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JULIA EXTRA, BAND 311

KATE WALKER

So nah und doch so fern

Lucy hat keine Wahl: Wenn sie ihren Sohn wiedersehen will, muss sie alles riskieren. Und dem Mann gegenübertreten, der sie für eine Betrügerin hält. Ein gefährliches Unterfangen mit offenem Ausgang …

MAGGIE COX

Suche Kindermädchen – biete … Liebe?

Nie konnte Pascual die hübsche Engländerin vergessen, die ihm vor mehr als fünf Jahren den Kopf verdrehte und dann einfach verschwand. Plötzlich steht Briana wieder vor ihm. Wird sie diesmal bleiben?

TRISH WYLIE

Wiedersehen in Hollywood

Sie waren das explosivste und kreativste Paar in ganz Irland – dann ging Will nach Amerika. Jetzt braucht er Cassidys Hilfe, um ein Drehbuch fertigzustellen. Wird der Funke noch einmal überspringen?

CATHY WILLIAMS

Mit Charme und ganz viel Gefühl …

Blondinen bevorzugt! Das war immer Rafaels Wahlspruch – bis er die dunkelhaarige Cristina trifft. Diese Frau geht ihm unter die Haut. Er wird sich doch nicht in sie verliebt haben?

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Kate Walker

So nah und doch so fern

1. KAPITEL

Endlich schwand die Hitze des Tages, die Luft kühlte langsam ab. In den länger werdenden Schatten des Abends steuerte Lucy das alte Ruderboot vorsichtig an den Strand der kleinen Insel und sprang heraus.

Das flache Wasser umspülte ihre Zehen und Knöchel. Die Hosenbeine ihrer Jeans hatte Lucy aufgerollt, damit sie sich nicht voll Wasser saugen würden, während sie das Boot an Land zog. Nervös kaute sie an ihrer Lippe, als der Rumpf über den Sand knirschte. Ob das jemand gehört hatte?

Sie durfte jetzt nicht ertappt werden. Bis zum Haus war es noch weit. Wenn einer von Ricardos Sicherheitsleuten Alarm schlug, hatte sie schon verloren, noch bevor sie überhaupt angefangen hatte. Man würde sie, ohne Aufsehen, zum italienischen Festland zurückbringen, zu der ärmlichen Pension, in der sie für diese Woche untergekommen war, da sie sich nichts anderes leisten konnte.

In dieser enorm wichtigen Woche.

Falls sie überhaupt in Italien bleiben konnte. Wenn Ricardo erst herausfand, dass sie wieder zurück war, würde er wahrscheinlich sämtliche Hebel in Bewegung setzen, um sie aus dem Land ausweisen zu lassen. Aus dem Land und aus seinem Leben, ein für alle Mal. Allerdings glaubte er, das hätte er bereits erreicht.

„Oh, Himmel!“

Sie merkte, dass sie die Luft anhielt, und zwang sich, wieder bewusst zu atmen. Mit einer Hand strich sie sich die blonden Strähnen zurück, die sich aus dem Band gelöst hatten, während ihre blauen Augen unstet die Gegend absuchten. Falls jemand das Knirschen im Sand gehört hatte, dann wäre er doch schon aus dem Haus gekommen, oder?

Ganz bestimmt. Also musste sie jetzt sicher sein. Lucy holte ihre Segelschuhe aus dem Boot und setzte sich ins Gras, um sich den Sand von den Füßen zu wischen und die Schuhe anzuziehen.

Sie wünschte, sie könnte das Boot weiter an Land ziehen. Vielleicht sollte sie es mit Blättern und Ästen zudecken, bis es nicht mehr zu sehen war? Aber dazu war sie nicht stark genug, und das nervöse Hämmern ihres Herzens drängte sie dazu, schnell weiterzugehen.

Nun, da sie schon einmal hier war, konnte und wollte sie es nicht länger hinauszögern. Sie hatte alles lange geplant und alles sorgfältig vorbereitet. Als ihr Brief an Ricardo ungeöffnet an den Absender zurückgekommen war, da wusste sie, dass es keinen anderen Weg gab. Sie musste die Sache selbst in die Hand nehmen.

Lucy hatte es auf die höfliche Art versucht, auf die zivilisierte Art und war dennoch eiskalt zurückgewiesen worden. Sie hatte an Ricardos gutes Herz appelliert, aber scheinbar besaß er so etwas gar nicht – zumindest nicht, was sie anbetraf.

Also sah sie sich gezwungen, heimlich herzukommen, wie ein Dieb in der Nacht. Sie hatte die Stelle auf der Insel angesteuert, die der einzig mögliche Schwachpunkt in Ricardos dichtem Sicherheitsnetz war. Hier konnte man sich unter den dichten Büschen verstecken, die über den See hingen. Sie war auch nicht gerudert, sondern gepaddelt, um so wenig Geräusche wie nur möglich zu machen. Bis an Land hatte sie es geschafft, ohne gesehen worden zu sein, jetzt konnte sie nur beten, dass das Glück sie nicht verließ, bis sie das Haus erreichte.

Sie musste bittere Tränen verdrängen, als sie zu der großen neugotischen Villa hinaufschaute, die auf der Hügelkuppe stand. Sorgfältig angelegte Terrassenbeete, begrenzt mit Naturstein, zogen sich über den Hang, eine gewundene Steintreppe führte den Hügel hinauf zu dem weißen Haus, das einst ein Kloster gewesen war, später dann als Palast gedient hatte. Im Glas der großen Fenster brachen sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, am Ende des Westflügels reckte sich der hohe steinerne Turm in den Himmel. Lucy wusste, dass man von den Fenstern der Villa San Felice auf die blauen Wasser des Gardasees blickte. Im Südosten erstreckte sich die Provinz Verona, im Westen Brescia. Direkt davor lag San Felice del Benaco, das der Insel und der Villa seinen Namen verliehen hatte.

Dieser wunderbare Ort, diese fantastische Villa waren einst ihr Zuhause gewesen.

Jetzt nicht mehr. Schon seit Monaten nicht mehr. Es hatte sich auch nie wirklich wie ein Zuhause angefühlt, die ganze Zeit über nicht, die sie hier gelebt hatte.

Trotz des warmen Abends erschauerte Lucy bei diesen Erinnerungen. Sie hatte hier gelebt und sich doch nie heimisch gefühlt.

„Ich kann’s nicht“, murmelte sie vor sich hin. „Ich kann es einfach nicht.“

Abrupt schüttelte sie den Kopf, um die entmutigenden Gedanken zu vertreiben. Sie musste sich dem stellen, musste es schaffen. Denn die Villa barg nicht nur die Erinnerungen an die schlimmsten Monate ihres Lebens, sondern auch das eine, das ihr das Wichtigste auf der Welt war. Das ihrem Leben einen Sinn gab.

Sie folgte dem ausgetretenen Pfad zu dem kleinen hölzernen Tor, das in die Privatgärten der Villa führte. Als sie es vorsichtig öffnete, quietschten die rostigen Angeln.

Oh bitte, lass es niemanden hören, dachte sie und eilte im Schatten des üppigen Buschwerks über das Gras. Gerade hatte sie sich tiefer in die Büsche zurückgezogen, als sie über sich eine Tür gehen hörte. Das waren die Glastüren, die vom großen Salon auf die Terrasse hinausführten. Jene Türen, durch die sie vor nicht ganz sieben Monaten geflohen war, ohne sich umzuschauen, aus Angst, jemand könnte erkennen, was sie vorhatte, und sie aufhalten.

„Buona sera …“

Die Stimme, die vom Haus zu ihr drang, ließ ihr Herz einen Schlag lang aussetzen. Ricardo. Nur ein Mann besaß diese dunkle, leicht raue Stimme, die jeder Silbe etwas Lockendes verlieh.

Wie oft hatte sie nicht ihren Namen von ihm mit dieser Stimme ausgesprochen gehört, mit den verschiedensten Betonungen? Heiter und amüsiert, verächtlich und wütend. Und auch in fiebriger Leidenschaft, voller Bewunderung. Er hatte sie seine Lucia genannt, seine Liebe, sein Leben …

Seine Frau.

Ihr Herz zog sich zusammen, als sie sich an den Stolz erinnerte, der in der Stimme von Ricardo Emiliani mitgeschwungen hatte, wenn er sie so nannte.

„Meine Frau“, hatte er gesagt, als er ihre Hand fasste und sie vom Altar wegführte, wo der Priester sie soeben zu Mann und Frau erklärt hatte. „Mia moglie.“

Und sie hatte sich in diesem Titel gesonnt, hatte es geliebt, wenn man sie mit Signora Emiliani ansprach. Sie hatte alle Zweifel tief begraben und die Rolle der glücklichen Braut gespielt, für die alle Träume in Erfüllung gegangen waren, hatte gelächelt, bis ihr die Wangen schmerzten.

Während sie doch die ganze Zeit über die Wahrheit ahnte – aus welchem Grund Ricardo sie geheiratet hatte.

Liebe hatte dabei nie eine Rolle gespielt.

„Halten Sie mich auf dem Laufenden, wenn Sie mehr herausfinden …“

Da war wieder die einst geliebte Stimme. Aber wieso sprach Ricardo Englisch und nicht Italienisch? Mit wem?

Furcht einflößende Bedenken meldeten sich in Lucy, sie könnte vielleicht einen fatalen Fehler gemacht haben. Sie war aus ihrem Versteck hervorgekommen und hatte sich mit Ricardo in Verbindung gesetzt. Und durch ihren Brief, selbst wenn sie diesen aus drängender Verzweiflung geschrieben hatte, würde Ricardo auch wissen, wo sie sich aufhielt. Und Ricardo, als unermesslich reicher, unermesslich mächtiger Mann, würde diese Information mühelos einsetzen können, um mehr herauszufinden. Er brauchte nur mit den Fingern zu schnippen, und schon stand ihm eine ganze Armee von Leuten zur Verfügung, die sie suchen würden und …

Und was?

Was sollte ein Mann schon tun, der ihr ins Gesicht gesagt hatte, dass die Heirat mit ihr der größte Fehler seines Lebens war?

„Ich wünsche die Angelegenheit so schnell wie möglich erledigt zu wissen.“

„Natürlich, ich mache mich sofort an die Arbeit. Die Dokumente werden Ihnen morgen zur Unterschrift vorliegen.“

Die Stimme des anderen Mannes brachte Lucy zurück in die Wirklichkeit. Fast hätte sie laut aufgelacht. Wieso sollte Ricardo irgendetwas mit ihr zu tun haben wollen? Er hatte sie gehen lassen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Niemand war ihr nachgekommen und hatte versucht, sie in das Haus zurückzuschleifen. Die Tatsache, dass ihr Brief ungeöffnet zurückgekommen war, sprach deutlicher für sich als alle Worte.

Verträge und Unterschriften, natürlich. Was anderes sollte Ricardo im Kopf haben als den Handel mit teuren Luxusautos? Mit ihr wollte er nichts mehr zu tun haben. Er würde ihr nie vergeben, was sie getan hatte. Er war froh, dass sie aus seinem Leben verschwunden war, und so sollte es seinem Wunsch nach auch bleiben.

Sie zog sich tiefer ins schützende Gebüsch zurück, als er die Terrassenstufen hinab in den Garten stieg. Auch wenn er in die entgegengesetzte Richtung ging, raubte ihr doch allein seine Präsenz den Atem. Reglos verharrte sie mit hämmerndem Herzen und starrte auf seinen Rücken.

Als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, da war er auch von ihr weggegangen. Ihr erster Eindruck hatte aus der stolzen Haltung seines schwarz schimmernden Schopfes, den breiten gebräunten Schultern, schmalen Hüften und endlos langen Beinen in ausgewaschenen Jeans bestanden. Ihr Mund war trocken geworden, als sie das Spiel seiner Muskeln bei jedem Schritt mitverfolgt hatte. Auch damals war er barfuß gewesen, nichts hatte darauf hingedeutet, wie reich und mächtig er war.

Sie hatte sich schon halb in ihn verliebt gehabt, bevor sie überhaupt wusste, wer er war.

Heute trug er ebenfalls Jeans, aber dazu ein weißes Polohemd. Doch sie wusste, was sich unter dem Hemd verbarg. Wie oft hatte sie die Finger über die samtene Haut darunter gleiten lassen, hatte das Zucken der Muskeln als Antwort auf ihre kühnen Zärtlichkeiten an den Fingerspitzen gespürt. Wie oft hatte sie nicht die Fingernägel in seine Rückenmuskeln gegraben, fiebrig und voller Gier, bis seine Leidenschaft sie über die Klippe hinaus in die Ekstase getrieben hatte …

Nein! Daran durfte sie jetzt nicht denken. Sie durfte sich nicht daran erinnern, wie es mit ihm gewesen war. Nur aus einem einzigen Grund war sie hier.

Ein Geräusch unterbrach ihre Gedanken. Einen Moment lang meinte sie, es sich nur eingebildet zu haben, weil sie sich so sehr danach sehnte, es zu hören. Doch dann ertönte der Laut ein zweites Mal – ein leises Weinen, gedämpft, als würde es gegen etwas Weiches ausgestoßen werden.

