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Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 287

Miranda Lee, Kate Hewitt, Catherine George, Melanie Milburne

Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 287

MIRANDA LEE

Berauscht von deiner Liebe

Nie hat er die schöne Jordan vergessen können. Gino muss sie noch einmal sehen, bevor er Claudia heiraten wird. Es wird ein Wiedersehen, das alles verändert …

KATE HEWITT

Nie wieder allein im Paradies

Lukas’ Heiratsantrag ist für die junge Rhia sehr verführerisch. Doch wo bleibt die Liebe bei diesem verlockenden Angebot? Der Milliardär scheint ein Herz aus Stein zu haben ...

CATHERINE GEORGE

Happy End auf Italienisch

Es ist ein Sommer wie für die Liebe geschaffen, als Connah sie das erste Mal küsst. Darf Hester vom großen Glück träumen? Oder will Connah sie nur an sich binden, um eine Mutter für sein Kind zu haben?

MELANIE MILBURNE

Heirate mich, Liebling!

Soll Audrey Ja sagen? Jasper will sie heiraten – angeblich nur, um eine Testamentsklausel zu erfüllen. Doch sein stürmischer Kuss spricht eine ganz andere Sprache …

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Miranda Lee

Berauscht von deiner Liebe

1. KAPITEL

Gino stand am Hotelfenster, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, und blickte nachdenklich auf das Treiben draußen auf der Straße.

Er fragte sich, wo sie mittlerweile wohl lebte. Und ob sie verheiratet war.

Bei dem letzten Gedanken hielt er kurz den Atem an. Nein, er wollte nicht, dass sie verheiratet war.

Doch natürlich würde sie es sein. Eine Frau wie sie. Wunderschön und äußerst intelligent. Irgendein kluger Mann hatte sie sich bestimmt schon längst geschnappt. Mein Gott, es war zehn Jahre her! Wahrscheinlich hatte sie auch schon eine ganze Schar Kinder.

Als sein Handy klingelte, drehte er sich mit einem Ruck um. Er schaute auf die Uhr und eilte rasch zum Bett, wo er das Telefon auf dem Nachttisch hatte liegen lassen. Halb sechs. Hoffentlich war es die Detektei und nicht Claudia. Er wollte jetzt nicht mit Claudia reden.

„Gino Bortelli“, meldete er sich. In seiner Stimme schwang ein feiner, melodiöser italienischer Akzent mit.

„Mr. Bortelli?“

Erleichtert seufzte Gino auf. Es war eine Männerstimme! Der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung klang kurz angebunden.

„Hier ist Cliff Hanson von Confidential Investigations.“

„Freut mich, von Ihnen zu hören“, erwiderte Gino genauso knapp. „Was haben Sie herausgefunden?“

„Ich denke, wir haben die Miss Jordan Gray lokalisiert, nach der Sie suchen, Mr. Bortelli, auch wenn der Name nicht ganz so selten ist wie erhofft. Zurzeit gibt es in Sydney allerdings nur eine Miss Jordan Gray, die auf das genannte Alter und die Personenbeschreibung passt, die Sie uns gegeben haben.“

„Dann ist sie nicht verheiratet?“, fragte Gino, bemüht darum, nicht aufgeregt zu klingen.

„Nein. Immer noch Single. Keine Kinder. Und Sie hatten übrigens recht – sie ist Anwältin. Arbeitet für Stedley & Parkinson. Es ist eine amerikanische Kanzlei, die hier im Geschäftsviertel von Sydney eine Filiale führt.“

„Die kenne ich“, sagte Gino, den die Information fast aus der Bahn warf. Noch vor wenigen Stunden war er dort gewesen und hatte einen Vertrag unterschrieben. Mein Gott, er hätte ihr über den Weg laufen können!

„Wie wir gehört haben, ist sie der aufstrebende Star der Zivilrechtsabteilung. Vor Kurzem hat sie gegen eine große Versicherungsgesellschaft prozessiert – und gewonnen.“

Ein Lächeln stahl sich auf Ginos Gesicht. „Das ist sie.“

Jordan hasste Versicherungsgesellschaften. Ihre Eltern hatten nach einem verheerenden Sturm, der ihr Haus zerstört hatte, gegen ihre Versicherung geklagt, die sich auf eine obskure Klausel im Vertrag berief und die Zahlung verweigerte. Ihr Vater jagte die Gesellschaft durch alle Instanzen, was ihn den letzten Penny kostete, den er besaß. Als er auch noch die abschließende Berufung verlor, starb er an einem Herzinfarkt, der durch den Stress ausgelöst worden war, und hinterließ eine verzweifelte Frau samt Tochter.

„Haben Sie eine Adresse und Telefonnummer?“, fragte Gino.

„Eine Adresse. Aber noch keine private Telefonnummer. Anwälte wie Miss Gray stehen in der Regel nicht im Telefonbuch.“

„Geben Sie mir die Adresse“, sagte Gino und ging rasch zu dem großen Schreibtisch hinüber, wo er nach einem Kugelschreiber griff und die Anschrift auf einem Zettel notierte. Es handelte sich um ein Apartment in Kirribilli, einem der schicken Hafenviertel im Norden von Sydney, nahe der berühmten Brücke. Er faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in seine Brieftasche.

„Lebt sie allein?“, fragte er angespannt.

„Das wissen wir noch nicht, Mr. Bortelli. Wir sind erst seit ein paar Stunden an der Lady dran, deshalb kennen wir die Details ihres Liebeslebens noch nicht ausreichend. Über Internet und Telefon kann man außerdem nicht alle Dinge klären.“

„Wie viel Zeit brauchen Sie noch?“

„Wahrscheinlich nur noch ein paar Stunden. Einer meiner besten Leute wird sich heute Abend an Miss Gray ranhängen, wenn sie die Arbeit verlässt. Es ist uns gelungen, über ihren Führerschein an ein aktuelles Foto zu kommen. Im Moment hat mein Mitarbeiter den Eingang ihrer Kanzlei im Auge.“

Gino zuckte innerlich zusammen, wenn er daran dachte, wie sehr er damit in Jordans Privatsphäre eindrang. „Ist das wirklich notwendig?“

„Wenn Sie heute Abend noch erfahren wollen, ob die Lady einen Freund hat oder nicht, dann ja. Und Sie sagten, dass Sie es so schnell wie möglich wissen wollen.“

Was in der Tat so war. Am nächsten Morgen flog er bereits sehr früh nach Melbourne zurück.

Als er am Vortag nach Sydney gekommen war, hatte Gino nie und nimmer die Absicht gehabt, einen Privatdetektiv zu engagieren, um Jordan ausfindig zu machen. Doch während der Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel waren die Erinnerungen, die er so mühsam unterdrückt hatte, mit aller Macht wieder hochgekommen.

Das Bedürfnis, zu erfahren, was aus Jordan geworden war, überlagerte jeden gesunden Menschenverstand. Die ganze Nacht über hatte er nicht geschlafen, weil er nur an sie denken konnte.

Am Morgen war es mit der Beherrschung vorbei. Die Neugier war zu groß. Er rief einen befreundeten Polizisten in Melbourne an, um sich von ihm eine seriöse Detektei in Sydney empfehlen zu lassen. Um zehn hatte er dann den Auftrag gegeben, die Frau zu finden, mit der er einige wenige idyllische Monate zusammengelebt hatte, als sie sich im ersten Jahr ihres Jurastudiums befand.

Und wenn du herausfinden solltest, dass es keinen Mann in ihrem Leben gibt? Was willst du dann tun?

Eine Spur von Bitterkeit zeigte sich auf Ginos Gesicht.

An diesem Wochenende wollte er Claudia bitten, seine Frau zu werden. Er hatte sogar schon den Ring besorgt. Was in aller Welt sollte es bringen, einer alten Liebe hinterherzujagen, die in den vergangenen Jahren wahrscheinlich keinen einzigen Gedanken an ihn verschwendet hatte?

Ich will sie nur noch einmal sehen. Um sicherzugehen, dass sie glücklich ist. Mehr nicht. Wem kann das schon schaden?

„Informieren Sie mich stündlich“, wies er den Detektiv an.

„Wird gemacht, Mr. Bortelli.“

Jordan blickte auf die Wanduhr und wünschte sich, die Zeiger stünden schon auf zehn vor sechs, denn dann hätte sie sich endlich verabschieden und nach Hause fahren können.

Sie nahm an der sogenannten Happy Hour teil, die jeden Freitagnachmittag von fünf bis sechs im Konferenzraum ihrer Kanzlei stattfand. Es war eine Tradition in jeder Filiale von Stedley & Parkinson – gleich zu Beginn eingeführt, als die beiden amerikanischen Partner ihre erste Kanzlei in den USA gründeten.

Angestellte, die nicht erschienen – oder zu früh gingen –, wurden von den Bossen kritisch beäugt.

Normalerweise hatte Jordan nichts gegen diese Zusammenkunft am Ende der Woche einzuwenden.

Doch sie hatte sowohl in beruflicher wie auch in privater Hinsicht eine äußerst anstrengende Woche hinter sich. Sie fühlte sich einfach nicht in der rechten Stimmung für einen Small Talk, weshalb sie sich mit einem Glas Weißwein in eine Ecke verzogen hatte.

„Da versteckst du dich also!“

Jordan blickte hoch und sah Kerry auf sich zukommen.

Sie war die persönliche Assistentin des Chefs – die netteste Kollegin in der ganzen Kanzlei und zurzeit die Freundin, die Jordan am nächsten stand. Ein Rotschopf mit hübschem Gesicht, sanften blauen Augen und zahlreichen Sommersprossen.

„Ich hatte keine Lust, mich zu unterhalten“, erklärte Jordan entschuldigend und nippte an ihrem Wein.

„Warum nicht? Was ist los? Trauerst du, weil Loverboy nach Hause geflogen ist und dich zwei Wochen allein lässt?“

Jordan zuckte bei dem Wort Loverboy zusammen. Dabei war es Chads offizieller Spitzname, seit er an seinem ersten Tag mit breitem Grinsen in die Kanzlei gerauscht war und alle und jeden mit seinem fantastischen Aussehen und seinem unwiderstehlichen Charme bezirzt hatte. Es gab nicht eine alleinstehende Frau in der Firma, die eine Verabredung mit Jack Stedleys einzigem Sohn und Erben ausgeschlagen hätte – inklusive Kerry. Doch es war Jordan, auf die er ein Auge geworfen hatte und die in den nächsten Monaten mit ihm ausging.

„Komm schon, du kannst es mir verraten“, flüsterte Kerry verschwörerisch. „Ich bin keine Klatschbase wie die anderen Frauen hier.“

Das stimmte. Eine der vielen wunderbaren Eigenschaften, die Jordan so an ihrer Freundin schätzte, war deren Diskretion. Also blickte sie in Kerrys Augen und tat etwas, das sie nur sehr selten tat. Sie vertraute sich ihr an.

„Chad hat mir gestern Abend einen Heiratsantrag gemacht.“

„Wow!“, rief Kerry begeistert aus, ehe sie Jordan einen irritierten Blick zuwarf. „Wo ist da das Problem? Du solltest überglücklich sein.“

„Ich habe ihn abgelehnt.“

„Du hast was? Warte einen Augenblick“, entgegnete Kerry, eilte rasch zur Bar und schnappte sich ein Glas Champagner, ehe sie zu Jordan zurückkehrte, die viel zu ernst wirkte. „Ich kann es nicht glauben. Mr. Perfect bittet dich, seine Frau zu werden, und du sagst Nein?“

„Na ja, ich habe nicht wirklich Nein gesagt“, gab Jordan zu. „Aber ich habe auch nicht Ja gesagt. Ich habe ihm erklärt, dass ich Zeit zum Nachdenken brauche und dass ich ihm meine Antwort geben würde, wenn er aus den Staaten zurückkommt.“

„Aber warum? Ich dachte, du wärst verrückt nach dem Mann. Oder zumindest so verrückt, wie eine Frau wie du sein kann.“

„Was soll das denn heißen?“

„Oh … du weißt schon. Du bist unheimlich intelligent, Jordan, und sehr unabhängig. Du wirst niemals so wie ich wegen eines Mannes den Verstand verlieren.“

Jordan seufzte. Kerry hatte recht. Sie gehörte nicht zu der Sorte Frau, die wegen eines Mannes alles andere stehen und liegen ließ.

Doch einmal hatte sie es getan. Und sie hatte ihn nie vergessen.

„Was ist los mit dir?“, bohrte Kerry weiter nach. „Es kann nicht am Sex liegen. Du hast mir gesagt, dass Chad gut im Bett ist.“

„Das ist er auch. Ja, wirklich“, fügte sie hinzu, wie um sich selbst zu überzeugen, dass es in dieser Hinsicht nichts zu beanstanden gab.

