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Julia Extra, Band 295

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Mama – dringend gesucht!

Leidenschaftlich verzehrt Jennifer sich nach Noahs heißen Küssen. Wie gern wäre sie für immer die Frau an seiner Seite! Doch wollen seine drei süßen Kinder überhaupt eine neue Mutter?

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Melissa James

Mama – dringend gesucht!

1. KAPITEL

„Meine. Meine. Gib her!“, schrie der Kleine. „Doofer Timmy! Gib her!“

„Hol sie dir doch, du Versager!“

„Ich sag’s Daddy.“

„Mach’s doch, du Zwerg“, brüllte der ältere Junge. „Dad hört gar nicht hin. Den interessiert das nicht.“

Jennifer March unterbrach ihre Näherei, ließ die Hände in den Schoß sinken und seufzte. Nebenan ging es wieder hoch her. Seit dort vor sieben Tagen eine Familie eingezogen war, drang nichts als Gezänk und Geschrei zu ihr herüber. Vier Mal hatte sie schon versucht, sich den neuen Nachbarn vorzustellen, doch immer hatte der furchtbare Lärm sie zurück auf ihr eigenes Grundstück getrieben.

Natürlich hätte sie auch auf anderem Wege etwas über die Leute in Erfahrung bringen können. In einer Kleinstadt machte alles rasch seine Runde. Doch Jennifer hielt nichts von Klatsch und Tratsch und hoffte, dass die Zugezogenen von sich aus Kontakt zu ihr aufnehmen würden.

Bisher hatten sie jedoch keinerlei Anstalten dazu gemacht, obwohl sie wirklich nicht gerade zurückgezogen lebten. Zumindest die Kinder nicht. Der Zaun zwischen den Grundstücken schien ihr Lieblingsplatz zu sein, um sich dort lautstark zu streiten. Ob Jennifer wollte oder nicht, wurde sie permanent Ohrenzeugin familiärer Auseinandersetzungen.

Früher oder später wirst du dich da hineinziehen lassen, spottete ihre innere Stimme. Bitter klang sie nicht, eher schicksalsergeben. Jennifer musste an das denken, was Mark ihr vor der endgültigen Trennung gesagt hatte. Du reißt dich geradezu darum, anderen zu helfen. In diese Kleinstadt ziehst du doch nur, um nach dem Tod von Aunt Jean das Leben von Uncle Joe wieder in Ordnung zu bringen. Du willst immer die gute Fee spielen.

Ach, sollte Mark doch denken, was er wollte! Gewiss, sie war hergekommen, um Uncle Joe über die schlimmste Trauer hinwegzuhelfen, aber auch, um sich selbst zu retten. Vor dem Mitleid ihrer Schwestern, die alle gesunde Kinder hatten …

„Daddy hört mir wohl zu.“ Der verzweifelte Protest des Kleinen riss Jennifer aus ihren trüben Gedanken. Seine Stimme klang jammervoll und erinnerte sie an Cody. Jennifer schätzte das Kind auf drei Jahre. So alt war auch Cody gewesen.

Vielleicht hätten die beiden zusammen gespielt, obwohl Cody jetzt schon fünf gewesen wäre.

Ihre Kehle schnürte sich zusammen, und ihre Augen brannten. Sie atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Die Zeit der Tränen war vorbei, musste vorbei sein. Bis zu ihrem letzten Atemzug würde sie Cody vermissen. Und das Muttersein. Aber sie wollte weiterleben und das Beste aus ihrem Schicksal machen.

„Ja, Rowdy. Daddy hört dir zu.“ Die raue Stimme, aus der Müdigkeit klang, empfand Jennifer als Erlösung. Sie war drauf und dran gewesen, sich wieder ihrem Kummer hinzugeben. Wie ein Strudel zog er sie manchmal nach unten.

„Timothy Brannigan, du solltest dich schämen, einen Dreijährigen zu piesacken. Ich habe dich gebeten, nur eine halbe Stunde auf deinen kleinen Bruder aufzupassen, weil ich etwas zu erledigen habe, und schon stiehlst du ihm seine Kuscheldecke. Warum machst du so etwas Hässliches?“

Wie von einem Magneten angezogen ging Jennifer zum Fenster und beobachtete durch die Gardinen, was vor sich ging. Es sollte sie nicht interessieren, sie hatte eigene Sorgen. Doch das Leben in dieser verschlafenen Kleinstadt bot wenig Abwechslung und Möglichkeiten zur Anteilnahme. Zwei Fernsehkanäle konnte man hier empfangen, und das auch nur, wenn der Wind günstig stand und es nicht regnete. Ein Radiosender dudelte für die Alten, einer für die Jugend. Überhaupt gab es hier alles zweifach. Nicht mehr und nicht weniger.

Und deshalb stand ihr Haus nicht allein auf dem Hügel, sondern neben einem ebenso alten und ebenso verbauten Zwillingshaus auf einem ebenso langen und handtuchschmalen Grundstück wie dem ihren. Sonst hatte sie keine Nachbarn. Einsam war es hier, drei Kilometer von der Stadt gelegen, mit Blick auf das nur fünfhundert Meter entfernte Meer.

„Ich habe sie ihm nicht geklaut. Die Decke ist eklig, Dad. Er steckt sie in den Mund.“ Der Junge schaute zu seinem Vater auf. „Sie stinkt. Riech doch mal …“

Der große Mann – er hatte schönes braunes Haar mit schimmernden Lichtern darin, obwohl es wild und ungekämmt aussah – legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. „Für dich ist sie vielleicht eklig, Tim. Aber Rowdy ist noch klein. Gib ihm jetzt seine Decke zurück. Morgen stecke ich sie in die Maschine.“ Dann beugte er sich zu dem Kleinen hinunter. „Rowdy, deine Decke muss gewaschen werden. Sie riecht nicht mehr gut.“

„Timmy, gib die Decke zurück“, forderte der Kleine.

„Hier hast du deine blöde Babydecke. Mir egal, wenn du davon krank wirst.“ Der ältere Junge versetzte dem Kleinen einen Stoß und warf ihm die Decke zu.

Wieder Tränen und Geschrei. „Daddy, Timmy ist doof.“

Der Mann nahm den Kleinen auf den Arm. „Tim, geh in dein Zimmer, und beschäftige dich dort. Ich sage dir Bescheid, wenn die Viertelstunde um ist.“

„Warum? Was soll ich da? Ich hasse diese Bruchbude. Ich hasse sie. Ich hasse sie!“

Und schon rannte der Junge – er mochte vielleicht sieben oder acht sein – wütend Richtung Haus. Der Mann schmiegte die Wange an das strubbelige Haar des Kleinen. Der schlang die Ärmchen um den Hals seines Vaters und streichelte ihn. Es schien fast so, als tröste der Sohn den Vater.

Was für ein Bild des Jammers! Was für arme Kinder! Was für ein armer Vater! Wie erschöpft, wie unglücklich er wirkte.

„Wo steckt nur die Mutter?“, flüsterte Jennifer. Und gab es nicht noch ein Kind, ein ungefähr fünfjähriges Mädchen? Sie hatte doch einen kleinen blonden Lockenkopf herumstromern gesehen. Wo steckte die Kleine?

In diesem Augenblick hörte Jennifer, wie jemand die Nase hochzog. Das Geräusch kam von oben. Als sie den Kopf aus dem geöffneten Fenster steckte, entdeckte sie hoch oben in der Krone des Baumes vor ihrem Haus das blonde Mädchen. Es nuckelte am Daumen und schaute Jennifer unverwandt aus großen blauen Augen an.

Wenn es nun hinunterfiel? Jennifer geriet in Panik. Sie konnte nicht klettern. Selbst als Kind hatte sie sich davor gefürchtet und lieber mit Puppen gespielt. Nie hatte sie ihren Eltern Sorgen bereitet. Sie war die Jüngste von vier Geschwistern und behütet aufgewachsen.

Wo steckte die Mutter dieses Kindes?

Auf Hilfe konnte Jennifer nicht warten. Sie musste sofort etwas unternehmen. „Hallo“, rief sie nach oben und hoffte, dass die Kleine ihre Angst nicht spürte. „Ich heiße Jennifer.“

Das Kind schloss die Lippen noch fester um den Daumen, und an der Besessenheit, mit der es daran nuckelte, erkannte Jennifer die Angst des Mädchens vor Fremden.

„Das ist ein schöner Baum, findest du nicht auch? Ich mag ihn gerne. Er ist mein Lieblingsbaum.“ Während sie aus dem Fenster stieg und sich dem Stamm näherte, plapperte sie unentwegt weiter, um den Kontakt zu dem Mädchen nicht zu verlieren.

Es antwortete nicht, sondern hob den Kopf und schaute nach oben in die Zweige.

„Wie heißt du?“, fragte Jennifer verzweifelt. Die Augen des Kindes füllten sich mit Tränen. Wenn es sich jetzt bewegte und danebentrat oder – griff …

Bitte, lieber Gott. Erspar mir eine zweite Fahrt im Krankenwagen mit einem sterbenden Kind!

„Möchtest du vielleicht einen Keks?“, rief sie nach oben, weil ihr der Vorrat in ihrem Küchenschrank einfiel. Damit ließ sich so manche Situation retten. „Oder einen Cracker? Wir können Schokoladencreme oder Streichkäse draufschmieren.“ Sie hatte auch einen Vorrat an Brotaufstrichen. Für alle Fälle.

Das Gesicht des kleinen Mädchens hellte sich auf. „Schokolade“, piepste es, so leise, als verriete es ein Geheimnis.

„Ich habe auch Milch.“ Jennifer ahnte, dass sie auf dem richtigen Weg war.

„Schokomilch?“

Jennifer musste lachen. „Ja, ich mache Schokoladenmilch. Extra für dich.“Wie gut, dass sie sogar einen Vorrat an Kakaupulver besaß. „Na, wie klingt das? Lohnt es sich, dafür runterzuklettern?“

„Bekomme ich auch einen Keks?“, fragte das Kind. „Einen großen Keks mit Schokomilch?“

„Du magst offenbar wirklich gern Schokolade.“ Jennifer lächelte. „Ja, die Kekse sind ziemlich groß, und es ist ganz viel Schokolade drin.“

Auch Cody war auf Schokoladenkekse versessen gewesen. Aber er hatte sie nicht in Milch getunkt. In seinem Kinderstuhl saßen nun abwechselnd Ben, Amy, Sascha oder Jeremy, an vier Tagen in der Woche.

Es mochte armselig sein, die Leere mit den Kindern anderer Leute zu füllen. Mark sah das jedenfalls so. Doch Jennifer half es, tagsüber kleine Hände zu halten, in vertrauensvolle Kinderaugen zu schauen, zu spielen, ausgelassen zu sein und für die Kleinen zu sorgen. Sie war Tagesmutter. Und in den vergangenen achtzehn Monaten hatte sie herausgefunden, dass das Zweitbeste besser war als gar nichts.

„Du bekommst zwei Kekse und Schokoladenmilch. Oder …“ Sie suchte nach einer noch größeren Attraktion. „Oder möchtest du lieber Spaghetti?“

Bitte komm runter, bevor du fällst!

„Spaghetti?“ Das hörte sich begeistert an. „Ich mag Spaghetti.“

„Gut. Du bekommst Spaghetti und Kekse und Schokoladenmilch. Wie heißt du?“, fragte Jennifer noch einmal. „Ich kann doch unmöglich für dich Spaghetti kochen und dir Kekse geben, wenn ich nicht weiß, wie du heißt.“ Sie lachte und hoffte, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen.

„Cilla“, nuschelte das Mädchen. Dann nahm es den Daumen aus dem Mund. „Priscilla Amelia Brannigan.“

„Gut, Priscilla Amelia Brannigan. Darf ich dich zu Spaghetti, Keksen und Schokoladenmilch in meine Küche einladen?“

Das Mädchen lächelte und kletterte beneidenswert geschickt den Baum herunter. Jennifer fiel ein Stein vom Herzen.

Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie der ältere Junge, Tim, aus seinem Kinderzimmerfenster stieg.

Ihr Nachbar hatte offenbar keinerlei Kontrolle über das, was seine Kinder taten. Jedenfalls war Tim bestimmt keine Viertelstunde im Haus geblieben. Wusste der Mann denn nicht, dass der Junge zu rebellisch war, um Anordnungen zu befolgen? Sie erinnerte sich daran, wie ihr Nachbar sich von seinem dreijährigen Sohn hatte trösten lassen, und wurde wieder von Mitleid durchströmt. Ohne darüber nachzudenken winkte sie den älteren Sohn heran und hoffte, dass er schon allein aus Neugier herüberkommen würde. Jemand musste sich doch um die Kinder kümmern.

„Fang mich!“

Instinktiv streckte Jennifer die Arme aus, und im nächsten Augenblick hielt sie ein warmes Bündel in den Armen. Es roch nach Kind, dieser herrlichen Mischung aus Dreck und Babyshampoo. Der Duft stieg Jennifer zu Kopf.

