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Julia Extra, Band 302

JULIA JAMES

Spiel nicht mit meiner Liebe!

Nikos ist überzeugt: Ann will nur sein Geld! Um das zu beweisen, stellt er ihr eine grausame Falle. Erst als sich Ann entsetzt von ihm abwendet, erkennt Nikos die Wahrheit. Zu spät für ihre Liebe?

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Julia James

Spiel nicht mit meiner Liebe!

PROLOG

Der Privatjet durchschnitt die winterliche Nacht Richtung Norden. Finster starrte der einsame Passagier durch das kleine Fenster in die Dunkelheit. Er wirkte nachdenklich, als ob er sich in Erinnerungen verlieren würde.

Zwei Jungen, sorglos, glücklich.

Brüder, die glaubten, alle Zeit der Welt zu haben.

Doch für einen war die Zeit bereits abgelaufen.

Ein scharfer Schmerz durchfuhr den Mann.

Andreas! Mein Bruder!

Aber Andreas war gegangen, für immer. Er hatte eine weinende Mutter und einen leidgeprüften Bruder zurückgelassen.

Und ein wundervolles Geschenk des Trostes …

Entschieden klingelte es an der Tür. Ann, die eben dabei war, das Chaos in der Küche zu beseitigen, warf einen Blick zu der Wiege, um sich zu vergewissern, dass Ari von dem Lärm nicht aufgewacht war. Dann lief sie zur Tür und schob sich dabei ein paar wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht. Wer in aller Welt wollte denn um diese Uhrzeit etwas von ihr?

Doch kaum hatte sie die Tür geöffnet, wusste sie es. Groß und dunkel stand er da, mit versteinerter Miene. Am Bordstein parkte eine teure Limousine mit Chauffeur, die so gar nicht in dieses heruntergekommene Viertel passte.

„Miss Turner?“

Seine Stimme war tief, mit leichtem Akzent. Und sie klang kalt, hart.

Ann nickte knapp, während plötzlich Angst in ihr aufstieg.

„Ich heiße Nikos Theakis“, erklärte er. „Ich bin wegen des Jungen gekommen.“

Nikos Theakis. Der Mann, den sie am meisten auf der Welt hasste.

Wie erstarrt stand sie da, als er an ihr vorbei den engen Flur betrat und mit abfälligem Blick die ärmliche Einrichtung musterte. „Wo ist er?“

Anns Gedanken überschlugen sich, während sie nichts anderes tun konnte als ihn anzustarren. Einen großen schlanken Mann, gekleidet in einen edlen Designeranzug, das schwarze Haar streng zurückgekämmt. Sein Gesicht faszinierte sie, auch wenn es nicht so sein sollte.

Tiefdunkle Augen, eine aristokratische Nase, hohe Wangenknochen und ein wohlgeformter, sinnlicher Mund.

Sie schluckte. Wie kam sie nur darauf, diesen Mann so anzustarren? Als ob er nicht der wäre, als der er sich vorgestellt hatte.

Nikos Theakis – reich, mächtig, arrogant und rücksichtslos. Der Mann, der das Leben ihrer Schwester zerstört hatte.

Ann wusste, dass es so war, denn ihre Schwester hatte es ihr oft genug erzählt.

Carla war immer ein Sonnenschein gewesen, bezaubernd und sprühend vor Leben. Partys waren ihre Welt. Doch eines Tages war es vorbei damit gewesen. Und Carla hatte in Anns beengtem Apartment Unterschlupf gesucht, weil sie nicht wusste, wo sie sonst bleiben sollte. Verzweifelt und allein.

„Er hat gesagt, dass er verrückt nach mir ist. Jetzt bin ich schwanger, und er will mich nicht heiraten. Ich weiß genau, warum nicht.“ Tiefer Schmerz verzerrte ihre schönen Züge. „Wegen seines Bruders, dem allmächtigen Nikos Theakis. Er hat mich angesehen, als sei ich der letzte Dreck!“

Schockiert hatte Ann zugehört und versucht, sie zu beruhigen, indem sie erklärte, dass der Kindsvater sie finanziell unterstützen müsse …

„Ich will aber, dass Andreas mich heiratet!“

Die folgenden Monate waren nicht einfach gewesen. Carla war in eine bedrückende Lethargie versunken und hatte Ann verboten, mit dem Kindsvater Kontakt aufzunehmen, auch nicht, um zumindest den Unterhalt zu regeln.

„Andreas weiß, wo ich bin“, hatte sie teilnahmslos erklärt.

Doch Andreas war nicht gekommen, und auf Carlas ohnehin schwierige Schwangerschaft folgte eine noch schwierigere Geburt, nach der sie in eine postnatale Depression verfiel, die Ann auf das ablehnende Verhalten des Kindsvaters zurückführte. Ihr selbst war nun die Aufgabe zugefallen, sich um den kleinen Ari zu kümmern, denn Carla, die zu dem Baby scheinbar keine Bindung aufgebaut hatte, versank immer tiefer in ihrer Depression.

Die Heilung, als sie dann endlich kam, verlief dramatisch. Ein Klopfen an der Tür – ein junger Mann, hübsch, aber angespannt und unsicher.

„Ich bin Andreas Theakis“, sagte er zu Ann.

Mehr war nicht notwendig gewesen für Carla, um ihm überglücklich in die Arme zu sinken. Jetzt würde sich ihr Leben ändern, so hatte sie geglaubt. Die Wirklichkeit sah jedoch weniger romantisch aus, als Ann sich für ihre Schwester erhofft hatte. Denn Andreas wollte einen Vaterschaftstest machen lassen.

„Ich muss meinem Bruder einen Beweis liefern“, erklärte er Ann mit ängstlicher Stimme. Doch Carla war siegesgewiss.

„Ari sieht doch haargenau wie Andreas aus! Und jetzt bekommt der allmächtige Nikos Theakis seine Quittung! Andreas hat versprochen, mich zu heiraten, weil er seinen Sohn bei sich haben will. Und sein verdammter Bruder kann nichts dagegen tun!“

Verbittert hatte Ann sich gefragt, ob Carla mit ihrer siegesgewissen Haltung das Schicksal herausgefordert hatte. Denn es hatte nicht der Niedertracht eines Nikos Theakis bedurft, um seinen Bruder von der Hochzeit mit ihrer Schwester abzubringen. Ein unbedachter Augenblick auf den unbekannten Straßen Englands in einem schnellen Mietwagen und ein falsche Entscheidung von Andreas hatten ihr Carla genommen.

Zwei Leben waren ausgelöscht worden.

Ann war an diesem Tag mit dem kleinen Ari zu Hause geblieben. Auf einen Schlag war er zum Vollwaisen geworden.

Das Grauen und die überwältigende Trauer würde Ann nie vergessen. Andreas’ Leichnam war nach Griechenland überführt worden. Und da sich niemand aus dessen Familie hatte blicken lassen, hatte Ann mit der Beerdigung ihrer Schwester allein dagestanden. Genauso wie mit dem kleinen Ari, der nun niemanden auf der Welt mehr hatte außer ihr. Sie hatte auch nicht versucht, mit Andreas’ Familie Kontakt aufzunehmen, da diese deutlich gemacht hatte, dass Carla unerwünscht war – so wie ihr Kind.

Ari war Anns Ein und Alles, ihr Trost in dem unendlichen Meer der Trauer. Trauer um ihre Schwester und den Mann, den sie unbedingt hatte heiraten wollen. Wut auf seinen Bruder, der sie davon abgehalten hatte. Der Bruder, der nun in ihrem Flur stand und sie mit seinem Blick durchbohrte.

Und der Ari haben wollte.

Als Nikos keine Antwort bekam, ging er durch den engen Flur zu der Küche, die am Ende lag. Seine Züge verhärteten sich, als er das Chaos dort bemerkte. Der Abwasch türmte sich in der Spüle, und auf dem Tisch mit der billigen Plastikdecke standen noch die Überreste des Frühstücks. Was seinen Blick jedoch besonders anzog, war die Wiege. Langsam ging er hin und schaute hinein. Andreas’ Sohn! Wie ein hell strahlendes Wunder inmitten des dunklen Albtraums. Überwältigt starrte er auf das schlafende Baby und streckte langsam die Hand nach ihm aus.

„Fassen Sie ihn nicht an!“ Der schrille Ton ließ ihn innehalten. Überrascht drehte er sich um.

Ann Turner stand in der Tür und umklammerte mit einer Hand den Türpfosten. Nikos zog die Brauen hoch. Glaubte diese Frau, dass er den Jungen auf der Stelle mitnehmen würde? Nein, er würde zurückkommen, wenn alle Papiere unterzeichnet waren und er ein passendes Kindermädchen engagiert hatte, um dann für einen friedlichen Umzug seines Neffen zu sorgen. Heute war er nur gekommen, weil es ihn gedrängt hatte, mit eigenen Augen dieses Kind zu sehen, dass der einzige Trost war, seit Andreas’ Tod wie eine dunkle Wolke über der Familie Theakis hing.

Für einen Moment schweifte sein Blick zu der Gestalt in der Tür. Sie passte in diese Wohnung, mit ihrer schäbigen Kleidung, den zerzausten Haaren, die sie achtlos zusammengebunden hatte, und den Flecken vom Babybrei auf dem formlosen T-Shirt. Es hätte keinen größeren Unterschied zwischen ihr und der Frau geben können, die ihre geldgierigen Klauen nach seinem Bruder ausgestreckt hatte. Carla Turner war ein schillernder Paradiesvogel gewesen. Seine Schwester hingegen wirkte wie ein dürrer Spatz aus der Gosse.

Doch es war ihm egal, wie Ann Turner aussah, nur das Baby, das in ihrer Obhut war, interessierte ihn.

Inzwischen stand sie neben der Tür. „Ich möchte, dass Sie gehen, Mr. Theakis. Ich habe Ihnen nichts zu sagen, und ich will nicht, dass sie Ari stören.“ Ihr Ton war scharf, feindselig.

Schweigend starrte er sie an, und Ann spürte, dass sie rot anlief. Sie bemühte sich um Haltung, da sie den Schock über sein plötzliches Erscheinen immer noch nicht verkraftet hatte. Schließlich kam er auf sie zu, ohne ein Wort zu sagen. Schnell trat sie zur Seite, als er an ihr vorbei auf die Eingangstür zuging. Ihre Erleichterung währte nicht lange, denn statt ihre Wohnung zu verlassen, betrat er das kleine Wohnzimmer neben dem Eingang.

Mit klopfendem Herzen eilte sie hinter ihm her. „Ich hatte Sie gebeten zu gehen, Mr. Theakis …“, begann sie, wurde jedoch unterbrochen, da er entschieden seine Hand hob, als hätte sie eine unpassende Bemerkung gemacht.

„Ich bin lediglich gekommen, um mir das Kind anzusehen und um Sie darüber zu informieren, welche Vorkehrungen getroffen wurden, um ihn nach Hause zu holen.“

Entgeistert starrte Ann ihn an. „Hier ist sein Zuhause.“

Missbilligend warf Nikos Theakis einen Blick auf das durchgesessene Sofa, den abgewetzten Teppich und die verblichenen Vorhänge. „Das hier, Miss Turner“, er sah sie an, als wäre sie Ungeziefer, „ist kein Zuhause. Es ist eine Bruchbude.“

Ann errötete noch tiefer. Armut war kein Verbrechen! Aber Nikos Theakis war offenbar ganz anderer Meinung. Als sie seinen eindringlichen Blick spürte, wurde sie sich augenblicklich ihrer schäbigen Erscheinung und der ungewaschenen Haare bewusst. Wütend wandte sie den Blick ab. Was spielte es schon für eine Rolle, wie sie aussah? Oder er? Dieser Mann, der gerade seine Absicht kundgetan hatte, dass er ihr das Baby wegnehmen wollte, das sie mehr als alles andere auf der Welt liebte.

Plötzlich erhob er wieder die Stimme. „Aber wie könnte es auch anders sein?“, meinte er ruhig. „Es ist sicher nicht leicht, plötzlich ein unwillkommenes Baby aufgebürdet zu bekommen. Welche junge Frau in Ihrem Alter möchte das schon?“

Mit seinen besänftigenden Worten erreichte er nur das pure Gegenteil. Instinktiv wallte Zorn in Ann auf. Sicher, es war bestimmt nicht einfach für sie, doch Ann hatte Ari noch nie als Last empfunden.

„Also werde ich Sie von dieser ungewollten Bürde befreien, Miss Turner“, fuhr Nikos Theakis in dem gleichen arroganten Ton fort, „und Sie können wieder das müßige Leben eines jungen und sorgenfreien Mädchens führen.“

Sie unterdrückte die Wut, die seine überheblichen Worte in ihr hatte aufsteigen lassen, und versuchte, gefasst zu klingen.

