Logo weiterlesen.de
Julia Extra, Band 301

SUSAN STEPHENS

Lehre mich zu lieben, Tara!

Tara weiß, was der Comte de Ferranbeaux von ihr will! Aber obwohl sie ihr Herz an den Aristokraten mit den harten Augen und den sanften Lippen verloren hat, ist sie nicht bereit, es ihm zu schenken …

ANNE MCALLISTER

Hochzeitsnacht auf Hawaii

Nur eine Unterschrift, dann ist Ally frei. Aber warum weigert Peter sich, ihre Scheidungspapiere zu unterzeichnen? Warum will er eine zweite Chance? Tausend Fragen und eine heiße Nacht als Antwort …

SHARON KENDRICK

Verführt in aller Unschuld

Seit Eileen für den Milliardär Gianluca Palladio arbeitet, träumt sie vergeblich von ihm. Bis er sie auf sein herrliches Weingut einlädt. Plötzlich entdeckt sie heißes Begehren in seinen Blicken …

JESSICA HART

Habe alles – suche Frau!

Mein Auto, mein Haus, mein Segelboot? Langweilig, findet der Unternehmer Tyler Watts. Er möchte sagen: meine Frau, meine Kinder, mein Leben! Da kommt Mary, herzerfrischend natürlich, wie gerufen …

image

Susan Stephens

Lehre mich zu lieben, Tara!

1. KAPITEL

Himmel, hoffentlich war dieser Abend bald vorbei! Die beiden Männer in der Bar des exklusiven Londoner Hotels, die sie und ihre Schwester erst vor einer Stunde kennengelernt hatten, hatten gerade lachend beschlossen, dass Tara mehr ausgehen sollte. Und dennoch: Der attraktivere von den beiden, ein großer, muskulös gebauter Mann namens Lucien mit dichtem braunem Haar, diskutierte jetzt mit Taras älterer Schwester Freya darüber, dass es so etwas wie „zu still“ nicht gab. Wenn Tara nicht gern wilde Partys feierte, warum sollte sie dann? Es gab ja auch andere Möglichkeiten, Leute kennenzulernen …

Tara warf ihm einen dankbaren Blick zu und zog sich erleichtert tiefer in den Schatten der Nische zurück.

Nähe zu ihrer älteren Schwester war alles, was sich die achtzehnjährige Tara je gewünscht hatte. Doch inzwischen fragte sie sich, ob es nicht gefährlich war, der Flamme zu nahe zu kommen, wenn jemand so hell brannte wie Freya.

Aber vielleicht ist es ja doch der richtige Weg, überlegte Tara, als sie sich jetzt in die viel zu engen Sachen ihrer Schwester zwängte. Die beiden Mädchen waren in ihre Unterkunft zurückgekehrt, um sich umzuziehen. Ihre neuen Bekannten hatten den Vorschlag gemacht, gemeinsam Abend zu essen: eine Idee, die von Freya begeistert angenommen worden war. Ihre Schwester ermunterte Tara ohnehin immer wieder, mehr in Gesellschaft auszugehen, also würde Tara heute so ziemlich alles tun, um Freyas Anerkennung zu gewinnen.

Alles. Aber das eine nicht, dachte Tara, als das Gesicht des Mannes, der vorhin Partei für sie ergriffen hatte, vor ihrem geistigen Augen auftauchte. Luciens tiefe samtene Stimme und sein amüsierter Blick hatten sie nervös gemacht. Er gehörte eindeutig zu jener anderen, viel aufregenderen Welt, in der Freya so unbedingt leben wollte. Es war eine Welt, von der Tara wusste, dass sie nie dazugehören würde.

Freya hatte keine Probleme, sich auf ein Gespräch mit unbekannten Männern einzulassen, doch für Tara war es die reinste Qual. Sie hatte während der gesamten Zeit vor Verlegenheit kaum den Blick gehoben. Neben ihrer glamourösen Schwester, die überall, wohin sie auch ging, die Aufmerksamkeit auf sich zog, war sie sich linkisch, unscheinbar und pummelig vorgekommen. Am liebsten hätte sie sich in ein Mauseloch verkrochen. Nur einmal hatte sie Lucien direkt angeschaut, als er sich mit der Frage an sie richtete: „Sollten Sie nicht in der Ausbildung sein?“

Anstatt Männer in einer Bar aufzureißen, hatte er wohl damit gemeint.

Bevor Tara antworten konnte, hatte Freya das Gespräch sofort wieder an sich gerissen. Nichts sollte von dem flirtenden Ton der Unterhaltung ablenken. Als Tara diese Szene später Freya gegenüber erwähnte, lachte diese nur unbeschwert und sagte, Tara solle sich das nicht so zu Herzen nehmen. Sie habe ja noch ihr ganzes Leben, um etwas zu lernen, ihre Jugend solle sie aber erst einmal dazu nutzen, um sich einen Mann zu angeln.

Wenn Tara jetzt daran dachte, brannten ihre Wangen vor Scham. Fairerweise musste man Freya wohl zugestehen, dass sie in gewisser Weise recht hatte. Denn was immer Lucien über ihre Ausbildung dachte – Lucien mit dem französischen Akzent und dem wissenden Blick, der Tara das Blut in den Adern aufheizte –, er hatte Freya gebeten, auf jeden Fall ihre kleine Schwester mit zum Essen zu bringen.

Wieso hatte er das getan? Tara wurde abwechselnd heiß und kalt, wenn sie darüber nachdachte. Sie kam sich schon jetzt unmöglich vor, wie sie hier saß, in dem zugigen kleinen Apartment, eingehüllt in einer Wolke von Freyas billigem Parfüm und dem Figur formenden Body. Freya hatte gemeint, es ginge vor allem um den ersten richtigen Eindruck, um den zweiten brauche man sich dann keine Gedanken mehr zu machen. Und aus diesem Top würde man sie wohl herausschneiden müssen.

„Hör auf, daran herumzuzupfen.“ Freya unterbrach das Anbringen der falschen Wimpern, um Tara einen strengen Blick zuzuwerfen. „Das hat ein Vermögen gekostet.“

„Entschuldige …“ Freya hatte darauf bestanden, dass Tara auf jeden Fall etwas Schickes tragen müsse, und ihr das Paillettenoberteil in die Hand gedrückt.

Jetzt nahm sie es ihr wieder ab. „Ich trage das heute Abend. Du nimmst das hier …“

„Danke.“ Tara war froh, die glitzernden Pailletten gegen ein unauffälligeres Top mit einem wesentlich unaufdringlicheren Ausschnitt zu tauschen.

„Dir ist klar, dass dein Typ ein echter Comte, also ein Graf, ist, oder?“ Freya trug sorgfältig Lippenstift auf.

„Ein Graf?“ Taras Puls beschleunigte sich. Kein Wunder, dass Lucien so dominant und selbstsicher wirkte. Aber seit wann war er ihr Typ? Und wenn er ihr Typ war, was sollte sie dann mit ihm machen, mal ganz abgesehen davon, dass er ein Adeliger war? Was sollte sie denn mit ihm reden?

„Du hast wirklich Glück. Jetzt liegt es bei dir, das Beste herauszuholen.“

Das Beste? Was hieß das? Tara zwängte sich in das enge Lycra-Top ihrer Schwester und lächelte Freya unsicher an. Davon verstand sie auf jeden Fall nicht viel, obwohl ihre Entschlossenheit, das Beste aus sich zu machen, der ihrer Schwester in nichts nachstand. In dem kleinen Zimmerchen war kein Platz für einen Schreibtisch, aber ihre Bücher lagen ordentlich gestapelt unter ihrem Bett.

„Hier, zieh das über.“ Freya warf ihr eine weiße Pelzstola zu.

„Lieber nicht …“ Tara wich regelrecht zurück. Für sie trug der weiße Pelz den Duft von Freiheit und Sorglosigkeit. „Sonst mache ich sie noch schmutzig.“

„Oh, na schön.“ Ungeduldig wühlte Freya in dem Berg von Kleidungsstücken auf ihrem Bett. „Dann nimm diesen Schal hier.“

Tara gefiel der hellblaue Schal viel besser als die Pelzstola. Ihr fiel Freyas Erklärung für diese Auswahl an teurer Garderobe wieder ein, als sie mit den Fingern über den edlen Stoff strich. „Männer machen mir eben gern teure Geschenke“, hatte Freya gesagt, „was sollte daran verkehrt sein?“ Nichts, dachte Tara jetzt und sah bewundernd zu ihrer schönen Schwester. Wer würde dieser schönen Frau keine Geschenke machen wollen? Wenn man so aussah wie sie und dann so leben musste, war es kein Wunder, dass Freya sich etwas Besseres wünschte.

„Was sollte dieser Seufzer?“, fragte Freya misstrauisch, als Tara begann, die herumliegenden Sachen wieder in den Schrank zu sortieren.

„Nichts …“ Tara wurde klar, dass ihre Schwester den Seufzer für Kritik gehalten haben musste.

„Diesen Rock habe ich extra für dich draußen gelassen“, fuhr Freya jetzt gereizt fort, als Tara das viel zu enge Kleidungsstück zweifelnd begutachtete. „Du musst dich beeilen, Tara … sonst kommen wir zu spät. Und hör endlich mit dem Aufräumen auf, sonst bist du wieder völlig verschwitzt, und das wollen wir doch auf gar keinen Fall.“

Was Freya von dem heutigen Abend wollte, war eindeutig und machte Tara nervös. Für sie würde es auf jeden Fall ein Misserfolg werden, denn Lucien war nicht an ihr interessiert. Er war nur nett zu ihr. Dennoch konnte sie nicht umhin, sich in romantischen Träumereien zu verlieren. Träumereien von süßen, lockenden Küssen …

Sie verschwendete wertvolle Zeit mit dem Reißverschluss der Rocks, der ihr zwei Nummern zu klein war. Letztendlich gab sie auf, ließ ihn ein Stück weit offen stehen und zog sorgfältig das Top über den Bund.

„Fertig?“, wollte Freya wissen und nahm ihre schicke neue Handtasche.

Ja, fertig und bereit, um ihre Schwester nicht zu enttäuschen. Freya war heute so angespannt. Scheinbar bedeutete ihr das heutige Treffen sehr viel.

Freya bestätigte diese Überlegung sofort. „Keine Sorge, Schwesterchen, ich habe nicht vor, noch lange hier in dieser kalten Bruchbude zu leben.“

„Was meinst du damit?“, fragte Tara entsetzt.

„Da draußen gibt es eine große Welt voll reicher Männer. Männer, die genau so eine Frau suchen wie mich.“

„Oh …“ Tara kaute bedrückt an ihrer Lippe. Natürlich hatte Freya ein besseres Leben verdient, doch wenn sie an die eigene Zukunft dachte, lag diese wie ein schemenhafter Umriss vor ihr. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, von ihrer Schwester getrennt zu sein. Sie waren als Waisen groß geworden, und Freya war alles an Familie, was sie hatte.

„Du kannst hierbleiben, ich werde den Mietvertrag auf dich umschreiben lassen.“ Freya fuhr sich durch die hellen Locken. „Das ist wenigstens ein Anfang für dich. Ich werde wahrscheinlich in Südfrankreich leben …“

Es war das Leben, das ihre schöne Schwester verdient hatte, auch wenn Tara bei der Vorstellung eine schreckliche Leere in sich verspürte. Sie verdrängte diese egoistischen Gedanken und wollte Freya lächelnd umarmen. „Du denkst immer an mich.“

„Vorsicht, mein Make-up!“ Freya wich hastig zurück. „Jetzt hör mir gut zu“, hob sie entschieden an. „Du musst dafür sorgen, dass dein Graf dich auf jeden Fall mit zu sich nimmt. Diese Bruchbude hier darf er nicht sehen.“

„Er ist nicht mein Graf“, setzte Tara an, „und ich werde auf gar keinen Fall mit ihm nach Hause gehen.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“ Freya musterte sie von oben bis unten. „Du magst ein paar Kilos zu viel haben, aber richtig ausstaffiert machst du schon was her.“

„Aber nie im Leben so wie du.“

„Nun ja …“ Freya seufzte zufrieden und warf einen letzen Blick in den Spiegel. „Jetzt aber los. Wir dürfen es nicht riskieren, dass jemand anders uns unsere Männer wegschnappt.“

Eine innere Unruhe erfüllte Lucien, während sie auf die beiden Mädchen warteten. Es war das erste Mal, dass er seinen Bruder Guy bei einem von dessen Streifzügen begleitete. Doch jetzt saß er hier, in dieser noblen Bar, von der sein Bruder ihm versichert hatte, dass sie momentan der Treffpunkt sei, um Frauen kennenzulernen.

