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JULIA EXTRA, BAND 313

SARAH MORGAN

Paradies gesucht – Liebe gefunden

Millie glaubt sich in einem Märchen, als sie Leandro auf seine Trauminsel im Mittelmeer folgt. An seiner Seite ist sie glücklich – doch der reiche Grieche scheint mit ihr ein falsches Spiel zu spielen!

CLAIRE BAXTER

Für immer an deiner Seite

Unter der heißen Sonne Italiens lernt Ricardo seine Traumfrau kennen! Der berühmte Manager trägt Lyssa auf Händen – nicht ahnend, dass sie ein Geheimnis hütet, das ihr Glück in Gefahr bringt.

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Er hat alles Geld der Welt. Was Miguel haben will, bekommt er auch. Nur das, was er sich am meisten wünscht, bleibt für ihn unerreichbar: Die Liebe seiner Frau Allegra kann er sich nicht kaufen …

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Folge deinem Herzen, Luccy!

Damit hat Millionär Jacob Sinclair nicht gerechnet: Nach einer zärtlichen Nacht verlässt Luccy ihn ohne ein Wort des Abschieds. Was verbirgt seine schöne Geliebte?

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Sarah Morgan

Paradies gesucht – Liebe gefunden

1. KAPITEL

Leandro Demetrios, milliardenschwerer Banker und Traummann von Millionen Frauen, bugsierte die berühmte Hollywoodschauspielerin in sein exklusives Londoner Stadthaus und schlug den im Regen wartenden Fotografen die Tür vor der Nase zu.

Die Frau lachte und sah ihn bewundernd an. „Hast du die Gesichter gesehen? Du hast die Kerle zu Tode erschreckt. Bei dir fühle ich mich sicherer als bei meinen Leibwächtern. Außerdem bist du viel besser gebaut.“ Anerkennend ließ sie eine Hand über seinen beachtlichen Bizeps gleiten. „Warum haben wir nicht den Hintereingang benutzt?“

„Weil ich mich weigere, mein eigenes Haus wie ein Dieb zu betreten. Außerdem stehst du doch gern im Blitzlichtgewitter.“

„Ja, und zusammen mit dir ist es noch aufregender. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: ‚Milliardär lehrt Paparazzi das Fürchten‘.“

Bei dieser Aussicht verzog Leandro das Gesicht. „Ich lese nur die Wirtschaftsseiten.“

„Die lasse ich grundsätzlich aus. Über Geld weiß ich nur, dass man es ausgeben kann. Aber du – du weißt, wie man es vermehrt. Deshalb bist du genau der Richtige für mich. Nun lach doch mal, Leandro! Die schlechte Laune kannst du dir für später aufheben, wenn ich weg bin. Wir wollen uns amüsieren, schließlich reise ich ja schon morgen wieder ab.“ Sie schenkte ihm einen lasziven Blick. „Endlich allein, mein sexy griechischer Milliardär. Und? Was machen wir heute Abend?“

Leandro zog sein Jackett aus und warf es achtlos auf einen Stuhl. „Falls du die Frage ernst meinst, kannst du gleich wieder gehen.“

Schon wieder lachte seine Begleiterin begeistert. „Außer dir wagt es niemand, so mit mir zu reden. Das liebe ich so an dir. Es ist sehr erfrischend, zur Abwechslung einmal nicht angehimmelt zu werden.“ Sie fuhr sich aufreizend mit der Zunge über die sinnlichen Lippen. „Was würdest du denn tun, wenn ich mich jetzt von dir verabschieden und ins Hotel zurückkehren würde?“

„Ich würde sofort Schluss mit dir machen.“ Leandros Fliege landete auf dem Jackett. „Aber da wir beide dasselbe im Sinn haben, hörst du jetzt besser auf mit deinen Spielchen und machst, dass du die Treppe hinaufkommst. Mein Schlafzimmer ist im ersten Stock. Die letzte Tür auf der linken Seite.“

„Du bist ein richtiger Macho.“ Noch so ein aufgesetztes Lachen. „Und jetzt hat man dich sogar offiziell zum ‚sexiest man alive‘ gewählt.“

Das Gespräch langweilte Leandro. Er wollte endlich zur Sache kommen und dirigierte seine Begleiterin Richtung Treppe.

„Es ist dir völlig egal, was andere Leute von dir halten, oder? Du bist wirklich unglaublich gleichgültig. Das reizt mich.“ Als würde sie vor der Kamera stehen, wiegte sie provozierend die Hüften. „Es knistert zwischen uns, Leandro.“

„Man nennt das auch sexuelle Anziehung“, entgegnete er trocken.

„Hattest du eigentlich noch nie eine feste Beziehung? Angeblich warst du doch mal kurz verheiratet.“

Er blieb stehen. Sehr kurz. „Inzwischen mache ich mir mehr aus Abwechslung.“

„Da bist du bei mir genau richtig.“ Diese rauchige Stimme brachte ihr viele Millionen Dollar pro Film ein. „Und ich kann es kaum erwarten, herauszufinden, ob alles wahr ist, was man sich über dich erzählt. Ich weiß ja, dass du hochintelligent und viel zu schnell mit deinen Luxuswagen unterwegs bist. Aber viel lieber würde ich wissen, ob du ein richtig schlimmer Junge bist, was Frauen betrifft.“

„Das wirst du gleich sehen. Heute ist deine Glücksnacht, Schätzchen.“ Leandro zog den Filmstar die Treppe hoch.

„Dann mal los, mein Schöner.“ Interessiert betrachtete sie die Gemälde im Treppenhaus. „Wie ich sehe, investierst du in Kunst. Das sind doch alles Originale, oder? Ich hasse Fälschungen.“

„Das glaube ich dir aufs Wort.“ Amüsiert betrachtete er ihre Silikonbrüste. Wahrscheinlich waren höchstens zehn Prozent an ihr echt. Ständig schlüpfte sie in neue Rollen, ihr wahres Ich hatte sie vermutlich längst vergessen. Ihm war das egal. Je oberflächlicher, desto leichter wurde er sie wieder los.

„O Leandro! Nur du kommst auf die Idee, dir ein Aktbild ins Treppenhaus zu hängen.“ Sie blieb stehen und musterte das riesige Ölgemälde abfällig. „Für jemanden, der sich mit Schönheit umgibt, ist das aber eine seltsame Wahl. Findest du die Dame nicht viel zu fett?“

Auch Leandro betrachtete das berühmte Meisterwerk aus der Renaissance, das bis vor kurzem als Leihgabe in einer großen Kunstgalerie gehangen hatte. „Zu ihren Lebzeiten waren üppige Kurven angesagt.“

Verständnislos glitt der Blick des Filmstars über die exquisiten Pinselstriche. „Von Diäten haben sie damals wohl noch nie etwas gehört.“

„Kurven standen für Wohlstand“, erklärte Leandro. „Es bedeutete, dass du genug zu essen hattest.“

Sie wollte sich das Bild näher ansehen und streckte eine Hand danach aus.

Im letzten Moment hielt Leandro sie zurück. „Wenn du es berührst, haben wir gleich die Polizei im Haus“, warnte er sie.

„Ist es wirklich so wertvoll?“ Sie befeuchtete sich die glänzenden Lippen und sah ihn begierig an. „Du bist wirklich reich und mächtig. Ich würde zu gern wissen, warum mich das so erregt. Schließlich ist mir dein Geld egal.“

„Natürlich ist es dir gleichgültig“, stimmte er nüchtern zu. Ihm war durchaus bewusst, dass ihre Liebhaber für das Privileg, sie zu begleiten, tief in die Tasche greifen mussten. „Wir wissen beide, dass du dich für mich interessierst, weil ich nett zu alten Damen und Tieren bin.“

„Magst du Tiere?“

Unschuldig sah er in ihre berühmten blauen Augen. „Ich hatte schon immer eine Schwäche für unsere stummen Freunde.“

„Das macht dich noch liebenswerter.“ Sie schlang die Arme um seinen Nacken. „Jetzt hast du mich schon dreimal zum Abendessen ausgeführt und nichts von dir erzählt.“

„Und du hast das Essen nicht einmal angerührt.“ Geschickt lenkte er das Gespräch in andere Bahnen und zog den Reißverschluss des Abendkleids hinunter.

Dem Filmstar stockte der Atem. „Du kommst aber schnell zu Sache.“

„Warum nicht? Der Worte sind genug gewechselt.“ Er schob ihr das Kleid von den Schultern und verzog das Gesicht, als er darunter auf einen knochigen Körper stieß.

„Den Leuten ist es einiges wert, meinen Körper auf der Leinwand zu sehen.“ Spielerisch zog sie mit den Fingernägeln eine Spur auf seinem Arm entlang. „Aber du, Leandro Demetrios, bekommst ihn umsonst.“

Umsonst ist gut, dachte er und betrachtete die Ohrringe, die er ihr vorhin geschenkt hatte. „Schade, dass du dich nicht pro Kilogramm verkaufst“, sagte er lässig. „Dann würdest du mich tatsächlich nichts kosten.“

„Danke.“ Offensichtlich fasste sie die Bemerkung als Kompliment auf. „Du würdest mich allerdings ein Vermögen kosten. Schließlich wiegen Muskeln schwerer als Fett, und du bist der bestgebaute Mann, den ich kenne. Dein Selbstvertrauen spricht auch für sich. Ist das typisch griechisch?“

„Nein, es ist typisch für mich. Ich nehme mir, was mir gefällt.“ Er umfasste ihr Kinn und sah ihr kühl in die Augen. „Und wenn es mich langweilt, lasse ich es wieder fallen.“

Sie erschauerte aufgeregt. „Ohne Entschuldigung – kühl, rücksichtslos, zielstrebig.“

„Sprichst du von mir oder von dir?“ Leandro zog ihr einen Brillantclip aus dem Haar. „Ich bin etwas verwirrt.“

„Du schlimmer Junge! Ich wette, du warst noch nie im Leben verwirrt.“ Lächelnd strich sie mit einem Finger über Leandros sinnliche Unterlippe. „Verrätst du mir, ob es wahr ist, was in den Zeitungen steht? Du bistVater eines Babys?“

„Meinst du die Zeitungen, die behauptet haben, du wärst lesbisch?“ Er verbarg seine plötzliche Anspannung perfekt und holte zum Gegenangriff aus.

„Im Gegensatz zu dir habe ich sofort eine Gegendarstellung gefordert – und bekommen.“

„Ich halte nichts davon, in der Öffentlichkeit über mein Privatleben zu sprechen.“

„Dann ist es also nicht dein Kind? Oder bist du so ein Sex-protz, dass du gar nicht weißt, wie viele Kinder du schon gezeugt hast?“, fügte sie mit lüsternem Augenaufschlag hinzu. „Verrätst du mir denn gar nichts über dich?“

„Doch, eins werde ich dir sagen.“ Leandro zog ihr das Kleid über den mageren Körper und küsste ihren Hals. „Wenn du mir dein Herz schenkst, werde ich es brechen. Vergiss das nicht, agape mou.“

„Du kannst mir keine Angst einjagen.“ Ihre Augen waren dunkel vor Verlangen. „Ich liebe harte Burschen. Besonders, wenn sie auch eine sensible Seite haben.“

„Sensibel bin ich nun wirklich nicht.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Andere Menschen sind mir völlig gleichgültig. Wenn du fantastischen Sex willst, dann leg dich in mein Bett. Aber mehr darfst du von mir nicht erwarten. Wenn du nach einem Happy End suchst, bist du bei mir an der falschen Adresse.“

„Happy Ends gibt es nur im Film. Das ist mein täglich Brot. Nachts habe ich es lieber etwas aufregender.“ Sie rieb sich an ihm und strich ihm über die raue Wange. „Eigentlich solltest du dich rasieren, bevor du mit mir schläfst. Aber ich liebe diesen verwegenen Look. Du siehst einfach zu gut aus, Leandro. Mein letzter Filmpartner brauchte ein Navigationsgerät, um sich auf meinem Körper zurechtzufinden. Dieses Problem hast du ganz sicher nicht.“

„Nein, ich hatte schon immer einen guten Orientierungssinn.“ Er schob sie gegen die Tür.

„Ja, Leandro, das gefällt mir.“ Ungeduldig zerrte sie an seinem Hemd. „Du hast einen fantastischen Körper. Ich will, dass du in meinem nächsten Film mitspielst. O Leandro, ich will dich jetzt sofort.“

Endlich hatten sie den interessanten Teil des Abends erreicht. Leandro hob sie hoch und steuerte zielstrebig auf das Bett zu. Dann blieb er abrupt stehen. Sein Bett war bereits belegt!

Die bleiche Frau funkelte ihn wütend mit ihren blauen Augen an. Offensichtlich war sie in einen Regenschauer geraten, denn die dünne Jacke klebte ihr am Körper, und die langen feuerroten Locken hingen ihr feucht über die Schultern.

