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Julia Extra, Band 304

REBECCA WINTERS

Das Leuchten in deinen Augen

Mitten im tiefsten Schneegestöber stößt Brooke auf ein kleines Mädchen. Kann der attraktive Vance Licht in das Dunkel um dessen Herkunft bringen und dabei auch Brookes innigsten Weihnachtswunsch erfüllen?

MAGGIE COX

Spanisches Weihnachtsmärchen

Weihnachten in einem Palast in den Bergen: So prunkvoll hat die alleinerziehende Dominique das Fest noch nie verbracht. Wenn nur nicht der feurige Besitzer Christiano Cordova so gefährlich betörend wäre.

NATALIE RIVERS

Bittersüße Bescherung

Der Unternehmer Marco de Luca weiß: Er kann Claudia nicht trauen. Doch als er sie wiedersieht, brennt er lichterloh. Und kurz vor Weihnachten spürt er, dass er sich entscheiden muss: Rache oder Liebe?

CARA COLTER

Sternenzauber zum Fest

Die Adventszeit würde Brody am liebsten vom Kalender streichen. Bis Lila ihn leidenschaftlich umstimmt und dabei sein Herz erobert. Aber seit einem Verlust scheint er nicht mehr an das Glück zu glauben.

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Rebecca Winters

Das Leuchten
in deinen Augen

1. KAPITEL

„Auf Wiedersehen, Brooke. Und nochmals vielen Dank für mein Weihnachtsgeschenk. Ich freue mich wirklich sehr darüber. Schöne Feiertage!“

„Gern geschehen, Dave. Auch Ihnen und Ihrer Familie fröhliche Weihnachten. Bis Montag dann.“

Eine Bö von Schneeflocken fegte ins Geschäft herein, bevor Brooke Longleys Angestellter die Tür schließen konnte. In der letzten Woche hatte es hier in West Yellowstone, Montana, schon zwei Schneestürme gegeben. Es sah so aus, als ob sich ein dritter zusammenbraute.

Obwohl die Standuhr erst wenige Minuten nach sieben zeigte, hatte man das Gefühl, als sei es schon Mitternacht. Brookes Kleidergeschäft war normalerweise bis zehn Uhr abends geöffnet, aber nicht heute, am Abend vor Weihnachten.

Wie jedes Jahr gab es eine große Weihnachtsfeier, und die Garnetts hatten traditionell in „Cornell’s Bar and Grill“ eingeladen, nur ein paar Straßen vom Geschäft entfernt. Brooke hatte keine besondere Lust hinzugehen. Aber ihre Freundin, Julia Morton, und deren Mann Kyle hatten ihr das Versprechen abgenommen, auch zu kommen.

„Nur weil du seit deiner geplatzten Verlobung nichts von Männern willst, muss doch nicht alle Welt glauben, du seist zum Einsiedler geworden.“

Da hatte Julia irgendwie recht. Deshalb hatte Brooke sich vorgenommen, für etwa eine Stunde zu der Party zu gehen und dann nach Hause zu fahren.

Nachdem sie alle Lichter ausgemacht und den Laden abgeschlossen hatte, stapfte sie durch den Schnee die Hauptstraße hinunter. Obwohl vor den benachbarten Geschäften dauernd Schnee geschippt worden war, war der Weg schon wieder zugeweht. Es war bitterkalt. Letztes Jahr um diese Zeit war es genauso gewesen.

Gott sei Dank ist es nicht letztes Jahr.

Gott sei Dank warte ich nicht darauf, dass Mark aus Kalifornien kommt.

Sie hatten zwischen Weihnachten und Neujahr heiraten wollen. Dann war der Anruf gekommen. Es war wie ein Alptraum gewesen. Mark würde überhaupt nicht kommen. Er hatte eine andere kennengelernt und hoffte, Brooke würde das verstehen. Es wäre besser, sich jetzt zu trennen, als später einer Scheidung ins Auge zu sehen.

Einen Monat später starb Brookes Vater an einem Herzanfall. Nun war sie ganz allein – alle ihre Freundinnen waren nach Abschluss der Schule fortgezogen – und so deprimiert, dass sie sich nicht vorstellen konnte, noch ein Jahr weiterzuleben.

Aber das Leben hatte ihr einen Trick gespielt. Sie hatte das Geschäft ihres Vaters übernommen, und über die harte Arbeit waren zu ihrem Erstaunen zwölf Monate vergangen. In dieser Zeit war das Geschäft aufgeblüht, und Brooke war vierundzwanzig geworden. Sie war nicht nur immer noch am Leben, sondern sie hatte auch in Julia und Kyle, die im Sommer von Great Falls hierher gezogen waren, neue Freunde gefunden. Es würde bestimmt nett sein, einen Teil dieses Abends mit ihnen zu verbringen.

Brooke beschleunigte ihren Schritt. Der Schneesturm schien an Stärke zuzunehmen. Bei diesem Wetter war niemand mit dem Wagen unterwegs. Alles war zum Stillstand gekommen – eine Welt von reinem Weiß. Sehr schön, wenn man wusste, wo man einen behaglichen Platz vor dem Kamin finden konnte.

Als sie die erste Seitenstraße überqueren wollte, meinte Brooke ein Kind weinen zu hören. Aber das Heulen des Windes klang oft wie das Jammern eines Menschen, sodass sie diesen Gedanken beiseite schob und weitereilte, um dem Toben der Elemente zu entrinnen.

Sobald sie die andere Straßenseite erreicht hatte, hörte sie das Weinen wieder, diesmal lauter. Brooke blieb stehen und lauschte. Kein Zweifel. Jemand weinte. Ein verängstigtes Kind war hier draußen im Sturm.

Aber wessen Kind? Wo?

Brooke hatte das Gefühl, dass das Weinen aus der Seitenstraße kam, und ging dem Geräusch nach. Kurz darauf erspähte sie eine kleine Gestalt, die an das Schaufenster von Clarks indianischem Schmuckgeschäft klopfte. Der Laden war dunkel. Wahrscheinlich war Harmon Clark schon auf dem Weg zur Party im Cornell’s. Das kleine Mädchen konnte nicht älter als fünf Jahre sein. Zwischen ihren Schluchzern rief sie einen Namen, den Brooke nicht verstehen konnte. Das arme Kind hatte nur Tennisschuhe an, keine Socken, ein Kleidchen und eine dünne Windjacke, die keinen Schutz bot gegen den Schneesturm. In ein paar Minuten würde sie erfroren sein.

Ohne zu zögern, ging Brooke neben ihr in die Hocke und legte schützend einen Arm um ihre Schultern. „Mein Name ist Brooke. Ich möchte dir helfen. Wen suchst du denn, Schätzchen?“

Das Mädchen schlug mit ihren bloßen Händen weiter gegen die Scheibe. Sie sagte irgendetwas von einem Charlie.

„Sweety … Es ist niemand da. Wenn du mitkommst, helfe ich dir, Charlie zu finden. Okay?“

„Neeein! Nicht Charlie! Er darf mich nicht holen!“

Brooke hörte die Angst in dem verzweifelten Flehen des Kindes. Ohne noch eine Sekunde zu verschwenden, nahm sie die Kleine auf den Arm und lief mit ihr durch den Schnee zu ihrem Geschäft zurück. Dort war es warm. Und da gab es ein Telefon.

Mehrere Male wäre sie fast hingefallen. Der kleine Körper, den sie in den Armen hielt, zitterte ununterbrochen. „Alles wird gut“, murmelte Brooke immer wieder, um das verängstigte Kind zu beruhigen.

Immer neue Schreckensbilder stiegen vor Brookes innerem Auge auf. Denn irgendetwas Schreckliches musste ja geschehen sein, um das kleine Mädchen in ihren Armen so sehr zum Zittern zu bringen. Brooke hatte sich nie für gewalttätig gehalten, aber diesem Charlie, wer auch immer er war, würde sie am liebsten den Hals umdrehen.

„Wir sind da. In Sicherheit.“

Sie zog ihren Schlüssel heraus und öffnete die Tür. Wohlige Wärme schlug ihnen entgegen, und Brooke stieß die Tür mit dem Fuß hinter sich zu. Dann machte sie das Licht an und zog das Kind quer durch das Geschäft zur Küche im hinteren Teil des Gebäudes.

Der Heizlüfter verbreitete eine wohlige Wärme. Brooke schob einen Stuhl direkt davor und setzte das Mädchen darauf. Dann holte sie aus dem Nebenraum eine Heizdecke.

Als sie wieder in die Küche kam, war das hysterische Weinen des Mädchens zu einem Wimmern geworden. Seine Zähne klapperten. Brooke kniete sich hin und zog dem Mädchen die gefrorenen Tennisschuhe und die Windjacke aus. Dann legte sie ihm die Heizdecke um die Schultern und begann, die eisigen kleinen Füße zu reiben.

„Wie heißt du denn, Schätzchen?“ Der Schnee auf dem dunkelbraunen Haar des Mädchens war noch immer nicht ganz geschmolzen.

„Sarah.“

„Sarah – und weiter?“

Die Kleine rieb sich die Augen. „Weiß nicht.“

„Ich werde dir einen schönen warmen Kakao machen, ja?“

Brooke sprang auf, rührte Instantkakao in einen Becher mit Wasser und erhitzte ihn in der Mikrowelle.

Sarah trank den Kakao bis auf den letzten Tropfen aus. Sie war nicht nur durstig, sie war am Verhungern!

„Ich wette, das hat gut geschmeckt.“

Sarah nickte.

„Wo ist denn deine Mommy, Sarah?“

„Charlie sagt, ich habe keine Mommy.“

„Wer ist Charlie?“

„Er … er war wütend, weil … weil der Wagen kaputt gegangen ist.“

Brooke fiel auf, dass Sarah mit einem Südestaatenakzent sprach. Sie war also weit fort von zu Hause. „Als er ausstieg, bin ich aus der anderen Tür rausgeklettert und weggerannt.“ Sarahs Unterlippe zitterte. „Es war so kalt im Schnee. Ich … ich konnte nichts sehen.“ Sie begann wieder zu weinen. Dicke Tränen rollten aus ihren dunkelblauen Augen.

Brooke fühlte sich elend. Sie legte die Arme um das kleine Mädchen und wiegte es hin und her. „Ich passe auf dich auf. Alles wird gut.“

„Glaubst du, dass Charlie nach mir suchen wird?“

„Ich weiß nicht.“

„Er wird ganz wütend werden, wenn er mich findet. Du musst mir helfen, bitte!“, flehte Sarah.

Brooke spürte instinktiv, dass das Kind ihr nichts vormachte oder übertrieb – das Mädchen sagte die Wahrheit. Sie biss sich auf die Zunge, bevor sie sagte: „Er kommt nie wieder in deine Nähe. Glaubst du mir das?“

Statt einer Antwort umarmte Sarah Brooke.

„Hier drinnen ist es doch schon viel besser, was?“, fragte sie, um das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen.

„Ja.“

„Möchtest du ein paar Kekse?“

„Ja.“

Sie reichte dem Kind eine Tüte. „Iss, soviel du magst. Ich gehe nach nebenan und telefoniere mal kurz.“

„Du sollst nicht weggehen!“, rief Sarah voller Panik.

