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Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 289

Catherine Spencer, Valerie Parv, Margaret Mayo, Trish Morey

Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 289

CATHERINE SPENCER

Wenn es Nacht wird in Paris

Sardinien, Paris, Luxussuiten und Privatjets! Seit Arlene für Domenico Silvaggio d‘Avalos arbeitet, lässt der charmante Milliardär keine Zweifel: Er will sie verführen. Aber nicht heiraten …

VALERIE PARV

Eine Liebe für ein ganzes Leben

Unerfüllt ist das Verlangen zwischen Baron Mathiaz de Marigny und der schönen Jacinta auf der Südseeinsel Carramer! Bis die Sonne im Meer versinkt und die Nacht der Entscheidung im Paradies anbricht …

MARGARET MAYO

Griechische Hochzeit

Hochzeit in Athen! Unter Griechenlands blauem Himmel heiratet der Millionär Theo Tsardikos die schöne Dione. Alles will er daransetzen, die gekaufte Braut mit zärtlichen Küssen für sich zu gewinnen …

TRISH MOREY

Nur dein Herz kennt die Antwort

Verliebt und tausend Probleme: Mit ihrer Zwillingsschwester Morgan hat Tessa heimlich die Rollen getauscht – und bringt mit ihrem Sexappeal ihren neuen Boss James Maverick völlig durcheinander …

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Catherine Spencer

Wenn es Nacht wird in Paris

1. KAPITEL

Normalerweise gab Domenico sich nicht mit Touristen ab. Denn für den Weinanbau interessierten die sich überhaupt nicht – nur für das Weintrinken. Heute Morgen jedoch – er befand sich gerade auf dem Weg zu seinem Büro auf der Rückseite des Hauptgebäudes – traf er zufällig auf eine Besuchergruppe. Nach der obligatorischen Besichtigung des Weinberges eilte das Grüppchen zielstrebig auf den Raum für die Weinprobe im vorderen Teil des Hauses zu. Nur eine Frau nicht. Sie stand bei seinem Onkel Bruno und bombardierte ihn mit Fragen.

Bruno war zwar erfahren genug, um jede noch so triviale Frage zu beantworten, trotzdem ließ er sich selten auf längere Gespräche mit Besuchern ein. Dass ihm das Gespräch Spaß machte, war dementsprechend ungewöhnlich und für Domenico ein Grund, stehen zu bleiben.

Die Frau war groß, schlank und eher unauffällig. Vielleicht Mitte zwanzig. Und offensichtlich soeben erst auf Sardinien angekommen, wie der leichte Sonnenbrand auf ihrer hellen Haut bewies. Falls sie nicht den Rest ihrer Ferien mit einem Sonnenstich im Hotelzimmer verbringen wollte, sollte sie einen Hut aufsetzen.

Sein Onkel musste dieselben Gedanken gehegt haben, denn er geleitete sie zu einer Bank im Schatten eines großen Oleanderbusches. Domenicos Neugier war geweckt. Unauffällig schlenderte er in Hörweite.

Bruno entdeckte ihn und winkte ihn zu sich. „Das ist der Mann, mit dem Sie reden sollten“, sagte er zu der Fremden. „Mein Neffe. Sein Englisch ist viel besser als meines. Und was er nicht über Weinanbau weiß, braucht man auch nicht zu wissen.“

„Mein Onkel übertreibt mal wieder“, erwiderte Domenico lächelnd. „Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle, Signorina.“

Sie schaute auf. Und für einen Moment glaubte er, die Zeit stände still.

Sie war keine Schönheit. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Ihre Kleidung war schlicht: Ein knielanger Jeansrock, dazu eine weiße Baumwollbluse und Sandalen mit flachen Absätzen. Schmale, fast knabenhafte Hüften, kleine Brüste. Kein Vergleich zu der aufdringlichen Ortensia Constanza mit den fülligen Kurven.

Sie gehörte, entschied er, zu der Sorte Frauen, die ein Mann leicht übersehen konnte … bis sein Blick in die großen wunderschönen Augen fiel, in deren leuchtenden grauen Tiefen er leicht ertrinken konnte.

Er riss sich zusammen. „Ich bin Domenico Silvaggio d’Avalos. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Anmutig erhob sie sich von der Bank und bot ihm ihre Hand. Schmal und zartgliedrig, wie sie war, verlor sie sich fast in seiner. „Arlene Russell“, entgegnete sie in einer sehr angenehmen Stimme. „Und wenn Sie eine halbe Stunde für mich erübrigen könnten, würde ich Ihnen gerne einige Fragen stellen.“

„Sie interessieren sich für den Weinanbau?“

„Mehr als das.“ Sie lächelte betrübt. „Kürzlich bin ich Besitzerin eines Weinguts geworden. Es befindet sich in schlechtem Zustand. Ich könnte einige Tipps gebrauchen.“

„Sie glauben doch nicht, dass dergleichen mit ein paar Worten abgehandelt werden kann, Signorina?“

„Nein, ganz und gar nicht. Aber mit irgendetwas muss ich ja anfangen.“

„Verbringe eine Stunde mit dem Mädchen“, mischte Bruno sich auf Sardu ein, der Sprache der Insel. „Wie ein Schwamm dürstet sie nach Informationen – anders als all die anderen, die nur zum Trinken hier sind.“

„Ich habe aber keine Zeit.“

„Doch, die hast du! Lade sie zum Essen ein.“

Ihr Blick wanderte zwischen den beiden Männern hin und her. Obwohl sie den Wortwechsel nicht verstand, erkannte sie doch die Verärgerung, die sich auf Domenicos Gesicht abzeichnete.

Enttäuschung spiegelte sich in ihrer Miene. „Bitte verzeihen Sie mir, Signor Silvaggio d’Avalos. Es war gedankenlos von mir, so viel von Ihnen zu verlangen.“ Dann wandte sie sich an Bruno. „Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben, Signore. Sie waren sehr freundlich.“

Im Gegensatz zu mir, der ich mich wie ein ungehobelter Trampel verhalten habe, dachte Domenico. Unvermittelt verflog sein Ärger. „Zufällig“, hörte er sich selbst sagen, „kann ich vor meinen Terminen heute Nachmittag eine Stunde erübrigen. Allerdings kann ich nicht versprechen, bis dahin alle Ihre Fragen beantwortet zu haben.“

Sie ließ sich von seiner verspäteten Galanterie nicht täuschen. „Das ist schon in Ordnung, Signore“, sagte sie und nahm ihre Kamera und das Notizbuch von der Bank. „Sie haben mir deutlich zu verstehen gegeben, dass Sie Wichtigeres zu tun haben.“

„Ich muss essen“, erwiderte er und ließ seinen Blick über ihren Körper schweifen. „Und Sie auch. Ich schlage vor, wir machen das Beste aus der Situation und schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe.“

Ihr Stolz befahl ihr, ihm zu raten, sonst was mit seiner Einladung zu tun. Trotzdem überwand sie sich. „Na gut. Vielen Dank.“

Domenico ergriff ihren Ellenbogen und führte sie zu dem Jeep, der neben der hohen Doppeltür geparkt war, durch die bald die Trauben zum Keltern gebracht wurden.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie.

„Zu meinem Haus. Es liegt ungefähr fünf Kilometer von hier an der Küste.“

„Ich dachte, wir essen im Bistro des Weinguts.“

„Das ist für Touristen.“

„Genau das bin ich.“

Domenico legte den Gang ein und startete den Wagen. „Nein, Signorina. Heute sind Sie mein Gast.“

In einer Broschüre für Touristen hatte Arlene gelesen, dass sich das Weingut Silvaggio d’Avalos’ seit drei Generationen in Familienbesitz befand und zu den besten Sardiniens zählte, was es seiner exponierten Lage am Nordende der Insel verdankte.

Deswegen hatte sie das kunstvolle Wappen, eingelassen in das schmiedeeiserne Tor vor der Einfahrt, nicht überrascht. Etwas anderes hatte sie von einem Weingut mit Verkostungsraum, eigenem Geschäft und Gartenbistro gar nicht erwartet.

Doch jetzt, als Domenico durch ein zweites eisernes Tor und eine lange gewundene Straße entlangfuhr, musste sie sich sehr beherrschen, die oberhalb liegenden Privatresidenzen nicht mit offenem Mund anzustarren. Was er so beiläufig als sein „Haus“ bezeichnet hatte, kam ihr eher wie ein Palast vor.

Abgeschirmt von den anderen Häusern stand das großzügige Gebäude auf einem sanften Hügel, der als fantastische Gartenanlage gestaltet war. Zur einen Seite hin fiel das Grundstück zur Costa Smeralda, dem berühmten Küstenabschnitt im Norden der Insel, ab. Zur anderen erhoben sich ausgedehnte Weinberge.

Domenico führte Arlene auf eine überdachte Veranda. Unter ihr funkelte das Meer grün wie Smaragde, nach denen die Küste benannt war. Domenico deutete auf eine Gruppe Liegestühle, die mit bequemen Kissen ausgepolstert waren. „Nehmen Sie Platz und entschuldigen Sie mich einen Augenblick, während ich mich um das Essen kümmere.“

„Bitte, machen Sie sich meinetwegen bloß nicht so viele Umstände“, protestierte sie.

Lächelnd nahm er den Hörer eines Telefons ab, das auf einem kleinen Beistelltisch stand. „Das sind keine Umstände. Ich gebe nur Bescheid, dass eine zusätzliche Portion aus dem Haupthaus geliefert wird.“

Wie dumm von mir, schalt sie sich. Hatte sie wirklich geglaubt, er würde in die Küche verschwinden, eine Schürze umbinden und erlesene Köstlichkeiten mit seinen eigenen Händen zubereiten? Und musste er so unverzeihlich gut aussehen, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte?

Nach einem kurzen Telefonat beschäftigte er sich mit der kleinen Hausbar, die neben den Liegestühlen aufgebaut war. „Was möchten Sie trinken?“

„Etwas Kaltes, bitte“, erwiderte sie und fächelte sich Luft zu. Plötzlich war ihr sehr heiß, was nicht allein am Wetter lag.

Domenico ließ Eiswürfel in zwei schlanke Kristallkelche gleiten und füllte sie dann mit einer Mischung aus gekühltem Weißwein und Sodawasser auf. „Vermentino aus unseren eigenen Trauben“, erklärte er, während er ihr gegenüber Platz nahm. Dann stieß er mit ihr an. „Erfrischend und nicht zu stark. So, Signorina Russell, wie sind Sie zu diesem Weingut gekommen, von dem Sie gesprochen haben?“

„Ich habe es geerbt.“

„Wann?“

„Vor zehn Tagen.“

„Und es befindet sich hier, auf Sardinien?“

„Nein. In Kanada. Ich bin Kanadierin.“

„Ich verstehe.“

Doch es war klar, dass er überhaupt nichts verstand. Offenbar wunderte er sich, was sie dann eigentlich auf dieser weit entfernten Insel tat.

„Die Sache ist die“, setzte sie rasch zu einer Erklärung an, „ich hatte meinen Urlaub auf Sardinien bereits gebucht. Und weil mir diese Erbschaft so unerwartet in den Schoß gefallen ist, hielt ich es für das Beste, nichts zu überstürzen, sondern erst mit einigen Experten zu sprechen.“

„Sie verfügen über keinerlei Erfahrungen im Weinanbau, oder?“

„Nein. Ich arbeite als Rechtsanwaltsgehilfin in Toronto. Und um die Wahrheit zu sagen, fällt es mir immer noch schwer zu begreifen, dass ich nun Besitzerin eines Hauses und mehrerer Weinberge in British Columbia bin.“

„Haben Sie sich alles schon mal angesehen, oder basieren Ihre Schilderungen auf Informationen aus zweiter Hand?“

„Letzte Woche habe ich ein paar Tage dort verbracht.“

„Und wie war Ihr Eindruck?“

„Das Gut ist ziemlich heruntergekommen … Oh, und ein älterer Aufseher und zwei Greyhounds gehören auch zu meiner Erbschaft.“

Er verdrehte die Augen, als wollte er sagen: Warum muss das ausgerechnet mir passieren? „Über wie viele Morgen sprechen wir?“

„Sieben.“

„Und welche Rebsorte wird dort angebaut?“

„Das weiß ich nicht.“ Bevor er die Hände zu einer angewiderten Geste erheben und ihr sagen konnte, sie solle jemand anderem auf die Nerven fallen, fügte sie rasch hinzu: „Signor Silvaggio d’Avalos, mir ist bewusst, dass dies vielleicht nicht leicht zu verstehen ist. Sie sind hier aufgewachsen. Seit Sie in der Wiege lagen, hat sich Ihr Wissen über Trauben und wie man aus ihnen Wein herstellt unaufhörlich vermehrt. Ich bin absoluter Neuling. Irgendwo muss ich nun mal anfangen.“

Mit unbewegter Miene hörte er ihr zu. „Und Sie sind sicher, über die benötigte Ausdauer zu verfügen, um Ihre Ziele auch zu erreichen?“

„Ja.“

„Wenn das, was Sie mir erzählt haben, stimmt, muss ich Sie warnen. Selbst für einen Experten wäre ein solches Projekt mehr als eine Herausforderung, und zwar ohne jede Garantie auf Erfolg.“

„Dass es einfach wird, habe ich auch nicht erwartet“, warf sie ein. Seinen Blick aus den blauen Augen empfand sie als so intensiv, dass es ihr schwerfiel, sich auf das Thema zu konzentrieren.

