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Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 286

Susan Stephens, Penny Jordan, Melanie Milburne, Lucy Monroe

Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 286

SUSAN STEPHENS

Wie zwei Inseln im Sturm

Endlich – Lefkis gehört ihm! Der Millionär Alexander Kosta hat geheime Pläne mit der griechischen Insel. Doch kaum will er sie umsetzen, hat er eine ebenso erboste wie begehrenswerte Widersacherin …

PENNY JORDAN

Liebe – ein gefährliches Spiel

Tausendmal hat Harriet sehnsüchtig von Matt geträumt, aber bis jetzt war ihr attraktiver Boss unerreichbar. Jetzt überrascht er sie mit einer Dinnereinladung – und einem funkelnden Diamantring …

MELANIE MILBURNE

Herz aus Feuer, Herz aus Eis

Die Rolle ihres Lebens? Die junge Schauspielerin Mia soll die Ehefrau des bekannten Kritikers Bryn Dwyer spielen. Von Liebe ist dabei nicht die Rede! Bis ihre Flitterwochen beginnen …

LUCY MONROE

Tausend Sterne über Spanien

Hell leuchten die Sterne, als das Model Amber zum ersten Mal in den Armen des spanischen Millionärs Miguel Menendez liegt. Eine sinnliche Romanze beginnt – die ein Telefonanruf abrupt beendet …

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Susan Stephens

Wie zwei Inseln im Sturm

1. KAPITEL

Der einzige Ort, an dem er wirklich entspannen konnte, war hier auf der Insel Lefkis, doch heute lagen die Dinge anders …

Alexander Kosta, Retter der Insel? Der Bürgermeister, der gerade zu der Menschenmenge sprach, nannte ihn jedenfalls so. Besser das als die Wahrheit, dachte Alexander. Ein skrupelloser Tycoon, der keine Gelegenheit ungenutzt ließ, unter den Nagel gerissen hatte, klang bei Weitem nicht so gut.

Sein Blick wanderte über das helle Pavillon-Zelt und den Hafen hin zu dem tiefblauen Meer dahinter. Die Insel Lefkis war wunderschön und noch gänzlich unberührt. Als sie zum Verkauf angeboten wurde, hatte er nicht eine Sekunde gezögert.

Nichts entging seinem Adlerauge, und an diesem Tag schien es sich eine junge Frau in den Kopf gesetzt zu haben, ihn zu stören. Sie stand an Deck eines alten Fischerbootes und starrte ihn wütend an – der einzige Makel in einem ansonsten absolut perfekten Panorama. Er hatte die Anweisung gegeben, dass alle Schiffe mit flachem Kiel den Hafen zu verlassen hatten, um Platz für die Super-Yachten zu machen, doch sie war immer noch da.

Ellie Foster, oder Ellie Mendoras, wie sie sich nannte, um ihren toten griechischen Vater zu ehren, war von den Inselbewohnern auserkoren worden, ihre Bedenken gegen Alexanders Zukunftsvisionen für Lefkis zu äußern. Doch sie wusste nicht, aus welchem Grund er die Insel in Wahrheit gekauft hatte, und sie ahnte ganz eindeutig nicht, mit wem sie es hier zu tun hatte.

In einer Situation wie dieser bediente er sich seiner bevorzugten Waffe: seines Charmes. Er war sich sicher, dass seine Gegner schon bald zu einem Einsehen kommen würden. Der Wohlstand, den er der Insel bringen konnte, war viel zu verführerisch.

Erneut ließ er seinen Blick zu der jungen Frau wandern. Allein ihre Anwesenheit stellte eine Beleidigung dar. Sie war schäbig gekleidet in eine Art Arbeitsoverall, womit sie keinen größeren Kontrast zu all den glamourösen Frauen hätte bilden können, die ihn zahlreich umschwärmten. Noch dazu wirkte ihr Gesichtsaudruck mit jeder Minute grimmiger.

Alle anderen lächelten ihn an … Wenn er es sich recht überlegte, so gab es niemanden, der es jemals wagte, ihn nicht anzulächeln. Wozu auch? Sein ungeheurer Reichtum tat überall seine Wirkung. Alexander Kosta verkörperte die Erfolgsgeschichte, an der jeder teilhaben wollte. In einer Baracke geboren, hatte er schon in sehr jungen Jahren gelernt, dass die einzige Sicherheit im Leben das Essen war, das er auf den Tisch brachte, und die einzige Liebe, auf die er sich verlassen konnte, die käufliche war.

Heutzutage konnte er sich alles kaufen, was sein Herz begehrte, inklusive einer Insel. Er hatte Lefkis zu seinen Besitztümern hinzugefügt so wie andere Leute eine reizvolle Vase erwarben – und er hatte die Insel einem Mann weggenommen, der sowohl sein größter Feind als auch der größte Antrieb für seinen Ehrgeiz war. Es stellte schon ein kleines Wunder dar, dass Lefkis unter dem unbarmherzigen Regime seines Vorgängers Demetrios Lindos überlebt hatte.

Die Frau sollte mir dankbar sein, dachte Alexander, der erneut zu Ellie hinüberschaute. Die Motorbootrennen waren nur der Anfang. Er hatte noch ganz andere Pläne für Lefkis im Sinn. Es würde Hotels geben, luxuriöse Restaurants, Einkaufszentren … Jeder würde davon profitieren, inklusive des kleinen Störenfrieds auf dem alten Fischerkahn.

Als Alexander hörte, wie ein paar Einheimische protestierend vor sich hin murmelten, biss er die Zähne zusammen. Wenn diese Leute nicht einsahen, was er für sie tun wollte – wenn sie, Ellie Mendoras, sie daran hinderte zu erkennen, wie positiv die Veränderungen waren, die er beabsichtigte …

Sie stand kurz davor, von Bord zu gehen. Obwohl die Entfernung viel zu groß war, um ihre Gesichtszüge erkennen zu können, sprach ihr trotzig vorgeschobenes Kinn Bände. Hatte sie tatsächlich vor, sich ihm zu widersetzen? Die Frau hatte Nerven! Normalerweise wurde er an seinem Reichtum und Einfluss gemessen, und jeder horchte auf, wenn er etwas zu sagen hatte. Ellie Mendoras sollte ihm auf den Knien dafür danken, dass er rechtzeitig gekommen war, um ihre bedeutungslose kleine Insel zu retten.

Alexander beobachtete, wie Ellie mit entschlossenem Schritt den Kai hinunter auf ihn zumarschierte. Ihre selbstverständliche Annahme, sich auf der Seite der Guten zu befinden, während sie ihn zu den Schurken zählte, ging ihm richtig unter die Haut. Schließlich war sie ein Nichts, ein kleiner Niemand!

Die Menge erwärmte sich für ihn und seine Ideen, das konnte er deutlich spüren. Strahlendes Sonnenlicht verlieh der Szenerie vor ihm einen goldenen Schimmer. Der Wind hatte sich gelegt, sodass das Meer ruhig und träge wirkte. Diese friedliche, wunderschöne Szenerie gehörte jetzt ihm. Ellie Mendoras hatte einen großen Fehler gemacht. Wenn sie Ärger suchte, konnte sie ihn haben.

Geld zu verdienen war das größte Talent von Alexander Kosta. Sein einziges Talent, redete sich Ellie verächtlich ein, während sie den Kai entlangmarschierte. Trotz all dessen, was er erreicht hatte, war er immer noch nicht zufrieden. Er hungerte nach immer mehr Eroberungen, nach immer größeren Herausforderungen, nach noch spektakuläreren Erwerbungen.

Nun, seine gierigen Hände würde er jedenfalls von Lefkis lassen, denn sie hatte sich geschworen, mit allen Mitteln zu verhindern, dass sein Imperium die wunderschöne Insel ausbluten ließ.

Doch noch während Ellie davon träumte, den griechischen Tycoon in die Knie zu zwingen, rebellierte ihr Herz und sandte eine heftige Warnung aus. Sie war nicht tapfer. Sie war nicht mutig. Noch nie hatte sie für irgendetwas ihren Kopf riskiert. Sie lebte ruhig und zurückgezogen auf der Insel, die sie liebte, umgeben von sanften Menschen, die ihr geholfen hatten, wieder zu sich zu finden, nachdem eine furchtbare Erfahrung in England sie beinahe zerstört hätte.

Doch genau das ist auch der Grund, warum ich diesen Menschen jetzt helfen muss, erinnerte sich Ellie und beschleunigte ihren Schritt. Es mochte ja sein, dass die Inselbewohner sie mit ihrem Vater Iannis Mendoras, einem wahren Helden, verwechselten, dennoch würde sie sie nicht im Stich lassen. Es war zwar unmöglich, den Spuren eines Übermenschen zu folgen, aber sie würde alles daransetzen, dem Namen ihres Vaters keine Schande zu bereiten.

Alexander Kosta hatte eine ganz schöne Menschenmenge angezogen. Der Marktplatz war bis zum Bersten gefüllt – sowohl mit Einheimischen als auch mit Gästen. Jetzt konnte sie ihn klar erkennen.

Und er raubte ihr den Atem, das musste Ellie widerwillig eingestehen. Ihr Herz pochte geradezu lächerlich schnell – und es war nicht nur Alexanders blendendes Aussehen, was eine solche Wirkung auf sie ausübte, sondern auch die Macht, die er ausstrahlte. Rasch sagte sie sich, dass darauf niemand gefasst sein konnte.

Nach ihrer Erfahrung in England scheute Ellie vor allen Männern zurück, aber Alexander Kosta wirkte ganz besonders maskulin. In diesem Moment schoben die Inselbewohner sie nach vorne, drängten sie, das Wort zu ergreifen. Sie vertrauten ihr, und sie konnte sie jetzt nicht im Stich lassen …

Alexanders Gesicht verhärtete sich, als er seine Rede beendete und sich daraufhin sofort zahlreiche Frauen um ihn scharten. Wenn diese flatterhaften, oberflächlichen Geschöpfe nur wüssten, wie sehr er sie verachtete. Während die Menge in Applaus ausbrach, schüttelte er die Frauen ab. Er wollte ihre Küsse nicht. Nein, er war viel mehr daran interessiert, auf die Spitze der Klippe zu schauen, wo Demetrios Lindos’ großes altes Haus Stein für Stein zerstört wurde.

Er würde ein neues Haus bauen, dort, wo seine junge Frau ihren Körper an einen alten Mann verkauft hatte, doch zuerst musste das alte niedergerissen werden, und er wollte in dessen Asche stehen.

Allerdings erhob sich neuer Protest, jetzt, wo Ellie Mendoras sich zu der Menge gesellte. Er verstand die Gründe dafür, auch wenn sie das in seinen Augen nicht entschuldigte. Demetrios Lindos war ein umbarmherziger Tyrann gewesen, der die Insel klein und arm gehalten hatte. Einige der Einheimischen befürchteten nun, dass er, Alexander, noch schlimmer sein könnte. Es war die Angst, die aus den Menschen sprach. Doch das würde seine Entschlossenheit nicht schmälern. Die Verbesserungen, die er der Insel bringen wollte, würde er durchziehen.

Alexander blickte auf das alte Fischerboot. Es erzürnte ihn mehr als der Unmut der Menge. Sie hatte das Boot von ihrem griechischen Vater geerbt, und laut seinen Quellen hatte sie es in Eigenarbeit renoviert, um Touristenexkursionen mit meeresbiologischer Thematik anzubieten. Dieselben Touren konnte sie ohne Weiteres von dem neuen Liegeplatz aus veranstalten, den er ihr gegeben hatte. Er würde nicht zulassen, dass sie einen der wertvollen Ankerplätze im Tiefseehafen beanspruchte, wenn die bereits alle an exklusive Yachten vergeben waren.

Nein, er würde ihren Widerstand im Keim ersticken, ehe er sich wie eine ansteckende Krankheit rasant ausbreitete, beschloss Alexander, während er Ellie beobachtete. Sie hatte den hinteren Teil der Menge erreicht und blitze ihn mit wutfunkelnden Augen an. Ellie Mendoras, Umweltaktivistin, gegen Alexander Kosta? Um seine Lippen zuckte es amüsiert. Er hatte einen guten Kampf schon immer genossen.

