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Nie vergaß ich diese eine Nacht / Heiß wie die Sonne der Wüste / In Italien erwacht die Liebe / Susannah und der Milliardär

Carole Mortimer

Nie vergaß ich diese eine Nacht

PROLOG

„Die Party findet draußen am Pool statt.“

Erschrocken blieb Bella stehen und ließ suchend den Blick durch das dunkle Zimmer gleiten, dessen Tür sie versehentlich geöffnet hatte. Den Bücherregalen nach zu urteilen, befand sie sich in einer Bibliothek oder einem Arbeitszimmer. Sie umklammerte den Türgriff fester, als sie schließlich schemenhaft einen stattlichen Mann ausmachte, der an einem Schreibtisch saß.

Er saß völlig reglos da. Gerade das wirkte bedrohlich auf Bella. Inzwischen hatten ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie sah, dass der Mann langes dunkles Haar hatte, das ihm bis auf die breiten Schultern fiel. Er schien ein dunkles enges Hemd zu tragen.

Sie räusperte sich. „Ich bin auf der Suche nach dem Badezimmer.“

„Da sind Sie hier falsch, wie sich unschwer erkennen lässt“, antwortete er amüsiert mit leichtem Akzent und lehnte sich entspannt in dem Sessel mit hoher Rückenlehne zurück. Interessiert ließ er den Blick über Bella gleiten, die im Schein der Flurbeleuchtung deutlich zu erkennen war. „Vielleicht können Sie auch nicht sehen, wo Sie sind.“

Die etwas heisere Stimme kam ihr bekannt vor. Bevor Bella überlegen konnte, woher, hatte der Mann eine Schreibtischlampe angeknipst. Jetzt sah sie, wen sie vor sich hatte.

Gabriel Danti.

Sein unglaublich blendendes Aussehen nahm ihr fast den Atem. Er hatte volles dunkles Haar, und seine schokoladenbraunen Augen waren fast schwarz, als er Bella so intensiv betrachtete. Das Gesicht mit dem südländischen Teint, der aristokratischen Nase, hohen Wangenknochen, einem sinnlichen Mund und einem markanten Kinn, das ein verwegenes Grübchen zierte, war außergewöhnlich attraktiv.

Millionen von Frauen auf der ganzen Welt träumten von diesem Mann.

Gabriel Danti, gebürtiger Italiener, achtundzwanzig Jahre alt und Weltmeister in der Formel-1. Der Rennfahrer war der Liebling der Reichen und Schönen, diesseits und jenseits des Atlantiks. Zudem war er der einzige Sohn und Erbe von Cristo Danti, dem Chef des gleichnamigen Unternehmens und Weinimperiums, der Weinberge in Italien und Amerika besaß.

Alle diese Fakten schossen Bella durch den Kopf. Ihr wurde auch klar, dass sie sich auf Gabriel Dantis Landsitz in Surrey befinden musste. Offensichtlich war er der Gastgeber der feuchtfröhlichen Party am Pool. Aber wieso saß er dann hier drinnen im Dunkeln?

Nervös befeuchtete sie sich die plötzlich trockenen Lippen. „Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich bin wirklich auf der Suche nach dem Badezimmer.“

Zum ersten und wahrscheinlich einzigen Mal in ihrem Leben sah sie sich Gabriel Danti gegenüber, und zwar ausgerechnet, als sie das Badezimmer suchte. Wie peinlich!

Lässig ließ Gabriel den Blick über die zierliche Brünette gleiten, die so gar keine Ähnlichkeit mit den langbeinigen Blondinen hatte, mit denen er sich im Allgemeinen umgab. Und die Kleine war auch ein völlig anderer Typ als Janine, diese Verräterin!

Das glatte ebenholzfarbene Haar fiel ihr seidig über die Schultern. Der Pony betonte ihr blasses herzförmiges Gesicht und die ungewöhnlichsten veilchenblauen Augen, die Gabriel je gesehen hatte. Der sinnliche Mund lud förmlich zum Küssen ein.

Interessiert ließ er den Blick weiter nach unten gleiten und entdeckte den Ansatz erstaunlich großer Brüste, die sich unter einem veilchenfarbenen Pulli abzeichneten. Die figurbetonten Jeans brachten die schmale Taille und schlanken Beine perfekt zur Geltung.

Er kannte das Mädchen nicht, doch das ließ sich ja schnell ändern.

Unwillkürlich wich Bella einen Schritt zurück, als Gabriel Danti aufstand. Er überragte sie um Haupteslänge, was bei ihrer Größe von einem Meter fünfundfünfzig auch nicht schwierig war.

Wie gebannt beobachtete sie, wie der Italiener mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze auf sie zu kam und vor ihr stehen blieb. Bella hatte nur noch Augen und Ohren für ihn. Den Partylärm nahm sie gar nicht mehr wahr.

Sie spürte seine Körperwärme, atmete seinen herben Duft ein und fühlte sich so magisch angezogen, dass sie sich unwillkürlich vorbeugte und ihm instinktiv eine Hand auf die Brust legte. Nun spürte sie sein Herz pochen.

Was war nur plötzlich mit ihr geschehen? Nie zuvor hatte sie so auf einen Mann reagiert …

Zärtlich umfasste Gabriel ihr Kinn und ließ lässig den Daumen über ihre sinnlichen Lippen gleiten. Bei dieser leichten Berührung wurde ihr heiß vor Lust.

Der Blick seiner dunkelbraunen Augen hielt sie gefangen. „Du hast die schönsten Augen, die ich je gesehen habe.“ Seine Stimme klang tief und rau.

„Sie auch“, hauchte Bella.

Er lachte leise und sah ihr tief in die Augen. „Mit wem bist du hier?“

Bella blinzelte. Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich bin mit Freunden hier, Mr. Danti. Sean ist der Neffe einer Ihrer Mechaniker.“

Es wunderte Gabriel nicht, dass diese bildhübsche junge Frau wusste, wer er war. Erstens erschien sein Foto ständig in den Zeitungen, außerdem befanden sie sich in seinem Arbeitszimmer, dessen Wände mit Schnappschüssen seiner diversen Siege verziert waren.

„Ist Sean dein Freund?“, fragte er und hoffte insgeheim, sie wäre Single.

„Aber nein!“ Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Er ist nur ein Kommilitone. Sie haben doch nichts dagegen, dass Sean Freunde mitgebracht hat?“ Besorgt verzog sie das Gesicht. „Sein Onkel meinte, es …“

„Kein Problem“, versicherte Gabriel. „Übrigens kannst du ruhig Gabriel sagen.“

„Ich heiße Bella“, antwortete sie leise.

„Bella?“

„Isabella.“ Wieder verzog sie das Gesicht. „Aber alle nennen mich Bella.“

„Bist du Italienerin?“, fragte er erstaunt.

„Nein.“ Sie lachte amüsiert. „Mein Vater, der übrigens Arzt ist, durfte die Vornamen aussuchen. Er entschied sich für Isabella – nach seiner Lieblingsschauspielerin. Meine jüngere Schwester heißt Claudia – nach seinem Lieblingsmodel. Als sechs Jahre später mein Bruder zur Welt kam, durfte meine Mutter die Namenswahl treffen. Mein Bruder heißt Liam, wie der irische Schauspieler mit den ‚unglaublich sexy blauen Augen‘, wie meine Mutter findet.“

„Ich kenne ihn“, sagte Gabriel.

„Persönlich?“ Bella wurde bewusst, dass sie zu viel redete. Aber sie war eben nervös. Außerdem hielt Gabriel noch immer besitzergreifend ihr Kinn umfasst!

Er lächelte. „Ja, ich kenne ihn persönlich. Allerdings war mir bisher nicht bewusst, dass seine blauen Augen sexy sein sollen.“

„Jetzt machen Sie sich über mich lustig“, sagte Bella gespielt vorwurfsvoll und ignorierte gewollt seinen Wunsch, auf das ‚Sie‘ zu verzichten.

Gabriel lächelte. „Vielleicht.“ Dann sah er ihr wieder tief in die Augen. „Du studierst also?“, fragte er neugierig.

„Ich habe mein Studium vor einem Monat abgeschlossen.“

Dann musste sie etwa einundzwanzig oder zweiundzwanzig sein. Also sechs, sieben Jahre jünger als er. „Und was hast du studiert?“

„Kunst und Geschichte.“

„Willst du die Fächer unterrichten?“

„Ich bin mir noch nicht sicher.“ Sie zuckte die Schultern, und Gabriel konnte seine Augen kaum von Bellas wohlgeformten Brüsten wenden.

Noch nie zuvor hatte er sich auf den ersten Blick so zu einer Frau hingezogen gefühlt. Er sehnte sich danach, sie in den Armen zu halten.

Bella lachte nervös, als sie den verlangenden Blick des Italieners auffing. „Bitte entschuldigen Sie mich, ich würde jetzt wirklich gern das Badezimmer aufsuchen.“

„Die nächste Tür rechts“, erklärte Gabriel, ließ sie aber noch nicht los. „Ich besorge inzwischen eine Flasche Champagner und Gläser für uns. Dann können wir uns ganz entspannt weiter unterhalten. Einverstanden?“

Unterhalten ist gut, dachte Bella. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Gabriel Danti sich für ihr Studium oder ihre Familie interessierte. „Wollen Sie sich nicht lieber unter Ihre Gäste mischen?“, schlug sie vor.

Er lachte anzüglich. „Meinst du, sie vermissen mich?“

Vermutlich nicht. Der von der Poolparty ins Haus dringende Lärm wurde immer lauter, die Stimmung schien immer ausgelassener zu werden. Kein Wunder, denn schon bevor Bella sich auf die Suche nach einem Waschraum gemacht hatte, waren die ersten Gäste nackt in den Pool gesprungen. Ein Grund mehr für sie, der Party den Rücken zu kehren, denn sie drohte außer Kontrolle zu geraten.

Dabei hatte Bella sich sehr über Sean Davies’ Einladung gefreut, ihn und einige andere ehemalige Kommilitonen zu Gabriel Dantis Party auf seinem Landsitz in Surrey zu begleiten. Warum sollte sie das Angebot ausschlagen, mit den Reichen und Schönen zu feiern?

Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass diese Leute so aus der Rolle fallen würden. Bella wagte kaum zu glauben, was sie mit eigenen Augen mit ansehen musste. Sie war keineswegs prüde, aber es hatte sie schockiert, einen bekannten, angesehenen Nachrichtenmoderator splitterfasernackt in den Pool springen zu sehen. Zugegeben, es war ein lauer Sommerabend, aber trotzdem!

„Komm, Bella.“ Gabriel ließ eine Hand zu Bellas Taille gleiten. Die Berührung ließ Bella wohlig erschauern. „Hast du einen Lieblingschampagner?“

„Wieso?“, fragte sie erstaunt. Champagner war Champagner, oder?

„Weiß oder Rosé?“, fragte er nach.

„Ach so. Rosé wäre schön.“ Als Studentin hatte sie weniger auf die Farbe als auf den Preis geachtet. „Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht lieber unter die anderen Gäste mischen sollten?“ Unsicher blieb Bella auf dem Flur stehen. Wieso wollte dieser Traummann, hinter dem jede Frau her war, ausgerechnet mit ihr allein sein?

„Hundertprozentig sicher, Bella.“ Gabriel drehte sie zu sich herum. „Aber vielleicht möchtest du lieber zu deinen Freunden zurückkehren.“

Bei seinem heißen, sinnlichen Blick wurden ihr die Knie weich. „Nein, ich …“ Sie verstummte, weil ihre Stimme plötzlich unnatürlich hoch klang. Nach einem verlegenen Räuspern setzte sie erneut an. „Nein, ich würde lieber mit Ihnen Champagner trinken.“

Seine Augen leuchteten auf. Behutsam umfasste er Bellas Gesicht und küsste sie auf den sehnsüchtigen Mund. Zunächst zärtlich und vorsichtig forschend, dann ließ er die Zunge zwischen Bellas sinnlichen Lippen hindurchgleiten und stöhnte, als er spürte, wie Bella der Versuchung nachgab. Der Kuss wurde fordernder.

Bella spürte Gabriels heiße Lippen. Ihr wurde schwindlig vor Verlangen. Instinktiv schmiegte sie sich enger an seine muskulöse Brust und verspürte ein sehnsüchtiges Pulsieren zwischen den Schenkeln.

