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Julia Extra, Band 300

MICHELLE REID

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Michelle Reid

Ein karibischer Traum

1. KAPITEL

Die vielen Feiern vor der eigentlichen Hochzeit uferten zu einem gigantischen Unterhaltungszauber aus, dabei hatte Lizzy nie im Leben weniger Lust auf Partys gehabt als jetzt.

Und nun noch diese Nacht in La Scala, stöhnte sie insgeheim. Allein der Name des berühmten Mailänder Opernhauses flößte ihr gehörigen Respekt ein. Sie befand sich in einer stilsicher eingerichteten Hotelsuite, umgeben von immensem Luxus, und probierte eine wahrlich sündhaft teure Designerrobe an, um für diesen Abend entsprechend gekleidet zu sein. Dabei ging daheim in England in diesem Augenblick ihr Familienunternehmen zugrunde und riss alles, was sie jemals besessen hatte, mit sich ins Verderben.

Am liebsten wäre sie nicht zur Hochzeit ihrer besten Freundin gefahren, aber Lizzys Vater hatte darauf bestanden. Matthew, ihr Bruder, war sogar noch weiter gegangen und regelrecht wütend geworden. „Sei nicht so blöd!“, hatte er sie angeblafft. „Soll sich Dad wegen dieses ganzen Schlamassels etwa noch schlechter fühlen? Geh wie geplant zu Biancas Hochzeit. Und wenn du schon einmal dort bist, wünsch ihr von mir alles Gute mit ihrem superreichen Fang, den sie gemacht hat!“

Dieser Nachsatz hatte derart bissig geklungen, dass Lizzy selbst bei der Erinnerung daran noch zusammenzuckte. Matthew würde ihrer Freundin sicher niemals verzeihen, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hatte.

Bianca und ihre Eltern hatten sie zusätzlich unter Druck gesetzt, und schlussendlich war es einfacher gewesen, nachzugeben und nach Mailand zu reisen, als sich gegen ihre Freunde und ihre Familie durchzusetzen. Dabei wäre sie nur zu gern an der Seite ihres Vaters geblieben, um ihn in dieser schweren Stunde zu unterstützen.

Stattdessen muss ich mich in dieses Hochglanzoutfit quetschen, dachte Lizzy und strich sich ungeduldig eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. Dann richtete sie die schmalen Spaghettiträger und drehte sich kritisch vor dem Spiegel hin und her, um den Gesamteindruck auf sich wirken zu lassen.

Entsetzt verzog sie das Gesicht. Dieses Kleid war an den entscheidenden Stellen viel zu figurbetont geschnitten, und die graue Farbe ließ ihre Haut noch blasser als sonst wirken. Nicht zum ersten Mal in ihren zweiundzwanzig Jahren wünschte Lizzy sich inständig, sie wäre ebenso zierlich und brünett wie ihre hübsche Freundin Bianca.

Leider war dies nicht der Fall. Lizzy konnte man viel eher als eine kurvige Augenweide mit wirren rotbraunen Locken beschreiben. Und dazu dieses Kleid …

Als Bianca es zwei Monate zuvor auf ihrer Verlobungsparty getragen hatte, sah sie absolut fabelhaft darin aus – eine Sensation auf zwei langen, schlanken Beinen. Gestern hatte sie es dann theatralisch in Lizzys Richtung geschleudert. „Mir ist schleierhaft, warum ich es gekauft habe. Ich hasse diese Farbe. Die Länge stimmt nicht, und mein Busen füllt es überhaupt nicht aus.“

Nun, damit hatte Lizzy keinerlei Probleme. Zaghaft zupfte sie ihr pralles Dekolleté zurecht und beschwor im Stillen die stabile Korsage, die üppigen Reize zuverlässig in Form zu halten. Auf den zweiten Blick fand sie auch nicht mehr, dass ihr Kleid zu eng geschnitten war. Zudem war sie nicht gerade in der Position, große Ansprüche stellen zu können, denn schließlich war ihr Outfit praktisch ein Almosen von Bianca.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. „Bist du fertig, Elizabeth?“, rief Biancas Mutter. „Wir dürfen nicht zu spät in die Scala kommen.“

Natürlich nicht, dachte Lizzy entnervt. „Nur noch eine Minute“, versprach sie mit fester Stimme.

Die Scala wartete auf niemanden, nicht einmal auf die High Society, unter die sich Lizzy an diesem Abend mischen würde. Eilig schlüpfte sie in ihre silbernen Stilettopumps und trug ein letztes Mal farbigen Lipgloss auf. Ganz bewusst hatte sie auf den verführerisch roten Lippenstift verzichtet, den Bianca ihr zusammen mit dem Kleid hatte aufdrängen wollen.

Kritisch betrachtete sie das Ergebnis im Spiegel und konnte sich ein spöttisches Lachen nicht verkneifen. Jetzt fehlte nur noch, dass ihre beste Freundin ihr den funkelnden Verlobungsring vermachte, den sie von ihrem Zukünftigen bekommen hatte. Lizzy würde das Schmuckstück natürlich umgehend versetzen, um damit auf einen Schlag die Familienschulden zu tilgen. Aber ganz so großzügig war Bianca dann doch nicht. Wer konnte ihr daraus einen Vorwurf machen?

Seit dem Tag, an dem Bianca Moreno und Lizzy sich in dem gleichen strengen englischen Internat begegneten, waren sie die engsten Freundinnen. Beide fühlten sich wie Außerirdische, die auf einem fremden Planeten gelandet waren. Bianca hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein vollkommen sorgenfreies Leben bei ihren italienischen Eltern in Sydney genossen. Ihre Familie war praktisch über Nacht durch den plötzlichen Tod eines entfernten Onkels superreich geworden, da Biancas Vater den Vorstand der Londoner Moreno Inc. übernahm.

Lizzy dagegen war auf das Internat geschickt worden, nachdem ihre Mutter eine Affäre mit einem verheirateten Lokalpolitiker begonnen und damit einen riesigen Skandal verursacht hatte. An ihrer Schule war Lizzy grausam gemobbt worden, also entschied ihr Vater, dass ein radikaler Ortswechsel die einzige Lösung wäre.

Hatten die teilweise grausamen Neckereien aufgehört? Nein! Erzählte sie ihrem Vater davon? Nein, das tat sie nicht, weil er durch den Skandal ohnehin schon am Boden zerstört war. Ihre Mutter hatte ihn inzwischen verlassen und dabei einen großen Teil des Familienvermögens eingestrichen.

Bianca und Lizzy hatten sich in jener Zeit völlig aufeinander verlassen. Bianca war der Wirbelwind mit den pechschwarzen Augen und Haaren, während Lizzy ein sehr viel ruhigeres Wesen besaß. Ihr Lebensmut war durch die Lästereien rücksichtsloser Schulkameraden weitgehend zerstört worden, und auch ihre Mutter hatte sich niemals die Mühe gemacht, mit ihrer einzigen Tochter Kontakt aufzunehmen.

Jetzt war Lizzy zweiundzwanzig, und seit nunmehr zehn Jahren taten sie und Bianca kaum etwas, ohne dass die jeweils andere darüber Bescheid wusste.

Und jetzt heiratet meine Freundin in eine der reichsten Familien Italiens ein, dachte Lizzy kopfschüttelnd.

Auch wenn sie gar nicht dort sein wollte, so würde sie dennoch ihre Sorgen beiseiteschieben und alles dafür tun, um Biancas Hochzeitstag nächste Woche absolut perfekt mitzugestalten. Immerhin hatte man Lizzy mit allem Nötigen versorgt: angefangen bei den Räumen bis hin zur Kleidung für jeden erdenklichen glitzernden Anlass – selbst wenn es sich dabei um Biancas abgelegte Sachen handelte.

Lizzy war dankbar dafür, da sie sich selbst niemals derart kostbare Designerstücke leisten könnte. Eine Woche dieses zweiwöchigen Feiermarathons hatte sie bereits hinter sich gebracht, und bald würde Bianca mit Luciano Genovese Marcelo de Santis, dem Vorsitzenden des gigantischen de Santis Bankimperiums, vermählt sein. Freunde nannten ihn allerdings schlicht Luc.

Ein heftiger Schauer durchzuckte Lizzy – wie jedes Mal, wenn sie an den Verlobten ihrer besten Freundin dachte. Eilig griff sie nach ihrer seidenen Abendhandtasche und wünschte sich inständig, sie würde sich nicht so sehr für den höchst attraktiven Luc interessieren.

Er war ein rätselhafter Mann, bei dem sich makelloses Benehmen, Kultiviertheit und Stil mit ausnehmend gutem Aussehen verbanden. Eine buchstäblich tödliche Mischung. Bianca schnurrte um ihn herum wie ein Kätzchen, was ihm zu gefallen schien. Italienerinnen, so wie ihre Freundin, waren einfach heißblütiger und aufgeschlossener als die kühleren britischen Mädchen.

Lizzy hingegen hatte sich noch keinem Mann an den Hals geworfen, so etwas konnte sie sich nicht einmal vorstellen. Schon deshalb irritierten sie ihre undefinierbaren Gefühle gegenüber Luc de Santis. Schließlich war er gar nicht ihr Typ – er hatte einfach zu viel von allem. Zu muskulös, zu groß, zu schlank, zu dunkel, zu sexy, zu anziehend …

Und definitiv zu kühl und verschlossen, entschied sie und rauschte durch die Tür hinaus in den Flur.

Sie waren sich nur einmal begegnet, bevor sie nach Mailand kam, und zwar vor wenigen Monaten in London bei einem privaten Dinner im Haus von Biancas Eltern. Lucs Erscheinung war ein regelrechter Schock für Lizzy gewesen, und sie hatte kaum ihren Blick von ihm losreißen können. Außerdem unterschied er sich so stark von dem Typ Mann, den Bianca ihrer Meinung nach bevorzugte …

„Wie findest du ihn?“, erkundigte sich ihre Freundin aufgeregt.

„Ziemlich einschüchternd“, gab Lizzy zu. „Um ehrlich zu sein, erschreckt er mich fast zu Tode!“

Bianca hatte nur gelacht, so wie sie immer über alles lachte. Sie war glücklich, war verliebt und schwebte auf Wolke Sieben. „Du wirst dich an ihn gewöhnen, Lizzy“, versprach sie. „Wenn man ihn erst einmal näher kennt, ist er lange nicht mehr so beeindruckend.“

Das nächste Mal waren Lizzy und er sich vor knapp einer Woche begegnet. Er war auf der Suche nach Bianca in diesem Hotel erschienen, als Lizzy gerade an der Rezeption stand. Natürlich war er sofort auf sie zugekommen, um sie zu begrüßen, wohlerzogen wie er war. Wie schon bei ihrer ersten Begegnung jagten ihr unzählige Schauer über den Rücken, und sie hielt Lucs Nähe kaum aus.

Zudem war er ziemlich verärgert darüber, dass Bianca sie nicht persönlich am Flughafen abgeholt hatte, versteckte seinen Unmut aber sofort wieder hinter einer glatten Maske. Außerdem versicherte Lizzy ihm schnell, dass sie gar nicht mit Bianca gerechnet hatte, woraufhin Luc seine Lippen zu einem dünnen Strich verzog.

Souverän gab er den Hotelangestellten Anweisungen und kümmerte sich dann selbst darum, Lizzy das bestmögliche Zimmer zu besorgen und sie bis zu ihrer Tür zu bringen. Niemals würde sie vergessen, wie aufregend es sich angefühlt hatte, seine Hand in ihrem Rücken zu spüren, als er sie sanft aus dem Lift schob.

Jetzt fuhr sie in eben diesem Lift nach unten in die Hotellobby. Die ganze Woche über hatte sie Luc de Santis gemieden wie die Pest, aber heute Abend würde ihr das nicht gelingen. Ihre Gruppe war zu klein, und die reservierte Loge zu beengt, um sich aus dem Weg gehen zu können. Ihre letzte Hoffnung war, dass sie möglicherweise in einer benachbarten Loge unterbracht werden würde.

