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Julia Extra, Band 298

ROBYN DONALD

Entführung aus Leidenschaft

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Robyn Donald

Entführung aus
Leidenschaft

1. KAPITEL

Fröstelnd stand Leola Foster am Fenster und schaute in die Nacht. Sie trug nur einen leichten Schlafanzug, und selbst im südlichsten Zipfel des Adriatischen Meeres war es dafür im März noch zu kühl.

Vor ihr, nicht weit von dem Haus, in dem sie wohnte, lag San Giustos Piazza, mit einer romanischen Kirche auf der einen und einem hohen steinernen Wachturm auf der anderen Seite. Zum Meer hin, am Ende des hohen Kliffs, standen die Überreste eines mittelalterlichen Schutzwalls und erinnerten daran, dass diese kleine Stadt auf der südlichsten der Illyrischen Inseln in der Vergangenheit ein begehrtes Ziel für Piraten gewesen war.

Leola hatte die Hoffnung auf Schlaf längst aufgegeben – dafür war der Traum, aus dem sie jäh erwacht war, noch zu deutlich in ihrem Gedächtnis. Sie wünschte, sie könnte die hässlichen Bilder beiseiteschieben, die wie ein Film ohne Ende an ihrem inneren Auge vorbeizogen.

Wie hatte sie nur so naiv sein können!

Nicht eine Sekunde war es ihr in den Sinn gekommen, dass Jason Durand versuchen könnte, intim zu werden. In den drei Monaten, seit sie in London arbeitete, hatte der Geschäftspartner und Liebhaber ihrer Chefin sie keines Blickes gewürdigt.

Mit einem bitteren Lächeln rief sie sich ins Gedächtnis, mit welch hohen Erwartungen sie Neuseeland verlassen hatte, fest überzeugt, ihrer zukünftigen Karriere einen großen Schritt näher zu sein. Schließlich war Tabitha Grantham eine weltberühmte Modedesignerin, ihr Name der Inbegriff von Eleganz und perfektem Schnitt.

Und Tabitha höchstpersönlich hatte ihr die Stelle angeboten, nachdem sie Leolas Minikollektion auf der Modewoche in Auckland gesehen hatte.

„Ihr Stil gefällt mir“, versicherte sie bei einem Drink in der luxuriösen Hotelsuite, die sie mit Jason Durand teilte. „Er ist eigenwillig, aber sehr tragbar. Ich glaube, Sie werden damit Erfolg haben. Es würde mich freuen, wenn ich Ihnen behilflich sein könnte. Sie werden bei mir eine Menge dazulernen, allerdings muss ich Sie warnen – ich zahle wenig und verlange sehr viel.“

Tabitha hatte nicht übertrieben – Leola schuftete wie ein Galeerensklave, doch das störte sie nicht. Die Welt der Mode war faszinierend und stimulierend und manchmal verwirrend, aber sie ließ sich keine Gelegenheit entgehen, ihre Technik zu verbessern und Neues zu lernen.

Und nur, weil Jason Durand plötzlich Lust auf ein kleines Abenteuer bekam, war jetzt alles für die Katz.

Ihr Blick wanderte über die dunklen Zypressen, die wie schlanke Türme entlang der zerfallenen Stadtmauer wuchsen. Schweigend lag San Giusto unter dem sternklaren Himmel. Das bezaubernde Städtchen, tagsüber so voller Leben, hatte nun etwas Abweisendes, fast Bedrohliches. Plötzlich sehnte Leola sich schmerzhaft nach Neuseeland – der salzigen Brise des Pazifiks, dem unverkennbaren Aroma des Regenwalds.

Was hinderte sie daran zurückzugehen? Wahrscheinlich blieb ihr sowieso nichts anderes übrig. London war ein teures Pflaster; hier würde sie sich nicht lange über Wasser halten können.

Stolz hob sie den Kopf. Nein, so leicht gab sie nicht auf; es entsprach nicht ihrem Naturell.

Als Erstes brauchte sie eine billigere Wohnung, denn ohne Tabithas Gehalt konnte sie sich ihr kleines Apartment in London nicht mehr leisten. Danach musste sie einen neuen Job finden.

Erbittert presste sie die Lippen zusammen. Der Teufel sollte Jason Durand holen! Dabei hatte sie ihn mit Händen und Füßen abgewehrt, als Tabitha ihn vor zwei Tagen bei ihr im Zimmer überraschte. Für ihre Chefin – genauer gesagt, Exchefin – machte das jedoch keinen Unterschied.

„Tut mir leid.“ Ihre Stimme war eisig. „Sie sind entlassen. Jason ist mir wichtiger als Sie.“

Daran bestand kein Zweifel. Aber war das ein Grund, sie wie ein dahergelaufenes Dienstmädchen vor die Tür zu setzen?

Leola straffte die Schultern. Die letzten Urlaubstage wollte sie sich nicht verderben lassen. Die Nacht war kühl, sie schmeckte salzig und duftete nach Kiefern. Und da sie nicht schlafen konnte, würde sie ein Weilchen spazieren gehen. Vielleicht brachte ihr das die ersehnte Entspannung.

Zehn Minuten später verriegelte sie die Tür ihres Zimmers und schlug den Weg zum Rand des Kliffs ein. Er führte über die Piazza, vorbei an dem alten Wachtturm. Viel sehen konnte sie nicht, denn in keinem der umliegenden Häuser brannte Licht, nur die Sterne funkelten wie winzige Diamanten am Nachthimmel. Der Platz war wie ausgestorben, und bis auf das dumpfe Geräusch der Wellen am unteren Ende des Kliffs herrschte Totenstille.

Eine Nacht wie aus einer antiken Legende, ging es ihr durch den Kopf. Alles, was fehlte, war ein gehörnter Gott, auf der Jagd nach ein paar leichtfüßigen Nymphen.

Der poetische Vergleich brachte ein Lächeln auf ihre Lippen, als sie die leere Piazza überquerte. Aber gleich darauf verschwand es, und sie verlangsamte den Schritt. Ein Prickeln lief ihr über den Rücken. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass sie nicht allein war – es sei denn, dass es sich dabei ebenfalls um ein Produkt ihrer Fantasie handelte. Sie widerstand der Versuchung, sich umzudrehen und die hinter ihr liegenden dunklen Häuser in genaueren Augenschein zu nehmen. Zum Glück trug sie schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt; dennoch atmete sie auf, als sie den Schatten des hohen Baums neben dem Wachtturm erreichte. Vorsichtig spähte sie in die Dunkelheit – und dann stockte ihr der Atem.

Gegenüber, vor der Kirche, schlich etwas die Mauer entlang. War es ein Mensch oder nur ein streunender Hund?

Leolas Puls beschleunigte sich, ihre fünf Sinne waren aufs Äußerste angespannt. Ihr Herz pochte so laut, dass es ihr in den Ohren dröhnte.

Kein Zweifel, aus dem Inneren der Kirche kamen mehrere Gestalten, eine nach der anderen. Langsam und geräuschlos bewegten sie sich in Richtung der alten Mauer.

Eine Taschenlampe flammte auf, und in der gleißenden Helle blickte Leola in das Gesicht eines Mannes. Gut aussehend, mit einem grausamen Zug um den Mund. Im nächsten Moment erlosch das Licht.

Ein Arm, hart wie Stahl, legte sich um sie. Eine Hand verschloss ihr den Mund und erstickte den Aufschrei in ihrer Kehle. Sie wehrte sich verzweifelt, doch der Angreifer zerrte sie rücksichtslos nach hinten in eine Vertiefung in der Mauer des Wachtturms.

Panik ergriff sie. Was sollte sie tun? Umdrehen und dem Mann – denn eine Frau konnte es nicht sein – das Knie zwischen die Beine rammen? Aber sein Arm hielt sie eisern umklammert und nahm ihr jede Bewegungsfreiheit. Sie versuchte, die Hand auf ihren Lippen zu beißen, mit dem Ergebnis, dass er den Druck verstärkte, bis sie kaum noch atmen konnte. Sie fühlte, wie ihr die Sinne schwanden; gleich würde sie in Ohnmacht fallen. Anscheinend war er sich dessen bewusst, denn er lockerte seine Hand ein wenig.

Ein leises Kratzen und gleich darauf ein unterdrückter Fluch unterbrachen die Stille. Mit angespannten Muskeln wartete Leola, dass das Geräusch den Unbekannten ablenken und ihr eine Gelegenheit zur Flucht geben würde. Die Hoffnung erfüllte sich nicht – er machte nicht die kleinste Bewegung.

Den stählernen Muskeln nach war er der reinste Athlet und viel größer als sie. Und er …

Er roch ausgesprochen gut.

So irrsinnig es auch war, ausgerechnet dieser männliche Duft hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. Allerdings war die nur von kurzer Dauer, denn im nächsten Moment wurde sie unbarmherzig durch eine Öffnung ins Turminnere gezogen. Dabei flüsterte er ihr kaum hörbar ins Ohr: „Keine Angst. Es geschieht Ihnen nichts.“

Er sprach Englisch! Woher wusste er, dass sie die Sprache verstand?

Ein Türschloss schnappte zu, dann herrschte pechschwarze Finsternis. Um sie her roch es nach Moder.

„Bald haben Sie es geschafft“, fuhr der Unbekannte im gleichen Flüsterton fort. „Passen Sie auf, es kommen gleich Stufen.“

Leola lief es eiskalt über den Rücken. Was hatte der Mann mit ihr vor? Würde er sie, sobald sie das Turmende erreichten, hinunterstoßen? Sie musste ihm entkommen, aber wie?

Sie versuchte es mit einem simulierten Schwächeanfall, doch er ließ sich nicht täuschen. „Hören Sie mit dem Theater auf, es nutzt Ihnen nichts“, befahl er brüsk, während er sie ungerührt die Treppe hinaufdrängte. „Sie haben nichts von mir zu befürchten.“ Er sprach ausgezeichnetes Englisch, wenn auch mit einem leichten Akzent.

Trotz ihrer Angst stieß sie leise Flüche aus, und er lachte.

Nach ein paar weiteren Stufen erreichten sie eine Plattform, wo er sie durch eine geöffnete Tür in einen fensterlosen Raum schob, von dessen Decke eine Glühbirne hing. Er ließ sie los und nahm die Hand von ihrem Mund. „Ich glaube, hier sind wir hoch genug.“

Sie schrie so laut sie konnte. „Kleine Furie“, bemerkte er mit einem Anflug von Spott. Er drehte sich zur Tür und verriegelte sie, dann wandte er sich wieder um.

Leola schluckte. In dem dämmrigen Licht sah er aus wie jemand aus einem Heldenepos. Sein Teint war dunkel, das Haar kohlschwarz. Er hatte den Körperbau eines Wikingers – groß, breitschultrig, mit schmalen Hüften und langen Beinen – und die arroganten Züge eines Eroberers. Er lächelte, doch die hellgrauen Augen blieben kalt. Wie Eisschollen, dachte sie benommen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und unwillkürlich wich sie vor ihm zurück.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“

Er musterte sie schweigend. Plötzlich kniff er die Augen zusammen und neigte sich vor. „Ich habe Sie verletzt“, sagte er brüsk. „Das wollte ich nicht, es tut mir leid.“

Jetzt spürte sie es auch. Vorsichtig fuhr sie mit der Zungenspitze über die Unterlippe und schmeckte Blut. „Was tut Ihnen leid? Dass Sie mich überfallen und hierhergeschleppt haben?“

Er reichte ihr ein Taschentuch. „Hier. Wischen Sie es sich ab.“

Automatisch betupfte sie die Lippe, bevor sie ihm sein Eigentum zurückgab. „Danke. Es ist nur ein Kratzer.“

Er lachte. „Ihrer Schönheit tut es jedenfalls keinen Abbruch.“ Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, beugte er den Kopf und küsste die verletzte Stelle mit einer Sanftheit, die überhaupt nicht zu ihm passte.

„Wa…was soll das?“, stammelte sie.

„Damit es schneller heilt. Hat Ihre Mutter das nicht getan, als Sie klein waren?“

Ihre Mutter? Sie war nie sehr zärtlich gewesen, zumindest nicht mit ihren Töchtern.

„Ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht“, entgegnete sie abweisend.

„Was hatten Sie um drei Uhr morgens auf der Piazza zu suchen?“

„Auch das geht Sie nichts an. Vielleicht das Gleiche wie Sie?“ Herausfordernd erwiderte Leola den durchdringenden Blick.

