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Julia Extra, Band 293

KATE HEWITT

Verführung in der Karibik

Sonne, Meer – und große Zweifel! Denn Susan soll auf der Karibikinsel Sint Rimbert so tun, als sei sie mit ihrem attraktiven Boss verlobt. Wie werden die Nächte in diesem Paradies mit Julian sein?

JACKIE BROWN

Lass es für immer sein!

Claires Herz rast, als sie Ethans Haus am stillen Lake Michigan erreicht. Aber umkehren ist unmöglich! Sie hat sich geschworen, ihrem Exmann zu gestehen, was sie für ihn immer noch empfindet …

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Stürmisches Happy End in Irland

Endlich wieder Zuhause in Irland: Caitlin ist glücklich! Doch kaum macht sie einen Spaziergang zu den Klippen am Meer, begegnet ihr der Mann, vor dem sie damals aus unerfüllter Liebe geflohen ist …

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Mit allen Schwierigkeiten hat die schöne Tallie gerechnet, als sie in Elias Antonides’ Firma einsteigt – aber nicht damit, dass sie auf den ersten Blick ihr Herz an den feurigen Griechen verliert …

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Kate Hewitt

Verführung in der Karibik

1. KAPITEL

Julian Douglas brauchte eine Frau. Schon morgen. Voller Ärger und Ungeduld trommelte er unablässig mit den Fingern auf seinen Schreibtisch. Draußen versanken die Zinnen der gemauerten Türme von Edinburgh Castle im zähen, trostlosen Oktobernebel.

Er brauchte eine Frau. Nur wen? Und wie sollte er es anstellen?

Keine Frau, die er kannte, eignete sich zur Ehefrau. Abgesehen davon würde keine von ihnen für ein Wochenende seine liebende Gattin spielen wollen.

Mit schmalen Augen sah er sich in seinem Büro um. Vor fünf Jahren hatte er die düstere, verfallene Etage dieses alten Gemäuers von Grund auf renoviert und zu riesigen, luftigen Räumen umgebaut, die von Tageslicht durchflutet wurden.

Normalerweise beruhigte ihn der Anblick dieser Umgebung, die so viele Erinnerungen für ihn barg, aber heute machte sie kaum Eindruck auf ihn.

Julian hatte den perfekten Auftrag in Aussicht, stand kurz vor dem Abschluss, der einzig und allein auf ihn zugeschnitten war, aber er würde ihn nicht bekommen, solange er keine Ehefrau vorweisen konnte.

Sein Telefongespräch mit einem Architekturkollegen kam ihm wieder in den Sinn.

„Die Hassells wollen ein Luxushotel in Sint Rimbert bauen“, hatte Eric berichtet. „Ökologisch und trotzdem glamourös und hauptsächlich auf Familien ausgerichtet.“

„Familien“, erwiderte Julian tonlos.

„Ja. Sie sind der Überzeugung, das wäre eine Marktlücke, sozusagen Luxus für die Kleinen.“ Er kicherte. „Das ist ein Traumauftrag.“

„Allerdings.“

„Ich würde mich selbst daranmachen, aber sie wollen gleich im neuen Jahr beginnen, und ich bin schon ausgebucht.“ Dann machte er eine nachdenkliche Pause. „Außerdem scheide ich noch aus einem anderen Grund aus. Ich bin nicht verheiratet.“

„Verheiratet?“ Julians Stimme wurde scharf. „Was, zum Teufel, hat das damit zu tun?“

„Offenbar sind die Hassells eine sehr verbundene Familie. Sie möchten als Profifür ihr Resort jemand, der wie sie Familienwerte schätzt und ihre Visionen entsprechend umzusetzen weiß. Vorzugsweise natürlich einen verheirateten Mann. Selbstverständlich haben sie das nie so offenkundig gesagt, aber man erzählt es sich hinter vorgehaltener Hand.“

„Deshalb habe ich wohl auch noch nichts davon gehört“, bemerkte Julian trocken.

„Exakt“, stimmte Eric lachend zu. „Jeder weiß, dass du für diese Abteilung nicht zu haben bist.“

„Noch nicht.“

„Wieso, was hast du denn vor? Eine Flucht nach Gretna Green?“

Bereitwillig ging er auf Erics Scherz ein. „Keine schlechte Idee.“

„Trotz deines Rufs, so skrupellos bist nicht einmal du“, sagte Eric grinsend.

Nach diesem Telefonat starrte Julian lange in den düsteren Himmel. Er konnte sich nur allzu gut vorstellen, was für Anwärter die Hassells im Auge hatten: vermeintlich glücklich verheiratete Architekten mit einem geregelten Familienleben und dem Kopf voller einfallsloser Designs.

Es war absurd, dass ausgerechnet ein verheirateter Profi die Ideen der Hassells umsetzen sollte. Familiäre Werte hatten nicht den geringsten Einfluss auf die Arbeit – zumindest keinen positiven. Er selbst sollte es wohl wissen. Sein Leben bestand nur aus Arbeit, und was Familie betraf …

Er unterdrückte einen Fluch und ballte frustriert die Hände zu Fäusten. Um jeden Preis wollte er diesen Auftrag an Land ziehen. Es war mehr als nur eine fantastische Herausforderung. Mit dieser Chance konnte Julian endlich beweisen, was in ihm steckte. Er war einfach der beste Mann für den Job, falls er diese Gelegenheit beim Schopfe packte.

Doch er war nicht verheiratet.

Einige Stunden nach dem Telefongespräch mit Eric gelang es Julian, Jan Hassell zu kontaktieren. Und nachdem er ihm seinen Lebenslauf und ein paar Entwürfe gefaxt hatte, bekam er von Hassell sogar eine Wochenendeinladung nach Sint Rimbert, zusammen mit zwei anderen Architekten.

Jetzt war Julian lediglich einen Steinwurf von seiner persönlichen Erfolgschance entfernt. Er brauchte nur noch eine geeignete Frau an seiner Seite, um zu beweisen, dass er über das erwartete, verflixte Familienverständnis verfügte, das für diese Aufgabe so unabdinglich zu sein schien.

Unwirsch kritzelte er ein paar Unterschriften auf die Papiere, die seine Sekretärin ihm vorgelegt hatte, als er plötzlich erstarrte. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte die perfekte Idee – die perfekte Frau.

Nur wusste sie noch nichts von ihrem Glück…

„Ich bin froh, dass es dir so gut geht, Dani“, sagte Susan am Telefon und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Es war albern, sich so niedergeschlagen zu fühlen. Dani war glücklich, genoss ihr Leben an der Universität und tat all die Dinge, die eine Achtzehnjährige tun sollte.

Das hatte Susan sich immer für ihre Schwester gewünscht.

Am anderen Ende der Leitung ertönte dumpfes Männerlachen. „Ich muss gehen“, rief Dani in den Hörer. „Ein paar Freunde kommen heute zum Feiern vorbei.“

„Es ist doch erst fünf Uhr!“ Erschrocken hörte Susan den strengen Unterton in ihrer eigenen Stimme.

„Aber es ist schon Donnerstag, Susan“, erwiderte ihre Schwester lachend. „An der Uni beginnen die Wochenenden eben immer früh!“ Wieder erklang männliches Gelächter, und Dani setzte schuldbewusst hinzu: „Hast du auch Pläne fürs Wochenende? Dein erstes ganz allein!“

„Ja.“ Erfolglos bemühte sie sich, enthusiastisch zu klingen. „Ja, ich werde …“ In ihrem Kopf war nur Leere. Ein Buch lesen? Baden gehen? Einfach schlafen?

„Die Stadt auf den Kopf stellen?“ Wenn das sarkastisch klingen sollte, verbarg Dani es zumindest gut, trotzdem versetzte diese Bemerkung Susan einen Stich. „Du solltest es wagen, Susan! Bisher hast du viel zu viel Zeit damit verbracht, dich um mich zu kümmern. Genieße dein Leben – oder wenigstens einen Mann!“ Sie kicherte übermütig. „Jemand ruft nach mir, ich muss jetzt gehen.“ Immer noch kichernd legte sie den Hörer auf.

Genieße dein Leben!, dachte Susan spöttisch. Leichter gesagt als getan. Für Dani war das natürlich einfach, so unbeschwert, gedankenlos und jung, wie sie war. Sie hatte keinerlei Sorgen, Verbindlichkeiten und Rechnungen, die sie in die Knie zwangen.

Susan seufzte schwer. Sie wollte nicht schlecht über ihre Schwester denken. Denn schließlich hatte Susan freiwillig so hart gearbeitet und ihre eigenen Träume geopfert, um Dani die ihren zu erfüllen.

Jetzt war es endlich so weit, und Susan sollte sich eigentlich für sie freuen. Und das tat sie ja auch, das tat sie wirklich!

Entschlossen stand sie von ihrem Schreibtisch auf. Wenn sie die Stadt vielleicht nicht ganz auf den Kopf stellte, konnte sie doch zumindest versuchen, sich etwas zu amüsieren. Vielleicht einen Abstecher in ein Weinlokal der Rose Street wagen, möglicherweise kam ja auch der eine oder andere Kollege von ihr mit.

Insgeheim hatte sie sogar ein Auge auf einen befreundeten Architekten geworfen: John Soundso. Natürlich kannte er nicht einmal ihren Vornamen, niemand im Büro kannte ihn.

Selbst während der Wochenendplan allmählich in ihrem Kopf Gestalt annahm, wusste Susan schon, dass sie ihn niemals in die Tat umsetzen würde. Sie traute sich nicht und hatte obendrein gar keine Ahnung, wie sie es anstellen sollte.

Seufzend griff sie nach ihrer Handtasche. Jetzt musste sie nur noch sichergehen, dass ihr Boss ihre Dienste heute nicht mehr benötigte, dann konnte sie nach Hause gehen. Allein, einsam, so wie jeden Tag.

Sachte klopfte sie an Julian Douglas’ Tür.

„Herein.“

Sein scharfer Tonfall ließ sie zusammenzucken. Julian Douglas war nur etwa eine Woche pro Monat im Edinburgh-Büro, und Susan musste zugeben, dass ihr die restlichen drei Wochen weitaus angenehmer waren. Seine barsche, dominante Art war via E-Mail oder Kurznachricht wesentlich besser zu ertragen als von Angesicht zu Angesicht.

Sie öffnete die Tür. „Mr. Douglas? Ich wollte gerade gehen, es sei denn, Sie brauchen mich noch?“

Julian stand am Fenster und hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben. „Sie brauchen?“, wiederholte er gedehnt und schien über diese Frage nachzudenken. Dann sah er Susan beinahe feindselig an. „Um offen zu sein, das tue ich.“

„In Ordnung.“ Geduldig wartete sie auf weitere Instruktionen. Sie war es gewohnt, Überstunden zu machen, wenn Julian in der Stadt war.

„Verfügen Sie über einen gültigen Reisepass?“

Verwirrt blinzelte sie ein paar Mal. „Ja …“

„Gut.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich habe einen geschäftlichen Termin und benötige eine Sekretärin, die mich begleitet.“

Susan nickte, so als hätte sie derartige Termine schon öfter wahrgenommen. Aber in den zwei Jahren, die sie bereits für Douglas Architectual Designs arbeitete, hatte sie Julian niemals begleitet, nicht einmal auf eine der Baustellen. Er zog es vor, die meisten Ortstermine allein wahrzunehmen. Außerdem würde er wohl eher eine seiner Londoner Assistentinnen mitnehmen und kein einfaches Mädchen aus der Provinz.

„Wo soll es denn hingehen?“, erkundigte sie sich zaghaft.

„Wir reisen morgen Abend ab in Richtung holländische Antillen, Rückflug ist dann am Montag. Es handelt sich um einen äußerst wichtigen Auftrag.“ Er zog die Stirn in Falten und sah Susan direkt in die Augen. „Verstehen Sie das?“

Wieder nickte sie, und ihre Gedanken überschlugen sich. Die Antillen lagen in der Karibik, und das bedeutete mindestens acht Stunden Flug dorthin. Wenn Julian nur wegen eines potenziellen Auftrags so weit reiste, musste es sich um eine ernste Angelegenheit handeln.