Ihre Welt glitt aus den Angeln, der Boden wollte sich unter ihr auftun, ihr schwindelte. Sie fasste nach einem tief hängenden Ast, musste sich festhalten …

Sie schluckte schwer und blinzelte. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie sah, dass Ricardo etwas in seinen Armen hielt, auf das er konzentriert hinunterschaute.

„Schh, caro …“

Diese Stimme, so sanft, so voller Zärtlichkeit …

„Zeit zum Schlafen, figlio mio …“

Großer Gott!

Mio figlio

Ricardo hatte sich leicht gedreht, sodass Lucy einen besseren Blick hatte. Jetzt konnte sie sehen. Und was sie sah, versetzte ihr Herz in ein wildes Schlagen, als wollte es ihr aus der Brust springen.

Sie sah das kleine Bündel, das er auf seinen Armen hielt, sah den Schopf schwarzen Haars, das kleine Köpfchen, das sich vertrauensvoll in die kräftige Armbeuge schmiegte.

Natürlich, warum auch nicht? Der kleine Junge war sicher in den Armen seines Vaters.

Einst hatte sie befürchtet, dass er in den Armen seiner Mutter niemals sicher sein würde.

„Oh, Marco …“

Ihre Sicht verschwamm, als brennende Tränen in ihre Augen stiegen. Der Schmerz, der an ihrem Herzen zerrte, wollte sie schier zerreißen. Erschreckt stellte sie fest, dass ihr Arm sich wie von allein ausstreckte. Nicht nach dem Mann, der noch immer mit dem Rücken zu ihr stand und nichts von ihrer Anwesenheit ahnte. Nein, nach dem Kind, das er hielt. Der Grund, warum sie hier war. Der Grund, weshalb sie bereit war, sich Ricardos Rage und Hass zu stellen.

Sie hatte geglaubt, ihren Mann nie wiederzusehen. Mit diesem Gedanken hatte sie sich abgefunden. Aber sie hatte sich nie damit abfinden können, das Baby nicht mehr zu sehen, das sie von ganzem Herzen liebte, auch wenn sie nicht stark genug gewesen war, den kleinen Jungen so zu lieben, wie er es verdient hatte.

Ricardos Sohn – und ihrer.

Ihr Sohn.

2. KAPITEL

Ihr Sohn war nur wenige Meter von ihr entfernt.

Nie zuvor hatte der Ausdruck „so nah und doch so fern“ mehr Sinn besessen. Nie zuvor war diese Wahrheit grausamer gewesen. Marco war Lucy so nah, dass sie nur zwei, drei Schritte zu machen brauchte, und sie würde ihn ansehen können, sehen können, wie sehr er gewachsen war, wie sehr er sich verändert hatte in der Zeit, die sie nicht hier gewesen war.

Sie könnte ihn halten und …

Nein! Dieser Traum ging viel zu weit. Ricardo würde ihr nie erlauben, ihren Sohn zu halten. Und tief in ihrem Innern wusste sie auch, dass sie selbst es kaum würde ertragen können. Wie sollte sie nach all der langen Zeit eine Verbindung zu ihrem kleinen Jungen aufbauen? Sie wusste doch, was die ganze Welt von ihr dachte, einschließlich Ricardo – welche Mutter würde ihr Baby aufgeben, sich einfach umdrehen, gehen und ihr Kind allein beim Vater zurücklassen?

Eine lange Zeit war vergangen, bevor sie akzeptiert hatte, dass sie krank gewesen war. Die Ärzte sagten, jetzt sei sie geheilt. Aber sie fühlte es nicht, nicht mit ihrem Herzen.

Lucy wusste nur, dass sie dieses grausame „So nah und doch so fern“ nicht aushielt, ebenso wie sie sich nicht zu erkennen geben konnte.

Sie fühlte sich, als würde sie in tausend Stücke zerrissen, und doch war es der Grund, weshalb sie hergekommen war, weshalb sie sich durch den Sicherheitsgürtel geschlichen hatte – um ihren kleinen Sohn zu sehen.

Doch nicht so, nicht, wenn Ricardo sie mit seinen kalten Augen vernichtend ansehen würde. Darauf war sie einfach nicht vorbereitet.

Schwankend wandte sie sich ab. Nicht mehr darauf achtend, wohin sie trat, schlug sie die Richtung zum Ufer ein. Sie konnte nur hoffen, dass sie das Boot erreichte, bevor sie zu Boden stürzte und sich vor Schmerzen heulend wie ein Tier wand.

Ein trockener Ast knackte unter ihren Füßen, das Geräusch durchschnitt störend laut die abendliche Stille. Lucy versteifte sich und wartete auf das Unvermeidliche.

„Wer ist da?“ Jetzt klang Ricardos Stimme scharf, ganz anders als vorhin noch, als er mit dem Baby gesprochen hatte.

Sie wagte es nicht, sich umzudrehen und nachzusehen, ob er sie bereits erblickt hatte. Stattdessen lief sie weiter, bahnte sich einen Weg durch das Gebüsch, in der Hoffnung, nicht erkannt zu werden.

„Halt!“

Diesem Befehl würde sie ganz bestimmt nicht folgen …

„Marissa! Hier …“

Schon hörte Lucy flinke Schritte – weibliche Schritte – auf den Steinstufen.

„Nehmen Sie Marco.“

Das waren die letzten Worte, die Lucy vernahm. Panisch spurtete sie los, stieß Äste und Zweige aus dem Weg, die sie aufhalten wollten. Sie konnte nur daran denken, dass sie zum Boot gelangen und über den See zurück zum anderen Ufer rudern musste. Alles, nur sich nicht einem wütenden Ricardo stellen.

„Halt!“

Wie konnte er schon bereits so dicht hinter ihr sein? Er hatte doch gerade erst das Baby an Marissa – das Kindermädchen – übergeben. Und doch hörte sie seine schweren Schritte hinter sich.

„Giuseppe … Frederico …“

Während er rannte, sprach er in sein Handy, das sagte ihr ein hektischer Blick über die Schulter zurück. Eine Folge knapper harscher Anordnungen in Italienisch wurde in die Muschel gestoßen, und das Adrenalin raste durch ihre Adern.

Er rief seine Sicherheitsleute, die dafür sorgten, dass niemand ungebeten die Insel betrat und seine Privatsphäre störte. Oder seinen Sohn bedrohte. Jetzt setzte er seine Bluthunde auf sie an.

Sie kannte diesen Ton aus der gemeinsamen Zeit mit ihm. Einem Eindringling war es gelungen, die Sicherheitsbarriere zu durchbrechen. Seine Leute hatten versagt. Für Versagen brachte Ricardo Emiliani nicht das geringste Verständnis auf. Schon bald würden Köpfe rollen.

Einem wütenden Ricardo wollte Lucy nicht unter die Augen treten. Sicher, sie war hergekommen, um mit ihrem Mann zu reden, aber sie hatte das Überraschungsmoment als ihren Vorteil eingeplant. Jetzt jedoch hatte sich alles geändert. Marco so unerwartet zu sehen, hatte ihr den schwachen Schutzschild aus der Hand geschlagen und sie zutiefst aufgewühlt. Sie musste hier fort, musste sich erst wieder sammeln und neue Kraft finden, bevor sie einen neuerlichen Versuch wagen konnte.

Das Ufer war nicht mehr weit. Wenn sie die letzten Reserven aus sich herausholte, konnte sie es schaffen. Ob sie aber das Boot ins Wasser schieben und davonrudern konnte, war eine ganz andere Frage …

„Hab ich dich!“

Eine Hand kam mit Wucht auf ihrer Schulter nieder. Sie stolperte, wurde zurückgerissen, fiel hart gegen die Brust des Mannes hinter sich. Der Aufprall ließ auch ihn straucheln, dennoch lockerte er den Griff an ihren Armen nicht, die Umklammerung wurde nur noch fester, dann riss er sie herum.

„Wer zum Teufel bist du?“

Lucy konnte nicht antworten, sie brachte keinen Ton hervor. Ihre Zunge klebte am Gaumen, ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Aber sie brauchte auch nicht mehr zu antworten. Ricardo hatte sie erkannt.

„Du!“

Es kostete sie jede Unze ihrer Kraft, um ihn anzusehen. In seine Augen konnte sie dennoch nicht blicken, ihr grauste vor der Verachtung, die sie darin lesen würde.

„Ja, ich“, brachte sie brüchig hervor.

Das jäh einsetzende Schweigen zerrte an ihren sowieso schon so schwachen Nerven. In dem verzweifelten Wissen, dass er es nicht brechen würde, zwang sie sich dazu, etwas zu sagen, ihm zu zeigen, dass er nicht die totale Kontrolle über die Situation hatte.

Buona sera, Ricardo.“

Das Zischen, mit dem er die Luft durch die Zähne stieß, und der Griff seiner Finger, der jetzt schmerzhaft fest wurde, sagten ihr, dass sie ihn überrumpelt hatte. Es ließ sie den Kampf erahnen, den er mit sich um Beherrschung focht.

„Lucia …“

Nur ihr Name, mehr sagte er nicht. Oder besser, die italienische Form ihres Namens, die außer Ricardo niemand benutzte. Der Name glitt ihm über die Zunge und hätte ebenso Liebkosung wie auch das warnende Zischeln einer angriffslustigen Schlange sein können. Es war die Ungewissheit, die sie dazu brachte, ihren Blick auf seine Augen zu richten, und das dunkle Eis, das sie darin erkannte, ließ sie schaudern.

„Lucia.“ Er wiederholte ihren Namen, dieses Mal konnte kein Zweifel daran bestehen, wie er es meinte. Gift spritzte aus jedem einzelnen Laut. „Was zur Hölle willst du hier?“

Sag ihm ja nicht die Wahrheit. Kein Wort über Marco. Wenn du ihm diese Waffe in die Hand gibst, wird er sie gnadenlos einsetzen.

„Ich habe dich gefragt, was du hier …“

„Was glaubst du denn, was ich hier will?“ Von irgendwoher holte sie die Kraft, um die Worte auszusprechen, um sogar noch einen Anflug von Trotz in ihre Stimme zu legen und das Kinn rebellisch anzuheben, auch wenn sie sich alles andere als mutig fühlte. Sicher, sie gab sich den Anschein, in sein Gesicht zu sehen, doch stattdessen schaute sie bewusst durch ihn hindurch, sodass sie nur einen hellen Fleck in der Dunkelheit sah. „Ganz bestimmt nicht, um unsere Ehe zu kitten.“

„Als wenn ich das annehmen würde.“ Sein Ton war rau, doch absolut kontrolliert. Nicht der Anflug eines Gefühls war aus seinen Worten herauszuhören. „Unsere Ehe ist vorbei. Das war sie eigentlich schon, bevor sie angefangen hat.“

Und zwar von dem Moment an, als er sie beschuldigt hatte, ihn absichtlich mit einer Schwangerschaft zur Heirat erpresst zu haben, um auf diese Art an sein Vermögen zu kommen. „Nun, immerhin in einer Hinsicht sind wir uns einig.“ Ansatzweise versuchte sie, sich aus seinem Griff freizumachen, was diesen jedoch nur noch eiserner werden ließ.

„Das ist es also nicht, grazie a Dio. Was dann?“ Nach und nach erholte er sich von dem Schock, sie hier zu finden – die Frau, die er für den Rest seines Lebens nicht mehr hatte sehen wollen. Die Frau, die ihn zum Narren gemacht hatte. Die Frau, die er für immer verschwunden geglaubt hatte, zum Besten aller Beteiligten.

Doch hier stand sie, mit in den Nacken gelegtem Kopf, das Kinn angriffslustig vorgeschoben, und funkelte ihn mit ihren ach so blauen Augen an.

Sie hatte sich nicht sehr verändert, gab er unwillig zu. Unwillig, weil er nichts an ihr bemerken wollte. Er wollte sie nicht einmal ansehen, wollte ihr Gesicht nicht sehen, dieses verlogene Gesicht mit der täuschenden Schönheit, die ihn einst fasziniert und gefesselt hatte. Diese Schönheit hatte ihn so überwältigt, dass er sämtliche seiner Regeln vergessen hatte.

Nicht nur vergessen, er hatte sie alle gebrochen, jede einzelne von ihnen. Damit hatte er sich selbst das Leben zur Hölle gemacht, und er war nur zu erleichtert gewesen, dieser Hölle zu entkommen. Das einzige Mal, dass er sich nicht an seine Regeln gehalten hatte, war er einer berechnenden Goldgräberin in Verkleidung eines Unschuldslamms auf den Leim gegangen. Das würde ihm nie wieder passieren.

Sie hatte abgenommen, so schien es zumindest. Ihr Gesicht hatte das Weiche verloren. Ihr Körper auch. Er wäre nicht menschlich und kein Mann, wenn er nicht eine Spur Bedauern verspüren würde, sobald er an die sanften Rundungen ihrer Brüste und Hüften dachte. Aber da war sie ja auch schwanger gewesen, natürlich war ihre Figur da runder, die weiblichen Attribute üppiger. Wäre sie nicht schwanger gewesen, hätte er sie auch nicht geheiratet, hätte sich nicht überstürzt auf eine Ehe eingelassen. Eine Entscheidung, die er bitter bereute. Er hatte sich an eine Frau gebunden, die er schon bald zutiefst zu verachten gelernt hatte.

