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Julia Extra, Band 297

SHARON KENDRICK

Komm her und küss mich

Bislang wollte Kyros vor allem eins: frei sein. Aber kaum trifft er Alice wieder, verdreht sie ihm den Kopf, und er will sie heiraten. Ob sie allerdings noch Ja sagt, wenn sie alles über ihn weiß?

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Sharon Kendrick

Komm her und
küss mich

1. KAPITEL

Das Geräusch einer zufallenden Wagentür, dann Schritte die kiesbedeckte Einfahrt entlang. Alice zuckte zusammen, als die Klingel unnatürlich laut durch das große Haus schallte.

Er war da.

Sie atmete tief ein, zog ein letztes Mal den roten Lippenstift nach und trat dann zurück, um ihr Werk im Spiegel zu bewundern. Eine völlig fremde Alice starrte ihr entgegen.

War das ihr Schutzschild, den sie für ein Wiedersehen mit Kyros brauchte?

Normalerweise hätte sie nie schwarzen Satin angezogen – das Kleid umschmiegte ihren Körper so eng, als sei es ihr auf den Leib geschneidert worden. Auch die Seidenstrümpfe und die High Heels mit den roten Absätzen gehörten nicht zu ihrer üblichen Garderobe. Die glitzernden Ohrringe waren natürlich nicht echt, aber zumindest würden sie ihren Zweck erfüllen. Das Funkeln würde ihren Exfreund davon ablenken, ihr zu tief in die Augen zu schauen, um dort ihre Gefühle lesen zu können.

Vielmehr sollte er denken: Alice sieht fantastisch aus. Was war ich nur für ein Idiot, sie gehen zu lassen.

Wünschte sich das nicht jede Frau in ihrer Situation? Dass der Mann, der ihre Beziehung nur deshalb so leichtfertig beendet hatte, weil seine Partnerin keine Griechin war, heftiges Bedauern empfand?

Es klingelte ein zweites Mal.

„Ich bin gerade aus der Wanne gestiegen“, schrie ihre Freundin Kirsty von der anderen Seite des Flurs.

Erneut atmete Alice tief ein, dann machte sie sich auf den Weg zur Tür. „Schon gut“, rief sie. „Ich komme ja.“

Nur langsam bewältigte sie die Treppe auf den hohen Absätzen. Dafür klopfte ihr Herz umso schneller, als sie endlich die Haustür öffnete. Im Gegenlicht der tief stehenden Sommersonne ließ sich nur die Silhouette eines Mannes ausmachen. Plötzlich war ihr Mund wie ausgetrocknet.

Seit seinem Anruf wirbelten ihre Gedanken in einem wirren Chaos durcheinander. Sie hatte versucht, sich vorzustellen, wie er jetzt aussehen mochte. Aber nichts hatte sie auf die Realität vorbereiten können, Kyros nach zehn Jahren zum ersten Mal wiederzusehen.

Seine imposante Gestalt schien fast den gesamten Türrahmen auszufüllen. Schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt betonten seinen schlanken männlichen Körper und die langen muskulösen Beine.

Mit der Sonne im Rücken erkannte sie zunächst sein Gesicht überhaupt nicht. Erst allmählich, während sich ihre Augen an das Licht gewöhnten, enthüllten sich ihr seine Gesichtszüge. Die hohen Wangenknochen, die schmale Nase und der ausdrucksstarke Mund, auf dem sich nur selten ein Lächeln abzeichnete.

Alice klammerte sich an die schwere Eichentür, da sie befürchtete, ihre Knie könnten weich werden. Da stand der Mann, der sie zutiefst verletzt hatte. Er hatte aus ihr eine Zynikerin gemacht, die nicht mehr an die Liebe glaubte. Vergiss das nicht, befahl sie sich.

„Hallo, Kyros“, begrüßte sie ihn betont ruhig.

Im ersten Moment reagierte Kyros gar nicht, zum einen, weil Wut und ungläubiges Staunen ihn sprachlos machten, zum anderen, weil sexuelles Verlangen durch seine Adern strömte. Er nahm eine hastige Begutachtung vor. Kein Ehering. Kein Mann, der sich neugierig im Hintergrund hielt und den mysteriösen Anrufer überprüfte. Und sie trug die Kleider einer Hure!

Verächtliche Anerkennung zeichnete sich auf seinen Lippen ab, als er seinen Blick über das schwarze Satinkleid wandern ließ, das viel zu viel von ihren wunderschönen langen Beinen entblößte, die sich so spektakulär um seinen Körper legen konnten. Er betrachtete die Rundungen ihrer Brüste und dann den perfekten kleinen Po. Wie konnte sie nur darüber nachdenken, in diesem Fetzen auszugehen, der den Puls eines jeden Mannes zum Rasen brachte und ihm dieselben Gedanken einflößen musste, die ihm gerade durch den Kopf schossen?

Kalispera, Alice“, erwiderte er sanft, während die Sehnsucht tief in seinem Inneren weiter wuchs. „Hast du vergessen, dein Kleid anzuziehen … oder arbeitest du nebenbei als Prostituierte?“

Trotz der gemeinen Worte bedeutete seine samtige Stimme fast ihren Untergang. Dieser Akzent, dachte sie ohnmächtig. Dieser sexy unvergleichliche griechische Akzent entführte sie zurück in eine Zeit, die eigentlich nicht betreten werden durfte.

„Ich habe dir doch gesagt, ich gehe auf eine Party“, entgegnete sie. Wieso, fragte sie sich, rechtfertige ich ihm gegenüber mein Verhalten?

„In Schuhen, die niemals außerhalb des Schlafzimmers getragen werden sollten“, stellte er fest und musterte die extrem hohen Absätze.

Alice umklammerte die Tür noch fester. „Jemanden zu beleidigen, den man seit zehn Jahren nicht gesehen hat, entspricht nicht der traditionellen Begrüßung in England. Oder weißt du nicht mehr, was sich gehört?“

Aber Kyros beachtete sie kaum. Stattdessen fuhr er fort, sie eindringlich zu mustern, als würde seine Sicht sich plötzlich klären und die Frau, die er eigentlich erwartet hatte, erscheinen. Die Alice, die er gekannt hatte, war rein und unschuldig gewesen. Blonde Haare fielen offen bis zur Taille und waren nicht zu einer aberwitzigen Kreation aus Schleifen und Locken aufgetürmt. Sie hätte ein hübsches Sommerkleid aus Baumwolle oder einen adretten kurzen Rock und ein schlichtes T-Shirt getragen. Auf keinen Fall hätte sie etwas so Offenherziges angezogen. Das hätte er niemals erlaubt.

Seine Augen blitzten auf, als ihre Blicke sich trafen. „Okay, Alice, wenn du auf Konventionen Wert legst, dann sollst du sie bekommen.“ Noch einmal betrachtete er sie eingehend, verlor sich fast in dem Anblick ihrer zarten hellen Haut. „Lange nicht gesehen“, murmelte er spöttisch. „Sagt man das nicht nach so vielen Jahren?“

„Ich war mir nicht sicher, dass du wirklich kommst“, meinte sie.

„Aber ich habe dir doch gesagt, ich bin auf der Durchreise.“

„Ja, ich weiß.“ Er könne auf einen Sprung vorbeischauen, hatte er gesagt, als sei ihm die Idee erst eben gekommen. Betonte er absichtlich die Tatsache, dass er nicht extra ihretwegen herkam? Nur für den Fall, dass sie die falschen Schlüsse zog? Er hatte ihr nicht einmal gesagt, ob er alleine oder in Begleitung kommen würde. Sie spähte über seine Schulter, als erwarte sie, eine exotische griechische Schönheit zu sehen, die ihm gehorsam folgte. Zu ihrer Erleichterung stand dort niemand.

Es war nicht gerade die herzlichste Begrüßung, die Kyros je erfahren hatte. Theoretisch hatte er natürlich gewusst, dass sie ihn nicht mit offenen Armen empfangen würde. Dennoch wunderte er sich über ihre Kühlheit. Sorgte sie sich vielleicht um ihre Eltern und ihre Reaktion auf seinen Besuch? „Deine Mutter und dein Vater … Sind sie zu Hause?“

„Nein. Dad hat sich für eine frühe Pensionierung entschieden. Jetzt genießen meine Eltern das Leben in vollen Zügen und machen Ferien auf den Malediven!“ Warum erzählte sie ihm das eigentlich?

Kyros’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Es überraschte ihn, dass ein so gesunder Mann wie ihr Vater vorzeitig in Rente ging. „Und nun wohnst du hier?“, fragte er. „Bei deinen Eltern?“

Vielleicht reagierte sie ja überempfindlich … aber seine Worte klangen, als sei sie eine alte Jungfer, die zu ihren Eltern nach Hause gerannt war, weil ihre romantischen Träume nicht wahr geworden waren. Alice lachte. „Nein, natürlich lebe ich nicht hier. Ich besitze ein Apartment in London. Ich bin nur für diese Party zurückgekommen.“

„Und du hast immer noch vor, dort hinzugehen?“

„Dachtest du, ich würde absagen, weil du dich angekündigt hast?“

Er lächelte langsam. „Warum nicht?“

Seine Arroganz hätte sie wütend machen müssen, doch ein winziger Teil von ihr hatte genau darüber nachgedacht. Hatte sie nicht das überwältigende Bedürfnis verspürt, Kirsty zu bitten, sich in ihrem eigenen Haus aufzubrezeln? Damit sie ein wenig Zeit mit dem dunkeläugigen Griechen verbringen konnte, den sie nie so ganz vergessen hatte?

Sie hatte sich eingeredet, dass es normal sei, alles über das vergangene Leben des anderen erfahren zu wollen. Vielleicht half es ihr sogar dabei, einen würdigen Abschluss für ihre Beziehung zu finden. Diesmal für immer. Allerdings gingen alle Überlegungen an der Realität vorbei. Es gab nur einen Grund, warum sie Kyros wiedersehen wollte … und der hatte nichts mit Reden zu tun, sondern vielmehr mit seinem allzu verführerischen Sex-Appeal. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen“, brachte sie hervor.

„Ah, aber du hast mich nie enttäuscht, Alice“, sagte er sanft. „Damals nicht und ganz bestimmt nicht heute … trotz deines liederlichen Outfits.“

Wieder ließ er seinen Blick über ihren Körper wandern. Unbehaglich fragte Alice sich, warum sie keinen Morgenmantel übergezogen hatte. Die Tür in diesem Aufzug zu öffnen entsprang einer rebellischen Geste. Sieh her, schien sie zu besagen, ich bin zwar fast dreißig und unverheiratet, meine Figur ist aber immer noch schlank, und die Beine sind so anmutig wie zu Universitätszeiten.

Dabei fühlte sie sich in Wahrheit gerade sehr verletzlich. Doch ihn nun fortzuschicken war einfach unmöglich. Damit würde sie Kyros nur überdeutlich zu verstehen geben, dass er immer noch eine gewisse Macht über sie besaß. Und das war ja nicht der Fall, oder? Jedenfalls nicht mehr!

Außerdem war Alice neugierig. Sie hatte nicht Jahre damit zugebracht, sich zu fragen, was aus dem einzigen Mann geworden war, den sie je geliebt hatte, um ihm dann die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

War das nicht die Gelegenheit, die Dinge ein für alle Mal zu ändern? Die schlechten Erinnerungen zu löschen und durch neue zu ersetzen? Zu erkennen, dass Kyros nur ein x-beliebiger Mann war, mit dem sie überhaupt nichts mehr verband? Wäre es nicht wundervoll, wenn ihr das gelang?

Sie machte einen Schritt zurück. „Du kommst wohl besser herein“, meinte sie.

„Endlich“, sagte Kyros. Die Schwelle zu übertreten, empfand er als kleinen Sieg.

Unvermittelt musste er an seinen ersten Besuch in dem gemütlich eingerichteten Haus denken. Die vielen Bücherregale waren ihm aufgefallen, die weichen Kissen auf den Sofas, die unzähligen Gemälde und Fotos an den Wänden. Damals war ihm alles fremd vorgekommen.

Ihre Mutter hatte einen Kuchen gebacken. Die Tassen, in denen der zart duftende Tee gereicht wurde, waren aus so erlesenem Porzellan, dass sie fast durchsichtig wirkten. Zu seinen Füßen kauerte der Hund, der ihn mit feuchten braunen Augen um einem Leckerbissen anbettelte.

