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JULIA EXTRA, BAND 312

TERESA CARPENTER

Eine hinreißende Gegnerin

Als Soldat scheut Ford keinen Kampf. Aber wie kämpft man gegen eine hinreißende Frau? Zumal er bald nicht nur Rachels Neffen für immer bei sich haben will, sondern am liebsten sie selbst noch dazu …

LUCY GORDON

Ein Kuss mit ungeahnten Folgen

Endlich wird sein Sohn bei ihm leben, hofft Gavin. Doch seine Ex-Frau hat Norah als Vormund eingesetzt. Ein Tiefschlag für Gavin, der sein Kind für immer verloren glaubt – bis er Norah kennenlernt …

KIM LAWRENCE

Nia und das Baby

Einfach süß, wie Nia sich um das Baby kümmert. Jack ist seiner Sekretärin unendlich dankbar. Beschwingt kehrt er von einem Geschäftstermin heim – und erstarrt bei dem Anblick, der sich ihm bietet …

MEREDITH WEBBER

Überraschung für Dr. Cartwright

Katy war, ist und wird immer die Liebe seines Lebens sein – davon ist Jake überzeugt. Für die Trennung glaubte er damals einen guten Grund zu haben – und irrte. Gibt Katy ihm eine zweite Chance?

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Teresa Carpenter

Eine hinreißende Gegnerin

1. KAPITEL

Rachel Adams befand sich im Kriegszustand. Und der Feind war ihr zahlenmäßig überlegen. Die Hände in die Hüften gestemmt, musterte sie zwei pausbäckige Engelchen mit haselnussbraunen Augen, die von Kopf bis Fuß mit Babylotion beschmiert waren.

„Cody Anthony Adams“, ermahnte Rachel den uneinsichtigen zehn Monate alten Jungen, „wenn du deine Hände nicht bei dir behalten kannst, muss ich mir eben was überlegen, wenn ich euch zum Schlafen hinlege.“

Der Anblick des schmierigen Durcheinanders war beinahe zu viel für Rachel. Ihre Nerven waren durch die Erschöpfung sowieso schon zum Zerreißen gespannt. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen, und ermahnte sich, dass sie nun eine Mutter war. Dass es nicht ganz freiwillig geschehen war, war nicht wichtig. Sie hatte geschworen, ihrer Nichte und ihrem Neffen, die ihre Eltern verloren hatten, ein Zuhause zu bieten.

Aber Junge, sie musste noch eine ganze Menge lernen.

Sie hatte bereits herausgefunden, dass Kinder – genau wie Tiere – Angst spüren konnten.

Wie wenig Zeit sie doch gehabt hatte, um die Schwester zu trauern, die sie kaum gekannt hatte.

Stattdessen hatte Rachel gelernt, dass jederzeit das Chaos über sie hereinbrechen konnte. Buchstäblich. Wiederholt. Und wenn sich nicht alles außerhalb Codys Reichweite befand, dann auch ausgesprochen erfinderisch. Normalerweise nutzte er für seine Schmierereien Essen – Fruchtgelee, Bananen, Kartoffeln und alles andere, was er erreichen konnte, sobald sie ihm den Rücken zuwandte. Er malte wahnsinnig gern mit den Fingern. Und sein Lieblingsziel war seine Schwester.

Igitt, igitt, igitt.

Mit Gummihandschuhen und einer Ladung Feuchttüchern bewaffnet, machte sie sich an die Arbeit und säuberte Körper, Finger und Zehen. Und Haare. Beide Babys brauchten dringend ein Bad. Sie nahm sich vor, das Kinderbettchen noch weitere zehn Zentimeter von der Wickelkommode abzurücken.

Plötzlich wurde es ihr bewusst: Das musste Liebe sein. Wenn Nachsicht über Abscheu und Erschöpfung siegte, wenn Zuneigung über allem anderen stand, dann konnte es keine andere Erklärung geben.

Irgendwann in den vergangenen sechs Tagen hatte sie sich verliebt. Und es war eine gewaltige Liebe, größer als alles andere, was sie jemals erlebt hatte.

Das Gefühl erschreckte sie.

Eines war sicher: Falls der zweite Vormund der Kinder sich jemals dazu herablassen sollte, bei ihr aufzukreuzen, würde sie mit allen Mitteln kämpfen, um ihre Nichte und ihren Neffen zu behalten.

„Es stimmt, meine Kleinen. Jetzt werdet ihr mich nicht mehr los. Ich bin von ganzem Herzen und unwiderruflich hin und weg von euch. Und ich werde euch behalten. Ich verspreche euch, dass ihr immer wissen werdet, dass ihr geliebt seid. Ihr müsst euch keine Sorgen darüber machen, dass ihr hier nur geduldet werdet oder aus reinem Pflichtbewusstsein bei mir seid. Wir sind jetzt eine Familie“, flüsterte sie mit einem Kloß im Hals.

Rachel zog die Gummihandschuhe aus und strich mit den Fingern durch Codys dunkles, dichtes Haar. Immer wieder suchte sie in den Zügen der Zwillinge nach Merkmalen ihrer Schwester. Und tatsächlich bemerkte sie gelegentlich diesen einen bestimmten, vertrauten Gesichtsausdruck. Das dunkle Haar und ihre Augen mussten sie jedoch vom Vater haben, da Crystal braune Augen und hellbraunes Haar gehabt hatte.

Crystal hatte Augen und Haare ihres Vaters, während Rachel dagegen eher nach ihrer Mutter kam. Das weißblonde Haar trug sie kurz, und ihre Augen schienen sich nicht entscheiden zu können, ob sie blau oder grün waren.

Ein unvermutetes Klopfen an der Tür riss Rachel aus ihren Grübeleien.

Sie spürte eine jähe Anspannung. „Wer kann das sein?“

Sich erschöpft eine Haarsträhne aus den Augen pustend, betrachtete sie die nackten Babys. Sollte sie das Klopfen einfach ignorieren? Wer auch immer es war – er hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können.

Jolie begann zu weinen. In der einen Woche, die die Zwillinge jetzt bei ihr waren, hatte Rachel bereits herausgefunden, dass es Cody nichts ausmachte, nackt zu sein – ganz im Gegensatz zu Jolie.

Da sie eigentlich eine Einzelgängerin war, die Tiere und Pflanzen den meisten Menschen vorzog, bekam Rachel nicht oft Besuch. Nicht einmal von ihren Nachbarn. Doch wer auch immer gerade an die Tür klopfte meinte es ernst, denn er machte sich schon wieder bemerkbar.

Nachdem sie die Zwillinge ins Kinderbettchen gelegt und sichergestellt hatte, dass sich nichts in Codys Reichweite befand, machte Rachel sich auf den Weg zur Tür und mahnte sich selbst, dass sie keine Einzelgängerin mehr war. Durch den Türspion sah sie einen Mann, der sich halb abgewandt und die Hände tief in die Taschen seiner dunklen Jacke geschoben hatte.

Hm. War es möglich, dass der Mann Ford Sullivan war, der zweite Vormund der Zwillinge? Er war Mitglied einer Spezialeinheit der Navy – ein SEAL, wie man diese Elite-Soldaten nannte, die an Krisenherde auf der ganzen Welt geschickt wurden. SEAL war eine Abkürzung, angelehnt an die Einsatzorte der Einheit: Sea, Air, Land, also Meer, Luft und Land. Laut seines kommandierenden Offiziers war Sullivan, der den Spitznamen „Mustang“ trug, im Ausland gewesen, als die Zwillinge ihre Eltern verloren hatten. Aber der Offizier hatte auch erklärt, dass Ford Sullivan Kontakt aufnehmen würde, sobald er von seinem Einsatz zurück sei.

Was Rachel betraf, konnte er getrost wegbleiben.

Sie öffnete die Tür einen Spalt breit.

Der Mann wirkte größer und muskulöser, als der Blick durch den Spion es hatte erahnen lassen. Viel größer. Und viel muskulöser. Er trug Jeans und eine Lederjacke, hatte eine dunkle Sonnenbrille auf und schwere Bikerboots an. Ein Bartschatten schimmerte in seinem Gesicht. Seine Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass er ein Mann war, mit dem man sich besser nicht anlegte. Die Schneeflocken, die vom grauen Winterhimmel fielen, blieben auf seinen breiten Schultern und seinem dunklen Haar liegen.

Dieser Mann wirkte nicht nur grimmig – er wirkte gefährlich.

Da sie eine Schwäche für gute Actionfilme hatte, lief Rachel beim Anblick dieses großen, finsteren, bedrohlichen Mannes unvermutet und ungewollt eine Gänsehaut über den Rücken.

Sie hoffte inständig, dass er nur ein Autofahrer war, dem das Benzin ausgegangen war.

„Ja?“ Ganz bewusst fragte sie ihn nicht, ob sie ihm helfen könne. Und sie lächelte auch nicht. Sie hatte gelernt, dass ein Lächeln Menschen nur dazu veranlasste zu verweilen, wenn sie doch meistens lieber allein sein wollte.

„Rachel Adams?“ Sein tiefer Bariton brachte die eisige Luft zum Schmelzen.

„Ja.“ Unruhig verlagerte sie das Gewicht von einem Bein auf das andere.

„Crystal Adams war Ihre Schwester?“

So viel dazu, dass er möglicherweise nur irgendein liegen gebliebener Autofahrer war. Sie straffte die Schultern und blickte ihn wachsam an. „Ford Sullivan, nehme ich an?“

Zustimmend neigte er den Kopf. „Ja. Ich bin gekommen, um die Zwillinge zu holen.“

Unwillkürlich stellten sich Rachel die Nackenhaare auf. Als Sullivan ihre Wohnung betreten wollte, legte sie instinktiv ihre Hand auf seine Brust.

„Moment mal! Ich kenne Sie nicht. Und bisher gefällt mir auch nicht, was ich höre.“

Sullivan wich keinen Zentimeter zurück, doch er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Sie spürte, wie seine Muskeln unter ihren Fingern zuckten. All das waren stumme Warnzeichen – er war stark, und er war entschlossen. Mit einem Griff in seine Jacke zog er seine Brieftasche hervor. Wortlos zeigte er ihr seinen Militärausweis.

„Ich habe eine sehr lange Autofahrt hinter mir, Lady, und es ist ziemlich kalt hier draußen.“

Sie wollte nicht, dass er in ihr Haus kam. Nicht, wenn er davon sprach, ihr die Zwillinge wegzunehmen. Nicht, wenn sie die Zwillinge selbst behalten wollte. Doch er hatte Rechte, die sie nicht ignorieren konnte.

Zögerlich trat sie zur Seite und ließ ihn hinein. Sein kommandierender Offizier hatte erklärt, dass Sullivan ein ehrenhafter Mann sei. Genau. Seine Ecken und Kanten waren so ausgeprägt, dass sie beinahe das Gefühl hatte, sich daran zu schneiden, als er an ihr vorbeiging.

Da sie unbewusst die Luft angehalten hatte, atmete sie nun tief durch und schloss die Tür. Beim Anblick des Mannes, der vor dem Kamin stand, presste sie die Kiefer aufeinander. Sein imposanter Körper ließ ihr Wohnzimmer mit einem Mal viel kleiner erscheinen, als es eigentlich war.

Und auch viel unordentlicher, als ihr bewusst gewesen war. Mit den Babys hatten unzählige Dinge Einzug in ihr Haus gehalten. Und viele Bedürfnisse. Aufzuräumen war ein Luxus, der direkt nach Schlafen und Duschen kam.

Jolies Weinen aus dem Schlafzimmer erinnerte Rachel daran, wo sie vorhin stehen geblieben war. Ein grimmiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Gerade hatte sie noch darüber nachgedacht, dass sie sich im Kriegszustand befand, und hier stand ein Krieger.

Er wollte die Babys? Sie wusste, wie er helfen konnte.

„Ich bin so froh, dass Sie da sind.“ Als hätte sie die Verachtung nicht bemerkt, mit der Sullivan sich in ihrem Zuhause umsah, hakte sie sich bei ihm unter und zog ihn mit sich ins Schlafzimmer. „Die Zwillinge brauchen dringend ein Bad.“

Sie musste ihm zugute halten, dass er nicht mit der Wimper zuckte. Er nahm seine Sonnenbrille ab, hinter der stechend blaue, kühle Augen zum Vorschein kamen. Zusammen mit seiner Lederjacke warf er die Brille aufs Bett.

Jolie hörte sofort auf zu schreien und starrte Sullivan an. Rachel konnte es ihr nicht verdenken. Unter weicher schwarzer Baumwolle zeichneten sich wohlgeformte, muskulöse Schultern und harte Bauchmuskeln ab. Seine Arme waren stark und sonnengebräunt. Er verbreitete mehr Hitze im Raum als der Kamin.

Etwas, das ihr eigentlich nicht hätte auffallen sollen. Trotzdem – sie spürte es, als sie sanft über Jolies Kinn wischte.

„Was ist passiert?“, fragte er, als er an das Kinderbettchen trat.

