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Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 284

4 Liebesromane
von Kate Walker

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Schicksalsnächte in Spanien

Wird Joaquin ihr schon bald den Laufpass geben? Cassandra hat Angst, die Liebe ihres Lebens zu verlieren. Denn bisher hat der feurige Spanier es nie länger als ein Jahr bei einer Frau ausgehalten ...

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Schicksalsnächte in Spanien

1. KAPITEL

Der Kalender hing dort an der Wand, wo Cassie ihn unmöglich übersehen konnte.

Egal, in welche Richtung sie schaute, er war immer in ihrem Blickfeld. Tatsächlich schien er sogar mit jeder Sekunde, die verstrich, größer zu werden, wobei das Foto mit der bunten, stimmungsvollen Festszene vor Lebendigkeit förmlich vibrierte.

Und mittendrin die fett gedruckten schwarzen Zahlen, die das Datum anzeigten. Besonders jenes, das sie krampfhaft zu verdrängen suchte und dem sie doch auch entgegenfieberte …

Cassie wusste selbst nicht, was sie genau empfand. Denn die Bedeutsamkeit und der Verlauf jenes Tages unterlagen ganz allein Joaquins Kontrolle. Und nur seiner. Sie hatte keinerlei Einfluss darauf.

Zumindest, wenn sie nicht riskieren wollte, die Dinge ungewollt in eine Richtung zu lenken, die ihr absolut missfiel. Aber war es das wert, in einer Situation auszuharren, die sie nur unglücklich machen konnte?

„Himmel! Hör endlich auf, dich verrückt zu machen!“, rief sie sich selbst zur Ordnung und strich gereizt eine vorwitzige goldblonde Haarsträhne hinters Ohr. „Lass dieses leidige Thema endlich ruhen, du drehst dich ja doch immer nur im Kreis!“

Und das hatte sie in den letzten drei Wochen tatsächlich getan, wie sie widerstrebend zugeben musste. Dabei entsprach das gar nicht ihrer üblichen spontanen und entschlussfreudigen Art.

Cassie schob die fein geschwungenen Brauen über den intensiv blauen Augen zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust und nagte an der Unterlippe. Seit sie das Kalenderblatt vom Vormonat abgerissen hatte, lauerte in der Mitte der dritten Woche dieses Monats der alles entscheidende Jahrestag.

Der Tag, von dem sie hoffte, dass Joaquin sich nicht daran erinnerte – oder falls doch, dass er dann anders als in der Vergangenheit darauf reagieren würde. Jedenfalls nicht damit, dass er sie verließ …

Oder besser, dass er ihr nahelegte, ihn zu verlassen, da es schließlich sein Haus war, in dem sie zusammenlebten.

Keine Frau durfte länger als zwölf Monate bei ihm bleiben. Immer wenn ein Jahr vergangen war – manchmal exakt auf den Tag genau –, verabschiedete er sich von seiner jeweiligen Geliebten und fuhr mit seinem Leben fort, ohne auch nur ein Mal zurückzuschauen.

Und am Ende dieser Woche würde eben ihr Traum zu Ende sein … oder nicht?

„Ach, Joaquin … wenn ich nur wüsste, was du denkst und fühlst“, flüsterte Cassie voller Pein.

Ob er sie jemals als etwas anderes gesehen hatte denn als eine Geliebte auf Zeit? Würde ihr das gleiche Schicksal beschieden sein wie ihren Vorgängerinnen?

Das Geräusch eines Schlüssels, der sich im Schloss der Haustür im Erdgeschoss drehte, riss Cassie aus ihren Ängsten und sehnsüchtigen Hoffnungen und katapultierte sie unsanft in die Wirklichkeit zurück. Sie war so in sich versunken, dass sie das Motorengeräusch des Wagens gar nicht wahrgenommen hatte, und jetzt erschien Joaquin. Und das auch noch unerwartet früh, ehe sie richtig Zeit fand, sich zu fassen.

„Cassandra!“

Der Klang ihres Namens, wie nur er ihn aussprechen konnte, ließ einen wohligen Schauer über ihren Rücken rinnen – ein rauer Singsang mit einem weichen rollenden R, der ihr Herz weitete.

Inzwischen war sie darin geübt, jede noch so winzige Nuance in der warmen dunklen Stimme wahrzunehmen und sie zu interpretieren. Sie gab ihr Aufschluss über seine momentane Laune und einen Hinweis darauf, was für die nächsten Stunden zu erwarten war.

Hörte Joaquin sich an wie gewöhnlich, war alles in Ordnung. Gab es Anzeichen einer gewissen Distanz oder echter Verstimmung, hatte sie so immer noch einige Sekunden Zeit, sich die passende Reaktion zurechtzulegen.

Cassie!“

Oh, was diesen Ton betraf, der war nicht misszuverstehen …

In dem kleinen Wort lag mehr Missbilligung und Ungeduld, als wenn Joaquin eine donnernde Schimpfkanonade abgefeuert hätte. Während andere die Kurzform ihres Namens als zärtliche und liebvolle Variante benutzten, diente sie ihm dazu, ihr zu vermitteln, dass sie aus irgendeinem Grund mal wieder in Ungnade gefallen war.

Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, dass sie ihn bereits an der Tür mit geöffneten Armen und einem Kuss empfing. Und an einem anderen Tag hätte Cassie auch nichts lieber getan als das. Aber heute schienen die quälenden Gedanken wegen des bevorstehenden Jahrestages ihre Reaktionsfähigkeit auf ein Zeitlupentempo zu reduzieren.

„Cassie, wo bist du?“

„Hier oben!“

Während sie sprach, war sie bereits auf dem Weg. Ein neuer Ton in seiner Stimme hatte den auf ihr lastenden Bann schlagartig gebrochen. Diesmal hörte Joaquin sich nicht so selbstsicher und überzeugt davon an, dass er nur den Mund aufmachen musste, um seinen Willen durchzusetzen.

Als ältestem Sohn von Juan Ramón Alcolar, dem spanischen Aristokraten, der gleichzeitig Besitzer und Geschäftsführer der Alcolar Corporation war, stand ihm seiner Meinung nach nicht nur Respekt und absoluter Gehorsam zu, sondern ebenso die Erfüllung jedes geäußerten oder zu erahnenden Wunsches. Wie er es von Kindesbeinen an gewohnt war.

Und heute, da er mit seinem exzellenten Weingut und – vertrieb den geschäftlichen Erfolg seines Vaters weit übertroffen hatte, erwartete er eher noch mehr.

Deshalb nannten ihn auch einige el lobo, den einsamen Wolf, der seinen eigenen Weg ging, ohne Hilfe oder Unterstützung anzunehmen – nicht einmal von seiner Familie.

Aber es gab auch jene, die einen Buchstaben in seinem Spitznamen veränderten und ihn el loco nannten – den Verrückten –, weil sie es nicht verstehen konnten, dass jemand freiwillig seinem Glück den Rücken kehrte. Anstatt die herausragende Position anzunehmen, die sein Vater ihm im Familienunternehmen bot, hatte Joaquin sich für ein eigenes Unternehmen entschieden, dessen Erfolg damals nicht abzusehen gewesen war.

„Ich komme!“

Nicht immer war Cassie in der Vergangenheit so schnell bereit gewesen, diesem speziellen Kommandoton zu folgen. Manchmal hatte sie Joaquin absichtlich herausgefordert, um aus purer Abenteuerlust sein hitziges Temperament zu reizen. Und sie war neben seiner jüngeren Schwester Mercedes eine der wenigen, die damit ungestraft davonkamen.