„Aber du darfst ihm nichts geben“, kicherte Alice. „Er ist ein richtiger Gierschlund.“

Natürlich fütterte er den Hund, woraufhin alle lachten. War das, ging es ihm damals durch den Kopf, ein geheimer Test, den er gerade bestanden hatte? Denn danach hatte Alice ihm mit einem Lächeln tief in die Augen gesehen. In diesem Moment hatte er …

Was eigentlich?

Ein Gefühl der Gefahr verspürt?

Oh, ja. Zusammen mit der Gewissheit, sich zu sehr in etwas zu verstricken. Er war noch viel zu jung, um sich für immer fest zu binden. Und wenn es einmal so weit war, dann nicht mit jemandem wie Alice.

Jetzt, zehn Jahre später, starrte er in ihr hübsches Gesicht. Hinter der viel zu dick aufgetragenen Schminke verbargen sich die faszinierendsten Augen, die er je bei einer Frau gesehen hatte. Grün und tief wie eine Lichtung mitten im Wald. Und wie ihre Haare wie ein Wasserfall aus Mondlicht über ihren nackten Rücken fielen. Es war, als höre er den Ruf längst vergessener Poesie. In seinen Lenden empfand er ein süßes Ziehen. Hastig ließ er sich auf eines der Sofas fallen, bevor Alice etwas davon mitbekam.

„Also, was genau tust du in England“, fragte sie und flüchtete mit großen Schritten auf die andere Seite des Raumes.

Kyros streckte die Beine aus und beobachtete amüsiert, wie Alice auf dem Sessel Platz nahm, der am weitesten von ihm entfernt stand. Der Anblick des Streifens Haut zwischen Strumpf und Kleid raubte ihm fast den Verstand. „Ich habe eine Hochzeit besucht“, erwiderte er gedehnt.

Das war nun wirklich das Letzte, womit sie gerechnet hatte. Alice bohrte die Fingernägel in die weiche Sessellehne. Kyros und Hochzeiten harmonierten in etwa so gut wie Wasser und Strom. Dabei klang allein das Wort in ihren Ohren unbehaglich vertraut, hatte sie doch einst gehofft, er würde sie heiraten! Was für eine Närrin war sie doch gewesen! „Wessen Hochzeit?“

„Die meines Zwillingsbruders Xandros.“

„Xandros?“

„Du klingst überrascht.“

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Überrascht trifft es nicht einmal annähernd. Ich dachte, dein Bruder leide unter einer Treue-Phobie … zumindest legt die Anzahl seiner Liebschaften das nahe.“

„Anscheinend kann selbst der wildeste Liebhaber der Welt gezähmt werden. Denn nun hat er eine Frau namens Rebecca geheiratet …“

Alice verspürte einen schmerzhaften Stich. „Sie ist keine Griechin?“, unterbrach sie ihn rasch.

„Nein, Engländerin.“ Ihre Blicke trafen sich. „Genau wie du.“

Nein, ganz und gar nicht wie ich, dachte Alice und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Damals hatte Kyros ihr erklärt, ihre Herkunft sei zu verschieden, als dass eine Beziehung wirklich funktionieren könnte. Die kulturellen Unterschiede würden einer gemeinsamen Zukunft den Todesstoß versetzen. Vielleicht jedoch hatte er diese Gründe nur vorgeschoben, als perfekte Entschuldigung, um eine jugendliche Romanze zu beenden. „Hast du dich nicht mit deinem Bruder zerstritten? Ich dachte, ihr sprecht kein Wort mehr miteinander?“

Kyros fuhr sich mit den Fingern durch das dichte schwarze Haar. Es stimmte. Er und Xandros hatten ihr ganzes Leben lang gegeneinander gekämpft und sich schließlich in einem dramatischen Finale endgültig entzweit. Sein Zwillingsbruder war nach Amerika gegangen und hatte seither ihre Heimatinsel nicht mehr betreten. Beide Brüder redeten sich ein, so wäre es am Besten. Wie schwarz-weiß die Dinge erscheinen konnten, wenn man achtzehn war!

„Das ist lange her“, entgegnete Kyros nun leichthin. „Die Zeit heilt alle Wunden. Weder er noch ich können uns an den ursprünglichen Auslöser unseres Streites erinnern. Also dachte ich, warum soll ich nicht zu seiner Hochzeit kommen?“ Xandros hatte es sehr viel bedeutet. Zumindest hatte er ihm das unmittelbar vor der Zeremonie anvertraut, als er Kyros fest in die Arme schloss. Das Gesicht von den anderen Gästen abgewandt, ließ Kyros diese unerhörte Zurschaustellung von Gefühlen über sich ergehen.

„Und ist er … glücklich?“, fragte Alice.

„Glücklich?“ Kyros’ Miene verhärtete sich. Wie töricht und vorhersehbar Frauen doch sein konnten. Immer diese naive Annahme, Glück sei etwas Dauerhaftes! Etwas, das fertig und unzerstörbar mit der Heiratsurkunde mitgeliefert wurde. Glück war wie eine Seifenblase: perfekt, bis sie zerplatzte. Zurück blieb nur eine vage Erinnerung.

Trotzdem beschlich ihn ein merkwürdiges Gefühl, wenn er sah, wie sein Zwillingsbruder der Welt – und einer Frau – völlig ungeniert zeigte, wie sehr er Rebecca vergötterte. Das Glück würde nicht andauern, denn das tat Liebe nur äußerst selten. Und dann würde seine Schwäche auf ihn zurückfallen und ihm übelste Seelenqualen bereiten. Und natürlich würde er einen beachtlichen Teil seines Vermögens verlieren, wenn die beiden sich scheiden ließen.

„Oh, jeder kann für eine Weile glücklich sein“, sagte er. „Wer weiß schon, ob es halten wird. Ich allerdings bezweifle es.“

„Was bist du nur für ein Zyniker.“

„Oder ein Realist?“

Einen langen schweigenden Moment trafen sich ihre Blicke. Kyros schaute zuerst fort, weil der schwelende Funke des Verlangens Feuer zu fangen drohte. Sie trug keinen Ring am Finger. Dennoch musste er sich überzeugen. Weigerten die modernen Frauen der westlichen Gesellschaft sich nicht häufig, die äußeren Symbole einer verheirateten Frau zu tragen?

„Du bist nicht verheiratet, Alice, oder?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Vielleicht einen Freund?“

„Auch nicht.“

Er lächelte. „Mit mir kann doch keiner mithalten, ist es nicht so?“

Konnte er Gedanken lesen? Wusste er, dass kein Mann je von ihrem Herz und ihrem Körper auf eine Weise Besitz ergriffen hatte wie Kyros? „Ganz sicher nicht, was dein ausgeprägtes Ego angeht“, entgegnete sie trocken.

Kyros lachte und veränderte unauffällig seine Sitzposition. „Auch nicht in anderen Bereichen, könnte ich mir vorstellen.“

„Um die Wahrheit zu sagen, habe ich darüber nicht viel nachgedacht“, sagte sie, die sexuelle Anspielung ignorierend. Insgeheim sandte sie ein Stoßgebet gen Himmel, dass er ihre Lüge nicht durchschaute und ihre Miene nichts von den vielen Nächten verriet, in denen sie nach seiner Abreise wach gelegen und sich nach ihm verzehrt hatte. Es hatte sie viel Zeit und Mühe gekostet, einen Zustand zu erreichen, in dem ein Gedanke an Kyros ihr nicht die Kehle zuschnürte. Auf keinen Fall würde sie diese Fortschritte einfach so wegwerfen. „Oder genauer gesagt, habe ich über dich nicht viel nachgedacht!“

„Ach, wirklich?“, fragte er spöttisch.

„Ich befasse mich nicht sehr oft mit der Vergangenheit, Kyros. Ich bin der Meinung, man sollte sie am besten ruhen lassen“, fuhr sie fort. Wie hatte sie nur seine Arroganz vergessen können? „Wie hatten eine Affäre, als wir beide sehr jung waren. Und dann war sie vorbei. Was soll’s?“ Sie zuckte die Schultern. „Das passiert doch jedem.“

Ein ungläubiger Ausdruck trat in Kyros’ Augen, der rasch Verärgerung wich. War es möglich, dass sie die Wahrheit sagte? Dass sie ihre „Affäre“ mit ihm abtun konnte, als sei er irgendein Exfreund unter vielen?

Nun, entweder sie meinte es ernst, oder sie wollte ihm nachdrücklich zu verstehen geben, dass er ihr nicht länger wichtig war. Noch heute Abend wird sie ihre Worte zurücknehmen, schwor er sich.

Es war ein spontaner Entschluss gewesen, sie heute Abend zu besuchen, ein halbgeformter Wunsch, wissen zu wollen, wie es ihr seit damals ergangen war. Doch ihre wegwerfende Bemerkung hatte dieselbe Wirkung auf ihn wie ein Eimer Benzin auf schwelende Kohlen.

Er begehrte sie.

Begehrte sie noch immer.

Und heute Abend würde er sie dann bekommen. Er würde ihr das billig aussehende Kleid abstreifen, ihre Brüste entblößen und sanft an den dann hart aufgerichteten Knospen saugen. Bald würde er entdecken, wie die Zeit die Kurven ihres Körpers und die geheimen weiblichen Stellen verändert und verfeinert hatte.

Er würde sie dazu bringen, die Schuhe anzulassen. Er würde mit Alice schlafen und sein Verlangen nach ihr stillen. Nur wenn er sie diesmal verließ, würde er endgültig von ihr befreit sein. Keine Spur mehr würde sich dann noch von ihr in seinen Gedanken finden. Nach einer langen leidenschaftlichen Nacht voller Sex würde er sie endlich ganz vergessen können.

„Ja, das passiert in der Tat jedem. Keine Erfahrung ist einzigartig“, stimmte er also zu. Unablässig glitt sein Blick zu ihrem blutrot geschminkten Mund. Schließlich stand er auf und schlenderte zu Alice hinüber. „Erzähl mir mehr über diese Party, zu der du gehst.“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen.“

Kyros dachte an die Aufregung, die sie mit ihrem ungeheuerlichen Outfit verursachen würde. Ihm fielen die unzähligen Male ein, bei denen sie sich für ihn zurechtgemacht und sich anschließend für ihn ausgezogen hatte. Plötzlich verspürte er Eifersucht in sich aufsteigen, die wie heißes Gift durch seine Adern strömte. „Wer ist der Gastgeber?“

Alice bemerkte die aufflammende Feindseligkeit in Kyros’ Körpersprache sofort. „Kyros! Du kannst nicht nach zehn Jahren wie eine Dampfwalze in mein Leben zurückkehren und mir intime Fragen über meine Freunde stellen!“

„Kann ich nicht?“ Er trat einen Schritt näher.

Jetzt stand er nah genug vor ihr, sodass sie die glühende männliche Hitze wahrnahm, die von ihm ausging, die flackernde Aura stürmischer Erotik, die sein verführerischer Körper stets zu verströmen schien. Zum ersten Mal fielen ihr die winzigen Fältchen auf, die sich um seine Augen abzeichneten. Die einzelnen silbernen Strähnen im ansonsten schwarzen Haar. Die allmählich tiefer werdenden Linien um den sinnlichen Mund. „Ich brauche deine Frage nicht zu beantworten.“

„Wer ist der Gastgeber?“, beharrte er. In diesem Moment war das Klacken von Absätzen auf der Treppe zu hören. Eine Frau in einem silberfarbenen hautengen Catsuit spazierte ins Zimmer.

„In dem Ding kann man kaum atmen“, beschwerte sie sich grinsend. In einer Hand hielt sie ein halb geleertes Weinglas. Ihr Lächeln verschwand, als sie Kyros erblickte.

Kyros starrte sie fassungslos an. „Wer, zum Teufel, ist das denn?“

Alice beobachtete, wie Kirsty einige Male blinzelte, als glaube sie, ihren Augen einfach nicht trauen zu können. Von Kyros’ unhöflicher Begrüßung schien sie überhaupt nichts mitbekommen zu haben. Eigentlich eine amüsante Situation, trotzdem tat es weh zu sehen, wie ihre beste Freundin Kyros mit offenem Mund bestaunte, als habe sich eine Art Gott aus dem Nichts materialisiert.