Sie wäre auch tatsächlich nie auf die Idee gekommen, dass etwas fehlte, wenn sie nicht vor vielen Jahren mit Gino zusammen gewesen wäre. Chad kannte alle möglichen Spielereien im Bett, aber er schaffte es einfach nicht, dass sie das fühlte, was Gino damals in ihr ausgelöst hatte.

Kein Mann konnte das, vermutete Jordan düster.

„Was verschweigst du mir?“, fragte Kerry sanft.

Jordan seufzte resigniert. Das war das Problem mit Geständnissen. Hatte man einmal damit angefangen … Kerry würde nicht eher ruhen, bis sie die ganze Wahrheit erfahren hatte, und nichts als die Wahrheit.

Oder zumindest eine glaubhafte Version.

„Es gab da mal diesen Mann“, begann sie zaghaft. „Ein Italiener. Oh, es ist Jahre her, während meines ersten Semesters an der Uni. Wir haben ein paar Monate zusammengelebt.“

„Und?“

„Nun, nach ihm … hatte es jeder andere Mann schwer.“

„Ich verstehe. Du warst offensichtlich wahnsinnig in ihn verliebt?“

„Ja.“

„Und was du für Chad empfindest, reicht nicht an das heran?“

„Nein.“ Weder was sie für Chad fühlte noch für irgendeinen anderen Mann.

„War dieser Italiener dein erster Freund?“

„Ja, das war er.“ Der erste und bei Weitem der beste.

„Damit hätten wir auch schon die Erklärung“, sagte Kerry mit einiger Befriedigung.

„Erklärung für was?“

„Eine Frau wird ihre erste Liebe nie ganz vergessen. Nicht, wenn der Mann gut im Bett war, wovon ich bei diesem Italiener ausgehe?“

„Er war einfach fantastisch.“

„Ach, weißt du, Jordan, wahrscheinlich war er gar nicht so toll, wie du glaubst. Die Erinnerung spielt uns oft einen Streich. Noch Jahre nach meiner Scheidung hielt ich mich für eine Närrin, weil ich meinen Mann verlassen hatte. Doch dann bin ich ihm eines Abends bei einer Party begegnet und habe festgestellt, dass er ein echter Widerling ist und ich ohne ihn besser dran bin. Ich wette, dein Italiener hat dich sitzen lassen, oder?“

„Nicht wirklich. Ich kam eines Tages von der Uni nach Hause und fand eine Nachricht von ihm, dass sein Vater schwer krank sei. Er schrieb, dass es ihm leidtue, aber er müsse zurück zu seiner Familie und wünsche mir alles Gute für die Zukunft.“

„Er hat nicht versprochen, zu schreiben oder Kontakt zu halten?“

„Nein. Und er hat mir auch keine Adresse hinterlassen. Bis dahin war mir gar nicht klar gewesen, wie wenig ich über ihn wusste. Er hatte nie von seiner Familie gesprochen. Später vermutete ich, dass er wahrscheinlich nur ein befristetes Arbeitsvisum hatte und nie ganz in Australien bleiben wollte.“

„Das ist ein weiterer Grund, warum du ihn so schwer vergessen kannst“, entgegnete Kerry. „Die Sache mit ihm ist für dich nicht abgeschlossen. Schade, dass er nach Italien zurückmusste, sonst hättest du ihn im Telefonbuch suchen und dich selbst davon überzeugen können, dass er gar nicht so toll ist, wie du glaubst. Wahrscheinlich hat er mittlerweile einen Bierbauch und eine Glatze.“

„Es ist zehn Jahre her, Kerry, und keine dreißig. Außerdem kriegen Italiener selten eine Glatze“, wandte Jordan ein. „Und einen Bierbauch? Das würde Gino nie zulassen. Er war unheimlich sportlich. Tagsüber hat er auf einer Baustelle gearbeitet, und abends ging er mehrfach die Woche ins Fitnessstudio. Er war derjenige, der mich zum Laufen animiert hat.“ Jordan joggte fast jeden Morgen, und sie arbeitete auch manchmal mit Gewichten.

„Als was hat er auf der Baustelle gearbeitet?“, fragte Kerry.

„Als einfacher Bauarbeiter.“

„Ein Bauarbeiter?“, wiederholte Kerry ungläubig. „Du ziehst einen Bauarbeiter Chad Stedley vor?“

„Gino war sehr intelligent“, verteidigte Jordan ihn, „und ein verdammt guter Koch.“

„Egal“, antwortete Kerry. „Heirate Chad, und du kannst jeden Abend essen gehen. Oder dir deinen eigenen Koch leisten. Schau mal, mir ist ziemlich egal, ob dieser Gino Einstein und Casanova in einer Person war! Du musst nach vorne blicken. Willst du etwa zulassen, dass eine alte Flamme deine Zukunft ruiniert? Wenn du meinen Rat hören willst – sobald Chad dich anruft, sagst du ihm, dass deine Antwort Ja lautet, und Ja, und noch mal Ja!“

Jordan holte tief Luft. „Ich wünschte, es wäre so einfach.“

„Es ist so einfach.“

Tatsächlich?

Jordan erkannte den Funken Wahrheit in Kerrys Worten. Egal, was sie für Gino empfinden mochte – er gehörte der Vergangenheit an. Wenn man die Dinge rational betrachtete, dann war es mehr als töricht, sich durch die Erinnerung an ihn die Beziehung zu Chad zerstören zu lassen.

Und Jordan mochte ihre Fehler haben – aber dumm war sie ganz bestimmt nicht!

„Ja, du hast recht“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich sollte nicht töricht sein. Bei unserem nächsten Telefonat tue ich genau das, was du mir geraten hast“, verkündete sie und fühlte sich sogleich besser.

Kerry verdrehte die Augen. „Gott sei Dank, endlich kommt die Frau zur Vernunft! Sieh mal, der allgemeine Aufbruch hat begonnen. Was hältst du davon, wenn wir zur Feier des Tages in einer schicken Bar einen Cocktail trinken gehen? Ich habe noch keine Lust, nach Hause zu fahren.“

„Ich bin nicht richtig angezogen, um in eine schicke Bar zu gehen“, wandte Jordan ein. Ganz im Gegensatz zu Kerry, deren rotes Wickelkleid in einem Nachtklub genauso gut aussehen würde wie im Büro.

„Das kannst du laut sagen“, stimmte Kerry trocken zu, während sie ihren Blick über Jordans dunklen Nadelstreifenanzug wandern ließ. „Das nächste Mal, wenn wir einkaufen gehen, werde ich nicht mehr auf deine Ausreden à la ‚Ich bin Anwältin und muss mich konservativ kleiden‘ hören. Aber kein Problem. Wenn du die Haare offen trägst und die obersten Knöpfe deiner Bluse öffnest, dann wird es schon gehen. Wenn wir da sind, verschwinden wir kurz auf die Damentoilette und stylen dich um.“

„Wenn wir wo sind?“

„Was hältst du von der Rendezvous Bar? Die ist nicht mehr ganz so schick, seitdem man sie neu möbliert hat.“

Jordan kräuselte die Lippen. „Das soll ein ziemlicher Aufreißerschuppen geworden sein.“

Kerry lächelte verschmitzt. „Eben.“

Jordan hob eine Augenbraue. „Du bist unverbesserlich, weißt du das?“

„Nein, eher verzweifelt.“

„Ach, komm schon“, erwiderte Jordan. „Eine Frau, die so hübsch ist wie du, wird niemals verzweifelt sein.“

Kerry strahlte. „Ich bin wirklich unheimlich gern mit dir zusammen, Jordan. Du tust mir einfach gut. Sollen wir morgen shoppen gehen?“

„Tut mir leid, keine Zeit. Ich muss arbeiten.“

„Am Samstag?“

„Wahrscheinlich das ganze Wochenende.“ Sie hatte ihr Schlussplädoyer im Johnson-Fall noch nicht fertig – zumindest nicht zu ihrer Zufriedenheit.

Kerry wedelte mit einem Finger vor ihrem Gesicht. „Nur Arbeit und kein Vergnügen, pass auf, dass du dich nicht zu einer langweiligen Spießerin entwickelst.“

„Aus dem Grund habe ich ja zugestimmt, noch auf einen Drink mitzukommen“, entgegnete Jordan und hakte ihre Freundin unter. „Also hör auf, mich zu kritisieren, damit wir endlich gehen können!“

2. KAPITEL

Gino unterbrach die Verbindung und legte das Handy auf dem Bett ab. Er konnte kaum fassen, was Cliff Hanson ihm gerade mitgeteilt hatte.

Offensichtlich hatte Jordan das Bürogebäude um zehn nach sechs verlassen und war mit einer Freundin zur Wynard Station gegangen. Der Mann, der sie verfolgte, nahm an, dass sie mit dem Zug nach Hause fahren wollte, doch stattdessen bogen die beiden Frauen zum Regency Hotel ab, wo sie sich augenblicklich in der größeren der beiden Bars aufhielten und einen Drink zu sich nahmen.

Das Unfassbare daran war, dass Gino selbst im Regency übernachtete.

Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte das Schicksal es so eingerichtet, dass Jordans Weg den seinen hätte kreuzen können.

Diesmal war er sich der Tatsache jedoch bewusst, weshalb er Hanson angewiesen hatte, sein Mitarbeiter solle sich nahe dem Eingang platzieren und so lange ein Auge auf Jordan werfen, bis Gino selbst hinuntergekommen war.

Adrenalin rauschte durch seine Adern, als er nach seiner Brieftasche griff und sie in der Innentasche seiner Lederjacke verstaute. Nichts und niemand konnte ihn jetzt noch davon abhalten, zu ihr zu gehen und mit ihr zu reden.

Er war allerdings froh, dass er genug Zeit gehabt hatte, um zu duschen und den eleganten italienischen Anzug abzulegen, den er tagsüber getragen hatte. Legere Kleidung passte besser zu dem Gino, den Jordan einmal gekannt hatte, und nicht zu dem Mann, der er geworden war.

Und wer genau war das, fragte er sich während der Fahrt mit dem Lift nach unten.

Ein Mann, der sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie man Spaß hatte.

Ein Mann, dem die Verantwortung gegenüber seiner Familie jegliche Lebensfreude geraubt hatte.

Ein Mann, der einer Frau einen Heiratsantrag machen wollte, die er nicht liebte.

Einer Italienerin.

Wenn er seinem Vater an dessen Sterbebett bloß nicht dieses voreilige Versprechen gegeben hätte!

Doch er hatte es getan, und nun gab es kein Zurück mehr, dachte er düster, während er aus dem Fahrstuhl trat und auf die Bar zuging.

Es handelte sich um einen großen, beinahe quadratischen Raum mit blauem Teppichboden, einer kleinen Tanzfläche samt Discokugel sowie als Herzstück des Ganzen einer riesigen Bar im amerikanischen Stil. Es gab mehrere Sitzgelegenheiten, doch die meisten Gäste saßen in der linken Ecke, wo eine Drei-Mann-Band Soul spielte.

Nur wenige Leute hatten sich nahe dem Eingang niedergelassen, der als Nichtraucherbereich ausgewiesen war.

Gino erkannte den Detektiv ohne Probleme – ein Mann um die dreißig, der ein solches Allerweltsgesicht hatte, dass er in jeder Gruppe unsichtbar werden konnte.

„Sie ist da drüben“, sagte er, sobald sich Gino zu ihm gesetzt hatte, und nickte in Richtung eines Tischs am Rand der Tanzfläche.

Gino blickte durch die feinen Schwaden der Nebelmaschine zu der Frau hinüber, die einst sein Herz gestohlen hatte, und stellte fest, dass er sie vermutlich nicht erkannt hätte, wenn er einfach so an ihr vorbeigegangen wäre! Nicht, wenn sie ihr wundervolles blondes Haar streng zusammengebunden trug wie in diesem Moment und in Kombination mit einem beinahe maskulinen Hosenanzug.

Was war nur mit der äußerst femininen Frau geschehen, die er gekannt hatte?

Sie war auch dünner geworden, ihr Gesicht schmal und blass.

Dennoch war sie immer noch unglaublich schön. Schön und traurig.

Beides berührte ihn tief: ihre Schönheit und ihre Traurigkeit.

„Von jetzt an übernehme ich“, erklärte er dem Detektiv barsch. „Sie können nach Hause gehen.“

„Sind Sie ganz sicher?“

„Absolut.“

Der Mann zuckte kurz die Schultern, leerte sein Bier und ging.