Im Spiegel des Fahrstuhls bemerkte sie, dass sich eine ihrer lockigen Strähnen aus der Hochsteckfrisur gelöst hatte. Vergeblich versuchte Lizzy, ihre widerspenstigen Haare zu zähmen, als die Türen aufglitten, und Luc persönlich vor ihr stand. Zu allem Überfluss hatte er sie dabei erwischt, wie sie vor ihrem eigenen Spiegelbild Grimassen schnitt! Lizzys Wangen färbten sich rot.

„Oh!“, sagte sie überrascht. „Wohnst du etwa auch hier? Das wusste ich gar nicht.“

Ein amüsiertes Glitzern hellte seine Augen vorübergehend zu einem warmen Goldton auf. „Guten Abend, Elizabeth.“ Er nannte sie grundsätzlich Elizabeth, und das mit dieser tiefen Stimme und seinem eindringlichen italienischen Akzent! „Du siehst hinreißend aus.“

Wie damals legte er seine Hand an ihren Rücken, um sie durch die Lobby zu führen, und Lizzys Knie zitterten so stark, dass sie beinahe über ihre eigenen Füße gestolpert wäre. Zum Glück bemerkte sie in diesem Augenblick Biancas Mutter, die in ihrem schwarzen Kleid und mit edlen Brillanten geschmückt höchst elegant aussah.

„Da bist du ja, Lizzy“, rief sie aufgeregt und eilte auf die beiden zu. „Luciano“, grüßte sie knapp und wandte sich dann wieder an Lizzy. „Ich muss kurz mit dir sprechen, Liebes.“

„Natürlich.“ Sie lächelte die ältere Dame an, der man deutlich ansah, dass sie sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs befand, was üblicherweise in direktem Zusammenhang mit ihrer temperamentvollen Tochter stand. „Was hat Bianca denn nun wieder angestellt?“, erkundigte Lizzy sich leise.

„Hoffentlich nichts“, entgegnete Sofia Moreno mit dünner Stimme und wurde blass.

„Das war als Scherz gemeint“, stellte Lizzy hastig klar und erschrak, als sich Luc von hinten über ihre Schulter lehnte, um Sofia auf die Wangen zu küssen. Für den Bruchteil einer Sekunde war Lizzy zwischen den beiden eingeklemmt und bekam kaum noch Luft.

„Dann lass ich euch beide mal lieber allein“, raunte Luc und war im nächsten Moment verschwunden.

Die Stelle auf Lizzys Rücken, an der seine Hand gelegen hatte, fühlte sich plötzlich kalt an.

„Lizzy, du muss mir unbedingt sagen, was mit Bianca los ist!“, verlangte Sofia Moreno. „Sie benimmt sich ausgesprochen merkwürdig, und es ist kein einziges normales Wort aus ihr herauszubringen. Eigentlich sollte sie jetzt neben Luc stehen und gemeinsam mit ihm die Gäste begrüßen, aber als ich eben an die Tür ihrer Suite geklopft habe, war sie noch nicht einmal angezogen.“

„Sie hat sich nach dem Mittagessen mit Kopfschmerzen hingelegt“, erinnerte Lizzy sich laut. „Vielleicht ist sie eingeschlafen.“

„Das würde ihr zerwühltes Bett erklären“, schnaubte Sofia und runzelte die Stirn. „Und ihre unausstehliche Laune!“

„Gib ihr noch ein paar Minuten, um sich zu sammeln“, versuchte Lizzy sie zu beruhigen. „Wenn sie dann nicht unten ist, sehe ich mal nach ihr.“

Dann hakte sie sich bei Mrs. Moreno unter und gesellte sich mit ihr zu den übrigen Gästen. Dort wurde sie herzlich von Biancas Vater Georgio begrüßt und einem Cousin vorgestellt, den sie vorher noch nie gesehen hatte.

Vito Moreno war etwa in ihrem Alter und mit dem gleichen attraktiven Äußeren gesegnet wie Bianca. Dazu besaß er strahlend blaue Augen, die fröhlich funkelten. „Du bist also Elizabeth“, sagte er. „Seit ich heute Nachmittag angekommen bin, hat man mir schon viel von dir berichtet.“

„Wer hat das getan?“, wollte Lizzy wissen.

„Meine reizende Cousine natürlich.“ Vito grinste. „Bianca behauptet felsenfest, dass du sie vor einem Leben in Rebellion und Übermut gerettet hast, nachdem sie Sydney hinter sich lassen und auf eine der strengsten und langweiligsten Schulen überhaupt gehen musste.“

„Also gehörst du zu den Morenos aus Sydney?“, entgegnete Lizzy. „Jetzt höre ich auch den Akzent heraus.“

„Ich war Biancas Komplize, bis du meinen Platz eingenommen hast“, erklärte er vergnügt.

„Ach, der Cousin bist du!“ Sie lachte. „Von dir weiß ich so gut wie alles.“

„Das war’s dann wohl für mich und meine Attraktivität“, beklagte er sich dramatisch.

Vor Lizzy tauchte eine Champagnerflöte auf, dahinter stand Luc wie ein düsterer Riese.

„Oh, danke“, murmelte sie.

Er bedachte sie und Vito nur mit einem stummen Nicken und machte wieder auf dem Absatz kehrt. Die Minuten zogen sich dahin, und obwohl sich immer mehr Gäste an der Bar einfanden, war von Bianca weit und breit nichts zu sehen. Allmählich wurden die Leute unruhig und sahen immer öfter auf ihre Uhren.

Automatisch suchte Lizzys Blick Luc, der etwas abseits stand und sein Handy am Ohr hatte. Dem ernsten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, handelte es sich um kein besonders angenehmes Gespräch.

Redet er gerade mit Bianca?, fragte sie sich. Das wäre nicht überraschend, denn Luc hatte sich schon vorher über Biancas Angewohnheit beschwert, überallhin zu spät zu kommen.

Gewöhn dich lieber daran!, riet sie ihm in Gedanken und beobachtete, wie er sein Mobiltelefon zusammenklappte und einsteckte. Er konnte froh sein, wenn Bianca zu ihrer eigenen Trauung einigermaßen pünktlich erschien.

Gerade als Lizzy Sofia Morenos flehenden Blicken nachgeben und nach ihrer Freundin schauen wollte, bewegte sich etwas bei den Aufzügen. Alle schienen sich gleichzeitig umzudrehen, um Biancas beeindruckenden Auftritt zu bestaunen. In fließend goldene Seide gekleidet, die Haare nur zur Hälfte hochgesteckt und mit Diamanten geschmückt, sah sie aus wie eine Göttin. Oder auch wie eine Prinzessin, denn auf ihrem Kopf war eine kostbare Tiara befestigt. Mit ihren warmen schokobraunen Augen sah sie sich die Gästeschar an und verzog ihren hübschen Mund zu einem entschuldigenden Lächeln.

„Bitte verzeihen Sie mir, dass ich so spät bin!“, rief sie in die Runde und löste damit allgemeines heiteres Gemurmel aus.

„Das ist mein tapferes Mädchen“, glaubte Lizzy zu hören und sah verwundert in Vitos Richtung. Doch sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos.

Dann trat Luc vor, umschloss Biancas schlanke Finger mit einer Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Was auch immer er ihr in diesem Moment zuflüsterte, brachte ihre Unterlippe leicht zum Zittern.

Er liebt sie, dachte Lizzy, und ihr Herz krampfte sich zusammen. Aber wie kam sie auch dazu, heimlich für den Verlobten ihrer besten Freundin zu schwärmen?

In mehreren eleganten schwarzen Limousinen wurden sie zur Oper chauffiert. Vito Moreno war für diesen Abend offenbar zu Lizzys Begleiter erkoren worden. Mehrmals brachte er sie zum Lachen und schaffte es sogar, dass sie sich zunehmend entspannte. Die Scala war eine Erfahrung, die Lizzy um keinen Preis der Welt missen mochte, beeindruckend und überwältigend zugleich. Zum Glück gelang es ihr, weit entfernt von Biancas attraktivem Verlobten platziert zu werden.

Anschließend wurde zum festlichen Abendessen in einem Palazzo außerhalb Mailands gebeten. Es gab auch eine Tanzfläche, und da Vito stetig Lizzys Weinglas nachgefüllt hatte, war sie bereits beschwipst, als Luc de Santis sie später zum Tanzen aufforderte.

Einen Moment lang suchte sie nach Ausflüchten, um diese Einladung abzulehnen, doch Luc umfasste schon ihren Ellenbogen und zog sie sanft, aber energisch auf die Füße. „Komm schon!“, sagte er trocken. „Es wird erwartet, dass der Bräutigam zumindest einmal mit der Trauzeugin seiner Braut tanzt.“

Das galt wohl eher für die Feier nach der Hochzeit, aber Lizzy sparte sich diesen Einwand. Atemlos ließ sie sich auf die Tanzfläche führen und fand dann beruhigenden Halt in seinen Armen.

Das Licht war gedimmt, und die seichte Musik – getragen von einer unglaublich talentierten Sängerin – ging regelrecht unter die Haut. Lizzys Herz schlug heftig, während sie und Luc sich harmonisch zur Musik bewegten und sich ihre Körper immer enger aneinanderschmiegten.

„Entspann dich“, raunte er schon nach wenigen Sekunden. „Wir sollen uns hier doch amüsieren, oder etwa nicht?“

Sie erkannte den Spott in seinen leuchtenden Augen und wurde ärgerlich. „Ich bin es lediglich nicht gewohnt …“

„Von einem Mann so gehalten zu werden?“, vervollständigte er ihren Satz und zog eine Augenbraue hoch.

„In diesen Schuhen zu tanzen!“, korrigierte sie ihn scharf. „Und das war gerade kein besonders passender Kommentar.“

Er lachte leise auf. „Du bist schon etwas Besonderes, Elizabeth Hadley“, bemerkte er. „Wunderschön, aber man darf es dir nicht sagen. In meiner Gegenwart bist du angespannt und defensiv, aber bei einem gefährlichen Frauenhelden wie Vito Moreno gehst du völlig auf.“

„Vito ist kein Frauenheld“, verteidigte sie Biancas Cousin. „Dafür ist er viel zu gelassen.“

„Wähle eine beliebige Telefonnummer in Sydney und erwähne nur seinen Namen.“ Sein Zynismus war messerscharf.

„Ich mag ihn jedenfalls“, erwiderte Lizzy stur.

„Ah, er hat dich also schon an der Angel.“

„Schon wieder eine unangemessene Bemerkung.“

Er brachte seine Lippen dicht an ihre Wange. „Ich verrate dir ein kleines Geheimnis, mia bella. Ich verhalte mich des Öfteren unangemessen.“

Luc war ihr nun so nahe, dass sie seinen maskulinen Duft deutlich wahrnehmen konnte. Unwillkürlich brachte Lizzy etwas Abstand zwischen sie. „Das sollte dir Bianca gegenüber besser nicht passieren!“

Immer noch amüsiert, richtete er sich zu voller Größe auf und umfasste Lizzys schmale Taille wieder etwas fester.

Sein Kinn befand sich auf ihrer Augenhöhe, und vielleicht lag es an dem Wein, dass sie sich plötzlich seiner Männlichkeit noch deutlicher bewusst wurde. Selbst der feine Stoff seines Anzugs unter ihren Fingerspitzen erregte sie. Fasziniert betrachtete sie den Kontrast, den seine gebräunte Haut unter dem strahlend weißen Hemd darstellte. Luc war einfach hinreißend!

Ich kann es nicht länger abstreiten, dachte sie benommen. Alles an ihm ist zu perfekt, um wahr zu sein …

Die Melodie stieg ihr zu Kopf, und Lizzy schloss ergeben die Augen. Sie genoss das Gefühl, wie ihre zarte Hand in seiner ruhte, und ließ sich von Luc wie schwerelos über die Tanzfläche führen. Dabei merkte sie gar nicht, wie sie verträumt über seine Schulter strich und sich so eng an ihn schmiegte, dass ihr Atem seinen Hals wärmte.

Seine Hand glitt tiefer ihren Rücken hinunter, und ehe sie sich versah, berührten ihre Lippen seine Haut, und sie verspürte einen leicht salzigen Geschmack auf ihrer Zungenspitze.