Brooke nahm sie auf den Arm, mitsamt Kekstüte und allem, und trug sie in den Nebenraum. Dort setzte sie sie auf den Verkaufstresen und wählte die Nummer der Polizei.

„Julia?“, fragte sie überrascht, als sie die Stimme ihrer Freundin hörte. „Wieso hast du heute Abend Dienst? Wollten wir uns nicht im Cornell’s treffen?“

„Ruth hat mich gebeten, bis neun für sie einzuspringen. Ich wollte dich gerade anrufen, um dir zu sagen, dass es etwas später wird.“

„Ich fürchte, ich kann nicht kommen. Ein Notfall.“

„Was ist los?“ Plötzlich klang Julias Stimme ganz dienstlich. Sobald sie die Geschichte gehört hatte, sagte sie, Brooke solle das Mädchen mit nach Hause nehmen. So schnell wie möglich würde sie dann einen Polizeibeamten vorbeischicken, damit er die Ermittlungen aufnehmen konnte. Allerdings konnte das noch einige Zeit dauern.

Es hatte eine Reihe von Autounfällen auf dem Highway gegeben, und die Ausfallstraßen mussten gesperrt werden. Alle Polizisten waren im Einsatz. Das Einzige, was Julia jetzt tun konnte, war, die State Police zu informieren.

Julia wurde dafür bezahlt, dass sie schnell dachte und die richtigen Entscheidungen traf. Da es in Yellowstone kein Krankenhaus gab, war es tatsächlich die beste Lösung, wenn Brooke Sarah mit zu sich nähme.

„Wer auch immer dieser Charlie ist …“ Brookes Stimme zitterte, „er hat diesem Kind etwas Fürchterliches angetan und sollte dafür bezahlen.“

„Ganz richtig“, murmelte Julie aufgebracht. „Das arme Ding. Was für ein Glück, dass du sie gefunden hast. Wir bleiben in Verbindung. Wenn ich abgelöst werde, kommen Kyle und ich zu dir rüber und sehen, ob wir dir irgendwie helfen können.“

„Das wäre nett.“ Brooke bedankte sich, legte auf und schloss Sarah wieder in die Arme. „Was hältst du davon, wenn du heute mit zu mir nach Hause kommst? Es ist nicht weit von hier. Wir machen uns was Leckeres zu essen. Klingt das gut?“

Sarah nickte.

„Aber vorher brauchst du noch was zum Anziehen. Such dir aus, was dir gefällt.“

Offensichtlich hatte das Mädchen noch nie entscheiden dürfen, was es tragen wollte. Zuerst schien sie nicht zu verstehen, aber nachdem Brooke sie ermunterte, suchte sie sich einen roten Pullover aus, Jeans, Cowboystiefel, einen Parka mit Kaputze. Während sie sich anzog, packte Brooke noch ein paar Sachen in eine Tüte.

„Mein Wagen steht gleich draußen. Es dauert eine Weile, bis die Heizung läuft, deshalb nehmen wir die Decke besser mit. Bist du soweit?“

Die Frage war überflüssig. Ihr kleiner Schatten folgte ihr aus dem Laden und umklammerte ihre Hand, als hing sein Leben davon ab.

2. KAPITEL

Das kleine, aber anheimelnde Haus lag zwischen Strauchkiefern eingekuschelt, am Rand von West Yellowstone. Neben einer Zentralheizung hatte es auch einen Kamin aus Feldsteinen, der im Notfall das ganze Haus im Winter warm halten konnte.

Irgendwie fand Brooke es tröstlich, dass sie an diesem Abend vor Weihnachten nicht allein sein würde. Das kleine Mädchen auf dem Beifahrersitz neben ihr brauchte sie. Das war ein schönes Gefühl. Und später würden ihre Freunde kommen.

„Sarah? Weißt du, dass morgen Weihnachten ist?“

„Was ist Weihnachten?“, fragte das Mädchen, als sie durch den Schnee zur Haustür stapften.

Ihre Frage zerriss Brooke das Herz. „Einen Moment, ich zeige es dir.“ Sie half Sarah die Stufen hinauf, dann schloss sie die Tür auf. Sobald sie den Lichtschalter drückte, erstrahlten die Kerzen am Weihnachtsbaum.

„Oh“, rief Sarah und betrachtete mit strahlenden Augen die Krippe. Fast ehrfurchtsvoll trat sie näher. „Da ist ein Baby drin!“

„Das ist das kleine Jesuskind. Morgen feiern wir seinen Geburtstag – wir nennen es Weihnachten. Es ist ein besonderer Tag, und deshalb beschenken wir die Menschen, die wir lieb haben. Nachher, wenn du im Bett bist, erzähle ich dir von Jesus und seinem Leben und wie er jeden von uns liebt und uns segnet, wenn wir Kummer haben.“

Sarah neigte den Kopf zur Seite. „Was ist segnen?“

„Er macht uns glücklich, wenn niemand anders es kann.“

Während Sarah über diese Erklärung nachdachte, legte Brooke eine CD mit Weihnachtsliedern auf. Bald war das Haus von Musik erfüllt.

Sarah lächelte und fragte leise: „Können wir bei dem Jesuskind schlafen?“

Brooke schluckte. „Wenn du möchtest … Ich zünde ein Feuer im Kamin an, dann gehen wir in die Küche und machen Abendessen. Hoffentlich magst du Hackbraten und Kartoffelgratin. Es ist schon fertig, wir brauchen es nur aufzuwärmen.“

Das Mädchen hopste auf und ab, wie ein Kind, das glücklich ist. Das rührte Brooke ganz besonders.

„Was ist Grat…?“

„Schwer zu erklären. Eins meiner Lieblingsgerichte. Probier es einfach, dann wirst du sehen, wie gut es schmeckt.“

Während Sarah den Tisch deckte, kümmerte Brooke sich um das Essen und bereitete heißen Apfelpunsch zu, gewürzt mit Zimt und Nelken.

Sarah nahm sich gerade die zweite Portion Kartoffelgratin, als es an die Haustür klopfte. Voller Panik riss Sarah die Augen auf. „Vielleicht ist das Charlie!“, schrie sie und ließ die Gabel fallen. Im nächsten Augenblick stürzte sie auf Brooke zu und klammerte sich an sie. „Ich hab Angst! Sag ihm, er soll weggehen!“

Brooke drückte sie an sich und versuchte, ihre eigene Furcht zu verbergen. „Sicher sind das nur meine Freunde. Sie wollten heute Abend noch vorbeikommen.“

Julia hatte ganz klar gesagt, dass die Polizei nicht mehr an diesem Abend kommen würde. Und Julias Dienst war noch nicht vorbei. Vielleicht war es ein Nachbar, obgleich Brooke das nicht glaubte. Um diese Zeit waren alle entweder zu Hause oder im Cornell’s.

Es war nicht auszuschließen, dass dieser Unmensch Sarah bis hierher verfolgt hatte.

„Charlie wird keine Gelegenheit bekommen, dir wehzutun“, verprach Brooke grimmig. „Aber zur Sicherheit bleibst du hier drin, bis ich weiß, wer da ist.“

Zum ersten Mal machte das Mädchen keine Anstalten, ihr zu folgen.

Mit klopfendem Herzen ging Brooke ins Wohnzimmer. Sie nahm den Schürhaken, der vor dem Kamin hing in beide Hände. Wenn dieser Charlie Ärger wollte, konnte er ihn bekommen!

Wieder klopfte es an die Tür. Wenn es einer der Nachbarn wäre, hätte er sich bestimmt schon durch Rufen bemerkbar gemacht.

Brooke ging zum Fenster, um nach draußen zu spähen, doch der Schnee fiel so dicht, dass sie nichts erkennen konnte. „Stille Nacht, heilige Nacht …“ klang durch den Raum. Die Ironie der Situation brachte Brooke aus dem Gleichgewicht. „Wer ist da?“, rief sie laut.

„Deputy Marshal McClain.“

McClain. McClain …

So hieß doch Julias Cousin, der beim FBI war. Was machte der denn am Abend vor Weihnachten in West Yellowstone? Vielleicht hatte sie ihn nicht richtig verstanden.

Das FBI hatte wichtigere Dinge zu tun, als die Aufgaben der örtlichen Polizei zu übernehmen. Mehr und mehr wuchs in Brooke der Verdacht, dass Charlie draußen vor der Tür stand und sich als Marshal ausgab.

„Mir wurde gesagt, Sie hätten ein Kind in der Stadt aufgelesen. Ich möchte mit Ihnen und der Kleinen sprechen.“ Seine tiefe, melodische Stimme hatte etwas Sympathisches, was Brooke noch misstrauischer machte.

Ich wette, dass Sie das möchten.

Sie hob den Schürhaken, schaltete die Außenbeleuchtung ein und öffnete langsam die Tür. Sie musste ein ganzes Stück hochblicken, um in die leuchtendblauen Augen des Mannes zu sehen, der sie so durchdringend musterten, dass es ihr den Atem raubte. Dieselbe Wirkung hatten seine rauen Gesichtszüge und seine athletische Figur. Im Licht der Weihnachtsbeleuchtung blitzte die Polizeimarke an seinem Parka auf.

Er zeigte ihr seinen Dienstausweis. „Frohe Weihnachten, Brooke Longley.“ Provozierend zuckte es um seine Mundwinkel.

„Sie sind wirklich Julias Cousin! Ich habe Ihnen zuerst nicht geglaubt, weil Julia sagte, dass Sie nicht hier in der Gegend arbeiten.“

„Normalerweise nicht, nein.“

Brooke starrte ihn weiter an. Plötzlich schossen ihr einige Äußerungen Julias durch den Kopf.

Ehrlich, Brooke, mit deinem blonden Haar und deinen grünen Augen haust du jeden Typen um. Warum gibst du den Männern keine Chance? Du scheinst genau so ein eingeschworener Single zu sein wie mein Cousin.

Er ist nicht nur der attraktivste Junggeselle in ganz Montana, er hat auch von allen männlichen Wesen auf dem ganzen Planeten den größten Horror vor einer Bindung. Ihr beide würdet ein gutes Paar abgeben, weißt du das? Wenn ihr nur nicht so verdammt verbohrt wäret, würdet ihr wahrscheinlich herausfinden, dass ihr wie füreinander geschaffen seid.

„Entschuldigen Sie“, murmelte Brooke, als ihr bewusst wurde, dass sie immer noch den Schürhaken umklammerte. Verlegen ließ sie den Arm sinken. „Bitte kommen Sie herein.“

„Danke.“

Es war lange her, seit ein Mann ihr Interesse geweckt hatte. Er musste Mitte dreißig sein. Im Vergleich zu ihm kam ihr Mark wie ein unreifer Junge vor.

Es schockierte sie, welche Richtung ihre Gedanken nahmen, und das gerade in dieser Situation. Julias Cousin hatte sicher seine Gründe dafür, warum er sich nicht fester mit einer Frau einlassen wollte. Sie konnte es verstehen. Nachdem Mark sie zurückgewiesen hatte, hatte sie auch keine Lust, sich jemals wieder der Gefahr einer solchen Verletzung auszusetzen.