An ihrem zornigen Blick erkannte Leandro, dass dies kein freudiges Wiedersehen werden würde.

Seltsam, bisher hatte er immer gedacht, sie wäre gar nicht in der Lage, wütend zu werden. Verletzter Stolz, Schmerz, Enttäuschung und Verachtung, die sich gegen ihn richtete, kannte er jedoch zur Genüge von ihr.

Sie hatte es nicht für nötig gehalten, für ihre Liebe zu kämpfen.

Diese Erkenntnis machte nun auch ihn wütend. Überrascht stellte er fest, dass er gerade beinahe die eiserne Selbstbeherrschung verlor, auf die er so stolz war.

Bevor er seinem Ärger Luft machen konnte, quiekte der Filmstar schockiert und verstärkte den Griff um seinen Nacken.

„Wer ist das? Du Mistkerl! Wie kannst du mir so etwas antun! Ich will dich für mich allein haben.Ich habe eine Beziehung mit dir. Es kommt gar nicht infrage, dass ich dich mit jemandem teile. Schon gar nicht mit der da!“

Die Anwesenheit der Besucherin auf seinem Bett hatte Leandro so verdutzt, dass er die Schauspielerin in seinen Armen völlig vergessen hatte. Unsanft stellte er sie auf die Füße. „Ich habe keine Beziehung.“ Nicht mehr.

„Und was ist mit ihr?“ Der Filmstar schwankte auf den schwindelerregend hohen Stilettos und musterte Leandro giftig. „Weiß sie das?“

„Natürlich.“ Er lächelte humorlos. „Sie misstraut mir völlig. Oder etwas nicht, Millie?“

Ihr vorwurfsvoller Blick ging ihm durch und durch. Komm schon, Millie, wehr dich, dachte er. Kratz mir die Augen aus, wenn du mich für einen Schuft hältst. Aber sitz nicht tatenlos da. Und lauf auch nicht wieder weg, so wie du es schon einmal getan hast!

Doch sie rührte sich nicht vom Fleck.

Der Filmstar war außer sich. „Du kennst sie also! Erstaunlich. Sie ist gar nicht dein Typ. Und ihren Stylisten sollte sie sofort an die Luft setzen. Der natürliche Look ist völlig passé. In dieser Saison ist gepflegtes Auftreten angesagt.“ Sie hob ihr Kleid auf und hielt es schützend vor sich. „Wie ist die überhaupt hier hereingekommen? Dein Sicherheitsdienst ist doch sonst so aufmerksam. Offensichtlich hat niemand sie bemerkt.“

Diese Gehässigkeiten gingen ihm langsam auf die Nerven. Er bereute es sowieso schon, die Frau mit zu sich nach Hause genommen zu haben. Sie hatte nicht nur eine spitze Zunge, sondern auch spitze Knochen – abstoßend!

„Worauf wartest du, Leandro? Willst du sie nicht hinauswerfen?“, fragte sie nun schrill.

Leandro musterte das Mädchen auf seinem Bett, bemerkte die rosigen Wangen, den vorwurfsvollen Blick, den er nun seinerseits erwiderte.

Die Atmosphäre zwischen ihnen war so angespannt, dass sie die dritte Person im Raum völlig vergessen hatten, bis diese wütend mit dem Fuß aufstampfte.

„Leandro?“

„Nein“, sagte er barsch. „Ich werde sie nicht hinauswerfen.“ Im Grunde war er froh, sie endlich wiederzusehen, wenn auch das Timing zu wünschen übrig ließ. Erst wollte er sich mit ihr darüber unterhalten, warum sie ihn vor einem Jahr verlassen hatte.

Fassungslos starrte die Diva ihn an. „Du bist lieber mit dieser verwahrlosten Person zusammen als mit mir?“

Er bedachte sie mit einem kalten, vernichtenden Blick. „Ja. Wenigstens besteht für mich keine Verletzungsgefahr, wenn ich mich mit ihr im Bett wälze – keine spitzen Knochen, keine Krallen.“

„Das ist ja wohl die Höhe!“ Die Schauspielerin schnappte nach Luft, stieg in ihr Kleid und warf wütend den Kopf zurück. „Du hast mir versichert, solo zu sein. Wie konnte ich dir nur glauben?“

Aber Leandro beachtete sie gar nicht. Er hatte nur Augen für die junge Frau auf seinem Bett, die er noch immer mit heißer Leidenschaft begehrte. Auch jetzt knisterte es zwischen ihnen. Er war ihr machtlos ausgeliefert. Auch Millie spürte die unwiderstehliche Anziehungskraft, versuchte jedoch, sie zu ignorieren.

So leicht wollte die Hollywoodschönheit ihre Beute jedoch nicht aus den Klauen lassen. Begehrlich ließ sie den Blick über seinen schönen Körper gleiten. „Mir ist klar, dass du nicht mit ihrem Auftauchen gerechnet hast. Die Frauen werfen sich dir ja nur so an den Hals. Schick sie weg, dann fangen wir noch mal von vorn an. Ich verzeihe dir.“

Darauf pfiff Leandro, und er drängte die Schauspielerin zur Tür. „Du musst lernen, nett zu anderen Frauen zu sein. Wenn bei einer Vorstandssitzung mit harten Bandagen gekämpft wird, ist das für mich in Ordnung, aber in meinem Schlafzimmer haben sie nichts zu suchen.“

Zornrot im Gesicht zückte der Filmstar das Handy. „Es stimmt aufs Wort, was man sich über dich erzählt, Leandro Demetrios. Du bist kalt und herzlos und hast gerade verpasst, wovon jeder Mann auf diesem Planeten träumt.“

„Was soll das sein?“ Fragend hob er eine Augenbraue. „Ruhe und Frieden?“

„Mich!“, schleuderte sie ihm entgegen. „Und erspar mir deinen Anblick, wenn du wieder in L. A. bist.“ Außer sich vor Wut, wandte sie sich dem Mädchen auf dem Bett zu. „Und Sie müssen verrückt sein, wenn Sie glauben, dass er treu ist.“

Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass die Brillantohrringe noch an Ort und Stelle saßen, stürmte sie hinaus. Wenig später knallte unten die Haustür zu.

Leandro sah Millie an. „Falls du jetzt anfängst zu weinen, kannst du gleich wieder verschwinden“, sagte er leise. „Was hast du eigentlich erwartet, wenn du mich in meinem Schlafzimmer empfängst?“

„Ich denke gar nicht daran, deinetwegen auch nur eine Träne zu vergießen. Du kannst mir schon lange nicht mehr wehtun.“

Aber du mir, dachte er mürrisch. „Und was willst du hier?“

„Das kannst du dir doch wohl denken. Ich will das Baby holen.“

Das Baby. Natürlich! Einen Moment hatte er sich eingebildet, sie wäre seinetwegen zurückgekommen.

Wie konnte er nur so dumm sein? „Ich meinte natürlich, was du um Mitternacht in meinem Schlafzimmer machst.“ Vorsichtshalber schloss er die Tür. Sein Personal war zwar durchaus vertrauenswürdig, aber man konnte nie wissen, ob nicht der eine oder andere doch versucht war, die heißeste Story seit Langem meistbietend an die Presse zu verkaufen.

Dass jeder Mensch seinen Preis hatte, hatte Leandro schon als Kind hautnah erfahren.

„Außerdem würde mich interessieren, wie du ins Haus gekommen bist.“

„Wir sind noch immer verheiratet, Leandro. Auch wenn du das vergessen haben solltest.“

„Gar nichts habe ich vergessen! Dein Timing ist übrigens perfekt. Meine heiße Nacht voller Leidenschaft kann ich mir nun abschminken.“

Millie funkelte ihn angriffslustig an. „Wieso? Es ist dir doch noch nie schwergefallen, Ersatz zu beschaffen. Denn in einem hatte die Frau vollkommen recht: Du bist wirklich ein ausgemachter Mistkerl.“

„Seit wann fluchst du, Millie? Das passt nicht zu dir.“ Er durchquerte das Zimmer und griff nach einer Whiskyflasche. Seltsam, äußerlich war er völlig ruhig. „Ich weiß gar nicht, worüber du so wütend bist. Du hast mich verlassen, nicht umgekehrt. Ich hätte durchgehalten.“

„Das klingt ja wie ein Ausdauertest. Du hast seltsame Ansichten von einer Ehe, Leandro. Kein Wunder, dass unsere so schnell gescheitert ist. Du bist so unglaublich unsensibel.“

„Ich lebe nur mein Leben. Was ist daran unsensibel?“ Er schenkte sich ein Glas ein. „Das Bett neben mir war leer. Also habe ich dafür gesorgt, dass sich wieder jemand hineinlegt. Das kannst du mir wohl kaum zumVorwurf machen. Möchtest du auch etwas trinken?“

„Nein danke.“

„Wenigstens beherrscht du noch deine guten Umgangsformen.“ Mit einem finsteren Lachen hob er das Glas. „Erzähl mir jetzt nicht, dass Alkohol dick macht und du auf dein Gewicht achtest.“

„Nein, ich achte höchstens auf meine Zunge. Wenn ich trinke, löst sie sich, und dann erzähle ich dir, was ich von dir halte. Keine gute Idee, oder?“

„Du kannst es mir ruhig sagen. Ich bin ja froh, dass du deine Gefühle überhaupt zum Ausdruck bringst. Konfrontation ist tausendmal besser als Rückzug.“

Verzweifelt schloss sie die Augen. „Aber ich mag keine Konfrontation. Außerdem bin ich nicht hergekommen, um mich mit dir zu streiten.“

„Das glaube ich dir aufs Wort.“ Nachdenklich betrachtete er sein Glas. „Du redest nicht über deine Probleme, oder? Du warst auch nie bereit, unsere Beziehungsprobleme zu lösen. Es ist ja viel einfacher, davonzulaufen, wenn sie auftauchen.“

„Wie kannst du so etwas behaupten? Du warst es doch, der …“ Weil sie es nicht ertragen konnte, es auszusprechen, verstummte sie.

„Der was?“, fragte er lauernd. „Sag mir endlich, was du mir eigentlich vorwirfst, Millie!“

„Das weißt du ganz genau. Aber ich bin nicht hier, um darüber zu reden. Du bist ein … ein …“

Verwundert stellte er fest, dass sie völlig außer Atem war.

„Wann lernst du endlich, einen Satz zu beenden, agape mou?“, erkundigte er sich gelangweilt und ohne eine Spur von Mitleid. Warum sollte er Mitleid mit ihr haben? Er hatte ihr eine einmalige Chance gegeben. Und was tat sie? Sie verließ ihn bei der erstbesten Gelegenheit! „Du hältst mich also für kalt und herzlos? Das wolltest du doch sagen.“

„Ich wünschte, wir wären uns nie begegnet.“

„Das ist kindisch.“ Er gähnte unterdrückt.

„Unsere Beziehung war ein Desaster“, fuhr sie fort.

„Das stimmt nicht. Anfangs warst du eine Offenbarung im Bett. Außerdem fand ich es sehr amüsant, dass du ständig das falsche Wort zur falschen Zeit gesagt hast.“

„Ich habe nur die Wahrheit gesagt.“ Wütend funkelte sie ihn an. „Dazu hat man mich erzogen. Wenn jemand sagt: ‚Freut mich, Sie zu sehen‘, dann meint er das auch so. In deinen Kreisen ist das nur eine Floskel und keineswegs ernst gemeint. Die Leute küssen sich, obwohl sie einander nicht ausstehen können.“

„Das ist eine ganz normale Begrüßung.“

„Und so oberflächlich wie alles in deiner Welt.“ Jetzt sprang sie vom Bett und kam auf ihn zu. „Und genauso oberflächlich wie unsere Beziehung. Du wirfst mir vor, dich verlassen zu haben. Aber was hätte ich deiner Meinung nach denn tun sollen? Hast du gedacht, ich würde einfach wegschauen? Vielleicht tun das die Frauen in deinen Kreisen. Aber mir war unsere Ehe wichtig – bis du mit einer anderen Frau geschlafen hast. Allerdings nicht mit irgendeiner Frau, sondern ausgerechnet mit meiner Schwester.“ Vor Wut und Verzweiflung hatte sich ihr Gesicht gerötet.

„Beruhige dich, Millie.“

„Warum denn? Dir ist doch egal, was mit mir passiert.“ Schützend legte sie die Arme um sich und sah ihm in die Augen.

Sie hat wirklich Mut, dachte Leandro bewundernd. So kannte er sie gar nicht. Er war richtig beeindruckt von seiner Frau.

Geistesabwesend trank er einen Schluck und dann noch einen, bis das Glas leer war.