„Wenn du endlich meinen Arm loslassen könntest, dann können wir uns vielleicht wie zivilisierte Menschen unterhalten.“

„Zivilisiert!“, schnaubte er verächtlich. „Dieser Ausdruck scheint mir nur schwer im Zusammenhang mit deiner Person zu passen.“ Um genau zu sein, er würde dieses Wort niemals in einem Atemzug mit Lucy Mottram benutzen. Jetzt hieß sie ja Lucy Emiliani. Es stieß ihm bitter auf, dass eine Frau wie sie seinen Familiennamen trug. Man nannte es nicht „zivilisiert“, wenn es eine Frau bewusst auf eine Schwangerschaft anlegte, um sich einen reichen Mann zu angeln, und dann keine zwei Monate nach der Geburt des Kindes verschwand. „So würde ich dein Verhalten in der Vergangenheit nicht bezeichnen.“

War sie etwa tatsächlich zusammengezuckt? Falls ja, dann hatte sie sich schnell wieder gefasst. Sie schüttelte ihr Haar zurück und schaute ihn herausfordernd an. „Es ist auch nicht unbedingt zivilisiert, mich festzuhalten, nur weil du stärker bist als ich.“

„Oh, si. Und sobald ich dich loslasse, machst du dich so schnell wie möglich davon. Dann finde ich nie heraus, was du vorhast.“

„Ich habe gar nichts vor. Ich verspreche, dass ich mich nicht rühre.“

Er wäre ein Narr, würde er ihr glauben. Dennoch lockerte er den Griff. Aus den Augenwinkeln sah er Giuseppe und Frederico endlich herantraben, aus entgegengesetzten Richtungen. Jetzt konnte er es sich erlauben, ein wenig entspannter zu werden.

„Du erwartest doch nicht etwa, dass ich dir vertraue.“ Angewidert ließ er die Hand sinken. „Aber uns allen dreien kannst du wohl nicht entkommen.“

„Drei Schlägertypen auf eine schwache Frau!“ Ihre Augen funkelten rebellisch. „Nennt man das eine faire Chance?“

„Niemand hier ist ein Schlägertyp. Und du entsprichst auch nicht unbedingt dem Bild der schwachen Frau“, konterte er.

Anzüglich musterte er sie, angefangen bei dem wirren blonden Haar bis hinunter zu den Segelschuhen. Ihre Größe war immer eines von den Dingen gewesen, die ihm besonders an ihr gefallen hatten. Es war angenehm gewesen, nur den Kopf ein wenig beugen zu müssen, um ihr in die Augen zu schauen und sie küssen zu können – eine wohltuende Erfahrung, während er bei anderen Frauen immer eine halbe Verbeugung hatte machen müssen. Aber es waren ihre Augen, die ihn am meisten fasziniert hatten – blau wie der Sommerhimmel. Das Blau wurde intensiver, wenn sie lächelte. Dann blitzte es wie die sonnenbeschienenen Wasser, die die Insel umspülten. Und dann waren da noch jene Gelegenheiten gewesen, wenn diese Augen dunkler wurden, verhangen vom Schleier der Sinnlichkeit. Wenn die Lider sich halb senkten, so als würde sie in den Schlaf gleiten, obwohl sie doch nicht weiter von Schlaf hätte entfernt sein können. In jenen Momenten waren all ihre Sinne geschärft, ihr Körper erwachte zu feuriger Leidenschaft …

Nein!

Das war ein gefährlicher Weg, den seine Gedanken da einschlugen. Folgte er diesem Pfad, würde er bald überhaupt nicht mehr klar denken können. So hatte sie ihn auch beim ersten Mal übertölpelt. Aber das würde nie wieder passieren. Niemals!

„Also? Ich warte.“ Seine Stimme klang heiser von der Anstrengung, sich zu beherrschen. „Ich verlange eine Erklärung, und zwar schnell.“

Sekundenlang war Lucys Kopf völlig leer, nur eine warnende kleine Stimme war zu hören. Sie durfte Ricardo nicht in ihr Herz blicken lassen. Das würde sie zu verletzlich machen, würde ihre Seele bloßlegen und sie schutzlos zurücklassen. So, wie er sie hasste, würde es ihm das reinste Vergnügen sein, das tiefe Bedürfnis in ihr gegen sie einzusetzen. Er würde ihre Sehnsucht nach ihrem Baby als Waffe nutzen und ihr Herz in endlos viele Fetzen zerschneiden, sodass es nie wieder heilen würde.

„Lucia …“

Es war eine Warnung, ein Befehl und eine Drohung zugleich, alles in ihrem Namen enthalten. Sie schluckte und sammelte sich bemüht, um ihm zu antworten. „Ich …“

Doch er war viel zu ungeduldig und zu verärgert, um ihr Zeit zu lassen. „Sag mir endlich, was du hier zu suchen hast! Ich habe bessere Dinge zu tun, als noch mehr Zeit mit dir zu verschwenden.“

„Nämlich?“ Sein herablassender Ton versetzte ihr einen Stich. „Mehr Verträge unterzeichnen? Mehr Millionen scheffeln? Vielleicht wartet ja auch eine leidenschaftliche Schönheit auf dich …“

Ihre Stimme erstarb, als unerwünschte Bilder sich ihr aufdrängten – Ricardo im Bett, das schwarze Haar wirr, seine gebräunte Haut auf dem weißen Laken. Nein, sie durfte sich die Erinnerung, wie es mit ihm gewesen war, nicht erlauben. Das würde nur den kümmerlichen Rest ihrer Selbstbeherrschung zerstören. Sobald Ricardo auch nur den kleinsten Riss in ihrer Rüstung entdeckte, würde er zum Sprung ansetzen. Doch sie hatte sich schon zu viel Zeit gelassen.

„Was ist, cara?“, fragte er spöttisch. „Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?“

„Weshalb sollte ich eifersüchtig sein?“

„Ja, weshalb, nicht wahr? Schließlich warst du diejenige, die unsere Ehe für beendet erklärt hat und gegangen ist.“ Und ein Baby zurückgelassen hat. Er sprach die Worte nicht aus, aber das brauchte er auch nicht. Sie hingen in der Luft, düster und bedrohlich. „Und jetzt bist du wieder hier. Ich frage mich, warum.“

Es war feige, das Thema zu meiden, das wusste sie, doch sie wagte nicht, die Worte auszusprechen, schon gar nicht vor seinen beiden Gorillas, die nur auf den kleinsten Wink von ihm warteten. „Warum nicht?“ Sie wollte forsch und beherzt klingen und hätte nicht weiter danebenzielen können. „Schließlich war das hier mal mein Zuhause.“

Falsche Gangart! Sie merkte es sofort daran, wie er jäh die Augen zusammenkniff und die Lippen zusammenpresste. Wenn er diese Miene zeigte, war Ricardo am skrupellosesten.

„Mein Zuhause“, korrigierte er klirrend kalt. „Ein Heim, in dem du nur einen Platz als meine Frau hattest. Ein Heim, das du laut eigener Aussage hasstest, aus dem du nicht schnell genug wegkommen konntest.“

Seine Worte brannten sich in ihr Mark, ließen alle Vorsicht zu Asche verbrennen. Deutlicher hätte er es nicht machen können, dass sie keinen Platz mehr in seinem Leben hatte. Sie war nur toleriert worden, weil sie schwanger mit seinem Kind gewesen war, seinem Erben. Mit Marcos Geburt hatte sie jeden Wert für Ricardo verloren. Marco war ein Emiliani, und sie … sie war ein Niemand, weder gebraucht noch gewollt.

Es juckte ihr in den Fingern, ihn zu ohrfeigen, um die überlegene Kälte aus seinem Gesicht zu wischen, doch sie wusste, das wäre ein grober Fehler. Aber es gab noch eine andere Art, ihm einen Hieb zu versetzen. „Nun, inzwischen habe ich es mir überlegt. Schließlich bin ich immer noch deine Frau, wenn auch nur auf dem Papier.“

„Mehr wird es auch nie sein.“

„Das reicht mir.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, selbst wenn es ihre Augen nicht erreichte. Umso besser. Dann sah sie überheblich und distanziert aus. „Sobald sich die Scheidung arrangieren lässt, lege ich liebend gern deinen Namen ab. Allerdings gibt es da etwas, das ich von unserer Ehe erwarte …“

„Natürlich.“ Mit einer unwirschen Geste warf er ihr ihre Worte ins Gesicht zurück. „Das Geld, das dir deiner Meinung nach zusteht.“

Er glaubte, sie wäre des Geldes wegen gekommen. Sie wollte ausholen, wollte ihn verletzen, wie er sie verletzte. Nur gut, dass sie kein Wort von Marco erwähnt hatte. Eiskalt, wie Ricardo war, würde er jede Bitte von ihr, ihren Sohn zu sehen, abweisen. Aber er hatte ihr die Möglichkeit geboten, ein paar ihrer eigenen Schläge anzubringen.

„Nicht meiner Meinung nach, Ricardo, sondern per Gesetz. Als deine Ehefrau steht mir eine großzügige Abfindung zu.“

Konnte ein Mensch seine Augen noch mehr zusammenkneifen? Dennoch schienen ihnen die Kraft eines Lasers innezuwohnen, als er sie auf ihr Gesicht richtete. „Hast du noch nicht genug? Wenn ich mich recht entsinne, hast du mein Bankkonto geplündert, bevor du gegangen bist.“

Die harschen Worte schnitten ihr wie ein Messer ins Fleisch, zerstörten ihre Haltung.„Ich war nicht ich selbst. Ich war krank!“

Unfassbar, aber er warf den Kopf zurück und lachte laut heraus. Das Echo hallte in der Luft, schwebte kalt, düster und unheimlich über die kleine Bucht. „Natürlich warst du krank. Man muss schon sehr krank sein, um ein solches Verhalten an den Tag zu legen. Es ist krank, einfach zu gehen und sein Baby zurückzulassen.“

„So war das nicht!“ Hatte sie für einen Sekundenbruchteil fast gehofft, er würde ihr glauben, wurde sie schnell eines Besseren belehrt. Sie musste wenigstens versuchen zu erklären, auch wenn sie wusste, dass er ihr nicht zuhören würde. „Es gibt Gründe …“

Doch er schüttelte schon den Kopf. „Ich will sie nicht hören. Für so ein Verhalten gibt es weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung.“

„Aber Rico …“

Zu spät erkannte sie ihren Fehler. Sie hatte die Koseform seines Namens benutzt, so wie früher. Falls überhaupt möglich, hasste er sie jetzt noch mehr.

„Bitte …“

Doch er wandte sich schon ab. „Ich will es nicht hören“, wiederholte er. Mit einer knappen Geste winkte er die beiden Leibwächter heran, die stumm und reglos wie Statuen dabeigestanden hatten. „Giuseppe, Frederico … eskortiert Signora Emiliani von der Insel. Bringt sie dahin, wo auch immer sie untergekommen ist. Und stellt sicher, dass sie nicht wieder auf die Insel zurückkommt.“ Er hielt gerade lange genug inne, um den Sinn seiner Worte wirken zu lassen. „Ihr solltet darauf achten, dass ihr dieses Mal euren Job erledigt. Sollte sie je wieder einen Fuß auf die Insel setzen, könnt ihr euch beide als fristlos entlassen betrachten.“

Damit ging er zurück auf die Lichter des Hauses zu, in dem sicheren Bewusstsein, dass seine Anordnungen ausgeführt wurden. Seine zukünftige Exfrau hatte er längst aus seinen Gedanken verbannt.

3. KAPITEL

Lucy war zurück.

Rastlos wanderte Ricardo in dem großen Salon auf und ab, das Glas Wein, das er sich eingeschenkt hatte, vergessen in seiner Hand.

Lucy war zurück, und allein ihr Auftauchen hatte sein Leben wieder ins Chaos gestürzt.

„Dannazione!“

Viel zu heftig setzte er das Glas auf dem kleinen Tischchen ab und beobachtete mit leerem Blick, wie rubinrote Flüssigkeit über den Rand schwappte und sich über das polierte Holz ergoss.

Lucy war zurück, und er sollte verflucht sein, wenn er wusste, was sie wollte.

Geld, laut ihren eigenen Worten.

Nun, natürlich ging es ihr um Geld. Was sonst sollte sie dazu bringen, in sein Leben zurückzukriechen, das sie vor über sechs Monaten so leichtfertig und bedenkenlos verlassen hatte?

Ihr würde die großzügige Summe fehlen, die er ihr monatlich zur Verfügung gestellt hatte, von dem Augenblick an, da sie zugestimmt hatte, seine Frau zu werden. Eine Summe, die sie in den Wochen nach Marcos Geburt mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen hatte. Sie hatte alles gekauft, was auch nur für eine Sekunde ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, völlig nutzlose Dinge, oft ein halbes Dutzend derselben Kleider, in allen Farben, die erhältlich waren. Und dann hatte sie die teuren Designerstücke sofort wieder ausrangiert, ohne sie überhaupt getragen zu haben.