Als sie sich langsam näherte, spürte er, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Er hatte den heutigen Tag zum Feiertag erklärt, und die meisten Menschen hatten sich die Mühe gemacht, sich herauszuputzen. Ellie Mendoras trug noch immer ihre Arbeitskleidung, und abgesehen von den kastanienroten Locken, die ihr beinahe bis auf die Taille fielen, hätte man sie für einen Jungen halten können. Das Einzige, was sie davor bewahrte, völlig geschlechtslos zu wirken, war das faszinierende Feuer in ihren Augen, und dieses Feuer richtete sich allein auf ihn.

Er beobachtete, wie sie sich verzweifelt darum bemühte, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Ganz vorne stand eine Gruppe seiner stärksten Anhänger. Ellies Gesicht war zu einer starren Maske der Missbilligung geworden. Ihre Armee hatte sie verlassen. Die meisten Menschen waren von seinen Visionen für die Zukunft der Insel angetan. Warum wollte es einfach nicht in ihren Kopf hineingehen, dass sein Weg die einzige Möglichkeit war, der Insel Wohlstand zu bringen?

Alexander streckte sich und befahl sich dann, Ellie Mendoras zu vergessen. Ein Mann, der soviel riskierte wie er, sollte sich mit einem so unbedeutenden Problem wie dieser jungen Frau gar nicht befassen.

Er warf einen letzten Blick auf die kleine, entschlossene Gestalt, die sich erfolglos bemühte, über die Köpfe der vor ihr Stehenden etwas zu erhaschen, dann schloss er sie vollkommen aus seinen Gedanken und seiner Wahrnehmung aus.

Die Frustration hatte sich wie ein eisernes Band um ihre Brust gelegt. Vor ihr standen so viele Besucher, und wenn man nach ihren teuren Kleidern urteilen sollte, dann hatten sie alle nichts dabei zu verlieren, Alexander Kosta Honig um den Bart zu schmieren. Wenn sie nicht bald etwas unternahm, dann drohten die Belange der Inselbewohner unterzugehen. Irgendwie musste es ihr gelingen, auf die Bühne zu kommen und Kosta das Mikrofon abzunehmen. Sie musste dafür sorgen, dass die Stimme der Inselbewohner gehört wurde.

Doch sie musste sich in Geduld üben. Sich langsam heranpirschen und dabei daran denken, was alles auf dem Spiel stand. Die glamouröse Menge, unter der sie sich nun befand, hatte kein Interesse an einheimischer Kultur. Ihr Ziel bestand einzig und allein darin, sich auf Kosten der Inselbewohner die Taschen zu füllen. Sie würden Lefkis aussaugen und sich dann dem nächsten Hot Spot zuwenden. Irgendwie musste sie, Ellie, es erreichen, dass sie zur Vernunft kamen. Sie musste es schaffen, dass der Mann, der hinter diesem monströsen Plan stand, zur Vernunft kam …

Ellie stoppte kurz, um tief Luft zu holen und Mut zu schöpfen. Sie hatte jetzt das Ende der Plattform erreicht. Alexander Kosta, ein Mann Mitte dreißig, beherrschte die Bühne. Sein Charisma konnte ein ganzes Publikum in Atem halten. Welche Chance hatte sie gegen ihn?

Da hörte sie das Flüstern und Wispern der Einheimischen, die sie nach vorne drängten. Das reichte. Die Inselbewohner brauchten sie. Sie fürchteten sich vor Alexander Kosta und flehten sie an, in ihrem Namen zu sprechen.

Auch sie hatte Angst, wie Ellie sich eingestand. Unter dem schnellen Lächeln und dem attraktiven Gesicht vermutete sie pures Eis in Alexander Kosta. Er war kein Mann, dessen Weg man ungestraft kreuzte.

Als er sie dabei erwischte, wie sie ihn anstarrte, zuckte sie zusammen. Die Tatsache, dass er sie überhaupt bemerkt hatte, hätte ihr eine Warnung sein sollen, und um alles noch schlimmer zu machen, raste ihr Puls geradezu. Sie war beinahe dankbar, als er sich uninteressiert von ihr abwandte, so als sei sie ein unbedeutendes kleines Nichts.

Doch dann merkte Ellie zu ihrer Überraschung, dass sie sich sehr wohl wünschte, dass Alexander Kosta sie wahrnahm! Da war eine erotische Anziehungskraft an ihm, die sie sowohl beängstigend als auch faszinierend fand. Sie musste jetzt agieren, da niemand sonst dazu in der Lage war. Sein Vorhaben, Motorbootrennen auf Lefkis zu veranstalten, musste unbedingt verhindert werden. Die breite Menge ließ sich von seinem beinahe mythischen Status blenden, doch ein Umdenken konnte schon von einer einzigen Stimme bewirkt werden, und heute würde sie dafür sorgen, dass diese Stimme gehört wurde.

„Geh weiter, Ellie …“

Das Murmeln der Inselbewohner drängte sie vorwärts, sodass sie beherzten Schrittes die Bühne betrat. Sofort bewegte sich Alexander Kosta auf sie zu. Die Reflexe seiner Sicherheitsleute konnten sich offensichtlich nicht mit seiner Reaktionsschnelligkeit messen.

Ellie erstarrte. Und dann brach Chaos aus. Frauen schrieen und kreischten hysterisch, während Kostas Bodyguards alle Hände voll mit ihnen zu tun hatten.

„Fassen Sie mich nicht an! Wagen Sie es ja nicht!“, rief Ellie und wich ein Stückchen zurück. Der Ausdruck in Alexanders Augen machte ihr Angst. Seine überwältigende Männlichkeit versetzte sie in Panik.

„Jetzt sind Sie also nicht mehr so mutig, ja?“, bemerkte er mit einiger Befriedigung.

„Wozu sind Ihre Bodyguards eigentlich gut?“, entgegnete sie verächtlich und bemühte sich sehr, nicht weiter zurückzuweichen.

„Was wollen Sie?“, fragte er harsch.

„Nur die faire Chance, mein Anliegen zu Gehör zu bringen …“

„Und das ertricksen Sie sich auf diese Weise?“

„Wie soll ich es sonst schaffen, dass Sie mir zuhören?“ Ellie war bewusst, dass sie lauter wurde. „Werden Sie mich ausreden lassen?“

„Jetzt?“

Sie gab keinen Zoll nach. „Ich könnte mir keine bessere Gelegenheit vorstellen.“

„Was glauben Sie, hiermit zu erreichen?“ Er warf einen wütenden Blick über seine Schulter und schaute dann wieder zurück zu ihr.

„Ich spreche für die Menschen von Lefkis …“

„Ihre Menschen?“

Der Spott in seiner Stimme war zuviel. Ellie explodierte. „Ihnen sind sie ja egal“, rief sie leidenschaftlich aus, dabei hatte sie sich eigentlich geschworen, ruhig und souverän zu bleiben. „Sie sind genauso wie alle anderen Tyrannen, die Lefkis mit ihren schneeweißen Superyachten besuchen …“

„Für jemanden, der noch nicht mal auf der Insel geboren wurde, haben Sie aber ganz schön viel zu sagen“, bemerkte Alexander Kosta kühl.

„Mein Vater wurde hier geboren. Er war …“

„Ein Fischer? Ja, ich weiß. Und Ihre Mutter war eine Engländerin, die ihn verlassen hat. Sie selbst haben erst dann einen Fuß auf die Insel gesetzt, als sie gestorben war.“

Die herablassende Art, wie er über die Eltern sprach, die sie geliebt hatte, schürte Ellies Zorn noch mehr. „Als ich hierherkam, habe ich mich in die Insel und ihre Bewohner verliebt.“ Ein Teil ihres Verstandes weigerte sich einfach zu akzeptieren, dass sie auch so weit wie möglich davongelaufen war, und zwar vor einem alten Freund ihrer Mutter, der sie in dem Moment attackiert hatte, als ihre Schutzmauer eingestürzt war.

Er musste diese Frau hofieren. Er konnte sie nicht einfach zur Seite schieben, auch wenn er sich noch so sehr wünschte, genau das zu tun. Die Einheimischen vertrauten ihr, liebten sie sogar. Sie war der Schlüssel zur Insel, wenn er sie erst einmal geknackt hatte, dann stand seinen Visionen für Lefkis nichts mehr im Wege.

„Sie gehören nicht hierher!“, explodierte Alexander stattdessen. Es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, so die Kontrolle zu verlieren – schon gar nicht, nachdem er die Sache rational durchdacht hatte. „Sie sind nicht mal Griechin!“

„Mein Herz gehört hierher!“, schrie sie zurück.

Sie schrie ihn an? War Alexander Kosta etwa im Begriff, seine berühmte Selbstbeherrschung zu verlieren? Es war an der Zeit, dass er die Dinge wieder in den Griff bekam. „Lefkis gehört jetzt mir“, erinnerte er sie und machte eine abschließende Handbewegung.

„Ich habe keine Angst vor Ihnen!“

Wusste sie einfach nicht, wann sie besser den Mund hielt? „Ach, nein?“, sagte er drohend. „Das lässt sich ändern.“

Ein Schauer lief Ellie über den Rücken, als sie zu Alexander aufblickte. Sein Ziel war klar, und er war mehr als entschlossen, es durchzuziehen.

Doch sie war es nicht minder. „Wir haben das Regime von Demetrios Lindos überlebt, und wir werden Sie besiegen …“

„Mutige Worte, Ellie Mendoras, aber wo ist Ihre Armee jetzt?“ Er blickte sich um. Das Publikum wartete geduldig auf seine Rückkehr. „Mir scheint es ganz so, als hegten Ihre Leute doch nicht den Wunsch, zusammen mit Ihnen und Demetrios Lindos in der Vergangenheit zu leben.“

Ellie wurde rot. Was die Vergangenheit anbelangte, hatte Kosta recht – ein Teil von ihr würde immer darin gefangen sein.

„Warum bleiben Sie auf der Insel?“, fragte er. „Was bedeutet sie Ihnen?“

Meine Zuflucht, dachte Ellie sofort, doch das würde sie ihm nie im Leben verraten. Stattdessen hielt sie sich an die Fakten. „Lefkis war das Zuhause meines Vaters, und jetzt ist es das meine …“

„Gut, wenn Sie hier bleiben wollen, dann lernen Sie besser zu akzeptieren, dass es Veränderungen geben wird – so wie jeder andere auch.“

Das war eine Drohung, erkannte Ellie, doch jetzt hatte sie sich bereits zu weit vorgewagt, um noch einen Rückzieher zu machen. „Veränderungen, die von Ihnen angeordnet wurden?“

„Ganz genau, Miss Mendoras.“

Natürlich. Der Mann, der die Insel gekauft hatte, konnte alles tun, was er wollte. Und ich hatte mich hier einmal sicher gefühlt, dachte sie sehnsuchtsvoll. Doch jetzt gab es so viele Fremde auf der Insel – Menschen, die sie nicht kannte, Männer, die sie nicht kannte …

„Ich habe überhaupt keine Zeit hierfür“, erklärte Alexander Kosta barsch.

Sie zuckte zusammen.

„Ich habe nicht die Absicht, Sie anzufassen, Miss Mendoras.“

Alexander fragte sich, warum sie sich derart vor ihm fürchtete. In diesem Moment bemerkte er die Narbe. Rund und hässlich, mitten auf ihrer Wange. Es sah ganz so aus, als hätte jemand versucht, sie zu brandmarken. Als sie seinen Blick registrierte, schob sie ihre Haare vor und benutzte ihre Finger wie einen Kamm, um die Narbe zu überdecken.

Rasch rief er sich zur Ordnung. Er hatte nicht vor, diese Angelegenheit persönlich werden zu lassen. „Kümmern Sie sich um die Ladys“, befahl er einem Bodyguard, der sich ihm näherte. Er warf einen verächtlichen Blick auf die hysterischen Frauen. Einige von ihnen scharten sich immer noch um die Bühne.

Ellie musste sich davon abhalten, die Narbe auf ihrer Wange zu berühren. Sie zweifelte nicht eine Sekunde, dass Kosta sie gesehen und seine Spekulationen darüber angestellt hatte, woher sie stammte. Sie fühlte sich unglaublich verletzlich. Sie wollte nicht, dass er irgendetwas über sie wusste. Sie musste stark sein und durfte sich nicht ablenken lassen.