Gino saß eine ganze Weile regungslos da und beobachtete Jordan. Sie blickte wiederholt zu einer Rothaarigen in einem engen Wickelkleid hinüber, die Wange an Wange mit einem attraktiven, groß gewachsenen Mann tanzte. Wahrscheinlich war sie die Arbeitskollegin. Jordan schien nicht besonders glücklich darüber zu sein, dass sie allein am Tisch sitzen musste.

Sobald die Band eine Pause einlegte, kehrte die Rothaarige an den Tisch zurück, begleitet von ihrem Tanzpartner. Nach einem kurzen Wortwechsel mit Jordan verließen sie und der Mann Arm in Arm die Bar.

Als Jordan begann, ihr Glas Wein in ziemlicher Hast zu leeren, ganz offensichtlich in der Absicht, selbst gleich zu gehen, entschied Gino, dass es an der Zeit war, auf sich aufmerksam zu machen.

Die Entfernung von seinem Tisch zu ihrem schien endlos lang; mit jedem Schritt schnürte sich ihm die Brust enger zu. Kurz bevor er ihren Tisch endlich erreichte, stellte Jordan das leere Weinglas ab und bückte sich, um nach ihrer Tasche zu greifen, die auf einem angrenzenden Stuhl lag.

Als er sprach, hatte sie ihm den Rücken zugewandt. „Hallo, Jordan“, sagte er rau.

Sie drehte sich mit einem Ruck um. Ihre wundervollen blauen Augen waren vor Überraschung geweitet.

Nein … nicht Überraschung. Schock.

„O mein Gott!“, rief sie aus. „Gino!“

Schock ja, aber keine Bitterkeit, bemerkte er erleichtert. Kein Hass.

„Ja“, entgegnete er mit einem warmen Lächeln. „Ich bin es, Gino. Darf ich mich setzen? Oder bist du mit jemandem hier?“

„Ja. Nein. Nein, nicht mehr. Ich …“ Jordan verstummte und runzelte die Stirn. „Du hast fast keinen Akzent mehr!“

Wie typisch für Jordan, dass sie so etwas bemerkte, dachte Gino amüsiert. Sie hatte schon immer eine scharfe Beobachtungsgabe besessen. Als sie sich kennenlernten, hatte er gerade ein vierjähriges Studium in Rom hinter sich gebracht, weshalb sein Akzent damals stärker gewesen war. Wie sollte er das jetzt erklären, ohne ihr zu verraten, wie sehr er sie vor zehn Jahren betrogen hatte?

Ihm blieb keine andere Wahl – er musste lügen.

„Ich bin schon seit einiger Zeit wieder in Australien.“

„Und du bist nicht auf die Idee gekommen, nach mir zu suchen?“, entgegnete sie.

„Ich konnte mir nicht vorstellen, dass du das gewollt hättest“, erwiderte er vorsichtig. „Ich dachte, du hättest alles hinter dir gelassen.“

„Das habe ich auch“, versetzte sie und warf den Kopf zurück.

Eine Geste, die er sehr gut bei ihr kannte, auch wenn sie nicht dieselbe Wirkung wie mit offenen Haaren hatte.

„Dann bist du also Anwältin geworden?“, fragte er und tat so, als ob er es nicht wisse.

„Ja.“

„Deine Mutter muss sehr stolz auf dich sein.“

„Mum ist vor ein paar Jahren gestorben. Krebs.“

Ein weiterer Grund, warum sie so traurig und einsam wirkte. „Das tut mir wirklich leid, Jordan. Sie war eine sehr, sehr nette Frau.“

„Ja, sie hat dich auch gemocht.“ Sie seufzte und schaute für einen Moment zur Seite. „Und was machst du heutzutage?“

„Ich arbeite immer noch im Baugewerbe“, antwortete er und hasste sich dafür, dass er den Betrug weiter aufrechterhielt. Doch was blieb ihm anderes übrig? Das hier führte zu nichts. Es ging nur darum … endgültig Abschied zu nehmen.

Aber als er ihr in die Augen schaute – so wundervolle, ausdrucksstarke Augen –, da fühlte es sich nicht nach Abschied an. Nein, es fühlte sich genauso an wie bei ihrer allerersten Begegnung.

Die Versuchung, ein paar dieser alten Gefühle neu zu beleben, war unglaublich groß. Genauso wie seine wachsende Neugier in puncto ihres Liebeslebens. Also gut, sie war nicht verheiratet. Aber das hieß nicht, dass sie keinen Liebhaber oder festen Freund hatte.

„Du bist nicht verheiratet, wie ich sehe“, bemerkte er und deutete auf ihre linke Hand, an der sich keinerlei Ringe befanden.

„Nein“, gab sie nach kurzem Zögern zurück.

Gino fragte sich, was das zu bedeuten hatte. War sie verheiratet gewesen und jetzt geschieden?

„Und du?“, konterte sie.

„Vielleicht bin ich irgendwann so weit“, antwortete er mit einem Schulterzucken.

„Du hast immer geschworen, dass du nicht vor vierzig heiraten würdest.“

„Habe ich das?“

„Ja, das hast du ganz bestimmt.“

Gino entschied sich, den Small Talk zu beenden und auf den Punkt zu kommen.

„Was machst du hier allein, Jordan?“

„Ich war nicht allein“, entgegnete sie scharf. „Ich war mit einer Arbeitskollegin hier, aber sie ist einem Exfreund begegnet, der sie zum Dinner eingeladen hat. Sie sind gerade gegangen.“

„Das macht dir nichts aus?“

„Warum sollte es? Wir sind ohnehin nur auf einen Drink hierhergekommen. Es ist höchste Zeit, dass ich nach Hause fahre.“

„Warum? Es ist doch noch früh. Oder wartet zu Hause jemand auf dich? Ein Freund? Partner?“

Zorn blitzte in ihren Augen auf. „Das ist eine ziemlich persönliche Frage, Gino. Eine, die ich sicher nicht beantworten werde.“

„Warum nicht?“

Genervt schüttelte sie den Kopf. „Du läufst mir rein zufällig nach zehn Jahren über den Weg und meinst, das Recht zu haben, mir Fragen zu meinem Privatleben stellen zu dürfen? Wenn du so interessiert bist, warum hast du mich dann nicht kontaktiert, als du nach Australien zurückgekommen bist?“

„Ich lebe in Melbourne“, brachte er als fadenscheinige Ausrede hervor.

„Ja und? Es ist nur ein ganz kurzer Flug bis nach Sydney.“

„Hättest du es wirklich gewollt, dass ich dich kontaktiere, Jordan? Sei ehrlich.“

Ihr Gesichtsausdruck verriet sie. Sie hatte es sich gewünscht. Doch sicher nicht mehr, als er es sich selbst gewünscht hatte.

„Du hättest schreiben können“, entgegnete sie wütend. „Du kanntest meine Adresse. Wohingegen ich keine Ahnung hatte, wo du warst – abgesehen von Italien.“

„Ich dachte, es wäre besser, einen klaren Schlussstrich zu ziehen – dich freizugeben, damit du jemanden finden kannst, der … besser zu dir passt.“

Sie lachte. „Du warst also nur deshalb grausam, weil du mir eigentlich etwas Gutes tun wolltest, ja?“

„So in der Art.“

Jordan blickte ihn zornig an.

Er hatte vergessen, wie sehr sie sich aufregen konnte, wenn jemand nicht ganz ehrlich mit ihr war. Für Lügner hatte sie nichts übrig. Doch es spielte keine Rolle, was sie von ihm hielt. Ihn interessierte nur, ob sie glücklich war oder nicht, und wenn er raten müsste, dann würde er sagen, dass die Antwort Nein lautete.

„Dann gibt es zurzeit also keinen besonderen Mann in deinem Leben?“, hakte er nach.

Sie schaute kurz zur Seite, dann wieder zu ihm herüber. „Im Moment nicht, nein. Pass auf, ich …“

„Würdest du mit mir tanzen?“, fragte er, ehe sie flüchten konnte.

Die Band hatte erneut zu spielen begonnen – eine langsame, sinnliche Bluesnummer.

Jordan blickte ihn an. Nicht mehr wütend. Eher ängstlich, so als hätte er von ihr verlangt, sich von einer Klippe in den Abgrund zu stürzen.

„Um der alten Zeiten willen“, fügte er hinzu, stand auf und streckte ihr die Hand entgegen.

Jetzt sah sie seine Hand an, als wäre es eine Giftschlange, die gleich zubeißen würde.

Doch dann – nach einer kleinen Ewigkeit – erhob sie sich, zog ihren Blazer aus und hängte ihn über den Stuhl, ehe sie ihre Hand in seine legte.

Ohne den Blazer war ihre Figur deutlicher zu erkennen. Sie war noch immer fantastisch, auch wenn sie dünner war – kecke Brüste, eine superschmale Taille, flacher Bauch und endlos lange Beine.

„Leg deine Arme um meinen Nacken“, wies er sie an, nachdem er sie zu sich umgedreht hatte.

„Du warst schon immer viel zu diktatorisch“, beschwerte sie sich, tat aber dennoch wie geheißen und schob ihre Finger unter den Kragen seiner Lederjacke, sodass sie die Haut darunter berührte.

Gino musste schlucken, denn sein Körper reagierte augenblicklich auf die zarte Berührung. Das war nicht seine Absicht gewesen, als er sie um diesen Tanz gebeten hatte. So wie es aussah, war er gegen die aufwallende Erregung jedoch gänzlich machtlos.

Er legte seine Hände auf ihre Hüften und achtete darauf, dass ein gewisser Abstand zwischen ihnen beiden war – was nicht eben leicht war, nachdem sie einmal angefangen hatte, sich langsam zum Rhythmus der Musik zu bewegen.

All seine guten, ehrenwerten Absichten schienen dem Untergang geweiht!

„Du bist es wirklich, oder?“, fragte sie plötzlich. „Du bist nicht bloß ein Hirngespinst?“

„Ich bin alles andere als ein Hirngespinst“, versicherte er trocken. Genauso wenig wie seine Erregung ein Hirngespinst war.

Sie legte den Kopf zur Seite und schaute ihn an. „Erstaunlich“, murmelte sie. „Du bist nicht einmal dick geworden.“

Er versuchte, nicht zu lachen. Wenn sie wüsste …

„Warum sollte ich dick geworden sein?“

„Viele Männer nehmen kräftig zu, sobald sie die dreißig einmal hinter sich gelassen haben. Wie alt bist du jetzt? Fünfunddreißig?“

„Sechsunddreißig. Du hast abgenommen.“

„Ein bisschen.“

„Du bist immer noch wunderschön.“

Ihre Augen blitzten. „Hör auf damit, Gino.“

„Womit soll ich aufhören?“

„Süßholz zu raspeln.“

„Du hast es mal gemocht, wenn ich das getan habe.“

„Ich habe viele Dinge gemocht, die du getan hast.“

Er wünschte, sie hätte das nicht gesagt. Ihre Worte weckten Erinnerungen in ihm. Erinnerungen, die er längst verdrängt hatte …

Den ganzen Tag über hatte er bereits die Tatsache zu leugnen versucht, die nun so offensichtlich wurde, während er mit ihr tanzte – die Tatsache, dass er sie immer noch wollte, immer noch begehrte, trotz all der Jahre, die vergangen waren. Er wollte sie nach oben in sein Hotelzimmer führen, sie aus diesem strengen Hosenanzug befreien, ihr Haar öffnen und sie lieben, so wie er es vor zehn Jahren getan hatte.

„Einige Dinge verändern sich nie“, raunte er.

„Alles verändert sich, Gino. Nichts bleibt, wie es mal war.“

„Bist du dir sicher?“

Die eine Hand ließ er ihren Rücken hinaufgleiten, die andere hinunter, sodass er sie enger an sich ziehen konnte.

Als ihre Körper sich auf diese intime Art berührten, wurde Gino von einer derart mächtigen Welle des Verlangens überrollt, dass er die mahnende Stimme seines Gewissens überhörte.

Das hier hat sich nicht verändert, meine Schöne“, wisperte er heiser.

Jordan versteifte sich erst, dann versuchte sie, ganz mit dem Tanzen aufzuhören. Doch Gino ließ das nicht zu. Seine Umarmung wurde enger, und er schmiegte sich verführerisch an sie.

Unmöglich, seine Erregung nicht zu bemerken.

Seine harte Männlichkeit erinnerte sie daran, wie es sich anfühlte, wenn er in ihr war, wenn er sie voller Sinnlichkeit und Leidenschaft liebte.

Jordan unterdrückte nur mit Mühe ein sehnsuchtsvolles Seufzen. Sie legte ihren Kopf an seine Brust, damit er nicht sah, wie ihre Wangen geradezu glühten.