„Ja, hal…lo“, säuselte sie. „Du bist bestimmt …“

„Das ist Kyros. Kyros, Kirsty“, stellte Alice sie einander schnell vor. „Erinnerst du dich? Ich habe dir von ihm erzählt. Kyros und ich kannten uns während der Unizeit.“

„Ach ja, richtig“, erwiderte Kirsty und begann unbewusst mit einer roten Haarsträhne zu spielen. „Aber ich hatte ja keine Ahnung, dass …“

Dass er so atemberaubend attraktiv ist? Oder dass er nun im Wohnzimmer meiner Eltern steht, breitbeinig und die Hände auf die schmalen Hüften gestützt, als gehöre ihm das Haus, und uns anstarrt, als seien wir Außerirdische, die soeben in ihrem Ufo gelandet sind?

„Ziehst du dich immer so an, wenn du ausgehst?“, fragte er.

Kirsty kicherte. „Natürlich nicht. Aber das Motto der Party lautet ‚Göttliche Dekadenz‘. Hat Alice dir das verschwiegen?“

Kyros sah zu Alice hinüber. Seine funkelnden schwarzen Augen sandten widersprüchliche Botschaften aus. „Nein“, sagte er sanft. „Diese Tatsache hat sie wohl vergessen zu erwähnen. Bestimmt hat es ihr gefallen, mich in dem Glauben zu lassen, sie kleide sich für jede Party wie die Königin der Nacht, nicht wahr, Alice?“

„Stimmt“, gab sie unumwunden zu. „Kyros kommt gerade von einer Hochzeit und hat nur kurz Hallo gesagt. Außerdem wollte er gerade wieder aufbrechen.“

„Oh!“, schmollte Kirsty. „Wie schade.“

Kyros’ Miene entspannte sich, als er der Rothaarigen ein langsames Lächeln schenkte. „Das ist es wirklich … vor allem weil ich so selten in diesem wunderschönen Land bin.“

Alice wusste genau, was jetzt folgen würde. Verhindern konnte sie es nicht mehr. Kirsty sprach die Einladung bereits aus.

„Warum kommst du dann nicht mit?“

„Er kann nicht. Es ist doch eine Mottoparty“, fuhr Alice die Freundin an. „Und Kyros trägt kein Kostüm.“

„Oh, ich weiß nicht … in meinen Augen sieht er absolut göttlich und dekadent aus“, flötete Kirsty.

„Meinst du?“ Wieder umspielte ein sinnliches Lächeln Kyros’ Mundwinkel. „Nun, ich würde gerne mitkommen. Bist du dir sicher, dass der Gastgeber nichts dagegen hat, ne?“

Jetzt mischt er auch noch absichtlich griechische Brocken in seine Antwort, dachte Alice wütend. Schließlich wusste sie nur allzu genau, welche Wirkung das auf Frauen ausübte … hatte sie nicht damals den Effekt am eigenen Leib zu spüren bekommen? Ebenso verhielt es sich mit diesem sexy Lächeln, mit dem er Kirsty nun bedachte. Und so schüttelte ihre Freundin auch schon den Kopf, als sei seine Befürchtung das Absonderlichste der Welt.

„Etwas dagegen … gegen dich?“ Kirsty warf ihm ein verschwörerisches Grinsen zu. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du jemals Probleme hattest, auf eine Party zu gelangen, Kyros! Je mehr Leute, desto lustiger, nicht? Und Single-Männer sind immer willkommen!“

Vor allem Männer wie du, schien der Ausdruck in ihren Augen zu signalisieren. Allmählich wurde Alice richtig wütend. Kirsty ließ sie so klingen, als seien sie ein kleiner Haufen Männer verschlingender Frauen! Die Sorte, die sich der dreißig näherten und verzweifelt darauf lauerten, irgendetwas mit Testosteron im Leib zwischen die Finger zu bekommen! Wie konnte sie nur?

Es stimmte, dass sie ihrer Freundin recht überzeugend erzählt hatte, schon seit Jahren über Kyros hinweg zu sein. Allerdings war das eher eine Übung für den Zeitpunkt gewesen, wenn sie ihm tatsächlich einmal gegenüberstand. Nur so weit war sie noch nicht.

Zumindest fand die Party in der Nähe statt, nur wenige Straßen entfernt. So würde es ihr immerhin leicht gelingen, sich nach kurzer Zeit unbemerkt aus dem Staub zu machen. Denn zweifellos würden die anwesenden Frauen sich sofort auf Kyros stürzen. Wahrscheinlich bemerkte er gar nicht, dass sie fehlte.

„Ja, du kannst uns gerne begleiten“, stimmte Alice betont gleichgültig zu – nur das Pochen ihres Herzens erzählte eine andere Geschichte.

Kyros verspürte eine Mischung aus Verlangen und Neugier, als Alice sich so abrupt von ihm abwandte. War sie wirklich so immun gegen ihn, wie es den Anschein hatte? Würde er sich sehr anstrengen müssen, sie ins Bett zu bekommen?

Aber die erotische Herausforderung reizte ihn durchaus. Es war lange her, dass ihn die Aussicht auf ein Abenteuer mit so großer Vorfreude erfüllt hatte.

2. KAPITEL

Die Party war bereits in vollem Gange, als sie ankamen. Die Gastgeber schienen keine Kosten und Mühen gescheut zu haben. Leicht bekleidete Kellnerinnen versorgten die Anwesenden mit exotisch aussehenden Cocktails. Die Bäume im bis zu einem Fluss reichenden Garten waren mit Lichterketten geschmückt, Fackeln beleuchteten einen extra angelegten Pfad, der zu einem großen Zelt führte, aus dem laute Musik drang.

„Wie seltsam, dass die Nachbarn sich noch nicht über den Lärm beschwert haben“, sagte Alice, als sie das Zelt erreichten. Am Rand einer in Schwarz und Weiß gehaltenen Tanzfläche blieben sie stehen und beobachteten die ausgelassen tanzenden Menschen.

„Das liegt daran, dass alle Nachbarn ebenfalls eingeladen sind“, kicherte Kirsty. „Oh, schau mal! Da vorne ist Giles! Ich bin gleich wieder da.“

Alice hätte schreien mögen, als Kirsty in ihrem silbern glänzenden Anzug von der Menge verschluckt wurde. Auch wenn sie nicht gerade begeistert war, wie ihre Freundin sich auf dem Weg hierher an Kyros herangemacht hatte, von ihr mit ihm alleine gelassen werden gefiel ihr nun auch wieder nicht.

Allerdings bin ich ja gar nicht wirklich mit ihm allein, rief sie sich ins Gedächtnis. Es mussten an die hundert Leute hier sein, und jede Minute trafen weitere Gäste ein. Was sollte schon vor den Augen so vieler Menschen passieren?

„Ziemlich große Party“, stellte Kyros fest.

„Allerdings.“ Alice entdeckte einen ehemaligen Klassenkameraden und winkte ihm zu. „Die Gastgeber arbeiten beide in der Bankbranche. Sie haben dieses Haus gerade erst gekauft. Das hier ist ihre Einweihungsparty. Gehen wir zu ihnen und begrüßen sie.“

Kyros wandte sich zu ihr um. In der tiefen Schwärze seiner Augen flackerte Verärgerung auf. „Aber ich möchte jetzt mit niemandem reden.“

„Hältst du das nicht für ein bisschen unhöflich?“

„Nicht wirklich.“ Auf seinen Lippen erschien jenes schmale Lächeln, mit dem er normalerweise Menschen warnte, noch länger mit ihm zu diskutieren, weil es reine Zeitverschwendung wäre. „Sieh dich doch um. Die Leute legen es doch geradezu darauf an, um Mitternacht völlig betrunken zu sein. Die Abenteuerlustigen tanzen bereits. Jeder kümmert sich um seinen eigenen Spaß. Niemand hier kennt mich … warum sollte man mich auch kennenlernen wollen?“

Alice schnappte sich einen unmoralisch aussehenden lila Cocktail und trank einen ordentlichen Schluck. „Oh, ich bitte dich, Kyros. Abgesehen von der Tatsache, dass du im Vergleich zu allen anderen kläglich underdressed bist, hat dich schon beim Hereinkommen jede Frau begutachtet. Alle Männer beobachten dich, um zu sehen, was du als Nächstes tun wirst.“

„Dann sollte ich sie wohl beruhigen“, sagte er sanft und umfasste ihren Ellenbogen. „Ich bin an keiner der anwesenden Frauen hier interessiert … mit Ausnahme derjenigen, deren Parfüm meine Sinne verwirrt. Ist das Rose?“

„Jasmin“, erwiderte sie automatisch.

„Ah, Jasmin. Süß und berauschend.“ Genau wie sie. Mit dem Daumen streichelte er langsam die zarte Haut an ihrem Arm. Seine Berührung verursachte ihr eine Gänsehaut. „Was ich möchte, sind ein paar ungestörte Augenblicke mit dir … ein bisschen über die Vergangenheit plaudern, wie ehemalige Liebespaare es zu tun pflegen. Erzählen, was in den Jahren danach passiert ist.“

„Ich denke nicht …“

„Dann denk nicht“, sagte er. „Du bist neugierig. Ich bin neugierig.“ Sein Daumen folgte einem federleichten Pfad bis zum Handgelenk. Er spürte ihren gleichmäßigen Puls. „Sehr neugierig.“

Hatte er seine Worte absichtlich so gewählt, dass sie wie eine erotische Einladung klangen? Möglicherweise. Sie wollte ihm sagen, er solle aufhören, sie zu berühren – aufhören, seine Stimme so verführerisch klingen zu lassen, dass sie Alice an warme dunkle Schokolade erinnerte. Aber kein Laut drang über ihre Lippen. Alles, was sie empfand, war eine schmerzhafte Leere tief in ihrem Inneren.

Doch vielleicht hatte er auf gewisse Weise auch recht. Vielleicht sollte sie die Lücken in ihrer überbordenden Fantasie mit ein paar Fakten füllen. Schließlich musste es in seinem Leben Dutzende Frauen mit gebrochenem Herzen geben. Frauen wie sie. Würde es ihr nicht guttun, davon zu erfahren? Zu verstehen, dass alles, was sie mit ihm geteilt hatte, nichts Besonderes oder Einzigartiges gewesen war? Bestimmt würde es wehtun, aber wenn es ihr gelang, ihre damalige Beziehung als das zu begreifen, was sie wirklich war, würde es ihr dann nicht helfen, Kyros von seinem Podest zu stürzen, auf dem er in ihren Tagträumen seltsamerweise immer noch stand?

„Okay. Warum nicht?“, erwiderte sie leichthin, entzog sich jedoch zugleich eilig seiner Berührung.

Der Garten war riesig. An einem ruhigen Flecken ganz in der Nähe des Flussufers blieben sie stehen. Hier störten sie weder die Musik noch andere umherschlendernde Gäste. Der herrliche Duft von Blumen erfüllte die Luft.

Kyros deutete auf eine Bank, die sich um den Stamm eines alten Baumes zog. „Setzen wir uns dorthin.“

Obwohl man auf der Bank recht hart saß, empfand Alice den Platz als merkwürdig intim. Dabei war sie sich der unangenehmen Tatsache bewusst, wie nahe sie einander nun waren. Unablässig zupfte sie am Saum ihres Kleides, damit der spitzenverzierte Rand ihrer Strümpfe nicht hervorblitzte.

„Mach dir deswegen keine Gedanken“, meinte er. „Ich habe nichts dagegen, deine Beine zu sehen.“

„Ich schon“, entgegnete sie, als er ihr das Cocktailglas aus den plötzlich kraftlosen Händen nahm und im Gras abstellte.

„Das brauchst du doch gar nicht“, murmelte er.

„Sagt wer?“

Auf seinen Lippen erschien ein spöttisches Lächeln. „Ich.“

Das Wort wirkte selbstherrlich und aufregend zugleich. Und es entsetzte Alice, dass sie überhaupt so dachte.

„Rücksichtslos wie immer“, stellte sie fest.

„Ja, aber Frauen mögen es, wenn Männer die Dinge in die Hand nehmen. Dir hat es immer gefallen“, fügte er hinzu.