„Es wundert mich, dass du überhaupt zurückgekommen bist.“

Erschöpft setzte Millie sich auf die Bettkante – müde, durchnässt und ratlos. „Das zeigt nur, dass du mich noch weniger kennst, als ich dachte.“

„Ich kenne dich überhaupt nicht, Millie.“ Ihre ganze Ehe war nur eine Illusion gewesen.

„Woran das wohl liegt? Du hast dir überhaupt keine Mühe gegeben, mich näher kennenzulernen, weil du nur an Sex interessiert bist. Wahrscheinlich hat dich an mir gereizt, dass ich anders bin – ein Mädchen vom Land, das auf dem Bauernhof seiner Eltern arbeitet. Aber der Reiz des Neuen war schnell verflogen. Du wolltest, dass ich in deine Welt passe. Aber das funktionierte natürlich nicht.“

Interessiert stellte Leandro fest, dass ihre Wut langsam verflog. Millies Blick glitt über seinen nackten Oberkörper, bevor sie Leandro wieder in die Augen sah. Es war, als hätte jemand ein Feuer zwischen ihnen entfacht, bis sie sich mit einem Seufzen abwandte. „Wage es ja nicht, Leandro“, warnte sie ihn. „Du tust gerade so, als hätte sich nichts zwischen uns geändert.“

„Wieso? Du hast doch mich angesehen“, antwortete er mit Unschuldsmiene.

„Wundert dich das? Du bist halb nackt.“

„Stört dich das?“

„Nein. Ich empfinde nichts mehr für dich.“

„Das ist eine glatte Lüge. Dein Problem besteht darin, dass du dich zu einem schlimmen Jungen hingezogen fühlst, und das geht natürlich nicht.“

„Ich bin nicht deinetwegen hier.“

„Natürlich nicht.“ Er sah, wie sie zurückzuckte. „Du bist ja nicht daran interessiert, unsere Ehe zu retten. Unsere Beziehung war dir nie wichtig.“ Voller Verachtung schenkte er sich ein zweites Glas ein. Wie viel er wohl trinken musste, um seine Gefühle zu betäuben?

„Bist du betrunken, Leandro?“

„Leider noch nicht. Aber ich arbeite daran.“

„Du bist wirklich völlig verantwortungslos.“

„Auch daran arbeite ich.“ Er hob das Glas und sah sie an. Dabei bemerkte er, dass ihre Schuhsohle sich gelöst hatte. Normalerweise achtete Millie immer sehr auf ihr Äußeres. „Du siehst schrecklich aus.“

„Na ja, wer kann sich schon mit einem Hollywood-Filmstar messen?“ Instinktiv hob sie die Hand, um sich das feuchte Haar aus dem Gesicht zu streichen, überlegte es sich jedoch anders. „Sie ist sehr schön.“

Als er Millies verletzten Tonfall bemerkte, presste Leandro die Lippen zusammen. „Du warst schon immer sehr eifersüchtig.“

„Du bist gemein.“

„Klar bin ich gemein.“ Unwillkürlich ballte er die freie Hand zur Faust.

„Liebst du sie?“

„Jetzt wirst du persönlich.“

„Na und? Hat meine Schwester … wusste Becca, dass du etwas mit der Schauspielerin hast?“

Bei der Erwähnung von Becca hätte Leandro am liebsten die Flasche in einem Zug geleert. „Machst du mich etwa dafür verantwortlich, dass deine Schwester unter Alkohol-und Drogeneinfluss ein Auto zu Schrott gefahren hat?“

„Sie hat nur getrunken, weil du sie zurückgewiesen hast. Sie litt unter Depressionen.“

Ein humorloses Lächeln begleitete seine Antwort. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“

Empört sprang Millie auf und baute sich vor ihm auf. „Hör auf, so über sie zu reden! Sie ist tot. Und wenn jemand dafür verantwortlich ist, dann bist du es. Du hast ihr das Herz gebrochen.“

Da tat Leandro das Unverzeihliche: Er lachte – und bezahlte sofort dafür, Millie gab ihm eine Ohrfeige.

Gleich darauf wich sie erschrocken zurück, als könnte sie nicht glauben, was sie getan hatte. Sie war kreidebleich.

„Auf eine Entschuldigung kannst du lange warten“, murmelte sie leise. „Weißt du, was am schlimmsten ist? Es macht dir gar nichts aus. Wegen Sex hast du unsere Ehe zerstört. Dabei hat es dir nicht einmal etwas bedeutet. Vielleicht hätte ich es verstanden, wenn du sie geliebt hättest. Aber für dich ging es ja ausschließlich um Sex.“

„Hast du ihr das so gesagt?“

„Ja. Ich habe sie in Arizona im Krankenhaus besucht. Ich wollte es verstehen. Sie hat zugegeben, so verliebt in dich zu sein, dass sie nicht mehr klar denken konnte.“

„Sie wusste genau, was sie tat“, widersprach er sofort. „Deine Schwester hat nur sich selbst geliebt.“

„Du bist zynisch.“

„Ich sage nur, wie es ist.“

„Dann hast du also unsere Ehe wegen einer Frau zerstört, die dir überhaupt nichts bedeutet hat?“

„Ich habe unsere Ehe nicht zerstört, agape mou. Das hast du getan. Du ganz allein.“

Schockiert sah sie auf. „Wie kannst du so etwas behaupten? Hätte ich etwa ein Auge zudrücken sollen, als du mit meiner Schwester geschlafen hast? Da kennst du mich aber schlecht. Ich verstehe nur nicht, warum du mich geheiratet hast, wenn du in Wirklichkeit meine Schwester wolltest.“

„Hast du vielleicht einmal darüber nachgedacht? Bist du zu einer Erkenntnis gekommen?“

Seine Frage verwirrte sie nur noch mehr. Offensichtlich so sehr, dass sie den Tatsachen nicht ins Auge sehen konnte.

Sie hatte geglaubt, was sie gesehen hatte – ohne den geringsten Zweifel daran zu hegen. Wahrscheinlich war es ihr egal gewesen. Und das tat weh.

Millie war der einzige Fehlschlag für den vom Erfolg verwöhnten Leandro.

Um sich etwas zu entspannen, lockerte er die verspannten Schultern. Das Muskelspiel schien Millie zu faszinieren, denn sie sah wieder auf.

Sie biss sich auf die Lippe. „Tu mir bitte einen Gefallen, Leandro, zieh dir ein Hemd über. Wenn du so halb nackt vor mir stehst, können wir uns nicht vernünftig unterhalten.“

„Ich erinnere mich an Gespräche mit dir, bei denen wir beide nackt waren“, erwiderte er anzüglich.

„Sicher, aber ich möchte, dass du dich wieder anziehst.“

„Warum? Gefällt dir der Anblick meines Körpers nicht mehr?“ Doch er hob das am Boden liegende Hemd auf. „Oder gefällt er dir so sehr, dass du dich nicht konzentrieren kannst?“ Während er das Hemd anzog, bemerkte, dass alle Knöpfe fehlten, und zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Sie war etwas zu eifrig. Tut mir leid.“

„Schon gut.“ Millie wandte den Blick ab. „Die Zeitungen berichten seit Tagen über diese Angelegenheit. Es ist furchtbar! Offensichtlich wissen sie auch von dir und meiner Schwester und haben erfahren, dass das Baby hier ist.“ Ihre Stimme bebte. „Wo ist es?“

„Es schläft oben“, antwortete Leandro knapp, ging zum Fenster und sah auf den Garten hinaus. „Man hat es aus der Klinik direkt hergebracht. Deine Schwester hat den Kleinen einfach alleingelassen und ist losgerast. Er hat sich die Seele aus dem Leib geschrien, als man ihn fand.“ Noch immer geriet Leandro außer sich, wenn er daran dachte. „Offenbar hatte sie überhaupt keine Muttergefühle.“ Anscheinend wiederholte sich das in seinem Leben.

„Sie war krank.“

„Da stimme ich dir ausnahmsweise mal zu.“ Von Gier zerfressen … Oje, jetzt vermischte er die Vergangenheit mit der Gegenwart. Schnell riss er sich zusammen. „Warum sie das Kind wohl zu mir gebracht haben?“, dachte er laut nach.

„Angeblich hat sie in der Klinik eine Nachricht hinterlassen, in der sie dich als Vater angibt. Sie wollte, dass das Baby zu seiner Familie kommt.“

Unglaublich, wie naiv Millie war! „Ich glaube eher, sie wollte sichergehen, dass wir uns nicht versöhnen.“

„EineVersöhnung stand nie zur Debatte, Leandro. Wo ist das Baby? Ich möchte es jetzt gern mitnehmen.“

„Wohin willst du denn? Es ist schon nach Mitternacht.“

„Ich habe mir ein Zimmer in einer Pension genommen.“

„In einer Pension?“ Er musterte sie ungläubig und fasziniert zugleich. Diese Frau war ihm wirklich ein Buch mit sieben Siegeln.

„Ja.“

„Du willst also tatsächlich das Kind zu dir nehmen, das angeblich einer Affäre zwischen deiner Schwester und mir entsprungen ist? Hast du dich nie gefragt, ob deine Schwester dich nicht belogen hat?“

„Sie hat die Wahrheit gesagt.“

Er verzog das Gesicht. „Du bist unglaublich. Deine Schwester hat deine Ehe zerstört. Sie hat dich verletzt. Und du willst dich um ihr Baby kümmern? Was bist du, Millie? Ein Fußabtreter?“

Wütend funkelte sie ihn an. „Ich übernehme lediglich Verantwortung. Aber das ist für dich natürlich ein Fremdwort. Natürlich bin ich wütend auf meine Schwester. Das ist ein schreckliches Gefühl, da sie ja tot ist. Es ist mir unverständlich, wie sie mir das alles antun konnte. Sie hat sich unmöglich benommen. Ich habe keine Ahnung, ob ich ihr je verzeihen kann. Sie hat mein Vertrauen missbraucht. Aber wenigstens war sie in dich verliebt. Wahrscheinlich hat es ihr am Ende leid getan.“

Einen kurzen Moment hielt sie inne, dann fuhr sie fort: „Wahrscheinlich haben die Schuldgefühle dazu geführt, dass sie depressiv wurde. Wie auch immer, das Baby kann nichts dafür. Meine Schwester ist tot, und du kannst dich nicht um den Kleinen kümmern, also nehme ich ihn zu mir. Ich werde ihn liebevoll großziehen.“

„Du willst dich tatsächlich des Bastards deines Ehemannes annehmen?“

„Nenn ihn nicht so!“ Wütend funkelte sie ihn an. „Ja, ich werde mich um den Kleinen kümmern. Er ist schließlich erst einVierteljahr alt und völlig hilflos.“

Jetzt war es Leandro, der sie von oben bis unten musterte. Sie war nicht im klassischen Sinne schön, aber doch sehr anziehend. „Du hast deiner Schwester also vergeben.“

„Noch nicht. Aber ich halte ihr zugute, wie du auf Frauen wirkst. Selbst dieser Filmstar vorhin war bereit, sich zu erniedrigen, um eine Nacht mit dir zu verbringen. Warum hast du mich eigentlich geheiratet, wenn du doch genau wusstest, dass du nicht treu sein kannst?“

„Im Moment weiß ich das auch nicht, Millie.“

„Unsere Ehe war einfach nur ein Spiel für dich.“

„Das ist nicht wahr. Außerdem hast du dich bei der erstbesten Gelegenheit aus dem Staub gemacht.“

„Dann ist ja jetzt alles gesagt, und du kannst mir das Baby übergeben.“

„So einfach, wie du denkst, ist das nicht. Vor dem Haus lauern Paparazzi. Was meinst du, was die tun, wenn du mit dem Baby im Arm auftauchst?“

„Es würde sicher kein gutes Licht auf dich werfen. Aber das ist dir doch völlig egal. Dich hat noch nie gekümmert, was andere Menschen von dir halten. Sonst würdest du dich nicht so verhalten.“

Allmählich war er drauf und dran, die Beherrschung zu verlieren, und atmete tief durch. „Wir unterhalten uns weiter, sowie du trockene Sachen anhast. Und nächstes Mal benutzt du bitte denVordereingang und schleichst dich nicht ins Haus wie eine Einbrecherin.“

„Damit die Journalisten mich abfangen?“, fragte sie provokant.

Nachdenklich sah er sie an. Selbst in diesem Aufzug begehrte er sie. „Die werden verschwinden, sobald sie merken, dass es nichts zu berichten gibt.“

Millie schien ihm gar nicht zugehört zu haben. „Sowie meine Sachen trocken sind, verlasse ich mit dem Baby das Haus. Dann bist du uns endgültig los.“

Schweigend beobachtete er, wie sie im Badezimmer verschwand. Sollte sie doch noch einige Minuten glauben, sie käme damit durch.

Seine Frau war wieder da.