„Ich bin das ganze Wochenende hier“, murmelte er. „Ich übernachte hier im Hotel.“

Sie hob ruckartig den Kopf und schaute ihn ungläubig an. „Du übernachtest hier? Im Regency?“

„Das ist doch Schicksal, oder?“

Jordan schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht an Schicksal, Gino. Jeder Mensch verfügt über einen eigenen Willen und über eine freie Wahl.“

„Und was würdest du wählen, Jordan, wenn ich dich bitten würde, mit auf mein Zimmer zu kommen?“

Ihre Augen weiteten sich. Diese Arroganz! Wie konnte er annehmen, dass sie einfach so mit ihm ins Bett fallen würde?

Aber, oh … seine Leidenschaft. Sein hungriger Blick stellte sie regelrecht bloß. Als sie noch zusammengelebt hatten, da hatte Gino sie oft stundenlang geliebt, mit nur ganz kurzen Pausen dazwischen. Er behauptete immer, dass er nicht genug von ihr bekommen konnte, und seine Taten schienen seine Worte zu bestätigen.

„Aus welchem Grund genau?“, fauchte sie ihn an, denn sie wollte ihn keinesfalls merken lassen, dass allein der Gedanke, mit ihm auf sein Zimmer zu gehen, sie zum Zittern brachte. „Eine schnelle Nummer um der alten Zeiten willen? Tut mir leid, aber ich bin nicht der Typ für One-Night-Stands, Gino. Das war ich noch nie, und das solltest du eigentlich wissen.“

„Ich erinnere mich an alles, was dich angeht“, gab er verführerisch zurück. „Und es geht mir nicht um einen One-Night-Stand. Ich möchte, dass du das ganze Wochenende mit mir verbringst, und ich will auch mit dir reden. Um dir zu erklären, weshalb ich vor all den Jahren nicht zu dir zurückgekommen bin.“

Jordans wild pochendes Herz machte einen Satz. „Du … du wolltest zu mir zurückkommen?“

„Natürlich. Ich habe dich geliebt, Jordan. Daran darfst du niemals zweifeln.“

Mit diesen Worten war Jordans letzter Widerstand gebrochen.

„Versteh mich nicht falsch“, fügte er hinzu. „Heute Nacht möchte ich nicht reden. Heute Nacht gehört ganz allein uns, Jordan. Du und ich zusammen wie einst. Sag nicht Nein. Sag, sí. Sí, Gino. Wie ich es dir damals beigebracht habe.“

In Jordans Kopf drehte sich alles. So hatte sie sich bei keinem anderen Mann verhalten. Die Art und Weise, wie sie sich Ginos Willen beugte. Nicht sklavisch, sondern bereitwillig und aus eigenem Antrieb. Sie genoss die Rolle, seine Frau zu sein. Bei ihm hatte sie sich immer sicher und geborgen und vor allem unendlich geliebt gefühlt.

Als er sie verließ, war sie am Boden zerstört gewesen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, ehe sie überhaupt wieder mit Männern ausging, und dann auch nur mit eher sanften, vielleicht sogar ein wenig schwachen Typen. Männer, die sie zur Abwechslung dominieren und verlassen konnte, wenn die Sache zu ernst wurde.

Und dann war Chad in ihr Leben getreten – lächelnd, charmant und selbstbewusst. Seine Intelligenz und seine Erfahrung hatten ihr gefallen.

Sie dachte wirklich, dass sie ihn liebte – bis er ihr schließlich einen Antrag machte und sie sich mit der Aussicht konfrontiert sah, ein Leben lang mit Chad das Bett zu teilen.

Wenn sie schonungslos ehrlich war, dann hatte der Sex mit Chad etwas Distanziertes an sich – so als folge er den Anweisungen eines Sachbuchs zum Thema Geschlechtsverkehr. Manchmal täuschte sie ihren Orgasmus nur vor, damit er sie nicht fragte, ob sie einen gehabt hatte.

„Komm schon“, nahm Gino ihr die Entscheidung ab. „Lass uns gehen.“

Sanft löste er ihre Arme von seinem Nacken, griff nach ihrer linken Hand und begann, sie in Richtung des Ausgangs zu ziehen.

„Meine Sachen!“, protestierte sie und deutete auf den Tisch, wo ihre Jacke und Tasche hoffentlich noch auf dem Stuhl lagen.

Doch, sie waren noch da.

Als sie rasch in den Blazer schlüpfte, runzelte er die Stirn. „Warum trägst du so wenig schmeichelhafte Kleidung?“

Ihr Blick wanderte kurz über sein Outfit. Enge schwarze Jeans, ein weißes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke. Es passte zu ihm und seinem Macho-Image.

„Anwältinnen tragen nun mal solche Kleidung zur Arbeit“, verteidigte sie sich. Sie fügte nicht hinzu: Besonders solche, die so aussehen wie ich. Die Justiz war immer noch eine Männerwelt, egal was manche Feministinnen glauben mochten. Selbst Frauen bevorzugten einen männlichen Anwalt.

„In Kleidern siehst du besser aus“, entgegnete Gino, fasste sie am Arm und führte sie zum Ausgang. „Oder zumindest in einem Rock. Du solltest niemals Hosen tragen, Jordan.“

Hitze erfasste sie, als sie sich in diesem Moment daran erinnerte, dass er sie damals dazu überredet hatte, keine Unterwäsche zu tragen. Mit Mühe versuchte sie sich davon zu überzeugen, dass er sicher zu einem herzlosen Frauenhelden geworden war, der nur die richtigen Worte zu sagen wusste, um sie ins Bett zu kriegen.

Doch sie war nicht wirklich davon überzeugt. Er hatte so aufrichtig geklungen. Ernst und unglaublich leidenschaftlich.

Außerdem konnte Jordan das Bedürfnis nicht länger unterdrücken, Antworten auf all die Fragen zu bekommen, die sie quälten, seit er sie damals so plötzlich verlassen hatte.

Er hatte ihr versprochen, am nächsten Morgen alles zu erklären.

Bis dahin …

Allein der Gedanke an das, was bis dahin passieren würde, machte sie atemlos.

Konnte sie das wirklich tun? Mit Gino ins Bett gehen – innerhalb von zehn Minuten nach ihrem Wiedersehen?

Ihr Herz pochte wie wild, während sie ihren Blick über ihn gleiten ließ. Er war genau so, wie sie ihn in Erinnerung hatte … und er war noch so viel mehr. Noch attraktiver, reifer … männlicher.

Wenn sie tatsächlich die Nacht mit ihm verbrachte, dann wäre Chad am nächsten Tag nur noch Geschichte. Als Gino noch ein Teil ihrer Vergangenheit gewesen war, da hatte sie vielleicht eine geringe Chance gehabt, ihn zu vergessen. Doch jetzt war das nicht länger möglich.

Aber vielleicht würde sie ihn diesmal ja auch gar nicht vergessen müssen. Vielleicht gab es eine Zukunft für sie?

Oh, wie sehr sie es hoffte!

Als sie die Fahrstühle erreichten, stand einer offen und war leer. Gino schob sie sofort hinein, setzte seine Keycard ein und drückte den Knopf für den zehnten Stock. Sobald sich die Türen geschlossen hatten, zog er sie in seine Arme.

„Ich kann keine weitere Sekunde mehr warten“, raunte er und senkte seinen Mund auf ihren.

Was unterschied den Kuss des einen Mannes von dem eines anderen?

Jordan hatte es einmal zu analysieren versucht, als die Küsse anderer Männer nicht dieselbe Wirkung hatten wie die Küsse von Gino.

Jetzt wusste sie es. Es war nicht nur eine Frage der Technik. Es war die Leidenschaft, die in diesen Küssen lag – ein alles verzehrendes Verlangen, das den ganzen Körper erfasste.

Als er seinen Mund von ihrem löste, rang Jordan nach Atem.

Seine schwarzen Augen glühten regelrecht. „Ich hätte dich niemals verlassen sollen“, sagte er. „Niemals!“

In diesem Moment erreichte der Lift sein Ziel, und die Türen öffneten sich. Gino nahm sie bei der Hand, führte sie den Gang hinunter und stoppte vor dem Zimmer mit der Nummer hundertsieben.

Als er den Kopf senkte, um die Keycard einzuführen, bemerkte Jordan, dass er das Haar kürzer trug als vor zehn Jahren. Sie fragte sich, ob er immer noch als Bauarbeiter tätig war. Vielleicht hatte er es mittlerweile zum Vormann gebracht.

Und noch ein anderer Gedanke kam ihr, als er die Tür öffnete und sie hineinzog. Sicher hatte er eine Freundin in Melbourne. Männer wie Gino lebten nicht allein.

So eifersüchtig die Vorstellung sie auch machte, Jordan sagte nichts, denn sie wollte den Moment nicht ruinieren. Alles, was sie in dieser Situation wissen musste, war, dass er nicht verheiratet war und sie immer noch begehrte. Genau so, wie sie ihn begehrte. Für diese eine Nacht gehörte sie ihm. Nein, für das ganze Wochenende.

Ein erotisches Beben durchlief ihren Körper, als er ihr den Blazer von den Schultern streifte.

„Willst du zuerst noch ins Bad gehen?“, wisperte er.

„Nein“, brachte sie mühsam hervor.

Darauf drehte er sie zu sich um und begann, ihre Bluse aufzuknöpfen. Jordan schloss die Augen.

„Sieh mich an“, befahl er ihr.

Sie tat wie geheißen, wenn auch ein wenig widerwillig.

„Gut. Ich möchte, dass du siehst, dass ich es bin, der dich liebt.“

„Meinst du, das wüsste ich nicht, wenn ich die Augen schließe?“

Sein Lächeln wirkte beinahe selbstgefällig. „Dann hast du mich nicht vergessen?“

„Ich erinnere mich an alles, Gino, was dich angeht“, wiederholte sie seine Worte aus der Bar.

Als er ihr zuerst die Bluse und dann den BH auszog, begannen seine Augen zu funkeln.

„Dann wirst du dich auch daran erinnern, dass ich nicht immer ein geduldiger Liebhaber bin.“

Jordan bekam einen trockenen Hals.

„Du solltest deinen wunderschönen Körper nicht mit solch hässlichen Kleidern bedecken“, rügte er sie, während er den Reißverschluss ihrer Hose öffnete und sie über ihre Hüften hinunterschob. Kaum, dass die Hose zu Boden gefallen war, stieg sie aus dem Stoffhaufen heraus. Als sie vor ihm stand, trug sie nicht mehr als ihr cremefarbenes Höschen, beige Nylonkniestrümpfe und ihre schwarzen Pumps.

„Bitte, zieh es aus“, raunte er. „Zieh alles aus!“

Vielleicht wäre sie seiner Aufforderung gefolgt, wenn er nicht in diesem Moment seine Lederjacke abgelegt und sein T-Shirt über den Kopf gezogen hätte.

Der plötzliche Anblick seiner nackten Brust ließ sie erstarren. Gierig schaute sie ihn an. Er war schlanker als vor zehn Jahren – noch muskulöser und einfach atemberaubend.

„Willst du, dass ich es tue? Ist es das?“, fragte er, während er seine Jeans öffnete und sie zusammen mit seinen Boxershorts abstreifte.

Jordan schluckte schwer. „Was?“

Gino warf ihr einen frustrierten Blick zu, ehe er sich auf die Bettkante setzte und Schuhe und Socken von den Füßen riss.

Als er völlig nackt war, blieb er sitzen und ließ seinen Blick verlangend über ihren angespannten Körper wandern.

„Du bist dünner“, bemerkte er.

„Du auch“, parierte sie. Irgendwie musste sie die Schwäche bekämpfen, die sie zu lähmen drohte. „Und dein Haar ist kürzer.“

„Deins auch?“

„Nein.“

„Dann öffne es.“

Sie stand einfach nur da und zwang sich dazu, ihm nicht blind zu gehorchen, wie sie es früher getan hatte.

Seine Augen funkelten. „Wenn du es nicht tust, dann mache ich es.“

Jordan hob langsam den Arm und zog die Nadeln aus dem Haar, sodass es in einer grandiosen Kaskade auf ihren Rücken fiel.

„Jetzt komm her“, sagte er und spreizte die Knie, sodass ihr Blick auf den Teil seines Körpers gelenkt wurde, den sie sich nicht anzustarren bemüht hatte.

Sie versteifte sich. Was sollte sie tun?

„Stell deinen rechten Fuß hierhin“, wies er sie an und klopfte auf eine Stelle vor sich.

Erleichterung erfasste sie. Schließlich ging sie auf ihn zu.

Er streifte ihr den Schuh ab und warf ihn zur Seite, dann folgte der Strumpf, wobei er zärtlich ihre Wade massierte, dann den Knöchel und die Fußsohle.