Seit heute Nachmittag hatte er das Bild des schüchternden jungen Mädchens nicht vergessen können. Er war überzeugt gewesen, er würde sich bei dieser ganzen Sache nur langweilen, doch Tara hatte der Angelegenheit einen gewissen Reiz verliehen.

Er schaute auf seine Uhr. Wo blieb sie nur? Tara Devenish musste mindestens zehn Jahre jünger sein als er, doch allein das Auftreten ihrer Schwester ließ vermuten, dass auch sie alles andere als unschuldig war. Bei dem Gedanken spürte er erregende Hitze durch seinen Körper strömen, und wie auf Stichwort ging die Tür der exklusiven Bar auf – da war sie.

Lucien Maxime, Comte de Ferranbeaux, zog die Blicke aller auf sich, als er sich erhob, Gespräche verstummten. Man schien den Hauch von Gefahr zu spüren, die diesen eleganten und gewandten Mann umgab. Lucien hatte keine Probleme damit, gewisse Bedürfnisse seines Körpers zu akzeptieren. Nach einer Woche intensiver und anstrengender Geschäftsverhandlungen war er gern bereit, zuzugeben, dass seine Libido sich inzwischen im roten Bereich befand. Nur konnte er nicht ahnen, dass seine Sinnlichkeit für andere fast greifbar schien.

In Gedanken machte Lucien sich eine Notiz, einen Wohnsitz in London zu seinem stetig wachsenden Immobilienportfolio hinzuzufügen. In Bars zu feiern war nicht sein Stil, vor allem nicht an einem solchen Abend. Tara war noch süßer, als er sie in Erinnerung hatte. Den Bleistiftrock hatte sie sich ganz offensichtlich von ihrer wesentlich schlankeren Schwester geliehen. Dadurch, dass sie ihn so weit nach oben hatte ziehen müssen, war er auch gut zehn Zentimeter zu kurz, um noch als respektabel zu gelten. Ihre üppige Oberweite steckte in einem eng anliegenden Oberteil, dessen Ausschnitt viel von ihrem hübschen Dekolleté zeigte. Eine Tatsache, die sie allerdings aus einem unerfindlichen Grund mit einem Schal zu verbergen suchte. Zynisch fragte er sich, wieso sie ihre Waren versteckte anstatt feilzubieten.

Er hatte nur Augen für sie. Eine Aura von Unschuld, Angst und Aufregung umgab sie und strahlte bis zu ihm hin. Als sie vor ihm stehen blieb und zögernd den Blick zu seinen Augen hob, verbeugte er sich vor ihr, nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Er konnte ihr Zittern spüren.

Der Abend verging wie im Traum. In seinem weißen Dinnerjackett und dem blütenweißen Hemd sah der Comte aus wie ein Filmstar. Er hätte nicht mehr weibliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, wenn er es darauf angelegt hätte.

Aber das tat er nicht, und das war eben so nett an ihm. Noch netter war es, wie aufmerksam er sich um sie, Tara, kümmerte. Anfangs machte es sie nervös und unsicher, vor allem, weil er so viel älter war als sie und ihre Fantasie Überstunden machte und alle möglichen verbotenen Bilder heraufbeschwor, doch irgendwie brachte er sie schließlich dazu, sich zu entspannen. Und danach war es wie im Märchen. In ihren Träumen hatte Tara sich immer den dunklen, Aufsehen erregenden Latin Lover vorgestellt, und der Comte de Ferranbeaux, Lucien, wie er sie gebeten hatte, ihn zu nennen, entsprach genau diesem Traumbild – und noch so viel mehr. Das gewellte, etwas zu lange Haar, der dunkle Bartschatten und die blitzenden Augen ließen ihn aussehen wie einen Piraten. Ein Pirat im Designeranzug, natürlich.

„Haben Sie Spaß?“, wandte er sich an sie, nachdem er die zweite Flasche Champagner bestellt hatte.

O ja, und wie! Doch als der dunkle Blick fragend auf ihrem Gesicht haften blieb, schoss ihr das Blut in die Wangen. „Ja, danke“, erwiderte sie leise.

Er lächelte amüsiert, so als wisse er, dass unter der unschuldigen Fassade einige sehr viel weniger harmlose Gedanken schwelten. Langsam nahm er ihre Hand, und Tara schnappte atemlos nach Luft. Dann ließ er sie wieder los, und sie senkte den Blick, so als hätten seine Finger einen Abdruck auf ihrer Haut hinterlassen. Sie konnte kaum fassen, dass der Graf von Ferranbeaux sie tatsächlich berührt hatte. Er wandte sich wieder dem lebhaften Gespräch zwischen Freya und Guy zu und überließ es ihr, auf seine sinnlichen Lippen beim Sprechen zu sehen, seinen männlich-herben Duft einzuatmen und weiter zu träumen.

Wie hätte sie auch ahnen sollen, dass er sich plötzlich zu ihr umdrehte und sie dabei ertappte, wie sie ihn anstarrte? Glücklicherweise machte er keine Bemerkung, die sie erneut in Verlegenheit gebracht hätte, doch er hob wissend eine Augenbraue, so als könne er ihre Gedanken lesen.

Mit brennenden Wangen wandte Tara das Gesicht ab und zog sich zurück in ihre Gedankenwelt, in der sie die wildesten Fantasien ausleben konnte – von einem älteren, erfahrenen Mann, der sich in ein junges, unerfahrenes Mädchen verliebte.

Freyas Stimme riss sie unsanft aus ihren Träumen.

„Komm schon, Tara. Trink endlich aus.“

Vor Verlegenheit hätte Tara sich am liebsten verkrochen, als jetzt jeder sie anstarrte. Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, hatte sie versucht, mit Freyas Tempo beim Trinken mitzuhalten, doch es war ihr unmöglich gewesen. So hatte sie ihr Glas immer wieder in die neben ihr stehenden Pflanzenkübel geleert. Jetzt jedoch, da alle Augen auf ihr lagen, blieb ihr nichts anderes, als ihren Champagner in einem Zug auszutrinken.

Zu ihrer Überraschung nahm Lucian ihr die Flöte aus der Hand, bevor sie sie an die Lippen setzen konnte. „Wir sollten nicht zu viele Pflanzen töten“, murmelte er und trank das Glas leer. „Sonst lassen sie uns vielleicht nicht wieder in den Club hinein.“

„Wären Sie traurig darüber?“ Sofort machte Tara sich Sorgen, dass sie ihn beleidigt haben könnte.

Er lehnte sich zu ihr, und sein warmer Atem kitzelte ihre Wange. „Aber nein, überhaupt nicht.“

Obwohl er sich sofort wieder aufrichtete, genoss Tara diesen kurzen Moment der Vertrautheit mit ihm. Natürlich wusste sie, dass dies zu nichts führen würde, dennoch versuchte sie, so gut wie nur möglich auszusehen. Sie zupfte Top und Rock zurecht. Lucien sollte sich ihretwegen nicht schämen müssen. Er war so elegant, und sie mochte ihn bereits zu sehr, um ihn in Verlegenheit zu bringen. Auch wenn er sich schon morgen nicht mehr an sie erinnern würde. Es war wohl besser, sich von nun an für den Rest des Abends mehr oder weniger unsichtbar zu machen.

Sie verließen die Bar und gingen in ein schickes Restaurant, und Tara achtete sehr darauf, sich richtig zu benehmen. Lucien war nett genug, Pâté auf ihren Toast zu streichen, als sie zu Messer und Gabel greifen wollte. Sie streckte die Hand nach dem Brotkorb aus, zog sie aber sofort wieder zurück, als Freya sie warnend anschaute. Sie hatten abgemacht, dass Tara nichts mehr an Gewicht zulegen durfte.

„Sie sind doch noch nicht fertig mit Essen, hoffe ich?“ Lucien lächelte sie aufmunternd an, als sie ihre Serviette zur Seite legte. „Hier, probieren Sie von dem Spargel, der kann Ihnen nicht schaden.“

Wenn ausgelassene Butter heruntertropfte? Tara schüttelte den Kopf. Doch Lucien bestand darauf, sie mit der Spargelstange zu füttern. Er tupfte ihr sogar den Buttertropfen mit seiner Serviette fort, der an ihrem Mundwinkel herablief, strich ihr mit dem Daumen über die Lippen und schaute ihr dabei tief in die Augen. Wieder begannen ihre Wangen zu brennen, als heiße Wellen ihren Körper durchfuhren. Sollte es eine sinnlichere Botschaft geben, die ein Mann einer Frau senden konnte, so konnte Tara sich nicht vorstellen, was das sein müsste. Allerdings wusste sie auch nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Sie wusste nur, dass sie nichts anderes wünschte, als dass diese Nacht nie vorbeigehen würde.

Sobald sie zu Ende gegessen hatte, schlug Freya vor, zu einem Jazzclub weiterzuziehen, der bis in die frühen Morgenstunden geöffnet hatte.

„Schauen Sie nicht so besorgt drein“, sagte Lucien zu Tara, als er ihre entsetzte Miene sah. „Sie kommen mit mir nach Hause.“

Und die tiefe Falte auf ihrer Stirn glättete sich. Sie war Lucien so dankbar. Früh nach Hause, sicher und allein mit ihren Träumen … das war genau das, was sie sich wünschte.

2. KAPITEL

Tara war so erleichtert, dass Lucien sie nach Hause bringen wollte, dass sie sich entspannte und ihm einen dankbaren Blick zuwarf. Doch dann erkannte sie an Freyas zufriedenem Lächeln, dass sie Lucien völlig missverstanden hatte. Mit ihm nach Hause gehen hieß für ihn, sie mit auf sein Hotelzimmer zu nehmen.

Sie kam sich unendlich dumm vor, als sie schließlich zusammen mit Lucien vor der Tür seiner Penthousesuite im Hotel stand. Nur die Angst, Freya zu enttäuschen, brachte Tara dazu, Lucien in die Suite zu folgen. Freyas geflüsterte Worte, dass es so wunderbar zwischen ihr und Guy liefe und Tara solle jetzt nur nichts verderben, hallten unablässig in ihrem Kopf nach. Ihr Schicksal war besiegelt, das wusste sie, als Lucien die Tür schloss. Denn sollte es eine Achtzehnjährige geben, die dem Charme und der maskulinen Sinnlichkeit des Grafen von Ferranbeaux widerstehen konnte, so war es ganz bestimmt nicht sie.

Zögernd machte sie ein paar Schritte vor. Ihre Füße versanken in dem dicken Teppich, mit erstaunter Ehrfurcht bewunderte sie die kostbare Einrichtung. Ein Duft lag in der Luft, bei dem ihr der Kopf schwirrte. Nur langsam wurde ihr bewusst, dass es der Duft von Reichtum war. Sie war so verzaubert, dass Lucien sie beim Ellbogen nehmen musste und sie in das nächste Zimmer führte. Es war ein Salon, in dem ein gemütliches Feuer in einem großen Kamin brannte. Regale voller Bücher dominierten den Raum, eine Schale mit frischem Obst stand auf dem niedrigen Tisch, Bilder hingen an den Wänden, die mit Seidentapeten bespannt waren. Es war ein Heim für die Superreichen, wenn sie das eigene Zuhause für eine Zeit verlassen mussten.

„Kommen Sie und setzen Sie sich, bevor Sie noch umfallen“, sagte Lucien.

Tara sah zu ihm hin, er lächelte. Er musste sie für schrecklich einfältig halten. Sie riss sich zusammen, versuchte sich den Anschein von Selbstsicherheit zu geben und machte ein paar energische Schritte auf das Sofa zu. Doch in ihrer typischen ungeschickten Art stieß sie an ein Stuhlbein und stolperte. Erschreckt schnappte sie nach Luft und versuchte sich festzuhalten, aber da griffen bereits starke Arme nach ihr.

„Wieder alles in Ordnung?“, fragte Lucien liebenswürdig, als sie sicher auf eigenen Füßen stand.

Sie fühlte sich so geborgen in seinen Armen, dass sie nicht so schnell von ihm zurückwich, wie sie es vielleicht hätte tun sollen, und seine nächsten Worte bestätigten es.

„Ich wollte Champagner bestellen, aber ich habe meine Meinung geändert.“

Sie sah zu ihm auf, und sein wissendes Lächeln sandte Schauer der Erregung durch sie hindurch. Für einen Moment nur erlaubte sie sich zu träumen, er sei ebenso hingerissen von ihr, wie sie von ihm.