„Sie haben Ari doch von Anfang an abgelehnt“, schoss sie zurück. „Woher dann die plötzliche Sorge um ihn?“

Nikos’ Blick verfinsterte sich. „Weil ich vom Labor die DNA-Ergebnisse bekommen habe. Ich weiß jetzt, dass er tatsächlich der Sohn meines Bruders ist.“

„Das hat meine Schwester von Anfang an gesagt“, betonte Ann scharf.

Verächtlich kräuselte er die Lippen. „Denken Sie etwa, dass ich einer Hure glaube?“

Ann wurde blass. „Reden Sie nicht so von Carla!“, verteidigte sie ihre Schwester zornig.

„Ihre Schwester hat mit jedem Mann geschlafen, der reich genug war, ihr den Lebensstil zu bieten, für den sie sich auf der Straße verkauft hat. Natürlich habe ich meinen Bruder da aufgefordert nachzuprüfen, ob das Kind von ihm war.“

„Meine Schwester ist tot!“

„Genau wie mein Bruder. Dank ihr.“ Seine Stimme klang eiskalt. „Und jetzt gibt es nur einen Menschen, der wichtig ist – mein Neffe. Deshalb werde ich ihn mit nach Griechenland nehmen. Damit er das Leben führen kann, das sein Vater sich für ihn gewünscht hätte. Dem können Sie doch sicher nichts entgegenhalten, Miss Turner.“

Auch wenn es vernünftig klang, wollte Ann nicht so schnell aufgeben. „Natürlich widerspreche ich! Haben Sie etwa die Absicht, Ari selbst aufzuziehen, Mr. Theakis?“, sagte sie verächtlich. „Oder wollen Sie ihn einem Kindermädchen überlassen?“

Blitze schossen aus seinen dunklen Augen, und Ann durchfuhr grimmige Befriedigung. Er mag es nicht, wenn man ihn herausfordert!

„Ari wird im Haus meiner Familie leben. Sicher, mit einem professionellen Kindermädchen, aber vor allem mit meiner Mutter.“ Ein Anflug von Wehmut schwang nun in seiner Stimme mit. „Muss ich Ihnen wirklich sagen, wie verzweifelt meine Mutter sich nach dem einzigen Trost sehnt, der ihr nach dem Tod ihres Sohnes geblieben ist? Sie trauert entsetzlich, Miss Turner.“

Gegen ihren Willen spürte Ann, dass sich ihre Kehle zusammenzog.

„Wenn sie ihn besuchen will, ist sie jederzeit herzlich willkommen …“, begann sie, doch Nikos Theakis schnitt ihr das Wort ab.

„Wie großzügig von Ihnen. Aber lassen Sie uns zum Wesentlichen kommen“, fuhr er in scharfem Ton fort.

Wieder durchbohrte er sie mit seinem Blick, doch diesmal lag keine Missbilligung darin. Vielmehr zeigte er den gleichen Ausdruck wie eben, als er ihre Schwester eine Hure genannt hatte.

„Sie haben mir das bestätigt, was ich ohnehin von Ihnen erwartete habe“, fuhr er mit harter Stimme fort. „Also, welchen Preis fordern Sie für den Jungen? Ich weiß, dass er hoch sein muss – der Preis ihrer Schwester war die Hochzeit mit meinem Bruder. Sie hingegen wollen vermutlich nur Bares.“

Ungläubig starrte Ann Nikos Theakis an, während der seine Hand in seine Jackentasche schob und ein in Leder gebundenes Scheckbuch und einen Füllfederhalter herauszog. Schnell füllte er mit prägnanter Handschrift den Scheck aus, ehe er ihn auf den Tisch legte. Ihr Blick kehrte zu ihm zurück, doch sie konnte in seiner Miene nicht lesen. „Ich feilsche nie um das, was ich will, Miss Turner“, informierte er sie mit Nachdruck. „Dies ist mein erstes und letztes Angebot. Ich biete Ihnen eine Million Pfund für meinen Neffen. Machen Sie damit, was Sie wollen.“

Verständnislos sah sie ihn an. Das konnte nicht wahr sein. Dieses Stück Papier auf dem Tisch vor ihr konnte kein Scheck über eine Million Pfund sein – für ein Kind. Immer noch starrte sie auf den Scheck, als Nikos Theakis mit seinen Ausführungen fortfuhr.

„Mein Neffe“, sagte er und seine Stimme hatte nun einen weicheren Klang, „wird eine wunderschöne Kindheit haben. Meine Mutter ist eine sehr liebevolle Frau und wird ihren Enkel in ihr Herz schließen. Er wird bei ihr in Griechenland in unserer Villa auf meiner Privatinsel leben, und es wird ihm an nichts fehlen.“ Er schenkte ihr ein kühles Lächeln. „Wie Sie sehen, können Sie das Geld also reinen Gewissens annehmen.“

Ann vernahm seine schrecklichen Worte, ohne sie richtig zu begreifen. Nichts konnte sie erfassen, außer diesem Stück Papier auf dem Tisch.

Ungeheuerlich! Abscheulich!

Der Druck in ihrer Brust schien sie fast zu zerreißen. Erst als er zur Tür ging, konnte sie endlich den Blick von dem Papier abwenden.

„Ich komme am Wochenende zurück“, verkündete er. „Dann werde ich alle nötigen Papiere dabeihaben, und Sie werden mir meinen Neffen überlassen.“ Der harte Unterton kehrte in seine Stimme zurück. „An Ihre Bezahlung ist noch eine Bedingung geknüpft: Jeglicher Kontakt zu meinem Neffen ist in Zukunft untersagt – denn der Kontakt zu den Verwandten seiner verstorbenen Mutter wird ihm nicht guttun. Und noch eins: Meine Mutter hat mich gebeten, Ihnen einen Brief von ihr zu geben. Sie weiß nichts von dem verkommenen Leben Ihrer Schwester oder Ihren ärmlichen Verhältnissen.“ Er zog einen verschlossenen Umschlag aus seiner Jackentasche und legte ihn neben den Scheck. „Sie sollten diesen Brief auf keinen Fall beantworten. Und Sie sollten auch nicht versuchen, den Scheck jetzt schon einzulösen. Das Geld wird erst ausgezahlt, wenn ich meinen Neffen habe.“

Damit verließ er den Raum. Noch immer benommen hörte Ann, wie wenig später eine Autotür zuschlug und ein Motor aufheulte. Ungläubig und voller Abscheu ging ihr Blick zurück zu dem Scheck, ehe er langsam zu dem Brief weiterwanderte. Gedankenverloren nahm sie ihn vom Tisch und öffnete ihn. Ihr wurde das Herz schwer, als sie Sophia Theakis’ Zeilen las.

Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als Nikos mir von Andreas’ Sohn erzählte. Ich hatte das Gefühl, dass meine Gebete erhört worden waren. Es wäre ein Segen für mich, diesem Kind, das so einen tragischen Verlust erleiden musste, ein liebevolles Heim schenken zu dürfen. Sollten Sie es, trotz der Trauer über den Verlust Ihrer Schwester, über Ihr Herz bringen, mir diesen Wunsch zu erfüllen, werde ich Ihnen auf ewig dankbar sein. Wir werden ihn achten und lieben, sein Leben lang.

Bitte vergeben Sie einer Frau, die ihren Sohn verloren hat, diesen selbstsüchtigen Wunsch, ihr Enkelkind aufzuziehen. Aber Sie sind jung und haben noch Ihr ganzes Leben vor sich.

Aus jedem Satz sprach Hoffnung und tiefe Trauer. Anns Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Was sollte sie nur tun? Was wäre das Beste für Ari? Würde bei seiner Großmutter tatsächlich ein richtiges Zuhause voller Liebe auf ihn warten? Wäre das ein besseres Zuhause, als sie es ihm bieten konnte, oder wäre es nur luxuriöser. Ein Kind brauchte vor allem Liebe und emotionale Sicherheit, viel mehr als materielle Absicherung.

Ein Schatten legte sich über Anns Gesicht, als sie daran dachte, dass Carla ihr früher diese emotionale Sicherheit gegeben hatte. Und sie hatte sich an ihre ältere Schwester geklammert, die einzige Konstante in einer sonst unsicheren Welt, nachdem ihre Mutter gestorben war. Würde es tatsächlich das Beste für ihren Neffen sein, wenn er bei seiner Großmutter aufwuchs? Ein schmerzhafter Stich durchfuhr sie, denn sie kannte die Antwort bereits.

Andraes hätte dies sicherlich gewollt, denn er hatte während der kurzen Zeit, die sie ihn kannte, oft voller Liebe von seiner Mutter gesprochen. Und er hatte Ann erzählt, dass seine Mutter Carla sicher willkommen heißen und ihr Kind mit offenen Armen empfangen würde.

Und Carla? Was hätte sie gewollt? Auch auf diese Frage kannte Ann die Antwort. Carla hatte ihr kurzes Leben damit verbracht, zu Geld zu kommen, das für sie gleichbedeutend mit Glück war. Sie hätte viel darum gegeben, dass ihr Sohn seinen Platz im Clan der Theakis finden würde.

Wie kann ich Carlas Sohn das vorenthalten, was sie sich so sehr für ihn gewünscht hat?

Ann liebte den Kleinen über alles. Aber sie wusste, dass es jetzt an der Zeit war, eine Entscheidung zu treffen, solange er noch keine emotionale Bindung zu ihr aufgebaut hatte. Und sie wusste auch, dass die Zeit für sie gekommen war, stark zu sein und ihn seiner Großmutter zu überlassen, bei der er geachtet, geliebt und finanziell abgesichert aufwachsen würde.

So wie es jedem Kind zustehen sollte.

Und es gab noch einen Grund, warum sie Ari seiner Großmutter anvertrauen sollte. Diesen Grund konnte sie nicht einfach beiseiteschieben, denn Nikos Theakis’ ungeheuerliches Angebot machte es ihr unmöglich, darüber hinwegzusehen.

Eine Million Pfund. So viel Geld. Wie könnte sie da überhaupt Nein sagen?

Ein paar Tage später stand Nikos Theakis wieder in dem kleinen Wohnzimmer in Anns Apartment und beobachtete mit unbewegter Miene, wie Ann die Papiere unterschrieb, die ihr die Vormundschaft seines Neffen entzogen. Als sie das letzte Blatt unterzeichnet hatte und zitternd aufstand, spiegelte sich jedoch Befriedigung auf seinen Zügen.

Ann zuckte zusammen, während sein Rechtsanwalt die Papiere nahm und in seine Aktentasche schob. An der Tür stand ein junges Kindermädchen, das Ari auf dem Arm hielt. Für einen Moment war Ann so von Trauer überwältigt, dass sie mitgerissen wurde von dem Verlangen, ihr den Kleinen zu entreißen. Sie durfte ihn nicht gehen lassen, um keinen Preis! Doch es war zu spät. Das Kindermädchen warf ihr ein letztes, mitfühlendes Lächeln zu, ehe es sich zur Tür wandte, gefolgt von dem Anwalt.

Nikos hingegen blieb in der Tür stehen, während Ann mit leichenblassem Gesicht die Lehne ihres Stuhls umklammerte. Einen Augenblick runzelte er die Stirn, dann wurde seine Miene wieder undurchdringlich.

„Sie können Ihren Scheck jetzt einlösen, Miss Turner“, sagte er leise, jedes Wort wie ein Peitschenhieb.

Doch seine Verachtung drang nicht zu ihr durch. Sie hörte nichts als den stummen Schrei in ihrem Kopf, der ihr die Unmöglichkeit ihres Tuns vorhielt.

Und diese Stimme verfolgte sie, all die Jahre, die nun vor ihr lagen.

1. KAPITEL

Vier Jahre später

In dem bekannten Spielwarengeschäft in London wimmelte es nur so von Kindern und deren Eltern. Ann bahnte sich ihren Weg und sah sich um. Das meiste Spielzeug war viel zu teuer, doch ein paar Dinge brachten sie auf glänzende Ideen. Es war seltsam, wieder in England zu sein. Seit sie Nikos Theakis’ Scheck angenommen und ihm Ari dafür überlassen hatte, war sie nicht oft in London gewesen.

Vier Jahre waren inzwischen vergangen, und trotzdem quälte sie immer noch ihr schlechtes Gewissen. Oh Carla, habe ich wirklich das Richtige getan? Sag mir, dass Ari geliebt wird und glücklich ist.

Nichts anderes war wichtig, nur dass er eine wunderschöne Kindheit hatte. Und dass er in einer Familie aufwuchs, die ihn liebte und ihm Wohlstand im Überfluss bot. Nicht alle Kinder konnten sich so glücklich schätzen.