Rachel empfand ein seltsames Vergnügen daran, ihm von Codys kleiner Angewohnheit zu erzählen.

Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen. „Sie sollten öfter nach ihnen schauen.“

„Wow, warum bin ich da nicht von selbst drauf gekommen?“ Idiot. Sie nahm Jolie auf den Arm. „Nehmen Sie Cody. Zum Badezimmer geht es hier entlang.“

Beim Anblick der gebrauchten Handtücher und des überquellenden Wäschekorbes und Mülleimers zuckte Rachel zusammen. Der halbe Inhalt ihres Apothekerschränkchens lag im Waschbecken verstreut. Und – sie erschrak – war das eine Gabel?

Ohne auf das Durcheinander oder ihre Verlegenheit zu achten, beugte sie sich vor, um das Badewasser einzulassen. Als das Wasser warm wurde, steckte sie den Stöpsel ein. Sie kniete sich auf ein Handtuch, das noch vom letzten Bad der Zwillinge zusammengefaltet vor der Wanne lag. Dann setzte sie Jolie behutsam in das warme Wasser.

Sullivan kniete sich neben sie. Er war ihr so nahe, dass sein Arm ihre Schulter streifte, als er Cody in die Wanne ließ. Rachel wich zurück, als hätte sie sich an heißem Wasserdampf verbrüht.

Sie sprang auf. „Passen Sie auf die Babys auf, ich hole saubere Handtücher.“

„Sauber wäre gut“, knurrte er und bemühte sich nicht, den Spott in seiner Stimme zu verbergen.

Überrascht wandte sie sich um, um ihn darauf anzusprechen, doch seine gesamte Aufmerksamkeit galt den Zwillingen. Sie schwankte kurz, ob sie sich beruhigen und es vergessen oder ihn auf seine Sorge um den Zustand des Haushaltes ansprechen sollte.

Einerseits war das Haus tatsächlich in einem chaotischen Zustand. Andererseits hatte sie sich in den vergangenen sechs Tagen ganz allein um ihre Schützlinge gekümmert. Wie konnte er es wagen, sie zu verurteilen?

Sie hätte gern gesehen, wie er es besser machte.

Nein, sie wandte sich ab, um die Handtücher zu holen, das stimmte nicht. Denn das hätte bedeutet, dass er die Zwillinge bekam. Und sie musste sich um sie kümmern, für sie da sein, weil sie für ihre Schwester nicht da gewesen war.

Wenn er glaubte, dass sie den Platz einfach frei machen und ihm erlauben würde, die Zwillinge mitzunehmen, hatte er sich getäuscht.

„Woher kannten Sie Crystal?“, fragte sie, als sie zurückkam und an die Badewanne trat.

In möglichst großem Abstand zu Sullivan ließ Rachel sich auf dem Boden nieder. Sie sah ihn an. Und als hätte sie nicht bemerkt, dass das fröhliche Spiel der Zwillinge sein T-Shirt durchnässt hatte, sodass der Stoff sich eng an seine beeindruckende Brust schmiegte, wandte sie den Blick wieder ab.

Hiiiih!“, kreischte Cody vergnügt, patschte mit beiden Händchen ins Wasser und spritzte alle nass. Jolie zuckte zurück. Die plötzliche Bewegung brachte sie ins Rutschen. Rachel wollte nach ihr greifen, doch Sullivan kam ihr zuvor und packte Jolie mit starken, geschickten Händen.

Behutsam hielt er sie fest, setzte sie wieder aufrecht hin und brachte sie zum Lachen. Trotz seiner offensichtlichen Unzufriedenheit mit den Zuständen wirkte er ruhig und gelassen.

„Crystal kannte ich kaum.“ Während er Jolies Bäuchlein wusch, beantwortete er endlich Rachels Frage. „Jedenfalls nicht so gut. Tony Valenti war mein Freund. Wir haben zusammengearbeitet.“

„Der Vater der Zwillinge?“

„Ja.“

„Er war auch ein SEAL?“

„Ja.“ Ein kurzes Schweigen folgte. „Er hat mir mal das Leben gerettet.“

„Ich verstehe.“ Ja, das tat sie. Und es war nicht gut. Als ehrenwerter Mann fühlte er sich so nur noch stärker verpflichtet, die Zwillinge zu sich zu holen. Er schuldete es seinem verstorbenen Freund.

Eine Stunde später waren die Babys gebadet, umgezogen und satt und zufrieden. Rachel setzte Jolie in den Laufstall und gab ihr ein paar Bauklötze zum Spielen. Widerwillig musste sie zugeben, dass mit zwei weiteren hilfreichen Händen alles viel leichter gewesen war. Und es war schneller gegangen. Allein hätte sie vermutlich doppelt so lange gebraucht.

Sie wandte sich zu Sullivan um, der mit Cody auf dem Sofa saß. Der kleine Junge blickte zu ihm hoch und warf ihm ein Lächeln zu, bei dem seine beiden unteren Zähne aufblitzten. Der Mann strich sachte mit einem Finger über die Wange des Babys und ließ den Kleinen dann auf seinem Knie hüpfen.

Cody streckte seinen Arm aus und packte eine Handvoll dunkler Haare. Vorsichtig befreite Sullivan sich.

Offensichtlich hatten die beiden schnell eine Beziehung zueinander aufgebaut.

Rachel verschränkte die Arme vor der Brust und leugnete, dass Sullivans Behutsamkeit im Umgang mit dem Baby sie berührte. Sie ging zum anderen Ende des Sofas und begann, die saubere Wäsche zusammenzufalten, die sich in der Ecke türmte.

„Was haben Sie hinsichtlich der Zwillinge vor?“, wollte sie wissen.

Angesichts ihrer direkten Frage hob er eine Augenbraue. „Ich habe vor, den Wunsch meines Freundes zu erfüllen, sie mit nach San Diego zu nehmen und sie dort aufzuziehen.“

Ihr Herz zog sich schmerzlich zusammen, als er mit diesen Worten ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte. „Gut. Und was ist mit mir?“

„Ganz einfach: Ich möchte, dass Sie mir das Sorgerecht überschreiben.“

Einfach?“ Sie hatte das Gefühl, an dem Wort zu ersticken. „Wie können Sie das Baby im Arm halten und behaupten, dass es einfach wäre?“

Er runzelte die Stirn und rückte den Kleinen auf seinem Schoß zurecht. Cody legte seinen Kopf in den Nacken und sah dem Mann ins Gesicht. Wieder herrschte diese Bindung zwischen ihnen, die ohne Worte auskam.

Eindringlich sah Sullivan sie an. „Ich verstehe, dass es nicht leicht für Sie ist. Aber es ist das Beste so.“

„Sie verstehen überhaupt nichts, Sullivan. Ich habe meine Schwester schon einmal enttäuscht. Das wird nicht noch mal passieren. Ihr letzter Wunsch war es, dass ich die Kinder zu mir nehme. Und das werde ich auch tun.“

Einen Moment lang betrachtete er sie, bevor er seinen Kopf neigte. „Ihre Schwester wollte nie, dass die Kinder bei Ihnen aufwachsen.“

Rachel hob so abrupt den Kopf, als hätte sie einen Schlag ins Gesicht bekommen. Es hätte nicht schmerzhafter sein können, wenn Sullivan sie tatsächlich geschlagen hätte.

Alte Schuldgefühle kamen hoch und drohten, ihr den Atem zu rauben. Entschlossen schob sie sie beiseite. Sie und Crystal hatten die Vergangenheit hinter sich gelassen, als ihre Eltern vor drei Jahren gestorben waren. Crystal war damals zu Rachel gezogen. Und als Crystal dann ausgezogen war, um zur San Diego State University zu gehen, hatten sie per Telefon und E-Mail Kontakt gehalten.

Rachel war die einzige Familie, die Crystal noch geblieben war. Trotz all ihrer Unsicherheit und Erschöpfung in der letzten Woche hatte Rachel sich daran festgehalten, dass ihre Schwester ihr genug vertraut hatte, um Jolie und Cody ihrer Obhut zu übergeben.

Sie ertappte sich dabei, wie sie sich über die Arme strich, als wollte sie die plötzliche Kälte vertreiben. Als sie Sullivans Blick auf sich spürte, ballte sie unwillkürlich die Hände zu Fäusten.

„Warum sagen Sie so etwas Abscheuliches?“, wollte sie wissen.

„Hören Sie, ich weiß nur, was Tony mir erzählt hat. Crystal hat es nicht gepasst, dass Tony sein Testament aufgesetzt und einen Vormund für die Zwillinge eingesetzt hat, ohne mit ihr darüber zu reden. Also hat sie ihr eigenes Testament geschrieben und Sie als Sorgeberechtigte eingetragen.“

„Was nur beweist, dass sie wollte, dass die Kinder zu mir kommen.“ Tief in ihrem Innern löste sich bei diesem Gedanken etwas.

„Nein, Sie waren nicht mehr als ein Druckmittel. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Tony wollte seine Kinder niemandem anvertrauen, der vor dem Leben und der Verantwortung davonläuft und beziehungsunfähig ist.“

Alles in Rachel schrie danach, seine Behauptungen abzustreiten, sich gegen die ganze Situation zu wehren. Doch die Situation war da. Er war da, hier in ihrem Wohnzimmer. Und so wie es aussah, würde er nicht so einfach verschwinden.

„Ich glaube Ihnen nicht. Wenn das ein Scherz sein soll, ist er äußerst geschmacklos.“

„Kein Scherz.“ Er zögerte, und sie konnte praktisch sehen, wie er mit sich haderte. Zu viele Informationen weiterzugeben gehörte offenbar nicht zu seinem Job. „Das wäre mehr als übel. Hören Sie, ich habe eine große Familie, die fest zusammenhält. Tony war Teil dieser Familie. Er wollte, dass die Zwillinge diese Zusammengehörigkeit ebenfalls erleben.“

Sullivan beugte sich vor, um seine Jacke zu nehmen und ein paar Papiere aus der Tasche zu ziehen. Er reichte sie Rachel. „Ich habe hier notariell beglaubigte Unterlagen, die Sie unterzeichnen müssen, um das Sorgerecht auf mich zu überschreiben.“

Argwöhnisch senkte sie den Blick und betrachtete die Papiere, die er ihr entgegenhielt. Sie wollte sie nicht nehmen, wollte nicht glauben, dass er die Wahrheit über die Motive ihrer Schwester gesagt hatte. Doch sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es nichts brachte, sich selbst zu belügen.

Oder der Realität nicht ins Auge zu blicken.

Er sah sich in dem unaufgeräumten Zimmer um. „Es ist doch offensichtlich, dass Sie der Sache nicht gewachsen sind.“

„Das ist lächerlich.“ Sie ignorierte die Unterlagen und nahm ein paar winzige Latzhosen, die sie wieder und wieder zusammenfaltete. „Ich bin nicht überfordert. Ich brauche nur Zeit, um mich an die Situation zu gewöhnen.“

Er stand auf und setzte Cody zu Jolie in den Laufstall. „Und während Sie sich an die Situation gewöhnen, leiden die Zwillinge.“

Die Wut, die unter der Oberfläche geschwelt hatte, seit sie diesem undankbaren Kerl die Tür geöffnet hatte, brach mit einem Mal hervor. Rachel stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn zornig an.

„Wie können Sie es wagen! Sie haben nicht gelitten. Dann ist in meinem Haushalt eben das eine oder andere ein bisschen liegen geblieben. Na und? Sie haben einen schlechten Tag erwischt. Für gewöhnlich räume ich auf, sobald die Kleinen schlafen, aber gestern Abend musste ich noch arbeiten. Ich hatte eine Deadline für einen Artikel.“

Er deutete auf die Unordnung im Zimmer, und in seinen blauen Augen blitzte Ungeduld auf. „Das ist nicht der Dreck von nur einem Tag. Machen Sie es uns beiden doch nicht so schwer. Überschreiben Sie mir das Sorgerecht. Dann müssen Sie sich nicht an die Situation gewöhnen. Und Sie müssen den beiden auch nicht länger hinterherräumen.“

„Okay. Das reicht!“ Rachel hatte genug. Dreck? Oh, sie hatte sogar mehr als genug.

Eilig stürzte sie in ihr Zimmer und schnappte sich die Wickeltasche. Sie ging zur Wickelkommode und stopfte Windeln, zwei Schlafanzüge, ein Paket Feuchttücher und eine Packung Babynahrung in die Tasche.

„Sie glauben also, dass Sie es besser können?“ Auf ihrem Weg in die Küche stürmte sie an Sullivan vorbei.

„Ich glaube, dass Sie sich beruhigen sollten.“ Sullivan verfolgte ihr Handeln mit ungerührter Miene. Das machte sie nur noch wütender.

Sie riss die Kühlschranktür auf und fluchte unterdrückt, als sie sich einen Fingernagel im Türgriff einklemmte und der Nagel abbrach. Tränen schossen ihr in die Augen, aber sie blinzelte sie fort. Sie war entschlossen, vor diesem kalten Mann, der jeden ihrer Schritte beobachtete – und bewertete –, keine Schwäche zu zeigen.