„Da steht noch Orangensaft im Kühlschrank“, sagte er entspannt und ging zu der eingebauten Bar. „Oder vielleicht hätten Sie lieber etwas Heißes zu trinken? Vielleicht Kakao?“

Heißer Kakao? Freya würde nicht zufrieden sein. Tara schluckte.

„Warum mache ich es mir nicht bequem, während Sie sich überlegen, was Sie möchten?“, schlug er vor.

Er versuchte alles, es leichter für sie zu machen, dennoch konnte Tara sich nicht entspannen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Selbst wenn ihr eingefallen wäre, was sie sagen sollte, sie hätte kein Wort hervorgebracht. Allein ein Blick von ihm genügte, dass die Spitzen ihrer Brüste sich aufrichteten. Verschämt verschränkte sie die Arme vor der Brust und blieb stehen, wo sie war, mitten im Zimmer.

Lucien zog das Jackett aus und lächelte amüsiert, als er Taras bewundernden kleinen Laut hörte. Hastig wandte sie den Blick von seinen breiten Schultern, nicht ohne zuvor noch zu bemerken, mit welch langen, schlanken Fingern er seine Fliege löste und den obersten Knopf seines Hemdes öffnete. Verstohlen sah sie wieder zu ihm hin. Er sah so gut aus! Verträumt stellte sie sich vor, wie sie diese gebräunte Haut berühren würde, welch wunderbares Gefühl es an ihren Fingerspitzen sein musste. Lucien warf seine Manschettenknöpfe in eine filigrane Glasschale auf dem Sideboard. Erst das klirrende Geräusch riss Tara aus ihren Träumen.

„Wollen Sie nicht wenigstens Ihren Schal ablegen? Geben Sie ihn mir, ich bringe ihn zur Garderobe.“ Er streckte die Hand aus.

Sie starrte ihn reglos an. Er rollte sich die Hemdsärmel auf und gab so den Blick auf muskulöse Unterarme frei.

„Ich wollte ihn ja gerade ablegen“, log sie. Sie war sich sehr bewusst, dass sich nun, ohne den Schal, endlos viel nackte Haut zeigte. Freyas hartes Regiment im Fitnessstudio hatte sich bezahlt gemacht, dennoch war Tara viel zu verlegen, um sich vor irgendjemandem zu entblößen.

„Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir“, lud Lucien sie ein.

Sie wählte die Couch ihm gegenüber und ließ sich auf der äußersten Kante nieder. Sorgfältig achtete sie darauf, gerade zu sitzen, so wie Freya es ihr immer wieder befohlen hatte. Bis Lucien leise murmelte: „Beeindruckend …“

Zu spät wurde ihr bewusst, dass er glauben musste, sie wolle ihre Oberweite in ein besseres Licht rücken. Sofort ließ sie die Schultern sacken und senkte den Blick.

„Mache ich dich so nervös, ma petite?“

Sie murmelte etwas Unverständliches, was ihn leise lachen ließ.

„Ich habe das Gefühl, mir gelingt es nicht, dir zu helfen, dich zu entspannen, oder?

Indem er sich neben sie setzte? Indem er den Arm um ihre Schultern legte?

Tara war so angespannt, wie sie es nie zuvor in ihrem Leben gewesen war. Sie bebte am ganzen Körper, während sie sich fragte, was Lucien von ihr erwarten mochte.

„Entspann dich“, raunte er ihr jetzt ins Ohr und sandte mit seinem warmen Atem einen prickelnden Schauer über ihren Rücken.

Seine Stimme klang so beruhigend, dass sie für einen Moment den Kopf an seine Brust legte und auf seinen Herzschlag lauschte. Sie sehnte sich nach etwas, doch als er mit den Lippen über ihr Haar fuhr, zuckte sie leicht zusammen.

„Entspann dich“, wiederholte er.

Sie versuchte es ja, sie wollte alles tun, was er von ihr verlangte, doch eine innere Stimme warnte sie, dass das hier kein Traum war, sondern wesentlich mehr Realität, als sie bewältigen konnte.

„Was wünschst du dir als Nächstes, Kleines?“

Unsicher blickte sie ihn an. Seine braunen Augen waren jetzt fast schwarz. Hatte er etwa ihre Gedanken erraten? Dieser Blick … er ließ vermuten, dass Lucien in ihrem Gesicht lesen konnte wie in einem offenen Buch. Was seine nächsten Worte bestätigten.

„Sollen wir ins Schlafzimmer gehen?“ Lucien legte seine Stirn an ihre. Es war eine so vertraute Geste, dass Tara erneut anfing zu träumen.

O ja, wollte sie sagen, lass uns sofort gehen, doch stattdessen hörte sie sich antworten: „Ich fühle mich hier ganz wohl.“ Ihre Stimme klang so verloren, gar nicht atemlos und verführerisch, wie Freya es ihr beigebracht hatte.

„Dann bleiben wir hier“, stimmte Lucien keineswegs enttäuscht zu. Sanft hob er ihr Kinn an. „Schau nicht so besorgt. Ich beiße nicht.“

Und wenn, dann würde sie es sicher genießen, drängte sich Tara der Gedanke auf, denn nun ließ er seine Hand an ihrem Hals entlang wandern, legte damit eine brennende Feuerspur auf ihrer Haut, bis seine Finger sanft ihre Brust umfassten.

Was immer sie sich vorgestellt hatte, das hier übertraf alles. Es war so viel besser als in ihren Träumen. Sie wagte nicht einmal zu atmen, aus Angst, sie könnte ihn ablenken. Lächelnd hielt er ihren Blick gefangen und sagte etwas in seiner Sprache, das sie nicht verstand. Aber sie konnte sich denken, was es bedeutete, und es entlockte ihr ein leises Stöhnen.

„Ich glaube, du magst das“, murmelte er und reizte die harte Knospe ihrer Brust mit seinem Daumen.

Er konnte unmöglich ahnen, wie sehr! Noch nie hatte jemand sie dort berührt, und sie bezweifelte, dass ein anderer solche Gefühle in ihr hätte erwecken können. Ja, sie mochte es, mochte es sogar sehr. Unter seinen erfahrenen Berührungen entfuhr ihr ein lustvoller Seufzer.

„Doch, ich bin sicher, dass du es magst.“

Ihr Atem ging jetzt schneller. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihre Wünsche und Gedanken in Worte fassen sollte. Angst erfasste sie, dass Lucien ihrer müde werden und mit dem, was er tat, aufhören könnte. Doch stattdessen zog er ihr das Top über den Kopf, um den Blick auf ihre bloßen Brüste zu lenken. Tadelnd schüttelte er den Kopf, als sie ihre Blöße bedecken wollte.

„Du solltest einen BH tragen“, sagte er.

„Sollte ich?“, fragte sie verlegen.

„Doch, natürlich … Dann gäbe es mehr, was ich dir ausziehen könnte.“

Langsam begann sie dieses Spiel zu verstehen. Sie lachte unsicher.

Lucien machte sich daran, ihr den Rock auszuziehen. „Du darfst dich niemals, niemals für deine wunderbaren Brüste entschuldigen.“ Während er dies sagte, massierte er die vollen Rundungen, und Tara bog sich verlangend der Berührung entgegen. Sie wollte alles von dem, was Lucien ihr geben würde.

Er beugte den Kopf, widmete sich ihrem Körper mit Lippen und Händen, bis sie voll verzweifeltem Verlangen aufschrie: „O Lucien, ich halte es nicht länger aus …“

„Was hältst du nicht aus? Das hier …“ Raffiniert reizte er ihre vor Erregung steil aufgerichteten Brustwarzen, ließ dann eine Hand hinunter zu ihrem Schoß wandern. „… oder das?“

„Beides!“ Ihre Stimme flehte nach mehr. „Ich weiß es nicht …“Voller Ungeduld wand sie sich in seinen Armen, sehnte sich so sehr nach ihm. Sie verstand die wachsende Frustration in sich nicht, wusste nicht, was sie bedeutete. Wusste nur, dass Lucien nicht aufhören sollte. Dieses wunderbare Gefühl durfte einfach nicht zu Ende sein. Dieser Weg, den sie eingeschlagen hatte, würde an einem wunderbaren Ort enden, auch wenn sie nicht wusste, wo dieser Ort war. Lucien hatte einen Hunger in ihr geweckt, von dem sie nie geahnt hatte, dass er überhaupt existierte. Diese Bedürfnisse verjagten jeden klaren Gedanken aus ihrem Kopf und erfüllten ihr ganzes Sein einzig und allein mit heißer Sehnsucht.

Er hatte geahnt, dass ihre Haut sich wie Seide anfühlen würde, als er ihren Duft nach einer wilden Sommerwiese wahrgenommen hatte, doch dieses Prickeln an seinen Fingerspitzen hatte er nicht vorausgesehen. Er ließ sich Zeit, um jeden Zentimeter ihres Körpers zu erkunden. Wo auch immer er sie berührte, es entlockte ihr ein lustvolles Seufzen, und wann immer er dieses Seufzen hörte, fand er eine neue Stelle, um ihr noch mehr Vergnügen zu bereiten. Ihre Unsicherheit hatte sie jetzt völlig abgelegt. Als er sich einen Moment von ihr löste, um sich der überflüssigen Kleidung zu entledigen und für den Schutz zu sorgen, stieß sie einen protestierenden Laut aus und streckte die Arme nach ihm aus. Noch nie war ihm eine Frau begegnet, die so leidenschaftlich nach der Liebe verlangte. Sie klammerte sich an ihn, öffnete sogar die Beine für ihn, noch bevor er genügend Zeit hatte, sie ganz bereit zu machen.

„Nicht so schnell, Kleines“, murmelte er. „Du wirst es mehr genießen, wenn du lernst, dir Zeit zu lassen.“

Er hatte eine langsame Verführung im Sinn gehabt, doch scheinbar hatte Tara andere Vorstellungen. War sie von ihrer Schwester angewiesen worden, sich so zu verhalten? Mit ihren vielsagenden Blicken auf ihre kleine Schwester und dem lasziven Lächeln hatte Freya ihm dies mehr oder weniger offen angedeutet. Hätte er auch nur den kleinsten Hinweis von Tara erhalten, dass sie nicht bereit dazu war, wäre der Abend völlig anders verlaufen. Fast unwillig kam er zu der Einsicht, dass Tara Teil des kalkulierenden Duos war und ihre einstudierte Rolle zur Auffrischung der Familienfinanzen nur zu gerne übernommen hatte.

Zwar war er ein wenig enttäuscht, doch das Ganze besaß auch seine guten Seiten. Es gab ihm die Freiheit, alles mit ihr zu genießen. Er würde darauf achten, dass sie ebenfalls ihr Vergnügen fand. Allein der Gedanke, sich in ihr zu verlieren …

Nur würde er nicht Guys Fehler machen und sich einbilden, dass es mehr sein könnte.

Tara mochte nicht über Freyas Talente verfügen, aber auf der Jagd nach einem vermögenden Mann investierte sie alles, was sie hatte. Damit sie, wie befohlen, wie ein Jäger mit seiner Trophäe nach Hause zu ihrer Schwester Freya zurückkehren konnte.

Wenn auch erst achtzehn und noch Jungfrau, so hatte Tara doch die Warnsignale erkannt. Und beschlossen, sie zu ignorieren. Weil es die einzige Chance sein würde, ihre Märchenträume auszuleben. Nie wieder würde sie einen so gut aussehenden Mann wie Lucien treffen, und was noch wichtiger war – bei ihm fühlte sie sich sicher. In ihrem Leben hatte sie sich noch nie sicher gefühlt. In seinen Augen konnte sie den Glanz einer Welt erkennen, in der jeder sicher war. Sie wollte zu dieser Welt gehören, unter Luciens Schutz, und wusste doch, dass ihr Wunsch niemals wahr werden würde. Doch für diese eine Nacht konnte sie sich vormachen, es wäre so …

Sie war perfekt. Und so süß. Das hier würde zu nichts führen, doch für den Moment konnte er Vergessen finden. Er würde ihr den Weg ins Paradies zeigen. Wenn er etwas von den Frauen verstand, dann, wie er ihnen Vergnügen schenken konnte. Und Tara machte es ihm so leicht. Sie war empfänglich für ihn, reagierte auf jede seiner Liebkosungen mit wilder Losgelöstheit. Ihr wunderbarer Körper bog sich ihm entgegen, ihre leisen Seufzer feuerten ihn an. Leidenschaftlich schmiegte sie sich an ihn, nahm alles, was er ihr schenke, und flehte um mehr.

