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Julia Extra, Band 305

SABRINA PHILIPS

Erpressung aus Leidenschaft

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Sabrina Philips

Erpressung aus
Leidenschaft

1. KAPITEL

Würde sie ihm in die Augen sehen und ihn anbetteln? Oder würde sie seinem Blick lieber ausweichen, weil ihr bewusst war, dass sie beim letzten Mal, als sie seinem Blick standhielt, sich ihm freizügig geschenkt hatte? Dante warf den Geschäftsbericht auf seinen teuren Mahagoni-Schreibtisch, und sein Mund wurde zu einem harten Strich. Nein, er bezweifelte es. Zögern passte nicht zu Faye Matteson.

Er lehnte sich in seinem breiten Ledersessel zurück und sah auf ihren Namen, der unter den Verabredungen in seinem elektronischen Terminkalender stand. Als seine persönliche Assistentin ihn letzten Monat gefragt hatte, ob er einverstanden sei, sie zu treffen, hatte er sofort geahnt, warum sie ihn sehen wollte. Er wusste, dass nur so etwas wie diese Anfrage sie nach Rom zurückbringen würde. Aber sie hätte sich die Reise sparen können. Er lächelte spöttisch. Es amüsierte ihn, dass sie offenbar annahm, er wäre bereit, ihr zu helfen. Den Teufel würde er tun – auch wenn sie mit Sicherheit glaubte, bei ihm zum gewünschten Ziel kommen zu können. So wie damals vor sechs Jahren. Und er bezweifelte, dass sie sich seitdem geändert hatte. Die früher so unschuldig wirkende Kellnerin mit dem Schlafzimmerblick stellte jedoch nicht länger eine Gefahr für ihn dar. Denn diesmal wusste er, worauf er sich einließ.

„Miss Matteson ist da, Mr. Valenti“, verkündete die Dame von der Rezeption über die Gegensprechanlage und riss ihn aus seinen Gedanken.

Dante stand auf, bereit für seine Revanche.

„Schicken Sie sie herein.“

Es hat sich nichts geändert, dachte Faye. Sie atmete tief durch und nahm, wie von der schlanken Rothaarigen aufgefordert, auf dem Sofa Platz – das letzte Hindernis auf dem Weg in sein Büro. Sein Imperium mochte sich ausgeweitet haben, aber sonst war alles noch wie zuvor: Seine Angestellten kreisten um ihn, und jede Frau wandte sich ihm zu, wie Blumen der Sonne. Sicherlich zupfte er auch noch jede dieser Blumen aus, die sein Gefallen fand, und ließ sie danach gnadenlos verwelken.

Faye schauderte und versuchte, ihre Schultern zu lockern, die nicht nur durch den beengten Platz während des Flugs am vergangenen Abend so verspannt waren. Aber jetzt war nicht der richtige Augenblick, um über die Vergangenheit nachzudenken. Sie sah sich in dem luxuriös ausgestatteten Empfangsbereich um. Diese – seine – Welt war ihr fremd. Hatte sie denn überhaupt jemals richtig dazugehört? Sie bezweifelte, dass er sich nach all den Jahren überhaupt noch an ihren Namen erinnern würde. Auf der anderen Seite war ihr während der Fahrt mit der Metro hierher bewusst geworden, dass Dante Valenti seiner persönlichen Assistentin sicher nicht erlauben würde, Termine mit jemandem auszumachen, der zuvor nicht auf Herz und Nieren geprüft worden war. Also musste er sich an sie erinnern und hatte einem Treffen zugestimmt.

Und das hieß … ja, was denn überhaupt? Dass die Vergangenheit ihm nichts bedeutete, vermutete sie, und dass das Geschäft an erster Stelle stand. Und es ist Zeit, dass du genauso denkst, mahnte sie sich im Stillen. Nur das Geschäft ist jetzt wichtig. Dass er einem Treffen zugestimmt hatte, zeigte vielleicht seine Bereitschaft, ihr zu helfen. Und sie wollte die Zukunft ihres Restaurants – des Mattenson’s – nicht aufs Spiel setzen, nur weil er sie damals so tief enttäuscht hatte.

Als Faye zum dritten Mal auf ihre Uhr sah, fiel ihr Blick auf ihre ungewohnt manikürten Nägel und ihr Angebot, das sie fest umklammerte. Es musste einfach klappen. Verstohlen betrachtete sie die makellos aussehende Rothaarige, die eben etwas in die Gegensprechanlage sagte, und fühlte sich befangen. Mit einer fahrigen Bewegung steckte sie eine Strähne zurück in die Spange, die ihre blonden Haare aus dem Gesicht hielt. Für einen richtigen Schnitt hatte ihr Budget nicht mehr ausgereicht.

„Mr. Valenti möchte Sie jetzt sehen.“ Die Frau sprach, als ob sie ihr eine unverdiente Ehre zuteilwerden lasse, und führte sie zu der kunstvoll getäfelten Tür.

Faye strich über den Rock ihres neuen grauen Kostüms und spürte, dass ihr Herz viel zu schnell schlug. Während der vergangenen sechs Jahre hatte sie geglaubt, ihn nie wiedersehen zu müssen, und jetzt hatte sie selbst um ein Treffen gebeten. Aber was hätte sie sonst tun sollen? Im letzten Jahr hatte sie bei jeder Bank vorgesprochen und bei jedem potenziellen Investor, der ihr eingefallen war, aber niemand wollte ihr auch nur einen Cent geben. Zunächst war sie lediglich entmutigt und besorgt gewesen. Inzwischen war sie verzweifelt.

Sie hatte tatsächlich keine andere Wahl – sonst würde sie zusehen müssen, wie ihr Restaurant, das der Familie gehörte, bankrottging. Und das war keine Alternative. Nicht nur, weil sie sich als Tochter verpflichtet fühlte, das Matteson’s zu retten, sondern weil sie das Restaurant liebte und es ihr Spaß machte, wenn die Menschen dort das gute Essen genossen. So wie es früher im Matteson’s gewesen war. Deshalb blieb ihr jetzt nichts anderes übrig, als zuversichtlich diesen großen Raum zu betreten.

Zunächst sagte Dante kein Wort. Und Faye war ihm dankbar dafür. Denn nachdem sie einen Blick in seine Richtung geworfen hatte, war sie selbst sprachlos. Sie hatte sich darauf vorbereitet, dem Dante von früher zu begegnen – und das wäre schon schmerzvoll genug für sie gewesen. Allerdings hatte sie nicht in Betracht gezogen, dass die Zeit ihn verändert haben könnte. Es war nicht das vornehme neue Büro – er hatte immer einen exquisiten Stil gepflegt – noch die Aura von Macht, die ihn umgab. Nein, die Jahre hatten ihn irgendwie veredelt. Sein üppiges dunkles Haar schien noch fester, seine unwiderstehlich markanten Züge noch ausgeprägter, seine volle Unterlippe noch empfindsamer. Und sein Blick aus den dunklen Augen, die seine olivfarbene Haut noch besser zur Geltung brachten, hatte sich am stärksten verändert. Er war durchdringender, fordernder – kalt wie Eis.

„Wie komme ich denn zu diesem unerwarteten Vergnügen, Miss Matteson?“ Sein Englisch in Kombination mit dem verführerischen Akzent des Italienischen beeindruckte sie genauso wie damals, als sie achtzehn gewesen war, und ließ Gefühle in ihr aufsteigen, die lange geschlummert hatten.

Sie hob den Kopf, unfähig, seinem Blick zu begegnen. Barsch deutete er auf einen der Lederstühle, die neben dem riesigen Schreibtisch standen. Er selbst blieb stehen. Aufrecht setzte sie sich auf die Stuhlkante. Sie wünschte, er würde schweigen, da sie nicht mit der erregenden Wirkung seiner Stimme gerechnet hatte, die diese trotz seiner harschen Worte auf sie ausübte.

„Hallo, Dante.“

„Keine Förmlichkeiten, Faye? Wenn dies ein persönliches Treffen sein soll, hättest du es nicht mit meiner Assistentin vereinbaren müssen.“

Faye war mehr als erleichtert gewesen, als sie letzten Monat dieses Treffen hatte arrangieren können, ohne mit Dante sprechen zu müssen. Jetzt hatte sie den Verdacht, dass sie diese ganze Farce leichter übers Telefon hätte abwickeln können. Sie hatte irrtümlich angenommen, dass sie bei einem persönlichen Treffen überzeugender sein könnte, aber sie hatte nicht damit gerechnet, welch mächtige Wirkung seine physische Präsenz auf sie ausüben würde.

„Na schön, Mr. Valenti“, ahmte sie seinen förmlichen Tonfall nach, während ihre Kehle wie zugeschnürt war. „Ich bin gekommen, um dir ein Geschäft vorzuschlagen.“

„Ach wirklich, Faye?“, konterte er. „Was könntest du wohl haben, das mich interessieren würde?“

Röte stieg in ihre Wangen, und sie fühlte sich entsetzlich vorgeführt, vor allem deshalb, weil ihr Gegenüber so im Vorteil war. Sie spürte seinen eindringlichen Blick durch den Stoff ihres Kostüms hindurch und hätte am liebsten die Jacke ausgezogen, weil ihr plötzlich unerträglich heiß war. Doch sie wagte es nicht, diese schützende Hülle abzulegen, aus Angst, dass er durch ihre Bluse hindurch ihre Brustspitzen sehen könnte, die sich gegen ihren Willen aufgerichtet hatten. Komm endlich zur Sache, drängte eine Stimme in ihrem Kopf. Er darf auf keinen Fall merken, wie sehr dich diese Begegnung mitnimmt.

„Meine Familie und ich suchen einen zusätzlichen Investor für das Matteson’s. Im Gegenzug bieten wir einen Anteil am Gewinn. Und da du mal Interesse an unserem Restaurant gezeigt hast, dachte ich, dass dich das Angebot ansprechen könnte.“ Sie hielt inne, als sie daran dachte, wie sehr ihre Eltern sich damals über seine anerkennenden Worte gefreut hatten. Sie öffnete ihre Mappe und schob sie über den Schreibtisch in seine Richtung. Doch er beachtete die Unterlagen gar nicht.

„Interessiert?“, erwiderte er.

Sie musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass sein Gesicht spöttisch verzogen war.

„Es gehört schon etwas dazu, sich einzureden, dass ich damals irgendein Interesse an dem Restaurant gehabt hätte.“ Dante senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Aber du musst wirklich dumm sein, wenn du glaubst, ich wüsste nicht, wie schlecht es um das Matteson’s bestellt ist.“

Faye versteifte sich. Es gab nichts, mit dem er sie noch mehr hätte verletzen können. Also hatte er ihr nur etwas vorgespielt. Er hatte die Gelegenheit ergriffen, sie zu benutzen, nicht mehr. Und wenn er glaubte, das Matteson’s sei nicht mehr zu retten, könnte sie auch gleich aufgeben. „Auch wenn du mich für ein Dummchen hältst, sollst du wissen, Dante, dass es um das Matteson’s nicht so schlecht bestellt ist. Ich gebe ja zu, dass wir eine Finanzspritze brauchen, um mit der Renovierung weitermachen zu können …“

„Finanzspritze?“, warf Dante ein. „Was ihr braucht, ist ein Wunder. Keiner, der bei Verstand ist, würde in ein Unternehmen investieren, das nur Verlust macht.“

„Wir machen nicht nur Verlust.“

„Gewinn macht ihr aber wohl auch nicht.“

Die schockierende Genauigkeit seines Urteils ließ sie erröten, und die Luft im Raum schien plötzlich drückend. Als ihr Vater krank geworden war, konnte er dem Matteson’s nicht mehr die Zeit widmen, die das Restaurant erforderte. Trotzdem war er zu stolz gewesen, um sich eine zusätzliche Hilfe zu suchen, und zu stur, um Faye zu erlauben, von der Universität abzugehen und die Verantwortung zu übernehmen. Faye schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Für all das hatte sie ihren Vater bewundert und gleichermaßen seinen Starrsinn bedauert. Seit seinem Tod war alles jedoch noch schlimmer geworden. Auch wenn Faye sich bemüht hatte, das Steuer herumzureißen, hatten sie immer weniger Gewinn gemacht, und sollte sich dies nicht bald ändern, würde sie die Angestellten nicht mehr lange bezahlen können.