Verzweifelt zwang sie sich, ihre trüben Gedanken zu verdrängen. An nichts anderes sollte sie denken, und trotzdem seufzte sie schwer, als sie weiterging. Denn mit ihrer Rückkehr nach England kamen auch all ihre Erinnerungen an Ari zurück. Würde sie ihn überhaupt noch wiedererkennen? Von all den Auflagen, die Nikos Theakis ihr gemacht hatte, war es für sie am schwersten zu ertragen, keinen Kontakt mehr zu Ari haben zu dürfen. Aber das war eben der Preis, den sie hatte zahlen müssen.

Plötzlich hörte sie eine Stimme von der anderen Seite des Ganges und blieb wie angewurzelt stehen.

„Ari, mein Liebling, wir sind in England. Also denk daran, Englisch zu sprechen.“

Wie in Zeitlupe drehte Ann sich um. Ein kleines Stück von ihr entfernt sah sie eine riesige Spielzeugeisenbahn, vor der sich die Kinder drängten. Ihr Blick fiel auf einen kleinen Jungen, der zwischen zwei Frauen stand. Alle drei hatten ihr den Rücken zugekehrt.

„Den Zug da kauft Onkel Nikki mir“, hörte sie eine hohe Kinderstimme.

Lächelnd wandte die jüngere Frau sich dem Jungen zu. Als Ann ihr Profil sah, schnappte sie nach Luft. Auch wenn es schon vier Jahre her war, erkannte Ann in ihr sofort das Kindermädchen, das ihr damals Ari aus dem Arm genommen hatte. Und der kleine Junge neben ihr musste …

Schockiert stand sie da. Und dann bemerkte sie, wie der Blick des Kindermädchens zu ihr schweifte. Ann sah, dass die junge Frau sie erkannt hatte. Auch die ältere Dame neben ihr drehte sich jetzt um.

Es war Aris Großmutter. Sie musste es sein! Eine elegante Frau, die ein wenig zerbrechlich wirkte. Mit verhaltener Neugier erwiderte sie kurz Anns Blick, ehe sie fragend eine Braue hob. Dann flüsterte sie dem Kindermädchen etwas zu, das langsam nickte, ehe die ältere Frau auf Ann zutrat.

„Bitte entschuldigen Sie“, meinte sie neugierig, „aber … ist es wirklich möglich? Sind Sie vielleicht …? Sie sehen meinem Enkel ähnlich.“

Ann schluckte, unfähig, sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Dann trat noch jemand in ihren Blickwinkel. Groß, männlich, eingehüllt in einen schwarzen Kaschmirmantel, entfernte er sich von der Eisenbahn und ging zur Kasse. Ann hielt die Luft an, als der Mann sich umdrehte und nach seiner Mutter Ausschau hielt. Dann fiel sein Blick auf Ann, und er erstarrte.

Blitzschnell hatte sie eine Entscheidung getroffen und trat einen kleinen Schritt vor.

„Ja, ich bin Ann Turner, Aris Tante“, erklärte sie.

Freude erhellte Sophia Theakis’ Gesicht, als sie sanft Anns Hand in ihre nahm. Im gleichen Augenblick kam Nikos mit drohender Miene zu ihnen. Doch es war zu spät.

„Nikki, das ist wirklich ein Zufall“, wandte Sophia sich auf Englisch an ihren Sohn. „Die junge Frau hier ist Aris Tante. Ich kann es kaum glauben.“

Das Gesicht ihres Sohnes wirkte jetzt wie versteinert. „Ja, was für ein Zufall“, sagte er gedehnt, doch der warnende Unterton war nicht zu überhören.

Sophia Theakis schien dies jedoch nicht bemerkt zu haben. Vielmehr zog sie Ann zu ihrem Enkel, der immer noch fasziniert auf die Züge starrte, legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter und flüsterte ihm etwas auf Griechisch zu, ehe sie ihn herumdrehte. Zum ersten Mal seit vier langen Jahren schaute Ann in das Gesicht des kleinen Jungen, den sie zuletzt als Baby gesehen hatte.

Seine Züge verschwammen, da ihr Tränen in die Augen traten. Sie ging in die Hocke und nahm die kleinen Hände.

„Hallo, Ari“, sagte sie leise.

Der Junge runzelte ein wenig die Stirn. „Ya-ya sagt, dass du meine thia bist. Aber ich hab keine thia, nur einen thios – meinen Onkel Nikki. Bist du die Frau von Onkel Nikki? Dann wärst du nämlich meine thia“, schloss er mit unschlagbarer Logik.

Ann schüttelte den Kopf, während seine Großmutter wieder etwas auf Griechisch zu ihm sagte. „Aber ich hab doch keine Mami mehr“, widersprach er. „Sie und mein Papa leben im Himmel.“

„Deine Mami hatte eine Schwester, Ari“, entgegnete Ann mit rauer Stimme. „Und diese Schwester bin ich.“

„Wo bist du denn gewesen?“, wollte Ari wissen. „Warum hast du mich denn nicht besucht?“ Er klang empört und gleichzeitig verwirrt.

„Ich wohne ganz weit weg, Ari“, erwiderte Ann in dem Versuch, dem Kind eine Erklärung zu geben, mit der es zurechtkommen könnte.

„Ari.“ Barsch wurde sie von Nikos Theakis unterbrochen. „Wir sollten Ya-ya nicht warten lassen und deine … Tante nicht länger aufhalten. Sie ist eine sehr beschäftigte Frau. Ich werde sie zum Taxi bringen.“

Seine Miene wirkte genauso grimmig wie seine Stimme, und Ann merkte, wie seine Hand ihren Unterarm umklammerte. Offenbar wollte er sie so schnell wie möglich fortschaffen.

„Nikos!“ Seine Mutter klang gleichermaßen überrascht und verärgert. Schnell sagte sie etwas auf Griechisch zu ihm, und Ann sah, dass Nikos’ Gesicht sich noch mehr verdunkelte, während sie auf ihn einredete. Er verkniff sich eine Antwort und warf Ann stattdessen einen wütenden Blick zu. Erstaunt hob seine Mutter die Brauen, um dann auf Griechisch fortzufahren.

Schließlich nickte Nikos mit versteinerter Miene. „Wie du willst“, sagte er auf Englisch.

Zufrieden lächelnd wandte Sophia Theakis sich wieder an Ann und lud sie freundlich zum Lunch ein.

„Schon seit Jahren ist es mein Wunsch, Sie zu treffen, mein liebes Kind.“ Lächelnd zog sie Anns Hand unter ihren Arm. „Kommen Sie“, sagte sie entschieden.

Ann war so benommen, dass sie kaum glauben konnte, was geschah. Nachdem sie das Geschäft verlassen hatten, wurden sie von dem Chauffeur zu einem der besten Hotels von London gefahren, mit grandiosem Ausblick auf den Green Park.

Doch Ann hatte nur Augen für Ari. Er hatte gemerkt, dass er eine neue Verehrerin hatte, und plapperte ununterbrochen. Obwohl Ann dem Kleinen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte, spürte sie doch die dunkle, bedrohliche Präsenz seines Onkels. Aber sie achtete nicht weiter darauf. Was kümmerte es sie, dass Nikos Theakis sie zum Teufel wünschte?

Nur Ari war für sie wichtig.

Ihr schien es wie ein Wunder, dass sie ihren Neffen tatsächlich wiedergefunden hatte – ein kleiner Junge, nicht länger nur eine verschwommene Erinnerung …

Ann merkte kaum, was um sie herum vorging – sie hatte nur Augen für Ari. Neugierig fragte sie ihn, welches sein Lieblingsspielzeug war, welche Geschichten er gern hörte und was er am liebsten spielte. Und er beschenkte sie reichlich mit Antworten, wobei sein Kindermädchen Tina oder seine Großmutter ihm ab und zu neue Stichwörter gaben.

Sein Onkel hingegen sprach nur, wenn sein Neffe sich an ihn wandte. Widerwillig musste Ann anerkennen, wie geduldig und aufmerksam er zu Ari war. Bei seiner Großmutter bestand ohnehin kein Zweifel, dass der Kleine ihr Ein und Alles war.

Ach, Carla, dachte Ann wehmütig, du kannst wahrhaft glücklich sein, wie geliebt und geborgen dein Sohn aufwächst.

Die schmale, beringte Hand von Aris Großmutter legte sich auf Anns Handgelenk. „Denken Sie an Ihre Schwester?“, fragte sie gütig.

Ann konnte nur nicken, da sie unfähig war zu sprechen.

„Wir wissen nicht, warum Ihre Schwester und mein geliebter Sohn uns genommen wurden, aber sie haben uns ein unbezahlbares Geschenk hinterlassen. Und ich bin froh – sehr froh, meine Liebe –, dass Sie jetzt hier bei uns sind, nachdem Sie viel zu lange von Ari getrennt waren.“

Erneut verschlug es Ann die Sprache, doch diesmal nicht, weil sie von Trauer überwältigt war. Wie sollte sie dieser freundlichen Frau erklären, wie grausam die Trennung für sie gewesen war? Und wie grausam ihr Sohn Nikos sich ihr und Carla gegenüber verhalten hatte.

Sie wandte sich ab – und sah in dunkle, kalte Augen. Fast hätte sie unter diesem vernichtenden Blick die Lider gesenkt, doch sie fing sich wieder und hob leicht das Kinn. Plötzlich veränderte sich Nikos’ Miene. Nun lag etwas in seinem Blick, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

Als Ari dann eine kindlich-lustige Bemerkung von sich gab und sie damit zum Lachen brachte, war der Moment verflogen.

Nach dem Essen nahm Sophia Theakis erneut Anns Hand. „Für den Moment müssen wir leider Lebewohl sagen. Aber das wird nicht das Ende unserer Bekanntschaft sein. Ich werde einige Arztbesuche hier in London machen müssen, aber im Laufe der Woche werden wir nach Griechenland zurückkehren, und es würde mich sehr freuen, Sie dort als meinen Gast begrüßen zu dürfen. Auf Sospiris haben Sie endlich die Möglichkeit, all die verlorenen Jahre mit Ari nachzuholen.“ Sie lächelte voller Güte.

„Mein Sohn wird alles Notwendige arrangieren. Nikos …“ Schnell sprach sie auf Griechisch weiter und gab ihm sicher Anweisungen, die er, nachdem sie geendet hatte, mit einem knappen Nicken quittierte.

„Selbstverständlich“, sagte er grimmig. „Mit dem größten Vergnügen werde ich Miss Turner nach Hause begleiten.“

Ann musste keine Gedankenleserin sein, um zu wissen, an welchen Ort Nikos Theakis sie eigentlich wünschte. Zur Hölle!

Mit festem Griff umklammerte Nikos ihren Arm. Mein Gott, er hätte doch damit rechnen müssen, dass diese Frau einen erneuten Versuch starten würde. Zweifellos hatte sie die Million, die er ihr ausbezahlt hatte, inzwischen verprasst. Und jetzt hatte sie tatsächlich die Frechheit besessen, seine Mutter in dem Spielwarengeschäft anzusprechen.

Unheilvoll zogen sich seine Brauen zusammen. Hatte sie aus Berechnung dieses Geschäft aufgesucht – in teure Kleidung gehüllt, die sie zweifellos von seinem Geld bezahlt hatte? Natürlich war es so! Was sonst sollte eine Frau wie sie ausgerechnet in einem solchen Geschäft tun? Nein, sie hatte sich einen Plan zurechtgelegt, nachdem sie irgendwie herausgefunden hatte, dass seine Mutter mit Ari in London war, und sie wollte die Gelegenheit nutzen, Gewinn daraus zu schlagen. Wie dumm von ihm, dass er nicht daran gedacht und sich von ihr hatte überrumpeln lassen …

In mehr als einer Hinsicht. Denn er konnte immer noch nicht glauben, dass die Frau mit dem wunderschönen Gesicht und der umwerfenden Figur tatsächlich das mausgraue, ungepflegte Mädchen sein sollte, das er vor vier Jahren zum letzten Mal gesehen hatte.

Erstaunlich, was eine Million Pfund aus einem Menschen machen können, dachte er zynisch. Gepflegtes, glänzendes Haar, ein leichtes Make-up, Designerkleidung, die ihrer Figur schmeichelte, und eine makellos braune Haut, zweifellos das Resultat eines exklusiven Urlaubsortes. O ja, mit einer Million Pfund konnte Ann Turner sich spielend leicht ein solches Aussehen leisten. Jetzt zog sie die Blicke der Männer an, so wie ihre Schwester …

Nicht dass sie etwas von der grellen Aufdringlichkeit ihrer Schwester besessen hätte. Carla Turner hatte das Aussehen eines Zuckerpüppchens gehabt, auf das die Männer angesprungen waren – einschließlich seines leichtgläubigen Bruders. Ann Turner hingegen gehörte in eine andere Kategorie.

