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Julia Extra, Band 303

KIM LAWRENCE

Wie ein Licht am Horizont

Vergeblich hat Cesare versucht, die verführerische Fremde wiederzufinden, die er in nur einer Nacht heiß lieben durfte. Bis sie plötzlich vor ihm steht – mit seinem Kind unter dem Herzen …

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Kim Lawrence

Wie ein Licht am
Horizont

1. KAPITEL

Samantha ließ einen tiefen Seufzer hören. „Reiß dich jetzt bloß zusammen!“, ermahnte sie sich selbst, und steuerte entschlossen auf die junge Frau hinter dem gläsernen Empfangstresen zu, die mit ihrer platinblonden Mähne und den fraulichen Kurven genau der Typ war, von dem sich jeder Mann wie magisch angezogen fühlte.

Dagegen hatten rothaarige Kumpeltypen mit Sommersprossen natürlich nicht die geringste Chance – zumindest nach Sams Erfahrung. Obwohl sie eine Zeit lang wirklich geglaubt hatte, bei Will wäre das anders. Bis zu dem Tag, als sie nach Hause kam und ihren Verlobten mit einer dieser spektakulären Blondinen im Bett erwischte.

Normalerweise wurde Sam bei der Erinnerung daran von heftiger Übelkeit heimgesucht, wobei sich ihr sensibler Magen von innen nach außen zu stülpen drohte. Heute ausnahmsweise nicht. Allerdings nur, weil ihr Magen sich vor lauter Panik wie eine Faust zusammengeballt hatte.

Lange dichte Wimpern berührten ihre hohen Wangenknochen, als sie die Augen schloss und noch einmal tief durchatmete, um ihr wildes Herzklopfen zu mindern. Dann hob sie tapfer die Lider, reckte das Kinn vor und zwang sich zu einem Lächeln.

Mehrere Stunden lang hatte sie geübt, sich so zu verhalten, als sei es das Natürlichste auf der Welt, voller Dynamik in die Hauptzentrale eines multinationalen Konzerns zu rauschen und den Mann an der Spitze zu verlangen.

Ein flüchtiger Seitenblick auf ihr Konterfei, zurückgeworfen von einer deckenhohen Spiegelwand, belehrte sie eines Besseren. Sie hatte nicht die geringste Chance! Dennoch zwang sie das Lächeln energisch auf die Lippen zurück und räusperte sich.

Damit gelang es ihr endlich, die Aufmerksamkeit der rassigen Rezeptionistin auf sich zu ziehen. Allerdings nur eine Sekunde, weil sich in diesem Moment die gläsernen Fahrstuhltüren links neben ihnen öffneten und eine weitere atemberaubende Blondine in einem roten Minikleid den Lift verließ.

Das Mädchen hinter dem Glastisch starrte sie ebenso ungeniert an wie Sam und die Paparazzi, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchten und ein Foto nach dem anderen schossen. Die auffallende Schönheit schien völlig unbeeindruckt von dem Blitzlichtgewitter und der Fragenflut zu sein, mit denen die Reporter sie bombardierten. Sie präsentierte ihnen ihre strahlend weißen Zähne in einem hinreißenden Lächeln und ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihr Handwerk immer noch perfekt beherrschte, auch wenn sie das Model-Leben inzwischen gegen eine Hollywoodkarriere eingetauscht hatte.

Begleitet wurde sie von zwei bulligen Bodyguards. Auf ihrem Weg durch das elegante Foyer blieb sie ab und zu stehen, um für die Fotografen zu posieren, während sie die am meisten gestellte Frage, ob Cesare und sie wieder zusammen seien, mit einem stereotypen „kein Kommentar“ beantwortete.

Während sich die gläserne, vollautomatische Eingangstür hinter dem Starlet und der Pressemeute schloss, hingen in der Luft immer noch der Duft ihres schweren Parfüms und die unbeantwortete Frage der Reporter.

Und Sam fühlte sich in ihrer bangen Ahnung bestätigt, dass sie sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für ihr Kommen hätte aussuchen können als diesen Moment.

Was sie Cesare Brunelli zu sagen hatte, würde jeden Mann schockieren. Aber dann auch noch zu einem Zeitpunkt, wo er sich gerade wieder mit der Liebe seines Lebens ausgesöhnt hatte …

Sam seufzte und versuchte, das Bild der attraktiven Schauspielerin aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie hatte schließlich nicht die Absicht, mit ihr um die Aufmerksamkeit oder Gunst des Italieners zu konkurrieren. Und schon gar nicht interessierte sie sich für Cesares Liebesleben oder wollte etwa daran teilhaben! Das musste sie ihm als Allererstes klarmachen!

Sie würde ihm die Nachricht überbringen, auf dem Absatz umdrehen und gleich wieder gehen. Damit war der Ball übers Netz gespielt und auf seiner Seite. Und sollte Cesare Brunelli sich dafür entscheiden, ihn nicht anzunehmen … umso besser!

Also: Jetzt oder nie!

Sam verzog das Gesicht, als sich ihre neuen Designerschuhe schmerzhaft in Erinnerung brachten. Ein Schnäppchenkauf, aber bedauernswerterweise eine halbe Nummer zu klein. Doch das Selbstvertrauen, das ihr die mörderisch hohen Absätze verliehen, war nicht zu unterschätzen.

„Ich bin …“ Sie stockte bei dem Versuch, sich der betont kühl dreinschauenden Empfangsdame vorzustellen. Und schlagartig wurde ihr Selbstvertrauen von einer Panikwelle hinweggespült.

Ja, wie sollte sie überhaupt erklären, wer sie war?

Hallo, ich bin Sam. Aber das wird weder Ihnen noch Ihrem Boss etwas sagen, weil der meinen Namen auch nicht kennt. Er weiß vermutlich nicht einmal meine Augenfarbe oder dass ich von Sommersprossen förmlich übersät bin und mein Haar kupferrot ist. Aber angesichts der Umstände halte ich es zumindest für ein Gebot der Höflichkeit, ihm mitzuteilen, dass ich sein Kind unter dem Herzen trage …

Automatisch wurden Sam wieder einmal ihre unterschiedlichen Lebensumstände bewusst, die kaum krasser sein konnten.

Auf der einen Seite ein millionenschwerer italienischer Geschäftsmann, auf der anderen Seite ein junges Mädchen, das keinen Monat mit ihrem knappen Budget auskam. Wahrscheinlich hatte sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht so viel verdient, wie Cesare Brunelli innerhalb von fünf Minuten. Doch zumindest beruflich ging es für Sam momentan steil bergauf.

Vier langweilige Jahre war sie bei der Lokalzeitung einer schottischen Kleinstadt, ihrem Geburtsort, angestellt gewesen und hatte literweise Tee für die gesamte Belegschaft kochen müssen, ehe sie die Sparte „Hochzeiten und Kirchenfeste“ journalistisch betreuen durfte.

Und jetzt war ihre harte Arbeit endlich belohnt worden: Seit Kurzem hatte sie einen Job bei einer bekannten Londoner Tageszeitung. Ein ziemlich untergeordneter Job, aber immerhin!

„Heute bieten sich einem als Frau ganz andere Chancen als in meiner Jugend“, hatte ihr eine etablierte ältere Journalistin wie ein Geheimnis anvertraut. „Und du besitzt Talent, mein Kind.“ Sam war vor Stolz rot angelaufen. „Aber du musst immer mindestens hundert Prozent geben, wenn die Leute dich ernst nehmen sollen, und so ehrenwert Skrupel auch sein mögen, ist es weit besser, sich relativ … flexibel zu zeigen, wenn du verstehst, was ich damit meine …“

Nicht ganz sicher, ob sie wirklich verstehen wollte, hatte Sam langsam genickt und auch noch den letzten Rat der älteren Kollegin aufmerksam entgegengenommen.

„Ach ja … und wenn dir etwas an deiner Karriere liegt, dann mach nicht den Fehler, laut herauszuposaunen, dass du dich nach einer dauerhaften Beziehung oder gar einer eigenen kleinen Familie sehnst. Das wäre beruflicher Selbstmord.“

Und was ist mit einem Baby?

Sam hatte sich noch immer nicht ganz an die bevorstehende, radikale Veränderung in ihrem Leben gewöhnt, wobei es ihr aber nie in den Sinn gekommen wäre, das Baby aus irgendeinem Grund nicht haben zu wollen. Neben Angst und Panik vor dem, was auf sie zukommen würde, fühlte sich alles irgendwie richtig an.

Ein Gefühl, das der werdende Vater möglicherweise nicht mit ihr teilen würde … Doch egal, ob er sich für oder gegen das Baby entschied, er hatte ein Recht darauf, von ihrer Schwangerschaft zu erfahren. Sie selbst wusste auch erst seit zwei Wochen davon. Eine ziemlich kurze Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, bald Mutter zu sein. Irgendwie hatte die ganze Situation etwas Unwirkliches an sich.

Wahrscheinlich wurde es besser, wenn man erst das neue Leben in sich spüren konnte.

Gegen mögliche Schwierigkeiten von Cesare Brunellis Seite war Sam bereits gestählt. Egal, ob ihn vorrangig Ärger, Misstrauen oder Ablehnung bewegen würden, in ihrem Innern hatte sich eine gewisse Gelassenheit ausgebreitet, von der sie bisher nicht wusste, dass sie dazu überhaupt fähig war. Vielleicht war es ja auch nur eine Art Schocksyndrom? Egal, heute würde es ihr in jedem Fall helfen.

Die blonde Rezeptionistin schien den furiosen Abgang der Hollywood-Diva endlich einigermaßen verdaut zu haben, und räusperte sich nun ihrerseits, womit sie Sam aus ihren Tagträumen riss.

„Miss …?

„Ich bin … Samantha Muir und …“

„Achter Stock, erste Tür links.“

Sam runzelte verwirrt die Stirn. „Bitte?“

„Achter … erste links …“, wiederholte die Blondine akzentuierter, ohne Augenkontakt mit ihr aufzunehmen.

„Achter, erste links?“, echote Sam einigermaßen geschockt, weil sie sich weder ausweisen, noch einen Grund für ihren Besuch angeben musste. Die Frau wollte offensichtlich, dass sie einfach so, ohne Voranmeldung in das Büro des Chefs reinplatzen sollte. Was hielt sie also davon zurück?

Mit einem Anflug von Ungeduld wedelte die Rezeptionistin mit ihren blutrot lackierten Nägeln in Richtung der Fahrstühle und wandte sich dann dem Telefon zu, das in diesem Moment klingelte.

Das ist zu einfach! schoss es Sam durch den Kopf. Aber warum sollte sie zur Abwechslung nicht auch einmal Glück haben? Also hob sie das Kinn, zauberte erneut ein Lächeln auf ihr blasses Gesicht, schwebte mit dem Luxuslift lautlos zum achten Stock empor und marschierte, ohne anzuklopfen, durch die avisierte Tür.

Der Raum dahinter war viel kleiner als erwartet und ziemlich spärlich eingerichtet. Das einzige echte Büromöbel war ein schmaler Schreibtisch, der schräg in einer Ecke stand. Dann gab es nur noch einige schlichte Stühle, die an einer Wand aufgereiht standen.

Plötzlich öffnete sich eine weitere Tür neben dem Schreibtisch, und ein schlanker Mann in den Dreißigern, mit schütterem Haar, trat ein, legte einen Stapel Akten auf den Tisch und stutzte, als er Sam bemerkte.

„Sie sind eine Frau!“

Normalerweise wäre sie seinem Vorwurf, denn so hörte es sich an, mit einer launigen Bemerkung begegnet, da sie derartige Reaktionen auf ihren ungewöhnlichen Vornamen gewohnt war. Doch im Moment war Sam gar nicht danach. Stattdessen nickte sie nur knapp.

„Hallo, ich bin Sam Muir und würde gern …“

Sam! Das erklärt natürlich den Irrtum. Und ich dachte, der Tag könnte nicht noch schlimmer werden!“

Sam, die inzwischen völlig verwirrt war, nickte noch einmal vage. „Ich bin hier, um mit Mr. Brunelli …“ Während sie sprach, tauchte ganz unverhofft das dunkle Gesicht des Italieners vor ihrem inneren Auge auf und brachte sie komplett aus der Fassung.