Und er würde dafür sorgen, dass sie bei ihm blieb.

2. KAPITEL

Wie gelähmt stand Millie vor dem Spiegel des großen, luxuriösen Badezimmers. Sie hatte nicht einmal die Kraft, nach einem Handtuch zu greifen.

Kein Wunder, dass er mich betrogen hat, dachte sie bekümmert angesichts ihres desolaten Anblicks.

Leandro Demetrios war ein Bild von einem Mann – und sie?

Unauffällig.

Sie war einfach nur unauffällig.

Wie lange hatte es jeden Tag gedauert, die ungebändigten Locken zu glätten, so wie es ihre Umwelt von ihr erwartet hatte? Trotz des Gewichts, das sie im letzten Jahr vor Kummer verloren hatte, waren ihre Brüste noch immer groß und die Hüften kurvig geschwungen.

Kein Wunder, dass er sich für ihre Schwester entschieden hatte.

Sie verdrängte diese Gedanken und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Da sie ihren Mann an eine andere Frau verloren hatte, brauchte sie sich jetzt wenigstens nicht mehr zu verstellen und konnte wieder sie selbst sein. Was hatte sie zu verlieren?

Nichts!

Denn sie hatte bereits alles verloren.

Trotzdem wurden ihr immer neue Steine in den Weg gelegt. Die neuste Herausforderung war das Baby – nicht ein eigenes, das sie sich so sehr gewünscht hatte, sondern das ihres Ehemanns und ihrer Schwester.

Theoretisch war sie bereit, sich um das Kind zu kümmern. Aber würde sie daran nicht zerbrechen?

Hoffentlich stand sie das alles durch!

Das Wiedersehen mit Leandro hatte sie sich ohnehin schwierig vorgestellt, aber ihn mit einer anderen Frau zu sehen, hatte ihr unerträgliche Qualen bereitet. Dass sie noch immer nicht über ihn hinweg war, verstörte Millie.

„Millie?“ Barsch drang Leandros Stimme durch die verschlossene Tür.

Wieso ist er so verärgert?, überlegte sie. Eigentlich müsste er ihr dankbar sein, weil sie ihm das Baby abnahm.

„Ja, gleich.“ Beim letzten Blick in den Spiegel nahm sie sich vor, stark zu sein und liebevoll für das Kind zu sorgen. Schließlich konnte der Kleine nichts dafür, dass seine Eltern ihr so wehgetan hatten.

Entschlossen ging sie zur Tür und schloss auf.

Leandro lehnte am Türrahmen und musterte sie mit finsterem Blick. „Was hast du eigentlich in der letzten halben Stunde da drinnen gemacht? Du siehst genauso aus wie vorher. Warum hast du nicht geduscht und dich umgezogen? Wenigstens die Haare hättest du dir föhnen können.“

Das hatte sie völlig vergessen. „Ich habe keine anderen Sachen dabei“, erklärte sie leise.

Ungehalten berührte Leandro ihr feuchtes Haar. „Wieso nicht?“

„Weil ich meinen Koffer im Zug vergessen habe. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders. Aber ich bleibe ja sowieso nur eine Nacht in London. Es ist also halb so wild.“

„Du hast noch Sachen hier, die du anziehen kannst“, schlug er vor.

„Meine Sachen sind noch da?“ Erstaunt sah sie in sein Gesicht. Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Warum hätte ich sie entsorgen sollen? Sie sind ganz nützlich für Übernachtungsgäste“, gab er lakonisch zurück.

Für Gäste und nicht weil er auf ihre Rückkehr gehofft hatte!

Das beantwortete die Frage ihrer schlaflosen, tränenreichen Nächte, in denen sie überlegt hatte, ob er sie wohl vermisste. Offensichtlich hatte Leandro sie nur als willkommene Abwechslung betrachtet und sie nie geliebt.

Solange sie in ihrer eigenen kleinen Welt gelebt hatten, war alles in Ordnung gewesen. Erst als sie in Leandros Welt zurückgekehrt waren, hatten sich Probleme eingestellt.

Hast du dir wirklich eingebildet, du könntest ihn halten? Die Frage ihrer Schwester wiederholte sich ständig in Millies Gedanken.

Sie schob die Gefühle beiseite und fragte: „Wer hat sich bisher um das Baby gekümmert?“

„Zwei Kindermädchen wechseln sich ab. Und nun zieh dich um, Millie. Es fehlt mir gerade noch, dass du dir eine Lungenentzündung holst.“

„Mir ist nicht kalt.“

„Warum zitterst du dann?“

Konnte er sich das denn nicht denken? Aber selbstbewusste Männer wie Leandro Demetrios hatten vermutlich noch nie etwas von Unsicherheit gehört.

„Ich zittere, weil ich mich in einer … schwierigen Situation befinde“, erklärte sie nach kurzem Nachdenken.

„Schwierig?“ Er presste die Lippen zusammen. „Wenn du das schwierig nennst, dann mach dich mal auf was gefasst!“

Was sollte das denn heißen?

Konnte es etwas Schlimmeres geben, als gezwungen zu sein, bei dem Mann zu sein, den sie über alles liebte, aber dessen Ansprüchen sie auf Dauer nicht genügt hatte? Gab es etwas Schlimmeres, als sich um das Kind zu kümmern, das er mit ihrer Schwester gezeugt hatte? Schwieriger konnte es doch kaum werden, oder?

Millie hatte das Gefühl, am Abgrund zu wandeln. Sie atmete einmal tief durch. „Ich würde jetzt gern meinen Neffen sehen.“ Entschlossen zog sie die nasse Strickjacke enger um sich und zitterte noch heftiger. „Wo ist er?“

„Um diese Zeit schläft er. Was dachtest du denn?“ Leandro verschwand im Ankleidezimmer und kehrte kurz darauf mit einigen Kleidungsstücken zurück. „Zieh das an. Die Sachen sind wenigstens trocken.“

„Das ist ja die Jeans, die ich getragen habe, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind“, rief sie überrascht.

„Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um in Erinnerungen zu schwelgen. Geh zurück ins Badezimmer, und zieh dich endlich um“, befahl Leandro.

Mit einem Seufzen betrat Millie erneut das Badezimmer.

Das Licht schaltete sich automatisch ein. Bei ihrem ersten Besuch war sie begeistert durch alle Räume gegangen und hatte beobachtet, wie sich das von Sensoren gesteuerte Licht und die Heizung selbsttätig anschalteten. Leandro hatte sein Haus nach neuesten energietechnischen Erkenntnissen ausgestattet. Es besaß sogar einen Staubsaugerroboter.

Für Millie war das alles wie ein Traum gewesen.

Leider war der jetzt ausgeträumt. Nachdenklich zog sie sich aus, rubbelte sich mit einem angewärmten Handtuch trocken und schlüpfte in Jeans und einen seidenen grünen Pulli.

Wie die Frau eines Milliardärs sehe ich noch immer nicht aus, dachte sie bei einem Blick in den riesigen Spiegel, bevor sie das Badezimmer wieder verließ.

„Kann ich jetzt endlich das Baby sehen?“, fragte sie sofort. Natürlich hatte sie keine Ahnung, wie sie auf das Kind reagieren würde. Hoffentlich ging alles gut, und der Anblick des Kleinen brach ihr nicht das Herz.

Doch Leandro holte ein Handtuch und rubbelte energisch Millies Haare. „Jetzt warst du zweimal im Badezimmer, und dein Haar ist noch immer klitschnass“, schimpfte er.

„Dann solltest du in einen Föhn investieren, der nasses Haar automatisch trocknet.“

Der Schatten eines Lächelns blitzte in seinen dunklen Augen auf. Vermutlich erinnerte er sich daran, wie viel Spaß es ihr bereitet hatte, all die ausgeklügelten Technologien auszuprobieren. „Was hast du eigentlich die ganze Zeit da drinnen gemacht?“, fragte er brummig.

An dich gedacht. Über mein Leben nachgedacht. „Ich habe versucht, mich vor dem grellen Licht zu verstecken.“ Da Leandro nicht gerade sanft vorging, zuckte Millie zusammen. Wahrscheinlich zerzauste er ihr Haar noch mehr.

Doch ihr Aussehen spielte ja keine Rolle mehr.

Endlich legte Leandro das Handtuch wieder auf den beheizten Handtuchhalter. „So, das reicht.“

„Ja, warum sollte man sich übermäßig anstrengen, wenn das Ergebnis doch unbefriedigend ist“, bemerkte Millie.

„Was soll das denn schon wieder heißen?“ Er musterte sie mit gerunzelter Stirn.

„Nichts.“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Kann ich jetzt da Baby sehen?“ Dem Kleinen würde es wenigstens nichts ausmachen, dass ihr Haar nicht geföhnt war.

Im Leandros Leben fühlte sie sich fehl am Platz. Aber sie war ja auch nur hergekommen, um das Baby zu holen. Es war verlassen und ungeliebt. Genau wie ich, dachte Millie.

Ein ganzes Jahr lang hatte sie sich versteckt – aus Selbstschutz. Wäre das Baby nicht gewesen, hätte sie ihr Versteck auch jetzt nicht verlassen. Dabei hätte sie sich gar nicht verbergen müssen, weil Leandro sowieso nicht nach ihr gesucht hatte.

Millie ging zur Tür und wandte sich kurz um.

„Du kannst das Baby sehen, vorausgesetzt, du weckst es nicht“, erklärte Leandro.

Erstaunt sah sie ihn an. Was kümmerte es ihn, ob das Kind aufwachte? Er konnte doch froh sein, wenn sie es ihm abnahm und mit ihm verschwand!

Auf dem Weg nach oben fiel Millies Blick auf die kostbaren Gemälde im Treppenhaus. Normalsterbliche mussten ins Museum gehen, um solche Kunstwerke zu bewundern. Leandro hingegen brauchte nur durchs Haus spazieren, um sich an ihnen zu erfreuen.

„Du hast das Baby tatsächlich im äußersten Winkel untergebracht, oder?“, fragte sie ungehalten.

„Soll er vielleicht bei mir im Schlafzimmer nächtigen?“

„Das wäre wohl tatsächlich der unpassendste Ort für ein Baby“, gab sie zurück und musste Halt an der Wand suchen, weil das Bild von Leandro und dieser grazilen Schauspielerin vor ihrem geistigen Auge erschien.

Natürlich war er nach dem Scheitern ihrer Ehe nicht lange allein geblieben, das war ihr völlig klar. Leandro war ausgesprochen männlich und zog die Frauen an wie Motten das Licht. Weder sie noch ihre Schwester hatte seinem Charme widerstehen können.

Wie naiv, sich einzubilden, dass die Ehe mit Leandro funktionieren könnte! Mit seinem Charme und den vielen Komplimenten hatte er ihr völlig den Verstand vernebelt. Vorübergehend hatte sie sogar geglaubt, sie wäre schön.

Am anderen Ende des Korridors hielt er ihr eine Tür auf. Als Millie versehentlich den Waschbrettbauch mit dem Arm streifte, wurde ihr sofort heiß.

Ein Kindermädchen in Tracht erhob sich hastig. „Er ist sehr unruhig, Mr. Demetrios“, flüsterte sie. „Er hat geweint und das Fläschchen verweigert. Jetzt schläft er, aber ich habe keine Ahnung, wie lange.“

Mit einer aristokratischen Kopfbewegung schickte Leandro sie aus dem Zimmer.

Ist er schon immer so furchteinflößend gewesen?, überlegte Millie. Wahrscheinlich, aber mit ihr war er immer freundlich und sanftmütig umgegangen. Es hatte ihn amüsiert, dass sie nicht wusste, wer er wirklich war. Der wilde Tiger hatte sich in einen Schmusekater verwandelt. Das hieß aber nicht, dass sie ihn gezähmt hatte. Das würde wohl keiner Frau gelingen.

„Dein Neffe“, stellte Leandro leise vor und wies auf ein Kinderbett.

Auf Zehenspitzen näherte sie sich. In Gedanken hatte sie sich diese Szene oft vorgestellt: Leandro und sie beugen sich über ein Kinderbett und bewundern ihren Nachwuchs.

Millie atmete tief durch und betrachtete den schlafenden Säugling, der so reglos dalag, dass sie ihn am liebsten berührt hätte, um zu prüfen, ob er überhaupt noch atmete.

Das konnte Leandro gerade noch rechtzeitig verhindern. Mit einem energischen Griff zog er ihre Hand weg.

„Alles in Ordnung. Er sieht immer so aus, wenn er mal schläft, was leider eher selten der Fall ist.“

„Ich dachte …“

„Ja, ich habe am Anfang auch gedacht, dass er nicht mehr atmet. Einmal habe ich ihn sogar geweckt, um mich zu vergewissern, dass er noch lebt.“ Er lächelte verlegen. „Das Gebrüll war ohrenbetäubend. Leider schläft er nur schwer wieder ein. Einmal bin ich drei Stunden mit ihm durchs Haus marschiert, bevor er endlich wieder die Augen zugemacht hat.“

Erstaunt sah Millie ihn an. Das passte gar nicht zu dem Mann, der ständig das Handy am Ohr hatte, um Geschäfte zu machen.