„Nun gut.“ Er stützte einen Ellenbogen auf. „Wenn das so ist, nehmen Sie Ihren Stift zur Hand und lassen Sie uns anfangen.“

In der halben Stunde, bevor ihr Mittagessen gebracht wurde – kalter Hummer in sahniger Weinsoße, Avocado- und Tomatenspalten, warmes Brot, anschließend Obst und eine Käseplatte –, machte Arlene fieberhaft Notizen und stellte nur hin und wieder eine Frage.

Es fiel ihr nicht leicht, sich auf die Erläuterungen Domenicos zu konzentrieren. Am liebsten hätte sie ihn ganz etwas anderes gefragt. Ob sie all die alten Weinreben ausreißen und durch neue ersetzen musste, welche Sorten sie pflanzen sollte, wie viel das alles kosten würde, wann sie mit den ersten Gewinnen rechnen konnte, erschien ihr nicht halb so interessant wie die Frage, wie er zu diesen wundervollen blauen Augen gekommen war, wo er sein fast akzentfreies Englisch gelernt hatte, wie alt er war oder ob es eine Frau in seinem Leben gab.

Immer wieder kehrte ihr Blick zu seinem ausdrucksstarken Gesicht zurück. Zu dem kleinen Grübchen im Kinn und den hohen Wangenknochen, die sie eher an einen Spanier als einen Italiener erinnerten. Zu dem bronzefarbenen Schimmer seiner Haut und den glänzenden schwarzen Haaren. Zu der geschwungenen Eleganz seiner Brauen, zu den dichten langen Wimpern, die seine blauen Augen so perfekt einrahmten.

„Es ist mir also nicht gelungen, Sie zu entmutigen?“, fragte er, während sie aßen.

„Sie haben mich auf Fallgruben aufmerksam gemacht, die ich ansonsten vielleicht übersehen hätte“, erwiderte sie. „Aber meine Entschlossenheit haben Sie nicht erschüttert.“

„Erzählen Sie mir mehr von Ihrem Großonkel. Warum hat er zugelassen, dass seine Reben so verfallen?“

„Ich nehme an, weil er zu alt war, um sich um alles zu kümmern. Als er starb, war er vierundachtzig.“

„Sie nehmen es an? Standen Sie beide sich nicht nahe?“

„Nein. Erst als der Testamentsverwalter mich anrief, habe ich von seiner Existenz erfahren.“

„Gab es keine anderen Verwandten? Niemand, der besser als Sie dazu geeignet wäre, seinen Besitz vor dem Verfall zu retten?“

„Ich weiß es nicht.“

„Warum nicht?“

Frustriert schaute sie ihn an. Ich sollte die Fragen stellen, nicht er! „Weil er zu der Familie meines Vaters gehört.“

„Und Sie interessieren sich nicht für Ihren Vater und seine Angehörigen?“

„Ich kannte meinen Vater kaum. Er starb, als ich sieben Jahre alt war.“

Verwundert zog er eine Augenbraue hoch. „Ich kann mich an viele Verwandte und Ereignisse aus diesem Alter erinnern.“

„Vielleicht weil – anders als bei mir – Ihre Familie zusammengeblieben ist.“

„Ihre Eltern haben sich scheiden lassen?“

„Ja, aber der Krieg zwischen ihnen hat niemals aufgehört“, entgegnete sie. Unvermittelt fielen ihr all die giftigen Bemerkungen ihrer Mutter wieder ein, wenn sie zaghaft nach ihrem Vater gefragt hatte oder ihn besuchen wollte. „Damals war ich vier. Meine Mutter hat dafür gesorgt, dass wir weit von meinem Vater entfernt wohnten.“

Unwillig schüttelte Domenico den Kopf. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Wenn ein Mann und eine Frau ein Kind bekommen, muss dessen Glück immer an erster Stelle stehen.

„In der Theorie eine schöne Philosophie, Signore, aber vermutlich im wahren Leben nur schwer zu verwirklichen. Vor allem, wenn das betreffende Paar feststellt, dass die Wünsche und Bedürfnisse des anderen den eigenen total widersprechen.“

„Umso mehr ein Grund dafür, seine Entscheidungen überlegt zu treffen, meinen Sie nicht auch?“

Arlene lachte. „Ganz offensichtlich sind Sie nicht verheiratet.“

„Nein“, erwiderte er und musterte sie wieder mit jenem durchdringenden Blick. „Was ist mit Ihnen?“

„Ich auch nicht. Aber ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass ein Ehering keine Garantie für eine lebenslange Ehe ist.“

„Realistisch würde ich das nicht nennen, eher pessimistisch.“

„Dann sind Sie ein Idealist, der keine Ahnung hat, wie es auf der Welt zugeht.“

„Meine Eltern sind seit neununddreißig Jahren verheiratet, meine Großeltern seit fast einem halben Jahrhundert. Und die Ehen meiner vier Schwestern sind ebenfalls sehr glücklich.“

„Aber Sie sind immer noch Single.“

„Nicht, weil ich etwas gegen die Ehe hätte. Mit der Gesundheit meines Vaters steht es nicht zum Besten. Folglich habe ich die Leitung der Firma früher übernommen, als es sonst der Fall gewesen wäre. Damit war ich in den letzten Jahren sehr beschäftigt. Für eine ernsthafte Romanze blieb mir einfach keine Zeit. Aber wenn ich der richtigen Frau begegne, werde ich es wissen. Dann werde ich ihr für den Rest meines Lebens treu sein … welchen Schwierigkeiten wir auch begegnen. Viele werden es jedoch nicht sein, das kann ich Ihnen versichern.“

„Und die ‚richtige‘ Frau muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um Ihren Erwartungen zu genügen?“

„Selbstverständlich“, sagte Domenico, als sei dies die natürlichste Sache der Welt.

„Dann bedaure ich jetzt schon die Frau, die Sie einmal heiratet.“

Nun lachte Domenico. „Bedauern Sie sich selbst, Signorina. Sie sind diejenige, die Ihre Seele an eine verlorene Sache verkauft.“

„Ganz im Gegenteil. Ich tue genau dasselbe, wie Sie es bei Ihrer Ehefrau vorhaben. Egal, welche Schwierigkeiten auf mich zukommen, ich bleibe bei einer einmal getroffenen Entscheidung. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich es mit einem Weinberg und keinem Ehemann aufnehme.“

Er betrachtete sie schweigend. Dann räusperte er sich. „Nun gut, da Sie sich partout nicht abschrecken lassen, muss ich wohl alles tun, um Ihnen zu helfen.“

„Das haben Sie bereits.“ Arlene deutete auf ihr Notizbuch. „Sie haben mir ein paar sehr wertvolle Ratschläge gegeben.“

„Die Theorie ist eine Sache, Erfahrung eine andere. Deshalb möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, der Sie vielleicht interessieren wird. Während Ihres Aufenthalts auf Sardinien stelle ich Sie als Praktikantin ein … sagen wir, von acht Uhr morgens bis um zwei nachmittags. So verbringen Sie zwar einen Großteil Ihres Urlaubs mit Arbeit, anstatt sich den üblichen touristischen Vergnügungen hinzugeben, aber wenn Sie so fest entschlossen sind, wie Sie behaupten …“

„Das bin ich!“, rief sie überglücklich. Auch wenn sie den praktischen Nutzen seines Angebots einsah, freute sie sich mindestens genauso auf die aufregende Aussicht, mehr Zeit mit ihm zu verbringen.

So war es auch verständlich, dass es ihr schwerfiel, sich auf seine Worte zu konzentrieren. Denn die Art und Weise, wie er ihr die Dinge erklärte, faszinierte sie ebenso. Immer wieder glitt ihr Blick zu den sinnlich geschwungenen Lippen.

Wahre Leidenschaft sprach aus ihm, wenn er erzählte. Ob er wohl ein ebenso leidenschaftlicher Liebhaber war?

„Signorina?“ Seine Stimme, tief und ein wenig belustigt, riss sie aus ihren Gedanken. „Sind wir für heute fertig, oder gibt es noch etwas, das Sie unbedingt fragen wollen?“

Nichts, was Wein und Trauben anging!

„Nein, vielen Dank.“ Errötend schob sie das Notizbuch in die Handtasche und stand auf. Sie warf einen raschen Blick auf die Armbanduhr. „Schon vier Uhr. Ich fürchte, ich habe Ihre Gastfreundschaft wirklich überstrapaziert.“

„Ganz und gar nicht“, entgegnete er und erhob sich ebenfalls.

Arlene war groß, doch er musste weit über eins achtzig messen. Schlank und muskulös, dazu ein flacher Bauch. Der Traum eines jeden Schneiders: Er besaß die für einen Mann perfekten Proportionen.

„Haben Sie schon Pläne für den Nachmittag?“, fragte er auf dem Rückweg zum Jeep.

„Keine konkreten. Wir sind ja erst gestern angekommen und dabei, uns einzugewöhnen.“

„Sie sind nicht alleine nach Sardinien gereist?“

„Nein.“

„Dann ist es an mir, mich zu entschuldigen, weil ich Sie so lange für mich in Anspruch genommen habe.“ Er knallte ihre Tür zu und nahm auf dem Fahrersitz Platz. „Morgen beginnt die Ernte. Das bedeutet, Sie werden den ganzen Tag auf dem Feld zu tun haben. Tragen Sie stabilere Schuhe als die, die Sie jetzt anhaben. Und ziehen Sie Kleidung an, die Sie vor der Sonne schützt. Ihre Haut ist sehr hell.“

Hell? Neben ihm fühlte sie sich vollkommen farblos. Und dass sie ihm überhaupt aufgefallen war, hätte sie vor Glück erstrahlen lassen, hätte er nicht Folgendes hinzugefügt: „Achten Sie vor allem darauf, einen Hut aufzusetzen. Weder ich noch die anderen Arbeiter im Weinberg können die Ablenkung gebrauchen, wenn Sie einen Hitzschlag erleiden.“

Seine plötzliche Ungeduld, sie loszuwerden, vertrieb Arlenes romantische Fantasien effektiver als eine Dusche aus einem Eimer mit kaltem Wasser. „Verstanden. Sie werden gar nicht bemerken, dass ich da bin.“

„Und ob ich Sie bemerken werde, Signorina“, erwiderte er. „Ich werde Sie beständig im Auge behalten. In der kurzen Zeit, die Ihnen zur Verfügung steht, werde ich Ihnen so viel wie möglich beibringen … allerdings nicht auf Kosten meiner Ernte.“

2. KAPITEL

„Was hältst du davon?“ Aufmerksam musterte Arlene ihre beste Freundin und Reisegefährtin Gail, die sie ausgestreckt auf einer Liege neben dem Hotelpool aufgespürt hatte.

„Ich denke, er hat recht.“ Gail verteilte eine weitere Schicht Sonnencreme auf ihrem Körper. „Das ist eine vom Himmel geschickte Gelegenheit, die du dir nicht entgehen lassen kannst.“

„Aber es durchkreuzt unsere Pläne.“

„Meine nicht“, entgegnete Gail aufgeräumt. „Wir sind hergekommen, um zu entspannen. Und ich bin glücklich, den halben Tag hier oder am Strand liegen zu können. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist … hier wimmelt es von gut aussehenden Männern, was man vielleicht von diesem wie-hieß-er-noch-mal? von dem Weingut nicht behaupten kann.“

„Domenico Silvaggio d’Avalos.“ Wie Sahne ließ Arlene sich jede exotische Silbe auf der Zunge zergehen. Ein Blick auf sein Gesicht und den muskulösen Körper, dachte sie, würde ausreichen, um Gails Meinung zu ändern, wer von ihnen das bessere Los gezogen hatte.