An einem anderen Tag hätte Cassie ihm nur allzu gerne Kontra gegeben, weil sie der Meinung war, dass Joaquin es brauchte. Jemand musste mal seinen anmaßenden Ton rügen und ihn in seiner Überzeugung erschüttern, dass er nur laut werden musste, um seinen Willen durchsetzen zu können.

Aber nicht heute. Nicht in diesem Moment. Nicht mit diesem Datum vor Augen und seiner offensichtlich schlechten Laune, die sie verunsicherte.

„Du bist heute sehr früh dran. Ich habe dich erst in einer Stunde erwartet.“

Sie schien auch nicht besonders erbaut von diesem Umstand zu sein, registrierte Joaquin für sich. Und genau das war einer der Gründe, warum er heute tatsächlich früher dran war als sonst. Cassandra hatte sich in der letzten Zeit auffällig verändert. Er verstand sie nicht mehr. Das passte ihm nicht, und deshalb hatte er sie überraschen wollen, um auf diesem Weg vielleicht herauszubekommen, was in ihrem hübschen Köpfchen vor sich ging.

„Das Meeting führte viel früher als erwartet zu dem gewünschten Ergebnis. Und da mich das anstehende Projekt in der nächsten Zeit völlig einspannen wird, dachte ich, ich nutze die Chance, einmal zeitiger nach Hause zu kommen.“

Während der Geschäftsbesprechung war er nicht richtig bei der Sache gewesen. Deshalb brach er sie auch spontan ab und machte sich, so schnell es ging, auf den Heimweg. Sicher hatte er dabei jede Geschwindigkeitsbeschränkung und noch eine Reihe weiterer Verkehrsregeln gebrochen.

„Warum überrascht dich das? Fühlst du dich vielleicht aus irgendeinem Grund ertappt oder gar schuldig?“

„Wie bitte? Nein, natürlich nicht!“, gab sie zurück.

Für ihn hörte sich ihr Protest ein wenig zu übertrieben an. Wie von jemandem, der tatsächlich etwas zu verbergen hatte.

„Ich erinnere mich nur daran, dass du sagtest, du könnest keinesfalls vor sieben hier sein.“

„Weil ich auch genau das erwartet habe. Außerdem hatte ich nicht den Eindruck, als würde es dir etwas ausmachen.“

„Ich habe mich doch auch überhaupt nicht beschwert“, gab sie fast schnippisch zurück.

So war sie jetzt schon seit einigen Wochen. Unberechenbarer und schärfer im Ton mit jedem Tag, der verstrich. Ständig überlegte Joaquin, womit er Cassie auch nur ein winziges Lächeln entlocken konnte. Früher hatte sie so gerne gelacht. Doch momentan schien ihr nichts mehr Freude zu machen.

Außer natürlich ihre Zeit im Bett. Zumindest dort hatte sie nichts von ihrer Lebhaftigkeit verloren. Wenn überhaupt möglich, schien ihr sexueller Appetit sich in der letzten Zeit noch verstärkt zu haben. Sie war leidenschaftlicher und wilder. Weniger die hingebungsvolle Cassandra, die er kannte, sondern eine entfesselte Verführerin und fordernde Geliebte, die ihn mit ihrer Intensität fast in den Wahnsinn trieb.

Trotzdem schien ihrer Beziehung plötzlich etwas Entscheidendes zu fehlen, und das machte ihn unruhig und seltsam traurig.

„Ich bin einfach nur überrascht.“

Inzwischen stand sie oben am Treppenabsatz und lächelte ihm zu. Eher freundlich als zärtlich oder gar begeistert, konstatierte Joaquin. Den dunklen Kopf stolz erhoben, stand er breitbeinig am Fuß der Treppe auf dem terrakottafarbenen Fliesenboden der weitläufigen Eingangsdiele und schaute zu ihr empor.

Ein weniger selbstbewusster Mann hätte so von oben betrachtet ungünstig und optisch verkürzt gewirkt. Joaquin hingegen sah seltsamerweise auch aus dieser Perspektive so imposant und überwältigend männlich aus, dass Cassies Herzschlag sich unwillkürlich beschleunigte.

Das dichte Haar, blauschwarz schimmernd wie das Gefieder eines Raben, trug er im Nacken etwas länger. Die ausdrucksvollen Augen waren womöglich noch dunkler und glühten in einem seltsamen Feuer. Die olivfarbene Haut hatte durch die sengende Sonne, wie sie um diese Jahreszeit in Jerez vom Himmel brannte, einen samtenen Bronzeton angenommen.

Für einen Spanier war er ungewöhnlich groß, was Joaquin in erster Linie seinen andalusischen Vorfahren verdankte. Die breite Brust ebenso wie die schmale Taille und die langen muskulösen Beine wurden durch den klassischen Schnitt des maßgefertigten grauen Designeranzugs eher unterstrichen als kaschiert. Vollendet wurde die elegante Aufmachung von einem blütenweißen Hemd und einer seidenen Krawatte.

Natürlich hing die – typisch für ihn – lässig gelockert um den kräftigen Hals. Joaquin Alcolar war zwar durchaus bereit, Zugeständnisse an eine konventionelle Businessuniform zu machen, aber dann zu seinen Bedingungen und nur solange es unbedingt notwendig war. Sobald er nach Hause kam, befreite er sich von solchen Fesseln der Zivilisation.

„Als das Meeting früher als erwartet beendet war, habe ich mir überlegt, dass ich hier wahrscheinlich noch mehr schaffen kann als im Büro.“

„Dann bist du also früher nach Hause gekommen, um noch zu arbeiten?“ Es hätte sie nicht so sehr treffen dürfen. Sie kannte ihn lange genug und wusste doch, wie er war. Trotzdem tat es jedes Mal aufs Neue weh.

„Ich dachte, du freust dich darüber.“

„So ist es auch.“

Es hört sich an, als müsse sie sich zwingen, das zu sagen, dachte Joaquin, und die nervöse Stimmung, die ihn schon den ganzen Tag über gefangen hielt, verstärkte sich von Sekunde zu Sekunde. Und warum stand sie immer noch dort oben auf der Treppe? Sie hätte längst herunterkommen sollen, um sich in seine Arme zu schmiegen.

Ja, das brauchte er jetzt, um sein gereiztes Gemüt zu besänftigen. Doch in letzter Zeit waren das, was er sich wünschte und was Cassandra wollte, offenbar ganz verschiedene Dinge. Ihre herzliche Spontaneität, mit der sie ihn im Sturm erobert hatte, war einer kühlen Indifferenz gewichen, die fast an Unhöflichkeit grenzte.

„Wenn sich Freude derart bei dir äußert, dann möchte ich dich nicht enttäuscht sehen.“ Mit Genugtuung sah er, wie sie vor Ärger errötete. Oder war das nur ein Zeichen ihres schlechten Gewissens? „Du siehst aus, als verbirgst du etwas vor mir“, fuhr er misstrauisch fort. „Was ist mit dir los, querida? Hältst du da oben etwa einen heimlichen Liebhaber versteckt?“

Er hatte es als Scherz gemeint, aber seine innere Anspannung ließ es eher wie eine Anschuldigung klingen. Prompt erhielt er die Quittung.