Aber diese Narbe war ein Zeichen der Vergangenheit … Das Schlimmste daran war, dass sie dem Mann, der sie angegriffen hatte, vertraut, ja, ihn sogar bewundert hatte. Er war ein alter Freund ihrer Mutter gewesen und einer der ersten, der ihr nach deren Tod mit Freundlichkeit begegnet war.

Damals war ihr jedoch nicht klar gewesen, an was diese Freundschaft gekoppelt war. Er war der Grund, weshalb sie nach Lefkis geflohen war, und obwohl er sich völlig von Alexander Kosta unterschied, hatte er ihr eine Furcht vor Männern eingeimpft, die sie nie mehr verlassen hatte.

„Also, Miss Mendoras …“

Ellie schaute zu Alexander auf.

„Was soll ich jetzt mit Ihnen tun?“

Auf der Bühne war es ganz ruhig geworden. Die Plattform hatten sie ohnehin für sich allein. Zu Ellies Überraschung griff Kosta in die Innentasche seines Jacketts und zog eine Visitenkarte heraus. „Sie werden noch feststellen, dass es bessere Wege gibt, Ihren Standpunkt zu vertreten.“ Seine Stimme klang leicht spöttisch. „Sie könnten zum Beispiel einen Termin bei meiner Sekretärin ausmachen …“

Sie hatte ihn ganz eindeutig unterschätzt. In ihrer Fantasie hatte sie sich ausgemalt, wie sie eine leidenschaftliche Rede vor den versammelten Inselbewohnern halten würde. Doch wo waren die plötzlich? Hatte Kosta sie bereits mit dem Versprechen auf einen Kinderspielplatz und auf die endlose Versorgung mit gutem Essen und hervorragendem Wein auf seine Seite gezogen?

Als ein Mitglied seines Sicherheitsteams auf sie zukam, nahm Ellie an, dass dies der Moment war, in dem sie kurzerhand von der Bühne geschleift wurde.

Der Mann schaute sie an, während er seinem Chef etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin Kosta lächelte und den Kopf schüttelte. Dann fügte er eine Bemerkung auf Griechisch hinzu, die sie nicht verstand. „Das ist nicht witzig, Mr. Kosta …“ begann sie.

„Sehen Sie mich lachen, Miss Mendoras?“, fauchte er eisig. „Vielleicht darf ich Sie daran erinnern, dass ich eine Rede zu beenden habe, wenn wir hier fertig sind?“

Die Menge wartete schon eine ganze Weile darauf, dass er ans Mikrofon zurückkehrte, dennoch verhielten sich die Leute ruhig und geduldig. Sie waren fest davon überzeugt, dass er alles im Griff hatte, erkannte Ellie.

„Soll ich meiner Sekretärin sagen, dass Sie sie anrufen werden?“, fragte Kosta.

„Sie würden mich empfangen?“

„Ja, das würde ich. So einfach ist das, Miss Mendoras.“

Sein heiserer Ton behagte ihr ganz und gar nicht. Mühsam versuchte sie, ihn zu ignorieren.

„Diese ganze Theatralik ist wirklich nicht notwendig.“

Ellie schloss kurz die Augen. Sie war geschlagen. Andererseits – war es nicht genau das, was sie sich gewünscht hatte? Kostas Angebot, sich mit ihr zu treffen? Der schwache Duft seines Aftershaves wehte zu ihr herüber und erinnerte sie daran, wie nah sie beieinander standen.

„Gehen Sie auf mein Angebot ein“, erklärte er kalt, „oder lassen Sie es bleiben. Mir ist das völlig egal. Sind wir dann fertig, Miss Mendoras?“

Ellies Zorn erwachte erneut, als sie sich an den Räumungsbefehl erinnerte, den sie an diesem Morgen erhalten hatte. Alle anderen Fischer hatten den Tiefseehafen bereits verlassen, doch sie war geblieben, weil man sie gebeten hatte, im Namen der Inselbewohner zu protestieren. Jetzt erkannte sie, wie naiv sie gewesen war. „Ja, wir sind fertig. Ich habe genug Zeit an einen Mann verschwendet, dem die Insel und ihre Bewohner völlig gleichgültig sind …“

„Sie maßen sich eine Menge Vermutungen über mich an. Wenn Sie diesen Unsinn nicht allmählich lassen, dann könnte ich zu der Einsicht gelangen, dass wir uns besser früher als später unterhalten.“

Ellies Hals zog sich vor Panik zusammen, als sie sah, wie Alexander einen seiner Männer zu sich heranwinkte. Sie zitterte bei dem Gedanken, dass ein Mann, den sie nicht kannte, sie berührte.

„Begleiten Sie diese junge Dame zur Olympus. Ich werde mich später mit ihr befassen, wenn ich hier fertig bin. Miss Mendoras ist mein Gast“, fügte er noch hinzu.

Sofort veränderte sich das Verhalten des Mannes. Die Botschaft seines Chefs, sie mit Respekt zu behandeln, war angekommen.

„Ich gehe nirgendwohin“, versetzte Ellie trotzig.

Ihr Blick war auf seine Yacht gerichtet, und er konnte die Angst in ihren Augen sehen. Gut. Frauen wie Ellie Mendoras verdienten eine Lektion. Eine Yacht von der Größe der Olympus war nicht einfach nur ein weiteres Schiff im Hafen, es war ein anderes Land, nur den Regeln von ihm, Alexander Kosta, unterworfen. Sie wusste ganz genau, war sie erst einmal an Bord, wäre sie von der äußeren Welt abgeschnitten.

„Ich bevorzuge neutralen Boden“, beharrte sie.

„Ich fürchte, dass Sie in diesem Fall keine Wahl haben.“ Er nickte seinem Mann zu.

Er spürte, wie ihn die Erregung ergriff. Eine gute Jagd hatte er schon immer genossen. Er würde sie in die Enge treiben und ihren Protest rasch beenden.

„Ich kann nicht … mit Ihnen allein sein“, sagte sie zögerlich.

Der Protest war schon vorbei? So schnell und leicht? Sicher nicht! „Ich bin mir sicher, dass ich Ihre Bedenken zerstreuen kann.“ Er nickte kurz und wies seinen Mann an, ein Auge auf sie zu haben.

Jubel empfing ihn, als er zur Mitte der Bühne zurückkehrte. Er musste warten, bis sich der Trubel gelegt hatte, erst dann konnte er sprechen. Kurz bat er um noch ein bisschen Geduld, dann beugte er sich über die Bühnenrampe und deutete auf eine Einheimische, von der er wusste, dass sie den Respekt der Bewohner genoss. Er bat sie, sich zu ihm zu gesellen.

Ellie konnte ihre Überraschung kaum verbergen, als er mit Kiria Theodopulos zu ihr zurückkehrte. Die alte Dame gehörte zu den ältesten Bewohnern der Insel und war hoch angesehen. „Was tun Sie da?“, fragte Ellie ihn misstrauisch.

„Da Sie das Gefühl haben, eine Anstandsdame zu benötigen, habe ich Kiria Theodopulos eingeladen, uns auf meine Yacht zu begleiten.“

Ellie zitterte innerlich. Alexander Kosta parierte jeden ihrer Schachzüge, aber sie würde diese Gelegenheit, die Belange der Inselbewohner vorzubringen, nicht ungenutzt lassen. „Also gut“, sagte sie. „Ich komme mit.“

2. KAPITEL

„Sie meinen es ja gut, Miss Mendoras, aber Sie liegen in Ihrer Einschätzung völlig falsch.“

„O nein, Sie sind ein arroganter Tyrann, der glaubt, er ganz allein weiß, was das Beste für alle anderen ist …“

Okay, es lief nicht gerade nach Plan. Die Stimmung zwischen ihnen verschlechterte sich rapide. Es war ganz so, als könnten sie sich nicht in einem Raum aufhalten, ohne dass die Fetzen flogen.

Ellie und Alexander befanden sich in seinem Arbeitszimmer an Bord der Olympus. Sie stand steif und zornbebend auf der einen Seite seines Schreibtisches, während er gemütlich und entspannt in einem Ledersessel auf der anderen Seite saß.

Er bildet sich doch tatsächlich ein, alle Weisheit für sich allein gepachtet zu haben, kochte Ellie innerlich. Er ist überhaupt nicht bereit, meinen Einwänden auch nur Gehör zu schenken.

„Warum setzen Sie sich nicht und entspannen sich, Miss Mendoras?“ Er deutete auf den bequem wirkenden Sessel, den einer seiner Angestellten für sie zurechtgerückt hatte.

„Ich bin hier, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen, nicht, um gemütlich herumzusitzen.“

„Wie Sie wollen.“ Er zuckte gleichgültig die Achseln.

Ellie war sich überdeutlich bewusst, dass Kiria Theodopulos, die ihnen schweigend gegenübersaß, jedes Wort registrierte. Die alte Dame war sowohl ihr Fels in der Brandung als auch ihr Mundknebel. Durch ihre Gegenwart fühlte sie sich beschützt, aber sie konnte nur die Hälfte der Dinge sagen, die sie gern geäußert hätte. Aus Respekt vor den traditionellen Werten der alten Dame musste sie ihre Zunge im Zaum halten. „Mr. Kosta …“

„Miss Mendoras? Oder darf ich Sie Ellie nennen?“

Als Kiria Theodopulos beinahe unmerklich nickte, wusste Ellie, dass sie keine andere Wahl hatte.

„Gut“, bemerkte Alexander glatt, „und in diesem Fall habe ich nichts dagegen, dass Sie mich ebenfalls beim Vornamen nennen.“

„Sie sind wirklich zu großzügig“, versetzte Ellie sarkastisch. Ihr fielen noch eine ganze Reihe anderer Namen ein, die sie ihm gern gegeben hätte, aber vorerst musste Alexander genügen.

„Geht es Ihnen eigentlich wirklich um das Wohl der Insel, oder gründet sich Ihr Protest nur auf eigenem Interesse?“, fragte er plötzlich.

„Wie bitte?“ Ellie traute ihren Ohren nicht.

„Ich finde es schon einen ganz schön merkwürdigen Zufall, dass Sie genau an dem Tag eine Kampagne gegen mich anzetteln, an dem Sie erfahren, dass Sie Ihren Anlegeplatz im Tiefseehafen verlieren …“

Kiria Theodopulos versteifte sich, ganz so, als wolle sie am liebsten intervenieren. „Natürlich ist mir mein Hafenplatz nicht egal“, erwiderte Ellie rasch, die der alten Dame weiteren Schmerz ersparen wollte. „Er gehörte meinem Vater und zuvor meinem Großvater.“ Ihre Augen verwandelten sich in grünes Feuer, während sie Alexanders Blick standhielt. Er sollte es bloß nicht wagen, ihr zu widersprechen!

„Nun, ich kann Ihre Bedenken wirklich nicht verstehen. Was ist denn gegen Ihren neuen Hafenplatz auf der anderen Seite der Insel einzuwenden?“

„Genau das meine ich!“, fauchte Ellie. „Er befindet sich auf der anderen Seite der Insel! Warum, Alexander? Kann der Anblick der Fischerboote Ihren neuen Besuchern nicht zugemutet werden? Wird jeder, der Ihren hohen Ansprüchen nicht genügt, dorthin verbannt, wo niemand ihn sieht? Und was machen Sie, wenn Ihre reichen Freunde sich über den Mangel an Lokalkolorit beschweren? Werden wir dann mit Bussen herangekarrt?“

Kiria Theodopulos nickte zustimmend.

„Ich werde über Ihre Einwände nachdenken, seien Sie versichert“, entgegnete Kosta.

Ja, klar, dachte Ellie wütend. Wie konnte sie von einem Mann wie Alexander Kosta erwarten, dass er die Einzigartigkeit von Lefkis verstand und dass seine Pläne sowohl die kulturelle Identität der Insel bedrohten als auch das biologische Gleichgewicht ihrer Küstenstreifen?

„Ist Ihnen völlig egal, dass die Fischer von Lefkis den Hafen bereits seit Jahrhunderten als ihr Zuhause betrachten?“

„Das stimmt nicht ganz.“

In seinem Gesicht spiegelten sich sowohl Triumph als auch Belustigung, und selbst Kiria Theodopulos zuckte bei der letzten Bemerkung ein wenig zusammen. Ellie war sich nicht hundertprozentig sicher, was die Fakten anging; sie lebte erst seit acht Jahren auf Lefkis, und verflixt noch mal, jetzt stiegen ihr doch tatsächlich Tränen in die Augen!