„Oh, ich bin ganz ruhig.“ Schnell entfernte sie den abgebrochenen Fingernagel und steckte den Finger kurz in den Mund. Mit der Hüfte hielt sie dann die Tür auf, nahm zwei Flaschen aus dem Kühlschrank und legte sie ebenfalls in die rote Wickeltasche.

Wütend funkelte sie ihren Feind an, ging zu ihm und drückte ihm die volle Wickeltasche in die Arme. Fast hoffte sie, dass er sie fallen lassen würde, doch er hatte die Tasche fest im Griff.

„Mir geht es prächtig!“

Adrenalin schoss durch ihren Körper, als sie auf ihrem Weg zum Laufstall an ihm vorbeiging. Dort hob sie Jolie hoch. Aus der Ecke des Laufstalls nahm sie zwei Decken. Eine Decke wickelte sie um Jolie und warf die andere Sullivan zu, der sie inzwischen wachsam beäugte.

„Bringen Sie Cody her.“

„Was geht hier vor, Rachel?“

„Ich tue Ihnen einen Gefallen.“ Als sie ihren Mantel gefunden hatte, zog sie die Wagenschlüssel aus der Tasche und ging zur Tür.

„Werden Sie die Papiere unterschreiben?“

Rachel lachte bitter auf. „Besser als das. Ich werde die Papiere nicht unterschreiben.“

Bei ihrem Geländewagen holte Sullivan sie schließlich ein. Er packte sie am Arm und drehte sie und Jolie zu sich herum. „Wohin wollen Sie?“

Sie befreite sich aus seinem Griff. „Ich gehe nirgendwohin. Sie gehen.“ Sie nahm ihm die Wickeltasche aus der Hand, öffnete die vordere Wagentür und warf die Tasche hinein. „Sie wollen die Zwillinge? Sie können sie haben. Für die nächsten vierundzwanzig Stunden.“

„Wie bitte?“ In seiner Stimme schwang ein scharfer Unterton mit. „Ich bin es nicht gewohnt, mir Befehle erteilen zu lassen.“

„Doch, das sind Sie. Sie sind schließlich in der Navy.“

Das konnte er wohl kaum bestreiten.

Seine Miene blieb undurchdringlich. Er war zu sehr Krieger, um so leicht klein beizugeben. Doch er straffte unwillkürlich die Schultern. Ein deutliches Zeichen, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte.

Sie hätte sich der Befriedigung, die sie empfand, eigentlich schämen sollen, aber er hatte sie zu sehr gereizt.

„Sie scheinen der Meinung zu sein, dass es leicht ist, sich um zwei Babys gleichzeitig zu kümmern.“ Sie ging um ihn herum, öffnete die hintere Tür, setzte Jolie in den Kindersitz und schnallte sie an. „Gut. Okay. Sie werden Ihre Chance bekommen.“

Sullivan hatte die Haustür offen gelassen. Cody gefiel es nicht, dass er allein im Haus zurückgelassen worden war, und er machte seinem Unmut mit lautem Geschrei Luft. Mit einem verächtlichen Blick in Sullivans Richtung schlug Rachel vor: „Sie könnten damit anfangen, Cody zu holen.“

„Erst, wenn ich begriffen habe, was hier eigentlich los ist.“ Vor ihren Augen verwandelte er sich von der Zivilperson in einen Soldaten. Die Hände kampfbereit am Körper, hatte er das Kinn vorgeschoben, und seine Augen wirkten mit einem Mal kühler als zuvor.

Rachel schloss mit leichtem Nachdruck die Wagentür. Instinktiv wahrte sie Distanz zu ihm, um außer Reichweite seiner sinnlichen, verführerischen Reize zu sein. Was war nur mit ihr los, dass die gefährliche Seite dieses Fremden eine solche Wirkung auf sie hatte?

„Als Erstes müssen Sie lernen, es nicht unnötig zu verkomplizieren, wenn ein Baby schreit.“

Er fuhr sich mit den Fingern durch sein dunkles Haar. „Sie haben recht.“ Er wandte sich um. Kurz darauf kam er mit seiner Jacke unter dem Arm und Cody, der in eine Decke gehüllt war, zurück.

Gut, also bekam Sullivan ein paar Pluspunkte für gesunden Menschenverstand.

Sie wollte Cody nehmen, doch Sullivan hielt ihn fest. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie ihn an.

„Wir müssen uns erst unterhalten“, erklärte er.

„Nein, wir unterhalten uns danach.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Nachdem Sie probiert haben, zwei Babys zu füttern und ihnen die Windeln zu wechseln. Nachdem Sie eine durchwachte Nacht mit dem Versuch verbracht haben, beide gleichzeitig zum Schlafen zu bringen. Nachdem Sie erst gegen Mittag dazu gekommen sind, sich die Zähne zu putzen, und Ihr T-Shirt so verschmiert ist, dass auch Waschen nicht mehr hilft. Dann werden wir reden.“

Das Geräusch seiner mahlenden Kiefer konnte sie über den halben Meter, den sie voneinander entfernt standen, hinweg hören. Er schüttelte den Kopf. „Was sollte mich davon abhalten, die beiden zu nehmen und mit ihnen nach San Diego zu fahren?“

Mit leicht zusammengekniffenen Augen blickte sie ihn an, und als sie dieses Mal nach Cody griff, ließ sie sich nicht davon abhalten.

„Ehre. Integrität. Ich habe mit Ihrem kommandierenden Offizier gesprochen. Er hat mir versichert, dass Sie beides in höchstem Maße besitzen.“ Sie ging um den Wagen herum und setzte Cody in seinen Kindersitz. Sie küsste ihn auf die dunklen Locken und deckte ihn zu.

Dann beugte sie sich vor, hob ein paar verstreute Spielzeuge auf und reichte jedem Baby eines. Sofort versuchten sie, hineinzubeißen. Rachels Herz quoll über. Wie vertrauensvoll sie waren. Im Alter von zehn Monaten war das Leben noch nicht allzu kompliziert.

„Ich mache das hier nur für euch zwei“, erklärte sie den beiden leise. „Habt keine Gnade mit ihm.“

Wieder ging sie um das Auto herum zu Sullivan.

„Außerdem habe ich die Papiere noch nicht unterschrieben.“ Sie streckte die Hand aus und sah ihn erwartungsvoll an. „Die Schlüssel.“

„Ich dachte, ich sollte sie nehmen.“ An seinen hochgezogenen Schultern konnte man noch immer seine Anspannung ablesen.

„Die Schlüssel für Ihren Jeep. Sie nehmen meinen Wagen, ich behalte so lange Ihren.“

Schweigen herrschte, während sie ihm direkt in die fesselnden blauen Augen sah. Der finstere Blick verriet, dass er mit der Situation überhaupt nicht einverstanden war.

„Hören Sie, ich werde Ihnen diese Babys nicht kampflos überlassen, aber ich bin erschöpft, schmutzig und hungrig. Nicht in der Form, um eine so wichtige Diskussion zu führen. Und solange Sie nicht Zeit mit den Zwillingen verbracht haben, sind Sie ebenfalls nicht in der Lage, diese Diskussion zu führen. Also tauschen wir die Schlüssel und treffen uns morgen wieder.“

Einen Herzschlag lang zögerte er.

Die Zeit schien langsamer zu verstreichen. Ihr Atem bildete kleine weiße Wölkchen in der eisigen Luft. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Schließlich reichte er ihr seine Schlüssel und nahm ihre dafür entgegen.

„Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, was Sie tun“, sagte er, als er in das Auto stieg und den Sitz einstellte. „Ehre und Integrität machen aus einem Mann noch lange keinen Gentleman.“ Er schloss die Tür, ließ den Motor an und öffnete das Fenster ein wenig. „Ich bin ein SEAL. Und wir lassen niemals einen Mann zurück.“

Rachel beobachtete, wie der Wagen die Auffahrt hinabrollte und die Rücklichter im Dunkel der Nacht verschwanden. Und sie betete, dass sie soeben nicht den größten Fehler ihres Lebens begangen hatte.

2. KAPITEL

Ford bog in eine Parklücke vor seinem Hotelzimmer ein, stellte langsam den Motor ab, lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloss die Augen. Vor zwanzig Stunden hatte er das Haus von Rachel Adams verlassen, und er war fast so weit, mit gesenktem Haupt und eingekniffenem Schwanz an ihre Tür zu klopfen.

Wie demütigend.

Mit allem Geschick, das er in den acht Jahren bei den SEALs gelernt hatte, riskierte er es, sich umzudrehen und nach den Babys auf dem Rücksitz zu schauen. Jolie – noch immer so sauber und ordentlich wie zu dem Zeitpunkt, als er sie in den Kindersitz gesetzt hatte – trug ein pinkfarbenes Mützchen, hielt ihr Fläschchen im Arm und schlief friedlich. Cody, der seine Mütze und Schuhe schon längst verloren hatte, hatte Ketchup auf der Wange und einen Pommes Frites in der Faust.

Vor einer Stunde waren sie endlich eingeschlafen.

Ford lehnte sich wieder in seinem Sitz zurück. Er hatte vor, so lange sitzen zu bleiben, wie die Babys schliefen.

Eine günstige Gelegenheit, um sich zu überlegen, wie er am besten zugab, unrecht gehabt zu haben. Nur seine pure Sturheit hatte ihn davon abgehalten, schon vor Stunden zu Rachel zurückzufahren. Wie hatte sie das alles ganz allein sechs Tage lang durchgestanden?

Ein Anruf zu Hause und er hatte zahlreiche Ratschläge von seiner Gram und der restlichen Familie und Freunden bekommen, aber die Zwillinge hatten davon nichts wissen wollen. Nichts, was er getan hatte oder gesagt oder gesungen – ja, er hatte ihnen sogar etwas vorgesungen –, hatte etwas gebracht. Da er gerade über logistische Albträume nachdachte: Er hätte lieber jederzeit eine Unterwanderung durch zwei Teams geplant, als die letzten zwanzig Stunden noch einmal zu wiederholen.

Die Zwillinge wollten ganz offensichtlich Rachel.

Zum Teufel, er wollte Rachel, und das hatte nichts mit den wohlgeformten Kurven unter ihrem Pullover zu tun. Gut, das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Kein Mann konnte ihre gepflegte, zierliche Figur anschauen und ungerührt bleiben. Doch ihr süßer Po und ihre festen Brüste taten nichts zur Sache. Er hatte sie vollkommen falsch eingeschätzt. Sechs Tage lang hatte sie sich mit sehr viel Geduld und Hingabe um die beiden Babys gekümmert.

Er wusste das, weil sie sauber waren, wohlgenährt und ohne sie verzweifelt.

Da entweder Cody oder Jolie oder beide gleichzeitig den größten Teil der Nacht wach gewesen waren, hatte er keine zwei Stunden Schlaf bekommen. Und sie hatte sie sechs Nächte lang umsorgt. Kein Wunder, dass unter ihren hübschen, meergrünen Augen dunkle Schatten lagen.

Sie war eine temperamentvolle Frau. Eine blonde Wildkatze, die sich entschlossen zwischen ihn und ihre Jungen stellte. Doch trotz ihres entschiedenen Auftretens wirkte sie zart, fast zerbrechlich.

Offensichtlich hatte sie sich selbst vernachlässigt, um sich voll und ganz um die Zwillinge zu kümmern. Sein Beschützerinstinkt war geweckt worden, obwohl er doch über Wege hätte nachdenken sollen, sie davon zu überzeugen, dass die Babys bei ihm besser aufgehoben waren.

Er hatte ihr gesagt, dass ein SEAL niemals einen Kameraden zurückließ – und das entsprach der Wahrheit. Er konnte Tonys Zwillinge genauso wenig in der Obhut eines anderen Menschen lassen, wie er einen Teamkameraden auf dem Schlachtfeld zurücklassen konnte. Er musste sich etwas einfallen lassen …

Es schneite seit ungefähr einer Stunde. Rachel runzelte die Stirn bei dem Anblick, der sich ihr vor dem Fenster bot. Graue Wolken verdunkelten die Sonne. Schnee fiel, und eisiger Wind verwehte die Flocken. Hoffentlich hinderte dieses Wetter Sullivan nicht daran, die Zwillinge zurückzubringen. Vielleicht sollte sie ihn besser anrufen und ihm sagen, dass er jetzt kommen sollte.

Gedankenverloren setzte sie sich an ihren Computer und versendete ihren letzten Artikel per E-Mail, bevor sie den Rechner herunterfuhr. Als sie aufsah, bemerkte sie, wie ihr Geländewagen am Fenster vorbeifuhr.

Sofort fiel ihr Blick auf die Uhr. Sullivan kam zu früh. Beinahe drei Stunden.

Ja!

Kurz darauf erklang ein Klopfen. Als sie aufsprang und zur Tür lief, um zu öffnen, fiel ihr unwillkürlich ihr Traum der vergangenen Nacht wieder ein. Sullivan … Sie hatte sich vorgestellt, wie wundervoll sich seine Hände auf ihrer Haut anfühlen würden. Bei der Erinnerung an zarte Liebkosungen und nicht so sanfte Berührungen wurde ihr heiß. Meine Güte.