Sobald sie ihn und das Baby verlassen hatte, fror er sofort ihr Konto ein. Da hatte er irrtümlicherweise noch geglaubt, er könnte sie, wenn ihr das Geld fehlte, aus ihrem Versteck herauslocken. Er hatte mit ihr reden wollen, sie davon überzeugen wollen, dass ihr Baby sie brauchte. Doch sie blieb wie vom Erdboden verschluckt, selbst die kostspieligsten Nachforschungen hatten absolut nichts ergeben.

Aber irgendwo hatte sie ja leben müssen. Und selbst das, was sie zur Seite gelegt haben mochte, war wohl irgendwann aufgebraucht. Also war sie zurückgekommen, um sich mehr zu holen.

„Nein.“

Er sprach das Wort in den stillen Raum hinein. Kopfschüttelnd stellte er sich an das große Fenster, das den Blick über den See und auf San Felice del Benaco freigab.

Nein, sie wollte mehr als Geld. Die Scheidung, hatte sie ja selbst gesagt, und eine großzügige Abfindung, wie sie es genannt hatte.

Doch warum stahl sie sich dann heimlich auf die Insel, beobachtete ihn vom Gebüsch aus, wie er durch den Garten ging, zusammen mit Marco …

Marco!

Ricardo ballte die Hände zu Fäusten. War Marco der Grund für Lucys Auftauchen? Wollte sie etwa wirklich das Baby in ihre Hände bekommen, das sie verlassen hatte, bevor es überhaupt alt genug war, um zu wissen, wer seine Mutter war?

Es gibt Gründe …

Ihre Worte hallten in seinem Kopf nach, vor sich sah er plötzlich wieder ihr blasses, angespanntes Gesicht in der Abenddämmerung. Welche Gründe mochte es überhaupt geben, um ihr Verhalten zu rechtfertigen?

Aber wenn es vielleicht eine Rechtfertigung gab, eine Erklärung, die sie gegen ihn nutzen könnte? Was, wenn sie wirklich eine Geschichte hatte, mit der sie vor Gericht ziehen und das Sorgerecht für das Baby einklagen konnte? Für seinen Sohn.

„Dannazione, no!“

Das würde niemals geschehen! Dafür würde er sorgen!

Eine Garantie gab es, dass seine Frau das Baby, dem sie so herzlos den Rücken gekehrt hatte, niemals zurückbekam. Lucy brauchte Geld, und sie würde so viel davon bekommen, wie sie brauchte. Mehr, als sie sich in ihren wildesten Träumen vorstellen konnte …

… doch sie würde auch einen Preis dafür bezahlen müssen.

Ricardo griff zum Telefon und drückte eine Kurzwahlnummer. Ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch trommelnd, wartete er darauf, dass jemand sich meldete.

„Giuseppe“, knurrte er sofort, als er die Stimme am anderen Ende hörte. „Meine Frau, Signora Emiliani …“, er verzog angewidert den Mund, als er den Namen aussprach. „Wohin genau habt ihr sie gebracht?“

Lucy konnte nicht schlafen.

Nein, die Wahrheit war, sie wollte nicht schlafen. Denn sobald sie die Augen schloss, stürzten unerwünschte Bilder auf sie sein.

Bilder von Ricardo, groß und dunkel und überwältigend wie immer. Ricardo, wie er die Steinstufen hinunterstieg, wie er über den Rasen ging, seine Statur als Silhouette vor dem See. Seine samtene Stimme, die in der lauen Abendluft zu ihr herüberdrang …

Und dann das andere Geräusch, das leise Weinen …

Marco. Ihr Baby.

Schmerz durchschnitt Lucy, kalt, scharf und grausam. Mit einem erstickten Schluchzen schlang sie die Arme um sich, weil sie sonst glaubte, auseinanderbrechen zu müssen.

„Oh, Marco …“ Der Name ihres kleinen Jungen floss wie ein verzweifeltes Stöhnen über ihre Lippen. Sie ging zu dem schmalen Fenster und sah auf den dunklen See hinaus. „So nah und doch so fern …“

Dort auf der anderen Seite war ihr Baby, ihr Sohn. Ihre Arme waren leer, sie sehnten sich schmerzhaft danach, das Baby zu halten. Doch ihr Auftauchen auf der Insel hatte Lucy eines klargemacht: Ricardo würde gegen jeden Schritt, den sie unternahm, ankämpfen. Sie würde ihr Baby niemals zu sehen bekommen, nicht, wenn er es irgendwie verhindern konnte. Er hatte nicht die geringste Absicht, ihr zu vergeben.

Und wer sollte es ihm verübeln können?

Lucy wischte sich mit dem Handrücken die einzelne Träne fort, die ihr über die Wange lief. Wie sollte Ricardo ihr vergeben können, wenn sie es selbst nicht schaffte? Sie hatte ihr Baby verlassen. Aber sie hatte auch nicht gewusst, was sie tat. Und sie hatte es nicht allein zurückgelassen, sondern bei seinem Vater und einem ausgebildeten Kindermädchen, die das Kind versorgten. Auf das Kindermädchen hatte Ricardo direkt nach der Geburt bestanden. Er hatte damit das Gefühl von Nutzlosigkeit und Unfähigkeit in ihr geweckt, was wahrscheinlich auch zu ihrem Zusammenbruch beigetragen hatte. In ihr hatte sich der Gedanke gefestigt, dass die beiden sich viel besser um ein Baby kümmern konnten als eine Mutter, die nicht einmal in der Lage gewesen war, zu erkennen, ob sie ihrem Sohn nicht vielleicht sogar schadete.

Sie hatte gehofft, Ricardo dieses Gefühlschaos erklären zu können, doch er war augenscheinlich nicht bereit, ihr zuzuhören. Er hatte sie von der Insel geworfen, ohne ihr überhaupt die Möglichkeit zu gewähren. Dass er sie hassen musste, war ihr klar gewesen, bis heute aber hatte sie nicht einmal geahnt, wie sehr.

Ein Klopfen riss sie aus den Gedanken. Verwirrt sah sie zur Tür. Niemand wusste doch, dass sie hier war …

„Lucia.“

Ricardos vertraute Stimme und die nur von ihm benutzte Namensform wühlten sie auf. Es war gerade so, als hätte sie ihn herbeigedacht. Sie erstarrte, stand reglos mitten im Zimmer. Sie konnte nicht mehr denken, konnte sich nicht mehr rühren.

„Lucia!“

Selbst durch die Tür konnte sie das ärgerliche Zischen hören, als er die Luft durch die Zähne stieß. Er wartete auf eine Reaktion, klopfte wieder. Hart. Laut.

Lucy setzte sich in Bewegung. „Willst du jeden hier im Haus stören? Manche Leute schlafen vielleicht schon.“

„Nicht um diese Uhrzeit.“ Er warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr.

„Hier wohnen auch Kinder!“

„Und das kümmert dich?“

„Natürlich!“

Zu spät erkannte sie, wie seine Miene sich änderte. Sie wusste genau, was er jetzt dachte: Den eigenen Sohn, kaum sechs Wochen alt, ließ sie zurück, aber die Kinder anderer Leute interessierten sie? Wusste er denn nicht, dass nichts, was er sagte oder tat, sie noch elender machen konnte, als sie sich schon fühlte?

„Ich kann mir nicht erlauben, hinausgeworfen zu werden. Ich kann nirgendwo anders hin.“

„Also bittest du mich endlich hinein?“

„Habe ich eine Wahl?“

Nicht, wenn sie das hier ruhig und ohne Szene ablaufen lassen wollte, schien sein Blick ihr zu sagen. Nur unwillig trat Lucy zur Seite, um Ricardo einzulassen. Mit einem einzigen Blick hatte er den Raum erfasst und eingeschätzt.

Er runzelte die Stirn. „Hier bist du untergekommen?“

„So schlimm ist es gar nicht.“ Es war sogar sehr schlimm, gestand sie still ein. Plötzlich sah sie das Zimmer mit seinen Augen – zwar sauber, aber wirklich kärglich, der Teppich abgenutzt und die weiße Bettwäsche dünn und durchsichtig vom vielen Waschen.

„Wohl kaum das, was du gewohnt bist, oder?“

Du bist so etwas nicht gewohnt“, fauchte sie, „und es ist natürlich auch nicht das, was du mir geboten hast. Aber ich bin mit weniger zurechtgekommen, bevor ich dich kennenlernte. Und woher willst du wissen, was ich gewohnt bin, seit wir nicht mehr zusammen sind? Schließlich hast du mein Konto eingefroren.“

Als sie das triumphierende Auffunkeln in seinen Augen sah, wusste sie, dass sie ihm den Ball zugespielt hatte. Er glaubte, sie wäre nur des Geldes wegen hier. Aber hatte sie nicht bewusst diesen Eindruck bei ihm erweckt, weil sie sich davor fürchtete, ihm den wahren Grund für ihr Auftauchen auf der Insel zu nennen?

„Andere Leute müssen auch für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Oder hast du entschieden, dass das unter deinem Niveau ist?“

Seine verächtlichen Worte trafen sie wie Peitschenhiebe, dennoch hielt sie sich tapfer. „Wieso sollte ich arbeiten, wenn ich einen stinkreichen Ehemann habe?“

Sie legte die Betonung auf das „stinkreich“ und wusste, dass sie ihn getroffen hatte, als er die Lippen zu einer schmalen Linie zusammenpresste. Einen Moment lang fürchtete sie – oder hoffte? –, dass er auf dem Absatz kehrtmachen und gehen würde. Doch er versetzte nur der Tür einen Tritt, sodass sie ins Schloss fiel und sie beide in dem Zimmer einschloss.

Das Zimmer, so oder so schon klein, schien plötzlich zu schrumpfen. Ricardos Präsenz füllte den Raum. Seit über sechs Monaten war Lucy nicht mit ihm allein gewesen, und hier, in diesem Schlafzimmer, mit dem Bett zwischen ihnen, verdoppelte sich ihre Pulsfrequenz rapide.

Auch während sie getrennt gewesen waren, hatte sie seine rein körperliche Wirkung auf sie nicht vergessen. Schließlich war das der Grund gewesen, weshalb sie überhaupt zusammengekommen waren. Dieses brennende Bewusstsein für den anderen, diese fiebrige Anziehungskraft füreinander, die innerhalb der ersten Stunde zum Kuss geführt hatte und innerhalb weniger Tage ins Bett. Mit ihm zusammen zu sein hatte ihr Leben auf eine ganz andere Ebene gehoben, auf eine Ebene, bei der alle Sinne geschärft und jede einzelne Erfahrung neu und großartig gewesen war. Die Zeit, die seither vergangen war, hatte nichts von dieser Wirkung geschmälert.

Lucy fühlte sich überrumpelt und aufgewühlt. Sie brauchte Abstand, wollte sich bewegen, doch die Enge des Raumes machte es unmöglich. Der einzige Sitzplatz war das schmale Bett, aber allein bei dem Gedanken zog sich ihr Magen zusammen. „Ich war nicht in der Lage zu arbeiten, selbst wenn ich gewollt hätte.“

„Richtig, du sagtest ja, du seist krank gewesen“, gestand ihr Ricardo völlig unerwartet zu.

„Du glaubst mir?“ Seiner Reaktion auf der Insel nach war sie davon ausgegangen, dass er ihren damaligen Zustand für eine reine Erfindung von ihr gehalten hatte, ohne ein Körnchen Wahrheit.

Sein Blick besagte, dass er wünschte, er müsse ihr nicht glauben, aber scheinbar blieb ihm keine andere Wahl. „Du hast dich verändert, seit ich dich zuletzt gesehen habe. Du hast abgenommen. Bist du wieder gesund?“

„Oh, ja.“ Zumindest das konnte sie behaupten, ohne Angst vor seinem Urteil zu haben. Sonst wäre sie gar nicht hier. Sie hatte Marco einmal verlassen, sie wäre nicht zurückgekommen, wenn das Risiko für eine Wiederholung bestände, nur weil sie sich zu früh derselben Situation aussetzte. „Ja, mir geht es wieder gut.“

So stimmte es eigentlich nicht. Ihr würde es nicht gut gehen, bis sie ihren Sohn in den Armen hielt und sich selbst von dem überzeugen konnte, was man ihr in der Klinik gesagt hatte.

Aber bevor das geschehen konnte, musste sie sich erst mit dem Vater auseinandersetzen. Zwar kannte sie den Grund für sein Kommen nicht, aber er war hier, und er hatte akzeptiert, dass sie krank gewesen war. War es dumm von ihr, wenn sie hoffte, darauf aufbauen zu können?

„Entschuldige, ich würde dir ja einen Drink anbieten“, bemerkte sie bemüht höflich, „aber wie du siehst, ist in diesem Zimmer kein Platz für einen Kühlschrank.“ Die Geste, mit der sie durch das Zimmer zeigte, war viel zu hektisch und verriet ihre Nervosität.

„Ich bin nicht auf einen Drink vorbeigekommen.“

„Nicht? Weshalb …“ Der Mut, die Frage zu stellen, die sie am meisten beschäftigte, verließ sie ebenso schnell, wie er gekommen war. „Ich denke, ich könnte etwas zu trinken gebrauchen.“

Neben dem Bett auf dem Nachttischchen standen eine Wasserflasche und ein Glas. Lucy griff danach, im selbem Moment wie Ricardo. Ihre Finger trafen am Flaschenhals aufeinander.

Beide verharrten sie, zogen die Hand zurück, verhielten wieder reglos. Nur Zentimeter voneinander entfernt, starrten sie einander an.

„Lucia …“

„Rico …“

Sie sprachen gleichzeitig, verstummten, und das gemeinsame Schweigen hüllte sie ein. Es war, als hätte beide der Blitz getroffen. Ein Stromstoß lief Lucys Arm hinauf, jedes Nervenende in ihr vibrierte, ihre Haut brannte, dort, wo Ricardo sie berührt hatte.

Jetzt brauchte sie das Mineralwasser wirklich dringend. Ihr Mund war staubtrocken, die jähe Hitze hatte Flammen in ihr auflodern lassen und ihre Sinne, die sie nur mühsam unter Kontrolle hielt, seit er durch die Tür getreten war, in Brand gesteckt. Sie konnte den Blick nicht von ihm wenden, konnte nicht denken, konnte sich nicht bewegen. Sie konnte nur fühlen.

Fühlte nur die Sehnsucht, diesen Mann zu berühren, so wie sie ihn gleich vom ersten Moment an hatte berühren wollen. Sie hatte dieses Verlangen zu vergessen versucht, hatte sich zu überzeugen versucht, dass sie leben konnte, ohne Rico zu sehen, ohne mit ihm zu reden, ohne ihn zu berühren.

Bis jetzt war es ihr auch gelungen. Doch eine einzige versehentliche Berührung, und alles war wieder aufgeflammt. Weil es nie verschwunden war.

Auch er fühlte es, sie erkannte es in seinem Blick, hörte, wie der Rhythmus seines Atems sich änderte, sah den Muskel in seiner Wange zucken.

Alles war noch da, so stark und ursprünglich wie immer. Das Feuer, das in den elf Monaten ihrer Ehe gebrannt hatte, glühte noch unter der Oberfläche. Eine Berührung reichte aus, um die Glut anzufachen.

„Oh, Ricardo …“ Es war purer Instinkt, sich zu bewegen. Sie strich über seine Handfläche, verfolgte das Zucken seiner Finger mit, so als wolle er ihre Hand drücken. Dann jedoch erstarrte er wieder, sein Blick wurde ausdruckslos. Doch das scharfe Geräusch, wie er nach Luft schnappte, konnte er nicht unterdrücken, auch nicht das schwere Schlucken.

Ein leises Lächeln zog in ihre Mundwinkel. Zumindest in dieser Hinsicht schien sie noch immer eine Wirkung auf diesen harten, distanzierten Mann zu haben. „So muss es nicht sein.“

„Nein?“ Seine Stimme klang rau und belegt, schien sich aus den Tiefen seiner Brust emporzuarbeiten.

„Nein.“ Sanft streichelte sie die starke Hand, beschrieb mit dem Daumen kleine Kreise über sein Handgelenk. Das Bedürfnis, ihn zu berühren, war überwältigend. Und seine Reaktion zeigte ihr, dass er ebenso wenig immun gegen sie war wie sie gegen ihn. Sie dachte an die Zeit zurück, als sie frei gewesen war, ihn zu berühren und zu streicheln, wann immer sie wollte. Es war eine wundervolle Zeit gewesen. Sie wollte, dass es wieder so war, sehnte sich danach …

„Es war auch nie so.“ Es war nicht ihre Absicht, dass ihre Stimme atemlos und heiser klang, das kam von allein. Im Moment beunruhigte es sie auch nicht, dass diese natürliche Reaktion verriet, wie sehr der flüchtige Kontakt sie aufgewühlt hatte. Welches Bewusstsein, welche Sehnsucht er in ihr ausgelöst hatte. Die Augen unablässig auf Ricardos versteinerte Miene gerichtet, konnte sie mitverfolgen, wie er sich hastig mit der Zunge die Lippen befeuchtete.

„Es könnte noch immer …“ Kühn verschränkte sie ihre Finger mit seinen, presste Handfläche an Handfläche.

Und wusste sofort, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

Inferno – no!“

Sein gemurmelter Fluch schnitt schärfer, als wenn er laut geschrien hätte. Die Bedächtigkeit, mit der er ihre verschlungenen Finger löste und seine Hand zurückzog, beleidigte mehr als ein Schlag ins Gesicht. „Es könnte noch immer gar nichts“, nutzte er ihre Worte mit klirrend kalter Stimme. „Zwischen uns gibt es nichts, was ich aufleben lassen möchte. Deshalb bin ich nicht hier.“

„Weshalb dann?“ Sie würde ihn nicht sehen lassen, wie sehr er sie verletzte. Sie hob den Kopf und konnte nur hoffen, dass ihre Stimme kühl und beherrscht klang. „Du bist doch sicherlich nicht gekommen, um …“, sie machte eine kunstvolle Pause, „eine alte Freundschaft aufzufrischen?“

„Wohl kaum. Wir waren nie Freunde.“

„Aber Mann und Frau“, hielt sie betont dagegen.

„Ein rechtlicher Status.“ Gleichgültig zuckte er mit den Schultern. „In der wahren Bedeutung des Wortes waren wir nie verheiratet.“

„Und was genau ist deiner Meinung nach die wahre Bedeutung?“

„In guten wie in schlechten Zeiten, zu ehren und zu lieben“, zitierte er zynisch.

„Ob arm oder reich“, ergänzte sie bitter und hielt sich nur mühsam zurück, auch noch „ob krank oder gesund“ hinzuzufügen.

Wäre es ihr doch nur möglich gewesen, sich an Ricardo zu wenden, als die Worte dieser Formel Realität geworden waren. Wie anders hätte dann alles verlaufen können. Aber sie hatte von Anfang an gewusst, dass das „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht für ihre Ehe galt. Wäre sie nicht schwanger geworden, hätte Ricardo sie nie geheiratet. Er hatte ihr nur den Ring an den Finger gesteckt, damit sein Sohn ehelich geboren wurde.

„Dir ging es wohl eher um das ‚reich‘. Du hast deine Unberührtheit wie eine Trumpfkarte eingesetzt. Bei dem armen italienischen Fischer, für den du mich anfangs hieltest, hast du dich züchtig zurückgehalten, aber sobald du herausfandest, dass ich ein reicher Mann bin, konntest du sie gar nicht schnell genug ausspielen.“

„Wenn du es so sehen willst.“ Anders würde er es nicht sehen. Er würde nie ihre Angst verstehen, als sie geglaubt hatte, ihn nie wiederzusehen. Tagelang hatte sie gegen die nagende Sehnsucht und die bittere Enttäuschung ankämpfen müssen, bis sie ihm unter völlig anderen Umständen auf einem eleganten Empfang zum zweiten Mal begegnet war. Aufgeputscht durch den Champagner, hatte sie sich ihm praktisch an den Hals geworfen. „Und ich habe nie gespielt …“

„Das sehe ich anders“, erwiderte er schneidend. „Du hast mit unser beider Leben gespielt. Und mit dem Leben des Kindes, das wir gezeugt haben. Du hast gesagt …“

Lucy musste sich zusammennehmen, um nicht die Hände vors Gesicht zu schlagen. Sie erinnerte sich daran, was sie gesagt hatte: Sie hatte den Eindruck bei ihm erweckt, vor einer Schwangerschaft geschützt zu sein. Doch in Wahrheit hatten seine Liebkosungen sie in einen wilden Strudel von Gefühlen und Empfindungen gerissen, sodass sie auf seine Frage einfach mit einem Ja geantwortet hatte. Es war das einzige Wort, für das Raum in ihrem Kopf geblieben war. Ja, oh ja!

Wie dumm und naiv sie doch gewesen war!

„Und das ‚reich‘ ist wohl auch das, was du mit mir besprechen willst. Nun gut, kommen wir also zum Wesentlichen. Du willst wissen, warum ich hier bin? Ich bin hier, um dir nur eine Frage zu stellen.“

„Und die wäre?“

„Wie viel kostet es mich, damit du ein für alle Mal aus meinem Leben verschwindest? Wie viel verlangst du?“

4. KAPITEL

Es war ein Fehler gewesen, herzukommen. Ein Riesenfehler.

Ricardo schäumte innerlich vor Wut auf sich. Hätte er auch nur einen Funken Verstand, hätte es ihm von Anfang an klar sein müssen. Aber anscheinend setzte seine Vernunft aus, sobald es sich um Lucy drehte. Mit Sinn und Vernunft hatte seine Reaktion auf diese Frau nie etwas zu tun gehabt. Sinne,ja.

Maledizione! Seit sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, war er der Gnade seiner Sinne ausgeliefert gewesen. Es waren seine Sinne gewesen, die ihn dazu getrieben hatten, mit ihr zu schlafen, sie unbedingt zu der Seinen zu machen. Und ihr prompt ein Kind zu machen. Einen solch sträflichen, verantwortungslosen Fehler hatte er nicht einmal als hormongeplagter Teenager begangen. Es waren seine verfluchten Sinne gewesen, die ihn in einer Ehe gefangen hatten, die von A bis Z ein Fehler gewesen war. Und seine Sinne hatten Alarmstufe Rot ausgerufen, sobald er dieses Zimmer betreten hatte.

„Wie viel ich verlange …“

Jetzt starrte sie ihn mit diesen weit aufgerissenen blauen Augen an, als wären ihm plötzlich Hörner und Bocksfüße gewachsen. Wüsste er es nicht besser, würde er glatt sagen, sie sei schockiert. Aber er wusste es ja besser. Er wusste genau, worauf seine geldgierige kleine Frau aus war, da konnte sie Schock und Unglauben vortäuschen, so viel sie wollte.

„… damit ich ein für alle Mal verschwinde?“

„Das war die Frage, richtig.“

Zumindest hatte sie es jetzt aufgegeben, ihn mit ihrer sanften Stimme in Versuchung führen zu wollen. Mit diesem „es könnte noch immer“ wäre es ihr fast gelungen. Es hatte sich wirklich angehört, als wäre sie allein von seiner Gegenwart überwältigt. Und nie zuvor war er sich ihrer schlanken Figur derart bewusst gewesen, wie sie da in ausgewaschenen Jeans und T-Shirt vor ihm stand. Ihr Duft hatte ihn eingehüllt, hatte ihn trunken gemacht und schwindeln lassen.

Dio santo, wie schwer es gewesen war, dem zu widerstehen. Die sanfte Berührung hatte Erinnerungen geweckt. Erotische Erinnerungen, auf die sein Körper spontan reagierte, auch wenn er sich wütend bemüht hatte, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.

Und dann die Art, wie sie ihre beider Finger miteinander verschränkt hatte, fast genau wie damals an jenem ersten Abend – zögernd, unsicher, fast schüchtern.

Nun, die Schüchternheit hatte sich schnell gelegt, war verschwunden wie der Morgennebel über dem See unter der Sommersonne. In seinen Armen hatte sie sich in eine sinnliche, leidenschaftliche Circe verwandelt. In seinem Bett hatte sie alle Träume wahr werden lassen, die er je geträumt hatte.

Nur konnten sie nicht das ganze Leben lang im Bett bleiben.

„Du bietest mir also an, mich auszuzahlen?“

„Ich biete dir eine Abfindung an“, stellte er richtig. „Eine großzügige Abfindung im Gegenzug für eine schnelle stille Scheidung. Meinetwegen übernehme ich auch die Schuld, liefere dir die entsprechenden Gründe, solange ich dich nie wiedersehen muss.“ Wie sollte er auch eine Frau wiedersehen wollen, die fähig war, ihr Kind zu verlassen? Die ihm klipp und klar gesagt hatte, dass ihre Ehe beendet sei und er für das Baby von nun an die Verantwortung trage?

Sie wägte seinen Vorschlag ab, er konnte es an ihrer Miene erkennen, an der Art, wie der sanfte Ausdruck aus ihren Augen wich, bevor sie die Lider senkte, um ihre Gedanken vor ihm zu verbergen.

„Du willst mich wirklich loswerden.“ Sie sagte es völlig tonlos, ohne jede Andeutung eines Gefühls.

„Oh, glaube mir, das will ich“, bestätigte er harsch.

„Und du zahlst mir jede Summe, die ich verlange?“ Sie sprach die Worte steif und abgehackt aus, wie eine hölzerne Marionette. Kurz hob sie abschätzend den Blick. „Nach dem Gesetz steht mir die Hälfte deines Vermögens zu. Du hättest vor der Hochzeit einen Ehevertrag aufsetzen lassen sollen.“

Wäre er bei Verstand gewesen, hätte er das auch getan. Doch damals hatte er nur an das Kind gedacht. Das Kind, das ehelich geboren worden war und auf dessen Geburtsurkunde der Name des Vaters stand. Ein Kind von ihm sollte niemals als uneheliches Kind aufwachsen, nicht nach der Erfahrung, die er selbst durchgemacht hatte. Er war von gleichaltrigen Kindern geschnitten worden, ebenso wie seine Mutter sich plötzlich vor allen möglichen gesellschaftlichen Barrieren stehen gesehen hatte.

Er wusste, letztendlich hatte sein Geld Lucy überzeugt, der Hochzeit zuzustimmen. Aber ehrlich gesagt, war es ihm damals gleich gewesen. Ihm war nur wichtig, dass sie seinen Ring und seinen Namen trug – damit sein Kind mit seinem Namen groß werden konnte. Er hatte aber auch sehen wollen, ob die Beziehung zwischen ihnen wachsen würde, über das unkontrollierbare leidenschaftliche Feuer hinaus, das sie überhaupt erst zusammengebracht hatte.

„Und? Hättest du ihn unterschrieben?“

Zu jener Zeit hätte Lucy alles getan. Ricardo hätte nur zu fragen brauchen, sie hätte allem zugestimmt. Sie war so völlig verzaubert von ihm gewesen, so völlig vernarrt in ihn, dass sie nicht mehr klar hatte denken können. Sie hatte nicht einmal gezögert, seinen Antrag anzunehmen, obwohl sie genau wusste, dass er sie nur des Kindes wegen wollte, das in ihr heranwuchs.

„Es wäre sinnvoll gewesen, zumindest von deiner Seite aus“, antwortete sie. „Keiner von uns ist mit großen romantischen Hoffnungen in diese Ehe gegangen. Wir beide wussten, es war nichts als ein legales Arrangement.“

„Und heute?“

„Heute würde ich nichts unterschreiben, was du mir vorlegst, bevor ich es nicht gründlichst von einem Rechtsanwalt habe prüfen lassen.“

„Auch dann nicht, wenn es dir alles garantiert, was du dir je erträumt hast?“

„Ich denke nicht, dass das möglich ist.“

Ja, wenn sie Marco haben konnte, dann wäre sie wunschlos glücklich. Aber ohne ihren Sohn würde alles Geld der Welt die Leere nicht füllen, die sein Verlust für ihr Leben bedeutete. Und Ricardo würde ihr niemals Marco überlassen.

„Lass es doch darauf ankommen. Sag mir, was du willst, und ich gebe es dir, damit du dann endlich aus meinem Leben verschwindest.“

„Da du es mir niemals geben wirst, hat es auch gar keinen Zweck, dich danach zu fragen.“

„Wieso nicht? Ich …“ Er brach ab, als das Handy in seiner Jackentasche zu klingeln begann. Er zog es hervor und schaute auf die Nummer im Display. „Momento, das Gespräch muss ich annehmen.“

Das Telefon am Ohr, drehte er sich ab und sprach in schnellem Italienisch in die Muschel. Lucys Schulitalienisch reichte nicht aus, um der Unterhaltung auch nur annähernd zu folgen, doch da gab es ein Wort, das immer wieder fiel und das sie verstand.

Marco.

Wer immer am anderen Ende der Leitung war, hatte Ricardo angerufen, weil irgendetwas mit Marco passiert war. Panik stieg in Lucy auf, ihr Puls begann zu rasen, ihr Atem ging nur noch flach. Irgendetwas stimmte nicht mit ihrem kleinen Jungen, und sie wusste nicht, was.

Vor Nervosität konnte sie nicht still stehen bleiben. Unruhig begann sie im Zimmer auf und ab zu laufen, denn sonst hätte sie Ricardo das Handy aus den Fingern gerissen und zu wissen verlangt, was geschehen war. Doch das Zimmer war klein, es blieb nicht viel Platz, um hin und her zu marschieren, und noch immer dauerte das Gespräch an. Sie ballte die Fäuste, bis sich ihre Fingernägel in ihre Haut gruben.

Endlich unterbrach Ricardo die Verbindung und wandte sich wieder zu ihr zurück. „Entschuldige …“

„Was ist passiert?“

Sie sprachen beide im gleichen Moment, verstummten, dann war es Ricardo, der fortfuhr, weil Lucy keinen Ton mehr herausbrachte.

„Ich muss gehen. Mein Sohn …“ Ihr Blick brachte ihn aus dem Konzept, doch er besaß genügend Anstand, um die unausgesprochene Frage in ihren Augen zu beantworten. „Er ist aufgewacht und weint. Ich muss zurück.“

„Ist alles in Ordnung mit ihm?“

Die Sorge ließ sich nicht unterdrücken. Sollte Ricardo doch denken, was er wollte. Wenn Marco weinte, dann wollte sie mehr erfahren.

„Er wird in Ordnung sein, sobald ich wieder bei ihm bin.“

Es war verletzend, wie überdeutlich er sie ausschloss. „Du hast ihn in dem großen Haus allein gelassen …“

„Er ist niemals allein!“, fiel Ricardo ihr aufbrausend ins Wort, sodass Lucy zusammenzuckte. „Sein Kindermädchen ist bei ihm.“

Natürlich, das Kindermädchen. Wie hatte sie das vergessen können?

„Als ich ging, schlief er. Nun ist er aufgewacht und verlangt nach seinem Papa.“

Seinem Papa. Noch ein Hieb. Marco verlangte nach seinem Vater, dem Elternteil, das sich um das Kind kümmerte. Während Lucy der Außenseiter war – die Frau, die das Recht auf ihr Kind in dem Moment aufgegeben hatte, als sie ihm den Rücken kehrte. Aber aus Gründen, die sie erklären konnte, falls sie je eine Chance dazu erhielt.

Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Ricardo steuerte bereits auf die Tür zu.

„Ich muss zu ihm.“

„Natürlich.“

Wenn sie ihn jetzt gehen ließ, würde sich ihr überhaupt noch eine Möglichkeit bieten, mit ihm zu reden? Und was noch wichtiger war … wie sollte sie ihn gehen lassen, wenn sie wusste, dass ihr Sohn – ihr gemeinsamer Sohn – in der Villa war, weinte und Trost brauchte?

Ohne weiter nachzudenken, schlüpfte Lucy in flache Sandalen, griff nach ihrer Handtasche und eilte Ricardo nach. Mit seinen langen Schritten war er ihr weit voraus, sodass sie ihn erst einholte, als die große Eingangstür schon fast hinter ihm zufiel.

„Was zum Teufel …?!“ Die Frage kam automatisch, als ihre Hände sich trafen, um die sich schließende Tür festzuhalten.

„Ich komme mit.“

„Auf gar keinen Fall.“

„Doch.“ Sie wusste selbst nicht, woher sie die Kraft nahm, ihm so überzeugt zu widersprechen. Vermutlich war es die reine Verzweiflung. Was würde sie tun, wenn er sich schlicht weigerte? Mit den Füßen aufstampfen? Mitten auf der Straße laut zu schreien anfangen, bis er zusagte? So, wie sie Ricardo kannte, würde er in seinen Wagen steigen und ungerührt davonfahren. Also versuchte sie es auf andere Art. Schließlich hatte sie nichts mehr zu verlieren.

„Bitte, lass mich mit dir kommen. Bitte, Ricardo.“

Bitte. Er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er ihr Gesicht. Ein Bitte von Lucy, das hatte er am allerwenigsten erwartet. Oder besser, er hatte nicht erwartet, dass sie überhaupt mit ihm gehen wollte. Aber sie bat darum, auf eine Art, als wäre es ihr wirklich wichtig, als sorgte sie sich wirklich um Marco.

„Ricardo …“

Jetzt hob sie flehend den Blick zu ihm. Im schwachen Licht des Foyers sah sie blass und hager aus, zwang ihn damit dazu, sich an ihre Worte zu erinnern, dass sie krank gewesen sei. Was war mit ihr gewesen?

Aber jetzt hatte er keine Zeit, hier noch länger zu stehen. Er wurde in der Villa gebraucht, die kopflose Stimme des Kindermädchens hatte keinen Zweifel daran gelassen. Marco zahnte und brüllte voller Protest über die Schmerzen, bis er rot anlief.

Oh, das wäre genau das Richtige für Donna Lucia …

„Also gut“, sagte er abrupt. „Du kannst mitkommen. Steig ein.“

Sie war völlig verdattert, dass es so einfach gewesen war. „Meinst du das ernst?“

„Lucy“, stieß er ungeduldig aus. „Wenn du mitkommen willst, steig ein, oder ich lasse dich hier zurück.“

In Windeseile kletterte sie in den Wagen. Ob sie wusste, was ihr bevorstand? Ricardo bezweifelte es. Wenn Marco erst einmal zu einem seiner Weinanfälle angesetzt hatte, dann sollte seiner Meinung nach auch die ganze Welt erfahren, wie wütend er war. Selbst für eine liebevolle und fürsorgliche Mutter wäre es schwierig, das Gebrüll zu ertragen. Für eine Frau, die kaltblütig ihr Baby im Stich gelassen hatte, wäre das wohl erst recht unmöglich.

Das war seine Überlegung und erklärte, warum er sie zurück in sein Haus einließ. Suchte er nach einem Weg, sie endgültig aus seinem Leben verschwinden zu sehen, so hatte sein Sohn ihn mit dem Weinkrampf unter Garantie gefunden.

Ricardo warf einen kurzen Seitenblick auf die Frau, die neben ihm saß, und ein spöttisches kleines Lächeln erschien in seinen Mundwinkeln, als er den Motor startete und den Gang einlegte.

Diese Konfrontation würde bestimmt interessant werden.

5. KAPITEL

Kaum dass Lucy durch die Haustür der Villa trat, konnte sie es hören. Die Lautstärke war beachtlich und hallte an den marmornen Wänden der großen Halle wider. Lucy kämpfte mit sich, um nicht alles zu vergessen, was geschehen war, um nicht ihre höchst zweifelhafte Position in diesem Haus beiseite zu drängen und die Treppe hinaufzurennen, so schnell sie nur konnte, um ihren weinenden Sohn in die Arme zu nehmen.

Unbewusst hatte sie schon einen Schritt auf die Treppe zugemacht, als Ricardo an ihr vorbeieilte und die Treppe hinaufstürmte, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie hastete ihm nach und kam auf dem oberen Treppenabsatz an, als er die Tür zum Kinderzimmer öffnete.

„Marco, mio figlio.“

Die sanft gesprochenen Worte hätten normalerweise in dem Gebrüll untergehen müssen, doch das Baby erkannte die Stimme. Mit einem letzten Schluchzer stellte es das Geschrei ein und sah zu seinem Vater hin.

„Marco“, sprach Ricardo den Namen noch einmal aus. Das Baby streckte die Arme nach ihm aus.

Nach Ricardo.

Das Gefühl von Verlust schwappte wie eine mächtige Welle über Lucy zusammen. Schmerzhaft begriff sie, dass sie kein Recht hatte, ihren Sohn zu halten. Nicht mehr.

Und machte sie sich nicht auch etwas vor, wenn sie sich einbildete, Marco könnte sie erkennen? Sie war so lange weg gewesen, er war doch gerade erst auf die Welt gekommen …

Lucy musste sich zwingen, im Hintergrund zu bleiben. Die Hände hinter dem Rücken, lehnte sie sich an die Wand. Sie brauchte die Stütze, um sich gerade zu halten. Und um sich davon abzuhalten, die Arme nach ihrem Kind auszustrecken, während sie Ricardo beobachtete, wie er seinen Sohn tröstete.

Seit Ricardo den Anruf erhalten hatte, hämmerte ihr Herz wie wild. Sicher, ihr ist gesagt worden, dass mit Marco alles in Ordnung sei, dass der Kleine nur zahne, dennoch hatte sie sich die schlimmsten alle Szenarien ausgemalt, auf der gesamten Fahrt mit dem Wagen zur Anlegestelle und dann mit dem Schnellboot über den See bis zur Insel. Obwohl es mit dem Motorboot zehnmal schneller gegangen war als mit dem kleinen Ruderboot, hatte sie an der Reling gestanden und immer nur „schneller, schneller“ gedacht, damit sie endlich sicher sein konnte.

Jetzt war sie sicher. Obwohl Marco sich elend fühlte und weinte, war es nichts Ernsthaftes. Nur … dieses Wissen half ihr nicht. Zu hören, wie das Weinen des Babys leiser wurde, weil es sicher von seinem Vater gehalten wurde, machte es nur noch schlimmer für sie. Wie oft war Marco wohl schon in der Nacht weinend wach geworden und sie – seine Mutter – war nicht da gewesen, um ihn zu beruhigen? Der Arzt hatte gesagt, sie dürfe sich deswegen keine Vorwürfe machen. Aber wie sollte sie das, wenn sie nicht einmal die Vorstellung ertrug?

„Calma, tesoro“, wisperte Ricardo dem Baby in seinen Armen zu. „Calma …“

Und endlich hörte das Weinen mit einem letzten Schluchzer und einem Schluckauf auf. Eine kleine Hand wurde nach Ricardos Wange ausgestreckt, sanft und liebevoll. Lucy musste ein sehnsüchtiges Aufschluchzen zurückhalten.

Sie hätte ihr Baby kaum wiedererkannt. Marco war nicht mehr die haarlose kleine Puppe, die sie zuletzt gesehen hatte, sondern ein richtiger kleiner Junge. Und eindeutig seines Vaters Sohn, mit dem rabenschwarzen Haar der Emilianis und den großen dunklen Augen. Augen, die voll bedingungslosem Vertrauen auf dem Gesicht des Vaters lagen.

Ein stechender Schmerz fuhr durch Lucy hindurch, traf sie ins Herz. Es gelang ihr nicht, das leise Aufstöhnen zu unterdrücken. Sofort drehte der kleine Junge den Kopf und richtete neugierige Augen auf sie.