Dann konzentrierte sie sich wieder auf den Jungen. Der Kleine hatte lange dunkle Wimpern und schwarzes Haar. Wie süß er war!

„Du armes Ding“, flüsterte sie und strich ihm behutsam über den Kopf. „Du vermisst deine Mum und fragst dich sicher, was du hier verloren hast.“ Aus dem Augenwinkel fing sie Leandros verblüfften Blick auf und errötete verlegen. „Du hältst mich wohl für völlig verrückt, weil ich mit einem schlafenden Baby rede.“

In seinem Blick erkannte sie, dass auch er an das Kind dachte, das sie gemeinsam hätten haben können. Millie zuckte vor Schmerz zusammen und wandte sich schnell ab. „Er ist wirklich süß, und das Haar hat er von dir.“

„Das wäre ein absolutes Wunder“, antwortete Leandro barsch. „Aber ich versichere dir, dass deine Schwester tatsächlich seine Mutter war.“

Darauf ging Millie nicht ein. „Becca hat immer bekommen, was sie wollte.“ Sogar den Ehemann ihrer Schwester. „Genau wie du strotzte sie nur so vor Selbstbewusstsein.“

„Sie war eben eine Führungspersönlichkeit.“

„Ja.“ Becca war ihr in allem überlegen gewesen. Schon als Kleinkind hatte Millie immer im Schatten ihrer brillanten Schwester gestanden.

„Komm, wir wollen ihn nicht aufwecken.“ Leandro schob sie aus dem Zimmer. „Hast du schon was gegessen?“

„Nein.“ Wie konnte er jetzt ans Essen denken? „Es ist nach Mitternacht. Ich hatte vor, direkt zur Pension zu gehen.“

„Kommt nicht infrage. Wir müssen reden, und ich brauche dringend einen Kaffee. Lass uns in die Küche gehen.“

Millie war viel zu erschöpft, um ihm zu widersprechen. Auch die Küche hatte sie immer fasziniert. In ihr verband sich modernes Design mit bewährter Tradition. Ein großer Herd bot Wärme und strahlte Gemütlichkeit aus. Durch eine Glaswand hatte man einen herrlichen Ausblick auf den gepflegten Garten und den Eindruck, im Freien zu sitzen.

„Setz dich, sonst kippst du noch um vor Müdigkeit.“ Leandro ging zur Espressomaschine und mahlte Kaffeebohnen.

Das Geräusch verstärkte Millies Kopfschmerzen. „Du machst den Espresso noch immer auf die herkömmliche Art, wie ich sehe.“ Auch das hatte sie von Anfang an beeindruckt: Für Leandro musste immer alles perfekt sein – ob es nun um Kunst, Kaffee oder Frauen ging. Umso überraschender, dass er mich geheiratet hat, dachte sie.

Bewundernd beobachtete sie das Muskelspiel seiner Arme. Er ist so stark, nicht nur körperlich, sondern auch geistig und psychisch. Kein Wunder, dass er immer und überall die Führung übernimmt und die Frauen ihm zu Füßen liegen.

„Warum hast du mir nicht mitgeteilt, dass du den Jungen aufgenommen hast?“, fragte sie schließlich. „Wieso musste ich das aus der Zeitung erfahren?“

„Du hast mich verlassen. Wie sollte ich ahnen, dass dich das interessiert?“, erwiderte er schroff und griff nach einer Tasse.

Betroffen hielt Millie sich an einer Stuhllehne fest. „Warum bist du so wütend auf mich? Du könntest wenigstens ein schlechtes Gewissen haben. Stattdessen …“

„Stattdessen?“

„Du bist außer dir vor Wut, und ich verstehe nicht, wieso.“

Statt einer Erklärung fragte er kühl: „Möchtest du auch einen Espresso?“

„Nein, danke. Du machst ihn immer so stark, dass ich nicht schlafen kann.“

Leandro füllte seine Tasse und setzte sich an den Tisch. „Okay, lass uns reden.“

Wie gebannt lag Millies Blick auf seiner breiten, sonnengebräunten Brust. „Worüber?“

„Jetzt setz dich endlich hin!“

Erschöpft gehorchte sie.

„Du hättest mir sagen sollen, dass du kommst. Dann hätte ich dir den Privatjet geschickt.“

„Völlig unnötig.“

„Wir sind noch immer verheiratet, Millie. Du hast ein Recht auf die Annehmlichkeiten, die dieser Status mit sich bringt.“

„Ich will nichts von dir.“ Sie drückte das Kreuz durch und funkelte Leandro an. „Allerdings könntest du mir die Babyausstattung überlassen. Es wäre die reinste Geldverschwendung, alles doppelt zu kaufen. Morgen nehme ich Costas mit. Dann kannst du dich wieder ganz deinen Geschäften widmen und ungestört deine Nächte genießen.“

„Ich will jetzt nicht über Costas sprechen, sondern über uns.“ Er trank einen Schluck Kaffee.

„Wozu?“ Auf keinen Fall wollte sie die ganze traurige Geschichte noch einmal aufrollen.

„Du hast mir dein Eheversprechen gegeben, Millie – in der kleinen Dorfkirche.“ Behutsam stellte er die Tasse auf den Tisch. „Und dann hast du mich bei Nacht und Nebel verlassen. Was glaubst du wohl, wie ich mich gefühlt habe? Ich bin Grieche. Für mich ist die Ehe heilig und unauflösbar. Wir beide sind für immer aneinander gebunden.“

„Leandro …“

„Jetzt hast du dich entschlossen, zu mir zurückzukehren.“ Ein gefährliches Glitzern leuchtete in seinen dunklen Augen. „Und jetzt bleibst du auch.“

3. KAPITEL

Fassungslos starrte Millie ihn an. Als sie den Sinn seiner Worte erfasst hatte, sprang sie entrüstet auf. „Du erwartest, dass ich zu dir zurückkehre? Und du wirfst mir vor, dich verlassen zu haben?“

„Ja, allerdings!“

Wütend betrachtete sie die glänzenden Kochtöpfe an der Wand. „Es spricht doch wohl für sich, dass du das Baby hier behalten willst.“

Er lachte bitter. „Ach, Millie, für dich gibt es immer nur schwarz oder weiß. Hast du denn immer noch nicht gelernt, mal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen?“

„Für mich gibt es nur einen Grund, warum du dich vor das Baby stellst“, verkündete sie.

„Mit dieser Auffassung hast du im Geschäftsleben nichts verloren. Mit deinem Tunnelblick bist du zum Scheitern verurteilt. Glaubst du wirklich, ich würde dir das Kind anvertrauen? Ein Kind bedeutet eine ungeheureVerantwortung. Tag und Nacht muss man sich um den Kleinen kümmern. Mit deinem bisherigenVerhalten hast du dich selbst disqualifiziert“, nahm Leandro ihr prompt allen Wind aus den Segeln.

„Was soll das heißen?“

„Sowie du in deinem Leben auf Schwierigkeiten triffst, läufst du weg.“

Diese unfaire Behauptung verschlug ihr fast die Sprache. „Du hast dich mit meiner Schwester eingelassen, Leandro. Was erwartest du von mir? Meinen Segen?“, keuchte sie schließlich aufgebracht.

„Du bist meine Frau. Ich erwarte, dass du mir vertraust.“

Auch er war jetzt aufgesprungen, baute sich vor ihr auf und umfasste entschlossen ihre Schultern. „Beantworte mir bitte eine Frage: Warum hast du mir so sehr misstraut, nach allem, was uns verbunden hat? Du bist einfach mitten in der Nacht verschwunden und hast dich nie wieder bei mir gemeldet, anstatt mich zu fragen, was passiert ist.“

Millie hielt den Blick gesenkt. „Wozu? Ich habe doch Augen im Kopf.“

„Du hast das gesehen, was deine Schwester inszeniert hat.“

„Natürlich ist sie auch nicht ganz unschuldig an der Sache, aber …“

„Sie allein trägt die Schuld, Millie“, erklärte er wütend. „Deine Schwester hat dich hinters Licht geführt, und du hast ihr all diese Lügen geglaubt, die sie dir aufgetischt hat. Darüber war ich so wütend, dass ich dich habe ziehen lassen. Zugegeben, das war ein Fehler. Einer von vielen, die ich in unserer Ehe gemacht habe. Ich hätte dich zurückholen und dich zwingen müssen, den Tatsachen ins Auge zu sehen.“

Um nicht zuhören zu müssen, hielt Millie sich die Ohren zu. „Was soll das, Leandro? Dazu ist es viel zu spät.“

„Wir müssen uns aussprechen, Millie. Schließlich hast du mich einmal geliebt. Oder hast du vielleicht nur den Lifestyle geliebt, den ich dir bieten konnte?“

Das war einfach lächerlich! Gerade sein Lifestyle war ja das Problem gewesen. Doch das würde er wohl nie verstehen.

„Dein Lifestyle hat mich nie interessiert.“

„Nein? Seltsam, warum hast du dann so viel Wert auf dein Erscheinungsbild gelegt?“, fragte er lauernd.

Er hat wirklich überhaupt keine Ahnung, dachte Millie. Sonst würde er die Tatsachen wohl kaum so verdrehen. „Du hast doch gerade gesagt, ich soll hinter die Kulissen schauen, Leandro. Vielleicht solltest du das selbst mal tun.“

„Shopping ist Shopping“, schoss er zurück. „Wie soll man das anders interpretieren? Es sei denn, du hast dir eingebildet, damit die Weltwirtschaft ankurbeln zu können.“

Völlig schockiert sah sie ihn an. „Ich habe doch nur versucht, so zu sein, wie du mich haben wolltest“, erwiderte sie dann leise.

„Was soll denn das nun wieder heißen?“

War das nicht offensichtlich? Hier stand sie nun in ihren ältesten Jeans vor ihm, mit zotteligen Locken und ohne Make-up. In der Edelstahltür des riesigen amerikanischen Kühlschranks spiegelte sich ihr unzulängliches Äußeres. Selbst in der Küche gab es kein Entrinnen.„Ich bin einfach nicht deinTyp. Wir haben einen knappen Monat nach unserem ersten Treffen geheiratet. Das war völlig überstürzt. Wir kannten einander doch gar nicht richtig. Es war ein Fehler.“

„Was war ein Fehler?“ Leandro kam noch näher und zwang sie, ihm in die Augen zu schauen. „Dass du unter mir gelegen und mich angefleht hast, dich zu nehmen?“

Auf einmal spürte sie seine harten Oberschenkel an ihren. „Leandro …“

Er schob eine Hand in ihr Haar. „Oder dass du einen Höhepunkt nach dem anderen erlebt hast – ohne Unterbrechung? War das deiner Meinung nach ein Fehler?“

„Bitte nicht, Leandro.“ Millie wollte ihn von sich schieben, doch als sie seinen Oberkörper berührte, hätte sie ihn am liebsten gestreichelt. Mit letzter Willenskraft riss sie sich zusammen.

„Als du in meinen Armen eingeschlafen bist, hast du da von Fehlern geträumt?“

Verzweifelt schloss sie die Augen. Warum musste Leandro ihre kostbarsten Erinnerungen in den Schmutz ziehen? Der Sex mit Leandro war fantastisch gewesen – geradezu überwältigend. Und doch hatte sie sich schon damals immer wieder gefragt, warum er ausgerechnet sie zu seiner Ehefrau auserwählt hatte. Aber wenn die Wogen der Erregung langsam verebbt waren, hatte er Millie in den Armen gehalten und ihr Zärtlichkeiten zugeflüstert. In diesen Augenblicken hatte sie geglaubt, dass doch noch alles gut werden könnte.

„War es ein Fehler, mir zu sagen, dass du mich liebst, Millie?“, fragte er rau. „Hast du mich belogen?“

„Nein.“

Ob er sie jetzt küssen würde? Doch der Moment verstrich, Leandro ließ sie los und wich zurück. Er verfügte wirklich über eiserne Selbstbeherrschung.

„Offensichtlich weißt du nicht, was du willst, Millie. Darum werde ich dir das Baby nicht überlassen.“ Entschlossen nahm er ihre Hand und zog Millie zum Tisch zurück. „Setz dich!“

„Leandro, du kannst nicht …“

„Ich sagte, du sollst dich hinsetzen. Ich bin noch nicht fertig.“ In diesem unnachgiebigen Tonfall sprach er zum ersten Mal mit ihr. Das war sie nicht gewohnt.