Sie liebte nun mal das einfache Leben auf der Insel, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sich daran etwas ändern sollte. Nur einige wenige Inselbewohner hatten sie um Schützenhilfe gebeten, doch da sie dasselbe Ziel verfolgten, half sie ihnen nur allzu gern. „Sie können nicht jahrhundertealte Traditionen hinwegfegen und gleichzeitig erwarten, dass Lefkis seinen Charme behält“, argumentierte sie etwas ruhiger. Dankbar nahm sie zur Kenntnis, dass Kiria Theodopulos zustimmend nickte.

„Wenn ich Ihren Rat wünsche, Ellie, dann werde ich ihn einholen.“

„Warum sich überhaupt die Mühe geben, wo Sie ihn doch ohnehin ignorieren werden?“

„Wissen Sie schon wieder, was ich tun werde, Ellie, bevor ich es selbst weiß?“

„Jemand sollte sich Ihnen in den Weg stellen …“

„Und dieser Jemand sind Sie?“

„Warum nicht?“, schleuderte sie zurück und reckte trotzig das Kinn vor, als sich Alexander langsam aus seinem Stuhl erhob.

„Ellie Mendoras? Eine Ein-Frau-Armee?“

„Wenn es sein muss.“ Dummerweise zitterte ihre Stimme an diesem Punkt, und noch dazu musste sie den Kopf in den Nacken legen, um seinem Blick begegnen zu können.

Er bewegte sich so schnell, dass sie unwillkürlich aufkeuchte, als er auf sie zukam.

„Tee?“, fragte er und griff an ihr vorbei nach einer Klingel.

Kiria Theodopulos stellte er dieselbe Frage, und nachdem er eine positive Antwort bekommen hatte, warf er Ellie einen triumphierenden Blick zu. Oh ja, es schien wirklich alles genau nach Alexander Kostas Willen zu laufen.

Bin ich stark genug, um mich ihm entgegenzustellen, fragte sich Ellie, während Alexander sich vor eins der großen Panoramafenster stellte. Das würde die Zukunft zeigen. Im Moment schien er jedenfalls vollkommen unbesorgt, was seine Pläne anbelangte.

„Darf ich einen Vorschlag machen?“, sagte er, und sein Blick machte deutlich, dass er es in jedem Fall tun würde, egal, welche Einwände Ellie auch vorbrachte.

Während sie sich alle an den kleinen Teetisch setzten, blieb ihr nichts anderes übrig, als zu nicken und sich zu einem kleinen Lächeln zu zwingen. Ihre Augen verrieten Alexander jedoch, was sie in Wahrheit von seiner Frage hielt.

„Sprechen Sie keine Drohungen aus, die Sie nicht aufrechterhalten können, Ellie.“

Sein Ton klang so freundlich, dass sogar Kiria Theodopulos lächelte.

Es war eine Erleichterung, als der Steward erschien und ein Tablett mit Tee und Gebäck vor ihnen abstellte, denn so hatte Ellie für einen Augenblick die Möglichkeit, sich verstohlen umzusehen. Sie hatte erwartet, dass alles auf Alexanders Yacht von bester Qualität sein würde, und so war es auch, aber alles war so dezent und unaufdringlich, dass es an Langeweile grenzte. Ganz so, als hätte Alexander Kosta trotz seines immensen Reichtums keinerlei Interesse an materiellen Dingen.

„Kann ich noch etwas anderes kommen lassen?“ Alexander blickte auf seine Uhr, während sie ihre Tasse leerte.

Für ihn war die Unterredung offensichtlich beendet, weshalb sie ihn zu einem Ergebnis drängen musste. „Ich möchte einfach nur die Zusage, dass Sie den Standpunkt der Inselbewohner in Betracht ziehen, ehe Sie Veränderungen herbeiführen, von denen diese Menschen betroffen sein werden.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich das nicht ohnehin tue?“

Als sie nicht antwortete, entspannte er sich. Er hatte seine anfängliche Irritation überwunden und erkannte, dass Ellie ihm von Nutzen sein konnte. Ja, Ellie Mendoras war zum richtigen Zeitpunkt erschienen. Sie war die ideale Person, um die letzten Gegner auf seine Seite zu ziehen. „Sie haben fünf Minuten, um mir Ihre Hauptbedenken zu erklären“, sagte er.

Geduld war nicht unbedingt eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften, aber in diesem Fall war es die Sache wert. Er wollte so viel wie möglich über Ellie herausfinden. Seine üblichen Quellen hatten ihm keinerlei Auskunft über sie geben können. Die Inselbewohner wussten entweder nichts, oder aber sie sagten ihm nichts. Es war an der Zeit, dass er seine eigenen Erkundigungen einzog.

Jeder hat seinen Preis, selbst Ellie Mendoras, dachte Alexander, während sie redete. Sie würde ihr abgehalftertes Boot an den Platz verlegen, den er ihr zugewiesen hatte, und sie würde sich aus seinen Geschäften heraushalten, dafür würde er sorgen. Kurz schaute er zu Kiria Theodopulos hinüber, die sich wieder auf ihren Sessel am Fenster gesetzt hatte, dann kehrte sein Blick zu Ellie zurück, die immer noch voller Ernsthaftigkeit redete.

Er hörte ihr kaum zu. Stattdessen freute er sich innerlich darüber, dass er ihr so effektvoll den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Wie naiv von ihr zu glauben, sie könne sich ihm entgegenstellen und ihn sogar vor versammelter Menge bloßstellen! Und das auch noch vor Leuten, deren Einkommen von ihm abhing! So viel Naivität war wirklich selten. Er schrieb es der Tatsache zu, dass sie sich vor der Welt versteckt hatte, seit ihr Vater ertrunken war. Warum sonst war er bei seinen Erkundigungen auf eine solche Mauer des Schweigens gestoßen?

Doch naiv oder nicht, sie hatte eine unumstößliche Regel missachtet: Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht. Er würde seine Pläne bezüglich der Motorbootrennen nicht ändern, und das bedeutete, dass auch die Fischerboote umziehen mussten. Es war zwar ein Genuss zu sehen, wie ihr Gesicht während ihrer leidenschaftlichen Rede immer lebhafter wurde, doch jetzt war es an der Zeit, das Ganze zu beenden. Sie hatte ihre fünf Minuten gehabt. „Wann sagten Sie, würden Sie Ihren Ankerplatz verlassen?“

„Ich habe nicht …“ Sie wurde blass. „Sie haben mir überhaupt nicht zugehört, stimmt’s?“

Er stand auf und trat ans Fenster. Er hatte schon viel zu lange gesessen. Ellie Mendoras hatte keine Chance gegen ihn.

„Ich glaube, dass Ihnen die Prominenten, die Sie hier auf Lefkis ansiedeln wollen, viel wichtiger sind als die Menschen, die tatsächlich hier leben“, warf sie ihm bitter vor.

Jetzt reichte es ihm endgültig. Mit einem Ruck drehte er sich zu ihr um und blitzte sie an. „Es steht Ihnen nicht zu, solche Urteile zu fällen. Was wissen Sie schon über mich? Verzeihen Sie, Kiria Theodopulos“, fühlte er sich gezwungen, hinzuzufügen. Gott sei Dank hielt die alte Dame den Kopf gesenkt.

„Sie tun mir leid, Alexander …“

„Ach ja?“ Wütend starrte er Ellie an. Gab diese Frau eigentlich nie auf? „Ihr Mitleid können Sie sich sparen.“

Mit einem erneuten Ruck drehte er sich wieder um und wandte ihr den Rücken zu. Bewegungslos starrte er aus dem Fenster. Ihr anhaltender Widerstand machte ihn zornig. Er war sich ihrer Weiblichkeit überdeutlich bewusst, und am liebsten hätte er die Leidenschaft zwischen ihnen auf andere Weise ausgelebt. Schnell. Gegen die Wand, um die Spannung abzubauen. „Das Meeting ist beendet“, erklärte er kalt. Zum Glück setzte die Vernunft wieder ein.

Er wollte bereits ein Ultimatum formulieren, als sein Blick dem von Kiria Theodopulos begegnete. Also gut, um ihretwillen – und nur um ihretwillen – würde er Ellie noch ein Friedensangebot machen. „Hat mein Agent Ihnen nicht gesagt, dass Sie abgesehen von der lächerlich geringen Miete für den neuen Liegeplatz eine großzügige Entschädigung dafür bekommen, dass Sie den Tiefseehafen verlassen?“

Was auch immer er als Reaktion erwartet hatte, es war nicht das, was Ellie zeigte. Sie ballte die Hände zu Fäusten und trat mehrere Schritte auf ihn zu. „Eine Unterschrift von Ihnen – mehr ist nicht nötig, um das Leben eines anderen Menschen zu ruinieren, ja? Glauben Sie mir, damit kommen Sie nicht durch!“

„Es ist ein absolut vernünftiges Angebot.“ Er schaute zu Kiria Theodopulos hinüber, ob er nicht von dort Unterstützung bekam, doch die alte Dame schien sich taub zu stellen. „Die Zeiten ändern sich, Ellie, und wir uns auch.“

„Ach ja?“ Sie hob eine Augenbraue. „Das Erbe dieser Insel bedeutet Ihnen also nichts? Sie haben Lefkis gekauft, und deshalb können Sie damit jetzt machen, was Sie wollen?“

„Richtig“, entgegnete er. Er war froh, dass sie endlich zur Vernunft kam.

„Dann fürchte ich mich vor den Konsequenzen“, erklärte sie grimmig.

„Was wollen Sie damit sagen?“, erwiderte er drohend.

„Wenn Lefkis gerade Ihr neuestes Spielzeug ist, was passiert, wenn Sie die Insel satt haben? Werfen Sie sie einfach wieder aus der Spielkiste?“

„Darauf erwarten Sie keine Antwort von mir.“

„In den Tagen meines Vaters wäre das nie passiert“, sagte sie und schüttelte frustriert den Kopf.

Es war an der Zeit für ein paar Wahrheiten. „In den Tagen Ihres Vaters gab es weder ein Krankenhaus noch eine Schule auf der Insel. Die Leute starben an der Grippe, weil kein Arzt schnell genug vom Festland auf die Insel kommen konnte. Zur Zeit Ihres Vaters war Lefkis nicht mehr als ein gottverlassener Haufen Felsen, der den Menschen kaum genug zum Leben bot …“

„Aber die Leute sind geblieben“, erwiderte sie heftig. „Und warum wohl?“

Ehe er ihr sagen konnte, dass diese Menschen nirgendwo anders hingehen konnten, schilderte sie ihm bereits ihre Sicht der Dinge.

„Sie sind geblieben, weil Lefkis ihr Zuhause war, ihre Gemeinschaft, ihre Familie. Sie sind geblieben, weil sie die Insel genauso sehr lieben wie ich. Sind die vielen traditionellen Feste etwa eine Modeerscheinung? Nein. Sie werden auf Lefkis bereits seit Hunderten von Jahren gefeiert. Erleben die Touristen, die extra deshalb hierherkommen, eine inszenierte Show, mit der man sie um ihr Geld bringen will? Sind diese Menschen Schauspieler oder oberflächliche Scharlatane?“

Während sie auf Kiria Theodopulos deutete, redete sie voller Inbrunst weiter. „Glauben Sie das wirklich, Alexander? Wenn Sie das tun, dann werden Sie es nie wert sein, sich einen Sohn von Lefkis zu nennen, selbst wenn Ihnen die Insel gehört …“

„Sind Sie jetzt fertig?“, fragte er kalt. „Gut, dann lassen Sie mich eines erklären. Mein Erfolg gründet sich auf dem festen Glauben an mich und mein Urteilsvermögen. Die Insel wird sich verändern. Ich werde Motorbootrennen veranstalten. Ich werde den Tiefseehafen räumen, um Platz für größere Schiffe zu schaffen. Und ich werde nicht den zukünftigen Wohlstand von Lefkis gefährden, nur um Ihnen und ein paar einheimischen Hitzköpfen zu gefallen!“ Oder um Kiria Theodopulos zu beruhigen, fügte er im Stillen hinzu, als er sah, wie die alte Dame nach Ellies Hand griff.