Sie hatte Klasse.

Unwillkürlich war ihm dieses Wort eingefallen, und es irritierte ihn. Trotzdem, diese Frau hatte sich mühelos in ihre Gesellschaft eingefügt, als sei sie darin groß geworden.

Ja, sie hatte Klasse. Aber es war mehr als das …

Diese Reaktion war ihm vertraut, und normalerweise genoss er sie. Aber ganz sicher nicht als Antwort auf eine Frau, die er gerade aus dem Hotel und weg von seiner Familie führte … und der man es erst gar nicht hätte erlauben dürfen, diesen Ort zu betreten.

Was, zum Teufel, hatte seine Mutter sich nur dabei gedacht? Absichtlich hatte er ihr die schmutzige Wahrheit über Andreas’ sexuelle Verbindung zu Carla Turner vorenthalten, genauso wie die traurige Wahrheit über die finanzielle Situation ihrer Schwester. Kein Wunder also, dass sie Ann Turner nur nach deren Äußerem beurteilte.

Flammender Zorn nagte an ihm. Am liebsten hätte er diese Frau als das entlarvt, was sie war – wertloser Schein, doch er wollte seine Mutter nicht aufregen. Der Tod seines Bruders hatte sie beinahe zerstört, und nur Ari war es zu verdanken, dass sie noch lebte. Und da es um ihre Gesundheit immer noch nicht zum Besten stand, wollte er sie nicht mit der Wahrheit über Ann Turner belasten. Ein kostenloser Lunch war alles, was diese Frau bekommen würde. Nicht mehr.

Er drängte sie in ein Taxi, das vor dem Hotel stand, und stieg dann ebenfalls ein. Sofort rutschte sie von ihm weg in die andere Ecke. Widerwillig musste er sich eingestehen, dass ihn ihre Abwehr ärgerte. Was glaubte diese Ann Turner eigentlich, wer sie war, dass sie einfach von ihm abrücken konnte?

Er befahl dem Fahrer, loszufahren, ehe er sich seiner Gegnerin zuwandte.

Ann versuchte, so viel Abstand wie möglich zu halten, doch Nikos Theakis schien viel zu viel Raum einzunehmen, was noch dadurch verschlimmert wurde, dass er den Arm über die Rückenlehne legte und seine langen Beine ausstreckte.

Die vergangenen vier Jahre hatten seine Miene noch grimmiger gemacht. Obwohl er immer noch lächerlich gut aussah, wirkte er jetzt härter als zuvor. Er musste inzwischen in den Dreißigern sein, und die letzten Zeichen der Jugend waren längst verschwunden. Er wirkte arrogant und selbstbewusst wie eh und je. Eine Aura von Reichtum und Macht umgab ihn. Doch es war noch viel mehr, was von ihm ausging …

Nein! Schnell schob sie den Gedanken beiseite, denn er war genauso unangemessen wie vor vier Jahren. Schlimmer noch, er war einfach falsch. Es war falsch, auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, dass Nikos Theakis das Aussehen eines Mannes hatte, nach dem sich die Frauen liebend gern umdrehten. Das Einzige, was sie an ihm zu interessieren hatte, war, dass sie ihn hasste …

Ihn dafür hasste, dass er Carla verachtet und ihr selbst Ari genommen hatte …

Nein, sie wollte nicht darüber nachdenken. Es gehörte der Vergangenheit an. So wie all das Geld, das längst ausgegeben war. Also würde sie sich nicht länger von ihm einschüchtern lassen. Steif saß sie in der Ecke und erwiderte unbewegt seinen funkelnden Blick, was ihn nur noch mehr aufzubringen schien. Mit einem Räuspern begann er seinen Angriff.

„Zweifellos halten Sie sich für sehr clever, Miss Turner, dass sie sich dank der Unwissenheit meiner Mutter und deren freundlicher Art in meine Familie einschleichen konnten.“ Seine dunklen Augen verengten sich bedrohlich. „Aber ich werde nicht zulassen, dass Sie aus der Bekanntschaft zu ihr Kapital schlagen. Denn dies heute“, versicherte er grimmig, „wird Ihr erstes und letztes Treffen mit ihr sein.“

Als er kurz schwieg, bemerkte Ann aus einem ihr unerfindlichen Grund den sinnlichen Schwung seiner Lippen, ehe er mit seiner Verurteilung über sie fortfuhr.

„Für Sie gibt es keinen Platz im Leben meines Neffen – keinen Platz –, haben Sie verstanden? Dem haben Sie doch vor vier Jahren zugestimmt, als Sie das Baby Ihrer Schwester an mich verkauft haben.“

Die Verachtung in seiner Stimme erschütterte sie, und Ann spürte, dass sein Hohn sie erröten ließ. Sie öffnete den Mund, um zu kontern, aber sein scharfer Blick war wie ein Peitschenhieb.

„Und ich sehe ja, wo all das Geld hingeflossen ist.“ Seine Hand grub sich in den weichen Stoff ihres Mantels, ehe er mit einem Finger an ihrem Arm herunterfuhr. „Kaschmir“, murmelte er. „So weich, so warm.“ Sein Mund verzog sich. „So teuer. Und“, fuhr er in gefährlich klingendem Ton fort, „ist die Million aufgebraucht? Haben Sie deshalb beschlossen, die Vereinbarung zu brechen, um ihre gierigen kleinen Finger wieder einmal in den Honigtopf der Theakis’ zu stecken?“

Träge fuhr er mit seiner Hand über Anns Ärmel. Es sollte eine harmlose Geste sein, doch Ann spürte seine leichte Berührung bis auf die Haut.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen, während sein Blick über ihr goldblondes Haar und ihre zarten Gesichtszüge schweifte, kurz auf den grauen Augen mit den langen Wimpern verharrte und dann weiter wanderte über die sanften Rundungen ihres Körpers zu ihren langen Beinen.

Ihr blieb die Luft weg. Da war er wieder, dieser Moment, so flüchtig und kurz wie nach dem Lunch. Sie hatte ihn absichtlich ignoriert, doch dazu war sie jetzt nicht imstande …

Von seiner Verachtung, die er ihr vor vier Jahren entgegengebracht hatte, war jetzt nichts mehr zu spüren.

Sein träger Blick, mit dem er ihren Körper bedachte, nahm ihr den Atem. Sie versuchte Luft zu holen, doch sie konnte nur dasitzen, während sein Blick zurück zu ihrem Gesicht wanderte, das ihren Gefühlsaufruhr deutlich zeigte.

Er lächelte.

Es war kein freundliches Lächeln, und trotzdem sandte es eine Welle der Hitze durch Anns Körper. Mit verschleiertem Blick beobachtete er sie, als könnte er bis in ihr Innerstes schauen.

Die Luft im Taxi war plötzlich drückend. Sie spürte, dass er seine Hand von ihrer Schulter nahm und mit seinem Zeigefinger über ihre Wange fuhr.

Sie erschauerte.

Im nächsten Moment zog er die Hand weg, die nun wieder unschuldig auf der Rücklehne lag. Doch sie hatte Verderben angerichtet. Ann spürte seine sengende Berührung auf ihrer Wange, als hätte sie sich in ihre Haut eingebrannt …

„Ich werde Ihnen sagen, wie es weitergeht, Miss Turner“, informierte Nikos Theakis sie. In seiner Stimme schwang nun keinerlei Gefühl mehr mit. Der Anflug von Erkenntnis, dass sie eine Frau war, war verschwunden. „Es wird kein weiteres Geld von den Theakis’ für Sie geben. Es ist Ihr Pech, wenn Sie all das Geld schon verschwendet haben. Zudem werden Sie keine Gelegenheit bekommen, einen Vorteil aus der Großzügigkeit und Freundlichkeit meiner Mutter zu ziehen“, fuhr er mit ausdrucksloser Stimme fort. „Demzufolge gibt es für Sie auch keinen kleinen Urlaub auf Sospiris. Und keine Fortsetzung dieses herzerweichenden Wiedersehens mit dem Kind, das Sie für eine Million Pfund verkauft haben, um sich damit für ein paar Jahre einen Lebensstil zu leisten, den sie nicht verdient haben. Es wird überhaupt keinen weiteren Kontakt zu meinem Neffen oder meiner Familie geben. Haben Sie das verstanden?“

Wütend biss Ann sich auf die Unterlippe. Sie wollte ihn anschreien, aber wozu sollte das gut sein? Sie hatte bereits beschlossen, dass sie Mrs. Theakis’ Einladung nicht annehmen konnte. Es war unmöglich.

Dass sie Ari wie aus heiterem Himmel getroffen hatte, war ein wundervolles Geschenk. Aber dabei musste es bleiben. Vielleicht würde es ihr ja eines Tages erlaubt sein, ihm zu schreiben, jetzt, da sie Mrs. Theakis kannte. Vielleicht dürfte sie ihn irgendwann sogar mal besuchen. Aber sie würde nie zu einem Teil seines Lebens werden. Das wusste sie – und hatte es akzeptiert. Schon vor langer Zeit.

Daher konnte sie jetzt nur mit schmalen Lippen erwidern: „Ja, ich verstehe, Mr. Theakis.“

„Dann ist es ja gut“, meinte er knapp und klopfte an die Trennwand aus Glas. „Wie ich sehe, verstehen wir uns. Und sorgen Sie dafür, dass es auch so bleibt, Miss Turner.“

Dann hielt das Taxi, Nikos Theakis stieg aus, drückte dem Fahrer einen 20-Pfund-Schein in die Hand und wies ihn an, den verbliebenen Fahrgast weiterzufahren. Kurz wandte er sich noch einmal an Ann.

„Halten Sie sich von meiner Familie fern.“

Wenig später hatte er sich in der Menge verloren. Zum zweiten Mal in ihrem Leben war Nikos Theakis aus ihrem Leben verschwunden.

Sie konnte nicht wissen, wie schnell er wieder zurückkehren würde.

2. KAPITEL

Ann war gerade mit einer Tüte voller Einkäufe in ihr Apartment zurückgekehrt. Obwohl sie Aris Großmutter einen Brief ins Hotel geschickt hatte, in dem sie sich höflich für das Essen bedankte und ihre Freundlichkeit, dass sie mit Ari hatte zusammensein dürfen, hatte sie nichts mehr von ihr gehört. Es stimmte sie sehr traurig, dass sie ihn nie so kennenlernen würde, wie sie sich sehnlichst wünschte, aber zumindest wusste sie jetzt, dass er eine sehr glückliche Kindheit hatte – mit einer Großmutter, die ihn liebte, und einem Onkel, der seinem Neffen sehr zugetan war, obwohl er dessen Mutter und Tante so hart verurteilte.

Sie packte eben die Lebensmittel in der Küche aus, als es an der Tür klingelte. Erstaunt runzelte sie die Stirn, da sie eigentlich niemanden erwartete, ging durch den engen Flur und öffnete vorsichtig die Tür.

Als ob sich die Szene vor vier Jahren wiederholen würde, marschierte Nikos Theakis herein.

„Wir müssen reden“, verkündete er unheilvoll.

„Ich soll was tun?“ Ungläubig starrte sie Nikos Theakis an. Er saß im Wohnzimmer in dem Sessel am Fenster und passte in seinem teuren Anzug genauso wenig hierher wie bei seinem ersten Besuch.

„Einen Monat in Griechenland verbringen, im Haus meiner Mutter auf Sospiris“, wiederholte der Mann, der ihr befohlen hatte, seiner Familie fernzubleiben.

„Und warum?“ Abwehrend verschränkte sie die Arme vor der Brust, da ihr Top, das sie zur Jeans trug, plötzlich mehr von ihren Brüsten zu offenbaren schien, als ihr lieb war.

„Sie werden nach Sospiris kommen“, erklärte er scharf, „weil meine Mutter darauf besteht! Und da ihr Arzt mich darüber informiert hat, dass ihre Herzerkrankung sich verschlimmert, wenn sie sich aufregt, bleibt mir keine andere Wahl, als ihrem Wunsch zu entsprechen.“ Sein Mund wurde zu einer harten Linie. „Worauf warten Sie noch? Fangen Sie an zu packen!“

Ann schlang die Arme noch fester um sich.

Genau wie vor vier Jahren zog er das ledergebundene Scheckbuch aus seiner Jackentasche, legte ein Bein über das Knie, um eine Unterlage zum Schreiben zu haben, und füllte den Scheck mit seinem goldenen Füllfederhalter aus. Mit schwungvoller Geste, die seine Verachtung ausdrücken sollte, reichte er ihr das Papier.