Während sie den Schürhaken an die Wand neben dem Kamin zurückhängte, kam McClain herein und schloss die Tür hinter sich. Er ließ den Blick über den Weihnachtsbaum gleiten, und seine Augen leuchteten genau wie Sarahs. Tief atmete er den würzigen Duft ein, der aus der Küche kam. Brooke hatte das Gefühl, dass er lange draußen im Sturm gewesen war und die kleine Atempause genoss.

„Machen Sie es sich bitte bequem.“ Sie schaltete eine Lampe an, damit sie mehr Licht hatten.

„Schade“, murmelte er, während er sich seines Parkas entledigte. „Ich hatte das Gefühl, geradewegs in eine Weihnachtskarte hineingestolpert zu sein. Sie wissen, was ich meine. Ein kleines Häuschen mitten im Wald. Durch die vereisten Scheiben fällt Licht nach draußen, warm und einladend, wie im Märchen.“

Genauso empfinde ich mein Zuhause. Merkwürdigerweise bekam sie eine Gänsehaut. Sie hielt den Atem an, als er die Mütze abnahm und sie sein dichtes Haar sah, das im Feuerschein kastanienbraun glänzte. Er war noch attraktiver, als sie gedacht hatte. Julia hatte nicht übertrieben, was seine männliche Erscheinung anging. Im Gegenteil …

„Wo ist die Kleine?“

„Sie hält sich in der Küche versteckt. Was machen Sie hier in West Yellowstone? Wenn ich mich recht erinnere, sagte Julia, dass Ihre Familie in Great Falls lebt.“

Er ließ sich in einen Sessel sinken. „Das stimmt. Aber ich gehöre zu einer Spezialeinheit, die überregional eingesetzt wird. Ich bin selten zu Hause.“

Weil Sie es nicht wollen? Obgleich es Brooke nichts anging, war sie gegen ihren Willen fasziniert von diesem unnahbaren Mann.

„Ich verfolge eine Spur in einem Fall, der zwei Jahre alt ist. Das hat mich heute Abend in diese Stadt geführt. Als ich das fragliche Fahrzeug verlassen mitten auf der Straße fand, rief ich die örtliche Polizei an, und Julia hatte gerade Dienst. Sie erzählte mir von dem Mädchen, das Sie gefunden haben, und die Puzzleteile fügten sich auf einmal zusammen. Besonders, als ich hörte, dass das Kind ungefähr fünf Jahre alt ist und einen Südstaatenakzent hat. Ich ordnete umgehend eine Fahndung an nach dem Fahrer des Wagens und sagte Julia, dass ich herfahren würde, um mit dem Mädchen zu sprechen. Sie könnte uns wichtige Informationen geben.“

Brooke presste ihre Handflächen zusammen. „Im Augenblick hat Sarah solche Angst, dass sie Ihnen wahrscheinlich keine große Hilfe sein kann. Darf ich fragen, worum es sich handelt, bevor ich sie hereinhole?“

McClain sah sie nachdenklich an, dann nickte er. „Ich habe den Verdacht, dass die Kleine das Kind ist, das vor einigen Jahren von zwei Kriminellen aus Mississippi entführt worden ist.“

Brooke schnappte hörbar nach Luft.

„Sie entkamen, als sie von FBI-Agenten über die Staatsgrenze gebracht wurden.“

Bei dem Gedanken daran, dass Sarah in der Gewalt von solchen Irren gewesen war, konnte Brooke nicht still sitzen bleiben.

„Zuletzt wurden sie in Utah gesehen, und dort bin ich auf sie angesetzt worden.“ Er senkte die Stimme blickte vorsichtig in Richtung Küche. „Die Mutter des Mädchens wurde von einem der beiden in Mississippi erschossen.“

„Sie meinen, Sarahs Mutter ist tot?“, flüsterte Brooke. Unwillkürlich stiegen ihr die Tränen in die Augen.

„Ja. Sie war nicht verheiratet, und wir wissen nicht, wer der Vater ist. Irgendwo in Utah trennten die beiden Verbrecher sich, oder vielleicht hat der eine den anderen umgebracht. Bis jetzt ist keine Leiche gefunden worden. Einer der beiden hat sich als Vater des Mädchens ausgegeben.“

Brooke schauderte vor Entsetzen. „Sarah nennt ihn Charlie, aber sie hat nicht gesagt, dass er ihr Vater ist. Er hat ihr nur erzählt, dass sie keine Mutter hat. Ihren Nachnamen weiß sie nicht.“

Er presste die Lippen zusammen. „Das würde passen, aber ich will keine voreiligen Schlüsse ziehen. In den letzten zwei Jahren haben wir viele Hinweise bekommen, die sich als falsch herausstellten. Dennoch, wenn dieser Charlie einer der beiden Entführer ist, und wenn er die entsprechende Ausrüstung hat, wo könnte er sich im Winter besser verstecken als im Yellowstone Park?“

Brooke ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Sarah sagte, der Wagen hatte eine Panne. Als der Mann ausstieg, ist sie davongerannt, so schnell sie konnte.“

„Sie muss eine panische Angst vor ihm haben, wenn sie lieber in diesen Schneesturm hinausgelaufen ist.“ Er rieb sich die Unterlippe mit dem Daumen. „Erzählen Sie mir, wie Sie sie gefunden haben.“

Brooke gab ihm alle Informationen, die sie hatte.

„Ich möchte mit ihr sprechen, aber ich will sie nicht erschrecken. Offensichtlich vertraut sie Ihnen. Wie sollten wir vorgehen?“

Andere Vertreter des Gesetzes hätten es Brooke wahrscheinlich übel genommen, wenn sie ihnen mit einem Schürhaken entgegengetreten wäre, nicht dagegen dieser Mann. Er nahm es gelassen hin und bat sie um ihre Mitarbeit.

„Es wäre besser, wenn Sarah glauben würde, dass Sie nur ein alter Freund von mir sind, der auf Besuch vorbeigekommen ist. Aber …“

„Einverstanden“, unterbrach McClain sie und zog ein Handy heraus. „Übrigens hat Julia mir so viel von Ihnen vorgeschwärmt, dass ich fast das Gefühl habe, Sie schon zu kennen.“

Brooke wurde rot, was ihn zu amüsieren schien. Um seine Mundwinkel zuckte es.

„Ich weiß auch einiges über Sie“, gab sie zurück. „In Julias Augen sind Sie eine lebende Legende.“

„Wirklich?“ Sein Grinsen zeigte, dass er weder sich selbst noch die Worte seiner Cousine ernst nahm.

„In Ihrem Job riskieren Sie dauernd Ihr Leben. Es ist Weihnachten. Während andere Männer sicher zu Hause sitzen und den Tannenbaum schmücken, jagen Sie Verbrechern nach. Ich bewundere das.“

In seinen Augen lag ein rätselhafter Ausdruck, bevor er erwiderte: „Das können Sie mir erzählen, wenn ich den Kerl geschnappt habe. Aber da wir gerade Komplimente austauschen – ich rechne es Ihnen hoch an, dass Sie Sarah gerettet haben.“

„Das hätte jeder andere auch getan!“

Er schüttelte den Kopf. „Schön, wenn es so wäre, aber aus Erfahrung weiß ich es besser. Sie haben ohne zu zögern das Mädchen bei sich aufgenommen. Die meisten Leute würden das als Zumutung empfinden und sich weigern, ganz besonders am Abend vor Weihnachten.“

„In Wirklichkeit bin ich froh, dass ich diejenige war, die Sarah gefunden hat. Ohne sie wäre ich heute Abend allein.“ Sie merkte, dass ihre Stimme zitterte. Verdammt.

„Meine Cousine sagte, dies sei Ihr erstes Weihnachtsfest ohne Ihren Vater.“

„Das stimmt.“

„Und Sie sagte auch, dass vor einem Jahr um diese Zeit Ihre Verlobung auseinandergegangen ist.“

Julia! Brooke wandte den Blick ab.

3. KAPITEL

„Tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahegetreten bin. Sie müssen wissen, ich bin auch durch die Hölle gegangen. Ich war mit einer Frau zusammen und wollte sie heiraten. Aber dann … Glauben Sie mir, ich verstehe, wie trostlos Festtage sind, wenn man sie mit niemandem teilen kann.“

Das kam für Brooke völlig überraschend. Wahrscheinlich hatte Julia keine Ahnung, wie nahe ihr Cousin daran gewesen war, zu heiraten. Anscheinend hatte er mit niemandem darüber sprechen wollen.

„Wenn Sarah glauben soll, dass wir zwei alte Bekannte sind, sollten wir mehr voneinander wissen“, bemerkte er.

„Das stimmt“, meinte Brooke leise.

Er steckte das Handy wieder in die Tasche seines Parkas, beugte sich vor und betrachtete sie eindringlich. „Dank meiner Cousine wissen wir schon einiges. Den Rest sollten wir jetzt nachholen. Falls Julia es nicht erwähnt hat, ich heiße Vance. Wir müssen uns natürlich duzen. Fangen wir am besten gleich damit an.“

„Okay, Vance. Du bist sechsunddreißig.“

Er lächelte amüsiert. „Richtig. Ich wuchs auf einer Ranch auf, ein paar Meilen südlich von Greeat Falls, Montana. Ich habe drei Brüder, alle sind verheiratet und haben Kinder. Sie helfen Dad, die Ranch zu bewirtschaften. Ich bin das schwarze Schaf in der Familie.“

„Da sagt Julia aber das Gegenteil. Sie hält dich von den begabtesten und tüchtigsten ihrer Cousins. Du bist der Grund dafür, warum sie bei der Polizei arbeitet. Wusstest du das nicht?“

„Das ist mir neu, aber ich muss zugeben, dass ich mich geschmeichelt fühle. Tatsache ist, dass es lange gedauert hat, bis ich meinen Weg gefunden habe. Ich habe mein Ingenieursstudium an der Universität von Utah abgeschlossen, aber danach reizte es mich nicht mehr. Ich sehnte mich nach Abenteuern.“

„Das ist doch kein Grund, sich als schwarzes Schaf zu fühlen.“

„Ein guter Freund riet mir, zur Polizei zu gehen. Aber nach einer gewissen Zeit interessierte mich auch die Polizeiarbeit in einer Großstadt nicht mehr. Ich brauchte eine größere Herausforderung, auf keinen Fall einen Bürojob.“

Brooke lächelte. „Das erinnert mich an meinen Vater. Er wuchs in New York auf und wurde Broker in der Wall Street. Irgendwann hatte er das Gefühl, im Stress zu ersticken, wusste aber keinen Weg da raus. Als er dann auf einer Urlaubsreise nach West Yellowstone kam, hatte er das Gefühl, das Paradies gefunden zu haben. Also zog er her und übernahm dieses Geschäft. Er hat es nie bereut. Es hat einen neuen Menschen aus ihm gemacht, sagte er immer. Hier hat er auch meine Mutter kennengelernt und geheiratet. Die Leute, die ihn aus New York kannten und ihn hier besuchten, konnten nicht fassen, wie sehr er sich verändert hatte. Er war endlich zufrieden.“

Vance nickte. „Das Gefühl kenne ich. Ich hätte deinen Vater gern kennengelernt. Klingt so, als hätten wir eine Menge gemeinsam. Als ein Polizeibeamter in Great Falls meinte, ein Job beim FBI könnte für mich das Richtige sein, habe ich mich darum gekümmert und stellte fest, dass er recht hatte. Seitdem bin ich beim FBI.“

„Solange du dabei glücklich bist, ist das doch okay.“

„Und was ist mit dir? Befriedigt es dich, das Geschäft deines Vaters weiterzuführen?“

Als er ihr sein umwerfendes Lächeln schenkte, schlug Brookes Herz einen Purzelbaum. Nein. Das kann doch nicht wahr sein, dass das passiert. Nicht, wo ich mir geschworen habe, nie wieder …

„Ja und nein. Ich bin ein Einzelkind, und meine Eltern waren nicht mehr die Jüngsten, als ich geboren wurde. Ich bin ausgebildete Englischlehrerin und habe ein Jahr lang in Japan unterrichtet. Dann wurde meine Mutter lungenkrank, und ich suchte einen Job hier in Montana, damit ich mich um sie kümmern konnte.“

Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie räusperte sich. Verdammt.

