihre Hilfe kaufte Katie ihrer neuen Freundin ein edles Notizbuch mit blauem Ledereinband, in das Antonia sofort mit geschwungenen Lettern ihren Namen eintrug. Alles in allem war es ein herrlicher Tag, obwohl Katie den Eindruck hatte, dass Antonia sich nicht noch mehr Luxus, sondern einfach nur etwas Zeit mit ihrem Bruder wünschte.

In das triste Braun von Katies Garderobe mischte sich dank Antonia endlich etwas Farbe. Ohne es anzuprobieren, kaufte Katie sich auf dem Markt ein langärmeliges Seidenkleid mit Blumenmuster, dessen halblanger Rock luftig um die Beine schwang, und das vorn einen ausgesprochen sexy Ausschnitt hatte. Dort konnte sie es sich leisten, etwas Haut zu zeigen. Außerdem legte Katie noch ein paar Oberteile und eine lässige Jeans dazu – wo sie nun schon einmal dabei war! Zum Abschluss gab sie Antonia nach und kaufte zwei Paar Schuhe: sportliche Sneaker und elegante Lederpumps.

„Für dein Alter kleidest du dich viel zu konservativ“, hatte Rigos Schwester sie zuvor kichernd ermahnt.

Jetzt wusste Rigo wieder, warum er so lange nicht mehr mit Antonia essen gegangen war. An allem hatte sie etwas auszusetzen: Sie maulte über den Tisch, die Kellner, die Beleuchtung und die Musik. Am meisten aber beschwerte sie sich bei ihm über die Art, wie er Katie Bannister behandelte.

„Wie kannst du nur zulassen, dass sie in diesem schrecklichen Hotel wohnt?“, fuhr Antonia ihn gereizt an. „Wir sollten das Essen einpacken und sie zu einem spontanen Abendpicknick überreden. Ja, genau das sollten wir tun!“

„Das ist doch verrückt.“ Er winkte ab.

„Hör mal, sie hat mir gerade ihren ganzen Nachmittag gewidmet“, protestierte Antonia. „Das ist mehr, als du jemals getan hast. Warum kannst du nicht einmal etwas anderes machen als sonst immer?“

„Das tue ich jeden Tag, Kleines. Man nennt es arbeiten. Und es sichert dir den extravaganten Lebensstil, an den du dich so gewöhnt hast.“

Mit einem Ruck schob Antonia ihren Stuhl zurück und warf den Kopf in den Nacken. Nun folgte, was Rigo gern als den dramatischen Abgang bezeichnete. „Wenn du ihr kein Picknick bringen willst, schön. Aber ich werde es tun!“

Mittlerweile waren die Augen sämtlicher Restaurantbesucher auf sie gerichtet. Da Rigo nicht zulassen wollte, dass seine kleine Schwester allein durch das nächtliche Rom streifte, gab er schließlich seufzend nach.

Allerdings mit dem festen Vorsatz, Antonia zuerst sicher nach Hause zu bringen, bevor er Katie Bannister mit einem exklusiven Dinner-to-go überraschte …

Wie verzaubert drehte Katie sich vor dem Spiegel in ihrem Hotelzimmer hin und her. Das neue Kleid saß perfekt und verdeckte alle Bereiche ihrer Haut, die sie um jeden Preis verbergen wollte. Dabei wirkte es gleichzeitig sexy und aufreizend und verspielt und sommerlich.

Übermütig drehte sie sich im Kreis und überlegte, dass es eine regelrechte Sünde wäre, das nächtliche Rom draußen warten zu lassen. Immerhin musste sie schon am nächsten Tag zurück nach England fliegen. Voller Sehnsucht stand sie am Fenster und sah auf die belebte Straße hinunter, auf die hell erleuchteten Pizzerien und die fröhlichen Menschen.

Katie hatte eine ganze Reihe unterschiedlicher Frisuren ausprobiert, nachdem sie ihr neues Kleid übergestreift hatte. Seit Jahren begnügte sie sich damit, die Haare streng aus dem Gesicht zu kämmen und zu einem schlichten Zopf zu binden. Aber heute war sie experimentierfreudig und genoss ihre neu gewählte Freiheit in vollen Zügen.