„Hättest du dir vielleicht ein bisschen mehr Erfahrung in diesem Geschäft angeeignet, würdest du dich jetzt nicht in dieser ausweglosen Lage befinden, si?“

Die Anspielung tat weh. Denn genau er war der Grund dafür, dass sie nicht mehr Erfahrung hatte sammeln können.

„Ich habe meine Erfahrungen gemacht. Und nur weil es nicht unter deiner Anleitung geschah, heißt das noch lange nicht, dass sie nichts wert sind. Denn es gibt tatsächlich auch noch Hotels und Restaurants, die dir nicht gehören. Oder ist dir das noch nicht aufgefallen?“

„Sicherlich hast du seitdem genügend Erfahrung gesammelt“, meinte Dante gedehnt, während sein Blick aufreizend langsam über ihren Körper schweifte. „Aber keine scheint gut genug gewesen zu sein, sonst stündest du nicht hier vor mir. Und wir wissen beide, was das bedeutet: Du bist verzweifelt.“

Faye ignorierte die Anspielung. Was den letzten Punkt betraf, mochte er recht haben, aber er würde sie umso mehr verhöhnen, wenn er wüsste, wie falsch er mit dem lag, was er noch angedeutet hatte.

„Jedes Unternehmen braucht ab und zu neues Kapital. Und die Umstände erfordern es, dass wir uns jetzt nach einem externen Investor umschauen müssen – das erste Mal übrigens in fünfzehn Jahren. Und das kann ich nicht als Misserfolg betrachten.“

„Dann solltest du mal die Augen öffnen.“ Seine kühle, professionelle Seite hatte sie einst respektiert, jedoch nie gedacht, dass sich diese einmal gegen sie wenden könnte. „Damals hast du kein Geld gebraucht, weil das Matteson’s flüssig war. Jetzt ist es so weit runtergekommen, dass niemand es mehr wahrnimmt. Menschen brauchen Veränderung.“

Ist das vielleicht sein persönliches Motto?, überlegte Faye verärgert. Und glaubte er tatsächlich, sie wäre so schwer von Begriff, dass sie das nicht selbst wüsste? Sie hatte alles getan, um das Restaurant attraktiv zu halten und das Schlimmste abzuwenden, nachdem ihr Vater für immer gegangen war. Sie wusste, dass es komplett renoviert werden musste, aber dazu fehlten ihr die Mittel.

„Wir wollen das Geld dazu benutzen, die Küche zu modernisieren, die Innenausstattung …“

„Es ist zu spät!“ Dantes Stimme schien wie ein Echo all der Ablehnung, die sie schon von den Banken erfahren hatte. „Das Matteson’s hat sein Ziel verfehlt.“

„Da bin ich ganz und gar nicht deiner Meinung!“ Faye hob den Kopf und begegnete kurz seinem Blick, bevor sie wieder auf die Skyline von Rom schaute, auf die man aus diesem Büro einen guten Blick hatte.

Er sagte kein Wort, löste sich jedoch vom Fenster und trat auf sie zu, sodass ihr der Raum plötzlich kleiner erschien. Schließlich lehnte er sich lässig neben ihr gegen den Schreibtisch.

Sie nahm seine muskulösen Oberschenkel unter der teuren grauen Hose wahr und seinen herben männlichen Duft, der so eindeutig zu ihm gehörte, dass sie sich an einen anderen Nachmittag zurückversetzt fühlte, der so ganz anders verlaufen war als dieser. Doch es war zu schmerzlich, daran zu denken. Auch wenn sie die Bilder zu verdrängen suchte, blieb das Kribbeln in ihrem Bauch. Sie stand auf, da sie seine Nähe nicht ertragen konnte. Für sie gab es keinen Grund mehr zu bleiben, seinen unverhohlenen Widerwillen zu ertragen und sich selbst zu quälen, wenn doch keine Hoffnung bestand, dass dieses Treffen zu dem von ihr erhofften Ergebnis führen würde.

„In diesem Fall muss ich mich nach anderen Geldquellen umsehen“, erklärte sie. Sein Schweigen war entnervend. Sie beugte sich vor, um die Mappe mit dem Angebot vom Tisch zu nehmen, während in ihrer Stimme aufgesetzter Optimismus mitschwang. „Danke, dass du mir einen Augenblick deiner kostbaren Zeit geschenkt hast.“

Er ließ nicht zu, dass sie auch nur einen Schritt zur Tür machte. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er mit seiner starken Hand ihr Handgelenk umklammert. Entsetzt schnappte Faye nach Luft.

„Willst du schon gehen?“ Seine Stimme klang genauso spöttisch wie zuvor, doch diesmal klang sie nicht mehr belustigt, sondern kalt. Faye war wie gelähmt. „Wieder einmal bist du gekommen, um dir das zu holen, was du willst, ohne abzuwarten, was ich dazu zu sagen habe. Warum kommt mir das bekannt vor?“

Seine Berührung ließ ihre Nerven flattern, und ihre Haut glühte, wo er sie berührte.

„Du hast mir noch etwas zu sagen?“ Fragend sah sie ihn an, und plötzlich war sie wieder die Faye von damals, deren Herz sich nach einer Erklärung sehnte, die all ihren Schmerz lindern würde.

„Der Standort ist wirklich hervorragend.“

Dante lockerte seinen Griff und lehnte sich wieder an den Schreibtisch. Sie suchte nach der verborgenen Bedeutung hinter seinen Worten, die ihr undurchdringlich wie ein Nebel schienen.

„Wie … wie bitte?“

„Du hast mich nicht einmal gefragt, ob ich in irgendeiner Weise an deinem Angebot interessiert bin – noch ein geschäftlicher Fauxpas, verstehst du? Wie du richtig erkannt hast, bin ich nicht daran interessiert, Geld ins Matteson’s zu stecken. Doch es gibt etwas, das ich sehr begehrenswert finde. Das Restaurant hat eine sehr gute Lage am Stadtrand von London. Ich könnte mir vorstellen, es zu einem annehmbaren Preis zu kaufen, wenn das für dich infrage käme.“

Sie wirbelte herum, um ihn anzusehen, während sie allmählich begriff. Deswegen also hatte er ihrem Treffen zugestimmt. Er hatte vor, ihr den Gnadenstoß zu geben, um sich ihr Familienunternehmen dann unter den Nagel zu reißen.

„Nur über meine Leiche! Es steht nicht zum Verkauf.“

„Jetzt noch nicht, vielleicht.“ Er lächelte und schürte damit ihre Wut noch mehr. „Aber ich kann warten.“

„Was willst du damit sagen?“

„Ach, natürlich. Wie konnte ich vergessen, dass warten können nun wirklich nicht zu deinen Vorzügen zählt, Faye. Ich wollte damit sagen, dass es nicht lange dauern wird, bis es zum Verkauf steht.“

Heiße Röte stieg in Fayes Wangen, nicht nur, weil er angedeutet hatte, sie habe sich unmoralisch verhalten, sondern weil er so viel wusste. Dante war nicht der Mensch, der nur Vermutungen anstellte. Er war nicht zum Milliardär geworden, indem er den Kopf in den Sand steckte. Er wusste ganz sicher mehr über die finanzielle Situation des Matteson’s, als sie ursprünglich gedacht hatte, aber nicht deshalb, weil er auch nur das entfernteste Interesse an dem Restaurant hatte oder an ihr. Vielmehr sah er darin bestimmt eine Gelegenheit für sich selbst, und dieser Gedanke sandte ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken. Sollten sie also nicht mehr Gewinn machen, würde das Matteson’s keinesfalls langsam eingehen. Vielmehr würde Dante da sein, um seinen Übernahmeangriff zu starten.

„Nun, wie es aussieht, sollte ich es mit meinen Überredungskünsten woanders versuchen“, gab sie zurück und erwiderte sein Lächeln. Doch was wäre, wenn er ihre letzte Hoffnung gewesen war? Faye sah einen Anflug von Zorn über sein Gesicht huschen, der sofort wieder verschwunden war. Vermutlich kam es selten vor, dass eine Frau ihm das verweigerte, was er haben wollte.

„Vielleicht könnten wir ein Arrangement treffen“, stieß er hervor.

„Und was genau soll das heißen?“

„Eine Art Kompromiss.“

Faye bezweifelte, dass er die Bedeutung dieses Wortes überhaupt kannte.

Plötzlich blinkte die Gegensprechanlage auf. „Tut mir leid, dass ich Sie stören muss, Mr. Valenti, aber Mr. Castillo vom Madrider Büro ist am Apparat, und er sagt, es sei wichtig.“

„Danke, Julietta. Fragen Sie ihn bitte, ob er so freundlich wäre, noch ein paar Minuten zu warten. Ich bin hier bald fertig.“

„Natürlich.“ Die Stimme der Frau klang seidenweich und ehrerbietig. So wie meine eigene damals geklungen haben muss, dachte Faye unangenehm berührt und ärgerte sich darüber, wie verführerisch er den Namen der Frau ausgesprochen hatte. Ein Gefühl von Eifersucht erfüllte sie, und sie hasste sich dafür.

„Wo wohnst du hier?“

„Wie bitte?“ Seine Frage überraschte sie.

„In Rom – wo wohnst du da?“

„In einer Pension, in der Nähe des Flughafens. Ich wüsste allerdings nicht, was dich das angeht.“

„Ich schicke jemanden, der dein Gepäck holen soll. Mein Fahrer wird dich dann ins Il Maia bringen.“

Il Maia? Sie hatte Rom nie wiedersehen wollen, ganz zu schweigen von seinem Hotel. Und da er ihr deutlich klargemacht hatte, dass er nicht die Absicht hatte, ihr zu helfen, wollte sie den nächsten Flug nach London nehmen.

„Selbst wenn ich es mir erlauben könnte, im Il Maia zu übernachten, würde ich es nicht tun. Ich fliege heute Abend nach Hause.“

Seine Stimme klang gefährlich ruhig. „Nein, das wirst du nicht tun, Faye. Außer du willst in aller Ruhe zusehen, wie die Überreste deines Familienunternehmens vor deinen Augen zusammenfallen. Ich bin bereit, deinen Vorschlag zu überdenken – zu meinen Konditionen. Ich werde um acht in der Hotelbar sein, und wir werden die Sache bei einem Abendessen besprechen.“ Sein Ton duldete keinen Widerspruch. Er deutete zur Tür. „Ich habe noch dringende Geschäfte zu erledigen. Julietta wird dir zeigen, wie du hinausfindest.“

„Ich will das alles nicht. Mein Vorschlag hat dich doch nicht im Mindesten interessiert“, rief sie aufgebracht, da sie nicht einen ganzen Abend mit ihm verbringen wollte. Zum einen fand sie die Vorstellung schrecklich, dass sie sich ihm vielleicht verpflichtet fühlen würde, zum anderen versetzten die Gefühle, die er während des kurzen Treffens in ihr hervorgerufen hatte, sie in Panik. Doch er war bereits wieder am Telefon und bat Julietta, einem Fahrer Bescheid zu geben und den Anruf aus Madrid durchzustellen.

„Nenn mir einen Grund, warum ich deinem lächerlichen Vorschlag zustimmen sollte“, schoss sie hilflos zurück, während sie ihn trotzig anschaute.

Dante atmete tief durch, wandte sich zu ihr um und schüttelte gönnerhaft den Kopf. „Deine Zustimmung ist nicht erforderlich. Du wirst tun, was ich dir sage, weil ich dir ein Angebot machen werde, das du nicht ablehnen kannst. Solltest du es doch tun, werde ich dich ruinieren.“

Damit ging er ans Telefon und antwortete seinem Gesprächspartner in Madrid in perfektem Spanisch.

Dante legte den Hörer auf die Gabel zurück, nachdem er Castillos Problem mit einer Warenlieferung rasch gelöst hatte. Faye war, wie er vermutet hatte, genau in dem Augenblick aus dem Zimmer gestürmt, als er seine Aufmerksamkeit von ihr abgewandt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass eine Frau schmollend sein Büro verließ, als die Dinge nicht nach deren Vorstellung liefen, und er bezweifelte, dass sie die letzte sein würde. Trotzdem musste er zugeben, dass er bei Faye in einem Punkt falschgelegen hatte. Sie hatte es fast während des ganzen Treffens unterlassen, ihn anzusehen. Nur als es um die entsetzliche finanzielle Lage des Restaurants ging, hatte sie ihn kurz herausfordernd angeschaut, um den Blick dann schnell wieder zu senken. Und das frustrierte ihn über die Maßen. Glaubte sie allen Ernstes, sie könnte ihn mit dieser vorgetäuschten Sittsamkeit hinters Licht führen?