„Nachdem meine Mutter gestorben war, half ich meinem Vater im Geschäft. Er hat nie aufgehört, um sie zu trauern. Letztes Jahr bekam er einen Herzanfall. Seitdem führe ich das Geschäft allein. Das ist alles.“

Vance sah sie voller Mitgefühl an, und sie musste den Blick abwenden.

„Du hast eine Menge durchgemacht. Es tut mir leid.“

„Ist schon okay.“ Sie warf den Kopf zurück. „Das Schlimmste habe ich hinter mir. Wenn ich meine Situation mit Sarahs vergleiche, habe ich überhaupt keinen Grund zur Klage.“

„Das dachte ich auch gerade. Also, jetzt, da wir Freunde sind …“ zwinkerte er ihr zu, „muss ich dir sagen, dass ich am Verhungern bin. Wie wäre es, wenn du mich zum Festessen einlädst?“

Brooke sah ihn verdutzt an. „Was für ein Festessen?“

„Das, was ich gerochen habe, als du die Tür aufgemacht hast. Seitdem läuft mir das Wasser im Mund zusammen.“

Brookes Herz schlug schneller. „Es ist nur Hackbraten mit Kartoffelgratin.“

„Hat Julia dir erzählt, dass das mein Lieblingsgericht ist?“

Sie wusste nicht, ob er sie auf den Arm nahm oder nicht. Aber ein eingeschworener Junggeselle war vermutlich ständig auf der Hut vor den Fallen der Frauen.

„Bilde dir nicht zu viel ein, so ins Detail gegangen ist sie nun auch wieder nicht. Sie hat nur immer wieder betont, dass du ebenso sehr gegen eine feste Bindung bist wie ich.“

Er grinste amüsiert. „Ein Glück. Das bedeutet, dass sie endlich ihre Kuppelversuche aufgegeben hat.“

Brooke nickte. „Bei mir hat sie es auch ein paarmal versucht, ohne Erfolg. Du glaubst doch nicht, dass sie Hintergedanken dabei hatte, als sie dich heute Abend hierher geschickt hat?“ Aus irgendeinem Grunde reizte es sie, ihn herauszufordern.

Sein Gesicht zeigte keine Regung. „Es war meine Idee, hierher zu kommen, aber zweifellos ist Julia schon dabei, unsere Hochzeit zu planen.“

Brooke nickte. „Und vermutlich weiß sie auch schon, wie viele Kinder wir bekommen und wo wir leben werden.“ Spöttisch fügte sie hinzu: „Man darf es ihr nicht allzu übel nehmen. Sie und Kyle sind frisch verheiratet und wissen nichts von der Kehrseite der Leidenschaft.“

„Da hast du recht“, murmelte er mit so tiefer Überzeugung, dass Brooke wusste, seine Verletzung ging so tief wie ihre. Auch er hatte sich verbrannt, und sie hatte plötzlich keine Lust mehr, ihn zu provozieren.

„Ich glaube, wir sollten uns jetzt mal um Sarah kümmern. Wenn du deine Marke und die Waffe ablegst, merkt sie vielleicht gar nicht, dass du von der Polizei bist. Verstau deine Sachen im Schrank in der Halle.“

Wieder musterte er sie abschätzend. „Gute Idee, Ms. Longley. Und wenn ich euch beschützen muss, kann ich mir immer noch den Schürhaken über dem Kamin schnappen.“

Die Bemerkung ernüchterte Brooke schlagartig. „Glaubst du, der Mörder ist immer noch da draußen und sucht Sarah?“

Er wurde ernst. „Wahrscheinlich nicht. Er ist auf der Flucht, und da Sarah ihm entkommen ist, läuft er einfach weiter. Ich habe so ein Gefühl, dass er zum Nationalpark will. Wir werden ihn erwischen.“

Die Überzeugung in seiner tiefen Stimme ließ Brooke erschauern. Sie konnte plötzlich die Angst eines Menschen nachvollziehen, der sich auf der falschen Seite des Gesetzes befand und McClain zum Gegner hatte. Er strahlte so viel ungebrochenes Selbstbewusstsein und Autorität aus, wie es nur wenige Männer taten.

Um ihre Hände zu beschäftigen, legte sie eine weitere CD ein. „Ich sage Sarah, dass du zum Abendessen bleibst.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie in die Küche. „Sarah?“, rief sie. „Du brauchst keine Angst zu haben. Es ist nur ein guter Freund von mir, der mal vorbeischauen wollte …“ Sie verstummte, als sie keine Spur von ihrem kleinen Gast entdeckte.

Vielleicht versteckte Sarah sich unter dem Tisch. Brooke hob das Tischtuch an, doch auch dort war nichts. Bitte lass sie nicht vor Angst durch die Hintertür in den Schneestrum hinausgelaufen sein.

Voller Panik wirbelte Brooke herum, dann fiel ihr ein Stein vom Herzen, als sie feststellte, dass die Hintertür noch verschlossen war. „Sarah? Wo bist du, Schatz?“

„Hier“, kam eine ängstliche Stimme aus dem Abstellraum.

Vorsichtig öffnete Brooke die Tür. Sarah hatte sich hinter dem Staubsauger versteckt, nur einer ihrer neuen Stiefel war zu sehen. Wieder versetzte es Brooke einen Stich, was dieses kleine Kind durchmachen musste. „Alles okay, Liebling. Charlie ist fort. Du kannst jetzt herauskommen. Mein Freund Vance will den Heiligabend mit uns verbringen. Er ist wirklich nett.“

„Und er kann auch sehr gut Geschichten erzählen“, ließ sich eine tiefe, männliche Stimme hinter Brookes Rücken vernehmen. Sie meinte, seine Nähe mit ihrem ganzen Körper wahrzunehmen. „Ich kenne sogar eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte, die ich immer meinen Neffen und Nichten erzähle.“

Sein sanfter Tonfall berührte Brooke. Und offensichtlich auch Sarah, denn bald kamen zwei kleine Stiefel zum Vorschein, als sie hinter dem Staubsauger hervorkrabbelte.

„Was für eine Geschichte?“

„Von einem einsamen Baum im Wald.“

Sarah machte mutig einen Schritt vorwärts. „Warum ist er einsam?“

„Ein gewaltiger Schneesturm wie der hier heute Abend hat alle anderen Bäume umgerissen. Deshalb steht der kleine Baum ganz allein auf dem Berg.“

„Was macht er denn dann?“

Brooke musste gegen ihre Tränen ankämpfen. Sarah stand jetzt an der Schranktür. Vances Stimme und seine Geschichte hatten sie ihre Furcht vergessen lassen.

„Setzen wir uns doch an den Tisch, dann erzähle ich weiter. Ich habe nämlich Hunger, und Brookes Hackbraten riecht so lecker. Es ist mein Lieblingsgericht.“

Sarah lächelte. „Meins auch.“

„Habt ihr noch was für mich übrig?“

„Haben wir?“, fragte Sarah Brooke eifrig und griff nach ihrer Hand.

Es rührte Brooke. „Ich glaube schon. Wenn es nicht reicht, stopfen wir ihn mit Waffeln voll.“

„Die schmecken toll. Besonders mit Blaubeermarmelade. Brooke hat sie selbst gemacht!“, verkündete Sarah stolz.

Vances Augen leuchteten auf, als er Brooke ansah. „Tatsächlich? Zufällig sind Blaubeeren die Früchte, die ich am liebsten mag auf der ganzen Welt.“

„Wirklich?“ Sarah machte runde Augen.

„Wirklich. Sie wachsen nur an ganz bestimmten Stellen. Man hat Glück, wenn man sie findet. Als ich so alt war wie du, sind meine Brüder und ich immer in den Wald gegangen und haben danach gesucht. Wir durften so viele verdrücken, wie wir wollten, und den Rest haben wir mit nach Hause genommen und zu Pfannkuchen gegessen.“

„Was sind Pfannkuchen?“

„Wenn du das nicht weißt, können wir Brooke bestimmt dazu überreden, uns morgen welche zum Frühstück zu machen.“

Sarah klatschte in die Hände. Mit strahlenden Augen fragte sie: „Kann Vance hierbleiben?“ Während Brooke wie erstarrt dastand, fuhr sie fort: „Wir schlafen unter dem Weihnnachtsbaum. Brooke hat es versprochen.“

„Da habe ich zuletzt getan, als ich ein kleiner Junge war.“ Dann flüsterte er in Brookes Ohr: „Ich glaube zwar, dass Charlie schon über alle Berge ist, aber man kann nie hundertprozentig sicher sein. Deshalb ist es besser, wenn ich heute Nacht hierbleibe, um euch zu beschützen.“

4. KAPITEL

Obwohl Vance das sicher nur aus Pflichtgefühl heraus sagte, wurde Brooke rot. „Einverstanden“, antwortete sie mit zittriger Stimme. „Sarah, leg doch noch ein Gedeck für Vance auf.“

Sarah nickte und ging zur Schublade mit dem Besteck. Im Augenblick hatte sie ihre Angst ganz vergessen. Vance kann so gut mit Kindern umgehen, dass mancher Vater ihn darum beneiden könnte, dachte Brooke.

Während sie am Backofen beschäftigt war, fühlte sie seinen Blick auf sich, doch sie vermied es, ihn zu erwidern. Eine Minute später saßen sie am Tisch, und Vance widmete sich mit einer derartigen Konzentration seinem Essen, dass Brook vermutete, er habe schon seit Ewigkeiten nichts mehr bekommen.

Brooke beobachtete ihn von der Seite, während sie an ihrem heißen Appfelpunsch nippte. Sarah fand ihn offensichtlich auch faszinierend. Warum auch nicht? Er war bestimmt der attraktivste Mann in ganz Montana, wenn nicht sogar in den Staaten. Und Brooke musste es wissen. Tausende von gutaussehenden Amerikanern und Ausländern waren im Laufe der Jahre in Longleys Laden gewesen. Mark war einer von ihnen gewesen, ein Student mit sonnengebräunter Haut und sonnengebleichtem Haar, das typisch war für die Surfer aus Kalifornien. Und Brooke war voll darauf hereingefallen.