Er ging davon aus, dass sie auch den letzten Schritt gehen wollte. Dann würde sie Freya Bericht erstatten können, dass sie den Grafen, wie befohlen, in der Tasche hatte. Was ihr gelungen war, wie er mit leichtem Bedauern dachte. Mit Bedauern, weil er wusste, dass er manipuliert wurde. Bei seinem Hunger war es unwahrscheinlich, dass ihm eine Nacht mit dieser jungen, hübschen Frau reichen würde. Er konnte nur hoffen, dass er morgen früh aufwachen würde und dann wieder zu Sinnen gekommen war.

Und so nahm er sie in Besitz, langsam, sehr langsam. Was immer er über sie denken mochte und welche Erfahrungen auch immer sie bisher gemacht haben mochte, die Ehre verlangte von ihm, dass er sie vorsichtig behandelte. Als er meinte, ihr wehzutun, hielt er inne, doch das ließ sie nicht zu.

„Bitte, Lucien, hör nicht auf …“, flehte sie, als er sich leicht zurückziehen wollte. Und dann entspannte sie sich wieder.

Als sie zum Gipfelsturm ansetzte, öffnete sie die Lippen, und ihre ekstatischen Seufzer fachten seine Lust an. Er blickte ihr unentwegt in die Augen, wollte sichergehen, dass sie diese Erfahrung genoss. Seltsam, aber es war ihm wichtiger, als er gedacht hätte, denn sein Verstand warnte ihn noch immer ständig, dass sie Instruktionen erhalten hatte, einem Mann zu gefallen.

Er sah es sehr klar vor sich. Die Devenish-Schwestern waren ausgezogen, um für jede den Hauptpreis zu ergattern. Doch während Freya ihr Ziel erreicht haben mochte, lag Taras Zukunft allein in ihren eigenen Händen.

Tara betrachtete Lucien, während er schlief. Der märchenhafte Traum war vorbei, doch sie würde jeden Moment sicher in ihrer Erinnerung bewahren. Selbst den scharfen Schmerz, der das Ende ihrer Unschuld markiert hatte, denn das war das Einzige, was sie Lucien hatte schenken können.

Ein schüchternes Lächeln umspielte ihre Lippen. Die Lust, die sie verspürt hatte, war überwältigend gewesen, doch Lucien hatte noch mehr daraus gemacht. Und das würde sie ihm nie vergessen. Auch ihn würde sie nie vergessen. Was immer das Leben für sie noch bereithielt, die Erinnerung an Lucien Maxime, Comte de Ferranbeaux, würde sie auf ewig sicher in ihrem Herzen tragen.

3. KAPITEL

Zwei Jahre später

Dunkle Gewitterwolken bauschten sich am Himmel zusammen, als Lucien Maxime, der elfte Graf von Ferranbeaux, vor einem der vielen Landhotels, die er besaß, aus seinem Austin Martin ausstieg. Regen war ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit im Süden Frankreichs. Während er nach seinem Sommerjackett auf dem Rücksitz griff, fühlte er einen Blick auf seinem Rücken. Er drehte sich um und sah auf. Eine unscheinbare, leicht mollige junge Frau mit einem Baby auf dem Arm stand am schmiedeeisernen Geländer des Balkons und schaute zu ihm hinunter.

Tara Devenish.

Der Schock, sie wiederzusehen, war wie ein Schlag in den Magen. Die Zeiger der Zeit drehten sich zurück, während er sie ansah. War es tatsächlich erst zwei Jahre her seit jenem Abend? Er hatte einen Bruder verloren und eine Nichte gewonnen. Guy und Freya waren knapp ein Jahr verheiratet gewesen, als sie bei einem Autounfall ums Leben kamen. Das Baby in Taras Armen war die Tochter, die verwaist zurückgeblieben war.

Seine Nichte zu sehen ließ sein Herz schneller klopfen, doch bei Taras Anblick konnte er nur daran denken, wie sie sich ihm in jener Nacht so lustvoll hingegeben hatte. Sie war gut gewesen, besser als gut. Später hatte er herausgefunden, dass sein Bruder ebenso gedacht haben musste.

Angewidert schlug Lucien die Wagentür zu. Kurz vor dem tödlichen Unfall hatte Freya ihren Mann öffentlich in der Presse angeklagt, mit ihrer Schwester geschlafen zu haben. Wer konnte schon sagen, wie es in Guys Kopf ausgesehen haben mochte, als er sich hinter das Steuer gesetzt hatte? Luciens Überzeugung nach klebte Guys Blut an Taras Händen. Wenn sie sich einbildete, das Bild, wie sie seine Nichte auf den Armen hielt, würde ihn milde stimmen, dann irrte sie. Er war lange nicht so leichtgläubig wie Guy. Deshalb konnte er ja noch immer nicht fassen, dass er sich derart von ihr hatte blenden lassen.

Der Portier in Uniform, mit dem Familienwappen derer von Ferranbeaux auf der Brust, wollte diensteifrig die Eingangstür für ihn aufhalten, doch Lucien war schneller. Dennoch begrüßte er den Mann mit Namen. Er verabscheute die devote Haltung und Ehrerbietung der Angestellten, die viele Männer in seiner Position voraussetzten, doch das war kein Grund, die Leute vor den Kopf zu stoßen.

Er brauchte auch das Familienwappen auf der Livree nicht zu sehen, um daran erinnert zu werden, weshalb er heute hier war. Die Familienehre stand unter Beschuss, er musste sich darum kümmern, bevor die Gerüchte überhand nahmen. Guys Tod hatte die Büchse der Pandora geöffnet, und nun stand Pandora selbst, auf seine Aufforderung hin, dort oben auf dem Balkon.

Es war erstaunlich einfach gewesen, sie hierherzulotsen. Ein Anruf seines Anwalts hatte genügt, und sie hatte sich bereiterklärt, die Adoptionspapiere zu unterschreiben. Angeblich wollte sie sich lediglich noch ansehen, wo Poppy von nun an leben würde, doch Lucien vermutete, dass es sich eher um einen letzten Versuch ihrerseits handelte, sich vielleicht doch noch einen reichen Mann zu angeln.

Unwillkürlich griff er nach dem Scheck in seiner Jacketttasche. Die Summe war hoch, sie würde sämtliche bisherigen Ausgaben für Poppy decken und zudem Tara Devenish auskaufen, ein für alle Mal. Über jede Kritik erhaben, so war er bisher mit allen Aasgeiern umgegangen, die seit Guys Tod bei ihm aufgetaucht waren. Tara Devenish mochte sich einbilden, sie sei besonders clever, mit ihren flachen Schuhen und dem strengen Kostüm, um das Bild einer seriösen Frau zu bieten. Doch es würde schon mehr brauchen, um seine Meinung über sie zu ändern.

Erstaunlich, welch intensive Gefühle diese Frau in ihm auslösen konnte. Vor zwei Jahren hatte er geglaubt, sie sei es wert, gerettet zu werden. Er hatte Geld auf dem Nachttisch für sie hinterlassen, viel Geld, in der Hoffnung, sie würde sich damit ein besseres Leben einrichten. Jetzt musste er sich eingestehen, dass er über den Tisch gezogen worden war. Es war seine eigene Schuld. Schließlich waren alle Zeichen deutlich sichtbar gewesen. Die einzige Entschuldigung, die er anführen konnte, war, dass er an jenem Abend seinen Verstand ausgeschaltet hatte.

Mit einem Gruß für den Hotelmanager und der Bitte, Tara zu holen, eilte Lucien auf das Privatzimmer zu, das man für dieses Treffen vorbereitet hatte. Keine Erfrischungen, keine Blumen, nichts, was die Atmosphäre angenehmer machen konnte – diese Order hatte er gegeben.

Unruhig marschierte er im Zimmer auf und ab. Tatsache war, dass Tara in den letzten zwei Jahren viel zu oft seine Gedanken beschäftigt hatte. Er hatte sogar manchmal überlegt, ob er sie nicht aufsuchen sollte, um zu sehen, wie es ihr ging. Dann hatten die Medien ihm diese Aufgabe abgenommen. Die Nachricht über Tara Devenishs Affäre mit seinem Bruder war auf der ganzen Welt in den Zeitungen nachzulesen gewesen.

Selbst jetzt konnte er seinen Ärger kaum im Zaum halten. Da war allerdings noch ein anderer Gedanke, der ihm zu schaffen machte.

Er begehrte sie. Noch immer.

Und das war das Hauptproblem.

Lucien wiederzusehen war wie ein Wunder. Ein Wunder, das sie lebendig machte. Tara hatte vergessen, wie beeindruckend er aussah. Wenn sie daran zurückdachte, wie intim sie sich kannten, begannen ihre Wangen zu brennen. Als er aus dem Wagen ausgestiegen war und der Wind sich in seinen Haaren fing, da hatte ihr Körper sofort reagiert. Sie dachte daran, wie sicher sie sich damals in seinen Armen gefühlt hatte, doch als er dann zu ihr hochschaute, hatte sie die kalte Verachtung in seinem Blick erkannt.

Sie war einfach zu naiv für ihr eigenes Heil. Sie hatte sich eingeredet, er hätte sie vermisst, er würde sich ebenso danach sehnen, sie wieder in seinen Armen zu halten. So wie sie sich sehnte, von ihm gehalten zu werden. Vergebung war ihr nie in den Sinn gekommen, denn er konnte doch all die Lügen, die man über sie verbreitet hatte, unmöglich glauben …

Komm wieder auf den Boden der Tatsachen, Tara, schalt sie sich, während sie ihre schlafende Nichte vorsichtig in das Bettchen legte. Fakt war: Sie hatten sich in einem Hotel kennengelernt und waren kurz darauf in Luciens Suite gelandet, wo sie Sex gehabt hatten. Anders würde er es nicht sehen. Sie war allein aufgewacht und hatte ein Bündel Geldscheine auf dem Nachttisch gefunden, zusammen mit der Nummer eines Taxiunternehmens. Lucien hatte sie für ihre Dienste bezahlt, und angesichts ihrer Unerfahrenheit war die Summe mehr als großzügig gewesen.

Wie rot mochten ihre Wangen wohl sein? Tara ging zum Spiegel. Ihr fiel wieder ein, wie glücklich ihre Schwester gewirkt hatte, als sie, Tara, damals in das winzige Apartment zurückgekehrt war. Freya packte bereits ihre Sachen zusammen, um mit Guy abzureisen. Freya hatte lachend gemeint, es sei gleich, ob Tara Lucien jemals wiedersähe, schließlich gebe es noch viele andere, da, wo er herkam, und jetzt wisse Tara ja, wie es gemacht werde.

Noch heute krümmte Tara sich, wenn sie an jenen Moment zurückdachte. Damals war sie zutiefst erschüttert gewesen. Voller Angst vor einem Leben ohne Freya und mit einem gebrochenen Herzen, konnte sie nicht glauben, was Freya da alles sagte. Sicher würde sie Lucien doch wiedersehen, oder? Das Leben wäre sonst unerträglich.

Jetzt war das Leben unerträglich, weil sie ihn wiedersehen musste.

Das einzig Gute an dem Ganzen war die Lektion, die sie aus dieser Erfahrung gelernt hatte: Ein Leben, wie Freya es sich vorgestellt hatte, war überhaupt nichts für Tara.

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen, und ging zu Liz, dem jungen Kindermädchen, das mit ihr hergekommen war. Liz hatte zusammen mit Tara am selben Institut Erziehungswissenschaften studiert, eine Ausbildung, die Tara sich mit Luciens Blutgeld finanziert hatte. Irgendwie hatte das die Scham erträglicher gemacht. Als sie ihre Abschlussurkunde als Jahrgangsbeste überreicht bekommen hatte, war das der stolzeste Moment in ihrem Leben gewesen. Daran musste sie sich jetzt festhalten.

„Kannst du solange auf Poppy aufpassen, während ich beim Grafen bin?“

Nach dem Examen hatte man Tara einen Stelle im Institut angeboten, und als sie um Urlaub gebeten hatte, um sich ansehen zu können, wo Poppy aufwachsen würde, hatte der Leiter des Instituts ihr geraten, Liz mitzunehmen. Natürlich hatte jeder der Kollegen die Zeitungsartikel gelesen, doch niemand, der Tara kannte, glaubte auch nur ein Wort von der hässlichen Geschichte. Wenn nur Lucien genauso sein könnte.

Aber das war er eben nicht, daran würde Tara nichts ändern können. Er war wie ein Racheengel ins Hotel gestürmt, und nun musste Tara ihm gegenübertreten.