Sie beschleunigte ihre Schritte und fächelte sich kühle Luft zu. Auf keinen Fall wollte sie, dass Sullivan mitbekam, was für eine Wirkung er auf sie hatte.

Sie öffnete die Tür und lehnte sich an den Rahmen. Sullivan stand allein auf der Veranda. „Sullivan. Sie sind zu früh.“

Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein ohnehin schon zerzaustes Haar. Diese Geste war das erste Anzeichen von Verletzlichkeit, das er preisgab. Hinter ihm fiel Schnee vom grauen Himmel – stärker nun als noch vor ein paar Minuten.

Rachel bemerkte die Röte auf seinen Wangen. Sie blinzelte und war überrascht über dieses Zeichen seines Unbehagens. Aber war es Wut? Oder Verlegenheit?

„Nennen Sie mich Ford oder Mustang, wenn es Ihnen lieber ist. Lassen Sie mich nur eines im Voraus klarstellen.“ Er blickte ihr in die Augen. „Es tut mir leid. Ich habe Ihnen etwas unterstellt, und das hätte ich nicht tun sollen. Sie haben phänomenale Arbeit geleistet, als Sie sich in der vergangenen Woche ganz allein um Cody und Jolie gekümmert haben. Danke, dass Sie für sie da waren.“

Oh, das war nicht fair. Sie hatte gehofft, einen Moment der Schwäche mitzuerleben, doch stattdessen hatte er seine Stärke gezeigt, indem er sich ernsthaft entschuldigte. Und er wollte, dass sie ihn Mustang nannte? Das Bild dieser wundervollen Wildpferde tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Stolz und wild, frei und verwegen – es war klar, wie er zu diesem Spitznamen gekommen war, der sich an seinen Namen anlehnte.

Nein, sie würde ihn weiterhin Sullivan nennen. Das war weniger intim und würde ihr erlauben, Distanz zu wahren.

„Genug jetzt. Oder ich fange gleich an zu heulen.“ Sie ging an ihm vorbei. „Lassen Sie uns die Babys aus der Kälte holen.“

Sie hastete zu der nächsten Autotür, nahm Jolie aus dem Kindersitz und lief schnell zurück zum Haus. Ihre Zähne klapperten, weil sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, eine Jacke überzuziehen. Eilig ging sie zum wärmenden Kamin.

Sie breitete eine Decke aus und setzte Jolie mit einer Handvoll Matchboxautos in die Mitte. Dann trat sie zurück und beobachtete, wie Sullivan Cody auf die Decke setzte.

Während Rachel es sich auf dem Sofa bequem machte und die Beine anzog, blieb Sullivan stehen und sah sich im Zimmer um.

Diesmal gab es nichts, wofür sie sich schämen musste. In den vergangenen einundzwanzig Stunden war sie fleißig gewesen. Gut, zuerst hatte sie geschlafen, aber die restliche Zeit hatte sie mit Hausarbeit und der Wäsche zugebracht. Außerdem hatte sie ein paar Artikel über tierische Verhaltensweisen geschrieben, die in mehreren Zeitungen veröffentlicht werden würden.

„Das Zimmer sieht gut aus.“

„Im Gegensatz zu Ihnen.“ Jolie hörte bald auf, sich mit den Spielzeugautos zu beschäftigen, und krabbelte über den Teppich zu Rachel. Sie hob die Kleine auf ihren Schoß. „Wie lange haben Sie letzte Nacht geschlafen?“

„Ich hatte schon weniger Schlaf.“ Er zuckte die Schultern. „Es ist nicht der Schlafmangel, der mich fertiggemacht hat. Es ist die Hilflosigkeit. Ich bin ein Mann der Tat. Aber nichts, was ich getan habe, war richtig.“

„Mir ging es in den ersten drei Tagen mit den Zwillingen nicht anders. Erst dann fingen sie allmählich an, sich zu beruhigen.“ Okay, diese Unterhaltung lief gar nicht so schlecht. Rachel fuhr mit den Fingern sacht durch Jolies weiches Haar. „Sie trösten sich gegenseitig.“

Der Blick, den Sullivan ihr zuwarf, sprach Bände. „Sie meinen, sie putschen einander auf. Einer fängt an zu weinen, und dann versuchen sie, sich gegenseitig zu übertreffen.“

„Sie dürfen nicht vergessen, dass sie ein Trauma erlitten haben.“ Sie verteidigte ihre Nichte und ihren Neffen. „Sie haben ihre Eltern verloren. Sie brauchen Zeit, um darüber hinwegzukommen.“

„Ja.“ Die glimmenden Holzscheite im Kamin fielen auseinander. Sullivan kümmerte sich um das Feuer. „Je eher sie sich beruhigen und einleben, desto besser. Haben Sie darüber nachgedacht, die Papiere zu unterschreiben?“

Enttäuschung machte sich in Rachel breit. Damit standen sie wieder am Anfang. Doch sie würde keine Papiere unterzeichnen. Weder jetzt noch später.

„Ich denke, Sie sollten die Papiere unterschreiben“, erwiderte sie.

Bevor er antworten konnte, begannen die Lampen zu flackern. Einmal. Zweimal. Dann beruhigten sie sich.

„Mist.“ Jolie fest an sich gedrückt, sprang Rachel auf und ging zum Fenster. Nichts als Schnee. Mittlerweile war der Wind so stark, dass der Schnee fast horizontal vor dem Fenster entlanggepeitscht wurde. Ihre schlimmsten Ängste wurden wahr.

Der Sturm war zum Blizzard geworden.

„Sieht schlimm aus.“ Sullivan, der Cody aus dem Laufstall gehoben hatte, stand hinter ihr.

Sie nahm seinen sauberen Duft wahr. Moschus, Waschmittel und Mann – eine berauschende Mischung. Beinahe verwirrend genug, um sie vom Sturm abzulenken.

Doch das wäre ein fataler Fehler.

„Ja. Ein Blizzard. Verdammt, im Wetterbericht war keine Rede von einem Schneesturm.“

„Das wäre nicht das erste Mal, dass der Wetterbericht falsch liegt.“

Was für eine Untertreibung. Rachel lachte. „Das kann man wohl sagen.“

Ihr Wagen war schon unter einigen Zentimetern Schnee und Eis begraben. Er musste in die Garage gefahren werden, oder der Motor würde einfrieren.

Wieder begann das Licht zu flackern. Und wieder beruhigte es sich kurz darauf.

Aber das war bestimmt nicht von Dauer.

„Haben Sie ein Notstromaggregat?“, fragte er.

Sie nickte. „Benzin ist in der Scheune.“

Himmel, sie hoffte, dass sie genug Treibstoff hatte, um den Sturm zu überstehen. Da sie allein lebte, hatte sie gelernt, vorbereitet zu sein. Doch im späten September hatte ein Blitzeinschlag in einen Strommast östlich von Scobey die Stromversorgung lahmgelegt, weshalb sie auf ihren Vorrat hatte zurückgreifen müssen. Kurz danach kam die Nachricht von Crystals Tod und seitdem war sie so beschäftigt mit den Zwillingen, dass sie nicht mehr daran gedacht hatte, ihre Notfallreserven aufzufüllen.

„Ich sollte gehen“, knurrte er.

„In diesem Sturm können Sie unmöglich zum Hotel zurückfahren.“ Sie reichte ihm Jolie und ging zum Schrank, um ihre Jacke und ein Paar Stiefel herauszuholen. „Geben Sie mir meine Autoschlüssel.“

„Ich bin schon bei schlechterem Wetter Auto gefahren.“

„Also gedenken Sie, mich hier mit den Babys allein zu lassen?“ Einen Stiefel angezogen, den anderen noch nicht, stemmte sie die Hände in die Hüften. „Hören Sie. Ich möchte Sie genauso wenig hier in meinem Haus haben, wie Sie bleiben wollen. Aber selbst meinen schlimmsten Feind würde ich nicht in einen solchen Sturm schicken. Oh, warten Sie – Sie sind mein schlimmster Feind.“

Er hob eine Augenbraue, während er die Babys hin-und herwiegte, aber sagte nur: „Es sind bloß zehn Kilometer bis in die Stadt.“

„Bloß?“ Sie schob den Fuß in den anderen Stiefel. Gott bewahre mich vor diesen unwissenden Touristen! „Woher kommen Sie?“

„Südkalifornien. Aber ich komme mit den extremsten Wetterlagen zurecht.“

„Daran zweifele ich nicht. Hören Sie, Sie müssen hier nicht den SEAL mimen. Und jetzt geben Sie mir die Schlüssel.“

Sullivans Unmut spiegelte sich in seinem finsteren Blick wider, als er aus dem Fenster sah. „Sie können nicht da raus.“

„Ich muss. Wenn ich den Wagen nicht in die Garage fahre, wird die Kälte den Motor zerstören.“

„Ich werde das Auto in die Garage fahren.“

Sie schüttelte den Kopf und schlang einen Schal um Hals und Ohren. „Ich muss auch das Benzin für das Notstromaggregat und Holz holen.“

Er stellte sich ihr in den Weg. „Das kann ich doch machen.“

„Sie würden mir schon helfen, wenn Sie hierbleiben und ein Auge auf die Zwillinge haben würden.“ Sie zog sich die Handschuhe an und wartete darauf, dass er zur Seite trat. „Ich weiß, was ich tue.“

Schließlich gab er nach und hielt die Babys in einem Arm, um mit der freien Hand den Schlüssel aus seiner Hosentasche zu ziehen. Er reichte ihn Rachel. „Seien Sie vorsichtig.“

„Immer. Kerzen und Streichhölzer sind im Küchenschrank links von der Spüle. Falls das Licht ausfällt, bevor ich mit dem Benzin für das Notstromaggregat zurück bin.“

Noch einmal bückte sie sich und holte ein schweres zusammengerolltes Seil aus dem Schrank, das sie sich über die Schulter hängte.

„Wofür soll das gut sein?“, wollte Sullivan wissen.

„Das ist eine Sicherungsleine. Ein Ende binde ich am Pfosten der vorderen Veranda fest, das andere schlinge ich um meine Taille. Auf diese Weise finde ich den Weg zum Haus leichter wieder.“

Mit grimmiger Miene sah er sie an. „Das ist lächerlich. Ich kann Sie nicht allein gehen lassen.“

„Hatten wir die Diskussion nicht schon? Ich lebe allein, Sullivan. Ich tue, was ich tun muss, um zu überleben. Das ändert sich nicht, nur weil Sie Macho hier sind.“ Sie holte ein zweites Paar Handschuhe aus ihrer Jacke und streifte sie über das erste Paar. „Und ich habe nicht die Zeit, um mich zu streiten.“

Ohne auf seine Antwort zu warten, ging sie zur Tür, trat hinaus und schloss sie hinter sich.

Ford blickte die Babys auf seinem Arm an. Selbstverständlich musste sich jemand um die Kleinen kümmern. Doch es fühlte sich trotzdem nicht richtig an, Rachel im Kampf gegen die Elemente allein zu lassen.

Er trug die Zwillinge zum Laufstall. Beide Babys krabbelten sofort zum Gitter und zogen sich hoch. Ford warf ein paar Bauklötze in den Laufstall, um die Babys zu beschäftigen. Aber weder Cody noch Jolie schenkten den Klötzchen Beachtung.

Ba da da sa“, beschwerte Cody sich und streckte die Ärmchen in die Luft, um hochgehoben zu werden.

Ma da da“, gab Jolie ihren Senf dazu und streckte ihre Arme ebenfalls in die Höhe.

Zwar juckte es Ford in den Fingern, zum Fenster zu gehen und zu schauen, wie weit Rachel war, doch stattdessen ging er zum Kamin. Das Feuer war beinahe erloschen. Nur noch ein wenig glühende Asche lag im Kamin. Er warf ein neues Holzscheit auf die Glut und fing dann an, rastlos auf und ab zu gehen.

„Was meinst du, Cody? Wir sind die Männer hier. Es ist unsere Aufgabe, die Frauen zu beschützen. Und das funktioniert nicht, solange wir hier drinnen sind und sie da draußen ist.“

Mamama?“ Jolie steckte ihre Finger in den Mund.

Ford hielt abrupt inne und starrte Jolie an. Wie seltsam, dass sie Rachel Mama nannte – oder jedenfalls so ähnlich. Aber dennoch hörte es sich falsch an. Es fühlte sich falsch an. Und es machte ihm klar, wie sehr sich das Leben innerhalb so kurzer Zeit verändert hatte.

Tony und Crystal waren tot, umgekommen in einem Erdbeben, als sie in Mexiko Urlaub gemacht hatten.

Als Ford nach seinem letzten Einsatz die Nachricht bekommen hatte, dass er das Sorgerecht für Tonys Kinder hatte, war das zunächst ein Schock für ihn gewesen. Ja, er hatte sich damit einverstanden erklärt, die Verantwortung auf sich zu nehmen, doch eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, dass der schlimmste Fall eintreten könnte. Und ganz sicher nicht so bald. Aber vorbereitet oder nicht – er schuldete es Tony. Er hatte Ford das Leben gerettet. Ehre und Freundschaft verlangten es von Ford, Tonys letzten Wunsch zu erfüllen.