Mit ihrem ganzen Körper sehnte sie sich nach diesem Mann! So ein heftiges Begehren war ihr fremd. Es war überwältigend und wurde unübersehbar von ihm geteilt.

Gabriel war hingerissen von Bellas Reaktion und ihrer perfekten Figur. Noch nie waren Küsse süßer und erregender gewesen. Verlangend umfasste er ihren Po und drängte sich an sie. Seine männliche Erregung berührte ihren flachen Bauch.

Widerstrebend unterbrach Gabriel den Kuss, um Bella forschend anzuschauen. Die wunderschönen veilchenblauen Augen schimmerten dunkelviolett vor Verlangen, die Wangen rosig. Die Lippen waren vom Küssen leicht geschwollen, was Bella für ihn nur noch verführerischer machte. Er spürte ihre festen Brüste, die erregten Spitzen drängten sich an seine Brust.

„Fort mit dir! Sonst vergesse ich mich und verführe dich direkt hier auf dem Flur.“ Energisch drehte er sie in Richtung Badezimmer und schob sie von sich. „Gib mir zwei Minuten, um Champagner und Gläser zu holen.“

Wie in Trance verschwand Bella im Badezimmer, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen.

Mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie natürlich schon mit ein paar Jungs geflirtet, aber so überwältigend wie Gabriel war keiner gewesen.

Neugierig betrachtete sie sich im Spiegel. Ihre Wangen glühten vor Erregung. Die Lippen sahen leicht geschwollen aus und wirkten einladend. Die Augen waren vor Verlangen ganz dunkel. Und die Brüste … Hätte sie auch nur einen Funken Verstand, würde sie sich jetzt schleunigst aus dem Staub machen.

Doch sie tat es nicht, denn sie sehnte sich danach, in Gabriel Dantis Armen zu liegen.

„Schmeckt es dir?“

„Ja.“

„Möchtest du noch einen Schluck?“

„Gern.“

„Dann komm näher und halt mir das Glas hin.“

Gehorsam hob Bella das kelchförmige Glas, damit Gabriel ihr Champagner nachschenken konnte. Er saß neben ihr auf dem Sofa, hatte das spritzige Getränk jedoch selbst nicht angerührt. Sein Glas stand vor ihm auf dem Couchtisch. In das Wohnzimmer im ersten Stock drang kein Partylärm.

„Sie trinken ja gar nichts“, sagte Bella, um davon abzulenken, wie ihre Hand bebte, als sie an dem Glas nippte.

Gabriel spielte lässig mit ihrem seidigen Haar. „Ich trinke nie, wenn ich am nächsten Tag Training habe.“

„Oh. Sie hätten die Flasche aber nicht allein für mich zu öffnen brauchen.“

„Sie ist nicht allein für dich.“ Gabriel tauchte einen Finger in den Champagner und tupfte das Getränk hinter Bellas Ohr und auf den Hals. „Ich habe gesagt, dass ich vor dem Training keinen Alkohol trinke, aber trotzdem kann ich den Champagner doch genießen.“ Er beugte sich zu ihr und küsste die Champagnerspur, die er gezogen hatte. „Und bitte, nenn mich doch endlich Gabriel. Das ‚Sie‘ ist völlig überflüssig!“

Die Kombination von Bella und Champagner war berauschender, als der Genuss einer Flasche Champagner je sein könnte. Ihr Gesicht war so seidig, und sie schmeckte so süß, dass er die Erregung kaum noch kontrollieren konnte. Er sehnte sich danach, sie überall zu liebkosen.

Tief sah er ihr in die Augen, als er erneut einen Finger ins Glas steckte und eine Champagnerspur vom Kinn bis zum aufreizenden Dekolleté zog, die er dann mit heißen Lippen nachzog.

Bella bog sich ihm verlangend entgegen. „Gabriel …“

„Lass mir doch den Spaß, Bella“, flüsterte er rau. „Am liebsten würde ich dich in Champagner baden und von deinem Körper schlürfen.“ Mit dem Daumen strich er ihr über den leicht geöffneten Mund. „Gestattest du mir dies Vergnügen, Bella?“

Sie wusste genau, worauf sie sich eingelassen hatte, als Gabriel sie in sein Wohnzimmer geführt hatte, das an sein Schlafzimmer angrenzte. Allerdings blieb die Schlafzimmertür geschlossen. Vielleicht wäre sie sonst doch in Panik geraten.

Statt vor Panik bebte sie vor Verlangen und Vorfreude. Bei der Vorstellung, Gabriel würde Champagner auf ihrem nackten Körper verteilen und langsam jeden Tropfen ablecken, wurde ihr noch heißer vor Erregung.

„Ja, aber nur, wenn ich das Gleiche mit dir tun darf.“ Sie tauchte einen Finger in ihr Glas und benetzte Gabriels sinnliche Lippen. „Darf ich?“ Erwartungsvoll beugte sie sich vor und schaute ihm tief in die schokoladenbraunen Augen.

„Nur zu.“ Er konnte es kaum erwarten.

Es fehlte Bella zwar an Erfahrung, doch die Erregung war eine gute Lehrerin. Genießerisch erforschte Bella Gabriels schönen Mund und vernahm ein erregtes Stöhnen, als sie behutsam daran saugte und dann langsam die Zunge über die Lippen gleiten ließ.

Gabriel stöhnte erneut auf. Mit jeder Liebkosung verstärkte sich das Pulsieren zwischen seinen Schenkeln. Die Spannung war kaum auszuhalten. Er fragte sich sogar, ob er es überhaupt bis ins Schlafzimmer schaffen würde. Am liebsten hätte er Bella sofort entkleidet und sich in ihr verloren.

Abrupt löste er sich von ihr, stand auf und hielt ihr die Hand hin. „Komm mit, Bella“, bat er, als sie ihn unschlüssig musterte.

Er ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Jetzt reichte sie ihm die Hand und erhob sich graziös. Ihre Brüste hoben und senkten sich deutlich unter dem dünnen Stoff.

Sie ist ein kleines Temperamentsbündel, dachte Gabriel staunend. So klein, so zerbrechlich, und so unglaublich begehrenswert.

Mit der anderen Hand griff er nach der Champagnerflasche und führte Bella wortlos ins Schlafzimmer.

„Bitte nicht“, bat sie scheu, als er das Licht anschalten wollte.

Ein richtiges antikes Himmelbett! Schwere Goldbrokatvorhänge verzierten es.

„Ich möchte dich aber sehen, wenn wir Liebe machen, Bella.“ Er schaute ihr tief in die Augen. „Wenn es dir lieber ist, ziehe ich mich zuerst aus“, fügte er heiser hinzu.

„Ja.“ Sie konnte es kaum erwarten, diesen Mann in seiner nackten Pracht zu sehen.

Er knipste eine Nachttischlampe an, die das Zimmer in einen sanften Goldschein tauchte und begann, das schwarze Hemd aufzuknöpfen.

Fasziniert sah Bella ihm zu. Wie schlank und elegant seine Hände waren! Dunkle feine Härchen kräuselten sich auf seiner breiten Brust und verschwanden pfeilförmig in seinem Hosenbund.

Hingerissen berührte Bella den nackten Oberkörper, der sich unglaublich heiß und muskulös anfühlte. Gabriel hielt ganz still, als sie ihm das Hemd von den Schultern schob.

Im nächsten Moment glitt es auf den Boden.

Gabriel war so schön wie der Engel, nach dem seine Eltern ihn genannt hatten. Bella konnte es kaum erwarten, ihn endlich ganz nackt zu sehen. Mit zitternden Händen knöpfte sie seine Hose auf und zog den Reißverschluss hinunter, wobei sie Gabriels Erektion berührte, die sich unter einem schwarzen Slip verbarg.

Er stöhnte auf und presste ihre Hand fester auf seinen erregten Körper. „Du kannst selbst fühlen, wie sehr ich dich begehre, Bella“, sagte er rau.

Ihre Blicke verschmolzen, als sie behutsam das letzte Kleidungsstück entfernte.

Gabriel schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück. Genießerisch überließ er sich Bellas erregenden Liebkosungen. So konnte sie gern weitermachen, bis er zum Höhepunkt kam. Doch noch lieber wäre ihm, auch Bella nackt zu sehen und sie ebenso zu berühren wie sie ihn.

Also schlug er die Augen wieder auf, löste sich von ihr und zog ihr den Pulli über den Kopf. Hingerissen betrachtete er ihre festen, vollen Brüste, die harten Spitzen, die dunkelrosa schimmerten und die schmale Taille.

Dann beugte er sich vor, um die Brüste zu küssen und die Knospen mit der Zunge zu reizen.

Bella war überwältigt. Selbstvergessen schob sie die Hände durch Gabriels dichtes Haar und gab sich ganz dem erregenden Gefühl hin, das seine Liebkosungen entfesselten. Die Sehnsucht in ihrem tiefsten Innersten wurde immer größer. Gabriel wusste genau, was sie empfand und schob ihr eine Hand zwischen die Schenkel. Bella stöhnte auf, als er das Zentrum ihrer Erregung fand und streichelte.

Sie hatte keine Ahnung, ob sie oder Gabriel ihr Jeans und Slip abgestreift hatte. Sie wusste auch nicht, wie sie auf das Bett gelangt war. Jedenfalls lagen sie und Gabriel jetzt eng aneinander gepresst auf dem Bett und küssten sich leidenschaftlich.

Ihr stockte der Atem, als Gabriel begann, ihre intimste Stelle zu streicheln. Sie gab sich völlig dem erregenden Gefühl hin und bog sich Gabriel verlangend entgegen. Immer wieder streichelte er sie rhythmisch, bis sie förmlich explodierte und sich vor Lust immer wieder aufbäumte. Die Wogen schienen kaum zu verebben. Es war einfach unglaublich!

Auch als Gabriel sich langsam auf sie schob und in sie eindrang, erbebte Bella vor Lust. Sie spürte ihn tief in sich, endlich vereint. Zunächst bewegte er sich langsam, dann immer schneller.

Mit weit aufgerissenen Augen gab sie sich ganz dieser unglaublichen Erlösung hin, die sie so noch nie empfunden hatte. Gabriel verlangsamte seine Bewegungen, hielt inne und wartete, bis sie bereit war für einen weiteren Höhepunkt. Hingerissen beobachtete er sie.

„Bitte!“ Rastlos bog sie sich ihm entgegen. „Jetzt, Gabriel!“

Sofort bewegte er sich wieder schneller, schob sich tief hinein, immer hemmungsloser und härter. Seine Augen glitzerten wie Onyx, als er mit Bella an den Rand des Abgrunds taumelte und sich dann in ihr verströmte.

Erschöpft schloss er die Augen und wartete, bis die Wogen der Lust verebbt waren. Danach blieb er mit Bella vereint, zog nur die Bettdecke über sich und seine hinreißende Geliebte. Kurz darauf fielen sie in einen tiefen Schlaf.

„Wach auf, Bella!“

Sie war bereits seit einigen Minuten wach und versuchte, sich an das Geschehen zu erinnern. Es war kein Traum. Sie lag tatsächlich in Gabriel Dantis Bett!

Bilder der gemeinsam verbrachten Nacht tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Im Morgengrauen hatten sie sich noch einmal geliebt, und es war noch atemberaubender gewesen als vorher.

Doch als sie vor wenigen Minuten allein im Himmelbett aufgewacht war und Gabriel nebenan duschen gehört hatte, war sie nicht vor Glück über die fantastische Nacht fast zersprungen, sondern empfand eher Beklommenheit.

Ernüchtert machte sie sich bewusst, dass Gabriel Danti Weltmeister in der Formel-1, Playboy und Erbe des Danti-Weinimperiums war. Was wollte so ein Mann mit der ältesten Tochter eines Landarztes, die gerade ihr Studium der Kunst und Geschichte abgeschlossen hatte?

Zumal er sich in der Öffentlichkeit zumeist mit langbeinigen Blondinen ablichten ließ. Die Hochglanzmagazine hatten erst kürzlich über seine Beziehung zu dem Model Janine Childe berichtet.