Zum x-ten Mal strich sie sich den Rock glatt. Den billigen Rock. Aber diesmal passte er zumindest. Sie richtete ihre Bluse. Ihre billige Bluse. Sie musste unbedingt darauf achten, das Jackett geschlossen zu halten, sonst wäre zu sehen, wie der Knopf über ihren Brüsten spannte.

Ihr viel zu üppigen Brüste.

Alles an ihr war zu üppig. Selbst die Tränen, die jetzt über ihre Wangen rollten, waren zu dick. Sie konnte es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Nicht, wenn es um Poppy ging.

Unwirsch wischte sie die Tränen weg und knöpfte das Jackett zu. Besser, viel besser, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. Sie war bereit, sich allem zu stellen.

Auch Lucien Maxime, dem Comte de Ferranbeaux. Er mochte der Landesherr sein, aber konnte er auch garantieren, dass das Kind in der liebevollen Umgebung eines echten Zuhauses aufwuchs? Poppy sollte nicht von Fremden aufgezogen werden, so wie Freya und sie. Lucien konnte sicherlich alles kaufen … aber eben keine Zeit. Und seine geschäftlichen Unternehmungen brauchten viel von seiner Zeit auf.

Es klopfte an ihrer Zimmertür. „Miss Devenish?“ Auf ihre Aufforderung hin schob der Hotelmanager die Tür auf. „Monsieur le Comte erwartet Sie.“

Der Magen sackte ihr in die Knie. Ihr Plan war alles andere als ausgereift, da gab es noch zu viele Löcher. Sie brauchte mehr Zeit. Sie war mit Poppy nach Ferranbeaux gekommen, weil ihr Anwalt ihr gesagt hatte, sie sei verpflichtet dazu. Doch nach wessen Order richtete er sich da? Sie hatte doch die Verachtung in Luciens Augen gesehen. Was bedeutete, dass er den Zeitungsberichten glaubte. Was wiederum nur einen Schluss zuließ: Er wollte ihr Poppy wegnehmen, weil er sie für untauglich hielt, ein Kind großzuziehen.

Nun, Worte waren ihr nie leichtgefallen, und bis zu dem Unfall war sie zufrieden gewesen, in Freyas Schatten zu leben. Doch diese Zeiten waren vorbei, denn nun musste sie Poppy beschützen.

Sie hob das Kinn. „Danke. Bitte richten Sie dem Comte aus, dass es noch eine kleine Weile dauern wird.“

„Eine kleine Weile“ würde niemals reichen. Es wäre besser, es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Der leise erstaunte Laut, der dem Manager entschlüpfte, schien anzudeuten, dass der Mann ebenso dachte. Und vielleicht wäre es auch viel besser, das Treffen im Privaten abzuhalten, wo niemand es sehen konnte, wenn sie sich zum Narren machte.

„Vielleicht könnten Sie ihn bitten, zu mir in die Suite zu kommen. Sagen wir, in zehn Minuten?“

Das Erstaunen auf der Miene des Hotelmanagers war nicht zu übersehen. Wahrscheinlich ermöglichten es ihm nur Jahre des Trainings in der Kunst der Diskretion, mit einem Kommentar zurückzuhalten. Mit einer angedeuteten Verbeugung wandte er sich zum Gehen.

Bang zählte Tara die verstreichenden Sekunden. Gleich würde sie Lucien gegenüberstehen. Dem Mann, den sie anbetete, dem Mann, der sie bei ihrem letzten Treffen wie eine Dirne mit Geld entlohnt hatte.

Lucien ging unruhig im Zimmer auf und ab. Angestellte hatten diensteifrig immer wieder nach seinen Wünschen gefragt, er hatte sie mit einer Geste der Hand weggeschickt. Er wollte nur eines – dieses Treffen hinter sich bringen. Erst dann würde er seine Nichte in Sicherheit wissen.

Zumindest war es das, was er sich seit heute Morgen vorsagte. Die Wahrheit war jedoch etwas komplizierter. Natürlich ging es in erster Linie um Poppy, das war selbstredend. Aber Tara hatte vor zwei Jahren einen Stachel in sein Herz gepflanzt, den er endlich wieder loswerden musste.

Lucien schaute auf seine Armbanduhr. Wie konnte sie es wagen, ihn warten zu lassen? Hielt sie dieses Treffen für nicht wichtig genug, um pünktlich zu sein? Vielleicht konnte sie sich ja nicht von dem Luxus der Suite losreißen, die er ihr zur Verfügung gestellt hatte, und hatte darüber jeglichen Benimm vergessen?

Er fuhr sich mit den Fingern durch das nachtschwarze Haar. Er musste sich eingestehen, dass dieser letzte Gedanke nicht zu der Tara passte, an die er sich erinnerte. Falls überhaupt, dann räumte sie jetzt wohl eher die Suite auf. Er sah wieder vor sich, wie oft sie die Serviette aufgehoben hatte, die Freya fallen ließ, oder wie sie die Pfütze wegwischte, als die ältere Schwester Wein auf dem Tisch vergoss. Diese Tara passte überhaupt nicht zu dem Bild des Luders, das die Medien und Freya von ihr gezeichnet hatten.

Doch gerade als er dies dachte, leuchtete die Zeitungsschlagzeile wieder vor seinem geistigen Auge auf: Die heimliche Geliebte. Und er sah auch wieder die Fotos, die Übelkeit bei ihm verursacht hatten – Guy, wie er Tara im Arm hielt …

Er dachte an die Nacht, die er mit Tara verbracht hatte. Als sie geglaubt hatte, er schlafe, da hatte sie ihm zugeflüstert, für sie würde es nie einen anderen geben.

So viel also zum Wert von Unschuld und Treue.

Wo blieb sie nur? Er ging zur Tür, zog sie auf und blickte zur Treppe, die zum ersten Stock hinaufführte. Er musste immer in Erinnerung behalten, dass in ihr das gleiche Blut wie in Freya floss. Es wurde höchste Zeit, sie mit seinen Anschuldigungen zu konfrontieren.

4. KAPITEL

Es war nicht nur die Aura von Gefahr, die Lucien umgab und die die Aufmerksamkeit der Anwesenden in der Hotellobby auf sich zog. Lucien Maxime, sonnengebräunt und von Lebenserfahrung gestählt, vereinte in sich Bedrohlichkeit und Stil zu einer unwiderstehlichen Kombination.

Am Fuße der Treppe blieb er stehen, als er den Manager auf sich zueilen sah. „Wo ist sie?“, verlangte er zu wissen.

„Miss Devenish wird leider nicht herunterkommen, Monsieur le Comte.“

Seine Unruhe wuchs. „Meine Nichte …“

„Ihr geht es bestens, soweit ich das beurteilen kann, monsieur.

Eine Welle der Erleichterung schwappte über ihm zusammen, sofort kehrten seine Gedanken zu Tara. „Warum möchte Miss Devenish dann in ihrer Suite bleiben?“

„Mademoiselle Devenish trug mir auf, Ihnen auszurichten, dass sie Sie in zehn Minuten in ihrer Suite empfangen wird.“

Das war die Höhe! Nicht nur missachtete sie seine Anweisungen, sie änderte auch den Plan und stellte eigene Bedingungen. Es wurde Zeit, dass das aufhörte. Saß sie in ihrer Suite und traute sich nicht heraus? Oder rieb sie sich die Hände, weil sie wusste, dass sie gleich einen Scheck in der Tasche hatte? Wie auch immer, seine Nichte würde auf jeden Fall schon bald sicher im Schoß der Familie sein.

„Na schön“, sagte er in einem Ton, dass der arme Manager einen Schritt zurückwich. „Dann gehe ich eben zu ihr.“

„Sehr wohl, Monsieur le Comte.“

Er tastete unwillkürlich nach dem Scheck in seiner Brusttasche. Wenn er eines von seinem Vater gelernt hatte, dann dass alles auf der Welt seinen Preis hatte. Tara hatte den ihren. Er würde sie bezahlen und dann aus seinem Leben streichen. Bei der Treppe hielt er an und drehte sich noch einmal um.

„Ist Miss Devenish allein in der Suite?“

„Es ist noch eine Frau bei ihr … und das Kind, natürlich.“

„Wer ist die andere Frau? Kennen Sie sie?“ Luciens Finger umklammerten das Treppengeländer fester. Es wäre nicht das erste Mal, dass Männer in seiner Position von skrupellosen Frauen in kompromittierende Situationen gebracht wurden. Für Geld konnte man auch Falschaussagen kaufen.

„Wie ich verstanden habe, ist sie das Kindermädchen.“

Lucien presste die Lippen zusammen. „Aber ich dachte, dass Miss Devenish die Erziehung meiner Nichte übernommen hat. Das soll doch angeblich ihr Beruf sein.“ Man hatte ihm von Taras Abschluss berichtet.

Da der Manager geflissentlich schwieg, war Lucien gezwungen, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Dieses „Kindermädchen“ hatte Tara wohl mitgebracht, damit sie das Baby, das ihr angeblich so viel bedeutete, jederzeit allein lassen konnte. Genau wie ihre Schwester.

Freya Devenish. Als ihm der Name in den Kopf schoss, verzog Lucien abfällig die Lippen. Die Frau, der das eigene Vergnügen wichtiger als alles andere gewesen war. Die Frau, die Guy überlistet hatte.

„Sie brauchen mich nicht anzumelden“, sagte er grimmig zu dem Manager. „Ich möchte Miss Devenish überraschen.“

Erst würde er dieses Kindermädchen wegschicken und dann herausfinden, was Tara wirklich wollte. Wie viel es kostete, damit sie ein für alle Mal verschwand. Für die Sicherheit seiner Nichte war kein Betrag zu hoch. Dass Tara keine Eile hatte, ihn zu sehen, ärgerte ihn mehr, als es sollte. Und dieser Ärger ließ auch das letzte Mitgefühl in ihm sterben. Ganz gleich, wen er in der Suite vorfinden würde, eine clevere Betrügerin oder eine heruntergekommene Schlampe, er würde sie auszahlen.

Tara hatte auf jedes Geräusch auf dem Korridor gelauscht. Als dann das energische Klopfen an der Tür ertönte, war sie so verspannt, dass sie erschreckt zusammenzuckte. Sie wusste, es war Lucien. Nur ein dünnes Holzblatt trennte sie noch voneinander. Der Hotelmanager hatte leise angeklopft, aber er war ja auch darauf trainiert, diskret zu sein. Für den Grafen von Ferranbeaux bestand kein Grund für Diskretion. Wieso auch? Es war seine Suite, sein Hotel, sein Land …

Sie war völlig in seiner Hand.

Taras Körper reagierte allein auf diesen Gedanken, den sie bemüht zu verdrängen suchte. Sie ermahnte sich, wie ungut es wäre, im Zustand der Erregung die Tür zu öffnen, doch ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen. Er schien einen eigenen Willen entwickelt zu haben, wollte Luciens Hände auf sich spüren. Tara war nur noch ein Nervenbündel aus Furcht … und Lust.

Wie sollte sie diese eine Nacht je vergessen können? Ihr Körper konnte es ebenso wenig.

Als ein zweites Klopfen ertönte, war es ihr endlich möglich, eine Antwort zu geben. „Einen Moment, bitte.“ Sie klang so eingeschüchtert, so angespannt. Ein letztes Mal holte sie Luft und strich sich noch einmal über das Haar, den Rock, das Jackett … Nur der Himmel konnte ahnen, welchen Eindruck diese kleine, unscheinbare Person auf einen weltgewandten Grafen machen würde. Wenn sie doch nur groß und schlank und elegant sein könnte, geistreich und schlagfertig …

„Tara!“, rief Lucien in diesem Moment ungeduldig. „Wenn du diese Tür nicht endlich öffnest, trete ich sie ein.“

„Entschuldigung, ich komme ja schon.“ Doch sie blieb reglos in der Mitte des Raumes stehen, die Fäuste an den Seiten geballt.

„Beeil dich!“

Diese Stimme hatte sie so sehr vermisst. Doch jetzt klang Lucien so wütend. Wütend auf sie. Tara stolperte vorwärts, es war die Enttäuschung, die sie antrieb.

„Ich mache jetzt auf“, sagte sie unnötigerweise und mit einer Stimme, die sich gekünstelt und schrill anhörte.

„Dann mach!“

Sie musste stark sein. Tara starrte auf die Türklinke und versuchte sich zu konzentrieren. Sie musste einfach. Freyas Leben und ihr tragischer Tod waren ihr eine schreckliche Warnung gewesen. Deshalb hatte sie ja auch alles darangesetzt, für sich ein besseres Leben zu schaffen. War es das etwa nicht wert, darum zu kämpfen?