„Ich denke gar nicht daran, dir zuzuhören, wenn du mich so anbrüllst“, entgegnete sie empört.

„Ich brülle nicht.“ Doch er musste tief durchatmen, um sich zu beruhigen.

Wieder überlegte Millie, warum er so wütend auf sie war.

„Du hast mich verlassen, ohne mich überhaupt anzuhören. Dein Misstrauen hat mich tief verletzt. Darum habe ich dich gehen lassen. Aber inzwischen ist mir bewusst, wie geschickt deine Schwester dich manipuliert hat. Ich kann fast nachvollziehen, weshalb du ihr geglaubt hast. In einem Punkt stimme ich dir übrigens zu: Wir kannten uns noch zu wenig. Sonst wärst du nicht einfach fortgelaufen. Du hättest mich auch nicht so vorwurfsvoll angesehen und mir nicht misstraut, wenn du mich besser gekannt hättest.“

„Aber ich habe dich doch gesehen“, wisperte sie.

„Was hast du gesehen, Millie? Deine nackte Schwester und mich im Pool.“

Die Erinnerung schmerzte sie noch immer. „Willst du behaupten, ich hätte mir das eingebildet?“

„Nein. Ich will nur, dass du das Gesamtbild betrachtest. War ich nackt?“ Sein eindringlicher Tonfall forderte eine Antwort. „Hatte ich Sex mit ihr?“

„Nein, nicht im Pool, aber …“

„Fällt dir irgendein anderer Grund ein, warum Becca nackt in meinem Pool gewesen sein könnte?“

„Ehrlich gesagt, nein.“ Millie wünschte, er würde sich wieder setzen und sie nicht von oben herab anklagend mustern.

Diese Antwort enttäuschte Leandro. Frustriert stieß er einen Fluch auf Griechisch aus. „Vielleicht hast du dich in deiner Schwester getäuscht.“

„Es ist unfair, so etwas zu behaupten, wenn sie sich nicht mehr verteidigen kann.“

„Du nimmst sie noch immer in Schutz, oder?“ Wütend funkelte er sie an.

„Du gibst also meiner Schwester die Schuld. Aber du bist auch nicht gerade ein Heiliger, Leandro.“

„Das habe ich nie behauptet.“ Er rang sich ein Lächeln ab.

„Dir eilt ein gewisser Ruf voraus. Bevor wir uns kennenlernten, warst du mit vielen schönen Frauen liiert, hast dich aber nie gebunden.“ Millie biss sich auf die Lippe.

„Und was schließt du daraus?“

„Dass du nicht dazu geschaffen bist, einer Frau treu zu bleiben.“

Leandro wäre fast explodiert vor Zorn. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigt hatte. Als er Millie nun wieder ansah, glitzerten seine dunklen Augen gefährlich. „Also gut, Millie. Da du offensichtlich nur einen Ausschnitt sehen kannst, werde ich dir das restliche Bild zeigen. Aber nur ein einziges Mal. Pass also gut auf!“

„Ich lasse mich von dir nicht einschüchtern!“, protestierte sie.

Schockiert fuhr er zurück. „Aber das tue ich doch gar nicht.“

„Es fühlt sich aber so an.“ Mutig hielt sie seinem Blick stand, bis Leandro den Kopf abwandte und tief durchatmete.

„Das war nicht meine Absicht“, entschuldigte er sich schließlich. „Ich erkläre dir das auch nur, weil du meine Frau bist und ich dir mehr Freiheiten einräume als anderen Menschen.“

Obwohl sie ihn darauf hinweisen wollte, dass sie sich von ihm getrennt hatte, brachte sie kein Wort heraus. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet.

„Sieh mich an, Millie“, forderte Leandro.

Sie gehorchte.

„Ich hatte keinen Sex mit deiner Schwester“, erklärte er ernst. „Während unserer kurzen Ehe war ich dir immer treu. Das Kind ist nicht von mir.“

Wie gern wollte sie ihm glauben! Doch dann fiel ihr ihre Schwester ein. „Aber warum hätte Becca lügen sollen? Das wäre ja …“

„Sie hat gelogen“, entgegnete er schlicht.

„Aber ich habe euch doch gesehen.“

„Ich habe dir gesagt, wie es ist. Was du daraus machst, ist deine Sache. Deine Intelligenz steht außer Zweifel, allerdings solltest du sie auch nutzen.“

Auf einmal hatte Millie das Gefühl, vor einem Berg Puzzleteilchen zu stehen. „Einer von euch muss gelogen haben“, murmelte sie schließlich unsicher.

Leandro lächelte ironisch. „Und deine Schwester kannst du nicht mehr befragen. Du steckst in der Klemme, agape mou.

Wem sollst du glauben? Deinem Ehemann oder deiner toten Schwester?“

Ihre Kopfschmerzen wurden immer stärker. „Du musst wissen, was meine Schwester mir bedeutet hat, Leandro. Als ich eingeschult wurde, hat Becca meine Hand gehalten. Becca hat mir bei den Matheaufgaben geholfen. Becca hat mir gezeigt, wie ich meine Haare glätte und Make-up auflege. Sie war immer für mich da. Sie hat mich aufgebaut, als meine Eltern mich kaum beachtet haben. Es ist schlimm genug, sich vorzustellen, dass sie eine Affäre mit meinem Mann hatte. Aber jetzt unterstellst du auch noch, dass sie sich das nur ausgedacht hat, um mich zu verletzen?“

Sein Schweigen sagte mehr als tausend Worte. Millie stöhnte verzweifelt. „Das ist doch verrückt. Was wollte sie denn damit erreichen? Und wieso erwartest du von mir, dir einfach blind zu vertrauen? Meine Schwester habe ich mein ganzes Leben lang gekannt, dich kenne ich so gut wie gar nicht.“

„Ich erwarte, dass du mir glaubst, weil du meine Frau bist und mir vertrauen und zu mir halten solltest. Leider habe ich davon bisher wenig gemerkt. Unsere Ehe hat schon gelitten, bevor du mich mit deiner Schwester gesehen hast.“ Leandro streckte sich. „Ich nehme an, dass du deshalb nicht mehr mit mir schlafen wolltest.“

Verlegen sah sie zu Boden. „Das ist nicht wahr.“

„Warum hast du mir dann jede Nacht den Rücken zugedreht und vorgegeben zu schlafen? Und wenn ich mal früher nach Hause gekommen bin, hast du Kopfschmerzen oder andere Ausflüchte vorgeschützt. Aus Rücksicht auf deine Unerfahrenheit habe ich dich gewähren lassen. Ich hatte ja keine Ahnung, was in dir vorging.“

Dass er ihre Versuche, ihn auf Distanz zu halten, offenbar sofort durchschaut hatte, beschämte sie. „Du bedauerst sicher sehr, mich geheiratet zu haben“, bemerkte sie leise.

„Willst du wissen, was ich wirklich bedaure, Millie?“ Plötzlich klang er müde und erschöpft und rieb sich den verspannten Nacken. „Dass ich dich nicht ans Bett gefesselt und gezwungen habe, mir zu sagen, was in deinem hübschen Kopf vorgeht. Stattdessen habe ich dich in Ruhe gelassen. Du ahnst ja nicht, wie sehr ich das bedaure.“

„Damit hättest du sowieso nichts erreicht“, behauptete sie.

„Ich war einfach nur müde. Wenn du nicht gerade auf Geschäftsreise warst, sind wir jeden Abend ausgegangen.“ Und jeder Abend hatte deutlicher gezeigt, wie unterschiedlich sie waren. Irgendwann hatte Millie jegliches Selbstvertrauen verloren.

„Müde?“ Er musterte sie ungläubig. „Auf unserer Hochzeitsreise hast du überhaupt nicht geschlafen. Wir haben uns Tag und Nacht geliebt. Du warst mindestens so unersättlich wie ich. Also mach mir nun bitte nicht weis, du hättest mich aus Müdigkeit zurückgewiesen.“

„Leandro …“

„Wir hatten wunderschöne Flitterwochen. Die Probleme tauchten erst auf, als wir wieder zu Hause waren. Plötzlich hast du es nicht mehr ertragen, von mir berührt zu werden. Unglaublich, was du dir alles ausgedacht hast, um mich auf Distanz zu halten. Vermutlich hast du aus diesem Grund auch deine Schwester zu uns eingeladen.“

Er hat wirklich keine Ahnung, dachte Millie verzweifelt. „Jetzt behauptest du vermutlich gleich, dass ich dich zu einer Affäre mit meiner Schwester ermutigt habe.“

„Ich habe alles gesagt, was es zu diesem Thema zu sagen gibt.“

Inzwischen bebte Millie am ganzen Körper. „Ich habe meine Schwester eingeladen, weil ich ihr vertraute und ihre Hilfe benötigte. Wenn ich Probleme hatte, war sie immer für mich da.“

Leandro horchte auf. „Was hattest du für Probleme?“

Sie wünschte, sie hätte sich anders ausgedrückt. Es fiel ihr so schwer, mit Leandro zu reden. Außer unbändiger Leidenschaft hatten sie keine Gemeinsamkeiten. Und wie sollte dieser selbstsichere Mann verstehen, dass sie selbst kaum Selbstbewusstsein besaß? Ausweichend erklärte sie: „Ich habe nicht nur meinen Ehemann verloren, sondern auch meine Schwester. Sie war meine beste Freundin. Und die habe ich schon lange vor dem tödlichen Unfall auf dieser einsamen, staubigen Straße verloren.“

„Ich will wissen, warum du mir drei Monate nach unserer Heirat eine Affäre unterstellt hast, Millie.“

„Ich wusste, was du für einen Ruf hast.“

„Den hatte ich, bevor du mir begegnet bist.“

In Millies Augen schimmerten Tränen. „Aber klar“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Ich bin ja auch eine Schönheit und diesen magersüchtigen Models und Schauspielerinnen, die genau wissen, was sie anziehen und wie sie gehen müssen, haushoch überlegen. Wenn ich einen Raum betrete, werden die natürlich alle zu Mauerblümchen. Weißt du was, Leandro? Du hättest die Beleuchtung in diesem Haus so einstellen sollen, dass sie ausgeht, wenn ich auftauche. Vielleicht hätte das unsere Ehe gerettet.“

„Sarkasmus passt nicht zu dir, Millie. Deine Natürlichkeit und Sanftmut haben mich an dir so fasziniert.“ Forschend sah er sie an. „Immer machst du dich klein. Warum fällt mir das erst jetzt auf?“

„Das weiß ich nicht. Vielleicht, weil wir uns am Anfang nur wenig unterhalten haben und du später zu sehr damit beschäftigt warst, dich darüber aufzuregen, was ich alles falsch mache.“

Sie durfte gar nicht daran denken, wie viel Zeit sie mit Versuchen vergeudet hatte, so zu werden, wie Leandro sie haben wollte. Aber offensichtlich hatte sie auf der ganzen Linie versagt. Nicht einmal acht Stunden im Schönheitssalon konnten ein Mädchen vom Lande in eine Milliardärsgattin verwandeln. „Das wäre alles nicht passiert, wenn du mich nicht einfach allein gelassen hättest mit der Situation“, warf sie ihm vor.

„Was meinst du damit?“ Leandro hatte keine Ahnung, wovon sie redete.

„Du hast mich bei all diesen Partys und Empfängen einfach stehen lassen.“

„Das stimmt nicht. Ich war immer an deiner Seite.“

„Aber du hast dich entweder mit Geschäftsfreunden unterhalten oder irgendwelchen Schönheiten zugelächelt, die entschlossen waren, deine Aufmerksamkeit zu erregen, obwohl du mit mir zusammen warst. Und mich haben die sowieso mit Nichtachtung gestraft.“

„Aber du bist meine Frau.“

„Genau das war das Problem.“

„Das ergibt doch alles keinen Sinn. Als meine Frau hast du einen gewissen Status.“

„Für mich war es der reinste Stress.“

Müde fuhr er sich durchs Haar. „Wenn ich dein Problem verstehen soll, musst du es mir eingehender erklären. Warum hast du es als stressig empfunden, meine Frau zu sein?“

„Weil ich völlig ungeeignet bin für diese Rolle. Ich habe keine Ahnung, warum du mich geheiratet hast. Jedenfalls war es ein Fehler.“

„Ja, du hast recht. Ich habe einen Fehler gemacht.“ Nun trommelte Leandro mit den Fingern auf den Tisch. „Den werde ich jetzt wiedergutmachen. So kann es jedenfalls nicht weitergehen.“

Schockiert sah Millie ihn an. Leandros Worte konnten nur eins bedeuten. „Du willst die Scheidung.“ Unglücklich senkte sie wieder den Blick. Langsam verstand sie sich selbst nicht mehr, aber sie wollte mit ihm verheiratet bleiben. Selbst wenn sie sich nie wieder sehen würden – das letzte Band zwischen ihnen durfte nicht zerschnitten werden. Tapfer sagte sie jedoch: „Gut, wenn du mir das Baby überlässt, stimme ich der Scheidung zu.“

„Sag mal, hast du mir überhaupt zugehört?“, fragte er wütend. „Ich will mich nicht scheiden lassen.“

„Aber du hast doch gerade zugegeben, einen Fehler gemacht zu haben.“

„Ich habe das Gefühl, wir reden ständig aneinander vorbei. Mein Fehler war, dich damals gehen zu lassen. Ich hätte dich zurückhalten und zwingen müssen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Aber ich war so wütend, weil du an mir gezweifelt hast und nicht für unser Glück gekämpft hast.“

„Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Das trug ihr einen zornigen Blick ein. Leandro stand auf und begann, unruhig hin und her zu gehen.