Das Schweigen im Raum knisterte förmlich vor Spannung, während sie sich wütend anstarrten. In den vergangenen Minuten hatte er mehr Emotionen gezeigt als in den ganzen letzten Jahren. Und Emotionen waren schon immer sein Feind gewesen.

Lautlos drückte er eine Klingel, worauf innerhalb kürzester Zeit der Steward zurückkam. „Sie können den Tee jetzt abräumen“, sagte Kosta. „Wir sind hier fertig.“

„Ich bin noch nicht fertig“, widersprach Ellie, die dabei auf den Rücken des sich bereits wieder entfernenden Stewards starrte.

„Aber ich“, erwiderte Alexander kalt. Er ging an ihr vorbei und öffnete demonstrativ die Tür. „Akzeptieren Sie, was ich Ihnen gesagt habe, andernfalls hören Sie von meinem Agenten. Ich möchte diese Angelegenheit wirklich im Guten regeln, aber …“

Sie verstand die Botschaft. Es ging hier nicht nur um ihren Ankerplatz oder um mögliche Motorbootrennen – es ging darum, ob sie weiterhin auf der Insel würde leben können oder nicht.

Anstatt sich der Verzweiflung hinzugeben, starrte sie ihn voller Zorn an. Dann marschierte sie steif durch den Raum auf ihn zu.

Er trat einen Schritt zurück, um sie vorbeizulassen. Dabei erhaschte er einen Hauch ihres Duftes: Seife, Meer und Maschinenöl. Überraschenderweise empfand er die Kombination als durchaus angenehm. Allerdings tat er gut daran, seine Gedanken für sich zu behalten und sich zum Abschied auf ein kurzes Kopfnicken zu beschränken.

„Leben Sie wohl, Kirie Kosta“, verabschiedete sich Ellie förmlich.

Furchtlos begegnete sie seinem Blick. Den Mund hatte sie zu einer dünnen Linie zusammengepresst, während ihre Augen immer noch Funken sprühten. Sie stand lange genug vor ihm, dass ihm auffiel, wie hell ihre Haare an den Schläfen waren – die Sonne hatte goldene Strähnen hineingezaubert, und egal wie sehr sie die Lippen zusammenpresste, sie hatte immer noch einen perfekten Kussmund.

„Kiria Theodopulos?“ Sie schaute zurück in den Raum.

Mein Gott, die alte Dame hatte er ganz vergessen, und dennoch registrierte er jedes Detail an Ellie. Auf ihrer Wange befand sich ein Klecks Maschinenöl, was seine Aufmerksamkeit wieder auf die hässliche Narbe lenkte …

Als sie sofort die Hand darüber legte, bemerkte er die Scham in ihrem Blick. Das erstaunte ihn, und es ließ ihn weich werden, zumindest ein bisschen. „Machen Sie einen Termin aus, falls Sie mich noch einmal sprechen wollen“, sagte er grimmig, während die beiden Frauen an ihm vorbeigingen.

„Wann kann ich Sie treffen?“, versetzte Ellie wie aus der Pistole geschossen.

„Meine Sekretärin kennt meine Termine.“ Er hatte nicht vor, sich von ihr unter Druck setzen zu lassen. Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich an seine guten Manieren. Er sollte die alte Dame an Land zurückgeleiten. Also bot er Kiria Theodopulos den Arm, woraufhin Ellie nichts anderes übrigblieb, als den beiden zu folgen.

Als sie das Ufer erreicht hatten, brachte ihn irgendetwas dazu, ihr noch einen Strohhalm zuzuwerfen. „Morgen früh habe ich ein Meeting. Sie sollten dabei sein. Es findet auf neutralem Boden statt“, fügte er mit einiger Ironie hinzu.

„Wo?“, fragte sie interessiert.

„Im Bürgermeisteramt.“

„Das kenne ich.“

Die Begeisterung, mit der sie ihr Anliegen vertrat, versetzte ihm einen Stich. „Es beginnt um elf. Wenn Sie es verpassen, werden Sie keine zweite Chance bekommen.“

„Vielen Dank“, erwiderte sie, so als hätte er ihr etwas ganz Großartiges angeboten.

Vielleicht hätte er hinzufügen sollen, dass sie vor Leuten sprechen würde, die alle auf seiner Gehaltsliste standen, aber warum sollte sie das nicht selbst herausfinden? Auf diese Weise würde es einen größeren Effekt haben und ihr deutlich machen, dass sie auf verlorenem Posten stand. „Gibt es ein Problem?“, erkundigte er sich, als sie immer noch stehen blieb und nachdenklich dreinschaute.

„Sie werden mich wirklich sprechen lassen?“, fragte sie misstrauisch.

„Wenn Sie nicht auftauchen, werden Sie es nie herausfinden.“

Ihre Augen weiteten sich, woraufhin er sofort zum Todesstoß ansetzte. „Wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, die Papiere zu lesen, die mein Agent Ihnen überbracht hat, dann wüssten Sie, dass die Entschädigung, die ich zahle, groß genug ist, um das beste Boot auf dem Markt zu kaufen.“

„Ich besitze bereits das beste Boot auf dem Markt. Und was Geld angeht – im Gegensatz zu dem, was Sie glauben, hat es hier auf der Insel keinerlei Bedeutung.“

„Ach, wirklich? Das heißt, die Wirtschaft der Insel funktioniert auf völlig andere Weise als auf dem Rest der Welt? Wachen Sie auf, Ellie. Entweder Sie kommen zu dem Meeting, oder das war’s.“

„Und wenn mir das Ergebnis nicht gefällt?“

Er warf ihr einen langen Blick zu.

„Das wird an Ihrer Entscheidung nicht das Geringste ändern, richtig?“

Jetzt hatte sie verstanden.

Ellie kochte innerlich. Lefkis würde also von Alexander Kosta kontrolliert werden. Sie hatten einen Tyrannen überlebt und erhielten nun den nächsten. Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie rasch den Kai hinuntermarschierte. Vielleicht hatte sie zu lange auf der Insel gelebt, unter Menschen, denen sie vertraute, und dabei verlernt, wie man sich Fremden gegenüber benahm, aber Alexander Kosta war wirklich zu weit gegangen.

Und sie wollte sich ihm ganz allein entgegenstellen?

Wenn es sein musste, ja. Hatte sie denn eine andere Wahl?

Ellie blickte auf, als sie ihren Ankerplatz erreichte. Das Gelächter von der riesigen weißen Yacht direkt neben ihr lenkte sie ab. Die Gäste dieser Superyacht hatten wohl schon einige Flaschen Champagner geköpft, was eine weitere schlaflose Nacht für sie bedeutete.

Grimmig biss sie die Zähne zusammen, lief über die Gangway und betrat ihr Deck. Bevor sie in ihre Kajüte hinunterkletterte, verriegelte sie sorgfältig die Falltür. Alexander war nicht der Einzige auf Lefkis, der sein Leben fest unter Verschluss hielt.

Nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte, öffnete sie die Tür des Kühlschranks, nahm einen Karton Milch heraus und goss sich ein Glas ein. Sie trat ans Bullauge und schaute hinaus.

Die Olympus war klar zu erkennen. Allein der Gedanke an weitere Konflikte mit Alexander Kosta ließ ihr Herz nervös pochen. Rasch leerte sie das Glas und holte dann die Blechbüchse hervor, in der sie ihr Geld für den Notfall aufbewahrte. In ihrer Garderobe befand sich nämlich absolut nichts, was sie zu dem Meeting am nächsten Morgen anziehen konnte. Gott sei Dank war genug Geld vorhanden, um ein billiges Outfit in der Markthalle zu kaufen und vielleicht auch ein Paar anständige Schuhe …

Sie war pünktlich da, was er nicht anders erwartet hatte, aber was in aller Welt trug sie da für Kleidung? Alexanders ungläubiger Blick wanderte über Ellies Markthallen-Outfit. Der Blazer war von einer absolut undefinierbaren Farbe – Schlammgrün vielleicht und außerdem viel zu klein. Dazu trug sie ein scheußliches pinkfarbenes Nylontop. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas derart Hässliches gesehen zu haben. Ein Plus war allerdings die Tatsache, dass er ihre Brüste sehen konnte, die sich deutlich darunter abzeichneten. Sie waren üppig und fest. Sehr hübsch …

Er riss seinen Blick los und betrachtete den Rock, der so groß war, dass er um ihre Hüften schlackerte, und der Schlitz, der hinten sitzen sollte, befand sich an der Seite. Sie sah furchtbar aus. Nicht, dass der ältere Mann, der sie zu ihrem Platz führte, das zu bemerken schien …

Warum brauchte der Kerl so lange? Worüber sprachen und lachten die beiden? Sie wirkte entspannt. Viel zu entspannt.

Eine Sache wunderte ihn. Es war offensichtlich, dass sie den älteren Mann kannte, und der hatte in seiner Begeisterung eine Hand auf ihren Arm gelegt, was ihr nichts auszumachen schien, wohingegen allein der Gedanke, einer seiner Bodyguards könne sie berühren, sie total in Panik versetzt hatte. Es war ein weiteres ungelöstes Puzzleteil, genauso wie die Narbe auf ihrer Wange.

Alexander runzelte die Stirn, während er die Papiere vor sich ordnete. Heute hatte er keine Zeit, seine Gedanken an Ellie Mendoras zu verschwenden. Sie würde Gelegenheit bekommen, ihre Rede zu halten, und das war’s dann.

„Miss Mendoras, setzen Sie sich. Sie sind noch nicht an der Reihe.“ Er konnte nicht glauben, dass sie schon wieder Ärger machte. Mittlerweile sollte sie doch erkannt haben, dass alle hier auf seiner Seite waren. Vielleicht wusste sie es ja auch, aber das hielt sie nicht davon ab zu protestieren. „Miss Mendoras!“ Seine Stimme klang wie ein Peitschenhieb.

„Mr. Kosta“, fauchte sie zurück, worauf ein erstauntes Gemurmel einsetzte. „Das Publikum hier besteht größtenteils aus Besuchern der Insel. Ich spreche für die Einheimischen …“

„Ich denke, das weiß ich …“

„Profit ist das einzige Ziel der Neuankömmlinge, die Sie auf die Insel gebracht haben“, fuhr sie fort und ignorierte seinen Zwischenruf völlig. „Diese Rennen, die Sie veranstalten wollen …“

„Werden stattfinden. Jetzt setzen Sie sich, Miss Mendoras, oder ich lasse Sie aus dem Saal entfernen!“

Der verächtliche Blick, mit dem sie ihn musterte, reizte ihn bis aufs Blut. Während er dem Blick standhielt, wünschte er sich, selbst derjenige zu sein, der sie hinauswarf – allerdings würde er sie nicht auf dem Bürgersteig absetzen, sondern auf seinem Bett. „Ich werde Ihnen sagen, wann Sie an der Reihe sind.“

„Wirklich?“, fragte sie angespannt.

„Ja, das werde ich“, bestätigte er knapp. „Können wir jetzt fortfahren?“

Widerwillig nahm sie Platz.

Ellie zupfte an ihrem Rock herum, während sie darauf wartete, dass sie endlich reden durfte. Bislang hatte sie nichts gehört, was ihre Ängste besänftigt hätte. Noch schlimmer war die Tatsache, dass Alexander sie ständig anstarrte. Sollte er seine Aufmerksamkeit nicht dem jeweiligen Redner widmen?

Rasch senkte sie den Kopf, um seinem Blick zu entgehen, doch als sie nach einer Weile wieder aufschaute, starrte er sie immer noch an. Sie straffte die Schultern. Es war ihr gutes Recht, hier zu sein und angehört zu werden. Hatte er sie nicht selbst eingeladen? Wer sollte sich ihm entgegenstellen, wenn sie es nicht tat? Sie musste Lefkis vor Alexander Kostas retten.

Niemand hatte auch nur ein Wort von dem hören wollen, was sie zu sagen hatte. Schnell war ihr Publikum unruhig geworden und hatte die Geduld verloren. Keiner wollte etwas über Umweltschutz oder dergleichen hören – Dinge, die möglicherweise den Profit schmälern würden. Als sie aufstand, um zu gehen, hatte Alexander beinahe Mitleid mit ihr bekommen. Sie war gescheitert, das wusste sie. Und sie wusste auch, dass er ihr Scheitern beobachtet hatte.