„Oh, Marco …“ Mehr als ein Flüstern war es nicht.

Erkannte er sie etwa? War das möglich? Lucy schickte ein Stoßgebet zum Himmel, wartete auf irgendein Zeichen des Erkennens …

Doch da fielen dem Jungen die schweren Lider auch schon zu. Erschöpft vom Weinen und den Schmerzen, senkte er die Wimpern auf die Wangen und steckte den Daumen in den Mund.

Das war das Letzte, was Lucy klar erkennen konnte. Tränen ließen ihre Sicht verschwimmen, ihre Knie gaben nach. Die Anspannungen der letzten Stunden waren zu viel für sie gewesen. Das Blut rauschte in ihren Ohren, sie musste sich an der Wand abstützen.

„Entschuldige mich …“

Lucy wusste nicht, ob Ricardo sie gehört hatte, es war ihr auch gleich. Sie musste aus diesem Zimmer heraus, brauchte dringend frische Luft, bevor sie wie ein Häufchen Elend zu Ricardos Füßen zusammensackte.

Sie glaubte nicht, dass irgendjemand ihre Abwesenheit überhaupt bemerken würde.

Am Ende des Korridors gab es einen Balkon, das wusste sie noch. An einem schönen Tag konnte man von diesem Balkon aus über den See bis zum Ufer blicken, dass man sogar meinte, es gäbe gar kein Wasser. Jetzt jedoch lag alles dunkel da, die Lichter der Häuser am anderen Ufer spiegelten sich auf der Wasseroberfläche und tanzten vor ihren Augen. Mit tiefen Atemzügen sog Lucy die kühle Nachtluft ein.

Hinter ihr im Haus war es still geworden, Marco weinte nicht mehr. Wahrscheinlich schlief er tief und fest.

In Ricardos Armen …

Mit einem leisen Schluchzen schlang Lucy die Arme um sich.

So lange hatte sie von diesem Tag geträumt, doch jetzt, da es endlich so weit war, schien es ihr mehr, als sie ertragen konnte. Wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, zurückzukommen und ihren kleinen Jungen zu sehen, und jetzt konnte sie sich nur fragen, ob sie überhaupt ein Recht hatte, hier zu sein. Hatte sie das Recht, die Routine zu stören, die er und sein Vater gemeinsam aufgebaut hatten?

Ricardo war ein großartiger Vater, sie hatte es mit eigenen Augen sehen können. Zweifelsohne war es nicht das erste Mal, dass er seinen kleinen Jungen tröstete.

Ihr stand hier kein Platz mehr zu. Dieses Recht hatte sie aufgegeben, als siedie Villa und ihr Babyverlassen hatte. Wäre es nicht fairer und besser, wenn sie …

„Hier hast du dich also versteckt.“

Ricardos Stimme ertönte hinter ihr und ließ sie zusammenzucken. Hart umklammerte sie die Balkonbrüstung, hielt den Blick starr auf den dunklen See gerichtet. „Ich verstecke mich nicht. Ich brauchte nur frische Luft.“

„Hast es nicht ausgehalten, was?“ Hohn tropfte aus jedem seiner Worte. „Tja, wer vermutet auch schon, dass ein so kleines Wesen einen solchen Lärm veranstalten kann. Der Junge hat kräftige Lungen.“

Sie nickte nur stumm, weil sie ihrer Stimme nicht traute. Dünner Nebel stieg über dem Wasser auf, zusammen mit den Tränen, die sie bemüht zurückhielt, ließ er ihre Sicht noch weiter verschwimmen.

„Nicht unbedingt das süße Baby, das friedlich schlummernd in seinem Bettchen liegt, nicht wahr?“

Sie schwang zu ihm herum, sah seine harte Miene mit dem schmalen Mund. „Ich wusste vorher, dass er nicht still sein würde. Du hattest schließlich gesagt, dass er weint. Deshalb hielt ich es für besser, wenn du dich um ihn kümmerst. Ich wäre ja in die Herberge zurückgekehrt, aber ich habe kein Boot.“

„Rennst du wieder weg? So schnell?“, fragte er voll zynischer Verachtung. Er trat zu ihr auf den Balkon, stellte sich an die Brüstung neben sie, den Rücken zum See. Im silbernen Licht des Mondes sah sie das kalte Glitzern in seinen Augen.

„Ich renne nicht weg …“

„Weil du niemanden mit einem Boot gefunden hast. Aber selbst wenn, es lohnt sich nicht, jemanden auch nur zu fragen.“

Mit verschränkten Armen lehnte er sich lässig an das Geländer. Lucy nahm an, dass er entspannt wirken wollte, aber seine Haltung machte auf sie viel eher den gegenteiligen Eindruck. Ein Schauder rann über ihren Rücken, als sie seinen durchdringenden Blick auf sich liegen spürte. Er wirkte, als warte er nur auf ihren nächsten falschen Schritt. Dabei hatte sie nicht die geringste Ahnung, welchen Fehler sie noch machen könnte.

Oder vielleicht hatte sie den ja schon gemacht und war sich dessen nur noch nicht bewusst.

„Niemand wird dich über den See bringen. Meine Leute haben Anweisung, nichts zu tun, bevor ich sie nicht ausdrücklich anweise.“

„Heißt das, ich kann nicht von hier weg?“

„Genau das heißt es. Nicht, bis ich meine Erlaubnis gebe.“

„Ich dachte, du wolltest, dass ich aus deinem Leben verschwinde?“ Sie mochte nervös sein, aber sie sollte verdammt sein, wenn sie es ihn sehen ließ. Also hatte sie darauf geachtet, schnippisch zu klingen, und herausfordernd das Kinn angehoben. „Bist du nicht deshalb in die Pension gekommen? ‚Sag mir, was du willst, und ich gebe es dir, damit du endlich aus meinem Leben verschwindest‘“, zitierte sie ihn.

„Ein für alle Mal“, ergänzte er noch. „Darauf lag die Betonung. Dieses Mal will ich sicherstellen, dass du nie wieder auftauchst.“

Großer Gott, wie sehr musste er sie hassen! Es war ihr schier unmöglich, so viel Gift von ihm zu ertragen.

„Dich hassen?“, fragte er, und zu ihrem Entsetzen merkte sie, dass sie den Gedanken laut ausgesprochen hatte. „Nein, cara. Mir liegt nicht genug an dir, um dich zu hassen. Aber ich erkenne einen Fehler, wenn ich ihn sehe. Und du …“ Er zeigte mit einem Finger auf sie, und als er den Satz vollendete, strafte er damit seine eigene Aussage Lügen, „bist der größte Fehler, den ich in meinem Leben begangen habe.“

Ihre Beine zitterten immer stärker, und Lucy klammerte sich fester an die Balustrade. Nach diesem Tag voll stürmischer Emotionen schien die Kraft sie endgültig verlassen zu wollen, ihr schwindelte, und sie wankte leicht. „Wenn ich der größte Fehler deines Lebens bin, den du so unbedingt loswerden willst … Warum hältst du mich dann auf der Insel fest wie eine Gefangene?“

„Wohl kaum wie eine Gefangene“, tat er geringschätzig ab.

„Aber du stellst unlogischerweise sicher, dass ich nicht von hier fort kann. Was auf das Gleiche herauskommt. Wieso?“

Diese Frage stellte er sich schon den ganzen Abend. Die Tatsache, dass sie ebenfalls die Frage nach dem Warum stellte, erleichterte die Antwort keineswegs. In seiner Beziehung zu Lucy hatte er nie mehr gesehen als die leidenschaftlichen Nächte, die sie im Bett miteinander geteilt hatten. Als er von der Schwangerschaft erfuhr, änderte sich jedoch alles. Sie hatten des Kindes wegen geheiratet, aus keinem anderen Grund.

Oder doch, es gab noch einen zweiten Grund – der fantastische Sex, der das Kind geschaffen hatte. Der Sex, der als Leim für ihre Beziehung diente. Ricardo hatte gehofft, dieser Leim würde halten, bis sie etwas anderes gefunden hätten, um sie zusammenzuschweißen. Nach Marcos Geburt hätten sie Zeit miteinander verbringen sollen, um herauszufinden, ob es dieses andere überhaupt gab. Nur war Lucy nicht lange genug geblieben. Kaum dass Marco das Licht der Welt erblickt hatte, stürzte sie sich in ein Leben, von dem sowohl ihr Kind wie auch Ricardo völlig ausgeschlossen waren. Jeden Tag war sie in die Stadt gefahren und hatte das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Sie war zurückgekommen mit Einkaufstüten voller Kleider, Schuhe, Make-up. Die meisten Sachen hatte sie weder getragen noch benutzt. Plötzlich bestand sie auf getrennten Schlafzimmern und musste überredet werden, überhaupt einmal in Marcos Zimmer zu schauen, überließ es dem Kindermädchen, sich um das Baby zu kümmern. Und nach sechs Wochen war sie ganz gegangen, hatte nur eine herzlose Notiz hinterlassen, dass sie aus der Ehe heraus wollte. Mit einem dahingekritzelten Zettel machte sie klar, dass sie weder Marco noch Ricardo liebte, sie war nur an dem Luxusleben interessiert gewesen, das sein Vermögen ihr ermöglichte.

Ich habe dir einen Sohn geschenkt und fast ein ganzes Jahr meines Lebens. Ich denke, das reicht. Du kannst Marco haben – schließlich ist er der einzige Grund für diese Farce von einer Ehe – und ich habe meine Freiheit zurück. Ich melde mich dann vor der Scheidung.

So war sie also wieder zurück, wie versprochen. Für ihre Rückkehr gab es nur einen Grund – die Scheidung. Und wie hoch ihre Abfindung ausfallen würde.

Sie widerte ihn an. Er verabscheute die Art Mensch, die sie war, verachtete das, was sie getan hatte. Warum, um alles in der Welt, wollte er sie dann länger hierbehalten als unbedingt nötig?

„Wir haben noch nicht über die Scheidung gesprochen. Über deine Forderungen.“

Hatte er da etwa einen wunden Punkt getroffen? Fast schien es so. Das herausfordernde Blitzen in ihren Augen erlosch, der Trotz schwand. Oder spielte ihm da nur das Mondlicht einen Streich? Sie schien auch plötzlich blasser geworden zu sein.

„Sobald wir uns einig sind, kannst du gehen. Enzo wird dich dann mit dem Schnellboot über den See fahren, und in einer Viertelstunde bist du wieder auf dem Festland zurück. Ich gebe dir einen Vorschuss auf die Abfindung mit, damit du dir ein Zimmer in einem anständigen Hotel nehmen kannst. Vorausgesetzt, du nimmst morgen die erste Maschine vom Flughafen in Verona.“

Wieder schien es, als hätte er Salz in eine Wunde gestreut. Sie zuckte tatsächlich zusammen, krümmte sich unter seinen Worten. Er runzelte die Stirn. Doch als er sich schon vorbeugen wollte, um sie genauer zu mustern, hob sie abrupt den Kopf. Ihre blauen Augen funkelten auf.

„Nein!“

Sie wirkte ebenso überrascht über ihre Weigerung wie er. Verwirrt blinzelte sie, schwankte, dann reckte sie die Schultern.

„Ich gehe nicht!“

„Nicht?“ Die Falte auf seiner Stirn wurde tiefer. Was sollte das nun schon wieder? „Also, jetzt benimmst du dich unlogisch. Vorhin konntest du noch nicht schnell genug wegkommen.“

„Nun, ja … aber … nicht so.“

„Es ist eigentlich recht simpel. Du sagst mir, was du willst, ich gebe es dir, und du gehst.“

„Aber du wirst es mir nicht geben“, behauptete sie mit bebender Stimme.

„Du hast mein Wort.“

Sie schüttelte heftig den Kopf, dass ihr blondes Haar nur so flog. „Du wirst dein Wort nicht halten.“

„Verdammt, Lucia, ich verspreche es!“

„Versprich nie etwas, das du nicht halten kannst!“

Offensichtlich stand sie kurz davor, die Fassung zu verlieren.

Wieder schüttelte sie den Kopf, und ihr Haar strich flüchtig über seine Wange. Das Gefühl und der Duft brachten Erinnerungen zurück. Diesen Duft hatte er nie wirklich vergessen können, frisch und sauber, nach Kräutern, die seine Sinne anstachelten. Auch nicht das Gefühl, wenn es wie Seide über seine Haut strich. Mit der Erinnerung fuhr prompt ein Ziehen in seine Lenden, das seine Selbstbeherrschung gefährlich ins Wanken brachte.

„Lucia, hör auf damit!“ Er fasste nach ihren wild in der Luft wedelnden Händen. „Das bringt dich nicht weiter!“

Er hatte sie nur leicht schütteln wollen, um sie wieder zur Vernunft zu bringen, doch sobald er sie anfasste, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Einen kapitalen Fehler.