Mit beiden Händen strich sie über die feine Seide an ihrem Körper und schloss die Augen. Im Geiste sah sie Rigo, wie er sie anlächelte, behutsam in seine Arme schloss und dann … Oder vielleicht stand er auch hinter ihr, legte seine warmen Hände auf ihre Schultern und strich über ihre Arme, während Katie ihren Kopf an seine breite Schulter legte und ihm das Gesicht zuwandte, um ihn zu küssen.

Leise stöhnte sie auf und zwang sich, der Realität ins Auge zu sehen. Rigo war ein Traummann und damit absolut unerreichbar für sie. Außerdem fehlte ihr der Mut, allein in die Stadt zu gehen, um einen schönen Abend zu verleben. Immerhin enthielt die Minibar eine recht stolze Auswahl an Schokolade, das musste als Ersatz ausreichen.

Nachdem er Antonia abgesetzt hat, fuhr Rigo zu seinem Penthouse und zog sich um. In Jeans und einem einfachen schwarzen Hemd fühlte er sich zwar deutlich wohler, trotzdem war er fürchterlich angespannt.

Das war ein völlig neues Gefühl für ihn, das er einfach nicht abschütteln konnte. Während er die schmalen Treppen in Katies kleinem Hotel hinaufstieg, fragte er sich, warum es ihm nicht gelang, sich zu entspannen.

In Bezug auf Katie Bannister hegte er keinerlei Absichten, warum also war er so aufgeregt? Vermutlich lag es an seinem angeborenen Jagdtrieb – ja, das war die Antwort. Rigo bekam diese sonderbare Frau einfach nicht mehr aus dem Kopf. Vor allem reizte ihn der Widerspruch zwischen ihrem spröden Auftreten und der Tatsache, dass sie sich offenbar mit ausgesuchter Reizwäsche eindeckte.

Ihm war nicht entgangen, dass diese spezielle Papiertüte keinesfalls im Besitz seiner kleinen Schwester gewesen war, als er diese nach Hause fuhr. Seitdem stellte er sich Katie in Spitze und Satin vor. Dieses Bild verfolgte ihn wie ein Fluch.

Das Essenspaket hatte Rigo in der Hotelküche abgegeben und sich anschließend an der Rezeption nach Katies Zimmernummer erkundigt. Auf das erste Klopfen an ihrer Tür erfolgte keine Reaktion. Doch als er sich noch einmal lauter bemerkbar machte, öffnete Katie zaghaft einen Spalt breit.

„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich nicht beiße?“, begrüßte er sie grinsend, um seine Unsicherheit zu überspielen.

„Rigo?“ Ihre Stimme klang mindestens eine Oktave zu hoch. „Was machst du denn hier?“

„Wir wollten doch eigentlich zusammen essen“, erwiderte er schlicht und klang selbst für seine eigenen Ohren unglaubwürdig. „Schon vergessen?“

„Und ich sagte, ich würde im Hotel bleiben.“

Eben das wollte er ignorieren. „Du hast noch nichts gegessen?“, rief er überrascht. „Es ist neun Uhr.“ Als würde irgendjemand in Rom vor neun Uhr zu Abend essen! „Mach die Tür bitte ganz auf, Katie! Ich kann doch nicht hier auf dem Flur stehen bleiben.“

Ergeben entriegelte sie die Kette und trat zurück in das dunkle Zimmer. Unsicher stand sie in ihrem neuen Kleid da.

4. KAPITEL

„Hübsch siehst du aus“, bemerkte Rigo, nachdem er eingetreten war. Hübsch? Sie sah geradezu umwerfend aus, was allerdings eine Reihe von Fragen aufwarf. Diese unerwartet weibliche Seite an ihr erregte sein Misstrauen. „Tut mir leid, dass ich überhaupt so spät störe.“

Katie sah auf ihre Armbanduhr.

„Scheinbar willst du ausgehen?“ Nachdem sie seine Einladung zum Dinner ausgeschlagen hatte, traf sie sich jetzt womöglich mit dem Kellner von vorhin.

„Ich wollte nirgendwohin.“

Warum klang das nach echtem Bedauern? „Und dieses Kleid?“ Sein Blick haftete fest an ihrem Ausschnitt.