Bella musste erkennen, dass sie und Gabriel keinerlei Gemeinsamkeiten hatten. Wenn man davon absah, wie gut sie im Bett miteinander harmonierten …

„Bella?“ Gabriel setzte sich auf die Bettkante. „Wach auf, cara! Ich möchte mich von dir verabschieden.“

Verabschieden?

Bella schlug die Augen auf und wandte sich ihm zu. Im Gegensatz zu ihr war er bereits komplett angezogen. Das schwarze Poloshirt und die enge Jeans betonten seine fantastische Figur. Mit dem vom Duschen noch feuchten Haar wirkte er unglaublich sexy.

Lächelnd ließ Gabriel den Blick über den erotischen Körper gleiten, der sich unter der leichten Bettdecke abzeichnete. Bei der Erinnerung an die heiße Nacht mit Bella überkam ihn sofort erneute Erregung.

Zärtlich strich er Bella eine Haarsträhne aus der Stirn, sah ihr tief in die Augen und beugte sich dann vor, um sie ein letztes Mal zu küssen. „Ich muss jetzt wirklich los, Bella. Sonst komme ich mit Verspätung in Silverstone an. Aber ich rufe dich nachher an, einverstanden?“

„Ja“, antwortete sie leise.

Widerstrebend stand er auf. Wie gern hätte er den Tag mit ihr im Bett verbracht. Aber das Training durfte er nicht ausfallen lassen. „Meine Haushälterin ruft dir ein Taxi, wenn du so weit bist. Leider kann ich dich nicht selbst nach Hause bringen. Taxigeld liegt auf dem Nachttisch.“ Gerade noch rechtzeitig war ihm eingefallen, dass sie erst kürzlich ihr Studium beendet hatte und daher vermutlich über wenig Geld verfügte.

Bella verzog das Gesicht. „Das ist aber nicht nötig.“

„Wieso nicht?“ Vergeblich versuchte er, ihre Gedanken zu lesen.

„Schon gut, Gabriel.“ Sie versuchte zu überspielen, wie sehr Gabriels überstürzter Aufbruch sie verletzte.

„Wir telefonieren später, Bella.“ Gabriel ging zur Tür. Bevor er das Zimmer verließ, fügte er hinzu: „Lass dir ruhig Zeit. Du brauchst dich nicht zu beeilen.“

1. KAPITEL

Fünf Jahre später …

„Wirklich eine Superparty, und ich … Das gibt’s ja nicht!“ Claudia glaubte ihren Augen nicht zu trauen.

„Was gibt es nicht?“, fragte Bella. Geduldig hatte sie die Begeisterungsausbrüche ihrer Schwester seit Ankunft der Familie in San Francisco vor zwei Tagen über sich ergehen lassen.

Auch Bella war von dem Blick aus dem im obersten Stockwerk des luxuriösen Hotels gelegenen Saal über die nächtliche Skyline und insbesondere auf die hell erleuchtete Golden Gate Bridge ganz hingerissen.

„Wow!“ Claudia blickte jedoch nicht aus dem Fenster, sondern sah genau in die entgegengesetzte Richtung. Die Familien ihres Vetters Brian und seiner Verlobten Dahlia Fabrizzi sollten sich am Vorabend der Hochzeit auf dieser Party kennenlernen. „Aber eigentlich kann er es gar nicht sein. Obwohl Tante Gloria betont hat, dass Dahlias Mutter ausgezeichnete Beziehungen hat. Trotzdem kann ich es nicht glauben.“

„Könntest du dich vielleicht etwas genauer ausdrücken, Claudia, statt in dein Champagnerglas zu murmeln und …“ Bella verstummte, als sie dem Blick ihrer Schwester folgte.

Fünf Jahre waren eine lange Zeit. Trotzdem wusste sie sofort, dass sie Gabriel Danti vor sich hatte.

Oder täuschte sie sich? Wieso sollte er ausgerechnet als Gast bei der Party ihres Vetters Brian auftauchen?

Nein, das konnte nur ein Albtraum sein.

„Er ist es tatsächlich!“, rief Claudia aufgeregt. „Gabriel Danti ist hier, Bella. Kaum zu glauben, oder?“

Es war wirklich kaum zu glauben, und sie wünschte, es handelte sich um eine Verwechslung.

Der Mann war gleich groß, hatte aber viel kürzeres Haar. Der Blick seiner dunklen Augen war kühl, obwohl ein höfliches Lächeln seine schönen Lippen umspielte, als man ihm einige Gäste vorstellte. Auch das Grübchen im Kinn kam ihr bekannt vor, doch die lange, über die linke Gesichtshälfte verlaufende Narbe, die das männlich-elegante Gesicht verunzierte, war ihr neu.

Dann fiel ihr jedoch ein, dass sie ein Foto von Gabriel Danti gesehen hatte, auf dem ihr zum ersten Mal diese Narbe aufgefallen war. Das war drei Monate nach dem fürchterlichen Unfall gewesen, der seine Karriere als Rennfahrer beendete und bei dem zwei seiner Kollegen ums Leben gekommen waren. Die Fotografen hatten sich auf ihn gestürzt, als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Seitdem hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und widmete sich ganz dem Weinanbau seiner Familie in Italien und Amerika.

„Erinnerst du dich noch an die Poster, die ich damals von ihm in meinem Zimmer aufgehängt hatte?“, fragte Claudia lachend.

Natürlich erinnerte sie sich an die Poster. Jedes Mal, wenn sie das Zimmer ihrer kleinen Schwester betrat, wurde sie an die Nacht mit Gabriel erinnert. Die Erleichterung, als Claudia die Bilder schließlich durch Poster eines jungen, verwegenen Hollywoodstars ersetzte, war grenzenlos gewesen.

„Ist er nicht ein Traum?“, fragte Claudia verzückt.

„Hinreißend“, flötete Bella und beobachtete den Mann, der sich nun mit ihrem Onkel Simon unterhielt.

Er war wesentlich größer als ihr Onkel und musste sich vorbeugen, um seinen Gesprächspartner zu verstehen. Er wirkte sehr anziehend in dem maßgeschneiderten Smoking.

Ob es wirklich Gabriel war?

Die weiblichen Partygäste schienen ihn jedenfalls zu umschwärmen wie Motten das Licht. Trotzdem wünschte Bella, er möge es nicht sein.

„Er trägt das Haar kürzer, und sieh doch! Er scheint das rechte Bein nachzuziehen“, bemerkte Claudia mitfühlend, als Brian den Mann zu weiteren Familienmitgliedern begleitete, die er ihm vorstellen wollte.

„Er hat bei dem Unfall vor fünf Jahren schwere Beinverletzungen davongetragen“, erklärte Bella leise.

„Seltsam, man sollte annehmen, die Familie hätte genug Geld, um das Problem zu beheben“, überlegte Claudia. „Weißt du was, Bella? Irgendwie erinnert er mich an jemanden“, fügte sie nachdenklich hinzu.

„Wahrscheinlich an Gabriel Danti.“ Sie hakte sich bei ihrer Schwester ein und wollte sie zur Bar ziehen. „Komm, wir holen uns noch ein Glas Champagner.“

„Willst du denn gar nicht wissen, ob er es wirklich ist?“ Claudia und Bella waren etwa gleich groß, doch Claudia trug das schwarze Haar kurz und hatte blaue Augen – so blau wie die Farbe ihres figurbetonten Cocktailkleids.

„Nein danke!“ Energisch setzte sie den Weg zur Bar fort, um sich möglichst weit von dem Mann zu entfernen, um den sich nun weitere Neugierige versammelt hatten.

Claudia lachte amüsiert. „Meine große Schwester. Sie hasst Männer.“

„Unsinn. Nur die, die aus der Pubertät raus sind.“

„Meine Rede. Vielleicht sollte wenigstens ich Brian begrüßen, damit er mich diesem Traummann vorstellt.“ Sie drehte sich um. „Oh, hat sich erledigt. Brian und er steuern direkt auf uns zu.“

Nein! Bella war entsetzt. Auf keinen Fall wollte sie diesem Mann begegnen. Doch zur Flucht war es zu spät.

„Und das sind nach Dahlia die beiden schönsten Frauen, die ich kenne“, sagte Brian in diesem Moment fröhlich hinter ihr. „Bella, Claudi, darf ich euch Dahlias Vetter vorstellen? Das ist Gabriel Danti. Gabriel, das sind meine Cousinen Claudia und Isabella Scott.“

Er war es also wirklich!

Bella stockte der Atem. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Die Knie wurden ihr weich.

Glücklicherweise hatte Claudia kein Problem, sich angeregt mit Gabriel zu unterhalten. So hatte Bella Gelegenheit, sich wieder zu fangen.

Vielleicht erinnert er sich gar nicht an mich, dachte sie. Wahrscheinlich hatte er sie damals gleich vergessen. Er hatte ja nicht einmal angerufen.

„Bella?“ Brian stupste sie ein wenig, denn noch immer wandte sie ihm und seinem Gast den Rücken zu.

Sie atmete tief durch und drehte sich widerstrebend zu dem Mann um, den sie so gern vergessen hätte.

Gabriel bedachte sie mit einem höflichen Blick. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Scott. Oder darf ich Isabella sagen?“

„Ich …“

„Wir nennen sie alle Bella“, erklärte Claudia.

„Darf ich dann auch Bella sagen?“ Sein Blick war eisig.

Veilchenblaue Augen, umrahmt von dichten schwarzen Wimpern, langes schwarzes Haar, das bis zur Taille reichte …

Bella blinzelte, dann wich sie abrupt Gabriels Blick aus. „Bella ist in Ordnung“, antwortete sie.

Isabella Scott wirkte selbstsicher und unglaublich schön in einem schulterfreien Kleid, das ihre Augenfarbe widerspiegelte. Und sie hatte herausfordernd das Kinn gehoben, als sie ihm in die Augen schaute.

„Ich will schnell die anderen Gäste begrüßen“, sagte Brian Kingston entschuldigend. „Du wirst dich inzwischen sicher gut mit Bella und Claudia unterhalten.“ Verschwörerisch zwinkerte er seiner jüngeren Cousine zu und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

Gabriel musterte Bella mit undurchdringlichem Blick. „Wirklich?“

Irritiert verzog sie das Gesicht. „Was denn?“

„Werden Sie sich wirklich gut mit mir unterhalten?“, fragte er spöttisch.

„Müssen Sie denn unterhalten werden, Mr. Danti?“ Ihre Augen funkelten.

„Nein, ich glaube kaum, dass ich dazu lange genug bleiben werde.“

Ursprünglich hatte er nicht vorgehabt, auf der Party zu erscheinen. Doch sein Vater hatte ihn gebeten, die Dantis zu vertreten, weil es ihm selbst zu viel war, die Party und die Hochzeitsfeier am nächsten Tag zu besuchen.

Bella triumphierte. Er würde sich also bald verabschieden. Ein Glück! „Ich bin sicher, Claudia und ich bringen es fertig, uns einige Minuten höflich mit Ihnen zu unterhalten, Mr. Danti.“

Gabriel Danti neigte gespielt höflich den Kopf und wandte sich Claudia zu. „Wie gefällt es Ihnen in San Francisco?“

Bella war froh, seinem bezwingenden Blick zu entgehen und betrachtete den Mann nun unauffällig von der Seite.

Vor fünf Jahren hatte Gabriel seinem Namen alle Ehre gemacht, sah blendend aus und hatte jede Frau mit seinem Charme um den kleinen Finger gewickelt … so wie sie.

Der Mann, der sich nun höflich mit Claudia unterhielt, besaß noch immer seine magische Anziehungskraft. Die Narbe ließ ihn nur noch verwegener erscheinen. Doch seinen Augen fehlte der sinnliche Blick, der die Frauen dahinschmelzen ließ. Selbstbewusstsein und lässiger Charme hatten abweisender Arroganz Platz gemacht.

Soweit sie wusste, war er nicht verheiratet. Allerdings hatte sie sich auch nicht besonders bemüht, etwas über sein Privatleben herauszufinden. Wozu? Sie hatten eine berauschende Nacht miteinander verbracht und damit hatte es sich.

„Darf ich Ihnen ein Glas Champagner anbieten?“

Erschrocken sah sie auf und verzog das Gesicht, als sie das Glas sah, das er ihr hinhielt. Champagner! Wie könnte es auch anders sein.