Im Nachhinein erschien es ihr sonderbar, dass sie nicht auf den ersten Blick ein Gefühl von Gefahr gespürt hatte, als sie die harten Züge des eindrucksvollen Mannes sah, der sie wie ein Turm überragte.

Seine unglaubliche Attraktivität hatte sie wie ein physischer Schlag auf den Solarplexus getroffen und ihr den Atem geraubt. Wie in Trance ergab sie sich der überwältigenden Woge wilder Leidenschaft, die unerwartet in ihr aufbrandete und alle selbst auferlegten Hemmungen hinwegschwemmte.

Gleichzeitig fühlte Sam sich seltsam distanziert, als geschehe das alles nicht ihr, sondern einer Fremden, auf die sie gar keinen Einfluss hatte. Ihr nüchterner Realitätssinn meldete sich erst wieder, als es längst zu spät war.

Solange sie mit Cesare zusammen war, konnte sie weder ihren rasenden Herzschlag kontrollieren, noch die fatale Schwäche in ihren Gliedern überwinden, und schon gar nicht das Feuer löschen, das ihre zarte Haut zu versengen drohte.

Selbst jetzt, zwölf Wochen später, ließ die Erinnerung an sein klassisch schönes, ausgesprochen markantes Gesicht ihr Blut wie heiße Lava durch die Adern rinnen. Doch inzwischen konnte sie ihre damalige, extrem heftige Reaktion schon etwas besser und objektiver beurteilen.

Ohne Frage, gegen Cesare Brunellis arrogante, maskuline Sexualität war wohl keine Frau immun – auch Sam nicht. Aber was an jenem Abend geschah, war wohl eher das Resultat extrem verrückter Umstände, gegen die jeder machtlos gewesen wäre.

Möglicherweise verklärte sie ihn ja auch nur in ihrer Erinnerung, um ihr Verhalten vor sich selbst zu entschuldigen, und Cesare erwies sich im Nachhinein als Durchschnittstyp ohne besondere Qualitäten.

Aber egal. So viel stand jedenfalls fest … sie hatte einen großen Fehler gemacht! Einem Moment der Schwäche nachgegeben. Und jetzt musste sie mit den Folgen leben. Entschlossen richtete Sam ihre Gedanken wieder auf die Gegenwart.

Der dürre Mann mit den schütteren Haaren blätterte nervös einen Stapel Papiere durch und schüttelte wie abwehrend den Kopf. „Tut mir leid, aber es sieht danach aus, als wäre auch Ihr Lebenslauf einfach verschwunden. Lieber Himmel! Diese Frau war wirklich komplett unfähig!“ Er legte die Papiere zurück und lächelte Sam entschuldigend an. „Ist nicht Ihr Fehler.“

Wenn er sich da mal nicht täuschte!

Eine neue Welle von Scham und Verzweiflung überflutete Sam. Immerhin hatte sie Cesare zuerst geküsst! Einen völlig Fremden!

Die Erinnerung an diesen Moment hatte sich unlöschbar in ihr Bewusstsein gebrannt …

Alles stand ihr plötzlich wieder vor Augen. Sein markantes Gesicht, das von dem grellen Blitz beleuchtet wurde, der hinter der Fensterscheibe am schwarzen Himmel aufzuckte … der dumpfe Schmerz in ihrer Brust, als sie die Stumpfheit und Leere in der Tiefe seiner unglaublichen Augen sah … und den qualvollen Ausdruck der Erkenntnis auf den erstarrten Zügen.

Unfähig, ihm mit Worten Trost zu spenden oder das erstickte Aufschluchzen zu unterdrücken, das sich ihrer Kehle entrang, hatte sie die Arme ausgestreckt und ihre Hände auf seine Wangen mit den dunklen Bartschatten gelegt. Es war eine spontane Geste gewesen, über die sie nicht nachgedacht hatte, von der sie aber sofort wusste, dass sie falsch war, weil er erschrocken zurückzuckte. Und als Sam abbittend ihren weichen Mund auf seine festen Lippen presste, blieben die kalt und ohne Regung.

Einen umwerfend attraktiven Mann zu küssen, der das gar nicht wollte, mochten andere junge Frauen ihres Alters mit einem Achselzucken quittieren, sie konnte das nicht. Stattdessen glaubte sie, vor Verlegenheit und Scham sterben zu müssen.

Gerade setzte Sam zu einer stammelnden Erklärung an und wollte sich von ihm zurückziehen, da legte Cesare seine Hände auf ihre und presste sie gegen sein Gesicht.

Und wieder schlug Sams Herz bis zum Hals, als sie daran zurückdachte, wie er seine Finger mit ihren verflocht. Immer noch vermeinte sie das nervöse Spiel der Wangenmuskulatur unter der gebräunten Haut zu spüren, während er heiser ein paar Worte in seiner Muttersprache hervorbrachte. Und dann eroberte er ihre bebenden Lippen mit einem verzweifelten Kuss voller Wildheit und Verlangen …

Aber sie hatte damit angefangen!

Natürlich, wenn er sie nicht zurückgeküsst und der wütende Sturm den Strom nicht hätte ausfallen lassen … wäre wahrscheinlich auch gar nichts weiter passiert. Dann würde sie heute auch nicht hier stehen und versuchen, zu Cesare Brunelli vorgelassen zu werden, um ihm mitzuteilen, dass sie ein Kind von ihm erwartete.

Instinktiv legte sie eine Hand auf ihren noch flachen Bauch und schaute zur Tür. Sie konnte immer noch gehen …

„Ist Mr. Brunelli überhaupt im Haus?“, vergewisserte sich Sam bei dem Mann mit dem dunkelblonden Haar, der abrupt seine Suche nach ihren vermeintlich verloren gegangenen Papieren abbrach. Er nickte, seufzte tief und wies mit dem Kinn auf die Tür, durch die er gekommen war. Dann fiel ihm ein, dass er sich noch gar nicht vorgestellt hatte.

„Mein Name ist Tim Andrews. Nennen Sie mich einfach Tim.“

Nur zögernd ergriff Sam die dargebotene Hand, während sie wie hypnotisiert die Tür anstarrte, hinter der Cesare Brunelli sich offenbar verborgen hielt. Wenn sie sich jetzt einfach losriss und floh, konnte sie den Überraschungsmoment nutzen und verschwunden sein, ehe dieser freundliche Mann sich von seinem Schock erholt hatte.

„Sie zittern ja“, stellte Tim Andrews erstaunt fest.

Hastig zog sie ihre Hand zurück und schob sie in die Jackentasche. „Ich bin den ganzen Weg hierhergekommen, um mit Mr. Brunelli zu reden“, erklärte sie tonlos.

Tatsächlich waren es nur einige Stationen mit der U-Bahn gewesen, doch angesichts der … besonderen Umstände konnte es nicht schaden, die ganze Sache etwas dringlicher erscheinen zu lassen. „Und ich werde nicht wieder gehen, bevor ich ihn persönlich gesprochen habe“, fügte sie energisch hinzu und wünschte sich, sie würde sich nur halb so resolut fühlen, wie sich ihre Stimme anhörte.

„Ich verstehe …“, sagte Tim Andrews etwas reserviert und bedachte sie mit einem langen, forschenden Blick. „Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann. Setzen Sie sich doch bitte solange.“ Er wies auf einen Stuhl und ging auf die Tür im Hintergrund zu. Nachdem er flüchtig angeklopft hatte, öffnete er sie und trat ein.

Von ihrem Platz aus konnte Sam nur die gedämpften Stimmen hören, aber nicht verstehen, was gesprochen wurde. Das heißt, eigentlich hörte sie nur eine Stimme.

Und der volle dunkle Klang katapultierte sie augenblicklich wieder in jene Nacht vor drei Monaten zurück. Vielleicht hätte sie doch nicht so unbedingt auf einem persönlichen Kontakt bestehen sollen. Ein Brief oder eine E-Mail hätten es sicher auch getan. Schließlich brauchte sie ja niemandem etwas zu beweisen.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, war sie aufgestanden und hatte einen Fuß vor den anderen gesetzt, bis sie jetzt in der offenen Tür stand. Der Raum dahinter war riesig, doch Sam registrierte weder die kostbare Eichenvertäfelung, noch die deckenhohe Glaswand, die einen spektakulären Ausblick auf die Themse bot. Ihr Blick huschte nur flüchtig über den gelungenen Mix aus eleganten Designermöbeln und auserlesenen antiken Einzelstücken, bevor sie ihn auf den großen, breitschultrigen Mann heftete, der ihr den Rücken zugewandt hielt.

Als er den Kopf zur Seite drehte, präsentierte er ihr ein klassisch geschnittenes Profil mit hoher Stirn, römischer Nase und einem markanten, glatt rasierten Kinn.

Der Mann, mit dem sie die Nacht verbracht hatte, trug sein dunkles Haar so lang, dass es über den Kragen seines Polo-Shirts reichte, und einen stoppeligen Dreitagebart. Und als er sie liebte, tat er es ebenso wild und ungezügelt wie der Sturm, der draußen tobte.

Jetzt war das Haar kurz, und die verwaschenen Jeans hatte er gegen einen offensichtlich maßgeschneiderten Designeranzug eingetauscht. Ein Ausbund an maskuliner Eleganz und Unnahbarkeit.

Und plötzlich fühlte sich das Ganze für Sam nicht mehr wie eine höfliche Pflichtübung an, sondern wie ein echter Kardinalsfehler. Ihr Drang zu fliehen war jetzt noch viel stärker als zuvor, doch ihr widerspenstiger Körper wollte ihr nicht gehorchen.

„Soll ich die Tür schließen?“, fragte Tim Andrews. „Sie wartet draußen und …“

„Nein, auf keinen Fall! Candice hat das Prinzip, weniger ist mehr, nicht mal im Ansatz verstanden. Vor allem, wenn es um Parfum geht.“

Als Sam sah, wie er die aristokratische Nase rümpfte, fragte sie sich unwillkürlich, ob sich das in erster Linie auf den schweren exotischen Duft bezog, der in der Luft lag, oder die Person, die er im Geist damit verband. Waren es unangenehme Erinnerungen, die ihn mit dieser Candice verbanden, oder fühlte er ein schmerzhaftes Verlangen nach seiner Geliebten?

Sam gefiel weder der eine, noch der andere Gedanke. Seit sie in einem Klatschblatt von der Affäre der beiden gelesen hatte, fragte sie sich immer wieder, ob es das Gesicht der attraktiven Schauspielerin gewesen war, das er während ihres Liebesspiels vor seinem inneren Auge hatte.

„Hören Sie, es tut mir sehr leid wegen Candice, aber …“

„Wollen Sie sich etwa bei mir für ihr unmögliches Verhalten entschuldigen, Tim? Das ist nicht nötig. Wenn sie sich etwas vorgenommen hat, lässt sie sich von niemandem aufhalten. Ich nehme an, sie hat die Presse über ihren … Besuch hier informiert?“

„Ich befürchte, so war es tatsächlich …“, murmelte der Unglückliche. „Aber was das Mädchen da draußen betrifft, Cesare. Sie ist extra Ihretwegen hierhergekommen. Können Sie nicht wenigstens ganz kurz mit ihr reden? Sie müssen ihr den Job ja nicht wirklich geben.“

Endlich verstand Sam, warum sie entgegen ihrer Erwartung gleich weitergereicht worden war. Alle dachten offensichtlich, sie hätte sich hier um einen Job beworben! Fast hätte sie aufgelacht, doch der Impuls erstarb in dem Moment, als Cesare ein gereiztes Knurren ausstieß.

„Ich dachte, ich hätte mehr als deutlich gemacht, dass ich keinen weiblichen Assistenten haben will.“

„Nun, das konnten wir der Agentur so wohl schlecht sagen, oder?“, formulierte Tim vorsichtig. „Nicht, wenn wir nicht der sexuellen Diskriminierung beschuldigt werden wollen.“

„Und deshalb ist diese Frau auf der Liste? Sozusagen als Quotenweib?“

Tim Andrews hüstelte nervös, und Sam wollte sich gerade einschalten, als Cesare Brunelli sich plötzlich umdrehte, zum Schreibtisch ging und einen mattgrünen Stein mit irisierenden goldenen Streifen in die Hand nahm und betastete.

„Ist das Ihr Mitbringsel von unserem Himalaya-Treck?“, fragte Tim, um ein neues Thema bemüht.