Dieser dunkelhaarige Mann ihr gegenüber, der gerade mit dem Zeigefinger auf Sarahs Grübchen zeigte, hatte keine Tricks nötig, um in ihr ein Feuer zu entzünden. Sein athletischer Körperbau, seine Stimme machten Wackelpudding aus ihr. Während ihr Blick über sein intelligentes Gesicht glitt, stellte sie fest, dass die harten Linien um seinen Mund herum ihn nur noch attraktiver machten. So ein Mann müsste verboten werden …

„Hast du etwas gesagt, Brooke?“

Du liebe Zeit! Habe ich das? Wieder wurde ihr heiß. „Sarah und ich möchten gern den Rest der Geschichte hören, stimmts, Schatz?“, überspielte sie ihre Verlegenheit.

Das kleine Mädchen nickte.

„Okay. Wo waren wir stehen geblieben?“

„Beim Sturm, als der Baum ganz allein auf dem Berg stand“, erinnerte ihn Sarah.

„Der Baum“, begann Vance,„stand jahrelang da oben. Als er älter wurde, spendete er den Menschen Schatten, und er bot einer Familie von Eichhörnchen und Rotkehlchen Obdach. Kinder kletterten in ihm herum. Manche Menschen machten aus seinen Blättern Medizin für Kranke, und einige aus dem Dorf sägten abgestorbene Äste ab, um damit ein warmes Feuer im Ofen zu machen.“

„Es war ein netter Baum, nicht wahr, Vance?“

„Es war der beste“, bekräftigte er. „Aber der Baum hatte immer noch nicht das Gefühl, wirklich wichtig zu sein. Nicht bis zum Heiligabend.“

„Was passierte da?“ Sarah war so von der Geschichte gepackt, dass sie von ihrem Stuhl heruntergerutscht und neben Vance getreten war. Er legte ihr einen Arm um die Schulter und beugte vertraulich den Kopf zu ihr hinunter. „Ein Junge war geboren worden. Ein ganz besonderer Junge. Er brauchte ein Bett, aber seine Eltern hatten keines. Also ging sein Vater zu dem Berg und fällte den einzigen Baum, um daraus eine Wiege zu machen.“

„Hat der Baum da geweint?“

„Nein, Schätzchen.“ Er verwuschelte ihr das Haar. „Der Baum ist nicht seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen.“

„Wieso?“

„Weil aus seinem Holz ein Bettchen für das Jesuskind gemacht wurde.“

„Ich weiß!“, rief Sarah und hüpfte aufgeregt auf und ab. „Brooke hat mir das Baby gezeigt. Komm mit und sieh es dir an!“ Sie zog an Vances Arm.

In einem unbewachten Augenblick suchte Vance Brookes Blick. Seine Augen schienen zu sagen, dass auch er Sarah als ein ganz besonderes kleines Mädchen betrachtete, das verzweifelt die Liebe und Aufmerksamkeit anderer Menschen brauchte nach allem, was sie in den letzten zwei Jahren hatte erdulden müssen. Und sein Blick schien zu versprechen, dass er alles in seiner Macht Stehende tun würde, um mit dieser heiklen Situation so feinfühlig wie möglich umzugehen. Brookes Bewunderung für ihn stieg. Vance McClain war kein gewöhnlicher Mann.

Irgendwie hatte sie weiche Knie, als sie vom Tisch aufstand und ihm und Sarah ins Wohnzimmer zur Krippe folgte.

„Wieso hat Jesus keine Angst vor Hunden?“, fragte Sarah und deutete auf die Tiere im Stall.

Brooke kniete sich neben sie. „Das sind Kühe, Kleines. Jesus kam in einem Stall zur Welt, in einem Kuhstall. Die Kühe geben Milch.“

„Beißen sie?“

„Nein. Sie sind gutmütig. Und auch sie lieben das kleine Jesuskind.“

Sarah legte einen Arm um Brookes Nacken. „Hast du einen Hund?“

„Nein.“

„Ich mag keine Hunde.“

„Warum nicht?“

„Charlies Freund hatte einen Hund, und der sah aus wie diese Kühe. Er sagte, er wird mich beißen, wenn ich aus dem Haus gehe.“

Gütiger Himmel.

Brooke unterdrückte ein Schluchzen.

„Was ist aus dem Mann und seinem Hund geworden?“, fragte Vance ruhig.

„Weiß nicht. Charlie und der Mann haben sich gestritten. Dann hat Charlie mich gezwungen, in das Auto zu steigen.“

„Und danach hast du den anderen Mann nie wieder gesehen?“

„Nein. Aber vielleicht kommt er und findet mich. Ich habe Angst!“ Sie verbarg das Gesicht an Brookes Schulter und klammerte sich an sie.

„Hab keine Angst, Sarah. Diese Männer wissen nicht, wo du bist. Außerdem passe ich auf, dass sie nie wieder in deine Nähe kommen“, erklärte Vance mit einer Stimme, die Brooke eine Gänsehaut verursachte.

Sarah hob den Kopf und sah Vance vertrauensvoll an. „Versprochen?“

Er hockte sich nieder. „Ich würde dich niemals anlügen, und schon gar nicht am Heiligabend“, gelobte er feierlich.

„Du hast vor nichts Angst, was?“

Brooke hörte, wie er scharf den Atem einzog. „Doch, natürlich hab ich das.“

„Wirklich?“

„Ja. Zum Beispiel habe ich Angst, Brooke könnte dich ganz für sich haben wollen und mich heute Nacht nicht hierbleiben lassen.“

Brooke hatte ihm ja schon gesagt, dass er bei ihr übernachten könne, aber er wollte offenbar auch Sarahs Einwilligung.

Sarah sah Brooke flehend an. „Er darf auch hierbleiben, stimmts, Brooke?“

Aber nur für eine Nacht. Nur dieses eine Mal. Und nur um Sarahs willen. „Selbstverständlich ist er willkommen. Er kann den Schlafsack meines Vaters haben und sich damit neben den Baum legen. Wir beide nehmen die Schlafcouch.“

„Was ist denn das?“

„Eine Schlafcouch? Das ist eine Couch, in der ein Bett versteckt ist.“

Sarah starrte die Couch an, die beim Baum stand. „Wo denn? Ich sehe keins.“

„Na klar, weil es versteckt ist“, sagte Vance amüsiert, stand auf und klappte die Couch auf.

Sarah klatschte begeistert in die Hände. „Dann kann ich den Baum die ganze Nacht lang ansehen.“

„Wenn dir nicht die Augen zufallen“, gab Vance zu bedenken. „Sie sehen schon ganz schön müde aus.“

„Wirklich?“

Er lachte leise, und der warme Klang seiner Stimme ging Brooke unter die Haut. Alles, was er sagte oder tat, beschäftigte sie viel zu sehr.

„Komm mit, Sarah. Wir machen uns fertig zum Schlafengehen.“ Das merkwürdige Glitzern in Vances Augen verursachte ihr wieder weiche Knie.

„Inzwischen mache ich den Abwasch“, erklärte er.

„Das ist nicht nötig“, entgegnete Brooke.

„Ich habe immer noch Hunger.“ Er stieß ein Knurren aus, und Sarah kicherte. Vance grinste. „Du willst mir doch nicht die Möglichkeit nehmen, die Reste zu verdrücken, oder?“

Der Charme dieses Mannes raubte Brooke den Atem. „Bedien dich, du kannst dir nehmen, was du willst“, sagte Brooke, bevor ihr klar wurde, wie zweideutig sich das anhörte.

„Im Ernst?“, gab er gedehnt zurück.

Verlegen nahm Brooke Sarahs Hand und zog sie mit sich zur Treppe. „Ich habe vom Essen gesprochen“, rief sie über die Schulter. Dann eilte sie fast fluchtartig die Stufen hoch.

„Du enttäuschst mich, Brooke. Erst weckst du solche Hoffnungen in mir, und dann …“

Sie knallte die Schlafzimmertür hinter sich zu.

„Bist du wütend?“ Sarah blickte ängstlich zu ihr auf.

Brooke hätte sich selbst ohrfeigen mögen. „Nein, Kleine“, versicherte sie schnell. „Überhaupt nicht. Manchmal sagt Vance Dinge, die ich nicht hören will. Deshalb habe ich die Tür zugeschlagen. Damit er weiß, wie ich das finde. Aber ich könnte nie wütend auf ihn sein. Um ehrlich zu sein, ich wette, dass er sich gerade totlacht.“

Sarah lächelte. „Ich mag ihn.“

„Ich auch.“

Sarah sah zu, während Brooke sich auszog und in ein langes Flanellnachthemd schlüpfte. „Ich wünschte, er wäre mein Daddy und du meine Mommy.“

Oh Sarah. Du armes Ding. Du bist so ausgehungert nach Liebe, dass du jeden lieben würdest, der nett zu dir ist. „Wenn ich eine Tochter hätte, wäre ich glücklich, wenn sie wäre wie du.“

„Ich habe keine Mommy. Kann ich deine Tochter sein?“

Brooke räusperte sich. „Ich bin nicht verheiratet, Sarah.“

„Du kannst Vance heiraten.“

„Vance will nicht heiraten.“ Das machte Brookes Laune nicht gerade besser. „Nun komm in die Badewanne und lass dir das Haar waschen.“

Das lenkte Sarah ab, sodass sie keine weiteren Fragen mehr stellte. Zehn Minuten später kam sie aus dem Wasser, blitzblank geschrubbt und mit glänzendem braunen Haar, das Brooke zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.

Nachdem sie sich die Zähne geputzt hatte, zog Brooke den rotweißen Weihnachtspyjama und die passenden Hausschuhe aus der Einkaufstüte, die sie aus dem Geschäft mitgebracht hatte. „Mal sehen, ob das passt.“

Bald stolzierte die Kleine mit dem Rentier Rudolf auf der Vorderseite des Pyjamas herum. „Kann ich das Vance zeigen?“, rief sie stolz.

„Natürlich. Lauf runter.“

Während Sarah durch die Stäbe des Treppengeländers nach ihm rief, schnappte Brooke sich Kissen und Decken, den Schlagsack und eine Luftmatratze für Vance.

Als sie alles ins Wohnzimmer brachte, hatte Vance schon das Lied von Rudolf dem Rentier aufgelegt und brachte Sarah den Text bei. Trotzdem entging ihm nicht, dass Brooke hereinkam. Sein aufmerksamer Blick verursachte ihr Herzklopfen. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, sang sie den Refrain mit und blies die Luftmatratze mit ihrer alten Fahrradpumpe auf. Sarah strahlte vor Glück.

Die Musik und das Singen wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Sarah erstarrte. Vance bedeutete Brooke mit einem Blick, ihm alles zu überlassen.

„Brooke? Wir sind es, Julia und Kyle!“, erklangen vertraute Stimmen. Das Klopfen wurde lauter.

Sarah hatte sich in Vances Arme geflüchtet.

„Keine Angst, Sarah“, beruhigte Brooke sie. „Ich hab dir doch gesagt, dass meine Freunde noch vorbeikommen wollten.“

Erst als sie die Tür öffnete und Julias ungläubigen Blick sah, wurde ihr klar, wie intim und gemütlich diese häusliche Szene in den Augen ihrer Freunde aussehen musste. Besonders, da sie schon ihr Nachthemd trug.