„Danke“, sagte sie gestelzt.

Unauffällig musterte er sie. Ihre Wangen schimmerten rosig, als sie ihm das Glas abnahm und sorgfältig darauf achtete, dass sie seine Hand dabei nicht berührte.

Zynisch verzog er den Mund. „Sind Sie zum ersten Mal in San Francisco, Bella?“

„Ja.“

„Gefällt Ihnen die Stadt?“

„Sehr sogar.“

„Haben Sie schon Zeit gehabt, die Sehenswürdigkeiten zu besuchen?“

„Teilweise.“

Sehr gesprächig ist sie nicht gerade, dachte Gabriel. „Vielleicht …“

„Entschuldige, dass ich dich unterbreche, Gabriel.“ Seine Cousine Dahlia, die morgen heiraten würde, mischte sich ein. „Mein Bruder Benito würde gern Claudia kennenlernen.“

„Wirklich?“ Bellas jüngere Schwester wandte sich um und fing Benitos interessierten Blick auf.

Panisch sah Bella auf. Claudia durfte sie nicht mit Gabriel allein lassen!

„Du hast doch nichts dagegen, Bella?“, fragte Claudia aufgeregt.

Bella wusste, wie sehr ihre Schwester von Benito schwärmte. Also konnte sie ihr diesen Wunsch nicht abschlagen.

„Danke, Bella!“ Claudia lächelte strahlend und war im nächsten Moment schon mit Dahlia in der Menge verschwunden.

Schweigend sah Bella ihr nach.

Zwischen Gabriel und ihr herrschte Eiseskälte. Fast hatte Bella den Eindruck, ganz allein mit ihm auf der Welt zu sein. Sie fröstelte.

„Wir könnten uns nebenan ungestört unterhalten“, schlug Gabriel schließlich vor.

Sie sah auf und bemerkte seine zusammengepressten Lippen. Nervös befeuchtete sie ihre eigenen. „Ich fühle mich hier ganz wohl, Mr. Danti.“

Sein Blick wurde noch eisiger, als Gabriel sie am Arm fasste und mit sich zog. „Wir müssen reden, Bella.“

„Aber …“

„Willst du dieses Gespräch wirklich vor Dahlias und Brians Gästen führen?“, fragte er harsch und bedachte sie mit einem finsteren Blick.

Bella schluckte, als sie bemerkte, wie wütend er war. „Ich habe keine Ahnung, worüber wir uns unterhalten sollten.“

„Oh doch, das weißt du nur zu genau“, entgegnete er drohend.

Natürlich wusste sie es, aber sie wünschte, es wäre anders. Also hatte Gabriel sie doch wiedererkannt!

2. KAPITEL

„Ich weiß wirklich nicht, worum es geht, Mr. Danti“, behauptete Bella wider besseres Wissen, als er sich ihr gegenüber in einen bequemen Sessel setzte. Hier waren sie ganz allein. Das Familienfest fand im angrenzenden Saal statt.

Gabriel bemerkte, wie blass sie geworden war und wie verkrampft sie im Sessel saß. „Wenn man bedenkt, dass wir sozusagen gute, alte Bekannte sind, finde ich es unangebracht, dass du mich in diesem herablassenden Tonfall ‚Mr. Danti‘ nennst.“

Fragend zog sie eine Augenbraue hoch. „Gute, alte Bekannte?“

„Spar dir deine Spielchen, Bella!“ Wütend presste er die Lippen zusammen.

„Ich war mir nicht sicher, ob du dich an unsere Begegnung erinnern würdest.“

„Allerdings erinnere ich mich daran.“

Sie atmete tief durch. „Genau wie ich, Gabriel.“

Sein Lächeln war freudlos. „Du hattest keine Ahnung, dass ich heute Abend auch hier sein würde, oder?“

„Natürlich nicht.“ Ihre Augen sprühten violette Blitze. „Dahlias Nachname ist ja Fabrizzi und nicht Danti.“

„Ihre Mutter, also meine Tante Teresa, ist die jüngere Schwester meines Vaters“, erklärte Gabriel.

Bella verzog den Mund. „Wie reizend von dir, extra zur Hochzeit deiner Cousine aus Italien anzureisen.“

Ihr Spott ärgerte ihn. „Ich lebe nicht mehr in Italien, Bella.“

Erstaunt sah sie auf. „Nein?“

„Ich verbringe jetzt die meiste Zeit auf unserem Weingut, das etwa eine Stunde Fahrzeit von hier entfernt liegt. Außerdem besitze ich ein Haus in San Francisco.“

Bella konnte sich lebhaft vorstellen, in welchem Viertel es lag. Am Vormittag hatte sie mit ihrer Familie eine Stadtrundfahrt unternommen, die auch durch einen Stadtteil namens Pacific Heights führte, der nur aus Millionärsvillen zu bestehen schien.

„Lebst du gern in Amerika?“, fragte sie neugierig.

„Es hat seine Vorteile“, antwortete er lapidar.

Davon gehe ich aus, dachte sie unwillig. Wahrscheinlich lebte er hier, weil auch Janine Childe, das Supermodel, mit dem er schon vor fünf Jahren das Bett geteilt hatte, kürzlich nach Kalifornien gezogen war.

„Bist du endlich fertig mit den Höflichkeitsfloskeln?“, fragte Gabriel.

Bella sah ihm direkt in die Augen. „Was willst du von mir, Gabriel?“

Gute Frage, dachte er mürrisch. Eigentlich hatte er sich eingebildet, sie sich nach der gemeinsamen Nacht aus dem Kopf geschlagen zu haben, doch nun musste er sich eingestehen, dass das Gegenteil der Fall war.

Isabella Scott war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Sie war reifer und selbstbewusster geworden. Die veilchenblauen Augen waren noch immer bezaubernd. Das ebenholzfarbene Haar trug sie so lang wie damals, nur stufig geschnitten. Es reichte ihr bis zur Taille. Und das figurbetonte violette Kleid brachte die schlanke Taille und die perfekt geschwungenen Brüste ausgezeichnet zur Geltung.

Was also wollte er von ihr?

„Was hast du mir denn zu bieten, Bella?“

Gabriel erwiderte arrogant ihren festen Blick. Er wusste, dass ihr nicht verborgen bleiben konnte, wie er sich nach ihrer letzten Begegnung verändert hatte.

Er trug das dunkle Haar kürzer. Noch auffälliger war jedoch die Narbe, die sich über seine linke Wange zog und deren Anblick ihn jeden Morgen beim Rasieren mit neuen Schuldgefühlen plagte.

Ob sein Anblick Bella abstieß?

„Was ich dir zu bieten habe?“, fragte sie ungläubig. „Absolut gar nichts!“, schleuderte sie ihm verächtlich entgegen.

Instinktiv berührte er die hässliche Narbe. „Wenigstens hat sich daran nichts geändert“, stieß er frostig hervor.

Bella runzelte die Stirn. Das war doch die Höhe! Wieso musterte er sie so verächtlich? Schließlich war er derjenige, der sie nur verführt hatte, weil die Frau, die er begehrte – Supermodel Janine Childe –, mit ihm Schluss gemacht hatte, weil sie sich in einen anderen Rennfahrer verliebt hatte.

Jener Paulo Descari, der bei einem fürchterlichen Unfall auf der Rennstrecke ums Leben gekommen war. Und das, nur wenige Stunden, nachdem Gabriel Bella in seinem Bett zurückgelassen hatte.

Janine Childe hatte damals unter Tränen behauptet, dass Gabriel den Unfall absichtlich verursacht hatte, weil er eifersüchtig auf Paulo Descari gewesen war.

Bella konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Gabriel den Unfall tatsächlich absichtlich herbeigeführt hatte, aber auch nach fünf Jahren schauderte sie noch bei der Vorstellung, Gabriel hätte nur aus gekränkter Eitelkeit die Nacht mit ihr verbracht.

Wie konnte er es also wagen, sie so verächtlich anzuschauen?

„Ich habe mich verändert, Gabriel.“

„Hoffentlich zum Besseren.“

„Was fällt dir …“

„Bist du verheiratet, Bella?“ Er unterbrach sie kühl und warf einen abfälligen Blick auf ihren unberingten Ringfinger. „Wie ich sehe, ist das nicht der Fall. Wahrscheinlich ist das auch besser so.“

Was fiel ihm ein, sie so zu beleidigen? Wütend setzte sie zum Gegenschlag an. „Wahrscheinlich ist es auch besser, dass du nie geheiratet hast.“

Er lächelte freudlos. „Wahrscheinlich.“

„Ich finde es nicht besonders passend für Brians und Dahlias morgige Hochzeit, wenn wir uns hier Beleidigungen an den Kopf werfen.“

Die Vorfreude auf die Hochzeit war ihr gründlich verdorben. Dabei hatte sie sich seit Wochen auf die Reise nach San Francisco gefreut. Aber durch das Wiedersehen mit Gabriel, der sicher auch an der Hochzeitsfeier teilnahm, hatte sich die Situation in einen Albtraum verwandelt. Verzweifelt überlegte sie, wie sie sich vor der Hochzeit drücken könnte.

Gabriel beobachtete Bellas ausdrucksvolles Mienenspiel und versuchte, den Grund für ihre Verzagtheit zu erraten. „Sind deine Eltern und dein Bruder auch hier?“

„Ja.“

„Und sie alle haben keine Ahnung, dass wir beide schon mal das Vergnügen hatten.“

„Genau.“ Bella atmete tief durch.

Er musterte sie spöttisch. „Wäre es dir lieber, dass sie ahnungslos blieben?“

Misstrauisch sah sie ihn an. „Ja.“

„Sie würden es nicht verstehen, dass wir vor fünf Jahren eine gemeinsame Nacht verbracht haben?“

„Ich verstehe es ja selbst nicht! Mein Verhalten war völlig untypisch.“ Bis heute war es ihr ein Rätsel, wieso sie es Gabriel so leicht gemacht hatte.

Jetzt hatte er fast Mitleid mit ihr. Bellas Hände zitterten, als sie das Glas umklammerte, das vor ihr auf dem Tisch stand. Doch die Gefühlsregung verflog so schnell wieder, wie sie gekommen war. Schließlich handelte es sich um Champagner in dem Glas. Und Champagner hatte er auf ihr verschüttet, um das perlende Getränk dann genießerisch von ihrem sinnlichen Körper zu lecken. Warum sollte er sie bedauern, weil ihr die unerwartete Begegnung mit ihm sichtlich unangenehm war?

„Wir alle wünschen uns wohl, gewisse Vorfälle in unserer Vergangenheit ungeschehen machen zu können“, erklärte er mitleidlos.

Meint er damit den schrecklichen Unfall auf der Rennstrecke und Janine Childes Anschuldigungen?, überlegte Bella. Nein, seine abfällige Miene deutete darauf hin, dass er sich auf sie selbst bezog. Offensichtlich wünschte er, sie wären sich niemals begegnet.

Sie räusperte sich. „Dann sind wir uns also einig, dass es für alle besser wäre, einfach zu vergessen, dass wir bereits das Vergnügen hatten?“ Absichtlich wählte sie die gleiche Beschreibung wie er.

Gabriel lächelte mürrisch. „Wenn es doch nur so einfach wäre, Bella.“

Natürlich war es das nicht. Gerade sie wusste das nur zu genau.

Es passte ihr zwar nicht, Gabriel ausgerechnet bei dieser Familienfeier wiederbegegnet zu sein, aber alles hätte noch viel schlimmer kommen können, wenn sie morgen bei der Trauung aufeinandergetroffen wären.

Sie straffte sich und schob das Glas von sich, damit sie es nicht versehentlich umstieß. „Warum machen wir es uns nicht einfach? Wir müssen uns nur für den Rest meines Aufenthalts in San Francisco aus dem Weg gehen.“ Zum Glück reisten sie in drei Tagen bereits wieder ab, weil ihr Vater seine Praxis schnell wieder öffnen wollte.

Gabriel beobachtete, wie sie das lange Haar über die Schultern schob. Wollte sie so seine Aufmerksamkeit auf ihr verführerisches Dekolleté lenken? Nein, diese Geste passte nicht zu dem Streitgespräch, das sie führten.