Tony hatte Ford immer um seine eng verbundene Familie beneidet – so sehr, dass er bestimmt hatte, dass Ford seine Kinder aufzog. Und das bedeutete, dass die Zwillinge mit Ford nach Hause zurückkehren würden. Er würde zu seiner Großmutter ziehen, die sich damit einverstanden erklärt hatte, sich um die Babys zu kümmern. Außerdem würde er ein Kindermädchen einstellen, das rund um die Uhr für die Kinder da war.

Ford wollte Rachel nicht wehtun, aber es ging nicht anders.

Der Sturm würde das Unvermeidliche nur aufschieben.

Rachel hatte ihn wirklich überrascht. Hinter ihren leuchtend blauen Augen und ihrem kurzen weißblonden Haar verbarg sich eine tiefe Leidenschaft, die sicherlich nur wenige Menschen sahen.

So frustrierend ihr Beschützerinstinkt auch war, respektierte er doch ihren Mut, ihre Bereitschaft, sich selbst und ihr Wohl für die Kinder, die ihr anvertraut waren, aufs Spiel zu setzen.

Er musste sie nur davon überzeugen, dass sie bei ihm besser aufgehoben waren.

Nachdem er sie aus der eisigen Hölle da draußen gerettet hatte.

Zwar waren erst fünf Minuten vergangen, aber er konnte es nicht länger ertragen. Gram hatte ihm sicher nicht beigebracht, auf seinem Hintern zu sitzen, während eine Frau die schwere Arbeit erledigte. Ganz zu schweigen davon, sich in einem Sturm dieses Ausmaßes in Gefahr zu bringen.

Als er nach den Babys sah, stellte er fest, dass die schlaflose Nacht ihren Tribut gefordert hatte. Zusammengerollt schliefen die beiden friedlich.

„Na, das nenne ich ein gutes Team.“ Er deckte die beiden zu. „Ihr bleibt hier und wartet auf weitere Anweisungen. Ich werde Rachel helfen.“

Die Kälte griff Rachel von allen Seiten an. Ihre ungeschützte Haut war wie erstarrt, der gnadenlose Frost lähmte sie, das Atmen fiel ihr schwer. Schnee und Hagel prasselten auf die Windschutzscheibe, und es war fast unmöglich, etwas zu erkennen.

Bei den ersten Versuchen sprang der Motor nicht an. War es etwa schon zu spät, um den Wagen in die Garage fahren zu können? Sie drückte sich die Daumen und probierte es noch einmal. Als der Motor ansprang, atmete sie auf.

Gott sei Dank. Sie wollte nicht, dass Sullivan länger blieb als unbedingt notwendig. Leider sah es im Augenblick allerdings so aus, als würde sich „unbedingt notwendig“ über mehrere Tage hinziehen.

Und zu allem Überfluss erwartete Sullivan von ihr, dass sie ihm, wenn das Wetter aufklarte, die Zwillinge übergab. Sie würde sie niemals wiedersehen. Daran konnte sie nicht einmal denken.

Also würde sie nicht darüber nachdenken.

Als ob das so einfach wäre.

Während sie darauf wartete, dass der Motor warm lief, legte Rachel ihren Kopf auf das Lenkrad. Was würde sie tun, wenn Sullivan um das Sorgerecht für die Zwillinge kämpfte?

Sie lebte in einem Haus mit einem Schlafzimmer in Scobey, Montana. Scobey hatte kaum mehr als tausend Einwohner. Und sie arbeitete als Arzthelferin in einer Tierklinik, weil sie lieber mit Tieren zu tun hatte als mit Menschen.

Der Wind zerrte an ihrem Wagen, als sie darüber nachdachte, was sie den Zwillingen außer einer beengten Wohnung und nicht vorhandenen sozialen Fähigkeiten zu bieten hatte.

Ein Heim. Eine warme Berührung mitten in der Nacht. Jemanden, zu dem sie gehörten. Die Antworten kamen tief aus ihrer Seele, wo sie ihre geheimen Hoffnungen und Träume vor dem Licht der Welt verbarg.

Verbundenheit. Das war keine Kleinigkeit. Rachel schwor, dafür zu kämpfen, Cody und Jolie das Gefühl von Verbundenheit, von Zusammengehörigkeit zu geben. Weil sie es niemals für möglich gehalten hätte, dass sie jemanden so innig oder so schnell lieben könnte.

Und niemand – weder Sullivan noch sonst jemand – würde ihr diese Kinder wegnehmen.

Rachel hob den Kopf und griff nach dem Schalthebel.

Plötzlich ging neben ihr die Tür auf. Sie zuckte zusammen und schrie auf.

3. KAPITEL

Sullivan stand in der offenen Autotür.

„Idiot!“, schrie Rachel. „Sie haben mich zu Tode erschreckt.

Was machen Sie hier draußen?“ „Ich bin gekommen … helfen.“

Der Sturm stahl einen Teil seiner Erwiderung, doch sie hatte das Wichtigste verstanden. „Babys?“, rief sie besorgt.

Er beugte sich vor, sodass er ihr direkt ins Ohr sprechen konnte. „Im Laufstall. Schlafen. Rutschen Sie rüber, damit wir das hier erledigen und wieder ins Haus gehen können.“

Sie schüttelte den Kopf. „Gehen Sie auf die andere Seite.“

Überraschenderweise gab er ohne zu murren nach.

Rachel fuhr ganz langsam die zehn Meter bis zur alten Scheune, die jetzt eine Garage war. In der Scheune fand sie eine alte Decke, und gemeinsam deckten sie das Fahrzeug ab.

„Das hätte ich auch allein geschafft“, teilte sie ihm missmutig mit, als sie an ihrer Seite der Decke zerrte.

„Fahren Sie Ihre Krallen wieder ein, Wildkatze. Das hat nichts mit Ihren Fähigkeiten zu tun.“ Während er seinen Teil der Decke befestigte, blickte er nicht auf. „Ich wurde so erzogen, Sie so etwas nicht allein machen zu lassen.“

„Die Babys sind nicht sicher, wenn sie ganz allein im Haus sind.“

„Noch ein Grund zusammenzuarbeiten, damit wir schnell zurückkönnen.“ Sullivan ging vorn um den Wagen herum. Er trug den gelben Regenmantel, in dem sie winzig wirkte, weil er viel zu groß war, der ihm aber genau passte.

Stark, ruhig, sicher und ein bisschen belustigt sah er aus, als er nun seinen Seesack von der Rückbank des Wagens nahm.

Sie ging derweil in die Ecke der Scheune, wo sie das Benzin für das Notstromaggregat aufbewahrte. Ihr Mut sank, als sie entdeckte, dass der Treibstoff nur für ein paar Tage reichen würde.

Sullivan tauchte an ihrer Seite auf, um den Benzinkanister an sich zu nehmen. „Ist das alles?“

„Normalerweise lasse ich den Vorrat nicht so zu Neige gehen“, erwiderte Rachel gereizt. „Ich bin ein bisschen abgelenkt, seit die Zwillinge bei mir leben.“

Ihre ganze Welt hatte sich mit der Ankunft von Cody und Jolie verändert. Glücklicherweise hatte die Tierklinik ihr Mutterschaftsurlaub gewährt. Denn sie hatte alle Hände voll damit zu tun gehabt, die Zwillinge zu beruhigen und sich an ihre Anwesenheit und den geänderten Zeitplan zu gewöhnen, sodass alles andere, inklusive ihres Schreibens, darunter gelitten hatte.

„Seien Sie nicht so streng mit sich. Sie haben sich völlig umgewöhnen müssen.“ Er schüttelte den Kanister. „Wie lange wird das reichen?“

Sein Verständnis verschlug ihr die Sprache. Und dämpfte ihre Enttäuschung.

„Ein paar Tage. Vielleicht länger, wenn wir sorgsam damit umgehen. Eventuell fällt irgendwann der Strom aus, aber wir haben jede Menge Holz und Propan. Und eine gut gefüllte Kühltruhe, die wir mit Schnee kalt halten können.“

Wenn sie Glück hatte, wäre der Blizzard vorbei, bevor das Benzin aufgebraucht war.

Natürlich würde es noch einen oder zwei Tage dauern, bis die Straßen geräumt wären, nachdem der Schneefall gestoppt hatte. Noch mehr Zeit, die sie mit einem Mann verbringen musste, der eine echte Konkurrenz für Brad Pitt war und die beunruhigende Angewohnheit hatte, so zu reagieren, wie sie es am wenigsten erwartete. Und mehr Zeit mit zwei Babys, die noch immer traurig und wütend waren, nachdem sie die schlimmste Tragödie ihres jungen Lebens hatten erleiden müssen.

„Also werden wir sorgsam mit den Vorräten umgehen“, entgegnete er mit einer Selbstsicherheit, die keinen Zweifel daran ließ, dass er schwierige Situationen gewohnt war. „Brauchen wir sonst noch etwas aus der Scheune?“

„Ja.“ Sie öffnete einen Schrank und nahm eine große Taschenlampe heraus. „Das wär’s.“

Er nahm ihr die Taschenlampe ab und ging ihr voran nach draußen. Zitternd wartete sie auf ihn, während er das Scheunentor schloss.

Als sie sich dem Haus zuwandte, sah sie nichts als Eis und Schnee.

Mit klappernden Zähnen und zitternden Händen zog sie an der Sicherungsleine, bis diese gespannt war. Die Aufgabe war nicht ganz einfach, wenn man bedachte, dass sie ihre Finger nicht mehr spüren konnte.

Sullivans Hand legte sich zu ihrer auf das Seil. Er umhüllte Rachel mit seiner Stärke und seiner Wärme und schob sie vorwärts. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Haus.

Das letzte Licht des Tages war verschwunden, und Sullivan benutzte die Taschenlampe. Trotzdem konnte sie nicht viel mehr erkennen als ihre Hände auf dem Seil.

Es war schwer, die Anstrengung erschöpfte sie, die Kälte lähmte sie. Jeder Schritt wurde ein Kampf des Willens gegen die Natur. Mit seinem Körper schützte er sie so gut es ging vor dem Sturm, und so gelang es ihnen, Stück für Stück vorwärts zukommen. Als sie die Ecke der Veranda endlich erblickte, war sie ehrlich dankbar für Sullivans Hilfe.

Alle Lichter waren aus. Rachel machte sich Sorgen um die Babys, die allein im Haus waren. Hoffentlich spendete das Feuer im Kamin genug Licht, sodass sie nicht zu viel Angst hatten.

Sie blieb stehen und deutete auf den Schuppen an der Seite des Hauses. „Wir müssen noch den Holzvorrat aufstocken“, schrie sie. „Es wäre möglich, dass wir ein paar Tage nicht aus dem Haus können.“

Er sprach direkt in ihr Ohr. „Ich werde mich darum kümmern. Sie müssen aus der Kälte.“

„Ich … helfen.“

„Sparen Sie sich die Heldentaten auf. Ihre Zähne werden noch zersplittern, so wie sie klappern.“

Er half ihr den restlichen Weg die Veranda hinauf und reichte ihr dann den Benzinkanister und die Taschenlampe. Sie beugte sich zu ihm herüber, um ihm zu erklären, wo am Haus die Tür zum Vorratsraum war.

Er nickte. „Gehen Sie rein. Kümmern Sie sich um die Babys.“ Damit wandte er sich ab.

Doch sie fasste ihn am Arm und hielt ihn zurück. „Das Seil.“ Sie fand den Haken an ihrer Taille und versuchte, ihn zu lösen.

„Brauche ich nicht. Ich werde mich nah am Haus aufhalten.“

Wieder wollte er gehen. Angst schnürte ihr die Kehle zu, und sie packte seinen Mantel. „Nein! Nehmen Sie das Seil!“

Statt noch länger zu streiten, machte er den Haken mit dem Seil an seinem Gürtel fest.

Aber anstatt loszugehen, sobald er gesichert war, kam er zu ihr. Er zog ihren Schal etwas höher, um ihre Ohren zu bedecken. „Gehen Sie hinein, da ist es warm. Ich bin gleich zurück.“

Halb erfroren, erschöpft und besorgter um ihn, als sie es zugeben mochte, ging Rachel mit dem Benzinkanister und der Taschenlampe ins Haus.

Sie konnte nicht aufhören zu zittern. Bis tief in ihr Innerstes drang die schneidende Kälte.

Abgesehen von dem eisigen Unbehagen und der verständlichen Sorge, vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein, war sie wütend. Wütend über die Laune des Schicksals, durch die sie sich um den Mann sorgte, der verantwortlich dafür war, dass ihr Leben zerstört wurde.

Doch warum sollte das Leben plötzlich gerecht sein?