Julias Augen blitzten vielsagend, als sie und Kyle über die Schwelle traten und die Tür hinter sich schlossen. „Fröhliche Weihnachten euch allen, und besonders dir, mein lieber Cousin.“

5. KAPITEL

„Auch dir fröhliche Weihnachten, Cousine“, antwortete Vance mit ernster Miene. Doch um seine Mundwinkel zuckte es.

Doch bereits in der nächsten Sekunde wich das Lachen aus seinem Gesicht. Seine Züge wurden weich, als er sich zu dem kleinen Mädchen hinunterbeugte und ihr liebevoll über das seidenweiche Haar strich. „Sarah, das sind meine Cousine und ihr Mann. Sie sind gute Freunde von Brooke und vorbeigekommen, um dich kennenzulernen.“

Sarah lächelte. „Wirklich?“

„Aber klar“, meinte Kyle. „Wir haben dir sogar ein Geschenk mitgebracht.“

Er zog hinter seinem Rücken ein riesiges Paket hervor. Es war so groß wie Sarah. „Willst du es jetzt aufmachen oder erst morgen?“

Sarah war entzückt. Sie sah erst zu Vance, dann zu Brooke. „Darf ich?“

„Wie du willst, mein Schatz“, meinte Brooke lächelnd.

„Dann mach ich es jetzt auf.“

„Da bin ich aber froh“, pflichtete Vance ihr bei und half ihr, das Geschenkband zu lösen. „Ich hätte auch nicht bis morgen warten können.“

Sobald sie das Geschenkpapier entfernt hatten, brach Sarah in Jubelschreie aus und drückte einen riesigen Teddy mit Weste und Hut an sich. Ihre Arme langten kaum ihn herum.

„Alle Finger und Zehen da“, stellte Vance nach einer kurzen Untersuchung fest. „Er ist irgendwie nett. Wie soll er heißen? Paddington?“

„Nein. Er heißt Jimmy.“

„Jimmy“, wiederholte Vance und suchte Brookes Blick. Sarahs Antwort war so wie aus der Pistole geschossen gekommen, dass es gut möglich war, dass jemand aus ihrer Familie so hieß. „Der Name passt zu ihm.“

Sarah nickte und vergrub das Gesicht in dem weichen Fell. „Darf Jimmy bei mir schlafen, Brooke?“

„Warum nicht?“ Brooke hatte einen Kloß im Hals.

„Er ist so süß.“ Mit strahlenden Augen sah Sarah Julia und Kyle an. „Vielen Dank für das Geschenk.“

„Gern geschehen“, antwortete Julia.

„Und wo bleibt mein Geschenk, Cousine?“, fragte Vance.

Julia grinste ihn an. „Du liebe Zeit. Wie unverschämt. Ich habe den Eindruck, du hast alle Geschenke, die du dir wünschen kannst, genau hier gefunden. Aber ich könnte dir vielleicht noch einen Kuss unter dem Mistelzweig schenken.“

„Ich zuerst!“ Kyle zog seine Frau zur Haustür, bis sie unter dem Zweig mit den weißen Beeren standen.

„Jetzt bist du dran, Sarah.“ Vance nahm sie auf den Arm und trug sie zum Mistelzweig. „Wenn wir darunter stehen, gibst du mir einen Kuss.“

„Okay.“ Alle lachten, als Sarah es Julia nachmachte und Vance einen dicken Kuss gab.

„Und jetzt Brooke!“, rief sie, nachdem Vance sie wieder hinuntergelassen hatte.

Brooke wurde heiß. „Ich denke, das war genug Küsserei für einen Abend.“

„Ich denke, du denkst zuviel“, murmelte Vance. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie unter den Zweig gezogen. „Aber weil du so schüchtern bist, tue ich es.“ Und er legte die Lippen auf ihren Mund.

Es hatte eigentlich eine spaßige Darbietung für Sarah sein sollen, aber seine Lippen blieben länger auf ihren, als Brooke erwartet hatte. Wie eine plötzlich auflodernde Flamme flackerte Verlangen in ihr auf. Das traf sie so überraschend, dass sie für einen Augenblick die Arme fest um ihn schlang. Als ihr klar wurde, was sie da tat, riss sie sich abrupt von ihm los. Mit rotem Gesicht wandte sie sich an Julia. „Gebt mir eure Mäntel. Ich … ich habe noch heißen Apfelpunsch und Weihnachtsplätzchen.“

„Klingt gut“, murmelte Kyle.

Er wollte seiner Frau aus dem Mantel helfen, doch sie wehrte ab. „Nein, nein. Wir können nicht bleiben. Ich habe noch viel für morgen vorzubereiten. Wir wollten nur einmal kurz reinschauen und Sarah das Geschenk bringen. Warum kommt ihr drei nicht morgen zu uns zum Essen? Es gibt Truthahn.“

„Können wir, Brooke?“ Sarah hüpfte vor Freude auf und ab, den Teddybär immer noch an sich gedrückt.

Es sollte doch nur für eine Nacht sein. „Ich … ich denke …“

„Klar, wir kommen gern“, erklärte Vance. „Besonders, wenn du Tante Nancys Cranberry-Eis machst. Tante Nancy ist die beste Köchin auf dieser Seite des Kontinents.“

Julia lächelte zufrieden. „Alles klar. Cranberry-Eis. Und wir sehen uns dann morgen. Fröhliche Weihnachten, alle zusammen!“

„Fröhliche Weihnachten!“, rief Sarah am lautesten, und ihre Augen strahlten vor Glück.

Als Brooke die Tür hinter ihren Freunden schloss und ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte sie fast das Gefühl, sie drei seien eine glückliche Familie, die sich gerade nach einer Weihnachtsparty von ihren Gästen verabschiedet hatte. Die Situation kam ihr so selbstverständlich vor. Zu selbstverständlich, wenn man bedachte, dass sie drei sich vor ein paar Stunden noch gar nicht gekannt hatten. Da Brooke fürchtete, Vance könne nach dem Kuss unter dem Mistelzweig auf falsche Ideen kommen, beschloss die, das Problem sofort zu klären.

„Deine Cousine hat sich sichtlich darüber gefreut, uns unter einem Dach zu sehen, und wollte das trauliche Beisammensein nicht stören. Deshalb sind sie so schnell gegangen.“

Vances Mundwinkel zuckten. „Du hast recht. Sie ist nun mal eine leidenschaftliche Kupplerin.“

„Was bedeutet Kuppelerin?“, hakte Sarah sofort nach.

„Es bedeutet, dass sie will, dass andere Menschen genau so glücklich werden, wie sie und Kyle es sind“, erklärte Brooke.

„Ihr beide seid glücklich, was?“

Brooke wurde rot. „Ja.“

„Ich möchte euer kleines Mädchen sein und bei euch bleiben.“

Es war das zweite Mal, dass Sarah das ansprach, und diesmal sogar vor Vance. Leider konnte Brooke Sarah nicht sagen, dass sie schon eine Familie hatte, die irgendwo auf sie wartete. Und Vance schien offenbar auch keine gute Entgegnung einzufallen.

„Darüber wollen wir uns heute, am Abend vor Weihnachten, keine Gedanken machen, Sarah. Es ist Zeit zum Schlafengehen. Vance? Im Schlafzimmer meiner Eltern findest du die Garderobe meines Vaters. Nimm dir, was du brauchst.“

Bisher hatte sie sich noch nicht von den Kleidungsstücken ihres Vaters trennen können. Jetzt war sie froh, dass noch alles da war.

„Danke. Ich sehe mir das mal an.“

„Und bring auch gleich das Bettzeug mit.“

Er nickte und ging vorher noch zum Schrank bei der Haustür, offensichtlich, um sein Handy zu holen.

„Komm, Schatz. Im Bett erzähle ich dir eine meiner Lieblingsweihnachtsgeschichten“, versuchte Brooke Sarah abzulenken.

„Wollen wir nicht auf Vance warten, damit er auch zuhören kann?“

Vance sprach vermutlich gerade mit dem FBI. Und das konnte dauern. Beruhigend strich Brooke Sarah über das Haar. „Ich glaube, diese Geschichte kennt er schon.“

Damit war Sarah zufrieden. Sie kletterte auf die Couch und zog sich die Decke bis zum Kinn hoch. Brooke fand kaum noch Platz neben ihr und dem Teddy.

„Seid ihr zwei, Jimmy und du, soweit? Dann beginne ich mit der Geschichte vom Grinch, der Weihnachten gestohlen hat.“

„Was ist ein Grinch?“

„Ein Geschöpf, das nicht sehr glücklich ist, und er wollte, dass die Leute in Whoville auch nicht glücklich sein sollten. Also beschloss er, ihnen das Weihnachtsfest zu verderben. Es begann am Abend vor Weihnachten.“

„So wie heute?“

„Ja. Alle Eltern in Whoville hatten ihre kleinen Whos ins Bett gebracht, damit sie vom Weihnachtsmorgen träumen und sich auf die Geschenke vom Weihnachtsmann freuen konnten.“

„Wer ist der Weihnachtsmann?“

Diese unschuldige Frage raubte Brooke den Atem. Einen Moment lang hatte sie große Mühe, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen und die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. Sie holte tief Luft. Aber bevor sie etwas erwidern konnte, stellte Sarah schon die nächste Frage: „Bringt der Weihnachtsmann mir auch Geschenke?“

„Das wirst du morgen sehen“, murmelte Brooke. Sie dachte fieberhaft darüber nach, was sie für Sarah unter den Baum legen konnte.

Zum Glück waren diese Woche viele Bekannte aus der Stadt vorbeigekommen und hatten ihr selbstgemachte Leckereien gebracht. Sobald Sarah schlief, würde sie sich darum kümmern, was davon sie für Sarah einpacken könnte.

„Aber weiß der Weihnachtsmann denn, dass ich hier bin?“

Brooke lächelte, und diesmal konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. „Er weiß alles.“

„Das ist gut. Wie geht es nun weiter mit dem Grinch?“

Als Brooke in ihrer Erzählung zu der Stelle kam, wo alle Whos der Stadt sich an der Hand hielten, um den Weihnachtsmorgen zu begrüßen, war Sarah schon eingeschlafen.

Vance kam gerade ins Wohnzimmer, als Brooke sich mit einigen der Päckchen, die sie unter dem Baum hervorgeholt hatte, in die Küche schlich. Er verstand sofort, was sie vorhatte, und brachte von sich aus den Rest der Päckchen mit. „Kann ich noch etwas helfen?“, fragte er.

Sie hob den Kopf und begegnete dem Blick seiner strahlend blauen Augen, mit dem er sie anerkennend musterte. Es verschlug ihr den Atem. „Oben in meinem Schlafzimmer steht noch eine Einkaufstüte, die ich vorhin aus dem Geschäft mitgebracht habe. Wenn du mir die bringen könntest, hole ich schon Geschenkband und eine Schere.“

„Du bist eine erstaunliche Frau, Brooke Longley. Bin gleich zurück.“

Während er fort war, setzte sie schnell einen Kaffee für ihn auf und begann, die Päckchen auszupacken. Zu ihrer Freude entdeckte sie Zimtsterne, selbstgemachte Himbeerbonbons und Schokoladenkonfekt.

Vance kam mit einem pinkfarbenen T-Shirt und nagelneuen Turnschuhen zurück. Außerdem hatte er eine lange Socke aus dem Zimmer ihres Vater mitgebracht. „Weihnachten ohne Strumpf am Kamin ist kein Weihnachten. Meinst du nicht auch?“

Ihr wurde warm ums Herz. „Natürlich. Füll ihn doch schon mit den Leckereien, und ich wickle unterdessen die Sachen aus dem Geschäft ein.“ Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete sie Vance und konnte nicht umhin, seinen Körper und das Spiel seiner Muskeln an Schultern und Armen unter dem dunkelbraunen Hemd zu bewundern. Sie nahm Spuren des Duftes seines Rasierwassers wahr. Seine Nähe weckte in ihr viele verbotene Gedanken. Sie hoffte nur, er könne sie nicht lesen. „Möchtest du Kaffee?“, bot sie ihm an.

„Ich dachte schon, du würdest mich nie fragen. Und ich bin so frei, mir auch was von den Zimtsternen zu nehmen.“

„Louise Pritchard hat sie gebacken. Ihr Mann hat das Lederwarengeschäft.“

Er nahm sich einige aus der Tüte und probierte. „Mmm. Die sind gut.“ Dann goss er sich einen Becher Kaffee ein. „Der Kuss unter dem Mistelzweig war auch gut. Ich glaub, ich nehm mir noch einen.“ Ohne ihr Einverständnis abzuwarten, beugte er sich vor, schlang einen Arm um Brookes Hüfte und küsste sie.

„Weißt du was?“, fragte er, als er die Lippen von ihren löste. „Ich könnte mich daran gewöhnen, dich zu küssen. Um die Wahrheit zu sagen, ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt so viel Spaß am Abend vor Weihnachten gehabt habe.“

Ich auch nicht, Vance McClain. Nur passte das Wort „Spaß“ nicht zu Brookes Gefühlen. Es war eher wie ein Orkan.

6. KAPITEL

„Sobald ich den Kaffee getrunken habe, helfe ich dir beim Verpacken. Sarah wird nicht ahnen, von wem die Geschenke kommen.“

Der Abend war so harmonisch gewesen, dass Brooke ihn nicht verderben wollte, aber jetzt kam ihre Sorge wieder durch. „Glaubst du, Sarah ist das entführte Mädchen?“

Finster zog Vance die Augenbrauen zusammen. „Es gibt einige Hinweise darauf, aber definitiv werden wir es erst wissen, wenn das FBI bestimmte Fakten ermittelt hat.“

Brooke holte tief Luft. „Sarah ist nicht auf den Kopf gefallen. Aber …“

„… sie weiß nichts von den einfachsten Dingen“, beendete er den Satz für sie. „Mir sind die auffälligen Lücken in ihrer Erziehung nicht entgangen.“

„Wenn sie die ganze Zeit von diesen schrecklichen Männern herumgeschleift worden ist …“ Brooke hatte Schwierigkeiten, den Satz zu beenden, „… dann hat sie zwei Jahre ihrer Kindheit verloren. Das würde die Lücken erklären.“

Vance nickte. „Und wie alle Enführungsopfer ist sie hochgradig verletzbar.“

„Ich weiß.“ Brooke seufzte tief. „Sie ist an einem Punkt, wo sie sich an jeden klammert, der ihr auch nur die geringste Freundlichkeit entgegenbringt.“

„Offensichtlich hat sie sich schon total an dich gehängt. Deshalb ist es vorrangig, dass wir sie so schnell wie möglich zu ihrer Familie zurückbringen. Sonst will sie nicht mehr von dir fort.“

„Oder von dir“, fügte Brooke mit zitternder Stimme hinzu. „Du hast gehört, was sie gesagt hat. Sie will uns beide als Eltern.“

„Rührend, wie naiv sie ist …“

Etwas anderes war von einem eingefleischten Junggesellen wie Vance nicht zu erwarten gewesen. Trotzdem verletzte es Brooke irgendwie. Du bist eine Närrin, Brooke Longley!

„Es wäre auch denkbar, dass Sarah eine ganz andere Geschichte hat. Vielleicht ist sie von zu Hause weggelaufen, hat sich verirrt und wurde mitgenommen“, gab Vance zu bedenken. „Vielleicht hat sie Eltern, die außer sich vor Freude sind, wenn sie erfahren, dass sie am Leben ist und an Weihnachten zu ihnen zurückkommt.“

„Und das kleine Mädchen, dessen Mutter gestorben ist … Hat es einen Vater?“ „Nach meinen Informationen war ihre Mutter nicht verheiratet, und der Vater ist schon lange über alle Berge.“ Brooke holte schockiert Luft. „Dann wäre Sarah ganz allein?“

„Nicht unbedingt. Es könnte noch andere Verwandte geben. Onkel und Tanten. Das FBI ist dabei, das zu untersuchen.“

„Aber was ist, wenn es niemanden gibt?“

Seine Züge wurden hart. „Zerbrechen wir uns doch nicht den Kopf über Dinge, die noch gar nicht erwiesen sind.“

„Sie würde in ein Kinderheim kommen, bis jemand sie adoptiert, nicht wahr?“, hakte Brooke nach. Der Gedanke, dass Sarah bei völlig Fremden leben müsste, quälte sie. „Und vielleicht könnten die Menschen gar nicht nachvollziehen, was für ein Trauma sie erlitten hat, Vance.“ Brooke spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen. „Sie ist so klein und unschuldig. So lieb. Ich könnte es nicht ertragen …“

„Brooke“, murmelte er mit heiserer Stimme. Im nächsten Augenblick zog er sie in seine starken Arme.

Sie vergrub das Gesicht an seiner Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf.

„Wenn du sie im Sturm weinen gehört hättest, wenn du ihre nackten, dünnen, eiskalten Beinchen gesehen hättest, während sie mit ihren erfrorenen Händchen an die Schaufensterscheibe klopfte …“

„Schsch…“, machte er und zog Brooke dichter an sich. „Du hast sie rechtzeitig gefunden. Sie ist in Sicherheit, hier bei dir unter deinem Dach, und sie hat es warm. Mach dir keine unnötigen Sorgen. Es ist Weihnachten, hast du das vergessen? Die Zeit der Wunder.“

„Du hast recht“, schluchzte sie. „Es war ein Wunder, dass ich sie bei dem Sturm überhaupt gehört habe. Wenn nicht …“

„Aber du hast es.“ Seine Stimme klang heiser.

Sie klammerte sich an seinen Arm. „Versprich mir etwas, Vance.“

„Was?“

„Versprich mir, wenn sie keine Familie hat, dass du dann deinen Einfluss geltend machen wirst, damit sie zu den besten Pflegeeltern kommt, die es gibt.“ Sie hob den Kopf, und erst zu spät wurde ihr klar, wie nah sich ihre Gesichter dadurch kamen. Sein warmer Atem streifte ihre Wange. „Versprich mir, dass die richtigen Leute sich um sie kümmern werden.“

Sein eindringlicher Blick ließ Brooke erröten. Rau erwiderte er: „Ich verspreche es.“

„Danke“, flüsterte sie und versuchte erfolglos, ihre Tränen zu unterdrücken.

„Du brauchst dich nicht bei mir zu bedanken.“ Bevor er sie losließ, strich er mit den Lippen über ihre, als ob er nicht anders könne. Sobald Brooke seine Arme nicht mehr um sich spürte, kam sie sich seltsam verloren vor. „Ich will auch nur das Beste für Sarah“, fügte er hinzu und nahm die Geschenke, um sie ins Wohnzimmer zu tragen.

Brooke glaubte ihm. Sie hatte gesehen, wie Vance und Sarah sich auf Anhieb prächtig verstanden, was ein Wunder war. Nach allem, was Sarah durchgemacht hatte, hätte Brooke gedacht, dass sie nun Angst vor allen Männern hätte. Aber Vance hatte so eine Art …

Und nicht nur bei Kindern. Als Brooke ihm so nah gewesen war, hatte sie sich so geborgen gefühlt. Dass sie mit ihm unter einem Dach schlief, kam ihr wie die natürlichste Sache der Welt vor. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war – sie wollte nicht, dass der Zauber dieser Weihnacht jemals aufhörte.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte sie vor lauter Kummer nicht ein noch aus gewußt.

Dieses Jahr …

Sie, Sarah und Vance könnten die Familie sein, nach der sie sich immer gesehnt hatte. Aber von diesen geheimen Träumen, die fernab von aller Realität lagen, durfte Vance nichts wissen. Sie würde die beste schauspielerische Leistung ihres Lebens vollbringen müssen, um es vor ihm zu verbergen.

Obwohl sie ihm am liebsten ins Wohnzimmer gefolgt wäre und die ganze Nacht über mit ihm geredet hätte, beschloss Brooke, ihm aus dem Weg zu gehen. Sie blieb in der Küche und machte sauber. Um ganz sicherzugehen, bereitete sie noch den Teig für die Hörnchen zu, die sie am nächsten Morgen backen wollte.

Eine halbe Stunde später machte sie das Licht aus und ging lautlos ins Wohnzimmer. Sarah schlief tief und ruhig. Und auch Vance war – seinen regelmäßigen Atemzügen nach zu urteilen – schon längst eingeschlafen.

Brooke widerstand der überwältigend starken Versuchung, ihn von Nahem zu betrachten. Gewaltsam wandte sie sich ab und kroch zu Sarah und Jimmy unter die Decke.

Letzte Nacht um diese Zeit hätte sie sich nicht vorstellen können, in so eine Situation zu geraten. Heute konnte sie sich nicht mehr vorstellen, ohne die beiden zu sein.

Sie legte sich so hin, dass sie Vance sehen konnte. Wie lange sie da lag und von ihm träumte, wusste sie nicht, aber irgendwann musste sie eingeschlafen sein.

Gegen Morgen wurde sie abrupt aus dem Schlaf gerissen, weil jemand schrie. Schließlich wurde ihr bewusst, dass es Sarah war. „Nicht schlagen, Charlie. Ich werde brav sein. Ich werde brav sein.“

Brooke fuhr hoch und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Es war halb sechs. Offensichtlich hatte Sarah einen Alptraum. Im Schlaf hielt sie schützend die Arme über ihren Kopf, als ob sie Schläge erwartete.

Im Kerzenschein des Weihnachtsbaums sah Brooke, wie Vance sich mit einem Ruck aufrichtete. Auch er hatte Sarahs Schreie gehört. Schnell machte er eine Lampe an.

Brooke nahm Sarah in die Arme. „Alles ist gut, Kleine. Es war nur ein Albtraum“, sprach sie beruhigend auf das Kind ein. Vance, bekleidet mit der Pyjamahose ihres Vaters und einem weißen T-Shirt, hatte sich an Sarahs andere Seite gesetzt und legte einen Arm um sie beide.

Die Geste sollte das kleine Mädchen trösten. Doch Brooke war sich seiner körperlichen Nähe quälend bewusst. Ein Prickeln durchlief ihren Körper, ihr wurde heiß.

Zuerst schien Sarah nicht zu wissen, wo sie war. Sie starrte Brooke an, dann Vance, der den Kopf senkte und sie auf die Nasenspitze küsste. Schließlich begann sie zu lächeln.