Aber damals war sie doch unschuldig, nicht wahr?, warf eine leise Stimme in seinem Hinterkopf ein. Sie wurde auch noch von dem verstörenden Gefühl eines schlechten Gewissens begleitet, das er aber energisch verdrängte. Denn ihre offensichtlich ungekünstelte Unschuld – die damals wohl der Auslöser für die unkontrollierbare Anziehungskraft gewesen sein musste, die sie auf ihn ausgeübt hatte – hatte gerade mal fünf Minuten angehalten. Sie hatte schnell bewiesen, wie begierig sie darauf war, die Last ihrer Unschuld loszuwerden, ehe sie sich zwei Wochen später auf ihr nächstes Opfer stürzte.

Aber sie war immer noch eine Versuchung. Ein Mal war nicht genug. Obwohl sie gekommen war, um ihn um sein Geld anzubetteln – in Kleidern, die sie sich nicht leisten konnte, und mit sorgfältig manikürten Nägeln, wo doch alles an ihr früher so natürlich gewesen war –, wollte er sie immer noch. Und das überraschte ihn. Er hatte es in dem Moment gespürt, als sie sein Büro betreten hatte.

Es war genau wie vor vielen Jahren im Matteson’s gewesen. Er hatte von der Speisekarte aufgeschaut und den Blick eines Mädchens aufgefangen, das so ganz anders schien als die anderen. Eine schüchterne und talentierte englische Kellnerin, mit honigfarbenem Haar und unglaublichen Beinen, die er am liebsten sofort berührt hätte. Ihre Zurückhaltung hatte sich als genauso falsch erwiesen wie diese Nägel heute, und trotzdem übte sie immer noch einen großen Reiz auf ihn aus.

Er würde sie dazu bringen, ihn anzusehen und in ihrer Erregung seinen Namen zu rufen, unfähig, den Blick von ihm abzuwenden. Selbst wenn das bedeutete, dass er seine Pläne ein wenig ändern musste. Das Ergebnis wäre das gleiche. Sie würde gezwungen sein, ihm alles zu verkaufen. Und sie würde erkennen müssen, dass sie schließlich Erfolg gehabt hätte, wenn sie sich nur ein bisschen zurückhaltender gegeben hätte. Damals hatte er geglaubt, sie sei einzigartig und verdiene seinen Respekt, und er hatte ihr die Gelegenheit gegeben, von ihm zu lernen. Doch sie hatte bewiesen, dass sie genau wie all die anderen Frauen war, die ihre Krallen nach ihm ausstreckten. Und jetzt wollte sie tatsächlich seine Hilfe? Nun, sie hatte sich ihr Bett gerichtet, und er würde auf jeden Fall sicherstellen, dass sie auch darinliegen würde, wann immer er es wünschte.

2. KAPITEL

Kaum war der Hotelpage verschwunden, schlug Faye die Tür zu und warf ihren Koffer auf das Bett. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals auf so rüde Weise ihrer Unabhängigkeit beraubt worden zu sein. Aber was blieb ihr auch anderes übrig, als sich zu fügen? Trotz ihres Stolzes konnte sie nicht einfach nach Hause fliegen, wenn Dante ihr vielleicht einen Vorschlag unterbreiten würde, wie man das Familienunternehmen vor dem Bankrott retten könnte.

Was hatte sie denn schon zu verlieren? Sollte er ihr eine lächerlich geringe Summe für das Matteson’s anbieten, würde sie einfach wieder ablehnen, sich ein Taxi bestellen und zum Flughafen fahren, in dem Wissen, dass sie zumindest alles versucht hatte.

Also war Faye seiner Assistentin vor knapp einer Stunde widerwillig zum Wagen gefolgt, genauso wie Dante angeordnet hatte. Zum Glück hatte sie den Fahrer überreden können, auf dem Weg bei ihrer Pension zu halten, sodass sie selbst ihre Sachen holen konnte, statt sie von einem Fremden gebracht zu bekommen, wie Dante vorgeschlagen hatte. Und jetzt war sie im Il Maia, wieder einmal.

Doch diesmal war es ganz anders als an dem glühend heißen Tag vor etwas über sechs Jahren, als sie das Hotel zum ersten Mal betreten hatte. Es war ein Tag voller Versprechungen gewesen, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Sechs Wochen vorher – sie arbeitete als Bedienung im Restaurant ihrer Eltern – hatte sie diesen gefährlich attraktiven Mann getroffen, der mit einer selbstverständlichen Lässigkeit ins Matteson’s geschlendert war.

„Was für ein Mann“, hatte eine der anderen Bedienungen geseufzt und ihr zugezwinkert, während sie in die gleiche Richtung blickte.

Faye war errötet und hatte sich abgewandt, um dann festzustellen, dass sie plötzlich die einzig freie Kellnerin war. Wie ein Schulmädchen die Bücher hatte sie Stift und Block an ihre Brust gedrückt und sich dem Fremden vorsichtig genähert.

„Was kann ich Ihnen bringen, Sir?“

Er schwieg eine ganze Weile, ohne den Kopf zu heben.

„Wer ist dafür verantwortlich?“, fragte er schließlich und deutete mit einem Ausdruck, den sie für Missbilligung hielt, auf die Speisekarte.

Faye erstarrte, da sie überzeugt war, dass er sich gleich beschweren würde.

„Unser Küchenchef ist für die Auswahl der Speisen verantwortlich, Sir. Sollten Sie etwas Spezielles wünschen …“ Faye lächelte so gelassen wie möglich, deutete zur Küche und hoffte, er würde verstehen, dass es kein Problem sei, seine Sonderwünsche zu erfüllen.

„Ich meine nicht das Essen“, stieß er aus. „Ich will wissen, wer für die Gestaltung der Karte verantwortlich ist.“

Faye spürte, dass ihr erneut tiefe Röte ins Gesicht stieg.

„Ich“, sagte sie und hoffte, sie würde nicht so verzagt klingen wie sie sich fühlte.

„Sie?“, fragte er ungläubig, während er den Kopf hob, um sie zu betrachten. Ihr schien, dass er für einen langen Augenblick tief in ihre Seele sah. Dann schüttelte er den Kopf und fuhr fort: „Sie haben also dieses unglaubliche Talent, obwohl Sie bedienen?“

Faye war zu überrascht, um das Missfallen, das in seiner Stimme mitgeschwungen hatte, zu bemerken. Vielmehr kam sie seinem Wunsch nach, sich zu ihm zu setzen. Sie erklärte ihm dann, dass ihrem Vater das Restaurant gehöre und sie hier nur gelegentlich arbeitet, während sie auf ihr Abschlusszeugnis warte. Außerdem arbeite sie hier mit Begeisterung, genauso wie sie es liebe, Dinge zu entwerfen. Daher habe sie sich noch nicht entschieden, ob sie studieren oder sich um einen Job im Marketing bewerben solle. Jedenfalls habe ihr Vater sie in diesem Sommer endlich die Speisekarten umgestalten lassen.

Nachdem er ihr etliche Fragen gestellt hatte, wurde ihr bewusst, dass sie übers ganze Gesicht strahlte. Ihr schien, als ob sie bisher unsichtbar gewesen sei und er sie nun in helles Sonnenlicht getaucht und sie so gesehen habe, wie sie wirklich war.

„Meine Angestellten, die eine mehrjährige Ausbildung absolviert haben“, meinte er und verlor sich einen Moment in der Bewunderung ihres Talents, „sind nicht mal in der Lage, etwas auch nur halb so Ausgefallenes zu entwerfen.“

Dies war der Augenblick, in dem sich ihr Leben für immer verändert hatte. Denn während sie ihn mit großen Augen überrascht ansah, verkündete er, dass er der Besitzer des erfolgreichsten neuen Restaurants und Hotels in Rom sei und dass er das Restaurant ihres Vaters nicht eher verlassen würde, bis sie zugestimmt habe, in seinem Team mitzuarbeiten.

Sie hatte das Gefühl, den ersten Preis in einem Wettbewerb gewonnen zu haben, von dem sie nicht einmal wusste, dass sie daran teilgenommen hatte. Wie aus dem Nichts war dieser Mann aufgetaucht, der sich von den Jungen in ihrem Alter unterschied wie Wein von Wasser. Er war exzellent gekleidet, sah exotisch aus und hatte eine Ausstrahlung, die sie in seinen Bann zog. Und er wollte, dass sie für ihn arbeitete, in dem Bereich, den sie am meisten liebte.

Faye erinnerte sich noch genau, wie aufgeregt sie gewesen war, als sie ihren stolzen Eltern zum Abschied winkte. Nachdem sie dann in Rom gelandet war, hatte er sie mit seinem roten Sportwagen persönlich vom Flughafen abgeholt, um dafür zu sorgen, dass sie sicher ankam. Doch sie war ihm schon vorher verfallen. Selbst wenn er auf einem Moped gekommen wäre und ihr gestanden hätte, dass er eigentlich nur ein Pizza-Bote sei, wäre sie genauso bezaubert von ihm gewesen. Aber er war tatsächlich all das, was er behauptet hatte zu sein – und noch mehr. Bei ihm hatte sie nicht nur die glamouröse Welt eines 5-Sterne-Hotels kennengelernt. Nein, in Rom hatte sie ihre Unschuld verloren. Und ihr Herz.

Ja, diesmal war es ganz anders, im Il Maia zu sein. Damals war sie erfüllt gewesen von einem Gefühl der Freiheit und der Vorfreude, während sie sich jetzt wie eine Gefangene fühlte, der keine andere Hoffnung mehr blieb als diese eine. Sollte sie allerdings gezwungen sein, die Trostlosigkeit der letzten sechs Jahre noch einmal erleben zu müssen, um dadurch das Matteson’s zu retten, würde sie sich dem stellen.

Mit grimmiger Entschlossenheit öffnete Faye ihren Koffer und hängte die wenigen Kleidungsstücke, die sie mitgebracht hatte, in den riesigen Schrank. Sie seufzte. Ihre Kleider waren nicht für ein Abendessen gedacht, ganz zu schwiegen von einem Essen in einem von Dantes exklusiven Restaurants. Es war schon lange her, seit sie einer Verabredung mit einem Mann zugestimmt hatte. Wobei es sich an diesem Abend nicht um eine klassische Verabredung handelte, wie sie feststellen musste. Den Anflug von Bedauern darüber verdrängte sie.

Sie hielt das einzige Kleid hoch, das sie mitgebracht hatte – ein farngrünes Wickelkleid, das eigentlich zu kurz war. Sie hatte es mitgenommen, weil sie wusste, dass es hier im September immer noch drückend warm sein konnte. Etwas anderes hatte sie nicht dabei. Aber was sollte sie machen, wenn er es für unpassend hielte? Er konnte wohl kaum annehmen, dass sie diesen Abend eingeplant hatte. Für das Kostüm, das sie zu diesem Treffen angezogen hatte, waren ihre letzten Ersparnisse draufgegangen. Dummerweise hatte sie geglaubt, ihm vormachen zu können, sie brauche nur eine kleine finanzielle Unterstützung, um die ohnehin guten Umsätze noch zu erhöhen. Da er aber nur zu gut um ihre desaströse Finanzsituation wusste, musste sie ihm jetzt nichts mehr vormachen.

Faye sah in den Spiegel, löste die Spange aus ihrem Haar und ließ die honigfarbenen Strähnen über die Schultern fallen. In zweieinhalb Stunden würde er unten sein und auf sie warten. Sie erschauerte bei dem Gedanken. Dummes Mädchen, schien ihr Spiegelbild sie zu verspotten. Also sehnte sich ihr Körper immer noch nach ihm? So vieles hatte sich seit damals verändert, und trotzdem hatte seine kurze Berührung, mit der er ihr Einhalt geboten hatte, sie erregt wie damals. Und sie hatte sich gewünscht, sie würde nie enden. Ist das vielleicht genau seine Absicht gewesen?, überlegte sie, während sie frische Unterwäsche herausnahm und auf das luxuriös ausgestattete Badezimmer zusteuerte.