„Schenk mir einen Tanz, Bella. Dann überlege ich mir vielleicht deinen Vorschlag“, sagte er rau.

Erstaunt sah sie ihn an. „Du willst mit mir tanzen?“

„Ja, die Gäste sind alle eingetroffen, und die Tanzfläche füllt sich langsam.“

Jetzt bemerkte auch Bella, dass die Musik lauter geworden war. „Aber wieso willst du mit mir tanzen?“

„Warum denn nicht?“

Sie wurde sehr blass. „Weil … na ja, also … weil … Kannst du denn tanzen? Ich meine …“

„Du meinst, weil ich gehandicapt bin?“, fragte er harsch, als ihm bewusst wurde, dass sie offensichtlich sein leichtes Humpeln bemerkt hatte.

Dabei war es schon viel besser geworden. Nach dem Unfall war Gabriel monatelang auf einen Rollstuhl angewiesen gewesen. Anschließend hatte es weitere Monate gedauert, bis er wieder gehen konnte. Es grenzte an ein Wunder, dass er bis auf die Narbe im Gesicht und das leichte Humpeln völlig wiederhergestellt war.

Unwillig schüttelte Bella den Kopf. „Du bist ungefähr so gehandicapt wie ein Tiger auf Beutezug.“

„Es freut mich, dass du das gleich erkannt hast“, sagte er lässig und bemerkte zufrieden, wie sie verlegen errötete. „Ich bin absolut imstande zu tanzen, Bella. Solange es sich um langsame Nummern handelt“, fügte er aufreizend hinzu.

Langsame Nummern! Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Gabriel war offensichtlich darauf aus, sie in seinen Armen zu halten. „Eigentlich wollte ich mich jetzt entschuldigen und ins Bett gehen“, sagte sie energisch.

„Darf ich das als Einladung verstehen, dich zu begleiten?“, fragte er sofort.

„Das könnte dir so passen!“ Verflixt, jetzt klang sie fast hysterisch. Vermutlich als Überreaktion auf die verführerische Aussicht …

„Auch gut. Dann werde ich mich wieder unter die Gäste mischen, wenn du gegangen bist, und Brian bitten, mich deinen Eltern vorzustellen.“

Bella war außer sich. „Wie kannst du es wagen, du miese kleine Ra …“

„Ich lasse mich von dir nicht beleidigen, Bella!“ In scharfem Tonfall fiel er ihr ins Wort. Dann lehnte er sich gemütlich im Sessel zurück und betrachtete sie spöttisch. „Entweder du tanzt mit mir, oder ich unterhalte mich mit deinen Eltern. Du hast die Wahl.“

„Was soll denn das?“, fragte sie unwirsch. „Wieso willst du unbedingt mit mir tanzen?“

„Vielleicht, weil ich neugierig bin.“

„Das verstehe ich nicht.“ Verwirrt sah sie ihn an.

Betont langsam ließ er den Blick über sie gleiten – vom schwarzen Haar über das Gesicht und weiter zum Dekolleté.

Bella verschlug es fast den Atem. Gabriel zog sie mit seinem Blick aus! Wütend stand sie auf. „Also gut, Gabriel. Ein Tanz. Und danach wirst du nie wieder ein Wort mit mir wechseln.“

Lächelnd erhob er sich. „Das überlege ich mir, nachdem wir miteinander getanzt haben.“

Bella schüttelte die Hand ab, die er ihr auf den Arm gelegt hatte und entfernte sich schnell einige Schritte von Gabriel, der ihr zum Ballsaal folgte.

Sie war sich seiner Nähe allerdings nur zu bewusst. Seine spöttisch glitzernden Augen, das zufriedene Lächeln, das sexy Grübchen im Kinn, seine geschmeidigen Bewegungen, das alles kannte sie noch sehr gut.

Die Zeitungen hatten berichtet, dass er mehrere Knochenbrüche, Verbrennungen und Schnittwunden davongetragen hatte. Doch in Bellas Augen machten die Narben Gabriel noch draufgängerischer, als er sowieso schon war.

„Perfekt“, sagte er leise, als eine langsame Ballade gespielt wurde. Die Beleuchtung im Ballsaal war nun gedämpft, und einige Paare befanden sich bereits auf der Tanzfläche. Darunter auch Claudia und Benito. „Wie schade, dass es kein Lied über eine Frau in Lila gibt“, sagte Gabriel anzüglich, als er nach Bellas Hand griff.

„Ich würde lieber auf konventionelle Art tanzen“, sagte Bella, als Gabriel sie an sich zog.

„Da muss ich dich leider enttäuschen“, flüsterte er an ihrem Ohr und presste sie noch etwas enger an sich.

Sie versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. Ihre Augen funkelten zornig. „Es wäre nicht das erste Mal.“

Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. „Aha. Jedenfalls möchte ich diesen Tanzstil beibehalten.“

Bella beschloss zu schweigen. Sie hatte genug damit zu tun, gegen das Verlangen anzukämpfen, dass sie in Gabriels Armen übermannte. Sie spürte seinen muskulösen Körper, atmete seinen männlichen Duft ein, nahm seinen Atem an ihrer Schläfe wahr. Wie sollte sie seiner erotischen Ausstrahlung nur widerstehen?

Ihr Herz raste, die vor Erregung harten Brustspitzen zeichneten sich unter dem dünnen Stoff ihres Kleides ab, und zwischen den Schenkeln spürte sie ein verlangendes Pochen.

Es war die reinste Qual!

Zu allem Überfluss hatte Claudia sie nun auch entdeckt und lächelte beifällig, weil Bella und Gabriel so eng zusammen tanzten. Offensichtlich hielt sie Gabriels Interesse an ihrer Schwester für echt.

Energisch lehnte Bella sich weiter zurück, um Distanz zu ihm zu schaffen. „Findest du nicht, dass wir jetzt lange genug getanzt haben?“, fragte sie und hielt den Blick starr auf seinen dritten Hemdknopf gerichtet.

Gabriel presste die Lippen zusammen. Insgeheim musste er zugeben, dass er tatsächlich lange genug mit Isabella Scott getanzt hatte. Lange genug, um sich einzugestehen, dass er noch immer mit Verlangen auf ihren verführerischen Körper reagierte. Mehr wollte er gar nicht wissen …

„Vielleicht hast du recht“, sagte er und löste sich mitten auf der Tanzfläche von ihr.

Das war nun sehr abrupt! Unsicher blickte Bella um sich und fing einige neugierige Blicke auf. „Du kannst mich doch nicht einfach so stehen lassen“, schimpfte sie. Dann wandte sie sich um und verließ eilig die Tanzfläche.

„Du wolltest doch unbedingt aufhören zu tanzen.“ Gabriel folgte ihr langsam.

„Lass mich in Ruhe, Gabriel. Verschwinde einfach!“

Er musterte sie forschend. Komisch, er hätte schwören können, dass Tränen in ihren wunderschönen Augen schimmerten. „Weinst du?“

„Natürlich nicht!“ Herausfordernd begegnete sie seinem Blick. „So schnell bringt mich niemand zum Weinen. Selbst du nicht. Würdest du mich jetzt bitte entschuldigen? Ich möchte mich auf mein Zimmer zurückziehen.“

Fragend zog er die Augenbrauen hoch. „Du wohnst hier im Hotel?“ Mit dieser Möglichkeit hatte er gar nicht gerechnet.

„Und wenn es so wäre?“

„Es interessiert mich eben.“

„Tatsächlich?“ Sie lächelte ironisch. „Das erstaunt mich. Vor fünf Jahren hast du dich jedenfalls nur für dich selbst interessiert.“

Er musterte sie warnend. „Willst du etwa behaupten, ich wäre ein selbstsüchtiger Liebhaber gewesen?“, fragte er empört.

„Nein, ganz im Gegenteil.“ Bella errötete verlegen. „Dieses Gespräch ist einfach lächerlich. Ich muss jetzt gehen. Zu behaupten, ich habe mich über unser Wiedersehen gefreut, wäre eine glatte Lüge.“ Mit diesen Worten wandte sie sich um und ging hocherhobenen Kopfes davon.

Gabriel beobachtete, wie Bella sich von seinem Onkel und seiner Tante verabschiedete, bevor sie endgültig seinen Blicken entschwand.

Auch er war wenig erfreut über das Wiedersehen mit Isabella Scott.

Aber irgendwie hatte es auch etwas gehabt …

Bella zwang sich zu Gelassenheit, als sie höflich sich von den Gastgebern Teresa und Pablo Fabrizzi verabschiedete und gemessenen Schrittes den Festsaal verließ. Gabriel Danti sollte sich nicht einbilden, sie hätte es eilig, seinen heißen Blicken zu entfliehen.

Erschöpft lehnte sie sich im Aufzug an die Rückwand, nachdem sie den Knopf für die sechste Etage gedrückt hatte.

Was für ein Albtraum, dass Gabriel Danti ausgerechnet mit der Verlobten ihres Vetters verwandt war.

Und alles würde noch schlimmer werden, wenn sie morgen zur Trauung erschien. Sie musste sich eine gute Entschuldigung überlegen, nicht daran teilnehmen zu können.

„Du bist aber früh zurück.“ Angela, Dahlias jüngere Schwester, sah ihr erstaunt entgegen, als Bella die Suite betrat, die sie mit ihren Geschwistern teilte.

Bella legte ihre Handtasche auf den Tisch und rieb sich die Stirn. „Ich habe Kopfschmerzen“, behauptete sie.

„Ach, das tut mir leid.“ Angela, die ebenso groß und hübsch war wie ihre Schwester, stand auf.

„Außerdem hast du jetzt lange genug als Babysitter ausgeholfen. Es wird Zeit, dass du dich auf der Party amüsierst“, sagte Bella lächelnd.

Angela hatte sich freundlicherweise bereiterklärt, die sechs jüngsten Familienmitglieder in eine Pizzeria auszuführen und sie anschließend ins Bett zu bringen.

„Bist du sicher?“, fragte Angela.

„Klar. Sie haben da oben gerade erst begonnen zu tanzen. Du hast noch nicht viel verpasst. Viel Spaß.“

„Danke, Bella. Und du nimmst lieber eine Kopfschmerztablette.“ Lächelnd verließ Angela die Suite.

Bella atmete einige Male tief durch, bevor sie ins Nebenzimmer ging, wo ihr jüngerer Bruder Liam im Bett lag und ein Buch las. „Alles in Ordnung, Liam?“, fragte sie leise.

Der Zwölfjährige grinste fröhlich. „Wie du siehst, schläft er tief und fest.“

Bella wandte sich um und betrachtete liebevoll das Kind in dem anderen Bett.

Ihr vier Jahre alter Sohn Toby.

Sein lockiges Haar war so dunkel wie die dichten schokoladenbraunen Wimpern auf seinen Babywangen. Der Mund war leicht geöffnet. Das Grübchen im Kinn einfach süß.

Eines Tages würde es noch ausgeprägter und auffälliger sein.

Genau wie bei Tobys Vater.

3. KAPITEL

„Ich dachte immer, alle Frauen weinen auf Hochzeiten.“

Beim Klang der neckenden, vertrauten Stimme erschrak Bella. Gabriel hatte sich genau hinter ihr für das Hochzeitsfoto auf den Stufen der Kirche postiert. Geduldig ließen das glückliche Brautpaar und die Hochzeitsgesellschaft die Bemühungen des Fotografen über sich ergehen.

Bella hatte vergeblich versucht, einen Grund zu finden, warum Toby und sie nicht an der Trauung teilnehmen konnten. Sogar Kopfschmerzen hatte sie vorgetäuscht und behauptet, Toby habe Fieber. Doch natürlich hatte ihr Vater sie beide untersucht und sie für gesund erklärt. Was also sollte sie tun? Sich eine Treppe hinunterzustürzen erschien ihr dann doch zu drastisch. Also gab sie klein bei. Sie konnte nur hoffen, dass Gabriel sich von ihr fernhalten würde. Doch der dachte gar nicht daran. Stattdessen stand er jetzt direkt hinter ihr.

Als Bella mit ihrer Familie vor einer guten Stunde die Kirche betreten hatte, saß Gabriel bereits auf seinem Platz. Daneben ein silberhaariger Herr, dem Gabriel wie aus dem Gesicht geschnitten war. Offensichtlich handelte es sich um seinen Vater, Cristo Danti.