„Meine Güte! Wie soll man das denn alles aussprechen? Oder seid ihr schon beim Vornamen?“

„Nein. Er verhält sich sehr geschäftsmäßig und distanziert.“

„Solange du bei deiner Abreise weißt, wie man einen Weinberg organisiert, muss er ja weder attraktiv noch charismatisch sein, oder?“

„Nein.“

Arlene tat ihr Bestes, unbeschwert zu klingen, doch irgendetwas in ihrem Tonfall veranlasste Gail, die Sonnenbrille abzunehmen und sie misstrauisch anzublicken. „Oh, oh! Was verheimlichst du mir?“

„Nichts“, beharrte sie. Auf keinen Fall würde sie zugeben, dass sie während der vergangenen drei Stunden tatsächlich fast geglaubt hatte, den Mann ihres Lebens gefunden zu haben. Liebe auf den ersten Blick existierte nicht. Einem Teenager mochte man solche Fantastereien durchaus verzeihen, aber eine bald dreißigjährige Frau sollte es besser wissen. „Ich finde ihn ein bisschen … beunruhigend, das ist alles.“

„Inwiefern beunruhigend?“

„Ich weiß nicht“, entgegnete sie schulterzuckend. „Er wirkt so selbstbewusst und zufrieden mit sich und der Welt. Ich verstehe nicht, warum er sich mit mir überhaupt abgibt, und habe Angst, ihn zu enttäuschen.“

„Und wenn schon. Warum kümmert es dich, was er denkt?“

Warum? Weil sie sich noch nie so lebendig gefühlt hatte wie in seiner Gegenwart. „Am Ende hat sich seine Laune geändert“, erinnerte sie sich. „Ich konnte es an seiner Stimme hören. Es klang, als würde er seine Einladung bereuen. Fast so, als wäre er wütend auf mich, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, aus welchem Grund.“

Gail schob die Sonnenbrille zurück auf die Nase und wandte ihr Gesicht der Sonne zu. „Arlene, tu dir selbst einen Gefallen und hör auf, den Kerl zu analysieren. Für dich ist er nur Mittel zum Zweck. Wenn unser Urlaub vorbei ist, brauchst du ihn nie wieder zu sehen.“

Arlene wünschte, sie könnte in dem Gedanken etwas Tröstliches finden. Stattdessen fühlte sie sich seltsam deprimiert.

Am Abend – die Familie hatte sich zum Essen im Haus von Domenicos Eltern versammelt – entsprachen die Reaktionen seiner Schwäger in etwa seinen Erwartungen. Sie überschütteten ihn mit witzig gemeinten Kommentaren und spöttischen Bemerkungen.

„Wo findest du nur immer diese armen Küken, Dom?“

Oder: „Genau die Ablenkung, die wir während der Erntezeit brauchen … noch eine Frau, die uns alles durcheinanderbringt.“

Wohingegen seine Schwestern ihn mit neugierigen und weitaus persönlicheren Fragen löcherten.

„Wie heißt sie?“

„Ist sie hübsch?“

„Ist sie Single?“

„Wie alt ist sie?“

„Sitz hier nicht mit versteinerter Miene rum, Dom! Erzähl uns, weshalb sie etwas Besonderes ist!“

„Besonders an ihr ist“, meldete Onkel Bruno sich zu Wort, „dass sie die eine sein könnte. Vertraut mir. Ich habe sie gesehen. Sie ist einfach zauberhaft.“

Die Aufregung, die danach ausbrach, weckte in ihm den sehnlichen Wunsch zu flüchten. „Das ist doch lächerlich, Bruno“, fuhr er den Onkel an. „Sie ist eine ganz gewöhnliche Frau, die sich nur in der ungewöhnlichen Lage befindet, plötzlich ein Weingut zu besitzen. Vom Weinanbau versteht sie überhaupt nichts. Wäre sie ein Mann, hätte ich ihr dasselbe Angebot gemacht.“

Aber sie war kein Mann. Und niemand war sich dieser Tatsache bewusster als Domenico. Ihre scharfe Intelligenz faszinierte ihn. Die Diskussion über die Ehe hatte ihm Spaß gemacht. Fast war er versucht gewesen, sie zum Abendessen einzuladen, um sie besser kennenzulernen. Dann jedoch hatte sie erwähnt, dass sie nicht alleine auf die Insel gekommen war.

Da hatte er sich wie ein Idiot gefühlt, weil er nicht von alleine darauf gekommen war. Auch wenn sie keine atemberaubende Schönheit war, so unauffällig, wie er anfangs angenommen hatte, war sie definitiv nicht. Stattdessen besaßen ihr Körper und ihr Gesicht eine unaufdringliche Eleganz, die jeder Mann attraktiv finden würde.

Zu schade, dass ihm jemand zuvorgekommen war. Seine Enttäuschung hatte er hinter einer Brüskheit verborgen, die er jetzt bedauerte. Sein Tonfall hatte sie fast zusammenzucken lassen. Wäre sie nicht so sehr auf sein Angebot angewiesen gewesen, hätte sie es ihm wahrscheinlich vor die Füße geworfen. Er an ihrer Stelle hätte dasselbe getan.

Domenico bemerkte, dass seine Familie ihn noch immer erwartungsvoll anstarrte. „Auf die Gefahr hin, euch den Abend zu verderben und eure Hoffnungen zu zerstören, mich, noch bevor die letzte Traube gepflückt ist, vor dem Traualtar zu sehen, muss ich euch sagen, dass die Frau bereits vergeben ist. Also fangt bitte gar nicht erst an, Babysöckchen zu stricken.“

Daraufhin brachen alle in lautes Gelächter aus. Hätte er gewusst, in welchem Hotel Arlene Russell wohnte, er hätte angerufen und ihr gesagt, etwas Unerwartetes sei dazwischengekommen und er müsse sein Angebot leider zurückziehen.

Domenico Silvaggio d’Avalos erteilte bereits erste Anweisungen, als Arlene wie verabredet am nächsten Morgen zum Weingut kam. Er trat ein paar Schritte von den ungefähr dreißig Männern und Frauen zurück, die es sich auf den Ladeflächen zweier Pick-ups bequem gemacht hatten, und musterte sie kritisch. Schließlich nickte er. „Da wir nun zwei Wochen eng zusammenarbeiten werden, lassen wir die Förmlichkeiten beiseite“, verkündete er brüsk. „Ich heiße Domenico.“

„Und ich bin Arlene.“

„Gut, das wäre geklärt. Auf geht’s. Die Leute auf den Wagen sind Pflücker, die extra für die Ernte eingestellt werden. Komm ihnen nicht in die Quere, sie haben einen Job zu erledigen. Wenn du Fragen hast, wende dich an mich oder meinen Onkel.“

Sie hätte salutiert und „Jawohl, Sir“ gebrüllt, hätte er ihr nur die Gelegenheit dazu gegeben. Doch er scheuchte sie zu dem Jeep, der den Pick-ups den Berg hinauf folgte. Während der Fahrt telefonierte er ununterbrochen mit seinem Handy.

Als sie ankamen, teilte Bruno den Helfern gerade ihre Arbeitsgebiete zu. Dennoch fand er Zeit, Arlene mit einem freundlichen Lächeln zu begrüßen. „Wenn Sie nach Hause kommen, sind Sie Expertin“, rief er fröhlich.

Wohl kaum, dachte sie. Aber hoffentlich auch kein völliger Grünschnabel mehr.

„Manche Weinbauern setzen Maschinen für die Ernte ein, wir pflücken weiterhin von Hand“, begann Domenico unvermittelt den Unterricht.

„Das sehe ich. Warum?“

„Weil die Maschinen die Trauben von den Reben schütteln. Dabei werden diese oft beschädigt. Oxidation und das Eindringen von Mikroorganismen können die Folge sein, die wiederum Krankheiten verursachen können. Außerdem ist es unmöglich zu verhindern, dass beim maschinellen Pflücken auch Blätter und kleine Steinchen eingesammelt werden.“

Oxidation? Mikroorganismen? Warum verstand sie plötzlich nur noch die Hälfte?

„Aber ist das Pflücken von Hand nicht viel teurer?“

Er bedachte sie mit einem überheblichen Blick. „Der Stolz der Silvaggio d’Avalos’ liegt in der Erstklassigkeit ihrer Weine. Kosten sind kein Faktor.“

„Ich verstehe!“, erwiderte sie. Wie hatte sie das nur übersehen können?

Unter Domenicos Anleitung pflückte sie mithilfe einer gebogenen Schere unzählige Trauben. Sie lernte unreife und kranke Früchte zu erkennen und diese hängen zu lassen.

Die anderen Arbeiter unterhielten sich in einer Sprache, die sie nicht verstand. Nur selten fing sie einen neugierigen Blick auf. Sobald Domenico überzeugt war, dass sie ihrer Aufgabe gewachsen war, ignorierte auch er sie. Bruno war leider zu weit entfernt, um ihr ermutigende Worte zuzurufen.

Während des Vormittags kamen jedoch hintereinander vier Frauen zu ihr, grüßten sie freundlich und musterten sie eindringlich und belustigt zugleich. Die Familienähnlichkeit zu Arlenes Lehrmeister war unverkennbar.

„Lass dich nicht von meinem Bruder schinden“, riet ihr Lara, die als Erste kam. „Vor allem während der Erntezeit benimmt er sich wie ein Sklaventreiber. Sag ihm, wenn du genug hast.“

Niemals! Arlene wusste, dass Domenico bei seinen seltenen Besuchen nur darauf wartete, dass sie das Handtuch warf – was sie längst getan hätte, hätte ihr Stolz es erlaubt. Selbst der dumpf pochende Schmerz über ihrem linken Auge, der im Verlauf des Tages immer schlimmer wurde, konnte sie nicht davon abhalten, ihm den Gefallen zu tun.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ein Lieferwagen am unteren Ende des Weinberges hielt. Sofort umringten die vier Schwestern den Wagen und begannen, ihn auszuladen. Ein Schatten spendendes Segel wurde aufgestellt und unzählige Platten und Teller mit Essen auf einem langen Tisch aufgebaut.

Als alle Arbeiter ihre Werkzeuge niederlegten, näherte Domenico sich Arlene. „Zeit für eine Pause“, verkündete er.

Mittlerweile war der Schmerz in ihrem Kopf so stark, dass grelle Lichter vor ihren Augen explodierten. Sie war sich nicht sicher, ob sie es auch nur schaffen würde, zu dem Tisch zu kriechen. Aber entweder konnte Domenico Gedanken lesen, oder ihre Qualen mussten sich auf ihrem Gesicht abzeichnen, denn gerade als sie befürchtete, in Ohnmacht zu fallen, griff er nach ihrer Hand. „Möchtest du immer noch ein Weingut leiten?“, fragte er sanft.

„Darauf kannst du wetten“, stieß sie hervor und entzog sich seinem Griff. Irgendwie gelang es ihr, in den schattigen Bereich zu stolpern.

„Wie viel Wasser hast du heute Morgen getrunken?“

„Vermutlich nicht genug. Ich habe eine Flasche mitgebracht, aber die ist schon seit Stunden leer.“

„Sind dir die Kühlbehälter am Ende jeder Rebenreihe nicht aufgefallen? Dir ist nicht in den Sinn gekommen, zu fragen, wozu die da sind?“

„Nein.“ Sie schluckte. Der Duft von warmem Brot, Oliven und Käse ließ Übelkeit in ihr aufsteigen.

Mit einem Fluch auf den Lippen ging Domenico zu dem Tisch, kehrte jedoch sofort wieder zu ihr zurück und warf ihr eine Flasche Wasser zu. „Mir war nicht klar, dass ich dich darauf hinweisen muss, ausreichend zu trinken.“

Eine der Schwestern hörte seine Worte. „Domenico, bitte! Siehst du denn nicht, dass diese arme Frau für einen Tag genug gelitten hat?“, schalt sie ihn und eilte mit einem Teller auf Arlene zu. „Hier, Signorina. Etwas zu essen.“

Arlene verzog das Gesicht. Allein bei dem Gedanken an Essen wurde ihr noch schlechter.

„Dir geht es nicht gut, cara. Wie kann ich dir helfen?“ Trotz ihrer schon weit fortgeschrittenen Schwangerschaft kniete die junge Frau neben Arlene nieder.

Sie wollte unbekümmert die Schultern zucken, doch selbst diese kleine Bewegung brachte sie nicht zustande. „Ich habe Kopfschmerzen“, murmelte sie und presste eine Hand gegen die Stirn.

„Das scheinen mir mehr als nur Kopfschmerzen zu sein“, erklärte die Frau und blickte zu ihrem Bruder auf. „Sieht eher nach Migräne aus. Jemand muss sich um sie kümmern.“

Domenico griff nach ihrer Hand und zog Arlene auf die Füße. Diesmal viel vorsichtiger als vor fünf Minuten. „Avanti. Gehen wir.“

„Wohin?“

„Ich bringe dich zurück ins Hotel, bevor du das Bewusstsein verlierst. Deinem Freund gefällt es bestimmt nicht, wenn du flach auf dem Rücken liegst … zumindest nicht in deinem gegenwärtigen Zustand.“

Hätte sie sich nicht so elend gefühlt, hätte sie mit einer sarkastischen Bemerkung geantwortet. Stattdessen ließ sie sich fast willenlos zum Jeep führen. Kaum hatte sie Platz genommen, lehnte sie den Kopf zurück und schloss dankbar die Augen.