Erschrocken riss sie die Augen auf und machte sich von ihm los. Schock und Schamgefühl ließen sie erzittern und färbten ihre Wangen dunkelrot, als ihr bewusst wurde, was sie getan hatte.

Ich habe seinen Hals geküsst und mit meiner Zunge seine Haut berührt!, schoss es ihr durch den Kopf.

2. KAPITEL

„Ach, du meine Güte“, keuchte Lizzy.

Sie tanzten nicht mehr. Stattdessen betrachtete Luc sie mit seinem typischen spöttischen Lächeln auf den Lippen.

Wie sehr sie sich wünschte, der Erdboden würde sich unter ihren Füßen auftun und sie einfach verschlingen!

„Es tut mir so leid“, flüsterte sie und machte einen Satz rückwärts, bei dem sie beinahe gestolpert wäre.

„Um ehrlich zu sein, fühle ich mich sogar geschmeichelt“, gab er zu und streckte einen Arm aus, um sie zu stützen. „Glücklicherweise habe ich es kommen sehen und uns vorsorglich aus dem Saal manövriert. Deshalb sind wir mittlerweile hier draußen auf der Terrasse, fernab von neugierigen Blicken.“

Verwirrt sah sie sich um und stellte fest, dass Luc sie beim Tanzen in der Tat zur Terrassentür hinausgeführt hatte. Sie standen im Schatten der festlichen Lichter. Nicht einmal die kühle Abendbrise war ihr bisher aufgefallen.

Sie trat noch einen unsicheren Schritt zurück und brachte es nicht fertig, Luc in die Augen zu sehen. Was sollte sie bloß zu ihrer Verteidigung vorbringen?

Vollkommen entspannt lehnte er an dem steinernen Geländer und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er schien äußerst zufrieden mit sich und der Welt.

„Schieb es auf den Wein“, riet er ihr.

Sie nickte wie betäubt. „Ich bin es nicht gewohnt, Alkohol zu trinken.“

„Das ist wohl wahr.“

„Und Vito …“

„Er hat ständig dein Glas nachgefüllt.“

Das hatte sie eigentlich gar nicht sagen wollen. „Hat er das?“

„Arme Elizabeth“, murmelte Luc. „Du bist auf den ältesten Trick der Welt hereingefallen.“

Es war alles zu viel für Lizzy. Mit einer schwachen Handbewegung zeigte sie auf die geöffnete Terrassentür. „Ich denke, ich sollte jetzt lieber …“

„Du willst hineingehen, damit er dich weiter abfüllen kann?“, fiel er ihr ins Wort.

„Nein.“ Sie ließ ihre Hand sinken. „Dein Humor ist manchmal wirklich grausam, Signor.“

„Und du, Signorina, hast sehr warme, weiche Lippen.“

Das reichte. Auf dem Absatz fuhr sie herum und prallte beinahe mit ihrer besten Freundin Bianca zusammen. Ihrer wunderschönen, glücklichen, verlobten Freundin Bianca!

„Was macht ihr beide denn hier draußen?“, wollte Bianca wissen.

„Deiner Trauzeugin ist die Hitze etwas zu Kopf gestiegen“, erklärte Luc ruhig. „Sie brauchte dringend frische Luft.“

Lizzys schlechtes Gewissen schlug ihr heftig auf den Magen, vor allem, als Bianca sich besorgt an sie wandte. „Bist du okay, Süße? Mein Gott, du bist ja ganz rot im Gesicht.“

„Dafür ist dein Cousin verantwortlich“, schaltete Luc sich ein. „Er ist derjenige, der Lizzys Weinglas ununterbrochen nachgefüllt hat.“

„Vito? Oh, dieser verrückte Kerl! Dabei habe ich ihn darum gebeten, auf dich achtzugeben.“ Liebevoll legte sie eine Hand auf Lizzys Schulter.„Bei deinem strengen Vater bist du es sicherlich nicht gewöhnt, mit Alkohol zu feiern?“

„So schlimm ist mein Vater gar nicht“,stieß Lizzy halbherzig hervor.

„Nein, er ist viel schlimmer“, entgegnete Bianca mit fester Stimme. Sie machte keinen Hehl daraus, wie wenig sie vom Vater ihrer Freundin hielt. Noch immer gab sie ihm die Schuld dafür, dass ihre Beziehung zu Matthew zwei Jahre zuvor scheiterte. „Ein Wunder, dass er dir überhaupt erlaubt hat, dich hier zu amüsieren. Dabei musste ich dich noch mit der richtigen Kleidung ausstatten, damit du nicht in den Säcken herumläufst, in denen er dich sehen will!“

Am liebsten hätte Lizzy sich in Luft aufgelöst. Überraschenderweise kam ihr ausgerechnet Luc zur Hilfe.

„Das reicht jetzt, cara“, sagte er zu Bianca. „Zurückhaltung ist kein Verbrechen. Außerdem leidet deine Freundin unter starken Kopfschmerzen. Das ganze Gerede ist ihr in meiner Gegenwart bestimmt unangenehm und macht alles nur noch schlimmer.“

„Oh, entschuldige, Lizzy. Ich bin so schrecklich gedankenlos“, rief Bianca zerknirscht. „Soll ich dich schnell zurück zum Hotel bringen? Uns könnte es nicht schaden, früh ins Bett zu kommen, und Luc macht es bestimmt nichts aus. Richtig, caro?“

„Natürlich nicht“, stimmte er sofort zu.

Lizzys Selbstverachtung wuchs von Minute zu Minute. „Du kannst doch nicht von deiner eigenen Party verschwinden“, widersprach sie. „Vito wollte ohnehin bald gehen, ihn plagt sein Jetlag. Ich werde mit ihm zusammen ins Hotel zurückfahren.“

„Nichts da!“ Bianca strich sich ihr brünettes Haar zurück. „Vito fährt mit uns zusammen zurück, dann kann ich ihm wenigstens die Ohren dafür langziehen, dass er dich betrunken gemacht hat. Luc organisiert einen Wagen.“

Gehorsam machte Luc de Santis sich auf den Weg, um eine Limousine zu bestellen. Lizzy wich seinem Seitenblick aus, als er sich an ihr vorbeidrängte, um den Saal zu betreten.

Ich muss es ihr sagen, dachte sie fieberhaft. Ich muss Bianca alles gestehen.

Aber wie sollte sie das anstellen? Bianca wäre geschockt und würde ihr vielleicht niemals verzeihen. Ihre Freundschaft wäre für immer vorbei.

Und was war, wenn Luc es ihr zuerst erzählte? Möglicherweise hielt er es für eine erheiternde Anekdote.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, flüsterte er ihr wenige Minuten später ins Ohr: „Tu es nicht! Sie wird dir nie verzeihen.“ Dann half er ihr in den Wagen. „Und wenn du schlau bist, hältst du dich von Vito Moreno fern“, setzte er grimmig hinzu.

Dann wandte er sich an seine Verlobte und gab ihr einen flüchtigen Abschiedskuss.

Im Auto waren Bianca und Vito in ein reges Gespräch vertieft, während Lizzy scheinbar vor sich hindöste. Sie hatte tatsächlich Kopfschmerzen, und als die anderen beiden sich entschieden, noch einen letzten Drink an der Hotelbar zu nehmen, verabschiedete sie sich von ihnen und ging auf ihr Zimmer.

Am nächsten Morgen wünschte sie sich allerdings, sie hätte der Unterhaltung zwischen ihrer Freundin und Vito mehr Beachtung geschenkt. Vielleicht wäre es ihr dann möglich gewesen, Bianca vor einem riesigen Fehler zu bewahren.

So konnte Lizzy lediglich den Ausführungen von Sofia Moreno lauschen, die sich zwischen herzzerreißenden Schluchzern zu erklären versuchte.

„Sie ist weg!“, rief die ältere Dame zum wiederholten Male, seit Lizzy ihr die Zimmertür geöffnet hatte. „Mitten in der Nacht hat sie einfach ihre Sachen gepackt und das Hotel verlassen. All diese Zeit über hat sie sich nichts anmerken lassen. Wie konnte sie das bloß tun? Wie konnte er nur? Was werden die Leute sagen? Und was ist mit Luciano? Oh, ich mag gar nicht daran denken. Sie hat eine wundervolle Zukunft in den Wind geschlagen. Wie konnte sie uns das antun? Warum ist dein verrückter Bruder einfach hier aufgetaucht und mit ihr durchgebrannt?“

„Matthew?“, unterbrach Lizzy fassungslos. „Sprechen Sie wirklich und wahrhaftig von meinem Bruder Matthew, Mrs. Moreno?“

„Natürlich meine ich Matthew“, wetterte die ältere Dame ungeduldig. „Offenbar ist er schon gestern Nachmittag hier angekommen. Er hat sich in Biancas Zimmer versteckt, als ich auf der Suche nach ihr war. Das muss man sich einmal vorstellen! Sie war nicht angezogen, und das Bett war völlig zerwühlt. Dio mio, ich will gar nicht wissen, was da vor sich ging. Wusstest du etwa, was die beiden vorhaben, Elizabeth? Wusstest du es?“

Diese wilde Anschuldigung brachte Lizzy auf den Boden der Tatsachen zurück. „Nein, selbstverständlich nicht“, wehrte sie sich. „Ich bin ebenso entsetzt wie Sie.“

„Na, ich kann nur hoffen, dass du mir die Wahrheit sagst“, erwiderte Mrs. Moreno kalt. „Denn wenn du mit denen unter einer Decke steckst, werde ich dir das sicherlich niemals vergeben!“ Sie schnappte lautstark nach Luft. „Irgendjemand muss Luciano die Hiobsbotschaft überbringen“, fuhr sie mit zittriger Stimme fort. „Bianca hat ihm zwar eine Nachricht hinterlassen, aber er ist noch in der letzten Nacht zu seiner Villa an den Comer See gefahren, um dort unsere Ankunft vorzubereiten. Mein Mann ist seit heute Morgen geschäftlich unterwegs. Er weiß noch nicht einmal, was seine wahnsinnige Tochter angestellt hat, um unser aller Leben zu ruinieren.“

Die Villa der de Santis befand sich auf dem Gipfel eines felsigen Hügels, und ihre zitronengelben Außenwände leuchteten in der milden Nachmittagssonne. Nervös stieg Lizzy aus dem Wassertaxi und betrat den frisch lackierten privaten Bootssteg, an dem noch eine elegante Segeljacht vertäut war.

Nach Rücksprache mit ihrem Vater und auch mit Giorgio Moreno, der völlig am Boden zerstört war, hatte Lizzy sich schließlich bereit erklärt, Luc die Neuigkeiten selbst mitzuteilen. Sie fühlte sich verantwortlich für das, was ihr Bruder getan hatte.

Mit klopfendem Herzen bahnte sie sich ihren Weg zur Villa hinauf. Ein Mann kam ihr entgegen, noch bevor sie das Eingangstor zum eigentlichen Grundstück erreicht hatte.

„Kann ich Ihnen helfen, Signorina?“, erkundigte er sich scharf und durchbohrte Lizzy förmlich mit seinem eindringlichen Blick.

Mit der Zungenspitze fuhr sie sich über die trockenen Lippen. „Ich habe eine Nachricht für Signor de Santis“, erklärte sie hastig. „Mein Name ist Elizabeth Hadley.“

Er nickte kurz und zückte ein Mobiltelefon. Wenige Sekunden später, nachdem er sein Telefongespräch beendet hatte, öffnete er das Tor. „Sie dürfen hinaufgehen, Signorina.“

Lizzy bedankte sich schnell und eilte quer über einen kiesbedeckten Hof und einige Natursteinstufen hinauf, die zu einer großen Terrasse führten. Erst jetzt sah sie sich um und blieb beeindruckt stehen. Sie befand sich ganz nah der Villa, durch deren geöffnete Fenster eine sommerliche Brise wehte und die langen Vorhänge in Bewegung brachte.

Die umliegenden Gärten waren, soweit Lizzy es bisher zu beurteilen vermochte, sehr schön angelegt und gepflegt. Aber sie war zu unruhig, um ihrer Umgebung große Aufmerksamkeit schenken zu können. Denn auf der Terrasse wartete schon ein weiterer Angestellter, der sie durch eine weiße Holztür ins Innere des Gebäudes führte.