Unauffällig hatte sie die beiden Italiener gemustert und dann den kleinen Jungen neben sich, der aufgeregt auf der Kirchenbank umherrutschte. Tobys Ähnlichkeit mit seinem Vater und Großvater war unverkennbar. Selbst Claudia hatte am Abend zuvor bemerkt, dass Gabriel sie irgendwie an jemanden erinnerte …

Zum Glück war Toby gleich nach der kirchlichen Trauung mit seinem geliebten Onkel Liam verschwunden. Die beiden spielten mit den anderen Kindern, mit denen sie gestern Pizza gegessen hatten, unter einer mächtigen Eiche auf dem Kirchhof.

Langsam wandte sich Bella zu Gabriel um. In seinem eleganten Anzug und dem schneeweißen Hemd sah er einfach umwerfend aus. Doch sie gab sich betont unbeeindruckt und antwortete frech: „Ich würde nur aus Mitleid Tränen vergießen.“

Gabriel lächelte anerkennend und ließ dann den Blick über das figurbetonte Kleid und die Seidenblume gleiten, die das lange schimmernde Haar zurückhielt.

Wie schön und selbstsicher sie ist, dachte er und wünschte, er könnte ihr etwas von dieser Stärke nehmen. „Vielleicht liegt das daran, dass dich noch niemand gebeten hat, ihn zu heiraten?“, fragte er spöttisch.

Die beleidigende Bemerkung ärgerte sie. „Wie kommst du denn darauf, Gabriel? Könnte es nicht vielmehr so sein, dass ich es vorziehe, nicht zu heiraten, weil ich nur zu genau weiß, wie wankelmütig die Männer sind?“, erwiderte sie zuckersüß.

Gabriel presste die Lippen zusammen. „Wahrscheinlich bist du an die falschen Männer geraten.“

„Ja, das ist sehr wahrscheinlich.“ Herausfordernd begegnete sie seinem Blick.

Die kleinen Streitereien mit Bella waren zwar ganz vergnüglich, aber völlig unpassend, fand Gabriel. Meinungsverschiedenheiten zwischen zwei Gästen hatten auf der Hochzeitsfeier seiner Cousine nichts zu suchen.

Offenbar war Bella zum gleichen Schluss gekommen, denn sie sagte: „Bitte entschuldige mich jetzt, Gabriel. Ich muss wieder zu meiner Familie.“

Erschrocken sah sie auf, als Gabriel sie am Arm zurückhielt.

„Wir müssen reden, Bella.“

„Das haben wir bereits gestern Abend getan. Und es ist nichts dabei herausgekommen.“

„Ich weiß. Wir müssen diese Entfremdung zwischen uns überwinden. Schließlich sind unsere Familien jetzt miteinander verbunden.“

Bella lachte verächtlich. „Deine Cousine hat meinen Vetter geheiratet. So eng ist die Verbindung zwischen unseren Familien also nicht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass wir beide uns je wiedersehen werden.“

Zumindest hoffte sie das. Sie musste nur noch diesen Tag überstehen, ohne dass die Wahrheit ans Licht kam.

Zu dumm, dass ihr Vater, der Arzt war, sofort gemerkt hatte, dass Bella und Toby völlig in Ordnung waren, sonst befände sie sich gar nicht erst in dieser beunruhigenden Situation. Das neuerliche Gespräch mit Gabriel bereitete ihr nun tatsächlich Kopfschmerzen – leider waren sie nicht vorgetäuscht.

Verzweifelt überlegte sie, wie sie eine Begegnung zwischen Gabriel und Toby verhindern sollte.

Wie würde Gabriel überhaupt auf Toby reagieren? Würde er ihn genauso zurückweisen wie sie? Sein finsterer Blick versprach jedenfalls nichts Gutes.

Besorgt sah sie auf, als sie das vertraute Kichern ihres Sohnes hörte. Aha, Liam kitzelte ihn mal wieder.

Toby war ein glückliches Kind. Er spürte die Liebe seiner Mutter, seiner Großeltern, die Zuneigung seiner Tante und seines Onkels. Und Bella wünschte, dass das auch so bliebe.

In den vergangenen drei Tagen war ihr bewusst geworden, wie eng der Zusammenhalt in der Familie Danti war. Die Kinder waren ihr Ein und Alles.

Bella verging fast vor Angst, was Gabriel tun würde, sollte er jemals erfahren, welche Folgen ihr One-Night-Stand gehabt hatte.

„Bitte lass mich gehen, Gabriel.“ Sie blickte an ihm vorbei und befreite sich aus seinem Griff.

Gabriel ließ sie keinen Moment lang aus den Augen. Unwillig verzog er das Gesicht, als er ihr leises Lachen hörte. Sie war umringt von einer fröhlichen Kinderschar. Darunter befand sich auch der Nachwuchs seiner eigenen Cousinen und Bellas Bruder Liam, der seiner Schwester sehr ähnlich sah.

Es war seltsam, dass er die Menschen, von denen sie vor fünf Jahren voller Zuneigung erzählt hatte, nun tatsächlich vor sich sah.

„Seid ihr befreundet?“

Lächelnd blickte Gabriel seinem Vater entgegen, der nun näher kam. Sein alter Herr durfte nichts von dem inneren Aufruhr seines Sohnes merken. Cristo Dantis Gesundheit war seit einiger Zeit angegriffen. „Ich glaube nicht, dass Bella es so sehen würde“, antwortete er daher ausweichend.

„Bella?“ Neugierig musterte Cristo seinen Sohn, bevor er den Blick wieder zu Bella gleiten ließ, die nun mit ihrem Bruder und einem anderen Kind plauderte.

„Isabella Scott, um genau zu sein. Ich habe sie gestern Abend auf Dahlias Party getroffen.“

Wieder getroffen, hätte er eigentlich sagen müssen, doch das hätte die Neugier seines Vaters erst recht geweckt.

Cristo war der Patriarch der Familie Danti. Er wartete ungeduldig darauf, dass sein Sohn endlich heiraten und Kinder in die Welt setzen würde, um die Familiendynastie zu erhalten, die Gabriels Urgroßvater vor hundert Jahren mit Weinbergen in Italien begründet hatte. Vor siebzig Jahren hatte Gabriels Großvater durch den Weinanbau in Amerika dann den Grundstein für ein richtiges Imperium gelegt.

Seit vier Jahren zeichnete nun Gabriel verantwortlich für den Betrieb in Kalifornien, nachdem sein Vater einen leichten Herzinfarkt erlitten hatte.

Sehr zu Cristos Bedauern machte er leider auch mit dreiunddreißig Jahren keine Anstalten, eine Familie zu gründen.

In jeder Frau, mit der Gabriel sich unterhielt, sah Cristo daher eine potenzielle Schwiegertochter.

Bella Scott hätte es sehr amüsant gefunden, wenn sie gewusst hätte, welche Rolle Cristo ihr vorübergehend zugedacht hatte.

Bella entspannte sich etwas, als das Hochzeitsmahl ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen war und die Gäste sich in den Ballsaal begaben. Jetzt bot sich die perfekte Gelegenheit, sich und Toby zu entschuldigen.

Bisher war es ihr erfolgreich gelungen, Toby aus Gabriels Blickfeld herauszuhalten, denn die beiden Familien waren an weit voneinander entfernten Tischen platziert worden.

Die Kinder saßen für sich an vier Tischen, sodass sie ungezwungen essen und Spaß haben konnten, während die Erwachsenen sich in aller Ruhe dem Menü und ihren Gesprächen widmen konnten. Ein weiterer Vorteil dieser Sitzordnung bestand darin, dass es unmöglich war, die Kinder ihren Eltern zuzuordnen.

Bella war sehr erfreut über dieses Arrangement …

Als sie Gabriel am anderen Ende des Speisesaals stehen sah, verabschiedete Bella sich schnell von ihrer Familie und ging zur Tür. Sie hoffte, sie könnte Toby unauffällig aus dem Pulk tobender Kinder mitnehmen und verschwinden.

„Willst du jetzt schon gehen, Bella?“

Sie hatte sich zu früh gefreut! Beunruhigt wandte sie sich um und begegnete Gabriels herausforderndem Blick. Wie kommt er so schnell hierher?, überlegte sie angespannt. „Ich habe Kopfschmerzen“, behauptete sie.

Spöttisch sah er sie an. „Hochzeiten bekommen dir anscheinend wirklich nicht.“

„Es geht schon, solange es nicht meine eigene ist“, antwortete sie trocken.

Gabriel lächelte anerkennend. Er hatte genau beobachtet, wie sie versuchte, sich möglichst diskret davonzuschleichen, und es machte ihm Spaß, diesen Plan zu vereiteln. „Dein Unwohlsein hat aber hoffentlich nichts mit meiner Anwesenheit zu tun?“

„Aber nein.“ Unerschrocken sah sie ihm in die Augen. „Wahrscheinlich sind es verspätete Nachwirkungen des langen Fluges.“

„Gut möglich. Übrigens hat mein Vater vorhin den Wunsch geäußert, dich kennenzulernen“, behauptete er – nicht ganz wahrheitsgemäß.

Es würde seinen Vater sicher freuen, sich mit der schönen Bella zu unterhalten. Vermutlich würde er seine eigenen Schlüsse ziehen, wenn Gabriel sie ihm vorstellte.

„Dein Vater?“ Bella blickte ihn erschrocken an. „Wozu soll das gut sein, Gabriel?“

„Es wäre eine Geste der Höflichkeit. Immerhin ist er jetzt der Schwiegeronkel deines Vetters.“

Diese Begründung überzeugte Bella nicht. „Ich habe ja vorhin schon gesagt, wie unwahrscheinlich es ist, dass wir uns je wiedersehen.“

Gabriel zog fragend die Augenbrauen hoch. „Auch nicht bei der Taufe von Dahlias und Brians Erstgeborenem?“

An diese Möglichkeit hatte sie gar nicht gedacht. Herrje, das wurde ja immer komplizierter! Womöglich würde Gabriel doch noch erfahren, dass sie einen kleinen Sohn hatte!

Doch sie dachte gar nicht daran, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. „Ach, bis dahin können Jahre vergehen“, erwiderte sie abweisend. „Wer weiß, was bis dahin aus uns geworden ist?“

Sie holte tief Luft. „Ich muss jetzt wirklich los, Gabriel.“

„Okay, da es dir heute Abend nicht passt, meinen Vater kennenzulernen, schlage ich vor, du kommst morgen mit deiner Familie auf unser Weingut. Was hältst du davon?“

Bella musterte ihn unsicher. „Was bezweckst du damit, Gabriel?“

„Gar nichts. Ich bitte lediglich um einen Besuch deiner Familie bei uns auf dem Weingut.“

„Du bist nicht der Typ, der um etwas bittet. Das weißt du selbst. Du weißt auch, dass du der letzte Mensch bist, mit dem ich meine Zeit verbringen möchte.“ Verzweifelt versuchte Bella, sich ihre Beunruhigung nicht anmerken zu lassen.

„Wofür verurteilst du mich eigentlich, Bella?“, fragte er leise. „Was habe ich dir denn getan? Oder liegt es an meinen Narben, dass du dich abgestoßen fühlst?“

„Es ist sehr verletzend, dass du mich für so oberflächlich hältst“, fuhr Bella ihn wütend an, um zu überspielen, dass sie schon wieder einen Fehler gemacht hatte.

Sie biss sich auf die Lippe. Nicht, dass sie Toby als Fehler bezeichnen würde …

Als sie ihre Schwangerschaft vor fünf Jahren festgestellt hatte, war sie zunächst völlig konsterniert und auch ängstlich gewesen. Doch das Wunder, neues Leben in sich heranwachsen zu spüren, hatte ihr die Angst bald genommen. Auch die Unterstützung durch ihre Eltern und Geschwister half ihr enorm. Besonders in den ersten Schwangerschaftsmonaten, als sie unschlüssig war, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Auch die Frage, wovon sie sich und das Baby ernähren sollte, bereitete ihr zunächst Kopfzerbrechen.

Doch ihre Eltern hatten eine Lösung parat: Sie sollte mit dem Baby zunächst bei ihnen wohnen, bis sie genug Geld verdiente, um auf eigenen Füßen zu stehen.