„Welches Hotel?“, fragte er nach einer Weile. Glücklicherweise beließ er es bei diesem einen Kommunikationsversuch.

Vor dem Hotel angekommen, ignorierte er das Parkverbotschild, hielt den Wagen direkt vor dem Eingang an und half Arlene beim Aussteigen. „Wie lautet deine Zimmernummer?“

Inzwischen nahezu blind vor Schmerzen, stützte sie sich auf seinen helfend ausgestreckten Arm. „422.“

„Die Schlüsselkarte?“

Vergeblich kramte sie in ihrer Handtasche.

Domenico fluchte leise und suchte dann selbst nach der Karte, die er rasch fand. Dann hob er Arlene hoch und trug sie am Portier vorbei und quer durch die Lobby zu den Aufzügen. In diesem Moment öffneten sich die Lifttüren, und Gail trat heraus.

Sie blieb wie angewurzelt stehen und rang entsetzt nach Luft. „Meine Güte, Arlene, was ist passiert? Du siehst ja schrecklich aus!“

„Gehen Sie beiseite, per favore“, befahl Domenico. „Ich möchte sie auf ihr Zimmer bringen.“

„Einen Moment mal“, fauchte Gail ihn an, offensichtlich nicht im Geringsten von seinem autoritären Ton beeindruckt. „Ohne mich bringen Sie sie nirgendwohin.“

„Ach wirklich? Und wer sind Sie?“

„Arlenes Mitreisende.“

„Sie sind ihr Freund?“

„Und Sie sind ihr Lehrer?“, schoss Gail zurück, wobei sie seinen ungläubigen Tonfall perfekt imitierte. „Derjenige, der ihr alles über Trauben und Wein beibringt?“

„Der bin ich.“

„Na, dann herzlichen Glückwunsch! Sie haben ja großartige Arbeit geleistet, sie mitten am Tag betrunken zurückzubringen!“

„Ich habe nichts dergleichen getan!“, entgegnete er barsch. „Für was für einen Mann halten Sie mich?“

„Das wollen Sie gar nicht wissen!“

„Gail“, protestierte Arlene mit schwacher Stimme. „Ist schon okay. Ich habe Kopfschmerzen und muss mich ein wenig hinlegen.“

„Oh.“ Mit einem Mal weit weniger aggressiv, trat Gail rückwärts in den Aufzug. „Ich … es tut mir leid, Sie so angefahren zu haben.“

„Ziehen Sie die Vorhänge zu“, wies Domenico sie an, als sie das Zimmer erreichten.

Während Gail gehorchte, legte er Arlene auf das Bett, das weiter vom Fenster entfernt stand. Er setzte sich auf die Bettkante und streichelte mit einer wunderbar kühlen Hand über ihre Stirn. „Schließ die Augen, cara“, murmelte er. Und selbst in ihrem Zustand blieb ihr die Veränderung in seinem Verhalten nicht verborgen.

„Sollten wir nicht einen Arzt rufen?“, hörte Arlene Gail vom Fußende des Bettes her flüstern.

Die Matratze bewegte sich, als Domenico aufstand. „Bleiben Sie bei ihr und kühlen Sie ihren Nacken mit einem Eisbeutel.“

„Sie liefern sie einfach hier ab und verschwinden wieder?“, fragte Gail panisch. „Was, wenn …?“

„Ich komme wieder.“ Seine Schritte wurden leiser, dann fiel eine Tür ins Schloss.

Hastig richtete Arlene sich auf. „Gail …? Ich glaube, ich muss mich übergeben.“

„Oh, verflixt!“ Gail schlang einen Arm um die Schulter ihrer Freundin und half ihr aufzustehen. „Okay, Süße, gleich sind wir im Badezimmer.“

Sie schafften es gerade noch. So schrecklich es auch war, linderte es doch den stechenden Schmerz in ihrem Kopf.

Nachdem sie sich den Mund mit kaltem Wasser ausgespült hatte, legte Arlene sich wieder ins Bett und lächelte unsicher. „Schau nicht so besorgt.“

„Du hast mich zehn Jahre meines Lebens gekostet.“ Gail spähte durch den Spion an der Tür, als ein Klopfen ertönte. „Und jetzt lieg still und sieh blass und interessant aus. Dein Ritter ist zurück, und er ist nicht alleine.“

„Wie geht es ihr?“, erkundigte Domenico sich sofort.

„Wie zuvor“, entgegnete Gail. „Aber sie hat sich in der Zwischenzeit übergeben.“

Danke, Gail, stöhnte Arlene innerlich auf. Habe ich nicht schon genug für einen Tag erlitten? Musstest du ihm auch noch diese Peinlichkeit mitteilen?

„Dies ist Dr. Zaccardo“, stellte er den Mann mittleren Alters vor, der seine Aufmerksamkeit gleich auf Arlene richtete.

Nach einer kurzen Untersuchung und einigen eingehenden Fragen trat der Arzt vom Bett zurück und nickte den beiden anderen zu. „Wie Sie vermutet haben, ein Migräneanfall. Ich lasse Ihnen Medikamente da.“ Er griff in seine Tasche und zog ein kleines Döschen hervor. „Zwei Tabletten jetzt. Wenn es nötig sein sollte, zwei weitere um sechs. Rufen Sie mich an, wenn sie heute Nacht noch Beschwerden hat, wovon ich aber nicht ausgehe. Arrivederci.“

Damit verschwand er so schnell, wie er gekommen war. Gail schenkte ein Glas Wasser ein und überreichte Arlene zwei Kapseln.

„Wenn Sie Probleme haben, können Sie sich jederzeit bei mir melden.“ Er gab Gail einen Zettel. „Dies hier ist meine Nummer, darunter steht die von Dr. Zaccardo. „Rufen Sie mich auf jeden Fall heute Abend an und sagen Sie mir, wie es ihr geht.“

Als Arlene das nächste Mal aufwachte, war es dunkel im Zimmer. Nur neben dem Fenster verströmte eine Lampe einen warmen Schein. Gail saß in einem großen Sessel daneben und las.

Arlene blinzelte und drehte vorsichtig den Kopf. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Keine bunten Lichter explodierten vor ihren Augen. Kein stechender Schmerz über ihrem linken Auge. Nichts außer einer angenehmen Mattigkeit. Auf dem Tisch neben ihrem Bett stand ein herrlicher Strauß pinkfarbener Rosen.

„Du bist wach!“, rief Gail aus, legte das Buch weg und trat ans Bett. „Wie geht es dir, Süße?“

„Besser. Viel besser. Wie spät ist es?“

„Kurz nach acht. Du hast über sechs Stunden geschlafen. Brauchst du deine Medizin?“

„Ich glaube nicht. Aber ein Glas Wasser wäre gut.“

„Klar.“ Gail füllte ein Glas aus der Karaffe, die auf dem Tisch stand.

Behutsam setzte Arlene sich auf und trank in kleinen Schlucken. Sie deutete auf die Rosen. „Die sind wunderschön, Gail, aber du hättest dein Geld wirklich sparen sollen. Schließlich liege ich ja nicht im Sterben.“

„Die sind doch nicht von mir! Er hat sie geschickt! Sieh selbst.“ Sie reichte ihr eine Karte, die schlicht mit Domenico unterschrieben war.

Vor Aufregung beschleunigte sich ihr Herzschlag. Es war ein schönes Gefühl, zu wissen, dass er genug für sie empfand, um ihr Blumen zu schicken.

„Er ist ziemlich gut darin, Befehle zu erteilen. Ich schätze, ich sollte ihn wohl besser anrufen und ihm sagen, dass es dir wieder besser geht.“

Gail nahm den Zettel und wählte die Nummer, die darauf stand.

„Hi, hier spricht Gail Weaver … Ja, ich weiß, wie spät es ist … Nun, das habe ich ja. Sie ist gerade erst aufgewacht … Gerade eben … Das werde ich, sobald Sie aufhören, mich ständig zu unterbrechen …! Nein, sie hat gesagt, sie braucht Sie nicht … Weil sie eine erwachsene Frau ist, Mr. Silvaggio d’ wie auch immer … Ich weiß nicht. Ich frage sie.“

Gail hielt den Telefonhörer auf Armeslänge von sich weg. „Geht es dir gut genug, um mit Seiner Lordschaft zu plaudern, Arlene?“, fragte sie so laut, dass Domenico sie hören musste.

Arlene nickte und unterdrückte ein Lachen. Wann, fragte sie sich, hatte das letzte Mal jemand so mit ihm gesprochen?

„Hallo, Domenico“, sagte sie in den Hörer, den Gail ihr reichte.

„Wie ich höre, fühlst du dich wieder besser.“ Ein verführerischer Bariton drang in ihr Ohr.

Ein wohliger Schauer überlief sie. „Danke. Für deine Sorge und die Rosen.“

„Es freut mich, dass sie dir gefallen. Arlene, ich gebe mir die Schuld an dem, was heute passiert ist. Von dir zu erwarten, genauso lange zu arbeiten wie die anderen, die an das Klima gewöhnt sind, war unverzeihlich. Dafür möchte ich mich entschuldigen.“

„Dazu besteht kein Grund. Wie meine Freundin vorhin gesagt hat, ich bin eine erwachsene Frau. Ich hätte mich früher melden müssen. Ich habe dir eine Menge Ärger bereitet. Es wird nicht wieder passieren.“

„Heißt das, du hast deine Meinung geändert und kommst nicht mehr zurück?“

„Natürlich nicht. Morgen früh bin ich um acht Uhr da … Es sei denn, du ziehst dein Angebot zurück?“

„Ganz und gar nicht“, erwiderte er mit dieser samtigen Stimme, die fast an ein Schnurren erinnerte. „Dann bis morgen.“

3. KAPITEL

Trotz ihrer Einwände verbrachte Arlene die nächsten Tage in Domenicos Büro. Mit den dicken, weiß getünchten Wänden, den Steinfliesen auf dem Boden, den hohen Fenstern und der getäfelten Zimmerdecke war es Arbeitszimmer und Konferenzraum in einem. Am einen Ende standen ein großer Schreibtisch, mehrere Aktenschränke und ein moderner Computer.

„Du verhätschelst mich“, warf sie Domenico vor, als er ihr sagte, sie würde nicht mehr bei der Ernte mitarbeiten.

„Im Gegenteil. Ich versuche nur, dir in der kurzen Zeit so viele Informationen wie möglich zu vermitteln. Wenn du dein Weingut übernimmst, solltest du wissen, wie du deine Prioritäten setzen musst.“

Dabei blieb es. In der Stille hinter den verschlossenen Türen, die die Hektik der Außenwelt abschirmten, lernte sie alles über Anbaumethoden, ideale Sonnenstände, klimatische und geologische Voraussetzungen. Sie erfuhr von verschiedenen Rebsorten, welche davon zu ihrem Weingut passte und mit welchem Rankgitter sie am besten gedieh.

Auf einen Außenstehenden hätte der Unterricht harmlos und freundschaftlich gewirkt. Und solange es um den Weinanbau ging, war er es auch. Doch unter der Oberfläche war etwas viel weniger Greifbares zu spüren. Zwischen ihnen wuchs eine prickelnde Spannung, die nichts mit Trauben und Wein zu tun hatte, sondern mit dem Bewusstsein, dass eine dicke Tür sie vor den Augen aller anderen Menschen verbarg.

Domenicos Stimme schien tiefer zu werden, wenn er mit Arlene sprach. Er verwandelte ihren gewöhnlichen Namen in eine exotische Liebkosung aus drei Silben. Ar-lay-na.

Manchmal, wenn sie von ihren Notizen aufsah, ertappte sie ihn dabei, wie er sie aufmerksam musterte. Dann strömte das Blut heißer durch ihre Adern, als litte sie an einem seltenen Fieber. Hin und wieder berührte er sie, unabsichtlich und niemals plump vertraulich. Und doch löste schon die kleinste zufällige Berührung ein erotisches Feuerwerk aus.

Alles an ihm faszinierte sie. Seine Geduld, mit der er ihr die komplizierten Vorgänge der Weinherstellung erklärte. Seine Intelligenz und seine Integrität. Der Respekt, den er unter seinen Angestellten genoss.

Am meisten jedoch berührte sie seine offene Zuneigung zu seiner großen Familie. Als einsames ungewolltes Kind, als das sie selbst aufgewachsen war, hatte sie sich stets nach Geschwistern gesehnt.

Ihre Intuition sagte ihr, dass auch er sich von ihr angezogen fühlte. Doch sobald sie nicht mehr in seiner Nähe war, schlich sich das Gefühl der Unsicherheit wieder ein. Vielleicht spielte ihre Einbildung ihr Streiche. Was sie für Blicke voller erotischer Anspielungen hielt, war möglicherweise einfach nur seine Art, ihr seine Aufmerksamkeit zu schenken. Galt dieses Lächeln – als teilten sie ein ganz besonderes Geheimnis – wirklich nur ihr?