„Mach dich nicht lächerlich!“

Sie stand jetzt nur noch zwei Stufen über ihm und schaute ihn direkt an. Joaquin meinte ein leichtes Flackern in den Tiefen ihrer märchenhaft blauen Augen zu entdecken und versteifte sich automatisch.

„Warum sollte ich wohl einen Liebhaber brauchen?“

„In der Tat eine berechtigte Frage …“, murmelte er gedehnt. „Vielleicht reiche ich dir ja nicht mehr?“

Dies war ihr Stichwort, um sich reuig in seine Arme zu werfen, ihre samtene Wange an seine raue zu schmiegen und ihm das Gegenteil zu versichern. Für seinen Geschmack hatten sie diese ungute Szene schon viel zu lange ausgedehnt, um jetzt noch einen leichten, unverfänglichen Absprung zu schaffen.

„Cassandra?“

Da war er wieder, dieser verhangene Blick in ihren schönen Augen, der ihre Gedanken vor ihm verbarg und ihn ausschloss. Ein Zustand, der für Joaquin unerträglich war. Am liebsten hätte er sie bei den Schultern gepackt und so lange geschüttelt, bis sie ihm erklärte, warum sie sich so seltsam benahm.

Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, und er wollte endlich wissen, was es war.

„Doch, natürlich tust du das.“

Das Lächeln, das über ihr Gesicht huschte, war so flüchtig und unverbindlich, dass er sich davon noch mehr zurückgestoßen fühlte als durch ihre Einsilbigkeit.

„Mehr als genug …“

Was sollte das denn heißen? Doch Joaquin kam nicht dazu, darüber nachzugrübeln, weil Cassie sich jetzt endlich vorbeugte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Es war nicht mehr als ein sanftes Streicheln ihrer weichen Lippen. Dann war es auch schon vorbei.

Bis auf dieses Lächeln! Es war ohne Wärme und so … distanziert, als wäre sie in Gedanken meilenweit von ihm entfernt. Er hasste das Gefühl, das es ihm vermittelte.

Cassie kam die letzten beiden Stufen herunter, schob Joaquin freundlich, aber bestimmt zur Seite und ging in Richtung Küche davon. Verblüfft schaute er ihr hinterher.

„Ich mache mir einen Kaffee“, rief sie über die Schulter zurück. „Möchtest du auch einen? Oder lieber einen kühlen Drink? Es war schrecklich heiß, als ich heute Nachmittag draußen auf der Terrasse saß.“

„Inzwischen hat es sich abgekühlt.“

Wie um alles in der Welt kamen sie dazu, in einer Situation wie dieser über das Wetter zu plaudern? Das war ein Thema, das man mit Leuten diskutierte, die man nicht leiden konnte oder die einen langweilten. Leute, die man sich auf eine unverfängliche Art vom Leib halten wollte. Geschäftskontakte, Angestellte … seinen Vater.

Aber nicht seine Geliebte – die Frau, mit der er zusammenlebte!

„Also lieber keinen Kaffee?“

„Nein!“

Es war nicht der Kaffee oder ein Drink, den er so vehement ablehnte, sondern die Art und Weise, wie sie sich ihm entzog. Sie schaute ihn nicht einmal an, sondern warf die Bemerkungen so nachlässig in seine Richtung, als sei es ihr egal, ob er sie überhaupt hörte.

Nein!“

Mit wenigen schnellen Schritten war er an ihrer Seite. Jede seiner dynamischen Bewegungen drückte den Ärger aus, den er empfand. Brüsk umfasste er Cassies Unterarm und wirbelte sie zu sich herum.

„Joaquin!“

Doch er ignorierte ihren Protest. Ihm war es momentan völlig egal, ob sein harter Griff schmerzte oder Abdrücke auf dem zarten weißen Arm hinterließ. Sie tat ihm schließlich auch weh – auf eine viel tiefer gehende Weise.

Mit brennendem Blick durchforstete er ihr süßes vertrautes Gesicht … versuchte, in die Tiefe ihrer wundervollen Augen bis in ihr Innerstes, ihre Seele, vorzudringen, um zu ergründen, was sie vor ihm verbarg.

„Nein!“, stieß er noch einmal rau hervor, obwohl er selbst nicht mehr hätte sagen können, worauf sich das bezog. Joaquin wusste nur, dass ihm der Zustand, in dem er sich befand, nicht gefiel. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich derart hilflos und verstört gefühlt.

Er wollte sein altes Leben zurück. Rang verzweifelt um Kontrolle … über die Situation und über sich selbst, so, wie er es gewohnt war. Wie ein ruderloses Boot auf offener See zu treiben, machte ihn verrückt! Und das wegen einer Frau!

„Okay, schon verstanden … also keinen Kaffee. Was ist heute nur mit dir los?“

Was mit ihm los war?

„Nichts … jedenfalls nichts von Bedeutung.“

„Dann hör endlich auf, dich wie ein verwundeter Grizzlybär aufzuführen. Auch wenn du keinen willst, ich möchte jetzt meinen Kaffee trinken.“ Cassie senkte bedeutungsvoll ihren Blick auf seine schlanken, braun gebrannten Finger, mit denen er immer noch ihren Unterarm umklammert hielt.

Perdón.“

„Schon okay.“

Wieder warf sie ihm dieses bedeutungslose Lächeln zu. Por Dios! Noch etwas mehr in der Art, und sie würde den verwundeten Grizzly tatsächlich zu spüren bekommen! Wenn er etwas hasste, dann war es Unaufrichtigkeit. Doch ehe er den Mund öffnen konnte, veränderte sich Cassies Gesichtsausdruck.

„Nein, es ist nicht okay!“, nahm sie ihre Worte voller Vehemenz zurück. „Was fällt dir eigentlich ein, mich derart … zu misshandeln?“

Misshandeln …?“ Er dehnte das Wort so, dass es plötzlich in seiner ganzen Schwere im Raum zu lasten schien. „Das nennst du misshandeln? Was ist nur mit dir los, Cassie? Du bist doch sonst nicht so empfindlich, wenn ich dich berühre. Du …“

Kalte Wut über ihre ungerechtfertigte Anschuldigung trieb ihn auf sie zu. Jetzt stand er so dicht vor ihr, dass sie das Funkeln in seinen schwarzen Augen sehen konnte, das allerhöchste Erregung signalisierte. Flatternd senkte sie die Lider. Doch nicht schnell genug, dass Joaquin nicht den verletzten Ausdruck und noch etwas anderes, nicht Benennbares, hätte sehen können.

„… du hast es geliebt“, vollendete er seinen angefangenen Satz.

„Aber nicht so, wie du mich gerade festgehalten hast! Das mag ich überhaupt nicht!“, schoss sie sofort zurück. „Und lieben tue ich es noch weniger!“

„Habe ich dich verletzt? Wenn ja, dann möchte ich mich dafür …“

„Nein, du hast mich nicht verletzt … zumindest nicht so, wie du gerade denkst.“

Das unmerkliche Anheben ihres Kinns war reine Provokation, und das Blitzen in ihren Augen schürte das kaum gebändigte Feuer in den intimsten maskulinen Regionen seines kraftvollen Körpers. Sein Herz setzte einen Schlag aus, und dann rauschte das Blut wie sengende Lava durch seine Adern.

Und plötzlich wusste er, dass er sie berühren musste!