Juliettas Blick hatte ihr gezeigt, dass er diese Wirkung auch auf andere Frauen hatte. Und Dante wusste sicher um seine Anziehungskraft. Es würde zu ihm passen, sie auf diese Weise zu quälen, um sein Ziel zu erreichen. Aber es ist nur sexuelle Anziehung, schloss sie. Mochte ihr Körper auch schwach sein, ihr Verstand war es sicher nicht. Einst war sie naiv genug gewesen, seinem Charme zu verfallen, hatte ihm zu gerne ihre Unschuld geschenkt und war dann folgsam aus seinem Leben verschwunden. Aber sie war nicht mehr achtzehn. Sie war älter und klüger geworden und hatte jetzt nicht die geringste Absicht, ihm irgendetwas zu überlassen.

Zwanzig Minuten nach acht. Dante erblickte Faye genau in dem Moment, als sie den Raum betrat. Also musste er doch nicht hochgehen und sie aus ihrer Suite holen. Schade, dachte er. Zu seiner Verärgerung bemerkte er, dass einige Männer an der Bar sich ebenfalls umgedreht hatten und sie wohlwollend betrachteten. Kein Wunder, mit diesem verdammt kurzen Kleid. Sie hatte immer noch die schönsten Beine, die er je gesehen hatte. Er musste sich zwingen, nicht zu ihr zu gehen, seine Hände in ihrer goldenen Mähne zu vergraben und sie mit einem Kuss als sein Eigen einzufordern. Alles zu seiner Zeit, dachte er.

Er leerte sein Weinglas und stand auf, bevor sie bei ihm war. „Du hattest sicher kein Problem, hierherzufinden?“, fragte er spöttisch und warf einen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk.

Faye schwieg. Sie hatte nicht die Absicht gehabt, pünktlich zu sein, obwohl sie schon längst vor acht fertig gewesen war.

„Unser Tisch ist gedeckt. Wir sollten uns das Vergnügen also nicht länger vorenthalten.“ Dante bedeutete Faye vorauszugehen.

„Du hast recht. Wir sollten die Sache hinter uns bringen.“ Sie spürte den sanften Druck seiner Hand auf ihrem Rücken, während er sie durch das Restaurant geleitete. Seine Berührung elektrisierte sie, und die Hitze, die seiner Hand entströmte, breitete sich in ihrem Körper aus. Sie schluckte und hätte ihn am liebsten angeschrien, Distanz zu wahren, doch ihr war bewusst, dass sie von den anderen Gästen beobachtet wurden. Zweifellos fragten sie sich, warum der Chef von Valenti Enterprises in einem seiner Restaurants mit ihr speiste und nicht mit einem der Supermodels, mit denen er sonst aß, falls man der Klatschpresse glauben durfte.

So wie das ganze Hotel erstrahlte auch das Restaurant in moderner Eleganz, wie Faye bemerkte, als er sie zu ihrem Tisch führte, und man musste nicht in der gleichen Branche arbeiten, um zu erkennen, dass es sicher zu den beliebtesten zählte.

„Nimm Platz.“ Er zog ihr den Stuhl zurück. „Willkommen im Perfezione, wieder einmal.“

Sie saßen in einer ruhigeren Ecke. Die Tische waren geschickt mit Weinranken abgeschirmt, dem Markenzeichen des Restaurants. Falls das überhaupt möglich war, sah Dante in seinem dunklen Anzug noch umwerfender aus. Sein kastanienbraunes Hemd stand am Hals offen.

„Ich hoffe, dein Zimmer entspricht deinen Wünschen.“

Seine Höflichkeit war entnervend.

„Es ist wunderschön“, entgegnete Faye aufrichtig.

Dante nickte und wandte sich der Speisekarte zu. Faye beobachtete ihn. Sie fragte sich, ob er wohl Einfluss darauf nahm, was zurzeit serviert wurde. Da er mittlerweile überall in Europa Restaurants besaß, konnte er sich jetzt vermutlich nicht mehr um jedes Detail kümmern, so wie er es früher getan hatte und was sie so bewundert hatte. Seine dichten schwarzen Wimpern verdeckten seine Augen, doch seine Miene zeigte, dass er die Karte kritisch betrachtete. Sie erinnerte sich, wie seine langen Wimpern bei der Begrüßung über ihre Wange gestrichen waren, und hob instinktiv die Hand, um die Haut dort zu berühren.

„Ich empfehle dir Fisch.“ Er schaute hoch zu ihr und missverstand ihre Handbewegung als Verwirrung. „Ich habe mir die Freiheit genommen, an der Bar schon einen passenden Wein zu bestellen. Aber wenn du etwas anderes vorziehst, sollst du es selbstverständlich bekommen.“

„Fisch ist wunderbar, danke.“ Faye klappte ihre Speisekarte zu. „Aber beim Wein werde ich passen.“

„Ein Fehler.“

„Möglich.“

Faye traute sich selbst nicht über den Weg und wollte einen klaren Kopf behalten.

„Und der Fisch wird großartig schmecken.“

„Das bezweifle ich nicht.“ Faye vergaß sich einen Moment und wurde in ihrer Aufregung geschwätzig. „Mein Vater pflegte immer zu sagen: ‚Wenn du gut essen willst, schau zuerst auf den Teller des Hausherrn.‘“

„Ein weiser Mann“, stimmte Dante mit ungewohnt weicher Stimme zu. „Zu meinem Bedauern habe ich erfahren, dass er nicht mehr unter uns weilt.“

Faye war überrascht. Sie hatte nicht erwartet, dass Dante vom Tod ihres Vaters wusste, ganz zu schweigen davon, dass er ihr sein Mitgefühl aussprach. Und das machte es ihr nicht gerade leichter, denn für sie war es einfacher, ihn als skrupellosen Geschäftsmann zu sehen, der nach dem Tod ihres Vaters nur darauf wartete, dass das Matteson’s zugrunde ging. Sie nickte knapp.

„Also, was ist das für ein Angebot“, fragte sie, um das Thema zu wechseln, „das ich deiner Meinung nach nicht ablehnen kann?“

„Geduld, Faye. Mein Großvater sagte immer zu mir: ‚Kau nicht an einer neuen Idee herum, ehe du dein Essen verdaut hast.‘“

Na wunderbar, dachte Faye, als Dante die Bestellung bei dem Ober aufgab. Er will mich zappeln lassen.

„Erzähl mir doch erst mal, was du so gemacht hast, seit … seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.“ Er hatte die Hände vor sich verschränkt, während sein Blick mit einer Eindringlichkeit auf ihr ruhte, die ihr den Atem nahm.

Ich habe versucht, dich zu vergessen, dachte Faye und zwang sich, das Bild seines nackten Körpers zu verdrängen, der sich gegen ihren presste.

„Ich bin gereist, ein Jahr lang.“ Sie klang höflich-distanziert und merkte nicht, wie sich sein Kiefermuskel anspannte, da sie sich in ihrer Erinnerung verlor.

Ich habe das Land ohne ein bestimmtes Ziel verlassen, weil ich es nicht länger ertragen konnte, jedes Mal zur Tür des Restaurants zu schauen, wenn sie geöffnet wurde, jedes Mal zusammenzuzucken, wenn das Telefon klingelte – in der Hoffnung, du könntest es sein. Doch so war es nie. Seltsam, dass ihre Reise immer das einzig Bedeutende in ihrem Leben schien, wenn es doch nichts als eine Flucht gewesen war. Zumindest hatte die Forschungsreise in die Staaten mit Chris, der so ganz anders war als Dante, ihr geholfen, ihn nur noch als verschwommene Erinnerung zu sehen. Und das war allemal besser, als zu Hause zu sitzen und darüber nachzugrübeln, ob sie je wieder etwas von ihm hören würde. Die Hoffnung aufzugeben war ihr während dieser Monate zur zweiten Natur geworden. Doch ihn ganz aus ihrem Gedächtnis zu streichen, das hatte sie leider nicht geschafft.

„Und ich habe Marketing studiert“, sagte sie nebenher. „Kurz bevor mein Vater starb, habe ich meinen Abschluss gemacht. Danach bin ich natürlich zurückgekehrt, um mich um das Restaurant zu kümmern.“

„Und dort möchtest du auch bleiben?“

Damals hatte sie hin und her überlegt, ob sie das tatsächlich wollte, war jedoch zu keinem Ergebnis gekommen. Für sie hatte nur gezählt, dass ihr Vater diesem Restaurant sein Leben gewidmet hatte, und sie wollte nicht zulassen, dass all das, wofür er gearbeitet hatte, im Nichts versinken würde, nur weil er nicht mehr da war. Inzwischen wusste sie, dass die Arbeit im Restaurant ihr trotz der katastrophalen Finanzlage viel zu sehr am Herzen lag und dass dies der Platz war, wo sie hingehörte.

Faye nickte. „Meine besondere Vorliebe gilt immer noch dem Design, wenn ich die Gelegenheit dazu habe.“ Doch das geschah selten genug, da sie das Matteson’s nun leitete und dort auch ab und zu bediente.

„Ach wirklich?“ Er hob die Brauen. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass deine Vorliebe sich auf einen anderen Bereich konzentriert.“

Augenblicklich verblasste Fayes verhaltenes Lächeln. Es war töricht von ihr gewesen, ihre Vorsicht auch nur einen Moment zu vergessen.

Buon appetito. Lassen Sie es sich schmecken.“ Der Ober hatte den Fisch serviert, der kunstvoll angerichtet war.

Dante hob seine Gabel, schaute auf seinen Teller, und ein aufrichtiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Faye überlegte, ob dies noch einer seiner gezielten Versuche war, sie anzumachen, denn es funktionierte verdammt gut. Sie zwang sich, den Blick abzuwenden, während ihre widerstreitenden Gefühle sie schwindeln ließen. Das hier ist der Mann, mit dem du geschlafen hast und der dich danach verlassen hat.

„Bist du nicht hungrig?“

Sie schüttelte den Kopf. Er schien gekränkt, als er sah, wie sie ihr Essen auf dem Teller hin und her schob. Sie wusste nur allzu gut, wie wichtig es für ihn war, dass seinen Gästen ihr Essen schmeckte. Doch das war ihr jetzt egal.

„Entgegen der üblichen Meinung findet ein Mann, der eine Frau zum Essen ausführt, es nicht verlockend, wenn sie nicht einmal ein Salatblatt isst.“

„Ich bin nicht zu deinem Vergnügen hier.“

„Ach nein?“ Er legte sein Besteck ab und schenkte ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Sein Blick sandte ihr einen Schauer über den Rücken. Plötzlich spürte sie den zarten Stoff, der ihre Brüste bedeckte, und die kühle Luft im Restaurant.

„Nein, bin ich nicht.“ Sie konzentrierte sich auf ihr Mineralwasser und nippte daran. „Ich bin hier, weil du heute Nachmittag bei unserem Treffen erwähntest, dass du mir etwas zu sagen hast.“

„Ach.“ Sein kurzes Schweigen wirkte überheblich. „Dann ziehst du es also vor, zuerst die Idee zu verdauen, bevor du gegessen hast? Aber Geduld wird belohnt.“

Wirklich?, überlegte sie. Und was hatte es ihr gebracht, all die Monate auf einen Anruf von ihm zu hoffen?

Dante winkte den Ober zu sich und sagte ein paar Worte auf Italienisch zu ihm.

„Vor sechs Jahren bist du hergekommen, um in meinem Marketing-Team mitzuarbeiten. Und du hast sehr deutlich gemacht, dass dein Interesse darin besteht … nun, wie soll ich sagen … einmal andere Erfahrungen zu sammeln. Als du dieses Ziel erreicht hattest, bist du verschwunden.“ Nachdenklich hielt er inne. „Und trotzdem glaubst du das Wissen zu haben, ein Unternehmen erfolgreich zu führen? Wärest du länger geblieben und hättest ein bisschen besser aufgepasst, stünde dein Restaurant vielleicht jetzt nicht so schlecht da.“

Sie hatte genug gehört. War er wirklich so eingebildet zu glauben, die Katastrophe hätte abgewandt werden können, wäre sie länger hiergeblieben? Und hatte er tatsächlich erwartet, dass sie bleiben und seine Ablehnung ertragen würde, nachdem er ihr praktisch schon die Koffer vor die Tür gestellt hatte? Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

„Trotz deines Scheiterns ist das Matteson’s eine ausgezeichnete Adresse“, fuhr er fort.