Bella rechnete es ihren Eltern auch hoch an, dass sie nie nach dem Vater des Kindes gefragt hatten.

Doch wie lange konnte sie das Geheimnis noch bewahren, wenn Gabriel darauf bestand, dass die Scotts ihn auf dem Weingut besuchten?

Sie schaute ihn forschend an. Toby war ihm wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten. Oder redete sie sich das nur ein, weil sie wusste, wer Tobys Vater war? Würde ihrer Familie die Ähnlichkeit überhaupt auffallen?

Claudia hatte ja bereits gesagt, Gabriel erinnere sie an jemanden. Nein, ich darf kein Risiko eingehen, dachte Bella daher.

„Also gut, Gabriel, dann lass uns zu deinem Vater gehen“, sagte sie schließlich.

Als Cristo Danti bemerkte, dass er Gesellschaft bekam, erhob er sich umständlich von seinem Platz. Besorgt stellte Gabriel fest, wie blass er war. Der lange Flug und die Hochzeitsfeier mussten ihm sehr zugesetzt haben.

Es wäre wohl besser, wenn auch er sich bald zurückzöge. „Papà, darf ich dich mit Isabella Scott bekannt machen? Bella, das ist mein Vater Cristo Danti.“

Bella stockte fast der Atem, als sie in das markante, aristokratische Gesicht blickte, das sie so an Gabriels und Tobys erinnerte.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Danti“, sagte sie höflich.

Der distinguierte ältere Herr gab ihr galant einen Handkuss. „Sie machen Ihrem Namen alle Ehre“, erklärte er leise voller Bewunderung.

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Danke schön.“

„Gefällt es Ihnen in San Francisco?“

„Oh ja, sehr gut sogar.“

Er nickte zustimmend. „Ich habe mich hier auch immer sehr wohl gefühlt.“

„Es ist wirklich eine interessante Stadt.“ Trotz Gabriels Nähe gelang es ihr, kühl und höflich zu bleiben.

Wahrscheinlich amüsierte er sich über die gestelzte Unterhaltung und freute sich diebisch, dass sie überhaupt stattfand, obwohl er doch wusste, dass Bella seine Gesellschaft nicht schätzte.

„Es war eine wunderschöne Hochzeit“, sagte Cristo Danti.

„Bella macht sich nichts aus Hochzeiten“, warf Gabriel trocken ein und quittierte ihren wütenden Blick mit einem spöttischen Lächeln.

Sie wandte sich wieder seinem Vater zu. „Dahlia ist aber auch eine bildhübsche Braut.“

„Ja, das ist sie.“ Neugierig blickte Cristo Danti zwischen Bella und seinem Sohn hin und her. „Planen Sie einen längeren Aufenthalt in San Francisco, Miss Scott?“

„Nein, ich und meine Familie fliegen in zwei Tagen zurück nach England. Aber bitte sagen Sie doch Bella zu mir.“

Der alte Herr nickte erfreut. „Vielleicht hätten Sie Lust vor Ihrer Abreise …“

„Mummy, Nanny und Grandad haben gesagt, wir müssen jetzt los!“, beschwerte Toby sich ungnädig, als er unerwartet neben Bella auftauchte. Offensichtlich war er übermüdet nach all den aufregenden Tagen.

Bella erstarrte. Das war doch nur ein Traum, oder? Das konnte nicht tatsächlich passieren.

Sie bekam keine Luft mehr. Sie konnte sich nicht bewegen. Brachte kein Wort heraus.

Diese Situation war weitaus schlimmer, als sie in ihren schrecklichsten Albträumen je hätte befürchten können.

„Mummy?“, wiederholte Gabriel konsterniert.

Langsam kam wieder Leben in Bella. Ganz langsam wandte sie sich Gabriel zu und wurde kreidebleich, als sie bemerkte, wie er Toby anschaute.

Doch es war Cristo Danti, der sie alle aus ihrer Betäubung riss. Er stöhnte kurz auf und sackte dann langsam in sich zusammen. Seinen ungläubigen Blick auf Toby gerichtet, bei dem es sich ganz offensichtlich nur um seinen Enkel handeln konnte …

4. KAPITEL

„Du bist jetzt still! Ich will kein Wort von dir hören“, herrschte Gabriel sie an, als er auf dem Flur auf und ab ging, wo er und Bella unruhig warteten, um zu erfahren, wie es um Cristo Danti stand.

In letzter Sekunde hatte Gabriel verhindern können, dass sein Vater auf dem Boden aufschlug und sich verletzte. Auch Bella hatte blitzschnell reagiert und ihren Vater geholt. Gemeinsam hatten sie Cristo dann mit möglichst wenig Aufsehen in ein leeres Zimmer gebracht.

Trotzdem blieb der Vorfall nicht unbemerkt. Das Hochzeitspaar und weitere besorgte Gäste versammelten sich im Flur.

Energisch schickte Henry Scott sie alle zurück in den Ballsaal und bat Gabriel und Bella draußen zu warten, während er seinen Patienten untersuchte.

Während des Wartens hatte Gabriel Gelegenheit, sich mit dem Grund für den Zusammenbruch seines Vaters zu beschäftigen.

Der kleine Junge – Bellas Sohn –

Er musste sein Sohn sein!

Bella zuckte zusammen, als Gabriel vor ihr stehen blieb und sie vorwurfsvoll musterte. Ihr war klar, dass es keinen Sinn hatte zu bestreiten, was für Cristo Danti so offensichtlich gewesen war.

Sie atmete tief durch. „Er heißt Toby. Eigentlich Tobias“, erklärte sie mit bebender Stimme. „Er ist vier Jahre alt.“

Gabriel ballte die Hände zu Fäusten. „Vier Jahre und vier Monate, um genau zu sein.“

Bella ließ den Kopf hängen. „Ja.“

Seine dunklen Augen glitzerten gefährlich. „Wo ist er jetzt?“

Sie sah wieder auf. „Ich habe ihn zu meiner Mutter und Liam gebracht. Er hat einen gehörigen Schrecken bekommen, als dein Vater einfach zusammensackte.“

Gabriel musterte sie kühl. „So ein Schock ist Gift für einen Mann, der in den vergangenen Jahren schon drei Herzinfarkte erlitten hat.“

Das hatte sie nicht gewusst. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Weder Gabriel noch sein Vater spielten in ihrem oder Tobys Leben eine Rolle.

Jedenfalls bisher nicht.

Natürlich würde Gabriel Fragen stellen. Genau wie ihr Vater. Sowie er die Untersuchung seines Patienten abgeschlossen hatte, würde sie auch ihm Rede und Antwort stehen müssen.

Sie stöhnte unterdrückt. „Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu diskutieren, Gabriel.“

„Wie recht du hast! Der richtige Zeitpunkt, mich zu informieren, wäre gewesen, als du festgestellt hast, dass du schwanger bist.“

„Du warst vor fünf Jahren aber nicht für mich zu erreichen.“

Unwillig verzog er den Mund. „Es stand doch überall in der Klatschpresse, dass ich auf unserem Weingut in Italien war, um mich von meinem schweren Unfall zu erholen.“

Wütend funkelte sie ihn an. „Du bildest dir doch nicht ein, dass ich dir nachreisen würde?“

„Ich hatte ein Recht zu erfahren, dass ich Vater werde“, stieß er zornig hervor.

Verneinend schüttelte Bella den Kopf. „Das Recht hast du verwirkt, weil du mich nicht ein einziges Mal angerufen hast. Und weil du nur mit mir ins Bett gegangen bist, weil du eifersüchtig auf deine Exfreundin warst, die sich lieber mit Paulo Descari vergnügte.“

Gabriels Gesicht wurde zornesrot. „Ich …“

„Könntet ihr wohl bitte eure Diskussion auf einen späteren Zeitpunkt verschieben?“ Henry Scott hatte die Tür geöffnet, und Gabriel sah, dass sein Vater auf einem Sofa lag. „Ihr Vater hat wohl nur einen schweren Schock erlitten. Symptome für einen erneuten Herzinfarkt konnte ich nicht feststellen, Mr. Danti. Zur Sicherheit würde ich ihn jedoch gern ins Krankenhaus bringen. Dort sind die Untersuchungsmöglichkeiten besser als hier im Hotel.“

„Daddy …“ Unsicher sah Bella ihren Vater an.

Er lächelte aufmunternd. „Alles gut, Bella“, sagte er verständnisvoll. „Wir reden später. Zunächst müssen wir Mr. Danti ins Krankenhaus bringen.“

Es war nur zu offensichtlich, dass ihr Vater die Wahrheit kannte.

Was musste er nun von ihr, Bella, denken?

Und wie fand er es, dass ausgerechnet Gabriel Danti zweifelsfrei der Vater seines Enkels war?

„Ich möchte meinen Sohn sehen.“

Bella war im Hotel geblieben, um Toby ins Bett zu bringen, während Gabriel und ihr Vater Cristo Danti ins Krankenhaus begleitet hatten. Sie selbst hatte sich noch nicht schlafen gelegt, weil sie hundertprozentig sicher war, Gabriel würde sie aufsuchen, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass es seinem Vater wieder besser ging.

Inzwischen war es zwei Uhr morgens. Trotzdem war Bella auf das Klopfen an der Tür vorbereitet. Sie hatte das elegante Kleid gegen enge Jeans und ein schwarzes T-Shirt getauscht und wartete nervös im Wohnzimmer.

Gabriel wirkte mürrisch. Die Narbe in seinem Gesicht trat plötzlich deutlicher hervor. Unnachgiebig musterte er Bella.

Sie bat Gabriel hinein und schloss die Tür. „Toby schläft“, erklärte sie ruhig.

„Ich möchte ihn trotzdem sehen.“

„Wie geht es deinem Vater?“

„Die Tests haben die Diagnose deines Vaters bestätigt. Mein alter Herr hat tatsächlich einen Schock erlitten und ist deshalb zusammengebrochen. Er bleibt zur Beobachtung über Nacht in der Klinik, wird aber voraussichtlich am Morgen schon wieder entlassen. Isabella …“

„Ist mein Vater mit dir zurückgekommen?“ Bella hatte bereits ein langes unerfreuliches Gespräch mit ihrer Mutter hinter sich und fürchtete, ein ebensolches Gespräch mit ihrem Vater in dieser Nacht nicht zu überstehen.

Gabriel nickte ernst. „Ich soll dir ausrichten, dass er dich erst morgen sprechen will.“

Bella musterte ihn erstaunt. „Dann wusste er, dass du mich noch aufsuchen würdest?“ Dumme Frage, dachte sie sofort, die Antwort lag ja auf der Hand. Und woher hätte Gabriel wissen sollen, wo er sie finden würde, wenn er nicht mit ihrem Vater gesprochen hätte?

Gabriel presste die Lippen zusammen. „Ihm war klar, dass ich meinen Sohn sehen möchte, bevor ich nach Hause fahre.“

Jedes Mal, wenn Gabriel von seinem Sohn sprach, zuckte Bella zusammen. Biologisch stimmte das natürlich, aber Toby war ihr Sohn, nicht Gabriels.

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ich halte das für keine gute Idee.“

Gabriel lachte abfällig. „Das ist mir völlig egal. Seit ich weiß, dass du mir über vier Jahre lang die Existenz meines Sohnes verheimlicht hast, interessieren mich deine Wünsche nicht mehr.“ Voller Verachtung funkelte er sie an.

Ich habe einen Sohn, dachte Gabriel. Er konnte es noch immer kaum glauben. Nebenan im Schlafzimmer lag ein kleiner Junge mit zerzausten Locken, dunklen Augen und einem Grübchen im Kinn – ein Abbild von ihm selbst!

Und vier Jahre lang hatte er nichts von dessen Existenz gewusst! Es kam überhaupt nicht infrage, dass Bella ihm den Jungen noch eine weitere Minute, ja nicht einmal eine Sekunde vorenthielt!

„Wo ist er, Isabella?“, fuhr er sie wütend an. Ihr panischer Blick zur Tür verriet sie. Entschlossen ging Gabriel auf die Tür zu.

„Wohin willst du?“, fragte Bella aufgeregt.