War sie das Opfer ihres eigenen Wunschdenkens? Oder war da etwas …?

„Da ist etwas!“, versicherte ihr Gail, als sie der Freundin ihre Zweifel anvertraute. „Das hätte ich dir schon nach seinem Anruf an dem Abend, als du diesen Migräneanfall hattest, sagen können. Immerhin musste ich euer Gespräch mit anhören.“

Arlene lachte. „Ich weiß noch, wie wütend du warst.“

„Was hast du denn erwartet? Herrje, Arlene, der Mann war scharf auf dich!“

„Das ist doch lächerlich. Wir hatten uns doch erst am Tag zuvor kennengelernt.“

„Mehr Zeit ist auch gar nicht nötig. Gerade als du die Männer schon aufgeben wolltest, triffst du einen, der dein Herz schneller schlagen lässt.“

„Das bedeutet nicht, dass er für mich dasselbe empfindet.“

„Woher willst du das wissen? Hast du ihn gefragt?“

Allein bei der Vorstellung brach ihr kalter Schweiß aus. „Das würde ich niemals wagen.“

„Warum nicht? Er ist nicht verheiratet. Warum lässt du dich nicht einfach treiben und schaust, wo du landest? Was hast du schon zu verlieren?“

„Seinen Respekt. Außerdem kann es durchaus sein, dass er eine feste Beziehung hat.“

„Oder er könnte auf ein Zeichen von dir warten.“

„Was macht es für einen Sinn, ihm ein Zeichen zu geben, wenn unser Urlaub in neun Tagen vorbei ist?“

„Der Sinn besteht darin, der Liebe auf den ersten Blick eine Chance zu geben.“

„An so etwas glaube ich nicht“, wiederholte sie stur.

Gail seufzte. „Es gibt Hunderte von Paaren auf der Welt, die daran glauben und es sogar beweisen, indem sie glücklich zusammenleben.“

Und es gibt Menschen, die sexuelle Anziehung mit Liebe verwechseln und ihren Irrtum ein Leben lang bedauern. Schließlich war sie das Ergebnis eines solchen Fehlers! Schon bei ihrer Geburt hassten sich ihre Eltern.

Ich habe mich geopfert und bin nur deinetwegen bei ihm geblieben, erinnerte ihre Mutter sie oft genug. Wenn ich nicht schwanger geworden wäre, hätte ich ihn nicht heiraten müssen und mir wären fünf elende Jahre erspart geblieben!

„Aber wenn du denkst, dass es in deinem Fall nicht so ist“, fuhr Gail fort, „dann lass doch die Liebe aus dem Spiel und lebe für den Moment. Eine kleine Urlaubsromanze hat noch niemandem geschadet.“

„Davon halte ich auch nichts. Das ist zu gefährlich.“

Gail verdrehte die Augen. „Und das aus dem Mund einer Frau, die praktisch alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, um es mit einem heruntergewirtschafteten Weinberg, zwei Hunden und einem mürrischen alten Mann aufzunehmen!“

Am Freitag fragte Domenico sie nach ihren Plänen fürs Wochenende. „Wenn du interessiert bist“, meinte er, „könnten wir die anderen Weingüter auf der Insel besuchen. Je mehr du siehst und mit je mehr Menschen du sprichst, desto besser wirst du für dein eigenes Projekt vorbereitet sein.“

Da Gail mit einem der Fremdenführer angebändelt hatte, nahm Arlene die Einladung ohne schlechtes Gewissen an. Allerdings fiel es ihr schwer, sich nichts von dem freudigen Schauer anmerken zu lassen, der sie überlief. „Danke, das wäre sehr schön.“

„Dann hole ich dich um zehn Uhr ab, und wir verbringen den Tag zusammen.“

Kaum zurück im Hotel, stand Arlene der Frage gegenüber, was sie nur anziehen sollte. Die schlichte Bluse und die weiten Hosen, die in der letzten Woche ihr Arbeitsoutfit geworden waren? Dazu den wenig schmeichelhaften Sonnenhut, mit dem sie wie verwelktes Unkraut aussah?

„Auf keinen Fall“, meinte Gail. „Mittlerweile bist du die Sonne gewöhnt. Während unserer Nachmittage am Strand hast du eine schöne Bräune bekommen. Mach einen Termin im Spa des Hotels und lass dich verwöhnen. Das komplette Programm: Nägel, Gesicht, Haare. Du hast es verdient.“

Vier Stunden später kehrte sie aus der hoteleigenen Wellnessoase zurück – so strahlend und entspannt, dass ihre eigene Mutter sie nicht wiedererkannt hätte.

Schade, dass du so unscheinbar bist, Arlene, pflegte sie zu sagen, aber bei dem Ausgangsmaterial gibt es nicht viel, was du dagegen tun kannst.

Bis heute hatte Arlene ihrer Mutter zugestimmt. Doch das war vorbei. Ihre Nägel waren in einem sanften Apricot lackiert, ihre Haut schimmerte wie bernsteinfarbene Seide, die braunen Haare, in die die Sonne helle Strähnchen gezaubert hatte, waren stilsicher geschnitten.

Von ihrer eigenen Verwandlung begeistert, machte sie einen Abstecher in die Hotelboutique in der Lobby. Dort fand sie das perfekte Kleid für ihren neuen Look. Ein knöchellanger Rock, ein schmales, von Spaghettiträgern gehaltenes Oberteil, türkisblau wie das Meer.

„Fantastisch!“, bekräftigte Gail, als sie das Ergebnis sah. „Das wird ihn umwerfen.“

Das Problem ist nur, ging es Arlene durch den Kopf, werde ich auch wissen, was ich tun soll, wenn es tatsächlich passiert?

Pünktlich holte Domenico sie ab. Er fuhr nicht den Jeep, wie sie erwartet hatte, sondern einen schnittigen silberfarbenen Roadster.

„Du siehst wunderhübsch aus, Arlene“, begrüßte er sie, als er aus dem Wagen stieg. Er selbst trug hellgraue Hosen, ein blaues Hemd und schwarze, unverkennbar handgearbeitete Schuhe. „Aber dein Haar …“ Er fasste nach einer Strähne. „Nein, das geht nicht.“

Arlene starrte ihn an – zu enttäuscht, um gekränkt zu sein. „Gefällt es dir nicht?“

„Es ist wunderschön. Und deshalb will ich auch nicht dafür verantwortlich sein, die neue Frisur zu ruinieren.“

Damit wandte er sich um und ging ins Hotel. Einige Minuten später kehrte er mit einem weißen Seidenschal zurück. „Gegen den Wind“, erklärte er, legte das Tuch um ihren Kopf, machte unter ihrem Kinn einen Knoten und warf die langen Enden über ihre Schultern. „Jetzt noch die Sonnenbrille, und du siehst aus wie eine reiche Prominente, die ihre Jacht für einen Tag verlassen hat, um sich von ihrem Chauffeur inkognito über die Insel fahren zu lassen.“

Natürlich war das ein Scherz. Niemand bei Verstand würde Domenico Silvaggio d’Avalos für einen Chauffeur halten … ebenso wenig, wie sie als Berühmtheit durchging.

Bald hatten sie die Stadt hinter sich gelassen und fuhren nach Westen die Küste entlang in Richtung Sassari.

„Auf diesem Weingut wird ebenfalls die Vermentino-Traube angebaut“, erklärte Domenico und hielt den Wagen vor einem palastartigen Gebäude an. „Der Besitzer Santo Perrottas und ich sind zusammen in Rom zur Schule gegangen. Seit damals sind wir gute Freunde.“

Das war angesichts der herzlichen Begrüßung offensichtlich. Santo spielte zwar nicht in Domenicos Liga, war aber ein sehr freundlicher und charmanter Mann. Als er den Grund für den Besuch erfuhr, war er nicht davon abzubringen, Arlene seinen Wein zum Kosten anzubieten.

„Ich habe von Weinen aus British Columbia gehört“, sagte er, während sie an dem strohfarbenen aromatischen Vermentino nippten. „Bei internationalen Wettbewerben sind sie schon mehrfach mit Goldmedaillen ausgezeichnet worden.“

„Ich fürchte, die Trauben von meinem Land nicht“, entgegnete sie. „Mein zukünftiges Weingut befindet sich in einem wirklich schlechten Zustand.“

„Dann sind Sie bei Domenico in guten Händen. Er ist der wahre Experte. Und du, mein Freund“, wandte er sich mit einem verschmitzten Grinsen an Domenico, „hast unverschämtes Glück, dass diese bellezza deinen Weg gekreuzt hat. Warum konnte sie nicht an meiner statt an deiner Tür klingeln?“

„Was glaubst du wohl? Weil sie ebenso klug wie schön ist. Und weil du verheiratet bist!“

Arlene errötete. An solche Schmeicheleien war sie nicht gewöhnt. Natürlich hatte das nichts zu bedeuten. Die beiden Männer verhielten sich nur aufmerksam und höflich, weil das in den Kreisen, in denen sie sich bewegten, üblich war.

Anschließend lenkte Domenico den Wagen nach Süden. Sie hielten bei drei weiteren Weingütern, auf denen sie ebenfalls sehr warmherzig willkommen geheißen wurden. Stets bat man sie, länger zu bleiben – zum Lunch, zum Dinner oder auch über Nacht. Aber Domenico lehnte jede Einladung ab.

Arlene war froh darüber. Obwohl sie sich über die offene Gastfreundschaft freute, bestand für sie das wahre Vergnügen des Ausflugs darin, Sardinien durch Domenicos Augen sehen zu dürfen.

Mittags aßen sie in einem kleinen Restaurant und waren binnen einer Stunde wieder unterwegs. Gegen vier erreichten sie Oristano. Nach einem kurzen Rundgang folgten sie für fünfundsiebzig Kilometer der atemberaubenden Küstenstraße. Das Tageslicht begann bereits zu verblassen, als sie in Alghero ankamen.

„Die Stadt ist das Juwel im Nordwesten der Insel, wenn nicht ganz Sardiniens“, erklärte Domenico, während sie über die mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Straßen spazierten. Um diese Zeit erwachte die mittelalterliche Stadt nach der nachmittäglichen Ruhe wieder zum Leben. „Wenn du mehr Zeit hättest, würde ich dir noch den Strand und die Sehenswürdigkeiten zeigen.“

Wenn du mehr Zeit hättest … Während des Tages war dieser Satz zu ihrem beständigen Begleiter geworden. Helle Sandstrände, verborgene Buchten, Wälder und Olivenhaine, archäologisch interessante Ruinen und wenig befahrene Wege: All dies hätte sie mit ihm entdecken können, wenn sie doch nur mehr Zeit gehabt hätte.

Stattdessen musste sie sich mit einem einzigen herrlichen Tag begnügen. Mit lächelnden Seitenblicken und gemeinsamem Lachen.

Diese Erinnerungen würde sie mit in ihr neues Heim in British Columbia nehmen. Ob Domenico wusste, welche Wirkung er auf sie ausübte?

Arlene fiel auf, dass die Straßenschilder zwar in Italienisch geschrieben waren, darunter jedoch immer der jeweilige Name in einer weiteren Sprache stand. In Katalanisch, wie Domenico ihr erklärte.

„Alghero ist die am meisten von Spanien beeinflusste Stadt Sardiniens“, meinte er, als sie zum Dinner in ein Restaurant einkehrten. Die Tische waren mit schwarzen Decken bedeckt und mit weißen Votivkerzen in kristallenen Kerzenständern dekoriert. „Sie wird auch ‚Barcelonetta‘ genannt, Kleinbarcelona. Das ist nicht weiter verwunderlich, da die Spanier dreihundert Jahre lang über die Insel geherrscht haben.“

„Als ich dich zum ersten Mal sah“, gab sie zu, „dachte ich, dass du mit Ausnahme deiner blauen Augen spanisch aussiehst.“

„Die Familie meines Vaters ist um 1880 von Nordspanien nach Sardinien eingewandert. Man hat mir schon oft gesagt, dass ich meinem Ururgroßvater ähnlich sehe.“

„Dann muss er ein sehr attraktiver Mann gewesen sein.“

„Grazie. Und wem verdankst du dein reizendes Aussehen, meine bezaubernde Arlene?“

„Oh, das musst du nicht sagen“, protestierte sie errötend.