Einen Fehler, auf den er schon den ganzen Abend zusteuerte. Als sie gegen ihn gefallen war, nachdem er sie bei ihrer Ankunft auf der Insel überraschte, als ihre Finger sich in dem kleinen schäbigen Zimmer berührten, als sie die Hand auf seinen Arm legte. Jetzt schaute sie zu ihm auf, während er ihre Hände festhielt. Ihre Blicke trafen aufeinander, verhakten sich …

Seine Selbstbeherrschung riss, als er sah, wie ihre Augen sich weiteten, sich in dem jähen sinnlichen Bewusstsein verdunkelten. Sein Verstand schien plötzlich auszusetzen. Er konnte nicht mehr denken, nur noch fühlen.

Das Verlangen.

Das Verlangen war es, das ihn zu unüberlegten Taten trieb, das ihn dazu brachte, sie an sich zu reißen und seinen Mund auf ihre Lippen zu pressen. Ein zufriedenes Knurren entfuhr ihm, als er ihre Lippen nachgiebig werden fühlte. Ursprünglich dazu gedacht, sie zum Schweigen zu bringen und sie zu beruhigen, änderte der Kuss sich schnell, wurde zärtlich und verführerisch. Ricardo verstand nicht, warum sie so aufgeregt sein sollte, doch es hatte keinen Zweck, mit ihr reden zu wollen, bis sie ruhiger geworden war.

„Scht, Lucia“, murmelte er. „Es besteht kein Grund, weshalb du dich so aufregen solltest. Was immer du brauchst, was immer du willst, ganz gleich, in welche Probleme du dich gebracht hast … ich kümmere mich darum.“

Seine Worte ließen sie erstarren, sie versteifte sich und schaute ihn stumm an. Ihr Gesicht war bleich, ihre Züge angespannt, Tränen schimmerten in den großen Augen. Ihr Anblick schockierte Ricardo zutiefst.

„Lucia?“ Als er sie dieses Mal küsste, war es ein sanfter Kuss. Ihr Duft hüllte ihn ein, er schob seine Finger in ihr Haar. Ihr weicher Körper schmiegte sich an seinen, und der Hunger tief in ihm begann zu wachsen. Doch noch während er ihr über den Rücken strich, merkte er, dass irgendetwas anders war. Lucy hatte sich leicht zurückgezogen und legte jetzt die Hände an seine Brust, um ihn von sich zu schieben.

„Du solltest das nicht tun.“

„Warum nicht?“ Mit einem Lachen versuchte er es abzutun, doch es klang rau und brüchig. „Du warst ja regelrecht hysterisch. Irgendetwas musste ich tun. Es gibt nur zwei Wege, eine hysterische Frau zu beruhigen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass dir eine Ohrfeige lieber gewesen wäre.“

Benommen schüttelte sie den Kopf, in ihre Augen zog ein Ausdruck, der Ricardo an Verzweiflung denken ließ. „Wahrscheinlich wirst du dir wünschen, du hättest mich geohrfeigt, wenn ich es dir sage.“

„Wenn du mir was sagst? Lucia, wovon redest du überhaupt? Sag endlich, was du willst!“ Eine ungute Vorahnung erfasste ihn plötzlich, als er sie zögern sah. Er hatte das Gefühl, dass es ihm ganz und gar nicht gefallen würde.

„Marco“, flüsterte sie. „Das ist das Einzige auf der Welt, was … den ich will. Ich will meinen Sohn.“

Hätte sie ihm ins Gesicht gespuckt, er hätte nicht entrüsteter sein können. Abrupt ließ er sie los, stieß sie nahezu von sich, als hätte sie sich in seinen Armen in eine Schlange verwandelt. Von einer Sekunde auf die andere änderte sich das Bedürfnis, sie zu halten, in das Gefühl, sie könnte ihn vergiften, wenn sie ihm zu nahe kam.

„Marco? Seinetwegen bist du hier? Um ihn zu holen?“

Sie fand keine Worte, also nickte sie nur stumm. Und wusste sofort, dass sie es nicht hätte tun sollen. Sie war nicht gekommen, um Marco zu holen, nicht so, wie Ricardo meinte. Doch zu spät. Sie konnte mitverfolgen, wie seine Miene sich verdüsterte. Ein Schauder rann ihr über den Rücken.

„Niemals!“ Abscheu, Drohung, Endgültigkeit, Warnung – es war alles in diesem einen Wort enthalten. „Nach dem, was du getan hast?!“

„Aber …“ Die Stimme wollte ihr versagen. „Ich kann erklären …“

„Du kannst es versuchen. Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendetwas, das du sagst, mich überzeugen wird.“ Den Kopf leicht zur Seite gelegt, musterte er sie mit einem Blick, der ihr rau wie Schmirgelpapier über die Haut rieb und rote Striemen hinterließ.

Er würde zuhören, sagte ihr dieser Blick, aber er würde ihr nicht glauben. Gegen ihre Erklärung hatte er sich bereits gewappnet. Selbst wenn sie sich den Kopf blutig an seiner Rüstung schlagen würde, er würde sie niemals zu sich durchdringen lassen.

„Also, fang an“, höhnte er, als sie noch immer nichts sagte.

Sie wünschte, sie könnte es. Aber wie sollte sie, wenn diese dunklen Augen sich in ihren Kopf bohrten, während ihr Verstand hektisch nach den richtigen Worten suchte? Denn es war so wichtig, dass sie die richtigen Worte fand, damit Ricardo verstand und ihr vielleicht doch glaubte.

Er musste ihr einfach glauben.

„Aber du kannst nicht, oder? Weil es keine Erklärung gibt.“

„Ich liebe Marco.“ Ihre Stimme klang so dünn, kaum mehr als ein Wispern. Aber in ihrem Kopf dröhnte es, als wäre plötzlich ein Schwarm wild gewordener Hummeln aufgeflogen.

„Wie kannst du es wagen, so etwas zu behaupten?!“, brauste er auf. „Du hast ihn im Stich gelassen, ihn einfach aufgegeben!“

„Ich weiß, und es war falsch. Aber ich war krank. Jetzt bin ich wieder gesund, und ich will …“

„Du willst?“, fiel er ihr schneidend ins Wort. „Es geht immer nur darum, was du willst, nicht wahr? Nun, lass dir gesagt sein, cara, du kannst nicht haben, was du willst. Nicht, solange ich lebe. Und wenn ‚ich liebe ihn‘ die beste Erklärung ist, mit der du aufwarten kannst, interessiert es mich nicht mehr.“

Er drehte sich schon ab, seine Miene deutlicher Ausdruck seiner Gefühle.

„Ricardo, bitte …“ Sie musste ihn aufhalten, musste ihn dazu bringen, dass er ihr zuhörte. Sie griff nach seinem Arm, verfehlte ihn, griff in die Luft. Das dröhnende Summen in ihren Ohren wurde lauter, Nebel zog vor ihre Augen, verschleierte ihre Sicht. „Ricardo!“ Wild ruderte sie mit den Armen in der Luft, dann wurde alles schwarz um sie herum.

6. KAPITEL

„Bist du wach?“

Die männliche Stimme, rau und erschreckend vertraut, drang durch die Wolken, die in Lucys Kopf hingen. Sie rührte sich und zog die Brauen leicht zusammen, als sie das Gesicht in die Kissen drehte.

Diese Kissen waren so weich. Nun, sie musste sich wohl an die Zustände in der Pension gewöhnt haben. Am ersten Abend waren ihr die Kissen hart und klumpig vorgekommen, aber jetzt …

„Lucy! Wach auf!“

Da war diese Stimme wieder, diesmal ungeduldig. Sie durchbrach das wunderbare Vergessen, das der Schlaf ihr geschenkt hatte. Keine Erinnerungen an das, was vorgefallen war, nur ein wohliges Gefühl …

Bis Ricardos Stimme alles wieder in ihr zurückrief. Mit einem Ruck setzte Lucy sich auf und starrte mit leerem Blick auf die Gestalt, die mitten im Raum stand.

„Was ist passiert? Wo bin ich?“

Buon giorno, bella Lucia“, grüßte Ricardo lässig und kam auf das Bett zu. Mit der Hüfte lehnte er sich an das reich geschnitzte Fußende und schob die Hände in die Jeanstaschen. „Du brauchst nicht in Panik auszubrechen. Du bist in der Villa San Felice, seit gestern Abend schon. Man könnte also sagen, du bist zu Hause.“

„Zuhause war nie ein Begriff, den ich mit der Villa in Verbindung gebracht habe.“ Sie bemühte sich, ihre wirren Gedanken zu sortieren. Sie hatte das Gefühl, dass sie genau das gleich tun würde – in Panik ausbrechen! Glücklicherweise war es nicht das Schlafzimmer, an das sie sich aus der Zeit des Zusammenlebens mit Ricardo erinnerte. „Wie bin ich hierhergekommen?“

Ricardo fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Du bist ohnmächtig geworden. Erinnerst du dich nicht?“

„Nein, ich …“ Jäh stürzten die Bilder auf sie ein – ihr Versuch, unbemerkt auf der Insel zu landen, um Marco zu sehen …

Marco!

„Ich bin in Ohnmacht gefallen.“ Die Bruchstücke fügten sich zusammen, ergaben eine kontinuierliche Abfolge. „Und du …“ Seine gnadenlosen Worte hallten wieder in ihren Ohren, setzten erneut das Dröhnen in Gang.

Und du bist der größte Fehler, den ich in meinem Leben begangen habe.

„Wer hat mich in dieses Zimmer gebracht?“

„Ich“, antwortete er ruhig, weil es schon wieder so aussah, als würde sie gleich hysterisch werden. „Und bevor du fragst … Ich habe dich auch zu Bett gebracht.“

Hätte er ihr ins Gesicht geschlagen, sie hätte nicht erschütterter aussehen können. Plötzlich wurde ihr auch bewusst, dass sie sich aufgerichtet hatte, mit bloßem Oberkörper, nur von einem schlichten BH bedeckt. „Du hast mich ausgezogen!“

Heiße Röte schoss ihr in die Wangen. Sie riss die Bettdecke bis ans Kinn, um ihren Körper vor seinem abschätzenden Blick zu schützen. Doch die Erinnerungen, wie er sie einst ausgezogen hatte, so sanft, so langsam, so zärtlich, ließen sich damit nicht abblocken. Ihr Puls begann zu rasen, wenn sie nur daran dachte.

„Richtig, ich habe dich ausgezogen“, bestätigte er.

Es zuckte um seinen Mund, ein Mal nur und kurz. Eine Geste, die alles bedeuten konnte – Humor, Ärger, Verachtung oder schlichter Triumph, Lucy konnte es nicht sagen. Und ihre Verlegenheit vereitelte auch von vornherein jeden Versuch.

„Warum sollte dich das beunruhigen? Es war auf jeden Fall besser, als …“

„Besser!“, unterbrach sie ihn fassungslos. Sie fühlte sich … in ihrer Ehre getroffen. Ricardo würde das als völlig übertrieben ansehen, und eigentlich wusste sie auch selbst, dass es übertrieben war. Doch wenn sie sich vorstellte, wie er ihr das T-Shirt über den Kopf gezogen hatte, ihre Jeans aufgeknöpft hatte … „Erkläre mir, was schlimmer sein soll, als von dir begrapscht zu werden!“

„Ich habe dich nicht begrapscht!“

Da war sie wohl zu weit gegangen. Bei seinem harschen Ton zog sie erschreckt die Bettdecke noch höher, obwohl die warme Sonne durch die Fenster schien. Unterhalb der Fenster schwappten die Wellen des Sees ans Ufer. In dem drückenden Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete, schien jedoch selbst dieses leise Geräusch unnatürlich laut.

Ricardo sog scharf die Luft ein. „In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Frau bedrängt, und ich werde jetzt ganz bestimmt nicht damit anfangen, vor allem nicht bei meiner eigenen. Denn das ist doch wohl der springende Punkt hier, oder? Dass ich mich als dein Mann um dich gekümmert habe, anstatt es einem Fremden zu überlassen.“

„Du bist nicht mein Mann!“

Lucy hätte es nicht für möglich gehalten, dass seine Miene noch härter, die Wut in seinen Augen noch eisiger werden könnte und krümmte sich unter seinem verächtlichen Blick.

„Wir haben das Gelübde abgelegt“, knurrte er gefährlich leise. „Wir haben geheiratet.“

„Aber nur, damit unser Sohn ehelich geboren werden konnte und die Namen beider Elternteile auf der Geburtsurkunde stehen. Ansonsten hatte es keine Bedeutung. Ich wollte dich nicht heiraten, und du …“

„Ich wollte dich zur Frau.“

„Weil ich Marco unter dem Herzen trug. Komm schon, Ricardo, willst du etwa behaupten, du hättest mich geheiratet, wenn ich nicht schwanger gewesen wäre?“

„Nein …“

„Natürlich nicht.“ Sie wollte es klingen lassen, als würde seine Antwort sie zufriedenstellen, doch in dem einzelnen Wort ließ sich keine Befriedigung finden. „Das dachte ich auch nicht.“

„Ich wollte dich …“

„Ja sicher, ich weiß.“ Die Bitterkeit ließ sich nicht aus ihrer Stimme heraushalten. „Das hast du mehr als deutlich gemacht. Aber du konntest mich ja auch ohne feste Bindung haben. Nur bin ich schwanger geworden, und das hat dich, hat uns beide in einer Ehe gefangen. In einer Ehe, die keiner von uns beiden wollte.“

Es war schwach, es war dumm, es war geradezu ...

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