Als sie Lucs Arbeitszimmer erreichten, hielt Lizzy unwillkürlich den Atem an. Am Fenster, hinter einem mächtigen Schreibtisch, stand Luc. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, und seinem grimmigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wusste er bereits Bescheid.

„Ich nehme an, du bringst mir einen Brief mit?“, begann er ohne eine persönliche Begrüßung. Offenbar hatte er nicht vor, Lizzy ihren Botengang einfacher zu machen.

Warum sollte er auch, dachte sie und straffte die Schultern. „Woher weißt du das?“, traute sie sich zu fragen.

Er ließ seinen Blick flüchtig über ihre Figur streifen. „Sie sollte meine Frau werden. Und das brachte sie in die Position, Zielscheibe für mögliche Übergriffe zu sein, deshalb habe ich sie selbstverständlich von einem Sicherheitsteam überwachen lassen.“

Lizzy verkniff sich die Frage, warum dieses Team Bianca nicht an ihrem Vorhaben, mit Matthew durchzubrennen, gehindert hatte. Stattdessen legte sie mit bebenden Fingern Biancas Abschiedbrief auf den Schreibtisch.

Luc sah sie eine Weile schweigend an, bevor er nach dem Umschlag griff und ihn aufriss. Anschließend folgten endlose Minuten der Stille, während er las, auf welche Weise Bianca ihren Verrat entschuldigte.

Hilflos betrachtete Lizzy Lucs stolze, verschlossene Miene. „Es tut mir sehr leid“, murmelte sie, obwohl sie wusste, dass sie in dieser Situation unmöglich die richtigen Worte finden konnte.

Er nickte kurz und legte das Stück Papier zurück auf den Tisch. „Du hattest nicht die geringste Ahnung davon?“

Sie grub die Fingernägel tief in die Innenflächen ihrer Hände. „Absolut nicht.“

„Und ihre Familie?“

Ratlos schüttelte sie den Kopf. „Du warst doch gestern Abend dabei. Sie wirkte wie ein strahlender Stern inmitten ihrer Verwandten. Sie …“

„Meine zukünftige Braut nahm ein Bad im Glück“, zischte er voller Sarkasmus.

Lizzy presste die Lippen aufeinander. Jetzt war offensichtlich, dass Bianca allen nur etwas vorgespielt hatte. Der ganze Glanz und Glamour aller bisherigen Hochzeitsveranstaltungen und Treffen war nichts weiter als eine trügerische Farce gewesen. In ihrem goldenen Seidenkleid war Bianca umhergewandelt wie ein leuchtender Engel. Sie hatte sich an den Arm dieses Mannes geklammert und ihm verliebt in die Augen geschaut. Jeder hatte die beiden lächelnd angesehen und Bemerkungen darüber gemacht, was für ein tolles Paar sie seien. Selbst der ernste, verschlossene Luc hatte gestrahlt, und ganz tief in ihrem Herzen war Lizzy ein wenig neidisch auf ihre Freundin gewesen, die ihren Prinzen gefunden hatte und ihn heiraten würde.

„Ich heirate in eine Dynastie ein, weil ich den richtigen Namen und den geeigneten genetischen Fingerabdruck trage“, pflegte Bianca zu sagen.

Ihr Zynismus hatte Lizzy geschockt. „Aber du liebst ihn doch, oder etwa nicht?“

„Machst du Witze, Süße?“ Bianca musste lachen. „Welches Mädchen, das einigermaßen bei Verstand ist, würde sich nicht in Luc verlieben? Selbst du, wenn du die Gelegenheit dazu hättest.“

Voller Unbehagen sah Lizzy dabei zu, wie Luc den Brief erneut zur Hand nahm und ihn ein zweites Mal durchlas. Noch immer war sein Gesicht fast ausdruckslos, und Lizzy hielt gespannt den Atem an.

Seine Wut brodelt dicht unter der Oberfläche, dachte sie. Obwohl ich ihm eigentlich gar nicht zugetraut hätte, tiefere Gefühle zu empfinden.

Seine große, dunkle Erscheinung und die überhebliche, arrogante Ausstrahlung verliehen ihm eine kaum zu überwindende Unnahbarkeit, an der Emotionen abzuprallen schienen. Das Schweigen zog sich in die Länge und zerrte allmählich an Lizzys Nerven. Am liebsten wäre sie geflohen, denn schließlich hatte sie ihre Nachricht persönlich überbracht, und damit war die Angelegenheit für sie erledigt. Andererseits wollte sie ihn nicht so einfach allein lassen.

Sie fühlte sich immer noch verantwortlich, obwohl ihr eigentlich klar war, dass die Realität anders aussah. Luc tat ihr leid. Trotz seiner Macht und seines Reichtums sah sie in ihm grundsätzlich zuerst einen einsamen Menschen. Sogar in Biancas Nähe war er so reserviert gewesen, als könne er sich nicht auf das echte Leben einlassen.

„Du fragst dich bestimmt, wo sich der Verlobungsring befindet“, platzte sie heraus, um endlich die Stille zu durchbrechen.

„Nein“, antwortete er ungerührt. „Ich gehe davon aus, dass sie ihn gut gebrauchen kann, nachdem sie mit einem mittellosen Schlucker durchgebrannt ist.“

Lizzy zuckte zusammen, als sie an die schwierige finanzielle Situation ihrer Familie erinnert wurde. „Matt ist nicht gerade arm“, wandte sie ein, um ihren Bruder in Schutz zu nehmen.

„Gemessen an deinen Maßstäben oder an meinen?“

Das war so typisch für ihn! Verärgert machte Lizzy einen Schritt auf die Tür zu. „Ich werde besser gehen.“

„Du willst einfach abhauen, so wie die anderen zwei?“, provozierte er sie.

„Nein, ich gehe nur lieber, bevor mein Temperament überhandnimmt.“

„Du besitzt also welches?“

„Allerdings.“ Auf dem Absatz fuhr sie herum und stellte fest, dass er lautlos seinen Schreibtisch umrundet hatte und sich nun lässig dagegenlehnte.

Sein Blick ruhte auf ihrem engen grünen Sommeroberteil, das sie heute Morgen zu einer strahlend weißen Caprihose kombiniert hatte. Überrascht und irritiert vergaß sie, was sie ihm an den Kopf schleudern wollte. Stattdessen dachte sie wieder an die vergangene Nacht, und wie sie ihn auf den Hals geküsst hatte. Die letzten vierundzwanzig Stunden waren der reinste Horrortrip gewesen.

„In der vergangenen Woche habe ich dich aufmerksam dabei beobachtet, wie du an Biancas Seite die Vernünftige gemimt hast“, begann er plötzlich. „Du hast sie beruhigt, manchmal getröstet und oft auch zum Lachen gebracht. Und während dieser ganzen Zeit hast du niemals deinem angeblichen Temperament nachgegeben. Nicht einmal, als sie dich absichtlich erniedrigt hat. Wieso verlierst du dann ausgerechnet bei mir die Nerven?“

„Weil du meine Familie beleidigt hast.“

„Nicht deine Familie, sondern nur deinen Bruder“, korrigierte er sie. „Meinst du nicht, ich habe ein Recht dazu?“

Selbstverständlich hatte er das. Gestern um diese Zeit hatte er sich noch auf die wichtigste italienische Hochzeit des Jahres vorbereitet, und heute musste er befürchten, den Hohn und Spott der gesamten Klatschpresse auf sich zu ziehen. Und Lizzys Bruder hatte Schicksal gespielt …

„Natürlich hast du jedes Recht, auf ihn wütend zu sein“, gab sie zu und hob entschuldigend eine Hand. „Aber ich höre mir nicht an, wie du dich über die Tatsache lustig machst, dass wir nicht so reich sind wie du.“

„Habe ich das etwa getan?“

Sie presste die Lippen aufeinander und nickte. Er war nicht der Einzige, der am heutigen Tag mit seinem Stolz zu kämpfen hatte. Lizzy musste sich von Biancas Eltern ein paar heftige Vorwürfe wegen ihres Bruders gefallen lassen, die sie nur schwer ertragen konnte.

„Dann möchte ich mich dafür entschuldigen.“

Lizzy glaubte ihm kein Wort. „Danke“, entgegnete sie dennoch höflich. „Also wenn du nichts dagegen hast, werde ich jetzt gehen.“

„Wie bist du hierhergekommen?“

„Von Bellagio aus mit dem Wassertaxi.“

Er nickte. „Dann sitzt du hier fest, bis ich persönlich deine Abreise organisiere“, stellte er klar. „Du musst nämlich wissen, dass hier eine hohe Sicherheitsstufe herrscht.“

Offenbar legte er es heute darauf an, sich mit ihr zu streiten. Aber Lizzy wollte sich nicht so leicht provozieren lassen. Er lebte in dieser fabelhaften Villa am Comer See, besaß ein Luxusapartment in Mailand – wobei Lizzy sich fragte, warum er sich zusätzlich eine Hotelsuite mietete – und noch mindestens drei weitere Anwesen in allen möglichen Teilen dieser Welt. Und um in diesem Jetsetleben mobil genug zu sein, durfte er sogar ein Privatflugzeug sein Eigen nennen!

Unten am Steg lag ein schnittiges Segelboot, das Lizzy in nur zehn Minuten über den See bringen konnte. Aber Luc veranlasste dies nicht, weil er in diesem Augenblick einen Sündenbock brauchte, an dem er seine schlechte Laune auslassen konnte. Und Lizzy hatte das Pech, gerade verfügbar zu sein.

Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und sah dann Luc wieder direkt an, unschlüssig darüber, was sie nun tun sollte. „Dir ist schon klar, dass du dich unmöglich verhältst?“, bemerkte sie schließlich.

„Grün“, murmelte er.

„Grün, was?“, fragte sie verwirrt.

„Deine Augen, wenn du wütend wirst“,erklärte er.„Normalerweise haben sie einen sanften Grünton, der auch manchmal ins Graue geht, aber sobald du dich aufregst, leuchten sie auf.“

„Ich kann damit Pfeile verschießen, wenn es sein muss“, warnte sie ihn.

„Das will ich sehen“, erwiderte er amüsiert. „Du wusstest die ganze Zeit über, was die beiden geplant haben.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Nein“, sagte Lizzy trotzdem. „Ich habe dir schon gesagt, dass ich genauso überrascht bin wie du. Und ich gebe zu, dass ich mir selbst Vorwürfe mache, weil ich meine beste Freundin nicht durchschaut habe.“

„Aber du wusstest, dass sie einmal ein Liebespaar waren?“, hakte er nach.

„Ja, für eine Weile, aber das ist Jahre her.“

„Eine Jugendliebe also.“ Sein Mundwinkel zuckte leicht. „Aber da dein Bruder offensichtlich für die Morenos nicht gut genug war, haben sie sich einen passenderen Fang für ihre geliebte Tochter ausgesucht“, spottete er.

Matthew kam zwar nicht aus armen Verhältnissen, dennoch hatte Luc mit seiner Einschätzung Recht. Bis zur jüngsten finanziellen Krise war Lizzys Familie durch ihr kleines Unternehmen gut versorgt. Matthew sollte die Firma eines Tages vom Vater übernehmen und eine nette englische Frau heiraten, die nicht mehr von ihm erwartete, als er ihr zu geben vermochte.

Bianca würde grundsätzlich viel zu viel verlangen, und damit wäre Matthew auf Dauer nicht zurechtgekommen. Sein Ego müsste harte Schläge einstecken, und damit würde er nicht glücklich werden. Luc dagegen hatte ein so unerschütterliches Selbstbewusstsein, dass er es mit einer egozentrischen Person wie Bianca locker aufnehmen konnte.

„Sie wird zurückkommen“, versprach Lizzy spontan. „Bestimmt braucht sie nur Zeit, um sich über ihre Gefühle klar zu werden.“

„Meinst du?“, erkundigte er sich trocken und wenig überzeugt.