Nicht schon wieder, dachte sie. Er will mich nur davon überzeugen, dass ich unfähig bin und mir nichts anderes übrig bleibt als zu verkaufen.

„Daher bin ich bereit, eine kleine Vorauszahlung auf dein Geschäftskonto zu leisten, und der Rest der Summe, die du wünschst, folgt dann in einem Monat.“

„Wirklich?“ Faye war so verblüfft, dass sie fast ihr Glas umgestoßen hätte. Zuvor hatte er doch rundheraus abgelehnt. Das ergab keinen Sinn, zumal er ihren Vorschlag noch nicht einmal angeschaut hatte.

„Unter einer Bedingung“, fuhr er fort, und seine Augen funkelten herausfordernd. „Du wirst für diesen einen Monat wieder da anfangen, wo du damals aufgehört hast, und alles lernen, was du brauchst, um das Matteson’s zum Erfolg zu führen. Dann, und nur dann, werde ich dir die gesamte Summe leihen, die du forderst. Wenn du nach Hause kommst, wirst du noch einen weiteren Monat Zeit haben, deinen Gewinn zu verdoppeln.“

Faye sah ihn an und suchte in seiner Miene nach einem Anzeichen dafür, dass dies alles nur ein Scherz war. Doch erfolglos.

„Und wenn ich es nicht schaffe?“

„Dann gehört das Restaurant mir.“

3. KAPITEL

Sie sollte also da weitermachen, wo sie aufgehört hatte? Die Brust wurde ihr eng bei diesem Gedanken. Damit meinte Dante doch nicht etwa …? Faye schüttelte sich. Er hatte über ihre Erfahrung bei der Arbeit gesprochen. Und trotzdem beunruhigte sie die Vorstellung, wieder im Il Maia zu wohnen, in diesem Hotel, wo sie die schönsten und die schlimmsten Wochen ihres Lebens verbracht hatte. Wo würde sie selbst am Ende dieses Monats stehen? Wie sollte sie diesem Mann jeden Tag gegenübertreten können, da sie doch hin und her gerissen war, ihm das triumphierende Lächeln von den Lippen zu vertreiben und dem Wunsch, von diesen Lippen zu kosten?

Ihr schien es selbstverständlich, dass sie ruiniert war, ganz egal, ob sie seinem lächerlichen Vorschlag zustimmte oder nicht. Denn es war nahezu unmöglich, den Umsatz in so kurzer Zeit zu verdoppeln. Trotzdem kam es für sie nicht infrage, sein Angebot abzulehnen. Denn in diesem Fall würde er sicherlich dafür sorgen, dass sie das Matteson’s noch schneller zumachen musste. Er würde es dann selbst übernehmen und ihr triumphierend von seinem Erfolg berichten.

„Ich nehme an, dass deine Forderung, was ich in einem Monat erreichen soll, ein Scherz war.“

Sie sah, wie er mit seinen schlanken Fingern über den Stiel seines Weinglases fuhr. Sein Blick ruhte drohend auf ihr, als ob sie seine Beute wäre, die er möglichst langsam töten wollte.

„Wenn es ums Geschäft geht, scherze ich nie. Du hast mich um Hilfe gebeten. Und dies sind meine Bedingungen.“ Seine Überheblichkeit war kaum zu überbieten. Schweigend saß er da und schien damit nur zu unterstreichen, dass die ganze Sache es nicht wert war, sich noch weiter darauf einzulassen.

„Das alles ist ein Spiel für dich, nicht wahr?“

„Nun, das ganze Leben ist ein Spiel.“

„Der Lebensunterhalt der Angestellten steht auf dem Spiel.“

„Dann sieh zu, dass du gewinnst.“

Faye lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und spürte ihren Puls gegen die Schläfen hämmern. „Könnte ich die ganze Summe nicht jetzt schon haben? Damit die Renovierung schon voll im Gange ist, wenn ich zurückkomme?“ Unbewusst schüttelte sie den Kopf, als sie darüber nachgrübelte, wie sie das Unmögliche erreichen könnte.

„Ach, was für eine Überraschung. Miss Matteson ist nicht nur abgeneigt zu warten, sondern auch unfähig zu erkennen, dass das unbezahlbare Angebot, bei mir zu arbeiten, mehr wert ist als jede Auszahlung.“

„Du hast dich schon immer maßlos überschätzt.“

„Und trotzdem bist du zurückgekommen, um noch mehr davon zu fordern?“

Wütend funkelte Faye ihn an.

„Du schweigst, Faye? Obwohl ich mich gerade für deinen Einsatz erwärmt habe?“

Wut brodelte in ihr wie heiße Lava, und ihr Blick fiel auf ihr Wasserglas. Plötzlich verspürte sie den Wunsch, es ihm ins Gesicht zu schleudern. Nur das Murmeln der anderen Gäste ließ sie zögern.

„Na mach schon“, forderte er sie heraus, während sein Blick durch den Raum schweifte. „Du glaubst wohl, es würde meinem Ruf schaden, aber du bist diejenige, die hier arbeiten wird. Ich bin an das kindische Benehmen der Gäste gewöhnt, die durchdrehen, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen.“

„Und was ist, wenn du deinen Willen nicht bekommst, Dante? Dann erpresst du deine Gäste, bis sie klein beigeben?“ Faye erhob sich und legte ihre Serviette auf den Tisch.

„Erpressen?“ Aus seinem Mund klang es so, als ob sie ihn eben des Mordes bezichtigt hätte. „Ich dachte, du hättest inzwischen bemerkt, dass ich dir einen Rettungsring zugeworfen habe.“

Sie hasste es, dass er alles ins Gegenteil verkehrte.

„Setz dich wieder, Faye“, meinte er in gönnerhaftem Ton. „Wenn du jetzt gehst, ziehe ich mein Angebot zurück und werde da sein, an dem Tag, an dem du untergehst. Doch dann werde ich dir noch weniger anbieten, als das Lokal wert ist, aber du wirst gezwungen sein zu akzeptieren. Also setz dich endlich wieder.“

Nicht die kalte Wahrheit, die in seinen Worten lag, nahm ihr die Entscheidung ab, sondern sein schmeichelnder Ton ließ sie schwach werden. Mit versteinerter Miene nahm sie langsam wieder Platz. Aber sie brachte es nicht über sich, in sein Gesicht zu sehen, auf dem zweifellos ein Ausdruck des Triumphs lag.

„Ihr Dessert.“ Sie war froh um die Unterbrechung, als der Ober große Teller mit Dessert auf den Tisch stellte.

„Torta di Ricotta“, erklärte Dante.

Faye sagte nichts dazu. Man hätte ihr Ambrosia, die Speise der Götter, servieren können, und sie hätte für sie in diesem Augenblick trotzdem bitter geschmeckt.

„Du stellst dir also vor, dass das Matteson’s ohne mich zurechtkommt?“

„Ich nehme doch an, dass zurzeit irgendjemand das Restaurant führt.“

Fayes Mutter war während ihrer Abwesenheit verantwortlich für das Restaurant. Josie Matteson hatte sie ohnehin immer unterstützt, da sie sich verzweifelt wünschte, das Matteson’s wieder in seinem alten Glanz erstrahlen zu sehen.

„Sag mir jetzt nicht, dass du unersetzlich bist, Faye. Ich kann dir versichern, dass es nicht so ist.“

Sie bezweifelte, dass überhaupt eine Frau für Dante Valenti unersetzlich war. Wie lange hatte es wohl gedauert, bis er sich eine neue Geliebte genommen hatte, nachdem er ihr Bett verlassen hatte? Stunden? Tage?

„Ein schneller Wechsel mag wohl ein Teil und eine Bürde deines hektischen Lebensstils sein, Dante, aber ich kann dir versichern, dass es bei uns Normalsterblichen nicht üblich ist.“

„Aha, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, greifst du nur zu gerne zu?“

„Nicht in diesem Fall.“

„Was für ein Zufall, dass dein Widerstand gerade dann aufflammt, wenn du dein gefordertes Geld nicht bekommst.“

„Ich kann dir versichern, dass meine Abneigung nichts mit deinem Geld zu tun hat, sondern mit dir.“

„Und trotzdem bist du so scharf auf beides?“ Seine Stimme klang jetzt rau, und Faye hätte sich beinahe am Dessert verschluckt. „Oder ist dir entfallen, dass du mich damals angebettelt hast, mit dir zu schlafen?“

Also war er nicht gewillt, sie diesen schicksalhaften Nachmittag vergessen zu lassen. Sie sank in ihren Stuhl zurück und fühlte sich besiegt.

Es war der erste August gewesen, ein Samstag. Sie würde diesen Tag nie vergessen. Am Abend zuvor hatten sie endlos lange gearbeitet, um die Broschüre für das neue Hotel fertigzubekommen, für die Faye immer wieder neue Ideen entworfen hatte. Faye war nicht einmal bewusst gewesen, wie spät es bereits war – dafür war sie viel zu begeistert davon gewesen, dass sie jetzt zu Dantes Team gehörte.

Selbst an ihrem freien Tag wäre sie am liebsten ins Büro gegangen, um Dante nahe zu sein. Und ihr Herz schlug viel zu schnell, wenn er sie dann ansah. Auch wenn sie es kaum glauben konnte, hatte sie ihn in den vergangenen vier Wochen sehr oft dabei ertappt. Allerdings nicht auf die Weise, wie ein Chef seine Angestellten sonst anschaute, sondern eher so, wie ein Kunstliebhaber die Decke der Sixtinischen Kapelle betrachten mochte. Wenn er ihren Blick dann auffing, hatte er jedes Mal schnell mit gerunzelten Brauen weggeschaut, als ob er über ein wichtiges geschäftliches Problem nachgrübeln würde. Faye nahm daher an, dass sie zu jung und unerfahren für ihn war und er deshalb nichts anderes als ein unreifes Mädchen in ihr sah. Und trotzdem spürte sie noch etwas anderes in seinem Blick, das er vielleicht selbst nicht einmal wahrhaben wollte.

„Faye?“ Sein Ton hatte etwas Sanftes, so als ob er mit einem Kind sprechen würde. Sie hatte eben einen Teil ihres Entwurfs beendet und versuchte, sich zu entspannen, ehe sie zu ihm aufsah.

„Ich bin bald fertig.“

„Es ist schon spät.“ Er schaute auf seine Uhr und hob die Brauen. „Es ist Wochenende, und ich habe Sie wahnsinnig viel arbeiten lassen. Sie sollten sich jetzt mal ausruhen.“

Fayes Lider waren tatsächlich schwer. „Okay. Ich bin dann morgen früh wieder da, damit das hier vor Montag fertig wird.“

„Nein, das werden Sie nicht tun“, sagte er entschieden. „Sie verdienen eine Pause. Gehen Sie aus – und genießen Sie Rom in vollen Zügen.“

Zögernd nickte Faye. Am ersten Wochenende, nachdem sie in dieser Stadt angekommen war, hatte sie gleich eine Besichtigungstour mit einem Touristenbus gemacht. Doch so schön die Sehenswürdigkeiten auch waren, hatte sich Fayes Begeisterung dennoch in Grenzen gehalten, weil sie sie mit niemandem teilen konnte.

Gedankenverloren schwieg Dante, ehe er anbot: „Wenn Sie mögen, könnte ich Ihnen morgen die Sehenswürdigkeiten zeigen.“

Und diese Worte hatten alles verändert.

Denn dieser Dante, der am nächsten Morgen in der Lobby des Hotels auf sie wartete – ohne seinen sonst tadellos sitzenden Anzug, den er zur Arbeit trug –, war der, den sie sich erhofft hatte. Denn sie hatte das Gefühl, ihm ebenbürtig zu sein, und fühlte sich mit ihm wie all die anderen Paare, die sich in der Menge verloren. Er zeigte ihr nicht nur die Sehenswürdigkeiten – wie die wundervolle Vatikanstadt –, er hatte auch darauf bestanden, dass sie sich die exklusiven Boutiquen anschaute.

Sie bestaunte die Auslagen in den Schaufenstern, wagte jedoch nicht, hineinzugehen. Bis er sie zu einer besonderen Auslage rief, wo sie das schönste Abendkleid in Rot entdeckte, das sie sich nur vorstellen konnte. Ein Kleid, das die meisten Frauen wohl nie ihr Eigen nennen könnten.