Vor allem im Bett. In der Dämmerung fanden die unausgesprochenen Worte ihren Weg ganz allein zu Alice. Plötzlich war es, als befände sie sich wieder in der Vergangenheit. Damals, als sie unter Kyros’ zärtlichen Liebkosungen ihr erotisches Erwachen erlebt hatte.

Sie war noch Jungfrau, als sie einander begegnet waren. Das hatte ihm gefallen. Ihre Unschuld war das kostbarste Geschenk, das eine Frau einem Mann machen kann, hatte er ihr versichert und ihr die Unterwäsche mit der Geschicklichkeit eines Mannes vom Leib gestreift, der dies schon mehr als einmal getan hatte.

Voller Leidenschaft hatte er ihr alles beigebracht, was er wusste. Und sein Wissen in diesem Bereich schien grenzenlos zu sein. In der Kunst des Liebesspiels war Kyros ein begnadeter Meister. „Weil es Kunst ist, agape mou“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert, erinnerte sie sich. Wie eifersüchtig war sie auf all die Frauen vor ihr gewesen, die Frauen, bei denen er seine Kunstfertigkeit ausgebildet hatte. Und was war mit denen, die nach ihr kamen?

Darüber würde sie jetzt nicht nachdenken. Entschlossen zog sie den Saum des Kleides nach unten.

„Ich dachte, wir hätten bereits entschieden, dass es ein bisschen spät ist, falschen Anstand an den Tag zu legen!“

„Ich werde sofort unanständig sein, sobald du mit deinen Höhlenmann-Kommentaren aufhörst“, entgegnete sie, woraufhin Kyros lachte. „Also, erzähl mir, wie du die letzten zehn Jahre verbracht hast. Was arbeitest du? Wo lebst du?“

„Auf Kalfera. Wo sonst?“

Bislang hatte Alice nur Fotos von der griechischen Insel gesehen, auf der er und sein Zwillingsbruder aufgewachsen waren. Ein atemberaubendes fernes Paradies, so war ihr Kalfera immer erschienen. Saphirblaues Meer, weiße Sandstrände. Kyros hatte immer davon gesprochen, eines Tages dorthin zurückzukehren. Doch sie hatte immer angenommen, nach seiner Zeit in London sei ihm die Insel zu klein. Auch hatte sie geglaubt, er wolle die schlimmen Erinnerungen, die mit seinem Zuhause verknüpft waren, hinter sich lassen. Hatte er ihr nicht erzählt – während der einzigen Gelegenheit, als sie ihn ein wenig betrunken erlebt hatte –, dass seine Mutter ihn und seinen Zwillingsbruder einfach im Stich gelassen hatte, als sie kaum vier Jahre alt waren?

Alice fiel ein, wie sie das Thema ein anderes Mal zu Sprache gebracht und er sie wütend angefahren hatte, nie wieder davon anzufangen.

„Ist dir das Leben auf einer Insel nicht zu beengt?“

„Ich sitze dort ja nicht fest. Ich kann mich zwischen dem Festland und dem restlichen Europa bewegen, wie es mir passt.“

„Wie oft ist das?“

„Kommt darauf an. Meine Geschäfte wachsen ständig. Allerdings halte ich mich immer noch am liebsten auf Kalfera auf. Dort ist das Leben einfach. Und nur dort finde ich Frieden“, schloss er. Dann verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen, um jede weitere Nachfrage zu verbieten. An ihrer wissbegierigen Art hatte sich also nichts geändert. Dabei hatte er sie ja nicht an diesen abgelegenen Ort geführt, um sich von ihr ausfragen zu lassen!

„Doch genug von meinem unaufregenden Leben auf einer kleinen griechischen Insel“, murmelte Kyros und lehnte sich auf der Bank zurück, damit er die sanften Rundungen ihrer Brüste besser in Augenschein nehmen konnte. „Nun möchte ich alles über dich erfahren.“

Es schien Alice, als habe er in Wirklichkeit nur sehr wenig von sich preisgegeben. Außer wo er wohnte, hatte sie nichts über ihn erfahren. Sie fragte sich, ob er das Familienunter-nehmen mittlerweile zum Erfolg geführt hatte. Vor zehn Jahren hatte die Firma nämlich in einer ernsten Krise gesteckt. Er trug Jeans und T-Shirt. Nicht gerade die Kleidung eines reichen Mannes. Waren die Probleme immer noch nicht behoben? Wollte er deshalb nicht darüber reden?

„Oh, mir ist es ganz gut ergangen“, sagte sie ruhig. Sie wollte nicht angeben – vor allem dann nicht, wenn Kyros der erwartete Weg an die Spitze bislang verwehrt geblieben war. Herunterspielen wollte sie ihre Leistungen allerdings auch nicht. Auch wenn ihr Liebesleben schon länger brachlag, konnte sie doch auf ihre Erfolge im Job stolz sein. „Gut genug, um mir ein kleines Apartment zu leisten.“

Wie lange, überlegte er rasch, würde es wohl dauern, dorthin zu fahren? „Und womit verdienst du dein Geld?“

„Ich arbeite im Marketing.“ Sie glaubte, ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen, und setzte hastig zu einer Erklärung an. „Das mag ein bisschen langweilig klingen, aber es ist alles andere als eintönig. Die Firma, in der ich arbeite, verkauft Gesundheitsprodukte und Präparate für alternative Therapien. Als ich dort angefangen habe, waren die Zahlen rückläufig. Also mussten die Verkaufsstrategien überdacht werden. Glücklicherweise fiel dieser Zeitpunkt mit einem allgemeinen Umdenken zusammen, was das körperliche Wohlbefinden angeht, und …“ Sie zuckte die Schultern, weil ihr erst jetzt das Funkeln in seinen dunklen Augen auffiel. „… und nun befinden wir uns auf dem aufsteigenden Ast.“

„Ach Alice, wie leidenschaftlich du über das Geschäft sprichst. Dann bist du wohl eine Karrierefrau geworden?“

„Bei dir klingt es, als sei das falsch.“

„Wirklich? So meinte ich es nicht. Aber wenn eine Frau ihr Herz an die Karriere hängt, bleibt ihr nur wenig Spielraum für andere Dinge“, sinnierte er und blickte auf ihre ringlosen Hände. „Vor allem für eine Familie.“

Nimm es ja nicht persönlich, flehte sie sich an. Dennoch verspürte sie einen Stich des Bedauerns und biss sich auf die Unterlippe. Nur weil du keine Familie gegründet und Kinder bekommen hast, bedeutet das nicht, dass du einen Fehler gemacht hast. „Dafür ist später noch genug Zeit“, antwortete sie. Warum nur hatte sie ihm gegenüber stets das Gefühl, sich verteidigen zu müssen?

„Du glaubst, Frauen könnten alles haben?“

„Ich denke, die Männer würden ihnen gerne einreden, dass es nicht geht … aber wir Frauen schulden es uns, es wenigstens zu versuchen.“

„Dann bist du also eine Feministin in Seidenstrümpfen und Strapsen?“, stellte er trocken fest, wobei er sich seinem unvermittelt auflodernden Verlangen nur allzu deutlich bewusst war.

Sein Blick wanderte über ihren Körper, und ein Prickeln überfiel ihre Haut. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du so abscheulich altmodisch warst“, entgegnete Alice. „Hast du die Uhren auf Kalfera zurück auf Mittelalter gestellt?“

Kyros streckte seine langen Beine aus. Seine momentane Sitzposition war ihm unangenehm. Was vielleicht auch daran lag, dass seine erregte Männlichkeit schmerzhaft gegen den Hosenbund drängte. Ob sie es schon bemerkt hat?, überlegte er. Wie würde sie wohl reagieren, wenn er ihre Hand dorthin legte? Ihn streicheln und den Reißverschluss öffnen und ihn mit dem Mund verwöhnen, wie sie es in der Vergangenheit so oft getan hatte?

„Hast du mich denn vermisst, agape mou?“, fragte er und verfluchte sich selbst, weil er sein Verlangen einfach nicht zügeln konnte.

Es war lange her, dass sie diese Koseworte vernommen hatte. Die Worte bedeuteten „mein Schatz“ und gehörten zu den wenigen griechischen Ausdrücken, die sie gelernt hatte. Sie jetzt zu hören überrumpelte sie. Und – ungleich grausamer – versetzten sie sie wieder in eine Zeit und an einen Ort, an die sie sich sonst sorgfältig weigerte zu denken.

Kennengelernt hatten sie sich während Alices Anfangsmonaten auf dem College, bei einer Begrüßungsparty für die Erstsemester. Sie war achtzehn, intelligent und begierig auf alles, was das Leben für sie bereithalten mochte. Kyros, der atemberaubend attraktive Grieche Kyros, hingegen war exotischer als alle Menschen, denen sie in ihrem kleinen Heimatstädtchen begegnet war.

Der schimmernde bronzefarbene Teint, die schwarzen Haare und der durchtrainierte schlanke Körper waren einfach ein Traum. Dazu gesellten sich seine Arroganz und die unverhohlenen Attitüden eines Machos. Zu einer Zeit, in der britische Männer versuchten, ihren Gefühlen unablässig Ausdruck zu verleihen, stellte Kyros ihre Antithese her … und wurde von Frauen umschwärmt.

Immer noch entsetzt, erinnerte Alice sich daran, wie offensichtlich einige dieser Frauen sich an ihn herangemacht hatten.

Gerüchte kursierten, dass er mit mindestens dreien von ihnen geschlafen hatte. Sie hingegen hatte ihm kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht weil sie damit einen besonders ausgeklügelten Verführungsplan verfolgte, sondern weil sie keinerlei Erfahrung in diesem Bereich besaß. Nein, nach einem Blick auf ihn wusste sie, dass er weit außerhalb ihrer Liga spielte.

Jahre später erst erkannte sie, dass Männer wie Kyros geborene Jäger waren. Sie mochten die Jagd, und sie reizte das Unbekannte. Ihre natürliche Frische, ihre Unschuld und ihr mangelndes Interesse hatten ihn zu ihr geführt.

Körperliche Anziehung war eine Sache, doch Alice verliebte sich in ihn, weil … nun ja, weil er Kyros war und sie sich einfach in ihn verlieben musste. Und eine Zeitlang erwiderte er ihre Liebe – zumindest behauptete er das. Aber die Liebe hinderte ihn nicht daran, sie mit einem bedauernden Schulterzucken zu verlassen.

Du musst doch gewusst haben, dass ich nach Hause zurückkehre und die Firma meiner Familie übernehme, agape mou. Bald werde ich ein hübsches griechisches Mädchen heiraten, das mir mindestens fünf Kinder schenkt … die meisten natürlich Söhne! Und die werden dann eines Tages ebenfalls das Familienunternehmen von mir erben. Das ist nun mal der Lauf der Dinge!

Nein, sie hatte es nicht gewusst. Als ihr klar wurde, dass sein Entschluss unwiderruflich feststand, erlaubte sie sich einen kurzen Blick auf ihre eigene Zukunft. Und trotz des fürchterlichen Liebeskummers erspähte sie einen winzigen Funken Hoffnung. Bald würde sie ihren Abschluss machen, und danach konnte sie sich auf ihre berufliche Karriere konzentrieren. Auch wenn Kyros nicht mehr an ihrer Seite weilte, lag ein Leben voller Reisen, Erfahrungen und Abenteuern vor ihr.

Niemand trug die Schuld daran, dass ihr Leben nicht wie in ihren Träumen verlaufen war – auch Kyros nicht.

Aus dem Partyzelt drang leise Musik an ihr Ohr, und Alice kehrte in die Gegenwart zurück. Welche Frage hatte er ihr noch mal gestellt? Mit der Feinfühligkeit einer Dampfwalze hatte er sich erkundigt, ob sie ihn vermisst hatte! Wie konnte ein Mann nur so unsensibel sein? Am Anfang hatte sie ihn vermisst, als sei ihr ein Körperteil amputiert worden!

Aber schlimmer, als ihn zu vermissen, war die Erkenntnis, dass sie nie wieder einen Mann treffen würde, der Kyros Pavlidis das Wasser reichen konnte. Sie erinnerte sich an die schmerzhafte Klarheit, mit der sie dies begriffen hatte.

Allerdings würde sie ihm das natürlich niemals verraten. Sein Ego brauchte keinen weiteren Schub. Nur leugnen, ihn vermisst zu haben, konnte sie auch schlecht. Eine Lüge dieser Größenordnung würde er auf jeden Fall durchschauen.