Draußen holte er sie ein. „Hey …“

„Was wollen Sie?“ Wütend drehte sie sich um, immer noch bereit, in die Schlacht zu ziehen.

Er betrachtete das trotzig vorgereckte Kinn, die angespannten Schultern. Sie war verletzt. Verletzt, weil niemand ihr zugehört hatte, nicht einmal die Älteren, um die sie sich so sehr sorgte. Alles war zu seinen Gunsten verlaufen. Er hätte ihr im Voraus sagen können, dass es so kommen würde. „Ich wollte nur sicher gehen, dass Ihr kleiner Protest vorüber ist.“

„Vorüber?“, fauchte sie ihn wutschnaubend an.

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Ellie!“, rief er frustriert aus, als er den Kampfgeist in ihren Augen sah. „Fortschritt ist wichtig, selbst auf einer kleinen Insel wie Lefkis. Kein Fortschritt bedeutet Stillstand. Das wollen Sie doch nicht, oder?“

„Ich will nicht, dass … dass Sie einfach bestimmen, wie unser Leben auszusehen hat. Ich will nicht, dass Lefkis zu einem Ort wird, an dem Menschen, die nicht reich oder berühmt sind, nicht willkommen sind. Ich will nicht, dass die Insel, die ich liebe, zu Ihrem millionenschweren Spielplatz wird, wann immer Sie Langeweile verspüren!“ Mit einem Ruck drehte sie sich um und marschierte davon, ohne ihn weiter zu beachten.

„Und wenn wir Ihrem Plan folgen“, versetzte er und passte sich ihrem Tempo an, „dann wird sich die Wirtschaft abschwächen, bis sie irgendwann ganz zum Erliegen kommt. Die jungen Leute, das Lebensblut der Insel, werden auf der Suche nach Jobs aufs Festland abwandern und die Alten allein zurücklassen. Ist es das, was Sie wollen, Ellie? Ellie! Bleiben Sie stehen, und hören Sie auf, vor mir wegzulaufen!“

Er griff nach ihren Schultern und drehte sie zu sich um. Ihre Augen glänzten vor leidenschaftlichem Zorn. „Ich werde das nicht zulassen. Ich muss Arbeitsplätze schaffen …“ Doch während er sprach, wusste er, dass er nicht länger an Worten interessiert war. Sie zog ihn in ihren Bann – ihre Leidenschaft, ihr Kampfgeist, ihr Versuch, sich uninteressiert an ihm zu geben.

Unter seinem prüfenden Blick zögerte sie. Rasch schob er sie in die Schatten, fort von den neugierigen Augen um sie herum. Sein Blick senkte sich auf ihre Lippen. Die Anziehung zwischen ihnen war überwältigend, unwiderstehlich …

Ellie zu küssen war so, wie nach endlos langer Reise endlich den ersehnten Hafen zu finden. Es war heißer und lustvoller als die leidenschaftlichste Liebesnacht mit jeder anderen Frau. Zu Anfang widersetzte sie sich ihm, womit er gerechnet hatte. Doch dann schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn eng an sich.

Der Kuss war heiß, wütend – Ausdruck von Sehnsucht und Frustration. Ihre Hingabe erstaunte ihn, und sie faszinierte ihn. Doch sie gab ihm auch das Stichwort, sich zurückzuziehen. Er konnte es sich nicht leisten, die Kontrolle zu verlieren.

Er wandte sein Gesicht ab und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, weil er ihren Geschmack unbedingt loswerden wollte. Doch er bezweifelte, dass es ihm gelingen würde. Sie schmeckte frisch und jung und willig und unschuldig. Er begehrte sie.

„Soll mich das ruhig stellen?“, fragte sie voller Verachtung.

Er schaute ihr ins Gesicht. Sie zitterte, aber nicht vor Furcht.

„Das hier führt zu nichts …“

„Glaubst du, ich wünsche mir, dass es das tun würde?“, versetze sie ungläubig, während ihr Körper ganz andere Signale aussandte.

In einer Mischung aus Lust und Erleichterung beobachtete er, wie sie von ihm fortging. Mit Ellie Mendoras war er fertig. Seine Aufmerksamkeit wurde andernorts verlangt. Die Geschäfte riefen, und in seiner Welt standen Geschäfte immer an erster Stelle.

Was hatte sie getan? Vorsichtig berührte Ellie ihre Lippen und betrachtete sie dann im Spiegel. Behutsam fuhr sie mit der Fingerspitze über die Konturen. Sie waren immer noch geschwollen und rosig überhaucht, und die empfindsame Haut drum herum war noch ein wenig wund von Alexanders Bart.

Und selbst jetzt noch, geraume Zeit nach dem Kuss, zitterte sie, ihr Herz raste, und sie war erregt. Was sie jedoch stärker bekümmerte als ihr unerklärlicher Leichtsinn war die Tatsache, dass Alexander von einer Sekunde auf die andere umgeschaltet hatte. Da küsste er sie auf die leidenschaftlichste Art und Weise, und im nächsten Moment löste er sich von ihr und betrachtete sie derart kalt, als sei nie etwas zwischen ihnen geschehen. Zugegeben, ihr Verhalten ließ sich nur als wahnwitzig beschreiben, doch seine emotionale Distanziertheit war beängstigend.

Ellie kehrte ihrem Spiegelbild den Rücken. Sie hatte zu viel zu tun, um sich Gedanken um ihre Dummheit zu machen. Sie hatte sich selbst einem Risiko ausgesetzt, dabei hätte sie es nun wirklich besser wissen müssen. Noch dazu hatte sie zugelassen, dass Alexander sie für leichte Beute hielt. Es war an der Zeit, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekam.

Er sah sie zuerst. Vermutlich füllte sie Proviant für ihren Tagestrip mit den Touristen auf. Rasch schob er alle Gedanken an das, was zwischen ihnen vorgefallen war, beiseite und ging auf sie zu. Ganz bewusst versagte er sich die Erinnerung daran, wie sie sich in seinen Armen angefühlt und wie sie geschmeckt hatte. Stattdessen konzentrierte er sich auf den Zorn, den er spürte, und der hauptsächlich gegen sich selbst gerichtet war. „Ich dachte, du hättest den Hafen mittlerweile verlassen.“

„Es tut mir leid, dich zu enttäuschen, Alexander.“

Er warf einen bedeutungsvollen Blick auf ihr vor Anker liegendes Boot.

„Meine Zeit ist noch nicht abgelaufen“, sagte sie kühl.

Sie hielt seinem Blick stand, auch um ihm einmal mehr zu zeigen, dass sie keine Angst vor ihm hatte. Interessant, dass sie trotzdem zitterte.

„Ich würde ja wirklich gerne auf einen kleinen Schwatz hierbleiben“, log sie, „aber wie du siehst, muss ich eine Tour vorbereiten. Mein letzter Ausflug von diesem Hafen aus.“

Nachdem sie diese Spitze losgeworden war, wandte sie sich ab und ging davon.

„Ich hoffe, du bist ausgebucht?“, rief er ihr hinterher.

„Bin ich.“

Sie drehte sich nicht einmal um, dabei war er noch nicht fertig! Niemand ließ ihn einfach so stehen! „Ich gebe heute Abend an Bord der Olympus eine Dinnerparty …“

„Viel Spaß.“

„Warum kommst du nicht vorbei?“ Es war besser, sie im Auge zu behalten, damit sie nicht erneut die Leute gegen ihn aufwiegelte, die er bereits auf seine Seite gezogen hatte.

Sie zögerte, schließlich drehte sie sich um. „Nun, das ist wirklich schade, Alexander, aber das schaffe ich zeitlich nicht. Meine Tour kehrt viel zu spät zurück.“

Er biss die Zähne zusammen. Mit einer Absage hatte er nun wirklich nicht gerechnet. „Die Party wird bis weit in die Nacht hinein gehen“, erwiderte er und ging auf sie zu. „Tu, was du willst, Ellie.“ Sie standen dicht voreinander. Wenn sie einen Kampf wollte, dann hatte sie sich den Richtigen dafür ausgesucht.

Er beobachtete, wie sie den Kai hinunterging – stolz, trotzig, begehrenswert. Er konnte warten. Das Leben war wie ein Schachspiel. Ellies Problem bestand nur darin, dass sein Leben das einzige Spiel war, das ihn interessierte.

3. KAPITEL

Und überhaupt, ich habe sowieso nichts, was ich anziehen könnte, dachte Ellie, während sie an Deck ihres Bootes hin und her ging und die letzten Vorbereitungen für ihre Tour traf.

Ich bin sicher, dass du etwas hast, flüsterte dagegen ihre innere Stimme. Was stimmt denn nicht an den Sachen, die du gerade trägst?

Kleider aus der Markthalle? Ein billiges Baumwolltop und Shorts? Ja, das war sicher das Traumoutfit, wenn man zum Dinner an Bord der Yacht eines Multimillionärs eingeladen war. Nicht, dass sie auch nur im Geringsten mit dem Gedanken spielen würde, Alexanders Einladung anzunehmen. Sie war ja noch bei Sinnen!

Rasch konzentrierte sie sich wieder auf die vor ihr liegenden Aufgaben. Die ersten Ausflügler würden sicher gleich kommen, und sie musste noch ein paar Dinge erledigen.

Alles sah soweit sehr gut aus. Der Bordfunk hatte zwar einen Defekt, um den sie sich jetzt nicht mehr kümmern konnte, aber da sie in Signalweite blieb, reichte ihr Handy völlig aus. Dort hatte sie alle Notfallnummern abgespeichert, die man möglicherweise benötigen würde. Das Boot war von oben bis unten geschrubbt und die Zutaten für den Lunch – Pasta mit frischer Tomatensauce, Käse, hausgebackenes Brot und knackiger Salat – im Kühlschrank verstaut. Die Hände in die Hüften gestemmt, betrachtete Ellie ihr Königreich. Alles war zum Auslaufen bereit.

Der Erfolg ihrer Bootstouren hatte ihre wildesten Träume übertroffen. Es versetzte ihr schon einen kleinen Stich, dass dies nun ihr letzter Ausflug vom Haupthafen sein würde, doch zumindest verabschiedete sie sich mit großem Tamtam – zehn Personen hatten sich angemeldet, die maximale Anzahl, die sie mit an Bord nehmen konnte.

Ellie biss wütend die Zähne zusammen. Da waren doch tatsächlich Ketten vor dem Kanal angebracht, sodass ihr die Durchfahrt verwehrt wurde. Unglaublich! Was für eine Unverschämtheit!

Mit einer Entschuldigung wandte sie sich an die Passagiere. In knappen Worten erklärte sie ihnen, dass das eigentlich der Ort gewesen wäre, wo sie den Anker ausgeworfen hätten, um Lunchpause zu machen. Es fiel ihr schwer, nicht allzu deutlich zu zeigen, was sie von der Situation hielt.

Das hier war ihre Lieblingsstelle, eine geschützte Bucht, in der selbst Kinder und die schwächsten Schwimmer der Gruppe sicher schnorcheln konnten. Doch ein frisch gemaltes Schild, das an den Klippen angebracht war, verkündete sowohl in Griechisch als auch in Englisch, dass der Zugang zur Bucht untersagt war. Auf wessen Anordnung hin dies geschehen war, konnte sie sich natürlich denken!

Es hatte jedoch keinen Zweck, sich weiter darüber aufzuregen, denn in diesem Moment blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterzusegeln und eine andere Bucht zu finden. Sie schuldete ihren Passagieren einen unterhaltsamen Tag, und sie würde es nicht zulassen, dass Alexander ihnen einen Strich durch die Rechnung machte.

Das offene Meer besänftigte sie ein wenig, und schon bald wollten alle wissen, welche kleinen Meeresbewohner sie sammeln würden, sobald sie vor Anker gingen. Es war eine nette Gruppe von Leuten, die sich an diesem Tag zusammengefunden hatte, und schon bald vergaß Ellie ihren Ärger – bis ein Motorboot ihren Weg kreuzte.

Was ist denn jetzt, murmelte sie wütend, als sie das Kosta-Emblem auf dem Boot registrierte.

Seine Bodyguards winkten sie doch tatsächlich fort. Glaubten die etwa, er hätte zusammen mit der Insel das ganze Mittelmeer gekauft? Unfassbar!

Ellie drehte bei, um eine Kollision zu vermeiden, doch das schnelle, kleine Boot setzte seine Störversuche fort, indem es ihren Kurs immer wieder von vorne und von hinten kreuzte. Dabei entstanden solche Turbulenzen, dass sie allmählich um die Sicherheit ihrer Passagiere fürchtete.

Das war nicht zu tolerieren. Ellie kochte innerlich. Nicht nur, dass sie gezwungen worden war, auf die andere Seite der Insel zu fahren, jetzt wurden auch noch ihre Passagiere gefährdet. Außerdem würden sie kaum noch Zeit zum Schwimmen haben, wenn sie endlich Anker geworfen hatten!

Als sie gegen Abend Richtung Hafen zurückkehrten, hatte Ellie sich ein wenig beruhigt. Die Heimkehr an ihren Anlegeplatz erfüllte sie immer mit einem Gefühl tiefer Befriedigung – sie konnte ja nicht wissen, dass dort ein neuerlicher Schock auf sie wartete.

Da, wo sich ihr Liegeplatz befand, hatte eine schneeweiße Superyacht festgemacht!

Rasch beruhigte sie die Passagiere und änderte den Kurs. Da der Hafen voll war, konnte sie die Leute nur am Fährhafen sicher aussteigen lassen. Es bedeutete einen längeren Marsch und eine nicht unerhebliche Andockgebühr. Ellie würde allen eine Taxifahrt spendieren müssen. Sie warf einen langen, hasserfüllten Blick auf die Olympus.

Alexander musste gewusst haben, was passieren würde, als er sie auf den Docks getroffen hatte. Warum hatte er nichts gesagt? Das Ganze war unglaublich! Die Frist, bis zu der sie ihren Liegeplatz im Hafen verlassen musste, war noch nicht abgelaufen.

Als sie alle Passagiere sicher abgesetzt und versorgt hatte, war es beinahe dunkel und zu spät, um noch auf die andere Seite der Insel zu ihrem neuen Liegeplatz zu segeln. Am besten machte sie irgendwo im Hafen fest, in der Hoffnung, dass der Kapitän ihr Boot sehen würde, falls eine der Yachten in dieser Nacht noch anlegen wollte.

Kurz entschlossen fuhr sie daraufhin in die Mitte des Hafens. Musik von einer Live-Band an Bord der Olympus drang zu ihr herüber. Sie schien sich geradezu über sie lustig zu machen. Wenn sie Alexanders Einladung angenommen hätte, dann hätte sie ihn wenigstens sofort konfrontieren können. Zweifellos amüsierte er sich prächtig. Schließlich wurde bestens dafür gesorgt, dass nichts und niemand das Vergnügen des neuen Herrn und Meisters von Lefkis störte!

Nachdem sie ihr Schlauchboot zu Wasser gelassen hatte, paddelte Ellie zurück an Land. Da sie keine schriftliche Einladung besaß, würde es nicht leicht werden, an Bord der Olympus zu gelangen. Sie war nicht gerade passend angezogen, und so verwunderte es sie auch gar nicht, dass die Sicherheitsleute ihr den Zutritt verwehrten.

Nun, dann musste sie eben einen anderen Weg finden, um auf das verdammte Schiff zu kommen! Nachdenklich betrachtete Ellie die Superyacht. Die Olympus war mit Hunderten von Lampions hell erleuchtet – ein wirklich faszinierender, beeindruckender Anblick, doch noch war sie nicht geschlagen!

Als ein paar junge einheimische Mädchen an ihr vorbeigingen, schaute Ellie auf. Sie waren alle als Kellnerinnen gekleidet, in hübsche schwarze Kleider mit weißer Schürze und Häubchen. Offensichtlich hatte man sie angestellt, um während des Dinners zu servieren.

Rasch verließ Ellie ihr Versteck und winkte die Mädchen zu sich heran. Als sie sie sahen, blieben sie stehen. Ellie richtete ihren Vorschlag an das Mädchen, das ihr von Figur und Größe am nächsten kam. Das junge Ding lachte zuerst und fragte sie, ob sie das ernst meine. Nachdem Ellie ihre Absicht bestätigt hatte, beriet sich das Mädchen mit ihren Freundinnen und stimmte schließlich zu.

Ja, es ist mir vollkommen ernst, dachte Ellie, während sie ihr Spiegelbild in der Damentoilette des Hafencafés betrachtete. Sie hatte sich bereits von dem Mädchen verabschiedet und ihm als zusätzliches Dankeschön die Goldkette geschenkt, die sie immer um den Hals trug. Es handelte sich um ein Schmuckstück ihrer Mutter, und es war nicht leicht, sich davon zu trennen, doch Alexanders Größenwahn aufzuhalten, ehe er die ganze Insel ruinierte, war wichtiger.

Jetzt gelangte sie problemlos an Bord. Zusammen mit all den anderen Aushilfskellnern wurde sie durchgewunken. Den Cateringchef Luigi zu überzeugen, war schon etwas schwieriger. Es gab eine kurze, unangenehme Szene, in der er sie nach ihrer bisherigen Service-Erfahrung fragte, doch Zeit und Mittel waren knapp, und schließlich akzeptierte er sie.

Die Gästeschar an Bord war so groß, dass es möglich war, selbst Luigis Adleraugen für eine Weile zu entkommen, und nachdem sie zuerst beim Servieren der Drinks geholfen hatte, wurde Ellie zusammen mit der Menge in Richtung Großer Salon gespült, wo das eigentliche Dinner stattfinden sollte.

Die Pracht dieses mit unzähligen Kristallleuchtern und funkelndem Tafelsilber geschmückten Raumes war so überwältigend, dass Ellie im ersten Moment stehenblieb und ganz ihre Mission vergaß – nämlich Alexander zu finden!

„Haben Sie nichts Besseres zu tun als rumzustehen und zu starren?“

Ellie zuckte zusammen. Ausgerechnet der Cateringchef musste sie erwischen.

„Danke, Luigi. Ich kümmere mich darum.“

„Alexander!“ Ellie griff sich an die Brust. Natürlich war es Alexander. Musste sie gar so atemlos und pathetisch klingen? War sie etwa hergekommen, um jetzt in Ohnmacht zu fallen? Nein! Ihr Blick wanderte über sein makelloses Dinnerjackett. Wie all seine Kleidungsstücke brachte es seine muskulöse Figur aufs Vorteilhafteste zur Geltung. Erst jetzt fiel ihr auf, dass seine Fliege noch ungebunden um seinen Hals baumelte …

„Du gibst dir ja äußerste Mühe, ein Treffen zwischen uns zu arrangieren“, bemerkte er spöttisch. „Hatte ich dir nicht eine formelle Einladung angeboten?“

„Ja, das hast du. Und du weißt, dass ich sie abgelehnt habe.“

„Dann hast du jetzt offensichtlich deine Meinung geändert.“

Musste er in diesem heiseren, intimen Tonfall mit ihr reden, sodass ihr innerlich ganz kribbelig wurde?

„Hatte ich etwas von einem Kostümfest gesagt?“, fuhr er mit völlig ernstem Gesichtsausdruck fort.

„Ich bin nicht hier, um mich zu amüsieren, Alexander. Das war die einzige Möglichkeit, an Bord zu gelangen.“

„Dann musst du sehr entschlossen gewesen sein.“

„Ich denke, wir sollten irgendwohin gehen, wo wir reden können. Wo es ruhiger ist“, fügte sie bedeutsam hinzu.

„Kann das, was du mir zu sagen hast, nicht warten? Ich bin schließlich Gastgeber einer Party.“

„Nein, es kann nicht warten“, fauchte sie.

„Also schön. Was schlägst du vor? Meine Suite?“

Trotz ihrer äußerlichen Tapferkeit zitterte Ellie. Diesmal gab es keine Kiria Theodopulos, die sie beschützen würde.

Sie verharrte neben der Tür.

„Komm rein. Ich beiße nicht.“

Oder wenn ich es tue, wirst du es genießen, schien Alexanders spöttischer Blick ihr zu versprechen.

Rasch schaute Ellie auf den Türgriff und kalkulierte, wie lange es dauern würde, ihn zu ergreifen, sollte sie plötzlich fliehen müssen.

Sie holte mehrmals tief Luft und versuchte, die Gefühle zu ignorieren, die Alexander immer wieder in ihr auslöste. Erfolglos bemühte sie sich, auf die gedämpfte klassische Gitarrenmusik zu hören, die sanft im Hintergrund spielte. Ihr Herz klopfte so laut, dass es ihr in den Ohren rauschte.

„Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, was in deinem Hafen passiert, Alexander?“, stieß sie hervor. „Oder warst du zu sehr mit den Vorbereitungen für deine nette kleine Party hier beschäftigt?“ Es klang wie ein Peitschenhieb, dabei hatte sie sich doch vorgenommen, kühl, souverän und rational zu bleiben.

„Meinst du deinen Liegeplatz?“ Er sah ihr offen ins Gesicht. „Das war leider unvermeidbar. Der Botschafter ist ohne Vorwarnung gekommen. Eine große Ehre, wie du sicher zugeben wirst.“

„Der Botschafter.“ Ellie runzelte die Stirn. Jedes Mal, wenn sie eine berechtigte Beschwerde gegen ihn vorbrachte, schien er eine legitime Erklärung parat zu haben. „Aber selbst der Botschafter muss doch wissen, dass der Liegeplatz eines Seemannes heilig ist. Es ist die eine unumstößliche Gewissheit, die man hat, wenn man zur See fährt.“

„Der Botschafter hat vor absolut jedem Vorrang, auch vor dir, Ellie.“ Sie gefiel ihm in ihrem Kellnerinnenoutfit. Der strenge Stil war unglaublich sexy. Wenn er ehrlich war, dann wollte er nicht über Anlegeplätze und Botschafter reden, nein, er wollte sie küssen, bis ihre Augen vor Verlangen dunkel wurden. Er wollte ihre weiche Haut spüren und hören, wie sich ihre Atmung beschleunigte. Er wollte ihren Duft einatmen und ihren Geschmack kosten. Er wollte alles …

„Ich spreche hier von den einfachsten Grundregeln des Seerechts“, entgegnete sie und holte ihn in die Realität zurück.

„Einfach?“, bemerkte er trocken. „Das Leben ist niemals einfach, Ellie, das solltest du wissen.“

„Nicht auf Lefkis“, stimmte sie zu. „Zumindest nicht, seitdem du die Insel gekauft hast.“

Das war nicht das, was er hören wollte, und seine Miene verdüsterte sich. „Wenn du nur hergekommen bist, um mir Dinge an den Kopf zu werfen, die ich nicht ändern kann, dann musst du mich jetzt entschuldigen. Ich bin Gastgeber einer Party.“ Er machte einen Schritt auf die Tür zu und traute seinen Augen kaum, als sie ihm in den Weg trat und den Ausgang versperrte.

„Du kannst mich nicht einfach so stehenlassen, als wäre ich einer deiner Lakaien!“

Er wollte ihr gerade versichern, wie sehr sie sich täuschte, als er sah, wie sie eine Hand hob und über die hässliche Narbe auf ihrer Wange strich. Wieder einmal fragte er sich, wer einer Frau so etwas antat. Irgendjemand hatte es jedenfalls getan, denn das war kein unglücklicher Unfall. Ellie hatte jemanden derart in Wut versetzt, dass er sie wie ein wildes Tier attackiert hatte. Was hatte dieser Jemand ihr noch angetan? „Ich lasse dich nicht stehen“, entgegnete er harsch. „Setz dich!“

„Rede nicht in diesem Ton mit mir!“

„Also gut, bitte setz dich.“

Er brauchte Abstand von ihr, weshalb er sich neben eine große Vase mit Blumen stellte. Besser, deren Duft einzuatmen als Ellies wesentlich verführerischeres Parfum. Mit einem kleinen Lächeln registrierte er, dass er nach dem Duft von Maschinenöl und Seife allmählich süchtig wurde.