„Gehen Sie rein“, ordnete er an, da er ihre Begeisterung gespürt hatte. „Probieren Sie es an.“

„O Dante – das ist doch lächerlich. Die Angestellten müssen doch nur einen Blick auf mich werfen, um zu wissen, dass ich noch nicht mal genug Geld für den Kleiderbügel habe und ganz sicher keine Gelegenheit, so ein Kleid überhaupt anzuziehen.“

„Unsinn“, meinte er so, als ob sie eben behauptet hätte, die Erde sei eine Scheibe.

Das Kleid passte wie eine zweite Haut. Doch als sie ängstlich aus der Kabine trat, fühlte sie sich wie eine Bauernmagd, die sich als Prinzessin verkleidet hatte. Langsam drehte er sich um und stutzte, als ob er nicht glauben würde, dass sie es tatsächlich war. Sie hätte nie zu hoffen gewagt, dass er sie je so bewundernd anschauen würde. Und sie hätte dieses Gefühl am liebsten für immer bewahrt.

„Faye … bella“, sagte er vorsichtig. „Sie sehen …“ Er schüttelte den Kopf, als ob er es immer noch nicht glauben könne, und wandte sich an die Verkäuferin. „Wir nehmen das Kleid.“ Die Frau strahlte über das ganze Gesicht und schwebte zur Kasse.

„Dante, was soll das?“, protestierte Faye leise und versuchte, sich nicht zu bewegen, aus Angst, sie könnte das unbezahlbare Kleid beschädigen. „Das kann ich nicht annehmen.“

„Sehen Sie es als Dankeschön für all die harte Arbeit“, erwiderte er knapp und mied ihren Blick. „Und jetzt ziehen Sie sich wieder um.“

Trotz ihres Protests hatte Dante das Kleid schon bezahlt, bis sie wieder aus der Kabine kam.

Obwohl es im Vergleich dazu kläglich war, bestand sie darauf, ihm im Gegenzug ein Eis zu spendieren. Widerwillig stimmte er zu, doch gerade als sie die gewundene Straße erreichten, in der das Café lag, öffnete der Himmel seine Schleusen.

Schnell liefen sie zum Il Maia zurück. Sie hatte seine Hand genommen, um ihn unter all den Menschen nicht zu verlieren.

Ihr dünnes Sommerkleid war inzwischen völlig durchnässt und klebte an ihrer Haut. Auch Dantes helles Hemd klebte an seiner breiten Brust, und seine nasse Jeans presste sich an seine schmalen Hüften. Endlich erreichten sie ihr Zimmer, und sie schloss atemlos und lachend die Tür auf.

Dante blieb zögernd auf der Schwelle stehen.

„Mein Apartment liegt nicht weit von hier. Ich geh schnell rüber und ziehe mich um. Wir treffen uns dann unten.“

„Es regnet doch noch stärker inzwischen, Dante. Ich hole Ihnen ein Handtuch.“ Faye schlüpfte aus ihren Schuhen und huschte zum Badezimmer.

„Nein, Faye, ich sollte …“, warf er verblüfft ein, als sie zurückkam.

„Jetzt machen Sie schon. Sie erkälten sich noch.“ Lachend zog Faye ihn ins Zimmer, legte das Handtuch um seine Schultern und schloss die Tür hinter ihm.

In dem Moment geschah etwas Seltsames. Die Luft schien plötzlich anders, und ihre sonst schnellen Bewegungen schienen verlangsamt. Der Geruch des Regens vermischte sich mit dem schwachen Duft ihres Parfüms und seinem Moschusduft. Ihre nassen Kleider schienen danach zu schreien, endlich abgestreift zu werden.

Sie stand vor ihm, und ihre Knospen richteten sich unter seinem eindringlichen Blick auf. Sein Schweigen war fast unerträglich für sie.

„Ich muss raus aus diesen Kleidern“, sagte sie, griff nach hinten und drehte sich um. „Helfen Sie mir bitte mit dem Reißverschluss?“

Er antwortete nicht, doch sie spürte, dass er hinter sie trat und sie von ihrem Kleid befreite, während er verzweifelt bemüht war, ihre Haut nicht zu berühren. Faye hörte, dass er im gleichen Rhythmus wie sie atmete. Faye … bella. Seine Worte hallten in ihrem Kopf wider, und ihr Körper sehnte sich nach ihm, während Regentropfen über ihren Körper perlten und sich mit seiner Hitze vermischten.

„Berühr mich, Dante.“

Sie wusste nicht, woher diese Worte kamen, flüsterte sie mit einer Stimme, die sie nicht kannte. Sie wusste nur, dass sie ihn brauchte, wie noch nie etwas zuvor. Sein warmer Atem strich über ihren Nacken, doch er stand immer noch reglos da.

„Bitte.“ Sie drehte sich um und sah ihn mit flehendem Blick an. „Bitte berühr mich!“, drängte sie.

Dante zog die Luft ein und sah sie mit unergründlicher Eindringlichkeit an. Sie merkte, wie er seine Hände hob, als ob er ihre Taille umfassen wollte, dann aber ließ er die Arme wieder herabfallen.

„Ich will …“ Sie klang nun mutiger, da sie gesehen hatte, dass er in Versuchung geführt war. „Ich möchte, dass du mich liebst.“

„Verdammt, du kleine Verführerin“, stieß er mit belegter Stimme aus, während er langsam den Kopf schüttelte. „Weißt du eigentlich, was du mir da antust?“

Sie nickte, während sich ihr Mund öffnete. Er hob den Blick und sah ihr einen Moment tief in die Augen, bevor er ihren Mund mit seinem eroberte.

In diesem Augenblick lernte Faye zum ersten Mal kennen, was es hieß, wirklich berührt zu werden. Die wundervolle Lust zu spüren, wenn man von einem Mann, den man liebte, erobert wurde, auf die intimste Weise, die es gab. Das plötzliche Gefühl brennenden Schmerzes wurde abgelöst von wachsender Lust, die sich so unerwartet entlud wie ein Sturm am Nachmittag. Ein wundervolles Gefühl, das nur noch übertroffen wurde von der Innigkeit, als sie hinterher unter dem kühlen weißen Laken neben Dante lag, während der Regen draußen gegen die Fensterscheibe prasselte.

„Könntest du nicht für immer hierbleiben?“, flüsterte sie.

„Ich dachte, du hättest bekommen, was du wolltest.“

Faye erstarrte. Eben noch hatte er in Ekstase ihren Namen gerufen – und jetzt das? Die Strenge in seinem Ton ließ sie fast glauben, dass er sie verachtete.

Sie rollte sich weg von ihm und schlang das Laken um sich. „Was willst du damit sagen?“ Sie hatte plötzlich das Gefühl, an einem schwierigen Spiel teilzunehmen, ohne dass ihr vorher jemand die Regeln erklärt hatte.

„Ich spreche von jungen Mädchen, die all ihre Würde über Bord werfen, kaum dass sie am Luxus geschnuppert haben.“ Er warf einen Blick zu der Designertüte mit dem Kleid und verzog angewidert den Mund. „Die Mädchen, die so scharf auf einen reichen Mann sind, dass sie den Wert ihrer Unschuld völlig vergessen.“

Er schwang die Beine über den Bettrand, ohne sich seiner Nacktheit zu schämen, und griff nach seiner durchnässten Jeans.

„Du bist doch hier, um etwas zu lernen, nicht wahr, bella? Dann hast du heute gelernt, dass man mit so einem Verhalten keinen Mann an sich bindet. Warum sollte er auch bleiben, wenn er schon alles bekommen hat?“

Damit nahm er seine restlichen Sachen und ging zur Tür.

„Was soll das heißen?“, entgegnete sie hilflos und wünschte sich, er würde seine Worte zurücknehmen.

„Das ist dein wahres Gesicht, nicht wahr?“ Damit schloss er leise die Tür hinter sich.

Während Faye hilflos auf die Tür starrte, stieg Übelkeit in ihr hoch, und sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde in zwei Stücke gerissen. Jeder Moment, den sie mit ihm erlebt hatte, bekam nun einen bitteren Nachgeschmack, als ob jemand all ihre Erinnerungen vergiftet hätte. Und etwas in ihr veränderte sich, unwiederbringlich. Nicht deshalb, weil sie zum ersten Mal mit einem Mann geschlafen hatte, sondern weil all ihre kindlichen Träume mit ihm verschwunden waren. Sie hatte sich ihm schenken wollen, und er verabscheute sie dafür.

Faye schluckte ihre Tränen hinunter und hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, sich anzuziehen, als ob sie auf ihren Körper wütend wäre. Ihr Blick fiel auf den geöffneten Schrank. Sauber aufgereiht hingen dort ein paar Röcke und Blusen, für die Wochen der Arbeit hier, die noch vor ihr lagen. Das halte ich nicht aus, dachte sie. Sich Tag für Tag erniedrigt fühlen, wenn er sie mit dem Bewusstsein anschauen würde, dass er alles bekommen hatte, was er seiner Meinung nach von ihr bekommen konnte. Dass er sie überhaupt ansehen würde, war schon zu viel.

Also packte sie ihre Sachen. Ihr war klar, dass ihr Verschwinden ihm ungefähr den gleichen Schlag versetzen würde wie ein Kieselstein, der auf der Meeresoberfläche auftraf, aber das zu wissen war immer noch besser, als selbst vom Ozean verschluckt zu werden.

Faye hob ihren Kopf und sah Dante an, der ihr gegenübersaß. Sie fühlte sich wie betäubt durch den Schmerz, den sie so lange verdrängt hatte. Sie fühlte sich beschämt, weil sie keine andere Möglichkeit gesehen hatte, als ihren Stolz zu vergessen und noch einmal hierherzukommen. Außerdem war sie entsetzt über die Erkenntnis, dass sie bereit war, sich ihm noch einmal auszuliefern.

„Wie du schon sagtest, Dante, wir alle machen Fehler.“

Doch er schien blind zu sein für den Schmerz in ihrem Blick.

„Du meinst, dir ist klar geworden, dass du für deine Unschuld mehr hättest bekommen können als ein paar Wochen Arbeit hier?“

Was wollte er damit sagen? Sie hatte nichts weiter von ihm verlangt. Und trotzdem war er immer noch wütend auf sie? Sie sah in sein attraktives Gesicht, auf dem ein grausamer arroganter Ausdruck lag.

„Du kannst von Glück sagen, dass man dir woanders noch Angebote gemacht hat, obwohl du direkt aus meinem Bett kamst.“

„Nicht jeder ist so ein Neandertaler wie du, Dante. Für manche Männer ist die Unschuld einer Frau nicht alles, was sie anzubieten hat“, sagte sie schneidend.

Seine Vermutung machte sie wütend, doch sie war noch wütender auf sich selbst, da sie es nicht über sich gebracht hatte, diese Angebote, wie er es genannt hatte, zu nutzen. Aber was hätte ihr das gebracht? Das, was sie an diesem Nachmittag damals empfunden hatte, hätte sie nie mehr in dieser Weise erlebt.

„Du solltest mich nicht falsch interpretieren, Faye. Ich meinte Angebote in Bezug auf die Geschäftswelt. Nicht viele Leute lassen einen Vertrag mit Valenti Enterprises sausen und bekommen noch woanders einen Job.“

Gemeiner Kerl, dachte sie. Denn sie wusste, dass er etwas anderes gemeint hatte. Und was die Stellenangebote anging, hatte sie diese um des Matteson’s willen ablehnen müssen. Faye spürte wieder die Anspannung in ihren Schultern, als sie ihren Löffel ablegte.

„Wir sollten ein Glas Champagner zum Schluss trinken. Und einen Toast aussprechen … auf meine neue rechte Hand, die ich für einen Monat haben werde.“

Faye biss die Zähne zusammen. Sie hatte ihre Seele dem Teufel verkauft. Und es war schon zu spät, sich jetzt noch darum zu sorgen, dass sie auch ihren Kopf verlieren könnte.

Als sie mit ihm anstieß, schien ihr, als ob das Blut langsamer durch ihre Adern fließen würde, da sie seinen eindringlichen Blick spürte. Ob er sie wollte? Er hasste sie und wollte sie ruinieren – das wusste sie. Doch sie wusste auch, dass er all dies ohne Weiteres vergessen könnte, wenn es darauf ankam. Sie atmete tief durch und schaute sich um.