„Mmm“, murmelte er genussvoll, als er sanft mit der Hand über ihr Bein strich. „Jetzt den anderen Fuß, bitte.“

Jordan tat, worum er sie gebeten hatte, und Gino ließ sie erneut in den Genuss seiner Verführungskunst kommen. Sie schnappte nach Luft, als er sie heiser aufforderte: „Streichle mich mit deinem Fuß.“

Sie kam seiner Bitte nach, und ihm entfuhr ein kehliges Stöhnen.

„Komm näher“, drängte er.

Wieder gehorchte sie, und er zog ihr das Höschen aus, um sich sogleich vorzubeugen und ihren flachen Bauch zu küssen.

Angespannt und aufs Höchste erregt strich sie mit beiden Händen durch sein Haar. Als er seine Zunge neckisch in ihren Nabel schob, seufzte sie, und als er eine Hand zwischen ihre Beine legte, begannen ihre Knie zu zittern …

Plötzlich hob er den Kopf. „Noch nicht“, warnte er, obwohl das sinnliche Spiel seiner Finger sie um den Verstand brachte.

„O Gott, Gino. Ich kann nicht. Ich … bitte … bitte …“

„Jetzt bist du die Ungeduldige. Das gefällt mir. Möchtest du mich in dir spüren? Sag mir, wie sehr. Sag es mir“, drängte er, und seine Augen glühten wie schwarzes Feuer, während er sie unverwandt anblickte.

„Hör auf, mich zu quälen“, flehte sie.

„Aber ich mag es. Ich fühle mich gut, wenn ich sehe, wie sehr du dich nach mir verzehrst.“

„Oh, tu es einfach, bitte!“

Ehe sie ein weiteres Wort äußern konnte, lag sie unter ihm. Er legte sich ihre Beine über die Schultern und drang tief in sie ein. Machtvoll.

„Ist es das, was du willst?“, rief er mit rauer Stimme, während er sich rhythmisch hob und senkte.

„Ja.“ Jordans Stimme vibrierte. „Ja.“

„Jetzt kannst du dich gehen lassen“, wisperte er, kurz bevor sie einen Höhepunkt erlebte, der sie in ihren Grundfesten erschütterte.

Vage registrierte sie, wie er laut aufstöhnte. Sie spürte, wie auch er seinen Höhepunkt erreichte und schließlich ermattet auf ihr niedersank.

Erst nach einigen endlos langen Minuten, als sich ihre Atmung beruhigt hatte und ihrer beider Herzen nicht mehr wie wild pochten, lösten sie sich voneinander. Gino glitt zur Seite und lächelte sie an. „Ich habe einen Riesenhunger, und du?“

„Ich auch“, gab sie zu.

„Die Speisekarte vom Zimmerservice liegt da drüben auf dem Schreibtisch. Wirf doch mal einen Blick darauf, während ich uns ein Bad einlasse.“

„Warte“, sagte sie und legte eine Hand auf seinen Arm. „Ich brauche ein paar Minuten für mich im Bad.“

Als sie fünf Minuten später aus dem Badezimmer kam, stand Gino nackt vor ihr und wartete, während sie selbst sich in einen der Hotelbademäntel gehüllt hatte.

„Das Bad gehört ganz dir“, sagte sie und ging rasch an ihm vorbei.

Die Speisekarte vom Zimmerservice lag genau da, wo er gesagt hatte.

Direkt neben einem Flugticket.

Minutenlang sah Jordan regungslos darauf.

Bis sie schließlich danach griff.

3. KAPITEL

Gino summte fröhlich vor sich hin, während er zusah, wie die Wanne sich füllte und das Badegel, das er hinzugegeben hatte, das Wasser hellgrün färbte und einen ordentlichen Schaum produzierte.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich unbeschwert. Und glücklich.

Das alles, weil er Jordan wiedergefunden hatte.

Es war beinahe so, als wären die vergangenen zehn Jahre wie fortgewischt. Er fühlte sich wieder jung und unbesiegbar. Jordan gehörte immer noch ihm – so war es schon gewesen seit dem ersten Tag ihrer Begegnung.

Damals hatte sie als Kellnerin gejobbt, in einem italienischen Restaurant nicht weit von der Uni in Sydney entfernt, direkt gegenüber von der Baustelle, auf der Gino zu diesem Zeitpunkt arbeitete.

Obwohl er in jenen Tagen alles mied, was italienisch war, hatte er dem verführerischen Duft seiner Lieblingspasta doch nicht widerstehen können, sodass er schließlich an einem Abend zum Dinner hinüberging.

Das Schicksal hatte es so gewollt, dass er an einem von Jordans Tischen saß.

Die sexuelle Spannung zwischen ihnen war geradezu elektrisierend. Er blieb und aß über seinen Hunger hinaus, damit er sich mit der wunderschönen blonden Kellnerin unterhalten konnte, die den Blick genauso wenig von ihm wenden konnte wie er von ihr.

Als sie ihm bei seinem dritten Kaffee verriet, dass ihre Mitbewohnerin das Studium hingeschmissen und entschieden hatte, wieder nach Hause zu gehen, und sie die Miete nun allein zahlen musste, da ergriff Gino sofort die Gelegenheit, ihr zu sagen, dass er nach einer Bleibe suche, und ob sie sich wohl vorstellen könne, ihn zum Mitbewohner zu nehmen.

Seine Augen signalisierten ihr, dass er mehr sein wollte als nur ihr Mitbewohner. Als sie daher erklärte, er könne am nächsten Tag einziehen, war es nicht verwunderlich, dass Gino sich bereits in einem Zustand der Erregung befand, noch ehe er überhaupt nur einen Fuß in ihre Wohnung gesetzt hatte. Es dauerte keine halbe Stunde, da küsste er sie auch schon. Eines führte schnell zum anderen, und er dankte dem Himmel, dass er in dieses Restaurant zum Essen gegangen war.

Damals hatte er nicht die Finger von ihr lassen können, war geradezu süchtig geworden nach den Gefühlen, die sie in ihm auslöste, und bis heute schien sich daran nichts geändert zu haben. Er konnte es kaum abwarten, sie ins Badezimmer zu tragen und ihr Liebesspiel fortzusetzen.

Ein lautes Klopfen an die Badezimmertür riss ihn aus seinen Gedanken. Gino drehte sich besorgt um.

Rasch stellte er das Wasser ab und öffnete die Tür. Da stand sie, das Objekt seiner Begierde, doch sie blickte ihn voll kalten Zorns an, die Hände in die Taschen ihres Bademantels vergraben.

„Ich weiß, dass ich zugestimmt habe, die Erklärungen könnten bis zum nächsten Morgen warten“, fauchte sie. „Aber das war, bevor ich das hier gesehen habe!“

Ginos Magen zog sich zusammen, als sie die rechte Hand aus der Tasche zog und ihm sein leicht zerknittertes Flugticket entgegenhielt.

Er hatte ganz vergessen, dass er es auf dem Schreibtisch liegen gelassen hatte.

„Dieses Ticket ist auf morgen ausgestellt“, fuhr sie fort, ehe er auch nur ein Wort hervorbringen konnte. „Ein sehr früher Flug übrigens. Womit deine Behauptung, du seist das ganze Wochenende über hier, wohl hinfällig geworden ist.“

„Ich hatte nicht vor, diesen Flug zu nehmen, Jordan. Nicht, nachdem ich dir über den Weg gelaufen war. Ich wollte die Fluggesellschaft anrufen und auf Sonntag umbuchen.“

„Du hast mich trotzdem angelogen, Gino.“

„Ich habe nur die Wahrheit ein wenig verdreht.“

„Die Wahrheit ein wenig verdreht?“, wiederholte sie empört. „Und wie würdest du die Tatsache beschreiben, dass du mir einen falschen Namen genannt hast? Denn dieses Ticket ist auf einen Mr. Gino Bortelli ausgestellt.“

„Jordan, ich …“

„Ich nehme an, das ist dein wahrer Name?“, unterbrach sie ihn sofort. „Bortelli? Nicht Salieri, wie du mir vor zehn Jahren gesagt hast?“

Gino versuchte ruhig zu bleiben, doch er bewegte sich am Rande einer Panik. „Salieri ist der Mädchenname meiner Mutter. Ich habe ihn zeitweilig angenommen, um in Sydney ungestört leben zu können.“

„Ungestört leben zu können?“, höhnte sie verächtlich. „Als was hätten dich die Leute denn sonst erkannt? Als untergetauchten Rockstar?“

„Nein, als Gino Bortelli.“

„Tut mir leid, Gino, aber ich bin kein bisschen schlauer.“

„Meine Familie spielt eine ziemlich bedeutende Rolle im Baugewerbe. Als ich nach Sydney kam, wollte ich deshalb nicht bevorzugt behandelt werden. Es war noch nicht lange her, dass ich mein Ingenieursdiplom in Rom gemacht hatte, und ich …“

„Wie bitte?“, fauchte sie. „Du bist ein studierter Ingenieur? Ich dachte, du wärst nur ein einfacher Arbeiter!“

„Als ich dich kennengelernt habe, war ich auch nur ein einfacher Arbeiter.“

Jordan wirkte vollkommen fassungslos. „Aber warum? Das wäre ungefähr so, wie wenn ich noch als Kellnerin arbeiten würde anstatt als Anwältin.“

Gino seufzte und griff nach dem zweiten Bademantel, der an der Tür hing. Es schien sinnlos zu sein, noch weiter nackt herumzulaufen. Zu einer leidenschaftlichen Nacht, wie er sie geplant hatte, würde es heute nicht mehr kommen.

„Können wir nach nebenan gehen?“, sagte er, nachdem er den Mantel angezogen hatte. „Ich könnte einen Drink vertragen.“

Er ging an ihr vorbei und steuerte direkt auf die Minibar zu.

„Möchtest du ein Glas Wein?“, fragte er und schaute kurz über die Schulter zu Jordan, die ihm widerwillig gefolgt war. „Es gibt da eine halbe Flasche Rotwein, die gar nicht mal so übel ist.“

„Nein, vielen Dank“, entgegnete sie knapp. „Was ich vielmehr wissen möchte, ist, weshalb du mich in so vielen Punkten angelogen hast.“

„Was hältst du davon, wenn wir uns hinsetzen?“, schlug er vor und deutete auf das Sofa gegenüber dem Fernseher.

Jordan ignorierte den Vorschlag und stellte sich stattdessen ans Fenster, wo sie die Arme über der Brust verschränkte und ihn misstrauisch ansah.

Gino schenkte sich ein Glas Wein ein und nahm einen großen Schluck, ehe er sich zu ihr umdrehte.

„Nachdem ich jahrelang studiert hatte, fühlte ich mich erschöpft. Ich hatte es satt, dass meine Eltern mich ständig dazu antrieben, überall der Beste zu sein. Obwohl dieses Phänomen in italienischen Familien häufig genug auftritt. Ich verlangte ein Jahr ganz allein für mich. Ich wollte mein eigenes Geld verdienen, absolut unabhängig sein. Ein einfacheres, stressfreieres Leben führen. Deshalb habe ich mich entschieden, mit der Kraft meiner Hände zu arbeiten und meinen Namen zu ändern. Ich wollte nicht, dass mein Chef mich aufgrund meines Namens anders behandelte.“

Jordan runzelte die Stirn. „Man würde den Namen Bortelli sogar hier in Australien erkennen?“

Das war der Moment, vor dem sich Gino gefürchtet hatte. Doch die Wahrheit musste heraus – besonders, wenn er Jordan wiedersehen wollte. Und das wollte er unbedingt.

„Ich fürchte, dass du eine Kleinigkeit missverstanden hast vor all den Jahren“, begann er vorsichtig. „Von Rom aus bin ich nicht direkt nach Sydney gekommen. Nach meinem Abschluss bin ich zuerst zu meiner Familie gefahren.“

„Und wo in Italien lebt deine Familie?“

„Meine Familie lebt gar nicht in Italien, Jordan. Sie ist kurz nach meiner Geburt nach Melbourne ausgewandert. Dort leben sie noch heute. In Melbourne.“

Ungläubig sah sie ihn an. „Willst du damit sagen, dass du Australier bist?“

„Ich habe beide Staatsbürgerschaften. Die italienische und die australische.“

„Warum hast du mir all das vor zehn Jahren nicht gesagt?“

„Ich wünschte, ich hätte es getan. Aber damals befand sich bei mir so vieles im Umbruch. Ich brauchte eine Veränderung, musste mich selbst finden. Nachdem ich dich getroffen hatte, Jordan, brauchte ich nur noch dich.“

Wieder starrte sie ihn an, diesmal kalt und wütend. „Nur bis deine Familie dich brauchte, Gino. Dann hast du mich einfach fallen gelassen.“

Gino seufzte. Sie verstand es nicht. Nie würde sie begreifen, was es hieß, der einzige Sohn einer italienischen Familie zu sein.

„Und was ist mit diesem Wochenende, Gino?“, attackierte sie ihn. „War es wie damals? Du brauchtest eine Veränderung, also bist du nach Sydney gekommen? Weil Sydney ja voller dummer Frauen ist, die sich auf Sex mit dir einlassen?“

„Ich bin geschäftlich nach Sydney gekommen“, wies er sie in seiner Ehre verletzt zurecht. „Ich wollte eigentlich morgen schon nach Melbourne zurückfliegen, falls du dich erinnerst.“

„Sorry“, versetzte sie schnippisch. „Das war mir im Zuge all dieser erstaunlichen Enthüllungen einen Moment entfallen. Du bist mir also zufällig über den Weg gelaufen und dachtest – hey, da ist ja die gute alte Jordan, das dumme Ding, das ich schon einmal nach Strich und Faden betrogen habe. Das klappt doch bestimmt noch mal! Ich tische ihr einfach ein hübsches Märchen auf, und sie wird alles glauben. Und hey, du hattest recht – ich habe dir alles abgekauft, ohne irgendetwas zu hinterfragen.“

„Jordan, hör auf!“, entgegnete Gino heftig. Er konnte nicht glauben, dass die Situation so aus dem Ruder lief.

„Womit soll ich aufhören?“, fauchte sie. „Dir die Wahrheit zu sagen? Tun die Ladies in Melbourne das nicht? Nein, natürlich nicht. Da unten bist du ja ein großer Fisch. Vermutlich kommen sie auf Händen und Knien angekrochen.“

Gino spürte, wie ihm der Kragen zu platzen drohte. Er hatte versucht, geduldig zu sein. Ihr alles zu erklären. Doch sie schien fest entschlossen, ihm jedes Wort im Mund umzudrehen, sodass alles, was sie einst geteilt hatten, hässlich und schmutzig klang.

„Was in aller Welt ist nur los mit dir?“, rief er. „Warum willst du alles verderben? Pass auf, es tut mir leid, dass ich dir damals nicht die Wahrheit gesagt habe, aber dafür gab es Gründe. Und ich bedauere auch, dass ich dich auf diese Weise verlassen habe. Mein Vater lag im Sterben, verdammt noch mal! Ich musste nach Hause.“

„Warum bist du dann danach nicht zurückgekommen? Nach dem Tod deines Vaters? Die Mittel dazu standen dir ja wohl zur Verfügung. Trotzdem hast du dich entschieden, es nicht zu tun. Was für eine Art Liebe war das, Gino?“

„Willst du es wirklich wissen?“

„Ja!“

Gino wusste, dass alles verloren war. Also konnte er ihr auch noch den letzten Rest der Wahrheit verraten.

„Ich bin nicht zurückgekommen, weil du keine Italienerin bist.“

Sie öffnete ungläubig den Mund, doch es kam kein Ton heraus.

„Ich habe meinem Vater an seinem Sterbebett das Versprechen gegeben, dass ich nur eine Italienerin heiraten würde.“

„Du machst Witze“, platzte sie heraus.

„Unglücklicherweise, nein.“ Er wusste nur zu gut, dass er aus Angst nicht zu Jordan zurückgekehrt war – aus Angst, sein Versprechen zu vergessen und sie dennoch zu heiraten.

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Und hast du?“, fragte sie matt. „Eine Italienerin geheiratet?“

„Du glaubst wirklich, ich würde dich in diesem Punkt anlügen?“

„Ich habe keine Ahnung, in welchen Punkten du lügen würdest, Gino. Ich kenne dich nicht. Der Mann, mit dem ich gelebt habe – in den ich mich verliebt habe –, den gibt es gar nicht. Der wahre Gino ist für mich ein Fremder. Deshalb frage ich dich noch einmal: Bist du verheiratet?“

„Ich habe es dir bereits gesagt. Ich bin nicht verheiratet.“

„Aber du hast eine Freundin, richtig?“

„Ja“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen aus.

„Das heißt also, du bist nicht nur ein Lügner, sondern auch ein Betrüger!“

Gino zog scharf die Luft ein. Noch nie hatte es jemand gewagt, so mit ihm zu reden.

Sein Schock verstärkte sich noch, als sie den Gürtel löste und den Bademantel zu Boden gleiten ließ. Einen langen Moment stand sie bewegungslos da, vollkommen nackt, während sie zusah, wie er ihre Schönheit mit Blicken verschlang.

Sein Körper reagierte ganz automatisch, sodass sich seine Finger um das Weinglas krampften. Er hatte keine Ahnung, was sie vorhatte, aber er hegte den Verdacht, dass sie das ganze Hotel zusammenschreien würde, wenn er sie anfasste.

„Gefällt dir, was du siehst, Gino?“, höhnte sie schließlich. „Dann schau es dir noch einmal gut an, denn du wirst mich nie wieder so sehen. Nicht, dass es dir sonderlich etwas ausmachen würde“, fuhr sie verächtlich fort, während sie rasch ihre Kleider vom Boden aufhob. „Du wirst zu deiner Freundin zurückfliegen und keinen weiteren Gedanken an diese kleine Episode hier verschwenden. Du wirst nicht mal Schuldgefühle haben.“

Sie hätte sich nicht stärker täuschen können. Niemals würde er in der Lage sein, diesen Abend – oder sie – aus seinem Kopf zu bekommen. Und Schuld würde von nun an sein ständiger Begleiter sein.

Was Claudia anging … er würde ihre Beziehung beenden müssen. Sie war ein nettes Mädchen, aber sie wollte heiraten.

Doch nach diesem Abend kam die Ehe für Gino nicht mehr infrage. Wenn er Jordan nicht heiraten konnte, dann wollte er gar nicht heiraten.

In erstaunlich kurzer Zeit hatte sie sich angezogen. Sie griff nach ihrer Handtasche und schaute noch einmal zu ihm hinüber.

„Ich habe dich nie vergessen, weißt du“, sagte sie. „Niemals. Eine Freundin meinte, es liege daran, dass unsere Geschichte noch nicht abgeschlossen war. Sie sagte, es sei schade, dass ich dich nicht ausfindig machen und anrufen könnte, um mich davon zu überzeugen, dass du gar nicht so toll bist. Und sie hatte recht. Du bist es nicht. Oh, der Sex ist immer noch großartig – das muss ich zugeben. Du weißt ganz genau, wie du eine Frau erregen kannst. Aber das ist ein vergleichsweise geringes Talent. Ich will einen Mann, der ganz genau weiß, was er will, und alles dafür tut, um es zu bekommen. Der nicht zulässt, dass ihm irgendetwas im Weg steht. Du gehörst ganz offensichtlich nicht zu dieser Sorte Mann.“

„Woher willst du das wissen?“

„Ich weiß es“, versetzte sie geringschätzig. „Taten sprechen lauter als Worte, Gino.“

„Du machst einen großen Fehler“, rief er, als sie auf die Tür zuging.

Sie legte die Hand auf den Türgriff, warf ihm dann jedoch noch einmal einen kalten Blick über die Schulter zu. „Im Gegenteil. Ich beende einen großen Fehler. Jetzt bist du eine abgeschlossene Geschichte“, erklärte sie und öffnete die Tür. „Ciao.“

Jordan schaffte es nach Hause, ohne eine Träne zu vergießen. Der Stolz hinderte sie daran, noch im Hotel oder während der Taxifahrt zusammenzubrechen. Doch sobald sie allein war, die Tür fest hinter sich verschlossen, sank sie auf den Boden und schlug die Hände vors Gesicht.

„O Gino“, schluchzte sie.

In all den Jahren hatte sie geglaubt, dass die Erinnerung an Gino ihre Beziehung zu anderen Männern zerstörte. Und vielleicht stimmte das sogar. Doch es war immer eine bittersüße Erinnerung gewesen, weil sie geglaubt hatte, dass Gino sie liebte.

Aber dem war nicht so. Er hatte sie nicht geliebt, sondern lediglich begehrt, genauso wie auch an diesem Abend. Es ging ihm nicht um eine dauerhafte Beziehung, es ging ihm nur um unverbindlichen Sex!

Wenn sie nicht dieses Flugticket gefunden hätte, dann hätte er das ganze Wochenende mit ihr anstellen können, was er wollte, um schließlich zu seiner Freundin nach Melbourne zurückzufliegen.

Der Gedanke ließ sie innehalten. Warum vergoss sie wegen eines solchen Mannes auch nur eine einzige Träne? Er war ein Mistkerl – durch und durch!

Jordan holte tief Luft, stand auf und ging in ihr Schlafzimmer. Schluss. Sie würde es nicht zulassen, dass Gino Bortelli weiterhin ihr Leben ruinierte. Wenn Chad sie am nächsten Morgen anrief, dann würde sie seinen Heiratsantrag annehmen und ihr Bestes geben, um nie mehr an Gino zu denken.

Das Telefon weckte sie. Ein penetrantes Klingeln durchbrach Jordans traumlosen Schlaf, in den sie endlich gesunken war, nachdem sie ein paar starke Schmerztabletten geschluckt hatte, die sie normalerweise gegen ihre Migräne nahm. Leider hatten sie die Nebenwirkung, dass Jordan sich am nächsten Morgen immer ein wenig zerschlagen fühlte.

Halb schlafend, halb wach griff sie nach dem Hörer und hob ihn ans Ohr.

„Ja?“ Nicht gerade eine freundliche Begrüßung.

„Jordan? Bist du das?“

Der Klang von Chads Stimme machte sie schlagartig hellwach. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und schob sich das Haar aus der Stirn. Der rasche Blick auf die Uhr schockierte sie. Schon beinahe zehn!

„Ja, ich bin’s“, antwortete sie ein wenig aufgeräumter. „Bist du schon da?“

„Gerade angekommen. Ich dachte, ich klingele schnell durch, bevor ich in den New Yorker Verkehr gerate. Du hörst dich verschlafen an. Habe ich dich geweckt?“

„Ja, schon. Ich … ähm … ich bin erst spät ins Bett gegangen.“

„Was hast du denn so lange getrieben?“

Schuldgefühle übermannten sie, und Jordan war froh, dass Chad sie in diesem Moment nicht sehen konnte. Nicht, dass er besonders einfühlsam gewesen wäre. Er gehörte zu der Sorte Mann, die nur das sah, was sie sehen wollte. Er glaubte ernsthaft, dass sie nur deshalb seinen Antrag abgelehnt hatte, weil sie ihm das Gefühl vermitteln wollte, schwer zu kriegen zu sein. Deshalb zweifelte er auch nicht eine Sekunde daran, dass sie den Antrag am Ende doch noch annehmen würde. Er hatte ihr sogar den Verlobungsring dagelassen – ein Erbstück, das seiner Großmutter gehört hatte.

„Ich habe gearbeitet“, log sie. „Du weißt doch, dass ich den Johnson-Fall noch für Montag vorbereiten muss?“

„Meinst du nicht, dass du dich ein bisschen zu sehr in diesen Fall hineinsteigerst?“

„Nein.“ Ihre Mandantin war eine junge Frau, deren Ehemann bei einem Zugunglück getötet worden war. Schock und Trauer hatten bei ihr vorzeitige Wehen ausgelöst – das Kind kam tot zur Welt. Als die Regierung ihr endlich eine Entschädigung anbot – mehrere Jahre später –, da wollten sie nichts für den Schmerz des verlorenen Kindes zahlen. Sie nannten ihren Sohn einen Fötus, der noch nicht als vollständiger Mensch betrachtet werden konnte. Die Frau war zu Jordan gekommen, nicht weil sie ein Vermögen einklagen wollte, sondern Gerechtigkeit.

„Du arbeitest zu hart, Jordan.“

„Ich liebe meine Arbeit, Chad.“ Mehr noch. Ohne ihre Arbeit würde sie sich total leer vorkommen.

„Hast du über das nachgedacht, was ich dich vor meiner Abreise gefragt habe?“

Jordan spürte, wie sich ihr die Brust zuzog. Natürlich war ihr klar gewesen, dass er früher oder später darauf zu sprechen kommen würde.

„Ja“, antwortete sie.

„Und?“

Da war er: der Moment der Wahrheit. Hatte sie den Mut, zu ihrem Entschluss zu stehen? Oder würde sie erneut schwach werden und zulassen, dass Gino ihr Leben zerstörte?

Nein, es war an der Zeit, dass sie sich nicht länger hinter der vollkommen fatalen Leidenschaft für einen Mann versteckte, der sie niemals heiraten würde, wie er selbst zugegeben hatte. Nächstes Jahr wurde sie dreißig. In zehn Jahren vierzig.

Zeit, eine Entscheidung zu fällen.