Jeden Tag kümmerte sie sich um die Kinder anderer Leute, nahm sie auf den Arm und tröstete sie, wenn sie sich wehgetan hatten. Doch dieses Mädchen hatte etwas an sich, was Jennifer zu Herzen ging. Sie drückte es an sich, und Erinnerungen überfielen sie …

Vorsichtig setzte sie Cilla ab, und ihre Hände zitterten dabei.

„Keks?“

Die erwartungsvolle Stimme der Kleinen ließ Jennifer wieder zur Besinnung kommen. Wie jeden einzelnen Tag in den vergangenen anderthalb Jahren riss sie sich zusammen, um nicht in Traurigkeit zu versinken. „Ja, den bekommst du.“ Sie lächelte. „Vorher waschen wir dir Hände und Gesicht, ja?“

Vertrauensvoll schob sich eine kleine warme Hand in ihre. „Timmy möchte auch einen Keks.“ Cilla zeigte auf den Zaun, der die Grundstücke trennte. Dort schaute ein sehr schmutziges Gesicht durch die Holzlatten.

Wieder durchströmte Jennifer dieses süße Glück, vermischt mit der Bitterkeit des Verlustes, und weckte die Sehnsucht danach, selbst Mutter zu sein. Ein Wunsch, dem sie für den Rest ihres Lebens entsagen musste.

Hör auf, daran zu denken!

Der Junge beobachtete sie misstrauisch, beinahe feindselig durch den Zaun hindurch. „Du bist also Tim“, sagte sie und lächelte.

Tim reckte streitsüchtig das Kinn und nickte. „Ich bin acht“, sagte er herausfordernd.

„Und ich bin Jennifer, eure Nachbarin. Ich könnte wetten, dass du auch Spaghetti und Schokoladenkekse magst.“ Sie zwinkerte Cilla zu.

Wortlos und in Windeseile kletterte der Junge über den Zahn. Wie mager, hungrig und traurig er aussah, der Achtjährige!

Richtig wäre es gewesen, ihn zurückzuschicken, damit er erst die verdiente Strafe absaß. Jennifer fand es falsch, elterliche Anordnungen zu unterlaufen. Aber statt ihm die Leckereien für später in Aussicht zu stellen, reagierte sie ganz gegen ihr besseres Wissen. „Komm mit rein.“

Sei ehrlich, Jennifer! Du hast nie vorgehabt, ihn zurückzuschicken.

Als sie mit den beiden Kindern ins Haus ging, lächelte sie. Tim würde es gewiss nicht gern hören, dass er sich Hände und Gesicht waschen sollte. Deshalb führte sie Cilla ins Badezimmer und hoffte, dass er folgte.

Das tat er nicht. Als sie mit der sauberen Cilla zurückkam, saß der Junge am Tisch und machte ein Gesicht, das jeden Gedanken daran verbot, ihn ins Bad zu schicken.

Deshalb griff Jennifer zu der Methode, die sie bei Shannon erprobt hatte. Den störrischen kleinen Zappelphilipp hütete sie jeden Dienstag und Donnerstag. Kommentarlos warf sie ein warmes, nasses Tuch vor Tim auf den Tisch und schaute ihn mit hochgezogenen Brauen streng an. Los, mach schon!

Tim rührte den Lappen nicht an, sondern verschränkte die Arme vor der Brust, imitierte Jennifers Gesichtsausdruck und wartete ab. Du kannst mich mal.

Irgendwann zupfte Cilla an ihr. „Ich hab Hunger, und gewaschen hab ich mich auch“, erklärte das Mädchen. Ihr hübsches Gesicht glänzte vor Sauberkeit.

Jennifer lachte. „Du hast vollkommen recht, Cilla.“ Sie nahm zwei Kekse aus dem Schrank und erwärmte die Milch.

„Für dich.“ Sie stellte Teller und Glas vor Cilla auf den Tisch.

„Und dir, Tim, rate ich, nicht einmal daran zu denken“, sagte sie, während sie mit abgewandtem Gesicht die Lebensmittel wegräumte.

Das unterdrückte Keuchen verriet ihr, dass er wirklich im Begriff gestanden hatte, sich mit dem Essen seiner Schwester auf und davon zu machen.

„Du bekommst in Nullkommanichts auch Kekse und Schokomilch, und du darfst gern jeden Tag welche haben, wenn du dich vorher wäschst. Die Zeit läuft“, verkündete sie und schaute auf ihre Armbanduhr. „Dreißig, neunundzwanzig, achtundzwanzig.“

Patsch! Sie japste auf, als das nasse Tuch auf ihrem Hals landete.

Damit hätte sie rechnen müssen. Ein Rebell wie Tim ließ sich doch so eine Gelegenheit nicht entgehen! Vergeblich versuchte sie, ruhig zu bleiben. Dann brach sie in Lachen aus und drehte sich um.

Tim, nun fast so sauber wie seine Schwester, schaute sie trotzig und unsicher an. Immer noch lachend, nahm sie den Lappen von ihrer Schulter und warf ihn zurück, sodass er auf Tims Kopf landete.

Cilla klatschte in die Hände und versprühte beim Lachen Schokoladenkrümel über den Tisch. „Jetzt du wieder, Timmy. Jetzt du wieder.“

Tim grinste und folgte der Aufforderung. Der Lappen traf Jennifer im Gesicht, und der Junge wollte sich schlapplachen, als sie das nasse Tuch postwendend Cilla entgegenwarf. Die quiekte auf vor Vergnügen und pfefferte es ihrem Bruder gegen die Brust. Tim warf es wieder zu Jennifer. Und schließlich schien die ganze Küche vor Gelächter widerzuhallen.

Noah Brannigan stand mit dem schlafenden Rowdy auf dem Arm vor der Hintertür und beobachtete die Szene. Er hatte gesehen, wie Tim zum Zaun gelaufen war, und war gekommen, um ihn zurückzuholen. Doch nun konnte er nicht anders, als mit fast schmerzhafter Freude durch die Scheibe zuzuschauen, wie sein Sohn lachte. Tatsächlich, Tim lachte.

So kindlich ausgelassen hatte er den Jungen seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Und es gab nicht einmal einen Grund für seine Freude.

Cilla war auch da. Cilla, die so schüchtern war, dass sie nie ohne Daumen im Mund mit ihm sprach. Dabei war er doch ihr Vater. Mit Fremden redete sie überhaupt nicht. Seit sie von Sydney nach Hinchliff gezogen waren, löste sich seine Tochter immer wieder stundenlang förmlich in Luft auf. Für ihn jedenfalls war sie dann unauffindbar. Er verstand nicht, warum Cilla so still geworden war und sich von ihm zurückzog.

Jetzt kreischte sie, aus ihrem Mund regnete es Schokoladenkrümel, und ihre Augen sprühten, während sie der Frau einen schmutzigen Lappen zuwarf. Auch deren Gesicht glühte vor Fröhlichkeit.

Wer hätte jemals gedacht, dass seine Kinder sich mit einem schmutzigen Waschlappen so amüsieren könnten!

„Die sind lustig, Daddy“, wisperte Rowdy an Noahs Schulter.

„Ja, stimmt“, flüsterte Noah zurück, und tiefe Dankbarkeit erfüllte ihn.

„Ich will auch Kekse.“ Sein Jüngster entwand sich seinen Armen, stieß die Tür auf, als wäre er sicher, willkommen zu sein, und platzte heraus: „Rowdy will Kekse.“

Jennifer March nahm den nassen Lappen von ihrem Gesicht. Noah kannte den Namen seiner Nachbarin. Henry, der örtliche Mechaniker, der jedes Problem lösen konnte, erzählte viel über die Leute in der Gegend. Im ersten Moment huschte über ihr Gesicht ein Anflug von Wehmut, doch dann lächelte sie und nahm Rowdys Hand. „Vorher waschen wir deine Hände. Danach bekommt ihr Jungs eure Kekse.“

Im Vorübergehen warf sie Tim noch einmal den Lappen zu, streckte ihm triumphierend die Zunge heraus und ging mit Rowdy ins Badezimmer.

Noah wusste einiges von seiner Nachbarin. Sie war Ende zwanzig, geschieden und die einzige Tagesmutter weit und breit. Doch bisher hatte er es ganz gegen die gebotene Höflichkeit vermieden, sich und die Kinder bei ihr vorzustellen. Schon von Weitem hatte er bemerkt, dass sie irgendetwas an sich hatte …

Oft hatte er beobachtet, wie sie, das Haar meist zu einem losen Zopf geflochten, in Sommerkleidern und Sandalen mit einem Schwarm von Kindern im Garten spielte. Die Kleinen folgten ihr wie Küken der Henne. Auch seine eigenen Kinder waren darauf aufmerksam geworden. Das Lachen und Spielen zog sie an, und deshalb hielten sie sich am liebsten in der Nähe des Zauns auf, der die beiden Grundstücke voneinander trennte.

Nun konnte Noah seiner Nachbarin nicht länger aus dem Weg gehen. Doch wenn er sich ihr vorstellte, würde die Katastrophe auf dem Fuß folgen, so viel war sicher. Tims Angst, dass sein Vater wieder heiratete, hatte in den vergangenen Jahren unerträgliche Ausmaße angenommen. Er bewachte seinen Daddy und schlug jede Frau mit seinem unmöglichen Benehmen in die Flucht. Es sei denn sie war verheiratet oder uralt. Sollte eine Frau es dennoch wagen, freundlich zu seinem Vater zu sein, dann litt der Junge unter Albträumen. Jag sie fort, Dad. Sonst kommt Mummy nicht nach Hause. Das war mehr, als Noah ertragen konnte.

Wie wenig Tim doch wusste! Eine Wiederverheiratung war auf Jahre völlig ausgeschlossen. Solange Belinda vermisst wurde, konnte sie keine Scheidungspapiere unterzeichnen. Bis sieben Jahre nach ihrem Verschwinden war er an sie gebunden, als teilten sie noch immer Tisch und Bett. Wenn er die Scheidung forcierte, würden seine Schwiegereltern ihm die Hölle heißmachen. Und am meisten würden seine Kinder darunter leiden.

Er steckte in einer Zwickmühle und brauchte Hilfe. Aber an eine Frau, die ihm dabei half, sich um die Kinder zu kümmern, durfte er nicht einmal denken. Tim akzeptierte keine Frau, die nicht seine Mutter war. Der arme Kerl. Er hatte in den vergangenen drei Jahren viel durchgemacht. Der Kinderpsychologe deutete die Gründe für seine Verhaltensauffälligkeit als eine Mischung aus Trauer und Angst – Angst davor, auch die letzte Sicherheit, den Vater, zu verlieren. Er hatte Noah zu Geduld geraten. Die Wunde würde erst heilen, wenn der Junge am Grab der Mutter Abschied nehmen könnte.

Diese Einschätzung war wohl richtig. Tim befand sich ständig auf der Suche nach seiner Mutter. Er sah in jedes vorbeifahrende Auto, in jedes Geschäft. Noah selbst hatte vor einem Jahr damit aufgehört. Er war zu sehr damit beschäftigt, seine Familie zusammenzuhalten und seine Schulden zu bezahlen. Seitdem ging es ihm besser.

Und jetzt freute er sich, Tim und Cilla lachen zu sehen. Obwohl er gerne bei dem Unsinn mitgemacht hätte, beging er nicht den Fehler, hineinzuplatzen und alles zu verderben.

Jennifer March wusste vermutlich nicht einmal, dass es ihn gab. Sie war einfach nur freundlich zu seinen Kindern und hatte Spaß mit ihnen. Sollte Tim ruhig die Erfahrung machen, dass nicht jede nette Frau eine Bedrohung für ihn darstellte. Allein dafür hätte Noah die neue Nachbarin küssen mögen …

Küssen? An Küsse darfst du nicht denken. Denk nicht mal als Frau an sie!

Als Jennifer aus dem Bad zurückkam, hielt sie Rowdy immer noch an der Hand. Und wieder hatte sie diesen merkwürdigen Gesichtsausdruck. Als kämpfte sie mit irgendetwas.

Ja, offenbar war da etwas, das sie vor den Kindern geheim zu halten versuchte. Einen verborgenen Schmerz vielleicht? Noah fühlte sich davon angesprochen. Alles, was sie tat, sprach ihn an. Ihr Lächeln. Auch der Schwung ihrer Hüften.

Sie setzte Rowdy in den Kinderstuhl und schob ihn an den Tisch. „Also Jungs, Zeit für eure Kekse.“

Cilla zog die Nase kraus. Sie hielt die Augen gesenkt und schob den Daumen in den Mund. Warum konnte sie nicht wie ein normales Kind um etwas bitten? Sie machte es wie ihr Bruder. Sie fragte nicht und erwartete nichts. Noah war traurig, dass seine beiden Großen keine normalen Kinder waren. Aber es stand nicht in seiner Macht, das zu ändern. Irgendwie musste er sie groß kriegen, seine drei.