Vor zwei Tagen noch hatte sie einen typischen Tag zu Hause in ihrem Restaurant verbracht, vor leeren Tischen, mit einem Stoß Rechnungen, langweiliger Einrichtung und gelangweilten Angestellten. Und jetzt saß sie hier im Perfezione, dem genauen Gegenteil von ihrem Leben daheim. Umgeben von Luxus und Lebendigkeit, in einem Restaurant, in dem es Monate dauerte, bis man einen Platz bekam. Außer man befand sich zufällig in Gesellschaft des Mannes, der sie bis heute in ihren Träumen verfolgte. Für einen Augenblick überlegte sie, ob all das nur ein Trugbild ihrer Fantasie war.

„Ich werde einen Vertrag aufsetzen lassen, den du morgen unterschreiben kannst.“

Nein, es war kein Traum. Widerwillig nickte sie. Er war ein verkleideter Teufel. Sie konnte nicht nach Hause, aber sie musste ja nicht hier bleiben, sondern könnte in ihre Pension zurückkehren, auch wenn das bedeutete, ihre Kreditkarte zu belasten und jeden Morgen die überfüllte U-Bahn nehmen zu müssen.

„Entschuldige mich.“ Faye winkte einer Bedienung, die eben vorbeiging, und achtete nicht darauf, dass Dante sich versteifte. „Könnten Sie mir bitte ein Taxi bestellen, zur Piazza Indipendenza? Grazie.“

„Das ist nicht nötig, Michelle. Ich werde Miss Matteson selbst fahren. Danke“, warf Dante ein, kaum dass sie den letzten Satz beendet hatte. Die Bedienung, die professionell genug war, sich ihre Verwirrung nicht anmerken zu lassen, war damit entlassen.

„Du hast getrunken und wirst mich nirgendwohin fahren.“ Faye gab sich nicht die Mühe, ihre Wut noch länger zu verbergen. Sie hatte genug von dieser Achterbahnfahrt der Gefühle. Im einen Augenblick trat er als vernünftiger Mensch auf, um wenig später den Tyrannen zu spielen.

„Ich bin froh, dass du einverstanden bist. Ich werde dich nämlich nirgendwohin fahren, weil wir ausgemacht haben, dass du hierbleibst, nicht wahr?“

„Ich habe zugestimmt, bei dir zu arbeiten. Wo ich übernachte, spielt keine Rolle. Und ich werde ganz sicher morgens pünktlich da sein, solltest du dir deswegen Sorgen machen.“

„Nein, mache ich nicht, und du solltest es auch nicht. Hier zu wohnen gehört genauso zu den Erfahrungen, die du sammeln sollst, wie die, die du während deiner Arbeit tagsüber machst. Damit steht es nicht weiter zur Debatte.“

Natürlich! Nichts, was er entschieden hatte, stand zur Debatte.

„Ich möchte jetzt zu Bett gehen, da ich gestern sehr spät angekommen bin.“

„Zu Bett? Warum hast du das nicht früher gesagt.“ Er erhob sich und schob seine Hand unter ihren Ellbogen, während sein Mund sich zu einem schiefen Lächeln verzog, das seine Attraktivität noch unterstrich.

Wie konnte er nur so gut aussehen, wenn er so verdammt skrupellos war? Sie versuchte, sein verführerisches Lächeln nicht mehr zu beachten. Schon einmal hatte sie ihm erlaubt, ihre Gefühle mit Füßen zu treten, und sie würde nicht zulassen, dass dies noch einmal geschah.

„Ich kann allein die drei Stockwerke hinaufgehen, Dante.“

„Ich bestehe darauf, dich zu deinem Zimmer zu bringen, bella“, flüsterte er in ihr Ohr, während sie sich vom Tisch entfernten.

Faye ging voraus die Treppe hoch. Sie spürte, dass er dicht hinter ihr war, während die Geräusche aus dem Foyer und dem Restaurant immer leiser wurden. Sie würde ihm nie entkommen können, niemals. Selbst neunhundert Kilometer entfernt war er immer in ihrem Kopf gewesen und hatte jeden anderen Mann zu einem Schatten verblassen lassen.

Schließlich blieben sie vor ihrem Zimmer stehen. Faye richtete ihren Blick starr auf die massive Holztür, die sie zwischen sich und ihn bringen musste. Denn wenn er ihr so nah war, war er wie Dynamit. Und sie wollte – nein, sie musste diese Bombe entschärfen.

„Gute Nacht …“

„Sieh mich an“, brachte er mühsam hervor und hob mit einer schnellen Bewegung ihr Kinn, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, während er die andere Hand gegen die Wand hinter ihr legte. Sein Gesicht war ihrem so nahe, dass sie leichte Bartstoppeln auf seinem kantigen Kinn bemerkte, das sie am liebsten berührt hätte. „Du kannst dich nicht länger verstecken.“

„Ich versuche doch gar nicht, mich zu verstecken.“

„Lügnerin.“

Sie sah ihm in die Augen, deren dunkle Tiefen vor Verlangen glühten. Und das war ihr Verderben. Sie wollte ihm sagen, dass er sie nicht auf diese Weise ansehen solle. Und gleichzeitig wünschte sie sich, er würde nie damit aufhören. Sie stieß einen Seufzer aus, und all ihr Widerstand verflog. Sein Blick wanderte zu ihren Lippen. Er wollte sie – das erkannte sie an der Art, wie er abwehrend seinen Mund zusammenpresste, während er mit seinem Daumen verlockend über ihre Unterlippe strich.

„Dante!“

Sie schloss die Augen, aus der unbestimmten Angst heraus, dass sie sonst erwachen könnte. Schon glaubte sie, er würde sich zurückziehen, während sie sich gleichzeitig wünschte, er möge ihren Mund fordernd erobern. Ihre Lippen öffneten sich, als er seinen Mund auf ihren senkte, und für einen Augenblick verharrte er dort. Und dann strich er quälend langsam mit seinen Lippen über ihren Mund, erforschte sie sanft, neckte sie, um den Kuss zu vertiefen und von ihr zu kosten. Seine Zunge spielte mit ihrer und sandte Schauer des Entzückens durch ihren Körper. Verlangen erfasste sie, während er mit einer Hand in ihr Haar fasste und ihren Kopf näher zu sich zog, um den Kuss noch zu vertiefen.

Was hatte er nur mit ihr gemacht damals, dass er der einzige Mann auf der ganzen Welt war, der sie mit einem Blick dahinschmelzen lassen konnte? Er hatte ihrer Seele seinen Stempel aufgedrückt. Als das Verlangen wie eine Droge ihren Körper durchflutete, war sie nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie schlang die Arme um seinen breiten Rücken, rieb ihre Knospen an seiner muskulösen Brust, während sie vor Lust erbebte.

In diesem Moment spürte sie, dass er sich von ihr löste und eine unwillkommene Leere hinterließ, die danach verlangte, wieder ausgefüllt zu werden. Aber nicht hier, dachte sie. Drinnen im Zimmer. Träge hob sie die Lider, um Dante in ihr Zimmer zu führen. Doch der stechende schwarze Blick, der ihrem lustvollen begegnete, ließ sie erstarren.

„Du glaubst vielleicht, dass eine schnelle Kapitulation mich dazu ermutigt, dir eher die gesamte Summe zu geben?“, meinte er in gnadenlosem Ton und schüttelte den Kopf.

Sie ließ die Arme, die ihn eben noch umschlungen hatten, hinabsinken.

„Ich weiß, dass du verrückt nach mir bist, cara, aber Geduld ist eine der obersten Regeln im Geschäft. Dein wertvollstes Kapital solltest du nie als Erstes anbieten. Diesen Fehler hast du in der Vergangenheit schon einmal gemacht, nicht wahr? Siehst du – deine erste Lektion hast du schon gelernt. Und wir haben noch einen ganzen Monat Zeit, um von dem Dessert zu kosten.“

Faye biss auf ihre vom Kuss noch geschwollenen Lippen und wandte sich ab. Seine selbstgerechte Miene erniedrigte sie zutiefst, und sie spürte Tränen in sich aufsteigen. Doch lieber würde sie sterben, als ihn sehen zu lassen, dass sie weinte.

„Verzeih mir“, murmelte sie kalt, als sie die Tür aufschloss, „dass ich dich in deinem Verhalten offenbar missverstanden habe. Es wird mir ein Vergnügen sein, dir in Zukunft aus dem Weg zu gehen.“

Finster sah er sie an. „Morgen um halb acht beginnst du mit der Arbeit. Und sei pünktlich!“

4. KAPITEL

Faye griff nach der Schürze, die man ihr in die Hand gedrückt hatte, und band sie mit grimmiger Miene um. Sie blinzelte, um wach zu werden, und folgte der jungen Angestellten, die sich als Lucia vorgestellt hatte, zu einem großen Sack, der neben einer der Arbeitsflächen stand. Am liebsten hätte sie gefragt, wie Kartoffelschälen am Morgen ihr helfen sollte, ihren Familienbetrieb zu retten, aber sie verkniff sich die Frage. Denn sie wusste, dass sie Dante damit nur noch mehr Genugtuung verschaffen würde. Zudem wollte sie ihren Ärger nicht an Lucia auslassen, die ja auch nur eine Angestellte war, die geflissentlich seinen Launen und Anordnungen nachkam.

Nachdem Lucia weitergegangen war, schaute Faye sich in der riesigen weißen Küche mit all dem glänzenden Edelstahl um und seufzte. Als sie die konzentrierten Mienen der anderen bemerkte, hatte sie plötzlich das seltsame Verlangen, Dante zu beweisen, dass sie sich für keine Arbeit zu schade war, ganz egal, was er von ihr denken mochte. Schließlich machte sie sich an ihre Aufgabe und spürte, dass die immer gleichen Handgriffe beruhigend auf sie wirkten.

Sie hatte eine rastlose Nacht verbracht, hin und her gerissen zwischen entschiedener Ablehnung und dem überwältigenden Verlangen, die Tür zu öffnen, um nachzusehen, ob Dante noch davorstand, obwohl sie wusste, dass er schon längst gegangen war. Zumindest hielt die Arbeit in der Küche des Perfezione sie nun davon ab, darüber nachzugrübeln, ob sie vielleicht einfach nur zu seinem Vergnügen hier sein musste.

Sie hatte schon fast erwartet, ihn am Morgen in der Küche anzutreffen. Als sie dann erfuhr, dass Lucia zumindest für den heutigen Tag dafür verantwortlich war, dass sie Erfahrungen sammelte, wurde Faye klar, dass er ihr keine Sonderbehandlung zukommen lassen wollte. Sollte sie scheitern, würde das Matteson’s an ihn gehen, sollte sie erfolgreich sein, würde er sein Geld zurückbekommen, und sie könnte für immer aus seinem Leben verschwinden. Was ihn betraf, konnte er nur gewinnen, während sie selbst alles verlieren konnte.

„O Faye, das sind ja wunderbare Neuigkeiten“, hatte ihre Mutter morgens bei einem kurzen Telefonat gesagt.

Faye hatte versucht, nicht zu optimistisch zu klingen, als sie ihrer Mutter erzählte, dass sie zumindest erst einmal genug Geld für die Renovierung zur Verfügung hätten, und es war nicht verwunderlich, dass Josie Matteson nach all den harten Monaten erfreut war.

„Es handelt sich allerdings nicht um einen einfachen Kredit, Mom. Es sind … Bedingungen daran geknüpft.“ Faye verdrängte das verstörende Bild, das ihr zeigte, wie Dantes Bedingungen aussahen. „Ich muss für einen Monat hierbleiben.“ Sie hatte ihrer Mutter zwar gesagt, dass sie nach Italien fliegen würde, um einen letzten Versuch zu starten, sich Geld zu leihen, doch Genaueres hatte sie nicht verraten. Allerdings hatte sie auch gesagt, sie würde nur ein paar Tage bleiben. Wenn es doch nur so wäre.

„Ich bin sicher, dass wir es schaffen“, erwiderte ihre Mutter.

„War gestern Abend mehr los?“, fragte Faye hoffnungsvoll. Sie wünschte, dass während ihrer Abwesenheit ein Wunder geschehen wäre. Dann könnte Dante seinen Vertrag vergessen, und sie würde dahin zurückkehren, wo sie gebraucht wurde. Doch das war nur ein Wunschtraum, genau wie der, dass sie mit fünfundzwanzig verheiratet sein und ein Kind haben würde.