„Ich bin sicher, sie liebt dich“, entgegnete Lizzy mit fester Stimme. „Sie kann sich nur noch nicht auf eine Ehe einlassen. Wenn du ihr ein wenig Zeit gibst, dann bin ich …“

Fragend hob er die Augenbrauen. „Du schlägst allen Ernstes vor, ich solle hier ruhig herumsitzen und darauf warten, dass Bianca sich irgendwann über ihre Gefühle klar wird?“

Das kam ihrer Vorstellung tatsächlich nahe, und Lizzy hob mutig das Kinn. „Falls du sie liebst, ja!“

„Dann bist du eine romantische Idiotin, denn so etwas wird ganz sicher nicht passieren.“ Mit einem Ruck stieß er sich vom Tisch ab. „Für Samstagmorgen ist eine Hochzeit anberaumt, und ich werde dafür sorgen, dass sie stattfindet.“

Ohne Braut?, schoss es ihr durch den Kopf. „Du meinst, du wirst sie ausfindig machen und dann zum Altar schleifen?“ Mühsam unterdrückte sie ein trockenes Lachen.

„Nein.“ Mit einer Hand griff er hinter seinem Rücken nach dem Brief, zerriss ihn in kleine Fetzen und warf ihn in den Papierkorb. „Ich gedenke, Bianca durch eine andere Person zu ersetzen.“

Lizzy war fassungslos. „Einfach so?“

„Einfach so.“ Seine Augen waren kalt. „Du musst natürlich schleunigst ein paar Dinge in deinem Leben regeln, aber mit meiner Hilfe sollte das kein Problem darstellen.“

Ihr wurde heiß und kalt zugleich, während sie krampfhaft versuchte, den Sinn hinter seinen Worten zu verstehen. „Mein Leben ist gut, so wie es ist“, sagte sie stockend.

„Ohne Zweifel. Aber wird das auch noch morgen der Fall sein, wenn ich die Behörden darüber informiere, dass dein Bruder eure Unternehmenskonten leergeräumt hat?“

3. KAPITEL

„Das ist ganz und gar nicht komisch“, presste sie mit bebender Stimme hervor. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihre Rippen. „Mir ist bewusst, dass du wütend und verletzt bist, und ich verstehe, dass du jetzt blind austeilen willst, um dich abzureagieren. Aber wage es nicht, Lügen über meine Familie zu verbreiten!“

„Über deinen Bruder“, stellte er richtig. „Ich klage nur ein einziges Mitglied deiner Familie an. Was den Rest angeht, bin ich der Meinung: im Zweifel für den Angeklagten.“

„Du beschuldigst meinen Vater, Gelder unterschlagen zu haben? Wie kommst du nur auf so einen absurden Gedanken?“

„Ich komme darauf, weil ich selbst Banker bin“, antwortete er kühl. „Und als solcher lasse ich nicht mein Herz über meinen Verstand regieren.“

„Das verstehe ich nicht“, stieß sie kopfschüttelnd hervor.

„Dann lass es mich erklären. Bianca ist eine sehr wohlhabende Frau.“

„Das weiß ich.“

„Möglicherweise ist sie auf den Gedanken gebracht worden, ihre Jugendliebe hätte den ganz großen Wurf gelandet.“

„Du brauchst vermutlich etwas Zeit für dich, um deine wirren Gedanken zu sortieren“, sagte sie spitz und wandte sich zum Gehen.

„Dein enges Verhältnis zu ihr hat mich stutzig gemacht“, sagte er etwas lauter. „Deshalb hielt ich es für das Beste, dich und deine Familie überprüfen zu lassen.“

„Du hast uns überprüfen lassen?“ Ungläubig starrte sie ihn an. „Was fällt dir eigentlich ein?“

„Als Biancas zukünftiger Ehemann hielt ich es für meine Pflicht. Du passt nämlich schlicht und einfach nicht zu ihr“, behauptete er dreist. „Jeder, der Augen im Kopf hat, fragt sich, was euch beide verbindet. Trotzdem bist du hier und wohnst im besten Hotel von Mailand auf Kosten ihrer Familie. Du trägst Kleider, die sie für dich gekauft hat, damit du in ihrem reichen Umfeld nicht auffällst. Und dann bist du sogar Trauzeugin.“

„Das hat sich ja wohl erledigt“, bemerkte sie scharf.

„Rate mal, was ich herausgefunden habe?“, fuhr er unbeeindruckt fort. „Hadley’s muss nicht nur einen vorübergehenden finanziellen Engpass überstehen, wie man mich glauben machen wollte, sondern es droht die Insolvenz. Dein Vater ist bis über beide Ohren verschuldet. Und dein Bruder hat nicht die geringste Absicht, in die Fußstapfen des alten Herrn zu treten.“

Lizzy wurde rot. „Matthew wollte Künstler werden.“

„Na, wie romantisch für ihn“, gab Luc schneidend zurück. „Damit wird er Bianca schwer beeindruckt haben. Und du bist das perfekte Gegenstück zu deinem Bruder. Auf diese Weise kannst du Bianca den Blick für das verschleiern, was dein Bruder in Wirklichkeit vorhat.“

Sie straffte die Schultern. „Bist du fertig damit, meine Familie zu beleidigen?“

„Du kannst ja richtig giftig werden“, stellte er amüsiert fest. „Gefällt mir.“

„Dein Verhalten gefällt mir dagegen ganz und gar nicht“, schleuderte sie ihm entgegen. „Seit unserem zwölften Lebensjahr sind Bianca und ich Freundinnen. Geld war niemals ein Thema zwischen uns, weil es wahre Freundschaft nicht tangiert. Und meine Familie arbeitet hart für ihr Einkommen“, setzte sie stolz hinzu. „Jeder Einzelne von uns. Im Gegensatz zu dir ist mein Vater nicht um die Welt gejettet und hat sein Leben als nutzloser Playboy verplempert, gesponsert von einer schwerreichen, aber vollkommen lieblosen, brüchigen Familie! Dein immenser Reichtum und deine angeborene, unerträgliche Arroganz sind untrügliche Zeichen dafür, dass du noch nie richtige Liebe erfahren hast. Du bist so kalt und misstrauisch, dass du hinter dem Rücken anderer Menschen in ihrem Leben herumschnüffeln musst.“

„Du hast ein ziemlich übles Bild von meiner Familienhistorie, junge Dame.“ Seine Augen funkelten gefährlich. „Da frage ich mich unwillkürlich, woher du deine Informationen beziehst, und warum du überhaupt Erkundigungen eingeholt hast.“

„Das meiste weiß ich von Bianca“, sagte sie zögernd und ärgerte sich, dass sie in diese Falle getappt war. In Wahrheit hatte sie heimlich Stunden vor dem Computer verbracht, um das Internet nach Informationen zu durchsuchen. „Sie hat diese Hochzeit als Einheiraten in eine Dynastie bezeichnet, angeblich weil sie den richtigen Namen und den geeigneten genetischen Fingerabdruck besitze. Das klang für mein Empfinden so kühl und geschäftlich, dass ich es zuerst für einen Witz gehalten habe. Mittlerweile bin ich eines Besseren belehrt worden. Denn sonst würdest du hier mit gebrochenem Herzen vor mir stehen, anstatt mit berechnenden Vorwürfen um dich zu schmeißen!“

„Bist du fertig?“ Langsam machte er einen Schritt auf sie zu. „Nachdem wir uns gegenseitig über unseren Charakter verständigt haben, können wir wohl weiter unsere Hochzeit besprechen.“

„Ich werde dich ganz sicher nicht heiraten“, fuhr sie ihn an. War er jetzt völlig verrückt geworden?

„Immerhin hast du mich gestern geküsst.“

Erschrocken schnappte sie nach Luft. Sie hatte gehofft, er würde sich gar nicht mehr daran erinnern. „Ich war angetrunken …“

„Angeblich.“ Damit zog er eine Schublade auf und legte eine dicke Akte auf den Tisch. „Es könnte eine Taktik gewesen sein, um mich von dem abzulenken, was Bianca vorhatte.“

Seine Anschuldigung war so abstrus, dass sie keine Antwort darauf fand.

Er lächelte kalt. „Als du mir die beschwipste, scheue Jungfrau vorgespielt hast, fühlte ich mich … geschmeichelt.“ Er schlug den Aktendeckel auf. „Wie anders alles aussieht, wenn der Zauber der Nacht vorübergeht und man alle seine Sinne wieder beisammen hat. Sieh dir das hier mal an!“

Ein eisiger Schauer überlief sie, während sie sich zwang, auf das Papier hinunterzusehen, das er ihr präsentierte. Es war ein Kontoauszug, auf dem der Name ihres Familienunternehmens stand.

„Woher hast du das?“, wisperte sie.

„Wie gesagt, ich bin Banker“, erinnerte er sie. „Mit den richtigen Verbindungen bekomme ich so gut wie alles, was ich will.“

Die Doppeldeutigkeit seines Kommentars entging ihr nicht, aber mehr noch schockte sie, was auf dem Auszug stand.

„Euer Firmenkonto hat vor gerade einmal zwei Tagen eine Finanzspritze erhalten“, erklärte er die Fakten.

Fünfeinhalb Millionen. Eine so hohe Zahl hatte Lizzy noch nie auf einem Auszug gesehen. Sie rang nach Luft.

„Der nächste Eintrag belegt“, fuhr er fort, „dass die fünfeinhalb Millionen Pfund noch am selben Tag wieder abgehoben worden sind.“

„Nein“, keuchte sie fassungslos. Dann riss sie sich zusammen. „Ich muss meinen Vater anrufen.“ Kreideweiß im Gesicht bahnte sie sich einen Weg zur Tür.

„Du wirst niemanden anrufen“, befahl er mit ruhiger Stimme. „In diesem Moment habe ich die volle Kontrolle über die Geschehnisse.“

„Wovon redest du?“, fragte sie und blieb unschlüssig stehen.

„Von dir. Bis jetzt ist mir nicht klar gewesen, warum dein Vater diesen lebensnotwendigen Kredit wieder verschoben hat. Aber dein Bruder ist neben deinem Vater einziger Kontobevollmächtigter. Und nach den jüngsten Entwicklungen macht nun alles Sinn.“

Lizzy musste sich setzen. Ihre Gedanken schienen vor ihrem inneren Auge zu verschwimmen.

„Dein Bruder hat sich mit diesem Geld seine romantische Flucht finanziert. Wenn du etwas mit Biancas Verschwinden zu tun haben solltest, ist dir hoffentlich bewusst, dass du dafür Verantwortung übernehmen musst.“

In erster Linie machte Lizzy sich große Sorgen um ihren Vater. Wenn er herausbekam, was Matthew getan hatte, würde er zusammenbrechen.

„Allerdings wirst du die Suppe auch auslöffeln müssen, falls du völlig unschuldig sein solltest. Es macht, ehrlich gesagt, keinen Unterschied. Denn ich verlange eine Entschädigung dafür, dass man mich zum Idioten gemacht hat. Und wenn ich dich dafür in Biancas Brautkleid stecken und dich an ihrer Stelle heiraten muss, so sei es!“

„Um Himmels willen!“ Sie sprang auf. „Ich werde dich ganz bestimmt nicht aus einem derart wahnwitzigen Grund heiraten.“

„Warum nicht?“ Lässig ließ er sich in seinen breiten Schreibtischsessel sinken. „Stimmt etwas nicht mit mir?“

Lizzy sparte sich ihren Kommentar.