„Ja, Chad“, sagte sie fest. „Ich werde dich heiraten.“

4. KAPITEL

Gino befand sich auf dem obersten Stockwerk seiner aktuellen Baustelle und balancierte über einen nicht allzu breiten Trägerbalken, als sein Handy klingelte. Er wartete, bis er die relative Sicherheit einer Ecke erreicht hatte, und fischte es erst dann aus seiner Tasche.

„Gino Bortelli“, meldete er sich. Er hatte einen Arm fest um einen Stützbalken geschlungen. In dieser luftigen Höhe wehte ein ordentlicher Wind.

„Was höre ich da? Du hast dich von Claudia getrennt?“, kam seine Mutter ohne Vorwarnung oder Begrüßung gleich auf den Punkt.

Gino unterdrückte nur mit Mühe ein Seufzen. Die Mundpropaganda funktionierte in italienischen Familien nach wie vor bestens.

„Es ist keine große Sache, Mum. Sie war nicht die Richtige für mich, und ich auch nicht der Richtige für sie. Wir haben uns einvernehmlich getrennt.“

„Das ist mir aber anders zu Ohren gekommen, Gino. Claudia ist unheimlich wütend auf dich.“

Ja, sie war unheimlich wütend, weil sie jetzt nicht mehr in das Bortelli-Vermögen einheiratete.

Gino hatte es schon überrascht, wie ausfallend Claudia plötzlich geworden war, als er ihr mitteilte, dass ihre Beziehung vorbei war. In diesem Moment hatte sie ihr wahres Gesicht gezeigt und sich einer äußerst vulgären Sprache bedient, die jeder im Restaurant mit anhören konnte. Sie schien weniger unter gebrochenem Herzen zu leiden als an enttäuschtem Ehrgeiz.

Vor zwei Tagen war das gewesen – vergangenen Sonntag. Rückblickend fand er es beinahe erstaunlich, dass es so lange gedauert hatte, bis es seiner Mutter zugetragen wurde. Vielleicht hätte er es ihr selbst sagen sollen. Doch seit seiner Rückkehr aus Melbourne am Samstag hatte er nichts mit seiner Familie zu tun haben wollen.

Genug war genug.

„Claudia war mehr in mein Geld verliebt als in mich, Mum“, erklärte er fest. „Glaub mir das. Allerdings kann ich jetzt nicht weiter darüber reden. Ich bin bei der Arbeit.“

Seine Mutter seufzte. „Du arbeitest zu hart, Gino. Du solltest dir mal eine Pause gönnen.“

„Vielleicht werde ich das. Aber nicht heute.“

„Ehe du auflegst – hast du schon entschieden, was mit diesem heruntergekommenen Bauplatz in Sydney passieren soll? Der, den dein Vater vor all den Jahren gekauft hat?“

„Es ist schon alles in die Wege geleitet. Dort wird ein zwanzigstöckiges Hochhaus mit Wohnungen, Büroräumen und Ladenlokalen entstehen. Den Vertrag mit dem Architekten habe ich vergangenen Freitag unterzeichnet.“

„Sehr gut, Gino. Dein Papa wäre stolz auf dich. Da fällt mir noch ein – kommst du zum Dinner nächsten Sonntag?“

Seine Mutter veranstaltete an jedem letzten Sonntag im Monat ein großes Familiendinner. Gino war normalerweise auch dabei. Er spielte gern mit seinen Neffen und Nichten, aber er hasste die Vorstellung, mit Fragen zu Claudia bombardiert zu werden.

„Ich kann nicht, Mum. Tut mir leid. Ich muss noch mal nach Sydney fliegen und mich mit dem Architekten treffen. Er will mir einige vorläufige Pläne zeigen.“

Das stimmte nicht, doch seine Mutter konnte das schließlich nicht wissen. Irgendwohin würde er allerdings reisen müssen. Vielleicht in den Schnee? Er fuhr gerne Ski, und in den Urlaubsgebieten waren die Bedingungen noch relativ gut. Er könnte sich tagsüber völlig verausgaben. Er würde sofort einschlafen, sobald er seinen Kopf aufs Kissen bettete.

Seit seiner Rückkehr aus Sydney schlief er nämlich verdammt schlecht. Ständig quälte er sich mit Fragen nach dem „Was wäre, wenn …?“.

Was wäre, wenn er seinem Vater nicht dieses dumme Versprechen gegeben hätte?

Was wäre, wenn er zu Jordan zurückkehren könnte, ohne sich dabei völlig niederträchtig vorzukommen?

Was wäre, wenn er ihr die Wahrheit über sich gesagt hätte, bevor er sie an jenem Freitagabend auf sein Hotelzimmer brachte?

Die letzte Frage war schnell beantwortet: Er war viel zu erregt gewesen, um eine weitere Verzögerung oder sogar das Risiko in Kauf zu nehmen, dass Jordan ihn abwies.

Sein Verlangen nach ihr war über jedes gesunde Maß hinausgegangen.

Liebte er sie immer noch? Oder wollte er nur wieder mit ihr flüchten, wie all die Jahre zuvor?

Nein, er würde alles, einfach alles tun, um wieder so mit ihr zusammen sein zu können wie vor zehn Jahren.

„Du solltest mehr Zeit mit deiner Familie verbringen, Gino“, rügte ihn seine Mutter.

Er wollte sich auf keine weitere Diskussion mit seiner Mutter einlassen.

„Ich muss jetzt los, Mum. Ciao.“

Rasch unterbrach er die Verbindung und blickte gedankenverloren auf die Stadt, die sich unter ihm ausbreitete. Eigentlich stand er auf dem absoluten Höhepunkt. Sowohl finanziell als auch beruflich. Er besaß mehr Geld, als er jemals ausgeben konnte, ein schickes Penthouse und einen schnittigen Wagen. Ja, er war kurz davor, zum Milliardär zu werden.

Doch dieser Erfolg zählte nichts, solange er nicht glücklich war.

Jordans diverse Vorwürfe und Sticheleien verfolgten ihn immer noch.

Vielleicht, weil sie recht hatte. Wenn er ganz ehrlich war, dann hatte er gelogen und betrogen. Aber er war nicht der Feigling, für den sie ihn hielt.

Er wusste ganz genau, was er wollte.

Sie.

Doch warum sollte er sie weiter umwerben, wenn sie gar nichts von ihm wissen wollte?

Gino sah keine Möglichkeit, Jordan dazu zu bewegen, Zeit mit ihm zu verbringen – es sei denn, er entführte sie und hielt sie an einem einsamen Ort gefangen.

Die Idee konnte schnell zu einer männlichen Fantasie ausarten.

Mit einem Seufzer wandte er sich ab und ging vorsichtig zu dem Stahlaufzug hinüber, der ihn wieder nach unten transportieren würde. Die Bauarbeiter machten jetzt Feierabend, aber der Boss, der musste zurück ins Büro, um die organisatorischen Abläufe von Bortelli Constructions in Gang zu halten.

Eine halbe Stunde später saß Gino an seinem Schreibtisch – in der einen Hand einen starken Kaffee, in der anderen einen Stapel Post. Die Uhr an der Wand schlug gerade fünf, als er nach einem Umschlag griff, auf dem das Wort „Persönlich“ stand, weshalb seine Sekretärin ihn nicht geöffnet hatte.

Hoffentlich war es kein Hassbrief von Claudia!

Nachdem er den Umschlag rasch aufgerissen hatte, fiel sein Blick sofort auf eine goldumrandete Karte.

Es war eine Einladung von Stedley & Parkinson.

Mr. Frank Jones, der Seniorpartner der Filiale in Sydney, lud Mr. Gino Bortelli – und Begleitung – zu einem Dinner für neue Mandanten ein, und zwar am nächsten Samstag in ihren Konferenzraum. Beginn um halb acht, Abendgarderobe erwünscht. Seine Antwort wurde bis nächsten Freitag erwartet.

Gino starrte gute zwanzig Sekunden auf die Einladung und schien das Atmen vergessen zu haben. Nur mit Bedacht gelang es ihm, wieder ruhiger zu werden und gelassen durchzuatmen.

Das Schicksal schien ihm eine letzte Chance mit Jordan zu geben.

Denn sicherlich würde der Star der Zivilrechtsabteilung vor Kurzem ein oder zwei neue Mandanten gewonnen haben? Wenn ja, dann würde sie bei dem Dinner zugegen sein.

Ginos Herz raste. Er fragte sich, ob Adrian wohl auch eine Einladung bekommen hatte.

Nein, vermutlich nicht. Adrian hatte ihm gesagt, dass er schon zuvor mit Stedley & Parkinson zusammengearbeitet hatte. Was bedeutete, dass er kein neuer Mandant mehr war.

Vielleicht war er dann aber zuvor zu einem solchen Dinner eingeladen gewesen und konnte ihm Informationen aus erster Hand liefern – vor allem wer bei diesen Veranstaltungen anwesend war?

Gino griff nach seinem Handy, suchte im Menü nach Adrians Nummer und wählte.

„Adrian Palmer“, meldete der sich prompt.

Obwohl er einer der vielversprechendsten jungen Architekten in Australien war, unterhielt er weder ein ordentliches Büro noch eine Sekretärin. Er arbeitete von seiner Dachgeschosswohnung aus, die mitten im Geschäftsviertel von Sydney lag.

„Hallo, Adrian, hier ist Gino Bortelli.“

„Gino! Ich arbeite gerade an den Plänen für Ihr Gebäude. Ich denke, sie werden Ihnen sehr gut gefallen.“

„Das ist großartig, Adrian. Ich rufe aber aus einem anderen Grund an. Ich habe eine Einladung von Stedley & Parkinson bekommen.“

„Zu einem ihrer Dinner für neue Mandanten, nehme ich an?“

„Ja. Waren Sie einmal dort?“

„Ja – vergangenen Monat. Diese Dinner finden einmal im Monat statt. Sie sollten hingehen, Gino. Das Essen ist immer ausgezeichnet, genauso wie der Wein. Natürlich müssten Sie dafür extra herfliegen, aber Sie können es ja steuerlich absetzen.“

„Es heißt Abendgarderobe. Ist das nicht ein wenig steif für ein Dinner in einem Konferenzraum?“

„Das kommt von Mr. Stedley, dem amerikanischen Eigentümer. Er ist ein dicker Fisch in den Staaten und ermuntert seine Angestellten außerdem, sich auch außerhalb der Arbeit zu treffen. Er glaubt an soziales Networking.“

„Das klingt so, als hätten Sie den Mann kennengelernt. Sagen Sie bloß nicht, er fliegt extra aus den USA herüber?“

„Nein. Ich habe seinen Sohn kennengelernt. Chad Stedley. Er soll eine Weile hier in Sydney arbeiten. Ich saß neben ihm am Tisch. Redet ganz schön viel. Zwischen den Gängen hat er mir seine halbe Lebensgeschichte erzählt. Er hatte eine umwerfende Freundin. Eine von den Anwältinnen – Jordan irgendwie.“

Ginos Herzschlag setzte einen Moment aus, während seine Gedanken sich überschlugen. Jordan hatte gesagt, dass es keinen besonderen Mann in ihrem Leben gab. Dennoch war sie noch vor einem Monat die Freundin dieses Chad Stedley gewesen?

„Jordan Gray?“, fragte Gino.

„Ja, genau! Das war der Name. Kennen Sie sie?“

„Ich habe sie mal gekannt.“

„Kein Scherz? Eine alte Flamme?“

„Etwas in der Art.“

„Die Welt ist doch klein.“

„Ja, scheint so.“

„In diesem Fall würde ich es mir zweimal überlegen, bevor ich meine aktuelle Freundin mitbringe. Sie wissen ja, wie Frauen sind. Und diese Jordan ist ein echter Hingucker.“

„Ich habe zurzeit keine Freundin“, entgegnete Gino. „Ich wollte allein kommen.“

„Verstehe. Nun, rechnen Sie lieber nicht damit, wieder mit dieser Jordan zusammenzukommen“, riet Adrian trocken. „Wie ich von Stedley hörte, ist eine Verlobung im Busch.“

„Eine Verlobung!“, rief Gino, ehe er sich davon abhalten konnte.

„Ja. Wenn Ihnen der Gedanke Bauchschmerzen bereitet, dann sollten Sie vielleicht gar nicht hingehen.“

Ihm Bauchschmerzen bereiten?

Eine ungeheure Welle der Wut und des Zorns überrollte ihn. Wenn Jordan ihn angelogen hatte …

Ein Freund war schon schlimm genug. Aber wenn sie mit ihm geschlafen hatte, um dann mir nichts, dir nichts zu ihrem Verlobten heimzukehren, dann wusste er nicht, wie er damit umgehen würde.