„Das Honorar, Miss Turner, für Ihre äußerst kostbare und wertvolle Zeit.“

Seine Stimme machte deutlich, was er tatsächlich von ihr hielt.

Benommen nahm sie den Scheck und seufzte schockiert auf, während sich ihre Augen vor Schreck weiteten.

„Zehntausend Pfund, Miss Turner“, meinte er spöttisch. „Nun, wenn das kein gut bezahlter Urlaub ist …“

Langsam hob Ann die Lider und begegnete seinem vernichtenden Blick. Auf der einen Seite wollte sie den Scheck am liebsten in kleine Stücke reißen und sie ihm in sein kaltes, verächtlich dreinblickendes Gesicht schleudern. Doch auf der anderen Seite spürte sie aufgeregte Vorfreude darüber, dass sie ihren Neffen wiedersehen würde, zusammen mit der plötzlichen Erkenntnis, dass sie über zehntausend Pfund verfügen könnte. Ein Vermögen – und sie wusste schon genau, wofür sie es verwenden würde.

Für das, wozu sie auch den ersten Scheck verwendet hatte.

Ein freudiges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Nanu, Mr. Theakis“, erklärte sie süßlich, „wie ausnehmend großzügig von Ihnen.“

Dann ging sie in ihr Zimmer, um zu packen.

Neugierig blickte Ann aus dem Fenster, als der Hubschrauber sich herabsenkte, um auf dem Landeplatz hinter der Villa der Familie Theakis aufzusetzen. Errichtet inmitten eines riesigen mediterranen Landschaftsgartens auf der kleinen Privatinsel Sospiris, erstrahlte die wunderschöne Villa in blendendem Weiß, während die Wände und die Terrassen geschmückt wurden von roten und hellvioletten Bougainvilleen. Das strahlende Azurblau des Swimmingpools wetteiferte mit dem noch tieferen Blau der Ägäis. Nachdem sie ausgestiegen waren, schwelgte sie nicht nur in der wunderschönen Umgebung, sondern genoss auch die milde Wärme nach dem kühlen Frühling in England.

Hatte Nikos ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie, wenn es nach ihm ginge, nur über seine Leiche Zutritt zu seinem Zuhause bekommen würde, war die herzliche Begrüßung seiner Mutter fast genauso überschwänglich wie die ihres Enkels. Freudig warf er sich in die Arme seiner Tante. Als sie in die Hocke ging, um seine Umarmung zu erwidern, waren Anns Augen tränenverschleiert.

Oh Carla, wenn du doch sehen könntest, wie glücklich dein Sohn in dieser Familie ist. Und dies wäre auch Carlas Zuhause gewesen. Hier, in dieser wunderschönen Villa, hätte sie ihren Sohn zur Welt gebracht und Andreas geheiratet. Das vollkommene Leben, nach dem sich ihre Schwester so gesehnt hatte. Stattdessen hatte ein Grab auf sie gewartet, und auf den Mann, den sie so gern hatte heiraten wollten …

Zorn erfasste Ann, doch sie schob ihn entschieden zur Seite. All das gehörte der Vergangenheit an. Jetzt gab es nur noch die Gegenwart, und die Zukunft – Carlas und Andreas’ Sohn.

Nikos beobachtete, wie Ann, begleitet von einem der Hausmädchen, den Salon betrat. Seit ihrer Ankunft am Nachmittag hatte er sie nicht mehr gesehen. Stattdessen hatte er sich schlecht gelaunt in seinem Arbeitszimmer verschanzt. Die Arbeit lenkte ihn zumindest von der unwillkommenen Anwesenheit dieser Frau ab, die er am liebsten zur Hölle jagen würde. Denn wieder einmal hatte sie es geschafft, sich in seine Familie einzuschleichen. Teilnahmslos sah er sie nun an, auch wenn ihn Unmut und grimmige Wut bei ihrem Anblick erfüllten. Und es gab noch etwas, das er ihr übel nahm.

Ihr Angriff auf ihn als Frau.

Sein Mund wurde zu einer schmalen Linie, als er sah, wie sie sich seiner Mutter näherte. Verflucht – warum konnte sie nicht immer noch so aussehen wie vor vier Jahren? Stattdessen wirkte sie auf eine klassische Weise schön und trug ein blaues, knielanges Kleid aus feinstem Jersey, das ihren schlanken Körper auf subtile Weise verführerisch wirken ließ. Warum nur überlegte er, wie es sich anfühlen würde, mit den Fingern durch ihr langes Haar zu fahren, das lässig von einem Samtband zusammengehalten wurde? Oder ob sie darauf ansprechen würde, wenn er ihre Brüste berührte?

Er zwang sich, den Blick von ihr abzuwenden und seine Mutter anzusehen. Mit wohlwollendem Lächeln lud sie Ann ein, zusammen mit ihr auf dem Sofa einen Drink vor dem Essen einzunehmen. Nikos spürte, dass seine Laune sich verschlechterte. Es störte ihn ungemein, dass seine Mutter ihre Freundlichkeit und ihr Lächeln einem Wesen schenkte, das es nicht wert war – und er konnte noch nicht einmal etwas dagegen tun, ohne seine Mutter mit der schmutzigen Wahrheit über Aris Tante zu schockieren.

Ob es ihm nun gefiel oder nicht, er musste diese Farce ertragen und dafür sorgen, dass sie so schnell wie möglich ein Ende hatte.

Anmutig begrüßte sie nun seine Mutter mit einer Höflichkeitsfloskel auf Griechisch, ehe sie den angebotenen Platz einnahm und sich für den Drink bedankte, den das Hausmädchen ihr servierte. Verstimmt griff Nikos ebenfalls nach einem Drink. An diesem Abend brauchte er dringend die stärkende Kraft des Alkohols.

„Nun, mein liebes Kind“, sagte seine Mutter gerade zu ihrem Gast, „ich hoffe, Sie hatten einen vergnüglichen Nachmittag mit dem kleinen Ari. Oder hätte ich nicht zulassen sollen, dass er Sie gleich ganz in Beschlag nimmt? Aber er hat sich so darauf gefreut, dass Sie kommen.“

Ann schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Es war wundervoll. Er ist so ein liebenswerter kleiner Junge, Kyria Theakis“, sagte sie spontan. „Danke … danke für alles, was Sie für ihn getan haben.“

„Meine Liebe.“ Sophia Theakis streckte ihre schmale Hand aus und berührte Anns Hand. „Er ist unser Schatz, nicht wahr? Wir lieben ihn um seiner selbst willen – und weil er uns an die Menschen erinnert, die wir geliebt haben und die nicht mehr unter uns sind.“

Tränen schimmerten in Anns Augen, und sie spürte, dass ihre Hand tröstend gedrückt wurde. Sie blinzelte und sah zur Seite – direkt in ein Paar harter dunkler Augen. Es war Nikos’ sengender Blick, der die rührende Szene herablassend betrachtete.

Sofort verhärteten sich ihre Züge. Sie würde nicht zulassen, dass dieser abscheuliche Mann über sie urteilte – und sie verdammte. Entschieden wandte sie sich wieder Mrs. Theakis zu.

„Wenn Sie erlauben“, fuhr Aris Großmutter nun fort, „möchte ich Ihnen meine liebe Cousine Eupheme vorstellen, die so nett ist, mir Gesellschaft zu leisten und die für unseren wundervollen Garten verantwortlich ist.“

Eine Frau von Ende vierzig, die eben durch eine Tür auf der anderen Seite des Raums eingetreten war, kam zu ihnen. Ann stand auf und wartete, bis Mrs. Theakis sie einander vorgestellt hatte. Wieder murmelte Ann ein paar höfliche Worte auf Griechisch, die der Cousine ihrer Gastgeberin ein freundliches Lächeln entlockten und eine Antwort auf Griechisch, die Mrs. Theakis schnell übersetzte, mit der Bemerkung, dass Eupheme kaum Englisch sprach.

Dann wandte sich das Gespräch zu Anns Erleichterung wieder Ari zu. Doch sie spürte, dass Nikos sie anschaute wie ein gieriger Raubvogel. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Was machte dieser verdammte Kerl eigentlich mit ihr? Sie mochte ihn nicht – und er mochte sie nicht. Das hatte er mehr als deutlich gemacht. Also sollte sie ihn einfach ignorieren, denn wichtig war nur, dass sie hier bei Ari in seinem Zuhause war, zum ersten Mal in ihrem Leben. Und sie würde nicht zulassen, dass Nikos Theakis ihr dieses wertvolle Geschenk zerstörte.

Dank der erfahrenen Gastgeberin Mrs. Theakis verlief das Abendessen in angenehmer Atmosphäre, zumal ihr Sohn nicht viel mehr beisteuerte als seine männlich-attraktive Erscheinung, die durch das weiße Dinnerjacket noch unterstrichen wurde.

„Vielleicht hat Tina Ihnen schon erzählt, dass sie uns in Kürze verlässt, weil sie heiratet“, bemerkte Mrs. Theakis während des Essens zu Ann. „Dr. Forbes, ihr Verlobter, ist Archäologe und leitet die Ausgrabungen auf unserer Nachbarinsel Maxos. Sie verbringt den heutigen Abend mit ihm. Natürlich freue ich mich für sie, aber ich muss gestehen, dass ich sie auch vermissen werde. Genauso wie Ari, da sie seit seiner Ankunft ein wichtiger Teil der Familie für ihn ist. Ihre Anwesenheit, meine Liebe, wird ihn jedoch von dem bevorstehenden Verlust ablenken.“

„Ich bin froh, wenn ich ihm helfen kann“, meinte Ann begeistert.

Nach dem Essen gingen sie in den Salon, um einen Kaffee zu trinken, doch Ann entschied sich wenig später, zu Bett zu gehen, da sie einen anstrengenden Tag hinter sich hatte. Mit aufgesetzter Höflichkeit begleitete Nikos sie zur Tür, als sei er der perfekte Gastgeber. Kaum waren sie dem Blickfeld der anderen entschwunden, spürte Ann wieder seinen trägen Blick, der einen Moment auch ihre Brüste streifte. Entsetzt spürte sie, dass sich ihre Knospen aufrichteten.

„Wieder ein Kleid, das ihrer Schönheit schmeichelt“, murmelte er leise. „Es freut mich, dass Sie mein Geld so geschmackvoll angelegt haben …“

Als er lächelte, wirkte er wie ein Löwe, der seine Zähne fletscht. Entschieden wandte sie sich ab und glaubte ein wissendes Lachen hinter sich zu hören, während sie durch die große, marmorgeflieste Eingangshalle zur Treppe ging.

Verdammt, warum setzte ihr dieser Mann nur so zu? Weshalb verschwendete sie überhaupt einen Gedanken daran, was er über sie dachte? Er bedeutete ihr doch nichts – rein gar nichts.

Ich bin wegen Ari hier, das ist alles.

Und nur daran sollte sie denken, an nichts anderes.

Tinas Worte am nächsten Tag bestärkten sie in ihrem Entschluss. Die beiden Frauen waren am Strand, der sich vor der Villa erstreckte, und beobachteten Ari, der geschäftig ein tiefes Loch ein kleines Stück von ihnen entfernt ausgrub. Ann war gern mit der freundlichen Tina zusammen, die etwa in ihrem Alter war. Sie war voll des Lobes für Mrs. Theakis und deren Sohn. Bei der Mutter konnte Ann nur zustimmen, doch was Nikos betraf, war sie ganz anderer Meinung.

„Nikos ist ein wunderbarer Arbeitgeber und sehr großzügig“, meinte das Kindermädchen begeistert. „Er unterstützt Sams Ausgrabung, und ich darf meinen Hochzeitsempfang in der Villa ausrichten. Außerdem ist er ein wunderbarer Onkel für Ari und kümmert sich rührend um seine Mutter.“

Ja, dachte Ann, so rührend, dass er sich sogar dazu zwingt, mir einen lächerlichen Geldbetrag zu zahlen, weil seine Mutter mich hier haben will!

Laut murmelte sie nur: „Das versteht sich wohl von selbst, bei Mrs. Theakis’ geschwächter Gesundheit.“

Tinas Augen leuchteten auf. „Wissen Sie, was ich glaube? Dass Mrs. Theakis ihre Schwäche ganz nützlich findet. Nikos war strikt gegen die Reise nach London. Er meinte, es wäre zu anstrengend für sie, doch siehe da, Mrs. Theakis’ Arzt empfahl einen Herzspezialisten in London, und so sind wir abgereist. Allerdings“, fuhr sie fort, „ist er bei keiner anderen Frau auch nur annähernd so hilfsbereit. Und Sie können sich ja vorstellen, dass bei seinem Aussehen und mit all dem Geld viele Frauen hinter ihm her sind und sich verzweifelt wünschen, Mrs. Nikos Theakis zu werden. Doch er lässt sich von keiner einfangen. Er hat seinen Spaß mit ihnen, das ist alles.“ Gutgelaunt zuckte sie die Schultern, dann wandte sie sich wieder ihrem Schützling zu.