„Ja.“ Cesares Kinnmuskulatur verhärtete sich, als erinnere er sich an etwas ganz Bestimmtes. Plötzlich wirkte er wie ein Mann, der grundsätzlich versuchte, seine Grenzen auszutesten, und auch gern mal darüber hinausging.

Sam fühlte einen kühlen Schauer über ihren Rücken rinnen.

Tim hingegen grinste breit. „Das war eine gigantische Sache, was? Leider habe ich es ja nicht ganz bis zum Gipfel geschafft, aber beim nächsten Mal werde ich nicht kneifen! Da bin ich auf jeden Fall dabei!“

„Ich aber nicht!“, sagte Cesare hart und legte den Stein wieder auf dem Tisch ab. In dem Moment, als die Worte heraus waren, hätte er sie am liebsten zurückgeholt. Wenn er irgendetwas hasste, dann war es Selbstmitleid. Erst recht, wenn es ihn betraf.

„T…ut mir leid“, stammelte der arme Tim mit brandrotem Kopf. „Offenbar kann ich nicht den Mund aufmachen, ohne …“

„Ohne mich daran zu erinnern, dass ich blind bin?“, ergänzte Cesare rau. „Keine Bange, neben der erfreulichen Tatsache, dass Ihr schuljungenhaftes Aussehen unseren Gegnern und Konkurrenten ein völlig unangebrachtes Gefühl von Sicherheit vermittelt, ist genau das der Grund, warum ich Sie überhaupt in meiner Nähe ertrage. Sie sind die einzige Person, die nicht plötzlich auf Zehenspitzen um mich herumschleicht.“

Das stimmt nicht ganz, dachte Cesare im nächsten Moment. Es hatte da noch jemanden gegeben …

Er kniff die Augen zusammen, aber das löschte nicht die Stimme in seinem Kopf aus, die ihn Tag und Nacht verfolgte. Zwischendurch hatte er sich sogar eingeredet, die geheimnisvolle Fremde sei nur ein Produkt seiner überschäumenden erotischen Fantasie gewesen, doch dann würde er sich nicht an jedes noch so winzige Detail ihres Zusammenseins erinnern können. Oder an ihren zarten Duft …

Und sie hatte ihm Dinge an den Kopf geworfen, die sonst niemand wagen würde, ihm ins Gesicht zu sagen. Seine sorgfältig errichteten Mauern, hinter denen er sich vor der Welt verschanzte, hatte sie mit einer stürmischen Aktion zu Fall gebracht und ihn damit dem Schmerz ausgeliefert, vor dem er sich hatte schützen wollen.

Der Pein, sich der Realität stellen zu müssen …

Aber jedes ihrer Worte und jede noch so rüde Anschuldigung entsprachen der Wahrheit. Und der Sex mit ihr war eine ganz besondere Erfahrung gewesen. Eine, die er trotz der qualvollen Begleitumstände gern wiederholt hätte …

Um Cesares herben Mund spielte ein schwaches Lächeln, das Sams Herz sofort höher schlagen ließ.Woran er wohl gerade dachte?

„Das ist nicht erst seit Ihrer Erblindung so“, behauptete Tim gelassen und brachte damit gleich zwei Zuhörer abrupt in die Wirklichkeit zurück. „Seit ich Sie kenne, tritt jeder in Ihrer Gegenwart so geräuschlos wie möglich auf. Die meisten Menschen fürchten sich vor Ihnen zu Tode.“

„Wollen Sie mir auf diesem Weg schonend beibringen, dass ich schon immer ein Monster war?“, fragte Cesare sarkastisch.

„Ich will damit sagen, dass Sie ein Mensch sind, der sich selbst hohe Ziele steckt und schier Unglaubliches abverlangt und dasselbe natürlich auch von anderen erwartet. Nur leider hat nicht jeder Ihr Potenzial, Cesare.“ Das klang fast tröstend, und der hochgewachsene Mann lachte hart auf.

Es kostete ihn wirklich einiges, seine Dämonen zu bekämpfen und zu überwinden, nachdem er sein Augenlicht verlor. Aber das hatte sein unerschrockener Berater wahrscheinlich gar nicht gemeint, dieser unverschämte Kerl!

„Um noch mal auf das Mädchen zurückzukommen …“

„Überspannen Sie den Bogen nicht, Tim!“, warnte Cesare und trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte. „Sie kennen meine Meinung. Also, warum meine Zeit verschwenden und die jener Frau?“

„Sie ist eigentlich gar nicht von der Agentur geschickt worden, sondern eher irrtümlich hier gelandet. Ihr Name ist Sam …“ Er schluckte trocken, angesichts der unnachgiebigen Miene seines Arbeitgebers und nahm sich vor, nur noch einen allerletzten Versuch zu wagen. „Sie müssen sie doch nicht mehr als ein, zwei Minuten sehen und …“ Entsetzt über seinen Fauxpas brach er ab. „Ich meine natürlich …“

„Ich weiß genau, was Sie meinen, Timothy!“, unterbrach Cesare ihn grob, doch in seiner Stimme schwang ein Funken Amüsement mit. „Ich wünschte nur, Sie würden endlich aufhören, so krampfhaft zu versuchen, meine Gefühle zu schonen. Das wäre für mich sehr viel erholsamer, glauben Sie es mir. Okay, ich werde sie zwar nicht sehen, aber ihr für eben jene ein, zwei Minuten gnädig mein Ohr leihen. Endlich zufrieden, Sie Quälgeist?“

„Ja, Sir … Sie werden es bestimmt nicht bereuen.“

„Ah, Sie sind also wirklich der Meinung, diese eine Frau unterscheidet sich tatsächlich von ihrer nervigen, unfähigen Geschlechtsgenossin, die aus falsch verstandenen mütterlichen Instinkten jede zweite Seite in meinem Terminkalender freihielt, nur um mich zu schonen? Egal, wie sauer ich war und womit ich gedroht habe …“

„Mit allem Respekt, Cesare, Sie waren entsetzlich rüde zu ihr.“

„Mir völlig egal!“

„Und dieses arme Ding ist immer noch verliebt in Sie!“ Tim seufzte elegisch. „Ihre Probleme möchte ich haben!“

Cesare schnaubte abfällig. „Wie können Sie diese romantische Gefühlsduselei Liebe nennen? Also los, Timothy dann mal rein mit Ihrem Schützling!“

2. KAPITEL

„Keine Angst, ich werde mich nicht in Sie verlieben!“

Sam fühlte sich sehr sicher bei diesem Statement, was nicht der Fall gewesen wäre, hätte er von Lust geredet. Denn die hatte sie in der Sekunde überfallen, und zwar mit aller Macht, als sie Cesare Brunelli zum ersten Mal gegenüberstand.

Aber Liebe hatte nichts mit dem sinnhaften Rausch zu tun, der einen in den Fängen hält und den Verstand ausschaltet, bis die verzehrende Sehnsucht des Körpers endlich gestillt war. Liebe war keine Sache von Hormonen oder der unerklärlichen Chemie zwischen zwei Menschen, sondern ein starkes ruhiges Gefühl, das langsam wächst und ein Leben lang anhält. Im Idealfall!

Lust war dagegen aus einem viel fadenscheinigeren Material gestrickt. Es hatte nichts Solides, nichts Bleibendes an sich. Und genau deshalb konnte Sam bei Cesares Anblick auch an nichts anderes denken als …

Lieber Himmel! Sie war doch nicht hierhergekommen, um …

Ihr spröder Kommentar hatte beide Männer dazu veranlasst, sich ihr zuzuwenden, und Sam war gezwungen, ihre mehr als verwegenen Fantasien in den Hinterkopf zu verdrängen, um sich auf das zu konzentrieren, weshalb sie Cesare Brunelli unbedingt hatte sprechen wollen.

Obwohl sie wusste, dass er blind war, schien es so, als wolle er sie mit seinen unglaublich blauen Augen förmlich durchdringen. Sams Herz klopfte so heftig, dass sie es im Hals spürte. Er sah so anders aus – abweisend und unzugänglich.

Sie gab sich einen Ruck. „Ich bin nicht wegen eines Jobs hier, Mr. Brunelli“, stellte sie klar.

Erneut hatte sie den Eindruck, direkt angeschaut zu werden, doch diesmal schien sein Blick bis in ihre geheimsten Gedanken vordringen zu wollen.

Lieber nicht! dachte Sam in einem Anflug von Panik.

Cesares Körper war bis in die letzte Muskelfaser angespannt, seine Hände zu Fäusten geballt, nachdem die unverwechselbare, leicht heisere Stimme ihn wie ein Schlag ins Gesicht getroffen hatte.

Sie war hier! Er hatte sie gefunden, oder besser, sie hatte ihn gefunden!

Wochenlang hatte er nach der Frau gesucht, die sein Leben wie ein glitzernder Komet gestreift hatte und nichts weiter hinterließ als ihren betörenden Duft auf seinen Laken. Der einzige Beweis, dass er nicht geträumt hatte.

Cesares Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, und in seinen Lenden breitete sich heißes Begehren aus. Es war mit ihr verschwunden gewesen und jetzt …

„Lass uns allein, Tim.“

Tim, der gerade einen Schritt auf Sam zugemacht hatte, blieb wie angewurzelt stehen. Cesare konnte seine Irritation förmlich spüren, ging aber nicht darauf ein.

„Allein lassen?“, echote er verständnislos. „Mit ihr?“

„Ja.“ Das klang eine Spur arrogant und sehr endgültig.

Sams Unsicherheit verstärkte sich. Sie hatte sich mental auf alles Mögliche vorbereitet, aber nicht darauf! Cesare hatte sich nicht nur äußerlich verändert.

„Wenn ich in Gefahr sein sollte, werde ich Sie rufen.“

„Wie Sie wünschen, Sir …“

Cesare lächelte versteckt. „Einen Moment noch, Timothy“, befahl Cesare, und Tim blieb stehen. „Wie sieht sie aus?“

„Pardon?“

„Ist sie eine blauäugige Blonde oder eine braunäugige Brünette …?“

Cesare wusste nur, dass ihr Gesicht ungefähr auf Höhe seines Herzens war, wenn sie dicht vor ihm stand. Sie war schlank, sportlich, mit dezenten Kurven und einer samtigen Haut. Eine schmale Nase, ein kleines, festes Kinn und dieser großzügige weiche Mund …

Die Erkenntnis, wie häufig er in den letzten Wochen in Gedanken wieder und immer wieder ihr zartes Gesicht betastet hatte, traf ihn wie ein Schock. Und stets hatte es in einem Gefühl von Frustration geendet, weil er es nicht vermochte, seinem Bild von ihr Farbe zu verleihen.

„Sie hat blaue Augen … tiefblaue, leuchtende Augen und kupferrotes Haar“, repetierte Tim aus dem Gedächtnis und drehte sich dann erst zu Sam um. „Sorry“, murmelte er leise, doch sie schüttelte nur lächelnd den Kopf.

„Es sind nicht Ihre Manieren, die zu wünschen übrig lassen“, beruhigte sie ihn.

An diesem Punkt hielt Tim Andrews es für angebracht, den Ort des Geschehens so schnell wie möglich zu verlassen. Als die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel, atmete Sam noch einmal tief durch. „Ich bin …“

„Ich weiß, warum du hier bist, cara“, nahm Cesare ihr den Wind aus den Segeln. „Du scheinst Timothy ziemlich beeindruckt zu haben“, stellte er mit einem leichten Unterton in der dunklen Stimme fest. „Ein blauäugiger Rotschopf also …“

„Ich glaube kaum, dass die Farbe meiner Augen oder Haare in irgendeiner Hinsicht wichtig ist.“

„Mag sein, aber da wir bereits auf einer sehr intimen Ebene miteinander verkehrt haben …? Tja, ich glaube, offiziell vorgestellt wurden wir einander allerdings noch nicht. Sam also …?“

Nach Cesares Auffassung war ein Jungenname für eine derart weibliche Frau völlig unpassend.

„Woher wussten Sie, dass ich es war“, fragte Sam. „Sie können doch gar nicht … außer …?“ Sie schaute Cesare forschend in die Augen, und für ihr Empfinden schien er ihren Blick zu erwidern. Aber was sollte dann das Theater mit Tim?