Susan hatte sich schnell wieder im Griff. „Kann ich etwas tun, um diese Reise vorzubereiten?“

„Ja, buchen Sie die Tickets.“ Er schob ihr ein paar Unterlagen entgegen. „Hier steht alles drin, was Sie wissen müssen. Morgen werde ich nicht im Büro sein, und das bedeutet, wir treffen uns erst am Flughafen. Erste-Klasse-Lounge. Die Infos können Sie mir per SMS schicken.“

Mit geübtem Blick überflog Susan die Papiere und verkniff es sich, weitere Fragen zu stellen. Dabei hätte sie nur zu gern gewusst, was sie beispielsweise einpacken sollte – und vor allem, warum er ausgerechnet sie für diesen Job ausgewählt hatte.

Energisch schob sie ihre Neugier beiseite. „Ist das alles?“

Sein Blick wurde etwas entspannter, und seine Mundwinkel umspielte ein leises Lächeln. Susan bekam den Eindruck, dass sie genau das tat, was er von ihr erwartete – und es gefiel ihr nicht besonders.

„Ja, das ist alles.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, widmete er sich wieder seiner Arbeit.

Susan schlich aus seinem Büro und kehrte mit wackligen Knien an ihren Schreibtisch zurück.

Ich fliege in die Karibik, dachte sie fassungslos und gab sich für einen Moment den traumhaften Bildern in ihrer Fantasie hin: weiße Sandstrände, bunte Cocktails, tropische Wälder, lachende Menschen und sanfte Abendbrisen. Es war, als würde ein großes, unerwartetes Abenteuer vor ihr liegen …

Wer konnte schon wissen, was geschah oder wem sie dort möglicherweise begegnete? Das Wichtigste war: Sie hatte Pläne für dieses Wochenende, gigantische Pläne!

Nachdem sie die notwendigen Reisevorbereitungen veranlasst hatte, schlüpfte Susan in ihren Mantel. Sie flog in die Karibik … mit Julian Douglas!

Einen Augenblick lang versuchte sie sich auszumalen, wie sich so ein Wochenende an der Seite ihres Chefs anfühlen würde. Zusammen in einem Flugzeug, in einem Hotel, am Strand.

Entspannte er sich vielleicht sogar in so einer traumhaften Atmosphäre? Oder war er verkrampft und kurz angebunden – wie sonst auch?

Wie er wohl aussieht, wenn er tatsächlich mal lächelt?, überlegte sie, aber dieser Gedanke war einfach zu abwegig. Sie hatte Julian Douglas niemals gut gelaunt erlebt, aber das war in diesem Moment auch vollkommen gleichgültig. Sie würde für ihn Notizen machen und ihm seine Unterlagen hinterherschleppen – mehr erwartete er schließlich nicht von ihr.

Trotzdem war die Vorstellung, mit diesem Mann ein exotisches Wochenende zu verbringen, reizvoll und unheimlich aufregend. Nachdem ihr soziales Leben auf dem Nullpunkt angekommen war, weil Susan sich mit Leib und Seele nur um ihre Schwester gekümmert hatte, war es nun an der Zeit, eine ganz neue Ära zu beginnen. Und den Anfang machte Susan an diesem Wochenende in der Karibik – wenn das kein Glücksfall war!

Sie unterdrückte ein hysterisches Lachen und verspürte plötzlich unbändige, mädchenhafte Freude. Drei Tage in Sint Rimbert, und mit einem Mal schien alles möglich zu sein! Sie tat genau das, was Dani von ihr erwartete, und packte das Leben bei den Hörnern. Es war der Neuanfang von … irgendetwas Tollem. Auch wenn Julian Douglas dabei war, würde sie sich dennoch amüsieren, interessante Menschen kennenlernen und neue Orte sehen.

Leichtfüßig durchquerte sie auf dem Heimweg die Altstadt von Edinburgh und steuerte auf das georgianische Stadthaus zu, das inmitten aufwändig renovierter Häuser schäbig und heruntergekommen wirkte. Es sah wie ein Unkraut zwischen bildschönen Rosenstöcken aus. Leider fehlte Susan das Geld für neue Fenster, einen neuen Fassadenanstrich und für die Beseitigung der zahllosen anderen Makel, aber immerhin war dies ihr Zuhause. Ein Heim voller Erinnerungen, das sie um jeden Preis erhalten wollte.

Im Vorflur fiel ihr auf, wie still und trostlos die Atmosphäre war, seit Dani zur Universität ging.

„Mit achtundzwanzig Jahren schon ein Gluckensyndrom“, murmelte sie spöttisch, um sich selbst aufzuheitern. Dann stellte sie das Küchenradio laut und ging nach oben, um sich umzuziehen.

Er hatte eine Frau gefunden. Julian wusste, dass er nun keine Fehler machen durfte. Es war ein schwieriges Unterfangen, solch eine Täuschung aufrechtzuerhalten.

Trotzdem war er sicher, seine Sekretärin fest im Griff zu haben. Jemandem wie ihr war am besten mit Einschüchterung beizukommen. Miss Chandler war eine dieser typischen unglücklichen Personen, die ihr Leben lang von anderen benutzt wurden, ob sie es nun wollte oder nicht.

Nutze die Menschen aus, oder sie werden dich ausnutzen.

Julian bevorzugte stets Ersteres.

Obwohl er froh war, seine Wahl in Bezug auf eine angebliche Ehefrau getroffen zu haben, konnte er sich nicht entspannen. Schließlich hatte er die Situation noch immer nicht völlig unter Kontrolle.

Würde seine Sekretärin als Ehefrau überzeugen? Noch hatte er ihr nicht eröffnet, was genau von ihr erwartet wurde. Das wollte er erst im Flugzeug tun, wenn es kein Zurück mehr für sie gab.

Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Wenn sie Skrupel hatte, würde er ihr einfach Geld anbieten. Niemand lehnte die Aussicht auf leicht verdientes Bares ab.

Obendrein war es mehr als offensichtlich, dass Miss Chandler ein kleines Extragehalt gut gebrauchen konnte. Ihre Erscheinung sprach hinsichtlich ihrer Kleider und ihres kosmetischen Aufwands Bände!

Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Er stellte sich vor, wie sie mit einem kleinen Koffer voller schmuckloser Outfits am Flughafen auftauchte – mit den Kleidern einer Sekretärin, nicht mit denen einer Ehefrau.

Dieses Problem musste er sofort aus der Welt schaffen. Mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen griff er nach seinem Mantel und eilte aus dem Büro.

Wegen des lauten Radios hörte sie das Klopfen an der Tür zuerst nicht – erst als das Geräusch zu einem heftigen methodischen Krach anschwoll.

Susan legte ihr Küchenmesser beiseite, stellte die Musik leiser und eilte mit klopfendem Herzen zur Tür.

Wer hämmert derart heftig gegen eine Wohnungstür, schoss es ihr durch den Kopf. Polizei oder vielleicht ein Betrunkener?

Durch das schmale Fenster am Flur erkannte sie Julian, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Mit bebenden Händen fuhr sie sich durch die Haare und schloss dann auf.

„Mr. Douglas?“ Unsicher sah sie ihn an und wunderte sich über seinen finsteren, abweisenden Gesichtsausdruck. Trotz seiner Grabesmiene war er ein ausgesprochen attraktiver Mann, das wusste sie bereits seit dem ersten Tag, den sie für ihn gearbeitet hatte.

„Ich muss mit Ihnen sprechen. Kann ich hereinkommen?“

Sie nickte, obwohl sie sich in ihrem alten T-Shirt und mit den Tomatensoßenflecken an den Händen nicht gerade präsentabel fühlte.

Der Flur ihres Elternhauses war endlos lang, doch Julian schien diesen Platz allein durch seine Persönlichkeit vollständig auszufüllen. Susan fühlte sich klein und überflüssig, erst recht, als sie bemerkte, wie er einen abschätzenden Blick über die marode Einrichtung schweifen ließ. Aus der Küche ertönte ein zischendes Geräusch, und mit einer murmelnden Entschuldigung rannte Susan fort, um ihre Tomatensoße vom Herd zu retten – leider zu spät.

Als sie sich wieder umwandte, stand Julian beinahe direkt hinter ihr und betrachtete mit ausdruckslosem Gesicht die erbärmliche Szene, wie sie den übergekochten Topf mehr schlecht als recht zu reinigen versuchte.

Sie lief dunkelrot an. „Entschuldigen Sie, ich war gerade dabei, mir etwas zu kochen“, verteidigte sie sich und schaltete das Radio ganz aus. „Möchten … möchten Sie vielleicht mitessen?“

Wortlos starrte er sie an und zog nur leicht eine Augenbraue hoch. Susan biss sich auf die Unterlippe. Schließlich wusste sie durch ihre Arbeit im Büro, dass er nur in erstklassigen Restaurants zu dinieren pflegte, vorzugsweise mit einer atemberaubenden Schönheit an seiner Seite.

Was tat er dann um diese Uhrzeit bei ihr?

Am liebsten hätte sie sich gleich noch einmal entschuldigt. „Darf ich Ihnen wenigstens den Mantel abnehmen?“

Noch immer sah Julian sie auf eine Art an, die Susan äußerst unangenehm war. Eigentlich hatte er ihr nie zuvor große Aufmerksamkeit geschenkt. Sie war lediglich jemand, der Unterlagen heranschaffte und das Telefon beantwortete. Und jetzt betrachtete er sie plötzlich, als müsste sie irgendeine Prüfung bestehen. Nur welche?

„In Ordnung“, sagte er abrupt und ließ seinen Mantel über die breiten Schultern gleiten. Dann reichte er ihn ihr. „Hängen Sie ihn weg, und dann müssen wir reden!“

Ich kenne diesen Mann eigentlich überhaupt nicht, dachte sie, als sie im Flur stand. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was er von mir will …

„Ich habe ein paar wichtige Details ausgelassen, die unsere Reise betreffen“, begann er, nachdem sie in die Küche zurückgekehrt war. „Ich muss nach Sint Rimbert, um mich für einen ausgesprochen wichtigen Auftrag zu bewerben. Jan Hassell, dem beinahe die ganze Insel gehört, hat sich dazu entschlossen, ein Luxusresort zu bauen. Und natürlich ist es sehr wichtig für ihn, dass der Architekt seiner Wahl sich entsprechend präsentiert.“ Er machte eine Pause und sah sie erwartungsvoll an.

„Ich verstehe“, entgegnete sie tonlos, obwohl das eine glatte Lüge war.

„Tun Sie das? Dann dürfte Ihnen wohl auch klar sein, dass ich nicht mit einer Sekretärin anreisen kann, die nur eine zweitklassige Garderobe besitzt.“

Susan zuckte merklich zusammen. Es war beschämend, dass sie offenbar nicht über die notwendige Ausstattung für eine solche Dienstreise verfügte. „Sie könnten mir sagen, was ich mitbringen soll“, schlug sie halbherzig vor.

Julian schüttelte den Kopf. „Meines Wissens besitzen Sie keine Kleider dieser Art.“

Stolz hob sie ihr Kinn. „Wenn ich Ihnen nicht modisch genug bin, finden Sie sicherlich im Büro eine andere Kraft, die Ihren hohen Anforderungen entspricht.“

„Mit Sicherheit“, gab er zu, „aber ich will Sie mitnehmen.“

„Nun, ich werde tun, was ich kann“, antwortete sie ausweichend. „Gibt es sonst noch etwas, das Sie mit mir besprechen wollen, Mr. Douglas?“

„Wir sollten zum Du übergehen“, sagte er unumwunden.

„Wieso?“ Susan war verblüfft, fasste sich aber im nächsten Augenblick wieder. „Aber wenn Sie … wenn du es wünschst, warum nicht?“ Schließlich war er ihr Vorgesetzter und konnte die Regeln nach Belieben festsetzen, sogar in ihrem eigenen Haus. „Ist das alles?“

„Nein.“ Sein starrer Blick raubte ihr langsam, aber sicher die Selbstkontrolle.

Richtig erschüttert war sie aber erst, als er sich ohne ein weiteres Wort zu verlieren umdrehte und auf die Treppe zusteuerte.

„Was soll das? Wo willst du hin?“, rief sie irritiert und folgte ihm.

„Nach oben“, erwiderte er ungerührt und stieg mit langen Schritten die Treppe hinauf. Im Obergeschoss öffnete er ein paar Türen, die zu unbenutzten Schlafzimmern führten. „Das hier ist ein wahres Mausoleum“, murmelte er. „Warum lebst du hier allein?“

„Es ist mein Zuhause“, antwortete sie scharf und baute sich entschlossen vor ihm auf. Sein übergriffartiges Verhalten ging jetzt langsam wirklich zu weit. „Was willst du eigentlich hier, Julian? Einmal abgesehen davon, sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufzuführen?“ Für wenige Sekunden vergaß sie, dass sie mit ihrem Arbeitgeber sprach.