„Das bezweifle ich. Bitte antworten Sie, ich frage nicht zum Vergnügen.“

„Ich ging spazieren, wenn Sie es genau wissen wollen. Weil ich nicht schlafen konnte. Ist das verboten?“

„Sind Sie jemandem begegnet?“

„Ja. Einem Kidnapper.“

„Für Späße ist jetzt nicht der richtige Moment. Ihre Antwort ist wichtig.“

„Ich spaße durchaus nicht. Und weshalb ist meine Antwort so wichtig?“

Leolas Selbstsicherheit war nur gespielt. Entkommen konnte sie nicht, und mit Ausflüchten würde er sich nicht abspeisen lassen. Doch aus irgendeinem Grund glaubte sie, was er gesagt hatte – dass sie von ihm nichts zu befürchten habe. War es Instinkt? Und wie sicher war ihr Instinkt?

„Ich frage Sie noch einmal – haben Sie etwas Verdächtiges gesehen oder gehört?“

Sie dachte an die undeutlichen Gestalten und das Gesicht im Schein der Taschenlampe. „Woher weiß ich, dass ich Ihnen vertrauen kann?“

Mut hat sie, ging es Nico durch den Kopf. Und wunderschöne blaugrüne Augen. Ich hätte sie nicht küssen sollen, was habe ich mir bloß dabei gedacht?

„Das wissen Sie nicht. Also? Was haben Sie gesehen?“

Sie zögerte, dann gab sie sich geschlagen. „Ein paar undeutliche Gestalten, die an der Kirche entlangschlichen.“

„Keine Gesichter?“

Wieder zögerte sie, und Nico wusste, sie hatte den Mann, hinter dem er her war, gesehen, als die Taschenlampe aufgeflammt war.

Schweigend musterte er ihr verschlossenes Gesicht, dann traf er einen Entschluss. Wenn sie zu Pavelis Bande gehörte, musste sie unschädlich gemacht werden. Wenn nicht, war sie in Gefahr. In beiden Fällen musste sie verschwinden.

„Ich fürchte, ich habe keine Wahl als Ihren Urlaub abzubrechen“, sagte er und fügte, als sie erblasste, hinzu: „Keine Sorge, es geschieht Ihnen nichts. Sie werden ein paar Tage in einem komfortablen Haus wohnen, wo sich nette Menschen um Sie kümmern. Nur verlassen können Sie es leider nicht.“

„Mit anderen Worten, ich bin Ihre Gefangene.“

„Ich würde es vorziehen, Sie betrachten sich als meinen Gast.“ Er verbeugte sich ironisch.

„Gäste werden nicht eingesperrt“, entgegnet Leola eisig. „Was geht hier vor?“

„Darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Sonst müsste ich Sie danach … äh … beseitigen.“

Sprachlos sah sie ihm ins Gesicht. Meinte er das im Ernst? Unmöglich! So etwas kam nur in Krimis vor, nicht im wirklichen Leben. Sie spürte, wie sich die Härchen in ihrem Nacken sträubten.

„Es wird Ihnen gefallen. Und Sie sind in Sicherheit“, wiederholte er.

„Und … und Sie?“

„Falls es Sie tröstet – ich werde nicht dort sein.“

„Das wäre allerdings ein Trost – wenn ich Ihre großzügige Einladung annehmen würde. Da ich das nicht beabsichtige, ist es mir gleichgültig, wo Sie sind.“ „Zwingen Sie mich nicht, Gewalt anzuwenden. Denn das werde ich, sollte es nicht anders gehen.“

„So? Und wie, wenn ich fragen darf?“

„Mithilfe von Stricken, Knebel und Augenbinde.“ Ein unerbittlicher Zug lag um seinen Mund. „Allerdings würde ich lieber darauf verzichten.“ Leola schluckte. Kein Zweifel, er meinte jedes Wort ernst. „Wie sieht die Alternative aus?“ „Sie versprechen mir, dass Sie weder schreien noch Schwierigkeiten machen.“

„Ist das alles?“

„Was die Fesseln und den Knebel betrifft, ja. Die Augen muss ich Ihnen trotzdem verbinden.“

Wütend funkelte sie ihn an. „Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen bei meiner eigenen Entführung helfe? Glauben Sie, ich bin wahnsinnig?“

„Nein, nur viel zu vorlaut“, spöttelte er und küsste sie auf den Mund, als wäre das ganz natürlich. Nicht sanft wie zuvor, sondern wie ein stürmischer Liebhaber.

Leola erstarrte. Dann lief es ihr heiß und kalt über den Rücken; und ihr Puls beschleunigte sich. Seine Lippen brannten wie ein Feuer. Empfindungen, die sie nicht kannte und gegen die sie vergeblich ankämpfte, überwältigten sie und verdrängten jedes Gefühl von Furcht – bis sie den scharfen Stich einer Nadel im Nacken spürte.

Überrascht zuckte sie zusammen, dann riss sie sich los und sah voll Entsetzen zu ihm auf. Sie hörte noch, wie er sagte „Haben Sie keine Angst, nichts wird Ihnen geschehen“, dann wurde es schwarz vor ihren Augen, und sie verlor die Besinnung.

Nico betrachtete die schlaffe Gestalt in seinen Armen, dann wandte er sich dem Mann zu, der durch eine Geheimtür eingetreten war und jetzt mit einer Spritze in der Hand vor ihnen stand. „Wirkt das Zeug immer so schnell?“

„Wahrscheinlich ist sie besonders empfänglich dafür.“

„Jedenfalls danke ich dir.“ Seine Stimme klang harsch. „Ich bin froh, dass du so gut ausgerüstet warst. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Als Arzt habe ich immer ein Betäubungsmittel dabei, man weiß nie, wann es gebraucht wird.“ Sein Freund grinste. „Die Kleine hat dir ganz schön zugesetzt. Was ist los? Bist du aus der Übung?“

„Sie hatte Angst.“ Er betrachte das bleiche Gesicht. Selbst ohnmächtig sah sie hinreißend aus. Er spürte, dass sein Körper unwillkürlich reagierte. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal mit einer Frau geschlafen hatte? Er schob den Gedanken beiseite.

„Glaubst du, sie steckt mit Paveli unter einer Decke?“, fragte der Neuankömmling.

„Ich weiß nicht.“

„Vielleicht ist sie seine Freundin.“

„Dem Akzent nach kommt sie aus Neuseeland. Ich bezweifle, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gibt. Andererseits, sie hat ihn auf der Piazza gesehen und wollte es mir verschweigen.“

Der Arzt musterte die leblose Gestalt. „Was ist, wenn sie dich erkannt hat – Hoheit?“

„Ein Grund mehr, sie in Sicherheit zu bringen, damit wir sie später ausfragen können.“

Leola erwachte in einem fremden Bett. Ihr Kopf dröhnte, und die Kehle war so trocken, dass sie kaum schlucken konnte.

„Bald geht es Ihnen besser“, sagte eine Frauenstimme neben ihr in stark akzentuiertem Englisch. „Hier. Trinken Sie etwas.“

Durstig leerte Leola das Glas Wasser, das man ihr an die Lippen hielt. Gleich darauf fiel sie wieder in einen unruhigen Schlaf.

Als sie erneut aufwachte, verharrte sie eine Weile und versuchte, sich zu erinnern. Nach und nach kam alles zurück – der nächtliche Spaziergang, die Gestalten vor der Kirche, das Gesicht des Mannes auf der Piazza. Ein Zittern durchlief sie, als sie an den grausamen Mund dachte.

Dann tauchte ein zweites Gesicht vor ihr auf – fesselnd und arrogant, mit Augen wie Eisschollen. Der Wikinger. Er hatte sie geküsst, und danach war alles schwarz um sie geworden …

Warum? Hatte man ihr einen Schlag versetzt? Vorsichtig betastete sie die Kopfhaut, spürte jedoch keine Verletzung. Dann erinnerte sie sich an den Nadelstich. Ein Betäubungsmittel also …

Er konnte die Spritze nicht verabreicht haben, demnach war eine zweite Person im Raum gewesen und der Kuss nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver.

Auf das sie auch prompt hereingefallen war. Welche Demütigung! Ein wildfremder Mann überfiel und entführte sie, und im nächsten Moment sank sie ihm in die Arme und ließ sich abküssen wie ein unreifer Teenager. Sie errötete vor Scham.

Zumindest lebe ich noch, dachte sie mit einem Anflug von Galgenhumor. Einen Mord plant er anscheinend nicht. Vielleicht beabsichtigt er, mich als Geisel zu benutzen. Oder er ist auf der Suche nach einer Gespielin für ein paar Nächte. Sie wusste nicht, wovor sie sich mehr fürchtete.

Sie war nicht prüde. An Freunden fehlte es ihr nicht, und mehr als einer hatte zu verstehen gegeben, dass er ihr gern näherkommen würde. Aber an flüchtigen Abenteuern war sie nicht interessiert, und für etwas Dauerhafteres hatte sie weder die Zeit noch die notwendige Energie. Beides brauchte sie, um zu werden, wovon sie seit Jahren träumte – eine erfolgreiche Modedesignerin.

Und ganz davon abgesehen bewies das Beispiel ihrer Mutter, dass Liebe oder Leidenschaft mit Schmerz und Demütigungen endete. Da war es besser, Jungfrau zu bleiben.

Aber bei seinem Kuss dachte ich weder an meine Laufbahn noch an meine Mutter!

Und jetzt war sie also seine Gefangene. Warum? Und für wie lange? Sie musste um jeden Preis eine Möglichkeit finden, hier wegzukommen. Die Frage war – wo befand sie sich überhaupt?

Ohne die Augen zu öffnen – man sollte annehmen, dass sie immer noch schlief – versuchte sie, sich von ihrer Umgebung ein Bild zu machen. Das Bett fühlte sich weich an und sehr bequem. Von draußen drang sanftes Wellengeplätscher ins Zimmer, aber nach Salzwasser roch es nicht. Stattdessen duftete es nach Blumen und Zypressen.

Ein leises regelmäßiges Geräusch, wie von einem Schaukelstuhl, sagte ihr, dass jemand im Zimmer war. Vorsichtig öffnete sie die Lider einen Spalt weit – am Fenster saß eine Frau mit einer Näharbeit auf dem Schoß. Rundlich, weder alt noch jung, das schwarze Haar zu einem Knoten zusammengefasst. Vermutlich eine Illyrerin. Und sie trug die Uniform einer Krankenschwester.

Als fühle sie sich beobachtet, hob die Frau den Kopf und lächelte. „Na? Aufgewacht?“ Sie stand auf, trat ans Bett und fasste automatisch nach Leolas Handgelenk.

„Wo bin ich?“

„In Osita“, erwiderte die Pflegerin freundlich. Sie gab das Handgelenk frei. „Ihr Puls geht normal, das ist gut. Möchten Sie eine Kleinigkeit essen?“

Osita? Der Name kam Leola bekannt vor. Irgendwo hatte sie ihn schon gelesen oder gehört. Hungrig war sie nicht, aber wenn die Frau etwas zu essen holte, konnte sie aufstehen und sich ein wenig umsehen.

Sie nickte. „Ich werd’s versuchen.“

Zu ihrer Enttäuschung drückte die Pflegerin auf einen Klingelknopf neben dem Bett. „Etwas Leichtes, vielleicht einen Teller Suppe.“

„Vielen Dank.“

Gleich darauf klopfte es an der Tür. Die Frau ging aufmachen und sprach kurz mit einer Hausangestellten, bevor sie wieder ans Bett trat. „Bestimmt möchten Sie sich etwas frisch machen.“ Sie half Leola beim Aufsitzen. „Ich hole Ihnen Wasser und ein Handtuch.“ Sie verschwand durch eine zweite Tür.

Leola sah sich um. Einer Gefängniszelle ähnelte das Zimmer ganz gewiss nicht. Es war hell und geräumig, mit hohen Fenstertüren, die auf einen Balkon öffneten. Durch die schmiedeeiserne Balustrade erspähte sie grüne Hänge und tiefblaues Wasser. Jetzt erinnerte sie sich wieder an das Foto in der Illyria-Broschüre: ein See in den Bergen und eine kleine Insel mit einem Schloss: Osita.

Kein schlechter Ort für ein Gefängnis, ging es ihr durch den Kopf. Wie weit mochte es von der Insel zum gegenüberliegenden Ufer sein?

Die Pflegerin kam mit Waschschüssel, Handtuch und einer Haarbürste zurück. Voll Bewunderung bemerkte sie: „So schönes Haar!“

„Danke“, erwiderte Leola ein wenig verlegen. „Wem gehört das Schloss?“

„Dem Prinzen natürlich.“ Es hörte sich an, als gäbe es nur einen Prinzen, dessen Name alle Welt kannte. Als es erneut klopfte, eilte sie zur Tür.