Domenico ergriff ihre Hand. „Warum tust du das, cara?“, fragte er sanft. „Warum versteckst du dich vor der Wahrheit und verbirgst deine Schönheit vor der Welt? Schämst du dich für sie?“

„So ist es gar nicht.“ Die Intensität seines Blicks ließ ihren Atem stocken. „Ich bin weder schüchtern noch auf der Suche nach Komplimenten. Ich weiß einfach nur, dass ich nicht schön bin.“

„Wer hat dir das eingeredet? Ein Mann? Ein Schurke, der dein Herz gebrochen und dich dann verlassen hat?“

„Meine Mutter“, erwiderte sie traurig.

Er stieß einen gequälten Laut aus. „Warum würde eine Mutter ihrem Kind so etwas sagen?“

„Ich vermute, weil ich nach meinem Vater komme.“

„Dann vertrau mir, wenn ich dir sage, dass dein Vater ebenfalls ein sehr attraktiver Mann gewesen sein muss, wie du sicherlich weißt.“

„Nicht wirklich. Ich kannte ihn ja kaum.“

„Ich erinnere mich. Deine Eltern haben sich scheiden lassen, als du noch klein warst, und er ist kurz danach gestorben. Aber es gibt doch bestimmt Fotos.“

Sie lachte hart auf. „Meine Mutter hätte nie zugelassen, dass ich ein Bild von ihm besitze.“

Schweigend hob Domenico sein Glas und betrachtete Arlene einen Moment. „Fast scheint es, als wärst du als Waise aufgewachsen.“

Tatsächlich hatte sie sich oft genauso gefühlt. Er war er Erste, der es in Worte fasste. „Ich hoffe, du weißt, wie glücklich du dich schätzen kannst, Teil einer so großen Familie zu sein.“

Er setzte zu einer Antwort an, überlegte es sich dann jedoch anders und wechselte zurück in seine Rolle als Lehrmeister. „Sag mir, was du über den Wein denkst.“

„Ich genieße ihn.“

„Nein, nein, Arlene“, schalt er. „Ich erwarte mehr von dir.“

Eine Weinkennerin war längst noch nicht aus ihr geworden. Sie wusste, was ihr schmeckte, das war aber auch schon alles. „Es ist Vermentino.“

„Noch nicht gut genug! Das verrät dir auch das Etikett.“

„Er ist erfrischend.“

„Und …? Was fällt dir zum Abgang ein?“

„Er hat schöne Beine?“, versuchte sie, ihn hinzuhalten.

Domenico legte den Kopf in den Nacken und lachte laut. „Dio, als Lehrer habe ich kläglich versagt! Du wirst für einen zweiten Kurs zurückkommen müssen!“

Ach, wenn das doch nur möglich wäre!, dachte sie. Das Herz quoll ihr bei seinem Anblick schier über. Die ebenmäßigen Zähne, die dichten Wimpern, die wie dunkle Saphire im Kerzenlicht funkelnden Augen. Wie sollte eine Frau in Gegenwart solch männlicher Schönheit einen klaren Kopf bewahren?

„Versuch es noch einmal. Atme das Bouquet ein. Und jetzt trink einen Schluck und lass ihn in deinem Mund kreisen.“

Arlene gehorchte. „Er schmeckt leicht“, fing sie an. „Fruchtig … aber nicht zu sehr. Und da ist ein Hauch von Mandeln.“

„Genau! Der perfekte Begleiter zu Meeresfrüchten, die ich als Hauptgang empfehle.“

Unterdessen war der Mond aufgegangen und beleuchtete die antike Kirche gegenüber dem Platz, auf dem sie saßen. Die Kerzen zwischen ihnen flackerten und warfen tiefe Schatten. Sie und Domenico aßen eine fantastische Auswahl an Scampi, Krebsen und Muscheln, die zusammen mit köstlichem Weißbrot und Salat gereicht wurden.

„Zum Abschluss gibt es jetzt einen Vermentino, wie du ihn noch nicht kennengelernt hast. Bislang hast du nur den jungen frischen Wein getrunken, der eiskalt serviert wird. Nun musst du seinen Cousin probieren, den Liquoroso. Er ist gereifter, süßer und wird nicht gekühlt getrunken.“

„Ich glaube, ich hatte schon zu viel Alkohol für einen Tag.“ Normalerweise waren zwei Gläser ihr Limit, aber bereits zum Essen hatten sie sich eine Flasche geteilt.

„Entspann dich, Arlene“, meinte er. „Es ist nicht meine Absicht, dich betrunken zu machen, sondern vielmehr den vergnüglichen Abend so lange wie möglich auszudehnen.“

„Ich dachte, du hättest mittlerweile genug von mir.“

„Da irrst du dich.“

Vier Worte, das war alles. Und doch berauschten sie Arlene weit intensiver, als der Wein es jemals vermocht hätte. Die Kerzenflammen ließen bunte Kreise vor ihren Augen tanzen. Ihr Blut strömte heißer durch die Adern. „Du weißt so viel über mich …“

„Nicht alles“, murmelte er. „Das Beste, vermute ich, kommt noch.“

„Der Punkt ist, dass ich kaum etwas über dich weiß. Deshalb bist du jetzt an der Reihe. Erzähl mir von dir.“

„Was möchtest du denn wissen?“

„Deine dunkelsten Geheimnisse“, gab sie in neckendem Tonfall zurück, um die Aufruhr in ihrem Inneren zu verbergen.

Sag mir, dass du bei deiner Steuererklärung betrügst. Dass du von der Polizei gesucht wirst. Dass du vorbestraft bist. Dass du ein charakterloser Schürzenjäger bist … irgendetwas, um mich wieder zur Vernunft zu bringen, bitte!

Lange sah er ihr in die Augen. Dann stellte er das unberührt gebliebene Weinglas zurück auf den Tisch. Er stand auf und streckte die Hand aus. Seine Stimme klang rau, als er sagte: „Warum soll ich es dir erzählen, wenn doch Taten viel deutlicher sprechen als Worte?“

4. KAPITEL

Schweigend geleitete Domenico Arlene aus der Innenstadt hinaus zu dem Parkplatz, auf dem der Roadster stand. Sie folgten der Straße, bis sie zu einem einsamen, von Pinien gesäumten Abschnitt oberhalb einer versteckten Bucht kamen.

„In diesem Moment“, sagte er leise, als er Hand in Hand mit ihr zum Strand hinunterschlenderte, „möchte ich dich in den Arm nehmen und küssen, mit nur dem Meer und dem Himmel als Zeugen.“

„Warum?“

„Weil ich dich in diesem Moment begehrenswerter finde als jede andere Frau, die ich jemals kannte.“

Er griff nach ihren Händen und zog Arlene in seine Arme. Unwiderstehlich hüllte die Wärme seines Körpers sie ein. Das stetige Pochen seines Herzens beruhigte sie. Bei ihm war sie sicher. Er würde nichts tun, was sie verletzen könnte.

Er presste sie so fest an sich, dass sie seine Erregung spürte. Als er ihr in die Augen schaute, war es, als blicke er auf den Grund ihrer Seele. Erst nach langer Zeit, als sie kaum noch klar denken konnte, neigte er mit quälender Langsamkeit den Kopf und drückte seine Lippen auf ihre.

Kaum spürte sie die Berührung seines Mundes, war sie verloren. Verloren in einer Sehnsucht, die weit über jede Fantasie hinausging. Gefangen in einem Strudel des Verlangens, der nach mehr schrie … nach allem, was er ihr zu geben bereit war.

Ein unbändiger Hunger ergriff von ihr Besitz. Ihre Lippen wurden unter seinen Liebkosungen weich und öffneten sich willig. Intuitiv ließ sie ihre Zunge mit seiner tanzen, Auftakt und zugleich Signal für weitere Zärtlichkeiten.

Domenico widerstand. Er hob den Kopf und trat einen Schritt zurück. Die kühle Seeluft strich über ihre Glieder und legte sich um ihr Herz. „Es ist spät geworden. Ich bringe dich nach Hause.“

Sein abrupter Stimmungswechsel verwirrte sie. Das konnte er nicht ernst meinen. Unmöglich, wenn noch Sekunden zuvor sein Körper eine ganz andere Geschichte erzählt hatte.

„Nein“, flüsterte sie und schmiegte sich an ihn. „Ich fürchte mich nicht. Ich vertraue dir, Domenico. Du brauchst nicht aufzuhören …“

„Doch, Arlene“, erwiderte er mit einer Stimme wie Granit. „Doch, das muss ich.“

Verzweiflung, kälter als Eis, stieg in ihr auf. Sie hatte ihn enttäuscht. War zu unbeholfen, zu gierig, zu … zu alles! Gedemütigt wandte sie sich um, damit er die Tränen nicht sah, die in ihren Augen schimmerten, und ging zum Wagen zurück.

Er folgte ihr. Öffnete die Beifahrertür für sie. Stumm legte er den weißen Seidenschal um ihren gesenkten Kopf, bevor er auf dem Fahrersitz Platz nahm.

Die Fahrt von Alghero zu dem kleinen Ort, in dem sie ihren Urlaub verbrachte, war gleichzeitig gnädig kurz und grauenhaft lang. Domenico stoppte den Wagen unmittelbar vor dem Hotel.

„Danke für den wunderbaren Tag“, sagte sie über die Schulter hinweg beim Aussteigen. „Vielen Dank auch für deine Hilfe. Auf Wiedersehen.“

Seit sie vom Strand aufgebrochen waren, hatte Domenico kein Wort gesprochen. Jetzt brach er sein Schweigen. „Morgen …“

Zwei Silben nur, aber sie reichten aus, um Arlene in ihrer Flucht erstarren zu lassen. Dennoch wagte sie nicht, sich umzudrehen und ihn anzuschauen. Wagte nicht zu atmen, nicht zu hoffen. „Was ist mit morgen?“

„Nimm dir den Tag frei. Verbring ein wenig Zeit mit deiner Freundin. Du hast sie in der letzten Woche kaum gesehen.“

Eine weitere Woge der Enttäuschung überspülte sie. Und du hast zu viel von mir gesehen und willst keine weitere Minute in meiner Gesellschaft verbringen! Warum sagst du nicht einfach, was du in Wirklichkeit meinst, Domenico?

Doch dann hörte sie seine Stimme wieder, bevor sie ihre Antwort vorbringen konnte. „Ich hole dich später ab … acht Uhr … zum Dinner … an einen anderen Ort als heute.“

Noch lange nachdem die roten Rücklichter des Wagens in der Dunkelheit verschwunden waren, stand Arlene bewegungslos vor dem Hotel. Sie hatte keine Ahnung, was er mit seiner letzten Bemerkung gemeint haben könnte. Alles, was zählte, war, dass es nicht vorbei war.

Domenico stürmte in seine Villa, schenkte sich einen Grappa ein und begann, im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. Dabei verwünschte er sich selbst, weil er sich wie der König aller Narren verhalten hatte. Arlene zu küssen, war ein Fehler gewesen. Am besten wäre es, sie nie wiederzusehen.

Auf der ganzen Rückfahrt zum Hotel hatte er sich das immer und immer wieder vorgesagt. Schlaue Männer ließen sich nicht mit Frauen ein, die die Regeln des Spiels nicht kannten. Dass Arlene nichts von ihnen wusste, war in der Sekunde offensichtlich geworden, als ihre weichen Lippen die seinen berührt hatten.

Die Leidenschaft, die er mit nur einem Kuss in ihr hatte wecken können, erstaunte ihn. Er hätte dort mit ihr schlafen können, an einem öffentlichen Strand, und sie hätte sich ihm nicht verweigert.

Ich vertraue dir … du brauchst nicht aufzuhören, hatte sie gesagt, die Stimme voll sehnsüchtigem Verlangen.

Doch bei dem Wort „Vertrauen“ war sein Gewissen zum Leben erwacht.

Wie kam das nur, fragte er sich, dass eine fast dreißigjährige Frau so fest an das Gute in den Menschen glaubte, obwohl sie als Kind nur Ablehnung erfahren hatte?

Und darin bestand das eigentliche Problem. Er wollte und konnte nicht derjenige sein, der sie schon wieder zurückwies. Wie sehr er sie auch begehrte, wie gegenseitig das Verlangen auch sein mochte, er würde nicht mit ihr schlafen. Denn letzten Endes war es ihr zartes Herz, das verletzt werden würde.

Für sie bedeuteten Intimitäten Liebe und Ehe – und dafür stand er nicht zur Verfügung. Also wäre es am besten, zukünftigen Verletzungen vorzubeugen und die Sache hier und jetzt zu beenden.

Er wusste genau, welche Worte er sagen musste. Es war mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen, Arlene, aber nun habe ich dir alles beigebracht, was ich weiß. Genieße den Rest deiner Ferien. Viel Glück und auf Wiedersehen.

Freundlich, aber endgültig, klar und deutlich.

Sie war ihm zuvorgekommen. Hatte ihre kleine Abschiedsrede gehalten und ihn vom Haken gelassen – zumindest glaubte er das, bis er die Verwirrung in ihrer Stimme hörte.