Bis zu Rowdys Geburt, als die postnatale Depression sie veränderte, war Belinda eine wunderbare Mutter gewesen. Sie hätte gewusst, wie man mit Tim und Cilla umgehen musste. Sie hätte nicht einen Fehler nach dem anderen gemacht so wie er.

Jennifer March drehte sich zu Cilla um und zwinkerte ihr lächelnd zu. Noah stockte der Atem. Wie ihre dicht bewimperten blauen Augen strahlten! Und was für einen vollen, schön geschwungenen Mund sie hatte! „Ich glaube, da ist noch jemand hungrig.“ Das klang lustig und verständnisvoll. Cilla antwortete auf ihre Weise. Sie nuckelte weiter am Daumen, nickte aber zustimmend.

Lächelnd ging Jennifer zur Anrichte. Wie immer, wenn sie sich bewegte, schwang der locker geflochtene Zopf in ihrem Nacken mit. Das Haar war braun und glänzend. Ihre ein wenig lange Nase und die Wangenknochen waren mit Sommersprossen übersät. An ihrer kurvenreichen Figur, sie trug Jeans und ein dunkelrotes T-Shirt, gab es nichts auszusetzen. Sie war weder zu dünn noch zu üppig.

Auf den ersten Blick mochte seine Nachbarin nichts Auffälliges an sich haben. Doch als sie Cilla ansah, verlieh ihr liebevolles Lächeln Jennifer eine Schönheit, die von innen heraus strahlte. Sie mit seinen Kindern, dieser Anblick ging ihm durch und durch. Er fühlte sich plötzlich in Sicherheit und doch …

Keine Träumereien! Noah schüttelte den Kopf, um wieder klar zu denken. Seit Belinda vor drei Jahren spurlos verschwunden war, hatte er keine Frau mehr berührt. Er wollte auch gar nicht, dass sein Körper aus seinem Schlaf erwachte. Das brachte nur unerwünschte Komplikationen mit sich. Aber das stand alles in seiner Verfügungsgewalt.

Er war nach Hinchliff gezogen, damit sich etwas veränderte. Und siehe da, es hatte sich etwas verändert. Er lebte jetzt neben einer faszinierenden Frau. Schlimm war nur, dass er noch nie ein Wort mit ihr gewechselt hatte. Was würde passieren, wenn sie sich kennenlernten? Und Tim Verdacht schöpfte …?

Reiß dich zusammen, Brannigan. Vielleicht findet sie dich unsympathisch.

So eingebildet zu glauben, dass diese Frau nur auf ihn gewartet habe, war er nicht. Was hatte er denn zu bieten? Er stand finanziell wieder ganz am Anfang und versuchte, hier als Architekt und Bauunternehmer Fuß zu fassen. Sein Geschäft in Sydney hatte er verkauft, um die Schulden zu bezahlen, die er erst nach Belindas Verschwinden entdeckt hatte. Er kam mit seinen drei Kindern kaum zurecht. Nicht einmal die Depression seiner Frau hatte er richtig eingeschätzt.

Nachdem sie die Kekse herausgenommen und Schokoladenpulver in die Milch gerührt hatte, schaute Jennifer auf die Armbanduhr. „Hm. Weißt du was, Priscilla Amelia? Es ist Essenszeit. Am besten, ich koche Buchstabennudeln für alle.“

„Ja“, schrie Rowdy, der Buchstaben nur von der Sesamstraße her kannte und Nudeln in jeder Darreichungsform liebte. „Buchstabennudeln.“

„Und noch mehr Kekse?“, fragte Cilla mit Daumen im Mund.

„Aber sicher. Danach.“ Jennifer unterdrückte das Lachen. „Aber vielleicht sollten wir eurer Mutter und eurem Vater Bescheid sagen, dass ihr hier seid. Tim, bitte sei so lieb …“

„Meine Mummy ist tot.“ Cillas Stimme klang völlig teilnahmslos.

Noah wusste, was nun kam. Er schloss die Augen und sandte ein Stoßgebet gen Himmel. Es würde nichts nützen.

Als Jennifer etwas sagen wollte, vermutlich eine Entschuldigung, ließ Tim sie gar nicht erst zu Wort kommen. „Mummy ist nicht tot. Sie war nur traurig. Deshalb ist sie weggegangen. Sie kommt wieder.“

Cilla schwieg und sah Tim mit großen Augen an, als wüsste sie, was gleich geschehen würde.

„Halt den Schnabel, Daumenlutscher! Mummy findet uns. Sie findet uns“, schrie Timmy. „Auch wenn wir ganz weit weg von zu Hause sind. Nana und Pa wissen, wo wir sind. Sie hat gesagt, dass sie wiederkommt.“

„Ich habe keine Mummy“, sagte Rowdy mit Unschuldsmiene und drehte sich nach Jennifer um, die die Kekse auf einen Teller legte und damit zum Tisch ging.

„Wegen dir ist sie weggelaufen, du Versager“, faucht Tim, stürzte die Milch herunter, stopfte sich einen Keks in den Mund und sprang auf.

Ganz der Sohn seiner Mutter. Wenn es Schwierigkeiten gab, nichts wie weg …

Bevor Tim das Weite suchen konnte, klopfte Noah an die Hintertür und trat ein. „Hallo“, sagte er. „Wie ich sehe, haben meine Kinder jemanden gefunden, der sie durchfüttert.“ Er versuchte, einen scherzhaften Ton anzuschlagen. Aber auch das konnte die Situation nicht mehr retten. In der großen Küche lag Hochspannung in der Luft.

Tim sah seinen Vater herausfordernd an. Er wusste, dass er eine Strafe verdient hatte, und handelte getreu dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.

Inzwischen ließ Cilla die halbe Hand in ihrem Mund verschwinden. Sie schaukelte hin und her. Gleich würde sie versuchen, sich in Luft aufzulösen. Noah wusste nicht, wie er ihr helfen sollte. Jedes Mal, wenn sie verschwand, starb er fast vor Angst. Und wenn er ihr das zu erklären versuchte, erntete er immer die gleiche herzzerreißende Reaktion. Ich bin ein böses Mädchen, Daddy. Bitte geh nicht fort wie Mummy.

„Kommen Sie herein, Mr. Brannigan, und nehmen Sie auch einen Keks.“ Jennifer klang äußerst gefasst. Und mit einem Mal konnte Noah die Luft wieder atmen. Die Art, wie sie ihn ansah, war noch bezwingender als ihre Worte. „Möchten Sie eine Tasse Tee oder Kaffee dazu? Oder vielleicht auch lieber Schokoladenmilch?“

Damit traf sie genau Tims Humor. Er kicherte. „Dad macht die schlechteste Schokoladenmilch der Welt“, sagte er. „Nach der Schokolade in der Milch muss man suchen.“

„Gut, dann hole ich noch eine Packung Schokopulver und zeige ihm, wie es geht“, schlug Jennifer vor und lächelte, als hätte es die Auseinandersetzung über Belindas Verschwinden nie gegeben. „Lassen Sie etwa auch die Milch überkochen, Mr. Tollpatsch Brannigan?“

Cilla gluckste. … Cilla gluckst?

Am liebsten hätte Noah Jennifer umarmt. Nein, am liebsten hätte er sich in ihre Arme geworfen, den Kopf an ihre Schulter gelehnt und ihr gedankt für dieses Geschenk, das sie Cilla soeben gemacht hatte. Sein ernstes, verängstigtes Töchterchen lachte. Er hätte jauchzen mögen vor Glück.

„Eigentlich heiße ich Noah Tollpatsch Brannigan.“ Das klang fast streng, weil er seine Gefühle verbergen wollte.

„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mr. Noah Tollpatsch Brannigan.“ Die Kinder lachten nun aus vollem Halse. Jennifer bot ihm einen Stuhl an. „Ich bin Jennifer March.“

Ihr warmherziges Lächeln galt diesmal ihm. Es betörte und verzaubert ihn. Plötzlich fühlte er sich in eine andere Welt versetzt, in der es keinen Schmerz gab und seine Familie eine ganz normale Familie war. Und auch er kam sich wie ein ganz normaler Mann vor. Das tat gut.

Wieder lachten die Kinder. Über ihn und mit ihm. Sie lachten wie alle anderen Kinder auch.

Und wie gut es hier roch in der altmodischen Küche! Nach Schokolade, Vanille, Keksen, Möbelpolitur und frischer Luft. Alles hier wirkte wohnlich, gemütlich und belebt. Doch nirgends entdeckte Noah Jennifers Kind. Wahrscheinlich war es bei seinem Vater. Für ihn gab es keinen Zweifel daran, dass Jennifer March Mutter war und dieses Haus ein echtes Zuhause.

Auch seine Kinder schienen das zu spüren und genossen die Atmosphäre. Alle drei ließen Jennifer nicht aus den Augen, besonders Cilla und Rowdy, die keine klare Erinnerungen an ihre eigene Mutter hatten.

Mit Tim verhielt es sich anders. Obwohl er Jennifers Kekse und ihre Art, mit seiner Aufsässigkeit umzugehen, offensichtlich mochte, wanderte sein Blick misstrauisch zwischen ihr und seinem Vater hin und her. Tim war immer auf der Hut, seitdem seine geliebte Mutter ihn und die Geschwister bei einer vierzehnjährigen Babysitterin zurückgelassen hatte und auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. So, wie es ihm Belinda damals aufgetragen hatte, bewachte er noch immer die jüngeren Geschwister. Pass auf die Kleinen auf, bis ich zurück bin. An dem Auftrag hielt er bis heute eisern fest und rieb sich dafür auf. Noah brach es das Herz, seinen achtjährigen Sohn bis zur Erschöpfung für die Familie kämpfen zu sehen, auf seine Weise. So manche Nacht hatte Noah darüber gegrübelt, wie er seinem Sohn helfen sollte. Und warum Belinda gegangen war.

Inzwischen verstand er das Bedürfnis davonzulaufen und selbst die zu verlassen, die man am meisten liebte. Aber warum war sie nicht zurückgekehrt? Warum hatte sie sich nie erkundigt, wie es ihren Kindern ging?

Darauf gab es eigentlich nur eine Antwort, wenn auch keine Gewissheit. Er hatte nach drei Jahren, nach eintausendfünfundvierzig Tagen nicht einen einzigen Brief von ihr erhalten, nicht einen Anruf. Wie sollte er da noch hoffen?

Als sich der Tag, an dem Belinda aus seinem und dem Leben der Kinder spurlos verschwunden war, zum dritten Mal jährte, hatte er es nicht länger ausgehalten und war siebenhundert Kilometer fort von Sydney nach Hinchliff gezogen. Fast alles, was er besaß, hatte er vorher verkauft, seine Schulden bezahlt und hier ein billiges Haus erstanden. Nun hoffte er, dass die neue Umgebung, neue Menschen und die räumliche Distanz zu Belindas besitzergreifenden und auf ewig trauernden Eltern seinen Kindern und ihm guttun würden. Den Albtraum selbst konnte wohl nur ein Wunder beenden.

Aber geschah nicht gerade ein kleines Wunder? Hier in Jennifer Marchs Küche? Seine Kinder blühten auf und waren seit drei Jahren zum ersten Mal ausgelassen.

Ihn packte die Angst, die drei nach Hause bringen und der schrecklichen Wirklichkeit ins Auge sehen zu müssen.

2. KAPITEL

Noah Tollpatsch Brannigan hatte eine verhängnisvolle Art zu lächeln.

Jennifer war davon hingerissen.

Das war furchtbar. Eine Katastrophe. Genauso hatte sie reagiert, als Mark McBride in ihr Leben getreten war. Damals war sie siebzehn gewesen. Genau sieben Jahre später hatte Mark sie verlassen, drei Monate vor der letzten Attacke ihres kleinen Sohnes Cody. Kein Medikament dieser Welt hatte ihm helfen können weiterzuatmen.

Jennifer ballte die Rechte zur Faust, um das Zittern zu unterdrücken, und schaute die Hand ungläubig an. Vor zwei Jahren war das Zittern zum ersten Mal aufgetreten. Aber warum nur bei dieser einen Hand? Es kam ihr vor, als funktioniere die Hälfte ihres Hirns nicht richtig. Dabei hatte sie alles getan, um wieder ein normales Leben aufzunehmen. Sie hatte ihre Vergangenheit akzeptiert. Sie stellte sich der Zukunft. Sie war bereit, auf weitere Kinder zu verzichten, denn man hatte inzwischen herausgefunden, dass sie Erbträgerin von Mukoviszidose war.

Sie lebte gelassen ihr stilles Leben und war zufrieden damit.

Warum also zitterte ihre rechte Hand noch immer?