„Ich bin blind, aber nicht dumm, cara.“

Hatte er etwa ihre Gedanken gelesen? Sam fröstelte und schlang wie beschützend die Arme um ihren Oberkörper. Gut, dass er ihre Verlegenheitsgeste nicht sehen konnte!

„Also, wie?“, beharrte sie dennoch.

„Deine Stimme ist sehr einprägsam“, sagte er rau und mit einem sexy Unterton, der Sam noch mehr frösteln ließ. Diesmal aber aus anderen Gründen.

„Es gibt eine Menge Leute mit schottischem Akzent“, versuchte sie hastig abzulenken.

„Und dann dein Parfum …“ Er blähte leicht die Nasenflügel, und Sam beobachtete fasziniert das Spiel seiner Kiefermuskulatur, als er die Lippen zusammenpresste und heftig schluckte.

„Ich benutze gar kein Parfum“, murmelte sie heiser.

Cesare war langsam näher gekommen und stand inzwischen so dicht vor ihr, dass sie sich nur noch auf die Zehenspitzen heben und leicht hätte vorbeugen müssen, um ihn auf das markante Kinn zu küssen. Der Wunsch, diesem sehnsüchtigen Drang nachzugeben, wurde fast übermächtig.

„Und?“, fragte Cesare mitten in ihre Verwirrung hinein. „Hat dieser geheimnisvolle Rotschopf auch noch einen anderen Namen als Sam?“

Die Art, wie er die drei dürren Buchstaben über die Zunge rollen ließ, verursachte ihr ein seltsames Kribbeln im Magen.

„Samantha, aber jeder nennt mich Sam.“

„Ich bin nicht jeder, Samantha.“

Während sie noch überlegte, was sie darauf sagen sollte, streckte Cesare die Hand aus. Sam schloss die Augen, als er mit den sensiblen Spitzen seiner langen gebräunten Finger ganz sanft die Rundung ihrer Wange abtastete.

„Du bist wirklich da und kein Trugbild meiner Fantasie …“ Seine Stimme klang leicht erstaunt und sehr zufrieden.

Sam spürte, wie sie errötete. „Natürlich fragen Sie sich, was mich veranlasst hat, so einfach hier einzudringen …“

„Eigentlich nicht“, unterbrach er sie mit einem schiefen Lächeln. „Aber da du es so förmlich ausdrückst, fürchte ich dann doch, einem bedauerlichen Irrtum erlegen zu sein, wenn ich gehofft hatte, es wäre wegen meines Körpers …?“

Sam brauchte einen Moment, um sich zu fassen. „So toll sind Sie dann auch wieder nicht!“, konnte sie sich nicht verkneifen und hoffte inständig, er möge die dreiste Lüge nicht entlarven.

„Das hast du beim letzten Mal noch ganz anders gesehen“, erinnerte er sie gnadenlos. „Perfekt, absolut perfekt lautete dein Urteil, wenn ich mich recht erinnere. Außerdem schienst du auch von meinen Qualitäten als Liebhaber außerordentlich angetan gewesen zu sein. Wie hast du es noch ausgedrückt …?“

„Ein Gentleman würde so etwas niemals erwähnen!“

„Bin ich nicht.“

Sam schob die Brauen zusammen. „Nicht was?“

„Ein Gentleman, zumindest nicht in dieser Interpretation, cara. Aber es waren ja auch nicht unbedingt meine geschliffenen Manieren, die dir im Bett …“

„Ich kann es nicht fassen, dass ich jemals auch nur einen Funken Mitleid für dich empfunden habe!“, platzte es aus ihr heraus.

Cesare zuckte zurück, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. „Dann hast du also nur aus Mitleid mit mir geschlafen?“, fragte er mit gefährlich leiser Stimme.

Sam spürte plötzlich ein heftiges Pochen hinter den Schläfen, als Cesare genau den wunden Punkt berührte, den sie selbst noch nicht zu ihrer Zufriedenheit hatte entschlüsseln können.

„Ehrlich gesagt, kann ich mir selbst nicht erklären, warum ich das getan habe“, konfrontierte Sam ihn unverblümt mit der Wahrheit. „Dabei bin ich normalerweise ein extrem zurückhaltender Typ.“ Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Es war eine absolut verrückte Situation, aber ich wusste, was ich da tat.“ Sie schien jetzt nur noch zu sich selbst zu sprechen. „Und ich wollte es …“

Während er ihren holperigen Ausführungen lauschte, verschwand der angespannte Ausdruck von Cesares Gesicht.

„Es kam dir so natürlich und unvermeidbar vor wie der nächste Atemzug?“, half er ihr weiter.

„Stimmt!“, rief sie erstaunt aus. „Wie kannst du das wissen?“ Noch während sie das sagte, hatte Sam das Gefühl, sich Cesare gegen ihren Willen auszuliefern. „Trotzdem bleibt es dabei, dass ich keinen Funken Mitleid für dich empfinde!“, tat sie vorsichtshalber noch einmal kund.

Sein raubtierhaftes Lächeln verursachte ihr eine wohlige Gänsehaut. Ein absurdes Empfinden, das sie sogleich weit von sich wies.

„Über der launigen Plauderei hätten wir fast die Formalitäten vergessen, Samantha. Also, ich bin Cesare, was dir natürlich inzwischen bekannt ist, sonst wärst du ja nicht hier.“ Er deutete eine höflich korrekte Verbeugung an. „Als Nächstes drängt sich mir natürlich die Frage auf, warum bist du hier?“

Genau das hatte sich auch Sam, besonders in den letzten zehn Minuten, dringlicher gefragt denn je. „Ich … ich wusste nicht, wer du bist, als wir …“

„Zusammen im Bett waren, weil du so überwältigt warst vor Mitleid, was du allerdings bewundernswert zu kaschieren verstandest …“

„Oh, da habe ich dich keineswegs bemitleidet“, unterbrach sie ihn nüchtern. „Erst später, als ich dein Bild in der Zeitung sah.“

Nicht für einen Moment hatte sie geglaubt, dass es sich bei dem Mann, der in dem Artikel als größtes Finanzgenie der Gegenwart beschrieben wurde, um den gleichen Mann handelte, mit dem sie eine heiße Nacht verbracht hatte. Dann las sie den kurzen Abschnitt über seinen Unfall, der ihn das Augenlicht gekostet hatte, und die nachfolgende Auflösung seiner Verlobung mit einer berühmten Schauspielerin.

„Lass mich raten. Ganz plötzlich hast du noch viel tiefer gehende Gefühle für mich entwickelt?“ Seine Stimme troff förmlich vor Sarkasmus.

„Nein, ich …“

„Und bereust es bitterlich, mich einfach so verlassen zu haben, während ich schlief“, fuhr Cesare erbarmungslos fort.

Scham und Schuldgefühl trieben heiße Röte in Sams Wangen. „Schon, weil …“

„Kein Grund für weitere Erklärungen, ich verstehe vollkommen!“

„Das bezweifle ich“, erwiderte Sam trocken.

„Glaub mir, ich weiß aus Erfahrung, wie schnell sich das Verhalten der Leute ändert, sobald sie wissen, dass ich nicht unvermögend bin.“

Was hatte das denn mit ihrem Problem zu tun?

Sam brauchte einige Sekunden, um zu verstehen, worauf Cesare überhaupt anspielte, doch dann stieg heiße Empörung in ihr auf.

„Nur zu deiner Information, dein Geld interessiert mich absolut nicht!“

„Natürlich nicht!“, konterte er höhnisch und spürte gleichzeitig einen feinen, ziehenden Schmerz in der Brust.

Für One-Night-Stands hatte Cesare, anders als viele seiner Geschlechtsgenossen, nie viel übrig gehabt, und es noch dazu als einen Mangel an guten Manieren empfunden, sich morgens klammheimlich davonzustehlen. Und er sah keinen Grund, die gleichen Maßstäbe auch Frauen gegenüber anzulegen.

Dass sie einfach so gegangen war, hatte ihn anfangs fast verrückt gemacht, doch sobald sein nüchterner Verstand wieder einsetzte, musste Cesare sich eingestehen, dass sie ihm nur etwas gegeben und dafür absolut nichts im Gegenzug verlangt hatte. Und das ließ Samantha, zumindest in seiner Welt, ziemlich einzigartig erscheinen.

Doch wie es jetzt aussah, hatte er sich auch darin getäuscht.

„Wie auch immer“, unterbrach Sam leicht gereizt seine Grübeleien. „In jener Nacht hatte ich weder eine Ahnung, wer du bist, noch, ob du Geld hast oder nicht. Und wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre es mir lieber, immer noch nichts darüber zu wissen. Doch leider ist mir im Zuge einer Recherche dieser Artikel mit deinem Foto in die Finger geraten …“

„Recherche?“

Angesichts der Skepsis in seiner Stimme reckte Sam kampflustig ihr Kinn vor. „Nun, ich arbeite für den Chronicle“, informierte sie ihn so kühl wie möglich, obwohl sie innerlich hoffte, er würde sich genauso beeindruckt zeigen wie die meisten Leute, wenn sie erwähnte, dass sie bei dieser renommierten Zeitung beschäftigt war.

Doch Cesare hätte kaum weniger beeindruckt sein können. „Du bist Journalistin?“

„Ja.“ Sam ärgerte sich über den verteidigenden Ton in ihrer Stimme. „Und ich bin sehr gut in meinem Job!“, fügte sie steif hinzu.

„Das bezweifele ich nicht im Geringsten.“ Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er damit kein Kompliment aussprach.

„Hast du etwa Probleme mit Journalisten?“

Cesare lachte hart auf. „Ich würde sagen, es ist auf jeden Fall ein erstrebenswerter Beruf für Menschen, die keine Skrupel haben!“

Er dachte an den Reporter, der die Eltern des verletzten Kindes interviewt hatte, das von ihm aus dem brennenden Wagen gezogen worden war. Der passte jedenfalls exakt in jene Kategorie. Er war nicht einmal davor zurückgeschreckt, das in Angst und Schmerz um ihr lebensgefährlich verletztes Kind erstarrte Paar auch noch zu fragen, ob sie sich verantwortlich für Cesares Erblindung fühlten.

Sam, die sich durch Cesares pauschale Verurteilung verletzt fühlte, presste verstimmt die Lippen zusammen.

„Ich versuche durchaus, nicht alle über einen Kamm zu scheren“, fuhr Cesare fort, als habe er schon wieder ihre Gedanken gelesen. „Wahrscheinlich würden sogar die meisten deiner Berufskollegen davor zurückschrecken, mit ihrer Zielperson zu schlafen, nur um eine gute Story zu bekommen. Dabei hätte ich es wirklich besser wissen müssen …“

Keine Sekunde später hörte er ein klatschendes Geräusch und spürte gleichzeitig einen brennenden Schmerz auf seiner Wange. Die Wucht des Schlages war so groß, dass sein Kopf zur Seite flog.

Entsetzt und voller Scham presste Sam beide Hände auf ihr wild hämmerndes Herz. Plötzlich hatte sie nur noch rot gesehen. Selbst wenn sie für Cesare nur ein bedeutungsloses Intermezzo unter vielen gewesen war … musste er ihre gemeinsame Nacht denn unbedingt derart in den Dreck ziehen und billig aussehen lassen?

Der Schock ließ Sam am ganzen Körper haltlos zittern. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie jemanden geschlagen. Das lag einfach nicht in ihrer Natur. Es war dieser Mann! Als Cesare die Demütigung auch noch komplett machte, indem er sie auslachte, stiegen ihr vor Frustration heiße Tränen in die Augen.

„Findest du das etwa lustig?“

Mit einer Hand seine brennende Wange reibend, hob er die breiten Schultern und ließ sie wieder fallen. „Da habe ich schließlich doch noch eine Frau gefunden, die keine Rücksicht auf meine Behinderung nimmt“, stellte er mehr für sich fest. „Und wenn du nicht gleichzeitig eine gefühllose, berechnende kleine Hexe wärst, würdest du dich ziemlich gut für den Posten als meine neue Assistentin eignen … oder als meine Geliebte.“

„Wenn das der ausgeschriebene Job sein soll, ist es kein Wunder, dass du Schwierigkeiten hast, ihn zu besetzen!“, schoss Sam mit beißender Ironie zurück. „Ebenso wenig, dass sich deine Verlobte von dir getrennt hat!“

Cesare neigte den Kopf leicht zur Seite, doch seine Miene blieb ausdruckslos. Er ließ sich weder anmerken, ob sie ihm mit der Ohrfeige ernsthaft wehgetan hatte, noch, was er über ihre letzte Äußerung dachte. Aber Sam fühlte sich auch so schrecklich schuldbewusst und unwohl in ihrer Haut.