„Es war unvermeidbar, dich in gewissem Maße zu vermissen“, erwiderte sie diplomatisch. „Wir waren fast ein Jahr lang ein Paar.“ Dank des Cocktails gelang ihr sogar ein halbwegs überzeugendes Lächeln. „Seltsam fand ich nur die Abruptheit, mit der du die Beziehung beendet hast. Du hast nie geschrieben oder angerufen. Stattdessen bist du einfach aus meinem Leben verschwunden, und ich habe nie wieder von dir gehört.“

„Es war besser so“, sagte er. „Wenn wir Freunde geblieben wären …“ Ja, was dann? Hätte er der Versuchung nicht widerstehen können? Wäre er zurückgekommen und wieder mit ihr ins Bett getaumelt? Hätte wieder und wieder das Vergnügen ihres Körpers genossen? Er wollte – nein, musste – einen klaren Bruch vollziehen, um seine blonde Geliebte zu vergessen … ihre langen Beinen und die smaragdgrünen Augen.

Dabei hatte er sie nie wirklich vergessen können. Hatte nur seinen Hunger nach ihr tief in seinem Inneren vergraben. Und jetzt? Ihr Anblick, wie sie, einer Göttin gleich, im Mondlicht neben ihm auf der Bank saß, weckte die lange verschüttete Sehnsucht.

„Wir hätten niemals Freunde bleiben können, Alice“, sagte er fast barsch.

„Nein“, stimmte sie zu, ein gezwungenes Lächeln spielte um ihren Mund. „Da hast du vermutlich recht.“

In dem dämmrigen Licht konnte er den Ausdruck in ihren Augen nicht lesen. Dabei hatte er erwartet … ja, was eigentlich? Dass sie wie jede andere Frau auf ihn reagierte? Dass sie mit süßem Schmollen kokettierte und Signale aussandte, die ihm zu verstehen geben sollten, dass sie zu haben war? Dergleichen hatte Alice nie getan.

Gekleidet war sie wie eine verführerische Sirene, aber Zweideutigkeiten oder gar Anspielungen hatte es keine gegeben.

War das nicht immer der Wesenszug gewesen, der ihn zu Alice hingezogen hatte? Dass die blonde Schönheit das erotisch lodernde Feuer hinter einer kühlen Fassade verbarg?

Was sollte er also unternehmen? Nun, das, was er immer tat: sich nehmen, was er wollte und anschließend fortgehen.

Kyros streckte die Hand aus und berührte die zarte Haut ihres Dekolletés unterhalb der Kette mit dem falschen Edelstein. Er spürte ihren Puls, sah, wie sie die Lippen instinktiv ein wenig öffnete. In dem schwächer werdenden Abendlicht verdunkelten sich seine Augen.

„Kyros …“

Er zog sie in seine Arme und schaute ihr in die Augen. In diesem Moment wusste Alice mit absoluter Sicherheit, dass er sie küssen würde. Sich in die Luft zu erheben und davonzufliegen wäre einfacher, als ihm zu widerstehen. „Du Mistkerl“, flüsterte sie.

Leise lachend strich er mit einem Finger über ihre Brust, woraufhin die Knospen sich sofort verhärteten. „Aber es gefällt dir ja. Du magst die harten griechischen Machos, nicht wahr, meine Schöne?“

„Kyros …“ Jeder Protest war vergebens, weil er diesen Augenblick wählte, um seine Lippen heißblütig auf ihre zu pressen. Alice erwiderte den Kuss, als hinge ihr Leben davon ab.

Mit beiden Händen umfasste sie seine breiten Schultern, fühlte die Muskeln und wollte ihm am liebsten das T-Shirt vom Leib reißen, um endlich seine seidenzarte Haut zu spüren. Stöhnend murmelte sie seinen Namen.

Einen leisen Fluch ausstoßend, zog Kyros sie von der Bank auf den weichen grünen Rasen hinunter und schmiegte seinen Körper fest gegen ihren.

Hart, er fühlte sich so hart an. Aber das ist okay, schoss es ihr durch den Kopf. Denn zumindest war es ehrlich. Sie wollte nichts Sanftes, nichts, das sich hinter angeblicher Liebe versteckte.

„Alice!“ Er stöhnte auf, als sie sich unter ihm wand. Die Bewegung kam ihm auf schockierende Weise vertraut vor. Sanft schob er sein Bein zwischen ihre und stieß einen ungläubigen Laut aus, als Alice ihre Beine tatsächlich spreizte. Ihr Verlangen war gradlinig und direkt. Mit Spielchen gab sie sich nicht ab.

Sein Herz pochte wild, als er seine Hand über ihren Körper gleiten ließ. Er schob den Saum ihres Kleides nach oben, streifte über die kühle Seide ihrer Strümpfe ihr Bein entlang, bis er den weichen Stoff des Höschens ertastete. Ohne langes Vorspiel drang er mit einem Finger in sie ein.

Alice rang nach Luft. Trotz der Schatten der Nacht konnte er sehen, dass Sehnsucht dunkel in ihren weit aufgerissenen Augen schimmerte. Gleichzeitig lief ein Schauer unverhohlener Lust über ihren Körper.

„Kyros! Hör auf! Wir … wir können nicht …“

Seine Hand erstarrte in der Bewegung. Alice … wies ihn zurück?

„Wir können nicht hier bleiben!“

Das Mondlicht machte sein Lächeln ganz weich. „Nein?“, fragte er und drängte sich dichter an sie.

Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle. Ihr Körper brannte. Doch zumindest war auch ein kleiner Teil ihrer Vernunft zurückgekehrt. Was wäre, wenn jemand sie in dieser intimen Umarmung erwischte? „Nein“, brachte sie erstickt hervor. „Im Garten wimmelt es von Partygästen.“

Ein hartes Lächeln erschien auf Kyros’ Lippen. Das klang nicht wie eine Zurückweisung, eher nach einer Verzögerungstaktik. Er rückte ein wenig von ihr ab, stand dann auf und streckte ihr hilfreich die Hand entgegen. „Gehen wir.“

Alice versuchte, ihren keuchenden Atem unter Kontrolle zu bringen. „Aber … was werden die Leute denken?“

„Es ist mir völlig egal, was die Leute denken, Alice.“

Seine arroganten Worte brachten alle Alarmglocken in ihrem Kopf zum Läuten. Er wird dich wieder verletzen, schienen sie zu rufen.

„Aber mich kümmert es“, versuchte sie einen letzten Protest.

„Nicht genug, um mich aufzuhalten“, erwiderte er sanft, während er eine Hand auf ihren Po legte und Alice fest gegen sich presste, sodass sie seine Erregung spüren konnte. „Ist das genug, um dich aufzuhalten, Alice?“

„Nein“, gab sie zu und erschauerte bei der Vorstellung, ihn in sich zu spüren.

Kyros ergriff ihre Hand und führte Alice mit zielstrebigen Schritten durch den Garten. In der Ferne waren Musik, das Klirren von Gläsern, Stimmengemurmel und immer wieder Gelächter zu hören. Wie normal alles klingt, dachte sie. Und ich schleiche mich wie ein Dieb durch die Nacht. Mit einem Mann, der mir schon einmal das Herz gebrochen hat.

In atemlosem Schweigen eilten sie durch die ruhigen nächtlichen Straßen. Als sie Alices Elternhaus erreichten, legte Kyros eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Schläft deine Freundin heute Nacht auch hier?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Gut.“

Wie kalt und distanziert er ist, ging es ihr durch den Kopf. Wie kalkulierend er alle Eventualitäten durchdenkt. Dass er heute Nacht nicht gestört werden wollte, konnte sie allerdings gut nachvollziehen. Die prickelnde Spannung zwischen ihnen schien fast mit Händen greifbar.

Behutsam streifte er mit einem Finger über ihre Wange – als benutze er die Macht, die dieser feinen Berührung innewohnte, um jeden noch so kleinen Widerstand zu brechen. Doch Alice hatte längst den Punkt überschritten, an dem es sie kümmerte, ob die Geste zärtlich oder manipulierend gemeint war. Um ehrlich zu sein, kümmerte sie gar nichts mehr, außer dem Verlangen, wieder mit ihm in einem Bett zu sein und in seinen Armen zu liegen.

„K…Kyros“, stieß sie aus und befeuchtete sich die trockenen Lippen.

„Gehen wir hinein“, erwiderte er rau.

3. KAPITEL

Kaum befanden sie sich im Haus, übernahm Kyros das Kommando. Er stieß ein paar harsche Worte auf Griechisch aus und zog Alice in seine Arme. Und dann wurde es plötzlich ernst.

Geschickt suchte und fand er ihre Lippen. Alice schwankte unter der Flut von Emotionen, die in ihr emporwirbelten. Unwillkürlich erwiderte sie den Kuss mit einer Leidenschaft, die sie seit zehn Jahren zurückgehalten zu haben schien.

Ihre Körper schmiegten sich perfekt aneinander. Mit den Händen streichelte er ihren Po, schob das schwarze Satinkleid hoch und fuhr über die elegante Spitze des Höschens. Leise schrie sie lustvoll auf, woraufhin er sich sofort zurückzog und in ihre weit geöffneten Augen blickte.

„Wenn wir nicht schleunigst aus diesem Flur verschwinden“, stöhnte er, „reiße ich dir das Kleid vom Leib und nehme dich gleich hier und jetzt.“

Die drastischen Worte erschreckten sie. Das war kein belangloses Liebesgeflüster, sondern eine kaltblütige Erklärung sexueller Absichten. Ihre Furcht verflüchtigte sich jedoch ebenso rasch, wie sie gekommen war, denn die Berührung seiner warmen Hände auf ihrer nackten Haut sandte erotische Schauer über ihren Rücken.

„Ist es das, was du willst, Alice? Sollen wir es gleich hier tun?“

In ihrer eigenen Wohnung hätte sie bestimmt Ja gesagt. Aber sie befanden sich im Haus ihrer Eltern. „Nein“, entgegnete sie. „Nicht hier.“

„Wo dann?“

„Oben.“

Auf der Treppe in den ersten Stock kam Alice in den Sinn, dass immer noch Zeit war, diesen Wahnsinn zu beenden. Selbst als sie die Tür zu ihrem alten Schlafzimmer aufstieß, das mittlerweile in ein hübsch eingerichtetes Gästezimmer umgestaltet worden war, hätte sie immer noch Nein sagen können. Erst als Kyros die Tür mit einem Fußtritt ins Schloss beförderte, sie in seine Arme zog und leidenschaftlich zu küssen begann, da wusste Alice, dass es nun endgültig zu spät war.

Kyros stöhnte auf, als sie die Lippen vorsichtig für ihn öffnete. Sein Verlangen steigerte sich ins Unermessliche. Hatte sie nicht immer schon die Macht besessen, sein Blut in Feuer zu verwandeln?

Er wusste alles, was es über den Körper einer Frau zu wissen gab. Wie er sie vor Lust spitze Schreie ausstoßen lassen, wie er sie vor Vergnügen zum Weinen bringen konnte. Wann er sie erregen, wann er sich zurückziehen musste. Kannte die wundervollen Spielchen, mit der er die Erregung nach Belieben steigern konnte.

Heute Nacht jedoch schien seine gewohnte Kunstfertigkeit ihn verlassen zu haben. Ein ungläubiger Laut entrang sich seiner Kehle, als er Alices Bein entlangstreichelte und schließlich zu ihrer empfindsamsten Stelle vordrang.

Er stieß einen alten griechischen Fluch aus, zog den Reißverschluss des Kleides nach unten und ließ es mit einer unwirschen Geste auf den Boden fallen. „Das ist scheußlich!“

„Ich … ich habe das Kleid geliehen … es gehört mir gar nicht“, protestierte Alice atemlos zwischen zwei Küssen.

Kyros trat zurück und betrachtete sie besitzergreifend und eifersüchtig zugleich. Wie viele Männer hatten sie nur in Dessous bekleidet nach ihm gesehen? „Himmel!“, murmelte er. „Alice!“

Ihre Unterwäsche war ebenso verführerisch schwarz wie das Kleid. „Erzähl mir nicht, du hast auch die Wäsche geliehen!“, sagte er konsterniert und musterte das hoch ausgeschnittene Höschen, das sehr sündig und aufreizend ihre verführerischen langen Beine und den perfekt geformten Po zur Geltung brachte.