Ihr Kopf war plötzlich leer, als Lucien von außen an der Türklinke rüttelte.

„Worauf wartest du, Tara?“

Sie musste daran glauben, dass unter all dieser Bitterkeit und Rage irgendwo noch immer der wahre Lucien lag, der Mann, der so nett und sanft zu ihr gewesen war. Mit zitternden Fingern drehte sie den Schlüssel im Schloss, den Blick fest auf die Tür gehaftet. Lucien hatte sie verändert, hatte ihr Leben verändert.

„Monsieur le Comte …“ Selbst jetzt fühlte sie sich lebendiger, doch ihre Stimme zitterte. Sie glaubte, sich sorgfältig für diesen Moment gewappnet zu haben, doch in Wirklichkeit hatte nichts sie auf Lucien Maxime vorbereiten können.

Mit energischen Schritten betrat der Graf das Zimmer, marschierte an ihr vorbei, ohne sie überhaupt wahrzunehmen, blieb stehen und schaute sich um.

Und sie? Sie stand da, verwirrt und von Gefühlen überwältigt, unfähig, einen Ton herauszubringen. Doch etwas brach sich Bahn.

„Lucien, es tut mir so leid wegen deines Bruders …“

Sein eiskalter Blick ließ sie verstummen. „Ich bin nicht hier, um mit dir über Guy zu reden.“ Seine Worte hallten in der Stille nach, enthielten nichts als Verachtung. Seine Präsenz füllte den Raum. Es war jetzt sein Raum, und sie war nichts als ein unerwünschter Gast.

Und die Frau, die ihn noch immer liebte.

Sie wünschte, sie könnte die Hand nach ihm ausstrecken und ihn trösten, denn so kalt, dass er nicht unter dem Verlust des Bruders litt, konnte er unmöglich sein. Doch dieser Mann, der hier vor ihr stand, brauchte nichts und niemanden. Er war beherrschter und strahlte mehr Macht aus denn je.

Taras Mut sank. Sehr sorgfältig und leise drückte sie die Tür zurück ins Schloss. Als sie sich umdrehte, musterte Lucien sie mit einem Blick, der absolut nicht zu deuten war.

„Tara …“

Die ihr so vertraute Stimme triefte vor Ironie und Abscheu. Sie suchte in seinen Augen, hoffte darin etwas lesen zu können, während er sie musterte und Makel an ihr zu finden hoffte.

Davon gab es genug. Sie war noch immer zu pummelig, noch immer unscheinbar, noch immer ungelenk. „Poppy ist nebenan.“ Sie hoffte, ihn damit von sich ablenken zu können.

Doch auch das zeigte keinerlei Wirkung. „Ich werde gleich nach meiner Nichte sehen.“

Feine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Dieses Treffen war ein Albtraum, es hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, was sie sich für das Wiedersehen mit Lucien erhofft hatte. Du solltest besser nicht das sein, wofür ich dich halte, schien er ihr ohne Worte zu sagen, denn dann werde ich sofort nach nebenan gehen und meine Nichte holen.

Das Bild des Bündels Geldscheine, das er vor zwei Jahren für sie hinterlassen hatte, blitzte in ihrem Kopf auf. Das Geld, das sie in seinen Augen als Dirne abstempelte. Wie er sich freuen musste, dass sie nie versucht hatte, es ihm zurückzuzahlen. Vor Gericht würde das seine Forderung nur untermauern. Aber sie hatte das Geld doch für ihre Ausbildung genutzt …

Es war dieser Gedanke, der es ihr ermöglichte, seinem Blick standzuhalten. „Ich weiß, was du jetzt denkst …“

„Wirklich?“

Seine Stimme klang so leise, so sanft, doch seine Augen blieben kalt. Eine Aura von Erbarmungslosigkeit und Härte umgab ihn. Tara dachte an Poppy. Für das kleine Mädchen, das völlig abhängig von ihr war, musste sie stark sein. Sie würde niemals zulassen, dass die Kleine die Einsamkeit erleben musste, von Dienstboten aufgezogen zu werden.

Vor zwei Jahren war Lucien gütig gewesen. Vor zwei Jahren hatte er sie nicht angeschaut, als wäre sie Abschaum. Vor zwei Jahren hatte sie ihr Herz, ihre Unschuld und ja, letztlich auch den Respekt für sich selbst verloren. Vielleicht hätte sie sich von ihm fernhalten sollen. Aber wie hätte es sie den Anwälten überlassen können, über Poppys Zukunft zu streiten? Nein, sie musste für Poppy kämpfen. Deshalb, und nur deshalb kreuzten sich ihre und Luciens Wege erneut.

„Glaubst du immer alles, was in den Zeitungen steht?“, fragte sie ihn vorsichtig.

„Willst du behaupten, diese Geschichte sei nur erfunden?“

„Ich hatte gehofft, du würdest die Antwort darauf wissen.“

„Nichts als Lügen, von deiner eigenen Schwester?“

Innerlich krümmte sie sich unter seinem Blick, doch sie würde sich nie dazu provozieren lassen, schlecht über Freya zu sprechen. „Freya hat sich geirrt“, sagte sie fest.

„Kannst du das beweisen?“

Lucien würde jedes Wort, das sie sagte, zermalmen und zertreten. Doch eigentlich hatte sie immer gewusst, dass das passieren würde, auch wenn ihre dumme Fantasie ihr einen wunderbaren Wunschtraum vorgegaukelt hatte. Dennoch würde sie sich verteidigen. „Was immer du glauben magst, ich habe nie mit Guy geschlafen.“

„Da habe ich also das Ehrenwort der heimlichen Geliebten, nicht wahr?“

Dass er die gemeine Schlagzeile zitierte, ließ sie erbleichen. „Denk, was du willst, aber ich kenne die Wahrheit.“

Lucien schwieg. Die Worte hingen zwischen ihnen, bis Tara die Spannung nicht mehr ertrug. „Wieso hätte ich mit Guy schlafen wollen, nachdem ich mit dir geschlafen habe?“

Kurz nur blitzte etwas in seinen Augen auf, doch sein Gesicht blieb eine starre Maske.

„Wieso sollte ich, Lucien?“, wiederholte sie. „Guy hat mich manchmal etwas über Freya gefragt, wir haben uns dann unterhalten. Er war kein schlechter Mensch, Lucien, er war einfach nur …“

„Wage du es nicht, über meinen Bruder zu reden!“ Er trat auf sie zu, die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen, die Stimme klirrend wie Eis. Wütende Spannung schoss zwischen ihnen hin und her, wie eine lebendige Kraft. Tara zwang sich dazu, Luciens Blick standzuhalten, und langsam änderte sich die Rage in etwas anderes …

Nein! Tara schüttelte den Kopf. Das durfte nicht passieren. Sie weigerte sich, es anzuerkennen …

Doch sie bildete sich das nicht nur ein. In Luciens Augen konnte sie die Lust sehen, eine Lust, die sie auch gar nicht ignorieren wollte. Es war der Ausdruck der Erfahrung, den sie in seinen Augen erkannte, das Wissen um ihre Wünsche. Ihr Körper reagierte mit Macht auf diesen Blick. Ihre Ängste schwanden, ihre Träume verwandelten sich in ein Inferno purer Lust. Lucien wusste es, er stachelte die Flammen in ihr mit seinem Blick weiter an.

Doch was war mit ihrem Herzen?

Ein großes schwarzes Loch hatte ihr Herz verschlungen und ihre naiven Träume gleich mit. Mit jäher Klarheit erkannte sie, dass Lucien trotz seines Reichtums emotionell verarmt war, während sie zu viel Gefühl besaß. Genug für sie beide. Doch Lucien wollte ihr Mitgefühl nicht, er wollte Erlösung. Hier ging es nicht um ihre moralische Standfestigkeit, sondern einzig und allein um körperliches Verlangen.

Es war so lange her, doch kaum fasste er sie bei den Armen, schmolzen die Jahre dahin. Unsinnig, sich an ihre sanfteren Gefühle für ihn klammern zu wollen, denn was immer Lucien in ihren Augen auch sehen mochte, er war unfähig, es nachzuempfinden.

Sie beide wussten, wie es enden würde. Kein Grund, es zu beschönigen, wenn es doch nichts anderes war als wilde Leidenschaft. Lucien war gekommen, um seine Nichte abzuholen und mit nach Hause zu nehmen. Das Begehren für Tara war eine Art Beiwerk, ein unerwünschter Hunger, den er sättigen würde, bevor er ging.

„Willst du es?“, fragte er harsch. Als sie nichts sagte und nur die Augen schloss, wiederholte er seine Frage.

Sie hob die Lider, ihre Brust hob und senkte sich heftig. „Seit zwei Jahren träume ich von diesem Moment“, wisperte sie.

Ihre bebenden Lippen stellten unglaubliche Dinge mit ihm an. War sie das unmoralische Biest, über das er in den Zeitungen gelesen hatte, oder konnte er ihre Erklärung glauben? Er rieb sich an ihr und fühlte die prompte Reaktion ihres Körpers. War er der Einzige, auf den sie so reagierte? Er zog sich von ihr zurück und sah in ihr Gesicht.

Ihre Augen waren verhangen, die Lider hatte sie halb geschlossen. Er strich ihr das goldene Haar aus der Stirn, suchte nach Anzeichen, die ihn vielleicht aufhalten würden. Dann beugte er den Kopf und küsste sie.

Lucien hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein. Doch er erinnerte sich daran, dass er viele Orte sein Zuhause nannte und nie lange an einem Platz blieb.

Er schüttelte sich das Jackett von den Schultern, Tara zog ihre Jacke aus. Von da an konnte sie sich nicht schnell genug ihrer restlichen Kleidung entledigen. Lucien zog sie mit sich auf das lederbezogene Sofa, öffnete nur seinen Reißverschluss und drang dann mit einem einzigen kraftvollen Stoß in sie ein. Sie fühlte sich so unglaublich an, führte ihn an Orte, an denen er seit zwei Jahren nicht mehr gewesen war. Ihr heiseres Stöhnen spornte ihn an; völlig ergeben blendete er alle Zweifel aus und konzentrierte sich auf die unbeschreiblichen Empfindungen, die sie in ihm auslöste. Er nahm sie kraftvoll in Besitz, mit aller Macht, mit aller Leidenschaft, die er besaß.

Und noch immer flehte sie nach mehr.

Er beschleunigte den Rhythmus, bis sie spitze Schreie der Lust ausstieß und sich immer gieriger an ihn presste, um ihn noch tiefer in sich aufzunehmen. Die Intensität ihres Höhepunkts überwältigte ihn. Doch als sie langsam wieder in die Realität zurückkehrte, da hielt er sie nicht in seinen Armen, sondern löste sich schweigend von ihr, richtete seine Kleidung und verschwand im Bad.

5. KAPITEL

Tara lag auf der Couch, wo Lucien sie zurückgelassen hatte, benommen vor Fassungslosigkeit, wie sie so unendlich dumm hatte sein können. Sie war gleich an der ersten Hürde gescheitert. Sie hatte Poppy und sich selbst verraten. Diese Sehnsucht, von einem Mann geliebt zu werden, der sie für eine Hure hielt, war erbärmlich. Sie hatte ihre einzige Chance, fester Bestandteil in Poppys Leben zu sein, an einen Mann vergeudet, der keine wahren Gefühle kannte. Und Lucien hatte nur bewiesen, dass er jederzeit Sex haben konnte, wann, wo und mit wem er wollte.

Das Rauschen der Dusche war nicht mehr zu hören. Hastig rappelte Tara sich auf, um ihre Kleider zusammenzusuchen. Lucien kam aus dem Bad und rieb sich mit einem Handtuch das nasse Haar.

„Du solltest dich auch frisch machen“, sagte er knapp,

Sein Hemd war nicht zugeknöpft, der Gürtel seiner Hose stand noch offen. Tara wandte den Blick ab. Sie sehnte sich noch immer nach ihm, und ja, würde Lucien sie jetzt wollen, gäbe sie sich ihm erneut hin. Doch so murmelte sie nur etwas Unverständliches und hastete an ihm vorbei ins Bad, ihre Sachen fest an sich gepresst.

Lucien sah sich im Zimmer um und nahm den Duft wahr, den Tara hinter sich gelassen hatte. Viel sanfter und dezenter als das billige Parfüm, das sie das letzte Mal getragen hatte …

Babypuder. Vorhin war ihm das gar nicht aufgefallen, aber da war er auch von Wut, Misstrauen und Verachtung zerfressen gewesen.