Ein Prinz? Meinte sie Erbprinz Roman, den Herrscher der Illyrischen Inseln? Vor ihrer Abreise aus London war Leola in einer Zeitschrift auf sein Bild gestoßen. Der Mann sah aus wie ein griechischer Gott, doch ihr Wikinger war er nicht.

Die Wangen wurden ihr heiß. Ihr Wikinger? Wie kam sie denn darauf?

Aber wenn das Schloss Roman Magnati gehörte, dann hatte sie nichts zu befürchten. Der Mann war ein bekannter Großindustrieller, in der Schweiz aufgewachsen und erst vor einigen Monaten nach Illyria zurückgekehrt, um sein Erbe anzutreten. Und wenn ihr keine Gefahr drohte, warum war sie dann hier?

2. KAPITEL

Die Pflegerin kam mit einem Tablett zurück und stellte es vor Leola aufs Bett. Der verlockende Duft von Huhn, Zitrone und einer Spur Knoblauch verbreitete sich. „Guten Appetit“, sagte sie. „Die Suppe ist ein griechisches Gericht, mit Ei und Zitrone. Damit Sie wieder zu Kräften kommen.“

Verwundert stellte Leola fest, dass sie tatsächlich hungrig war. Sie aß die Suppe, eine Scheibe knuspriges Brot, und trank eine Tasse Milchkaffee. Danach schlief sie sofort wieder ein.

Am zweiten Tag fragte sie sich, ob man ihren Mahlzeiten ein leichtes Beruhigungsmittel beimischte. Es war nicht normal, dass sie so viel schlief. Als die Pflegerin das Zimmer verließ, stand sie vorsichtig auf – und wäre beinahe umgefallen. In ihrem Kopf drehte sich alles, als wäre sie betrunken.

Mit beiden Händen klammerte sie sich an den Sessel vor dem Fenster. Während sie mehrmals tief durchatmete, inspizierte sie den Garten: gepflegter Rasen, weit ausladende Bäume, dahinter eine kleine Sandsteinkapelle … Alles sehr schön, aber wo befand sich der Anlegesteg? Wahrscheinlich verdeckten ihn die hohen Baumkronen. Mit gekrauster Stirn schätzte sie die Entfernung zwischen der Insel und dem Festland. Sie war eine gute Schwimmerin, aber für diese Distanz brauchte sie ein Boot. Enttäuscht fragte sie sich, ob die Strecke zum Ufer auf der anderen Seite der Insel ebenso lang war.

Herausfinden konnte sie das nur, wenn sie ihre Umgebung auskundschaftete. Sie würde darauf bestehen, dass man ihr Spaziergänge gestattete. Vor allem durfte sie keine Medikamente mehr schlucken. So, wie sie sich im Moment fühlte, würde ihr schon nach ein paar Metern die Puste ausgehen.

Unwillkürlich verfinsterte sich ihre Miene. Na warte, Prinz So-und-So, dir werde ich es noch zeigen!

Die Tür ging auf, und Leola fuhr herum. Dabei wurde ihr schwindlig, sodass sie beinahe das Gleichgewicht verlor.

Schnell eilte die Pflegerin auf sie zu. „Sie dürfen sich nicht überanstrengen“, sagte sie tadelnd und nahm Leolas Arm, um ihr beim Hinsetzen behilflich zu sein. „Ich habe Ihnen etwas zu lesen gebracht“, sagte sie freundlich und legte ihr ein paar Modezeitschriften auf den Schoß, bevor sie wieder ging.

Lustlos blätterte Leola in den Magazinen. Sie nahm sich vor, so wenig wie möglich zu essen und nur aus dem Wasserhahn zu trinken. Sie musste um jeden Preis hier weg, und es gab niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte. Deprimiert warf sie die Illustrierten beiseite und sah gedankenverloren vor sich hin. Nach einer Weile fielen ihr die Augen zu.

Als sie erwachte, fühlte sie sich besser. Vorsichtig stand sie auf – auch ihre Beine waren nicht mehr so wackelig. Sie ging ins Bad, um ein Glas Wasser zu trinken, danach kehrte sie zum Sessel zurück.

Sie brauchte ihre Kleider, damit sie das Zimmer verlassen konnte, denn sie trug noch immer das Nachthemd mit den hübschen Stickereien, in dem sie vor zwei Tagen aufgewacht war.

Kurz danach klopfte es, und ihre Betreuerin kam herein. „Sie sehen aus, als ginge es Ihnen besser“, sagte sie lächelnd. „Dann bereite ich jetzt ein Bad für Sie, danach können Sie sich anziehen.“ Ohne die Antwort abzuwarten, ging sie ins Badezimmer.

Anscheinend konnte die Frau Gedanken lesen. Und ein Bad in der riesigen Wanne mit den altmodischen Klauenfüßen klang verlockend.

„Fertig“, verkündigte die Pflegerin, als sie zurückkam. „Möchten Sie, dass ich Sie bade?“

„Vielen Dank, aber das ist nicht notwendig“, versicherte Leola eilig. „Hmm …“ Sie schnupperte. „Was haben Sie ins Wasser getan? Es duftet himmlisch.“

„Nur ein paar Kräuter, die bei uns in den Bergen wachsen.“

Nach dem ausgiebigen Bad fühlte sich Leola bedeutend wohler. Sie trocknete sich mit einem der riesigen Frotteetücher, schlüpfte in den Seidenkimono, der für sie an der Tür hing, und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Auf dem gemachten Bett lagen eine Hose, eine Seidenbluse und Unterwäsche.

Leola blinzelte. Die Kleider waren nagelneu und trugen das Logo einer der bekanntesten Modeschöpferinnen Europas – Magda Wrights Schmetterling.

„Das sind nicht meine Sachen.“

Die Pflegerin nickte eifrig. „Doch, sie sind für Sie.“

„Und meine?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte die Frau nach kurzem Zögern.

Leola runzelte die Stirn. „Woher kommen diese Kleider?“

„Der Prinz hat sie geschickt.“

„Prinz Roman Magnati?“

„Oh nein, Prinz Nico Magnati, sein jüngerer Bruder. Prinz Roman ist Herrscher der Illyrischen Inseln, aber das hier …“, sie machte eine ausladende Handbewegung, „… gehört Prinz Nico.“

Dem schwarzhaarigen Wikinger also. Er besaß nicht nur Geschmack, sondern anscheinend auch ein gutes Auge für weibliche Dessous. Leola brauchte nicht auf das Etikett zu schauen, um zu wissen, dass die BH-Größe stimmte. Prinz Nico Magnati – war das nicht der Playboy-Prinz, von dem so oft in den Klatschblättern die Rede war? Kein Wunder, dass er sich auskannte.

Mit gerunzelter Stirn trat sie ans Fenster. Ihr Kidnapper war also Roman Magnatis kleiner Bruder. Das erklärte sein sicheres Auftreten und die Aura von Macht, die ihn umgab. Was sie nicht verstand, war, wie der Nachkomme einer uralten Aristokratenfamilie in ein zwielichtiges Unternehmen verstrickt sein konnte. Dieser Mann war gefährlich – und obendrein ausgesprochen sexy.

Plötzlich vernahm sie in der Ferne ein leises Brummen. Sie kniff die Augen zusammen und erblickte weit draußen auf dem See ein Motorboot, das auf die Insel zusteuerte. Unwillkürlich drehte sie sich zu der Pflegerin, die jetzt neben sie trat.

„Das ist der Prinz“, verkündete sie und warf einen strengen Blick auf Leolas Kimono. „Sie sollten sich anziehen, bevor er hier ist.“

Widerstrebend schlüpfte Leola in die teuren Sachen. So schön sie auch waren, der Gedanke, dass sie von jemandem kamen, der sie so anmaßend behandelte, verdarben ihr die Freude daran. Aber im Morgenrock wollte sie sich ganz gewiss nicht überraschen lassen.

Ihre Betreuerin verschwand, während Leola das goldbraune Haar mit der Bürste zu entwirren versuchte. Ihre Hände zitterten, was die Aufgabe nicht vereinfachte. Ungeduldig legte sie die Bürste beiseite und strich die langen Strähnen mit beiden Händen hinter die Ohren. Dann ließ sie sich in den Sessel fallen und atmete ein paarmal tief durch.

Die Pflegerin kam zurück und teilte ihr mit, dass der Prinz sie jetzt zu sehen wünsche. Leola stand auf, doch die andere schüttelte den Kopf: „Er kommt zu Ihnen herauf.“ Dann ging sie.

Mit zwiespältigen Gefühlen harrte Leola der Ankunft des Prinzen. Vielleicht war er ja gar nicht der Wikinger aus San Giusto, sondern jemand ganz anderer.

Er war es. Und er sah genauso arrogant und bedrohlich aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

„Prinz Nico Magnati, nehme ich an.“

Er lächelte. „Kein anderer.“ Er musterte sie eindringlich. „Was macht die Lippe?“

Sie errötete, als er sie an die kleine Verletzung und den Kuss erinnerte.

„Meine Lippe ist in Ordnung. Ich bin es weniger – dank Ihrer Spritze und den Beruhigungsmitteln, mit denen meine Mahlzeiten gewürzt werden.“

„Wie ich sehe, haben Sie nicht lange gebraucht, um dahinterzukommen“, meinte er spöttisch. „Maria sagt, Sie essen so gut wie nichts.“

Sein Ton irritierte Leola, und gleichzeitig lief ihr ein Prickeln über die Haut. „Ich lasse mich nicht mit Medikamenten vollstopfen. Warum tun Sie das?“

Nachlässig hob er die Schultern, aber die Stimme war kalt. „Anders konnte und kann ich Sie anscheinend nicht überzeugen, ein paar Tage lang von der Bildfläche zu verschwinden.“

„Warum sollte ich das?“, fragte sie ebenso frostig.

„Wenn man Sie auf der Piazza gefunden hätte, wäre es Ihnen übel ergangen. Und die Gefahr ist noch nicht vorüber.“

Bei seinen Worten versteifte sie sich. Meinte er das im Ernst?

Ruhig fuhr er fort: „Ich hoffe, niemand hat Sie gesehen, aber sicher bin ich nicht. Deshalb ist es besser, Sie bleiben ein paar Tage unsichtbar.“

„Und wie soll ich dem Inhaber der Pension mein plötzliches Verschwinden erklären?“

„Das ist bereits erledigt“, versicherte er mit einem sexy Lächeln. „Eine meiner Hausangestellten hat Ihre Sachen abgeholt und ihm ausgerichtet, dass Sie den Rest Ihres Urlaubs mit mir verbringen. Die Erklärung fand ich am einfachsten, und er hat sie auch anstandslos akzeptiert.“

Seine Unverschämtheit raubte Leola zunächst die Sprache. Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt, und sie zügelte nur mühsam ihr Temperament. Es sah nicht so aus, als könne sie seine Selbstkontrolle durch einen Wutanfall erschüttern.

„Warum haben Sie meine Sachen dann nicht hierherschicken lassen?“

„Weil ich nicht wollte, dass man Ihren Aufenthaltsort entdeckt. Ihr Gepäck befindet sich auf meiner Jacht, und die ist auf dem Weg nach Marokko. Mit uns beiden an Bord, wie man glaubt“, schloss er ironisch.

Es gehört wohl zu Ihren Gewohnheiten, Frauen zu kidnappen“, versetzte sie sarkastisch.

„Sie sind die Erste. Im Allgemeinen sind meine Gefährtinnen durchaus willig.“

Leola stieg das Blut in die Wangen. „Dann sagen Sie mir jetzt, wozu das ganze Theater notwendig ist.“

„Nein.“ Er machte eine Pause. „Sie werden mir jetzt in allen Einzelheiten erzählen, was sich vor zwei Nächten auf der Piazza zugetragen hat.“

Es war eindeutig ein Befehl. Alles in ihr sträubte sich dagegen, sich von diesem Mann herumkommandieren zu lassen. Außerdem …

„Ich habe Sie schon einmal gefragt – woher soll ich wissen, dass ich Ihnen vertrauen kann? Nach all dem, was Sie mir angetan haben …“

„Darauf kann ich Ihnen leider immer noch keine Antwort geben. Aber eines versichere ich Ihnen, Leola Foster. Alles, was ich getan habe, ist zu Ihrem Besten.“

Erbittert sahen sie einander an – Leolas Blick war rebellisch und voll Misstrauen, seiner kalt und entschlossen.

Schließlich gab sie nach. „Ich habe Ihnen bereits alles erzählt.“

„Alles?“

Sie dachte an den Mann mit dem grausamen sinnlichen Gesicht. „Sie müssen sie doch auch gesehen haben.“

„Wen?“

„Die Gestalten vor der Kirche. Ein paar Sekunden, bevor Sie auf der Bildfläche erschienen.“

„Welche Gestalten?“

„Sie tauchten ganz plötzlich auf, wie aus dem Nichts. Und sie machten nicht das kleinste Geräusch.“

„In welche Richtung gingen sie?“

„Zum Rand des Kliffs.“

Soviel sie wusste, führte von dort kein Weg hinab zum Meer. Außerdem gab es auch keinen Strand, lediglich Felsen. Wer würde mitten in der Nacht ein gefährliches Kliff hinunterklettern, obendrein zu einer Stelle, an der Boote nicht festmachen konnten? Nur jemand, der nicht gesehen werden wollte.

„Und das war alles? Undeutliche Gestalten, die sich auf das Kliff zubewegten?“

„Das und das Gesicht eines Mannes, als die Taschenlampe aufflammte. Er erinnerte mich an jemanden, den ich schon irgendwo gesehen habe. Vielleicht im Fernsehen oder in der Zeitung.“

„Aber Sie wissen nicht, wer er ist.“

„Nein.“ Trotzig fügte sie hinzu: „Sie haben ihn genauso gesehen wie ich. In dem Moment, als die Taschenlampe ausging, haben Sie mich von hinten gepackt.“

Ohne darauf einzugehen, sagte er kurz: „Es tut mir leid, aber Sie können die Insel nicht verlassen. Nicht, bevor Sie in Sicherheit sind.“

„Das ist unmöglich. Ich muss zurück nach London.“

„Warum?“

„Mein Flugticket verfällt in zwei Tagen, und ein neues kann ich mir nicht leisten, ebenso wenig wie eine Verlängerung meines Urlaubs. Außerdem bin ich berufstätig.“

„Hier wohnen Sie gratis, und den Job in London sind Sie los.“

„Woher wi…“ Sie verstummte, dann fuhr sie ihn wütend an: „Sie haben Auskünfte über mich eingeholt! Das ist eine Frechheit!“

„Ich weiß, dass Sie entlassen wurden. Nichts verpflichtet Sie zu einer sofortigen Abreise.“

„Sie können mich nicht zwingen.“

„Wer soll mich daran hindern?“

Außer sich vor Wut öffnete sie den Mund, um ihm mitzuteilen, wie sie über ihn und seine unerträgliche Arroganz dachte, doch er ließ sie nicht zu Worte kommen. „Hören Sie mir erst zu, bevor Sie mich mit Beschimpfungen überschütten. Ich kann Ihnen nicht sagen warum, nur dass Sie in Gefahr schweben. Ihre Sicherheit ist wichtiger als Ihr Zorn, so verständlich er auch ist. Ich kam in der Absicht, Ihnen Ihre Freiheit wiederzugeben, aber das kann ich jetzt nicht mehr. Wenn Sie durchaus nicht auf Osita bleiben wollen, schlage ich Ihnen einen Kompromiss vor.“

„Und der wäre?“

„Sie kommen mit mir nach London und wohnen in meinem Haus. Als meine neueste Eroberung oder Gefährtin oder Geliebte … nennen Sie es, wie Sie wollen. Für zwei Wochen oder länger.“

„Ihre …“ Leola glaubte, nicht richtig zu hören. „Sind Sie wahnsinnig? Das kommt nicht infrage!“

„Dann bleiben Sie hier. Osita ist im Frühling sehr schön, das reinste Blütenmeer.“

„Ausgeschlossen! Meine Bekannten und ehemaligen Kollegen werden sich fragen, was aus mir geworden ist; sie werden die Polizei verständigen und …“

„Nicht, wenn ich verlauten lasse, dass Sie meine Freundin sind und Ihren Urlaub verlängert haben.“ Nico lächelte zynisch. „Niemand wird Fragen stellen oder zur Polizei gehen. Tabitha Grantham am allerwenigsten – selbst wenn Sie noch bei ihr arbeiten würden. Sie ist eine gute Geschäftsfrau und weiß, dass mein Name, im Zusammenhang mit einer ihrer Angestellten, dem Unternehmen nur nutzen würde.“

Leola ballte die Fäuste. Sie wusste, was er sagte, entsprach der Wahrheit. Tabithas Respekt würde nicht geringer, sondern größer werden.

Nico Magnati war Multimillionär und sehr einflussreich. Ein Aristokrat, der mit den meisten Königshäusern Europas verwandt war. Eine Liaison mit ihm, lang oder kurz, wäre für sie ein großer Schritt nach vorn. Ihr Name käme in die Zeitungen und sie mit all den richtigen Leuten zusammen …

Andererseits, sie war nicht Tabitha Grantham, sondern Leola Foster. Eine talentierte ehrgeizige Modedesignerin, die auch ohne fremde Hilfe ihr Ziel erreichen würde.

Was war stärker? Stolz oder der Sinn fürs Praktische? Wenn sie zustimmte, war sie für immer mit dem Stigma der vorübergehenden Gespielin eines reichen Mannes behaftet. Wenn sie sich weigerte, saß sie hier fest. Möglicherweise für mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate, bis es ihm einfiel, sie gehen zu lassen. In London konnte sie sich nach einer neuen Arbeit umsehen und dann nach einer eigenen Wohnung. Und in einer Großstadt wäre es leichter, ihm zu entwischen.

„Warum wollen Sie mir nicht sagen, um was es bei der ganzen Sache geht? Und was mir eigentlich droht?“

„Weil es besser für Sie ist. Sie müssen sich entscheiden – hier als mein Gast, oder mit mir in London als meine Freundin. Sie haben die Wahl.“

„Ich bin eine lausige Schauspielerin. Und zusammenwohnen …“ Sie stockte. „Ich meine, wir kennen uns doch gar nicht.“

„Haben Sie Angst, ich könnte Ihnen zu nahe treten?“ Er verzog die Lippen. „In der Richtung brauchen Sie keine Bedenken zu haben. Ich bevorzuge willige Frauen, das habe ich Ihnen, glaube ich, schon gesagt.“

Sie schwieg. Wie sollte sie entscheiden? Keines der beiden Angebote gefiel ihr, und ein drittes gab es nicht.

Unmerklich straffte sie die Schultern. „Ist, was Sie tun, in irgendeiner Weise gegen das Gesetz?“

„Nein.“

„Ist es moralisch vertretbar?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das hängt davon ab, was Sie darunter verstehen. Vielleicht ist es nicht sehr moralisch, dass ich Sie vor die Wahl gestellt habe, was Ihnen in jeder Hinsicht missfällt. Da ich jedoch keine andere Möglichkeit sehe, Sie vor einem Mordanschlag zu schützen, nehme ich das gerne in Kauf.“

3. KAPITEL

Leola erblasste. „Unsinn! Ich …“

Sie verstummte, als Nico ihr die Hand unter das Kinn legte. „Ich spaße nicht“, sagte er ruhig. „Es ist sehr gut möglich, dass man Ihnen nach dem Leben trachtet.“

„Aber ich habe doch nur sein Gesicht gesehen!“ „Das ist mehr als genug.“

Jetzt bekam sie es wirklich mit der Angst zu tun. „Soll das heißen, ich muss mich von jetzt an verstecken?“

„Nur bis zu seiner baldigen Festnahme. Bis dahin stehen Sie unter meinem Schutz. Vielleicht bin ich übervorsichtig und niemand weiß, dass Sie in der Nacht auf der Piazza waren. Aber sich darauf zu verlassen, ist zu riskant. Wir haben es mit skrupellosen Verbrechern zu tun, die vor nichts zurückschrecken. Hier geht es um Geld – um sehr viel Geld.“

„Kennen Sie den Mann?“

Er trat einen Schritt zurück. „Warum fragen Sie?“

„Sie kennen ihn also. Demnach sind auch Sie in Gefahr.“

„Ich weiß, wie ich mich zu schützen habe.“ Er krauste die Stirn. „Nun? Wofür haben Sie sich entschieden? Osita oder London?“

„London“, sagte sie widerstrebend. „Ich brauche einen neuen Job.“

„Ähnlich wie der letzte?“

Weshalb interessierte ihn das? „Wenn möglich.“

Er nickte. „Aber nicht, bevor sich die Lage entschärft hat.“

„Das ist …“

„Kein Widerspruch! In diesem Punkt lasse ich nicht mit mir handeln. Sie sind in Gefahr, und damit müssen Sie sich abfinden. Also?“

Leola ergab sich in ihr Schicksal. „Da mir nichts anderes übrig bleibt … Wann soll es losgehen?“

Eine Stunde später, an Bord seines luxuriösen Privatjets, gestand Leola sich widerstrebend ein, dass dieser Ausflug ins Leben der oberen Zehntausend auch Vorteile hatte. Während sie Europa hinter sich ließen, war der Prinz in die Lektüre verschiedener Akten vertieft. Vor ihr stand ein Becher Kaffee, von dem sie hoffte, er würde die Spinnweben aus ihrem Gehirn vertreiben – eine Folge der Beruhigungspille, die Nico Magnati ihr vor dem Abflug verabreicht hatte.

Als könne er Gedanken lesen, hob er den Kopf und sah sie an. „Wie fühlen Sie sich?“

„Es ist mir schon besser gegangen“, entgegnete sie unfreundlich.

„Tut mir leid, aber das Risiko, dass Sie mir in letzter Minute davonlaufen, wollte ich nicht eingehen. Die Wirkung wird bald nachlassen.“

„Das hoffe ich.“ Sie verstummte, als der Steward mit einem Tablett erschien.

„Essen Sie! Das hilft.“

Diesem Befehl nachzukommen, war leicht, denn der Imbiss schmeckte vorzüglich. Leola entspannte sich und genoss sogar den Rest des Fluges.

Das änderte sich schlagartig, als sie das Haus des Prinzen erreichten. Wie nicht anders erwartet, wohnte er in Mayfair, Londons exklusivstem Viertel. Ihr Schlafzimmer war größer und eleganter als das in Osita und mit jedem erdenklichen Luxus versehen. Nur der Blick aus dem Fenster war nicht so schön.

„Ich schlage vor, Sie duschen und ruhen sich aus. Fliegen ermüdet.“ Er zeigte auf eine Tür. „Dort geht es ins Ankleidezimmer und ins Bad. Die Sachen aus Ihrer früheren Wohnung finden Sie im Schrank.“

„Sie waren in meiner alten Wohnung?“

„Eine meiner Hausangestellten.“

„Und der Besitzer hat ihr einfach …“

Er lächelte zynisch. „Ihr Vermieter war äußerst entgegenkommend.“ Mit einer leichten Verneigung verließ er den Raum.

Nach einer ausgiebigen Dusche fühlte Leola sich bedeutend wohler. Sie inspizierte den Kleiderschrank, in dem ihre spärliche Garderobe – fachgerecht gebügelt – aufgehängt war. Gähnend zog sie frische Unterwäsche an und kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Dort hatte man inzwischen die Bettdecke zurückgeschlagen und ein Tablett mit einer Karaffe, etwas Obst und Gebäck auf den Nachttisch gestellt. Sie ignorierte die Erfrischungen und holte sich ein Glas Wasser aus dem Bad. Dann kroch sie aufseufzend zwischen die kühlen Laken und schlief sofort ein.

Sie erwachte, als eine männliche Stimme sagte: „Leola … Wachen Sie auf! Sonst bekommen Sie heute Nacht kein Auge zu.“

Verschlafen drehte sie sich auf die Seite und murmelte etwas.

Sie hörte leises Lachen, dann spürte sie eine Hand auf der Schulter und war mit einem Schlag hellwach. Ein Prickeln lief ihr über die Haut, und sie öffnete die Augen auf.

Neben ihr auf der Bettkante saß der Prinz und schüttelte sie sanft. „Aufwachen! Oder wollen Sie im Bett essen?“

„Nein.“

Seine Finger brannten wie heiße Eisen auf der nackten Haut. Hastig zog sie das verrutschte Betttuch bis unter das Kinn. In den hellgrauen Augen glitzerte kaum verhülltes Verlangen, und entsetzt spürte sie, wie ihr Körper darauf reagierte.

Du willst ihn, dachte sie benommen. Du willst ihn ebenso wie er dich!

Oh Gott, das durfte nicht wahr sein!

„Wa…was fällt Ihnen ein, einfach hereinzukommen?“, stammelte sie. „Sie sagten, ich wäre … Sie würden mich …“

Mehrere Sekunden verstrichen, in denen keiner von ihnen sprach. Dann ließ er sie los und stand auf. „Keine Sorge.“ Seine Stimme klang rau. „Das Abendessen wird in einer halben Stunde serviert. Wenn es Ihnen lieber ist, lasse ich ein Tablett auf Ihr Zimmer bringen.“

Um ein Haar hätte sie das Angebot akzeptiert, doch dann erwachte ihr Stolz. „Nein danke. In ein paar Minuten bin ich unten. Wie soll ich mich anziehen? Förmlich oder …“

„Ganz wie Sie wollen.“ Er drehte sich um und verließ den Raum.

Mit klopfendem Herzen und rotem Gesicht kletterte Leola aus dem Bett. Ihr war, als spüre sie noch immer seine Hand auf der Schulter. Das Verlangen war gegenseitig gewesen, daran bestand kein Zweifel, und die Erkenntnis war ebenso beunruhigend wie stimulierend.

Sie dachte an ihre Eltern. War die Ehe in die Brüche gegangen, weil ihrer Mutter das Gleiche passiert war? Hatte sie ihren Mann und zwei kleine Töchter verlassen, weil sie dieser explosiven Mischung aus sinnlicher Erregung und faszinierender Anziehungskraft nicht widerstehen konnte?

Sie eilte ins Bad und erfrischte ihr heißes Gesicht mit kaltem Wasser. Giselle und sie waren nie über das, was ihre Mutter getan hatte, hinweggekommen und deshalb jeder ernsthaften Beziehung aus dem Weg gegangen. Beide waren sie davon überzeugt, dass Leidenschaft und Sex ihr Leben nur komplizieren konnte.

Einem Mann wie Nico Magnati war sie, Leola, allerdings noch nie begegnet.

Sollte sie ihrer Schwester von ihm erzählen? Giselles gesunder Menschenverstand wäre ihr im Moment mehr als willkommen, doch etwas hielt sie zurück. Zum ersten Mal konnte sie sich ihrer Schwester nicht anvertrauen. Anrufen musste sie sie dennoch, denn Giselle machte sich ihretwegen bestimmt schon Gedanken. Wie bei vielen Zwillingen existierte zwischen ihnen eine Art Telepathie – jede spürte, wenn mit der anderen etwas nicht stimmte.

Leola trocknete ihr Gesicht, dann überlegte sie, was sie anziehen sollte. Nach kurzem Zögern entschied sie sich für ein schmales Minikleid aus bronzefarbener Seide, das zu ihrer Haarfarbe passte, und ein Paar Sandaletten, welche die schlanken Beine noch um einige Zentimeter verlängerten. Als es an der Tür klopfte, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel und ging aufmachen.

Nico musterte sie anerkennend. „Sehr hübsch.“ Er reichte ihr den Arm. „Ich hoffe, Sie werden sich bei mir nicht langweilen. Mögen Sie Oper?“

„Das kommt darauf an welche. Warum fragen Sie?“ Seine Nähe war ausgesprochen verwirrend.

„Nur so. Es interessiert mich, was Ihnen gefällt.“

„Zeitgenössische Musik mag ich nicht, ansonsten so ziemlich alles. Die Klassiker am liebsten. Allerdings erwarte ich nicht, dass Sie für meine Unterhaltung sorgen“, fügte sie eilig hinzu.

Er öffnete die Tür zum Salon. „Wie wäre es mit einem Glas Champagner?“

Während er die Flasche öffnete und einschenkte, schaute sie sich so unauffällig wie möglich um. Wer weiß, wann sie das nächste Mal bei einem waschechten Prinzen zu Gast sein würde.

Wie in ihrem Zimmer waren auch hier moderner Komfort und antike Objekte geschmackvoll kombiniert. Die meisten Kunstgegenstände stammten mit Sicherheit aus Illyria, wie zum Beispiel das Ölgemälde an der gegenüberliegenden Wand, auf dem ein prunkvoll gekleideter Reiter mit hochmütigen Gesichtszügen auf einem stolzen Araber saß. Den Hintergrund bildete eine imposante Schlossfassade.

Leola warf einen verstohlenen Blick auf ihren Gastgeber. Abgesehen von den hellgrauen Augen war die Ähnlichkeit frappierend.

Natürlich erwischte er sie dabei. Auf das Gemälde deutend, fragte sie hastig: „Ist das einer Ihrer Vorfahren?“

„Ja, das ist Alexander der Vierte. Berühmt für seinen scharfen Verstand und berüchtigt für seine Grausamkeit auf dem Schlachtfeld. Er verliebte sich in die Tochter des damaligen Herrschers von Illyria. Da sie bereits einem der Söhne des Königs von Frankreich zugesprochen war, entführte er sie.“ Er reichte ihr das langstielige Champagnerglas.

Vorsichtig stellte sie es auf den kleinen Tisch neben ihr. „Kidnappen liegt anscheinend in der Familie“, sagte sie leichthin. „Ich hoffe, sie hat ihm das Leben zur Hölle gemacht.“

Nico quittierte die Spitze mit einem amüsierten Lächeln. „Das hat sie“, bestätigte er. „Aber sie liebte ihn auch, und sie wurden sehr glücklich miteinander. Nur musste er, um ihren Vater zu besänftigen, erhebliche Zugeständnisse machen. Bis dahin waren die Herrscher der Illyrischen Inseln dem König zwar durch den Treueeid verpflichtet, aber ansonsten autonom. Damit war es nach Alexanders Heirat vorbei.“

„Er muss sie in der Tat sehr geliebt haben.“

„Daran besteht kein Zweifel. Wir Magnatis sind bekannt für erfolgreiche Ehen.“ Er hob sein Glas. „Auf die große Liebe,“ sagte er ironisch.

„Auf erfolgreiche Ehen.“ Sie nahm einen Schluck – es war der beste Champagner, den sie je getrunken hatte.

„Glauben Sie nicht an die große Liebe?“

„Doch“, erwiderte sie kühl. „Ich finde nur, für eine gute Ehe ist sie nicht das Wichtigste.“

„Und was ist Ihrer Ansicht nach das Wichtigste?“

Unbehaglich zuckte sie mit den Schultern. „Gemeinsame Interessen, nehme ich an. Gegenseitiger Respekt … Vertrauen … Gefallen an der Gesellschaft des Partners. Und dabei denke ich nicht an Sex.“ Errötend hob sie das Glas an die Lippen.

Nico betrachtete sie nachdenklich. „Interessant“, meinte er. „Soll das eine Warnung sein?“

Eine direkte Frage verdiente eine ebenso direkte Antwort. Sie hob das Kinn und sagte: „An einer Affäre habe ich nicht das geringste Interesse.“

„Das trifft sich gut, ich nämlich auch nicht. Aber …“, sein Blick verhärtete sich, „… nach außen hin müssen wir den Anschein wecken, als hätten wir eine.“

„Ich habe Ihnen schon gesagt, ich bin keine Schauspielerin.“

Er stellte das Glas ab und kam auf sie zu. „Ich glaube, das ist auch nicht notwendig.“ Sanft berührte er den kleinen Puls an ihrer Kehle, dann neigte er den Kopf und berührte die Stelle mit den Lippen.

Leola wagte kaum zu atmen. Die Wirkung der leichten Liebkosung war erschreckend. Wie leicht es ihm fiel, gefährliche Empfindungen in ihr zu wecken! Fieberhaft überlegte sie, wie sie den Bann brechen sollte, bevor sie womöglich noch schwach wurde.

Im nächsten Moment hob er den Kopf. „Die Chemie zwischen uns stimmt, oder wollen Sie das bestreiten? Es dürfte uns nicht schwerfallen, den Leuten Sand in die Augen zu streuen.“

„Welchen Leuten?“, fragte sie, als sie ihre Stimme wiederfand. „Ich dachte, ich darf das Haus nicht verlassen.“

„Morgen Abend sind wir zu einem Empfang in der illyrischen Botschaft eingeladen. Es ist die ideale Gelegenheit, um in der Öffentlichkeit das verliebte Paar zu spielen. Danach wird sich niemand mehr fragen, weshalb wir nicht ausgehen, sondern lieber allein sind.“

Noch ganz benommen von dem sinnlichen Intermezzo, schüttelte Leola den Kopf. „Für einen Botschaftsempfang bin ich nicht in der richtigen Stimmung.“

Er lächelte, aber nur mit den Lippen. „Warum sind Sie so widerspenstig? Es ist eine Party wie jede andere.“

„Vielleicht für Sie, aber nicht für mich. Außerdem fehlt mir für so was die passende Garderobe.“

„Darum kümmere ich mich, machen Sie sich keine Gedanken“, sagte er kühl.

„Nein. Ich lasse mir von niemandem Kleider schenken, auch nicht von Ihnen. Wenn Sie darauf bestehen, dass ich mitkomme, ziehe ich das hier an.“ Sie zeigte auf ihr Kleid.

„Es steht Ihnen entzückend, aber für den Empfang ist es nicht das Richtige.“

„Das weiß ich selber“, murrte sie. „Aber weshalb sollte ich ein Outfit kaufen, für das ich keine Verwendung habe, wenn diese Gefahr, in der ich angeblich schwebe, vorbei ist?“

„Morgen Vormittag wird man Ihnen ein paar Modelle ins Haus bringen; von denen werden Sie sich eins aussuchen. Damit ist dieses Thema abgeschlossen.“

Wütend blickte sie ihn an. Waren alle Prinzen so selbstherrlich?

„Was die Gefahr betrifft …“, fuhr er unbeirrt fort, „… sie ist nicht angeblich, sondern reell. Vor einer Stunde bekam ich die Nachricht, dass man Auskünfte über Ihren Verbleib einholt. Und über Ihre Beziehung zu mir.“

Leola verspürte ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. „Woher wissen Sie das?“

„Von einem meiner Leute in San Giusto. Ich wollte es Ihnen verschweigen, um Sie nicht zu beunruhigen. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, dass Sie nichts zu befürchten haben, solange Sie bei mir wohnen.“

Seltsamerweise glaubte sie ihm. „Wie sind Sie eigentlich in diese Geschichte verwickelt worden?“, fragte sie neugierig.

Nachlässig zuckte er mit den Schultern. „Durch Zufall.“

Das konnte er anderen erzählen, aber nicht ihr.

„Kommen Sie.“ Er öffnete die Tür. „Sie müssen hungrig sein.“

Während des Essens zeigte sich Prinz Nico von seiner besten Seite. Sie unterhielten sich angeregt über Bücher, Tagesereignisse und den neuesten internationalen Skandal. Leola entdeckte, dass es ihr Spaß machte, die Klingen mit ihm zu kreuzen. Sie scheute sich nicht, ihren Standpunkt zu vertreten, und mehr als einmal kam es zu hitzigen Wortgefechten. Gleichzeitig erkannte sie, wie schwer es ihr fiel, seinem Charme zu widerstehen. Ein Lächeln von ihm, und sie spürte ein Prickeln auf der Haut. Ein Blick aus den hellgrauen Augen, und ihr Puls ging schneller. Es bedurfte all ihrer Willenskraft, um die verwirrenden Emotionen, die sie fühlte, nach außen hin zu verbergen.

Warum musste er, zusätzlich zu seinem Charme, auch noch so gut aussehen? Als er aufstand, um von dem gegenüberliegenden Wandregal ein Buch zu holen, folgte ihr Blick seiner hochgewachsenen Gestalt in dem tadellos sitzenden Anzug. Die Figur, der Gang, jede Bewegung – alles verriet den geborenen Athleten, der seine Kraft und Reflexe spielend kontrollierte.

Sogar seine Stimme erregte sie. Er benutzte sie wie ein Musikinstrument, dessen Register von samtweich und einschmeichelnd bis hart und entschlossen reichte. Nur der leichte Akzent tanzte ein wenig aus der Reihe …

Verdrossen drehte sie das Gesicht zur Seite. Wie oft hatte sie ihre Freundinnen ausgelacht, wenn sie wegen eines Mannes ins Schwärmen gerieten. Anscheinend war auch sie nicht immun dagegen.

Aber Prinz Nico war kein Mann, den man ungestraft anhimmelte. Er war gefährlich, und sie täte gut daran, diesem Tête-à-Tête ein Ende zu machen.

Den Stuhl zurückschiebend, stand sie auf. „Ich muss meiner Schwester in Neuseeland eine E-Mail schicken. Hätten Sie einen Computer, den ich benutzen kann?“

„Was wollen Sie ihr schreiben?“

„Dass es mir gut geht. Den Rest erwähne ich lieber nicht, sie würde sich nur Sorgen machen.“

Er nickte. „Ich gebe Ihnen ein Notebook.“

Nachdem er den kleinen Laptop – ein brandneues Modell – in ihrem Zimmer installiert hatte, ließ er sie allein, und Leola teilte ihrer Schwester kurz mit, wie gut es ihr auf den Inseln gefallen habe und wie kalt es in London jetzt sei. Dass Tabitha sie entlassen hatte, verschwieg sie, ebenso wie den nächtlichen Vorfall in San Giusto und seine unerwarteten Folgen.

Am nächsten Morgen kam eine ebenso kurze Antwort. Auf der Farm sei alles bestens, schrieb Giselle.

Nach dem Frühstück ließ der Prinz Leola in sein Arbeitszimmer bitten, wo er ihr mitteilte, dass ab heute ein Angestellter seines Sicherheitsdienstes zu ihrem Schutz im Haus wohnen würde.

„Ist das wirklich notwendig?“

„Ich weiß nicht, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Bevor ich gehe, mache ich Sie mit ihm bekannt.“ Eindringlich fügte er hinzu: „Unter keinen Umständen möchte ich, dass Sie das Haus ohne ihn verlassen. Ist das klar?“

„Okay.“ Jetzt hatte sie also einen Leibwächter.

„Kennen Sie Magda Wright?“

„Ich weiß, wer sie ist. Begegnet bin ich ihr nie.“

Magda Wright, die Tochter russischer Emigranten, war die Grande Dame der Mode, ihr Name ein Synonym für zeitlose Eleganz. Sie kleidete einige der reichsten und berühmtesten Frauen auf der ganzen Welt. Man sagte ihr nach, dass sie auch die Unscheinbarste in eine strahlende Diva verwandeln konnte.

„Sie war eine Freundin meiner Mutter“, erklärte der Prinz. „Ich habe sie gebeten, ein paar ihrer Modelle vorbeizubringen, damit Sie sich etwas aussuchen können. Ich glaube, Sie werden sich gut mit ihr verstehen – vorausgesetzt, Sie provozieren sie nicht allzu sehr.“

„Ich bin niemals unhöflich“, erwiderte Leola pikiert.

„Nur mir gegenüber.“ Er lächelte und klopfte ihr leicht auf die Wange, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch. „Wir sehen uns später.“

Magda Wright – klein, rundlich, in einem einfachen schwarzen Kleid – musterte Leola aus klugen, ein wenig neugierigen Augen. Sie war jedoch zu diskret, um irgendwelche Fragen zu stellen. Stattdessen sagte sie: „Ich würde mir gern Ihre Sachen ansehen.“

„S…sind Sie sicher?“

„Natürlich bin ich sicher.“

Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend führte Leola die Modeschöpferin auf ihr Zimmer. „Ich … ich sollte Sie am besten gleich warnen, dass ich keines Ihrer Modelle tragen werde.“

„Und warum nicht?“

„Weil …“ Leola zögerte, dann lächelte sie entwaffnend. „Weil ich lieber eins meiner eigenen Modelle vorführen möchte.“

„Und weil Sie nicht wollen, dass Prinz Nico für Sie zahlt. Stimmt’s?“

Leola hob das Kinn. „Das auch.“

Magda lächelte. „Ihre Antwort gefällt mir. Sie wollen also Eindruck schinden.“

„Wenn ich das kann …“

„Nun, wir werden sehen.“

Fachgerecht inspizierte Magda die Kleider in Leolas Schrank, überprüfte die Nähte, beurteilte den Schnitt. Schließlich wandte sie sich um und sagte: „Ich bin beeindruckt. Sie haben Stil.“

Leola wurde rot. „Vielen Dank.“

„Nico hat mir ein wenig von Ihnen erzählt. Und da ich eine neugierige alte Frau bin, habe ich mich auch selbst über Sie informiert. Ihre Entwürfe haben Charakter, sind aber äußerst geschmackvoll. Welches wäre Ihre Wahl für den Empfang heute Abend?“

„Ich … ich bin mir nicht sicher. Das hier vielleicht.“

„Ziehen Sie es an.“

Gehorsam schlüpfte Leola in ein schmales Kleid aus elfenbeinfarbener Seide. Es hatte lange Ärmel, einen ovalen Ausschnitt und deutete ihre Figur nur dezent an. Allerdings endete der Saum etwa zwanzig Zentimeter über den Knien.

Magda nickte zustimmend. „Bei Ihren Beinen können Sie sich das leisten. Welche Accessoires haben Sie im Sinn?“

„Seidene Strümpfe und Sandaletten im gleichen Ton.“

„Ausgezeichnet.“ Sie ging ins Schlafzimmer und öffnete einen der Koffer, die sie gebracht hatte. „Elegant und sexy, so hat Nico Sie beschrieben. Und er hat ein gutes Auge. Er sagt, Sie sind die typische Löwin.“

Leola errötete. „Wahrscheinlich denkt er dabei an meinen Namen und die Haarfarbe“, bemerkte sie verlegen.

„Das glaube ich nicht. Sie haben die angeborene Sicherheit und den Stolz der Frauen, die unter diesem Sternzeichen geboren sind – obwohl im Moment vielleicht beides ein bisschen angeknackst ist“, fügte sie scharfsinnig hinzu.

Leolas Wangen wurden noch eine Spur dunkler. Wusste Magda Wright von dem Zerwürfnis mit Tabitha Grantham? Verwunderlich wäre es nicht – in diesem Milieu verbreitete sich so etwas in Windeseile.

Nachdenklich fuhr die Designerin fort: „Bevor ich Sie kannte, dachte ich, dass ein Wort der Warnung nicht schaden könnte. Damit meine ich Ihre Beziehung zu Nico. Für Männer wie die Magnatis sind Frauen wie wir nicht mehr als ein Zeitvertreib. Als Lebensgefährtin suchen sie sich jemanden aus ihren Kreisen.“

„Das weiß ich“, versicherte Leola unbehaglich.

„Was Nico angeht … Seinen Ruf als Playboy finde ich, unter uns gesagt, übertrieben. Ich kenne ihn gut und weiß, dass er die Frauen liebt – und auch, dass er ein treuer und aufmerksamer Liebhaber ist, aber eben nicht mehr. Von einer festen Bindung war bei ihm bisher nie die Rede.“

Leola verspürte einen Stich. War sie etwa eifersüchtig? Dazu hatte sie weder das Recht noch einen Grund. Sie war nicht seine Geliebte und würde es nie sein.

Natürlich durfte sie das nicht laut sagen, und so erwiderte sie: „Danke für die Warnung, Magda. Obwohl sie nicht nötig war.“

Die Ältere nickte. „Das ist mir inzwischen klar. Dafür sind Sie zu stolz, zu ehrgeizig und zu klug. Trotzdem … Passen Sie auf, dass Sie sich nicht in ihn verlieben.“

„Keine Sorge.“

„Nico ist ein gefährlicher Mann.“

„Ich gebe zu, er ist sehr attraktiv.“

Magda Wright schwieg, dann sagte sie: „Das auch.“

4. KAPITEL

Leola krauste die Stirn. Was meinte die Frau mit dieser seltsamen Bemerkung?

„Seine Mutter war meine Freundin und eine hervorragende Konzertpianistin“, fuhr Magda fort. „Musik war Evgenyias Leben – Musik und ihr Mann, den sie vergötterte. Als er ermordet wurde, nahm sie sich das Leben.“

Leola erstarrte. „Prinz Nicos Vater wurde ermordet?“, fragte sie entsetzt.

„Vergiftet. Als der Diktator Paulo Considine in Illyria die Macht an sich riss, floh die Familie in die Schweiz ins Exil. Dort wurde Nicos Vater dann auf Considines Befehl umgebracht – und Evgenyia beging Selbstmord.“

„Wie alt war Nico – ich meine, der Prinz – damals?“

„Erst fünfzehn, fast noch ein Kind.“

Wir haben also etwas gemeinsam, ging es Leola durch den Kopf. Sie dachte an die Tragödie in ihrer eigenen Familie und sagte leise: „Das ist ein schlimmes Alter, um die Eltern zu verlieren.“ Giselle und ihr blieb damals wenigstens der Vater, auch wenn er, als seine Frau ihn verließ, ein bitterer und verschlossener Mann wurde. Und sie hatten Parirua – die Farm, auf der sie zur Welt gekommen und auch heute noch zu Hause waren.

Gerne hätte sie mehr über Nico und seine Eltern erfahren, doch sie wagte nicht, Fragen zu stellen. Dann klopfte es an der Tür, und Magda bemerkte: „Ich glaube, da kommt Ihr Prinz.“

Leola schluckte. „Herein“, sagte sie ein bisschen zu forsch.

Nico kam in den Raum und legte ihr den Arm um die Schulter. Da die Designerin sie offensichtlich für ein Paar hielt, konnte Leola ihn schlecht davon abhalten.

„Ich war zufällig in der Nachbarschaft. Da dachte ich, wir könnten zusammen Mittag essen.“

Bedauernd schüttelte Magda den Kopf. „Tut mir leid, aber ich habe einen Termin, den ich nicht verschieben kann.“

So wurde es auch diesmal wieder ein eher anstrengendes Tête-à-Tête. Als Nico während des Essens ans Telefon gerufen wurde, atmete Leola erleichtert auf. Seine Wirkung auf sie war alarmierend genug, doch was sie am meisten schockierte, war ihre eigene Reaktion. Sie erschien ihr wie ein Verrat an sich selbst.

Ihre einzige Leidenschaft war ihr Beruf. Kleider entwerfen, sich einen Namen in der Welt der Mode machen, war alles, wonach sie seit Jahren strebte. Um dieses Ziel zu erreichen, war sie bereit, jedes Hindernis zu überwinden.

Dass Gefühle ein Hindernis werden könnten, war ihr nie in den Sinn gekommen.

Nein, dachte sie, mit Gefühlen hat das nichts zu tun, nur mit Verlangen. Sinnlichem Verlangen. Lust, mit anderen Worten. Wenn ich mit ihm zusammen bin, kann ich an nichts anderes mehr denken.

Die Erkenntnis war ebenso deprimierend wie demütigend. Er war rücksichtslos, arrogant, eingebildet …

„Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat. Der Anruf war wichtig.“

Leola schrak auf, als Nico sich wieder an den Tisch setzte. „Das bezweifle ich nicht“, sagte sie, schärfer als beabsichtigt.

Überrascht hob er die Brauen, aber dann lehnte er sich zurück und fragte: „Wie sind Sie eigentlich bei Tabitha Grantham gelandet?“

„Das war Zufall.“ Im Nachhinein gesehen, kein glücklicher, ging es ihr durch den Kopf.

„Erzählen Sie!“

„Viel zu erzählen gibt es da nicht. Nach meiner Ausbildung in Neuseeland bekam ich eine Stelle bei einem der renommiertesten Modehäuser in Auckland. Letztes Jahr durfte ich auf der Neuseeland-Modewoche eine Minikollektion präsentieren, und die hat Tabitha gesehen. Sie machte gerade mit ihrem Geschäftspartner auf der Nordinsel Urlaub und wurde natürlich zu den Modeschauen eingeladen. Meine Modelle gefielen ihr, und sie schlug mir ein einjähriges Praktikum in ihrer Firma vor. Und da mein Chef damit einverstanden war, habe ich ihr Angebot akzeptiert. Es war eine Gelegenheit, die neuesten Trends kennenzulernen und Erfahrung zu sammeln.“

„Und weshalb sind Sie nicht geblieben?“

Leola reichte ihm eine Tasse Kaffee, bevor sie sich selbst bediente. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir nicht zusammenpassen.“

„Warum nicht?“

Eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen. „Offen gesagt geht Sie das nichts an.“

Er ließ sie nicht aus den Augen. „Man behauptet, Sie hatten eine Affäre mit Tabithas Partner.“

Verächtlich verzog sie den Mund. „Sie können Ihrem Informanten ausrichten, dass das nicht stimmt. Ich schlafe nicht mit Männern, die alt genug sind, um mein Vater zu sein.“

„Jason Durand ist wohlhabend und einflussreich. Und Sie sind sehr ehrgeizig“, fügte er mit einem Anflug von Zynismus hinzu.

Eisig erwiderte sie: „Was ich mir vorgenommen habe, schaffe ich auch ohne ihn.“

„Und was haben Sie sich vorgenommen? Den Rest Ihres Lebens die Launen reicher Kundinnen zu befriedigen?“

„Darum geht es nicht. Jede Frau möchte so schick wie möglich angezogen sein, nicht nur die reichen. Und auch nicht nur Frauen“, fügte sie mit einem vielsagenden Blick hinzu. „Oder wollen Sie mir erzählen, dass dieser Anzug und das Hemd von der Stange sind?“

„Nein. Ich finde es nur praktischer, nach Maß arbeiten zu lassen, weil ich größer bin als der Durchschnitt und sehr breite Schultern habe.“

„Natürlich …“ Ihr ironischer Blick besagte, was sie von seiner Erklärung hielt. „Und ich bin mit Leib und Seele Modedesignerin … und stolz auf meinen Beruf. Nicht nur die Reichen profitieren von der Mode, Tausende von Menschen arbeiten in der Branche. Nicht einmal Sie können bestreiten, wie wichtig sie für die Wirtschaft eines Landes ist.“

„Das käme mir nie in den Sinn“, versicherte er. Ihr Enthusiasmus gefiel ihm. „Ich vermute, Sie haben als kleines Mädchen schon Ihre Puppe nach der letzten Mode ausstaffiert.“

„Nicht nur meine Puppe … Unsere Mutter hatte einen kleinen Hund, einen Chihuahua, dem im Winter immer entsetzlich kalt war. Dem habe ich ein Mäntelchen genäht, mit vier passenden kleinen Stiefeln.“

Nico lachte. „Ich sehe ihn direkt vor mir …“

Bald darauf verabschiedete er sich, und Leola vertrieb sich den Nachmittag so gut sie konnte. Sie machte sich ein paar Notizen zu den Stickereien, die sie im Museum von San Giusto bewundert hatte, dann las sie ein wenig. Schließlich fielen ihr die Augen zu, und sie hielt einen verspäteten Mittagsschlaf.

Gegen Abend kam der Butler und teilte ihr mit, dass der Prinz leider nicht zum Dinner zurück sein könne. Er fragte, ob sie hier oder lieber im Speisezimmer essen wolle.

„In meinem Zimmer. Vielen Dank,“ fügte sie höflich hinzu, unsicher, ob sie Erleichterung oder Enttäuschung darüber empfand, auf Nicos Gesellschaft verzichten zu müssen.

Nach dem Essen, während sie das Kleid und die Accessoires für den Abend zurechtlegte, fiel ihr Magdas Warnung wieder ein. Natürlich hatte die Frau recht: Nico und sie verkehrten in zwei verschiedenen Welten. In ihrer begegnete man Prinzen als Ehemännern oder Begleitern verwöhnter Kundinnen, aber ansonsten hielt man sich von ihnen fern. Dass sie in Nicos Anwesenheit jedes Mal Herzflattern bekam, bewies nur, wie gut sie daran täte, Magdas wohlmeinenden Rat nicht in den Wind zu schlagen. Wie ihre Mutter wollte sie nicht enden.

Sie ging ins Bad, um zu duschen und sich zurechtzumachen. „Sex!“, informierte sie ihr Spiegelbild verächtlich, während sie sich auszog. „Gewöhnlicher Wald-und-Wiesen-Sex ist es, was dir im Kopf herumspukt. Vergiss es!“

Das war allerdings leichter gesagt als getan. Nico hatte nicht nur eine verheerende Wirkung auf sie, sondern auch die sprichwörtliche Büchse der Pandora geöffnet. Was hatte sie denn schon gewusst von tief empfundener Leidenschaft gegenüber einem Mann – von Sex ganz zu schweigen? Ihre äußerst begrenzte Erfahrung auf diesem Gebiet war ohne Zweifel auch der Grund, weshalb sie nun mit den neuen Empfindungen nicht zurechtkam.

Dass sie ihm gefiel und er es ihr zeigte, komplizierte die Dinge nur noch mehr. Mit jedem Blick, mit jeder Berührung unterminierte er ihre Vernunft und die guten Vorsätze. Ungebeten kam die Erinnerung an seine warmen Lippen an ihrer Kehle gestern Abend …

„Schluss jetzt mit dem Unsinn!“ Sie trat unter die Dusche, und um den gefährlichen Träumereien ein Ende zu machen, drehte sie den Kaltwasserhahn auf Maximum. Bibbernd wusch sie sich, dann stellte sie das Wasser ab und schlüpfte in ihren Bademantel – mit dem Seidenkimono in Osita ließ er sich natürlich nicht vergleichen. Da ihr genügend Zeit blieb, setzte sie sich an den Laptop, um ihrer Schwester eine kurze Mail zu schreiben. „Hallo, Giselle, wie geht’s daheim?“ Weiter kam sie nicht – ein Anfall von Heimweh überwältigte sie.

Auf Parirua war das Leben so ruhig, so unkompliziert. Sicher, auch Giselle hatte Probleme, doch die beschränkten sich auf das Wetter, die Schafherden oder den chronischen Geldmangel. Seelischen Stress kannte sie nicht.

Sie endete mit ein paar generellen Mitteilungen und schickte die Mail ab. Wie gerne würde sie ihrer Schwester den inneren Aufruhr anvertrauen, aber irgendwie waren Giselle und Neuseeland unerreichbar geworden.

Nachdem sie sich angezogen hatte, kehrte Leola ins Bad zurück und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Was sie sah, gefiel ihr. Die elfenbeinfarbene Seide harmonierte vorzüglich mit dem goldbraunen Haar, die schimmernden Strümpfe und den Sandaletten. An ihrer linken Hand funkelte der ockerfarbene Ring, den Magda ihr geliehen hatte.

„Ist das etwa ein Diamant?“, hatte Leola misstrauisch gefragt, bereit, den kostbaren Schmuck sofort abzulegen. Worauf die Designerin schmunzelnd erwidert hatte: „Für einen gelben Diamanten dieser Größe bräuchten Sie einen Bodyguard. Nein, das ist ein Goldtopas. Hübsch, nicht wahr?“

Leola warf einen Blick auf die Uhr, nahm Handtasche und Überwurf und ging hinab in den Salon, wo Prinz Nico bereits wartete. Bei ihrem Eintreten drehte er sich um und musterte sie schweigend.

„Magda sagt, Sie wollten eins Ihrer eigenen Modelle tragen.“

„Ja.“

„Mit Recht. Sie sehen fantastisch aus.“

„Danke“, erwiderte sie ein wenig atemlos. „Sie auch.“

Er lachte, griff nach dem Überwurf und legte ihn ihr um die Schultern. Seine Nähe und der Duft seines Rasierwassers verursachten Leola ein Prickeln auf der Haut. Nur um etwas zu sagen, platzte sie heraus: „Ich … ich finde Magda übrigens sehr sympathisch.“

„Weil sie dafür Verständnis hat, dass Sie Ihre eigene Kreation vorführen möchten?“

„Das auch, aber sie ist wirklich nett – und ihre Kleider sind genial.“ Sie trat einen Schritt zur Seite und begutachtete die elegante Gestalt neben ihr. „Ihr Smoking ist perfekt. Große Männer sehen damit immer am besten aus; Ausgefallenes oder Verspieltes passt nicht zu ihnen.“

Es zuckte um seine Lippen, doch er erwiderte ernsthaft: „Ich bin überwältigt, dass ich vor Ihrem kritischen Auge Gnade finde. Gehen wir.“

Die illyrische Botschaft befand sich in einem prachtvollen historischen Gebäude, und Anlass des Empfangs war der Jahrestag von Illyrias Befreiung. Leola kam sich wie in einem Roman vor – die männlichen Gäste waren ausnahmslos im Smoking oder Frack, ihre Begleiterinnen trugen traumhafte Toiletten und kostbare Juwelen. Zum Glück wich ihr der Prinz nicht von der Seite, und ihre anfängliche Unsicherheit verging, nicht zuletzt, weil jeder ihr so liebenswürdig und zuvorkommend begegnete. Es geht doch nichts über gute Manieren, sagte sie sich.

Bis Nico sie mit einem arroganten Engländer und dessen bedeutend jüngerer Begleiterin bekannt machte. Der Mann, angeblich ein berühmter Violinist, nickte ihr kurz zu, worauf er beiden Frauen den Rücken zudrehte, um mit dem Prinzen über eine Opernpremiere zu diskutieren, an der er kein gutes Haar ließ.

Die junge Frau, nachdem sie Leolas Kleid mit kaum verhülltem Neid taxiert hatte, mischte sich schließlich in das Gespräch. „Die Hauptrolle war völlig fehlbesetzt“, flötete sie und sah Nico dabei schmachtend an. „Don Giovanni erinnert mich immer an Sie, Hoheit – ein Mann, der zu reich und zu attraktiv ist. Und den Damen viel zu gefährlich“, gurrte sie.

Der Prinz verneigte sich höflich. „Ich fürchte, Sie schmeicheln mir. Davon ganz abgesehen ist es mit meiner Stimme nicht weit her, sie reicht höchstens für die Badewanne.“

„Warum fragen wir nicht Miss Foster, wie sie darüber denkt?“ Sie musterte Leola herablassend, bevor sie fortfuhr: „Aber vielleicht langweilen wir Sie mit unserer Unterhaltung. Ist Oper in Australien überhaupt angesagt?“

Nico runzelte die Stirn, doch bevor er die impertinente Bemerkung mit ein paar gezielten Worten quittieren konnte, erwiderte Leola: „Wir Neuseeländer sind sehr tolerant, aber wir hören es nicht gerne, wenn man uns mit Australiern verwechselt. Und was das Singen des Prinzen betrifft …“, sie lächelte zuckersüß, „… da verlassen wir uns am besten auf sein eigenes Urteil. Ich verstehe nicht viel davon.“ Dabei bedachte sie Nico, der nur mühsam das Lachen unterdrückte, mit einem strahlenden Augenaufschlag.

Als sich das Paar kurz danach entfernte, bemerkte er: „Bitte entschuldigen Sie das Benehmen meines Bekannten. Er war ein Kollege meiner Mutter und, so vermute ich, obendrein in sie verliebt. Jetzt leidet er an Arthritis und kann nicht mehr auftreten. Deswegen ist er auch so unmöglich.“

Die Begleiterin des Violinisten erwähnte Nico erst später, während der Heimfahrt. Sie saßen im Fond der Limousine, vom Chauffeur durch eine Glaswand getrennt. Ihre Schultern berührten sich in der Dunkelheit, was Leolas Seelenfrieden erheblich beeinträchtigte.

Schließlich brach sie das Schweigen. „Das war ein interessanter Abend.“

„Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen. Alida Verres’freche Bemerkung tut mir sehr leid.“

Leola zuckte mit den Schultern. „Das braucht es nicht. Wir Neuseeländer sind gewohnt, dass man uns mit Australiern in einen Topf wirft, und normalerweise achte ich gar nicht darauf. Nur, meine Mutter liebte Oper, und ganz besonders Mozarts Don Giovanni.“

„Und daran mussten Sie denken.“

„Ja.“

Etwas in ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen. „Sind es keine guten Erinnerungen?“

„Nein“, sagte sie harsch. Und plötzlich, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, sprudelte es aus ihr hervor. „Sie verließ uns, als wir noch klein waren, meine Schwester und ich. Eines Tages kamen wir von der Schule nach Hause und sahen, wie Dad ihre Sachen verbrannte. Ihre Bücher, CDs, alles. Als wir nach ihr fragten, sagte er, dass sie für immer gegangen war.“

Leola verstummte. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter in Romanen und Opern das gefunden, was ihr in der Ehe versagt blieb – Drama und Leidenschaft. Was auch immer, gestorben war sie jedenfalls wie eine Romanheldin: allein, verzweifelt und ohne einen roten Heller.

„Also haben wir beide unsere Mutter zu früh verloren“, sagte Nico ruhig. Er nahm ihre Hand in seine und drückte sie. Leola blieb fast das Herz stehen, nur um im nächsten Moment wild zu schlagen. Stumm betrachtete sie die schlanken Finger, die ihre so tröstlich umschlossen.

„Sie können ihr nicht vergeben.“ Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

Sie presste die Lippen zusammen, um nicht den Rest zu verraten: dass ihre Mutter mit ihrem Liebhaber nach Spanien flüchtete, wo er sie wegen einer anderen Frau verließ, als ihnen das Geld ausging. Nach einer Weile atmete sie tief ein. „Ich bemühe mich, aber leicht ist es nicht.“

Er fragte nicht weiter, wofür sie ihm insgeheim dankbar war. Wie kam sie dazu, ihm all das zu erzählen? Hatte sie so etwas wie Verbundenheit mit ihm gefühlt, weil auch seine Jugend von einer Tragödie überschattet war?

Als könne er Gedanken lesen, sagte er: „Mein Vater wurde ermordet, als ich fünfzehn war. Es hat sehr lange gedauert, bis ich damit fertig wurde.“

Leola sah auf. Sein Blick war nach vorn gerichtet, und im Scheinwerferlicht der entgegenkommenden Fahrzeuge wirkte das markante Profil noch härter als sonst.