„Die Wahrheit ist, ich bin bereit, mich fest zu binden“, gab er zu. „Ich wünsche mir Nachkommen. Um Bianca musste ich mich niemals bemühen. Sie war immer irgendwie ein Teil von meinem Leben, und ich wusste, dass wir beizeiten leicht unsere Lebenspläne miteinander vereinbaren können. Und jetzt bist du da.“ Sein Blick wurde forscher. „Durch die Eskapaden deines Bruders habe ich dich in der Hand, und zudem übe ich eine starke Anziehungskraft auf dich aus, die du nur ziemlich schlecht verbirgst.“

„Was gibt es da zu verbergen? Du bedeutest mir nichts.“

„Warum dann dieser süße Kuss?“

„Ach, meine Güte, das war doch nicht mal ein richtiger Kuss! Ich habe aus Versehen mit meinen Lippen deinen Hals gestreift. Außerdem war ich nicht ganz bei mir!“

„Deine Körpersprache war mehr als offensichtlich, schon seit wir uns zum ersten Mal in London begegnet sind“, behauptete er. „Und auch im Hotellift. Glaube ja nicht, dass mir das entgangen ist. Und ganz klar wurde es gestern Abend, als wir miteinander getanzt haben. Da habe ich deine Herausforderung angenommen und dich auf die Terrasse bugsiert. Ich kann immer noch deine Lippen auf meiner Haut spüren.“

Am liebsten wäre Lizzy im Boden versunken. „Du bist über zehn Jahre älter als ich, und das ist für meine Begriffe schon ein erheblicher Altersunterschied.“

„Zwölf Jahre bedeuten eine recht gute Distanz, finde ich. Auf diese Weise kann ich dir Erfahrung und Treue bieten, weil ich mich bereits zur Genüge ausgetobt habe, cara.“

Es war das erste Mal, dass Luc sie so genannt hatte. Dieses Kosewort ließ Lizzy innerlich erschauern.

„Du bist jung, du bist schön, und deine Loyalität wird dafür Sorge tragen, dass du deinen Vater vor einem fürchterlichen Skandal bewahren wirst.“

„Wie eiskalt du bist“, stieß sie hervor.

„Nicht zwischen den Laken“, korrigierte er sie voller Sarkasmus.

„Und das ist alles?“, rief sie erbost. „Im Bett lerne ich dich von deiner warmen, erfahrenen Seite kennen, während ich ansonsten die Rolle deiner jungen, verwöhnten Vorzeigefrau spiele? Keine Zuneigung, keine Liebe?“

„Liebe ist das Produkt einer übersteigerten Fantasie.“

„Wenn man aufgewachsen ist wie du, kann man das wohl nur auf diese Art betrachten“, entgegnete Lizzy trocken.

„Willst du dich jetzt wieder über meine zerrüttete Familie auslassen?“

„Nur über die Tatsache, dass ich nicht besonders viel von dir halte.“

„Aber du bist scharf auf mich“, versuchte er sie zu provozieren.

Verärgert zog sie die Stirn in Falten.

„Du brauchst mich nur anzusehen, um zu ahnen, wie schön es zwischen uns werden kann. Wenn ich dich jetzt in die Arme schließen würde, könnte ich augenblicklich ein Feuer in dir entfachen.“

„Und auf die teuren Laken verzichten?“, konterte sie ironisch. Sie hasste seine betont selbstherrliche Haltung ihr gegenüber. „Dann dürfte ich wohl jederzeit in dein Büro spazieren, wenn mir nach heißer Leidenschaft ist, und könnte deine Dienste einfordern, während du am Telefon Millionen verschiebst?“, fragte sie herausfordernd.

„Ist das eine Fantasie von dir?“ Er lachte. „In diesem Fall werde ich natürlich mein Bestes geben, um dir deine Wünsche zu erfüllen. Aber mach es mir bitte ein bisschen leichter, indem du so wenig wie möglich am Leibe trägst!“

„Du bist unmöglich.“

„Nur wenn du mich zu solchen Spielchen treibst“, warnte er sie. Dann wechselte er plötzlich das Thema. „Hast du eine Ahnung, wohin die Verliebten durchgebrannt sind?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf.

Endlose Minuten lang betrachtete er Lizzy nachdenklich, bis sie sich unter seinem Blick zunehmend unwohl fühlte. Schließlich atmete er tief durch und brach das Schweigen. „Heirate mich, und ich werde dein langweiliges Sexleben in eine leidenschaftliche Ekstase verwandeln.“

Sie schnappte nach Luft. „Wer sagt denn, dass mein Sexleben langweilig wäre?“

„Bianca, wer sonst?“

Meine beste Freundin hat so etwas zu Luc gesagt?, dachte sie bestürzt.

„Sie hat zwei Liebhaber erwähnt, die aber nicht lange Teil deines Lebens waren. Natürlich waren es Engländer“, fügte er abfällig hinzu. „Vermutlich fehlte ihnen einfach die Finesse.“

„Zeugt es etwa von Finesse, so mit mir zu reden?“ Noch nie im Leben war sie von jemandem so enttäuscht worden wie von Bianca. Und das nach zehn Jahren der Freundschaft! Als wären diese Lügen nicht schon genug, erdreistete Luc sich auch noch, derbe Anspielungen über Lizzys Liebesleben zu machen. „Ich höre mir das nicht länger an.“

So leicht ließ er sie nicht gehen. „Wenn du in diese Ehe einwilligst, werde ich deinen Vater aus der Schuldenfalle holen und ein Expertenteam zu ihm schicken, um die Firma langfristig zu retten. Und ich werde dafür geradestehen, bis das Unternehmen wieder fest auf eigenen Beinen steht.“ Er holte tief Luft. „Solltest du nicht einwilligen, werde ich die Bombe in ganz großem Stil platzen lassen und dabei zusehen, wie deine Familie untergeht. So einfach ist das.“

Offenbar war er zu allem bereit, um seine Würde im Angesicht der Öffentlichkeit zu wahren. Lizzy war sprachlos.

„Irgendjemand muss für dieses Chaos verantwortlich gemacht werden, Elizabeth“, sagte er grimmig. „Entweder zahlst du allein, oder deine ganze Familie tut es. Und dass du überhaupt diese Wahl hast, verdankst du der Tatsache, dass ich dich aufrichtig begehre.“

„Du willst doch nur Rache“, warf sie ihm vor.

„Auch Rache ist Leidenschaft, mi amore. Wenn du meinen Rat willst: Nimm dieses Angebot an, solange ich durch diese Leidenschaft getrieben bin.“

Eines musste man ihm lassen. Er konnte wirklich gut mit Worten umgehen. Lizzy war geschockt, durcheinander und emotional aufgewühlt. Ratlos starrte sie aus dem Fenster auf den See hinaus und fühlte sich in diesem Augenblick wie eine Geisel, die zur Hinrichtung geführt wurde.

Oh, Matthew, warum hast du das nur getan?, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Er war zwar eineinhalb Jahre älter als sie, andererseits kam er nicht darüber hinweg, dass sein Vater ihn nicht frei über sein eigenes Leben bestimmen ließ. Hatte er das Geld an sich genommen, um ihren Vater zu bestrafen? Ermutigt durch Bianca, nachdem sein Vater ihrer Romanze vor zwei Jahren einen Riegel vorgeschoben hatte?

Mrs. Moreno hatte damals noch versucht, Edward Hadley von seinem Vorhaben abzubringen. Verbieten Sie ihnen den Umgang miteinander, und sie werden sich wie Romeo und Julia verhalten, das waren ihre Worte gewesen. Und sie schien Recht zu behalten – zumindest teilweise. Lizzy hoffte inständig, dass die beiden keine weiteren Dummheiten anstellten …

Außerdem war sie zutiefst verletzt, dass sich keiner von ihnen ihr anvertraut hatte. Andererseits hätte sie selbstverständlich nach Kräften versucht, Bianca und ihren Bruder von ihren Plänen abzubringen, und das war ihnen mit Sicherheit klar gewesen.

„Was geschieht mit ihnen, wenn sie wieder auftauchen?“, wollte Lizzy wissen.

„Bianca hat nichts weiter verbrochen, außer sich spontan gegen eine Ehe mit mir zu entscheiden. Das ist wohl das Vorrecht einer Frau“, erwiderte er trocken. „Was mit deinem Bruder geschieht, liegt in den Händen deines Vaters und natürlich auch bei der Bank.“

Ehrliche Frage, direkte Antwort. Luc brauchte nicht einmal zu wiederholen, dass Lizzy in diesem Moment ebenfalls die Macht hatte, das Schicksal ihres Bruders zu besiegeln.

„Ich werde nicht ihr Hochzeitskleid tragen“, flüsterte sie schließlich. „Ich werde mich nicht kirchlich trauen lassen, und ich möchte auch keinerlei Geschenke von dir annehmen, es sei denn, sie gehören zwingend zu der Rolle, die ich spielen soll. Zudem will ich weiterhin arbeiten, um dir später zurückzahlen zu können, was du in die Firma meiner Familie investiert hast.“

„Du wirst mich genau auf die Art heiraten, wie es von vornherein vorgesehen war“, widersprach er. „Außerdem wirst du natürlich alles annehmen, was ich dir schenken möchte, und arbeiten kommt gar nicht in Frage.“

Mit einem Ruck drehte sie sich zu ihm um. „Du kannst mich doch nicht einfach an Biancas Stelle setzen“, fuhr sie ihn an. „Das werden die Behörden niemals durchgehen lassen.“

„Auch wenn es dir nicht gefällt, aber Geld regiert die Welt.“

Wie recht er doch hatte! „Ich verabscheue dich.“

„Trotzdem wirst du würdevoll den Platz deiner Freundin einnehmen und der Welt weismachen, dass wir beide diejenigen sind, die plötzlich festgestellt haben, dass sie nicht ohne einander leben können. Und du sollst mir nicht das Geringste zurückzahlen, du sollst lediglich meine Kinder zur Welt bringen. Um das zu bewerkstelligen, erwarte ich, dass du dich nicht gegen die sexuelle Anziehungskraft zwischen uns wehrst.“

„Kann ich jetzt bitte gehen?“

Sie war den Tränen nahe und riss sich nur mit Mühe zusammen.

Luc fluchte leise und stand auf.„Nicht so hastig. Wir haben noch ein paar Details zu klären.“

„Soll das etwa bedeuten, ich habe Mitspracherecht?“, erkundigte sie sich verbittert.

„Vielleicht.“ Er schnitt eine Grimasse. „Aber zuerst möchte ich mit deinem Vater sprechen, bevor du es tust. Das steht nicht zur Diskussion“, sagte er mit erhobenen Händen, als sie protestieren wollte. „Und du kehrst nicht ins Hotel zurück, weil du ab sofort hier leben wirst.“

Erschrocken schrie sie auf. „Wie eine Gefangene?“

„Natürlich nicht. Aber hier kann ich dich besser vor dem Presseterror beschützen, den die Neuigkeiten auslösen werden. Das Hotel in Mailand wird man gnadenlos belagern. Den Morenos werden diese Entwicklungen vermutlich auch nicht sonderlich gefallen.“

Ganz langsam atmete sie durch und schloss kurz die Augen. „Kann ich jetzt gehen?“, fragte sie noch einmal.

Anstatt ihr zu antworten, griff er zum Telefon und führte ein kurzes Gespräch in seiner Landessprache. Dann sah er sie aufmerksam an. „Hast du das eben verstanden?“

„Etwas davon.“ Als Biancas Freundin hatte sie über die Jahre relativ gut Italienisch gelernt. „Du lässt ein Zimmer für mich herrichten.“

„Es wird in wenigen Minuten fertig sein.“

Luc umrundete seinen Schreibtisch und kam auf Lizzy zu. Unendlich behutsam legte er eine Hand an ihre Wange und sah ihr schweigend in die Augen.

Lizzy wollte sich von ihm losmachen, aber das hätte Luc zu viel über ihre Empfindungen verraten. Trotz seiner unerträglichen Überheblichkeit war er ein unbeschreiblich schöner Mann, und er hatte eine Ausstrahlung, der man sich unmöglich entziehen konnte. Eine hoch explosive Mischung.

Mit dem Daumen strich er über ihren Mundwinkel. „Ich schlage dir etwas vor“, begann er mit tiefer Stimme. „Du kannst mir die Schulden in Küssen zurückzahlen. Sagen wir, ein Kuss ist einen Euro wert. Und wir fangen gleich damit an …“

Damit schob er seine Hand in ihre Haare und beugte sich zu ihr vor.

Lauf weg!, schrie eine innere Stimme, drang aber nicht mehr zu Lizzys Verstand durch. Fasziniert und reglos sah sie dabei zu, wie sein Gesicht näher kam, dann spürte sie seine weichen Lippen auf ihrem Mund. Sie spürte seine Zunge und hatte nicht die Kraft, sich gegen dieses wunderbare Gefühl zu wehren.