„Das stand nämlich in dem Artikel, den ich gelesen habe“, erklärte sie fast trotzig. „Übrigens war ich zufällig im Foyer, als dieses aufregende Exmodel mit einer Meute von Paparazzi an den Fersen das Gebäude verließ und …“ Sie brach ab, als ihr auffiel, dass sie sich schon wie eine eifersüchtige Geliebte anhörte. „Ich nehme an, die Missverständnisse zwischen euch beiden sind wieder ausgeräumt?“

Doch so leicht, wie sie es gehofft hatte, schnappte Cesare nicht nach dem ausgelegten Köder.

„Berufliches oder privates Interesse?“, fragte er zynisch.

„Dein Liebesleben interessiert mich weder beruflich noch sonst irgendwie“, behauptete Sam schnippisch. „Und auch, wenn es mir leidtut, dass sie dich verlassen hat, kann man ihr kaum einen Vorwurf deswegen machen. Denn, blind oder nicht, du bist und bleibst ein Schuft! Und ich wünschte nur, ich hätte tatsächlich wegen einer Story mit dir geschlafen, dann käme ich mir jetzt nur halb so bescheuert vor!“

„Wenn nicht wegen einer Story, warum bist du dann mit mir ins Bett gegangen?“

Sam ignorierte die Frage. So, wie sie es sich selbst gegenüber bereits seit zwölf Wochen tat.

„Du glaubst doch nicht wirklich, ich würde über … so etwas schreiben, auf die Gefahr hin, damit meine Familie und meine Freunde zu verletzen? Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein! Das einzige Gefühl, das mich seither beherrscht, ist Scham.“

Cesare neigte den Kopf zur Seite. „Du hältst Sex für etwas, dessen man sich schämen muss?“

„Nur den Sex mit dir! Ich … ich hatte schon andere Beziehungen … und ich war verlobt!“

„Verlobt?“ Aus einem unerfindlichen Grund störte Cesare diese Eröffnung enorm. Warum, darauf konnte er sich allerdings keinen Reim machen.

„Ja, verlobt! Und ich habe ein ausgesprochen gesundes Verhältnis zu Sex, falls dich das interessiert! Auf keinen Fall bin ich eine frustrierte, zimperliche …“

Ganz knapp konnte Sam sich noch bremsen, ehe sie sich aus lauter Wut und Frust um Kopf und Kragen redete.

„Jungfrau?“, half Cesare ihr bereitwillig aus und dachte plötzlich an Sams erstaunten Aufschrei, dessen Echo immer noch in seinem Kopf nachhallte. Doch da diese Erinnerung Gefühle in ihm wachrief, denen er sich nicht stellen wollte, hatte er sie rasch wieder verdrängt. Bis jetzt …

3. KAPITEL

Diesmal war es allerdings ein erstickter Protestlaut, der sich Sams Kehle entrang. Und damit hatte Cesare seine Bestätigung, wenn er noch eine gebraucht hätte.

„Du hast gedacht, ich würde es nicht merken?“, fragte er kühl.

„Eher gehofft …“, murmelte sie tonlos.

„Um dir selbst vorzumachen, es sei gar nichts geschehen, damit du für immer als professionelle Jungfrau auftreten kannst?“, spottete er. „Bevor du mir das nächste Mal mein chauvinistisches Verhalten vorhältst und gute Ratschläge erteilst, cara, erinnere dich daran, dass du es bist, die anonymen Sex mit einem Fremden vorzieht, anstatt mit dem eigenen Verlobten ins Bett zu gehen.“

„So war es doch gar nicht!“

„Aah … dann wusstest du also doch, wer ich bin!“

„Nein!“, presste Sam zwischen zusammengepressten Lippen hervor. „Ich verstehe nur nicht, warum du das Ganze so hoch aufhängst. Wenn man dich reden hört, könnte man denken, ich hätte dich quasi gezwungen, mit mir zu schlafen! Es ist nun mal passiert, und ich habe nicht vor, mir deshalb graue Haare wachsen zu lassen!“

Na, das hört sich ja sehr erwachsen und abgeklärt an! dachte Sam und musterte dann wütend Cesares undurchdringliche Miene.

„Nur zu deiner Information“, fuhr sie in dem Gefühl, völlig missverstanden zu werden, fort. „Es lag nicht an mir, dass Will und ich nicht …“

„Dass ihr nicht miteinander geschlafen habt?“ Cesare dachte an ihren warmen, weichen Körper, der sich ihm bereitwillig entgegengebogen hatte, als …

„Er hat sich in eine andere verliebt“, erklärte Sam hastig. „Außerdem geht dich das alles nichts an!“

„Dann verrate mir wenigstens, was ich von der ganzen verrückten Aktion halten soll. Oder von dir. Du tauchst einfach aus dem Nirgendwo auf, gibst dich als Putzfrau aus und versuchst, dich in meinem Kopf einzunisten.“

„Glaub mir, der letzte Platz, wo ich sein möchte, ist dein Kopf!“

„Das hast du auch von meinem Bett gesagt und bist trotzdem dort gelandet. Willst du etwa behaupten, das sei nicht geplant gewesen?“

Seine völlig ungerechtfertigte Anschuldigung entlockte Sam einen erneuten Protestlaut. „Natürlich nicht! Es … es war einfach eine Art Unfall! Sex aus Mitgefühl.“ Es war heraus, bevor sie es verhindern konnte. Eine Lüge, gefolgt von einem erstickenden Schuldgefühl.

„Ganz bestimmt, cara“, pflichtete Cesare ihr spöttisch bei, und Sam konnte es kaum fassen, als sie sah, wie sich seine Lippen amüsiert kräuselten. „Rede dir das nur weiter ein, wenn es hilft.“

„Denk doch, was du willst!“, giftete sie ihn an. „Vor einer Minute habe ich noch wegen einer Story mit dir geschlafen, jetzt, weil du unwiderstehlich bist, ja? Vielleicht war ich einfach nur neugierig. Immerhin war ich noch nie mit einem blinden Mann im Bett.“

„Du warst überhaupt noch nie mit einem Mann im Bett, cara“, erinnerte er sie spöttisch.

„Na, wie schön für dich! Dann gibt es doch erst recht keinen Grund, sich zu beschweren, oder? Du brauchtest offensichtlich jemanden, und ich war da. Basta!“

Cesare schob die dunklen Brauen zusammen bei der Erinnerung an das seltsame Gefühl in seiner Brust, als sie beide erschöpft, atemlos und eng aneinandergeschmiegt dalagen und ihm noch einmal bewusst wurde, dass er der erste Mann im Leben dieser geheimnisvollen Fremden war. Die Erkenntnis hatte ihn schockiert und gleichzeitig unglaublich erregt.

„Mag sein“, bestätigte er gelassen. „Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass du mich in jenem Moment ebenso brauchtest wie ich dich. Wirst du das, der Ehrlichkeit halber, auch in deine Reportage mit einflechten? Ist dies möglicherweise nur ein Höflichkeitsbesuch, um mich von der bevorstehenden Veröffentlichung deiner Lovestory zu unterrichten? Falls es so ist …“

„Ach, geh zur Hölle!“

Cesare lachte. „Also zurück an den Ort, aus dem du mich, dank deines willigen warmen Körpers, gerettet hast? Ein nicht uninteressanter Aspekt … aber leider muss ich dich enttäuschen. Für mich hast du einfach nur guten, entspannenden Sex bedeutet, nicht meine Erlösung.“

„Glaub mir, das möchte ich auch nie sein!“

„Was bist du dann?“

„Schwanger!“, platzte Sam am Ende ihrer mentalen Kräfte hervor. „Exakt seit zwölf Wochen!“

Cesare gefror zur bewegungslosen Statue. Sekundenlang hatte Sam den Eindruck, er habe sogar aufgehört zu atmen.

„Schwanger?“

„So ist es. Und glaub mir, für mich war es ein ebenso großer Schock.“

„Bist du dir auch ganz sicher?“

Sam spürte, wie ihr Adrenalinspiegel stieg. „Würde ich es sonst sagen?“, fragte sie mit bebender Stimme. „Und ob ich mir sicher bin!“

„Weinst du etwa?“, fragte er misstrauisch.

„Nein, tue ich nicht!“, behauptete sie und wischte wütend mit der Faust über die feuchten Augen. „Ich weiß so gut wie nichts über dich, aber ich denke, sinnlose Spekulationen über das Wie und Warum bringen uns jetzt keinen Schritt weiter.“

„Wir wissen doch beide nur zu gut, warum, cara …“

Sam errötete und biss sich auf die Lippe. „Hör zu“, sagte sie hastig. „Ich will gar nichts von dir, falls du etwas in der Art befürchtest. Ich dachte nur, du würdest es vielleicht wissen wollen. Und jetzt, da ich es dir gesagt habe, werde ich gehen …“ Energisch schulterte sie ihre Tasche und wandte sich zur Tür.

Du gehst?“

„Ja.“

Cesare schüttelte den Kopf. „Die ganze Situation ist … völlig surreal.“

Sam seufzte und empfand plötzlich so etwas wie Mitgefühl für den Vater ihres Kindes. „Ich weiß, was du meinst! Ein bisschen viel auf einmal, was? Ich lasse dir einfach meine Handynummer da, im Fall, dass du irgendwann Kontakt zu mir aufnehmen willst.“

Wer bist du …?“, fragte Cesare eindringlich.

Sam stutzte. „Das weißt du doch … Sam Muir.“

Ungeduldig schüttelte er den Kopf. „Ich meine nicht deinen Namen! Wer bist du? Warum bist du an jenem Abend dort aufgekreuzt? In einem kalten, zugigen Schloss in Nirgendwo!“ Die Kälte hatte Cesare allerdings erst gespürt, nachdem sie gegangen war. „Die Frau, mit der ich am nächsten Tag gesprochen habe …“

Sam seufzte. „Meine Schwägerin Clare! Dabei hatte ich sie doch instruiert, nicht zu sagen …“

„Wo ich dich finden könnte?“, fragte er hellsichtig.

„Selbst wenn ich sie nicht gebeten hätte, diskret zu sein, würde sie einem Fremden niemals vertrauliche Auskünfte über ihre Angestellten weitergeben.“

„Diskret? Die Frau hat mir irgendeine verrückte Lügengeschichte über eine Epidemie erzählt.“

„Das war keine Lüge!“, verteidigte Sam ihre Schwägerin, doch Cesare schien sie gar nicht zu hören.

„Dann bist du also mit den Besitzern von Armuirn Castle verwandt?“

Sam nickte, bis ihr einfiel, dass Cesare sie ja gar nicht sehen konnte.

„Ja. Clare ist die Frau meines Bruders, der an jenem Abend, wie einige der Angestellten, mit einer schweren Grippe im Bett lag. Deshalb bin ich auch als Putzfrau eingesprungen.“

„Dann ist Ian, der Mann den du damals mir gegenüber erwähnt hast, also dein Bruder?“

„Ja“, bestätigte Sam, obwohl sie sich nicht erinnerte, mit Cesare über Ian gesprochen zu haben. „Er und Clare können es sich leider nicht leisten, selbst mit ihren kleinen Zwillingssöhnen im Schloss zu wohnen. Aber das kann dich doch alles nicht wirklich interessieren?“

„Warum setzt du dich nicht endlich irgendwohin?“, fragte Cesare gereizt, als spüre er ihren kaum zu unterdrückenden Fluchtinstinkt.

„Ich stehe lieber.“

„Dann setze ich mich eben“, murmelte er, nahm mit grimmiger Miene am Schreibtisch Platz, fuhr sich mit allen zehn Fingern durch das dichte, dunkle Haar und legte den Kopf in den Nacken. Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich in quälender Länge aus. Schließlich gab Cesare sich einen Ruck, beugte sich vor und legte die Hände flach auf die Schreibtischplatte.