Den restlichen Morgen verbrachte Ann mit Ari, doch während der Kleine nach dem Lunch sein Mittagsschläfchen hielt, konnte sie den Verlockungen des Swimmingpools nicht länger widerstehen. Sie glitt in die schimmernd blaue Tiefe, schwamm zügig ein paar Längen und verlangsamte dann das Tempo. Ein Gefühl des Friedens erfüllte sie, während die Sonne sich in ihren Augen spiegelte.

Erst als sie ein seltsames Prickeln im Nacken verspürte, wurde sie unruhig, hielt sich an dem marmornen Rand fest und sah sich um.

Sie entdeckte ihn sofort. Er stand oben auf der Terrasse, hatte eine Hand auf die Balustrade gelegt und sah zu ihr hinunter.

Nikos Theakis.

Sofort beschlich sie das Gefühl, ihm ausgesetzt zu sein. Ihr Instinkt riet ihr, so schnell wie möglich das Wasser zu verlassen und sich in ihr Handtuch einzuwickeln. Aber das würde bedeuten, dass er sie sehen würde, und außerhalb des Pools fühlte sie sich seinen Blicken noch mehr ausgesetzt als in dem durchscheinenden Schleier aus Wasser. Einen Moment zögerte sie noch, dann schwamm sie weiter. Nach zwei Längen sah sie verstohlen wieder zur Terrasse hoch und stellte erleichtert fest, dass niemand mehr da war. Schnell stieg sie aus dem Pool und nahm ihr Handtuch.

Entschlossen breitete sie es in der Sonne aus, denn sie wollte sich von diesem Mann nicht länger einschüchtern lassen, legte sich auf den Bauch und öffnete hinten ihr Bikinioberteil. Die Stille und die wärmende Sonne machten sie müde, und sie merkte, wie sie träge in den Schlaf glitt.

Wie durch einen Nebel kamen Träume zu ihr, die jedoch seltsam verschwommen blieben.

Bis auf einen.

Im Traum spürte sie, dass eine Hand langsam und liebkosend über ihren nackten Rücken strich. Sie murmelte etwas, ehe sie wieder in einen traumlosen Schlaf fiel.

Nikos stand neben der Schlafenden und betrachtete ihre Gestalt. Ein Schatten lag auf seinem Gesicht.

Warum hatte er eben seinem Impuls nachgegeben. Er hatte eine Pause von der Arbeit machen wollen, war auf die Terrasse gegangen, um frische Luft zu schnappen, als er die schlanke Gestalt entdeckt hatte, die das Wasser durchschnitt, während die Sonne auf ihrem kaum verhüllten Körper schimmerte. Er hätte sofort wieder ins Haus gehen sollen. Stattdessen hatte er sie weiter beobachtet, bis sie ihn entdeckt hatte.

Sofort war er in sein Büro zurückgegangen, verärgert darüber, dass sie mitbekommen hatte, wie er sie anstarrte. Aber er hatte sich nicht mehr konzentrieren können. Kaum waren zehn Minuten vergangen, hatte er unruhig seinen Stuhl zurückgeschoben, war wieder hinaus auf die Terrasse gegangen und hatte entdeckt, dass sie inzwischen in der Sonne lag.

Sein Blick war sofort zu ihr geflogen. Zu der schlanken Gestalt mit dem wohlgeformten Rücken, der schmalen Taille, den sanft gerundeten Hüften und den gazellenschlanken langen Beinen.

Verärgert spürte er, dass er auf diesen Anblick reagierte und unfähig war, seine Augen von ihr abzuwenden. Und sein Ärger auf sich selbst wuchs, als er merkte, wie er hinunter zum Pool ging und zu ihr schlenderte, um sie von nahem zu sehen, und, schlimmer noch, um mit der Hand langsam und träge über ihren schönen Rücken zu streichen.

Ihre Haut fühlte sich wie Seide an …

Zum Teufel, das hätte nicht passieren dürfen. Er durfte nicht so auf diese verdammte Frau reagieren. Vielmehr musste er sie ignorieren und ihren Verlockungen widerstehen. Denn alles andere wäre eine unverzeihliche Torheit. Hinter der wunderschönen Fassade steckte eine korrupte, nichtswürdige Frau!

Hätte sie ihm den Scheck ins Gesicht geschleudert und ihm gesagt, dass keine Macht der Welt sie von ihrem Neffen trennen könnte, dann hätte er vielleicht seine Meinung geändert. Aber nein, sie war nicht einmal in der Lage gewesen, ihren Blick von dem Scheck zu nehmen …

Einen langen Augenblick stand er nur da und schaute nachdenklich auf die schlafende, fast nackte Gestalt vor ihm.

Sie war tatsächlich eine Versuchung …

Nein. Koste es, was es wolle, er musste sich daran erinnern, wer Ann Turner wirklich war – eine Frau, die ihren Neffen verkauft hatte und die nur hergekommen war, weil sie sich noch mehr Geld erhoffte.

Abrupt wandte er sich ab. Mit ausholenden Schritten ging er zurück ins Büro und schloss entschieden die Terrassentür hinter sich.

Wenig später wurde Ann aus ihrem Schlaf aufgeschreckt, als Tina mit Ari auftauchte, der während seines Mittagsschläfchens wieder neue Energie getankt hatte und jetzt baden wollte. Ausgelassen planschten sie im Wasser herum. Später nahmen sie am Rand des Pools Erfrischungen zu sich, nachdem Aris Großmutter und ihre Cousine Eupheme sich zu ihnen gesellt hatten.

Während sie neben Ari auf der Hollywoodschaukel saß und mit ihm plauderte, ertappte Ann sich bei dem Gedanken, dass sie sich trotz der kurzen Zeit erstaunlich schnell und leicht hier eingepasst hatte, als hätte es nie dieses dunkle Kapitel in ihrem Leben gegeben, das sie von Ari getrennt hatte. Aber sie wusste auch, warum sie diesen Augenblick genießen konnte. Weil Nikos nicht bei ihnen war, um seinen unheilvoll einschüchternden Schatten über alles zu legen.

Trotzdem, beim Abendessen würde sie ihm wieder gegenübertreten müssen. Vorher war sie mit Tina im Kinderzimmer gewesen und hatte ihr geholfen, Ari ins Bett zu bringen. Wieder einmal hatte sie ihm vorgelesen, bis er eingeschlafen war, und als sie einen letzten Gutenachtkuss auf seine Stirn hauchte, spürte sie einen Kloß im Hals.

Carlas Sohn. Glücklich und behütet.

Ihre Gedanken schweiften zurück zu ihrer eigenen Kindheit, als ihre ganze Welt aus ihrer älteren Schwester bestand, an die sie sich während der schrecklichen, verwirrenden Zeiten geklammert hatte, die sie beide hatten durchstehen müssen. Was hätte sie gemacht während all der Jahre ohne Carla, die sie in den Armen gehalten, sie vor dem Zubettgehen geküsst hatte. Sie war ihre Familie gewesen. Und jetzt gab sie Carlas Sohn einen Gutenachtkuss – der keine Mutter mehr hatte.

Aber Ari ist glücklich, dachte sie und kämpfte gegen den Kloß in ihrem Hals an. Er vermisst seine Eltern nicht, weil er sie nie richtig kennengelernt hat. Er hat seine Großmutter, seinen Onkel und ein liebevolles Kindermädchen. Und jetzt bin auch ich für ihn da, für kurze Zeit.

Das Bewusstsein, wie wenig Zeit ihr mit ihm blieb, griff wie eine kalte Hand nach ihrem Herzen. Verdammter Nikos Theakis!, dachte sie. Zum Teufel mit seiner verachtenswerten Doppelmoral, die ihm erlaubte, sich so viele Frauen zu gestatten, wie es ihm gefiel. Gleichzeitig nahm er sich heraus, von seinem hohen Ross herab ihre Schwester zu verhöhnen, die sich so gut wie möglich durchs Leben geschlagen hatte. Er hatte sie von Andreas ferngehalten und die beiden so um das bisschen gemeinsame Zeit betrogen, die ihnen noch geblieben war …

Ann schüttelte die trüben Gedanken ab. Es war sinnlos, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Carla war nicht mehr da, und Andreas auch nicht. Nur der kleine Ari war geblieben – und er war glücklich und zufrieden. Das genügte. Es musste genügen.

Erleichtert stellte Ann fest, dass von Nikos nichts zu sehen war, als sie und Tina den Salon betraten. Das Kindermädchen gesellte sich auf die Terrasse zu Eupheme, während Mrs. Theakis Ann lächelnd zu sich bat.

„Ich bin so froh, dass Sie endlich hier sind, meine Liebe. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, dass so viel Zeit vergangen ist, ohne dass sie ihren rechtmäßigen Platz in Aris Leben hatten.“ Ihr Blick umwölkte sich. „Ich habe unendlich getrauert“, fuhr sie langsam fort, „als Andreas ums Leben kam. Ein Kind zu verlieren ist die größte Tragödie überhaupt. Deshalb habe ich Sie darum gebeten, für Andreas’ Sohn sorgen zu dürfen. Denn wenn ich sein Kind in den Armen halte, habe ich das Gefühl, Gott habe mir meinen Sohn zurückgegeben. Damals haben Sie mir dieses Geschenk gemacht, das ich nie vergelten kann …“

Sie hielt inne, und Ann merkte, dass Mrs. Theakis kurz davor war, in Tränen auszubrechen. Spontan nahm sie die schmale Hand der älteren Frau.

„Ich habe Ihnen das Kind sehr gerne überlassen“, sagte sie leise.

Plötzlich wurden Schritte laut, und eine Stimme drang von der Tür herüber.

„Überlassen?“, fragte Nikos scharf.

Sein Ton sandte einen eisigen Schauer über Anns Rücken.

Für den restlichen Abend versuchte sie ihr Bestes, Nikos so gut es ging zu ignorieren. Als sie dann endlich in ihrem Zimmer war und auf den Balkon trat, vor dem sich der nächtliche Garten und das dunkel schimmernde Meer ausbreitete, wurde sie von ihren Gefühlen überwältigt.

Warum lass ich zu, dass er mir so zu Kopf steigt?

Sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie ihn nicht einfach aus ihren Gedanken verbannen konnte. Sie wusste doch, was er von Carla hielt und von ihr selbst. Warum vergaß sie nicht einfach, dass sie bei seinem nachdenklichen Blick noch mehr fühlte als Ablehnung?

Warum hatte dieser Mann überhaupt so viel Macht über sie?

Wind kam auf, umschmeichelte ihren Körper und hob ihr Haar wie mit langen, zärtlichen Fingern hoch …

Nein! Abrupt wandte sie sich ab und ging in ihr Zimmer. Doch als sie schlaflos dalag und zur Decke starrte, sah sie nichts anderes als diesen dunklen, nachdenklichen Blick.

3. KAPITEL

Der nächste Tag gewährte Ann eine Atempause. Denn Nikos hatte sich auf den Weg nach Athen gemacht, zum Hauptsitz des Theakis-Imperiums, wie seine Mutter ihr beim Frühstück berichtete. Sofort entspannte Ann sich und verbrachte drei glückliche und sorglose Tage, in denen sie sich ganz dem kleinen Ari widmete. Als sie am folgenden Tag mit Tina und Ari auf Maxos war, steuerte ein Hubschrauber auf Sospiris zu, und mit Anns Ruhe war es vorbei.

Und es sollte noch schlimmer kommen. Am nächsten Morgen stand ein Ausflug auf dem Programm, von dem Ari immer wieder geschwärmt hatte. Sie wollten zum Strand am Ende der Insel. Mrs. Theakis hatte dem Kindermädchen für diesen Tag frei gegeben und ordnete stattdessen an, dass Nikos den Kleinen und Ann fahren sollte. Verzweifelt dachte Ann über einen Weg nach, wie sie dem drohenden Martyrium entkommen könnte. Aber könnte sie Ari enttäuschen?

Widerstrebend stieg sie in den Jeep – im Gegensatz zu Ari, der begeistert von diesem Transportmittel war.