Er überhörte die Frage geflissentlich und stieß leise die Tür zum angrenzenden Schlafzimmer auf. Im ersten Bett erkannte er Liam Scott. Im zweiten Bett lag ein kleineres Kind.

Leise trat er näher und hielt den Atem an, als er den Kleinen anschaute, von dem er nun wusste, dass er sein Sohn war. Toby. Tobias.

Er ist wunderschön, dachte Gabriel ergriffen. Absolut wunderschön. Eine perfekte Kombination seiner Eltern.

Toby hatte Gabriels Haarfarbe und das Grübchen im Kinn, das auch sein Vater und Großvater hatten. Die schön geformten Augenbrauen und die langen dunklen Wimpern hatte er von seiner Mutter geerbt. Auch den perfekt geschwungenen Mund hatte er von ihr.

Er ist mein Sohn!

Dieses wunderschöne Kind hatte er gezeugt.

Hilflos musste Bella mit ansehen, wie Gabriel sich neben Tobys Bett kniete und dem Jungen unendlich behutsam die Wange streichelte. Ganz sachte, um den Kleinen nicht zu wecken. Toby schlief tief und fest und regte sich nicht.

Bella hatte das Gefühl, es zerrisse ihr das Herz, als sie beobachtete, wie liebevoll Gabriel seinen Sohn anschaute. Unendliche Liebe spiegelte sich in seinem Blick wider. Der Kleine war wohl wie ein Wunder für ihn.

In diesem Moment wurde Bella endgültig klar, dass sie Toby von nun an mit Gabriel teilen musste.

„Ich brauche einen Drink“, sagte Gabriel ausdruckslos, als er sich schließlich schweren Herzens vom Anblick seines friedlich schlafenden Sohnes trennte und ins Wohnzimmer zurückkehrte. Ohne Bellas Reaktion abzuwarten, ging er zur Minibar, schenkte sich ein Glas Whisky ein und leerte es in einem Zug. „So, Isabella“, sagte er dann harsch und musterte sie. „Wie sollen wir jetzt mit dieser Situation umgehen?“

„Mit welcher Situation?“, fragte sie schärfer als beabsichtigt und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

Gabriel sah sie aus schmalen Augen an. Vor gut fünf Jahren hatte er mit dieser Frau geschlafen. Aus dieser Nacht war ein Kind entstanden. Ein Kind, dessen Existenz sie absichtlich vor ihm verborgen hatte. Allein dafür verdiente sie keine Gnade.

Erneut presste er die Lippen zusammen. „Die Situation, dass Toby ein Recht hat, beide Elternteile zu kennen, nicht nur seine Mutter. Und es ist mir völlig gleichgültig, wenn du etwas dagegen hast.“

Bella schluckte. „Wie ich bereits erklärt habe …“

„Du bist der Meinung, ich hätte mein Recht auf den Umgang mit meinem eigenen Kind verwirkt, weil du glaubst, ich wäre nur aus Eifersucht auf meine Exfreundin mit dir ins Bett gegangen.“ Er bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. „Du befindest dich im Irrtum, Isabella. Eifersucht war nun wirklich keiner meiner Beweggründe, mit dir zu schlafen. Und ich empfand auch keine Eifersucht, als am nächsten Tag der Unfall passierte“, fügte er hinzu, damit erst gar keine Zweifel darüber aufkamen.

Bella befeuchtete sich die plötzlich trockenen Lippen. „Das habe ich mit keinem Wort unterstellt, Gabriel.“

„Dass ich nicht lache! Nachdem Janine ihre Anschuldigungen gegen mich in aller Öffentlichkeit erhoben hat, glaubte die ganze Welt, der Unfall wäre mein Fehler gewesen. Die polizeilichen Ermittlungen haben dagegen meine Unschuld bestätigt. Aber vielleicht ist es dir ja lieber zu glauben, ich hätte den Unfall verursacht, bei dem zwei Männer ums Leben gekommen sind, statt dich darauf zu verlassen, dass ich die Wahrheit sage.“

Bella wurde blass. Wie konnte er so etwas von ihr denken? Natürlich wollte sie nicht glauben, dass Gabriel den Unfall herbeigeführt hatte, bei dem zwei Männer ihr Leben gelassen hatten!

Gabriel war gewiss kein Unschuldslamm, aber sie hatte niemals an seine Schuld bezüglich des Unfalls geglaubt.

Er musterte sie kühl. „Ich habe den Unfall nicht verursacht, Isabella“, wiederholte er mit fester Stimme. „Das war nur die Behauptung einer hysterischen Frau, die meine tagelange Bewusstlosigkeit nach dem Unfall für ihre Zwecke ausgenutzt hat. Leider war ich außerstande, mich zu verteidigen.“

Und diese Behauptung war auch nicht der Grund gewesen, warum Bella keinen Versuch gemacht hatte, nach dem Unfall Kontakt zu Gabriel aufzunehmen.

Man hätte sie im Krankenhaus wohl kaum zu ihm gelassen. Schließlich war sie nur eine flüchtige Bekanntschaft, mit der er eine einzige Nacht verbracht hatte.

Hätte Gabriel sie wirklich wiedersehen wollen, hätte er sie doch irgendwann anrufen können, so, wie er es versprochen hatte. Bis dahin musste sie sehen, wie sie mit ihrem Leben klarkam.

Als Bella diese Entscheidung für sich traf, hatte sie noch keine Ahnung von der Schwangerschaft.

Erst Wochen später, nachdem sie wusste, dass sie ein Baby erwartete, sah sie sich gezwungen, einige Entscheidungen zu treffen – sowohl sie selbst als auch das Baby betreffend. Die Tatsache, dass Gabriel keine Anstalten gemacht hatte, sie zu erreichen, bestätigte Bellas Verdacht, dass er nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Und wenn doch, dann hätte er die Macht, ihr das Baby wegzunehmen. Das würde sie aber niemals zulassen. Aber jetzt war es sowieso viel zu spät, ihre damaligen Entscheidungen zu rechtfertigen oder rückgängig zu machen.

Fasziniert beobachtete Gabriel Bellas schönes, ausdrucksvolles Gesicht. Die Emotionen wechselten so schnell, dass es ihm nicht gelang, sie zu deuten. „Ich habe den Unfall nicht verschuldet, Isabella, aber das heißt nicht, dass ich mich nicht verantwortlich für Paulos und Jasons Tod fühle.“

„Wieso denn das?“, fragte sie verständnislos.

Gabriel wandte sich ab und ließ den Blick über die Skyline von San Francisco gleiten.

Wie sollte er ihr je erklären, wie er sich vor fünf Jahren gefühlt hatte, als er das Bewusstsein wiedererlangt und erfahren hatte, dass Paulo Descari und Jason Miller tot waren? Von Janines hysterischen Behauptungen ganz zu schweigen.

Außerdem fühlte er sich damals verzweifelt und völlig hilflos angesichts seiner schweren Verletzungen.

Auch jetzt noch waren die Folgen des Unfalls sichtbar. Er hatte Narben im Gesicht, auf der Brust, dem Rücken und den Beinen. Beckenbruch und Beinbrüche hatten ihn monatelang ans Bett gefesselt. Es grenzte an ein Wunder, dass er heute wieder gehen konnte.

Am schlimmsten war für ihn aber nicht der Tod seiner beiden Kollegen oder Janines falsches Spiel, sondern die Erkenntnis, dass die gemeinsame Nacht Bella so wenig bedeutet hatte, dass …

Nein!

Gabriel weigerte sich, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Seit fast fünf Jahren hatte er nicht mehr darüber nachgedacht, dass Bella ihn einfach sang- und klanglos verlassen hatte. Es hatte keinen Sinn, das jetzt wieder aufzuwärmen.

Hier ging es einzig und allein um Toby. Um seinen Sohn. Und Bellas zweiten Verrat …

Er wandte sich wieder um und musterte Bella mit unnachgiebiger Miene. „Toby ist jetzt das Wichtigste“, sagte Gabriel in eisigem Tonfall. „Ich komme morgen früh wieder her und erwarte, dass du und Toby euch bereithaltet.“

„Bereit wofür?“

„Wir werden meinen Vater besuchen. Tobys Großvater“, fügte er harsch hinzu. „Um zehn Uhr werde ich hier sein.“

Bella atmete tief durch. „Als Erstes verbitte ich mir deinen Versuch, mich zu erpressen, um dein Ziel zu erreichen.“

„Wäre es dir lieber, wenn ich mich gleich ans Gericht wendete?“, fragte er verächtlich.

Sie ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Bis zu einem Urteil können Monate vergehen. Bis dahin bin ich mit Toby längst wieder in England in Sicherheit.“

„Also schön, dann muss ich eben meine Anwälte sofort damit beauftragen, gerichtlich verhindern zu lassen, dass du und Toby die USA verlasst“, drohte Gabriel. „Vergiss nicht, dass ich ein Danti bin, Isabella.“

Wütend funkelte sie ihn an. „Zweitens bin ich mir durchaus der Tatsache bewusst, dass dein Vater als Tobys Großvater ein Recht hat, ihn zu sehen.“

„Ach? Aber mir verweigerst du den Umgang mit meinem eigenen Sohn?“ Gabriel war außer sich vor Zorn.

Traurig sah Bella ihn an. Ihr war bewusst, dass sie und Gabriel durch dieses Gespräch nur noch weiter auseinanderdrifteten.

Sie spürte, dass er sich verändert hatte. Er war nicht mehr der gleiche Mann wie vor fünf Jahren.

Der Gabriel, der sie jetzt konfrontierte, hatte nicht nur sichtbare, sondern auch seelische Narben davongetragen. Die kalte Wut, mit der er darauf reagierte, dass sie ihm seinen Sohn vorenthalten hatte, war weit schlimmer als emotionale Erpressung.

„Also gut, zehn Uhr sagtest du?“

Erstaunt sah Gabriel sie an. Woher kam der plötzliche Sinneswandel? Offensichtlich hatte Bella eingesehen, dass sie keine andere Wahl hatte.

Er entspannte sich etwas. „Zuerst setzen wir uns mit Toby zusammen und erklären ihm in Ruhe, dass ich sein Vater bin und Cristo sein Großvater.“

„Findest du das nicht etwas übereilt?“

„Übereilt? Machst du Witze? Meiner Meinung nach ist es über vier Jahre zu spät.“ Zornig maß er sie mit Blicken.

„Aber es wird Toby nur verunsichern, wenn du doch in seinem Leben gar keine Rolle spielst“, gab sie verzweifelt zu bedenken.

Gabriel lachte nur verächtlich. „Bildest du dir wirklich ein, das wird weiterhin so bleiben?“

Nein, wenn sie ihn so anschaute – wütend und unnachgiebig – musste sie einsehen, dass er von nun an eine sehr aktive Rolle in Tobys Leben zu spielen gedachte.

Und wo bleibe ich dabei?, überlegte Bella beunruhigt.

5. KAPITEL

„Wohnt Grandad in so einem großen Haus?“

„Ja, das tut er, Toby“, antwortete Gabriel geduldig.

Es erstaunte Bella immer wieder, wie gelassen und flexibel Kinder waren – besonders ihr eigener Sohn.

Sie hingegen hatte die halbe restliche Nacht wach gelegen und sich verzweifelt den Kopf darüber zerbrochen, wie sie Toby erklären sollte, dass Gabriel Danti sein Vater war. Und Cristo Danti sein Großvater. Doch Toby hatte die Neuigkeit scheinbar unbeeindruckt hingenommen.

Natürlich war er die ersten Minuten noch etwas scheu gewesen, jedoch sofort aufgetaut, als Gabriel ihn auf dem Rücksitz seines schwarzen Cabrios anschnallte, bevor die Fahrt zu Cristos Anwesen führte.

Der alte Herr, der am frühen Morgen aus der Klinik entlassen worden war, erwartete bereits sehnsüchtig die Ankunft seines Enkels.

Bellas Gefühle waren sehr viel komplizierter. Sie konnte den atemberaubenden Blick auf den Pazifik überhaupt nicht genießen, denn sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Ihr und somit Tobys Lebensmittelpunkt befand sich in England, in dem kleinen Dorf, wo sie ein Cottage gekauft hatte, wo sie mit Toby seit zwei Jahren lebte. Das Dorfleben gefiel ihnen, und Toby sollte im September in der Vorschule eingeschult werden.

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