„Das ist wirklich kein Scherz, oder? Du bist tatsächlich schwanger?“

„Ja.“ Sam betrachtete sein attraktives Gesicht und stellte fest, dass Cesare plötzlich ziemlich blass unter der gebräunten Haut war. Angespannt wartete sie darauf, was als Nächstes folgen würde.

„Hast du das geplant?“

Augenblicklich versteifte sie sich. „Wie bitte? Das denkst du doch nicht wirklich?“

„Wieso? Möglich ist alles“, behauptete er und wusste, noch während er sprach, wie unsinnig seine Behauptung war.

„Wenn das dein Ernst ist, bereue ich es fast, hierhergekommen zu sein. Dabei erschien es mir nur höflich und fair zu sein, dir zu erzählen, dass du Vater wirst.“

„Höflich?“, echote er schwach.

„Wenn ich natürlich geahnt hätte, was du dir in deinem verschrobenen Gehirn zurechtfantasierst, hätte ich mir den Weg gespart!“, brachte Sam aufgebracht hervor. „Und jetzt lass mich dir noch etwas sagen! Von meiner Warte aus gesehen, bist du keinesfalls der Hauptgewinn, für den du dich offenbar selbst hältst! Es sei denn, man steht auf engstirnige, zynische, sich selbst überschätzende Widerlinge! Und wenn ich mir einen Vater für mein Kind aussuchen könnte, ständest du ganz bestimmt nicht auf der Liste! Also denk von mir, was du willst, ich bin ohnehin gleich verschwunden!“

„Heirate mich.“

„Was?“ Sam, die bereits einen Schritt in Richtung Tür gemacht hatte, fuhr so vehement herum, dass sie fast gestrauchelt wäre. „Einen Moment lang dachte ich tatsächlich, du hättest mir einen Heiratsantrag gemacht!“

„Mir ist nicht nach albernen Spielchen zumute. Du hast mich sehr wohl verstanden, Samantha.“

Sam schluckte heftig. „Ist das wirklich dein Ernst?“

„Ist es nicht genau das, was du von mir hören wolltest?“

Angesichts derartiger Arroganz und Überheblichkeit war Sam sprachlos. Aber nicht länger als ein paar Sekunden. „Nicht in einer Million Jahre!“, behauptete sie vehement und ließ dabei gnädig die verrückten Fantasien außer Acht, die sie in den zumeist schlaflosen Nächten der letzten Wochen heimgesucht hatten.

„Hör zu, Cesare …“, sagte sie rau und wunderte sich, wie leicht ihr der klangvolle italienische Name über die Lippen kam. Das lag wahrscheinlich daran, dass sie ihn in eben jenen Nächten immer wieder vor sich hingeflüstert hatte – mal sehnsüchtig, mal anklagend, dann wieder lasziv, verrucht oder voller Wut und Frustration. „Ich weiß nicht, ob du dir nicht nur einen Spaß mit mir erlaubst, aber …“

„Das ist wahrlich kein Thema zum Spaßen.“

„Vielleicht reagierst du einfach etwas über?“

„Bei einer so trivialen Tatsache wie der, dass du mein Kind unter dem Herzen trägst?“, fragte er zynisch.

„Unser Kind“, verbesserte Sam automatisch und spürte, wie sich beim Klang dieser beiden Worte ein warmes Gefühl in ihrem Körper ausbreitete.

Cesare zuckte nur unwillig mit den Schultern. „Ich habe eben eine sehr traditionelle Vorstellung von Familienleben.“

„Ich bin sicher, dazu hat deine Verlobte auch noch etwas zu sagen. Glaub mir Cesare, ich nehme die Sache wirklich nicht auf die leichte Schulter, sondern versuche nur, realistisch zu sein und keine unvernünftigen Forderungen an dich zu stellen.“

„Das solltest du aber!“, knurrte er gereizt.

Sam bemühte sich gar nicht erst, einen Sinn in dieser kryptischen Äußerung zu suchen. „Ich bin Candice unten im Foyer über den Weg gelaufen“, informierte sie Cesare so gelassen wie möglich.

„Candice braucht dich nicht zu interessieren.“

Sam lachte verblüfft auf. „Meinst du nicht, dass sie auch von deinen spontanen Heiratsplänen unterrichtet werden müsste?“

„Wieso? Was hat das mit ihr zu tun?“

„Oder mit mir?“, fragte Sam sarkastisch. „Bist du wirklich so exzentrisch und selbstherrlich, dass du glaubst, allein dein Wille zählt?“

Cesare schüttelte den Kopf, als wolle er etwas Unangenehmes loswerden. „Sei nicht albern!“

„Ich, albern?“, echote Sam empört. „Ich habe kein Wort über Heirat verloren! Grundgütiger! Bis vor wenigen Minuten wusstest du nicht einmal meinen Namen!“

„Aber ich weiß eine Menge anderer Dinge über dich, Samantha …“

Das samtene, fast wollüstige Timbre in seiner tiefen Stimme trieb Sams Puls in schwindelnde Höhen. „Du kennst mich kein bisschen!“, warf sie ihm vor und presste beide Hände gegen ihre brennenden Wangen.

„Warum wehrst du dich eigentlich so sehr gegen den Gedanken, mich zu heiraten?“, wollte Cesare wissen. „Denkst du vielleicht, ein Blinder kann keinen vollwertigen Vater abgeben?“

Die Frustration bei der Vorstellung, auf was er alles in Zusammenhang mit seinem Kind verzichten musste, weil er nicht sehen konnte, machte seine Brust ganz eng.

„Deine Blindheit hat nicht das Geringste damit zu tun. Heißt es nicht, Frauchen suchen sich instinktiv Alphatypen als Vater ihres Kindes? Wenn dem wirklich so ist, bin ich wohl das beste Beispiel dafür. Denn du bist in meinen Augen die Inkarnation eines …“

„Du redest von einem Mann, der sein Kind nicht einmal sicher über eine Straßenkreuzung führen kann, weil er selbst Begleitung braucht“, unterbrach er sie dumpf.

Sam betrachtete stumm seine gequälte Miene und versuchte, ihr Herz zu wappnen. Doch es wollte ihr nicht gelingen, Angst, Qual und Unsicherheit, die sich auf Cesares Gesicht widerspiegelten, zu ignorieren.

„Blind zu sein, macht dich weder zu einem schlechten Vater, noch zu einem negativen Vorbild für dein Kind“, erklärte sie so unbefangen und überzeugend wie möglich. „Außerdem hat das nichts mit der Situation zu tun, in der wir uns momentan befinden, obwohl …“ Und wieder war es Sams bodenständige Aufrichtigkeit, die sie zum nächsten Fauxpas anstiftete. „Obwohl wir wahrscheinlich gar nicht miteinander geschlafen hätten, wenn du nicht blind wärst.“

Cesare schob die dunklen Brauen zusammen. „Du meinst, weil ich dann kaum in diesem einsamen Schloss in Schottland gelandet wäre?“

„Ich meine, dann hättest du gleich gesehen, dass ich überhaupt nicht deinem Typ entspreche“, gestand sie schonungslos ehrlich.

Cesare lachte rau auf. „Diese Beurteilung solltest du allein mir überlassen. Ich habe dich mit meinen Händen gesehen, schon vergessen?“ Mit leichten, fließenden Bewegungen beschrieb er ein paar weiche Kurven in der Luft, als dirigiere er ein unsichtbares Orchester, und brachte Sam damit in Verlegenheit.

„Das Gleiche kannst du auch bei deinem Kind machen“, sagte sie leise.

Cesares Hände fielen kraftlos herunter, und über seine markanten Züge huschte ein dunkler Schatten. „Ja, das könnte ich …“

„Ich habe Sommersprossen.“

Sams absurde Äußerung ließ ihn aufhorchen. „Ernsthaft?“, fragte er mit einem schwachen Lächeln in der Stimme.

„Ernsthaft“, bestätigte sie.

„Das ändert natürlich alles!“ Jetzt breitete sich das Lächeln auf seinem ganzen Gesicht aus. Cesare stand auf und trat einen Schritt hinter dem Schreibtisch hervor. „Komm her“, bat er rau, und Sam folgte seiner Bitte, ohne zu zögern. Als er seine Hände mit den Handflächen nach oben ausstreckte, legte sie ihre etwas zögernd hinein und erbebte unter dem warmen Druck seiner kräftigen Finger.

„Wer ist dafür verantwortlich, dass du so eine geringe Meinung von dir hast?“, fragte er sanft und ließ es nicht zu, dass Sam ihm ihre Hände entzog. „Dein Verlobter?“

Diese Vermutung entsetzte Sam regelrecht. „Nein! Ich habe Will nie geliebt!“ Leider war ihr das anfangs nicht so klar gewesen wie jetzt.

„Also, Samantha, es ist wahr, du bist tatsächlich nicht mein Typ … warte!“, fügte er schnell hinzu, als sie erneut versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. „Aber nicht, weil du nicht dem Klischee entsprichst, von dem du annimmst, dass ich meine Sexualpartner danach auswähle, sondern weil du eine so außerordentlich hohe Erwartungshaltung hast.“

Das verschlug Sam den Atem. „Ich? Eine hohe Erwartungshaltung …?“

„Ja, du. Ich unterhalte auch keine Beziehungen zu Frauen, die von mir hören wollen, wie attraktiv sie sind.“

„Ich habe nie …!“

„Schhh…! Und auch nicht zu Frauen, die keine Gelegenheit auslassen, mir meine Fehler unter die Nase zu reiben.“

Sam rang förmlich nach Worten. „Und trotzdem willst du mich heiraten, ja?“ Als sie darauf keine Antwort erhielt, entriss sie ihm ihre Hände und verschränkte sie vor der Brust. „Cesare Brunelli … das lass dir mal gesagt sein: du magst vielleicht einen guten Vater abgeben – blind oder nicht – aber auf jeden Fall einen grauenhaften Ehemann! Und ich will auf keinen Fall mit jemandem verheiratet sein, der mich nicht liebt.“

„Ah, die Liebe besiegt also alles?“, fragte er zynisch.

„Vielleicht nicht alles“, gab Sam zu. „Aber trotz meines offenbar schlecht entwickelten Selbsterhaltungstriebes bin ich entschlossen, mich zumindest in dieser Sache nicht mit dem Zweitbesten zufriedenzugeben!“

Cesare, der sich noch nicht von dem Schock erholt hatte, in Samanthas Vorstellung nur als Zweitbester zu rangieren, hörte, wie sich die Tür öffnete, und dann war es plötzlich ganz still um ihn.

Er zögerte kurz, ehe er zur Tür hinüberging und nach der Klinke tastete. Dann erstarrte er mitten in der Bewegung und ließ die Hand wieder sinken.

Was zur Hölle hatte er eigentlich vor? Einer Frau nachzulaufen, die ihn zum zweiten Mal ohne Ankündigung verließ? Besaß er denn gar keinen Stolz mehr?

Frustriert kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und ließ sich schwer in den ledernen Chefsessel fallen.

Und als ihm plötzlich die Ironie seiner Situation bewusst wurde, lachte er hart und freudlos auf. Die Erkenntnis, dass es sich bei Samantha um die einzige Frau handelte, mit der er im Bett gewesen war, ohne sie je gesehen zu haben, und die trotzdem die lebhaftesten und eindrücklichsten Bilder in seiner Erinnerung hinterließ, war aber auch geradezu lächerlich …

4. KAPITEL

Es begann in dem Moment zu regnen, als das Taxi am Fahrbahnrand anhielt. Sam brauchte nur wenige Sekunden, um es zu erreichen, doch bis sie die Wagentür hinter sich geschlossen hatte, war ihr Haar klatschnass – trotz der Handtasche, die sie sich schützend über den Kopf gehalten hatte.

Während sie aus dem Fenster aufs trübe, graue London schaute, wanderten ihre Gedanken zu dem Wochenende in Schottland zurück, an dem es genauso geschüttet hatte wie heute. Damals hatte sie in den drohend schwarzen Wolken am Himmel nichts Unheilvolles gesehen und erst recht nicht geahnt, dass sich ihr Leben in den nächsten achtundvierzig Stunden radikal verändern würde. Dabei hatte sie nur ihrer überlasteten Schwägerin zu Hilfe eilen wollen …

Als sie an jenem Wochenende ihren Landrover auf dem mit Kies bestreuten Rondell vor Armuirn Castle parkte, wurde Sam von einem einzigen Wunsch beherrscht: so schnell wie möglich ein entspannendes, heißes Bad zu nehmen. Nie hätte sie gedacht, dass die Reinigung von acht kleinen Cottages so anstrengend sein könnte. Aber vor den anderen zugeben würde sie das auf keinen Fall, um das Vorurteil ihres Bruders, sie sei eine verweichlichte Stadtpflanze geworden, nicht noch zu bestätigen.