Wenig später war alles vorbei, aber Lizzy konnte sich noch immer nicht rühren. Luc lächelte, wandte sich von ihr ab, und im nächsten Augenblick hörte sie hinter sich die Tür ins Schloss fallen. Leugnen war zwecklos. Er hatte gemerkt, dass er mit Leichtigkeit ein Feuer in ihr entfachen konnte.

4. KAPITEL

Die Medien rasteten buchstäblich aus. Widerwillig musste Lizzy zugeben, dass sie Luc für seine Entscheidung, sie in der Villa einzuquartieren, dankbar war. Niemand konnte ohne seine ausdrückliche Erlaubnis das Grundstück betreten oder Lizzy auch nur telefonisch erreichen.

Außer ihrem Vater. Als Lizzy sich endlich mit ihm in Verbindung setzen durfte, war er verletzt, ärgerlich und verwirrt. Er konnte kaum glauben, dass ausgerechnet sie die Hochzeit ihrer besten Freundin platzen ließ. Und er war tief enttäuscht von ihr. „Ich hoffe, du hast nicht den Charakter deiner Mutter geerbt, Lizzy“, hatte er gebrummt.

Sie wäre vor Scham beinahe im Boden versunken. Matthew schien dagegen in den Augen seines Vaters etwas wirklich Ehrenhaftes getan zu haben. Immerhin war er nach Mailand geeilt, um die arme Bianca zu retten, bevor die Presse Wind von dem Skandal bekam. Und nein, er hatte nichts von Matthew gehört und auch keine Ahnung, wo dieser sich aufhielt.

Vor allem aber ahnte er nicht, dass Matthew sich am Firmenkonto vergriffen hatte. Als Lizzy ihn direkt auf die Unstimmigkeiten ansprach, bezeichnete er es als einen Fehler der Bank, den diese sofort am nächsten Tag wieder ausgeglichen hätte.

Luc hatte sich seinerseits sogar den Respekt ihres Vaters gesichert, weil er sich so bereitwillig für alles entschuldigte, was er den Beteiligten antat. Und natürlich auch, weil er sich bereit erklärte, Hadley’s zurück in günstigeres Fahrwasser zu bugsieren.

Einzig Lizzy wurde als Sündenbock dargestellt, doch wenigstens sicherte ihr Vater zu, sie am Samstag zum Altar zu führen. Immerhin erwartete Luc das von ihm.

Der gute alte Luc!, dachte sie bitter.

„Ich bin hier die böse Ehebrecherin“, wetterte sie am Telefon, als sie Luc endlich erreichte. „Matthew ist der Ritter in schimmernder Rüstung, Bianca die betrogene Dame in Not. Und du wirst als das nacheiferungswürdige Ebenbild eines echten Mannes dargestellt, der die Größe besitzt, zu seinen Fehlern zu stehen und sich gleichzeitig zu nehmen, was er will.“

Er lachte schallend, und Lizzy hätte den Telefonhörer am liebsten in die nächste Ecke geschleudert.

„Sobald der Tumult vorüber ist, wird dich jede Frau um deine Position beneiden, glaub mir“, versprach er.

„Weil ich das Glück hatte, dich an Land zu ziehen?“ Diese Arroganz war typisch für ihn. „Nun, ich fühle mich nicht gerade beschenkt! Ganz im Gegenteil, du hast mich sogar zutiefst gedemütigt und benutzt. Wenn du also glaubst, ich würde diesen Ehevertrag unterschreiben, den deine Anwälte mir gerade zugestellt haben, hast du dich getäuscht!“

Damit knallte sie den Hörer auf die Gabel.

Eine Stunde später kam Luc zurück in die Villa und suchte Lizzy in ihrem Zimmer auf. Sie saß zusammengekauert auf dem Sofa und gab vor, ein Buch zu lesen.

„Geh weg!“, sagte sie, ohne hochzusehen.

Ungerührt warf er ihr den Vertrag in den Schoß. „Unterschreibe!“

Sie ignorierte ihn, und Luc wandte sich entnervt ab. Dann zog er das Jackett aus, lockerte seine Krawatte und zog sich einen brokatbezogenen Stuhl ans Sofa heran.

„Hör zu!“, begann er und stütze die Ellenbogen auf seine Oberschenkel. „Ich kann dich nicht heiraten, solange du diesen Vertrag nicht unterschreibst.“

„Zu schade“, erwiderte sie kühl. „Denn ich stimme dem Vertrag nicht zu.“

Er sog scharf den Atem ein. „Das ist eine reine Formsache“, erklärte er möglichst ruhig. „Ich bin der Geschäftsführer einer sehr einflussreichen Bank und verfüge obendrein über ein immenses Privatvermögen. Wenn du dies hier nicht unterschreibst, werden meine Teilhaber das Vertrauen zu mir verlieren, weil ich scheinbar nicht in der Lage bin, mich selbst abzusichern.“

„Dann erzähle es ihnen nicht“, argumentierte sie.

„Sie werden dennoch davon erfahren. So etwas sickert immer durch. Du wirst als geldgieriges Flittchen und ich als Vollidiot abgestempelt!“

„Na und? Mein Ruf ist ohnehin schon ruiniert.“

Ungeduldig hielt er ihr einen Stift unter die Nase. „Jetzt unterschreib bitte!“

Lizzy stieß einen Seufzer aus. „Streich die Passage über das Sorgerecht im Scheidungsfall“, verlangte sie mit fester Stimme.

Ohne ein Wort des Protests nahm Luc den Vertrag zur Hand, fand die Klausel und durchkreuzte sie mit zwei schnellen Strichen. Dann setzte er schwungvoll seinen Namen darunter.

Nach kurzem Zögern unterschrieb auch Lizzy das Papier und besiegelte so ihr Schicksal. Dann reichte sie Luc den Vertrag und den Stift.

Er nahm beides entgegen, ließ es dann aber achtlos auf den Boden fallen. Im nächsten Augenblick fand Lizzy sich in seinen Armen wieder und spürte, wie er seine Zungenspitze fordernd zwischen ihre Lippen stieß.

Sein Kuss traf sie vollkommen unvorbereitet, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als rein instinktiv zu reagieren. Zum ersten Mal lernte sie die unbeherrschte Leidenschaft eines Mannes kennen. Ehe sie sich versah, hatte Luc sie schon auf seine Arme gehoben und trug sie zu seinem Bett.

„Nein“, protestierte sie, als er sie schwer atmend auf der Matratze absetzte. Anstatt sich zu ihr zu gesellen, blieb er aufrecht stehen und starrte sie schweigend an.

„Damit wäre schon wieder ein Teil deiner Schulden getilgt, Miss Hadley“, sagte er rau und wandte sich zum Gehen.

Sie hatte gesehen und auch gespürt, wie erregt er war. Wieso ging er dann einfach? Sein Verlangen hatte sie tief berührt und ihre eigene Gier entfacht, aber jetzt schämte Lizzy sich für diese Gefühle. Wie sollte sie die Beziehung mit ihm bloß überstehen?

Ein Hubschrauber kam, um sie zur Hochzeit abzuholen. Glänzend in Weiß und Silber landete er direkt auf der Rasenfläche oberhalb des Sees. Schon früh am Morgen hatte ein namhafter Mailänder Modedesigner Lizzys Brautkleid geliefert. Er war seit ihrer Ankunft hier die erste Person außer Luc und der Dienerschaft, die Lizzy zu Gesicht bekommen hatte.

Sie wusste, dass ihr Vater sich bereits in Italien aufhielt. Aber leider hatten die Medien sich noch nicht wieder beruhigt, ganz im Gegenteil. Die Hochzeit war das Thema Nummer eins in der Klatschpresse. Lizzy hatte keine Ahnung, wie sie sich jenseits der geschützten Zone von Lucs Villa durchschlagen sollte.

Wenigstens stellte sie erleichtert fest, dass ihr Brautkleid nicht die geringste Ähnlichkeit mit Biancas hatte. Und es war unendlich schön: figurbetont, kostbar bestickt und mit weitem, schwingendem Rock. Es passte perfekt zu dem Make-up und der aufwendigen Frisur, die verschiedene Hairstylisten und Visagisten für Lizzy gezaubert hatten.

Sie vermisste ihre Freundin und hätte nur zu gern gewusst, warum Bianca so plötzlich mit Matthew fortgelaufen war. Außerdem war ihr unendlich wichtig, dass Bianca ihren ungewöhnlichen Plan absegnete …

Lizzys Vater wartete vor der Kirche auf sie. Er sah jünger aus als noch vor zwei Wochen, als Lizzy sich in Sussex von ihm verabschiedet hatte. Die Sorgenfalten waren verschwunden, allerdings stand ihm die tiefe Enttäuschung über das Verhalten seiner Tochter deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Du siehst wunderhübsch aus“, begrüßte er sie. „Wie deine Mutter.“

Wie deine Mutter! Mühsam kämpfte Lizzy gegen die aufsteigenden Tränen an, als er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab. Anschließend führte er sie in die Kirche, wo bereits unzählige neugierige Gäste auf die Ankunft der Braut warteten. Getuschelte Kommentare begleiteten sie auf dem Weg zum Altar, wo Lizzys zukünftiger Mann mit steinerner Miene auf sie wartete. Er trug einen edlen grauen Anzug und sah aus wie ein Filmstar.

Wo ist Bianca nur?, schoss es ihr durch den Kopf. Sie sollte an meiner Stelle hier sein.

Am liebsten wäre Lizzy einfach davongelaufen – vor Luc, vor der Hochzeit und vor dem Stigma, das ihr seit Kurzem anhaftete. Sie war nicht wie ihre Mutter, und die ganze Welt sollte es wissen!

Die gesamte Zeremonie erlebte sie wie im Traum. Sie begriff nur nebenbei, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt tatsächlich verheiratet wurde, und dass Luc diese Eheschließung mit einem langen Kuss besiegelte.

Ein Euro weniger Schulden, dachte sie wie betäubt und kam erst wieder richtig zu sich, als sie vor der Kirche die Stufen hinabgeführt wurde. Kameras blitzten um sie herum auf, und das gleißende Sonnenlicht blendete zusätzlich. Glücklicherweise wurde das Brautpaar so schnell wie möglich zu einer weißen Luxuslimousine geleitet, die ohne Verzögerung mit ihnen davonbrauste.

Die Stille um sie herum war erdrückend. Es war vorbei, Lizzy hatte es wirklich getan! Sie war mit dem Verlobten ihrer besten Freundin verheiratet. Hörbar schnappte sie nach Luft.

„Also hast du doch nicht vergessen, wie man atmet“, spottete Luc neben ihr.

Schweigend betrachtete Lizzy ihren schmalen, goldenen Ehering. Er zeichnete sich auf ihrem schlanken, gebräunten Finger leuchtend ab. Sie hatte nicht erwartet, dass Luc ebenfalls einen Ring tragen würde. Umso mehr war sie überrascht, als sie in der Kirche dazu aufgefordert wurde, ihm einen an den Ringfinger zu stecken.

Allerdings ging sie davon aus, dass diese Schmuckstücke, wie alle anderen Details des heutigen Tages, ursprünglich für Bianca ausgewählt worden waren. Lizzy machte eine vorsichtige Bemerkung darüber.

„Ganz so unsensibel bin ich nicht“, entgegnete er kühl. Dann wurde sein Blick weicher. „Du siehst hinreißend aus in diesem Kleid, bellissima. Keiner der heute Anwesenden hat daran gezweifelt, dass ich dich – und nur dich – heiraten will.“

„Mission erfüllt“, erwiderte sie sarkastisch.

Kämpferisch hob sie ihr Kinn und blickte ihm zum ersten Mal an diesem Tag direkt in die Augen, bereute es allerdings in der gleichen Sekunde. Luc sah atemberaubend gut aus – ein perfekter Prinz, den sie sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen unter den Nagel gerissen hatte.

„Du fühlst dich hintergangen, was?“, erkundigte er sich.

Wunderte ihn das wirklich? Dieser ganze Tag war eine einzige Lüge. So hatte sie sich ihre Hochzeit sicherlich nicht vorgestellt. Zudem war ihre beste Freundin spurlos verschwunden, und ihr Vater machte ihr statt stolzer Komplimente nur subtile Vorwürfe.