Nicht so, wie sie es ihm vorgeworfen hatte, sondern richtig. Er wollte ihren Herzschlag an seinem spüren und alle Bedenken, alles Misstrauen und Fremde zwischen ihnen wegküssen …

„Und du kannst dich entschuldigen, bis du schwarz wirst, es bedeutet mir nicht das Geringste!“, wütete Cassie weiter. „Du wirst mich nie wieder so behandeln und dann noch so tun, als sei nichts geschehen!“

Der unterschwellige Schmerz in ihren anklagenden Worten machte ihn stutzig. Hatte er bisher etwas übersehen, was sie ihm vielleicht durch ihr seltsames Verhalten vermitteln wollte? Denk nach!

Er versuchte es, und die Richtung, in die seine Gedanken dabei schweiften, gefiel ihm gar nicht. Joaquin schob die dunklen Brauen zusammen und versuchte zu differenzieren, welche der verstörenden Emotionen, die ihn gerade heimsuchten, die am schwersten wiegende war: Ungläubigkeit, Verständnislosigkeit oder Wut.

„Was genau willst du damit andeuten, querida?“, fragte er mit erzwungener Ruhe.

„Das ergibt doch alles keinen Sinn“, fuhr er fort, als er keine Antwort bekam. „Was hat dich überhaupt in diese seltsame Stimmung versetzt?“

„Du!“, entfuhr es ihr spontan.

Sie bewegte sich auf gefährlichem Grund, stellte Cassie nach einem vorsichtigen Blick in Joaquins angespanntes Gesicht fest. Solange sie innerlich nicht bereit war, ihm reinen Wein über ihre tatsächlichen Gefühle einzuschenken, musste sie höllisch aufpassen, sich nicht zu verraten. Sie hatte sich geschworen, ihn auf keinen Fall auf den bevorstehenden Jahrestag anzusprechen, doch das fiel ihr täglich schwerer.

Ihr letzter unbeherrschter Ausbruch war einem unfreiwilligen Geständnis schon viel zu nahe gekommen. Sie musste also auf der Hut sein.

„Am besten, du fasst mich überhaupt nicht mehr an.“

Langsam schüttelte er den Kopf, und seine Stimme war dunkel und samtig, als er wieder sprach. „Nein, querida! So leicht kommst du mir nicht davon. Wenn ich in deiner Nähe bin, ist es mir unmöglich, dich nicht zu berühren. Ein Blick aus deinen wunderschönen Augen macht mich schwach wie ein Baby, das weißt du auch genau. Und selbst jetzt, wo du in dieser aufgekratzten, angriffslustigen Stimmung bist, kann ich an nichts anderes denken, als dich an mich zu ziehen, zu streicheln …“

Ohne zu zögern, ließ er seinen Worten Taten folgen. Joaquin streckte die Hand aus, legte sie um Cassies Nacken und zog sie sanft, aber bestimmt an seine Brust. Zärtlich strich er ihr über die Schulter, den schlanken Hals, das Kinn …

Dabei schaute er ihr tief in die Augen. Sein Gesicht war jetzt sehr dicht vor ihrem.

„Und dich zu küssen …“, raunte er gegen ihre Lippen.

Nein! Es war ein stummer Protestschrei, den Cassie nur in ihrem Kopf widerhallen hörte. Es frustrierte sie zutiefst, mit welcher Leichtigkeit Joaquin sie manipulieren konnte. Wie oft hatte er diese unwiderstehliche, fast obsessive sexuelle Anziehungskraft zwischen ihnen ausgenutzt, um sie seinem Willen zu unterwerfen? Und zu verhindern, dass sie Themen ansprach, die ihm einfach nicht genehm waren.

Wie zum Beispiel ihre gemeinsame Zukunft … wenn ihnen überhaupt eine beschieden war!

Sie versuchte, den Kopf zu schütteln, ihn abzuwehren, aber er war zu stark und ließ es nicht zu, dass sie sich ihm verweigerte. Dennoch gab er sie für den Augenblick frei, schob sie ein Stück von sich und betrachtete sie mit einem siegesgewissen Lächeln auf den Lippen.

„Cassandra, querida, du weißt doch ganz genau, was du mit mir tust …“

Und was tat er mit ihr? Gerade passierte es wieder, ganz egal, wie sehr sie versuchte, sich dagegen zu wehren.

Sein Kuss war Joaquin pur. Reines Vergnügen … versierte Verführung … verstörende Zärtlichkeit und höchste Ekstase.

Er vertrieb ihre schweren Gedanken wie ein kraftvoller Sommerwind, besänftigte den nagenden Schmerz in ihrem Inneren und ließ sie als willenloses Strandgut zurück, das von der Flut aufs weite Meer der Emotionen hinausgespült wurde, ohne die Chance oder den Willen zur Rückkehr …

„Joaquin …“ Sein Name entrang sich ihr als sehnsüchtiger Seufzer.

„Und, mi belleza, wie siehst du mich jetzt?“

Sie konnte das Lächeln in seiner Stimme hören.

„Wie gefallen dir meine Berührungen?“

Warme, starke Arme, die sie umfangen hielten … ihr Kopf an seiner breiten Schulter, seine beschützende Hand in ihrem Nacken …

„Wie halte ich dich? Nennst du das wirklich eine Misshandlung?“

„N…nein.“

„Soll ich meine Hände wegnehmen?“

„Nein!“

Es war ein spontaner Protest, als er den Druck seiner Arme leicht lockerte und Cassie tatsächlich befürchtete, er wolle sie loslassen.

„Nein … nicht jetzt …“

Cassie fühlte sich bis ins Mark erschüttert, als sie feststellen musste, dass selbst dieser angedeutete Rückzug sich für sie wie ein kleiner Tod anfühlte. Als drohe sie, etwas Unwiederbringliches zu verlieren. Und sie wusste plötzlich mit absoluter Klarheit, dass sie alles tun würde, um das zu verhindern.

Doch zur gleichen Zeit meldete sich eine kleine, unwillkommene, aber ausgesprochen hartnäckige Stimme in ihrem Hinterkopf, die vehement gegen diese emotionale Bevormundung und Abhängigkeit protestierte.

Nein, nein, nein …

Wieder und immer wieder hallte es in ihrem Kopf. Cassie fühlte sich wie auf einem Kriegsschauplatz, wo die eine Seite sich danach sehnte, sich der nahezu unwiderstehlichen sexuellen Anziehungskraft dieses faszinierenden Mannes zu ergeben, während die andere Seite mit aller Kraft darum kämpfte, sich nicht von einer Übermacht der Gefühle zur Gefangenen machen zu lassen.

Wieder hörte Cassie sein dunkles, kehliges Lachen. Sie machte es ihm viel zu leicht, so viel stand fest. Aber sie hatte plötzlich keine Kraft und keine Lust mehr zu kämpfen … nicht gegen ihn und nicht gegen ihre eigenen Gefühle.

Mit einem leisen Seufzen schmiegte sie sich ganz fest an Joaquins Brust und schlang ihre Arme um seinen Hals.

Mi corazón …“, raunte er in ihr Ohr.

Dann spürte sie seinen Mund auf ihrer Schläfe. Von dort aus unternahm er mit seinen sensiblen Lippen eine langsame Reise über ihre Wange, das Ohrläppchen bis hinunter zur Schulter. Nie hätte Cassie geglaubt, dass so viel Lust und Frust in einem einzigen Kuss vereint sein könnten.