„Ich will mich vergewissern, ob du über eine adäquate Garderobe verfügst.“

Und ehe Susan sich’s versah, standen sie in ihrem Schlafzimmer vor dem ungemachten Bett. Sie konnte kaum fassen, was Julian sich ihr gegenüber herausnahm. Stumm und wütend sah sie dabei zu, wie er einen prüfenden Blick in ihren Kleiderschrank warf.

„Wie ich es mir gedacht habe“, brummte er.

Susan holte tief Luft. „Ich entspreche nicht dem Bild der Frauen, mit denen du dich laut der einschlägigen Presse umgibst, das wissen wir wohl beide. Und jetzt möchte ich, dass du aus meinem Haus verschwindest! Die Tatsache, dass ich für dich arbeite, gibt dir nicht das Recht, hier in meinen Sachen herumzuschnüffeln.“

„Ich gehe“, lenkte er ein. „Aber du kommst mit mir!“

„Wie bitte?“ Sie schnappte nach Luft. „Warum sollte ich das tun?“

„Du hast keine passenden Sachen, also kaufen wir dir welche.“

„Ich will aber nicht …“

„Es geht nicht darum, was du willst. Dies ist eine höchst wichtige dienstliche Anweisung, und es geht um einen einzigartigen Auftrag. Daher zählt nur, was ich will, damit das klargestellt ist!“

Einen Moment lang war Susan zu überrumpelt, um die richtigen Worte zu finden. Am liebsten hätte sie vor Frust laut geschrien. Doch die Vernunft gewann rechtzeitig Überhand. „Schön. Dann gehe ich davon aus, dass die Rechnungen vom Büro übernommen werden?“

Ein wissendes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Selbstverständlich. Wo wir einkaufen werden, könntest du dir nicht einmal eine Garnitur Unterwäsche leisten.“

Sein Sarkasmus ließ sie kalt. „Ich würde dort auch niemals welche kaufen wollen.“ Mit hoch erhobenem Kopf ging sie ihm voran aus dem Zimmer.

2. KAPITEL

Susan saß kerzengerade auf einem cremefarbenen Ledersofa, während Julian sich im Flüsterton mit der Inhaberin einer Edelboutique in der Princes Street unterhielt.

Es ließ vermuten, welchen Respekt und welches Ansehen ein Mann wie Julian genoss, wenn allein für ihn um acht Uhr abends eine Boutique geöffnet wurde. Seine arrogante, autoritäre Ausstrahlung war für Susan eher ein Grund, sich so weit wie möglich von ihm fernzuhalten.

Mit zusammengepressten Lippen starrte sie in den Regen hinaus. Allen im Raum war klar, dass Susan ohne Anleitung nicht in der Lage war, sich eine geschmackvolle Kleiderkollektion zusammenzustellen. Aber sie selbst ließ sich von dieser Tatsache nicht weiter verunsichern. Wenn Julian darauf bestand, sie wie eine Kleiderpuppe anzuziehen, und obendrein dafür bezahlen wollte, sollte er sich seine Wunschgarderobe doch selbst aussuchen!

Aber offensichtlich betraute er eine Angestellte der Boutique mit der Aufgabe, Susan für ein ganzes Wochenende in Übersee vollständig auszustatten.

„Mr. Douglas hat den Wunsch geäußert, Ihnen Outfits für das kommende Wochenende vorzustellen“, begann die Frau freundlich. „Würden Sie bitte hier entlangkommen?“

Ohne Julian eines Blickes zu würdigen, folgte Susan der Dame in die hinteren Räume der Boutique.

„Ich bin Claire“, stellte die Verkäuferin sich vor und war dann damit beschäftigt, einzelne Kleidungsstücke aus deckenhohen Regalen zu fischen. „Sie werden mit Sicherheit zwei Abendkleider brauchen, einige legere Kleider für den Tag, einen Badeanzug …“

Die Liste wurde immer länger, und schon bald verlor Susan den Überblick. Wie in Trance strich sie hier über zarten Satinstoff oder ließ dort feinste Seide durch ihre Finger gleiten.

Warum machte Julian sich solche Umstände? Als seine Sekretärin brauchte sie keinesfalls Kleidung dieser hohen Qualität. Tat Susan ihm einfach nur leid? Das war eher unwahrscheinlich. Schämte er sich für sie? Doch selbst wenn, weniger teure Kleider hätten ihren Zweck ebenso erfüllt.

Über eine Stunde später probierte Susan die letzte Robe des Tages an: ein sündhafter stoffgewordener Traum mit Spaghettiträgern, der sich wie flüssiges Mondlicht über ihre reizvollen Kurven ergoss.

Susan selbst war sprachlos über ihre Verwandlung. Noch nie hatte sie sich so gesehen. Ihre hellblonden Haare fielen weich auf die Schultern, und die Augen wirkten in Susans hübschem Gesicht riesig groß und geheimnisvoll.

Was für eine Frau will Julian aus mir machen?, fragte sie sich bestürzt. Und warum?

„Fantastisch“, beteuerte Claire zum wiederholten Male. „Mr. Douglas wird es auch sehen wollen.“

„Ich glaube nicht, dass er …“, wandte Susan ein. Aber im nächsten Augenblick wurde sie schon in den Vorraum der Boutique geschoben, und Julian begutachtete sie schweigend von Kopf bis Fuß.

„Sehr schön“, bemerkte er schließlich. „Packen Sie es mit den anderen Sachen zusammen, wir müssen gehen.“

Susan wollte protestieren, doch ihre Widerworte gingen kläglich unter. Claire war damit beschäftigt, die Rechnung über mehrere tausend Pfund zu erstellen, und Susan blieb erst einmal nichts anderes übrig, als das teure Abendkleid vorsichtig abzustreifen.

Plötzlich spürte sie, wie sie beobachtet wurde. Atemlos drehte sie sich um und sah Julian, der von ihrem halb nackten Anblick gefesselt zu sein schien.

„Ich wollte dir nur sagen, dass du dich beeilen sollst“, brummte er schroff.

Mit gespieltem Selbstbewusstsein stemmte sie beide Hände in die Hüften. „Hast du genug gesehen?“

Ein überraschter Ausdruck huschte über sein Gesicht. „So viel gibt es ja nicht zu sehen“, sagte er verkniffen und war verschwunden, bevor Susan etwas erwidern konnte.

Wenige Minuten später saß sie mitsamt unzähliger Tüten, Taschen und Schachteln in einem Taxi. Julian wies den Fahrer an, Susan nach Hause zu bringen, danach blickte er sie über die offene Wagentür hinweg ernst an. „Das silberne Kleid“, bemerkte er barsch. „Trag es am letzten Abend.“

Sie richtete sich im Sitz auf. „Wir sehen uns morgen am Flughafen“, sagte sie spitz und streckte die Hand mit einem vielsagenden Blick nach dem Türgriff aus.

Julian stutzte, trat einen Schritt zurück und ließ es sich nicht nehmen, die Autotür selbst von außen zu schließen. Dann brauste das Taxi davon, und Susan wandte sich nicht einmal mehr nach ihm um.

In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken, und kein einziger schien wirklich Sinn zu machen …

Völlig außer Atem erreichte sie am nächsten Tag die Erste-Klasse-Lounge, in der Julian schon auf sie wartete.

„Du bist spät dran“, begrüßte er sie trocken.

„Tut mir leid“, gab sie ebenso tonlos zurück. „Ich bin es nicht gewohnt, mit so viel Gepäck zu reisen.“

Er widmete sich wieder seinen Papieren. „Vermutlich bist du es überhaupt nicht gewohnt zu verreisen“, murmelte er kaum verständlich.

Mühsam verkniff sie sich einen Kommentar darauf und setzte sich stattdessen stumm ihm gegenüber in einen Sessel. Dann steckte sie ihre Haare mit einer Spange zurück und holte ein paar Mal tief Luft. Auch wenn sie sich die größte Mühe gab, Julians Erwartungen würde sie ohnehin in keiner Weise gerecht werden können.

„Du hättest dir noch deine Haare machen lassen sollen“, stellte er missbilligend fest, und Susan platzte allmählich der Kragen.

„Wenn du eine totale Typveränderung angestrebt hast, hättest du dich früher darum kümmern sollen“, konterte sie kalt. „Im Übrigen ist mir nicht ganz klar, warum die Hassells so viel Augenmerk auf deine Sekretärin verschwenden sollten.“

Konzentriert sah er auf die Unterlagen vor sich. „Ich habe doch schon hinreichend erklärt, welche Art von Eindruck wir dort machen müssen“, wich er aus.

„Meinst du, eine unmoderne Frisur könnte dich den Deal kosten?“

„Nichts darf diesem Geschäft in den Weg kommen. Absolut nichts!“

„Dann klär mich doch bitte auf, worum es eigentlich geht“, bat sie etwas versöhnlicher. „Werden noch weitere Wochenendgäste dort sein?“

„Alles andere später“, sagte er knapp, ohne dabei hochzusehen.

Ergeben lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück und betrachtete die anderen Fluggäste. Sie fühlte sich in diesen elitären Kreisen wie eine Außenseiterin. Um ehrlich zu sein, war dies sogar die erste Flugreise in ihrem gesamten Leben!

Ratlos beobachtete sie Julian aus dem Augenwinkel. Er war ein verbohrter Mann, der sich keine emotionalen Anwandlungen zu gestatten schien. Susan fragte sich, was ihn wohl so hart und unnahbar gemacht hatte. Laut der Presse versuchten berühmte Frauen immer wieder, ihn privat aus der Reserve zu locken – erfolglos.

Dabei sah er in diesem Augenblick gar nicht mehr so furchteinflößend aus. Seine schönen, reglosen Gesichtszüge wurden durch lange, weiche dunkle Wimpern gemildert, die seine intelligenten Augen umrahmten. Warum nur war er so zynisch geworden?

Jeder Mensch hatte eine eigene Geschichte, eine persönliche Vergangenheit, die ihn prägte. Susan dachte an ihr eigenes Schicksal, den Tod ihrer Eltern vor zehn Jahren, die Verantwortung für ihre kleine Schwester Dani.

Als Susan wenig später in den geräumigen Sitzen der ersten Klasse zur Begrüßung Erdbeeren und Champagner serviert bekam, drehte sie gedankenverloren das Glas in beiden Händen. Seit Jahren hatte sie keinen Schluck Champagner mehr getrunken, und der köstlich prickelnde Tropfen machte sie daher leicht schwindelig. Vielleicht war es aber auch nur die unwirkliche Situation, hier mit Julian Douglas beisammenzusitzen und in ein gemeinsames Wochenende zu fliegen …

Plötzlich fiel ihr auf, wie eine fremde Frau sie neidisch anstarrte, und Susan beschlich der Gedanke, dass sie und Julian wie ein Liebespaar wirken mussten. Von der Seite sah sie ihren Chef an, der mit düsterer Miene aus dem Fenster blickte, und wandte eilig ihren Blick ab, um nicht vor lauter Ironie loszulachen.

Als die Maschine sich in Bewegung setzte und auf die Startbahn zurollte, presste Susan sich in ihre Rückenlehne und spürte, wie ihre Nerven langsam verrückt spielten.

Julian bemerkte mit hochgezogenen Augenbrauen, wie sie sich an ihre Armlehnen krallte. „Bist du nervös?“, erkundigte er sich gelangweilt.

„Ein wenig“, gab sie zu. „Ich bin noch nie geflogen.“

„Aber du hast doch einen Pass.“

„Ich war einmal mit dem Zug in Paris.“ Sollte er doch von ihr denken, was er wollte!

„Verstehe.“

Einige Momente später hob das Flugzeug ab und stieg in den klaren blauen Himmel auf. Susans Magen verkrampfte sich, doch sobald sie ihre Flughöhe erreicht hatten, konnte sie sich wieder etwas entspannen. Mutig bestellte sie sich beim Steward einen Orangensaft und zuckte leicht zusammen, als Julian sie ansprach.