Sie beobachtete ihn – den Mann, den sie liebte. Was mochte er jetzt denken? Unmittelbar darauf drehte er sich um und sah ihr tief in die Augen. Knisternde Spannung legte sich über den Raum.

„Ich habe gesagt, so kann es nicht weitergehen. Das heißt, diese lächerliche Trennung ist vorbei, und du kommst wieder zurück zu mir, wo du hingehörst. Wenn wir Probleme haben, stehen wir die gemeinsam durch. Du wirst nicht wieder weglaufen. Das kann ich ja wohl von der Frau erwarten, die ich zur Ehefrau und Mutter meiner Kinder erkoren habe.“

Millie presste sich eine Hand aufs Herz. „Willst du damit sagen, ich wäre keine gute Mutter?“

Er musterte sie finster. „Im Moment sieht es jedenfalls so aus.“

Das machte sie fassungslos. „Du kennst mich wirklich überhaupt nicht.“

„Nein, aber ich freue mich darauf, dich richtig kennenzulernen. Ich bin gespannt, ob du dich jetzt an unser Treuegelöbnis hältst, Millie. Wenn du dem Kind eine Mutter sein willst, dann nur an meiner Seite, als meine Frau.“

Jetzt hatte es ihr die Sprache verschlagen, und sie starrte ihn schweigend an.

Fragend hob Leandro eine Augenbraue. „Ja oder nein, Millie?“

Schwankend stand sie auf. Da er beabsichtigte, das Baby zu behalten, musste sie davon ausgehen, dass er derVater war. Erwartete er etwa, dass sie darüber hinwegsah? Warum war er eigentlich so wild entschlossen, an dieser Ehe festzuhalten? Aus Stolz? „Warum willst du das, Leandro? Ich verstehe dich nicht.“

„Das ist mir klar. Aber du hast alle Zeit der Welt, zu lernen, mich zu verstehen. Und ich werde mich darum bemühen, dich zu verstehen.“

Als er näher kam, wich sie erschrocken zurück. Schließlich stand sie an der Wand, und Leandro stützte die Hände links und rechts von ihrem Kopf auf. „Du und ich, Millie.“ Seine Stimme klang rau und verführerisch. Ihr stockte der Atem, denn Leandro hatte sie wieder verzaubert – wie damals, als sie einander zum ersten Mal begegnet waren.

„Bitte, Leandro …“, flehte sie.

Doch er umfasste ihr Gesicht und sah ihr tief in die Augen. „Ich möchte, dass du dich an das Eheversprechen hältst, das du mir in der Kirche gegeben hast.“

Mit verlangenden, dunklen Augen sah er sie an, als würde Millies Schweigen eine Antwort auf eine Frage geben, die er noch gar nicht gestellt hatte. „Millie?“

Sie schloss die Augen. Sie wollte ihn fragen, warum er unbedingt das Baby behalten wollte. Er musste doch wissen, welchen Schluss sie daraus ziehen würde. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Leise sagte sie schließlich: „Du kannst unsere Ehe nicht fortführen. Sie war ein Desaster.“

„Nein, nur unsere Kommunikation war ein Desaster. Aber ich habe daraus gelernt, keine Sorge. Mir unterläuft nur selten ein Fehler, und wenn doch, dann mache ich ihn nur einmal.“

„Aber ich kann nicht so sein, wie du es dir wünschst“, rief sie verzweifelt.

Leandro lachte gequält. „Du hast keine Ahnung, was ich mir wünsche, agape mou. Nur so viel: Du wirst mir nie wieder den Rücken zukehren, und du versprichst, vor eventuellen Problemen nicht mehr davonzulaufen.“

„Du willst mich also zurückhaben. Aber innerhalb der letzten zwölf Monate hat sich einiges verändert. Dinge, von denen du nichts weißt.“

„Ich will sie gar nicht wissen“, erklärte er rau, und ihr wurde bewusst, dass er dachte, sie wäre mit einem anderen Mann zusammen gewesen.

„Ich muss dir aber einige Dinge erklären.“

„Einverstanden, aber nicht jetzt. Denk daran, dass ich Grieche bin. Ich versuche zwar, mich modern zu geben, bin in Wirklichkeit aber sehr altmodisch.“ Er neigte den Kopf und wollte Millie küssen, überlegte es sich im letzten Moment jedoch anders und wich einen Schritt zurück. „Nein, dieses Mal überspielen wir unsere Probleme nicht mit Sex. Du siehst erschöpft aus. Leg dich schlafen, Millie. Heute Nacht kannst du in einem der Gästezimmer übernachten, aber ab morgen schläfst du wieder bei mir, wie es sich für eine Ehefrau gehört.“

4. KAPITEL

„Nicht weinen. Ganz ruhig.“ Millie liefen die Tränen über die Wangen, als sie das schreiende Baby hielt und es sanft in den Armen schaukelte.

Voll bekleidet und hellwach hatte sie in einem der Gästezimmer in der Nähe des Kinderzimmers auf dem Bett gelegen und nachgedacht. Als der Kleine sich mit energischem Gebrüll gemeldet hatte, war sie sofort aus dem Bett gesprungen und zu ihm geeilt.

Zunächst hielt sie sich im Hintergrund und überließ es dem Kindermädchen, den kleinen Schreihals zu beruhigen, denn mit ihr war er ja schon vertraut, wohingegen sie ihm noch fremd war. Erst als die Frau nichts ausrichten konnte, schickte Millie sie hinaus und übernahm das Baby.

„Was ist denn los? Hast du Hunger?“, fragte sie und trocknete sich die Tränen. Zärtlich schaute sie ihn an. „Du vermisst wohl deine Mum.“ Allerdings hatte man ihr in der Klinik berichtet, dass Becca sich kaum um ihren Sohn gekümmert hatte.

Das Schreien wurde immer lauter. Millie setzte sich mit dem Baby hin und bot ihm das Fläschchen an, das eins der Kindermädchen zubereitet hatte. „Ist es so richtig?“, fragte sie den Kleinen.„Ich habe noch nie ein Baby gefüttert. Wenn ich etwas falsch mache, musst du noch lauter brüllen.“

Doch der Kleine begann, gierig und geräuschvoll zu saugen.

Da lachte Millie erstaunt. „Du armes Ding! Du bist ja halb verhungert. Nach deiner Mutter gerätst du wohl nicht, denn die hat kaum etwas angerührt.“ Beim Füttern betrachtete sie den Kleinen. Er hatte Leandros Haar und seinen wunderschönen Teint.

„Ist er dein Daddy?“, fragte sie leise und rückte den Sauger zurecht. „Wenn ja, wie soll ich damit leben? Er behauptet, er hätte nichts mit Becca gehabt. Soll ich ihm glauben oder meiner Schwester? Erwartet er, dass ich einfach darüber hinweggehe, dass er Affären hat?“

Das Baby saugte rhythmisch und sah Millie dabei an.

„Wir können doch nicht einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben. In dem einen Jahr hat sich viel verändert. Ich habe mich verändert. Er nimmt an, dass alles ist wie immer.“

In ihren schönen Augen schimmerten Tränen. „Du bist mir keine große Hilfe. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Jedenfalls kann ich dich nicht in seiner Obhut lassen.“

Das zweite Kindermädchen kam ins Zimmer. „Oh, Sie füttern ihn! Von uns wollte er kein Fläschchen nehmen. Ich hatte wirklich genug, als ich gestern Feierabend gemacht habe.“ Sie gähnte. „Selbst Erica, die diesen Job seit zwanzig Jahren macht und alle Tricks kennt, hat es nicht geschafft, ihn zu füttern. Er ist das unglücklichste Baby, mit dem ich es je zu tun gehabt habe. Vielleicht spürt er, dass es Streit darum gibt, wer sein Vater ist. Seine Mutter ist tot und sexy Leandro Demetrios angeblich der Vater. Was für ein Skandal!“ Sie kicherte und kam näher. „Natürlich äußert er sich nicht dazu, aber es spricht ja für sich, dass er den Kleinen aufgenommen hat.“

„Das spricht lediglich dafür, dass er ein umsichtiger Mensch ist“, erwiderte Millie abweisend. „Trinkt der Kleine zu schnell?“

„Nein. Es ist alles in Ordnung, sonst würde er schreien. Ich muss sagen, ich kümmere mich lieber um Kleinkinder als um Babys. Die kann man wenigstens vor den Fernseher setzen, wenn man genug hat von ihnen.“ Das Kindermädchen runzelte die Stirn. „Ich bin froh, dass Sie einen Draht zu ihm haben. Ich hatte schon befürchtet, heute an die Luft gesetzt zu werden.“

„Wieso?“

„Leandro Demetrios akzeptiert keine Misserfolge. Erica und ich waren sicher, unseren Job zu verlieren, wenn das Baby weiterhin die Flasche verweigert. Das wäre schade, denn das Gehalt ist gut und der Boss zumVerlieben. Wir versuchen, uns auf seiner Etage aufzuhalten, falls er nackt schläft. Wer sind Sie eigentlich? Ich wusste nicht, dass er noch jemanden eingestellt hat.“

„Ich bin seine Frau.“

Das Mädchen starrte sie völlig verblüfft an. Dann fing sie sich und räusperte sich. „Ich hatte ja keine Ahnung.“ Sie musterte Millie von Kopf bis Fuß. „Es tut mir sehr leid. Und Sie kümmern sich um sein …“ Offensichtlich hielt sie Millie für eine Närrin. „Wir wussten nicht, dass er noch verheiratet ist.“

„Wir hatten uns vorübergehend getrennt.“

„Ach so.“

Millie sah ihr an, dass sie das nicht sonderlich überraschte. Warum macht mir das etwas aus, überlegte sie. Sie wusste ja selbst, dass sie nicht unbedingt dem Frauentyp entsprach, den man sich an der Seite eines Milliardärs vorstellte. Höchste Zeit, sich ein dickes Fell zuzulegen und nichts mehr auf die Meinung ihrer Mitmenschen zu geben. Warum konnte sie nicht wie Becca sein? Ihre Schwester hatte in dem festen Glauben gelebt, die ganze Welt läge ihr zu Füßen.

Hätte sie mehr Selbstbewusstsein entwickelt, wenn Becca nicht ihre ältere Schwester gewesen wäre? Oder wenn sie auch auf den Titelseiten der Modezeitschriften abgebildet gewesen wäre? Becca mit den blauen Katzenaugen und dem verführerischen Lächeln auf dem Titel hatte für reißende Absätze gesorgt.

„Sind Sie denn jetzt wieder zusammen?“, fragte das Kindermädchen neugierig.

Sind wir das?

Eigentlich war die Frage unverschämt. Aber Millie hatte selbst die ganze Nacht lang darüber gerätselt, ob sie den Mut hatte, sich wieder auf Leandro einzulassen.

Wenn er erst einmal Bescheid wüsste, würde er sie sowieso zurückweisen …

Doch wenn sie es ablehnte, wieder an seiner Seite zu leben, würde er ihr den Umgang mit ihrem Neffen verweigern.

Behutsam zog sie den Sauger aus dem Babymund. Costas war angenehm satt, blinzelte und schaute seine Tante an. Und dann lächelte er – schief und etwas unsicher.

Das Kindermädchen sah sie überrascht an. „Er hat noch nie gelächelt. Darf ich ihn nehmen?“ Sie nahm Millie das Baby aus dem Arm, und Costas verzog sofort das Gesicht. „Ach, du liebe Zeit!“Verstimmt legte sie ihn wieder in Millies Arme.

Der Kleine schmiegte sich an sie und schlief ein.

„Jetzt sitzen Sie fest“, bemerkte die Nanny trocken. „Sowie Sie sich bewegen, wacht er wieder auf.“

„Ich bleibe hier ganz ruhig sitzen.“

„Wirklich? Nachher wird das noch zur schlechten Angewohnheit.“

„Seit wann ist Schmusen eine schlechte Angewohnheit?“

„Er wird sich weigern, im Kinderbettchen einzuschlafen. Sie sollten ihn wieder hinlegen und ihn schreien lassen“, riet das Kindermädchen. „Er muss wissen, wer der Boss ist. Es ist erst fünf, wollen Sie nicht selbst noch etwas schlafen?“

„Nein, das ist schon alles so in Ordnung.“

Jedenfalls dachte sie das, bis die Tür aufging und Leandro ins Zimmer kam.