Und nun?

Nun tobte ein anderes Gefühl in ihm. Falls Tara beabsichtigt hatte, ihn mit ihrer neuen Seriosität zu beeindrucken, dann hatte sie dieses Vorhaben soeben selbst zunichte gemacht.

Er stellte sich ans Fenster und knöpfte sein Hemd zu. Er war ungeduldig, wollte endlich zu seiner Nichte und auch das Kindermädchen kennenlernen, doch er würde auf Tara warten, damit sie ihn vorstellen konnte. Er hatte keine Eile. Eigentlich fühlte er sich jetzt sogar recht entspannt. Abgesehen von dem Offensichtlichen, hatte Tara ihm genug Gründe geliefert, um das Sorgerecht für das Kind zu bekommen.

Fast verspürte er so etwas wie Bedauern.

Als Tara ins Zimmer zurückkam, drehte er sich zu ihr um. Bemerkenswert, dass diese Anziehung zwischen ihnen noch immer existierte.

„Setz dich.“

Sie zog eine Augenbraue in die Höhe, wirkte sowohl verletzt wie auch kampfbereit. Ihre Augen waren wirklich wunderschön, türkisblau. So türkisblau wie der Himmel über Frankreich an einem sonnigen Tag. Vor allem war sie gefasster, als man hätte vermuten sollen. Vor Minuten noch hatte sie in seinen Armen vor Lust gestöhnt. Plötzlich fiel ihm ein, was es an ihr war, das er bisher nicht hatte definieren können – sie besaß Präsenz und Würde. Er wägte diese beiden Eigenschaften gegen Freyas Beschreibung ihrer Schwester ab. Tara war auch nicht Guys üblicher bevorzugter Typ. Entweder sie war wesentlich cleverer als ihre verstorbene Schwester, oder … sie sagte die Wahrheit.

Er beobachtete, wie sie sich in einen der eleganten Ledersessel sinken ließ, musterte ihr Gesicht und versuchte zu ergründen, warum er von diesem eher gewöhnlichen Gesicht so angezogen wurde. Ihre Haut war hell wie feinstes Porzellan, über den Nasenrücken zog sich eine feine Linie winziger Sommersprossen, um ihre vollen Lippen lag ein eindeutig optimistischer Zug. Sicherlich war eine Ähnlichkeit mit Freya vorhanden, aber Tara war lange nicht so hübsch. Aber irgendetwas zog ihn dennoch magisch an …

Waren es ihre Augen? Sie zeigten keinerlei Anzeichen des Unsteten, so wie bei der Schwester, und verrieten eine nachdenkliche Tiefe, die Freya nie besessen hatte. Was nicht hieß, dass er Tara mehr trauen konnte als anderen Frauen. Doch wenn er auf ihren Mund sah, dann konnte er nur daran denken, dass diese vollen Lippen, unter den richtigen Umständen, mehr versprachen als nur täuschende Worte. Er war noch nicht bereit, sie gehen zu lassen.

„Kann ich dir etwas zu trinken anbieten, Lucien?“

Lucien? Ihre Courage erstaunte ihn. „Nein, danke. In ein paar Minuten haben wir eine Verabredung.“

„So?“ Neugierig sah sie ihn an, erst erstaunt, dann hoffnungsvoll.

Wahrscheinlich glaubte sie, er würde sie ausführen. Er drehte ihr den Rücken zu. Wenn er ihr so nahe war, dann flammte auch sein Begehren wieder auf. Sein Appetit nach ihr war eher aufgelebt denn gesättigt. Er wusste nicht zu sagen, wann eine Frau das letzte Mal eine solche Wirkung auf ihn gehabt hätte.

„Ich würde jetzt gern meine Nichte sehen.“ Die Worte waren brüsk gesprochen, um sich von dem wachsenden Verlangen abzulenken.

Wortlos erhob Tara sich aus dem Sessel und öffnete leise die Tür zum Nebenzimmer. Sie legte den Finger an die Lippen, um Lucien zu bedeuten, er möge still sein. Als brauche er eine Ermahnung, den Mittagsschlaf seiner Nichte nicht zu stören! Vielleicht war es diese Mischung aus Sinnlichkeit und Güte, die ihn an ihr faszinierte.

„Ist Poppy nicht süß?“

Er schaute auf das schlafende Baby hinunter. Ja, sie hatte recht, seine Nichte war entzückend. Baby Poppy schlief den Schlaf der Unschuldigen, und er fühlte den überwältigenden Drang in sich, das Baby vor aller Unbill der Welt zu beschützen. Doch nach dem, was soeben zwischen Tara und ihm geschehen war, war er nicht bereit, über das Kind seines Bruders mit ihr zu reden, und so brummte er nur zustimmend, ohne mehr zu sagen.

Sie hatte richtig vermutet. Guys Tod hatte eine tiefe Wunde bei Lucien hinterlassen. Auch wenn er sich alle Mühe gab, es zu verbergen, so konnte Tara diesen Schmerz doch spüren. Ebenso, wie sie seine Liebe für Poppy.

„Ich möchte jetzt gern das Kindermädchen kennenlernen“, sagte er.

Widerstandslos akzeptierte sie seinen Wunsch. Ihr ganzes Leben hatte sie im Hintergrund gestanden und abgewartet, was passierte, um dann zu reagieren. So wie jetzt auch. Doch irgendwann musste sie die Kontrolle über ihr Leben in die Hand nehmen oder sich aber für immer in den Schatten zurückziehen. Wieder war sie die Motte, die vom Licht angezogen wurde, nur dieses Mal war es nicht Freya, sondern Lucien. Es reichte nicht, sich zu innerer Stärke zu ermahnen, wenn sie keine Vorstellungen hatte, was sie machen sollte.

Und die hatte sie nicht, wie ihr erschreckend klar wurde, als sie einer völlig hingerissenen Liz den Grafen von Ferranbeaux vorstellte. Das ungute Gefühl wuchs, als Lucien sich über Poppys Bettchen beugte und die Decke richtete. Seine Miene sagte alles: Er hatte die Kontrolle über Poppys Leben an sich gerissen, während sie dabei war, an den Rand gedrängt zu werden.

Doch Poppy war es wert, dass sie um die Kleine kämpfte. Jetzt, da sie die Schwachstelle in Luciens perfekter Fassade erkannt hatte, wie konnte sie da ihre geliebte Nichte einem so harten und gefühllosen Mann überlassen? Es reichte nicht, darauf zu hoffen, dass schon alles in Ordnung kommen würde. Sie musste dafür sorgen, dass es in Ordnung kam.

Wenn sie den Kontakt zu Poppy aufrechterhalten wollte, würde sie kämpfen müssen. Und wenn sie mit Lucien in Kontakt bleiben wollte, würde sie sich zusammennehmen und sehr viel klüger als bisher vorgehen müssen.

Er hielt jetzt die Tür für sie auf, bedeutete ihr stumm, vorauszugehen und das Zimmer zu verlassen. Eine weitere Geste, mit der er seine Autorität manifestierte. Hier im Kinderzimmer würde sie nicht mit ihm streiten, sie wollte Poppy nicht stören. Aber sie hatte so oder so nicht die Kraft, gegen ihn anzukommen.

Liz blieb zurück, um auf die Kleine aufzupassen, und während Lucien die Tür leise hinter ihnen zuzog, wurde Tara klar, dass Ruhe und Hartnäckigkeit die einzigen Waffen waren, die ihr blieben. Ob das ausreichen würde? Wie auch immer. Manchmal musste man eben für das kämpfen, an das man glaubte.

„Vielleicht solltest du dir noch die Frisur richten, bevor wir nach unten gehen.“

Verlegen fasste sie sich ans Haar. „Meine Frisur? Warum?“

„Für die Pressekonferenz.“

Vor Panik war Taras Kehle wie zugeschnürt. Schon unter vielen Menschen wurde sie unsicher. Und dann sollte sie jetzt im Rampenlicht stehen?

„Es hat genug Skandale gegeben.“ Lucien blieb so gelassen, als würde er jeden Tag vor die Presse treten. „Da ich die Tochter meines Bruders adoptieren will, muss ab jetzt jeder Schritt über jeden Zweifel erhaben sein. Es darf keinerlei Anlass für irgendwelche Skandale geben.“

Lucien redete weiter, Tara konnte sehen, wie er die Lippen bewegte, doch sie hörte nichts mehr von dem, was er sagte. Eine Pressekonferenz, um die Adoption seiner Nichte bekannt zu geben? Seit wann? Was würde er noch bekannt geben? Ihre sofortige Rückkehr nach England? Er hatte nicht einmal die Höflichkeit besessen, sie vorzuwarnen.

Nun, sie waren ja anderweitig beschäftigt gewesen, wie sie sich schamvoll erinnerte.

„Du wusstest doch Bescheid über die Adoption!“ Scheinbar konnte er ihre Gedanken lesen.

„Schon, aber … Von einer Pressekonferenz hättest du mir etwas sagen sollen.“

„Ich sah keine Veranlassung dazu.“

Nein, natürlich nicht. Lucien war an solche Dinge gewöhnt. Sie nicht.

„Das Kind braucht einen Vater.“

„Was sagtest du?“ Ihre Gedanken kehrten von ihrer eigenen misslichen Lage zurück zu Poppy. „Das Kind“ hat einen Namen, wollte sie ihn anschreien.

„Es ist nur zu seinem Besten“, fuhr er fort.

Darüber würde sich debattieren lassen, doch wie immer wollten die Worte nicht über ihre Lippen kommen. Lucien war schon halb zur Suitentür hinaus. „Lucien, warte …“

Doch als der Trubel an ihr Ohr drang, schwand ihre Courage mit einem Schlag. Seit Freyas Tod war sie von der Presse gejagt worden, noch immer litt sie unter der Angst.

„Komm“, drängte Lucien sie ungeduldig. Er ließ ihr keine Chance, abzulehnen.

Hastig steckte sie ihr Haar zu einem Knoten fest. So sah sie zumindest etwas seriöser aus.

Höflich wie immer, wartete Lucien auf sie, doch seine feindselige Ungeduld war in seinem Blick zu erkennen. Sex war eine Sache, Zärtlichkeit eine ganz andere. Jene Nacht vor zwei Jahren war wohl alles an Zärtlichkeit, was sie von ihm erwarten konnte.

Als sie unten ankamen, konnte Tara das Aufgebot an Reportern kaum fassen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen verschwammen all diese Gesichter für Tara zu einer einzigen ablehnenden Masse. Zweifelsohne erinnerten sie sich an all die Skandale um die Maxime-Familie in der Vergangenheit und gierten nach sensationellen Neuigkeiten. Guy und Freya hatten die Auflagen in die Höhe getrieben wie kaum ein anderes Paar der High Society. Freya hätte diesen Trubel genossen, während Tara …

„Lucien, bitte warte …“

„Worauf?“ Abrupt drehte er sich zu ihr um.

„Entschuldige.“ Hastig zog sie die Hand zurück, die sie unüberlegt auf seinen Arm gelegt hatte. „Es ist nur …“

„Jetzt nicht, Tara“,fiel er ihr ins Wort.„Lass mich das Reden übernehmen. Von dir wird nichts anderes erwartet als ein liebenswürdiges Lächeln und ein zustimmendes Kopfnicken von Zeit zu Zeit. Das schaffst du doch sicherlich, oder?“

Sie erwiderte nichts. Damit hatte Lucien sie völlig aus dem Bild ausgeschlossen. Und warum auch nicht? Sie hatte nichts von Bedeutung zu sagen. Sie versuchte sich davon zu überzeugen, dass Poppy ohne sie besser zurechtkam. Welches kleine Mädchen wollte schon mit einer Tante gestraft sein, die auf der ganzen Welt als Ehebrecherin bekannt war und nicht als qualifizierte Erzieherin?

„Was immer du über diese Situation denken magst“, fuhr er mit seinen Instruktionen fort, „ich erwarte von dir, dass du deine Gefühle unter Kontrolle hältst und Fassung bewahrst – um Poppys willen und für die Menschen, die für mich arbeiten. Es hat genug Skandale gegeben.“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Hörst du mir zu, Tara? Hast du verstanden, was hier auf dem Spiel steht?“

Er blickte sie durchdringend an, so als reichte seine barsche Stimme nicht aus, um ihr die Ernsthaftigkeit der Situation klarzumachen.

„Ja, natürlich.“ Sie verstand, dass die Maxime-Familie wegen der berüchtigten Devenish-Schwestern zum Gespött geworden war. Und sie verstand auch, dass man Lucien bisher nicht erlaubt hatte, die Trauer um seinen Bruder zu verarbeiten.