„Wir müssen etwas klären!“

Erwartungsvoll sah sie ihn an. „Okay.“

„Deine Rolle ist an diesem Wochenende von außerordentlicher Bedeutung.“

Nun war es an ihr, die Augenbrauen hochzuziehen. „Sollte ich das jetzt verstehen?“

„Was weißt du über die Hassells?“, fragte er, und Susan zuckte die Achseln.

„Nur das, was du mir erzählt hast“, räumte sie ein.

„Lies das!“ Er reichte ihr einen Ordner mit dem Titel Die Hassells: Eine Familie, eine Dynastie. In mehreren Artikeln war dort beschrieben, wie die holländische Großfamilie seit mehr als hundert Jahren auf Sint Rimbert lebte und arbeitete. Susan las alles über Jan Hassell, seine Ehefrau Hilda und ihre drei Söhne, die mittlerweile als Unternehmer in verschiedenen Weltmetropolen Spitzenpositionen innehatten.

Das Hauptaugenmerk der Familie lag aber auf der Entwicklung lokaler Wirtschaftsformen. Sie wollten die Insel so umwelt- und familienfreundlich wie nur irgend möglich ausbauen. Offenbar hatte die familiäre Tradition der Hassells bei all ihren Projekten allerhöchste Priorität.

Als Susan ihre Lektüre beendet hatte, merkte sie erst, wie finster Julians Miene inzwischen war.

„Begreifst du jetzt?“

Nein, das tat sie nicht! „Scheint eine bemerkenswert nette Familie zu sein“, sagte sie und klappte den Ordner zu. Jedenfalls schienen sie nicht zu der Sorte Mensch zu gehören, die eine einfache Sekretärin nach der Qualität ihrer Kleidung beurteilten.

„Familienwerte“, blaffte er.

Susan hatte das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen. „Sie scheinen es jedenfalls nicht nur auf ihren wirtschaftlichen Vorteil abgesehen zu haben.“ Laut den Unterlagen war das Motto für ihr geplantes Resort „ein Weg, die Schönheit unserer Insel mit anderen wertvollen Menschen teilen zu können“.

„Jedem Menschen geht es in erster Linie um Geld“, stellte Julian schlicht klar. „Die Hassells wollen dafür aber einen Architekten engagieren, der mit ihrer Vorstellung von familiären Werten konform geht. Sie haben an diesem Wochenende drei Architekten eingeladen, mich eingeschlossen. Soweit ich das beurteilen kann, soll jeder auf überglückliche Familie machen und abends begeistert Lieder am Lagerfeuer singen“, setzte er sarkastisch hinzu.

Verwundert blickte sie ihn an. Nach ihrem Verständnis war Julian Douglas so weit von einer glücklichen Familie entfernt, wie man das nur sein konnte.

„Sie haben mich mit eingeladen, weil ich behauptet habe, frisch verheiratet zu sein und mich auf meine zukünftige Familie zu freuen“, erklärte er stockend.

„Aber … das entspricht nicht der Realität.“

„Doch, an diesem Wochenende tut es das“, fiel er ihr mit Bestimmtheit ins Wort.

Susan war absolut fassungslos. Ihr Magen drehte sich um, und sie gab sich alle Mühe, irgendeinen Sinn in seinen Worten zu erkennen. Verwirrt fuhr sie mit der Zunge über ihre trockenen Lippen.

„Aber wie …“, begann sie und brach ab. Dann schüttelte sie den Kopf. „Was willst du mir damit sagen?“, erkundigte sie sich heiser.

„Ich erzähle dir gerade“, antwortete er klar und deutlich, „dass du an diesem Wochenende nicht meine Sekretärin bist – sondern meine Ehefrau.“

Fremde Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Verschlungene Hände, nackte, aneinandergepresste Körper, Liebe, Sex!

Sie blinzelte.„Deine Ehefrau?“,wiederholte sie.„Du meinst … wir sollen ihnen etwas vorspielen?“

Sein kaltes Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Dachtest du, ich würde richtig ernst machen?“

„Du willst, dass ich lüge?“, erkundigte sie sich ungläubig und kämpfte gegen eine leichte Übelkeit an. „Du willst diese Menschen, für die du arbeiten möchtest, täuschen? Damit du deinen schwachsinnigen Auftrag zugesprochen bekommst?“

Er schien ungerührt. „Das ist keine feine Art, es in Worte zu fassen.“

Langsam machte alles einen Sinn: die plötzliche Reise, die teuren Kleider, der gezwungen private Umgang miteinander … Alles war Teil eines abgekarteten Spiels.

Susan wandte sich ab und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Es war unmöglich, es war falsch! Sie konnte sich nicht als Julians Frau ausgeben, schließlich mochte sie ihn nicht einmal besonders – sie kannte ihn ja kaum. Und eine solche Scharade war schon gar nicht ihr Stil.

Darüber hinaus würden sie gezwungen sein, Intimität vorzutäuschen, vielleicht sogar miteinander intim zu werden. Ein aufregender Gedanke, den sie nicht zu Ende denken wollte, nicht zu Ende denken durfte …

Ihr Blick wanderte zurück zu Julian, der gelassen in seinem Sessel saß und sie unverwandt anstarrte, so als könnte er ihren gesamten Gedankenprozess mitverfolgen.

Sie räusperte sich und rang um Fassung. „Selbst wenn ich zustimmen würde, was nicht der Fall ist, wie sollte das wohl funktionieren? Du bist wahrlich unglaublich, Julian!“ Susan schnitt eine Grimasse. „Skrupellos. Wenn Jan Hassell mit dem Gedanken spielt, dich zu beauftragen, wird er auch Erkundigungen über dich eingeholt haben. Ein Blick ins Internet genügt, um sich ein Bild von deinen sogenannten Familienwerten zu machen.“ Fotos, auf denen er seine letzte glamouröse Eroberung im Arm hielt, tauchten vor ihrem inneren Auge auf.

Julian grinste. „Ich bin ein geläuterter Mann.“

Sie lachte trocken. „Um das glaubhaft zu machen, müsstest du ein erstklassiger Schauspieler sein.“

Mit blitzenden Augen lehnte er sich vor und senkte die Stimme zu einem rauen Flüstern. „Das bin ich auch.“

„Ich kann es nicht tun“, sagte sie schlicht. „Es wäre falsch.“

„Aber es ist doch wohl kaum fair, dass ich als Karrieremensch diskriminiert werde, nur weil ich keine eigene Familie gründe“, versuchte er sie zu überreden.

„Trotzdem bleibt es Betrug.“

„Damit hast du natürlich recht“, lenkte er ein. „Aber hier geht es doch in erster Linie um die Idee, ein perfektes Resort zu planen. Und du weißt, dass ich mit meinem Können eine Vielzahl anderer Familien glücklich machen würde.“

Das wusste sie in der Tat. Sie selbst hatte einst Ambitionen gehabt, sich als Architektin zu versuchen. Und sie kannte Julians Arbeit gut genug, um sie als brillant, modern und überaus praktisch einzustufen. „Wie sollte so etwas denn überhaupt funktionieren?“, hörte sie sich fragen. „Du kennst mich doch gar nicht. Wie willst du dich da als liebenden Ehemann ausgeben?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das ist alles lächerlich.“

Sein Lächeln war – ganz anders als sonst – plötzlich warmherzig und aufmunternd. Mit dem Handrücken strich er leicht über ihre Wange, und Susan spürte, wie ihre Abwehr in sich zusammenfiel.

„Ich bin ein guter Schauspieler“, versicherte er ihr mit sanfter Stimme. „Wir schaffen das schon.“

„Ich bin es aber nicht!“

„Vielleicht wirst du dich gar nicht so sehr verstellen müssen“, murmelte er geheimnisvoll.“ Mit diesen Worten wandte er sich an eine Stewardess und bestellte noch mehr Champagner. „Wir sind frisch verheiratet, und das wollen wir feiern“, rief er laut, und Susan zuckte zusammen.

„Das hättest du nicht tun sollen“, zischte sie erbost und ärgerte sich über ihre eigene Schwäche und Inkonsequenz. Aber die Aussicht, ein Wochenende lang wie eine Königin behandelt zu werden, erschien ihr von Minute zu Minute reizvoller …

Trotzdem riss sie sich energisch zusammen. „Noch habe ich nicht zugestimmt. Selbst wenn es dir leichtfällt, den Hassels vorzuspielen, du wärst in mich verliebt, kann ich diese Farce unmöglich mitmachen.“

Der Champagner wurde serviert, und Julian hob mit großer Geste sein Glas. „Du hast bereits akzeptiert, auf meine Kosten in die Karibik zu fliegen, hast dich von mir mit teuersten Kleidern ausstatten lassen – wer würde dir glauben, dass du dieses Spiel nicht von Anfang an durchschaut hast, Schätzchen?“

„Nenn mich nicht Schätzchen!“ Sie war verwirrt, und seine letzten Worte zeigten ihr, wie tief sie schon in dieser Sache steckte. Selbst wenn sie es wollte, sie hatte Julians Entschlossenheit wenig entgegenzusetzen. „Warum ist dir dieser Auftrag eigentlich so wichtig?“

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist eine Riesenchance für mich. Eine Herausforderung.“

„Trotzdem riskierst du viel zu viel dafür. Den Hassells hast du schon vorgelogen, dass du verheiratet wärst. Das könnte deine gesamte Karriere ruinieren. Irgendjemand könnte zufällig die Wahrheit erfahren. Außerdem wirst du mindestens ein Jahr lang an diesem Resort arbeiten. Wie willst du den anderen erklären, dass du plötzlich nicht mehr verheiratet bist?“

Wieder zuckte er die Achseln. „Trennung? Scheidung? Oder ich behaupte einfach, du würdest irgendwo brav auf mich warten.“ Sein Lächeln war eiskalt.

„Die Presse könnte Wind von dieser Angelegenheit bekommen.“

„Ach, die Hassells tauchen nie in den britischen Medien auf“, winkte er ab. „Und niemand in England hat eine Ahnung davon, wo ich mich an diesem Wochenende befinde.“

„Aber sie werden es spätestens wissen, sobald du den Zuschlag erhältst“, konterte sie.

„Heißt das, du machst mit?“

Susan seufzte. „Habe ich denn eine Wahl? Wenn deine Karriere am Ende ist, habe ich selbst auch keinen Job mehr. Und ich kann darauf verzichten, wegen eines Skandals von der Presse belagert zu werden. Obendrein will ich nicht, dass meine …“ Sie brach erschrocken ab.

„Deine Schwester?“, drängte er.

Entsetzt starrte sie ihn an. „Was weißt du über meine Schwester?“

„Du kümmerst dich seit etwa zehn Jahren um sie. Seit dem Tod eurer Eltern“, antwortete er ruhig. „Wie alt ist sie jetzt? Achtzehn? Tja, schlechte Publicity würde ihr bestimmt nicht guttun.“

Wutschnaubend wollte Susan sich losschnallen, aber Julian packte mit einer schnellen Bewegung ihr Handgelenk. „Na, na, Susan. Du willst uns doch nicht schon so früh auffliegen lassen?“

Sie schluckte ihren Ärger hinunter und bemühte sich krampfhaft, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. „Wieso das alles?“, fragte sie erstickt.

Julian schwieg einen Moment. „Wenn du es durch dieses Wochenende schaffst, zahle ich dir für den Rest des Jahres doppeltes Gehalt. Und ich garantiere dir, dass ich deinen Namen aus der Presse heraushalten werde, sollte diese Geschichte jemals ans Licht kommen.“

Überrascht riss sie die Augen auf. „Wie willst du das anstellen?“

„Überlass das nur mir, in diesem Punkt kannst du dich voll und ganz auf mich verlassen. Ich gehe keine unnötigen Risiken ein.“

„Dies scheint mir aber ein ziemlich unnötiges Risiko zu sein“, widersprach sie barsch.

„Aber nicht uninteressant, das musst du zugeben“, erwiderte er grinsend und brachte sein Gesicht ganz dicht an ihres. „Und sogar ein wenig reizvoll …“ Sein Atem streifte ihre Wange, und Susan bekam eine Gänsehaut.

Der magische Augenblick war vorbei, und Julian lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Es könnte für uns beide ein einzigartiges Abenteuer werden“, fuhr er fort, und Susan vermochte nicht zu deuten, was genau er damit meinte.