„Fröhliche Weihnachten, Sarah. Sieht so aus, als ob der Weihnachtsmann diese Nacht da gewesen ist“, verkündete Vance munter, um das kleine Mädchen auf andere Gedanken zu bringen.

Staunend sah sie ihn an. „Hat er mir Geschenke gebracht?“

„Sieh doch unterm Baum nach.“

In der nächsten Sekunde hatte Sarah sich aus seinen Armen befreit, sprang aus dem Bett und stürzte zum Baum. Beim Anblick der Päckchen stieß sie Jubelschreie aus.

„Außerdem hängt da noch etwas für dich am Kamin“, warf Brooke ein.

Während Sarah hinüberlief, tauschte Brooke einen Blick mit Vance aus. Sie las viel darin, unter anderem eine unbeschreibliche Zärtlichkeit. In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, das eigentliche Wesen dieses Mannes gesehen zu haben, seine empfindsame Seite, die er wahrscheinlich nicht sehr oft zeigte.

„Ein Strumpf! Darf ich ihn runternehmen?“ Sarah hüpfte vor Aufregung auf und ab.

Vance lachte. „Natürlich. Der Weihnachtsmann hat ihn mit lauter Leckereien gefüllt, extra für dich.“

Sarah zu beobachten, war als ob man Weihnachten mit all seiner Freude und Aufregung neu entdeckte. Brooke brauchte nicht zu Vance hinüberzusehen, um zu wissen, dass er dasselbe empfand.

Das Mädchen ließ sich mit seinem Schatz auf dem Boden nieder. Ungeduldig schüttete sie den Strumpf aus.

„Wetten, dass sie sich zuerst die Himbeerbonbons nimmt?“, murmelte Vance Brooke ins Ohr, und sie bekam eine Gänsehaut.

Im nächsten Augenblick nahm Sarah ein Himbeerbonbon und steckte es in den Mund. „Mmm“, machte sie und griff nach einem Zimtstern.

Vance lachte leise. Brooke liebte sein Lachen. Sie genoss die ganze Situation viel zu sehr. Ebenso wie Sarah, die jetzt die Schokolade auspackte.

„Warum machst du nicht deine Geschenke auf?“, schlug Brooke vor. Sie war froh, dass sie daran gedacht hatte, einige Sachen aus dem Laden mitzubringen, die einem kleinen Mädchen gefallen könnten.

Vance glitt vom Bett herunter und ging zu Sarah hinüber. „Wenn du alle Süßigkeiten verdrückst, hast du keinen Platz mehr fürs Frühstück. Brooke wollte uns doch Pfannkuchen mit Blaubeeren machen.“

„Ach, wirklich?“, fragte Brooke lächelnd. „Wusstest du, dass mir ein kleiner Elf zugeflüstert hat, ich sollte lieber Hörnchen machen?“

„Das wäre sogar noch besser“, gab er zurück, und sein Grinsen ließ ihr Herz rasen.

„Fang doch damit an.“ Er reichte Sarah ein Päckchen.

„Was ist da drin?“

„Das musst du schon selbst herausfinden. Los. Mach das Papier auf.“

Mit vor Aufregung zitternden Fingern löste Sarah das Papier. Das pinkfarbene T-Shirt kam zum Vorschein. Sie betrachtete es, dann zog sie es über ihren Schlafanzug. Vance lachte und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Jetzt siehst du wie eine richtige Ballerina aus.“

„Was ist eine Ballerina?“

„Ein Mädchen, das tanzen kann.“

„Aber ich kann nicht tanzen.“

„Dann musst du es lernen. Genau wie schwimmen und reiten.“

„Aber ich habe doch gar kein Pferd.“

„Ich habe eines.“ Vance ging vor ihr in die Hocke. „Ein kleines Pony, das genau richtig für dich wäre.“

„Wo?“, fragte sie aufgeregt.

„Auf der Ranch meines Vaters.“

Sie stand auf und schmiegte sich so vertrauensvoll in seine Arme, dass Brooke die Tränen kamen.

„Wie heißt es?“

„Patchwork.“

„Patch… was?“

„Patchwork“, warf Brooke ein. „Siehst du die Decke da drüben auf dem Sofa?“ Sarah nickte. „Sie ist aus verschiedenen Stoffresten in verschiedenen Farben zusammengenäht. Das nennt man Patchwork.“

Sarah dachte nach. Ernst sah sie Vance an. „Hat dein Pony verschiedene Farben?“

„Jede Menge“, antwortete er.

Sarahs Augen leuchteten auf. „Darf ich dann immer auf Patchwork reiten?“

Langes Schweigen.

Brooke verstand, warum Vance zögerte. Was man einem Kind verspricht, muss man auch halten. Sarah war so begeistert, dass man davon leicht angesteckt werden konnte. Aber war das realistisch?

Vance musste dasselbe gedacht haben, denn er stand langsam auf. „Über die Weihnachtstage kannst du Patchwork gerne besuchen“, murmelte er. „Und dann schauen wir mal.“

„Warte mal einen Augenblick“, sagte Brooke.

Während die beiden ihr nachstarrten, ging sie schnell in die Küche und holte den Besen. Dann tat sie so, als ob sie auf ihm angaloppiert käme, und rief laut: „Hüa!“

Sarah lachte und wollte auch sofort auf dem Besen reiten. Vance signalisierte Brooke mit einem Blick, dass er ihr dankbar war, weil sie ihm in dem heiklen Moment geholfen hatte.

Nachdem Sarah mehrere Runden durchs Wohnzimmer geritten war, forderte Vance sie auf, auch das zweite Päckchen aufzumachen. Sofort legte sie den Besen hin, riss das Geschenkpapier ab und starrte auf das, was zum Vorschein kam. „Ist das für mich?

„Ja, das sind deine neune Turnschuhe. Lauf mal nach oben und zieh dir Socken an. Dann kannst du die Schuhe ausprobieren.“

Sarah lief die Treppe hoch, so schnell ihre kleinen Beine sie tragen konnten. Vance ging zu Brooke hinüber. Er wirkte plötzlich so sachlich und distanziert, dass Brookes Hochstimmung mit einem Schlag verflog.

„Ich muss das Hauptquartier anrufen.“

Brooke lief ein Schauer über den Rücken. In den letzten Minuten hatte sie gar nicht mehr daran gedacht, dass draußen ein Killer frei herumlief. „Geh ruhig hoch. Sarah und ich machen inzwischen das Frühstück.“

Er ballte eine Faust. „Der Sturm hat nachgelassen. Ich werde fort müssen.“

„Natürlich.“ Sie wich seinem Blick aus, damit er ihre Gefühle nicht erraten konnte. „Schön, dass du diese Nacht bleiben konntest. Es hat Sarah sehr geholfen. Als sie aus dem Alptraum hochgeschreckt ist, warst du da, um sie zu trösten.“

„Vergiss nicht, dass du auch da warst.“

Die Spannung zwischen ihnen stand spürbar im Raum. „Versprich mir, dass ihr zu Julia geht“, drängte er. „Bis der Verbrecher gefasst ist, möchte ich nicht, dass ihr zwei allein seid.“

„Dann willst du jetzt hinter ihm her?“, fragte Brooke mit bebender Stimme.

„Das ist mein Job.“

Sie rang nach Luft. „Ich weiß.“ Aber in zwölf Stunden bist du mir so wichtig geworden, dass mich der Gedanke, dir könnte irgendetwas zustoßen, beinahe umbringt.

„Es kann losgehen“, rief Sarah und kam die Treppe heruntergehüpft. Mit ihren zerzausen Haaren und dem T-Shirt über dem Schlafanzug sah sie so süß aus, dass Brooke sie einfach knuddeln musste.

Vance schnürte ihr die Schuhe zu.

„Okay, Sportsgirl.“ Er grinste. „Dann zeig mal, was du kannst.“

Das musste er Sarah nicht zwei Mal sagen. Sie nahm sich den Besen und ritt mit ihren neuen Turnschuhen und dem T-Shirt durch Zimmer, bis Brooke sie unterbrach.

„Komm, bring dein Pferd in den Stall. Zeit fürs Frühstück. Du darfst mir helfen.“

Während sie in die Küche gingen, zog Vance sich zurück. Brooke kam sich plötzlich schrecklich verlassen vor.

Sie schob einen Stuhl an den Herd, damit Sarah sich darauf stellen konnte, und Minuten später brutzelte der Speck in der Pfanne. Vance kam herein, als Brooke gerade die Milch und den Kaffee auf den Tisch stellte. Er trug Sarah mitsamt Stuhl zum Tisch und setzte sie dort vorsichtig ab.

Ein Blick in seine Augen sagte Brooke, dass sie sich auf seinen Aufbruch vorbereiten müsse. Das musste klug eingefädelt werden, damit Sarahs zerbrechliches seelisches Gleichgewicht nicht einen neuen Tiefschlag erhalten würde. Aber als sie einige Minuten später beim Frühstücken waren, wurde ihr klar, dass Vance das schon vorausgeplant hatte.

„Sarah? Erinnerst du dich an Julia und Kyle, die uns gestern Abend besucht haben? Die beiden wollen, dass wir gleich nach dem Frühstück zu ihnen kommen und Schneeengel machen.“

Wie klug von ihm. Je mehr Menschen Sarah um sich hätte, desto weniger würde sie Vance vermissen. Und ein Spiel im Schnee war eine großartige Idee. Der Schneesturm war vorüber. Es sah so aus, als würden sie einen strahlend blauen Weihnachtsmorgen haben.

„Schnee… was?“

Vance lachte leise. „Wir legen uns alle in den Schnee und bewegen Arme und Beine hin und her. Wenn wir aufstehen, sieht es aus, als ob Engel im Schnee geschlafen hätten.“

„Was sind Engel?“

„Es sind Menschen, die im Himmel bei Jesus sind. Sie wachen über uns und beschützen uns“, erklärte Brooke.

Sarah machte große Augen. „Können wir gleich los?“

„Ja. Sobald du deine Milch ausgetrunken hast.“

Sie trank ihr Glas in einem Zug aus. „Ich bin fertig.“

„Du musst dich noch anziehen. Und vergiss nicht deinen Parka und deine Handschuhe.“

„Okay. Bin gleich wieder da. Geht nicht weg.“

7. KAPITEL

Sarah rannte die Treppe hinauf, so schnell sie konnte. Brooke stand auf. Sie hatte Angst um Vance, der sie nun verlassen musste, um einen gefährlichen Verbrecher zu verfolgen.

Vance trug das Geschirr zur Spüle hinüber. „Es steht noch nicht fest, ob Sarah das entführte Kind ist. Ich weiß noch nicht einmal, ob der Mann, den ich verfolge, einer der beiden Gesuchten ist. Es könnte auch ein anderer Krimineller sein. Aber egal, ich werde nicht ruhen, bevor er gefasst ist und für das bezahlt, was er Sarah angetan hat.“

„Er ist ein Unmensch“, stieß Brooke hervor.

„Jedenfalls haben Kyle und Julia versprochen, dir und Sarah zur Seite zu stehen, bis das FBI dich kontaktiert und die Angelegenheit übernimmt. Das wird wahrscheinlich morgen sein.“ Sein Gesichtsausdruck verriet Brooke, dass er die Aussicht ebenso unbefriedigend fand wie sie.

Sie biss sich auf die Lippe.

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