Plötzlich, ohne dass ihm auch nur eine Sekunde der Gedanke an die unausweichlichen Komplikationen gekommen war, hatte er seine Einladung ausgesprochen.

Ein Abendessen allein mit ihr kam nicht infrage. Kerzenlicht und Wein bildeten eine gefährliche Kombination. Dazu noch ein bisschen Musik, Sternenlicht, die berauschende Zweisamkeit in seinem Wagen, und man besaß das perfekte Rezept für lange anhaltende Gewissensbisse, wenn nicht sogar für eine emotionale Katastrophe.

„Du bringst sie zum Abendessen mit?“

„Hierher?“

„Zu uns?“

Lautstarke Aufregung folgte seiner Ankündigung am nächsten Tag.

„Da ist nichts“, warnte Domenico seine Mutter und Schwestern. „Nichts Ernstes. Sie übernimmt nur ihr eigenes Weingut, das ist alles. Je öfter sie sich mit Menschen unterhält, die ihr Leben dem Wein gewidmet haben, desto mehr kann sie lernen.“

„Wir verstehen“, flöteten die Frauen im Chor, wobei ihre kaum verhohlene Freude ihre Worte Lügen strafte. „Du willst dich nur wie ein guter Freund verhalten. Ansonsten ist da absolut nichts.“

Da wusste er, dass er sich seinen Atem hätte sparen können. Niemand glaubte ihm auch nur ein Wort.

Gut, nun lag es an ihm, ihnen zu beweisen, wie falsch sie mit ihrer Einschätzung lagen. Er würde für eine unverfängliche Situation sorgen. Freundlich, aber unpersönlich sein. Angenehm, ohne allzu familiär zu wirken. Anders ausgedrückt: Arlene ebenso behandeln wie irgendeinen Freund vom College.

Er kam ein paar Minuten zu früh und wartete in der Hotellobby, als Arlene aus dem Aufzug trat. Hatte sie ihm gestern in dem türkisfarbenen Sommerkleid ein ganz entzückendes Bild geboten, zeigte sie ihm heute ihre klassisch elegante Seite. Die Haare hatte sie im Nacken mit einer Samtschleife zusammengefasst. Sie trug einen gerade geschnittenen, bis zu den Knien reichenden dunkelgrünen Rock, dazu passende Sandaletten mit einem kleinen Absatz und eine schlichte, langärmelige weiße Bluse und einfache Perlenohrringe.

„Ich habe vergessen, dir das zurückzugeben“, begrüßte sie ihn und überreichte ihm den Schal, den er für sie gekauft hatte.

Er beugte sich vor, um sie auf die Wange zu küssen. Ein Fehler. Ihr Parfüm erinnerte ihn an die wilden Veilchen, die im Frühjahr auf Sardinien blühten. Die Weichheit ihrer Haut ließ ihn fast in seinem Entschluss wanken, sich distanziert zu verhalten. „Er gehört dir, Arlene.“

Sie erzitterte leicht unter seiner Berührung. „Wohin führst du mich diesmal aus?“, fragte sie.

„Zum Abendessen mit meiner Familie.“

„Deiner Familie?“, wiederholte sie schockiert.

„Genau. Meinem Onkel und meinen Schwestern bist du schon begegnet. Heute Abend triffst du den Rest.“ Nämlich Eltern, sämtliche Schwäger, Nichten, Neffen, Hunde, Katzen und überhaupt jeden, den ich auftreiben konnte …

„Ich verstehe.“ Domenico spürte, wie ein nachdenklicher Blick aus grauen Augen ihn streifte. „Warum?“

Mit der Frage hatte er nicht gerechnet. Rasch musste er sich eine Antwort einfallen lassen, die sie weder auf die falsche Fährte lockte noch kränkte. „Weil … weil die beste Möglichkeit, Land und Leute wirklich kennenzulernen, darin besteht, in eine Familie eingeladen zu werden. Hotels sind schön und gut, bieten aber keinen authentischen Einblick in die Kultur eines Volkes.“

Im Licht der Straßenlaternen sah er, wie sie die Stirn runzelte. „Ich glaube, was du wirklich sagen willst, ist, dass ich dir leidtue. Aber ich brauche dein Mitleid nicht, Domenico.“

Dio! Er hatte vergessen, dass sie nicht nur hübsch, sondern auch eine scharfe Beobachterin war. „Bei all den Gefühlen, die du in mir weckst, Arlene, Mitleid gehört nicht dazu. Falls ich diesen Eindruck erweckt haben sollte, war meine Wortwahl falsch. Lass es mich so ausdrücken: Ich möchte, dass du einen Abend mit meiner Familie verbringst, weil ich glaube, dass es dir Spaß machen wird. Sie freuen sich auf jeden Fall auf dich.“

„Warum?“

„Weißt du, wie oft du mich das fragst?“

„Entschuldige, ich wollte dir nicht auf die Nerven fallen.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

Arlene zuckte die Schultern. „Dann beantworte die Frage.“

So viel dazu, die Dinge leicht und locker zu halten! „Weil ich dich mag“, entgegnete er. „Ich mag dich sogar sehr. Ich bewundere deine Intelligenz und deine Entschlossenheit. Wir sind einander erst vor wenigen Tagen begegnet, und ich betrachte uns als Freunde. So einfach ist das. Wir Sarden sind gastfreundliche Menschen. Wir laden unsere Freunde in unsere Häuser ein. Ist das so schwer zu verstehen?“

„Nein“, erwiderte sie leise. Sofort verfluchte Domenico sich, so hart mit ihr gesprochen zu haben. „Ich bin überempfindlich, entschuldige“, fügte sie hinzu. „Das passiert immer, wenn ich unsicher bin. Und ich muss zugeben, dass mir die Aussicht, deiner Familie vorgeführt zu werden, nicht sonderlich behagt.“

„Mach dir keine Sorgen. Es wird dir nicht schwerfallen, ihre Herzen zu erobern.“

Genauso, wie du meines erobern würdest, wenn ich dich lassen würde, hätte er beinahe hinzugefügt.

Ein ernüchternder Gedanke. Einer, den er am besten für sich behielt.

„Dies ist das Haus, in dem meine Eltern leben“, sagte er, als er den Wagen in eine Einfahrt lenkte. Ein Säulenvorbau zeugte von Wohlstand und gutem Geschmack. „Die Häuser meiner Schwestern befinden sich ganz in der Nähe. Meines auch, wie du ja bereits weißt. Aber wir haben weit genug voneinander entfernt gebaut, um uns nicht auf die Füße zu treten.“

Arlene war ein einziges Nervenbündel. Sie hatte die ganze Nacht über Zeit gehabt, über Domenicos Einladung nachzudenken. Dabei hatte sie beständig zwischen Euphorie und dem schrecklichen Verdacht geschwankt, er habe nur nett sein wollen.

Schon das Haus machte ihr Angst. Als jedoch ein Bediensteter die Tür öffnete und sie die gesamte Familie zu einem Willkommenskomitee aufgestellt sah, wäre sie am liebsten auf der Stelle umgekehrt.

Der Boden der Eingangshalle war mit Schieferplatten ausgelegt, die Wände weiß gestrichen. Ein großer Tisch stand unter einem geschmiedeten Kronleuchter. Die Szenerie hätte kalt und steif gewirkt, wäre der Tisch nicht mit einem bunten Blumenarrangement dekoriert worden. Gedämpftes Licht und die farbenfrohen Ölgemälde an den Wänden verbreiteten eine freundliche Atmosphäre.

Kurz darauf verflüchtigten sich sämtliche von Arlenes Befürchtungen. Von Domenicos Eltern bis zum jüngsten Kind sprachen alle zumindest gebrochen Englisch. Doch selbst wenn sie sich nicht hätten miteinander verständigen können, an der Herzlichkeit, mit der sie Arlene in ihrer Mitte aufnahmen, konnte kein Zweifel bestehen.

Federico Silvaggio d’Avalos, Domenicos Vater, trat vor und küsste mit vollendeter Galanterie ihre Hand. „Wir fühlen uns geehrt, Sie in unserem Haus willkommen heißen zu dürfen, Signorina.“

Seine Frau Carmela, Mitte fünfzig und immer noch wunderschön, küsste sie auf beide Wangen und führte sie in den angrenzenden Salon. Die Wände des Zimmers waren mit hellen Seidentapeten bespannt, die Möbel aus dunklem Holz. „Wir sind glücklich, dass Domenico Sie mitgebracht hat. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir an den Kamin und lernen Sie meine große laute Familie kennen.“

Domenicos schwangere Schwester, die am ersten Tag auf dem Feld so freundlich zu ihr gewesen war, setzte sich neben sie auf das Sofa. „Hallo, Arlene. Ich bin Renata. Das ist mein Ehemann Vittorio. Allerdings erwarten wir nicht, dass du dir alle Namen merken kannst“, fügte sie lachend hinzu. „Selbst wir vergessen manchmal, wie wir heißen … es gibt einfach so viele von uns.“

„Stimmt“, warf eine andere Schwester schelmisch ein. „Wir vier Mädchen haben alle geheiratet und Kinder bekommen.“ Sie schwieg einen Moment. „Du bist doch nicht verheiratet, oder, Arlene?“

„Nein.“

Die junge Frau lächelte freudig. „Was für ein Zufall. Domenico auch nicht.“

Abgesehen von den finsteren Blicken, mit denen Domenico seine Schwestern bedachte, war die Atmosphäre entspannt und lebendig. Zwar waren die älteren Kinder mehr daran interessiert, miteinander zu spielen, als sich mit den Erwachsenen zu unterhalten, die jüngeren jedoch umschwärmten Arlene neugierig.

Als ein kleiner Junge, vielleicht achtzehn Monate alt, hinfiel und zu weinen begann, hob seine Großmutter ihn sofort auf den Schoß, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, dass er auf ihre Seidenbluse spuckte.

Ein alter Hund unbestimmbarer Rasse döste neben dem Feuer. Niemand scheuchte ihn fort. Kein wütendes Elternteil herrschte die Kinder an, ruhig zu sein oder in einem anderen Zimmer zu spielen. Wenn der Lärmpegel stieg, hoben die Erwachsenen einfach die Stimme und unterhielten sich weiter.

Arlenes Nervosität war gänzlich verschwunden. Jetzt konnte sie ihren Besuch wirklich genießen. Sie war als Fremde ins Haus gekommen, doch die Bewohner hatten sie sofort akzeptiert. Wissbegierig stellten sie ihr Fragen nach ihrem Leben in Kanada und dem Weingut, das sie geerbt hatte.

Das Abendessen zog sich über drei Stunden hin. Zunächst wurde eine burrida gereicht, eine würzige, traditionelle sardinische Fischsuppe, zu der ein eisgekühlter Vermentino ausgezeichnet passte. Zum Hauptgang gab es Lamm, Artischocken und malloreddus, eine kleinere Variante der Gnocchi. Dazu wurde ein schwerer Rotwein serviert, der ebenfalls aus dem eigenen Weinberg stammte. Zum Nachtisch folgten frittierte, mit Honig glasierte Ricotta-Küchlein. Den Abschluss bildeten Kaffee und kleine köstliche Pralinen mit einer Zitronen-Minz-Füllung.

„Sie haben ein wunderbares Haus“, wandte Arlene sich zwischen zwei Gängen an Domenicos Mutter.

„Vielen Dank, cara. Eigentlich ist es zu groß für zwei Personen, aber meine Kinder weigern sich, mich und ihren Vater in ein kleineres ziehen zu lassen. Sie behaupten, hier sei der einzige Ort, an dem alle gleichzeitig Platz finden.“ Sie blickte zu Renata und Gemma, Domenicos zweitjüngster Schwester hinüber, die ebenfalls schwanger war. „Und seit meine Enkelkinder geboren werden, muss ich ihnen recht geben. Haben Sie Geschwister, Arlene?“

„Nein, ich bin ein Einzelkind.“

Einzeln und einsam … zumindest bis heute Nacht. Denn Domenicos Familie hatte sie so liebevoll aufgenommen, dass sie endlich einmal nicht neidvoll auf andere blicken musste. Endlich hatte sie das Gefühl, dazuzugehören – wenn auch nur für ein paar Stunden.

Viele Kleinigkeiten, die die meisten Menschen wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätten, berührten Arlene sehr. Laras Ehemann Edmondo ließ zum Beispiel sein eigenes Essen kalt werden, um seinen sechsjährigen Sohn geduldig zu überreden, das Lammfleisch wenigstens zu probieren.

Federico griff mehrmals nach der Hand seiner Frau und bewies damit, dass eine Ehe nicht das Ende einer Liebe sein musste.

Oder Domenico, der seine Nichte, ein Baby noch, im Arm hielt, bis sie, den Daumen im Mund, an seiner Schulter eingeschlafen war.