Dann wurde sein Blick wieder intensiver, und in seinen Augen glitzerte es verdächtig. „Du wirst in einer wunderschönen karibischen Villa wohnen“, erklärte er in seidenweichem Ton. „Du wirst teuren Wein trinken, köstliches Essen zu dir nehmen, atemberaubende Designerkleider tragen und interessante Menschen treffen. Welche Frau würde das nicht genießen?“

Damit hatte er natürlich recht, das musste sie zugeben. Obwohl diese ganze Idee äußerst bizarr war …

Andererseits hatte Susan in ihrem bisherigen Leben wenig außergewöhnliche Erfahrungen gemacht, wenig gewagt. Ständig galt ihre Sorge nur ihrer kleinen Schwester. Die Vorstellung, sich mit Julian auf dieses verbotene Spiel einzulassen, war mehr als verlockend.

Es fiel ihr immer schwerer, an ihrer Vernunft festzuhalten. „Was ist mit dir? Warum wäre es für dich ein Abenteuer?“, wollte sie wissen.

„Weil ich es mit dir zusammen erlebe“, antwortete er unumwunden, und dieses Geständnis versetzte ihr einen heißen Stich in der Magengegend. Meinte er das etwa ernst? „Also, kann ich auf dich zählen?“

Das Rauschen in Susans Kopf machte es ihr unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie wurde von ihrem eigenen Übermut mitgerissen und wusste genau, dass es nun ohnehin kein Zurück mehr für sie gab.

„Ja, ich mache mit“, sagte sie leise und spürte, wie Julian ihre Hand nahm.

„Ich kann es kaum erwarten“, murmelte er.

Seit er sie in diesem silbernen Abendkleid bewundern durfte, fragte er sich im Stillen, ob er sie an diesem Wochenende verführen würde. Er musste vorsichtig sein, mit Bedacht vorgehen, denn Susan Chandler ließ sich offenbar nicht gern manipulieren. Aber in diesem Augenblick war nur wichtig, dass er sie in der Hand hatte – denn genau dort wollte er sie haben …

3. KAPITEL

Während des ausgiebigen Abendessens einigten sie sich auf die Geschichte ihres Kennenlernens.

„Im Zweifelsfall sollten wir so nahe wie möglich bei der Wahrheit bleiben“, schlug Julian vor. „Umso geringer ist das Risiko, dass wir uns verraten. Und jetzt zu den Tatsachen: Wir sind seit sechs Wochen verheiratet. Du hast lange für mich gearbeitet, und irgendwann …“

Susan spürte, wie sie immer begeisterter wurde. Sie war mit Leib und Seele in dieses Spiel eingetaucht und wollte flirten, Spaß haben, sich amüsieren. „Eines Tages“, begann sie lächelnd, „habe ich mit ein paar Unterlagen auf dem Arm dein Büro betreten, und da ist es dir einfach klar geworden.“ Sie seufzte, und Julian sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Du hast mir in die Augen gesehen und gespürt, wie einsam und leer dein Leben ohne mich ist – wie absolut bedeutungslos. Das stimmt doch, oder?“

Sie gestattete sich sogar, mit einem Finger über seine raue Wange zu streicheln. „Natürlich kam alles sehr plötzlich für dich, ist ja verständlich. Ich hätte niemals auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass mein Vorgesetzter ernsthaft an mir interessiert sein könnte. Aber du hast wieder und wieder darauf bestanden, mich zum Essen ausführen zu dürfen, und der Rest …“ Sie lachte leise. „Der Rest ist Geschichte.“

Noch bevor sie ihre Hand zurückziehen konnte, griff Julian danach und hob sie an seine Lippen. „Genau so war es, Liebling. Ich werde nie den Moment vergessen, als mir klar wurde, dass ich mich hoffnungslos in dich verliebt habe.“ Zärtlich küsste er ihre Fingerspitzen, und Susan schnappte hörbar nach Luft. Mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen fuhr er fort: „Und du hast deine Liebe für mich entdeckt.“ Er sog leicht an einem Finger und genoss die Macht, die er auf Susan ausüben konnte. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sie ihr Gesicht von ihm abwandte.

Dann ließ er ihre Hand fallen. „Trag aber nicht zu dick auf!“, riet er ihr trocken. „Sonst werden sie wirklich misstrauisch.“

Nach diesem sinnlichen Exkurs war Susan sich nicht mehr sicher, ob sie diese Scharade erfolgreich zu Ende bringen konnte. Nicht ihr Ruf oder ihre Karriere standen auf dem Spiel, sondern ihr Körper und vor allem ihr Herz!

Irgendwie überstand sie den Rest des Fluges, ohne sich ein weiteres Mal in eine so aufwühlende Situation zu bringen, in der ihre Hormone verrücktspielten.

Kurz vor der Landung steckte Julian ihr einen Ring aus Platin an den Finger. „Hier, dein Ehering!“

Wie betäubt starrte Susan das Schmuckstück an. Er war ein wenig zu groß, allerdings sah man das nicht auf den ersten Blick.

Es ist zu spät für Bedenken, ermahnte sie sich. Ich habe zugelassen, dass Julian mich mit seinen Worten und seinen Taten verführt!

Nachdem sie gelandet waren, verabschiedete sich am Ausgang ein junger Pilot mit holländischem Akzent von ihnen, und wenige Minuten später blinzelte Susan zum ersten Mal in das karibische Sonnenlicht.

Anschließend stiegen sie in ein kleineres Flugzeug um, und Susan wurde zunehmend nervöser. Auf diesen Teil der Reise hatte sie sich mental nicht vorbereitet, und so beschlich sie das ungute Gefühl, mehr und mehr die Kontrolle über die Dinge zu verlieren.

Aber Julian flüsterte ihr während des kurzen Fluges beruhigende Worte ins Ohr, und bald hatte Susan den Eindruck, er ginge in seiner Rolle als liebender Ehemann vollkommen auf.

„Dort unten befindet sich Sint Rimbert, das Juwel in diesem Teil der Karibik“, erklärte der Pilot über Bordlautsprecher.

Man erkannte kleine Häuser, die sich an einen hohen Berg schmiegten, und Susan war von der Schönheit und Farbenvielfalt der Natur auf dieser Insel völlig überwältigt.

„Es ist hinreißend schön“, wisperte sie tief beeindruckt.

Als sie am Ende der kleinen Landebahn aus der Maschine stiegen, sog Susan den Duft tropischer Blumen ein, der in der sommerlichen Luft hing. Der Himmel über ihnen war tiefblau, nur ein paar durchsichtige weiße Wolken zogen langsam vorüber.

Zuversicht und überschäumende Begeisterung erfüllten Susan mit jedem Atemzug. Sie würde diese wenigen gestohlenen Tage nach Herzenslust genießen, auch wenn sie dabei auf ihre Gefühle achtgeben musste. Es sollte eine Erfahrung werden, die sie nie wieder vergessen würde.

Ein kleiner, stämmiger Mann mit Halbglatze eilte auf sie zu. „Mr. Douglas! Es ist uns eine Freude – eine außerordentliche Freude!“ Er streckte zur Begrüßung seine Hand aus, und Susans Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Dies musste Jan Hassell sein, der Mann, den sie betrogen.

Schluss damit, rief sie sich zur Ordnung. Die Entscheidung ist gefallen, und für Schuldgefühle ist später noch Zeit.

Jetzt wandte sich Jan Hassell an sie. „Und Sie sind bestimmt die Braut!“, rief er strahlend, und seine gebräunte Stirn legte sich in sympathische Falten.

Susan erwiderte sein Lächeln und ergriff hilfesuchend Julians Hand. „Bitte nennen Sie mich doch Susan“, bat sie und warf dann einen Seitenblick auf ihren angeblichen Ehemann.

Jan Hassel klatschte überwältigt in die Hände. „Ach, man sieht genau, wie verliebt Sie sind. Meine Frau Hilda wird alles darüber wissen wollen, wie Sie beide sich kennengelernt haben“, warnte er sie vor.

Noch mehr Menschen, die du belügst, flüsterte Susans Gewissen ihr zu. „Oh, darüber sprechen Frauen mit Begeisterung“, behauptete sie lachend. „Ich werde mich gern mit Hilda zusammensetzen und ihr alle Geheimnisse über Julian verraten. Aber Sie und Ihre Frau haben mit Sicherheit eine interessantere Vergangenheit!“

„Allerdings, das haben wir“, stimmte Jan fröhlich zwinkernd zu. „Aber jetzt sind Sie bestimmt sehr erschöpft. Ihr Gepäck wurde schon zu meinem Auto gebracht. Bitte folgen Sie mir!“ Er drehte sich auf dem Absatz um und steuerte auf einen großen Jeep zu.

Julian legte seinen Arm um Susans Schultern und drückte leicht ihren Oberarm. „Komm, mein Liebling“, sagte er, und in seiner Stimme klang eine leise Warnung mit. „Und denk dran“, flüsterte er ihr zu. „Trag nicht zu dick auf!“

„Den liebenden Gatten zu spielen muss dir doch völlig fremd sein“, giftete sie zurück. „Ist dir eigentlich noch irgendetwas anderes heilig außer deiner Arbeit?“

Während der Fahrt erläuterte Jan Hassell Einzelheiten über seine Insel. „Sie wissen ja, Julian, dass sie sehr klein ist. Es gibt hier nur ein Dorf, in dem weniger als sechshundert Menschen leben. Wir haben einen Arzt, der eingeflogen wird, zwei Läden und ein winziges Postamt. Das ist alles.“ Seinen Worten war zu entnehmen, wie stolz er darauf war, der Tourismuswelle bislang entkommen zu sein.

„Es war eine schwierige Entscheidung, schließlich doch ein Resort zu bauen“, fuhr er fort und lenkte den Wagen durch eine eng bewachsene schmale Sandstraße. Rechts und links sah man unzählige Kokospalmen und Bananenstauden, und Susan bemerkte sogar ein kleines Äffchen, das in einer Baumkrone herumkraxelte.

„Uns ist sehr wichtig, dass die lokale Bevölkerung durch das Resort nicht in Mitleidenschaft gezogen wird.“ Jan machte eine unwirsche Handbewegung. „Die Umwelt soll ebenfalls so wenig wie möglich beeinträchtigt werden. Für uns geht es nicht nur um eine profitable Investition.“

„Natürlich nicht“, stimmte Julian verständnisvoll zu. „Ich persönlich bin unendlich dankbar dafür, dass Sie dieses Paradies so entschieden schützen, damit Leute wie wir in den Genuss kommen, unberührte Natur genießen zu können. Es wäre mir ein Vergnügen und auch ein persönliches Anliegen, es weiterhin zu bewahren und späteren Besuchern zugänglich zu machen.“

Susan konnte nicht anders, sie bewunderte die Art, wie Julian mit Jan Hassell sprach und dessen Wünsche wie selbstverständlich übernahm. Andererseits wusste sie ja bereits, wie geschickt Julian Menschen manipulierte …

Schließlich fuhr der Jeep eine private Auffahrt entlang und passierte ein riesiges hölzernes Eingangstor. Dahinter erstreckten sich gepflegte Gartenanlagen, die von tropischem Wald eingerahmt waren. Sie überquerten eine kleine hölzerne Brücke, unter der ein silbriger Bach entlangströmte.

Die Auffahrt machte dicht am Meer einen Bogen und endete vor einer niedrigen, weitläufigen Villa, deren Außenwände weiß getüncht waren und sich von den terrakottafarbenen Dachziegeln schmuckvoll absetzten.

Onze Parel“, sagte Jan hingebungsvoll und brachte den Wagen vor seinem Zuhause zum Stehen. „Unsere Perle. Mein Urgroßvater hat ihm diesen Namen gegeben, und es ist in der Tat eine unbezahlbare Perle.“

„Ihre Familie lebt seit gut hundert Jahren auf dieser Insel?“, erkundigte Susan sich höflich.

„Ja. Zuvor war sie kaum bevölkert, höchstens mit Strafgefangenen und Piraten. Dann erhielt mein Urgroßvater von der holländischen Königin Wilhelmina einen Teil der Insel als Gegenleistung für seine Kriegsverdienste. Er baute den Hafen aus, damit Schiffe sicher einfahren konnten, und legte eine riesige Plantage an.“ Jan lächelte traurig. „Es war eine Zuckerplantage im Inland, aber in den Siebzigern sind die Häuser dort niedergebrannt, und die Plantage ist verschwunden. Kurz danach haben wir diese Villa errichtet.“

Susan nickte. Die Geschichte der Insel faszinierte sie, gleichzeitig fragte sie sich, ob hinter dem Bau des Resorts wirklich so wenig wirtschaftliches Interesse steckte, wie Jan vorgab.

„Kommen Sie“, rief er, „Hilda wird Ihnen Ihre Zimmer zeigen. Bis zum Abendessen können Sie sich ausruhen.“

Im Innern der Villa hatte man einen herrlichen Ausblick auf den weißen Strand und das türkisfarbene Meer. Die Fensterläden waren weit geöffnet, und durch die Fliegengitter wehte eine angenehme Brise.

„Willkommen, willkommen“, begrüßte Hilda sie, die wie ihr Mann eher klein und von kräftiger Statur war. Das weiße Haar hatte sie kunstvoll frisiert, dazu trug sie weite Hosen und eine weiße Seidenbluse.

Bevor Susan das schlechte Gewissen packen konnte, ergriff Julian fest ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. Es war eine vertraute, liebevolle Geste, die auch Hilda nicht entging.

Und mit Sicherheit war das von Julian so beabsichtigt.

„Sie müssen müde sein“, sagte Hilda mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen. „Ich zeige Ihnen gleich die Zimmer.“

Hinter einer schweren Mahagonitür kam ein traumhaftes weiß gehaltenes Schlafzimmer zum Vorschein, in dessen Mitte ein riesiges Himmelbett stand. Auf dem hell gefliesten Boden lagen ein paar pastellfarbene Läufer, und auch von hier aus konnte man einen einzigartigen Meerblick genießen.

„Ich hoffe, Sie werden es gemütlich haben“, murmelte Hilda mit einem Augenzwinkern. „Das Gepäck wird Ihnen gleich gebracht, Essen gibt es um acht Uhr. Bis dahin ruhen Sie sich aus. Und erholen Sie sich gut.“ Damit schloss die Tür hinter ihr mit einem leisen Klicken.

„Nicht schlecht.“ Julian durchstreifte den Raum und lockerte seine Krawatte.

Susan ließ sich rückwärts auf das breite Bett fallen. „Ich kann das nicht.“

„Du hast es doch gerade getan.“

„Das halte ich nicht drei Tage durch“, protestierte sie, aber Julian hob nur eine Braue.

„Du hast wohl keine andere Wahl, oder?“ Damit warf er seinen Schlips auf einen Stuhl. „Genieße die Zeit einfach. Ich werde es jedenfalls tun.“

Was er wohl genau damit meint, wunderte sie sich.

„Ich dachte, es wäre so einfacher“, sprach er weiter.

„Einfacher? Inwiefern?“

„Weil wir nicht einmal miteinander geschlafen haben“, gab er ungerührt zurück. „Noch nicht.“

Susan stockte der Atem. Dieser Flirt ging entschieden zu weit – oder ging er einfach nur zu schnell? In jedem Fall fühlte er sich gefährlich an, beängstigend.

Sie war weitaus unschuldiger, als Julian glaubte. Und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollte. Vor allem wusste sie nicht, wie sie mit einem Mann wie Julian umzugehen hatte.

Im Grunde fühlte sie sich wie eine Ertrinkende, und er schien der Einzige zu sein, der sie retten konnte. Nur wollte sie von ihm gerettet werden?

„Benutzt du eigentlich jeden?“, erkundigte sie sich, um wieder die Oberhand zu gewinnen. „Oder nur mich?“

Julian schwieg für einen Moment. „Jeden“, entgegnete er schließlich tonlos. „Also nimm es bitte nicht persönlich.“

Es klopfte an der Tür, und ihr Gepäck wurde von einem Hausangestellten ins Zimmer gebracht. Nachdem dieser wieder verschwunden war, drehte Susan sich zu Julian um. Erst jetzt bemerkte sie, dass sein Oberkörper nackt war.

„Wo ist dein Hemd?“, fragte sie etwas zu schrill.

„Auf dem Boden. Wir haben einen langen Flug hinter uns, und ich bin fix und fertig. Deshalb werde ich jetzt schlafen, und dir würde ich das Gleiche raten.“

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. „Wir sollten hier ein paar Regeln festlegen.“

„Als da wären?“

„Für den Anfang wäre ich dir dankbar, wenn du in meiner Anwesenheit deine Sachen anbehältst“, verlangte sie schnippisch.

„Wäre es nicht einfacher, wir würden uns an den Anblick unserer nackten Körper gewöhnen?“, konterte er. „Es könnte auffallen, wenn einer von uns rot wird und anfängt zu stammeln, sobald ein paar Kleidungsstücke zu Boden fallen.“

Dieser Tiefschlag hatte gesessen. Susan war klar, wer von ihnen beiden das erbärmliche stammelnde Wesen sein würde. Frustriert strich sie sich ihre Haare aus dem Gesicht. „Ich wünschte, ich hätte all dem nicht zugestimmt.“

„Aber das hast du“, gab er zurück und öffnete seinen Gürtel, um sich die Hose auszuziehen. „Du bekommst nur kalte Füße.“

„Hör auf damit!“

„Susan, jetzt sei nicht albern!“ Julian klang genervt. „Spar dir diese Prüderie und zieh dich aus! Dir ist doch wohl von Anfang an klar gewesen, dass wir auf diese Weise miteinander umgehen müssen, wenn wir das Wochenende erfolgreich hinter uns bringen wollen, oder?“

„Ich dachte, du wärst mehr Gentleman.“

„Dann hast du dich eben getäuscht.“

Sie schloss die Augen und hörte, wie ein weiteres Kleidungsstück zu Boden fiel. Als sie endlich einen Blick wagte, stellte sie erleichtert fest, dass Julian zumindest seine Shorts anbehalten hatte. Gelassen und entspannt lag er auf dem Bett.

„Du kannst den ganzen Nachmittag dort stehen bleiben, wenn du magst“, brummte er. „Ich werde jedenfalls schlafen.“

Allmählich wurde Susan klar, wie lächerlich sie sich verhielt. Je entrüsteter sie sich anstellte, umso mehr Macht verlieh sie Julian, die dieser dann gegen sie verwenden konnte. Trotzdem war sie noch lange nicht bereit dazu, sich mit ihm zusammen ins Bett zu legen.

Er atmete gleichmäßig und ruhig, als sie sich endlich entschloss, ihren alten, gemütlichen Schlafanzug anzuziehen und sich ebenfalls etwas auszuruhen.

Die Laken waren glatt und kühl, aber Susan kam es dennoch vor, als würden sie in Flammen stehen. Julians unmittelbare Nähe brachte sie fast um den Verstand.

Verkrampft rollte sie sich auf der Seite zusammen und hätte vor Schreck beinahe aufgeschrien, als sie seine Stimme dicht an ihrem Ohr hörte.

„Mir gefällt dein Schlafanzug, aber ich hätte dich lieber nackt neben mir gehabt“, raunte er und deckte sie mit einem dünnen Plaid zu. „Schlaf gut, Liebling.“

4. KAPITEL

Stumm und stocksteif lag sie da – an Schlaf war gar nicht zu denken. Trotzdem musste sie wohl irgendwann eingenickt sein, denn als sie irgendwann die Augen öffnete, kam Julian gerade mit klatschnassen Haaren aus dem Badezimmer.

„Weißt du eigentlich, dass du schnarchst?“, erkundigte er sich mit einem verschmitzten Lächeln, während er sein Hemd zuknöpfte.

„Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich eingeschlafen bin“, murmelte sie verwirrt.

„Fast drei Stunden hast du geschlafen. Es ist an der Zeit, sich für das Dinner fertig zu machen.“

Durch den Jetlag und den ungewohnten Nachmittagsschlaf fühlte Susan sich völlig desorientiert. Und ihr gefiel nicht, wie Julian sie betrachtete. Dann bemerkte sie plötzlich die Kleidungsstücke, die er für sie auf einem Stuhl neben dem Bett bereitgelegt hatte.

„Ich möchte gern, dass du dies heute Abend trägst“, sagte er und zeigte auf das schlichte grüne Neckholder-Sommerkleid mit Blumenmuster.

„Ich bin durchaus in der Lage, mich selbst anzuziehen“, antwortete sie scharf, aber er ignorierte diesen Einwand.

In aller Seelenruhe richtete er seine Haare. „Während du geschlafen hast, habe ich mich mit Jan unterhalten. Es gibt eine leichte Planänderung.“

„Ach.“

„Einer der anderen Architekten hat leider abgesagt. Sein Kind ist krank geworden und musste in eine Klinik eingeliefert werden. Da sieht man einmal wieder, wohin familiäre Verpflichtungen führen können.“

Susan sparte sich eine Antwort auf diese zynische Bemerkung. Es war nichts Neues, dass man Julian nicht als Familienfreund bezeichnen konnte.

„Und inwiefern betrifft uns das?“

„Jan hat einen anderen Architekten gefunden, der den ausgefallenen ersetzen soll. Einen Engländer namens Geoffrey Stears.“ Sorgfältig band er seine Krawatte vor dem Spiegel. „Ich kenne ihn.“

Ihr fiel ein, dass diese Farce vor allem funktionieren würde, weil niemand auf der Insel Julian persönlich kannte. Aber wenn dieser Geoffrey Stears mit Julians Ruf vertraut war …

„Bekommst du etwa Angst?“, neckte er sie. „Mir war schon klar, dass du leicht zu beeindrucken sein würdest, als ich dich für diese Sache ausgewählt habe. Aber deine aufgesetzte Unschuldsnummer geht mir allmählich an die Nerven.“ Seine Miene wurde hart. „Für einen Rückzug ist es längst zu spät, also spar dir die Gewissensbisse.“

„Willst du mich jetzt erpressen?“, fragte sie kühl.

„Nenn es, wie du willst. Aber wenn du einknicken solltest, schadest du dir selbst mehr als mir. Und denk nur einmal an deine Schwester!“

Soweit es die Presse betraf, hatte Julian recht. Die Medien liebten ihn, er hatte einen gigantischen Einfluss, sie dagegen war ein Niemand. Julian würde aus jedem Skandal als Sieger hervorgehen, während ihr Ruf für immer ruiniert wäre.

Susan stand auf, doch bevor sie etwas sagen konnte, riss Julian sie in seine Arme. Dicht an seine harte Brust gepresst fühlte sie, wie er seine Finger mit ihren verschränkte und Susan dann mit den Händen auf ihrem Rücken fester an sich presste. Noch nie war sie einem Mann so nah gewesen, und die Gefühle, die sich in ihr regten, machten ihr Angst.

„Spiel keine Spielchen mit mir, mein Schatz!“, riet er ihr mit bedrohlich leiser Stimme. „Ich lasse mich nicht gern benutzen.“

„Wie bitte? Du bist derjenige, der mich benutzt“, widersprach sie heftig. „Genau wie du es mit jedem anderen tust.“ Energisch versuchte sie, sich von ihm loszumachen, und Julian ließ sie bereitwillig gehen.

Mit Zeigefinger und Daumen umfasste er ihr Kinn. „Solange du begreifst, worum es hier geht, bekommen wir keine Probleme miteinander. Haben wir uns verstanden, Susan?“

Endlich nennt er mich mal beim Vornamen, konnte sie nur denken und verspürte gleichzeitig eine seltsame Erregung bei dem Gedanken daran, dass sie ihm praktisch ausgeliefert war. Sofort schämte sie sich für dieses Gefühl.

So viel Druck er auch auf sie ausüben mochte, sie würde sich von ihm nicht unterkriegen lassen, das schwor sie sich.

Nach einer halben Stunde im Bad betrat Susan perfekt gestylt das Schlafzimmer und genoss den angenehm überraschten Ausdruck, der sich auf Julians Gesicht ausbreitete.

„Dieser Stears“, begann sie. „Glaubst du, er könnte uns gefährlich werden?“

Er brauchte sichtlich einen Augenblick, um sich wieder zu sammeln. „Keiner kann mir gefährlich werden“, behauptete er großspurig.

„Hör auf, so arrogant zu sein“, fiel sie ihm ins Wort. „Wenn dieser Mann eine Bedrohung darstellt, muss ich das vorher wissen.“

„Es gibt keine Bedrohung, solange du deine Rolle gut spielst.“

„Das werde ich“, versprach sie selbstsicherer, als sie sich fühlte. „Ohne weitere Hintergedanken.“

„Gut.“

„Wie werden wir diesem Stears also unsere plötzliche Hochzeit erklären?“, wollte sie wissen.