„Das habe ich nur anprobiert“, erwiderte sie und streckte defensiv ihr Kinn vor. „Mir ist auch schleierhaft, warum ich es mir heute gekauft habe.“

„Es steht dir unglaublich gut“, versicherte Rigo ihr. „Du siehst darin nicht nur hübsch, sondern fantastisch aus.“ Die Begriffe stolz und fraulich behielt er lieber für sich. Er räusperte sich umständlich. „Du wolltest also nicht ausgehen, obwohl du es doch gern würdest? Oder wie soll ich das alles verstehen? Ein Kleid wie dieses sollte schließlich an einem römischen Sommerabend ausgeführt werden.“

„Ich weiß nicht …“

„Wie du siehst, habe ich längst Feierabend. Antonia hat übrigens ein Essenspaket für dich zusammenstellen lassen, das ich in der Hotelküche hinterlegt habe. Aber wir können auch gern in eine Pizzeria gehen.“

„Ach, deine kleine Schwester ist wirklich ein richtiger Schatz“, freute sich Katie. „Aber wenn wir wirklich essen gehen, muss ich mich noch mal umziehen.“

„Was? Wozu denn? Nichts da!“ Energisch nahm er ihre Hand und zog Katies Handtasche und einen luftigen Schal vom Garderobentisch. „Häng dir das um, dann gehen wir!“

Katie fühlte sich unendlich verwegen, als sie gemeinsam das Hotel verließen. Noch nie war sie in einem dünnen Sommerkleid unterwegs gewesen – ebenso gut hätte sie nackt sein können. So fühlte es sich jedenfalls für sie an …

Natürlich war ihr eine ganze Reihe von Entschuldigungen eingefallen, warum sie nicht mit in die Stadt gehen konnte, aber die Versuchung, als Rigos Begleitung durch die nächtlichen Straßen zu ziehen, war zu überwältigend gewesen. In den legeren Klamotten fand sie ihn unwiderstehlicher denn je.

Mit geschmeidigen Schritten ging er neben ihr her und warf ihr von Zeit zu Zeit einen blitzenden smaragdgrünen Seitenblick zu. Und plötzlich traute sie sich selbst nicht mehr zu, dass sie sich an diesem Abend vernünftig benehmen konnte. Es schien, als wäre in dieser Nacht alles möglich, und mit klopfendem Herzen überlegte Katie, was sie wohl noch erwartete …

„Geh ich zu schnell für dich?“, erkundigte Rigo sich höflich.

„Nein, nein, gar nicht.“

Sein sinnliches Lächeln schickte einen Schauer über ihren Rücken, und sofort war Katie sich wieder ihrer Narben bewusst, die ein körperliches Näherkommen ausschlossen. Wäre sie nicht so entstellt, könnte Katie sich tatsächlich dazu hinreißen lassen, wenigstens für eine Nacht ihr Glück mit Rigo zu versuchen. Aber die hässlichen Erinnerungen an die schlimmste Nacht ihres Lebens waren deutlich auf ihrem Rücken zu sehen.

Wenn er jetzt seinen Arm um mich legt, dachte sie. Sobald er mit seinen Fingern über den dünnen Stoff streicht, spürt er die Unebenheiten. Was ist, wenn er davor zurückschreckt, weil er nicht weiß, wie mein Rücken wirklich aussieht?

Ihre Gedanken spielten verrückt, dabei machte Rigo gar keine Anstalten, Katie zu berühren.

Auch wenn sie für ihre Kleinstadtverhältnisse außerordentlich schick zurechtgemacht war, konnte man Katie wohl kaum als die typische Femme fatale bezeichnen. Und Rigo war nur mit ihr unterwegs, um der Höflichkeit Genüge zu tun und sich für sein Verhalten am Nachmittag zu entschuldigen. Darum gingen sie auch nebeneinander her wie … Freunde.

Aber warfen sich Freunde von Zeit zu Zeit derart intensive Blicke zu? Ja, natürlich. Krampfhaft versuchte Katie, ihre hoffnungsvolle innere Stimme zum Schweigen zu bringen.

„Die Pizzerien in dieser Gegend sind nur etwas für Touristen“, erklärte Rigo und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wir nehmen den Bus und fahren …“

„Den Bus?“, wunderte sie sich laut.

„Es sei denn, eine Busfahrt ist für dich nicht gut genug“, erwiderte er ironisch.