„N…nein. Natürlich nicht.“

Kyros schob einen Finger unter den mit Spitze verzierten Saum der halterlosen Strümpfe. „Und was ist damit? Trägst du immer Strapse?“

Glaubte er etwa, sie habe sie extra für ihn angezogen? „Manchmal.“

Wieder überwältigte ihn eine Woge der Eifersucht. Herrisch befahl er sich, sein loderndes Verlangen zu bezwingen. Ein Kyros Pavlidis hatte nicht auf solche Weise Sex! Er umschloss sein Herz mit einem eisernen Panzer und richtete seine Aufmerksamkeit auf die hauchdünnen Dessous.

Irgendetwas stimmte nicht.

Er ließ seinen Blick zu der Hochsteckfrisur wandern und nickte. „Öffne deine Haare“, wies er Alice an.

Mit anfangs zitternden Händen nahm sie zuerst die Ohrringe und die Kette ab und legte sie in einem glitzernden Bündel auf einen kleinen Tisch. Dann hob sie die Hände und zog die Nadeln und Klammern aus der Frisur, die sich ebenfalls zu dem Schmuck gesellten. Strähne um Strähne fiel in seidigen Wellen über ihre Schultern – ein blonder Wasserfall, der ihr bis zur Hüfte reichte.

Ihr Anblick entlockte ihm einen dumpfen Laut. „Ah, ne“, flüsterte er. „Ja!“ Und ohne weitere Warnung beugte er sich vor und hob sie in seine Arme.

„Kyros!“

„Was?“

„Lass mich runter!“

„Magst du es nicht, von einem Mann zum Bett getragen zu werden? Erregt dich das nicht mehr, Alice?“

Natürlich tat es das. Wobei … nicht, dass es in der Zwischenzeit ein anderer Mann getan hätte.

Vor dem Bett blieb er stehen, beugte sich vor und ließ sie vorsichtig auf die Laken gleiten. Seine Augen funkelten, als er sein T-Shirt über den Kopf streifte.

Alice schluckte. Sein muskulöser Oberkörper wies kein Gramm Fett auf. Hatte sie insgeheim geglaubt, er habe vielleicht ein wenig zugenommen? Nun, falsch gedacht.

Als er eine Hand an den Reißverschluss seiner Jeans legte, traf sein Blick auf ihren. Er lachte, als er den Hunger in ihren Augen erkannte. „Soll ich sie ausziehen, Alice?“

Wissend, dass er mit ihr spielte wie eine Katze mit einer Maus, zwang sie sich zu einem Schulterzucken. „Ach, das muss nicht sein, Kyros. Eine Jeans hat dich früher auch nicht zurückhalten können.“

Ihre spitze Antwort steigerte seine Erregung noch mehr … sehr viel mehr. „Du … Hexe!“, flüsterte er und zog den Reißverschluss hinunter.

„Bin ich das?“

„Circe höchstpersönlich“, entgegnete er und streifte die Jeans und die dunklen Boxershorts aus Seide ab.

„Kyros“, hauchte sie.

„Willst du mich?“, fragte er.

Mehr als alles andere auf der Welt. „Komm ins Bett“, sagte sie. In ihrem Tonfall schwangen Gefühle mit, über die sie im Moment nicht nachdenken wollte. Er legte sich neben sie, schloss sie in seine Arme und presste seine Lippen auf ihren Mund.

Seit seiner ersten sexuellen Erfahrung hatte Kyros nicht mehr eine solche Sehnsucht verspürt, sich mit einer Frau zu verlieren. „Sollen wir das hier noch loswerden?“, murmelte er und zog ihr das Höschen aus. „Und das auch?“ Diesmal löste er den Verschluss an ihrem BH, neigte den Kopf und liebkoste die beiden rosigen Spitzen von Alices Brüsten mit seinen Lippen.

„Aber … ich trage immer noch meine Schuhe“, erklärte sie atemlos.

„Ich weiß.“ Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Schuhe wie diese wurden ausschließlich fürs Schlafzimmer gemacht …“

Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, einen Schutz zu verwenden. Er griff nach seiner Jeans und zog ein Kondom aus der Gesäßtasche.

Auf die überwältigende Enttäuschung, die in ihr aufwallte, war sie ganz und gar nicht vorbereitet. Was war denn nur los mit ihr? Sein Tun war doch durch und durch vernünftig. „Warst du dir so sicher, dass du mich ins Bett bekommst, Kyros?“

Wie sollte er darauf antworten? In ihm lieferten sich Aufrichtigkeit und Diplomatie einen harten Kampf. „Ich war zuversichtlich, dass die Chemie zwischen uns noch stimmt.“

„Chemie?“ Alice lachte kurz auf. „Wie eine Kettenreaktion in einem Labor?“

„Mach es nicht wichtiger, als es ist, Alice. Verdirb nicht den Augenblick, indem du ihn analysierst. Ich dachte, wir wollen ein bisschen Spaß haben. Diese eine Nacht genießen.“

Hatte er das vorhin auch schon so ausgedrückt? Sie konnte sich partout nicht daran erinnern …

„Wenn du deine Meinung geändert hast, solltest du es mir besser sofort sagen.“

Eine Nacht. Das war es also. Eine Nacht voller Lust … ohne Liebe. Warm spürte sie seinen Körper an ihren geschmiegt. Niemals hätte sie ihn jetzt noch fortschicken können. „Nein, habe ich nicht“, flüsterte sie.

Vergangenheit und Gegenwart schienen miteinander zu verschmelzen. Nichts wirkte mehr real. Kyros lachte leise auf, als er in einer fließenden Bewegung in sie eindrang. Er glaubte, sie seinen Namen flüstern zu hören.

Danach dachte er an nichts mehr, außer, wie außerordentlich süß es sich anfühlte, um wie viel wunderbarer es war, mit Alice zu schlafen als mit jeder anderen Frau.

Als er spürte, wie die Spannung in ihrem Körper wuchs, küsste er sie sanft und hörte auch dann nicht auf, als ihr Körper erschauerte und Alice bei jeder Woge der Ekstase, die sie überspülte, leise aufschrie.

Unaufhaltsam – und früher, als er geplant hatte – folgte er ihr ins Paradies. Näher, so hatte er immer geglaubt, konnte er dem Himmel auf Erden nicht kommen. Diesmal jedoch hatte er das Gefühl, weit ins Weltall und zu den Sternen katapultiert worden zu sein.

Schließlich ließ er sich von ihrem weichen Körper gleiten, um sich umzudrehen und einzuschlafen. Doch musste er feststellen, dass es unmöglich war, ein wenig Distanz zwischen sie und sich zu bringen.

„Dieses Bett ist verdammt klein“, beschwerte er sich.

Das waren nicht gerade die Worte, die Alice hören wollte – dennoch vielleicht die richtigen. Anders als ihr kamen ihm keine verträumten Gedanken in den Sinn.

Gedanken wie: Das war unglaublich! Die wundervollste Erfahrung, seit er mich verlassen hat. Oder verstörendere Gedanken, wie: Ich glaube, ich liebe ihn immer noch. Möglicherweise habe ich nie aufgehört, ihn zu lieben. Denn das war ja Unsinn. Liebe bedeutete viel mehr als Lust. Guter Sex war einfach nur guter Sex. Mehr war da nicht, rief sie sich ins Gedächtnis. Doch so eng und nahe neben Kyros zu liegen brachte ihre Abwehr ins Wanken.

Ganz ruhig. Verhalt dich so wie er. Beschwer dich über das enge Bett, über die Art und Weise, wie sein Bein über deinem liegt. Sag etwas … irgendetwas! Lass ihn nur unter gar keinen Umständen sehen, wie verletzlich du in deinem schläfrigen Zustand unmittelbar nach dem grandiosesten Sex seit Jahren bist.

„Das Bett ist ein bisschen klein“, stimmte sie gähnend zu. „Aber es ist ja auch nur für eine Person gedacht. Da drüben steht noch eines. Wenn dir das auch zu schmal ist, solltest du vielleicht gehen und dir ein Hotelzimmer suchen.“

Kyros’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sich ein Hotelzimmer suchen? War sie verrückt geworden, oder versuchte sie, ihn zu provozieren? Sollte sie nicht seinen Körper mit Küssen bedecken? Und sich langsam einer bestimmten Stelle nähern? Sollte sie nicht zwischen zwei Küssen wispern, dass er der beste Liebhaber der Welt war? Stattdessen schlug sie vor, er solle gehen!

Versonnen begann er, eine ihrer Brüste zu massieren, streifte mit dem Daumen immer wieder über die rosige Spitze, die sich rasch verhärtete. Schließlich neigte er den Kopf und ließ seine Zunge spielerisch über die rosige Knospe gleiten.

„Du willst, dass ich gehe?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„So klang es aber. Was also willst du? Das hier?“ Mit einer Hand fuhr er über ihren flachen Bauch. Sie erschauerte, als er ihre geheimste Stelle erreichte.

„Kyros“, flüsterte sie, als er begann, sie dort zu liebkosen.

Seine Gedanken rasten, während er sie langsam zu einem neuerlichen Höhepunkt führte. Alice zu verführen war nicht geplant gewesen. Hätte sie eine Beziehung gehabt, wäre es bei einem höflichen Drink und belangloser Konversation geblieben.

Aber es gab keinen anderen Mann. Sie war frei und hatte sich nur zu gern in seine wartend ausgestreckten Arme geworfen. Hätte er ein Drehbuch der Ereignisse schreiben müssen, eine bessere Version wäre ihm nicht eingefallen. Ein One-Night-Stand ohne Verpflichtungen.

Warum also zog er sich dann nicht wieder an? Vor allem da sie ihm gerade den perfekten Grund geliefert hatte. Auf diese Weise würde ihnen eine peinliche Verabschiedung im hellen Licht des Morgens erspart bleiben.

Kyros sah zu ihr hinunter, wie sie die Hüften im Rhythmus seiner streichelnden Finger bewegte. Weil sie einmal zu besitzen nicht genug war, wurde ihm auf einmal klar. Nicht annähernd genug.

Hastig stellte er einige Überlegungen an. „Kannst du dir von der Arbeit freinehmen?“, fragte er.

Die unerwartete Frage riss sie aus dem Land glücklicher Empfindungen. Unvermittelt kehrte sie auf den kalten Boden der Realität zurück. „Wann denn?“

„Nächste Woche.“

Verwundert sah sie ihn an. Der Sex hatte seine Gesichtszüge nicht glätten können. In seinen Augen lag immer noch ein rätselhafter unlesbarer Ausdruck. „Aber warum denn?“

Er zögerte keine Sekunde. „Mein Terminkalender ist flexibel. Ich kann durchaus noch ein paar Tage in England bleiben. Ich möchte gerne fortsetzen, was wir angefangen haben.“ Er lächelte. „Du nicht?“

Ja, natürlich wollte sie! Auch als beste Schauspielerin der Welt hätte sie sich nicht verstellen und ihn vom Gegenteil überzeugen können. Doch was war mit ihrem Stolz und ihren Prinzipien? Aber hatte sie sich nicht schon in den letzten Stunden auf eine Weise verhalten, die sie bei ihren Freunden zutiefst missbilligt hätte?

Und was dachte eigentlich Kyros von ihr, dass sie mit Seidenstrümpfen bekleidet und sehr hochhackigen Stöckelschuhen an den Füßen mit ihm schlief?

Aber stand Kyros’ Meinung über sie nicht schon längst fest? Ändern würde sie die auch nicht mehr – egal, wie ihre Antwort jetzt lauten mochte. Allerdings musste sie zuerst genau wissen, was er eigentlich im Sinn hatte. „Stellst du dir eine Affäre vor?“, fragte sie.

Kyros lächelte. Affäre klang ein bisschen langfristig für das, was ihm vorschwebte. Doch zumindest gab sie sich keinen Illusionen hin und sprach gleich von einer Beziehung. „Genau das meine ich, agape mou. Wenn du möchtest, können wir sogar ein paar Tage verreisen.“

Alice biss sich auf die Unterlippe. Sie konnte sein Angebot rundheraus ablehnen. Konnte ihm sagen, dass sie nicht auf der Welt war, um auf ein Fingerschnipsen hin zu seiner Verfügung zu stehen. Aber … bestrafte sie sich damit nicht selbst am meisten? Und wenn sie eine ganze Woche mit ihm verbrachte, würde seine anmaßende Arroganz nicht am schnellsten dafür sorgen, dass sie anschließend glücklich war, ihn endgültig los zu sein? Guter Sex hin oder her?