Er war zärtlich, bedachtsam und fordernd zugleich, dann wieder neckend, spielerisch bis zu einer Grenze, wo aus Leidenschaft Wildheit wurde, und dann wieder sanft wie eine leichte Sommerbrise …

„Jetzt misshandle ich dich aber nicht, sondern behandle dich so, wie eine Frau es von einem Mann erwarten kann – wie ich meine Frau verwöhnen möchte.“

Meine Frau.

Die Worte waren für Cassie wie ein Schlag ins Gesicht. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich aus der lustvollen Trance zu befreien, in die sie sich von Joaquins Liebkosungen versetzt gefühlt hatte, und der brutalen Realität ins Auge zu sehen.

Meine Frau.

Der triumphierende Ton in seiner dunklen Stimme sagte mehr über Joaquin Alcolar aus, als jedes noch so treffende Wort es vermocht hätte.

„Was denkst du, mi belleza, sollten wir dies nicht an einem komfortableren Ort fortsetzen?“

Mi belleza. Meine Frau.

Das war es, was für Joaquin zählte … sein Besitz, über den er die Kontrolle hatte. Er führte ein geplantes, überschaubares Leben voller Disziplin und Selbstkontrolle. Alles war so, wie er es wollte, und nichts geschah ohne seine Absegnung.

Das war es, was ihn an die Spitze gebracht hatte und seinen ständig wachsenden Erfolg ausmachte. Immer mit im Spiel, immer als Erster auf dem Gipfel, solange alles nach seinen Regeln lief.

Auch sie hatte sich zu seinen Bedingungen in sein perfekt konzipiertes Leben gefügt. Ob er tatsächlich erwartete, dass sie es ebenso bereitwillig zu seinen Bedingungen auch wieder verließ? Einfach aus der Tür ging, wenn er entschied, dass es der richtige Zeitpunkt war – egal, ob sie es wollte oder nicht?

War sie wirklich bereit dazu, sich derart von ihm manipulieren zu lassen?

Querida?“

Joaquin schien etwas irritiert wegen ihrer auffälligen Schweigsamkeit zu sein. Ob er fühlte, wie sie sich von ihm zurückzog? Wenn nicht körperlich, so doch seelisch?

„Was ist los mit dir?“

Cassie öffnete den Mund, um ihm zu antworten, merkte dann aber, dass ihr Hals so trocken war, dass sie keinen Ton herausbekam. Sie räusperte sich.

„Ich dachte, du bist extra früher nach Hause gekommen, um noch zu arbeiten“, erinnerte sie ihn so gleichmütig wie möglich. „Und ich brauche jetzt einen starken heißen Kaffee.“

Zum Glück war ihre Stimme schwach und rau genug, um ihre Behauptung glaubhaft zu machen. Sie hörte sich an, als habe sie ein Stück Sandpapier im Hals. Nervös fuhr sie mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen. Der Blick, mit dem Joaquin diese unbewusste harmlose Geste verfolgte, sandte ihr einen heißen Schauer über den Rücken.

„Ich bin völlig ausgetrocknet“, behauptete sie schwächlich.

Seine unnatürliche Ruhe stand im direkten Gegensatz zu seinen wahren Empfindungen. Nur mit Gewalt konnte er den brodelnden Ärger in seinem Inneren beherrschen. Doch Joaquin Alcolar war kein Mann, der sich von Emotionen beherrschen oder überwältigen ließ.

Seine Wut war nicht heiß und lodernd, sondern kalt wie Eis und gnadenlos wie ein Wintersturm, der erbarmungslos alles hinwegfegte, was sich ihm in den Weg stellte. Und immer kündigte sie sich mit einer gefährlichen trügerischen Stille an. Jeder Muskel in seinem starken Körper war angespannt, als warte er nur auf den richtigen Moment, um loszuschlagen.

„Du bist also durstig?“

Sein Ton verriet ihr, wie lächerlich diese Ausrede in seinen Ohren klang. Wie unmöglich es ihm erschien, dass jemand an etwas so Profanes wie trinken denken konnte, wenn er bereit war, ein Feuerwerk von Lust und Leidenschaft abzubrennen.

„Ja.“

Mehr brachte sie nicht heraus. Instinktiv zog Cassie vor seinem sengenden Blick den Kopf ein und starrte angestrengt auf ihre Füße. Wenn sie ihm jetzt in die Augen schaute, würde sie seine unterdrückte Wut sehen können, und das würde ihr den Nerv rauben, mit ihrer kleinen Vorstellung fortzufahren.

„Das habe ich dir doch bereits gesagt, als ich nach unten kam. Und ich habe immer noch großen Durst. Ich war gerade auf dem Weg …“

„Du willst mich aufziehen, sì?“

Er denkt tatsächlich, ich mache Witze, stellte Cassie voller Unbehagen fest. Er kann es nicht fassen, dass sich eine Frau seinen raffinierten Verführungskünsten nicht gleich ergibt. Offenbar hatte er erwartet, dass sie zu Wachs in seinen Händen wurde, wenn er sie nur berührte – auf den leisesten Wink von ihm reagierte wie ein gut trainiertes Hündchen.

Und wie recht er damit hatte! Aber das musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden.

„Warum sollte ich?“, fragte sie mit einer Nonchalance, von der sie in Wahrheit weit entfernt war.

Der Blick, den er ihr daraufhin zuwarf, ließ Cassie bis ins Mark erzittern, aber sie weigerte sich, ihm auszuweichen, und hob trotzig das Kinn.

„Cassie …“

Was immer er hatte sagen wollen, er kam nicht mehr dazu. Hinter ihnen bewegte sich erneut ein Schlüssel im Haustürschloss. Das Geräusch zog ihrer beider Aufmerksamkeit auf sich, und als die Tür schließlich mit einer Vehemenz aufgestoßen wurde, dass sie laut krachend gegen die Wand schlug, zuckte Cassie wie unter einem Schlag zusammen.

Auf der Schwelle stand ein Mann, der ebenso groß, kräftig und dunkel wie Joaquin war. Seine Gesichtszüge waren gegen das grelle Sonnenlicht, das hinter ihm durch die Tür flutete, nur schwer auszumachen.

„Cassie?“

Ihren Namen von einer Stimme ausgesprochen zu hören, die der Joaquins bestürzend ähnelte, verursachte ihr ein seltsames Gefühl im Magen. Selbst der Akzent war fast derselbe. Doch während Joaquins kalter und distanzierter Ton ihr noch im Ohr klang, traf sie die Stimme des Neuankömmlings voller Wärme, sodass ihre Augen unwillkürlich aufleuchteten und sich ihr Mund zu einem kleinen Lächeln verzog.

„Ramón! Wie schön, dich zu sehen!“

„Ramón …“ Joaquins Echo enthielt nichts von Cassies unüberhörbarer Begeisterung. „Was machst du hier? Und woher zum Teufel hast du überhaupt die Schlüssel zu diesem Haus?“

„Ich bin eingeladen“, erwiderte sein Bruder sonnig. „Und die Schlüssel …? Nun, Cassie hat mir ihre geliehen, damit ich nicht Gefahr laufe, draußen in der Hitze zu verschmoren, falls niemand zu Hause sein sollte. Hier, querida …“

Mit einem strahlenden Lächeln warf er den Schlüsselbund in Cassies Richtung. Geschickt fing sie ihn auf und steckte ihn kommentarlos ein. Sie konnte Joaquins bohrende Blicke förmlich im Nacken spüren und lächelte unwillkürlich in sich hinein.

Also war er doch nicht so cool und beherrscht, wie der hohe Herr immer vorgab zu sein!