Als er sich zu ihr umdrehte, erkannte er, dass sie immer noch unschlüssig dastand. Offensichtlich war sie hin und her gerissen zwischen dem Wunsch zu fliehen und einem letzten Versuch, zu rebellieren. Er musste ihren Mut bewundern. „Wenn du dich auf das Sofa setzt, findest du auf dem Tisch davor einen Knopf. Solltest du dich irgendwann unwohl fühlen, kannst du ihn drücken, und es wird sofort jemand kommen.“

Ihre Augen weiteten sich ungläubig. Er spürte ihre Furcht. Wer hatte ihr nur solche Angst eingejagt? Urplötzlich durchströmten ihn Gefühle, die er nicht kannte – ein übermächtiger Beschützerinstinkt zum Beispiel. Gott sei Dank hielt ihn der gesunde Menschenverstand davon ab, seine Gefühle zu verraten.

Schließlich hörte er sich an, was sie zu sagen hatte, und er war schockiert, als er von den Ereignissen des Tages erfuhr. Einschüchterung war nie ein Teil seines Plans gewesen. Es hatte nichts Ehrenhaftes, einer verletzlichen jungen Frau seine Macht zu demonstrieren, und seine Männer hätten niemals ihr Boot gefährden dürfen. Sie hatten ihm zwar Bericht erstattet, dabei aber offensichtlich einen Großteil der Wahrheit weggelassen. Ellie und ihre Passagiere zu gefährden, war unverzeihlich. Er würde Konsequenzen ziehen. Das sagte er ihr auch.

Doch die Ankunft des Botschafters war etwas, was er nicht hatte vorhersehen können. Er bedauerte die Art und Weise, wie sie ihren Anlegeplatz verloren hatte, aber Botschafter – genauso wie Monarchen – erwarteten, dass Normalsterbliche ihnen Platz machten, und in diesem Fall war nun mal Ellie im Weg gewesen.

Auch das erklärte er ihr. Allerdings behagte es ihm gar nicht, Entschuldigungen für seinen übereifrigen Agenten vorzubringen. Schnell erinnerte er sie daran, dass ihr der neue Anlegeplatz das ganze Jahr über für eine Minimalpacht zur Verfügung stehen würde, und dann fügte er noch hinzu: „Du solltest gleich von Anfang an in der Lage sein, einen anständigen Profit zu erzielen …“

„Profit?“, brauste sie auf. „Ist das wirklich alles, woran du denkst?“

Nun, irgendjemand musste es tun, dachte er trocken, behielt seine Gedanken aber lieber für sich. „Natürlich nicht die ganze Zeit, aber du solltest ganz sicher über Profit nachdenken, wenn dein Geschäft ein langfristiger Erfolg sein soll.“

„Ich denke durchaus daran. Ich bin ja kein völliger Schwachkopf!“

Alexander ging zum Sofa hinüber und setzte sich neben sie. Sie zuckte nicht zurück, was schon einmal ein guter Anfang war. Irgendwann war ihm klar geworden, dass sie stets damit rechnete, ein Mann könne gewalttätig werden, und deshalb achtete er sorgfältig darauf, ihr nicht zu nahezutreten. „Das habe ich auch nie behauptet.“

„Nun ja …“ Ellie rückte ein Stück von ihm ab.

Auch wenn ihr Blick noch so furchtlos wirken sollte – ihr kleines Herz zitterte vor Angst. Wer, verdammt noch mal, hatte ihr diese Narbe zugefügt? Er wollte sie danach fragen, doch das war nicht unbedingt der beste Weg bei Ellie, soviel hatte er bereits gelernt. Das Gefühl, von ihr zurückgewiesen zu werden, behagte ihm ganz und gar nicht. Er war es nicht gewöhnt. „Falls du Hilfe mit einem Business-Plan brauchst …“

„Dann wende ich mich an einen Fachmann“, entgegnete sie sarkastisch.

Was tat er denn da? Wollte er ihr etwa seine Erfahrung als Geschäftsmann anbieten? Wieder fiel sein Blick auf ihre Narbe. Er wusste, dass eine Frau vor Gewalt zurückschreckte, während ein Mann ihr offen begegnete. Ihm gefiel der Gedanke nicht, dass Ellie vor irgendetwas zurückschreckte. Ihr Kampfgeist war das, was sie so … so anbetungswürdig machte.

Ellies Nervosität hatte sich völlig gelegt. Es war kaum zu glauben, dass es ihr tatsächlich gelang zu entspannen, während Alexander so dicht neben ihr saß. Normalerweise ließ allein die Vorstellung, mit einem Mann allein zu sein, sie vor Angst erstarren. Sie hielten beide Dinge zurück, erkannte Ellie in diesem Moment – Dinge, die sie zu dem machten, was sie waren.

„Soll ich dir etwa wirklich glauben, dass du nichts davon gewusst hast, dass deine Männer das halbe Mittelmeer abgesperrt haben?“

„Nur das halbe?“, versetzte er und legte den Kopf etwas schief.

Musste er das tun? Humor was das Einzige, das ihren Zorn besänftigen konnte. Er wärmte sie von innen, und das allein sollte ihr schon eine Warnung sein.

Alexander blickte sie auf eine Weise an, bei der ihr ganz heiß wurde. Um seine Mundwinkel zuckte es verdächtig, so als wollte er lächeln … ein Lächeln, das sie nur zu gern erwidert hätte. Um diese verrückten Gefühle zu überwinden, stand sie auf und ging unruhig auf und ab. „Die Ketten müssen entfernt werden, ehe es zu einem schlimmen Unfall kommt.“

„Ich kümmere mich darum“, entgegnete er.

„Aber deine Motorbootrennen werden trotzdem stattfinden?“

„Ja.“ Er musste nicht schreien oder lauter werden. Seine ruhige Antwort erinnerte sie daran, dass er allein hier das Sagen hatte.

Langsam stand er auf und stellte sich vor sie. „Es war nie meine Absicht, Meere abzusperren, und ich werde mich um die Gefahren kümmern, die du erwähnt hast“, versprach er ihr, dann wandte er sich in Richtung Tür.

Ihre Unterredung war beendet. Sie musste die letzten Sekunden nutzen, die ihr verblieben. „Es gibt Felsen in flacheren Gewässern, an denen Schiffe zerschellen. Matrosen ertrinken …“ Ihre Stimme brach, als sie sich an die schreckliche Nacht erinnerte, in der ihr Vater sein Leben verloren hatte.

„Ich muss jetzt zurück zur Party.“

„Natürlich.“ Mühsam schüttelte sie die traurigen Erinnerungen ab.

„Du solltest mehr Vertrauen in mich haben, Ellie.“

„Warum sollte ich?“ Sie starrte zu ihm auf. „Ich kenne dich nicht mal, niemand von uns tut das. Wer weiß schon, was für eine Sorte Mann du bist?“

Was für eine Sorte Mann war er? Gute Frage! Er war auf einer Nachbarinsel aufgewachsen und hatte das glückliche, zufriedene Leben eines Fischers geführt, bis seine junge Frau von Demetrios Lindos nach Lefkis gelockt worden war. Damals war er natürlich arm gewesen und Demetrios reich. Um den Schmerz, das furchtbare Gefühl, betrogen worden zu sein, zu bekämpfen, hatte er sich geschworen, reicher und mächtiger als Demetrios zu werden. Seine Rückkehr nach Lefkis war sein Triumph. Alles hätte reibungslos verlaufen sollen, wenn da nicht Ellie Mendoras gewesen wäre.

Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf sie richtete, fiel sein Blick auf ihre Narbe. Auch sie war verletzt worden; wer wusste schon, wie tief? Plötzlich tat er etwas, das ihn selbst mehr überraschte als sie. Er berührte ihr Gesicht. Sanft schob er ihr Haar zurück und enthüllte die Narbe. „Wer hat dir das angetan, Ellie?“

Ihre Antwort bestand darin, die Lippen zusammenzupressen.

„Sag es mir …“

„Hast du die Party vergessen?“

Er verstand die Botschaft. Die Frage, wie sie zu ihrer Narbe gekommen war, war tabu.

4. KAPITEL

Alexander hatte sowohl ihre Angst als auch ihre Reaktion auf ihn bemerkt, und natürlich musste beides seine Neugier herausfordern. Aber Ellie würde ihm nie erzählen, wie sie zu der Narbe gekommen war. Diese Narbe war ein Schandmal, das sie ihr Leben lang tragen würde, und eine grausame Mahnung daran, dass die Dinge selten so liefen, wie man sich das wünschte.

Ob sie jemals wieder einem Mann vertrauen würde, fragte sie sich, während Alexander den Raum durchquerte und vor den großen Panoramafenstern stehen blieb, die einen wundervollen Blick über den Hafen bei Nacht mit all seinen bunten Lichtern boten. „Ich bewundere deinen Einfallsreichtum“, sagte er.

„Meinen …?“

„Dein Kellnerinnenoutfit.“ Er drehte sich zu ihr um.

Ein schwaches Lächeln umspielte Ellies Lippen. „Ich habe mit einem einheimischen Mädchen Tauschhandel betrieben.“

„Tauschhandel?“

Ja, ich habe ihr die Goldkette meiner Mutter gegeben, und wofür? Nichts habe ich erreicht. „Es war keine große Sache“, entgegnete sie brüsk, denn sie wollte das Thema keinesfalls vertiefen.

„Keine große Sache?“, hakte er dennoch nach.

„Solltest du nicht besser zu deinen Gästen zurückkehren?“ Ellie warf einen Blick auf die Tür. Am liebsten wäre sie gegangen. Kam ihre Eile daher, dass sie Alexander nicht vertraute, oder war es nicht vielmehr so, dass sie sich selbst nicht traute?

Sie war so in Gedanken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass Alexander wieder auf sie zugekommen war. Plötzlich berührte er sanft ihre Narbe, was ihr einen schockierten Ausruf entlockte.

„Wenn es jemand auf Lefkis war, der dir das angetan hat, dann sollte ich das wissen.“

„Wie es passiert ist, das ist nicht deine Angelegenheit, Alexander.“ Ellie zwang sich dazu, ruhig zu klingen, während sie sich größte Mühe gab, seinem Blick standzuhalten.

„Und wenn ich es nun zu meiner Angelegenheit mache?“

„Bitte nicht …“ Sie wandte das Gesicht ab. „Bitte lass mich gehen. Luigi wird bereits auf mich warten.“

„Zur Hölle mit Luigi!“

„Er braucht mich. Das Schiff ist voller Gäste, Alexander. Ich kann ihn nicht hängen lassen.“

„Du willst rausgehen und als Kellnerin arbeiten?“

„Warum nicht?“ Ellie reckte trotzig das Kinn, sodass Alexander es nicht wagte, noch etwas zu sagen. „Alles, was ich besitze, habe ich mir redlich erarbeitet.“

„Daran zweifle ich nicht“, murmelte er.

„Dir mag es ja wenig vorkommen, aber es gibt Dinge im Leben, die wichtiger sind als Geld.“

„Zum Beispiel?“

Ellie stockte der Atem, als Alexander näher trat. Noch vor einer Sekunde hätte sie ihm eine ganze Liste aufzählen können, doch jetzt … jetzt konnte sie nur noch an die Anziehungskraft denken, die zwischen ihnen herrschte. Wenn er die Wahrheit über sie wüsste, dann würde er sie verachten, ganz so, wie es der Freund ihrer Mutter prophezeit hatte.

Später hatte sie herausgefunden, dass der Typ bereits eine ganze Reihe junger Mädchen angegriffen hatte, doch er war nie vor Gericht gestellt worden. Voller Gleichgültigkeit hatte er ihr erklärt, dass kein anderer Mann sie nach ihm noch würde haben wollen, und dann hatte er seine glühende Zigarre auf ihrer Wange ausgedrückt …

„Du siehst so aus, als könntest du das hier gebrauchen.“

Ellie blickte erstaunt auf, als Alexander ihr ein Glas eiskaltes Wasser in die Hand drückte. Allmählich löste sie sich aus den Fängen der Vergangenheit und kehrte in die Gegenwart zurück. „Danke.“ Vorsichtig nippte sie an dem Glas und wich Alexanders Blick aus.

„Denkst du über etwas in der Vergangenheit nach, Ellie?“

Konnte er Gedanken lesen? Sie warf ihm einen raschen Blick zu, und in diesem Moment erkannte sie etwas in seinen Augen. Auch er hatte Schmerz erlebt!

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