„Tut mir leid, Faye, aber es war sehr ruhig. Selbst die Reservierung für das Jubiläum wurde wieder abgesagt.“

Faye verließ der Mut, als sie sich all die leeren Tische vorstellte. Doch zugleich bestärkte es sie in ihrem Entschluss, diese qualvolle, aber notwendige Scharade bis zum Ende durchzuhalten. Denn nur so konnte sie überhaupt etwas erreichen.

„Aber lass uns nicht mehr davon sprechen, wo wir doch jetzt eine so freundliche Menschenseele haben, die uns das Geld leiht“, fuhr Josie fort.

Faye war froh, dass ihre Mutter nicht wusste, was sie über Dante dachte. Denn es wäre zu mühsam gewesen, ihr zu erklären, warum er für sie alles andere als eine freundliche Menschenseele war. Doch da es um das Matteson’s ging, hatte ihre Mutter zumindest das Recht zu erfahren, von wem das Geld kommen würde.

„Ich … ich habe mich an Valenti Enterprises gewandt“, sagte Faye und hoffte, dass ihre Mutter keine Rückschlüsse auf die Vergangenheit ziehen würde, auch wenn sie vermutlich nicht vergessen hatte, was damals passiert war.

„Das dürfte nicht leicht gewesen sein, Faye. Mr. Valenti ist ein Respekt einflößender Mann. Allerdings hat unser Restaurant ihn damals beeindruckt. Daran hat er sich wohl erinnert.“

O ja, daran hat er sich erinnert, dachte Faye. Und genau das ist das Problem.

Einige Stunden später, als sie endlich mit den Kartoffeln fertig war, wurde Faye auf Dantes Anweisung hin zu ihrer Überraschung gezeigt, wie ein paar der Gerichte für den Lunch vorbereitet wurden. Sie freute sich sehr, als sie herausfand, dass Bernardo nun der Küchenchef war. Als sie das erste Mal im Il Maia gewesen war, hatte er gerade als Hilfskoch hier angefangen.

„Komm, Faye, ich zeige dir, wie man Risotto macht.“

Sie war froh, dass er nicht genug Englisch konnte, um sie fragen zu können, was sie eigentlich wieder hier machte.

Davon abgesehen war es erstaunlich inspirierend, beobachten zu können, wie harmonisch das Küchenpersonal in dieser hochmodernen Küche zusammenarbeitete. Faye musste sich eingestehen, dass diese Erfahrung ihr eine ganz neue Sicht verschaffte. All das erinnerte sie auch an ihre eigene Begeisterung, die in den letzten Monaten durch die schwierige finanzielle Situation überdeckt worden war. Obwohl Dantes Verhalten in ihren Augen sehr zu wünschen übrig ließ, konnte sie ihm seine Fähigkeiten als Restaurantchef nicht absprechen.

Faye lachte gerade ausgelassen, da Bernardo ihr wild gestikulierend erklärte, wie die Pilze für das Risotto gesammelt wurden, als die Atmosphäre sich plötzlich veränderte. Obwohl den ganzen Morgen Leute ein und aus gegangen waren, wusste sie sofort, dass die Person, die eben die Küche betreten hatte, nicht zum Personal gehörte. Ihr Lachen verstummte augenblicklich, als sie Schritte hinter sich hörte. Dante! Aus einem unerfindlichen Grund hatte sie ein schlechtes Gewissen, wie ein Kind, das verbotenerweise von den Süßigkeiten nascht. Selbst Bernardo sah aus, als ob ihm Dantes Anwesenheit nicht recht wäre, obwohl er ja nur dessen Wunsch nachgekommen war, Faye die Zubereitung der Speisen zu zeigen. Als sie sich zu ihm umdrehte, sah sie, dass er einen tiefschwarzen Anzug trug – ein starker Kontrast zu der strahlend weißen Küche. Sein Mund war zu einer harten schmalen Linie zusammengepresst, und obwohl er sich immer so sehr unter Kontrolle hatte, schien es gerade, als ob er sie jeden Augenblick verlieren könnte.

„Guten Tag.“ Faye lächelte strahlend, um ihrem Schuldgefühl entgegenzuwirken. „Was können wir Ihnen anbieten? Vielleicht einen Lunch?“ Bewusst verzichtete sie auf das vertraute Du vor den anderen, so wie er es sicher auch halten würde. Sie glaubte gesehen zu haben, wie er seine Kiefermuskeln anspannte, und wandte sich mit charmantem Lächeln Bernardo zu. „Ich kann das Pilzrisotto nur empfehlen.“

Dante schien es nicht für nötig zu halten, ihr darauf zu antworten.

„Ich denke, Bernardo hat genügend Zeit gehabt, sein Können zu vermitteln“, erklärte er schneidend. „Lucia wird Sie nun einweisen, da Sie für den Rest des Mittags den Lunch servieren werden.“ Damit machte er Anstalten weiterzugehen.

„Ob Sie es glauben oder nicht“, rief sie aufgebracht, „ich habe schon oft bedient. Außerdem bin ich auch in der Lage, Gemüse zuzubereiten und mich an ein Rezept zu halten. Könnten Sie mir jetzt mal erklären, wie all das hier mir helfen soll, meinen Gewinn zu steigern?“

Plötzlich war es still in der Küche, bis auf ein leises Brodeln, das einer großen, dampfenden Pfanne entstieg. Die anderen machten geflissentlich mit ihrer Arbeit weiter, hatten aber sicher die Ohren gespitzt.

Dante wirbelte herum und stand nun verstörend nah vor ihr. Seine Augen funkelten streitlustig. „Ich werde dich dazu bringen, dich zu verlieben“, sagte er mit weicher, leiser Stimme.

Überrascht zog Faye die Luft ein. Ihre Lippen waren halb geöffnet, da sie das Gefühl hatte, etwas erwidern zu müssen, nur wusste sie nicht, was sie sagen sollte.

„In diese Arbeit“, beendete er unbekümmert, als ob er mit seinen Worten nichts anderes hatte andeuten wollen. „Ich werde dafür sorgen, dass du deinen Gästen später zu Hause die gleiche Freude machst, die sich auf den Gesichtern der Menschen hier widerspiegelt. Und du wirst auch lernen, den gleichen Wunsch in deinen Angestellten zu wecken.“

Wut stieg in ihr auf, denn sein Plan war bereits aufgegangen. Sie hatte diese Arbeit schon immer geliebt, und trotzdem war sie seit Jahren nicht mehr so inspiriert und begeistert gewesen wie an diesem Morgen.

Dante setzte sich an einen Fenstertisch, warf seine Jacke über einen leeren Stuhl und lockerte seine Krawatte. Diese geschickte Verführerin! Faye war nicht einmal einen Tag hier, und schon hatte sie mit ihren sinnlichen Lippen und ihren unglaublich grünen Augen mindestens einen seiner Mitarbeiter von der Arbeit abgelenkt. Und dabei gingen sie sonst alle unermüdlich ihrer Arbeit nach. Wie hatte er nur so dumm sein können, sie nicht zu durchschauen?

Widerwillig dachte er an den Tag zurück, als er auf der Suche nach möglichen Standorten für ein neues Restaurant zufällig ins Matteson’s geraten war. Völlig überrascht war er gewesen, dort genau das frische Design zu finden, das er sich für seine Speisekarten wünschte. Verantwortlich dafür war eine sehr junge Kellnerin. Das Mädchen war nicht nur unwiderstehlich attraktiv, sondern hatte auch ein Gefühl in ihm geweckt, das er nicht benennen konnte – und das ihn überrascht hatte. Lag es daran, dass sie Engländerin war? Er hatte doch zuvor schon englische Geliebte gehabt? Nein, es lag an ihrer Schönheit. Und sie strahlte unverfälschte Lebenslust aus und eine Begeisterung für dieses Metier, die ihn überraschte und die seiner eigenen so ähnlich war. Normalerweise sah er eine Frau, die so jung war und so unschuldig wirkte, nicht zwei Mal an. Doch wann hatte er je eine getroffen, die eine so ehrliche Unschuld ausstrahlte? Als er ihr dann die Möglichkeit bot, in seinem Marketing-Team mitzuarbeiten, hatte er sich geschworen, sie niemals zu berühren.

Aber sie hatte in seinem Angebot etwas völlig anderes gesehen. Sie war so begierig gewesen, ihre Unschuld, für die er sie so achtete, loszuwerden, dass er seine eigenen Vorstellungen unterdrückt hatte – etwas, das Dante Valenti sonst nie tat. Aber wie wenig hatte sie seine Zurückhaltung auch verdient! Er erinnerte sich an jenen schicksalhaften Tag, an dem er endlich erkannte, was er schon hätte bemerken müssen, als sie ihn zum ersten Mal mit diesen riesigen ernsten Augen ansah. Diese Blicke, die noch lauter danach verlangten, sie zu nehmen, als ihre Bitten später. Welcher Mann hätte da noch widerstehen können? Dante schluckte schwer und verdrängte ein Gefühl der Scham, während er seine Krawatte abnahm und seine Erregung unter Kontrolle zu bringen suchte, die sich gegen seinen Schenkel presste und genauso stark war wie damals.

Wie hatte er nur auf die Idee kommen können, dass sie anders war als die anderen Frauen, die er kannte, nur weil sie jung und unschuldig war. Sie hatte ihn glauben machen, dass ihr Protest echt war, als er ihr das Kleid kaufte, und nicht zur Taktik einer potenziellen Geliebten gehörte.

In Gedanken schweifte er zu jenem Tag zwei Wochen später, als eine seiner Kellnerinnen nervös zu ihm trat und berichtete, Miss Matteson habe bei ihrer Abreise ein rotes Kleid dagelassen. Für einen winzigen Moment hatte er tatsächlich gehofft, sich verhört zu haben, weil dies sein Bild von ihr infrage stellte. Dass sie das Kleid dagelassen hatte, war nicht das Einzige, was ihn erstaunte. Wenn sie wirklich wie die anderen Frauen war, warum war sie dann nicht geblieben, um ihn anzubetteln, es sich noch einmal anders zu überlegen? Oder weshalb hatte sie nicht versucht, ihm zumindest noch das eine oder andere Geschenk abzuschwatzen? Diese Fragen hatten ihn fast dazu gebracht, sich einzugestehen, dass er eigentlich sich selbst verabscheute, weil er ihr die Unschuld genommen und sie dann von sich gestoßen hatte, statt seiner Schuld ins Auge zu blicken.

Als er dann endlich seinen Stolz überwunden und in England angerufen hatte, musste er herausfinden, dass sie sich auf einem Flug nach Gott weiß wohin befand, zusammen mit ihrem nächsten Liebhaber. Ein eindeutiger Beweis – der für ihn noch schwerer zu ertragen war als herauszufinden, dass sie ihn nur wegen seiner teuren Geschenke wollte. Sie hatte ihn sexuell erobert! Nun verstand er auch das Gefühl, das er nicht hatte benennen können. Nein, sie war nicht wie die anderen Frauen, die er bisher getroffen hatte. Sie war hundert Mal schlimmer.

Jetzt war sie sechs Jahre später wieder zurückgekehrt, nur aus dem einen Grund, ihre Klauen nach seinem Geld auszustrecken. Und hatte sie nicht am Abend zuvor bewiesen, was sie dafür zu geben bereit war?

Dante schlug ein Bein über das andere und versuchte, sich auf die Speisekarte zu konzentrieren, da er an diesem Tag noch kaum etwas gegessen hatte. Allerdings hatte an diesem Tag nichts so geklappt wie sonst. Morgens war er ungewohnt unproduktiv gewesen. Denn besonders eines ging ihm immer wieder durch den Kopf. Wahrscheinlich hätte er es letzten Abend doch tun sollen, hatte sie ihn doch so überschwänglich dazu eingeladen. Diese heißen auffordernden Lippen, das leise Stöhnen, das sie wohl unbewusst vor Verlangen ausgestoßen hatte, als er sie in die Arme schloss. Also verhielt sich die kleine Hexe immer noch so, als sei sie noch nie auf diese Weise von einem Mann berührt worden.

Sie hatte ihn damals glauben machen, dass ihre kleine Aufführung echt war, bis er völlig die Kontrolle über sich verloren hatte. Doch das würde nie wieder passieren.

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