Dass Joaquin über den Besuch seines Bruders nicht begeistert war, hätte selbst ein Blinder gesehen. Ob ihn etwa doch die Eifersucht plagte? Das könnte sie immerhin als einen kleinen Hoffnungsschimmer werten. Vielleicht sollte sie ein wenig mit Ramón flirten, um etwas mehr über die wahren Gefühle ihres Geliebten herauszufinden?

Cassie machte ein paar schnelle Schritte vorwärts und ließ sich bereitwillig von Joaquins jüngerem Bruder umarmen. Spontan drückte sie ihm einen Kuss auf die dunkle, etwas kratzige Wange.

„Komm herein. Möchtest du einen Drink? Wir wollten uns gerade einen Kaffee machen.“

„Dann nehme ich auch gerne einen.“

Der Blick, den Joaquin ihr zuwarf, ehe sie in Richtung der Küche davoneilte, hob ganz unversehens Cassies gedrückte Laune und schien ihr plötzlich sämtliche Risiken wert zu sein, die sie eingegangen war, um ihn zu provozieren und so aus seiner entnervenden Selbstsicherheit aufzuschrecken.

2. KAPITEL

Verflixter Ramón!

„Zur Hölle mit ihm!“ Unbeherrscht schlug Joaquin mit der geballten Faust gegen den Fensterrahmen, während er über den terrassenförmig angelegten Garten zum elegant geschwungenen Swimmingpool hinüberschaute, in dessen klarem Wasser sich die späte Nachmittagsonne widerspiegelte.

Musste dieser Kerl denn genau im unpassendsten Moment auftauchen? Einfach so ins Haus hereinspazieren, als gehöre es ihm, und dann auch noch Cassandra dieses unverschämte Lächeln zuwerfen? Und sie zu unterbrechen, während sie …

Ja, wobei eigentlich?

Die Unfähigkeit, diese einfache Frage zu beantworten, brachte ihn aus dem Konzept. Joaquin ballte seine Faust so fest, dass die Knöchel weiß unter der sonnengebräunten Haut hervortraten.

Diesmal fluchte er unbeherrscht in seiner Muttersprache und verdammte sich selbst mit den harschesten Worten.

Aber die Frage blieb trotzdem bestehen. Wobei hatte Ramón sie eigentlich unterbrochen? Dieses unkomfortable nagende Gefühl in seinem Hinterkopf, das er bereits seit Längerem wahrgenommen hatte und seit einigen Tagen überhaupt nicht mehr loswurde, brachte ihn an den Rand der Verzweiflung.

Dabei hatte er sich absolut auf der sicheren Seite gefühlt mit seinem Plan, heute einmal früher auf die Finca zurückzukehren und alle eventuellen Missverständnisse auf dem elegantesten Weg auszuräumen, der ihm zur Verfügung stand und auf dem Cassie ihm bisher immer mehr als bereitwillig gefolgt war …

Doch dann war sie wieder in dieser seltsamen Stimmung gewesen – wie schon häufiger in der letzten Zeit. Aber so leicht hatte er sich nicht geschlagen geben wollen. Und gerade als es ihm geglückt war, sie mit seinem Charme und bewährten Verführungskünsten ein wenig aus ihrem Schneckenhaus herauszulocken, wich sie ihm wieder aus.

Dabei hatte er fest mit seinem Erfolg gerechnet. In der Vergangenheit war es ihm immer gelungen, ihre Differenzen auf die eine oder andere Art beizulegen und den neu erworbenen Frieden dort zu feiern, wo sie sich beide am wohlsten fühlten … im Bett!

Aber Ramóns überraschende Ankunft machte alles zunichte. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er den vielversprechenden Auftakt ruiniert, die Stimmung zerstört und seinen Bruder schäumend vor Wut und Frustration einfach links liegen lassen, während er gut gelaunt mit Cassie in der Küche verschwand, um ihr beim Kaffeekochen zuzuschauen und mit ihr zu plaudern.

Langsam schien es so, als mache Ramón es sich zur Gewohnheit, einfach unangemeldet aufzutauchen. Besonders dann, wenn er überhaupt nicht erwünscht war.

War er damals nicht auch plötzlich auf der Türschwelle ihres Vaters erschienen, als Juan Alcolar und sein ältester Sohn gerade auf dem Tiefpunkt ihrer anstrengenden und wechselhaften Beziehung gewesen waren?

Ramón, der illegitime Sprössling Juan Alcolars – einer seiner außerehelichen Söhne, korrigierte Joaquin sich selbst, weil es schließlich auch noch Alex gab. Aber Ramón war alles, was Juan sich je von einem Sohn erträumt hatte, bis auf den Makel, dass er niemals sein legitimer Nachfolger würde sein können.

„Nein!“

Wie oft wollte er das heute eigentlich noch sagen? Es schien ihm zu einer Art Gewohnheit zu werden.

Es war nicht Ramóns Fehler, dass er war, wer er war. Und schon gar nicht, dass sein Vater als unverbesserlicher Schürzenjäger galt. Dass er tatsächlich von seinem Fleisch und Blut abstammte, daran bestand nicht der leiseste Zweifel. Man brauchte sie nur nebeneinander zu sehen.

Ebenso wenig konnte Joaquin es Ramón vorwerfen, vorsätzlich in die unangenehme Konfrontation zwischen ihm und Cassandra hineingeplatzt zu sein. Eine Situation, die schon fast alltäglich genannt werden konnte. Diese fühlbare Spannung und das nagende Unbehagen erschienen ihm selbst schon fast normaler als der lockere, angenehme Ton, wie er zu Beginn ihrer Beziehung geherrscht hatte.

Ach ja, der Beginn …

Joaquins harte Züge entspannten sich, und ein leichtes Lächeln umspielte seinen gut geschnittenen Mund.

In der Anfangszeit war es einfach unglaublich zwischen ihnen gewesen. Fantastisch, traumhaft und atemberaubend sinnlich …

Beide fühlten sich davongetragen auf einer Wolke sexueller Lust und wilden Begehrens – unfähig, die Hände voneinander zu lassen, darauf bedacht, in der Öffentlichkeit auch den harmlosesten Kuss zu vermeiden, aus Angst, sonst von ihren Gefühlen hinweggeschwemmt zu werden.

Und wenn sie zu Hause waren, dann waren sie im Bett. Rückblickend erschien es ihm, als hätten sie das Schlafzimmer monatelang nicht verlassen, außer um zu essen, damit sie wieder zu Kräften kamen.

Doch das hatte sich in letzter Zeit gründlich geändert.

Und schon war es wieder da … das Stirnrunzeln, der düstere Blick.

Ihr Sex war immer noch grandios, zumindest für Joaquin. Cassandra erregte ihn wie keine Frau zuvor. Doch außerhalb des Bettes erschien sie ihm manchmal wie eine Fremde. Zunehmend hatte er das Gefühl, dass sie mit den Gedanken ganz woanders war. Und …

An dieser Stelle kamen seine sinnlosen Grübeleien abrupt zum Stillstand, aufgehalten durch den Anblick, der sich ihm bot, als er aus dem Fenster schaute.

„Cassandra!“

Während er sich für eine Dusche entschieden hatte, um sich zu erfrischen, war Cassie offensichtlich auf dem Weg zum Pool, um im einladend kühlen Wasser ein Bad zu nehmen. Ramón war offensichtlich schon wieder weg. Wie angewurzelt stand Joaquin da und folgte mit brennendem Blick der schlanken Gestalt im pinkfarbenen Bikini, der im Rücken und an den Seiten mit spaghettidünnen Bändchen gehalten wurde. Das lange blonde Haar hatte Cassie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der bei jedem ihrer Schritte herausfordernd wippte.