Bevor sie ausstieg, schaute sie kurz zu dem hohen grauen Turm des eindrucksvollen Schlosses auf. Ein markanter Blickfang und Wegweiser in der rauen, naturbelassenen Umgebung, den man schon Meilen entfernt ausmachen konnte. Hier in Armuirn Castle war ihre Schwägerin aufgewachsen, doch inzwischen lebten Clare und Ian auf einer der umliegenden Farmen und vermieteten das Hauptgebäude und die kleinen Pächter-Cottages an Touristen.

Sam dachte daran, wie sie vor etlichen Stunden, bewaffnet mit einem Eimer voller Putzmittel und einem Staubwedel, den sie zum Schutz vor dem Regen unter ihre gewachste Outdoor-Jacke gesteckt hatte, aus dem Landrover gekletterte war und ins erste Cottage gehastet war, um ihren neuen Job anzutreten. Bei der Vorstellung, wie wenig ihre Aufmachung zu dem erträumten Wellness-Wochenende passte, das sie ursprünglich geplant hatte, musste sie grinsen. Aber wie hätte sie sich entspannen können, während Clare versuchte, den Laden allein zu schmeißen, weil Ian und der größte Teil des Personals mit einer Grippe im Bett lagen?

Sam war schon froh, dass sie nur putzen und sich nicht um ihre kleinen Neffen kümmern musste! Sie liebte die Zwillinge heiß und innig, aber der Herausforderung, das lebhafte und absolut furchtlose Pärchen für mehr als eine halbe Stunde zu hüten, fühlte sie sich einfach nicht gewachsen.

Stattdessen betätigte sie sich eben als Putzfrau und musste jetzt nur noch im Haupthaus die bestellten Lebensmittel abliefern und neue Bettwäsche aufziehen. Clare hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, der Mann, der das Schloss für den ganzen Sommer gemietet habe, wünsche keine Haushaltshilfe, sondern lege absoluten Wert auf seine Privatsphäre.

„Was ist er denn für ein Typ?“, hatte Sam neugierig nachgehakt.

„Frag mich nicht! Weder Ian noch ich haben ihn bisher zu Gesicht bekommen. Die Buchung ist via Internet erfolgt.“

„Aber irgendjemand muss ihn doch gesehen haben.“

„Hamish meinte, er hätte den Hubschrauber landen sehen, als er mit einer Wandergruppe unterwegs war.“

„Und?“

„Nichts weiter. Unser geheimnisvoller Gast stieg aus, und Hamish meinte, er sei sehr groß.“

Sam seufzte. „Nicht besonders aufschlussreich, oder?“

Clare nickte. „Tja, er scheint das Schloss nie zu verlassen. Die Lebensmittel lässt er sich aus dem Dorf anliefern. Wenn wir die Handtücher oder Bettwäsche wechseln, liegt immer eine Einkaufsliste bereit.“

„Vielleicht ist er ja ein Verbrecher, der sich vor der Polizei versteckt. Oder ein Star, der in einen Sex-Skandal verstrickt ist und deshalb für eine Weile untertauchen muss“, fabulierte Sam drauflos.

„Wohl eher ein gestresster Geschäftsmann, der hier nur einen einsamen Angelurlaub verleben will. Aber, wer immer er auch sein mag, Sam, mach bitte einen weiten Bogen um ihn. Der Mann hat Armuirn Castle für sechs ganze Monate gemietet und auch noch im Voraus bezahlt! Dafür kann er unsichtbar bleiben, solange es ihm gefällt.“

„Hat der Unsichtbare denn wenigstens einen Namen?“, ließ Sam nicht locker.

„Ich erinnere mich nicht mehr. Irgendetwas Ausländisches … spanisch oder italienisch.“

Als Sam jetzt mit der frischen Bettwäsche und den bestellten Lebensmitteln auf das altehrwürdige Gebäude zueilte, war es bereits nach sechs, und ihr Interesse an dem geheimnisvollen Fremden hatte erheblich abgenommen. Sie hatte zwanzig Betten neu bezogen, etliche Teppiche gesaugt oder ausgeschlagen, ganz zu schweigen vom Fensterputzen und dem Wespenstich, den sie sich dabei einfing!

Jetzt wollte sie nur noch auf schnellstem Weg zurück zur Farm ihres Bruders.

Beim Eintritt in die große Halle mit dem alten Steinboden versuchte Sam, sich mit einem lauten, freundlichen Hallo bemerkbar zu machen, erhielt aber keine Antwort. Deshalb steuerte sie auf direktem Weg die Küche an. Die lag allerdings in tiefstem Dunkel, da die Fensterläden offenbar geschlossen waren. Mit einem unwilligen Laut stellte Sam die Kiste mit Lebensmitteln auf dem Boden ab und tastete nach dem Lichtschalter.

„Du lieber Himmel!“, rief sie entsetzt aus, als das Licht aufflammte und das Chaos sichtbar machte, das sich über den gesamten Raum erstreckte. Überall standen dreckige Teller und Gläser, offene Verpackungen und Dosen herum. Ein kurzer Blick in den Kühlschrank, wo sie laut Clare die frischen Sachen unterbringen sollte, zeigte, dass die meisten Lebensmittel abgelaufen oder bereits verdorben waren.

Mit einem tiefen Seufzer schob sie die Vision von einer Wanne, gefüllt mit duftendem heißen Schaumbad, zur Seite und krempelte die Ärmel auf. Sie war wirklich kein Reinlichkeitsfanatiker und hatte auch für Minimalismus und eine sterile Wohnatmosphäre wenig über, aber das hier war selbst für sie untragbar!

Egal, ob der Mann eine Haushaltshilfe ablehnte, dies war ein Notfall im Interesse der allgemeinen Gesundheitshygiene, die selbst für Sonderlinge galt!

Eine halbe Stunde später war die Küche kaum wiederzuerkennen und Sam stolz auf sich. Mit vor der Brust verschränkten Armen betrachtete sie wohlgefällig ihr Werk. „Ich hoffe nur, er weiß es auch zu würdigen“, sagte sie zu sich selbst.

„Wer, zur Hölle, sind Sie, und was haben Sie hier verloren?“, donnerte eine tiefe Stimme hinter ihr und erschreckte sie fast zu Tode. Mit einem Aufschrei fuhr Sam herum und sah sich dem attraktivsten Mann gegenüber, dem sie je begegnet war. Sie war sich dessen bewusst, dass sie ihn anstarrte wie hypnotisiert, konnte aber nichts dagegen tun.

Und den wütenden Fremden schien das auch nicht im Geringsten zu stören.

Er war sehr groß und muskulös, aber nicht massig, sondern eher athletisch gebaut. Die bronzefarbene Haut verriet den Südländer, ebenso wie der schwache Akzent. Das schwarze Haar fiel ihm tief in die Stirn und war so lang, dass es sich im Nacken kräuselte. Das markante Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen, dem dunklen Bartschatten und der markanten Nase wirkte überwältigend männlich, ja fast piratenhaft. Gemildert wurde der Eindruck allein durch die dichten langen Wimpern, die seine wundervollen Augen umrahmten.

Augen, die einen wie magisch anzogen und in deren schwarzer Tiefe Sam zu versinken drohte.

„Sie sollten mir dankbar sein, anstatt mich anzuschreien, Sir!“, sagte sie streng, um ihrer Verwirrung Herr zu werden. Doch anstatt sich von ihrer berechtigten Forderung beeindruckt zu zeigen, streckte er plötzlich die Hände aus und umfasste so hart ihre Oberarme, dass Sam einen erschrockenen Laut hören ließ. Angesichts seiner grimmigen Miene konnte sie diese Geste kaum als maskulines Interesse werten, weigerte sich aber, ihm ihre aufsteigende Furcht zu zeigen.

Sam schob ihr Kinn vor und bedachte den anmaßenden Fremden mit einem betont kühlen Blick. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich loszulassen, Sir …?“

Über sein dunkles Gesicht huschte ein überraschter Ausdruck, und in der nächsten Sekunde lockerte sich auch sein Griff, aber er hielt sie immer noch fest.

„Wer sind Sie?“, fragte er barsch.

Sam schluckte. Die Situation war so absurd, dass sie momentan eigentlich nur wusste, wer sie nicht war. Nämlich eine Frau, die sich in ihrem bisherigen Leben von Gefahr angezogen gefühlt hatte. Und das war es, was dieser Mann vor ihr definitiv ausstrahlte. Und noch etwas anderes, was sie nicht benennen konnte …

„Ich erwarte eine Antwort!“

Sein Befehlston riss Sam aus der Verzauberung, die sie umfangen hielt.

„Lassen Sie mich augenblicklich los!“ Aufsteigende Panik ließ ihre Stimme schrecklich schrill klingen, aber das war ihr egal. Da der beunruhigende Fremde nicht reagierte, versuchte sie, sich loszureißen, doch seine Hände lagen wie Stahlklammern um ihre Arme.

Dio mio!“, stieß er wütend hervor. „Was für eine kleine Wildkatze!“

Sam hörte auf, sich zu wehren, doch sie zitterte am ganzen Körper. „Sie sind Italiener!“

„Aus Ihrem Mund hört es sich wie eine Anklage an“, stellte er nüchtern fest. „Und wer sind Sie, Miss?“

„Die Putzfrau. Ich wollte Ihnen nur frische Bettwäsche und die bestellten Lebensmittel bringen.“

„Die Putzfrau …?“ Er hörte sich nicht überzeugt an, doch zu Sams Erleichterung entspannte sich seine grimmige Miene, und er gab sie endlich frei. Dann trat er einen Schritt zurück und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Zeit genug für Sam, zu ihrer alten Form zurückzufinden.

„Dachten Sie etwa, ich sei eine international gesuchte Juwelendiebin, die Putzeimer und Lappen als Tarnung benutzt?“, fragte sie sarkastisch. „Wie sehe ich denn für Sie aus?“

„Sie riechen nicht wie eine Putzfrau“, stellte der Italiener nach eine Pause fest, ohne sie anzuschauen.

„Ach … und wie riechen Putzfrauen?“

„Wahrscheinlich doch wie Sie. Bisher habe ich noch keine so dicht an mich herangelassen wie Sie vorhin.“

Sam spürte, wie sie errötete. „Dann haben Sie noch nicht wirklich gelebt“, erwiderte sie schnippisch, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

„Eine verlockende Perspektive“, murmelte er spöttisch, und Sam leitete augenblicklich den Rückzug ein.

„Das war keine Einladung!“

„Schade, dann gehören ein kleiner Willkommenskuss oder andere Annehmlichkeiten also nicht zum Service …?“

„Ich bin ausschließlich fürs Putzen und nicht fürs Küssen zuständig!“, raubte Sam ihm hastig alle Illusionen. „Außerdem küsse ich nur, wen ich will!“

Der Fremde wandte sich scheinbar gelangweilt dem Fenster zu, und Sam musste sich frustriert eingestehen, dass sie eine Spur enttäuscht war. Gut, die wenigsten Männer zeigten auf Anhieb sexuelles Interesse an ihr, aber zumindest behandelten sie sie nicht so, als sei sie unsichtbar. Deshalb zuckte sie auch erschrocken zusammen, als sie plötzlich angesprochen wurde.

„So, Sie schüren also die Erwartungen eines Mannes, nur um ihn gleich wieder kalt abzufertigen“, murmelte er zynisch. „Dann klemmen Sie sich Ihren Staubwedel am besten gleich wieder unter den Arm und gehen nach Hause. Ich habe die Betreiber eindeutig davon in Kenntnis gesetzt, dass ich keine Haushaltshilfe wünsche.“

Sam schluckte alles herunter, was sie ihm am liebsten an den Kopf geworfen hätte. „Das ist mir auch gesagt worden, aber Sie haben beide unrecht“, informierte sie ihn stattdessen.