„Ich erzähle ihm die gleiche Geschichte wie jedem anderen auch. Du darfst dich bloß nicht wie eine Idiotin aufführen, weil er sofort wüsste, dass ich so jemanden nicht heiraten würde“, setzte er scharf hinzu.

„Und wen würdest du heiraten?“, fragte sie ungerührt.

Er stockte. „Ich habe dir schon gesagt, dass ich kein Familienmensch bin“, wehrte er sich. „Das spiele ich nur.“

Ohne auf seine Antwort zu achten, sah Susan aus dem Fenster und bewunderte den glutroten Sonnenuntergang über dem Meer. Genüsslich sog sie die frische, salzige Luft ein. „Ist das nicht herrlich?“, murmelte sie.

Auch Julian schien von ihrem Streit abgelenkt zu sein. „Allerdings. Und nächstes Jahr um diese Zeit werden noch fünfhundert andere Menschen in den Genuss dieses Naturwunders kommen.“

Resigniert sah sie ihn an. „Kannst du denn immer nur an deine Arbeit denken? Du bist ja besessen.“

Sein Lächeln war hart. „Da magst du recht haben. Und jetzt lass uns gehen!“

Susan drückte die Schultern durch und ließ sich von Julian zur Lounge nahe des Eingangsbereichs führen. Er sah in seinem maßgeschneiderten Anzug einfach hinreißend aus. Braun gebrannt von den vielen Besuchen seiner Bauprojekte und mit intelligenten, hellgrünen Augen, in denen man sich verlieren konnte.

Als sie die Lounge betraten, drehten sich drei Paare erwartungsvoll zu ihnen um.

Jan erhob sich und eilte zu ihrer Begrüßung herbei. „Julian, Susan! Kommen Sie und lernen Sie unsere Gäste kennen!“

„Ich bin Dan White“, stellte sich ein freundlicher Amerikaner vor, schüttelte Julian die Hand und küsste Susan auf die Wange. Dann präsentierte er ihnen seine Ehefrau Wendy, eine attraktive Brünette, die ganz offensichtlich schwanger war.

Susan bemerkte, wie liebevoll Dan sie im Arm hielt, und ihr kam ihr eigenes Schauspiel gezwungen und lächerlich vor. Denn genau hier sah sie ein Beispiel echter Liebe und familiärer Zusammengehörigkeit.

„Schön, dich zu sehen, Julian.“ Ein kleiner, drahtiger Mann erhob sich vom Sofa und gab Julian mit schwachem Lächeln einen laschen Händedruck. Dann richtete sich sein stechender Blick auf Susan. „Schon witzig, ich habe gar nicht gewusst, dass du verheiratet bist.“

„Wir haben es extra geheim gehalten“, erklärte Julian schnell. Dann schob er einen Arm um Susans Taille und zog sie an sich. Ihre Brust drückte sich in seine Seite. „Richtig, Liebling?“

„Allerdings“, stimmte sie lächelnd zu und überraschte sich selbst mit einem kehligen Lachen. „Sie wissen doch, was für ein Ruf Julian vorauseilt. Da werden Sie sicherlich verstehen, dass wir uns vorerst bedeckt halten wollen.“

„Verständlich.“Voller Bewunderung starrte Geoffrey Susan an, und sie wappnete sich innerlich gegen diesen eindringlichen Blick. „Dies ist meine Frau Lara.“ Er zeigte auf eine Frau neben sich – blond, elegant und irgendwie katzenhaft, mit einem professionell glamourösen Styling. Sie lächelte, aber ihren Augen fehlte es an jeglicher Wärme.

Und Susan entging nicht, wie vertraut und wissend diese Dame ihre Aufmerksamkeit auf Julian lenkte. In ihrem Blick lag etwas intim Vertrautes, und spätestens jetzt war klar, dass beide eine gemeinsame Vergangenheit teilten – eine Vergangenheit sexueller Natur.

So ein Weibsbild wird eine verlogene Jungfrau doch im Handumdrehen enttarnen, dachte Susan erschrocken und kämpfte gegen ein brennendes Gefühl von Eifersucht an.

Die folgende halbe Stunde ging in belanglosem Smalltalk unter, bis Susan sich letztendlich allein mit Lara wiederfand.

„Also, wie lange kennen Julian und Sie sich schon?“, wollte die zierliche Frau wissen.

„Ich habe zwei Jahre für ihn gearbeitet“, antwortete Susan ausweichend.

„Und dann haben Sie sich einfach ineinander verliebt?“, erkundigte sich Lara in schneidendem Tonfall.

„So in etwa.“ Susan stürzte ihren Orangensaft hinunter.

„Ach, wirklich?“ Lara nippte an ihrem eigenen Glas. „Julian schien mir nie der geborene Ehemann zu sein.“

„Dann kennen Sie ihn gut?“ Am liebsten hätte Susan die Antwort darauf nicht gehört.

„Aber ja“, erwiderte die andere Frau lachend. „Schon eine sehr lange Zeit. Lange vor Geoffrey“, fügte sie bedeutungsvoll hinzu.

„Dann hatten Sie beide wohl eine Affäre miteinander?“, mutmaßte Susan kühl, um Lara den Wind aus den Segeln zu nehmen. Genüsslich bemerkte sie, wie die andere Frau zusammenzuckte.

„Ich weiß praktisch alles über seine Damenbekanntschaften“, fuhr Lara vertraulich fort und warf ihre Haare zurück. „Natürlich nicht alle Namen, das ist ja selbstverständlich, aber er hatte wohl immer Schlag bei den Frauen.“ Damit warf sie einen gespielt verständnisvollen Blick in seine Richtung.

Julian unterhielt sich gerade mit Jan, und Susan beschlich das ungute Gefühl, dass er diesen netten Mann mit seinen Lügen einwickelte.

Sie wandte sich wieder an Lara und setzte ein betont überhebliches Gesicht auf. „Ich nehme an, er hat die ganze Zeit über einfach nach der richtigen Frau gesucht. Und jetzt hat er sie endlich gefunden.“

Lara war sichtlich blasser geworden. „Das hat er wohl“, presste sie hervor und ließ Susan stehen.

Obwohl es eigentlich nicht Susans Art war, eine andere Frau derart abzukanzeln, tat es gut, aus dieser Konfrontation als Siegerin hervorzugehen. Mit einem aufrichtigen Strahlen wandte sie sich Hilda zu.

Sie war ganz und gar nicht so, wie er erwartet hatte. Diese Erkenntnis überraschte und erschreckte ihn gleichermaßen, auch wenn er das nicht gern zugab. Er hatte eben etwas gegen unvorhersehbare Umstände. Deshalb ging er ihnen – so gut er nur konnte – aus dem Weg.

Und jetzt war Susan da. Im ersten Moment eingeschüchtert und devot, im nächsten aufbrausend, kampflustig oder sogar überheblich.

Mühsam konzentrierte Julian sich auf das, was Jan ihm erzählte. Die meisten Einzelheiten über die Insel kannte Julian ohnehin schon, schließlich bereitete er sich auf jedes seiner Projekte optimal vor.

Aber er hatte sich nicht darauf vorbereitet, welchen Effekt Susan auf ihn haben würde. Er hatte sie nicht gut genug gekannt, um zu wissen, wie stark ihr Einfluss war und wie sehr er sie begehrte …

Verführung war eine Waffe, derer Julian sich gern bediente. Er wollte sich diesbezüglich keinesfalls in einer Opferrolle wiederfinden, ganz gleich, wie reizvoll das Objekt seiner Begierde war.

Es ging einzig und allein um Lust, und die ließ sich kontrollieren, wenn man nur vorsichtig genug war.

Krampfhaft widmete sich Julian wieder seinen geschäftlichen Aufgaben. Stears und seine gelangweilte, ordinäre Ehefrau konnte er getrost außer Acht lassen, aber die Whites stellten eine echte Konkurrenz dar. Abfällig beobachtete Julian, wie Dan von Zeit zu Zeit liebevoll über den gerundeten Bauch seiner Frau strich, und das führte ihm gnadenlos vor Augen, wie hohl und unecht sein eigenes Verhältnis zu Susan wirken musste.

Hier liebten sich zwei Menschen aufrichtig und freuten sich auf ihr gemeinsames Kind. Er und Susan dagegen berührten sich kaum, und jede ihrer Bewegungen war pure Berechnung. Das konnte mit dem echten Leben und der echten Liebe kaum mithalten.

Wenn es den Hassells nicht auffiel, schienen zumindest die Stears’ allmählich misstrauisch zu werden. Julian bildete sich ein, mehrfach kritische Blicke von ihnen zu ernten, und wenn sie ihre Beobachtungen Jan gegenüber zum Ausdruck brachten, wäre das eine Katastrophe.

Julian nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und zuckte zusammen, als er plötzlich neben sich Geoffreys Stimme hörte.

„Ich frage mich, ob mir jemand deine Eheschließung bestätigt, wenn ich beim Standesamt nachfrage“, sagte Geoffrey scheinbar beiläufig.

Es hatte keinen Sinn, den Ahnungslosen zu spielen, also ging Julian auf diese indirekte Unterstellung ein. „Ich würde gern sehen, wie du Jan eine so alberne Detektivarbeit verkaufen willst“, erwiderte er mit größtmöglicher Gelassenheit. „Vergiss es einfach, Stears.“

„Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie ein Kerl wie du sich diesen Auftrag an Land zieht“, zischte dieser gehässig.

Julian betrachtete ihn aus eiskalten Augen. „Ein Kerl wie ich?“, wiederholte er tonlos.

Geoffreys Gesicht verzog sich zu einer Fratze. „Jeder weiß doch, dass du dir mit Zähnen und Krallen den Weg nach oben erkämpft hast, Douglas! Du trägst noch immer die Narben von diesem Kampf. Die Leute lassen sich von deinen Designs blenden, deiner Energie, aber du gehörst nicht hierher. Das hast du nie, und das wirst du nie.“

Ganz langsam schüttelte Julian den Kopf. „Unsere Gastgeber werden schon misstrauisch, Geoffrey. Ich finde, du solltest dich erst einmal beruhigen.“

„Du würdest alles dafür tun, um den Zuschlag zu bekommen“, fuhr der kleinere Mann mit unverminderter Härte fort. „Aber ich werde dafür sorgen, dass du ihn nicht bekommst, das schwöre ich dir!“ Damit ließ er Julian stehen und gab vor, sich einen neuen Drink holen zu wollen.

Julian presste die Lippen aufeinander und sah ihm nach. Er hatte keine Angst vor Geoffrey, dennoch würde er ihn im Auge behalten müssen. Sein Blick fiel auf Susan, die sich angeregt mit Hilda unterhielt. Es gab nur einen Weg, Stears zum Schweigen zu bringen. Denn wenn man Dan und Wendy betrachtete, wurde deutlich, dass Julian und Susan mit ihrer Farce niemals so überzeugend wie das Original sein konnten.

Sie mussten dem Original so nah wie möglich kommen, und das bedeutete, Julian musste Susan verführen. Vielleicht war es genau das, was diesen Deal retten konnte. Eine ergebene Susan im Arm konnte die Hassells am ehesten dazu bringen, an wahre Liebe zu glauben.

Ein Lächeln breitete sich auf Julians Gesicht aus, wenn er an die kommende Nacht dachte.

Als endlich zum Abendessen gebeten wurde, lagen Susans Nerven praktisch blank. Sie war müde, sie war hungrig, und sie wollte sich nicht länger verstellen. Aber leider durfte sie ihre Rolle jetzt noch nicht vernachlässigen. Das wurde spätestens klar, als Julian sie von hinten umarmte.

„Nicht mehr lange, mein Schatz“, flüsterte er in ihr Ohr. „Du hältst dich großartig.“

„Hör auf, mich zu bevormunden“, erwiderte sie gereizt, zwang sich jedoch dabei zu einem gekünstelten Lächeln.

Am Tisch saß sie zwischen Wendy und Geoffrey, Julian dagegen wurde neben Lara platziert. Nicht gerade die besten Voraussetzungen …

„Der Strand hier ist zauberhaft“, verkündete Julian während des ersten Gangs. „Weißer Sand und im Meer ein flacher, weicher Boden ohne Steine. Sind alle Küsten auf dieser Insel so schön?“

Jan lächelte. „Nein, die Nordküste ist recht steinig und nicht gerade attraktiv. Aber im Süden gibt es noch sehr reizvolle Abschnitte.“ Er machte eine Pause. „Dort soll auch das Resort entstehen.“ Sein Blick trübte sich, und Susan fragte sich erneut, was hinter dem Bau dieser Anlage wirklich steckte.