„Überhaupt kein Problem. Ich bin nur überrascht, dass du den Bus nimmst.“

„Du meinst, ein Mann wie ich? Ich kenne Rom wie meine Westentasche und bin nicht mein ganzes Leben lang mit Helikoptern und Privatjets umhergereist.“

Da fiel es Katie wieder ein: Rigo hatte sich ganz allein hochgearbeitet. Wie hatte sie das nur aus den Augen verlieren können? Höchst unprofessionell. Und dabei blieb er so höflich und humorvoll – eine äußerst gefährliche Mischung für jede
Frau!

Im Doppeldeckerbus führte er Katie die Treppe hinauf. „Hier oben ist die Sicht viel besser.“

Aber sie konnte nur daran denken, wie warm sich seine Hand an ihrem Arm anfühlte. Als sie sich setzte, strich sie übertrieben sorgfältig die Falten aus ihrem Kleid und zupfte am schmalen Saum herum.

Warum bin ich nur so unsicher und einfältig, fragte sie sich unglücklich. Ob Rigo mich für ein langweiliges Mauerblümchen hält?

Er selbst war die meiste Zeit unbeschwert, charmant und sah in der Jeans und dem figurbetonten schwarzen Hemd unfassbar sexy aus.

„Mir gefällt dein Look“, sagte er plötzlich und strahlte Katie an. „Du solltest deine Haare öfter offen tragen. Das steht dir super.“

Für Katie war es eine völlig neue Erfahrung, so offene Komplimente zu bekommen. Verlegen murmelte sie etwas Unverständliches und sah aus dem Fenster.

Einmal mehr staunte sie darüber, welch tiefgründigen Veranlagungen in Rigo schlummerten. Den ganzen Tag über hatte sie ständig neue Facetten an ihm entdeckt, die ihr außerordentlich gut gefielen. Jetzt beeindruckte er sie mit seinem immensen Wissen über die Geschichte Roms, über Politik und Wirtschaft in der Region und Kultur im Allgemeinen.

Katie hörte ihm gern beim Reden zu, sie diskutierte und stellte Fragen, obwohl es ihr unendlich schwerfiel, sich in seiner Gegenwart zu konzentrieren. Wie gern wäre sie immun gegen seine Anziehungskraft! Aber das war Wunschdenken. Also beschränkte sie sich vorerst darauf, von seinen Berührungen zu träumen, während sie mit ihm ein ernsthaftes Gespräch über das wunderschöne Rom führte.

Sie wollte Sex mit ihm, das ließ sich nicht länger beschönigen. Dass sie zu derartigen Gefühlen fähig war – und das nach nur einem einzigen Tag –, verblüffte Katie maßlos. Sie musste dieser Fantasie unbedingt ein Ende setzen.

„Ich fand es übrigens ganz toll von dir, dass du mit Antonia einkaufen gegangen bist“, sagte er gerade. „Vielen Dank dafür.“

„Es war mir ein Vergnügen. Deine Schwester ist wundervoll. Und um fair zu sein: Sie hat sich wirklich alle Mühe gegeben, um mir einen schönen Tag zu bereiten.“

Auf Rigos Geheiß hin hatte der Busfahrer sie unterwegs zwischen zwei Stationen an einer ruhigen Straßenecke abgesetzt. Mit gerunzelter Stirn sah Katie sich um, doch Rigo schien zu wissen, wohin er wollte.

Nach einer Weile wurden seine Schritte jedoch langsamer, und er blickte ratlos eine dunkle Seitengasse entlang. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich bin“, murmelte er mit finsterer Stimme.

Doch als Katie ihm einen erschrockenen Blick zuwarf, grinste er verschmitzt. „Du machst dich über mich lustig“, stellte sie fest.

„Glaubst du, ich würde das jemals tun?“, fragte Rigo unschuldig und sah sich dann um. „Ich habe nicht immer in den besten Stadtteilen Roms verkehrt.“

Diese Andeutung konnte und wollte Katie nicht unbeachtet lassen. „Ach?“, erwiderte sie knapp und betrachtete Rigo auffordernd von der Seite. Sie war furchtbar neugierig und wollte mehr über seine Vergangenheit herausfinden.