Als Nikos, der bisher nicht ein Wort an sie gerichtet hatte, die Geschwindigkeit auf der ungeteerten Straße erhöhte, hielt sie sich verbissen fest, wurde jedoch immer wieder gegen die Metalltür geschleudert, wenn er rasant eine Haarnadelkurve nahm oder einem großen Schlagloch auswich. Endlich hielt der Jeep oben am Strand, und Ann sah sich neugierig um. Sie befanden sich in einem versteckten Tal zwischen hohen Klippen, durch das sich ein trockenes Flussbett schlängelte, verschwenderisch bewachsen von wildem Oleander.

Mit weichen Knien stieg Ann aus und hob dann Ari aus dem Jeep. Er hüpfte sofort zum Strand, während Nikos eine Strandtasche hinten aus dem Jeep nahm. Als sie Ari folgte, klopfte sie sich den Staub von dem langärmligen T-Shirt und der lockeren Baumwollhose und schüttelte die Haare im Wind aus.

„Das Meer wird den Staub schon fortspülen“, bemerkte Nikos lakonisch, der neben ihr aufgetaucht war.

Sie überhörte seine Bemerkung. Nur um Aris und seiner Großmutter willen würde sie höflich zu diesem Mann sein. Wenn die beiden nicht in der Nähe waren, sah sie keinen Grund, ihm etwas vorzuspielen.

Nikos sah das offensichtlich anders. Er umklammerte ihren Arm und zwang sie stehen zu bleiben. Erfolglos versuchte Ann, sich freizumachen. Als er sie zu sich umdrehte, funkelte sie ihn zornig an.

„Eines sollten Sie wissen“, erklärte er scharf. „Wenn es nach mir ginge, wären Sie nicht hier. Meine Mutter wollte, dass dieser Ausflug stattfindet, und Ari ist außer sich vor Begeisterung. Deshalb werden sie um seinetwillen höflich sein, haben Sie mich verstanden?“

„Was glauben Sie wohl, warum ich sonst hier bin“, schoss sie zurück. „Nur wegen Ari und Ihrer Mutter.“

Wütend starrte er sie einen Moment an, dann ließ er sie los und ging weiter. Ann starrte ihm sprachlos hinterher. Dann ging auch sie weiter und stoppte nur kurz, um die Segeltuchschuhe auszuziehen, als sie den Strand erreichte. In dem tiefen, weichen Sand kam sie nur langsam voran, und als sie endlich bei Nikos ankam, hatte der bereits eine windgeschützte Stelle bei den Felsen gefunden und breitete eine Strandmatte aus. Ari half ihm – sofern man sein Herumwühlen in der Tasche nach Schaufel und Eimerchen als Hilfe bezeichnen konnte. Nachdem er die Sachen gefunden hatte, fing er sofort an, ein Loch zu buddeln. Ann sah ihm einen Moment lächelnd zu. Als sie sich dann abwandte, um ihre eigene Tasche auf die Matte zu stellen, merkte sie, dass Nikos sie mit forschendem Blick beobachtete.

Um sich abzulenken, machte sie sich daran, ihre Tasche auszupacken. Sie wusste nicht einmal genau, was sie von diesem Tag zu erwarten hatte, doch da sie keine Lust verspürt hatte, Nikos danach zu fragen, hatte sie das eingepackt, was sie für angebracht hielt – einschließlich eines Badeanzugs, den sie unter ihrer Kleidung trug und den sie bewusst gewählt hatte, da er nicht so viel enthüllte wie ihr Bikini. Ob sie vor Nikos ihre Kleider ablegen würde, wusste sie nicht, aber wenn Ari sie bat, mit ihm ins Wasser zu gehen, würde sie ihm diese Bitte erfüllen.

Schließlich ging sie zu Ari und bot ihm an, ihm beim Graben zu helfen, denn das schien ihr verlockender als die Gesellschaft seines Onkels.

Ari schüttelte den Kopf. „Ihr beide müsst ein eigenes Loch graben, du und Onkel Nikki“, erklärte er. „Und wer das größte Loch gebuddelt hat, der hat gewonnen.“

„Dann fang ich mal hier an“, meinte sie, nachdem sie ein kleines Stück weitergegangen war, und kniete sich in den Sand. „Dein Onkel kann sein eigenes haben.“

Emsig grub sie mit ihren bloßen Händen ein Loch aus und hielt nur inne, um ihre Haare zusammenzubinden, damit sie ihr nicht mehr ins Gesicht fallen konnten.

Ein Schatten fiel über sie, als Nikos sich herabbeugte, um beide Löcher zu begutachten.

„Meins ist tiefer“, behauptete Ari.

„Du hast auch eher angefangen“, entgegnete Nikos. „Und du hast eine Schaufel.“

„Tante Annie kann meine andere Schaufel haben“, bot Ari großzügig an und schob sie Ann zu.

„Tante Annie …“ Nikos klang nachdenklich.

„Tina hat damit angefangen, mich so zu nennen“, sagte Ann knapp und griff dankend nach Aris Schaufel.

Mit undurchdringlichem Blick sah Nikos sie an. „Sie wirken nicht wie eine ‚Tante Annie‘“, sagte er. „Noch nicht mal wie eine einfache ‚Ann‘. Wenn Sie Ihren gehobenen Lebensstil wieder aufnehmen, legen Sie sich doch sicher einen neuen Namen zu, der besser zu Ihrem neuen Image passt, nicht wahr? Selbst Anna würde exotischer klingen.“

Ann achtete nicht weiter auf ihn, sondern grub noch entschiedener ihr Loch aus.

Nikos erhob sich wieder. Warum hatte er ihr nur so zugesetzt? Irgendetwas an ihr brachte ihn heute noch mehr gegen sie auf als sonst. Die vergangenen Tage hatte er dazu nutzen wollen, sowohl geistig als auch körperlich Abstand zu ihr zu gewinnen. Und obwohl er sie nur widerwillig bei seiner Mutter gelassen hatte, ohne ein Auge auf sie haben zu können, hatte er seinen Flug nach Athen nicht aufschieben können, weil er wichtige Geschäfte abwickeln musste, die ihm obendrein eine Atempause von Ann Turner verschafften.

Viel zu sehr wurde er in seinem Seelenfrieden von ihr gestört, und nicht nur deshalb, weil sie eine Bedrohung für seine Familie darstellte. Ihre Anwesenheit auf Sospiris störte ihn noch aus einem anderen Grund. Ein Grund, den er genauso unbarmherzig von sich weisen würde wie jeden Versuch von ihrer Seite, noch mehr Geld aus der Schatzkammer der Theakis zu ziehen.

Während seines Aufenthalts in Athen hatte er absichtlich an abendlichen Gesellschaften teilgenommen. Und eine Affäre wäre ihm sehr gelegen gekommen, die ihn von Ann Turner ablenkte, da sie schon viel zu sehr von ihm Besitz ergriffen hatte. Doch bei seiner Rückkehr hatte er verärgert feststellen müssen, dass sie ihn nicht weniger anzog als zuvor.

Und das brachte ihn aus der Fassung.

Aber es sollte nicht so sein, denn er wusste genau, was für ein Mensch sie war. Dennoch ertappte er sich wieder einmal dabei, wie er sie verstohlen betrachtete, ihr hübsches Gesicht, das weich fallende lange Haar, die grauen Augen und die sanfte Rundung ihrer Brüste. Er redete sich ein, dass er sie beobachten musste, um ihr aufzeigen zu können, dass er sie durchschaute, auch wenn sie seine Mutter zum Narren hielt.

Was würde die schöne, verführerische Ann Turner wohl alles tun, um noch mehr Geld zu bekommen?

Sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln, als langsam ein Gedanke in seinem Kopf Gestalt annahm. Er würde ihr ein Angebot machen, das sie sicher nicht ablehnen würde und mit dem er sich selbst die größte Befriedigung verschaffte – nicht nur in einer Hinsicht. Er würde sich an ihr gütlich tun, wie es ihm gefiel. Und all das nur in bester Absicht. Damit sie ihre gierigen Finger nicht mehr nach seiner Familie ausstrecken konnte. Nie mehr.

Es dauerte nicht lange, da ließ Ari seine Schaufel fallen. Offenbar hatte er genug vom Graben. „Können wir jetzt schwimmen, Onkel Nikki? Bitte!“

Nikos warf Ann einen Blick zu. „Lässt Ihre englische Kaltblütigkeit einen Sprung in die Ägäis zu dieser Jahreszeit zu?“

Ann zuckte lässig mit den Schultern. „Ich gehe sehr gerne mit Ari ins Wasser.“ doch Nikos’ verschleierter Blick nahm ihr die Luft, und das gefiel ihr ganz und gar nicht.

Sie hatte nichts dagegen, mit ihrem Neffen schwimmen zu gehen, mochte das Wasser auch noch so kalt sein. Denn so würde sie Nikos aus dem Weg gehen. Er könnte sich ja in die Sonne setzen und weiter in seinem Magazin lesen. Doch als sie aufstand und sich den Sand von Knien und Händen wischte, erstarrte sie. Nikos schien auch ins Meer zu wollen.

Vor ihren Augen schälte er sich aus seinen Chinos und zog sein Poloshirt aus. Mit offenem Mund starrte sie auf seine nackte Brust.

Er hatte einen fantastischen Körper. Die bronzefarbenen Schultern waren genauso breit, wie sie sich vorgestellt hatte, seine Beine lang und muskulös, mit dunklen Härchen bedeckt, die sich auch in einer schmalen Linie auf seinem flachen Bauch kräuselten, um sich in den locker sitzenden Badeshorts zu verlieren.

Fragend warf er Ann einen Blick zu, als wollte er erkunden, wie sie auf ihn reagierte. Als er ihre Reaktion bemerkte, lächelte er träge. Langsam kam er auf sie zu, legte seinen Finger an ihr Kinn und erinnerte sie damit daran, ihren Mund zu schließen.

„Jetzt sind Sie dran!“

Da sie keinerlei Anstalten machte, begann er leise zu lachen. „Keine Sorge, ich habe mir bereits ein Bild gemacht. Sie haben die Prüfung bestanden.“

Verwirrt zuckte sie zusammen. „Am Pool“, klärte er sie auf. „Sie haben ein Sonnenbad genommen.“

Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, als sie begriff und eine verschwommene Erinnerung in ihr aufstieg. „Sie haben mich berührt!“, klagte sie ihn empört an. Himmel, sie hatte geglaubt zu träumen, und dabei war die Hand, die über ihren Rücken strich, real gewesen. Seine Hand. Mit wütend funkelnden Augen ging sie in die Hocke, um mit Ari die Schwimmflügel aufzublasen und ihm sein T-Shirt auszuziehen.

Ein lautes Lachen erklang, und Ann sah, wie Nikos in das azurblaue Meer sprang. Als er dann mit langen, kräftigen Zügen hinausschwamm, wandte sie sich ab und half Ari mit grimmigem Gesicht, sich zum Schwimmen fertig zu machen.

„Du musst auch mitkommen“, sagte der Kleine.

„Nach dem Lunch.“ Sie legte ihm die Schwimmflügel an und prüfte, ob sie richtig saßen. „Ich brauche viel zu lange, um mich umzuziehen, und Onkel Nikki ist ja schon im Wasser. Ich schau euch beiden zu.“

Zufrieden mit dieser Lösung hüpfte Ari über den Strand zum Wasser und rief seinem Onkel begeistert etwas auf Griechisch zu. Während Ari ins Wasser sprang und sein Onkel auf ihn wartete, versuchte Ann verzweifelt, nicht auf seinen muskulösen Oberkörper zu starren, auf dem glitzerndes Wasser perlte.

Gott im Himmel, er sieht wirklich umwerfend aus …

Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Doch nicht vor Abscheu …

Zudem musste sie widerwillig zugeben, dass Nikos ein toller Spielkamerad für einen Vierjährigen war. Wieder und wieder warf er Ari hoch, um ihn dann ins Wasser fallen zu lassen. Ari kreischte vor Freude. Nikos nahm ihn Huckepack oder fasste ihn an Händen und Füßen und ließ ihn wie ein Flugzeug über das Wasser kreisen. Ohne dass es ihr bewusst war, umspielte ein Lächeln ihre Lippen, als sie den beiden zusah.

Schließlich wateten sie aus dem Wasser. Ari lief voraus, umfing sie mit seinen nassen Ärmchen und beschrieb ihr all das, was er mit seinem Onkel gespielt hatte, während sie seine Schwimmflügel abnahm und ihn in ein Handtuch wickelte. Seinem Onkel hingegen schenkte sie keinen einzigen Blick.

Trotz seiner ausgedehnten Wasserspiele hatte Ari noch genügend Energie und zupfte ungeduldig an Anns Ärmel. „Jetzt will ich eine Sandburg bauen“, verkündete er.