„Will Buchstabennudeln!“

Die Stimme des Kleinsten riss sie aus ihren Gedanken. Sie schaute hoch und lächelte. „Entschuldige, Rowdy. Ich setze sofort Wasser auf. Gleich gibt’s Buchstabennudeln.“

Um ihr Handicap zu überspielen, zog sie besonders heftig an der Schublade, in der die Töpfe untergebracht waren. Das altersschwache Ding klemmte ohnehin. Aber diesmal riss sie besonders stürmisch daran, und die ganze Lade kam ihr entgegen.

Jennifer fiel nach hinten, die Schublade landete auf ihrem Bauch, Töpfe schlugen gegeneinander, Deckel rutschten heraus und tanzten scheppernd über den gefliesten Boden. Der Krach war ohrenbetäubend, und der Schmerz in ihrem Steißbein raubte ihr den Atem.

Die Kinder brachen in Gelächter aus. „Sie macht Quatsch“, schrie Rowdy begeistert.

Keine Sekunde später war sie von der Schublade befreit, und kräftige Männerhände griffen nach ihr. „Alles in Ordnung, Jennifer? Haben Sie Schmerzen? Können Sie aufstehen?“

„Ich weiß nicht. Ich denke …“ Nein, sie war gar nicht mehr fähig zu denken. Sie fühlte sich benommen von der Wärme dieser Hände. Sie waren stark und geschickt. Es waren die Hände eines Mannes, der Arbeit nicht scheute. Sie passten zu Noah, zu seinem muskulösen Körper und den breiten Schultern, die sofort Vertrauen einflößten.

Spiel nicht verrückt!

„Jennifer? Soll ich einen Arzt holen?“

Verständnislos schaute sie Noah an. Sein gut geschnittenes, gebräuntes Gesicht sah besorgt aus, die Augen so sanft und doch entschlossen. Wie tiefgründig und goldbraun sie wirkten …

„Nein, mir ist nichts passiert.“ Ihre Stimme lag ein bisschen über der gewöhnlichen Tonlage. Ein verräterisches Zeichen. Instinktiv hatte sie wie ein richtiges Weibchen gesprochen. Das war ihr seit Jahren nicht mehr passiert.

Einen Augenblick später hatte Noah sie hochgezogen.

„Haben Sie sich wirklich nichts getan? Sie machen einen ziemlich wackeligen Eindruck.“ Er legte eine Hand um ihre Taille und führte sie zum Tisch. „Besser, Sie setzen sich.“

Erst da bemerkte sie, dass sie seine andere Hand noch umklammerte und die Augen nicht von ihm lassen konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihn sprechen. Ja, wackelig war kein schlechter Ausdruck für ihren Zustand. War das nur die Folge ihres Sturzes?

„Abgesehen vom Verlust meiner Würde geht es mir gut.“ Sie lächelte etwas gequält. „Aber setzen möchte ich mich lieber nicht. Das tut bestimmt weh.“

„Oha.“ Er verzog die Lippen.

Sein Mund gefiel ihr auch über die Maßen …

„Danke, Noah …“, flüsterte sie und nahm sich vor, Pfannkuchen nur noch mit Ahornsirup zu essen. Der hatte die Farbe seiner Augen.

„Dad, hör auf damit!“

Im Nu verfinsterte sich Noahs Miene, und Jennifer entdeckte in seinen Augen einen tiefen Schmerz.

Seine Frau. Die Mutter seiner Kinder. Der Mann ist nicht frei, sondern verheiratet.

Noah ließ sie los. Geduldig und traurig, aber auch sehr selbstbewusst drehte er sich zu seinem Ältesten um. „Tim, du bist unhöflich und undankbar. Wir sind Jennifers Gäste, sie bewirtet uns. Und sie hat sich wehgetan. Sie brauchte Hilfe.“

Der Junge wurde knallrot und schlug die Augen nieder. „Du musstest sie aber nicht gleich …“ Er sprach es nicht aus, aber sein Vorwurf stand im Raum: Du musstest sie aber nicht gleich anfassen.

Jennifer fühlte, dass der kleine verzweifelte Junge sie soeben zu seiner Feindin erklärt hatte.

„Doch, das musste ich.“ Noah blieb ruhig und wirkte dabei unsagbar müde. Diese Auseinandersetzung war bestimmt nicht die erste ihrer Art. „Und wenn du nicht weißt warum, habe ich es nicht geschafft, dir gutes Benehmen beizubringen. Jennifer war zu euch allen freundlich. Hast du erwartet, dass ich sie auf dem Boden liegen lasse? Verletzt womöglich?“

Tim schaute nicht hoch, sondern schwieg.

Jennifer war fasziniert, mit welcher Geduld und Entschiedenheit Noah seinen rebellischen Sohn in die Schranken wies. Vor allem aber von der Liebe, die er dabei ausstrahlte.

Sosehr es sie drängte, sich für den Zusammenhalt dieser Familie einzusetzen, sie durfte sich nicht einmischen. Die Gefahr, Vater und Sohn zu nahe zu treten, war zu groß.

„Entschuldige dich bei Jennifer“, forderte Noah Tim auf. Das klang freundlich, aber unnachgiebig.

„Nein. Ich will ihre blöden Nudeln nicht. Ich finde es doof hier.“ Wütend schob er den Stuhl zurück und stürzte aus dem Haus.

Cilla nuckelte an ihrem Daumen, als hinge ihr Leben davon ab, während Rowdy seinen Vater so mitleidig ansah, als wüsste er, was der durchmachte. „Wir holen Timmy zurück, Daddy“, sagte er.

Weil ihr nichts Besseres einfiel, bückte Jennifer sich nach einem Topf, stellte ihn in das Spülbecken und ließ Wasser für die Nudeln hineinlaufen.

„Jennifer, äh, Mrs. March …“

Sie wollte ihm eine Entschuldigung ersparen, auch die Suche nach einer geschickten Ausrede, mit deren Hilfe er wieder Distanz herstellen könnte. Deshalb drehte sie sich rasch um und lächelte. „Die Nudelsauce ist schon fertig, Mr. Brannigan. Ich muss sie nur noch erwärmen. Warum lassen Sie Cilla und Rowdy nicht hier bei mir essen und kümmern sich eine Weile ungestört um Tim?“

Noah sagte zwar nichts, wirkte aber unschlüssig.

„Ich habe Erfahrung mit Kindern, Mr. Brannigan. Sicher wissen Sie, dass ich Tagesmutter bin. Auch mit sechs Kindern werde ich spielend fertig“, erklärte sie so sachlich wie möglich.

Die Muskeln an seinem Kiefer verspannten sich. „Ich kann Sie nicht bezahlen.“

Ach, deshalb hatte er gezögert, ihr Angebot anzunehmen. Das Geständnis war ihm gewiss schwergefallen.

„Ich bitte Sie, wir sind doch Nachbarn, Mr. Brannigan! Heute ist Sonntag, und ich habe nichts anderes vor. Außerdem habe ich den Kindern die Nudeln versprochen.“ Na, geh schon. Dein Sohn braucht dich. Merkst du nicht, wie sehr er sich danach sehnt, dass du ihm hinterherläufst?

Noah nickte. „Danke!“ Und schon war er draußen.

Bis auf Cillas schmatzendes Daumenlutschen war es nun mucksmäuschenstill in der Küche. „Lasst uns essen“, sagte Jennifer viel zu fröhlich. Cilla legte die Hand über die Nase, als wollte sie sich dahinter verstecken. Der kleine Rowdy sah Jennifer mit großen Augen treuherzig an. „Timmy wird ganz oft böse.“

Zwei Stunden später rief Noah den Sheriff an, um ihm zu sagen, dass Tim wieder einmal fortgelaufen war. Davor hatte er alle zehn Minuten die Nummer von Tims Handy gewählt, obwohl es abgestellt war. Überall dort, wo Tim schon einmal gewesen war, hatte er nach ihm gesucht. Sogar den Strand war er abgelaufen und den Pacific Highway ein paar Kilometer in beide Richtungen abgefahren.

Sheriff Sherbrooke empfahl Noah diesmal nicht, seine Kinder anzuleinen. Seitdem er aus einer Recherche im Computernetz der Polizei von Belinda erfahren hatte, machte er keine Scherze mehr, sondern blieb ernst und zeigte Mitleid. Noah wusste nicht, was er unerträglicher fand.

Bevor er sich ein zweites Mal auf die Suche begab, wollte er Cilla und Rowdy abholen. Doch aus Erfahrung wusste er, dass Tim erst wieder auftauchen würde, wenn die Zeit dafür reif war. Oder gar nicht. Auch diese Möglichkeit musste man in Betracht ziehen. Daher rührte seine panische Angst, wenn er Tim oder Cilla nicht finden konnte. Sein ganzes Leben drehte sich darum, die Kinder nicht zu verlieren.

Als er sich dem March-Haus näherte und Lachen und Quietschen vernahm, fühlte er sich einen Moment lang erleichtert. Doch gleich darauf machte er sich Vorwürfe. Jennifer verstand es, mit Kindern umzugehen. Wenn er nicht aufgekreuzt wäre, hätte Tim keinen Grund gehabt fortzulaufen.

Am liebsten wäre er wieder davongeschlichen, hätte seine Kinder dagelassen und sich den suchenden Polizisten angeschlossen. Aber Jennifer March hatte ein Recht auf ihren Sonntag, und er wollte ihre Hilfsbereitschaft nicht überstrapazieren.

In diesem Augenblick wurde die Hintertür aufgestoßen, und seine Nachbarin stürzte heraus. Ihr langer Zopf schillerte in allen Farben des Regenbogens. Lachend lief sie davon. Mit großen Pinseln in der Hand rannten Cilla und Rowdy johlend hinterher.

Überrascht sah Noah der Szene zu. Als Jennifer ihn entdeckte, winkte sie ihm und flüchtete weiter zu den Bäumen zwischen den Grundstücken. Dabei quietschte sie und ruderte mit den Armen. „Fangt mich doch! Fangt mich doch!“

Cilla und Rowdy folgten ihr. „Wir kriegen dich. Wir kriegen dich.“

Nach fünf Minuten wilder Jagd ließ Jennifer sich auf den Boden fallen, und die Kinder bemalten ihr unter Triumphgeschrei Gesicht und Haar.

„Genug, genug“, rief sie nach einer Weile. „Ihr habt ja gewonnen. Ich gebe auf.“

„Sieger! Sieger!“ Die Kinder setzten sich auf ihren Bauch und schwangen die Pinsel über den Köpfen, während Jennifer lachend um Gnade flehte.

Wenn es um Kinder ging, verschwendete sie offenbar keinen Gedanken an ihre Würde. Und Cilla und Rowdy? Die hatten Raum und Zeit vergessen und sahen glücklich aus.

Vorhin, als er erzählt hatte, dass seine Jüngsten bei Jennifer March waren, hatte Sheriff Fred Sherbrooke ihm berichtet, dass sie allein lebte. Sie hatte also doch kein eigenes Kind. Warum war sie nicht verheiratet? Um eine hübsche, anziehende und lebenslustige Frau wie sie mussten die Männer sich doch reißen.

Dann erinnerte er sich, wie traurig ihre Augen aussahen, wenn sie sich unbeobachtet glaubte. Es gab bestimmt einen Grund, weshalb Jennifer March sich um anderer Leute Kinder kümmerte, statt eigene großzuziehen.

Noah gab sich einen Ruck. Es war nicht seine Aufgabe, sich mit der Vergangenheit seiner Nachbarin zu beschäftigen. Abgesehen von seinen Kindern, die ihn in Trab hielten, fühlte er sich außerstande, sich in die Sorgen einer Frau einzufühlen. Geschweige denn ihr zu helfen.

Diese merkwürdige Faszination für Jennifer March, die er plötzlich an den Tag legte, störte ihn. Aber bestimmt würde die Frau entzaubert, sobald sie sich nachbarschaftlich anfreundeten.

Jemand zupfte an seiner Jeans. „Daddy, hast du gesehen? Wir haben sie besiegt.“

Noah nahm seinen Jüngsten auf den Arm. „Natürlich habe ich es gesehen. Du und Cilla, ihr seid Pinselkönige. Juchhu!“

Rowdy hielt sich die Ohren zu. „Daddy, schrei nicht so laut“, rief er und lachte.

Cilla steckte wieder den Daumen in den Mund, als sie ihren Vater sah, und schaute ihn verschreckt an. Weshalb hatte seine kleine Tochter Angst vor ihm? Unbegreiflich. Gegen dieses zarte Wesen konnte er nicht einmal die Stimme erheben. Noah fühlte sich wie ein Ungeheuer und Versager.

„Hat jemand Lust, meine pinkfarbenen Knetfiguren bunt anzumalen?“

„Ich, ich! Cilla auch?“ Rowdy begann zu zappeln, bis Noah ihn absetzte. Seine Tochter strahlte. Warum stießen seine eigenen Vorschläge nie auf ähnliche Begeisterung?

„Setzt euch an den Tisch, und malt auf Papier, bis ich komme. Es dauert nur ein paar Minuten“, rief Jennifer ihnen nach, als die Kinder zurück zum Haus stürmten.

Sobald sie verschwunden waren, trat Jennifer zu Noah und legte ihm die Hand auf den Arm. Ihr bunt beschmiertes Gesicht sah besorgt aus.

Die Berührung durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag. Vorhin, als er ihr auf die Beine geholfen hatte, war es ihm auch so ergangen. Wahrscheinlich war es eine normale, wenn auch völlig sinnlose Reaktion auf die Nähe einer schönen Frau. Denn obwohl Jennifer ihn erst wenige Stunden kannte, kümmerte sie sich bereits um seine schwierigen Kinder und – empfand Mitleid für ihn.

„Sie haben Tim nicht gefunden?“

Wahrscheinlich hält sie mich für einen schweren Fall. Sie will mir helfen, damit meine Kinder weniger leiden.

Unwillkürlich trat er zurück. „Der Junge kommt wieder, wenn er sich beruhigt hat. Nicht vorher. Das ist immer so.“ Er hätte sich auf die Zunge beißen mögen. Na prima. Erzähl dieser Frau nur, dass dein Sohn ständig wegläuft.

„Hat er ein Handy bei sich?“

„Natürlich.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Aber es ist abgeschaltet.“

„Verstehe.“

Wahrscheinlich verstand sie viel zu viel.

„Haben Sie Fred Sherbrooke verständigt?“

„Was glauben Sie denn? Tim ist erst acht.“

„Entschuldigen Sie die unüberlegte Frage“, murmelte sie. Irgendetwas zwang ihn, sie genauer anzusehen. Ja, er hatte gehofft, dass das Mitleid aus ihrem Gesicht verschwände. Aber er war wohl zu schroff gewesen. Ihre Miene wirkte jetzt völlig ausdruckslos. „Die Kinder warten auf die Knetfiguren. Ich bin gleich wieder da.“

Zwischen ihnen stand plötzlich eine Mauer. Das sollte ihm recht sein, solange Jennifer March gut zu seinen Kindern war.

„Ich bringe die beiden nach Hause.“ Die Härte in seiner Stimme überraschte ihn selbst. „Sie haben schon mehr als genug für sie getan.“

„Das fällt unter Nachbarschaftshilfe“, sagte sie. „Aber ich habe den Kindern ein Versprechen gegeben. Erlauben Sie, dass ich ihnen wenigstens die Figuren zum Anmalen mitgebe?“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging zum Haus. Diesmal war ihr Gang nicht beschwingt.

So viel war sicher: Er hatte Jennifer March verärgert. Sie wollte es nur nicht zeigen, weil sie sich fremd waren.

Ja, sie war eine Fremde, die nur freundlich mit ihm gesprochen hatte. Und er hatte ihr diese Nettigkeit mit schroffen Worten vergolten. Er sah Jennifer nach und hatte das Bedürfnis, sie zurückzurufen, um sich zu entschuldigen.

Erinnerst du dich? Du hast dich immer brav entschuldigt, wenn zwischen Belinda und dir etwas nicht stimmte. Etwas anderes ist dir nicht eingefallen. Wie Frauen ticken, das ist dir ein Rätsel geblieben.

Missmutig folgte er Jennifer.

Sobald sie wieder bei den Kindern war, schien sie aufzublühen. Sie scherzte mit ihnen, während sie die Malutensilien und Knetfiguren zusammenpackte.

Hatte sie sich denn vollkommen in der Gewalt? Wie stellte sie das an? Er wäre gerne dahintergekommen, um es ihr nachzumachen. Wenn er mehr Wärme und Lustigkeit versprühte, würden seine Kinder vielleicht nicht mehr davonlaufen.

„Jetzt habt ihr alles, was ihr braucht. Aber legt eine Plastikplane unter, damit …“

„Wir sind darauf eingerichtet“, unterbrach er sie unnötig barsch. Jennifers Miene verschloss sich sofort.

„Entschuldigen Sie.“ Er seufzte. „Ich bin nervös vor Sorge.“

„Alles andere wäre auch unnatürlich.“ Sie senkte die Stimme, damit die Kinder sie nicht hörten. „Bestimmt fühlen Sie sich im Moment nicht so. Aber Sie sind ein guter Vater. Sie lieben Ihre Kinder. Das spürt man. Tim wird zurückkommen.“

„Sie wissen gar nichts. Weder was ich denke, noch was ich fühle“, brauste er auf. „Sehen Sie …“

„Es ist in Ordnung, Mr. Brannigan“, sagte sie ruhig. „Ich mag auch nicht, wenn sich andere in meine Angelegenheiten mischen. Ich habe eine Grenze überschritten. Und dafür entschuldige ich mich.“

Er nickte. Ihr Verständnis erleichterte ihn. Es tat wohler als Mitleid. Aber als er in ihre Augen sah, diese sanften, schönen, glänzenden Augen, entdeckte er darin wieder diesen versteckten Schmerz. „Zu Hause haben zu viele Menschen alles besser gewusst“, bemerkte er mit rauer Stimme.

Jennifer schwieg unerträglich lange. „Sie sind nicht der Einzige, dem es so ergeht“, flüsterte sie und wandte sich ab, bevor er Fragen stellen konnte.

Er war froh darüber. Helfen konnte er ihr ohnehin nicht. Er konnte niemandem helfen, nicht einmal seinen eigenen Kindern. „Lasst uns jetzt gehen.“

Sie nickte. „Ich halte die Augen offen. Wenn ich Tim sehe, rufe ich Sherbrooke an, in Ordnung?“

Noah hätte sich gerne bedankt. Aber er schaffte es nicht. Er stellte sich vor, wie Jennifer allein am Fenster stand und Ausschau hielt, weil sie an einem Sonntagabend nichts anders zu tun hatte. Und an anderen Abenden auch nicht.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fragte er sich, ob die Freiheit, für niemanden sorgen zu müssen, nicht vielleicht doch schwerer zu ertragen war als die Verantwortung für andere. Ließ es sich überhaupt leben ohne Kinderlärm im Haus? Lohnte es sich da überhaupt aufzustehen, zu kochen, zu putzen, zur Arbeit zu gehen? Jennifer kam ihm schrecklich einsam vor …

„Auf Wiedersehen“, sagte sie leise.

Er nahm ihre Hand. „Danke für alles, Jennifer.“

Sie antwortete nicht, aber ihre steife Haltung sprach Bände.

Sie will, dass ich meine Kinder nehme und endlich verschwinde.

Es fiel ihm schwer, sie allein zu lassen. In diesem Haus, das für eine Familie wie geschaffen war. Kinder gehörten hierher, Gelächter und Liebe. Aber für eine alleinstehende Frau mit traurigen blauen Augen …

Und plötzlich hörte er sich sagen: „Bevor ich ins Bett gehe, setze ich mich manchmal in den Garten, genieße die Ruhe und trinke ein Glas Wein. Wenn Sie Lust haben, mir heute Abend dabei Gesellschaft zu leisten …?“

Sie wirbelte herum und sah ihn mit zornesfunkelnden Augen an. Nichts war mehr lustig an ihr, nicht einmal die Farbkleckse in ihrem Gesicht. Bevor er weitersprechen konnte, fuhr sie ihm über den Mund. „Es stimmt, Mr. Brannigan, ich weiß wirklich nichts über Sie. Nur eines: Sie haben eine Frau. Wo auch immer sie sich jetzt aufhält.“

Nun fühlte er seinerseits die Wut in sich aufsteigen. Weil er außer sich war vor Angst um Tim, hatte er seine Einladung vielleicht etwas ungeschickt formuliert, aber das erlaubte Jennifer noch lange nicht, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. „Ich bin vielleicht nicht der beste Vater der Welt oder der tugendhafteste aller Menschen, aber deswegen bin ich noch lange kein Ehebrecher. Ich hatte nicht vor, Sie mit meinen Privatangelegenheiten zu belästigen, schon gar nicht, wenn meine Kinder mithören können …“

Er schaute sich nach Cilla und Rowdy um, die ins Malen vertieft waren, und senkte die Stimme. „Tim glaubt noch immer, dass seine Mutter zurückkommt. Aber Belinda hat in den drei Jahren, die sie nun schon fort ist, nicht ein einziges Mal ihre Kreditkarte benutzt oder Geld von ihrem Konto abgehoben. Niemand hat sie gesehen oder von ihr gehört. Selbst wenn sie mich verlassen wollte, sie war eine hingebungsvolle Mutter und Tochter. Aber weder zu ihren Eltern noch zu ihren Kindern hat sie Kontakt aufgenommen. Die Polizei vermutet, dass sie tot ist. Seit einem Jahr gibt es einen entsprechenden Aktenvermerk.“

Jennifer sog hörbar ihren Atem ein. „Es tut mir leid“, flüsterte sie.

Er hörte kaum hin. Seine Brust hob und senkte sich, als hätte er einen Dauerlauf hinter sich. „Nur damit Sie es wissen: Die Einladung zu einem Glas Wein war als Dankeschön gedacht, weil Sie sich um meine Kinder gekümmert haben und gastfreundlich waren. Mehr als Freundschaft kann ich einer Frau ohnehin nicht bieten. Und mich mit Zweideutigkeiten einer Nachbarin zu nähern, die mir und den Kindern Gutes getan hat, liegt mir völlig fern.“

Röte stieg in Jennifers Gesicht, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Könnten wir die letzten Minuten ungeschehen machen?“, wisperte sie und streckte ihm die Hand entgegen. „Ich würde gerne ein Glas Wein mit Ihnen …“

Mit einem Mal war seine Wut verraucht. Mit einem verlegenen Lächeln ergriff er ihre Hand. „Freunde?“

„Ja, bitte.“ Ihre Rechte zitterte.

Was sollte er nun sagen oder tun? Er fühlte sich wie ein Tölpel. „Jennifer?“

„Wann soll ich kommen?“, fragte sie leise. „Lieber nicht so früh. Ich möchte Tim nicht beunruhigen.“

„Versuchen Sie es gegen neun. Jetzt muss ich gehen.“ Er erhob die Stimme. „Kinder, wir müssen Timmy suchen und Abendbrot machen.“ Die beiden standen sofort auf, ohne zu murren. Das war immer so, wenn ihr großer Bruder weggelaufen war. Sie wussten, dass sie ihrem Vater nicht noch mehr Kummer machen durften.

In diesem Moment klingelte Jennifers Telefon. Sie sprach nur kurz und strahlte Noah an. „Man hat Tim gefunden. Ausgerechnet bei meinem Onkel.“

3. KAPITEL

Als sie Noah aus der Hintertür seines Hauses treten sah, war es fast halb zehn. Jennifer blieb noch ein paar Minuten im Schaukelstuhl auf ihrer Veranda sitzen. Es sollte nicht so aussehen, als hätte sie auf ihn gewartet.

Sie mochte diesen Mann, obwohl das Verschwinden seiner Frau Fragezeichen aufwarf. Außerdem war er schwer einzuschätzen.

Seine Frau war davongelaufen, sein Sohn lief davon … Jennifer lehnte es ab, ihm die Schuld daran zu geben. Mark war ihr schließlich auch davongelaufen. Nein, dieser Mann hatte Kummer, und er ging liebevoll mit seinen Kindern um. Das allein zählte.

Immerhin hatte er ihr Freundschaft angeboten. Das hieß wohl, er brauchte Beistand. Auch sie sehnte sich nach einem verständnisvollen Menschen.

Also würden sie Freunde werden.

Von Noah war nur eine dunkle Silhouette zu sehen, als er jetzt auf dem mit Gras bewachsenen Hügel stand und auf das Meer schaute. Er wirkte verloren, verloren in der Vergangenheit.

Jennifers aufgeregter Herzschlag strafte alle Gedanken an Freundschaft Lügen.

Noah Brannigan war für sie nicht nur ein geplagter alleinerziehender Vater, der Unterstützung brauchte. Sie musste vorsichtig sein. Verheerend, wenn er herausfand, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte! Fast eine Stunde lang hatte sie in ihrem Kleiderschrank nach einem hübschen Sommerkleid gestöbert und lange gezögert, ob sie ihr Haar nach dem Waschen hochstecken oder offen tragen sollte.

Solch quälende Vorfreude hatte sie seit Jahren nicht mehr verspürt, ja vollkommen vergessen, dass es sie gab. Sie hatte sich ihr Leben beschaulich eingerichtet, bis dieser Mann durch die Hintertür ihres Hauses getreten war, um seine Kinder abzuholen. Seitdem kam ihr alles verändert vor.

„Hallo!“

Seine warme dunkle Stimme trieb ihr die Hitze in die Wangen.

„Mögen Sie Weißwein?“

„Ja, lieber als roten.“

„Glück gehabt.“ Er lachte auf. „Nicht erschrecken!“

Gleich darauf flammte das Licht einer Campinglaterne auf, und sie konnte sein Gesicht erkennen.

„Bitte, machen Sie es sich bequem“, sagte er und deutete auf die ausgebreitete Decke.

Jennifer setzte sich und lugte in den kleinen Korb, den er mitgebracht hatte. „Oh, ein Nachtpicknick! So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Sie hatte das Gefühl, aus Verlegenheit gedankenloses Zeug zu plappern.

„Es gibt nur Cracker und Käse.“

„Mehr brauche ich nicht, um die Nacht zu genießen, Noah.“ Wie unter Zwang musste sie seinen Namen aussprechen. „Ist es nicht herrlich hier draußen um diese Zeit? Die Sterne leuchten, der Ozean rauscht, das Gras duftet.“

Lächelnd setzte er sich zu ihr. „Das klingt ja fast poetisch. Sie scheinen an allem die gute Seite zu sehen.“

Sie lachte leise. „Ich weiß, das nervt. Mein …“ Sie zögerte, bevor sie weitersprach. „Mein Exmann hat mich immer eine unheilbare Optimistin genannt.“ Und das war kein Kompliment gewesen.

Gewiss wusste Noah schon, dass sie geschieden war. Henry, der Mechaniker, und June, die Postbotin, hatten es ihm bestimmt erzählt.

„Zynismus wird irgendwann langweilig“, sagte Noah. „Unterschätzen Sie nicht die Gabe, glücklich zu sein.“

Sie lächelte „Danke für die Einladung übrigens.“

„Danke, dass Sie gekommen sind.“ Er erwiderte ihr Lächeln. „Ich bin gerne nachts hier draußen, und es ist schön, die Ruhe einmal in Gesellschaft zu genießen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Kinder, aber trotzdem atme ich auf, wenn sie im Bett liegen.“

„Das müssen Sie mir nicht erklären. Ich arbeite mit Kindern.“ Sie versuchte zu lachen. „Um diese Uhrzeit sitze ich auch oft draußen, allerdings auf der Veranda.“

Halt den Mund, Jennifer. Du klingst schon wieder atemlos. Was soll der Mann von dir denken?

Beiden fiel nichts Besseres ein, als zu schweigen, so sehr waren sie damit beschäftigt, ihr kleines nächtliches Picknick normal und unverfänglich aussehen zu lassen. Außerdem stand zu viel Unausgesprochenes zwischen ihnen, das sie nicht preisgeben wollten.

„Der erste Eindruck, den Sie von meiner Familie gewonnen haben, war ja nicht gerade der beste“, sagte er, als die Stille peinlich zu werden drohte. „Und das gilt vermutlich für Sie und für Ihren Uncle Joe.“

Der Cracker zwischen seinen Fingern zerbrach.

„Oh nein!“ Unwillkürlich legte sie die Hand auf seine. „Sie müssen doch gemerkt haben, wie gerne ich mit Ihren Kindern gespielt habe. Und Uncle Joe“, sie lachte auf, „er liebt es, wenn ihn jemand auf seinem Schrottplatz besucht. Ich bin froh, dass Tim sich gerade dorthin geflüchtet hat. Offenbar teilen die beiden die Leidenschaft für verrostetes Blech. Der Junge hat Uncle Joe Löcher in den Bauch gefragt. Mein Onkel sagt, Tim ist ihm immer willkommen. Und das meint er auch so.“

Noah zuckte die Schultern. „Wenigstens weiß ich jetzt, wo ich nach Tim suchen muss.“

„Wäre das denn so schlimm?“

Noah schenkte Wein ein. „Nein, solange Tim Ihren Onkel nicht stört.“

Wahrscheinlich war das keine ganz ehrliche Antwort, aber sie wollte nicht wieder in ihn dringen wie vorhin. „Seit dem Tod seiner Frau ist Uncle Joe ziemlich einsam. Meine Cousins sind wegen der Arbeit nach Sydney und Brisbane gezogen. Mehr als zwei Mal im Jahr sieht er seine Enkel nicht. Ich besuche ihn zwar einmal in der Woche, aber mir fehlt das Interesse an seinem Schrottplatz, fürchte ich.“ Sie lächelte. „Vermutlich freut er sich schon auf Tims nächsten Besuch.“

„Der Junge wahrscheinlich auch. Auf dem Schrottplatz gibt es viele Verstecke.“

„Und alle sind sicher“, sagte Jennifer leise, um ihm die Sorge zu nehmen. Dabei wusste sie, dass es nicht in ihrer Macht stand. „Uncle Joe wird aufpassen, dass Tim sich nicht verletzt.“

„Sicher.“ Er reichte ihr ein Glas. „Waren Sie immer schon Tagesmutter?“

Sie konnte verstehen, dass er das Thema wechseln wollte. „Gleich nach der Highschool habe ich mich qualifiziert, auch als Krankenschwester. Ich wollte immer einen Kindergarten eröffnen, aber die Miete, die Versicherungs- und Personalkosten wären in Newcastle zu hoch gewesen.“

Ah, da kam sie also her. Noah wunderte sich darüber, denn Jennifer wirkte so, als sei sie hier voll und ganz verwurzelt. „Sind Sie dort auch aufgewachsen?“

„Ja, geboren und aufgewachsen. Meine Eltern leben noch immer in Swansea am Meer.“

„Und meine in Sydney“, sagte er. Genauso wie Belindas Eltern. Er und Belinda waren in eine Schule gegangen, in der gleichen Straße aufgewachsen und seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr ein Paar.

An Belinda hatte er eigentlich nicht denken wollen. Es führte zu nichts und erschöpft ihn nur. „Meine Eltern reisen zurzeit durchs Land. Wie viele Kinder betreuen Sie denn?

Und warum haben Sie keine eigenen?

„Mir werden täglich drei oder vier Kinder gebracht. Bis zu sechs dürfte ich aufnehmen. Aber das wäre mir zu viel, ich arbeite ja allein. Außerdem gibt es nicht so viele Kinder in Hinchliff, deren Mütter ganztags arbeiten.“ Wieder lachte Jennifer ihr helles, melodisches Lachen.

Wie die kleinen purpurnen Sternchenblüten kam sie ihm vor, die sich im Wind wiegten und mit ihrer Schönheit ganz unerwartet Rasenflächen schmückten. Jennifer war ihm vorhin wie die Verkörperung einer Sommernacht erschienen, als sie im weißen Kleid so leichtfüßig auf ihn zukam, als ginge sie auf Mondstrahlen.

Sie faszinierte ihn. Sie zog ihn an. Er sehnte sich danach einzutauchen in ihre Zufriedenheit und stille Lebensfreude, um für immer neben ihr zu sitzen, ihr Gesicht zu betrachten, ihre Hand auf seiner zu spüren …

Dieser Moment sollte ewig dauern. Zu lange hatte er die Berührung einer Frau entbehrt.

Und Jennifer wollte ihn. Er konnte es an ihren blauen Augen ablesen, auch an ihrem schön geschwungenen Mund. Wenn sie sich zufällig näherkamen, wurde ihre Stimme atemlos. Wenn sie sich zufällig berührten, zitterte sie. Auch ihr Kleid verriet es ihm, der zarte Vanillegeruch ihrer Haut und die Haarsträhnchen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten.

Ja, Jennifer begehrte ihn und schien nicht zu wissen, wie sie es verbergen sollte.

Aus diesem gegenseitigen Begehren durfte nichts entstehen, das wusste Noah. Die Verpflichtungen einer Beziehung waren das Letzte, was er jetzt brauchte. Und seine Kinder würden keine neue Frau in seinem Leben akzeptieren. Tim schon gar nicht.

Es war also gefährlich und dumm, mit Jennifer zu flirten. Und trotzdem tat er es. Er drehte seine Hand um, sodass ihre Handflächen nun aufeinanderlagen. Ihre Haut fühlte sich weich und warm an. „Dann sind Sie also umgezogen, um hier als Tagesmutter zu arbeiten?“

Sie senkte den Blick, schaute auf die sich berührenden Hände. Dann bewegte sie die Finger. Nur ein klein wenig. Es war die sanfteste Liebkosung, die er je genossen hatte. Sie fühlte sich süß und gefährlich an und verdrehte ihm vollkommen den Kopf.

Er lauschte Jennifers leisen atemlosen Stimme, die ihm mehr verriet als ihre Worte. „Ich brauchte eine neue Aufgabe nach der Scheidung von Mark. Und Uncle Joe brauchte familiären Beistand. Er ist zwar körperlich und geistig fit, aber er wird älter. Als ich ihn besucht habe, habe ich herausgefunden, dass es hier keine Tagesmutter gab. Also habe ich die Chance genutzt.“

Er erinnerte sich nicht mehr an seine Frage und wusste mit der Antwort deshalb nichts anzufangen. Ihn beschäftigte das Wunder, das sich gerade vollzog. Er staunte über sein klopfendes Herz und konnte sich an Jennifer nicht sattsehen. Sie befeuchtete ihre Lippen, blickte auf seinen Mund, dann wieder in seine Augen. Es machte ihn trunken vor Verlangen.

Wie sollte er mit dieser Aufwallung der Begierde umgehen? Er war nie mit einer anderen Frau als Belinda zusammen gewesen. Ihm fehlte Erfahrung.

Jennifer ging es offenbar genauso.

Und so saßen sie da, genossen die zarte Berührung ihrer Hände und wussten nicht, was sie tun sollten.

Unsinn! Sie wussten es sehr wohl. Nur wie sie mit den Konsequenzen umgehen sollten, wenn sie ihrem Verlangen nachgaben, das wussten sie nicht.

„Was tun Sie, außer Ihre Kinder großzuziehen?“ Ihre Stimme klang erstickt.

Er musste sich zwingen zu antworten. „Ich bin Architekt und Bauunternehmer. In Sydney hatte ich eine Firma. Ich habe Einfamilienhäuser entworfen und gebaut.“ Er verschwieg, dass er alles verkaufen musste, um seine Schulden zu begleichen. Es war nicht Belindas Schuld. Er hätte ihr Leiden erkennen müssen. Doch er war mit seinem Unternehmen beschäftigt gewesen und hatte Belinda die Sorge für die Familie überlassen. Natürlich hatte er bemerkt, dass sie begann, mehr Geld auszugeben. Aber ihnen ging es gut. Warum hätte sie den Wohlstand nicht genießen sollen? Auch als in ihrer Ehe ein paar Monate vor Rowdys Geburt jede Intimität verloren ging, hatte er sich geduldet und auf später vertröstet.

Erst nach Belindas Verschwinden war ihm das Ausmaß ihrer Probleme bewusst geworden. Plötzlich erhielt er Mahnungen für unbezahlte Kleider und Schuhe. Auch Spielschulden hatte sie gemacht.

Jennifers Lachen riss ihn aus seinen Gedanken. „Und da sind Sie ausgerechnet nach Hinchliff gekommen? Was habe Sie denn vor in dieser Kleinstadt mit zweitausend Einwohnern?“

Er verzog den Mund. „Eine berechtigte Frage. Ich dachte, ich könnte mich hier aufs Renovieren verlegen. Und aufs Umbauen. Stilgerecht natürlich. Bei Bedarf baue ich natürlich auch neu. Nicht weit von hier entstehen Neubaugebiete.“ Er zögerte, es anzusprechen, obwohl er wusste, dass es nötig war. „Aber solange Cilla und Rowdy noch nicht in die Schule gehen, kann ich tagsüber schlecht arbeiten und muss mich nachts an die Entwürfe setzen.“

Jennifer nickte.„Ich …“Auch sie zögerte, als hätte sie Vorbehalte. „Da wäre noch Platz für die beiden. Wenn Sie möchten, könnten Cilla und Rowdy montags, mittwochs und freitags bis sechs Uhr abends bleiben. Und wenn es Sie entlastet, kann Tim an diesen Tagen auch gerne nach der Schule zu mir kommen.“

Damit waren trotz blinkender Warnsignale die Weichen gestellt. Beide wussten, wie gefährlich die Reise war. Und doch fuhren sie mit Volldampf los.

Nach einem Moment des Schweigens zog Jennifer ihre Hand zurück. Sie machte einen nervösen Eindruck. „An diesen Tagen habe ich nämlich nur drei Kinder …“

„Jennifer.“ Zu seinem eigenen Erstaunen war er es diesmal, der die Hand auf ihre legte. „Ich danke Ihnen. Ich hatte gehofft, dass Sie noch Plätze frei haben. Für die Kinder ist es schwer, wenn sie mal hierhin, mal dorthin gebracht werden wie in Sydney. Besonders für Tim …“ Er seufzte. „Ich glaube, er wird gerne kommen. Wenn ich nicht dabei bin.“

„Ich habe die Komplikationen verursacht“, sagte sie leise und senkte den Kopf.

„Wir beide haben sie verursacht“, erwiderte er.

Wieder spürte er das Sehnen und Verlangen, obwohl sie sich kaum berührten.

Schließlich schaute sie wieder auf. „Für Tim ist es das Beste, wenn ich jetzt nach Hause gehe. Wir beide haben genug Sorgen, mit denen wir fertig werden müssen.“

Er nickte. Und war doch ganz verrückt danach, seine Lippen auf ihren Nacken zu drücken, auf ihre halb entblößte Schulter, ihren Mund … Er nickte noch einmal. Ihr Vorschlag war vernünftig, obwohl er ihm nicht gefiel. Er begehrte Jennifer, und sie begehrte ihn. Doch daraus würde etwas entstehen, worauf er verzichten musste.

Gebe ich Tim Sicherheit und Halt, wenn ich allein bleibe? Oder beuge ich mich nur den Forderungen eines verunsicherten Kindes und mache für die Familie alles nur schlimmer? Cilla und Rowdy brauchen eine Mutter. Und Tim … braucht sie mehr als die beiden zusammen.

Warum war ihm dieser Gedanke bisher noch nie gekommen?

„Ich gehe jetzt besser“, flüsterte Jennifer, rührte sich aber nicht.

„Daddy!“

Noah sprang auf. „Das ist Tim“, sagte er.

„Daddy! Daddy!“

Er rannte zum Haus, durch die Küche hindurch über den Flur zu dem Raum, den Tim mit Rowdy teilte. Obwohl er sein eigenes Zimmer hätte haben können, wollte der Junge lieber bei seinem kleinen Bruder schlafen. „Alles in Ordnung, Tim. Ich bin ja da“, sagte Noah leise und nahm seinen weinenden Sohn in den Arm.

Nur nachts, wenn er aufwachte, ließ Tim diese Nähe zu, erlaubte, dass Noah Trostworte flüsterte und ihm das schweißnasse Haar aus dem Gesicht strich. Der Junge zitterte. Während er ihn in seinen Armen wiegte, wurde Noah wieder klar, warum eine Frau für ihn nicht infrage kam: Die Sorge um seine Kinder würde ihn nie verlassen, und er musste alles daransetzen, um Tims Schmerz zu lindern.

„Daddy“, murmelte der Junge schlaftrunken und voller Angst. Diese Panik verließ ihn weder bei Tag noch bei Nacht. Sie trennte ihn von gleichaltrigen Kindern und machte es ihm unmöglich, Freundschaften zu knüpfen. Wenn Belinda gestorben wäre, hätte Tim es akzeptieren müssen und irgendwann verschmerzt. Aber um eine verschwundene Mutter vermochte er nicht zu trauern. Die Wunde, die sie hinterlassen hatte, heilte nicht. Und immer quälte ihn die Frage, wer an ihrem Weggehen die Schuld trug.

„Ich bin ja da. Ich bleibe immer bei dir“, beschwor Noah seinen Sohn und hoffte, dass Tim ihm glaubte. Gleichzeitig wusste er genau, dass der Junge ihm nicht traute. Und auch er selbst glaubte nicht mehr an Versprechen. Beiden, Vater und Sohn, hatte sich eingebrannt, wie zerbrechlich Zusammengehörigkeit und Sicherheit waren. Versprechen ließen sich schnell brechen. Belinda hatte es bewiesen.

„Schick sie weg, Daddy.“ Tim barg das Gesicht an Noahs Schulter und weinte.

Noah seufzte. Dieses Versprechen konnte er seinem Sohn nicht geben. „Das geht nicht, Tim.“ Er küsste ihn auf die Stirn. „Sie ist unsere Nachbarin. Und sie wird auf Cilla und Rowdy aufpassen, wenn ich arbeite.“

Der Junge bekam einen Schluckauf.„Nein, Daddy“,schluchzte er. „Mummy kommt nie wieder, wenn …“

Tim konnte seine Befürchtung nicht einmal aussprechen.

Von Schuldgefühlen gequält, schwieg Noah. Er brachte es nicht fertig, seinen Sohn mit Lügen zu beruhigen und ihm zu sagen, dass er Jennifer nicht leiden konnte. Er mochte, ja er begehrte sie. Selbst jetzt, wo er seinem Sohn so gerne Trost zugesprochen hätte.

Aber diesmal war Tims Angst berechtigt. Sein feines Radarsystem hatte die Gefahr schon erkannt, bevor Noah selbst wusste, wie ihm geschah. Und nun gab es nichts, womit er die Angst lindern und den Albtraum seines Kindes beenden sollte.

Alarmiert schaute er sich um.

Jennifer stand in der Tür und starrte auf Tim. Sie war leichenblass, Tränen liefen ihre Wangen hinunter, und sie presste eine zitternde Faust an die Lippen.

Langsam schaute sie Noah an. Sie wagte es nicht, sich zu bewegen, nicht einmal zu atmen, spürte nur ihr Bedürfnis, ihm und seinem Sohn zu helfen. Wenn sie dem nachgäbe, würde Tim alles wissen und sich nie wieder sicher fühlen. Nichts, was sie sagte oder täte, würde helfen.

Es war aus, bevor es begann. Vor einer halben Stunde noch hatten sie mit dem Feuer gespielt, und nun verbrannte sich ein unschuldiges Kind daran.

Lautlos, wie sie gekommen war, verschwand Jennifer wieder und ließ Trauer und Bedauern zurück.

Jennifer wartete draußen auf der Decke sitzend auf Noah und trank ein zweites Glas Wein. Schließlich kam er, blieb aber ein paar Schritte vor ihr stehen, als warte er auf eine Erklärung. Wollte er wissen, warum sie noch da war?

Sofort bereute sie, nicht nach Hause gegangen zu sein. „Hat Tim sich wieder beruhigt?“, fragte sie.

„Nein“, sagte Noah ernst. „Er liegt jetzt in meinem Bett. Ich bin nur hier, um die Sachen zusammenzupacken.“

„Ich helfe Ihnen.“ Sie erhob sich.

„Es wäre mir lieber, wenn Sie sofort gingen, Jennifer. Wenn er aufsteht und uns sieht …“

Sie nickte und fühlte sich noch schlechter. „Ich wollte nur wissen, ob er …“

Warum fiel es ihr so schwer, sich auszudrücken? Alles ging ihr leichter über die Lippen als das, was sie sagen wollte.

„Ihm wird es nicht besser gehen, solange Belinda nicht zurückkommt oder … ihre Überreste gefunden werden.“ Und dann brach es aus ihm heraus. „Es ist anders als ein Verlust durch Tod. Der wäre schlimm genug. Aber dies ist das Fegefeuer. Mein Leben ist zerbrochen, und die Scherben verletzen Tim, Cilla und Rowdy.“ Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

„Man kann diesem Elend nicht entkommen. Jede Art der Besserung empfindet Tim als Untreue. Sogar unseren Umzug hierher hat er so verstanden, als ob ich damit seine Mutter für tot erklären wollte. Ich kann ihm nicht klarmachen, wie sinnlos es ist, überall nach ihr Ausschau zu halten. Immer wenn das Telefon klingelt und er losrennt, um abzunehmen, müsste ich sagen: ‚Es ist nicht Mummy.‘ Er will, dass Belinda noch lebt und zurückkommt. Und er will, dass Cilla es auch will, obwohl sie sich an ihre Mutter nicht mehr erinnert. Rowdy versteht noch gar nichts von all dem. Trotzdem verbringen wir unser Leben mit Warten. Wir warten auf Belinda, warten auf Nachrichten von ihr, warten auf Nachrichten über sie, warten auf irgendetwas, das uns erlaubt, ohne diese verdammte Hoffnung, die Angst und die Schuld zu leben. Dieses Warten, diese Hoffnung, diese Angst, diese Schuld frisst uns auf.“

Nichts war jetzt so überflüssig wie Tränen. Jennifer schluckte sie hinunter. Viel schwerer fiel es ihr, nicht die Arme um Noah zu schlingen, um ihm zu zeigen, dass er nicht allein war mit seinem Schmerz. Sie verstand ihn besser, als er ahnen konnte.

Doch sie durfte ihn weder berühren noch ihn weiter so verzweifelt und mitfühlend ansehen. Deshalb schloss sie die Augen. „Ich hätte nach Hause gehen sollen. Tut mir leid. Ich habe mir Sorgen gemacht.“

„Dazu besteht kein Grund. Ich muss mich entschuldigen. Ich bin ein Nervenbündel.“ Wieder fuhr er sich über das Gesicht. „Es war unhöflich, Ihnen das alles zu erzählen.“

„Vielleicht sollten Sie mehr darüber reden“, erwiderte sie so ruhig wie möglich. „Manchmal hilft es, Fremden das Herz auszuschütten.“

„Sie sind mir nicht fremd“, murmelte er und sah ihr in die Augen.

Sie nickte. Fremd waren sie sich nicht, aber mehr als Fremde durften sie nicht füreinander sein.

„Jennifer?“

Die Härte in seiner Stimme ließ sie aufhorchen. Die Scherben seines zerbrochenen Lebens quälten ihn wieder. Sie wusste es. Oh, wie gut sie es wusste …

Er sah sie nicht an, während er den Picknickkorb packte. „Selbst wenn Belinda tot ist – und ich glaube, sie ist es –, habe ich nichts mehr zu geben. Das können Sie vielleicht nicht verstehen …“

Doch, sie verstand. Auch sie hatte nichts mehr zu geben. Äußerstenfalls durfte sie sich noch einen Liebhaber nehmen, aber niemals mehr einen Ehemann. Doch Noah brauchte nichts weniger als eine Affäre. Trotzdem taten seine Worte weh, sehr weh.

„Ein Kind zu haben, das sich mit Küssen nicht heilen lässt, dem du nicht helfen kannst, sosehr du es auch versuchst, das reißt dich in Stücke“, sagte sie leise. „Trotzdem kannst du nicht aufhören zu hoffen und dein Mögliches zu tun. Du musst so handeln und dich hintanstellen, selbst auf die Gefahr hin, es zu verwöhnen oder es später heimgezahlt zu bekommen.“ Sie hob die Schultern und lächelte. Bevor er antworten konnte, drückte sie ihm die zusammengefaltete Decke in die Hand und wandte sich zum Gehen. „Bringen Sie Cilla und Rowdy zu mir, wann immer Sie arbeiten müssen. Sie sind jeden Tag willkommen.“

„Jennifer …“ Er streckte die Hand nach ihr aus.

Sie hätte sie gerne noch einmal berührt, doch sie schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. „Lieber nicht.“

Er schaute sie durchdringend an. „Ich kann das nicht annehmen.“

„Doch“, entgegnete sie ruhig. „Und wenn Sie es unbedingt wollen, könnten Sie sich revanchieren. Ich habe auf eine größere Veranda gespart und auf ein Kinderhäuschen, eines, das ich notfalls mitnehmen kann, falls ich umziehen muss …“

Er räusperte sich. „Gut. Ich werde die Veranda vergrößern und das Kinderhaus bauen. Sie kommen für das Material auf, den Lohn berechne ich nicht. Aber wenn ich wider Erwarten in der Zwischenzeit einen größeren Auftrag bekommen sollte …“

Sie nickte. „Geht der vor. Sie haben schließlich eine Familie zu ernähren. Mir ist es auch recht, wenn Sie vor oder nach Ihrer Arbeit an der Veranda arbeiten. Dann wären Ihre Kinder bei Ihnen. Wir könnten uns auch mit der Zubereitung des Abendessens abwechseln.“

„Danke, Jennifer. Ich weiß nicht, was ich sagen soll …“ Er klang heiser, nicht vor Verlangen, sondern vor Dankbarkeit.

Obwohl sie das wusste, dachte sie trotzdem an das, was sie nicht haben durfte, und errötete. „Gute Nacht, Noah.“

Ich habe es wieder nicht lassen können, die unheilbare Optimistin zu spielen.

Bestimmt würde sie es irgendwann bereuen. Noah Brannigan, den sie kaum einen Tag kannte, besaß die Macht, sie unglücklich zu machen. Und sie konnte nichts dagegen tun, ohne seine wunderbaren Kinder zu verletzen oder sein Leiden zu vergrößern. Doch zum ersten Mal seit zwei Jahren fühlte sie sich wieder lebendig. Schmerzhaft lebendig.

Was immer der Preis für ihre Entscheidung sein mochte, sie hatte sie mit offenen Augen gefällt.

4. KAPITEL

„Jenny! Jenny, wir kommen!“

Sie trank gerade ihren Kaffee, als Rowdys Rufe in ihre Küche drangen. Um diese Uhrzeit genoss sie gewöhnlich noch den morgendlichen Frieden. Aber Tim, Cilla und Rowdy bedeuteten ihr viel mehr als die anderen Tageskinder, und deshalb ließ sie sich nur allzu gern stören. Sie hatten Jennifers Herz erobert. Vielleicht, weil die Familie sie brauchte.

Nein, nur die Kinder brauchten sie.

In den sechs Wochen, die sie nun Noahs Kinder beaufsichtigte, war er erst zweimal bei ihr gewesen. Einmal, um die alte Veranda auszumessen, dann, um ihr die Zeichnung für den Ausbau zu zeigen.

Die Bretter für das Kinderhaus sägte er in seiner Werkstatt zu, wollte dort auch die Teile zusammensetzen und das Haus erst zu ihr schaffen, wenn es fertig war.

Rowdy stürmte jetzt in die Küche und stürzte sich in Jennifers ausgebreitete Arme. Vom ersten Augenblick an hatte der Kleine ihr sein Vertrauen geschenkt. „Jenny, ich bin da. Freust du dich?“

„Ja, sehr!“ Sie nahm ihn auf den Arm und lachte.

„Machst du mir Toast mit was drauf?“, fragte der Kleine, obwohl er bestimmt schon Frühstück von seinem Vater bekommen hatte.

Sie strich ihm über das Haar, hob Cilla auf ihre andere Hüfte und gab ihr einen Kuss, bevor sie antwortete. „Gleich, mein Liebling.“

Nur wenn es ums Essen ging, machte der Jüngste seinem Spitznamen Ehre. Tim hatte ihr erzählt, dass Rowdy ein lautes, forderndes Baby gewesen war und Noah ihn deshalb so nannte. Oft fragte sich Jennifer, warum der Kleine so anspruchslos geworden war. Entsprach es seiner Natur, oder steckte er zurück, weil Tim und Cilla mehr Unterstützung brauchten als er? Er machte den Eindruck eines glücklichen Kindes. Doch vorsichtshalber behielt Jennifer ihn stets mit im Auge.

Tim kam in die Küche.

„Und was ist mit dir? Möchtest du einen Toast mit gebackenen Bohnen und Käse?“ Das mochte er immer, wenn er nicht gerade wütend war.

Der Junge nickte. „Danke.“

Mit mehr als einem zaghaften Laut wagte Cilla nicht, auf sich aufmerksam zu machen. Jennifer lächelte sie an und verbarg ihre Traurigkeit darüber, dass die Kleine auch nach sechs Wochen Fürsorge keine Bitte äußerte. „Möchtest du Toast mit Schokoladenaufstrich und zerdrückter Banane?“ Das zufriedene Strahlen des Mädchens entschädigte sie.

In dem Moment klopfte Noah an die Hintertür. Heute war sein erster Arbeitstag an der Veranda. „Guten Morgen, Jennifer.“ Das klang höflich und zurückhaltend.

„Guten Morgen, Noah.“ Sie rang sich ein harmloses Lächeln ab, um Tim nicht misstrauisch zu machen.

„Der Kaffee ist noch heiß, möchten Sie einen Becher?“, rief sie ihm nach.

Er drehte sich kurz um. „Ja, gerne.“

Tim beobachtete sie scharf. Sie gab Cilla einen Kuss und setzte sie ab, um Rowdy in den Kinderstuhl zu heben. „Ich kümmere mich erst ums Essen“, sagte sie.

Als sei er irgendein Vater, der seine Kinder gebracht hatte, oder ein normaler Handwerker, wandte sie sich ab. War das wirklich der Mann, mit dem sie vor sechs Wochen nachts auf einer Decke gesessen hatte? Seine Hand unter ihrer?

Warum fühlte sie sich von diesem Mann immer noch berührt? Er hatte sie seit der ersten Nacht kein einziges Mal mehr angefasst. Woher nahm er die Macht, mit Blicken oder Worten ihre Gefühle in Aufruhr zu versetzen?

„Jenny? Hier, die gebackenen Bohnen.“ Noahs kleiner Aufpasser stand vor ihr, abwartend, auf der Hut.

Sie zwinkerte Tim zu. „Danke, du bist wirklich aufmerksam.“ Als sie ihm die Dose abnahm, spürte sie wieder seinen Hunger nach Nähe, aber auch seine Angst und Scheu davor. Der arme kleine Kerl brauchte eine Mutter, mehr noch als Cilla und Rowdy. Aber er ließ nicht zu, wonach er sich sehnte. Niemals hätte sie ihn umarmen dürfen, denn er empfand sie als Bedrohung. Wahrscheinlich war seine Mutter nur noch eine blasse Erinnerung und sein Treue zu ihr das einzig Reale, was ihm von Belinda geblieben war.

Schicksalsergeben bereitete sie für die Kinder das zweite Frühstück zu. Sie war eine Tagesmutter, nichts als eine Tagesmutter …

Jennifer ließ ihn auf den Kaffee lange warten.

Noah stieß Schimpfwörter aus, die er sonst nicht in den Mund nahm, wenn Kinder in den der Nähe waren. Der Abriss der alten Veranda strengte ihn an. Doch er war froh darüber. Bis zur Erschöpfung wollte er arbeiten, damit das quälende Verlangen und das sehnsüchtige Ziehen in seiner Herzgegend aufhörten.

Immer wenn er Jennifer sah, ihr schönes Gesicht, ihre schlanke Figur, schien sein Körper zu vibrieren vor Begehren. Seine Kinder wurden von ihr umsorgt und geküsste. Doch er musste sich innerlich von ihr distanzieren. Der Schmerz darüber verließ ihn nicht.

Nacht für Nacht durchlebte er wieder den Abend, an dem sie gemeinsam auf der Decke unter den Sternen gesessen hatten. Passiert war dabei fast nichts, und doch war so vieles zwischen ihnen geschehen. Er erinnerte sich an alles, ihr weißes fließendes Kleid, das Glück, mit ihr sprechen zu dürfen, die Berührung ihrer Hand, ihr Lächeln, den verlangenden Ausdruck ihrer Augen … und schreckte schweißgebadet hoch.

Tim schlief seit jede Nacht durch. Offenbar quälten ihn keine Albträume mehr. Doch tagsüber war er immer noch schweigsam und beobachtete seinen Vater.

Wie es Jennifer erging, wusste Noah nicht. Sie wirkte ernst, behandelte ihn freundlich, aber distanziert wie jeden Vater ihrer Tageskinder, bot ihm Kaffee an wie jeder Mutter, die ihre Kinder morgens zu ihr brachte. Er kam sich onkelhaft vor.

Ein Splitter bohrte sich durch seine Arbeitshandschuhe in seinen Daumen. Noah stieß einen lauten Fluch aus.

„Noah?“ Jennifers Stimme klang besorgt.

„Alles in Ordnung.“

„Hier ist Ihr Kaffee.“

Er schaute auf. Jennifers Lächeln wirkte ruhig und gefasst. Sie würde gewiss nicht aus der Rolle fallen. Als er die Hand ausstreckte, stellte sie den Becher auf den Boden. Wie ein zurechtgewiesener Schuljunge fühlte er sich.

„Jennifer …“ Irgendetwas zwang ihn, ihren Namen auszusprechen. Das Bedürfnis, sie zu berühren, wurde übermächtig.

Abrupt wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. „Ist es Ihnen recht, wenn ich von vier bis zum Dunkelwerden weitermache? Ich muss die Zeit, in der Tim in der Schule ist, für Erledigungen nutzen.“

„Natürlich.“ Ihr Blick fiel auf seinen rechten Handschuh, aus dem der Splitter herausguckte. „Ich werde Tim bitten, Ihnen eine Pinzette und Desinfektionsmittel zu bringen.“

„Tut mir leid. Es muss so sein, Jennifer“, stöhnte er. Er hasste diese Distanz zwischen ihnen.

„Ich habe mich nicht beschwert.“ Sie mied seinen Blick. „Und jetzt muss ich Tim ablösen. Er passt auf die Kleinen auf.“

„Nein, er beobachtet uns durchs Fenster“, sagte Noah ruhig.

Sie beging nicht den Fehler, dorthin zu schauen. „Dann kann er ja beruhigt sein, oder?“

Noah streifte den linken Handschuh ab und zog den Splitter aus dem rechten Daumen. Hoffentlich ging Jennifer schnell wieder ins Haus, bevor er etwas Unüberlegtes tat.

„Es geht nicht nur um Tim und Sie.“

Alarmiert schaute er auf. Sie stand da mit geballter rechter Faust. Lose Haarsträhnchen tanzten im Morgenwind um ihr Gesicht, ihre Wangen flammten, und ihre Augen sprühten. „Wie meinen Sie das?“, presste er hervor.

Sie strich sich eine Strähne hinter das Ohr. „Sie sind Vater von drei meiner Tageskinder, und es geht Sie eigentlich nichts an, dass ich mich in Sie verliebt habe.“

Wumm!

Alles war umsonst gewesen. Die schlaflosen Nächte, die Angst, die Selbstdisziplin. Vernichtet von der Wahrheit. Jennifer hatte sie ausgesprochen, einfach so. Ohne zu sagen, was sie darüber dachte und was sie sich wünschte. Warum er gegen die Wahrheit rebellierte, wusste er nicht. Er wollte Jennifer an sich ziehen, um ihr zu beweisen, dass sie log.

Doch eine Bewegung am Fenster hielt ihn davon ab.

„Warum erzählen Sie mir das, wenn es mich nichts angeht?“, fragte er wütend. Die Mauer, die er zwischen sich und ihr errichtet hatte, durfte auf keinen Fall bröckeln.

Sie zog eine Augenbraue hoch und betrachtete ihn. „Hören Sie auf, sich zu entschuldigen. Ich habe meine eigenen Gründe, auf Liebe zu verzichten. Keine Sorge, ich werde Ihnen nicht zu nahetreten.“

Sie trat ihm bereits zu nahe. Schon durch ihr bloßes Dasein, ihre Schönheit, ihre Grazie. Sie drängte sich ihm geradezu auf.

„Mein Schulbus kommt gleich.“

Tim hatte das Fenster geöffnet. Was hatte er alles mit angehört?

„Mach das Fenster zu, Tim. Wenn du wissen willst, worüber wir uns unterhalten, komm raus und stell dich zu uns.“

„Ja, Dad. – Jen?“ Sein Sohn schaute arglos zu der Frau, die ihm das Kochen beibrachte, mit ihm spielte, ihn mit seinem Lieblingsessen versorgte und keine begehrlichen Blicke auf seinen Vater warf. „Die Kleinen sehen Sesamstraße. Darf ich jetzt gehen?“

„Aber natürlich, Tim. Danke für deine Hilfe.“

Sie klang genauso warm wie Tim. Der Junge mochte sie, Cilla und Rowdy beteten sie sogar geradezu an. Jennifer liebte sie alle drei.

Noah war der Einzige, der ausgeschlossen war.

Er wagte nicht mehr, sie anzuschauen. „Danke, ich brauche keine Pinzette mehr, der Splitter ist draußen.“

Sie antwortete nicht und ging zurück ins Haus.

„Du liebe Zeit!“ So wie Kate, die letzte Mutter, die ihr Kind abholte, hatten an diesem Nachmittag alle reagiert und dabei Noah angestarrt, als wäre er vom Himmel gefallen.

Er schleppte schwere Holzbalken von seinem Grundstück zu Jennifers Haus. Sein braungebrannter nackter Oberkörper und die Arme glänzten vor Schweiß. Die hellen Strähnen in seinen braunen Haaren leuchteten in der Nachmittagssonne.

„Das ist ja ein Bild von einem Mann“, murmelte Kate und konnte die Augen nicht abwenden. „Wie halten Sie das aus, ihn den ganzen Tag anzuschauen, ohne dabei verrückt zu werden?“

„Pst“, machte Jennifer und drehte sich nach den Kindern um.

Als endlich alle Tageskinder abgeholt worden waren, atmete sie auf. Das freundliche Abwehren all der neugierigen Fragen hatte sie angestrengt. Auch jetzt, da sie wieder allein war, wagte sie kaum mehr als ein paar flüchtige Blicke aus dem Fenster. Noahs Stärke und seine männliche Schönheit raubten ihr den Atem.

Weil sich seine Kinder allein beschäftigten, griff sie zur Nadel und arbeitete an der Decke weiter. Nähen war das Einzige, was sie wirklich beruhigte. Das hatte sie während der vielen Krankenhausaufenthalte ihres Sohnes gelernt. Es beschäftigte ihre Hände und beruhigte ihre Gedanken. Nur diesmal schien es nicht zu klappen. Die Versuchung dort draußen war offenbar zu groß.

Entschlossen legte sie die Decke wieder zur Seite. „Hat jemand Lust, mit mir Verstecken zu spielen, bevor es dunkel wird?“, rief sie aus dem Fenster.

„Ja“, antworteten Cilla und Rowdy von der hinteren Veranda.

Tim schaute sich einen lustigen Film im Fernsehen an. Auf keinen Fall durfte er merken, dass sie nur seinetwegen so oft Versteckspielen vorschlug. Vielleicht verringerte es seinen Drang wegzulaufen und sich zu verkriechen. „Wenn du hier sitzen ...

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