Und was ist mit deinen Gefühlen?, meldete sich eine leise Stimme in ihrem Kopf. Hat es dir nicht schon beim ersten Mal das Herz gebrochen, als er dich verlassen hat? Wer sagt dir, dass es nicht wieder passiert?

Alice verscheuchte die Stimme aus ihren Gedanken.

„Am Montag spreche ich mit meinem Chef.“

4. KAPITEL

Alice ließ das Schloss des Koffers zuschnappen und starrte ihn unschlüssig an. Ganz gleich, wie sehr sie versuchte, ihre Gedanken im Zaum zu halten, die Zweifel kehrten immer wieder zurück. War es richtig, mit Kyros zu verreisen? Tief in ihrem Inneren kannte sie die Antwort: wahrscheinlich nicht.

Die Reaktion im Büro war entsprechend perplex ausgefallen, als sie um ein paar Urlaubstage gebeten hatte.

„Ich weiß, es kommt ein bisschen kurzfristig“, hatte sie zu ihrer normalerweise sehr verständnisvollen Vorgesetzten gesagt.

„In der Tat, ja. Kann es nicht warten, Alice?“

Vermutlich war es ein Indiz dafür, wie sehr sie die Reise wollte, dass sie die goldene Brücke ausschlug. In diesem Moment hätte sie die Vernunft wählen und Kyros sagen können, es sei leider zu spät und man könne sie im Büro nicht entbehren.

Stattdessen hatte sie auf ihrer Bitte bestanden. Immerhin arbeitete sie seit Jahren hart für die Firma, da könne man doch bestimmt ein paar Tage auf sie verzichten?

Unverwandt den Koffer anstarrend, musste Alice schlucken.

Sie und Kyros hatten den Rest der Nacht zusammen verbracht. Die Menge an Schlaf, die sie bekommen hatte, ließ sich vermutlich in Minuten ausdrücken.

Zwischen verzückten Küssen bat sie ihn am Morgen, zu gehen. Wiedersehen würden sie sich in London.

„Ich fahre dich“, murmelte Kyros, ihren Nacken mit federleichten Küssen bedeckend und eine Hand verführerisch ihr Bein entlanggleiten lassend.

Alice entwand sich ihm. Seine Leidenschaft und sein Durchhaltevermögen waren fast so beängstigend wie ihre unkontrollierbaren Reaktionen darauf. „Mein Wagen steht vor der Tür. Ich habe mit all dem nicht gerechnet“, entgegnete sie trocken. „Ich fahre selbst zurück nach London. Du kannst nachkommen und mich in meinem Apartment abholen. Immer vorausgesetzt, meine Firma hat nichts gegen den kurzfristigen Urlaub einzuwenden.“

„Das sollte sie besser nicht“, hatte er nur knapp geantwortet.

Jetzt schaute Alice auf die Uhr. Das Herz pochte ihr bis zum Hals. Er verspätete sich. Vielleicht hatte er ja seine Meinung geändert? Wäre das nicht die beste Lösung überhaupt? Zumindest für sie?

Das Schellen der Türklingel setzte dem verworrenen Gedankengang ein Ende. Rasch bedachte sie ihre Wohnung mit einem letzten Kontrollblick.

Denn so wie Kleider ein bestimmtes Image ausstrahlten, sagte auch die Wohnung viel über einen Menschen aus. Sie zeigte Kyros also nicht einfach nur ihr Apartment, sondern auch, wie ihr Leben verlaufen war und was sie erreicht hatte. Wie hart sie gearbeitet und wie wacker sie sich auf der kostspieligen Immobilienleiter in London geschlagen hatte.

Ihre kleine Wohnung erfüllte sie mit Stolz. Aus den Fenstern hatte man einen fantastischen Blick auf die Themse. Morgens tauchte der Sonnenaufgang die Zimmer in ein freundliches frisches Licht, am Abend erfüllten das Rot und Orange der letzten Sonnenstrahlen sie mit warmen Farben.

Den gestrigen Abend hatte sie mit Putzen verbracht, und heute Morgen kaufte sie noch schnell einen Strauß langstieliger Rosen. Blumen verliehen selbst der kleinsten Behausung Glanz. Und diese besonderen Rosen würden auch am Ende der Woche, wenn sie wieder nach Hause kam, noch gut aussehen.

Die Klingel ertönte ein zweites Mal. Mit vor Aufregung trockenem Mund machte sie sich auf den Weg. Vor dem Wiedersehen empfand sie eine wilde Mischung aus Sehnsucht und Furcht – als wäre es die erste Begegnung mit Kyros seit Jahren. Dabei waren kaum vierundzwanzig Stunden vergangen.

„Hallo“, begrüßte sie ihn fast schüchtern.

Kyros musterte sie eingehend. Er hatte gehofft, sie würde einen kurzen Rock ohne Unterwäsche tragen und sich ihm sofort in die Arme werfen. Ganz sicher hatte er nicht erwartet, sie wie die personifizierte Unschuld erröten zu sehen. Zudem trug sie hellgraue Leinenhosen und ein hübsches, aber definitiv unerotisches Top.

„Fertig?“, fragte er kühl.

Alice runzelte die Stirn. Was war denn aus Höflichkeit und Respekt geworden? „Möchtest du nicht für eine Minute hereinkommen?“

Kyros unterdrückte ein ungeduldiges Seufzen. Nicht wirklich, nein. Zum einen traute er sich selbst nicht, dass er nicht wieder über sie herfiel. Ein weiteres Mal wollte er nicht auf ihrem Territorium Sex haben. Schon die Nacht in ihrem Elternhaus hatte ihn innerlich aufgewühlt – ein Gefühl, das er dem mächtigen Sog der Vergangenheit zuschrieb.

Allerdings gab es in Situationen wie dieser vermutlich eine Art unausgesprochenes Protokoll. Er lächelte kurz.

„Warum nicht?“

Kyros folgte ihr in die Wohnung, interessierte sich jedoch mehr für den Schwung ihres kleinen festen Pos als für die Führung durch die einzelnen Zimmer. Vor einem überraschend guten Ölgemälde blieb sie stehen und setzte zu einer Erklärung an.

„Hast du deinen Reisepass eingepackt?“, fiel er ihr ins Wort.

Alice wandte sich von dem Bild ab. „Meinen Reisepass? Warum das denn?“

„Ich dachte, wir könnten nach Paris fliegen.“

Paris? Die Stadt der Liebe und Romantik! Trotz all ihrer guten Vorsätze tat ihr Herz einen Sprung. Rasch rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie sich keinerlei unrealistischen Erwartungen hingeben durfte. Dennoch, Paris

„Paris?“, wiederholte sie ein wenig atemlos und hoffte, dass es ihm nicht auffiel.

„Es gibt dort eine geschäftliche Angelegenheit, um die ich mich kümmern muss. Den Rest der Zeit können wir uns die Stadt ansehen und Spaß haben.“

Na toll, dachte Alice, ließ sich ihre Enttäuschung aber nicht anmerken. Ich bin das Unterhaltungsprogramm vor und nach einem Geschäftstermin!

Nicht unproblematisch war jedoch, dass sie erst kürzlich eine größere Summe für die Renovierung ihres Badezimmers ausgegeben und dafür ihr Konto geplündert hatte. „Ich weiß nicht, ob ich mir eine Woche Paris leisten kann“, erklärte sie wahrheitsgemäß.

Kyros versteifte sich. Wollte sie ihn beleidigen? „Ich habe auch nicht vorgeschlagen, dass du dich an den Kosten beteiligst. Natürlich bist du eingeladen, Alice“, entgegnete er kühl.

„Ich bezahle immer für mich selbst.“

„Davon will ich nichts hören.“

Alice erinnerte sich, wie empfindlich er immer auf das Thema Geld reagiert hatte, wie sehr es seinen Stolz getroffen hatte. War es nicht bei dem erbitterten Streit mit seinem Bruder genau darum gegangen? „Wenn du mich nicht etwas zu den Unkosten beisteuern lässt, komme ich nicht mit“, beharrte sie stur. „Vor allem wenn auch du knapp bei Kasse bist.“

Unbewegt musterte Kyros sie und versuchte herauszufinden, ob das eine Art Scherz sein sollte. Doch der entschlossene Ausdruck in ihren Augen verriet ihm, dass sie es ernst meinte. Sie glaubte tatsächlich, er habe Geldprobleme. Wäre ihre Einschätzung nicht so weit von der Wahrheit entfernt gewesen, hätte er vielleicht gelacht.

„Dieser Ausflug“, sagte er sanft, „ist bereits seit geraumer Weile geplant. Also werde ich für alles bezahlen. Verstehst du das, Alice?“

Ihre Blicke trafen sich. Die Luft zwischen ihnen schien sich elektrisch aufzuladen.

„Bleibt mir eine andere Wahl?“, fragte sie.

„Ich fürchte nicht.“ Seine dunklen Augen blitzten auf. „Und hast du nicht das Wichtigste vergessen? Du hast mich noch immer nicht geküsst!“

„Du mich auch nicht“, entgegnete sie. Trotz ihrer unverblümten Worte empfand sie plötzlich Unsicherheit. Alles fühlte sich so … seltsam an.

„Kommst du her, oder willst du es auf einen weiteren Machtkampf ankommen lassen?“, fragte er amüsiert.

Alice ließ sich in seine ausgebreiteten Arme sinken und wusste mit absoluter Gewissheit, dass die nächsten Tage nicht einfach werden würden. Sie begehrte ihn, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte und welche Regeln es für diese Situation gab. Er war nicht verheiratet. Theoretisch gesehen war sie also keine Geliebte. Dennoch fühlte es sich so an.

Er presste seine Lippen auf ihre und beendete damit all ihre Überlegungen. Wie von selbst öffnete sich ihr Mund unter der suchenden Wärme des Kusses. Hitze breitete sich tief in ihrem Inneren aus. „Kyros“, stöhnte sie, als sie seine Hand am Reißverschluss ihrer Hose spürte.

„Mmm?“

Die so sorgfältig gebügelte Leinenhose sank achtlos zu Boden. Kyros beschäftigte sich unterdessen bereits mit den Rundungen ihres Pos, der noch von einem dünnen Seidenhöschen bedeckt war, das sie noch nie zuvor getragen hatte.

Alice unterbrach den Kuss. „Ich dachte, du hast es so eilig abzureisen?“

„Das war, bevor du mich zum Bleiben verführt hast.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dich verführt zu haben.“

„Nicht? Allein deine Gegenwart ist die pure Verführung.“ Er ließ seine Fingerspitzen zu ihrer geheimsten Stelle wandern.

Alice schmiegte sich enger an ihn. „Kyros!“

In seinen Ohren klang das Wort nach einer Aufforderung. Zu seiner Überraschung strömte immer glühender heißes Verlangen durch seine Adern. Er öffnete den Reißverschluss an seiner Hose und ließ sich mit Alice in den Armen zu Boden gleiten. Dass das Holz hart war, drang gar nicht mehr in sein Bewusstsein. Auch Alice nahm solche Nebensächlichkeiten nicht mehr wahr. Ihre Hände schienen überall zugleich zu sein, und sie erwiderte seine Küsse voll stürmischer Leidenschaft. Er zerrte an ihrem Slip und zerriss den zarten Stoff mit einem einzigen Ruck.

„Kyros!“, schalt sie ihn.

Nur kurz löste er sich von ihr, um ein Kondom überzustreifen. Dann schob er sich auf sie und hielt einen endlosen wundervollen Moment inne, bevor er mit einer einzigen Bewegung in sie eindrang. Stöhnend warf sie ihren Kopf nach hinten, sodass ihre blonden Haare sich wie ein luxuriöses Kissen um sie ausbreiteten.

„Kyros!“, schrie sie ein drittes Mal gegen seine Lippen, als er sich zu bewegen begann.