Sie sah auf ihren warmen Spargelsalat hinunter, der mit frischen Parmesanflocken übersät war.

Geoffrey bemerkte ihr Zögern und beugte sich dicht zu ihr. „Fühlen wir uns nicht sonderlich wohl, Susan?“ Sein Tonfall war schleimig.

„Der Jetlag macht mir etwas zu schaffen“, entgegnete sie mit einem scharfen Seitenblick.

„Ein Jammer.“ Seine Augen blieben kalt. „Komisch, dass ich nichts von Ihrer Hochzeit mitbekommen habe. Die Architekturszene in England ist doch recht überschaubar.“

Ihr wurde heiß und kalt zugleich. „Wie ich schon sagte, wir haben uns absichtlich bedeckt gehalten.“

„Das kann man wohl sagen.“ Amüsiert beobachtete er sie dabei, wie sie sich an ihrem Salat verschluckte und einen großen Zug aus ihrem Wasserglas nahm. „Und es ist wohl auch ein glücklicher Zufall, dass Julian Douglas wenige Wochen vor Vergabe dieses Auftrags heiratet, was?“

Sie zuckte die Achseln. „Zufall, würde ich sagen.“

„Sind Sie denn sehr verliebt?“, wollte er wissen.

Allmählich wurde Susan nervös, und ihre Wangen färbten sich leicht rosa. „Selbstverständlich sind wir das.“ Ein Blick in Geoffreys Augen verriet ihr, dass sie ihn nicht im Geringsten überzeugt hatte.

„Geoffrey, hör auf damit, meine Frau zu bedrängen“, schaltete Julian sich in das Gespräch ein. „Ich weiß, sie ist wunderschön, aber sie gehört mir.“ Mit einer besitzergreifenden Geste griff er über den Tisch und tätschelte ihren Arm.

„Sieh an, sieh an.“ Jan schüttelte sichtbar zufrieden den Kopf. „Betrachten Sie sich als gewarnt, Geoffrey!“

Lara lief dunkelrot an.

Das Gespräch bewegte sich fortan in weniger gefährlichen Bahnen, und Susan fragte sich im Stillen, ob Julian seinen Besitzanspruch wirklich nur vorspielte. Ich weiß, sie ist wunderschön … War da vielleicht ein Körnchen Wahrheit enthalten?

Mach dir nichts vor, riet sie sich selbst.

Es war allerdings offensichtlich, dass Geoffrey ihrer Beziehung misstraute. Und er konnte sie beide jederzeit bloßstellen.

„Susan, Sie haben kaum etwas gegessen. Geht es Ihnen gut?“, erkundigte sich Hilda besorgt, als der zweite Gang aufgetragen wurde.

Julian warf Susan einen schnellen, warnenden Blick zu, und sie riss sich mit aller Kraft zusammen. „Es tut mir leid, mein Appetit ist in letzter Zeit nicht der beste“, entschuldigte sie sich. „Aber es sieht alles ganz köstlich aus.“

„Vielleicht kann das Dessert Sie locken“, hoffte Hilda und strahlte freundlich. „Aber keine Sorge, morgen werden Sie sich bestimmt schon viel besser fühlen.“

Susan nickte und zwang sich zu einem hoffnungsvollen Lächeln. Dabei war sie im Stillen davon überzeugt, dass sie sich erst wieder erholen würde, wenn sie zurück nach Edinburgh kam – in ihr eigenes Zuhause, in ihren eigenen Job und vor allem in ihr eigenes Leben.

Tapfer zwang sie sich, ein Stück süßen Kuchen und ein Glas Dessertwein zu sich zu nehmen, und fühlte sich danach etwas schwindlig. Zusammen mit dem Jetlag wirkten das Essen und der Alkohol wie ein Beruhigungsmittel.

„Unsere Gärten sind im Mondlicht besonders schön“, verkündete Jan stolz. „Vielleicht möchten die Damen einen kleinen Verdauungsspaziergang genießen? Es gibt für uns nämlich noch ein paar geschäftliche Dinge zu besprechen.“ Sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.

Wendy berief sich auf ihre Schwangerschaft und ging zu Bett, während Susan mit Lara und Hilda einen Ausflug in die Umgebung wagte.

Das Meer war nur einen Steinwurf entfernt, und Susan fühlte sich auf dem breiten Kiesweg, umgeben von exotischen Blumen und Bäumen und inmitten von wilden Orchideen und Hibiskus wie in einer anderen Welt. Die milde Nachtluft war wie Balsam für ihre Seele. Die nächtlichen Geräusche der Insel hüllten sie ein und trugen zu dem einzigartig paradiesischen Zauber bei.

„Sie müssen das Leben hier lieben“, wandte Susan sich beeindruckt an Hilda.

„Es ist meine Heimat, das war es schon immer.“

„Glauben Sie, das Resort könnte etwas daran ändern?“, erkundigte Susan sich vorsichtig.

„Ich hoffe nicht. Um die Wahrheit zu sagen, können wir die wirtschaftlich recht gute Lage der Insel ohne Tourismus auf Dauer nicht mehr gewährleisten. Seit die Zuckerplantage fort ist, fehlt es an einer einträglichen Einnahmequelle.“ Hilda stöhnte leicht auf. „Es ist unser sehnlichster Wunsch, mit einem kleinen, umweltfreundlichen Resort sowohl den Insulanern als auch anderen Menschen dabei zu helfen, diesen Segen, der unser Leben ständig umgibt, in Zukunft zu genießen. Natürlich ohne dabei massive Änderungen einzuführen.“

Jeder muss ans Überleben denken, ging es Susan durch den Kopf. Ich tue schließlich genau an diesem Wochenende dasselbe: Ich will diese Zeit unbeschadet überstehen …

„Berichten Sie mir doch von Ihrer Hochzeit, Susan“, bat Hilda. „Julian erwähnte, wie plötzlich alles vonstatten ging. Das ist ja so romantisch! War es denn wenigstens eine große Feier?“

„Ganz im Gegenteil“, log Susan und war sich Laras misstrauischer Blicke bewusst. „Nur ein paar enge Freunde und die engsten Angehörigen.“

„Wie nett“, bemerkte Hilda. „Wollen Sie auch Kinder haben?“

Dieser Gedanke war so abwegig, dass Susan unmerklich zusammenzuckte. „Aber sicher“, sagte sie etwas zu hastig. „Wenn die Zeit dafür gekommen ist.“

„Sicher, sicher.“ Hilda schien beruhigt. „Alles zu seiner Zeit.“

„Was ist mit Ihnen, Lara?“, fragte Susan in dem verzweifelten Versuch, von sich selbst abzulenken. „Wie lange sind Geoffrey und Sie schon verheiratet?“

„Sechs Monate“, entgegnete die andere Frau gelangweilt. „Aber es fühlt sich wie eine Ewigkeit an.“ Ihr Lachen klang rau, und Hilda wirkte leicht irritiert.

Wir sind schon eine merkwürdige kleine Gruppe, überlegte Susan. Hilda ist seit vierzig Jahren glücklich verheiratet, Lara ist ganz offensichtlich mehr als unglücklich, und ich lebe eine infame Lüge.

„Was ist mit Ihren Söhnen, Hilda?“, wollte Susan wissen. „Sind sie alle schon unter der Haube?“

„Leider nein.“ Hilda runzelte sie Stirn. „Sie leben alle in Übersee und jagen ihren Karrieren nach. Das ist einer der Gründe …“ Sie brach ab und hob hilflos die Schultern. „Irgendwann vielleicht. Wenn es Julian passieren kann, ist das Gleiche auch für meine Kinder möglich.“

Susan nickte und war buchstäblich sprachlos. Schuldgefühle überspülten sie wie eine erstickende Welle, und sie hatte Mühe, sich nicht davon mitreißen zu lassen.

Der Kiesweg endete an einer stilvollen Wasserfontäne, die einen kleinen von Bänken umsäumten Platz zierte. Im silbrigen Mondlicht erkannte Susan eine Gestalt, die zusammengekauert auf einer der Bänke saß – Julian.

„Dies ist ein herrlicher Platz für verliebte Paare“, murmelte Hilda und legte Lara eine Hand auf die Schulter. „Kommen Sie, meine Liebe. Ich zeige Ihnen meine Zuchtorchideen.“

Damit ließen sie Susan und Julian allein. Susan lachte nervös auf und setzte sich neben Julian. „Das war nicht gerade subtil.“

„Wir sind eben frisch verheiratet und brauchen etwas ungestörte Zeit miteinander“, sagte er zynisch.

Unwillkürlich sah Susan sich um, ob jemand seine finsteren Worte belauscht hatte. „Julian“, zischte sie. „Geoffrey ahnt etwas. Er hat beim Dinner eindeutige Bemerkungen gemacht.“

„Hast du deshalb keinen Bissen hinunterbekommen? Du warst ja blass wie die Wand.“

„Ich will einfach nicht enttarnt werden“, flüsterte sie aufgebracht. „Du solltest doch am besten wissen, was alles auf dem Spiel steht.“

„Das tue ich auch“, erwiderte er ruhig. „Nichts wird diesen Deal ruinieren, mein Schatz. Dafür werde ich sorgen.“

„Wie denn?“

„Mit Stears werde ich schon fertig.“ Julians Ton war so kalt, dass Susan ein eisiger Schauer über den Rücken lief.

Sie schwiegen eine Weile, und in der Ferne war nur das leise Schwappen der Wellen auf dem feinen Sandstrand zu hören, vermischt mit dem Surren einiger Insekten.

„Du hättest mir von Lara erzählen sollen“, begann Susan leise. Als er ihr nicht antwortete, fasste sie sich ein Herz. „Du hattest eine Affäre mit ihr, oder?“

Er zuckte die Achseln. „Na und?“

„Du hättest mich vorwarnen sollen!“

„Das war unwichtig.“

„Unwichtig?“, wiederholte sie lauter und senkte dann gleich wieder ihre Stimme. „Julian, sie hat mit dir geschlafen. Sie kennt dich auf eine Weise, die ich nie …“ Zu spät erkannte sie, dass sie sich auf ziemlich dünnes Eis begab.

„Möchtest du mich ebenfalls auf diese Weise kennenlernen, Susan?“, fragte Julian gefährlich leise.

„Natürlich nicht“, gab sie scharf zurück. „Ich meine nur, dass eine Frau eher spürt, wenn eine intime Beziehung nur vorgetäuscht ist. Erst recht, wenn sie selbst mit dem fraglichen Mann im Bett war.“

„Dagegen könnten wir etwas tun.“

Susan erstarrte. Er wollte doch nicht etwa tatsächlich andeuten, dass sie beide … Sie schluckte. „Sehr witzig.“

„Ich wollte nicht witzig sein.“

„Du willst doch gar nicht mit mir schlafen“, wandte sie ein, als er plötzlich leise lachte.

„Um ehrlich zu sein, ich will schon. Ist dir gar nicht aufgefallen, wie sehr ich dich begehre?“

„Nein, du spielst nur mit mir. Du flirtest.“ Mittlerweile war Susan vollends verwirrt.

„Ein Flirt kann leicht zu mehr führen.“

„Das halte ich aber für keine gute Idee“, widersprach sie mit fester Stimme. „Wenn man einmal bedenkt …“

„Ich halte es für eine ausgezeichnete Idee.“

Automatisch rückte sie etwas von ihm ab. Er spielte wirklich nur mit ihr, daran hatte sie keinen Zweifel. Leider wusste sie überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollte. „Wie ist denn eigentlich euer Meeting verlaufen?“, erkundigte sie sich spontan. „Es war ja recht kurz.“

Amüsiert hob er die Brauen. „Dan White ist ein starker Konkurrent“, verriet er. „Hassell ist begeistert von der Vorstellung, dass White bald Vater wird. Und der benimmt sich wie ein freundlicher großer Hund, hechelt herum und tollt durch die Gegend, damit ihn jeder mag.“ Er schnaubte verächtlich. „Hassell geht es an diesem Wochenende weniger um die Entwürfe als darum, wer wir wirklich sind.“

Jetzt blickte Susan ihm direkt ins Gesicht. „Und du möchtest nicht, dass er sieht, wie du wirklich bist.“

Seine Miene wurde starr.

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