Bella!“

Es war ein inbrünstiger, fast ehrfürchtiger Ausruf, der von ganz tief unten kam. Man hätte denken können, dass er sich in den zwölf Monaten ihres Zusammenseins an ihre unglaubliche Schönheit gewöhnt haben müsste, aber so war es nicht. Immer wieder traf ihr Anblick ihn wie ein Schlag.

Der heiße Bikini war längst nicht so winzig und herausfordernd wie einiges, was er in der Privatsphäre ihres Schlafzimmers zu Gesicht bekommen hatte, aber für einen Mann, der ihren Körper so intim kannte wie Joaquin, war dieses bisschen Lycra, das Cassies weibliche Formen so deutlich nachzeichnete, noch bevor sie im Wasser war, die reinste Tortur.

Die grelle aggressive Farbe stand im starken Kontrast zu ihrer glatten Haut, die selbst nach einem Jahr unter spanischer Sonne nicht mehr als einen zarten Goldton angenommen hatte.

Joaquin fühlte seinen Mund trocken werden. Allein bei dem Gedanken, unter seinen Händen ihre samtene, sonnenwarme Haut zu spüren, verursachte ein schmerzhaftes Ziehen in seinen Lenden.

„Verflixt noch mal!“

Sein Verlangen nach ihr steigerte sich langsam zu einer brennenden Begierde, die er kaum noch beherrschen konnte. Er war bereits voll erregt, und der Anblick von Cassie, wie sie mit erhobenen Armen an der Stirnseite des Pools stand, wobei sich ihre Brüste fast wollüstig gegen das enge Bikinioberteil drängten, entlockte ihm ein dumpfes Aufstöhnen. Es war eine süße Tortur, die er einerseits beenden, andererseits bis zur Schmerzgrenze auskosten wollte.

Er begehrte diese wunderschöne Frau. So sehr, dass es dafür keine Worte gab. Mit einem Hunger, den die unzähligen Male, die sie in den letzten zwölf Monaten Sex miteinander gehabt hatten, nicht stillen konnten. Wenn überhaupt möglich, verzehrte er sich mit jedem Tag mehr nach ihr.

Als Cassie sich ganz langsam auf die Zehenspitzen hob und mit einem eleganten Kopfsprung in das türkisfarbene Wasser des Pools eintauchte, hielt er den Atem an. Und noch bevor sie wieder die Wasseroberfläche durchstieß, war er bereits auf dem Weg. Das Handtuch, mit dem er sich eben noch das nasse Haar frottiert hatte, lag unbeachtet auf dem Boden, während Joaquin, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunterstürmte. Den letzten Absatz nahm er mit einem Sprung, und dann eilte er barfüßig hinaus auf die Terrasse und weiter zum Pool.

Cassie musste eben erst aufgetaucht sein, denn als er am Pool ankam, schüttelte sie sich das Wasser aus der blonden Mähne und schwamm dann zur entgegengesetzten Poolseite. Sie hatte ihn nicht kommen sehen – wusste nicht, dass er da war. Aber Joaquin beabsichtigte nicht, so lange zu warten, bis sie ihn bemerkte. Er wollte sie in seinen Armen halten und ihren Körper an seinem spüren … jetzt sofort!

Ohne noch einmal tief Luft zu holen, tauchte er mit einem Hechtsprung ins Wasser ein und steuerte im kraftvollen Kraulstil auf Cassie zu.

Der erste Hinweis auf Joaquins Anwesenheit war für Cassie das Geräusch aufspritzenden Wassers, als sein kraftvoller Körper in den Pool eintauchte.

Ein Strudel widerstreitender Gefühle nahm ihr den Atem. Angefangen vom Schock über sein unerwartetes Auftauchen, Unsicherheit über seine Absichten, Besorgnis, in welcher Stimmung er gerade sein mochte, und kribbelnder Aufregung und Vorfreude, als sie sich an die anderen Gelegenheiten erinnerte, bei denen er ihr in dieser Weise gefolgt war …

Er war ein guter Schwimmer, aber darin stand sie ihm in nichts nach. Und als sie sah, dass er nicht gleich auf sie zuhielt, sondern eine auffordernde Kopfbewegung in Richtung des entfernt liegenden Endes des großzügigen Pools machte, lachte sie wie befreit auf und nickte. In der Vergangenheit hatten sie sich so manches Gefecht im Wasser geliefert, das immer gleich endete …

„Okay, na dann …“, murmelte Cassie, tauchte unter die Oberfläche und stieß sich kräftig mit den Beinen von der Poolwand ab. Während sie wie ein Pfeil durchs Wasser glitt, zeigte ihr ein schneller Blick über die Schulter, dass Joaquin ihr unaufhaltsam näher kam. Sie verdoppelte ihre Anstrengungen und fühlte das Adrenalin durch ihre Adern strömen.

Die Ziellinie war bereits in Sicht, aber Joaquins gebräunter Arm und sein dunkler Schopf waren fast auf gleicher Höhe mit ihr. Sie schaute zur Seite und direkt in seine faszinierenden Augen, die triumphierend leuchteten. Das Aufblitzen weißer Zähne, ein letzter kraftvoller Stoß seiner muskulösen Beine, und er schoss an ihr vorbei und berührte mit den Fingerspitzen die gekachelte Poolkante … keine drei Sekunden bevor sie sich daran festklammerte.

„Okay, du hast gewonnen …!“, keuchte Cassie lachend.

Plötzlich waren die Unsicherheit und Bedrückung, die sie den ganzen Tag gefangen gehalten hatten, wie weggewischt. Während ihre Füße langsam im Wasser hinuntersanken, presste Cassie ihre heiße Wange kurz gegen die kühlen Fliesen. Dann schüttelte sie ihr Haar aus und schaute zur Seite.

Und da war es wieder, dieses triumphierende jungenhafte Lächeln, das sie so gut kannte … nichts weiter als blitzende weiße Zähne und funkelnde schwarze Augen.

„Angeber!“, hielt sie ihm vor.

Natürlich hatte er jedes Recht dazu. Im Gegensatz zu ihr atmete Joaquin nicht einmal schneller als normal. Der breite bronzefarbene Brustkorb hob und senkte sich so regelmäßig, als habe er gerade einen gemächlichen Spaziergang absolviert statt ein Wettschwimmen. Als er sich aufrichtete, rannen glitzernde Wassertropfen durch das dunkle Brusthaar und vereinigten sich auf dem flachen Bauch zu einem Rinnsal. das in den Pool zurückfloss. Cassie schluckte und versuchte, den Blick abzuwenden, aber es wollte ihr nicht gelingen.

Joaquins Lächeln wurde noch breiter, und sein wissender Blick trieb heiße Röte in ihre Wangen. „Mag sein, aber ich habe gewonnen! Also schuldest du mir etwas …“

Cassie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Es hatte wohl wenig Zweck zu versuchen, ihm vorzumachen, sie wüsste nicht, worauf er hinauswollte. Dafür hatten sie dieses Spielchen zu oft gespielt.

„Der Überraschungsvorteil war auf deiner Seite“, versuchte sie es mit einer letzten Ausflucht.