„Nein, nein“, versicherte Gino rasch. „Kein Problem. Es ist Jahre her, dass Jordan und ich zusammen waren. Aber ich hätte nichts dagegen, sie wiederzusehen und mich mit ihr über alte Zeiten zu unterhalten.“

Und über nicht ganz so alte Zeiten, schwor er sich düster. Genau genommen über den vergangenen Freitagabend.

„Wie Sie meinen. Wenn Sie nächstes Wochenende nach Sydney fliegen, dann könnten Sie kurz bei mir vorbeikommen und sich die vorläufigen Pläne ansehen.“

„Ich habe noch nicht entschieden, ob ich komme. Vielleicht fahre ich stattdessen zum Skifahren in die Berge.“

„Das wäre vielleicht besser.“

„Ja“, antwortete Gino langsam. „Vielleicht.“

Wenn Jordan ihn tatsächlich angelogen hatte …

Es gab nur eine Möglichkeit, das im Vorfeld herauszufinden. Er würde die Detektei erneut auf den Fall ansetzen. Sie hatten dreieinhalb Tage, um festzustellen, ob Jordan sich von diesem Chad Stedley getrennt hatte oder nicht.

Mehr als genug Zeit, schätzte er. Sie konnten auch überprüfen, ob Jordan an dem Dinner teilnehmen würde.

In der Zwischenzeit würde er eine E-Mail schreiben und Frank Jones’ Einladung annehmen.

Jordan machte sich widerwillig für das Dinner fertig: dasselbe kleine Schwarze wie beim letzten Mal, dieselben Schuhe und denselben Schmuck.

Zum Glück musste sie zumindest nicht ihr Haar stylen. Sie war am Morgen beim Friseur gewesen, der es gewaschen und so in Form geföhnt hatte, dass ihre Naturwellen ein wenig glatter fielen. Für das Make-up brauchte sie keine zehn Minuten: ein wenig Grundierung, ein Hauch Rouge, Lipgloss und zwei Lagen Mascara.

Das reichte völlig. Jordan war selten stärker geschminkt.

Um halb sieben war sie fertig. Da ihr Taxi jedoch erst für sieben Uhr bestellt war, blieb ihr noch eine halbe Stunde Wartezeit, die sie irgendwie ausfüllen musste. Sollte sie fernsehen? Oder ein Glas Wein trinken und sich entspannen?

Letzteres. Ganz eindeutig.

In ihrem Kühlschrank befand sich noch eine halb volle Flasche Riesling – ein fruchtiger, leicht süßlicher Wein, den Chad verabscheut hätte, der Jordan aber sehr gut schmeckte. Sie schenkte sich ein Glas ein und trat damit auf den Balkon hinaus.

Mit einem Seufzer lehnte sie sich ans Geländer und nippte an dem Wein. Ihre Gedanken waren bereits bei dem Abend, der vor ihr lag.

Sie hatte keine Lust, zu dem Dinner für neue Mandanten zu gehen.

Leider fiel ihr keine zwingende Entschuldigung ein, um fernzubleiben. Auch Chad hatte bei ihrem Telefonat am Morgen darauf bestanden, dass sie hinging.

„Du hast doch diesen Monat einen neuen Mandanten hinzugewonnen, oder?“

„Ja“, gab sie zu. Einen wütenden jungen Mann, der seinen Arbeitgeber wegen Diskriminierung verklagen wollte, da der ihn entlassen hatte, als er von der Homosexualität seines Angestellten erfuhr.

„Dann musst du auch hingehen, Darling. So sind die Regeln. Sieh bloß zu, dass du den Verlobungsring trägst. Ich möchte, dass alle wissen, dass du bereits vergeben bist.“

Als Jordan das Gespräch beendete, war wieder diese leichte Verunsicherung da: Sollte sie Chad wirklich heiraten?

Während seiner letzten Anrufe war er ziemlich bevormundend geworden. Er schien tatsächlich zu glauben, dass sie aufhören würde zu arbeiten, sobald sie verheiratet waren und in den USA lebten.

Als wenn das jemals passieren würde!

Außerdem ärgerte es sie, dass er ihr kaum zu ihrem Erfolg im Johnson-Fall gratuliert hatte. Dass sie eine beachtliche Entschädigungssumme herausgeholt hatte, schien ihn kein bisschen zu interessieren!

Dagegen erwartete er von ihr, dass sie in wahre Begeisterungsstürme ausbrach, wenn er ihr von all den wundervollen Willkommenspartys erzählte, die seine Freunde ihm zu Ehren veranstalteten. Bislang war er jeden Abend ausgegangen.

Sie konnte sich dabei des Eindrucks nicht erwehren, dass die weiblichen Gäste dieser Partys nicht wussten, dass er auch vergeben war. Chad stand dazu viel zu gern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Jordan war ja durchaus nicht eifersüchtig, aber sie hasste jede Form von Doppelmoral.

Bei diesem letzten Gedanken meldete sich ihr schlechtes Gewissen mit aller Macht. Schließlich war sie in den vergangenen Tagen auch nicht gerade Miss Unschuld in Person gewesen.

Seit sie Ginos Hotelzimmer besucht hatte, war etwas mehr als eine Woche vergangen, doch die Erinnerung an ihr zügelloses Verhalten verfolgte sie noch immer.

Reines Wachs war sie in seinen Händen gewesen. Innerhalb von null Komma nichts hatte sie sich wieder in das naive, dumme Ding verwandelt, das sie vor zehn Jahren gewesen war.

Gott sei Dank hatte sie das Flugticket gefunden, sonst hätte sie sich noch viel mehr zum Narren gemacht.

Dennoch war es schwer, die Leidenschaft zu vergessen, die Gino in ihr entfacht hatte. Wie sollte man so mir nichts, dir nichts nach einem solchen Erlebnis zum Alltag zurückkehren?

Das war schon immer das Problem gewesen, wenn es um Gino ging.

Ihn zu vergessen …

Sieh den Tatsachen ins Auge, Jordan. Du wirst diesen Mann nie vergessen. Du kannst Chad heiraten und in die USA ziehen, du kannst Tausende von Meilen zwischen euch legen – er wird dir trotzdem immer im Kopf herumspuken.

Jordan seufzte und leerte ihr Weinglas auf einen Zug. Dann wandte sie sich ab, ging nach drinnen und griff nach ihrer Handtasche und den Schlüsseln.

Im letzten Augenblick erinnerte sie sich an Chads Bitte: dass sie den Verlobungsring tragen sollte, den er ihr dagelassen hatte und den sie bislang noch nicht an den Finger gesteckt hatte – obwohl sie seinen Antrag mittlerweile angenommen hatte.

War dieses Versäumnis nicht bezeichnend?

Sie selbst hätte den Ring nicht ausgewählt, dachte Jordan, als sie ins Schlafzimmer eilte und ihn aus der Schublade nahm. Er war zu protzig: ein riesiger Rubin, eingefasst von funkelnden Diamanten. Noch dazu in Gelbgold.

Jordan gefiel Weißgold besser. Oder Silber.

Und sie mochte schlichten Schmuck.

Natürlich hatte Chad den Ring nicht extra für sie ausgesucht. Es war ein Erbstück, das seiner Großmutter gehört hatte. Sie hatte ihren Enkel gebeten, ihn irgendwann seiner Braut zu schenken.

Diese Geste fand Jordan rührend. Doch während sie den Ring überstreifte, fragte sie sich, ob sie sich wirklich so gut verstehen würde mit Chads sehr traditionsbewusster Familie – ganz zu schweigen von all seinen „wundervollen“ Freunden. Es klang alles ein wenig überwältigend.

Wie würde wohl ihr Leben in den Staaten aussehen? Sie war nie gereist, nur ein einziges Mal nach Europa, und damals hatte sie die meiste Zeit in Italien verbracht.

In ihrer ganzen Naivität hatte sie damals gehofft, Gino zu finden. Natürlich war nichts dergleichen geschehen. Wie auch, wenn sie ihn doch unter falschem Namen suchte?

Jordan biss die Zähne zusammen. Schon wieder Gino.

Dass sie erneut an ihn dachte, bestärkte sie in ihrem Entschluss, Chad zu heiraten.

Okay, Chad war nicht perfekt. Eine Spur zu arrogant. Und viel zu verwöhnt von seinen superreichen Eltern.

Er arbeitete auch bei Weitem nicht so hart wie sie selbst.

Aber immerhin war er kein hinterhältiger, betrügerischer, lügnerischer Mistkerl!

Und er wollte sie heiraten.

Wohingegen Gino …

„Genug von Gino“, murmelte sie laut, während sie die Tür ihres Apartments abschloss. „Ich heirate Chad, und damit basta!“

5. KAPITEL

Normalerweise freute sich Kerry auf das monatliche Dinner für neue Mandanten. Doch an diesem Abend wäre sie viel lieber mit Ben ausgegangen.

Am vergangenen Freitagabend hatte sie ihn per Zufall wiedergetroffen und dabei festgestellt, dass er noch Single war. Eine durchaus angenehme Überraschung! Die Trennung von ihm hatte sie damals wirklich bedauert. Es war nicht so, dass sie sich gestritten hätten oder dergleichen. Ben wollte einfach nur um die Welt reisen.

Jetzt war er zurück, und offensichtlich hegte er die Absicht, dort weiterzumachen, wo sie bei seiner Abreise aufgehört hatten. Das ganze Wochenende hatten sie zusammen verbracht, und auch ein paar Abende während der Woche. Heute hatte Ben sie zu einem Konzert ausführen wollen.

Doch als Franks persönliche Assistentin wurde von Kerry nicht nur erwartet, dass sie während des Dinners anwesend war, sondern dass sie die ganze Veranstaltung organisierte. Es blieb immer ihr überlassen, die Tischordnung zu arrangieren, das Catering zu beauftragen, Wein und Speisen auszuwählen und dafür zu sorgen, dass alles reibungslos ablief.

Diesen Monat probierte sie ein neues Catering aus, das zwar sehr teuer war, aber über einen hervorragenden Ruf verfügte. Zudem sorgte es für die gesamte Tischdekoration. Der Chefkoch hatte zuvor in Fünf-Sterne-Häusern gearbeitet, und auch das Servicepersonal zeichnete sich durch Kompetenz und Erfahrung aus.

Kerry dachte dennoch, dass es viel einfacher wäre, in ein Restaurant zu gehen. Doch Stedley & Parkinson bevorzugten die intime Atmosphäre ihres Konferenzraumes.

Bei so viel Intimität war jedoch zuweilen Fingerspitzengefühl gefragt. Kerry musste darauf achten, dass konkurrierende Anwälte nicht nebeneinandersaßen. Außerdem gab es immer einen Überschuss an Männern unter den neuen Mandanten. Deshalb war sie mehr als froh, dass Jordan kommen würde. Sie hatte sie zwischen Mr. Bortelli – der ohne Begleitung erschien – und Mr. McKee, Jordans neuen Mandanten, platziert, der sich ebenfalls allein angekündigt hatte.

Zusammen würden sie mit achtzehn Personen bei Tisch sitzen: sechs Anwälte, deren sechs wichtigste Mandanten – vier davon in Begleitung –, Frank und Kerry selbst.

Natürlich wurde nicht jeder neue Mandant, den die Kanzlei aufnahm, eingeladen. Nur diejenigen, die über wirklich viel Geld verfügten oder deren Fälle für Publicity sorgten. Jordans neue Mandanten bekamen immer eine Einladung, weil sie Fälle annahm, die für viel Aufmerksamkeit in der Presse sorgten.

Während Kerry noch einmal die Sitzordnung überprüfte, fragte sie sich, ob Jordan diesmal wohl etwas anderes tragen würde. Im vergangenen Monat hatte sie dasselbe Outfit angehabt wie bereits den Monat zuvor – ein klassisches, aber langweiliges schwarzes Kleid, mit langen Ärmeln und geradem, nicht zu engem Rock, der viel zu viel ihrer wirklich tollen Beine bedeckte. Die doppelreihige Perlenkette, die sie dazu trug, war genauso langweilig und bieder. Nur die Schuhe waren nicht schlecht: schwarz, hoch und sexy.

Dennoch – als Braut von Chad Stedley würde sie ihre Garderobe definitiv aufwerten müssen. Männer wie er erwarteten, ihre Frauen in Designerkleidung zu sehen. Sie würde Jordan zu einer ausgiebigen Shoppingtour überreden müssen, und zwar noch bevor Chad aus den Staaten zurückkam!

„Hey, das sieht ja fantastisch aus.“

Kerry blickte mit einem Lächeln auf. „Ich habe gerade an dich gedacht, Jordan“, antwortete sie und fuhr fort. „Dein Haar sieht toll aus.“

Dumm nur, dass sie wieder das schwarze Kleid trug.

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