Sie versuchte an seiner Seite mit ihm Schritt zu halten, doch er legte ein solches Tempo vor, als wolle er so schnell wie nur möglich von ihr fortkommen. Mit jeder Pore strahlte er Feindseligkeit aus, während die Menge der Reporter in der Hotellobby sich teilte, um sie beide durchzulassen. Sogar vor dem Hotel standen Leute auf der Straße, die hofften, einen Blick auf ihn zu erhaschen. Was verständlich war. Schließlich war Lucien ein Graf und stammte aus einer alten adeligen Familie, während sie nicht einmal wusste, wer ihre Eltern waren. Lucien war eine so beeindruckende Persönlichkeit, neben ihm wurde sie zu einer kleinen grauen Maus. Einer Maus, die nichts zu sagen hatte.

Tara merkte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Mit jeder Sekunde fühlte sie sich unwohler. Sie spürte die abschätzigen Blicke auf sich liegen, hörte die gezischelten Kommentare. Sie war die Devenish, die mit dem Ehemann der Schwester geschlafen hatte. Sie war die, die bisher die Nichte des Grafen umsorgt hatte. Wann würde Lucien Maxime endlich die Kontrolle übernehmen? Wann würde der Comte diese Frau endlich loswerden?

Im Gegensatz zu Tara machte Lucien einen völlig entspannten Eindruck. Er wechselte sogar ein paar freundliche Worte mit einigen der Anwesenden, die er persönlich kannte. Sein heller Leinenanzug wies nicht eine einzige Falte auf, sein blütenweißes Hemd wirkte, als käme es gerade erst aus dem Laden. Er strahlte Klasse und Reichtum und Selbstsicherheit aus, jeder Zoll der elegante französische Graf, während Tara sich völlig fehl am Platz fühlte. Sie blieb ein wenig zurück und sah ihm zu. Ihr Körper zehrte noch immer von seinen Berührungen, und plötzlich hatte sie das Gefühl, ihr adrettes Kostüm wäre um mindestens zwei Nummern geschrumpft.

Als Lucien sich zu ihr umdrehte, so als wolle er nachsehen, ob sie noch da sei, nahm sie Haltung an wie eine Palastwache. Vielleicht hatte er befürchtet, sie würde die Flucht ergreifen. Der Himmel wusste, sie würde nichts lieber tun! Lucien hatte diese Pressekonferenz einberufen, um die Ehre des Familiennamens zu retten. Sie zweifelte nicht daran, dass es ihm gelingen würde.

Tara kannte die Rolle, die ihr zukam. Sie war das Ass in seinem Ärmel. Sie war die in Ungnade gefallene Schwester, die erkannt hatte, dass das Leben, das der Comte de Ferranbeaux ihrer gemeinsamen Nichte bieten konnte, ein Geschenk für die Kleine war. Deshalb war sie nicht nur bereit, zurückzustehen, sondern würde den Grafen bei dieser Konferenz unterstützen und danach sang- und klanglos verschwinden.

6. KAPITEL

Doch selbst Lucien würde nicht alle Unwegsamkeiten ausräumen können, überlegte Tara. Sicher, er konnte Poppy adoptieren. Und dann? Ihm würde gar nichts anderes übrig bleiben, als das Mädchen der Aufsicht anderer zu übergeben.

Sie musste etwas unternehmen, musste etwas sagen …

Genau in diesem Augenblick kam Bewegung in die Menge der Paparazzi. Blitzlichter flammten auf und blendeten Tara. Ihr Kopf war plötzlich völlig leer, das Einzige, was sie noch fühlen konnte, war blanke Angst. Sie riss die Arme hoch, um sich vor den Kamerablitzen zu schützen, und stolperte prompt. Sie wäre gestürzt, hätten starke Hände sie nicht aufgefangen. Es dauerte einen Moment, bevor ihr klar wurde, dass diese Hände Lucien gehörten. Er führte sie in den Saal, der für die Konferenz vorbereitet worden war, und fragte sie, ob sie vielleicht ein Glas Wasser wünsche, bevor sie anfingen.

„Gern, danke.“ Niemand könnte dem Grafen von Ferranbeaux mangelnde Manieren vorwerfen. Er rückte ihr auch den Stuhl zurecht, damit sie neben ihm Platz nehmen konnte.

Tara saß auf der erhöhten Bühne an dem langen Tisch, der sie von der Menge der Journalisten trennte, die jetzt in den Saal strömten und ihre Plätze einnahmen. Sobald Lucien sich erhob, senkte sich Stille über den Saal. Er brauchte kein Mikrofon, um die Presse in seinen Bann zu schlagen. Mit einem selbstbewussten Lächeln beantwortete er fließend Fragen in mehreren Sprachen. Sie hatte nicht die geringste Chance gegen ihn, wurde Tara klar. Und dann erfolgte die ultimative Erniedrigung für sie, als Lucien sich ihr zuwandte und auf sie herabschaute.

„Miss Devenish erhält natürlich für ihre bisherigen Bemühungen um meine Nichte eine angemessene Vergütung. Mit dieser Summe plant sie die Gründung einer eigenen Kindertagesstätte.“

Benommen stellte sie fest, dass sie tatsächlich zustimmend nickte. Auf den Gesichtern sah sie die Anerkennung. Wie passend, wie lobenswert. Lucien hatte die Situation gerettet. Wieder einmal. Und sie war ihm dankbar dafür, oder nicht? Natürlich war sie ihm dankbar. Wie ein gehorsames Kind nickte sie weiter.

„Und Sie, Miss Devenish?“

„Wie bitte …?“ Das Blut schoss Tara heiß in die Wangen, als die allgemeine Aufmerksamkeit sich plötzlich auf sie richtete. Alle Augen im Raum lagen jetzt auf ihr. Es dauerte einen Moment, bevor ihr bewusst wurde, dass es nicht Lucien war, der mit ihr sprach. „Ich habe Ihre Frage nicht verstanden …“

Wissende Blicke wurden getauscht, ein Raunen lief durch den Saal, der Reporter wiederholte seine Frage. Doch bevor Tara überhaupt zu einer Antwort ansetzen konnte, flog ihr schon die nächste Frage zu.

„Sie haben doch sicher Ihre eigene Meinung dazu, dass die kleine Tochter Ihrer Schwester jetzt so weit von Ihnen entfernt leben wird. Befürchten Sie nicht, dass Sie sie nie wiedersehen werden?“

„Natürlich …“ Eiskalte Angst überlief sie. Lucien sah sie aufmunternd an. Was hatte er ihr befohlen zu tun?

Nicken und freundlich lächeln … mehr nicht.

Sie versuchte es. Hob den Kopf. Jetzt wieder nach unten. Die Lippen zu einem Lächeln verziehen. Lucien würde sich um alles kümmern …

„Miss Devenish – Miss Devenish …“

Von allen Seiten stürzten jetzt die Fragen auf sie ein. Dafür war ihr Zögern verantwortlich. Sie konnte sehen, wie Lucien sich bereit machte, den aufbrausenden Tumult zu ersticken. Das hier war ihre einzige Chance, noch etwas zu sagen, wenn sie nicht für immer aus Poppys Leben verbannt werden wollte.

Mit brennenden Wangen erhob Tara sich. Es war so heiß im Saal, sie befürchtete, ohnmächtig zu werden. Sie sah die feixenden Gesichter, die harten Augen. Manche der Reporter grinsten hämisch, flüsterten einander hinter der vorgehaltenen Hand etwas zu. Wie sollte sie gegen diese sensationsgierige Masse ankommen? Nicht einmal Lucien war auf ihrer Seite. Sie war allein.

Nein, das würde sie nicht schaffen. Wie sollte sie überhaupt anfangen?

Indem du wartest, bis sie sich beruhigt haben und dir zuhören, riet eine innere Stimme ihr.

Bei ihr dauerte es sehr viel länger als bei Lucien, bis Ruhe in den Saal einkehrte. Tara war klar, dass man sich über sie amüsierte, aber schlimmer konnte es ja nicht mehr werden. Also blieb sie stehen und klammerte sich an der Tischplatte fest, bis ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Immerhin bot ihr das genügend Zeit, um sich zu überlegen, was sie sagen wollte. Sie hatte es bis hierhin ohne fremde Hilfe geschafft. Sie hatte ihr Examen mit Bravour abgeschlossen, sodass man ihr ein Stipendium gewährte, damit sie ein weiterführendes Studium absolvieren konnte. Man hatte ihr eine Stelle am Institut angeboten. Wenn sie das alles allein erreicht hatte, dann konnte sie auch auf einer Pressekonferenz bestehen. Wenn sie weiterhin zu Poppys Leben gehören wollte, musste sie es schaffen. Dann würde sie auch Lucien wiedersehen …

„Danke, meine Damen und Herren.“

Möglich, dass ihre klare Stimme das Publikum in erstauntes Schweigen versetzte. Bewusst lockerte Tara die Finger und ließ endlich die Tischplatte los.

„Sicher werden Sie sich vorstellen können, welch schwierige Zeit sowohl der Comte als auch ich hinter uns haben …“ Sie sah kurz zu Lucien. „Doch so schwer es für uns ist, so kurz nach dem Tod zweier geliebter Menschen an die Öffentlichkeit zu gehen, weiß ich auch, dass ich sowohl für den Grafen wie auch für mich selbst spreche, wenn ich betone, dass uns beiden einzig und allein Poppys Wohlergehen am Herzen liegt.“ Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Lucien zustimmend nickte.

„Auf jeden Fall“, murmelte er.

Und dann machte sie den Fehler, ihn wieder anzusehen. Er nickte ihr zu, so als wolle er ihr sagen, wie zufrieden er mit ihr war, weil sie in die gleiche Kerbe schlug. Seine Kerbe.

„Ergreifende Worte, Miss Devenish“, tönte es da über die Köpfe im Saal. „Aber was heißt das nun genau?“

Die Stimme der Frau klirrte vor Kälte, und Taras Puls begann zu rasen. Das war der Moment, in dem sie entweder sagen musste, was sie sagen wollte, oder aber sich wieder hinsetzen und schweigen musste.

„Bisher ist noch nichts entschieden. Doch bis eine Adoption formal abgeschlossen ist …“ Sie stählte sich für das, was sie zu sagen hatte, „… werde ich meine Nichte und den Comte auf seinen Familiensitz nach Ferranbeaux begleiten.“

Im Saal brach ein Tumult aus. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis sich die Reporter wieder beruhigt hatten. Seltsamerweise fühlte Tara sich jetzt absolut gefasst und gelassen. Ein Mal, ein einziges Mal in ihrem Leben, hatte sie genau das Richtige gesagt.

„Ich werde in Ferranbeaux bleiben, bis sichergestellt ist, dass für die Zukunft meiner Nichte das Beste erreicht wurde“, bekräftigte sie mit sehr viel mehr Entschlossenheit und setzte sich wieder.

„Stimmt das, Monsieur le Comte?“ Der gesamte Saal wandte sich jetzt mit dieser einen Frage an Lucien.

„Ob das stimmt?“ Lucien richtete sich an die Reporterin mit der kalten Stimme. „Das ist doch das, was Sie wissen wollen, nicht wahr?“

Jeder im Saal schien gespannt die Luft anzuhalten, jeder wartete auf die Antwort des beeindruckenden und auch einschüchternden Grafen von Ferranbeaux.

„Ich denke, Miss Devenish ist durchaus in der Lage, für sich allein zu sprechen.“

Tara traute ihren Ohren nicht. Hatte Lucien das wirklich eben gesagt? Sie wusste nicht, was sie daraus machen sollte. Unterstützte er sie etwa? Auf jeden Fall empörte er sich nicht darüber, dass sie sich soeben selbst in sein Heim eingeladen hatte. Was viel mehr war, als sie sich erhofft hatte.

Nun, die harschen Worte würden sicherlich noch kommen. Sie hatte seine klare Anweisung missachtet und ihn überrumpelt. Als er sich zu ihr beugte, zuckte sie unwillkürlich zurück.

„Sie warten darauf, dass du etwas sagst“, murmelte er ihr jedoch nur zu. „Du bist doch noch nicht fertig, oder?“

Sah sie da etwa ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen? Benommen starrte sie ihn an.

„Oder hättest du gern, dass ich von hier an für dich übernehme?“, fragte er trocken.

Dieses Mal zweifelte sie nicht mehr daran, dass Lucien nicht nur überrascht über ihre Entschlossenheit war, sondern diese auch begrüßte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 0301" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen