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Julia Extra, Band 294

ABBY GREEN

Ein unmoralisches Angebot?

Seit Romain de Valois das bildschöne Supermodel Audrey getroffen hat, ist er verrückt nach ihr – gegen seinen Willen! Wird eine einzige heiße Liebesnacht sein verzehrendes Verlangen für immer stillen?

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Abby Green

Ein unmoralisches Angebot?

1. KAPITEL

Erleichtert registrierte Romain de Valois, dass die Türen zum Ballsaal geschlossen waren und so als eine Art Schutzmauer zwischen ihm und der Welt dort drinnen fungierten.

Erleichtert? Schutzmauer?

Eine lächerliche und für ihn absolut untypische Empfindung! Irritiert schüttelte er den Kopf. Doch während Romain seine Schritte beschleunigte, als wolle er dem verstörenden Eindruck entfliehen, überfiel ihn ein noch viel seltsamerer Gedanke. Wie wäre es wohl, in diesem Moment jemanden an seiner Seite zu haben …?

Eine Frau … deren schmale Hand er umfasst hielt … die genau wusste, was in ihm vorging und in stummem Einverständnis zu ihm aufschaute. Vielleicht lächelte sie sogar und drückte ganz sacht seine Finger …

Direkt vor dem Ballsaal verharrte er kurz und schloss die Augen. Die gedämpften Töne des Orchesters, das Gemurmel und Gelächter der zahlreichen Gästen auf der anderen Seite der Doppelflügeltür legte sich wie ein schwerer Stein auf seine Brust.

Was, um alles in der Welt, war nur mit ihm los? Sein gewohntes Umfeld erschien ihm plötzlich wie ein Paralleluniversum. Dazu verlor er sich wie ein schwärmerischer Teenager in Tagträumen über eine Frau … obwohl er in dieser Richtung nie das Geringste vermisst hatte! Geschweige denn eine feste Partnerin!

Und selbst wenn dem so wäre, war hier ohnehin der völlig falsche Platz dafür. Er sollte sich lieber an einem Ort umschauen, wie in der kleinen französischen Stadt, in der er geboren worden war und die er vor sehr langer Zeit hinter sich gelassen hatte. Und zwar physisch, mental und emotional …

Energisch legte Romain seine Hand auf die Klinke, um den beunruhigenden Gedanken zu entfliehen und wieder in die reale Welt einzutauchen.

Noch während er die Tür öffnete, spürte er, wie ihm ein Schwall unverständlicher Worte entgegenschlug, unangenehme Hitze und ein nahezu erstickender Mix aus teurem Parfum und Aftershave drohten ihm fast den Atem zu nehmen. Er musste sich beherrschen, nicht auf der Stelle umzudrehen und zu verschwinden. Stattdessen hob er das markante Kinn und bahnte sich einen Weg durch die Massen, ohne auf das vernehmbare Raunen und die neugierigen Blicke zu reagieren, die ihm folgten.

Um seinen gut geschnittenen Mund lag ein noch zynischerer Zug als zuvor. Er nahm die Ballgäste nur aus dem Augenwinkel wahr und hielt stattdessen nach seiner Tante Ausschau.

Doch auch ohne genau hinzusehen wusste er, dass jedes der exquisiten Abendkleider und jeder elegante Smoking, die hier auf dem Parkett der Eitelkeiten zur Schau getragen wurden, aus einer seiner Kollektionen stammte. Ebenso wie die lächerlich überteuerte Kosmetik, die für den makellosen Teint der anwesenden Damen verantwortlich war, oder die funkelnden Juwelen an Hals und Ohren.

Sie wussten es, und er wusste es.

Seit er erkannt wurde, teilte sich die Menge vor Romain wie von Zauberhand, doch zum ersten Mal im Leben verspürte er darüber nicht die geringste Genugtuung, sondern eher einen Anflug von Widerwillen.

Er war noch relativ jung … reicher als jeder andere hier im Saal und konnte ohne falsche Bescheidenheit von sich behaupten, ausgesprochen attraktiv zu sein.

Und, das Wichtigste überhaupt … er war Single!

In New York war er deshalb genauso begehrt wie ein millionenschwerer Hauptgewinn. Deshalb machte Romain sich auch keine Illusionen darüber, was Frauen, wie diese, die gerade den Ballsaal bevölkerten, von ihm erhofften.

Bis vor Kurzem ein reizvolles Jagdgebiet, ließ ihn die heutige Parade der glamourösen und leicht zu habenden Schönheiten nicht nur kalt, sondern stieß ihn regelrecht ab.

Deshalb war die Erleichterung umso größer, als er endlich seine Tante erspähte. Ihr Anblick brachte ihm den Grund seiner Anwesenheit ins Gedächtnis zurück.

Er war einzig und allein hier, um eines der Profimodels zu begutachten, das nach Maud Harridays Meinung perfekt in eine der gigantischsten und lukrativsten Kampagnen passen sollte, die Romain je geplant hatte.

Da seine Tante, Inhaberin einer der wichtigsten Modelagenturen New Yorks, Audrey Murphy selbst unter Vertrag hatte, würde sie als integre Geschäftsfrau nie auf die Idee kommen, Druck auf ihn auszuüben. Doch aufgrund Mauds unschätzbarer Erfahrung im Model-Business wäre es sträflich fahrlässig, sich nicht zumindest eine eigene Meinung zu bilden, ehe er ablehnte.

Denn sein Urteil stand bereits fest. Egal, wie atemberaubend Audrey auch sein mochte, ihr Handicap bestand in einer mehr als zweifelhaften Vergangenheit, und damit war sie für ihn tabu. Aber Romain kannte und akzeptierte die Spielregeln und hatte sich deshalb persönlich auf den Weg gemacht, um seiner Tante, die er sehr schätzte, das ultimative Nein zu versüßen …

„Nein … Audrey“, korrigierte das Supermodel mit erzwungener Geduld. „Ich heiße Audrey, nicht Lindsay …“

„Das ist ja fast so niedlich wie du selbst, Honey …und woher stammt dieser hübsche Name?“ Aus tief liegenden Augen tastete der untersetzte Mann wieselflink ihren gertenschlanken, aufregenden Körper ab, was Audrey dazu veranlasste, ihre Hand ruckartig aus seinem heißen, schwitzigen Griff zu befreien.

Woher sie oder ihr Name stammten, interessierte diesen unangenehmen Typen ebenso wenig wie das Wetter von vorgestern, dessen war Audrey sich ganz sicher.

„Er kommt aus dem Keltischen und bedeutet: stark und machtvoll. Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, aber jetzt muss ich wirklich …“

„Audrey!“

„Kate!“ Audrey umklammerte erleichtert den Arm ihrer Freundin und nutzte die Gelegenheit, sich mit einem höflichen Lächeln von dem aufdringlichen texanischen Ölbaron zu verabschieden. „Sie entschuldigen uns bitte …“

„Was war das denn für ein Widerling?“, fragte Kate, sobald sie außer Hörweite waren.

Audreys einzige Antwort bestand in einem sichtbaren Schaudern. „Vergiss ihn! Ich bin so froh, dass du da bist! Dieser Abend ist eine einzige Tortur! Was denkst du, können wir nicht unauffällig von hier verschwinden?“

Kate verzog das Gesicht. „Ich befürchte, die Chance haben wir eben verpasst. Maud lässt uns nicht aus ihren Adleraugen und hat drakonische Maßnahmen angedroht, sollten wir versuchen, die Party vorzeitig zu verlassen …“

Audrey stöhnte auf. Im gleichen Moment fiel ihr Blick auf die Frau, von der sie gerade gesprochen hatten – Maud Harriday, Altmeisterin in der Modeindustrie und Kopf von Models Incorporation, der Agentur in New York, bei der sie und Kate unter Vertrag standen: ihre Chefin und – in guten Zeiten – sogar so etwas wie ihre Ersatzmutter …

Bis Mauds scharfer Blick von jemand anderem abgelenkt wurde, bemühte sie sich, besonders amüsiert zu wirken, obwohl ihr eigentlich ganz anders zumute war. Kate und sie hatten seit dem Morgengrauen hart gearbeitet, allerdings auf unterschiedlichen Modenschauen. Doch Erschöpfung zu zeigen war jetzt nicht angesagt.

Kate schnappte sich zwei Champagnergläser vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners und reichte eines davon ihrer Freundin. Die hielt normalerweise nicht viel von Alkohol, nahm es aber brav entgegen.

Maud bestand darauf, dass ihre Models den Eindruck erweckten, als seien sie rund um die Uhr gut drauf. Besonders, wenn sie sich mitten im Chaos der New Yorker Fashion-Week, in einem der angesagtesten Hotels der Stadt, unter die wichtigsten Leute aus den Bereichen Mode, Medien und Politik mischten.

Also lächelte Audrey, diesmal sogar echt, und stieß mit Kate an. „Danke, ich fühle mich immer wie eine Zuchtstute auf derartigen Events … du nicht?“

Kate schaute interessiert um sich. „Ach, ich weiß nicht, Audrey …“ Sie imitierte Mauds breiten New Yorker Akzent, während sie eine Kostprobe ihres zuvor stattgefundenen Gesprächs mit der Modelchefin zum Besten gab. „Dies ist immerhin die Gelegenheit des Jahres, wo wir die jungen Gesichter unter die alten mischen können. Und in unserer Branche gehört man mit fünfundzwanzig nun mal zum alten Eisen … Hier werden die Geschäfte auf dem Modesektor gemacht. Hier sind die Leute, die bereit sind, in dich zu investieren und deine Rechnungen zu bezahlen. Also, geh da raus, und sehe einfach umwerfend aus!“

Audrey legte den Kopf in den Nacken und lachte aus vollem Herzen. „Sie würde dich umbringen, könnte sie dich hören!“

Der Kontrast zwischen ihrer dunklen und Kates blonder Schönheit zog viele Blicke der Anwesenden auf sich. Ihre Freundschaft war sehr eng und hatte vor langer Zeit in einer Grundschule in Irland begonnen, die sie beide besuchten.

„Eine Menge heißer Typen hier, findest du nicht?“ Kates animierte Stimme holte Audrey in die Gegenwart zurück. Um ihren Mund lag plötzlich ein herber Zug, als sie sich an die hitzige Diskussion erinnerte, die sie noch vor wenigen Tagen geführt hatten.

„Fang nicht schon wieder davon an … bitte!“ Kate war ihre beste Freundin, hatte ihre dunkelsten Zeiten miterlebt und kannte sie besser als jeder andere. Und obwohl Audrey sicher war, Kate würde ihr Wissen nie gegen sie verwenden, fühlte sie wieder die alten Zweifel und kämpfte gegen das vertraute Schuldgefühl an.

„Okay, lassen wir’s für den Moment gut sein“, beruhigte Kate sie in ihrer flapsigen Art. „Aber du bist eine der schönsten Frauen des Universums … äußerlich und innerlich!“, betonte sie. „Deshalb …“

„Danke Katie“, unterbrach Audrey sie hastig. „Bitte …!“

„Schon gut!“

Es war nicht schwer, sie aus der Menge herauszufiltern. Dafür hätte es nicht einmal des Fotos bedurft, das er in der Tasche trug. Audrey Murphy stach auch so aus der Masse der anderen Gäste heraus … eine atemberaubende Schönheit mit einer hellen, fast durchscheinenden Haut, die wie erlesenes Porzellan im Vergleich zur künstlichen Vollkommenheit des trickreich geschminkten Teints ihrer Gesprächspartnerin wirkte.

Unauffällig beobachtete Romain seine Jagdbeute. Er vernahm ihr Lachen, bevor er sie erspähte, und war erstaunt, ausgerechnet von ihr einen derart melodischen, anrührenden Laut zu hören. Noch jetzt lag ein strahlendes Lächeln auf ihrem schmalen Gesicht, während sie mit ihrer Bekannten plauderte.

Nur ungern gab er zu, dass sich diese beiden Models von ihren Kolleginnen unterschieden, die unter den aufmerksamen und teils begehrlichen Blicken der männlichen Gäste durch den Ballsaal flanierten. Sie wirkten wie … zwei Kinder, die sich in eine Ecke verdrückt hatten und einen geheimen Spaß miteinander teilten.

Bizarrerweise, da er sich derart menschlichen Schwächen nie hingeben würde, verspürte er plötzlich so etwas wie Neid und den Wunsch, in ihrem Bunde der Dritte zu sein …

Rasch lenkte Romain seine Aufmerksamkeit zurück aufs Wesentliche.

Nicht nur durch ihren makellosen Teint unterschied sich Audrey Murphy von den anderen Models. Mit ihrem nachtschwarzen welligen Haar, das ihr weit über die Schultern herabfiel, und dem trägerlosen Abendkleid mit der hoch angesetzten Taille, das ihre milchweißen, für ein Model ungewöhnlich üppigen Brüste perfekt zur Geltung brachte, war sie der verkörperte Traum eines jeden Mannes.

Die Grazie, mit der sie sich bewegte und posierte, verriet jahrelanges Training und wirkte dennoch so natürlich und anziehend, dass man den Blick nicht abzuwenden wagte, aus Angst, etwas Unwiederbringliches zu verlieren …

Die nagende Unzufriedenheit, die ihm bereits den ganzen Abend zu schaffen machte, vertiefte sich noch. Nicht gewohnt, sich von emotionalen Regungen irritieren zu lassen, verdrängte Romain sie energisch in den Hintergrund.

Trotzdem war sein Interesse an dem ungewöhnlichen Model stärker, als er es erwartet hatte. Vielleicht lag es ja auch daran, dass Audrey, anders als ihre Konkurrentinnen, absolut keine Anstrengung unternahm, seine Aufmerksamkeit zu wecken.

Romain hatte längst für sich entschieden, dass er sie für seine Kampagne nicht gebrauchen konnte. Dummerweise wäre sie perfekt in dieser Rolle, wenn … ja, wenn man von ihrer unrühmlichen Vergangenheit absehen könnte; aber das erschien ihm unmöglich, angesichts …

Plötzlich verspürte er einen überwältigenden Impuls, Audrey Murphy aus der Nähe zu betrachten. Ehe er noch einen Schritt in ihre Richtung tun konnte, wuchs sich dieser Impuls zu einem brennenden Begehren aus, das ihn schockierte und ihm förmlich den Atem nahm.

Unter Mauds forschend amüsiertem Blick gefror sein Gesicht zur harten Maske, doch Romain wusste instinktiv, dass er seiner Tante nichts vormachen konnte. Zum Glück war sie eine ebenso kluge, lebenserfahrene wie diskrete Person, die von ihm keine Erklärung erwartete. Spontan beugte er sich hinab und küsste sie auf beide Wangen.

„Wenn ich noch über die beneidenswerte Fähigkeit des Errötens verfügte, mein lieber Neffe, würde ich jetzt wie die sprichwörtliche Tomate leuchten“, erklärte sie trocken.

Romain schmunzelte. „Wie eine ganz bezaubernde Tomate …“

Spielerisch schlug sie mit dem Fächer, ihrem exzentrischen Markenzeichen, gegen seine Wange und lächelte geschmeichelt.

„Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie dein wertes Befinden ist, ma chère tante.“

„Bestens, merci. Wir sind natürlich alle ungeheuer geschmeichelt ob deiner Anwesenheit. Ich bin so froh, wenigstens einmal, wenn auch nur in beruflicher Hinsicht, dein Interesse geweckt zu haben, sonst würde ich meinen Lieblingsneffen wohl nie mehr zu Gesicht bekommen! Oder liegt es doch eher an dem grandiosen Aufgebot bezaubernder Schönheiten, die diesen Saal zum Strahlen bringen?“

„Was bist du doch für eine kapriziöse und raffinierte Person“, neckte Romain gutmütig. „Fütterst mich mit Schmeicheleien, nur um gleich darauf deine wahre Meinung über mich kundzutun!“

„Frechdachs!“, schalt sie strahlend. „Aber was erwartest du von mir, angesichts der Fotostrecken in sämtlichen internationalen Hochglanzmagazinen, die dich stets in Begleitung einer anderen umwerfenden Beauty zeigen? Ich könnte schwören, allein im letzten Jahr jedes europäische Topmodel an deinem Arm gesehen zu haben. Bist du vielleicht deshalb nach Übersee gekommen, um neue Quellen aufzutun?“

Normalerweise wäre Romain bereitwillig auf den ironisch-heiteren verbalen Schlagabtausch eingegangen, aber heute verspürte er nicht die geringste Lust dazu. Stattdessen schaute er sich abwesend im Saal um, bis sein Blick erneut von Audrey Murphy gefangen genommen wurde.

Wenn seine Tante wüsste, wie lange es tatsächlich her war, dass es eine Geliebte an seiner Seite gegeben hatte! Er mochte es sich ja nicht einmal selbst eingestehen, dass es auch in dieser Hinsicht in seinem Leben kriselte.

„Du, meine liebe Maud, solltest von allen Menschen am besten wissen, dass man nicht alles glauben darf, was man in der Presse liest“, sagte er leichthin, ohne Audrey aus den Augen zu lassen.

Maud schnaubte verächtlich. „Ich weiß wirklich nicht, was du mit deinem Riesenvermögen anfangen willst, wenn dir nicht einmal dafür Zeit bleibt. Immer nur Schaffen und Raffen …“

„Maud …“, warnte er leise, aber in einem Ton, der sie aufblicken und stutzen ließ.

„Ah, ja … und, was hältst du von ihr?“, fragte sie, seinem Blick folgend.

Romain zuckte lässig mit den Schultern. „Ich bin mir noch nicht sicher …“ Manchmal war seine Tante schlauer, als ihm recht war. Und leider kannte sie ihn viel zu gut.

„Die Blonde an ihrer Seite ist übrigens Kate Lancaster, eine alte Schulfreundin“, verriet Maud ihm im Plauderton. „Sie gehört ebenfalls in die Riege der hochbezahltesten Supermodels in den USA … Originalimport aus Dublin, via London.“

Romain bemühte sich, seine ausdruckslose Miene beizubehalten. Dabei kamen ihm die langen Jahre Übung zugute. Niemandem seine wahren Gefühle zu zeigen war ihm längst zur zweiten Natur geworden.

Während er Audreys blonde Freundin begutachtete – die zugegebenermaßen eine spektakuläre, nordisch anmutende Schönheit war –, zeugte sein Blick von gemäßigter Langeweile.

Und …? Nichts. Keine Reaktion.

Erneut musste Romain sich daran erinnern, dass es am heutigen Abend nicht um persönliche Belange ging. Trotzdem war ihm der erste Eindruck von Audrey Murphy durch Mark und Bein gegangen. Er ließ seinen Blick träge zu ihr weiterwandern, und da war es wieder … dieses Gefühl …

Ungeachtet seiner Bemühungen, den Coolen zu mimen, verlangte Maud endlich Aufklärung. „Und … wird sie den Bildern gerecht, die ich dir zugesandt habe?“

„Natürlich. Das erwarte ich auch von einem Model, das sich deiner Gunst erfreut.“

Maud lachte rau.

„Trotzdem bleibt die Frage bestehen … wird sie auch mental den Anforderungen einer derart aufwendigen und exklusiven Kampagne standhalten? Und hat sie die … wilden Zeiten von damals tatsächlich ganz hinter sich gelassen?“

„Romain, das ist ungerecht! Nicht jeder ist wie deine …“

Maud!“ Diesmal war die Warnung ganz klar und unverhohlen.

Seine Tante schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf, ehe sie etwas bedachter weitersprach. „Ich habe jedenfalls nie den geringsten Ärger mit ihr gehabt. Sie ist höflich, pünktlich und äußerst professionell. Die Fotografen und Stylisten beten sie förmlich an, weil sie ihnen den Job so leicht macht.“

„Du hast wohl völlig vergessen, was vor acht Jahren in London geschehen ist“, brachte Romain ihr mit harter Stimme in Erinnerung. „Da waren sämtliche Zeitungen voll von Audrey Quinn, dem Enfant Terrible der Modeszene. So lange ist das noch nicht her, und diese Kampagne …“

„Ich erinnere mich noch sehr gut daran“, unterbrach Maud ihren Neffen ungeduldig. „Und auch an deine unrühmliche und in meinen Augen völlig überzogene Reaktion auf die ganze traurige Geschichte! Du hast mit deiner Meinung wahrlich nicht hinter dem Berg gehalten, oder?“

Mit gerunzelter Stirn musterte sie die stoische Miene ihres Neffen, der sie plötzlich an den ernsthaften Jungen von früher erinnerte. Schon damals hatte seine trotzige Aufrichtigkeit und Kompromisslosigkeit ihr Herz berührt.

Maud seufzte. „Und wenn sie trotz allem ihren Weg im Modelbusiness so erfolgreich weitergeführt hat, verdient sie zumindest eine faire Chance. Ganz ohne Blessuren ist sie nämlich auch nicht davongekommen. Deshalb wandelte Audrey auch ihren Nachnamen von Quinn in Murphy um, weshalb du sie auch nicht gleich erkannt hast, als deine PA dir meine Empfehlung vorgelegt hat.“

Wieder überfiel ihn dieses seltsame Prickeln. Nein, er hatte sie nicht erkannt, aber irgendetwas an ihr hatte ihn seltsam berührt. Der Faszination ihres klaren Gesichtes und der sprechenden tiefblauen Augen konnte er sich einfach nicht entziehen.

„… das liegt alles hinter ihr“, drang Mauds Stimme wieder in sein Bewusstsein. „Ich habe immerhin auch einen Ruf zu verlieren, also kannst du mir wohl vertrauen. Hätte ich auch nur den geringsten Zweifel an ihr, würde sie nicht bei mir unter Vertrag stehen.“

Romain verbiss sich ein zynisches Grinsen. Nach seiner Erfahrung wechselte ein Leopard nicht so leicht seine Flecken. Und er war sich sogar ziemlich sicher, sollten die zweifelhaften Neigungen einiger Beauties aus Mauds Katalog bekannt werden, würden sie noch in der gleichen Sekunde von seiner Tante gefeuert. Doch eines der hervorragenden Talente von Frauen wie Audrey Murphy war es, ihre schmutzigen kleinen Geheimnisse auch als solche zu wahren. Da machte er sich keinerlei Illusionen …

Und eines stand für Romain de Valois ohnehin felsenfest: Niemals und unter keinen Umständen würde er ein Model beschäftigen, das mit Drogen zu tun hatte – weder beruflich noch privat. Allein der Gedanke daran rief düstere und quälende Erinnerungen in ihm wach, die ihm einen bitteren Geschmack im Mund verursachten.

„Ich kenne dich sehr gut, Romain“, fuhr seine Tante gelassen und zuversichtlich fort. „Wenn du tatsächlich ernsthafte Zweifel an Audrey Murphys Reputation hättest, wärst du heute nicht hier. Und versuche jetzt nicht, dich mit unstillbarer Sehnsucht nach deiner alten Tante herauszureden“, versuchte sie es – vergeblich – mit einem Scherz. „Die Verantwortlichen für die geplante Kampagne scheinen jedenfalls keine Probleme mit ihrer Vergangenheit zu haben.“

Damit hatte Maud zumindest ins Schwarze getroffen. Und wie!

Denn im Grunde genommen waren es besonders Audreys belastete Vergangenheit und die spektakuläre Auferstehung des Phönix aus der Asche, die sie in den Augen seiner Crew so perfekt erscheinen ließen. Auch wenn er davon keineswegs überzeugt war!

Dennoch … als er ihre Mappe vor sich liegen hatte, war ihm auf den meisten Bildern ein gewisser Ausdruck in ihrem eindeutig bezaubernden Gesicht aufgefallen, den er nicht gleich hatte deuten können. Wie hätte man ihn bezeichnen können?

Als verletzlich … unschuldig … rein?

Nein, das war dann doch wohl viel zu hoch gegriffen, angesichts ihres zweifelhaften Lebensstils! Trotzdem – selbst wenn man ihr nur das unbezahlbare Talent zuschreiben musste, genau diese engelhaften Attribute vor der Kamera zu vermitteln … konnte er es sich tatsächlich leisten, auf so eine Meisterin ihres Faches zu verzichten?

Exakt in diesem Moment wandte Audrey Murphy den Kopf. Quer durch den Raum begegneten sich ihre Blicke, und die Welt schien plötzlich stillzustehen …

Audrey hatte das Gefühl, einen Schlag in den Magen bekommen zu haben. Und der einzige Gedanke, der ihr durch den Kopf schoss, war: Wie habe ich ihn bis jetzt übersehen können?

Irgendetwas an dem attraktiven Fremden, der direkt neben Maude stand, schien ihr vertraut, aber sie konnte es nicht sofort einordnen, denn seine stahlgrauen Augen hielten sie gefangen, und die Intensität seines Blickes machte sie ganz schwindelig.

Auf jeden Fall schien dieser aufregende Adonis ihr nicht besonders zugetan zu sein, stellte sie mit vagem Erstaunen fest. Aber warum? Er kannte sie doch gar nicht!

Audrey schauderte leicht, brachte es aber immer noch nicht fertig, sich aus dem seltsamen Bann zu lösen. Sie fühlte sich wie eine hilflose Beute in den Fängen eines gefährlichen Raubtiers.

Jetzt geht aber deine Fantasie mit dir durch!, rief sie sich selbst zur Ordnung.

Mit einiger Anstrengung ließ sie ihren Blick von den harten, klassischen Gesichtszügen zu den kräftigen Schultern wandern, die der exzellent geschnittene Abendanzug nicht zu verbergen vermochte. Der fremde Beau war überdurchschnittlich groß und hielt sich sehr gerade. Aber nicht nur deshalb ragte er lässig aus der Masse der anderen Männer heraus. Ihn umgab eine fast greifbare Aura von … Bedeutung, Macht … Unantastbarkeit?

Was für ein verrückter Gedanke!

Fast hätte Audrey aufgelacht. Alles um sie herum war vergessen. Kate, die anderen Gäste im Ballsaal, ihre Agentin …

Und dann, ganz plötzlich, in einem Moment seltsamer Klarheit, konnte sie in seinen ausdrucksvollen Augen lesen. Und was sie las, nahm ihr den Atem …

Vorverurteilung, Missachtung, Widerwillen, Abscheu.

Es war lange her, dass sie es in den Blicken der meisten Menschen sah, mit denen sie damals zu tun hatte …

Audrey spürte, wie ihre Knie zu zittern begannen und eine nicht zu unterdrückende Panik in ihr aufstieg. Mit einer gemurmelten Entschuldigung drückte sie Kate ihr Champagnerglas in die Hand und bahnte sich blindlings einen Weg durch die Menge, ohne überhaupt zu wissen, wovor sie davonlief.

„Was, um alles in der Welt, ist denn in dich gefahren?“, wollte Kate wissen, als sie ihre Freundin endlich im Schminkraum der Damentoilette aufgespürt hatte. „In einer Sekunde warst du noch da, in der nächsten bereits verschwunden …“

Audrey nahm ihr das Champagnerglas wieder ab und leerte es in einem Zug. Die letzten fünf Minuten hatte sie vorm Spiegel an einem der Waschbecken verbracht und die brennenden Wangen mit einem feuchten Tuch gekühlt. Sie war immer noch geschockt von ihrer heftigen Reaktion auf den Blick eines völlig Fremden, der sie schlagartig in eine Vergangenheit zurückversetzt hatte, an die sie sich nie wieder erinnern wollte.

Worüber hatten er und Maude sich wohl unterhalten? Doch nicht über sie? Audrey schüttelte abwehrend den Kopf. Sie hasste das Gefühl der Unsicherheit, das dieser bedrohliche Kerl ihr vermittelt hatte!

„Was ist mit dir los, Audrey?“

„Nichts, Katie … alles bestens“, murmelte sie undeutlich und zog ihre Freundin mit sich, zurück in den Ballsaal. „Vergiss nicht, wir haben noch keinen Feierabend!“

„Aber Audrey, ich kenne dich genau, und …“ Katie brach ab und starrte auf einen Punkt hinter Audreys linker Schulter. „Schau dich jetzt bloß nicht um! Da hinten, neben Maud, steht der schärfste Typ, den ich je zu Gesicht bekommen habe und … Oh, mein Gott! Ich erkenne ihn erst jetzt! Er ist es tatsächlich …!“

„Wer, Katie? Wen erkennst du?“, fragte Audrey und drückte die Finger ihrer Freundin so fest, dass diese aufschrie.

Als Katie den Namen sagte, hatte Audrey das Gefühl, der Erdboden müsse sich vor ihr auftun und sie verschlingen …

„Er ist es wirklich … Romain de Valois! Mauds Neffe! Jetzt ergab das alles auch Sinn! Die Mädchen haben sich nämlich den ganzen Tag schon das Maul über ihn zerrissen. Es heißt, er sucht ein Model für die Kampagne des Jahrhunderts!“

„Romain de Valois …?“, echote Audrey tonlos und wurde leichenblass.

„Du musst doch schon von ihm gehört haben! Oh, Audrey, schau doch nur, wie …“

Katie!“ Ihre Stimme war so eindringlich, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Freundin erregte. „Erinnerst du dich denn nicht daran, wer er ist?“

Bestürzt musterte Katie Audreys schneeweißes Gesicht und schüttelte den Kopf. Doch es war ihr bitteres Lachen, das sie noch viel mehr erschreckte.

„Bitte, jetzt sag nicht, du hast diesen grauenvollen Artikel in der Zeitung vergessen! Dieses widerliche Geschmiere, das noch viel herzloser und vernichtender war als alle anderen Tiefschläge zusammengenommen. Damit hat er jedes Journal, jeden Fotografen und jede Agentur in London dazu gebracht, mir den Rücken zu kehren!“, erinnerte Audrey sie mit brüchiger Stimme.

Mit jedem anklagenden Wort waren Katies Augen größer geworden. „Oh Gott, Audrey!“, rief sie betroffen aus. „Das war er, nicht wahr? Wie konnte ich das nur vergessen?“

Audrey nickte dumpf. Schon vor acht Jahren war es für Romain de Valois ein Leichtes gewesen, ihre mühsam aufgebaute Karriere mit einem Handstreich zu vernichten. In einem verheerenden Zeitungsinterview hatte er den Missbrauch von Drogen innerhalb der Modelszene beklagt und sie namentlich als symptomatisches Beispiel an den Pranger gestellt. Damit stempelte er sie zum schwarzen Schaf unter den europäischen Mannequins ab und zwang sie quasi, ihre Heimat zu verlassen.

Dass sie in ihrer jugendlichen Naivität einzig und allein den Fehler begangen hatte, falschen Freunden zu vertrauen, den Gebrauch von Drogen aber immer standhaft geleugnet hatte, interessierte damals niemanden. Jeder in der Branche war überaus bemüht, es sich mit Romain de Valois, dem Big Boss der Modeszene, nicht zu verderben.

So dauerte es keine vier Wochen, bis ihr Gesicht durch ein neues, frisches ersetzt worden war. Ein weiteres dummes Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank …

Natürlich war ihr sein Name in den folgenden Jahren wieder und immer wieder begegnet. Romain de Valois! Der Global Player, was Fashion & Lifestyle rund um den Globus betraf! Wo es nur ging, mied Audrey derartige Situationen, im Bemühen, die schwärzeste Zeit ihres Lebens endlich hinter sich zu lassen.

Gerettet hatte sie damals ihr Instinkt, zurück nach Irland zu gehen, wo ihre Wurzeln lagen, und trotzig noch einmal ganz von vorn zu beginnen. Schritt für Schritt, mit grimmiger Entschlossenheit, eroberte sie sich ihr Selbstbewusstsein zurück, nahm den Mädchennamen ihrer Großmutter an und startete, ungeachtet einiger zynischen Kommentare, ihre zweite, durchaus erfolgreiche Modelkarriere.

Inzwischen war es Audrey fast schon zur Manie geworden, Romain de Valois’ Existenz zu ignorieren – obwohl er Mauds Neffe war. Und da er die Fäden zumeist von europäischem Boden aus zog, hatten sich ihre Wege nie wieder gekreuzt. Bis jetzt …

„Tut mir so leid, Audrey“, murmelte Katie reuig. „Wie konnte ich nur vergessen …“

„Sei nicht albern“, beruhigte Audrey sie und ließ ein Lachen hören, das sogar in ihren eigenen Ohren ziemlich aufgesetzt und hysterisch klang. „Ich bin ja ebenso wenig darauf gekommen, dass ausgerechnet er der Neffe sein könnte, den Maud uns so geheimnisvoll angekündigt hat. Immerhin war sie dreimal verheiratet und verfügt laut eigener Aussage über Hunderte von ihnen. Außerdem wird Romain de Valois sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern …“

Kate lächelte schwach, doch Audrey blieb der verstohlen bewundernde Blick nicht verborgen, den ihre Freundin dem Objekt ihrer Begierde zuwarf. Doch gleich darauf schaute sie wieder Audrey an. „Hör zu, Honey, es ist ja nicht so, dass wir gezwungen wären, mit ihm zu reden oder …“

Audrey hörte gar nicht mehr zu, so inständig musste sie gegen den Impuls ankämpfen, sich umzudrehen. Es war zwecklos. Wie von Fäden gezogen wandte sie den Kopf und sah sich erneut Auge in Auge dem Mann gegenüber, der ihr Leben vor acht Jahren mit wenigen unbedachten Worten zerstört hatte.

Kein Zweifel, Romain de Valois starrte sie auf eine nahezu unverschämte Weise an, und Audrey hob mokant eine geschwungene Braue, ehe sie sich wieder ihrer Freundin zuwandte. Der waren die Blicke zwischen den beiden nicht entgangen.

„Du hattest ihn schon vorher bemerkt, nicht wahr?“, fragte Kate. „Doch du hast ihn nicht gleich wiedererkannt. Und als es so weit war, bist du weggerannt …“

Kates plötzliche Hellsichtigkeit irritierte und reizte Audrey. „Katie, hör auf damit! Dieser hohlköpfige, von sich selbst überzeugte Macho hat bereits ein Mal mein Leben zerstört! Aber er ist nichts weiter als ein aufgeblasener, wichtigtuerischer Playboy, der seinen Schreibtisch nur zu gern gegen den Steuerstand einer seiner Luxusjachten eintauscht, die mit ebenso ehrgeizigen wie hohlköpfigen Models überladen sind, deren Namen er nicht einmal kennt! Er kann nur froh sein, dass er mir in den letzten Jahren nicht über den Weg gelaufen ist, und ich muss mich ernsthaft am Riemen reißen, nicht einfach zu ihm hinüberzugehen und ihm meine Meinung …“

Angesichts Kates entsetzter Miene hielt Audrey inne und drehte sich vorsichtig um.

Romain de Valois stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihr.

„Warum aufhören, wenn man gerade so schön in Fahrt ist?“, fragte er zynisch.

2. KAPITEL

Die unterdrückte Wut in seiner Stimme war nicht zu überhören. Doch gleichzeitig verspürte Romain das unsinnige Gefühl, sich verteidigen zu wollen.

Gütiger Himmel! Hatte er etwa den Verstand verloren? Was wollte er überhaupt von Audrey Murphy, ehe er sich darüber im Klaren war, ob sie sich als Zugpferd für seine Kampagne eignete oder nicht?

Jetzt stand er hinter ihr, betrachtete ihre bloßen Schultern und versagte es sich, die blassen Sommersprossen auf der milchweißen Haut zu zählen, die wirkte, als sei sie nie dem kleinsten Sonnenstrahl ausgesetzt gewesen.

Eine echte Keltin.

Der überraschende Gedanke ließ sie in seinen Augen plötzlich noch viel spezieller und begehrenswerter erscheinen. Und als Audrey sich umwandte, traf ihn der klare Blick aus den mandelförmigen tiefblauen Augen wie ein Blitz.

Romain schluckte trocken und wünschte sich, sie würde nicht so grimmig dreinschauen, sondern lachen. Dann könnte er den vollen Mund, den er nicht anders als dekadent zu beschreiben vermochte, noch einmal in seiner fast wollüstigen Pracht bewundern.

Ihr Atem ging sehr schnell, die großen Augen glänzten unnatürlich, die Pupillen waren geweitet, und die Wangen erglühten unter seinem intensiven Blick …

In Romains Brust bildete sich ein harter Knoten. Er hatte recht behalten. war sie nicht erst vor wenigen Minuten in Richtung der Waschräume davongeeilt?

Was sie und zahlreiche ihrer Kolleginnen dort konsumierten, um den Abend in strahlender Schönheit und animierter Stimmung zu überleben, wusste Romain nur zu genau. Automatisch suchte er Haut und Kleid nach verdächtigen weißen Pulverspuren ab. Sie hatte sich also nicht geändert!

Er wollte sich abwenden und gehen. Wollte vergessen, dass er sie jemals gesehen hatte … und gleichzeitig brachte der Gedanke ihn fast um, nie wieder in dieses bezaubernde Gesicht schauen zu können oder in den Tiefen ihrer meerblauen Augen zu versinken …

Dafür hasste er sich. Und sie, weil sie ihn so unwiderstehlich anzog. Natürlich war das irrational, und trotzdem schien es für ihn kein Entkommen zu geben.

„Ja …?“, brachte Audrey mit äußerster Anstrengung hervor und heftete ihren Blick fest auf Romains attraktives Gesicht.

Tall, dark and handsome, schoss es ihr durch den Kopf. Dieser Mann war wirklich ein wandelndes Klischee. Und doch wurde die banale Beschreibung dem Glanz seines rabenschwarzen Haares und dem herausfordernden Funkeln in den schönen silbergrauen Augen nicht gerecht. Dem dunklen Teint nach hätte Audrey ihn im fernen Osten angesiedelt, wäre ihr nicht bekannt gewesen, dass er Franzose war.

Der teure Designeranzug vermochte die ungeheure sexuelle Ausstrahlung dieses männlichen Prachtexemplares nicht zu verbergen. Ganz im Gegenteil. Audrey war in ihrem Job als Model mit genügend männlichen Kollegen in Berührung gekommen, um einen perfekten Mann zu erkennen, wenn sie ihn vor sich sah.

Und Romain de Valois war perfekt! Zumindest was sein Äußeres betraf …

Er verströmte eine unruhige, kaum gezügelte Energie, auf die ihr eigener Körper direkt reagierte. Als leidenschaftliche Sportlerin wusste sie instinktiv, dass dieser Mann sich immer und unter allen Umständen Höchstleistungen abfordern würde.

Doch sie selbst fühlte sich unter seinem harten Blick wie gelähmt. Was war nur mit ihr? Sie war doch sonst nicht so leicht zu beeindrucken.

Erst jetzt registrierte Audrey, dass Kate sich heimlich zurückgezogen hatte, und fühlte langsam Empörung in sich aufsteigen, weil dieser unverschämte Kerl sie immer noch anstarrte, als wolle er sie voller Wut durchschütteln.

Was dachte er sich eigentlich dabei?

„Ja?“, wiederholte sie noch einmal, diesmal etwas forscher. „Kann ich Ihnen helfen?“ Ihre Stimme klang etwas rau, aber sehr melodiös.

Romain fühlte einen seltsamen Schauer über seinen Rücken rinnen und versuchte, sich zu konzentrieren. Sag Hallo, wechsle ein paar belanglose Worte, und dann verschwinde so schnell wie möglich von hier, trichterte er sich ein. Du bist heute Abend extra hierhergekommen, um mit ihr zu reden. Da können ein paar höfliche Floskeln kaum schaden.

Er streckte ihr die Hand entgegen. „Romain de Valois. Ich glaube nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind … trotz der überaus treffenden Charakterstudie …“

Audrey zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde. „Ebenso treffend wie jene, die Sie vor acht Jahren über mich abgegeben haben?“, fragte sie eisig.

Er ließ die Hand wieder sinken. „So … Sie erinnern sich also? Ich war mir nicht ganz sicher, ob es sich bei Ihnen einfach um Antipathie auf den ersten Blick handelt oder auf die Vergangenheit bezieht.“

„Natürlich erinnere ich mich, Monsieur de Valois“, erwiderte sie bitter. „Es geschieht schließlich nicht jeden Tag, dass ein siebzehnjähriger Teenager durch die Macht der Presse ruiniert wird. Und das allein auf Ihr Geheiß!“

„Vergessen Sie nicht zu erwähnen, dass Sie damals eine siebzehnjährige Drogenabhängige waren, die man fotografiert hat, als sie bewusstlos im Rinnstein lag!“, erinnerte er sie brutal.

Der Stich in ihrer Brust war so heftig, dass Audrey unwillkürlich um Atem rang. Angst, Panik, Scham und dieses schreckliche, erdrückende Schuldgefühl … alles holte sie in dieser Sekunde wieder ein. Mit ganzer Kraft versuchte sie, ihre Hände am Zittern zu hindern, als sie sich mit einer betont lässigen Geste das glänzende schwarze Haar aus dem Gesicht strich.

Sie war viel zu verletzt, um das überraschte Aufblitzen in Romains kühlen grauen Augen zu registrieren.

„Wenn Sie nur hierhergekommen sind, um sich als antiquierter Moralapostel aufzuspielen und meine Arme auf Einstiche zu untersuchen, dann entschuldigen Sie mich jetzt bitte …“ Damit wollte sie gehen, wurde aber von Romain zurückgehalten, der ihr Handgelenk mit festem Griff umschloss.

Seine schlanken Finger schienen ihre Haut zu versengen, und Audrey zuckte heftig zurück. Doch er ließ sie nicht los. Stattdessen drehte er bedächtig ihre Handinnenfläche nach oben und tastete mit den Augen die zarte weiße Haut bis zur Ellenbogenbeuge ab.

„Nein …“, stellte er gedehnt fest. „Keine Einstiche zu sehen. Aber Sie sind eine intelligente Frau, der man nicht so leicht auf die Schliche …“

„Das reicht!“ Mit einem Ruck entriss sie ihm ihren Arm. „Monsieur de Valois, ich würde gern sagen, es hätte mich gefreut, Sie persönlich kennenzulernen, doch leider bin ich unheilbar aufrichtig … Außerdem nehme ich allein auf Veranlassung Ihrer Tante an diesem Event teil und möchte keinen unnötigen Skandal provozieren. Doch sollten Sie noch einmal versuchen, mich aufzuhalten, dann schreie ich den ganzen Saal zusammen!“

„Kein Grund, gleich so dramatisch zu werden, Miss Murphy … oder sollte ich lieber sagen Quinn? Und wenn ich noch irgendetwas in dieser Richtung von Ihnen höre, werfe ich sie einfach über meine Schulter und trage sie aus dem Raum, wie ein trotziges Kind, als das Sie sich hier aufführen …“

Audrey war sprachlos. Und die bildhafte Vorstellung, über Romain de Valois’ breite Schulter geworfen zu werden, brachte sie völlig aus dem Konzept. „Für Sie … Murphy“, knirschte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und wenn Sie nur sehen wollten, was aus dem naiven, jungen Ding von damals geworden ist, das sie der Pressemeute zum Fraß vorgeworfen haben, dann kann ich mich wohl endlich zurückziehen …“

„Es hat sich zu einer bemerkenswert attraktiven Frau ausgewachsen“, stellte er mit einem kritischen Blick fest, der Audrey erröten ließ. „Gehen werden Sie erst, wenn ich es Ihnen gestatte, und was das naiv betrifft … kein Teenager, den ich kenne, treibt sich bis morgens um sechs auf der Straße herum und hält sich dabei mit Drogen und Alkohol wach …“, endete er mit einem bezeichnenden Blick auf das Champagnerglas in ihrer Hand.

Audrey bedauerte zutiefst, dass sie es bereits geleert hatte, sonst wäre das edle Getränk in dieser Sekunde mitten in Romains arrogantem Gesicht gelandet. Anders war diesem unverschämten Kerl offenbar nicht beizukommen. Vielleicht sollte sie ihre Taktik ändern.

„So gern ich noch bleiben würde, aber leider …“, gurrte sie mit rauer, sexy Stimme und verblüffte Romain damit tatsächlich. „Es war sehr … erfrischend, endlich den Mann kennenzulernen, der mich einst als das schleichende Gift für die Modeindustrie bezeichnet hat. Ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg bei Ihrem Kreuzzug gegen Ihre Mitmenschen, die nicht so perfekt wie Sie sind, Monsieur de Valois.“

Damit wandte Audrey sich um, stellte ihr Champagnerglas behutsam auf einem der Stehtische ab und ging kerzengerade davon. Romain blieb nicht verborgen, dass ihr die Blicke fast aller anwesenden Männer folgten, und verspürte ein seltsames Ziehen in der Brust. Noch nie hatte ihn eine Frau auf diese Art abserviert! Völlig irrational überfiel ihn plötzlich das Gefühl, dass er seinen Entschluss, Audrey Murphy nicht für seine Kampagne zu engagieren, vielleicht doch etwas zu voreilig getroffen hatte.

Darauf war Romain nicht gefasst gewesen. Auf dieses absolut fremde, neue Gefühl von nagender Unsicherheit. Und Frustration.

Seine Miene verhärtete sich. Ehrlich gesagt hatte er damit gerechnet, dass Audrey Murphy sich in eines dieser harten und abgebrühten Geschöpfe verwandeln würde, gegen die er längst immun war, sobald sie seine wahre Identität erkannte. Doch Feuer und Leidenschaft unter ihrer professionellen Fassade waren ebenso wenig zu verkennen gewesen wie die Verletzlichkeit in ihren schönen Augen.

Das hatte ihn regelrecht überrumpelt. Genauso wie die Tatsache, dass ihr sein Kommentar über sie – von vor acht Jahren – immer noch so gegenwärtig im Gedächtnis haftete.

„Meinetwegen kann er sich seinen Job …“

Audrey!“ Mauds rauchige Stimme traf sie wie ein Peitschenhieb und stoppte Audrey auf der Stelle. Bis dahin war sie nämlich wie eine gereizte Wildkatze im prunkvollen Büro ihrer Agenturchefin, hoch über New Yorks Straßen, auf- und abgetigert. Seit Maud ihr mitgeteilt hatte, Romain de Valois wolle sie für seine Kampagne verpflichten, war sie hypernervös und kämpfte gegen aufsteigende Panik an.

Jetzt ließ Audrey sich kraftlos in einen niedrigen Sessel fallen. „Entschuldige, Maud! Ich weiß, er ist dein Neffe …“

„Rein technisch gesehen ist er eigentlich mein Ex-Neffe … aber das tut hier nichts zur Sache. Vetternwirtschaft hat ihn auf keinen Fall in seine derzeitige Position gehievt, meine Liebe. Was der Junge erreicht hat, verdankt er allein seinem Genie und harter Arbeit …“ Mit jedem Wort war ihre Stimme weicher geworden. Die Zuneigung der älteren Dame zu ihrem Neffen war nicht zu verkennen, doch dann gab sie sich einen Ruck und musterte ihr Lieblingsmodel mit scharfem Blick.

„Fakt ist, dass du einen Auftrag wie diesen ganz sicher nur einmal in deiner Karrierelaufbahn angeboten bekommst. Zwei Wochen Luxusleben rund um den Globus! Weißt du, was andere Models bereit wären, dafür zu tun? Romain ist diese Kampagne so wichtig, dass er höchstpersönlich am Set sein wird, um die Aufnahmen zu überwachen. Er ist sogar bereit, in Irland zu starten, damit deine Urlaubspläne nicht ganz unter den Tisch fallen müssen … eine Bedingung, auf der ich bestanden habe!“, fügte sie nicht ohne Stolz hinzu.

Der Gedanke, auch nur einen Tag in Gesellschaft von Romain de Valois zu verbringen, der jede ihrer Aktionen kritisch begutachten würde, erschien Audrey schon als unzumutbar! Und dann ganze vierzehn Tage …?

Seit dem Ballabend vor einer Woche war es ihr nicht gelungen, sein dunkles, attraktives Gesicht und den beunruhigend kraftvollen Körper aus ihrer Erinnerung zu verbannen. Es war wie eine Heimsuchung – je mehr sie sich anstrengte, desto wilder trieb ihre Fantasie die erotischsten Blüten!

Und das, obwohl dieser Mann die Ursache für die schrecklichste Zeit in ihrem Leben war!

„Maud, kannst du wirklich nicht verstehen, wie schwierig und belastend diese Situation für mich wäre? Er ist nicht irgendjemand, sondern …“

„Ich bin sehr wohl darüber informiert, was damals in London geschehen ist“, unterbrach Romains Tante sie ruhig. „Aber eines musst du doch zugeben – unschuldig oder nicht: Wärst du nicht in dieser prekären Lage fotografiert worden, hätte Romain keinen Anlass gehabt, sich darüber in dem Interview zu äußern. Damals war er noch nicht so weit oben wie heute, sondern abhängig von der Zustimmung seines Direktoriums. Und das hatte gerade beschlossen, angesichts der aktuellen Drogenproblematik im Modelgewerbe einen besonders harten Kurs zu fahren.“

Audrey wurde plötzlich ganz elend. Wie durch einen Nebel hörte sie Maud reden, während sie das Gesicht des jungen Models vor sich sah, deren trauriges Ende die hitzige öffentliche Debatte vor acht Jahren ausgelöst hatte. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war sie nach einer Überdosis Heroin in ihrem Hotelzimmer tot aufgefunden worden. Nur wenige Wochen vor Audreys eigenem Missgeschick …

Wie immer in solchen Momenten hatte sie das Gefühl, vor Trauer, hilfloser Wut, Scham und Schuldgefühl ersticken zu müssen. Das war auch einer der Gründe, warum sie im letzten Jahr ihrem Herzen gefolgt war und versucht hatte, etwas ganz Konkretes gegen die schrecklichen Vorkommnisse in der Vergangenheit zu unternehmen.

Maud stand auf, kam hinter dem riesigen Schreibtisch hervor und nahm auf einer der Ecken Platz. Dann musterte sie Audrey aufmerksam durch ihre extravagante Brille, die sie auf der Nasenspitze balancierte. „Ich werde dir jetzt noch etwas sagen, was bisher niemand sonst weiß …“ Sie seufzte. „Vielleicht hilft dir das zu verstehen …“

Audrey schaute neugierig auf.

„Romains eigene Mutter war ein Drogenopfer. Sie starb an einer Überdosis. Wie du siehst, hat er einen ganz persönlichen Grund für seinen Hass auf Drogen.“

Gegen ihren Willen verspürte Audrey einen Anflug von Sympathie. Doch dann erinnerte sie sich wieder an die Kälte in seinen harten grauen Augen und wappnete sich. „Okay, was sein persönliches Schicksal angeht, hat er mein Mitgefühl, aber das entschuldigt absolut nicht sein Verhalten mir gegenüber. Als er mich letzte Woche ansprach, war er offenkundig immer noch davon überzeugt, dass ich Drogen nehme. Tut mir leid, Maud, aber ich habe mir bereits ein paar Monate Auszeit vom Modeljob genommen, wie du weißt. Und das aus einem ganz speziellen Grund …“

Beide Frauen fochten ein kurzes Blickduell aus, dann hob Maud die Schultern. „Ich halte dich trotzdem für verrückt, Audrey, und werde Romain selbstverständlich von deiner Entscheidung unterrichten. Aber ich warne dich: Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt er nicht so schnell auf. Seine Geschäftsführung ist fest entschlossen, dich für diese Kampagne an Bord zu holen.“

„Siehst du! Er wird gegen seinen Willen gezwungen, mich zu akzeptieren!“, trumpfte Audrey auf. „Warte es nur ab, wahrscheinlich wird er sogar erleichtert sein, wenn du ihm meine Absage mitteilst!“

Audrey schloss die Augen und umklammerte beide Armlehnen, während die Maschine sich übers Rollfeld bewegte. Sie hasste es zu fliegen … aber ganz besonders die Starts.

„Alles in Ordnung, meine Liebe?“

Sie öffnete die Augen und schaute direkt in das besorgte Gesicht der älteren Dame zu ihrer Rechten. Audrey versuchte zu lächeln, konnte aber die Schweißperlen auf ihrer Oberlippe und den Augenbrauen spüren.

„Alles bestens“, behauptete sie mit zittrigem Lächeln. „Ich mag nur das Starten nicht: Egal, wie oft ich es erlebe, es ist immer wieder dasselbe …“

„Ah, ja!“, machte ihre Sitznachbarin und tätschelte ihrer jungen Reisegefährtin freundlich die Hand. „Zum Glück ist es kein allzu langer Flug. Im Nu sind wir alle wieder zu Hause.“

Audreys Lächeln vertiefte sich, während sie sich abwandte und aus dem Fenster schaute.

Zu Hause … Irland!

Im letzten Jahr hatte sie ihre Heimat erstmals seit langer Zeit wieder besucht. Und das gleich mehrfach, immer in den Pausen zwischen zwei Jobs. Die Wohnung in New York gehörte Kate, und Audrey lebte dort nur zur Untermiete, doch das kleine gemütliche Apartment in Dublin war allein ihr Reich, bezahlt vom eigenen, hart verdienten Geld. Jedes Mal freute sie sich darauf, dort unterzuschlüpfen … so auch jetzt.

Zehn Tage waren seit jenem Gala-Abend vergangen, und Audrey hatte bis zur letzten Minute durcharbeiten müssen. Das war ihr ganz recht gewesen, weil sie gehofft hatte, es würde sie von den verstörenden Gedanken an Romain de Valois abhalten. Aber es hatte nicht funktioniert. Selbst jetzt stand sein markantes Gesicht vor ihrem inneren Auge, und die Erinnerung an seine dunkle Stimme ließ ihr Herz schneller schlagen.

Dass jemand, der selbstherrlich und vorsätzlich ihr Leben zerstört hatte, eine derartige Wirkung auf sie ausübte, ärgerte Audrey wahnsinnig.

Himmel noch mal! Sie hatte ihm eine Abfuhr erteilt! Damit konnte sie Romain de Valois endgültig aus ihrem Bewusstsein verdrängen!

Audrey schloss erneut die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Doch es wollte ihr einfach nicht gelingen.

Seit sie vor drei Tagen Mauds Büro verlassen hatte, erwartete sie insgeheim, dass ihr Peiniger irgendwo und irgendwann unversehens auftauchte, um sie erneut zu bedrängen. Doch als nichts passierte, wurde sie nicht etwa ruhiger, sondern immer nervöser. Jedes Mal, wenn das Telefon läutete, begann ihr Herz panisch zu schlagen … aber warum empfand sie immer wieder diesen feinen Stich der Enttäuschung, wenn dann nur Kate oder ihr Bruder sich am anderen Ende meldeten …?

„Und, meine Liebe, haben Sie Ferien in Amerika gemacht?“

Audrey fuhr wie ertappt zusammen. „Nein, leider nicht. Ich arbeite dort und …“

Regelrecht erleichtert stürzte sie sich in eine belanglose Konversation mit der netten alten Dame an ihrer Seite. Alles besser, als sich noch länger gefährlichen Gedanken über einen Mann hinzugeben, den sie vermutlich nie wiedersehen würde …

Kaum hatte sie das Apartment betreten, läutete ihr Handy. Rasch stellte Audrey den schweren Koffer zur Seite und fischte ihr Mobiltelefon aus der Handtasche. Auf dem Display war keine Nummer zu sehen, aber wer anders als Katie, ihre Mutter oder ihr überbesorgter Bruder sollte sie anrufen, um zu überprüfen, ob sie auch heil in Dublin angekommen war.

„Okay, wer immer am anderen Ende ist …“, plapperte Audrey gleich drauflos. „Ich bin gerade eben angekommen, das Flugzeug ist nicht abgestürzt, obwohl ich anfangs …“

„Hallo, Audrey.“

Fast wäre ihr das Handy entglitten. Diese Stimme … seine Stimme!

„Entschuldigung …“, murmelte sie nach einer kurzen Pause. „Wer spricht da?“

Das amüsierte dunkle Lachen ließ heiße Schauer über ihren Rücken rinnen. „Wollen Sie ernsthaft vorgeben, mich so schnell vergessen zu haben?“

Erneut verschlug es ihr die Sprache. Dieser unerträglich arrogante …

„Ich habe Ihre Nummer von Maud“, klärte Romain sie auf. „Ich weiß, dass Sie eben erst angekommen sind, wollte aber so schnell wie möglich Kontakt zu Ihnen aufnehmen.“

„Warum?“, entschlüpfte es Audrey gegen ihren Willen. Verärgert über sich selbst, schnitt sie eine stumme Grimasse, die Romain zum Glück nicht sehen konnte.

„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen.“

„Interessiert mich nicht“, erwiderte sie prompt. „Ich habe mir für die nächsten Monate freigenommen – wie Sie wissen müssten – und bin nicht interessiert, Monsieur de Valois. Egal woran …“, fügte sie vorsichtshalber hinzu, sich an Mauds Warnung bezüglich seiner Hartnäckigkeit erinnernd.

„Ich denke doch“, gab er gelassen zurück. „Vielleicht sollte ich Ihnen zunächst verraten, dass ich momentan auch in Dublin bin, und das bereits seit gestern. Ein sehr charmantes Städtchen …“

Romain de Valois war hier? In Dublin? In ihrer Stadt?

Wie betäubt ging Audrey weiter in ihr Wohnzimmer, trat ans Fenster und schaute auf den Marion Square hinunter, als erwarte sie, Mauds Neffen vor ihrer Haustür stehen zu sehen.

„Großartig!“, sagte sie mit so viel Wärme wie möglich. „Genießen Sie Ihren Aufenthalt, Monsieur de Valois. Es gibt hier übrigens eine Reihe von wirklich guten Modelagenturen …“

„Von denen ich die einzige, die mich interessiert, bereits kenne“, ergänzte er geschmeidig. „Erst vor wenigen Stunden habe ich ein äußerst anregendes und befriedigendes Gespräch mit Ihrer irischen Agentin Lisa geführt, Miss Murphy. Ich habe ihr das Briefing für unsere geplante Kampagne unterbreitet, und sie ist mit mir der Meinung, dass Sie geradezu perfekt für diesen Job sind.“

Audrey schloss die Augen und bewegte sich langsam rückwärts, bis sie die Kante ihrer Couch in den Kniekehlen spürte. Dann ließ sie sich fallen.

Genau das war es, was sie auf alle Fälle hatte verhindern wollen! Ganz bewusst hatte sie Lisa nicht über ihren bevorstehenden Aufenthalt in Dublin informiert, um zu verhindern, gleich wieder mit Jobs überhäuft zu werden, ehe sie auch nur einen Fuß auf festem Boden hatte.

Lisa war es, die sie damals entdeckte und Audrey als ihren größten Erfolg im Modelbusiness ansah. Nach ihrem Umzug in die USA sogar als einen echten Exportschlager!

„So … Lisa weiß also bereits, dass ich wieder im Lande bin.“

„Oh, ja.“

Das hörte sich so zufrieden an, dass Audrey aufhorchte.

„Warum tun Sie das alles?“, fragte sie scharf. „Sie können doch nicht ernsthaft mit mir zusammenarbeiten wollen bei Ihrer Einschätzung meines Charakters! Und nur weil sie es nicht ertragen zu verlieren …“

„Vorsicht, Miss Murphy!“

Erschrocken über den eisigen Ton, verkniff Audrey sich jeden weiteren Kommentar.

„Ich schlage vor, Sie vereinbaren für morgen ein Meeting mit Ihrer Agentin, die Ihnen mein Angebot unterbreiten wird. Die Entscheidung, ob wir beide uns danach treffen, um die Einzelheiten zu besprechen, liegt ganz allein bei Ihnen, Audrey. Niemand zwingt Sie zu etwas, was Sie nicht tun wollen.“

3. KAPITEL

Von wegen, niemand zwingt Sie zu etwas, was Sie nicht tun wollen!

Audrey schäumte förmlich vor Wut, als sie am nächsten Tag mit steifen Schritten den kurzen Weg vom Büro ihrer Agentin zum exklusivsten Hotel Dublins zurücklegte, in dem Romain de Valois eine Suite bezogen hatte.

Lisa hatte ihr brühwarm erzählt, wie das angeblich so konstruktive Meeting mit dem Modemogul tatsächlich abgelaufen war: Es schien Romain einen Heidenspaß gemacht zu haben, einfach ohne Anmeldung in die kleine irische Agentur hereinzuplatzen und einen Vertrag in Aussicht zu stellen, der mit einer sechsstelligen Summe vergütet wurde!

Dafür das Okay zu bekommen musste ungleich einfacher gewesen sein, als einem Baby den Schnuller wegzunehmen.

Als Audrey am frühen Vormittag das Büro betrat, spürte sie bereits die ungewöhnlich hektische Betriebsamkeit. Pretty Woman mochte nicht die erfolgreichste Modelagentur Dublins sein, aber sicher die menschlichste. Die Mädchen verstanden sich untereinander, und Lisa war in den Jahren zu einer guten Freundin für Audrey geworden. Deshalb hatte die sich auch geweigert, die Agentur zu wechseln, als sie von Dublin nach London ziehen musste, weil ihre steile Karriere plötzlich nicht mehr aufzuhalten war.

Und im Gegenzug hatte Lisa sich als absolut loyal verhalten, als die Presse zum Vernichtungsschlag gegen Audrey ausholte. So waren die Agenturchefin und Kate die beiden Menschen, denen sie sich am meisten verpflichtet fühlte.

Das Dumme war nur, dass Lisa ihr erst vor gar nicht so langer Zeit gestanden hatte, dass sie die Agentur ohne Audrey als Zugpferd schon längst nicht mehr hätte halten können. Was sollte sie also tun?

Romain hatte Pretty Woman eine schier unglaubliche Summe in Aussicht gestellt, sollte Audrey sich doch noch entschließen, in seiner Werbekampagne die Hauptrolle zu übernehmen. Daneben köderte er Lisa mit der Aussicht auf einen lukrativen Folgeauftrag, sodass die Agenturchefin bereits davon träumte, eine Dependance in London aufzumachen, wie sie Audrey unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute.

Mit gefurchter Stirn, den Blick fest auf den Boden geheftet, eilte Audrey durchs frühlingshafte Dublin, ohne einen Gedanken an die laue Luft, den blauen Himmel oder die Schönheiten ihrer Heimatstadt zu verschwenden.

Romain de Valois hatte sie in die Enge getrieben und konnte es sicher nicht abwarten, sie zu Kreuze kriechen zu sehen, um seinen Triumph auszukosten. Er war der große Puppenspieler und sie die Marionette, die ohne eigenen Willen an seinen Fäden hing …

Audrey stöhnte leise auf, sah aber keine Möglichkeit, ihrem düsteren Schicksal zu entfliehen, ohne ihre Freundin und Gönnerin im Stich zu lassen.

Während sie mit energischen Schritten das Luxushotel betrat, musste Audrey entsetzt feststellen, dass sich in ihre Empörung eine seltsame Erwartungshaltung mischte, die fast an Vorfreude grenzte.

Vorfreude? Worauf?

Um mit ihm die Klingen zu kreuzen? Oder einfach nur darauf, ihn endlich wiederzusehen …?

Romain saß in einer Nische des aufwendig renovierten Foyers im Shelbourne Hotel und versuchte, seine Nervosität zu unterdrücken. Er hatte sich so positioniert, dass er Audreys Eintreffen beobachten konnte, ohne gleich von ihr entdeckt zu werden.

Eine notwendige Maßnahme, denn ganz überraschend hatte er Grund, an seinem Verstand zu zweifeln. Seit jenem Abend in New York fühlte er sich wie fremdgesteuert und fürchtete langsam, die Kontrolle über sein geordnetes und zielgerichtetes Leben zu verlieren.

Zuerst Maud, die ihm noch einmal Audreys Professionalität versicherte, dann sein Geschäftsvorstand, der darauf beharrte, nur sie zum Mittelpunkt der geplanten Kampagne zu machen, und nicht zuletzt er selbst …

Romain konnte sich nicht erinnern, dass er jemals einer Frau durch die halbe Welt nachgejagt wäre! Er hätte jetzt natürlich die berufliche Notwendigkeit vorschieben können, aber eigentlich ging es nur darum, dass Audrey Murphy die erste Frau war, die ihn einfach so … abgeschüttelt hatte.

Nun gut. Da er selbst am Set sein würde, konnte er sie wenigstens im Auge behalten und so vielleicht verhindern, dass sie die ungeheuer aufwendige und kostspielige Kampagne mit mangelnder Disziplin – besonders im Hinblick auf Drogen – gefährdete. Und auf der anderen Seite … normalerweise achtete er sehr darauf, Berufliches und Privates strikt zu trennen, aber in diesem Fall … wer weiß.

Er war jetzt an einem Punkt seiner Karriere angelangt, wo er sich erlauben konnte, das zu tun, was er wollte. Es gab niemanden, der das Recht oder die Macht hatte, ihn zu kritisieren oder ihm gar zu schaden. Möglicherweise tat es ihm ja gut, die eiserne Kontrolle, der er sich stets unterworfen hatte, ein wenig zu lockern …

Der Gedanke, Audrey Murphy zu zähmen, milderte entschieden dieses quälende Gefühl von Unzufriedenheit, das ihn seit ihrer Begegnung in New York in den Fängen hielt.

Und dann stand sie plötzlich da.

Die heiße Welle der Erregung, von der er erfasst wurde, überraschte und ärgerte Romain zugleich. Frustriert presste er die Lippen zusammen und ließ abschätzend seinen Blick über ihren schlanken, aufsehenerregenden Körper wandern.

Das glänzende schwarze Haar hatte sie zu einem lockeren Zopf geflochten, ihr Outfit, bestehend aus einem schwarzen Blazer über dem weißen T-Shirt zu abgewetzten Jeans und einfachen Turnschuhen, hätte nicht schlichter ausfallen können.

Und dennoch überstrahlte sie jede andere Frau in dieser noblen Umgebung.

Selbst die Brille mit dem schwarzen Gestell tat ihrer natürlichen Schönheit keinen Abbruch. Audrey Murphy bewegte sich mit einer natürlichen Lässigkeit und Grazie und legte es offensichtlich absolut nicht darauf an, ihn beeindrucken zu wollen.

Als er sah, dass der Rezeptionist, den sie angesprochen hatte, mit dem Finger in seine Richtung wies, beschleunigte sich Romains Pulsschlag. Sie wandte sich um, ihre Blicke trafen sich, und ihm stockte der Atem.

Okay, dachte er grimmig, die Schlacht kann beginnen …

Beim Anblick von Romain de Valois, der es sich in einem eleganten Ledersessel bequem gemacht hatte und sie offensichtlich bereits erwartete, fühlte sich Audrey ungefähr so selbstsicher wie bei ihren ersten Gehversuchen auf dem Laufsteg.

Und die Reaktion ihres verräterischen Körpers auf seine bloße Anwesenheit war ebenso beunruhigend wie an jenem Abend in New York. Mit jedem Schritt in seine Richtung wichen Antipathie und Groll von ihr und lösten sich einfach in Luft auf.

Er wirkte heute noch viel imposanter und einschüchternder, als er sich von dem Sessel erhob, förmlich das Jackett zuknöpfte und ihr mit unbewegter Miene entgegensah.

Sobald sie vor ihm stand, streckte sie ihre Hand aus und war überrascht von dem kühlen Druck seiner schlanken Finger. Dennoch schien die flüchtige Berührung ihre Haut zu versengen und ließ ihr Blut schneller durch die Adern rauschen.

„Audrey …“ Er wies auf den freien Sessel ihm gegenüber und ließ ihre Hand erst los, als sie bereits saß.

Auf keinen Fall bleibe ich länger als fünf Minuten!, nahm sie sich zum hundertsten Mal vor. Alles andere wäre viel zu gefährlich, denn die Nähe dieses Mannes machte sie seltsam willenlos. Und sie wollte kein Risiko eingehen.

Unruhig rutschte sie hin und her und suchte nach den richtigen Worten. „Mr. de Valois …“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Brille tragen.“

Audrey wurde rot, während sie automatisch nach den vertrauten Gläsern auf ihrer Nase tastete. Sie war vor diesem Treffen so aufgeregt gewesen, dass sie sogar vergessen hatte, ihre Brille abzunehmen! Obwohl sie momentan nicht darauf angewiesen war, erschien sie ihr aber plötzlich wie eine Art Schutzschild, und deshalb rückte Audrey sie nur energisch zurecht.

„Tut mir leid, wenn sie Ihnen missfällt, aber neben meinen anderen Schwächen bin ich auch noch leicht kurzsichtig, muss ich gestehen.“

„Absolut nicht“, murmelte er und hob eine Hand, um den Service aufmerksam zu machen. „Sie steht Ihnen. Und bitte, machen Sie sich doch nicht immer selbst schlecht.“

„Warum? Weil Sie das viel besser können?“, schoss sie spontan zurück.

Zunächst kam keine Reaktion, dann erhellte ein amüsiertes Lächeln Romains harte Züge und ließ ihn plötzlich viel jünger aussehen. „Kratzbürstig und animierend wie gewohnt … das ist gut.“

Audreys Augen blitzten. „Ich versuche auf keinen Fall, animierend zu sein. Ich bin nur hergekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich Ihr Angebot ablehne.“

„Wollen wir nicht zunächst Tee bestellen? Das ist doch hierzulande so etwas wie eine nationale Spezialität, nicht wahr? Und danach lade ich Sie zum Lunch ein.“

„Sie haben mir offenbar nicht zugehört, Mr. de Valois. Stattdessen …“

„Stattdessen hören Sie mir jetzt einmal zu, Audrey. Und nennen sie mich bitte Romain. Da wir in den nächsten Wochen sehr eng zusammenarbeiten werden, können wir auf derartige Formalitäten verzichten.“

Audrey schaute ihr Gegenüber fassungslos an und schüttelte den Kopf. Die Arroganz dieses Mannes war wirklich nicht zu überbieten!

Monsieur de Valois, ich habe es Maude bereits mitgeteilt und wiederhole es noch einmal für Sie … ich werde jetzt aufstehen und meinen lange geplanten Urlaub antreten, und daran wird mich nichts und niemand …“

Sie unterbrach sich, weil der Tee serviert wurde, und beobachtete stumm, wie die junge Kellnerin ihrer Pflicht mit zitternden Händen nachkam und heftig errötete, als Romain sich bei ihr mit einem tiefen Blick in die smaragdgrünen Augen bedankte.

Fast hätte Audrey verächtlich aufgestöhnt. Doch dann riss sie sich zusammen. Sie wollte nur noch ihren Monolog beenden und so schnell wie möglich aus dem Dunstkreis dieses unmöglichen Kerls verschwinden.

Doch Romain kam ihr zuvor. „Deshalb haben wir ja auch beschlossen, den ersten Dreh gleich hier in der Nähe stattfinden zu lassen“, erklärte er ungerührt. „Haben Sie Lisa eigentlich schon gestanden, dass Sie den Job nicht annehmen werden?“

Audrey wurde blass und sah Triumph in seinem lauernden Blick aufblitzen. Am liebsten hätte sie ihm ein für alle Mal die Meinung gesagt, doch stattdessen trank sie einen Schluck Tee, um ihre Fassung zurückzugewinnen. Dann räusperte sie sich.

„Angesichts unserer gemeinsamen Vergangenheit, wie ich es mal ausdrücken will, ist es mir immer noch absolut unverständlich, warum Sie darauf bestehen, mich für Ihre angeblich so spektakuläre Kampagne zu gewinnen.“

Romain betrachtete sie schweigend und sehr aufmerksam.

Audrey schien zu überlegen, einfach aufzuspringen und für immer aus seinem Leben zu verschwinden – ohne auch nur auf seine Antwort zu warten. Und genau in diesem Moment wusste Romain, dass er sie unter keinen Umständen gehen lassen konnte … koste es, was es wolle.

„Ehrlich gesagt, hatte ich mich längst dazu entschieden, auf Sie zu verzichten …“, begann er sorgfältig, was Audrey dazu veranlasste, tatsächlich ihre Handtasche zu nehmen und aufzustehen.

„Na, dann sind wir ja endlich mal einer Meinung. Vielen Dank für den Tee und …“

„Setzen Sie sich.“

Das klang so entschieden und autoritär, dass sie unwillkürlich gehorchte, Romain aber trotzig anstarrte. Das brachte ihn zum Lächeln.

„Sie haben mein aber nicht abgewartet“, schalt er milde. „Aber nachdem Sie mir in Fleisch und Blut in New York gegenüberstanden …“

Die Erinnerung an jenen Moment ließ ihn plötzlich den Faden verlieren, und in Audreys blauen Augen sah er die gleiche Verwirrung, die er empfand. Die Luft um sie herum schien plötzlich vor Elektrizität zu knistern.

„Auf jeden Fall sind Sie perfekt für diesen Job“, erklärte er mit gepresster Stimme. „Genau genommen das einzige Model, das infrage kommt.“

Audrey schüttelte den Kopf, in erster Linie, um den seltsamen Zauber abzuschütteln, der sie umfangen hielt, und um ihren klaren Verstand zurückzugewinnen.

„Monsieur de Valois …“

„Romain, bitte“, forderte er lächelnd. Aber dieses Lächeln erschien ihr wie das eines Hais. Langsam stellte sie ihre Teetasse ab und lehnte sich in dem weichen Sessel zurück.

„Nun gut … Romain“, begann sie in bewusst professionellem Ton. „Ich bin sicher, Ihre Geschäftsführung wird sich auch mit einem anderen Model zufriedengeben, wenn Sie es auswählen. Gerade hier in Dublin gibt es Hunderte von Schönheiten, die mit ähnlichen Attributen ausgestattet sind wie ich …“

Hatte sie denn wirklich keine Ahnung, wie umwerfend und einmalig sie war? Romain konnte es kaum glauben. Möglicherweise wollte sie ja nur etwas kokettieren. Doch ihr Blick war so ernst und aufrichtig, dass er daran zweifelte.

Er schüttelte den Kopf. „Das glaube ich weniger. Und schon gar nicht mit dieser … einzigartigen Vergangenheit wie Ihrer.“

„Was hat die denn damit zu tun?“, fragte sie verblüfft.

„Eine Menge. Im Grunde genommen ist das gesamte Konzept der Kampagne darauf aufgebaut. Dies ist kein gewöhnliches Shooting, Audrey. Es soll eine neuartige Plattform kreiert werden, auf der eine Vielzahl von Luxusgütern beworben wird, und das in Form einer Foto-Lovestory, bei der es um ein Model geht, das sich in den Fallstricken des glamourösen Luxuslebens der High Society verfangen hat und tief gestürzt ist …“

„Dank Ihnen!“, warf Audrey bitter dazwischen, aber Romain ließ sich nicht irritieren.

„… Doch nicht am Boden liegen bleibt, sondern aus eigener Kraft wie Phönix aus der Asche steigt und noch strahlender und faszinierender als zuvor erscheint. Sie haben diesen Geist. Diesen starken, unbändigen Willen zum Überleben um jeden Preis. Die Zeiten der jungfräulichen Ballköniginnen als Werbeikonen sind längst passé. Die moderne Frau kann sich viel leichter mit jemandem wie Ihnen identifizieren. Doch seien Sie gewarnt, Audrey …“

Plötzlich nahm seine Stimme einen harten, kompromisslosen Klang an, bei dem sich ihre Nackenhaare sträubten.

„Sollte es auch nur den Hauch eines Skandals oder irgendwelche Drogen in Ihrem Umfeld geben, werde ich Sie ohne Vorwarnung fallen lassen, und Sie bekommen nicht einen Cent.“

Audrey schwieg einen Moment und spürte dem Gefühl nach, das Romains schonungslose Beurteilung ihrer Vergangenheit und verletzend nüchterne Einschätzung ihres dadurch bedingten Marktwertes in ihr ausgelöst hatte. Es fühlte sich so an, als hätte er mit brutalem Griff jegliches Schutzschild von ihr gerissen und sie damit völlig angreifbar gemacht. Aber das durfte er nicht einmal ahnen.

„Aufgrund meiner Vorgeschichte muss ich wohl dankbar sein, dass sich jemand bereit erklärt, die Scherben meines Lebens aufzusammeln und sie zu einem … Kunstwerk zusammenzufügen, das dem Verkauf von Luxusgütern zu einem ungeahnten Aufschwung verhelfen soll“, formulierte sie sorgfältig und mit schneidendem Sarkasmus in der Stimme.

Zum ersten Mal in seinem Leben fehlten Romain de Valois die Worte. Stattdessen überfiel ihn die Ahnung, dass er gerade ein nicht wiedergutzumachendes Fehlurteil gefällt hatte. Audreys schönes Gesicht wirkte kühl und beherrscht. Und gerade das machte ihm deutlich, wie sehr er sie verletzt haben musste.

Seine Erleichterung hätte nicht größer sein können, als er in diesem Moment den Restaurantchef auf sich zukommen sah. Rasch stand er auf und griff nach Audreys Hand.

„Ich habe hier im Hotel einen Tisch für uns reservieren lassen. Warum setzen wir unser Gespräch nicht bei einem guten Essen fort?“

Audrey war noch viel zu geschockt, um zu widersprechen. So ließ sie sich von Romain quer durchs Foyer zum Restaurant führen, wo üppig dekorierte Pflanzeninseln und elegante vergoldete Paravents ihren reservierten Tisch in eine sehr private Oase verwandelten.

Während Romain augenscheinlich konzentriert die Menükarte studierte, betrachtete Audrey abwesend seine schlanken braunen Hände und spürte plötzlich ihr Herz im Hals schlagen. Mit einem unterdrückten Seufzer griff sie ebenfalls nach der Karte und öffnete sie, ohne die leiseste Idee, was sie bestellen sollte.

„Seit wann tragen Sie eine Brille?“, fragte Romain höflich.

Die unschuldige, banale Frage – und das nach dem brutalen verbalen Übergriff, dem sie eben erst von seiner Seite ausgesetzt war – reizte Audrey seltsamerweise fast zum Lachen. Die Dreistigkeit ihres Gegenübers kannte wirklich keine Grenzen.

„Noch gar nicht so lange“, antwortete sie im gleichen Plauderton. „Aber die langen Nächte über den Büchern haben schließlich ihren Tribut gefordert. Ich trage die Brille allerdings nur beim Lesen oder wenn ich müde und angestrengt bin.“

Romain hob skeptisch die Brauen. „Ein Überbleibsel aus Ihrer Schulzeit? Es muss doch schon eine ganze Weile her sein, seit Sie für irgendetwas gelernt haben.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, und am liebsten hätte Audrey ihm entgegengeschleudert, dass sie in den letzten vier Jahren Abend für Abend bis tief in die Nacht hinein gepaukt hatte. Aber das war eines ihrer bestgehüteten Geheimnisse, und deshalb schluckte sie das unbezwingbare Bedürfnis hinunter.

Im Übrigen … wie kam sie überhaupt auf die Idee, ausgerechnet ihm so etwas Privates gestehen zu wollen?

„Tja, was erwarten Sie von mir, bei all den Partys und Reisen? Man kommt zu gar nichts anderem mehr.“

Irgendetwas irritierte Romain an diesem Statement, aber er vermochte nicht zu sagen, was es war. „Dann führen Sie also nach wie vor dieses unstete Leben und haben aus der Vergangenheit nicht allzu viel gelernt …“, stellte er kühl fest und vertiefte sich wieder in die Menükarte.

Für einen kurzen Moment glaubte Audrey, ihre Maske nicht länger aufrechterhalten zu können. Doch zum Glück ahnte Romain de Valois nicht, wie sehr er sie mit jedem seiner missbilligenden Worte verletzte, und eigentlich durfte sie das auch gar nicht zulassen. Aber er hatte irgendetwas an sich, das sie trotz seiner schlechten Manieren entwaffnete und faszinierte.

Das ist krank, meine Liebe!, sagte sie sich nicht zum ersten Mal, und auch die Antwort darauf gab sie sich gleich wieder selbst. Aber wenn ich nun mal nicht anders kann …?

„Falls ich diesen Job übernehmen sollte – und angesichts Ihres konstruktiven Gesprächs mit meiner Agentin bleibt mir offenbar keine Wahl –, dann verlange ich, dass Sie damit aufhören, mich beurteilen zu wollen. Sie wissen nichts, aber auch gar nichts über meine Vergangenheit, und ich werde Ihnen niemals Einblick in mein Privatleben geben!“

Romain hob nur leicht den Kopf. „Man sollte niemals nie sagen …“

Da der Kellner plötzlich wie aus dem Nichts neben ihrem Tisch auftauchte, verbiss Audrey sich jeden weiteren Kommentar. Ihr Gegenüber bestellte einen Fischteller Spezial, und sie selbst orderte ein großes Steak mit Backkartoffel, Sauerrahm und einer Gemüsebeilage.

Darauf reagierte Romain so verblüfft, dass Audrey unwillkürlich lächelte und rasch den Blick senkte. Er musste in seiner Laufbahn als Casanova der Modewelt bereits Hunderte ihrer Kolleginnen zum Essen ausgeführt haben und erlebte heute sicher zum ersten Mal, dass ein Model etwas anderes als ein einzelnes Blatt Salat an Diät-Dressing bestellte.

„Kann ich bitte eine doppelte Portion Sauerrahm haben?“, rief Audrey dem Kellner genüsslich hinterher.

Als sie zu Romain hinüberschaute, zuckte um dessen Mund ein amüsiertes Lächeln. „Ich denke, ich mache Sie erst einmal mit den genauen Fakten Ihres neuen Jobs bekannt“, erklärte er ruhig.

Wider Erwarten verging die Zeit wie im Flug. Audrey schmeckte das bestellte Essen ausgezeichnet, und sie fühlte sich auch zunehmend wohler in der Gesellschaft des Mannes, den sie bisher für ihren ärgsten Feind gehalten hatte.

Die Vorstellung, mit einem attraktiven Modelkollegen an spektakulären und luxuriösen Schauplätzen rund um die ganze Welt als Liebespaar zu posieren, dessen Beziehung als ein romantisches und erotisches Katz- und Mausspiel inszeniert werden sollte, begann ihr sogar langsam Spaß zu machen.

Für einen kurzen verlockenden Moment sah sie sogar Romain und sich in dieser Rolle, aber diese verrückte Fantasie verdrängte sie gleich wieder in den Hinterkopf.

„Das hört sich sehr … interessant und ungewöhnlich an.“

Romain schmunzelte. „Und, hat es viel Anstrengung gekostet, das zu gestehen?“

Audrey errötete und schüttelte stumm den Kopf.

„Lisa hat mir übrigens noch etwas über Sie verraten.“

Sie spürte, wie ihr Herz für einen Moment aufhörte zu schlagen. Lisa würde doch wohl nicht …?

The Youth Outreach Center …“, begann Romain, brach aber ab, als er sah, dass ihr Gesicht jede Farbe verlor. Da war er wieder, der Ausdruck von Verletzlichkeit in ihren schönen blauen Augen, der ihn immer wieder irritierte.

Was wusste er über das Heim für gefährdete Jugendliche, das sie mit viel persönlichem Einsatz aus ihren eigenen Mitteln ins Leben gerufen hatte?

„Was genau hat sie Ihnen denn erzählt?“, fragte Audrey heiser.

„Nur dass Sie sich in den letzten zwei Jahren sehr für dieses Sozialprojekt eingesetzt haben, das wenige Wochen nach unserem Dreh in Dublin eröffnet werden soll.“

„Ja, ja, aber das hat nichts mit Ihnen zu tun“, wehrte sie hastig ab. Dieses Thema war viel zu persönlich, als dass sie es mit Romain teilen oder auch nur diskutieren wollte.

„Ebenso wenig wie mit Ihnen, wenn man es genau nimmt. Lisa sagte, Sie seien in den letzten Jahren immer mal wieder hierhergekommen, um den Fortschritt der Bauarbeiten zu begutachten. Doch jetzt, da die abgeschlossen sind …“

„Da habe ich endlich wieder Zeit, etwas Neues anzupacken“, vollendete sie seinen Satz und hob ihm ihr Weinglas entgegen. „Auf die Kampagne …“

Doch Romain ließ sie nicht aus den Augen. „Sagen Sie, Audrey, ist das alles nur Teil der Fassade, die sie aufgebaut haben, um zu beweisen, dass Sie sich geändert haben?“ Der Sarkasmus in seinen Worten war nicht zu überhören. „Haben Sie vielleicht sogar schon das Kleid für den Tag der Eröffnung herausgelegt, wenn Sie als Ehrengast das Band durchschneiden werden, wie Lisa mir verraten hat?“

Audrey ließ den Arm sinken und stellte ihr Weinglas auf den Tisch zurück. Der Schmerz in ihrer Brust nahm ihr den Atem. Warum ging sie ihm nur immer wieder in die Falle? Hatte dieser Mann sie nicht schon genug gedemütigt? Mit ungeheurer Anstrengung hob sie den Blick und schenkte Romain ein funkelndes Lächeln.

„Warum nicht rausholen, was man kann aus so einem Event? Immerhin bin ich Profi in meinem Fach. Genau deshalb wollen Sie mich doch auch engagieren. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Unerklärlicherweise habe ich plötzlich meinen Appetit verloren …“ Damit stand sie auf und wandte sich zum Gehen.

„Audrey …“

Sie war kurz vor der Schwingtür, als sie Romains warme Hand auf ihrer Schulter spürte. Abrupt wandte sie sich um und blitzte ihn wütend an. In ihren Augen, die jetzt fast schwarz wirkten, glitzerten ungeweinte Tränen.

„Ich habe Ja zu Ihrem Job gesagt, weil Sie mir keine andere Wahl lassen, Monsieur de Valois“, fauchte sie ihn an. „Aber das heißt nicht, dass ich mich ständig von Ihnen beleidigen lassen muss!“

„Hören Sie, Audrey, ich glaube, wir haben keinen besonders glücklichen Start gehabt …“

„Oh, bitte …! Sagen Sie jetzt bloß nicht, wir könnten vielleicht Freunde werden! Sie sind der Mann, der mich allein auf die Behauptung eines schmierigen Fotografen hin verdammt und damit fast mein Leben ruiniert hat! Was würden Sie denn sagen, wenn ich behauptete, noch nie in meinem Leben Drogen angerührt zu haben?“

Romain stand da wie vom Donner gerührt. Angesichts seiner starren Miene lachte Audrey bitter auf.

„Schon gut … es steht Ihnen ins Gesicht geschrieben.“ Angewidert schüttelte sie seine Hand ab. „Sagen Sie mir einfach nur wo und wann.“

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er sich genügend in der Gewalt hatte, um ihr zu antworten. „Sie haben eine Woche Zeit, Ihre Angelegenheiten zu regeln. Exakt heute in sieben Tagen werden Sie Punkt zehn von Ihrem Apartment abgeholt. Die Unterlagen für das Shooting werden Ihnen umgehend zugesandt.“

Audrey nickte knapp, stieß die Schwingtür auf und ging.

Romain sah ihr nach, bis die schwingenden Türflügel zum Stillstand kamen. Er konnte es nicht fassen. Es war bereits das zweite Mal, dass Audrey Murphy ihn einfach so stehen ließ!

Er fluchte unterdrückt und schwor sich in dieser Sekunde, dass ihm das kein drittes Mal passieren sollte!

Er würde keine Ruhe geben, bis er diese widerspenstige Schöne da hatte, wo er sie wollte. In seinem Bett … in seinen Armen, das rabenschwarze Haar auf dem weißen Kissen wie ein seidener Fächer ausgebreitet … stöhnend vor Leidenschaft und Begierde … während er endlich seine unerfüllten erotischen Fantasien ausleben konnte, die ihn langsam in den Wahnsinn trieben.

Er wollte sie haben! Er musste sie haben … Job oder nicht!

Romain lächelte in sich hinein, aber es war ein zynisches Lächeln, das nicht die Augen erreichte. Audrey Murphy wäre nicht die erste Frau, die behauptete, ihn zu hassen, und trotzdem in seinem Bett landete, nur um ihm auf dem Gipfel der Ekstase ihre Liebe zu gestehen.

Für Romain de Valois der Todeskuss jedweder Beziehung. Er war ein Mann, der mit derartigen emotionalen Entgleisungen nichts anzufangen wusste.

Abrupt wandte er sich um und schlenderte zu seinem Tisch zurück, die begehrlichen Blicke der Frauen um ihn herum ignorierend, entschuldigte sich bei dem Restaurantchef für den plötzlichen Aufbruch und ließ sich die Rechnung bringen. Nachdem diese beglichen war, fuhr er mit dem Lift in seine Penthouse-Suite empor, die ihm plötzlich seltsam leer und steril erschien.

Trotz des Berges an Arbeit, den er mitgebracht hatte, fürchtete er sich jetzt schon vor der nächsten Woche, die leicht zu einer der längsten seines Lebens werden konnte …

4. KAPITEL

Der Helikopter schwebte auf das saftig grüne Land unter ihnen zu, und plötzlich erschienen wie aus dem Nichts die Landemarken, nach denen Audrey schon geraume Zeit atemlos Ausschau gehalten hatte.

Die letzten fünfundvierzig Minuten waren die reine Tortur gewesen. Zum Glück waren die Fluggeräusche so laut gewesen, dass ihr wenigstens das Geplauder ihrer mitteilungsbedürftigen jungen Maskenbildnerin Lucy erspart geblieben war.

Endlich berührten die Kufen den Boden! Audreys Blutdruck normalisierte sich allmählich, während sie ihre verkrampften Finger massierte, nur um in der nächsten Sekunde wieder hochzuschießen, als sie eine inzwischen vertraute dunkle Gestalt lässig gegen einen chromblitzenden Geländewagen gelehnt stehen sah.

Sie schluckte heftig. Es war so weit! Jetzt gab es kein Entrinnen mehr!

Vor ihr lag eine schier endlose Zeit, in der sie Romain de Valois Tag und Nacht sehen würde. Und selbst wenn sie nie zuvor eine so lange Fotostrecke am Stück gemacht hatte, wusste sie aus Erfahrung, wie leicht am Set Spannungen aufkommen und eine friedliche Location in ein wahres Tollhaus verwandeln konnten.

Mit zitternden Knien, die sie nicht allein dem Helikopterflug verdankte, näherte sich Audrey ihrem neuen Boss und rückte nervös die riesige Sonnenbrille zurecht, hinter der sie spontan Schutz gesucht hatte.

Allerdings wehte auf Inis Mór, der größten der Aran-Inseln vor der Westküste Irlands, nicht nur ein lauer Frühlingswind, auch die Sonne schien strahlend vom leuchtend blauen Himmel und bot Audrey damit einen perfekten Vorwand für ihre Verkleidung.

Romain de Valois stieß sich von dem Jeep ab und schlenderte ihr gemächlich entgegen. In Jeans und Kaschmirpulli wirkte er viel zugänglicher als sonst, irgendwie … erdiger und ungeheuer sexy.

Er streckte die Hand aus, um ihr Gepäck zu übernehmen. „Willkommen auf Inis Mór.“

Doch Audrey klammerte sich an ihre große Segeltuchtasche wie an einen Rettungsring und starrte ihn nur stumm an. Ihn so … lebendig und umwerfend attraktiv vor sich zu sehen, während die Erinnerungen an ihre letzte Begegnung immer noch schmerzten, war einfach zu viel für sie.

Romain hob die Brauen und beschrieb mit der Hand einen großen Bogen. „Eine hinreißende Landschaft, finden Sie nicht auch?“

Audrey kannte die Insel und liebte sie sehr. Nicht weit vom Landeplatz entfernt, am Ende des Feldes, gab es ein Kliff. Tief unterhalb der steilen Küste schlugen die graugrünen Wellen des Atlantiks gegen die zerklüfteten Felsen.

Zum Glück wurde ihr erst jetzt bewusst, wie dicht der Helikopter vor dem Kliff gelandet war!

„Ah, Sie müssen Lucy sein!“, begrüßte Romain ihre Maskenbildnerin und eroberte mit seinem herausfordernden Lächeln das romantisch veranlagte Mädchen offensichtlich im Sturm. Audrey fühlte einen seltsamen Stich in der Brust und folgte den beiden, die unbefangen plaudernd auf einen Minibus zugingen, den sie zuvor gar nicht bemerkt hatte.

„Nein, Sie nicht, Audrey“, sagte Romain, als sie hinter Lucy einsteigen wollte.

Verwirrt wandte sie sich um. „Aber ich bin immer mit der Crew zusammen“, protestierte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Diesmal nicht, Sie bleiben bei mir.“

„Aber …“ Der panische Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören und entlockte ihm ein sarkastisches Lächeln.

„… und dem Filmteam“, fügte er spröde hinzu.

„Oh …“ Audrey fühlte förmlich Lucys neugierigen Blick in ihrem Rücken und riss sich zusammen. „Also, dann bis morgen früh“, rief sie ihrer Maskenbildnerin freundlich zu. Sie wusste nur zu gut, wie hemmungslos am Set geklatscht wurde, und wollte nicht gleich nach ihrer Ankunft ins Kreuzfeuer geraten.

„In gut einer Stunde treffen wir uns alle zu einem formellen Briefing und heute Abend beim Dinner“, korrigierte Romain und winkte Lucy zum Abschied zu, ehe er Audreys Tasche ihrem verkrampften Griff entwand und zum Jeep hinübertrug. Als Audrey ihn eingeholt hatte, war ihr Gepäck bereits verstaut, und Romain hielt ihr die Beifahrertür auf.

„Normalerweise bin ich aber immer mit der Crew zusammen“, wiederholte sie noch einmal mit gepresster Stimme. „Die anderen werden sich wundern …“

„Angst vor Klatsch, Audrey?“

„Ich, nun … Ja!“, erwiderte sie defensiv. „Sie könnten vermuten …“

„Dass ich mich an Sie heranmache?“

„Nein, natürlich nicht!“, platzte Audrey spontan heraus und errötete leicht, weil sie genau das hatte sagen wollen. „Obwohl … ich meine …“ Unter seinem spöttischen Blick wurde ihr ganz heiß. „Keine Angst, Monsieur de Valois, ich selbst weiß sehr gut, dass Sie sich niemals so weit herablassen würden, jemanden wie mich …“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie dicht sie zusammenstanden. Romain streckte die Hand aus und strich ihr mit einer nachlässigen Geste über die erhitzte Wange. „Wie es aussieht, haben Sie noch eine Menge zu lernen, was mich und meine Vorlieben betrifft, Miss Audrey Murphy …“

Damit ging er um den Wagen herum und schwang sich hinters Steuer. „Wollen Sie etwa den ganzen Tag dort stehen bleiben und die Aussicht genießen?“, rief er ihr aus dem Innern des Jeeps zu.

Romain schloss die Tür, blieb einen Moment stehen und fluchte lautlos in sich hinein, während er an die Frau hinter der Tür dachte, die für seine schlaflos verbrachten Nächte der letzten Woche verantwortlich war. Audrey Murphy.

Frustriert ballte er die Hände zu Fäusten.

Als er sie vor einer halben Stunde aus dem Helikopter steigen sah, flammte unversehens ein wildes Begehren in ihm auf, wie er es noch nie in seinem Leben verspürt hatte. Ihr offensichtliches Widerstreben, die Unterkunft mit ihm und dem Filmteam zu teilen, stachelte seinen Erobertrieb nur noch heftiger an, und als er dann noch ihre zarte Haut unter seinen Fingern spürte, hatte er sich zusammenreißen müssen, sie nicht gleich an Ort und Stelle zu verführen.

Das wäre allerdings eine Premiere gewesen, denn bisher hatte er sich noch nie von niederen Instinkten verleiten lassen, seine Selbstkontrolle zu verlieren.

In Romains Hinterkopf formierte sich ein dunkler, verschwommener Protest …

Jedenfalls nicht seit … damals, musste er sich widerwillig eingestehen. Aber das war schon so lange her. Und warum sollte er ausgerechnet Audrey Murphy gestatten, jene schmerzhafte Erinnerung in sein Gedächtnis zurückzuholen?

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