„Als ich aus der Toskana direkt nach Rom kam, fand ich mich schnell in Monti wieder: enge Gassen und steile Kopfsteinstraßen. Dort gab es unzählige handwerkliche Betriebe und eigentlich immer etwas zu tun für einen kräftigen Jungen vom
Land.“

Mitten auf einer Steinbrücke, die über den Tiber führte, blieben sie stehen, und Katie sah Rigo fragend an. Doch der lächelte nur, und seine tiefgrünen Augen glitzerten in der diffusen Straßenbeleuchtung. Offenbar gefiel es ihm sehr, jemandem seine Stadt zu zeigen, vor dem er sich wegen seiner anfänglichen Armut nicht zu schämen brauchte. Ihm gefielen die weniger populären Ecken von Rom noch immer.

Mit beiden Händen stützte er sich auf die steinerne Balustrade und blickte auf den Fluss hinunter. Katies Herz schlug schneller, als er den Kopf drehte und sie direkt ansah. Plötzlich war es gleichgültig, wohin sie gerade gingen. Dieser besondere Moment war voller Erotik, und er gehörte nur ihnen beiden. Das reichte Katie vollkommen.

Rigo brach den Bann. „Komm!“ Er richtete sich auf und ergriff ihre Hand. Obwohl es sie etwas Überwindung kostete, akzeptierte Katie, dass Rigo Hand in Hand mit ihr weiterging. In Italien bedeutete eine solche Geste vermutlich nicht viel.

Sie erreichten belebtere Straßen, und Katie war froh, sich in dem unübersichtlichen Verkehr an Rigo festhalten und sich hinter seinem breiten Rücken verstecken zu können. Er strahlte Ruhe und Sicherheit aus, und die Nähe zu ihm kam ihr wie ein stummes, geheimes Vorspiel vor – das vermutlich nirgendwo hinführte.

Aber es war ein herrliches Gefühl, dass jemand auf sie achtete und sich um sie sorgte. Selig lächelnd folgte sie ihm in ein gemütliches Restaurant, aus dem ihnen ein köstlicher Duft entgegenströmte. Es gab sogar eine kleine Tanzfläche, auf der sich Pärchen eng umschlungen zur Musik einer dreiköpfigen Liveband bewegten. Die Tische waren rot-weiß eingedeckt, und auf jedem einzelnen standen frische Blumen und hohe cremefarbene Kerzen.

„Gefällt es dir?“, fragte Rigo und musste die Stimme heben, damit sie ihn überhaupt verstehen konnte. Der Geräuschpegel war ziemlich hoch, weil um sie herum ausgelassen geschwatzt und gelacht wurde.

„Ich liebe es.“ Am meisten liebte sie jedoch seine warmen Hände auf ihren Schultern.

Die allgemeine Stimmung war ansteckend, trotzdem fühlte Katie sich etwas gehemmt. Ohne Rigo an ihrer Seite hätte sie sich niemals in ein so fröhliches Getümmel gewagt. Wenn sie sich allerdings umsah, musste sie zugeben, dass alle anderen Gäste ebenso bodenständig waren wie sie selbst. So hatte Katie sich das Nachtleben, in dem ein Mann wie Rigo sich bewegte, ganz sicher nicht vorgestellt. Und gerade diese Tatsache machte ihn in Katies Augen nur noch liebenswerter.

„Hörst du endlich mal auf damit, ständig deine Haare hinter die Ohren zu streichen?“, ermahnte er sie lächelnd.

„Ich bin es nicht gewohnt, es so lose herunterhängen zu lassen.“

„Dann solltest du dich besser umstellen. Du hast tolle Haare, die man vorzeigen muss. Also Finger weg!“ Entschlossen ging er ein paar Schritte auf einen vierschrötigen Mann in Kochschürze zu. „Darf ich dir meinen Freund Gino vorstellen?“

Vermutlich handelte es sich um den Besitzer des Restaurants.

„Rigo! Brigante!“, rief Gino aus und klopfte dem viel größeren Mann heftig auf die Schultern. „Warum werde ich dich einfach nicht los?“

Die Antwort war deutlich in dem herzlichen Blick zu lesen, den die beiden Männer tauschten.

„Und wer ist diese schöne Dame hier?“, erkundigte sich Rigos Freund und richtete seine pechschwarzen Augen auf Katie.