Nachdem sie aus ihren feuchten Klamotten geschlüpft war, pustete Rachel in ihre Hände, um sie zu wärmen. Sie stolperte in die Waschküche. Dort, in einem Regal an der Tür, bewahrte sie eine Taschenlampe und Kerzen auf. Schnell brachte sie das Notstromaggregat zum Laufen und ging dann ins Wohnzimmer, um nach den Babys zu schauen.

Ihr Herz schmolz dahin, als sie sie zusammengerollt beieinanderliegen und schlafen sah. Ergriffen von der Unschuld der beiden stand sie da und betrachtete sie.

Nach einer Weile hörte sie die Tür und spürte einen eisigen Windhauch.

„Wie geht es ihnen?“ Sullivan tauchte an ihrer Seite auf.

Wirre Gefühle erfüllten sie, als sie ihn nun anblickte. Sein Haar war feucht und seine Haut von der Kälte noch immer gerötet. Sie hätte es ihm gegenüber niemals zugegeben, aber sie war wirklich erleichtert gewesen, als er ihr da draußen so unvermittelt zu Hilfe gekommen war.

„Gut. Sie schlafen noch immer.“

„Sie sehen so friedlich aus.“

„Ja“, sie wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen. „Schade, dass es nicht von Dauer ist.“

„Was soll das heißen?“

Wütend drehte sie sich wieder zu ihm um. „Ich will damit sagen: Wenn es nach Ihnen geht, wird dieses bisschen Normalität, das sie seit dem Tod ihrer Eltern gefunden haben, ihnen von den Menschen entrissen, denen sie eigentlich vertrauen sollten.“

Er sah sie finster an. „So ist es nicht.“

„Genau so ist es. Aber das können Sie vergessen. Ich werde sie nicht aufgeben.“

„Hey, hey.“ Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und strich mit dem Daumen eine Träne fort. „Ich weiß, dass es schwer ist. Aber mein Freund und Ihre Schwester haben uns ihre Kinder anvertraut, weil sie wussten, dass wir das Richtige für sie tun würden. Auch wenn es nicht leicht ist.“

Mit einem Mal war ihre Angriffslust erloschen.

„Das ist nicht fair.“ Sie löste sich aus seiner Umarmung, wollte das Mitleid in seinem Blick nicht mehr sehen.

Doch er ließ sie nicht gehen und schloss sie stattdessen in seine Arme.

„Nein“, stimmte er ihr zu. „Das ist es nicht. Aber Sie sind nicht allein. Wir werden einander in dieser schwierigen Zeit helfen.“

Sie wollte gegen ihn ankämpfen, ihn von sich schieben und abstreiten, dass er recht hatte. Doch es fühlte sich zu gut an, sich zur Abwechslung einmal an jemanden anzulehnen. Schließlich gab sie nach, legte ihren Kopf an seine Schulter und schloss ihre Augen, damit er ihren Schmerz nicht sehen konnte.

„Ich will Sie nicht gern haben.“

Sie konnte sein Lachen spüren. Er strich ihr übers Haar, wie sie Cody übers Haar gestrichen hatte, als sie ihn gehalten hatte. Diese zärtliche Liebkosung beruhigte sie und brachte sie gleichzeitig aus der Fassung.

„Merken Sie sich, wo wir stehen geblieben waren. Morgen ist ein neuer Tag. Ihnen ist kalt, Sie sind müde und hungrig. Wir verschieben das Gespräch über das Sorgerecht erst einmal. Warum nehmen Sie nicht eine Dusche, während ich etwas zu essen mache?“

Der Waffenstillstand und die Dusche hörten sich himmlisch an. „Wir sollten sparsam mit dem heißen Wasser umgehen.“

„Nicht heute Abend. Wir müssen erst mal wieder auftauen. Sie gehen zuerst, und ich schaue mich in der Küche um.“

„Und die Zwillinge?“

Sullivan seufzte. „Lassen wir sie. Sie haben letzte Nacht nicht viel geschlafen.“

„Sie haben in der ganzen letzten Woche nicht besonders viel geschlafen.“ Was, abgesehen von der vergangenen Nacht, auch für sie galt. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sie sich vorstellen konnte, sofort einzuschlafen: im Stehen, an Sullivan geschmiegt, ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und seinem regelmäßigen Herzschlag lauschend. „Sie haben so viel durchgemacht.“

Er drückte sie. „Mit der Zeit wird es besser.“

Mit der Hitze, die er verströmte, erwärmte er nicht nur ihren Körper, sondern brachte auch die eisige Mauer um ihr Herz zum Schmelzen. Wie lange war es her, dass ein Mann sie so getröstet hatte?

Noch nie hatte ein Mann das getan. Und ganz sicher nicht der Mann, den sie Vater genannt hatte.

Der Gedanke allein reichte aus, damit sie sich von Sullivan löste und zurückzog. Sie hatte kein Recht, sich an einen Mann anzulehnen. Und am wenigsten an diesen Mann. Er hatte recht damit, dass die Eltern der Babys darauf vertraut hatten, dass sie das Richtige für die Kinder tun würden. Das hieß jedoch nicht, dass sie ihm vertrauen konnte.

Wenn es um die Zwillinge ging, hätten ihre Meinungen bisher nicht unterschiedlicher sein können.

Sie überlegte, ob sie ihn mit den beiden allein lassen konnte. Doch eigentlich bestand keine Gefahr. Der Sturm hinderte ihn daran zu verschwinden, und er hatte seine Sanftmut im Umgang mit den Babys schon unter Beweis gestellt.

„Ich werde dann mal duschen gehen.“ Sie ging Richtung Schlafzimmer. Als sie die Tür erreichte, drehte sie sich noch einmal um. „Danke.“

Er hatte sie beobachtet – um genauer zu sein: ihren Po. Jetzt hob er die Augen, um sie anzusehen. Keine Entschuldigung, weil sie seinen genüsslichen Blick bemerkt hatte, nur männliche Anerkennung. Er nickte leicht.

Ein kleiner Schauer wärmte sie und weckte ihre weiblichen Instinkte, die sie bisher so unnachgiebig unterdrückt hatte.

Sie schloss die Tür hinter sich. Ganz bewusst schuf sie eine Grenze zwischen sich und diesem gefährlichen Mann, der Gefühle in ihr hervorrief, die sie lieber im Verborgenen gelassen hätte.

Zeit, sich zusammenzureißen. Wie hatte sie auch nur einen Moment in den Armen des Feindes verbringen können? Keine Übertreibung. Jeder, der ihr die Zwillinge wegnehmen wollte, war ihr Feind.

Sie verstand nicht, warum er die Zwillinge wollte. Als ein SEAL und Junggeselle – diese Information hatte sie ebenfalls von seinem kommandierenden Offizier – würde es für ihn schwierig sein, sich um die Zwillinge zu kümmern, auch wenn die Familie ihn unterstützte.

Oder vielleicht hatte er seiner Familie zugedacht, die Verpflichtung ganz zu übernehmen.

Familie. Definitiv ihre Schwachstelle.

Im Badezimmer zog sie sich aus und trat in die Dusche. Die Hitze des Wassers durchdrang ihren ausgekühlten Körper.

Ihre Gedanken wanderten zu Crystal. Als Rachel von zu Hause fortgegangen war, hatte sie am meisten bedauert, die damals zehnjährige Crystal zurückzulassen. Doch Rachel hatte nicht an einem Ort bleiben können, wo man sie nicht wollte.

An ihrem siebzehnten Geburtstag hatte sie erfahren, dass der Mann, den sie als ihren Dad gekannt hatte, nicht ihr biologischer Vater war. Diese Neuigkeit hatte sie am Boden zerstört. Aber sie hatte auch einiges erklärt. Zum Beispiel, warum sie sich in ihrem eigenen Zuhause immer als Außenseiterin gefühlt hatte.

Als sie nun allmählich auftaute, griff sie nach ihrer Lieblingsseife mit Pfirsichduft.

Dan war übel mitgespielt worden. Rachel hatte das verstanden. Er war belogen und dazu gebracht worden, das Kind eines anderen Mannes aufzuziehen. Dennoch hatte er ihr zu essen gegeben und ihr Kleidung gekauft. Nie hatte er sie geschlagen. Viele andere Kinder waren schlimmer dran.

Rachel gab ihrer Mutter die Schuld. Sie war diejenige, die gelogen hatte, die das Kind eines Mannes gegen den Stolz eines anderen Mannes eingetauscht hatte. Die die Zufriedenheit ihres Kindes geopfert hatte, damit es ihr selbst gut ging. Stella Adams hätte Rachel die Dinge geben können, die Dan ihr verwehrt hatte: Zeit, Aufmerksamkeit, Zuneigung. Doch Stella hatte nicht unnötig Streit heraufbeschwören wollen.

Das hatte Rachel ihr niemals verziehen.

Nach dem Duschen ging Rachel in ein großes Badetuch gehüllt ins Schlafzimmer.

Sie hatte in ihrer Kindheit ihre Lektion zu gut gelernt, um sich jetzt so einfach ändern zu können. Statt Herzschmerz zu riskieren, zog sie es vor, allein zu sein. Sicherlich hatte sie Beziehungen gehabt, doch sie hatten nie irgendwohin geführt. Ihr Fehler. Sie war nicht bereit, ihr Herz aufs Spiel zu setzen und das Risiko einzugehen, von jemandem abgewiesen zu werden, den sie liebte.

Nicht noch einmal.

Leider war die Beziehung zu ihrer Schwester dieser Lektion zum Opfer gefallen. Doch entgegen Sullivans Behauptungen hatten sie nach dem Tod ihrer Eltern an einem neuen Verhältnis zueinander gearbeitet, und das hatte auch geklappt.

Rachel wollte nicht glauben, dass Crystal den guten Kontakt zwischen ihnen nur vorgetäuscht hatte.

In dicken Socken und einem alten Jogginganzug betrat sie das Wohnzimmer. Sie sah nach den Babys, die noch immer schliefen, bevor sie in die Küche ging. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass Sullivan ein paar Konservendosen mit Suppe aufmachen würde, aber sie hatte ihn unterschätzt. Beim Duft von Knoblauch und Tomaten begann ihr Magen zu knurren.

„Das riecht gut.“

Er war gerade dabei, Brot zu buttern, und blickte auf. „Das ist auch gut“, erwiderte er selbstsicher. „Spaghetti. Ich dachte, wir bräuchten etwas Deftiges.“

Eine dunkle Locke fiel ihm in die Stirn. Rachel musste den für sie untypischen Wunsch zurückdrängen, ihm das weiche Haar zurückstreichen, es unter ihren Fingern spüren zu wollen.

Da sie sich nur zu genau daran erinnerte, wie es sich angefühlt hatte, in seinen Armen zu liegen, ging sie zum Kühlschrank und holte einen Kopfsalat heraus. Sie brauchte etwas, um ihre Hände – und ihre Gedanken – zu beschäftigen.

„Warum gehen Sie nicht duschen, während das Brot im Ofen ist?“, drängte sie ihn. Beim Anziehen hatte sie eine Entscheidung getroffen. Je weniger Zeit sie in seiner Nähe verbrachte, desto besser. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedachte, dass sie in einem Haus eingesperrt waren, das nur ein Schlafzimmer hatte. Doch sie war entschlossen, sich selbst zu schützen. „Ich mache den Salat.“

Er wusch seine Hände und trocknete sie ab. „Das klingt nach einem guten Plan.“

„Ich habe Ihnen ein Handtuch rausgelegt.“

„Danke.“ Er nahm seinen Seesack und verschwand im Badezimmer.

Erleichtert seufzte sie auf. Seine bloße Anwesenheit schien die Luft zum Knistern zu bringen. Ihre kleine Reise in die Vergangenheit hätte sie eigentlich daran erinnern sollen, warum es besser war, ihn auf Abstand zu halten. Sie hatte alles zu verlieren und nichts zu gewinnen.

Er kam aus einer anderen Welt und war nur so lange hier, wie es dauerte, um ihr Leben zu zerstören.

Ein Wimmern ließ sie aufhorchen. Sie ging ins Wohnzimmer zum Laufstall. Jolie rührte sich. Rachel deckte sie wieder zu und tätschelte dann sacht ihren Rücken, bis die Kleine wieder eingeschlafen war. Cody war nicht wach geworden.

Wären sie bei Sullivan besser aufgehoben? Er hatte eine große Familie erwähnt, die eng verbunden war und ihn unterstützte. All das, wovon sie als Kind geträumt hatte.

Dennoch kam es ihr wie ein Betrug an den Kindern vor, die sie in ihr Herz geschlossen hatte, überhaupt über diese Frage nachzudenken.

Als Sullivan einige Zeit später in Jeans und T-Shirt aus dem Bad kam, hatte Rachel in der Küche den Tisch gedeckt. „Das Essen ist fertig.“

„Großartig.“ Ford fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das feuchte Haar, bevor er für Rachel den Stuhl zurückzog.