Sie stöhnte auf. „Ich habe meinen Vater zutiefst verletzt.“

„Und jetzt läufst du auch noch Gefahr, mich zu enttäuschen“, wandte er ein. „Wir haben eine Abmachung. Es ist unser beider Pflicht, nach Kräften an dieser Ehe zu arbeiten.“

Er spricht von der Anziehungskraft zwischen uns, dachte Lizzy und presste die Lippen zusammen.

Luc streckte seine Hand aus und legte seine Finger sanft an ihren Mund. „Vorsicht, la mia moglie bella, bring dich mit dieser scharfen Zunge nicht unnötig in Schwierigkeiten!“, riet er ihr.„Dein Vater wird seine Enttäuschung schon bald überwinden, wenn er feststellt, wie viel Geld ihm unsere Verbindung einbringt. Und ich werde dich meinerseits von meinen Qualitäten als Ehemann überzeugen, sobald ich ein Bett in unserer Nähe sehe“, fügte er mit seidenweicher Stimme hinzu, und seine Augen verdunkelten sich. „Hör auf, in Selbstmitleid zu baden, und besinne dich darauf, wer du jetzt bist, Signora de Santis! Dieser Name macht dich zu meiner Frau, meiner Geliebten und der Mutter meiner Kinder.“

Mit einer abrupten Bewegung entwand sie sich seiner Berührung.„Das war eine wirklich gute Vorstellung“,bemerkte sie abfällig. „An Arroganz und Selbstzufriedenheit kaum zu übertreffen. Das sollte mich aber auch endgültig auf meinen niederen Platz verweisen, was?“

„Hat es das etwa nicht?“

Lizzy funkelte ihn wütend an. „Du bist noch immer ein unausstehlicher Kerl, der mich erpresst hat, um seinen Ruf zu retten.“

„Glaubst du, da draußen gibt es keine Frauen, die sich glücklich schätzen würden, in deiner Lage zu sein?“

„Hunderte bestimmt“, erwiderte sie kühl. „Aber um die wolltest du dich anscheinend nicht bemühen.“

Mit einem Ruck zog er Lizzy zu sich heran und verschloss ihren Mund mit einem harten Kuss. Sie fühlte sich erhitzt und schwindelig, und ihr Atem kam stoßweise.

„Wie du siehst“, raunte er, „brauche ich mich um nichts und niemanden zu bemühen.“

Seine Bemerkung war für Lizzy buchstäblich ein Schlag ins Gesicht, nachdem sie sich seinem Kuss so bereitwillig hingegeben hatte. Ihr Kleid war zerknittert, und mit zitternden Fingern fuhr sie sich über die leicht geschwollenen Lippen.

„Ich habe dich schon einmal gewarnt, cara. Dieses Spielchen beherrsche ich besser als du. Wenn du schlau bist, forderst du mich nicht ständig wieder heraus!“

Als sie die Villa erreichten, stellte Lizzy erstaunt fest, dass der Blick auf den See durch riesige weiße Stoffwände versperrt war. Die Presse belagerte weiterhin das Grundstück, um den ein oder anderen Schnappschuss des Skandalpaares zu erhaschen. Aber die Stoffbahnen schirmten Lizzy und Luc vor unerwünschten Blicken ab.

Endlich kann ich wieder ungestört ins Freie gehen, dachte Lizzy sofort erleichtert.

Trotzdem fühlte sie sich von den glanzvollen Feierlichkeiten extrem eingeschüchtert. Bianca hätte all die Aufmerksamkeit und den Wirbel um ihre Person sicherlich in vollen Zügen genossen, doch sie wäre am liebsten abgetaucht und klammheimlich verschwunden, aber das war am heutigen Tag natürlich unmöglich. Sie musste an der Seite ihres Ehemanns ausharren und die Gäste begrüßen, die ebenfalls aus der Kirche zur Villa gefahren kamen.

Seine Gäste!, rief sie sich ins Gedächtnis. Es ist allein sein Tag.

Keiner ihrer Freunde war eingeladen worden, nur ihr Vater, der einen unverzeihlichen Gesichtsausdruck aufsetzte. Flehentlich sah Lizzy ihn an, als er sie steif umarmte, doch seiner Miene nach zu urteilen, hoffte sie vergebens auf seine Gnade.

Und Luc schien nicht zu verstehen, wie furchtbar es für Lizzy war, sich ihrem Schicksal mutterseelenallein stellen zu müssen. Ein Leben lang hatte sie um die Anerkennung ihres Vaters gekämpft – vergebens.

Lächelnd ertrug sie die sensationsgierigen Blicke der Gäste, die höflich vorgetragenen Kommentare und subtilen Andeutungen, während Luc eng an ihrer Seite blieb. Nach einer Weile mischten sie sich unters Volk, aßen ein wenig von dem üppigen Luxusbüfett und tranken ein Glas Champagner. Dennoch gelang es Lizzy nicht, sich zu entspannen.

Sie beneidete Luc um seine Stärke und Unantastbarkeit. Keiner der Kommentare seiner Freunde und Kollegen schienen ihn aus der Ruhe bringen zu können. Offenbar hatte er Nerven aus Stahl und war fest entschlossen, den Leuten eine überzeugende Darstellung seiner wahren Liebe zu bieten.

Allerdings spürte Lizzy den Griff an ihrer Hand oder Taille immer etwas fester werden, wenn in ihrer Nähe über die vermeintlich arme Bianca getuschelt wurde. Aber sie konnte nicht einordnen, ob seine Reaktion Wut oder Schmerz ausdrückte, denn seine Miene blieb grundsätzlich steinern.

Von Zeit zu Zeit sah sie ihren Vater aus dem Augenwinkel. Gern wäre sie zu ihm gegangen und hätte sich nach Matthew erkundigt, aber wann immer sie es versuchte, lenkte Luc sie eilig in die entgegengesetzte Richtung.

Der Nachmittag zog sich endlos in die Länge, und Lizzy fiel das aufgesetzte Lächeln zunehmend schwerer. Als Luc sich ihr endlich zuwandte und sagte, es wäre allmählich an der Zeit, sich umzuziehen, war sie aufrichtig erleichtert. So sehr, dass sie sich nicht einmal fragte, warum sie sich ihres Brautkleids entledigen sollte.

Carla, das Dienstmädchen, verriet ihr wenig später den Grund. „Zu schade um das schöne Stück“, rief sie bedauernd und strich über den feinen Stoff. „Ihre Sachen sind schon alle gepackt. Es muss wahnsinnig aufregend sein, zu einer geheimen Hochzeitsreise entführt zu werden?“

Eine Hochzeitsreise?

5. KAPITEL

Oh, bitte nicht, dachte Lizzy hilflos. Diese ganze falsche Romantik zerrte an ihren Nerven.

Als sie fertig umgezogen war und ins Erdgeschoss zurückkehrte, wartete Luc bereits unten an der Treppe auf sie. Bei jedem Schritt schwang das weit geschnittene grüne Kleid locker um ihre Knie. Auch er hatte die Kleidung gewechselt und trug nun einen hellen Leinenanzug und darunter ein schlichtes T-Shirt. Er sah damit cool, sexy und unheimlich schick aus.

Aber es war der Ausdruck in seinen Augen, der Lizzy am meisten irritierte. Sie verlangsamte ihre Schritte, und ihr Herz schlug schneller. Als sie vor ihm stehenblieb, nahm er ihre Hand und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe.

„Du siehst zauberhaft aus“, flüsterte er in ihr Ohr.

Für einen Sekundenbruchteil schloss sie die Augen. „Wo fahren wir hin?“, wollte sie wissen und sah sich unsicher nach den wartenden Gästen um.

„Na, wo alle frisch verheirateten Paare hinfahren“, gab er zurück und half ihr in einen leichten Sommermantel. „Schließlich wollen wir allein sein.“

„Aber ich will nicht mit dir allein sein“, protestierte sie leise.

„Willst du nicht? Das macht mich fertig.“ Ironisch zog er eine Augenbraue hoch.

„Können wir nicht einfach hier bleiben?“, fragte sie eilig. „Ich habe mich hier so eingewöhnt. Die Villa ist urgemütlich.“

Behutsam löste er ihre Haare aus dem Mantelkragen. Dann sah er sie mit seinen dunklen, golden funkelnden Augen an. „Es ist alte Tradition, auf Hochzeitsreise zu gehen.“

Mit einer Handbewegung zeigte sie auf die Gästeschar im Garten. „Wenn wir gehen, lösen wir doch diese schöne Feier auf.“

„Jetzt soll ich auch noch unsere Gäste hinauswerfen?“

Deine Gäste!“

„Vorsicht, cara“, warnte er sie. „Wir wollen doch nicht wieder aneinandergeraten? Schon gar nicht vor so vielen Zeugen.“

„Ich meine doch nur, wir könnten genauso gut hier in der Villa bleiben.“

Bevor sie realisierte, was Luc vorhatte, riss er sie in seine Arme und presste seinen Mund auf ihre Lippen. Ihr stockte der Atem, und um sie herum vernahm sie unterdrücktes Gemurmel.

Im nächsten Augenblick breitete sich eine wohlige Wärme in ihrem Innern aus, und Lizzy gab sich ihm widerstandslos hin. Das leise Gelächter der Gäste nahm sie wie aus weiter Ferne wahr.

Erst nach einer Weile ließ Luc sie wieder los. „Die Show muss weitergehen!“, raunte er ihr zu.

Zutiefst verwirrt über diese eindrucksvolle öffentliche Ermahnung, nickte Lizzy. Ihre Wangen waren gerötet, als sie sich von Luc an den applaudierenden Menschen vorbei zur Haustür führen ließ. Draußen auf dem Rasen wartete schon der startbereite Helikopter auf sie.

Ruckartig drehte sie sich zu Luc um. „Ich kann nicht abreisen, ohne mit meinem Vater zu sprechen.“

Er zuckte unmerklich zusammen. „Dein Vater hat sich schon verabschiedet, um seinen Flug zurück nach Gatwick zu bekommen“, informierte er sie tonlos.

Eine gefühlte Minute lang bekam Lizzy keine Luft mehr. Diese Zurückweisung war an Härte nicht mehr zu übertreffen. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, und Lizzy schwankte leicht.

Mit einem unterdrückten Fluch packte Luc sie am Arm und führte sie eilig zu dem Hubschrauber. Schon wenige Minuten später schwebten sie über den Comer See, auf dem eine regelrechte Armada von angemieteten Booten vor sich hindümpelte. Ohne Zweifel zahlreiche Medienvertreter, die auf einen Schnappschuss des Brautpaares hofften.

Neben ihr richtete Luc sich kerzengerade auf. „Ignoriere sie einfach“, riet er ihr. „Schon bald werden sie dieses Spiels überdrüssig werden und sich der nächsten Sensation widmen.“

„Er ist gegangen, ohne sich von mir zu verabschieden“, flüsterte sie wie benommen.

„Immerhin muss er eine Firma retten.“ Ein kläglicher Versuch, sie zu trösten. „Du wirst einsehen, dass Hadley’s jetzt höchste Priorität für ihn hat.“

„Danke für diese Erklärung.“ Und das meinte sie ganz ernst.

Von da an setzten sie ihre Reise hauptsächlich schweigend fort, und schon eine Stunde später erreichten sie Linate Airport, wo ein Privatjet mit dem glänzenden Logo der de Santis für sie bereitstand. Der Innenraum des Fliegers war luxuriös ausgestattet, und das Bordpersonal las ihnen jeden Wunsch von den Lippen ab.

Der Start verlief reibungslos, aber Lizzy konnte nur darüber nachdenken, dass dies der schlimmste Tag ihres Lebens war. Sie fühlte sich wie nach einem schweren Flugzeugunglück – wie ein verletzter Beteiligter, der wie ferngesteuert umherirrte und nur noch instinktiv handeln konnte.

„Ich habe ihn fortgeschickt, als du dich umgezogen hast“, unterbrach Luc die Stille.

„Wieso?“, fragte sie fassungslos.

In seinen Augen blitzte es auf.

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