„Das ist Signorina Bannister, eine Bekannte von mir.“

„Eine Bekannte?“ Bewundernd musterte der alte Wirt seinen neuen Gast, bevor er Katie kräftig die Hand schüttelte. „Dir muss deine Bekannte ziemlich am Herzen liegen, wenn du sie ganz hierher bringst, um mich kennenzulernen.“

Fragend sah er Rigo an, doch der zuckte nur nichtssagend mit den Schultern.

„Signorina Bannister muss noch eine originale italienische Pizza essen, bevor sie Rom morgen wieder verlässt. Warum sonst sollte ich sie mit zu dir bringen, Gino?“

„In der Tat, warum sonst?“, wiederholte der Wirt schmunzelnd. „Und für so eine hübsche Signorina habe ich grundsätzlich den besten Tisch des Hauses reserviert.“

„Aber es ist doch so voll hier“, bemerkte Katie und sah sich um. Sie wollte niemandem Umstände machen. „Woher hätten Sie wissen sollen, dass wir heute kommen?“

„Das muss ich nicht vorher wissen“, informierte Gino sie freundlich und stupste sie mit einem Finger auf die Nasenspitze. „Ich habe meinen eigenen Spezialtisch, den ich für besondere Gäste freihalte.“

Bevor sie es verhindern konnte, hatte Gino schon mit einem Wink nach dem erstbesten Kellner Katies Schal wegorganisiert.

„Oh, nein“, rief sie entsetzt und fühlte sich fast nackt.

„Hier drinnen brauchen Sie keine Stola“, erklärte der Wirt mit fester Stimme. „In meinem Restaurant ist es eigentlich immer zu heiß.“

Hilflos sah Katie dem Kellner nach, der ihren Schal zur Garderobe brachte. Rigo führte sie an den Privattisch und rückte ihr dort galant den Stuhl zurecht. Dann setzte er sich ihr gegenüber hin und strahlte sie an.

„Macht es dir etwas aus, wenn ich mir die Ärmel hochkremple?“, fragte er. Offenbar missverstand er ihren unbehaglichen Blick.

Dabei hatte Katie nur gerade festgestellt, wie aufreizend die anderen weiblichen Restaurantbesucher gekleidet waren. Viele trugen schulter- und rückenfrei, bewegten sich selbstbewusst und völlig natürlich.

„Wie bitte?“ Verwirrt starrte sie Rigo an. „Nein natürlich nicht, mach nur!“ Er brauchte wohl kaum ihre Erlaubnis dafür, um seine muskulösen, tief gebräunten Unterarme zu zeigen. In einem Punkt hatte Gino recht: Es war wirklich erstaunlich heiß in seiner Pizzeria.

„Zehn Uhr.“

„Entschuldigung?“ Katie sah hoch.

„Mir ist aufgefallen, dass du meine Uhr betrachtest.“

„Ich habe nur …“

„Du willst doch hoffentlich nicht nach Hause?“

Gino ersparte ihr eine weitere Demütigung, indem er seine berühmten Pizzen servierte. Sie waren köstlich: dünn, knusprig, mit Chiliöl gewürzt und belegt mit frischem Gemüse und Meeresfrüchten – genau nach Katies Geschmack. Der zerlaufene Käse schmeckte zart und doch würzig.

Nachdem sie den ersten Bissen genommen hatte, merkte Katie erst, wie hungrig sie war. So sehr, dass es unmöglich war, diese Mahlzeit zurückhaltend und vornehm zu genießen.

„Jetzt weißt du, warum Gino und ich so gute Freunde geworden sind“, sagte Rigo lachend. Dann beugte er sich vor und tupfte mit seiner Serviette ihr Kinn ab. „Es gab immer etwas, das ich für ihn tun konnte, und ich für meinen Teil brauche nach einem harten Arbeitstag etwas Gutes zu essen.“

„Gegenseitiges Interesse“, murmelte sie mit vollem Mund.

„Allerdings. Dies ist aber nur der erste Gang, also spar dir noch etwas von deinem Appetit auf!“

„Oh, nein, ich könnte nicht noch mehr essen als das“, protestierte sie halbherzig.

„Wenn du in Italien leben würdest, hättest du schnell ein anständiges Hungergefühl entwickelt.“

Das glaubte Katie sofort. Entschlossen vermied sie es, Rigo direkt anzusehen.

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