Diese Geste entlockte ihr ein Stirnrunzeln. Argwöhnisch sah sie ihn an. „Wen wollen Sie damit beeindrucken? Das hier ist schließlich kein Date.“

Warum fand er ihre Reizbarkeit nur so anziehend? „Schieben Sie es auf meine Erziehung. Gram glaubt an solche Höflichkeiten.“

„Danke“, sagte sie widerwillig, als sie sich setzte. „Sie sind bei Ihrer Großmutter aufgewachsen?“

Er nickte und nahm ebenfalls Platz. „Seit ich acht war.“

„Hm.“

„Sie hat meine fünf Brüder und mich zu sich genommen, nachdem meine Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren.“

„Das tut mir leid.“ Sie sah ihn kurz an, bevor sie ihren Blick wieder senkte und sich schweigend dem Essen widmete.

Während Ford beobachtete, wie die Zinken ihrer Gabel zwischen ihre Lippen glitten, kämpfte er gegen die Erinnerung an, wie gut es sich angefühlt hatte, sie in seinen Armen zu halten. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort hätte er ganz bestimmt mit ihr geflirtet. Doch es stand bereits fest, dass er ihr das Herz brechen würde, bevor er ging. Es hatte keinen Sinn, die Situation noch zu verkomplizieren, indem er der Anziehung nachgab, die sie auf ihn ausübte.

Was nicht bedeutete, dass er zuließ, dass sie ihn ignorierte.

Er warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Lassen Sie es mich wissen, wenn ich Sie langweile.“

Und plötzlich geschah etwas unglaublich Süßes: Ihre Ohrläppchen wurden rot! Obwohl in ihren meerblauen Augen ganz kurz Entrüstung aufflackerte, bemühte sie sich, sich in die Unterhaltung einzubringen.

„Das muss eine schwierige Kindheit gewesen sein.“

„Es war hart, meine Eltern zu verlieren, aber Gram hat uns geliebt, und wir konnten zusammenbleiben. Das war viel wert.“ Er stützte seine Ellbogen auf den Tisch. „Sie sind nicht besonders gesprächig, oder?“

Sie schluckte einen Bissen Spaghetti herunter. „Nein.“

„Warum nicht?“ Er spießte eine Tomate auf.

Auf seine Frage folgte ein Schweigen. Offensichtlich wollte sie nicht antworten, doch er wartete geduldig.

Mit einem Seufzen gab sie ihm schließlich eine Antwort. „Im Allgemeinen ziehe ich es vor, allein zu sein.“

„Und in diesem Fall?“

„Ich weiß über dieses Thema nicht besonders gut Bescheid.“ Als hätte sie schon viel zu viel verraten, fügte sie hinzu: „Und außerdem verstehe ich nicht, warum wir uns anfreunden sollten.“

Er beachtete die Zurückweisung nicht. „Was haben Sie damit gemeint, als Sie sagten, dass Sie Ihre Schwester im Stich gelassen hätten?“

Ihre Augen blitzten auf. „Ich will mit Ihnen nicht über meine Schwester reden. Sie schätzen sie vollkommen falsch ein.“

Wie sehr sie sich verstellte. Nach außen hin kühl und beherrscht, loderten unter der Oberfläche Hitze und Leidenschaft. Und sie war so unfassbar empfindsam. Was auch immer in ihrer Familie geschehen war, es hatte sie sehr verletzt.

„Crystal hat erzählt, dass Sie von zu Hause fortgelaufen sind. Warum? Die Familie ist doch wichtig.“

„Ja. Und ich bin die einzige Familie, die die Zwillinge haben.“

Was für eine dickköpfige Frau. Doch ihre Unnachgiebigkeit zeigte auch, wie stark ihr Instinkt war, die Zwillinge zu beschützen.

„Erzählen Sie mir, warum Sie weggelaufen sind“, bat er.

Sie neigte den Kopf. Eine weißblonde Strähne fiel ihr in die Augen. Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich das Haar aus der Stirn.

„Ich weiß, was Sie damit bezwecken.“

Einen Herzschlag lang zögerte er. „Und das wäre?“

„Information bedeutet Macht. Sie wollen, dass ich Ihnen von meiner Vergangenheit erzähle, damit Sie es gegen mich verwenden können, um zu bekommen, was Sie wollen.“

Sie hatte recht. „Ich habe Ihnen meine Geschichte auch erzählt.“

„Aber aus einem bestimmten Grund. Ohne Zweifel soll ich glauben, dass der männliche Einfluss von Ihnen und Ihren Brüdern und die nette kleine Großmutter dazu den Zwillingen guttun werden.“

„Vielleicht mache ich auch nur Konversation.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Oh, bitte. In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt. Und Sie sind ein Krieger – durch und durch.“

„Sehr klug.“Voller Anerkennung hob er sein Wasserglas.

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie das überrascht?“

Er lächelte ungeniert. „Alles an Ihnen überrascht mich.“

„Gott, danke.“ Sie stieß mit ihm an und nahm einen Schluck. „Wenn man bedenkt, dass Sie mich für eine faule Versagerin halten, die keine Beziehung lange aufrechterhalten kann, verstehe ich das mal als Kompliment.“

Er lachte. „Ich gebe zu, dass ich eine falsche Vorstellung hatte. Ihr Mut, Ihre Geduld und Hingabe kamen vollkommen unerwartet. In meinem Beruf schalten wir die Gefühle aus, um die Aufgabe zu erfüllen.“

Jetzt hatte er ungewollt zu viel preisgegeben. Ihr Witz und die Wachsamkeit und Intelligenz in ihren Augen machten es leicht, mit ihr zu reden. Zu leicht. Und zu gefährlich. Ihren nachdenklichen Blick meidend, stand er auf und brachte seinen Teller zur Spüle.

Sie sah aus, als wollte sie das Thema weiterführen, doch glücklicherweise setzte ihre gewohnte Zurückhaltung wieder ein.

„Ich bin todmüde.“ Mit dem Gefühl, eine gefährliche Klippe umschifft zu haben, stieß er sich von der Küchenanrichte ab. „Was halten Sie davon, wenn wir den Abwasch machen und dann ins Bett gehen?“

4. KAPITEL

Ins Bett gehen. Ins Bett gehen. Ins Bett gehen. Die Worte hallten im Zimmer wider. Vor Rachels innerem Auge tauchten Bilder von nackter Haut, verschlungenen Körpern und leidenschaftlich aufeinandergepressten Lippen auf.

Aufwühlend. Umso mehr, weil Rachel weit weniger Schwierigkeiten damit hatte, ihn sich nackt vorzustellen, als ihr lieb war.

Ihre Knospen richteten sich auf, und tief in sich spürte sie dieses Gefühl von Leere, das sie so gern lindern wollte.

Peinlich berührt über ihre Reaktion – denn natürlich hatte er damit nicht sagen wollen, dass sie zusammen ins Bett gehen sollten –, wich sie seinem Blick aus und deckte den Tisch ab. Trotzdem spürte sie, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg und sie errötete. Außerdem stieg Wut in ihr auf, denn die Röte in ihrem Gesicht rührte nur zum Teil von Verlegenheit.

Der Rest war Verlangen – pur und sündig.

Nur weil sie zurzeit lieber allein war, bedeutete das nicht, dass sie nicht wusste, was sie mit einem Mann anfangen sollte.

Als sie zur Anrichte ging, fiel ihr Blick auf die Uhr am Backofen: 7.03 Uhr.

„Es ist sieben Uhr“, stellte sie fest. In den vergangenen Stunden war so viel geschehen, dass es ihr vorkam, als wäre es schon viel später. „Ein bisschen zu früh, um ins Bett zu gehen.“

Er sah auf seine Uhr und lächelte schief. „Erst sieben? Vermutlich sind das noch die Nachwirkungen vom frühen Aufstehen gestern. Und habe ich erwähnt, dass die Zwillinge in der letzten Nacht nicht besonders viel Schlaf bekommen haben?“

„Das haben Sie.“ Sie ließ heißes Wasser in die Spüle und gab etwas Spülmittel hinzu. Vermutlich schuldete sie ihm etwas, weil sie so gut geschlafen hatte wie seit Tagen nicht mehr. „Warum gehen Sie nicht …“ Sie zuckte zusammen, als sie sich nun umdrehte und Sullivan von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Als sie instinktiv einen Schritt zurückwich, spritzte etwas Wasser auf den Fußboden, und sie spürte, wie sie ausrutschte und zu fallen drohte.

„Vorsicht.“ Blitzschnell zog Sullivan sie an sich heran. „Ich habe Sie.“

Überrascht, sich erneut in seinen Armen wiederzufinden, blickte sie ihn an. Nur Zentimeter trennten sie von seinen blauen Augen, in denen unbändiges Verlangen stand.

Sie blinzelte, und als sie wieder in seine Augen sah, schienen alle Emotionen mit einem Mal verschwunden zu sein.

So schnell. Was die Frage aufwarf, ob er überhaupt etwas empfunden hatte. Oder ob sie nur ihr eigenes Verlangen auf ihn übertragen hatte.

„Tut mir leid“, murmelte sie und löste sich eilig von ihm. Er ließ sie los – für ihren Geschmack ein bisschen zu leicht. Wütend über ihre alberne Reaktion schob sie ihre Ärmel hoch und tauchte ihre Hände in das schaumige Wasser.

„Sind Sie den ganzen Weg hierher gefahren oder sind Sie geflogen?“ Sie war entschlossen, die Unterhaltung fortzuführen, um die Verlegenheit zwischen ihnen zu vertreiben.

„Ich bin gefahren.“ Er fing an, das Geschirr abzutrocknen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie ihn, während sie abwuschen. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Männer Hausarbeiten mieden. Wahrscheinlich konnte sie Sullivans Großmutter für seine Aufmerksamkeit danken.

Rachel wusste seine Hilfe zu schätzen – wenn er ihr nur nicht so nahe wäre.

„So ist es auch einfacher, die Zwillinge in den Jeep zu packen und mitzunehmen, oder?“ Sie machte sich keine Illusionen darüber, was er vorhatte.

Er zuckte die Schultern. „Das ist der Plan.“

Präsens. Also hatte er sich nicht umentschieden, was die Zwillinge betraf, obwohl sein Eindruck von ihr sich verbessert hatte. Niedergeschlagen verstummte sie.

Ein Wimmern aus dem Wohnzimmer ließ sie aufhorchen. Die Babys wurden wach.

„Ich gehe.“ Sullivan ging an ihr vorbei ins Wohnzimmer zum Laufstall.

Ihr wurde wieder bewusst, warum sie lieber allein war. Langsam folgte sie Sullivan ins Wohnzimmer.

„Hey, Cody.“ Er nahm den Jungen auf den Arm. „Wie geht es dir? Hast du Hunger? Es ist Zeit fürs Abendbrot.“

Cody hörte auf zu weinen und legte seinen Kopf an Sullivans Schulter.

Jolie streckte ihre Arme aus, damit Rachel sie auch hochhob. Rachel ergriff die Kleine und drückte sie an sich. Und stellte fest, dass ganz dringend die Windeln gewechselt werden mussten.

Die nächsten anderthalb Stunden vergingen damit, die Windeln zu wechseln, die Babys zu füttern und sie fürs Bett fertig zu machen.

„Es gibt nur ein Schlafzimmer. Dort steht auch das Kinderbettchen.“ Rachel wies auf die Couch. „Sie können das Sofa nehmen. Ich hole Ihnen Bettzeug.“

„Das ist super.“ Argwöhnisch betrachtete er die Couch. Aus gutem Grund, denn für seine eins neunzig war das Sofa gute fünfzehn Zentimeter zu kurz.

Während er weitergrübelte, holte sie das Bettzeug aus dem Flurschrank.

Zurück im Wohnzimmer spielten die Babys im Laufstall, und Sullivan füllte den riesigen Korb neben dem Kamin mit Brennholz aus dem Vorratsschrank auf. Ein hübsches Feuer flackerte im Kamin.

Das Licht in der Küche war aus. Sullivan hatte einige Kerzen auf der Anrichte hinter der Couch angezündet. Der Raum war in warmes, weiches Licht getaucht.

Die ganze Szene wirkte ausgesprochen beschaulich. Der Beigeschmack nach Heim und Herd war zu stark für Rachel. Es kam ihr falsch vor. Weil es sich zu richtig anfühlte. Sullivan war ein Fremder, ein Eindringling. Sie sollten nicht so ungezwungen miteinander umgehen können, sich miteinander nicht so wohlfühlen.

Es war an der Zeit für einen taktischen Rückzug.