Augenblicklich errötete das Mädchen und lachte verlegen, so wie Frauen es taten, wenn Leandro Demetrios auftauchte. Instinktiv zupfte sie ihre Schwesterntracht und ihr Haar zurecht.

Millie lächelte verstohlen. Wie oft hatte sie dieses Verhalten schon beobachtet? Sie selbst hatte ja auch versucht, so schön wie möglich für Leandro zu sein. Doch gegen sein blendendes Aussehen hatte sie keine Chance.

Am Abend war er noch der dominante Ehemann gewesen, jetzt stand der milliardenschwere Industriemagnat vor ihr – hellwach, gepflegt, in teure Klamotten gehüllt und unglaublich attraktiv. Er strahlte das unerschütterliche Selbstbewusstsein eines Erfolgsmenschen aus. Ein Blick auf den eleganten grauen Anzug, und Millie wusste, dass Leandro zu einer Geschäftsreise aufbrach.

„Bevor ich losfahre, muss ich mit dir reden.“ Mit einem Blick bedeutete er dem Kindermädchen, das Zimmer zu verlassen. Die junge Frau gehorchte widerspruchslos und zog die Tür hinter sich zu.

Wahrscheinlich lauscht sie, dachte Millie. „Sie muss gehen“, erklärte sie dann.

Leandro, der gerade einen Blick auf das Baby warf, runzelte die Stirn. „Wohin?“

„Fort. Ich will nicht, dass sie sich um Costas kümmert.“ Millie zog das Baby enger an sich und spielte mit der Decke, in die es gehüllt war. „Sie tratscht und interessiert sich nur dafür, dass Costas’ Mutter tot und seinVater Milliardär ist.“

„Es gibt nun mal Gerüchte um das Baby.“

„Sicher, aber sie ist gefühlskalt und mag keine Babys. Sie zieht es vor, sich um ältere Kinder zu kümmern. Und selbst die setzt sie einfach vor den Fernseher.“

„In Ordnung.“ Leandro warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Wenn du willst, dass ich ihr kündige, tue ich das.“

„Nein, das erledige ich selbst.“

„Du?“

„Ja.“

Er lachte ungläubig. „Das ist ja eine ganz neue Seite an dir. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass du jemanden an die Luft setzen könntest.“

„Man muss mich nur genug reizen. Costas hat jedenfalls etwas Besseres verdient, als eine Nanny, die sich nicht für ihn interessiert, sondern nur für die Gerüchte, die über ihn verbreitet werden.“ Sie musterte Leandro. „Sag mal, du willst mir doch nicht weismachen, dass du um fünf Uhr morgens zu einem Geschäftstermin musst.“

„Doch. Ich habe eine Frühstückssitzung in meiner Pariser Niederlassung. Mein Pilot wartet bereits.“

„Natürlich tut er das.“ Andere Leute standen an der Bushaltestelle Schlange, Leandro hatte seinen eigenen Jet. Luxus pur! Dieses Haus besaß ein Schwimmbad, ein Fitnessstudio, ein Kino und eine Tiefgarage mit einem Fahrstuhl für die Luxusautos. Natürlich alles voll automatisiert.

Millie hingegen hatte ein Jahr in einer winzigen Wohnung gelebt. Wenn sie Licht wollte, musste sie es anknipsen, und selbst dann funktionierte es nicht immer reibungslos, weil die Leitungen uralt waren.

„Warum hat der Kleine eigentlich geschrien?“, erkundigte sich Leandro.

„Das weiß ich nicht. Er hatte eine unruhige Nacht. Und den Kindermädchen, die du eingestellt hast, ist es nicht gelungen, ihm ein Fläschchen zu geben. Ehrlich gesagt, wundert mich das nicht.“

„Beide haben ausgezeichnete Referenzen vorgelegt.“

„Von wem?“ Millie stellte die leere Flasche ab. „Sicher nicht von den Babys.“

Neugierig sah er sie an. „Woher hast du plötzlich diese scharfe Zunge, Millie?“

Sie lächelte und freute sich, dass er sie nicht mehr einschüchterte. „Ich sage nur, wie es ist. Was einer Mutter oder einer Agentur gefällt, muss dem Baby noch lange nicht passen. Das Kinderzimmer ist ein Traum, alles ist in Ordnung, aber den beiden ist es nicht gelungen, eine Beziehung zu Costas aufzubauen.“ Leise fügte sie hinzu: „Er hat sich schrecklich aufgeregt. Aber jetzt scheint wieder alles in Ordnung zu sein. Wahrscheinlich hatte er einfach Hunger.“

„Die Kindermädchen waren nicht imstande, ihm ein Fläschchen zu geben?“

„Er hat es verweigert.“

„Aber von dir hat er es genommen.“

„Vielleicht spürt er, dass ich auf seiner Seite bin.“

„Mag sein.“ Immer noch musterte er sie neugierig – sie und das Baby auf ihrem Schoß.

„Warum starrst du mich so an, Leandro? Möchtest du ihn vielleicht mal halten?“

„Nein, später vielleicht.“

„Klar. Entschuldige. Der Anzug muss ja einVermögen gekostet haben. Darauf sollte der Kleine sich lieber nicht verewigen.“

„Darum geht es doch nicht. Ich möchte Costas nicht stören. Er schläft gerade so friedlich, und ich möchte mich in Ruhe mit dir unterhalten.“

In diesem Moment seufzte das Baby zufrieden, lächelte im Schlaf und kuschelte sich an Millie. Ihr wurde warm ums Herz.

„Ich wüsste nicht, worüber. Du bist denkbar ungeeignet, dich um ein Baby zu kümmern. Immerhin hast du die ersten zweiunddreißig Jahre deines Lebens damit zugebracht, die Kleinen zu meiden. Costas braucht jemanden, der keine Fragen über seine Herkunft stellt, sondern ihn so liebt, wie er ist.“

„Und das tust du? Wenn ich mich nicht sehr täusche, hältst du mich noch immer für denVater des Babys.“

„Das spielt keine Rolle.“

„Die meisten Leute wären anderer Meinung, Millie.“ Wieder musterte er sie. „Übrigens lasse ich dir freie Hand. Du kannst feuern und einstellen, wen du willst. Aber ich bestehe darauf, dass ein Kindermädchen für Costas da ist. Natürlich kannst du für ihn sorgen, wenn du möchtest, aber nicht auf Kosten unserer Beziehung.“

Millie befeuchtete sich die Lippen. „Darüber müssen wir noch reden.“

„Dann rede.“ Er sah auf seine Armbanduhr. „Bleibst du, oder gehst du?“

Nun war es an ihr, ihn ungläubig anzusehen. „Wie kannst du nur so emotionslos sein? Hier geht es um unsere Ehe, nicht um eine Firmenübernahme. Langsam gewinne ich den Eindruck, dass ich nur ein Punkt auf deiner Tagesordnung bin, den du möglichst schnell abhaken willst. ‚Herausfinden, ob Millie bleibt oder geht.‘ Sie äffte seine Stimme nach.

„Du hast dich ganz schön verändert.“

„Tut mir leid, aber …“

„Kein Grund zur Entschuldigung. Mir gefällt es, dass du endlich deine Meinung sagst. Vielleicht finde ich so heraus, was in deinem hübschen Kopf vorgeht. Warum hast du nicht eher so mit mir geredet?“

„Weil du furchteinflößend bist.“

„Ich bin was?“ Völlig verdattert sah er sie an. „Habe ich dir etwa jemals gedroht?“

„Nein, aber du hast so etwas an dir … Es ist schwierig zu beschreiben. Ich sage Bescheid, wenn du mir das nächste Mal Angst einjagst.“

„Sehr freundlich.“ Die Ironie in seinem Tonfall war nicht zu überhören.

„Wo waren wir gerade? Ach ja, du willst wissen, wie ich mich entscheide.“ Sie betrachtete das friedlich schlafende Baby auf ihrem Schoß. „Ich brauche noch etwas Zeit.“

Leandro lehnte sich an die Wand – groß und unglaublich selbstbewusst. „Du hattest genug Zeit.“

„Nein.“

„Du bist meine Frau. Was gibt es da lange zu überlegen?“

„Ob es funktionieren wird.“

„Wenn du mit dieser Einstellung zurückkommst, kannst du es gleich lassen.“

Millie dachte an die Tatsache, von der er noch nichts wusste. „Die Dinge haben sich verändert, Leandro.“

„Gut. Das war auch erforderlich.“ Er machte eine Pause und fragte dann: „Fandest du mich auch im Bett furchteinflößend?“

„Bitte?“ Sie errötete verlegen.

„Du hast meine Frage genau verstanden. Du warst noch unerfahren, und unsere Beziehung wurde ziemlich schnell ziemlich intensiv. Hattest du damit Probleme?“

Beschämt senkte Millie den Blick. „Darüber sollten wir in Costas’ Gegenwart nicht sprechen.“

„Er ist erst drei Monate alt“, bemerkte Leandro trocken. „Außerdem schläft er. Also, Millie? Habe ich dich erschreckt?“

„Nein.“ Im Gegenteil! Bei der Erinnerung an ihre heißen Nächte voller Leidenschaft richteten sich ihre Brustknospen sehnsüchtig auf.

„Aber du warst schockiert, oder?“

Millie wünschte, sie hätte etwas zu trinken. Ihr Mund war plötzlich ganz trocken. „Ich war nur etwas gehemmt.“

„Warum?“

Weil ich den Eindruck nicht loswurde, dass du mich ständig mit den Schönheiten verglichen hast, mit denen du bisher Affären gehabt hast. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich weil du so unglaublich selbstbewusst bist und dich nicht um die Meinung anderer Leute scherst. Es war dir egal, ob wir uns mitten am Tag geliebt haben. Oder in deinem Büro …“

„Seit wann ist Sex aufs nächtliche Schlafzimmer beschränkt?“

„Na ja, im Dunkeln hätte ich sonst wer sein können.“

„Genau deshalb bevorzuge ich Tageslicht.“ Langsam verlor er die Geduld mit ihr. „Ich verstehe dich nicht, Millie. Du sagst, du willst darüber nachdenken, aber insgeheim gibst du unserer Beziehung keine Chance. Das reicht mir nicht. Ich möchte, dass du dich anstrengst, damit unsere Ehe funktioniert.“ Mit hartem Blick sah er sie beschwörend an.

„Jetzt jagst du mir Angst ein.“

Er fluchte unterdrückt auf Griechisch. „Findest du das nicht etwas übertrieben? Vermutlich ist dir die Situation lediglich unangenehm.“

„Nein, das Wort trifft genau, was ich jetzt empfinde. Du verhältst dich immer so furchteinflößend, wenn dir etwas gegen den Strich geht. Du bist es gewohnt, dich durchzusetzen, und hast keine Ahnung, wie man Kompromisse schließt.“

„Selbstverständlich weiß ich das!“ Leandro war empört.

„Was wäre, wenn du derjenige wärst, der die Scheidung will?“

„Von Scheidung war nie die Rede. Wir sprechen über unsere Ehe.“

Nervös betrachtete Millie das Baby. Der Gedanke, die Ehe mit Leandro fortzuführen, entmutigte sie. Denn Ehe hieß auch, das Bett miteinander zu teilen. Und dann würde er es herausfinden.

Wie würde er reagieren? Sich angewidert abwenden? Oder würde er Mitleid für sie empfinden und vorgeben, es spiele keine Rolle? Wäre ein Mann dazu überhaupt fähig? Wohl kaum, da es um etwas Körperliches ging.

„Es gibt keine Scheidung“, verkündete er energisch. „Und du wirst mir auch nie wieder den Rücken zukehren. Wenn dir etwas an mir nicht passt, dann sag es mir.“ Unnachgiebig sah er sie an.

Fast tat er ihr leid, denn er wusste ja gar nicht, was auf ihn zukam. Vielleicht sollte sie ihm fairerweise erzählen, was seit ihrer Abreise vor einem Jahr passiert war.

Doch das konnte sie nicht. Noch nicht.

Er würde es sowieso bald herausfinden. Von seiner Reaktion hing die Zukunft ihrer Ehe ab. Und Costas’ Zukunft.

Millie wünschte, jemand würde ihr die Entscheidung abnehmen. „Ich überlege es mir heute in Ruhe“, versprach sie schließlich leise.

„Ich will meine Frau wiederhaben. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Also keine Ausflüchte mehr wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit.“

„Und wenn ich wirklich zu müde bin?“

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