Beim Kaffee schließlich kam das Gespräch auf eine Weinmesse in Paris. „Sie findet schon nächstes Wochenende statt, oder?“, fragte Renata.

Ihr Onkel Bruno nickte. „Richtig. Die Messe beginnt am Freitag und dauert drei Tage. Domenico repräsentiert dieses Jahr die Familie.“

„Du solltest Arlene mitnehmen“, meinte Michelle zu ihrem Bruder. „Eine Messe wäre eine wertvolle Erfahrung für sie.“

„Ich fürchte, das kommt nicht infrage“, sagte Arlene rasch, weil sie nicht hören wollte, wie Domenico die Idee verwarf. Der ansonsten perfekte Abend besaß nur einen Makel: Domenico verhielt sich ihr gegenüber sehr distanziert, als wolle er sowohl ihr als auch seiner Familie deutlich klarmachen, dass sie auf keinen Fall ein Paar waren. Es war nicht so, dass er sie ignorierte. Nein, er beobachtete sie, doch der Blick aus seinen blauen Augen war scharf, wie das Skalpell eines Chirurgen. „Ich fliege am Samstag nach Hause.“

Glücklicherweise saßen so viele Menschen am Tisch, die sich munter durcheinander unterhielten, dass sich, bevor jemand auf ihre Antwort eingehen konnte, das Gespräch dem Wetter in Paris im Oktober zuwandte. Kurz danach endete der Abend.

„Kommen Sie uns besuchen, bevor Sie abreisen“, verabschiedete Domenicos Mutter sich freundlich.

„Warten Sie nicht auf eine Einladung“, pflichtete ihr Mann ihr bei. „Unsere Tür steht Ihnen immer offen.“

„Danke“, brachte Arlene mühsam hervor. Sie wusste genau, dass sie nicht zurückkehren würde. Wie schon so oft während des Abends spürte sie Domenicos Blick auf sich ruhen. Warum beobachtete er sie so eindringlich? Wartete er darauf, dass sie etwas falsch machte?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. „Okay, Domenico“, sagte sie, kaum dass sie allein im Wagen saßen. „Du brauchst mir nicht länger etwas vorzumachen. Außer uns ist niemand hier. Was ist der wirkliche Grund, warum du mich heute Abend zu deiner Familie mitgenommen hast?“

5. KAPITEL

„Darüber haben wir doch bereits gesprochen, Arlene“, erwiderte Domenico. Es gelang ihm nur knapp, seine Überraschung zu verbergen.

„Erklär es mir noch einmal.“

„Ich dachte, es wäre für alle Beteiligten eine schöne Erfahrung.“

„Auch für dich?“

„Natürlich auch für mich.“

„Dann sag mir doch bitte, warum du dich den ganzen Abend so weit entfernt wie möglich von mir gehalten hast. Hast du deine Meinung geändert und hältst die Einladung mittlerweile für einen Fehler?“

„Nein.“

„Das glaube ich dir nicht. Ich denke, du hattest Angst, ich könne dich in Verlegenheit bringen … Oder noch schlimmer, du hast gehofft, ich würde mich blamieren.“

Domenico holte scharf Luft, trat auf die Bremse und hielt den Wagen am Straßenrand an. „Wie zum Teufel hättest du das denn tun sollen?“

Arlene veränderte ihre Sitzposition. Die kleine Bewegung reichte aus, um den Stoff ihrer Seidenunterwäsche verführerisch über ihre Haut streifen zu lassen. „Ach, ich weiß nicht“, erwiderte sie und zuckte die Schultern. „Meine Serviette in die Bluse stecken und nicht wissen, wie man eine Gabel benutzt. Oder zu viel Wein trinken und noch vor dem Hauptgang betrunken unter den Tisch sinken.“

Ihre Antwort entsetzte ihn. Niemals hatte er eine Hand gegen eine Frau erhoben. Aber nun durchzuckten ihn so viele verschiedene Emotionen, dass er Arlene tatsächlich an den Schultern packte und schüttelte. Nicht wütend, sondern frustriert. Erst die Tränen, die in ihren Augen schimmerten, brachten ihn wieder zur Besinnung.

Sein Kopf war komplett leer. Er fand keine Worte, mit denen er das Unentschuldbare entschuldigen konnte. Schließlich gab er die Suche auf und überließ sich dem Instinkt, der ihm schon seit Tagen zu schaffen machte. Er zog Arlene in seine Arme und küsste sie.

Eine Träne rann über ihre Wange. Domenico fing sie mit der Zunge auf. Endlich fand er die richtigen, die einzigen Worte. „Deinetwegen könnte ich mich niemals schämen“, flüsterte er. „Du bist das Wundervollste, was mir jemals passiert ist. Wenn ich mich von dir ferngehalten habe, dann nur, weil ich Angst hatte, dir zu nahe zu sein.“

„Warum?“ Wieder hatte sie ihm ihre Lieblingsfrage gestellt.

Seine Antwort bestand darin, den Kuss zu intensivieren. Der Hunger, den er so sehr versucht hatte zu unterdrücken, machte jeden zusammenhängenden Gedanken unmöglich.

Und endlich schmolz sie in seiner Umarmung dahin. Schmiegte sich an ihn und legte den Kopf in den Nacken. Der Duft ihrer Haut erfüllte seine Sinne.

Diesen Küstenabschnitt kannte er wie seine Westentasche. Mit der linken Hand legte er einen Gang ein und steuerte den Wagen unter die Bäume. Dann schaltete er Motor und Scheinwerfer aus.

Die Nacht legte sich um das Fahrzeug und verbarg seine Insassen vor der Welt. Drinnen loderte ein Feuer der Leidenschaft. Verlangen verschmolz mit Lust. Ungeplant und unaufhaltsam.

Domenico ließ seine Hände über Arlenes Körper gleiten. Spürte den feinen BH unter der Bluse. Ertastete die Knöpfe, öffnete sie. Dann schob er den BH beiseite und streichelte die seidige Haut ihrer perfekt geformten Brüste.

Ein lustvoller Laut entrang sich ihrer Kehle, was seine Lust nur noch weiter anfachte. Er neigte den Kopf und schloss die Lippen um eine der zarten Knospen, während er mit der anderen Hand über ihre Beine streifte.

Ihr schmaler Rock behinderte seine Liebkosungen, doch davon ließ er sich nicht lange aufhalten. Das Geräusch reißenden Stoffes machte auf ihn weit weniger Eindruck als das laute Pochen seines Herzens.

Sie trug keine Strumpfhosen. Ihm stockte der Atem. Seine Erregung pulsierte schon fast schmerzhaft. Jeder Gedanke an Anstand war vergessen.

Der Flügelschlag einer Eule rettete ihn vor sich selbst. Der Vogel flog so dicht über ihnen hinweg, dass Domenico wieder zur Vernunft kam. Hektisch richtete er Arlenes Kleider und rutschte zurück auf seinen Sitz.

Arlene verdiente etwas Besseres als vor Ungeduld zerrissene Kleidung. Nämlich Respekt und eine Entschuldigung.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Nicht, weil ich dich unwiderstehlich finde, sondern weil ich es dir auf so ungehobelte Weise gezeigt habe. Und ich entschuldige mich für jeden Fehler, den ich begangen habe, wenn es um dich geht.“

„Welche Fehler?“, wisperte sie in die Dunkelheit.

„Mich von meinem Stolz leiten zu lassen. Am ersten Tag, als du gesagt hast, du würdest dich gleich mit jemandem treffen, habe ich automatisch angenommen, das müsse ein Mann sein.“ Domenico lachte grimmig. „Ich war zerfressen von Eifersucht.“

„Das hätte ich nie gedacht.“

„Nein. Ich bin sehr gut darin, meine Gedanken und Gefühle zu verbergen. Ich wollte dich bestrafen, und das habe ich getan. Am nächsten Tag habe ich deine Gesundheit in Gefahr gebracht, weil ich zugelassen habe, dass du bis zur Erschöpfung arbeitest. Ich trage die Schuld an deinem Migräneanfall.“

Zärtlich berührte sie seine Wange. „Dafür bist du nicht verantwortlich, Domenico. Ich hätte vernünftig sein und aufhören sollen, bevor meine Kopfschmerzen so schlimm wurden.“

„Aber ich hätte besser auf dich achtgeben müssen.“

„Du warst zuvorkommend und freundlich und wundervoll.“

Er küsste ihre Fingerspitzen. „Ich bin ein stolzer und starrköpfiger Mann, Arlene. Meine Ziele verfolge ich mit unbeirrbarer Entschlossenheit.“

Langsam streichelte sie mit der Hand seine Brust. „Willst du mich?“

„Ja, ich will dich“, erwiderte er.

„Dann nimm mich.“

Ernsthaft in Versuchung geführt, ließ er sich mit der Antwort Zeit. „Nicht hier. Nicht jetzt.“

„Und was nun?“

Wieder lachte er und überdachte die Möglichkeiten. Er könnte sie mit in seine Villa nehmen. Dort wären sie allein. In seiner Familie galt die unausgesprochene Regel, einander nicht ohne Einladung zu besuchen. Was blieb, war das Risiko, dass sein Wagen gesehen würde. Und noch war er nicht bereit für die unweigerlich folgenden Spekulationen.

Ein Hotelzimmer besaß den faden Beigeschmack eines billigen One-Night-Stands. Schon vor Jahren hatte er entschieden, sich nicht auf ein solches Niveau herabzulassen. Damit gab es nur noch eine Alternative. Vielleicht die beste, nämlich gar nichts zu unternehmen und ihnen beiden den Schmerz zu ersparen, eine Affäre zu beenden, wenn sie Sardinien verlassen und nach Kanada zurückfliegen würde.

Tu es, drängte sein Gewissen. Gib sie frei und verschwinde, bevor du ihr das Herz brichst. „Du könntest mit mir nach Paris kommen“, hörte er sich vorschlagen.

„Das kann ich mir nicht leisten.“

„Ich schon.“

So deutlich, als streife ihn ein kalter Luftzug, spürte er, wie sie sich emotional von ihm zurückzog. „Ich will dein Geld nicht.“

„Ich fliege in einem Privatjet. Einen zusätzlichen Passagier mitzunehmen, kostet mich nichts extra … ebenso wenig, wie einen Gast in meine Suite einzuquartieren.“

„Trotzdem! Was ist mit Gail? Ich kann sie nicht einfach im Stich lassen.“

Domenico hörte die Sehnsucht in ihrer Stimme. „Sie kann dich Sonntagmorgen in Paris treffen. Von dort aus fliegt ihr zusammen weiter.“

„Unsere Tickets sind aber auf Samstag ausgestellt und gelten auch nicht für einen Zwischenstopp in Paris.“

„Tickets können geändert werden, cara“, entgegnete er, startete den Motor und lenkte den Wagen zurück auf die Straße. „Tatsächlich kann man einfach alles erreichen, wenn man es nur stark genug will.“

Im schwachen Licht des Mondes sah er, dass sie die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst hatte, was – wie er mittlerweile wusste – bedeutete, sie dachte ernsthaft über seine Idee nach.

„Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte sie schließlich. „Was ich aber weiß, ist, dass ich dich will.“

Zu diesem Zeitpunkt glaubte Arlene in der Tat ganz genau zu wissen, was sie wollte und auch, was sie bekommen würde: Ein fantastisches Wochenende mit Domenico Silvaggio d’Avalos, dem aufregendsten Mann, den sie je kennengelernt hatte.

Doch als er erfuhr, dass sie noch nie in Paris gewesen war, änderte er ihre Pläne. Jetzt würden sie bereits am Mittwoch abfliegen, damit er Zeit hatte, ihr die Stadt vor Messebeginn zu zeigen. Die Aussicht, vier Tage und Nächte mit ihm zu verbringen, machte sie ganz schwindlig vor Vorfreude. Die Stimme der Vernunft, die sich hin und wieder mit einer leisen Warnung melden wollte, brachte sie jedes Mal rasch zum Schweigen.

Die nächsten Tage erlebte sie im Zustand berauschender Euphorie. Bis Dienstag hatte sie ihre Garderobe mit Kleidung aufgestockt, die besser zu einem Privatjet und einem Oktoberwochenende in Paris als an die noch warmen Strände Sardiniens passte.

In Alghero entdeckten Gail und sie eine Secondhandboutique, die auch Designerkleider in ihrer Größe verkaufte. Dass die Kleider so nur den Bruchteil ihres ursprünglichen Preises kosteten, änderte nichts an der Tatsache, dass Arlene in zwei Tagen mehr für ihre Garderobe ausgab als in den vergangenen zwei Jahren.

„Betrachte es als Investition in deine Zukunft“, sagte die pragmatische Gail, als sie die Miene ihrer Freundin sah, die zum wiederholen Male ihre Kreditkarte zückte. „Wenn man ein Omelette machen will, muss man ein paar Eier zerschlagen.“

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