„Hier.“ Sie warf das Bettzeug ans Ende der Couch. Er war alt genug, er konnte sein Bett allein machen. „Ich bin todmüde. Und die Babys sollten längst im Bett sein. Wir gehen schlafen.“

Er schloss die Tür zum Vorratsraum für das Holz und wischte sich den Staub von den Händen. „Danke. Meinen Sie, dass der Sturm morgen früh vorbei ist?“

„Schwer zu sagen.“ Bedeutete diese Frage, dass er genauso nervös war wie sie? „Eigentlich war kein Schnee vorhergesagt – es sollte ein paar Tage regnen.“

„Wie lange dauert es, bis nach einem solchen Sturm die Straßen geräumt sind?“

„Warum? Müssen Sie plötzlich irgendwohin?“

„Außer mit den Zwillingen zusammen nach Hause, damit sie sich dort eingewöhnen? Nein.“ Erschöpft fuhr er sich durchs Haar. „Ich dachte nur an das Benzin, das noch übrig ist.“

„Richtig. Wir müssen das Notstromaggregat abstellen, um zu sparen. Die Heizung läuft mit Propan, und dort sind wir auf der sicheren Seite.“

„Und außerdem haben wir jede Menge Holz.“

Belustigt stemmte sie die Hände in die Hüften. „Hört euch Mr. Kalifornien an.“

Er ging zum Sofa und begann, sein Bett herzurichten. „Auch in Kalifornien schneit es ab und an.“ Kraftvoll warf er die Kissen in die Ecke. „Paradise Pines liegt in den Bergen östlich von San Diego. Dort haben wir ein- bis zweimal im Jahr Schnee.“

Bewusst hielt sie Abstand von Sullivan, um nicht Gefahr zu laufen, seine starken Arme zu berühren. Es dauerte einen Augenblick, bis seine Worte in ihr Bewusstsein drangen – er lenkte sie einfach zu sehr ab.

Sie lachte. „Und es schneit wie lange? Einen oder eineinhalb Tage? Oh, bitte.“ Sie beobachtete, wie er seinen Seesack vom Fußende der Couch ans Kopfende legte, dann aus seinen Schuhen schlüpfte und sie neben den Seesack stellte.

Mit einem Kopfnicken wies er zum Laufstall. „Die beiden schlafen tief und fest.“

Rachel sah nach den Zwillingen. Cody und Jolie hatten sich wieder nebeneinander zusammengerollt und schliefen. Sie sahen so friedlich aus.

„Ich will sie nicht stören. Wenn ich sie jetzt wecke, um sie ins Bett zu bringen, schlafen sie nicht wieder ein.“

„Dann lassen Sie sie schlafen. Ich bin da, falls sie aufwachen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das eine so gute Idee ist.“ Nein, diesem Mann die Kontrolle zu überlassen war definitiv keine gute Idee. Was, wenn er die Zwillinge mitten in der Nacht nahm und verschwand?

Um mit ihnen im Blizzard fast zehn Kilometer bis zur nächsten Stadt zu wandern? Das glaubst du doch selbst nicht, meldete sich ihre vernünftige Seite zu Wort.

Gar nicht so abwegig, immerhin ist er ein SEAL, erwiderte die Mutter in ihr.

Als hätte er ihre Unentschiedenheit gespürt, blickte er ihr in die Augen und hielt seine rechte Hand wie zum Schwur hoch. „Ich verspreche, dass sie bei mir sicher sind. Kommen Sie, Rachel. Wir brauchen alle eine Mütze voll Schlaf.“

„Also gut. Aber ich lasse meine Schlafzimmertür offen, damit ich sie hören kann.“

„Ich werde nicht mit den Babys verschwinden, Rachel.“

„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich vorsichtig bin. Ich habe Sie gerade erst kennengelernt.“ Gott, war das gestern gewesen? „Was Sie sagen und was Sie tun, können zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sein.“

„Nein, ich bin ein ehrlicher Mensch. Mein kommandierender Offizier hat Ihnen das sogar bestätigt, schon vergessen?“ Seine Miene machte deutlich, dass er es nicht schätzte, wenn man an ihm zweifelte. Sie hätte gedacht, dass er es als SEAL gewohnt war, Handlungen und Motive zu hinterfragen und selbst hinterfragt zu werden.

Lag es an ihr? War es ihm wichtig, was sie von ihm hielt?

Ein Schauer rieselte ihr über den Rücken.

„O ja. Ein ehrlicher Mensch. Ich vergaß.“ Sie wandte sich von ihm und den erregenden Empfindungen, die er in ihr weckte, ab.

An der Schlafzimmertür angekommen, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. Doch ihr entfiel, was sie sagen wollte, denn ihr stockte der Atem.

Sullivan faltete gerade sein T-Shirt zusammen. Das Licht des Kaminfeuers tanzte auf seiner nackten Haut, seinen geschmeidigen Muskeln. Gott, er sah so gut aus.

Als er nach seinem Reißverschluss griff, sog sie scharf die Luft ein.

„Gute Nacht.“ Abrupt machte sie kehrt und floh in ihr Zimmer. Eines war ihr klar geworden: Sie lief Gefahr, ihn zu wollen.

Rachel erwachte in einem dunklen Zimmer. Der Duft von Kaffee drang ihr in die Nase. Unter den gegebenen Umständen hatte sie befürchtet, nicht schlafen zu können. Doch das Letzte, an was sie sich erinnern konnte, war, dass sie vorgehabt hatte, in dem Fall an ihrem Buch zu schreiben.

Vor einigen Monaten hatte ein Verleger ihr ein Angebot gemacht. Er war von ihren Zeitungskolumnen, in denen sie den Unsinn beschrieb, den einige Tiere in der Klinik anstellten, fasziniert gewesen. Und er hatte sie gebeten, ein Buch über das Verhalten von Tieren zu schreiben. Sie war interessiert gewesen, hatte ihm ein Probekapitel geschickt und wartete nun auf die Entscheidung.

Das alles war passiert, bevor die Kinder zu ihr gekommen waren.

Als sie nun einen Blick auf die Uhr warf, sprang sie aus dem Bett. Halb neun. Sie schlief nie so lange. Die Babys schliefen nie so lange.

Sie fuhr sich durch ihr zerzaustes Haar und tapste dann in ihrem Jogginganzug und Socken ins Wohnzimmer. Und fand die Babys dort, wo sie sie am Abend zuvor zurückgelassen hatte – sie schliefen im Laufstall. Dass sie neue Strampler trugen, zeigte ihr, dass die beiden irgendwann wach gewesen waren.

Ford tat mehr als nötig. Er versuchte, sie weichzukochen, indem er sie ausschlafen ließ, sich um die Kinder kümmerte … dass er aber auch so aufmerksam sein musste.

Trotzdem – es würde nichts an ihrer Meinung ändern.

Sie bückte sich und strich über Jolies seidiges braunes Haar. Liebe erfüllte ihr Herz. Mehr als alles andere auf der Welt wollte sie das Richtige für die Zwillinge tun. Sie hoffte, dass das nicht hieß, sie aufzugeben.

Bevor sie sich wieder aufrichtete, fuhr sie mit dem Finger über Codys rosige Wange. Was auch immer geschah, die Zwillinge waren unschuldig.

Ein dumpfes Krachen aus der Küche ließ sie aufhorchen.

Die Arme auf die Granitarbeitsplatte gestützt, stand Ford mit gesenktem Kopf in der Küche. Die Gewalt des Sturmes, der hinter dem Fenster wütete, schien seinen inneren Kampf widerzuspiegeln.

Offensichtlich war es ein sehr persönlicher Moment.

Rachel wollte sich zurückziehen, um ihm seine Ruhe zu lassen. Bis er sich unvermittelt aufrichtet und mit der Faust auf den Granit schlug.

Geschockt blieb sie stehen. Diese heftige Geste enthüllte Wut und Trauer. Ungeklärte Wut und Trauer. Sie rang mit sich, ob sie zu ihm gehen oder ihn allein lassen sollte.

Er nahm seinen Arm zurück, um ein weiteres Mal auf die harte Arbeitsplatte zu schlagen.

„Stopp!“ Rachel machte einen Satz nach vorn und hielt mit beiden Händen seinen Arm fest.

Schlechte Idee …

Bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie zu Boden gebracht. Wilde blaue Augen starrten sie an, sein Körper lag auf ihrem, seinen Unterarm hatte er auf ihren Hals gepresst.

Eigentlich hätte sie schockiert sein müssen. Doch Angst war nicht das Gefühl, das ihr Schauer durch den Körper jagte …

Er blinzelte und löste hastig seinen Arm von ihrem Hals.

„O Gott.“ Er lehnte seine Stirn an ihre. „Es tut mir leid.“

„Entschuldigung angenommen.“ Sie lag vollkommen regungslos unter ihm. „Sie können jetzt von mir runter.“

Er rührte sich nicht. „Normalerweise habe ich mich besser unter Kontrolle.“

Das glaubte sie sofort. „Das ist gut zu wissen.“

„Es ist nicht klug, so plötzlich nach mir zu greifen.“

„Das werde ich mir merken.“ Zögerlich bewegte sie ihren Oberkörper, um ihn daran zu erinnern, dass er sie noch immer auf dem Boden festhielt. Ihr Busen berührte seine Brust. Und ihre Knospen reagierten auf die Berührung.

Genau wie sein Körper.

Sie erstarrte. Und musterte seine Miene, in der sich Verlangen widerspiegelte. Sein Blick fiel auf ihre Lippen, und ganz langsam neigte er den Kopf …

Der Schrei eines Babys unterbrach den Moment.

Und erinnerte sie beide daran, dass sie nicht allein waren. Wie hatte sie vergessen können, warum er hier war? Rachel stemmte sich gegen Fords Schultern, bis er endlich von ihr rollte.

„Machen Sie das nie wieder.“ Wieder auf den Beinen zupfte sie ihre Kleider zurecht und klopfte sich den Staub von ihrem Po. Und sie achtete darauf, seinen Blick zu meiden.

Sicherlich spürte auch sie die Anziehung zwischen ihnen, erkannte die Begierde in seinen Augen. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort hätte sie sich vielleicht zu einer unverbindlichen Affäre hinreißen lassen. Doch in dieser Situation stand für sie zu viel auf dem Spiel.

Egal, wie verführerisch die Vorstellung sein mochte.

Er zwang sie dazu, ihn anzusehen, als er ganz nah an sie herantrat. Sein Blick blieb kurz an ihrem Mund hängen, ehe er ihr in die Augen schaute. „Ich versichere Ihnen, dass ich Sie nicht mehr angreifen werde.“

Sie sah ihn finster an. „Das meinte ich nicht.“

Zärtlich schob er ihr eine Strähne hinters Ohr. „Mehr kann ich Ihnen nicht versprechen.“

Unbarmherzig unterdrückte sie den Schauer, der ihr bei seinen Worten über den Rücken lief, und ging an ihm vorbei, um nach den Babys zu sehen. Wie nicht anders zu erwarten, waren sie wach und wollten spielen. Um sie zu beschäftigen, während sie sich anzog, legte sie eine Handvoll Spielsachen in den Laufstall.

Dann flüchtete sie erst ins Bad, um sich die Zähne zu putzen, und dann in ihr Zimmer, um eine Jeans und einen Pullover anzuziehen. Gemischte Gefühle begleiteten sie. Zwar genoss sie den Luxus, ihrer morgendlichen Routine nachzugehen, ohne sich zu hetzen oder sich Gedanken darüber zu machen, ob die Zwillinge aufwachen könnten, bevor sie fertig war, aber sie hatte Jolie und Cody gegenüber auch ein schlechtes Gewissen.

Sie war verärgert, und doch zugleich auch dankbar dafür, dass Ford ihr diese Momente der Freiheit schenkte. Dass sie seinetwegen eine ganze Nacht lang hatte durchschlafen können.

Zurück im Wohnzimmer breitete sie auf dem Teppich vor dem Kamin eine Decke aus und ließ die Babys darauf herumkrabbeln. Als sie irgendwann ruhiger wurden, holte sie einige der Lieblingsbücher der Zwillinge hervor, setzte sich mit den Kleinen auf die Couch und verbrachte den Großteil der nächsten Stunde damit, ihnen etwas vorzulesen.

Ford vertrieb sich die Zeit damit, im Zimmer herumzulaufen und sich umzusehen. Das Geräusch der Schublade in der Anrichte hinter Rachel, die aufgemacht und wieder zugeschoben wurde, sagte ihr, dass er die kaputte Lade gefunden hatte.

Während sie weiterlas, holte er ihre Werkzeugkiste und stellte sie neben der Anrichte auf den Boden.

Rachel beendete die Geschichte und ließ die unruhigen Babys los. Sofort zogen sie sich an der Rücklehne des Sofas hoch, um zu sehen, was Ford machte. Damit sie die Babys im Auge behalten und sichergehen konnte, dass sie nicht nach hinten fielen oder über die Lehne kletterten, drehte sie sich auch um.

Und bekam einen erstklassigen Ausblick auf einen festen Po, als Ford sich nun bückte, um sich die Anrichte genauer anzusehen.

Ford? Seit wann nannte sie ihren Feind beim Vornamen? Vielleicht, seit er bewiesen hatte, dass er nicht ihr Feind war – indem er ihr im Schneesturm geholfen, ihr Essen gekocht und sie ausschlafen lassen hatte.

Alles Anzeichen dafür, dass er kein schlechter Kerl war.

Oder einen sehr geschickten Weg eingeschlagen hatte, um sie zu täuschen. Zusammen mit seinem Hang, sie bei jeder Gelegenheit zu berühren, und den glühenden Blicken, die er ihr ständig zuwarf, ging seine Rechnung auf.

Sie erinnerte sich selbst an ...

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