Noch nie war Alice sich so animalisch vorgekommen. Einen Moment stellte sie sich vor, sie befände sich außerhalb ihres Körpers und blicke von oben auf sich herab. Sah sich selbst, die Leinenhose um ihre Knöchel gewickelt, das Top bis über die Brüste hochgeschoben, das zerrissene Höschen neben ihr. Auf ihr der bekleidete Körper des griechischen Gottes, wie er wieder und wieder zu ihr kam. Unglaublich erfüllend und doch emotional vollkommen leer.

Bald jedoch tauchte sie in die Welt der ekstatischen Empfindungen ein, zu der die Vernunft keinen Zutritt besaß. So süß und wundervoll war der Ort, am liebsten wäre sie in Tränen ausgebrochen. Nie wieder wollte sie das herrliche Gefühl aufgeben, Kyros in sich zu spüren.

Anschließend hob er den Kopf und betrachtete sie aufmerksam. Ihre Wangen waren gerötet, die Lider schienen schwer geworden zu sein. Doch als sie die Augen aufschlug und ihn ansah, lag Wachsamkeit in ihrem Blick.

„Hat dir das gefallen?“

Mit der Zunge befeuchtete sie ihre trockenen Lippen. „Das weißt du doch.“

Selbstverständlich hatte er das Zögern in ihrer Stimme gehört. „Aber?“

Wenn sie ihm sagte, dass er jedes Mal, wenn er ihr das Paradies zeigte, ein weiteres Stückchen von ihrem Herzen stahl … würde das nicht im besten Fall nach Verletzlichkeit, im schlimmsten nach fundamentaler Schwäche klingen? Als wäre sie ein unerfahrenes Mädchen und keine erwachsene Frau, die sich offenen Auges auf ihn eingelassen hatte.

„Du hast mein Outfit ruiniert, das ich während des Fluges tragen wollte“, sagte sie stattdessen.

Ein spöttisches Grinsen erschien auf Kyros’ Lippen. „Gut. Es hat mir sowieso nicht gefallen. Es wirkt viel zu maskulin für eine so weibliche Frau, wie du es bist, thespinis mou.“ Er schob eine blonde Strähne hinter ihr Ohr. „Ich möchte, dass du in Zukunft keine Hosen mehr trägst.“

„Das ist doch Unsinn.“

„Deine Beine sind viel zu hübsch, um sie in Hosen zu verstecken. Außerdem geraten sie eh nur … in den Weg.“ Besitz-ergreifend fuhr er mit einer Hand über die weiche Innenseite ihrer Oberschenkel. „Nicht wahr?“

Alice erschauerte unter der Berührung. Kyros war unmöglich, aber mit seiner Bemerkung hatte er recht.

Wenn ich schon die Rolle einer Geliebten spielen werde, entschied sie in diesem Moment, dann spiele ich sie auch richtig.

Ihr blieb genau eine Woche mit ihrem griechischen Liebhaber. Zeit, Hemmungen und Befangenheiten hinter sich zu lassen. „Dann trage ich keine Hosen mehr“, flüsterte sie mit gespielt unschuldigem Augenaufschlag, wobei sie zugleich das Becken hob und gegen seinen Unterleib presste. „Nur noch Röcke und Kleider. Würde dir das gefallen, Kyros?“

Kyros stieß einen leisen Fluch aus, als er spürte, dass ihre Bewegungen ihn schon wieder erregten. „Wenn du nicht sofort aufstehst, verbringen wir die Nacht hier, omorfus mou“, sagte er. „Und das habe ich nicht vor. Also geh, und zieh dir etwas an, das mich zufriedenstellt. Wir müssen unser Flugzeug erwischen.“

5. KAPITEL

Sonnenlicht fiel durch die Fensterläden und zeichnete horizontale Streifen auf das zerwühlte Bett. Alice war ganz versunken in den Anblick des schlafenden Mannes auf den weißen Laken.

Wie ein Löwe sieht er aus, dachte sie. Bronzefarbene Haut, die im Licht golden schimmerte. Sein Kopf ruhte auf einem Ellenbogen, der Atem ging ruhig und gleichmäßig. Wie leicht es doch war, sich daran zu gewöhnen, wieder vierundzwanzig Stunden am Tag bei ihm zu sein. Ein Zusammenleben auf Zeit. Ein einwöchiger Urlaub, in der sie die Zahnpasta und jede Menge Sex teilten.

So nahe war sie einem Mann erst einmal gekommen – und damals wie heute war es Kyros. Derselbe Mann, und doch war alles anders. Sie hatte die Unschuld der Jugend verloren und war alt genug, um zu erkennen, dass sie etwas sehr Seltenes und Besonderes erlebte. Doch hinter den Momenten des Glücks lauerten nagende Zweifel.

Alice war sich bewusst, dass sie ihre wahren Gefühle die meiste Zeit über unterdrückte und die Worte, die ihr auf der Zunge lagen, zurückhielt. Sie wollte Kyros sagen, wie sehr sie ihn liebte, beherrschte sich jedoch jedes Mal in letzter Sekunde. Denn Kyros war nicht auf Liebe aus. Was er wollte, war Sex. Das durfte sie niemals vergessen. Ganz gleich, wie sehr Paris ihre Gedanken in eine andere Richtung drängte.

Es fiel ihr schwer zu glauben, dass sie bereits seit fünf Tagen hier waren. Dabei verhielten sie sich wie alle anderen verliebten Paare, die einen kurzen Urlaub in der Stadt der Liebe verbrachten. Sie aßen Austern in Restaurants, die nur von Kerzenlicht erhellt wurden, tranken Pastis am Ufer der Seine, einen nach Anis schmeckenden, typisch französischen Schnaps, und unternahmen endlose Spaziergänge durch die mittelalterlich anmutenden kleinen Straßen und Gässchen. Manchmal überkam sie das Gefühl, sich in einem Traum zu befinden.

Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie rasch die Minuten verstrichen. Denn schon bald würden sich ihre Pfade wieder trennen. Wie sollte sie das nur ertragen?

Aufmerksam betrachtete Alice Kyros’ Gesicht. Wie viel entspannter es im Schlaf wirkte. Gerade als sie ihren Blick auf seinen sinnlichen Lippen ruhen ließ, regte er sich.

„Sag mir, thespinis mou, was willst du heute Nachmittag unternehmen?“

„Ich dachte, du schläfst.“

„Ich weiß. Du hast mich beobachtet. Und ich mag es, von dir angesehen zu werden. Genauso wie ich dich gerne ansehe.“ Er schlug die Augen auf. Alice saß auf einem kleinen Holztisch vor den Fensterläden. Einen kurzen Morgenmantel aus Seide nur nachlässig um die Taille geknotet. Das blonde Haar fiel wie flüssiges Gold über ihre Schultern. Ihre nackten Beine schaukelten über der Tischkante. „Wenn ich einen Bleistift hätte, würde ich dich malen.“

„Obschon wir beide wissen, dass du das künstlerische Talent eines Tausendfüßlers besitzt“, stellte sie spitz fest.

„Ja, aber vielleicht habe ich meine Fähigkeiten verbessert, seit du mich das letzte Mal mit einem Pinsel in der Hand gesehen hast.“

Alice hielt den Kopf schräg. „Und, hast du?“

Kyros lachte. „Ohi. Nein.“ Er gähnte und senkte die Lider. Zum einen war er müde, weil er eben erst nach dem besten Sex seines Lebens aufgewacht war. Zum anderen überkam ihn das Bedürfnis, dem irritierenden Blick aus ihren smaragdgrünen Augen auszuweichen. Denn manchmal zwang ihr Anblick ihn, sich an Orte tief in seinem Inneren zu begeben, die zu besuchen ihm mehr als widerstrebte.

Alice kannte ihn besser als jede andere Frau, doch die Dinge, die sie über ihn wusste, waren nicht wichtig. Sich zu erinnern, wie er seinen Kaffee trank oder wie beschränkt seine künstlerischen Fähigkeiten waren, sagte doch nichts über einen Menschen aus. Immer noch waren sie Welten voneinander getrennt, hatten vollkommen unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es war reiner Zufall, dass sie sich nun in diesem altmodischen Hotelzimmer in der Hauptstadt Frankreichs befanden.

„Was möchtest du heute Nachmittag tun?“, fragte er abermals und bewegte die Schultern, als könne er so das Gewicht seiner finsteren Gedanken abstreifen. „Willst du etwas besichtigen?“

„Du meinst wohl heute Abend? Es ist schon fast sechs Uhr. Vom Nachmittag ist nicht mehr viel übrig, Kyros.“

„Und wessen Schuld ist das wohl?“, meinte er sanft und warf stirnrunzelnd einen Blick auf die Uhr.

„Schuld?“, spottete sie.

„Du weißt, was ich meine. Komm her, und küss mich, agape mou.“

„Genau das habe ich schon vor ein paar Stunden getan, womit unsere Tour ins Musée National gestorben war …“

„Ich kann kein Museum mehr sehen“, grummelte er.

„Kyros! Bislang haben wir kaum eines besichtigt!“

Seine schwarzen Augen funkelten schelmisch. „Komm her, und küss mich“, wiederholte er hartnäckig.

Den Moment voll auskostend, schlenderte Alice durch das Zimmer und ließ sich in seine wartenden Arme sinken.

Das Hotel war perfekt, nicht zu groß, nicht zu modern, dafür absolut sauber und so französisch wie eine soupe aux oignons. Die Betten waren aus dunklem Holz, bezogen mit weißen Laken. Das Läuten von Kirchenglocken drang selbst durch die geschlossenen Fenster. Sie befanden sich im Quartier Latin, nicht weit von den Jardins des Plantes entfernt. In dem botanischen Garten gab es einsame schattige Pfade und weitläufige Rasenflächen, auf denen man ausruhen konnte. Kurz: eine willkommene Oase der Ruhe inmitten der hektischen Betriebsamkeit der französischen Hauptstadt.

Alice fürchtete sich vor dem Tag, an dem ihr kleines und unerwartetes Intermezzo mit Kyros sein unweigerliches Ende fand. Denn dann würde auch die Seifenblase zerplatzen, in der sie momentan lebte. Immer wieder befahl sie sich, nicht daran zu denken. Die wenige Zeit, die ihr blieb, durfte sie sich nicht selbst mit düsteren Gedanken verderben.

Zärtlich streifte sie seinen Mund mit ihren Lippen. „Wie war das?“

„Mmm. Tu es noch einmal.“

Diesmal küsste sie ihn lang und leidenschaftlich. Erst das Klingeln von Kyros’ Mobiltelefon unterbrach den stürmischen Kuss. Er streckte die Hand nach dem kleinen Gerät aus und nahm den Anruf auf Französisch entgegen.

„Wer war das?“, frage sie, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

„Der Käufer von meinem Olivenöl. Wir sind heute Abend zum Dinner verabredet.“

„Oh.“ Alice versuchte, keine Enttäuschung in sich aufsteigen zu lassen. „Warum hast du das nicht früher gesagt?“

Ja, warum eigentlich nicht? Seltsamerweise hatte er den Geschäftstermin völlig vergessen. Hatte er insgeheim geglaubt, am Ende ihrer kleinen Ferien würde er sich mit ihr langweilen und dankbar für die Auszeit und ein bisschen männliche Gesellschaft sein? Weiter hätte er nicht von der Wahrheit entfernt sein können.

Kyros betrachtete die auf dem Rücken liegende Alice aus den Augenwinkeln. Der dunkle Seidenmorgenmantel war verrutscht und bot ihm einen ganz entzückenden Anblick einer ihrer Brüste. Er zwang sich, wieder an die Dinnerverabredung mit Leon Dupré zu denken. Dem französischen Milliardär würde es ganz und gar nicht gefallen, wenn er, Kyros, den seit Langem feststehenden Termin absagte. Obschon er versucht war, genau das zu tun.

Er überlegte, wie Leon auf Alice reagieren würde. Vielleicht war das die bessere Idee. Und eine aufschlussreiche noch dazu. Wie würde Alice auf einen Mann reagieren, der offensichtlich sehr reich war und sie definitiv attraktiv finden würde?

Sich in dieses eher einfache Hotel einzuquartieren war schlichte Berechnung gewesen. Schließlich war er sich nicht sicher, ob sie sich von Geld blenden ließ. Wäre es nicht die ideale Gelegenheit, es bei dem Dinner herauszufinden? „Möchtest du heute Abend mitkommen?“, fragte er betont gleichgültig.

„Hat dein Geschäftspartner nichts dagegen?“

Dagegen?

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