Eifrig nickte Ann. Sie war zu allem bereit, was sie beschäftigt hielt und ihre Aufmerksamkeit von Nikos ablenkte. Sie sah zu, wie Ari seine Schaufel nahm und sich einen Platz für seine Sandburg suchte – nur um nicht zu Nikos sehen zu müssen, der sich anmutig auf die Strandmatte niedergelassen hatte und mit ausgestreckten Beinen gegen einen Felsen gelehnt dasaß. Gefährlich nah bei ihr.

„Und, haben Sie vor, den ganzen Tag von Kopf bis Fuß bekleidet zu verbringen?“, fragte Nikos spöttisch.

„Ich habe Ari versprochen, nach dem Lunch mit ihm ins Wasser zu gehen.“ Unwillkürlich flog ihr Blick zu Nikos, als sie aufstand.

Er lehnte sich zurück. Verwegen hingen ein paar feuchte Strähnen in seine Stirn, eine dunkle Sonnebrille beschattete seine Augen, und seine Badehose saß tief auf den Hüften. Der perfekte Mann. Einen Moment konnte sie ihn nur hilflos anstarren. Und obwohl sie seine Augen nicht sehen konnte, wusste sie, dass er ihre sah – und wie sie auf ihn reagierte.

Sein Mund verzog sich.

„Sie können gerne alles in aller Ruhe begutachten.“ Er lachte leise und nahm sein Magazin zur Hand. „Aber jetzt erst los mit Ihnen“, fügte er hinzu. „Ari braucht einen Arbeiter.“

Mit steifen Beinen ging Ann davon. Sie verachtete sich selbst für ihre Reaktion.

Aber nicht so sehr, wie sie Nikos Theakis verachtete.

4. KAPITEL

An ihrem Gefühl für ihn änderte sich auch für den Rest des Tages nichts mehr, aber sie ließ sich nichts anmerken, um Ari den Spaß nicht zu verderben, der dann irgendwann aus heiterem Himmel verkündete, hungrig zu sein.

Gemeinsam gingen sie zu einer steinernen Plattform, die in einer schattigen Bucht lag und ein wenig Kühle in der Mittagswärme bot. Gemessen an dem Reichtum der Familie Theakis hätte Ann ein opulentes Menu erwartet. Stattdessen hatte Nikos ein einfaches Mahl mitgebracht, das er nun aus dem Korb holte. Ein frischgebackenes, rundes griechisches Brot, süße, sonnengereifte Tomaten, Fetakäse in Öl, Räucherschinken, eine Flasche gekühlten Weißwein und Obst als Nachtisch. Für Ari gab es ausnahmsweise eine Dose Cola.

„Die ist echt lecker“, erklärte er Ann mit wichtiger Miene. „Tina sagt, die macht meine Zähne kaputt, deshalb darf ich nur wenig davon trinken. Passt du auf mich auf, wenn Tina Dr. Sam heiratet, Tante Annie?“

Die Frage kam so überraschend, dass Ann so schnell keine passende Antwort parat hatte. Stattdessen lieferte sein Onkel eine.

„Deine Tante ist es nicht gewohnt, Kinder um sich zu haben“, sagte er. „Sie wüsste gar nicht, was sie mit dir machen muss.“

Kaum merklich zuckte Ann zusammen. „Dein Onkel hat recht, Ari“, meinte sie sanft. „Ich bin sicher, dass deine Ya-ya ein anderes liebes Kindermädchen findet, das auf dich aufpasst. Außerdem lebt Tina ja nicht weit von dir entfernt, und du kannst sie ab und zu mit dem Motorboot auf Maxos besuchen.“

„Aber das ist nicht das Gleiche.“ Seine kleine Unterlippe zitterte.

„Alles ändert sich im Leben, Ari“, gab sein Onkel zu bedenken. „Manchmal sind wir deswegen traurig, und manchmal glücklich.“ Seine Stimme klang gepresst.

Ari sah zu Ann hinüber. „Aber dass du mich besuchen kommst, ist doch eine glückliche Veränderung. Oder nicht, Onkel Nikki?“

Jetzt schau mal, wie du da wieder raus kommst, dachte Ann.

„Es hat seine Vorteile“,erwiderte er, während er ihr absichtlich einen Blick zuwarf. Schnell griff Ann nach einer weiteren Tomate und biss so fest hinein, dass der Tomatensaft auf ihr T-Shirt spritzte.

„Pfui“, murmelte Nikos gespielt entrüstet. „Jetzt müssen Sie es doch endlich ausziehen.“

Und sie tat es schließlich, denn am Nachmittag wurde es so heiß, dass Ari bald wieder ins Meer wollte. Und da Nikos sich auf einem weißen Handtuch zum Sonnenbaden ausgestreckt hatte, nutzte sie die Gelegenheit, sich bis auf ihren Badeanzug zu entkleiden.

„Gehen Sie nicht zu weit ins Meer“, riet er träge, ohne den Kopf zu heben. „Nicht weiter als bis zu dem Felsen links. Ari weiß, welchen ich meine.“

Schnell jagte sie mit dem Jungen zum Wasser hinunter und genoss die kühle Umarmung des Meeres. Die wilde Planscherei mit Ari lenkte sie von Nikos ab, wobei sie darauf achtete, nicht zu weit hinauszuschwimmen. Als Ari schließlich müde wurde und sie aus dem Wasser wateten, merkte Ann, dass sie beobachtet wurden.

Nikos hatte den Kopf gehoben, die Arme hinter dem Nacken verschränkt und musterte sie von Kopf bis Fuß.

Vergeblich versuchte Ann, sich gleichgültig zu geben, und schaffte es zumindest, Nikos’ Blick zu meiden. Sie nahm Ari die Schwimmflügel ab, rubbelte ihn mit dem Handtuch trocken, während er auf Griechisch auf seinen Onkel einplapperte, ehe er zurück zu seiner Sandburg lief. Ann rieb sich mit Aris Handtuch trocken, dann nahm sie einen Kamm aus ihrer Badetasche und fuhr damit durch ihre nassen Haare.

Nikos saß inzwischen im Schneidersitz da und sah sie mit ein wenig zusammengekniffenen Augen an. Auch wenn sie weiterhin versuchte, ihn nicht zu beachten, schaffte sie es nicht. Er hat sogar schöne Füße, dachte sie gedankenverloren und wandte sich schnell wieder ab. Doch Nikos hatte ihren Blick bemerkt, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, kniete er plötzlich bei ihr, nahm ihr den Kamm aus der Hand und beendete ihre Aufgabe.

„Halten Sie still“, befahl er, als sie instinktiv zurückschreckte. Seine Hand schloss sich um ihren Oberarm und ließ sie zusammenzucken. Stirnrunzelnd schob er eine nasse Haarsträhne zur Seite und enthüllte eine hässliche Quetschung.

„Was, zum Teufel, ist das denn?“

„Der Fahrer ist schuld“, entgegnete sie knapp. „Ich bin gegen die Tür des Jeeps geknallt.“

„Tut mir leid. Das habe ich gar nicht gemerkt.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich lebe ja noch. Und jetzt geben Sie mir meinen Kamm zurück.“

Statt ihrer Bitte nachzukommen fuhr er sanft mit den Fingern über ihre Schulter.

„Ihre Haut fühlt sich wie Seide an.“ Seine Stimme klang tief, sinnlich, und seine Berührung sandte ihr einen Schauer über die Haut, während Hitze in ihr aufstieg. Für einen langen Moment begegneten sich ihre Blicke – und dann senkte Nikos quälend langsam seinen Mund herab.

Der Kuss, den er ihr auf die Schulter hauchte, war weich wie Samt, und Ann blieb das Herz stehen. Eine leise Stimme mahnte sie, ihm Einhalt zu gebieten.

Aber sie schaffte es nicht. Und während die Zeit plötzlich stillstand, konnte sie nichts anderes tun, als reglos zu verharren, als sie seine weichen Lippen auf ihrer Haut spürte. Sie spürte, wie er den Mund öffnete und nun zärtlich mit der Zunge über ihre nackte Haut fuhr. Schwindelndes Entzücken erfasste sie. Dann drehte er sie langsam herum, sodass sie nun zwischen seinen Beinen saß und er langsam mit dem Kamm durch ihre Haare fuhr.

Sie war unfähig, sich zu bewegen, während ihr ganzer Körper sich seiner Nähe bewusst war. Aus einem Augenwinkel sah sie, wie Ari seine Sandburg verließ und auf die Felsen kletterte, während Nikos hinter ihr kniete und sie verführte.

Und das tat er zweifellos. Denn obwohl ihre Haare längst entwirrt waren, strich er immer noch sanft mit dem Kamm hindurch und murmelte zärtliche Worte in seiner Muttersprache. Er sagte ihr, wie sehr es ihn nach ihr verlangte, wie sehr sein Körper sich nach ihr sehnte.

Er würde ihre weichen Brüste mit seinen Händen umschließen und über ihre Knospen fahren, bis sie sich aufrichteten, würde sie zwischen seine Fingerspitzen nehmen, bis sie aufstöhnte und ihm zuraunte, dass sie bereit für ihn war. Mit seiner Hand würde er über den sanft gerundeten Bauch fahren, ihre Beine spreizen, sie mit geübten Fingern erkunden und sie in eine Welt entführen, in der überwältigende Erfüllung auf sie wartete.

Ann spürte die Hitze zwischen ihren Schenkeln. Ihre Brüste spannten sich an, und ihre aufgerichteten Knospen drückten gegen den Stoff des Badeanzugs, während sie seine harte Männlichkeit spürte.

Wie in Zeitlupe sah sie aus einem Augenwinkel, dass die kleine Gestalt den höchsten Felsen erklommen hatte und triumphierend winkte. Plötzlich weiteten sich ihre Augen schockiert, als sie sah, wie er schwankte und wild mit den Armen in der Luft herumfuchtelte.

Wer von ihnen schneller war, wusste sie nicht. Sie merkte nur, dass sie wie eine Pistolenkugel vorwärts schoss und über die Felsen kletterte, um Ari in letzter Sekunde atemlos aufzufangen.

Dann wurde Ari aus Anns zitternden Armen gehoben, und Nikos hielt den kleinen, verängstigten Jungen an seine breite, starke Brust gedrückt, während er ihm auf Griechisch immer wieder versicherte, dass nun alles wieder gut sei.

Vorsichtig legte Nikos das weinende Kind auf ein Handtuch, und sie schauten nach, ob Ari sich verletzt hatte. Doch außer einem bösen Kratzer auf der Wade war der Junge offenbar mit dem Schrecken davongekommen. Und dank einer ganzen Tüte Chips hatte er seine Tränen bald vergessen.

„Tina macht mir ein Pflaster drauf“ erklärte er kauend seiner Tante und dem Onkel, als sie seine Wunde erneut untersuchten.

„Das ist nicht nötig, mein Liebling“, versicherte ihm Ann. „Es blutet ja nicht.“

„Aber wenn ich dran drücke, dann blutet es“, stellte Ari richtig und überzeugte sie mit diebischer Freude von der Richtigkeit.

Als Ann zur Seite schaute, traf sie Nikos’ Blick. Für einen Moment sahen sie sich amüsiert an, ehe Nikos sich wieder seinem Neffen zuwandte.

„Was für ein schrecklicher Junge du bist“, meinte er schelmisch.

Ari sah erfreut aus.

Die Rückfahrt zur Villa verlief sehr viel gemäßigter als die Fahrt zum Strand. Nikos war taub gegen Aris Bitten, schneller zu fahren, und nahm die holprige Straße in langsamem Tempo.

„Danke“, sagte Ann, da sie wusste, dass Nikos es für sie getan hatte.

Sie zitterte immer noch. Wie, zum Teufel, hatte es so weit kommen können? Innerhalb weniger Sekunden hatte sie beinahe völlig die Kontrolle über sich verloren …

Sie war hilflos gewesen. Hilflos ausgeliefert der unendlich zärtlichen Verführung dieses Mannes.

Kaum hielt der Jeep vor der Villa, war sie schon ausgestiegen und hob Ari heraus. Erleichtert stellte sie fest, dass Nikos weiter zu den Garagen fuhr. Im Haus übernahm Maria, eins der Hausmädchen, den Kleinen, und Ann verschwand in ihrem Zimmer. Während sie unter der heißen Dusche stand, ging sie mit sich selbst ins Gericht. Wie hatte sie nur zulassen können, dass Nikos sie berührt, gestreichelt, geküsst hatte …

Und warum hatte er das überhaupt getan? Ann wusste die Antwort bereits. Für ihn war es ein Machtspiel gewesen. Absichtlich hatte er sie in Versuchung geführt, nur um ihr zu zeigen, dass er dazu in der Lage und sie machtlos gegen ihn war …

Ich kann nicht zulassen, dass er solch eine Macht über mich hat.

Nein – sie musste dagegen ankämpfen.

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