„Wie bitte?“, kam es erstaunt zurück.

„Sie brauchen mich, weil …“

„Na, Sie scheinen ja sehr davon überzeugt zu sein, dass Sie meine Bedürfnisse befriedigen können.“

„Kein Grund, so unangenehm und sarkastisch zu reagieren!“, wies Sam ihn zurecht. „Was ich meinte ist, wenn Sie nicht zukünftig mit den Fingern gleich aus der Packung essen oder sich eine Lebensmittelvergiftung zuziehen wollen, sind Sie definitiv auf meine Hilfe angewiesen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass Sie mir dankbar sind für meinen freiwilligen Notdienst …“ Sie breitete die Arme aus und schaute sich in der aufgeräumten Küche um. „Geben Sie wenigstens zu, dass es jetzt schon viel besser aussieht.“

Ich soll mich dafür auch noch bei Ihnen bedanken?“, knurrte er gereizt. „Vorher wusste ich wenigstens, wo alles ist!“

„Soll ich vielleicht ein paar leere Flaschen und Dosen herumschmeißen, damit Sie sich wieder mehr zu Hause fühlen?“, fragte Sam schnippisch und schrie erschrocken auf, als der Mann vor ihr einen Arm ausstreckte und mit einer heftigen Bewegung zwei der abgewaschenen Gläser zu Boden fegte, wo sie mit einem lauten Knall zersprangen.

„Jetzt sehen Sie, was Sie mit ihrer Dummheit angerichtet haben!“, fauchte er sie an.

Ich?“ Sam bekam kaum noch Luft vor Empörung und Schock. „Erwarten Sie etwa von mir, dass ich Ihnen jetzt auch noch helfe, dieses erneute Chaos zu beseitigen?“

„Ich erwarte gar nichts von Ihnen, sondern bin absolut in der Lage …“

„Das sehe ich!“, unterbrach sie ihn schroff und keuchte entsetzt auf, als sie sah, wie dicke Blutstropfen von seiner Hand auf den Boden fielen. „Um Himmels willen! Was haben Sie denn da angerichtet?“

Auf der dunklen Wange des Italieners zuckte ein Muskel. „Nichts!“

„Sie ungeschickter Idiot!“, fauchte Sam unbeherrscht. „Einfach die Gläser auf den Boden zu feuern! Man könnte denken, Sie seien blind!“

„Das bin ich auch.“

„Sehr witzig …“, grummelte Sam, die sich gerade seine Wunde ansehen wollte. Dass von ihm kein weiterer Einwand kam, ließ sie misstrauisch aufschauen. Sein Blick schien fest auf die gegenüberliegende Wand gerichtet zu sein. Doch der Ausdruck auf seinem Gesicht versetzte ihr so etwas wie einen elektrischen Schlag. Ihr Herz begann zu rasen, als sie langsam realisierte, dass der Mann die Wahrheit gesagt hatte.

„Sie können nichts sehen …?“, flüsterte Sam heiser und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. „Tut mir leid … das war mir nicht bewusst.“

„Hören Sie auf damit!“, forderte er grob und entriss ihr seine Hand. „Ich brauche weder Ihre Sympathie, noch Ihr Mitleid!“

Sam schaute mit zusammengebissenen Zähnen auf den Boden, wo sein Blut bereits eine kleine Pfütze gebildet hatte. „Schon verstanden“, murmelte sie.

„Was haben Sie verstanden?“, kam es aggressiv zurück.

„Ich nehme an, Sie sind deshalb so wütend auf mich, weil ich Ihre Verletzlichkeit gesehen habe“, erklärte Sam ruhig. „Offensichtlich hadern Sie mit Ihrem Schicksal, aber die Tatsache, dass Sie blind sind …“

„Geht Sie gar nichts an!“

Sam holte einmal tief Luft und beschloss, seinen Einwand zu ignorieren. „Meinetwegen können Sie ruhig darin fortfahren, diese Tatsache zu ignorieren, aber damit ist sie nicht aus der Welt geräumt … ebenso wie das schmutzige Geschirr. Also, warum hören Sie nicht einfach damit auf, sich etwas vorzumachen, und akzeptieren Ihr Los wie ein Mann? Das Leben ist nun mal nicht fair …“

Angesichts seiner starren Miene fühlte Sam ihren Mut sinken.

„Sie bleiben offensichtlich dabei, dass mich das alles nichts angeht?“

„So ist es!“

Doch Sam wäre nicht Sam gewesen, wenn sie nicht noch einen letzten Versuch gestartet hätte.

„Was mich absolut kaltlässt, weil ich ja nicht zu Ihren Freunden oder Ihrer Familie zähle, die Sie ganz sicher lieben und sich um Sie zu Tode sorgen. Und deshalb nicht wagen, Ihnen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen …“

Wahrscheinlich dachte dieser dumme Kerl auch noch, aus Rücksicht auf seine Lieben zu handeln, wenn er sich hier vor der Wirklichkeit versteckte und seinen Depressionen auslieferte. Dabei lag sein größtes Problem wohl darin, dass er einfach zu stur und zu stolz war, um Hilfe von außen anzunehmen.

„Unterdessen verkriechen Sie sich hier und lecken Ihre Wunden“, stellte sie erbarmungslos fest. „Mein Gott, sind Sie selbstsüchtig!“

Sein Kopf fuhr herum, und die schwarzen, eindringlichen Augen schienen Sam förmlich durchbohren zu wollen. Sekundenlang fragte sie sich entsetzt, ob er tatsächlich blind war.

„Selbstsüchtig!“, stieß er heiser hervor.

Sam schauderte, zwang sich aber, keinen Millimeter zurückzuweichen – weder äußerlich, noch innerlich. Gleichzeitig fragte sie sich, was sie das alles überhaupt anging. Doch für einen Rückzug war es längst zu spät.

Also sammelte sie sich und reckte kampflustig ihr Kinn vor. „Es geht mich wahrscheinlich nichts an, weshalb Sie hierhergekommen sind, aber dass Sie weder vorhaben zu fischen, noch Bergtouren zu unternehmen, liegt doch wohl auf der Hand. Und wie jemand, der auf der Suche nach seinem Seelenfrieden ist, wirken Sie auf mich auch nicht.“

„Für jemanden, den das tatsächlich nichts angeht, gehen Sie ganz schön ran. Nach meiner Erfahrung haben Menschen, die sich unaufgefordert in anderer Leute Leben einmischen, meistens selber keines.“

„Es heißt auch, Angriff sei die beste Verteidigung, oder?“, konterte Sam. „Und wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen versichern, dass mein Leben ausgesprochen interessant und zufriedenstellend verläuft. Nicht jeder braucht einen Mann in seinem Leben, um glücklich zu …“ Sam brach ab, weil ihr bewusst wurde, dass sie schon zu viel von sich preisgegeben hatte. „Mein Leben steht hier auch nicht zur Debatte.“

„Hört sich aber dennoch faszinierend an.“

Sam biss die Zähne zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die immer größer werdende Blutlache am Boden. „Und Sie werden bald gar keines mehr haben, wenn Sie so weiterbluten“, sagte sie brüsk. „Ich hole jetzt Ians Erste-Hilfe-Koffer aus dem Landrover, und dann werde ich Ihre Wunde verbinden.“

„Ich brauche keinen rettenden Engel.“

Sam lachte spöttisch. „Keine Angst, Ihnen wird es auf keinen Fall gelingen, den Engel in mir zum Vorschein zu bringen …!“

„Wer ist Ian?“

Sie war schon an der Tür und wandte sich überrascht um. „Der Mann, von dem Sie das Castle gemietet haben.“

Seine Brauen schoben sich skeptisch zusammen. „Und Sie sind mit Ihrem Boss so vertraut, dass Sie ihn beim Vornamen nennen?“

„Oh, wir sind hier nicht so förmlich“, erklärte Sam leichthin. „Eines haben Sie übrigens mit Ian gemeinsam … er denkt auch, ich habe kein eigenes Leben.“ Damit verschwand sie endgültig, um das Verbandszeug aus dem Wagen zu holen.

Natürlich war sie längst über Wills Betrug hinweg und hätte ihren Verlobten selbst in Geschenkpapier verpackt nicht zurückhaben wollen. Dennoch hatte es eine Weile gedauert, sich wieder an den Zustand als Single zu gewöhnen. Geholfen hatte Sam dabei, dass sie sich Hals über Kopf in ihre Arbeit stürzte und die wenig subtilen Kuppelversuche ihres besorgten Bruders so gut wie möglich ignorierte. So war sie zumindest beruflich ein gehöriges Stück vorangekommen.

Inzwischen war sie Will nicht einmal mehr böse. Höchstens sich selbst, weil sie ehrlich geglaubt hatte, dass sich so ein smarter Typ wie er ernsthaft in eine Frau wie sie verlieben könnte. Und die Tatsache, dass er ihr gegenüber nicht aus moralischen Gründen zurückhaltend war, sondern aus mangelndem sexuellen Interesse, hatte auch nicht gerade zu ihrem Selbstwertgefühl beigetragen.

Verstanden hatte sie alles in dem Moment, als sie ihn zusammen mit seiner neuen Frau Gisela sah, in die er offensichtlich Hals über Kopf verliebt war. Eine nordische Schönheit, mit einem Körper, der dazu geschaffen war, jeden Mann in den Wahnsinn zu treiben. Vierzehn Tage nach ihrem Kennenlernen hatte Will seiner neuen Liebe einen Heiratsantrag gemacht.

5. KAPITEL

Der Regen kam jetzt noch stärker aus den pechschwarzen Wolken, die tief am Himmel hingen, und Sam hoffte nur, der angekündigte Sturm würde nicht losbrechen, bevor sie die Farm erreicht hätte. Als Folge eines Unfalls in ihrer Kindheit litt sie immer noch unter einer irrationalen Angst vor regennassen Straßen mit Haarnadelkurven und lautem Donner.

Sekundenlang war Sam sogar versucht, sich in den Rover zu schwingen und die Verarztung des unfreundlichen Mannes im Schloss einfach jemand anderem zu überlassen. Aber nicht zurückzugehen würde auch bedeuten, ihre Angst vor den beunruhigenden Gefühlen zuzugeben, die der attraktive Fremde in ihr wachgerufen hatte.

Die Küche mit dem riesigen Herd war fast so groß wie ein Tanzsaal, schien aber auf die Größe einer Speisekammer zusammenzuschrumpfen, als Sam sie mit dem Erste-Hilfe-Set unterm Arm erneut betrat. Der hochgewachsene Italiener nahm irgendwie den ganzen Raum ein.

„Am besten, Sie setzen sich hin“, riet sie ihm kühl und hätte am liebsten ihren eigenen Rat befolgt, da ihre Knie plötzlich weich wie Pudding waren.

Dio mio!“, rief er ungeduldig aus und riss das Geschirrtuch herunter, mit dem er die blutende Hand inzwischen umwickelt hatte. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können, und dann verschwinden Sie endlich von hier!“

„Ah, das ist wohl der sprichwörtliche italienische Charme, von dem ich schon so viel gehört …“ Ihre Stimme verebbte, als sie die klaffende Wunde sah. „Sie brauchen einen Arzt. Ich befürchte, das muss genäht werden.“

„Das Einzige, was ich brauche, ist Ruhe und Frieden“, brummte der Fremde ungnädig. „Also, entweder Sie flicken mich jetzt zusammen, oder Sie verschwinden auf der Stelle.“

Sam seufzte, desinfizierte die Verletzung, drückte den Schnitt zusammen und deckte ihn mit einer sterilen Mullkompresse ab, die sie mit Pflasterstreifen fixierte. Die Atmosphäre zwischen ihnen war angespannt und vibrierte vor Elektrizität, was sicher zu neunzig Prozent an der Gewitterluft und dem heraufziehenden Sturm lag. Woher die restlichen zehn Prozent resultierten, wollte Sam lieber gar nicht wissen.

Als unverhofft ein greller Blitz am Himmel zuckte, konnte Sam einen kleinen Schreckenslaut nicht unterdrücken.

„Was ist los?“

„Nichts, nur … das Gewitter.“ In der Ferne hörte sie den Donner grollen, ebenso wie ihr Patient.

„Es ist bereits ziemlich nah“, stellte er lakonisch fest.

„Das ist mir nicht entgangen“,

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