Leise sagte sie: „Das muss furchtbar gewesen sein.“ Sie zitterte, als wäre ihr kalt. „Worte sind so … so unzureichend.“

Er nickte. „Nach dem Tod meiner Mutter – sie starb wenige Tage später – standen Roman und ich so gut wie mittellos da, weil unsere Eltern nie mit Geld umgehen konnten. Verwandte wollten mich aufnehmen, aber das ließ mein Bruder nicht zu.“ Ironisch verzog Nico den Mund. „Er wusste, ich wäre bei der ersten Gelegenheit durchgebrannt, und deshalb sorgte er dafür, dass ich in sein altes Internat kam. Wovon er das Schulgeld bezahlt hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Natürlich weigerte ich mich mit Händen und Füßen, aber er bestand darauf. Und das war gut – denn dort habe ich Disziplin gelernt.“

Leola ahnte, dass er ihr so manches verschwieg, so wie auch sie es getan hatte. Seltsam, dachte sie. Hier sitzen wir, halten Hände und tauschen Vertraulichkeiten aus. Als wären wir seit Jahren miteinander bekannt …

„Sie hatten Ihren Bruder und ich meine Schwester“, bemerkte sie, da ihr nichts Besseres einfiel.

„Sieht Sie Ihnen sehr ähnlich?“

„Giselle? Ja und nein. Figur und Gesicht sind gleich, aber sie hat schwarzes Haar und sehr helle Haut. Und ihre Augen sind grün.“

„Arbeitet sie auch in der Modebranche?“

„Nein. Giselle ist Farmerin.“

„Was Sie nicht sagen!“

Leola überhörte die unausgesprochene Aufforderung in seiner Stimme, mehr von ihrer Schwester zu erzählen. Sie lehnte sich vor und schaute hinaus auf die Straße, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen. Nach einer Weile zog Nico seine Hand zurück.

Bald danach hielt die Limousine vor seinem Haus. Beim Aussteigen fragte er: „Möchten Sie vor dem Schlafengehen noch etwas trinken?“

Sie wusste, es wäre gescheiter, ihm Gute Nacht zu wünschen und auf ihr Zimmer zu gehen. Nichts hielt sie davon ab – außer dem Bedürfnis, sich zu beweisen, dass sie kein Feigling war und keine Angst vor ihm hatte.

„Gern. Ein Kaffee wäre nicht schlecht.“

„Kommen Sie. Wir nehmen ihn in meinem Arbeitszimmer.“

Während er sich mit Tassen und einer Thermoskanne beschäftigte, sah sie sich in seinem Heiligtum um. Eine Computeranlage mit allem Drum und Dran nahm den halben Schreibtisch ein. An den Wänden standen gut gefüllte Bücherregale, dazwischen hingen ein paar Bilder, und auf dem Couchtisch stand eine Vase mit frischen Blumen. Der Raum erinnerte sie an das ehemalige Arbeitszimmer ihres Vaters auf Parirua. Dort war die Einrichtung weder modern noch luxuriös, doch die Atmosphäre war die gleiche gewesen – maskulin und bequem. Dorthin hatte er sich jeden Abend zurückgezogen, ohne daran zu denken, dass seine beiden Töchter ihn brauchten.

„Wie wäre es mit einem Kognak zum Kaffee?“

„Das hört sich gut an.“

Etwas in ihrer Stimme ließ Nico aufhorchen, und er warf ihr einen verstohlenen Blick zu. Ein strenger Zug lag um die vollen Lippen, und die blaugrünen Augen leuchteten nicht wie sonst. Er fragte sich, woran sie jetzt dachte.

Heute Abend war sie die ideale Begleiterin gewesen: charmant, selbstsicher und gewandt. Nicht einmal Alidas Taktlosigkeit hatte sie aus dem Konzept gebracht.

Alida Verres … Anscheinend konnte sie ihm seine Abfuhr nicht verzeihen; einen anderen Grund für die bissige Bemerkung konnte er sich nicht vorstellen. Aber Alida hatte ihre vermeintliche Rivalin unterschätzt und sich letztendlich nur blamiert.

Insgeheim wünschte er, sie hätte tatsächlich Grund zur Eifersucht, denn der neuseeländische Hitzkopf gefiel ihm über alle Maßen.

Sie war keine Schönheit im klassischen Sinn, aber sie besaß ein gewisses Etwas, das ihn erregte. Sie war sexy und hatte Stil, wie ihre Aufmachung bewies. Von den Beinen ganz zu schweigen.

Er wollte sie. Und er könnte schwören, das beruhte auf Gegenseitigkeit, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte.

Aber gerade, weil sie sich dagegen wehrte, war es besser, die Finger von ihr zu lassen. Die Situation, in der er sich befand, war schwierig genug, er brauchte keine zusätzlichen Komplikationen.

„Auf Ihr Wohl.“ Er reichte ihr das Glas.

„Auf Ihres.“ Sie hob es an die Lippen und trank einen winzigen Schluck.

Wie hypnotisiert betrachtete er ihren sinnlichen Mund. Was würde geschehen, wenn er sie jetzt an sich zog und küsste?

Vielleicht sollte er es auf einen Versuch ankommen lassen.

5. KAPITEL

Bedächtig stellte Nico sein Glas auf den Tisch, dann beugte er sich vor und nahm Leola das Glas ab.

Sie sah auf – und der Blick, dem sie begegnete, verschlug ihr den Atem. Sarkasmus und Kälte waren aus den hellgrauen Augen verschwunden, stattdessen schwelte ein Feuer in ihnen, bei dem ihr das Herz bis zum Halse schlug.

„Leola …“ Es klang wie eine Liebkosung. „Ein sehr ungewöhnlicher Name. Gab es einen besonderen Grund für diese Wahl?“

„Mein … mein Haar“, stammelte sie „Meine Mutter sagte, bei der Farbe dachte sie sofort an … an Löwen. Wäre ich ein Junge gewesen, hätte sie mich vermutlich Leo getauft.“

„Und wie kam Ihre Schwester zu ihrem Namen?“

„Giselle hat blauschwarzes Haar und sehr helle Haut“, erwiderte Leola sanft. „Unsere Mutter liebte klassisches Ballett, und sie stellte sich ihre Tochter als eine zukünftige Ballerina vor.“ Sie seufzte, bevor sie leise hinzufügte: „Mom war ihr Leben lang eine unverbesserliche Romantikerin.“

„Und Sie? Sind Sie auch romantisch veranlagt?“ Er streckte die Hand aus und strich ihr mit den Fingerspitzen über die Wange, den Hals entlang und weiter bis zur Schulter.

„Ü…überhaupt nicht.“ Ein Zittern durchlief sie, und unwillkürlich schloss sie die Augen. Er sah es und nahm sie in die Arme.

Atemlos wartete sie darauf, dass er sie küssen würde. Stattdessen murmelte er: „Wenn Sie nicht wollen, dann sagen Sie es – bevor es zu spät ist.“

Verwirrt schlug sie die Augen auf. Er wusste um seine Wirkung auf sie und auch, was jetzt in ihr vorging. Gleichzeitig hatte er sich völlig in der Hand. Er wollte mit ihr schlafen, daran bestand kein Zweifel. Doch wenn sie jetzt Nein sagte, würde er sie sofort freigeben. Und für ein paar Sekunden hasste sie ihn aus ganzer Seele – wegen seiner Arroganz, seiner Selbstsicherheit und seiner Beherrschung.

Eins wusste er allerdings nicht: dass sie im Umgang mit Männern ein unbeschriebenes Blatt war. Und von ihr würde er das auch nicht erfahren.

„Warum sollte ich nicht wollen?“, fragte sie honigsüß.

Er lächelte. „Spielen Sie mit mir, Leola?“

Küss mich, dachte sie verwegen. Sie wusste, wenn sich jemand die Finger verbrannte, dann sie, nicht er. Aber sie konnte nicht anders, die Versuchung war stärker als alle Vorsicht. „Nein“, sagte sie kühn, „ich mag keine Spiele, auch keine Spielchen.“ Zögernd strich sie mit dem Zeigefinger über seine Lippen. Im nächsten Moment spürte sie einen leichten Biss, und bevor sie protestieren konnte, versiegelte er ihren Mund mit einem Kuss.

Fast erleichtert überließ sie sich der ersehnten Liebkosung und gab sich ganz dem erotischen Spiel seiner Zunge hin.

Nico hob den Kopf und stieß ein paar Worte in seiner Muttersprache hervor, bevor er die Lippen erneut auf ihre presste. Leola vergaß, wo sie war und wer sie war, ihr ganzes Sinnen und Trachten richtete sich nur noch auf dieses brennende Verlangen nach ihm, und sie erwiderte die feurige Liebkosung mit gleicher Leidenschaft. Als Nico sie noch fester in die Arme schloss, fühlte sie das Ausmaß seiner Erregung – etwas, das sie bei anderen Männern stets abgestoßen hatte. Nicht bei ihm.

Oh ja, er verstand, mit Frauen umzugehen! Er wusste, wie er die Glut, die sie verzehrte, noch stärker entfachen konnte. Bis sie nur noch eins wollte – ihm ganz zu gehören. Unwillkürlich drängte sie sich ihm entgegen, bis ihre Körper fast miteinander verschmolzen.

Und dann endete er den Kuss. „Sie wissen, wie es jetzt weitergeht, nehme ich an.“

Verwirrt, wie betäubt von ihren Empfindungen, schlug sie die Augen auf und erkannte die arrogante Gewissheit in seinem Blick. Ihr war, als hätte man ihr einen Kübel eiskaltes Wasser ins Gesicht geschüttet. Für ihn war sie nicht mehr als eine seiner vielen Eroberungen, während sie …

„Weiter geht es nicht!“, entfuhr es ihr atemlos, und sie stieß ihn von sich.

Sofort gab er sie frei. „Dann wäre es vielleicht besser, Sie trinken den Kaffee und den Kognak in Ihrem Zimmer“, erwiderte er kühl.

„Ich glaube, ich komme auch ohne aus“, entgegnete sie tonlos. Sie stand auf und sah sich suchend nach ihrer Handtasche und dem Überwurf um.

Nicos Handy klingelte. Mit einem unterdrückten Fluch zog er es aus der Hosentasche. „Hallo?“ Eine Falte erschien auf seiner Stirn, als er die Stimme seines Sicherheitsbeauftragten in San Giusto vernahm. Während er sich durch das vereinbarte Losungswort zu erkennen gab, ließ er Leola nicht aus den Augen, als sie mit steifen Schritten den Raum verließ. Sowie die Tür hinter ihr zufiel, fragte er: „Gibt es Neues?“

„Wir haben jemanden, der bereit ist, vor Gericht auszusagen.“

„Wird man ihm glauben?“

„Ich nehme es an. Vorausgesetzt, Ihre Miss Foster bestätigt seine Aussage mit dem, was sie gesehen hat.“

„Das kommt nicht infrage.“

„Warum nicht?“

Nico schwieg. Wie sollte er dem Mann erklären, weshalb er Leola aus dieser Angelegenheit heraushalten wollte, wenn er den Grund dafür selbst nicht kannte? Ausweichend fragte er: „Was haben wir sonst noch an Belastungsmaterial?“ Er lauschte einer längeren Aufzählung, dann erwiderte er kurz: „Ich bezweifle, dass das genügt, um Paveli zu verurteilen. Wäre ich ihm in jener Nacht doch nur auf den Fersen geblieben, anstatt den einzigen Augenzeugen, den wir haben, in Sicherheit zu bringen.“

„Das hätte die Dinge vereinfacht. Natürlich gibt es noch andere Mittel, um ihn dingfest zu machen.“ Als der Prinz keine Antwort gab, fügte der Sicherheitsbeauftragte hinzu: „Eins davon haben Sie selbst einmal angewandt.“

„Nein.“ Das kurze Wort klang wie ein Peitschenknall. „Prinz Alex bemüht sich, aus Illyria einen Rechtsstaat zu machen, und in dem sind für Dinge wie Blutrache kein Platz.“

„Sagen Sie bloß nicht, Sie bedauern, was geschehen ist.“

„Genau das sage ich.“

„Dann sind Sie der Einzige im ganzen Land.“

„Was Sie andeuten, wäre Mord. Politisch motiviert, aber trotzdem Mord. Dem stimme ich nicht zu.“

Sein Gesprächspartner ließ nicht locker. „Im Prinzip bin ich der gleichen Meinung. Wenn jedoch, wie in diesem Fall, das Beweismaterial lückenhaft ist, obwohl an der Schuld kein Zweifel besteht, dann …“

„Nein. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer gerechteren Welt.“

Eine Weile blieb es still. Schließlich fragte der Mann in San Giusto: „Was schlagen Sie vor? Ich meine, außer dass wir Paveli weiterhin überwachen?“

„Stellt man wegen Miss ...

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