Joaquin lachte. „Das war nicht anders, als du beim letzten Mal gewonnen hast. Und da hast du auch darauf bestanden, deinen Preis einzulösen …“

In Erinnerung an ihr letztes Wettschwimmen, auf das er so taktlos anspielte, vertiefte sich Cassies Röte noch. Sie fühlte ihren ganzen Körper heiß werden und fuhr sich unbewusst mit der Zungenspitze über die Unterlippe, während sie daran dachte, wie sie Joaquin geneckt und zu wildem Sex herausgefordert hatte … hier im Pool, unter dem nächtlichen Sternenhimmel.

Doch das war über einen Monat her. Vor exakt fünf Wochen hatten sie sich zum letzten Mal einen fröhlichen Wettkampf im Pool geliefert. Fünf Wochen, in denen Joaquin immer weniger Zeit für sie übrig hatte, von Tag zu Tag angespannter und unzugänglicher wurde und sie damit in einen Zustand zunehmender Angst und Panik versetzt hatte.

Der unausgesprochene Riss in ihrer Beziehung hatte sich zu einer Kluft ausgeweitet, die Cassie inzwischen fast unüberbrückbar erschien. Langsam wurde ihr allerdings bewusst, dass Joaquin nicht die alleinige Schuld daran trug. Fast fürchtete sie sogar, dass ihre Unfähigkeit, ihre zunehmend schlechte Stimmung in den Griff zu bekommen und ihre wahren Gefühle zu offenbaren, den Hauptgrund für ihre Probleme darstellten. Trotzdem brachte sie es nicht fertig, etwas daran zu ändern.

Schlagartig war ihre gute Stimmung dahin. „Also, was willst du?“, fragte sie spröde und las die Antwort im Aufflammen seines herausfordernden Blickes, mit dem er ihren Körper von oben bis unten abtastete. Doch zu ihrer Überraschung ruhte er plötzlich auf ihren bebenden Lippen.

„Einen Kuss“, sagte Joaquin sanft. „Nur einen kleinen Kuss. Ist das zu viel verlangt?“

Ob er das tatsächlich ernst meinte? Cassie bezweifelte es, aber selbst wenn … wer konnte dafür garantieren, dass es dabei blieb?

Weder ich noch er, musste sie ehrlich zugeben. Viel zu schnell führte ein Kuss zum zärtlichen Streicheln und dann …

Und wenn schon, meldete sich eine trotzige Stimme in ihrem Hinterkopf. Vergessen war plötzlich die Unsicherheit, die sie am Morgen empfunden hatte, und machte einer Sehnsucht Platz, die noch genährt wurde von den nagenden Zweifeln, die sie den ganzen Tag über gequält hatten und die sie in Joaquins Armen vergessen wollte.

Das Adrenalin, das während ihres Wettschwimmens Cassies Körper durchströmt hatte, pulsierte immer noch in ihren Adern, sodass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Dieses berauschende Gefühl, hier neben Joaquin im Pool zu stehen, in der Sonne, die ihre Schultern und Arme wärmte, dem kühlen Wasser, das ihre Hüften umspielte, ließ sie alle guten Vorsätze vergessen, die sie sich noch vor wenigen Stunden selbst eingebläut hatte.

Und wenn sie ganz ehrlich war, bewegten sie noch ganz andere Emotionen beim Anblick von Joaquins muskulösem bronzefarbenen Körper, dem gut geschnittenen Gesicht mit den hohen Wangenknochen, dem schönen Mund und eigenwilligen Kinn, das jedem sofort klarmachte, dass dieser Mann genau wusste, was er wollte.

Plötzlich fühlte Cassie sich ganz schwindlig vor Verlangen.

Langsam streckte sie eine Hand aus, strich damit sanft über seine Schulter, den schwellenden Bizeps, die breite Brust und weiter hinunter in kleinen, herausfordernd erotischen, kreisenden Bewegungen.

„Cassandra …“ Joaquin war unter der unerwarteten Berührung zur Salzsäule erstarrt, doch jetzt begann er, unkontrolliert zu zittern. Seine Stimme war ganz sanft und rau. „Bekomme ich jetzt endlich meinen Kuss?“

Wie in Trance lehnte Cassie sich vor, legte ihre Lippen auf seine schmale Wange, spürte die rauen Bartstoppeln an ihrem weichen Mund, sog ganz tief den vertrauten Duft ihres Geliebten ein und wusste, sie war verloren.

Und, was viel schlimmer war, es machte ihr nicht einmal etwas aus.

„Das, querida …“, protestierte Joaquin und hielt sie fest, als sie von ihm wegstrebte, „… war kein Kuss. Damit ist dein Konto bei mir noch lange nicht ausgeglichen.“

Mit einiger Anstrengung gelang es Cassie, den Kopf zu heben und ihm in die Augen zu schauen. Und sein zufriedenes Lächeln zeigte ihr, dass er die stumme Antwort in ihrem Blick völlig richtig interpretierte.

„Oh, wenn das so ist, sollte ich es vielleicht noch einmal probieren“, murmelte sie heiser.

„Unbedingt.“

„Na gut, wie ist es damit …?“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da presste sie ihren Mund auf seine Lippen, teilte sie mit ihrer Zungenspitze und küsste ihren überrumpelten Geliebten mit einem Feuer und einer Wildheit, die ihm fast die Sinne raubten. Doch er brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um sich von seiner Überraschung zu erholen und ihre Leidenschaft mit einer Hingabe zu erwidern, die heiße Tränen in Cassies Augen trieb.

„Schon besser …“, raunte er gegen ihre brennenden Lippen. „Das nenne ich einen Kuss.“

Cassie legte die Arme um seinen Hals, und als er daraufhin ihre Taille umfasste und sie mit einer heftigen Bewegung an sich zog, schlang sie ihre langen Beine um seine Hüfte. Und was sie fühlte, war hart, heiß und unheimlich männlich. Seine spürbare Erregung ließ sie unwillkürlich nach Atem ringen, und ihr Körper antwortete darauf in einer Art und Weise, die sie bis ins Innerste erschütterte.

Als Joaquin sich auch noch bewegte, entrang sich Cassie ein erstickter Laut.

Señor Alcolar …!“, keuchte sie erstickt. „Sie … Sie sind ja völlig nackt!“

Joaquins spöttisches Lächeln ließ jede Reue vermissen.

„Und …?“

Provokativ nahm er die muskulösen Schenkel auseinander, sodass sie im Sog des Wassers zwischen seine Beine driftete. Dabei presste er sie noch fester an seinen Leib.

„Und … erregt!“

„Unverkennbar, aber du, querida …“ Mit einer blitzartigen Bewegung zog er die schmalen Bändchen auf, die das pinkfarbene Stückchen Stoff zwischen ihren Beinen hielten, und schwenkte es wie eine Trophäe über seinem Kopf. „… du stehst mir in nichts nach … nackt und erregt …“

„Joaquin!“

Cassie wusste selbst nicht, ob sie entsetzt oder entzückt über seinen frivolen Ton sein sollte. Und dass Joaquin keinerlei Zweifel an ihrem Zustand hegte, war kein Wunder angesichts ihres rasenden Pulses und der erhöhten Atemfrequenz. Und als er jetzt die Hände unter ihr Bikinioberteil schob und die empfindlichen Brustspitzen reizte, versuchte sie auch gar nicht mehr, ihre wachsende Lust vor ihm zu verbergen.

„Na, wie fühlt sich das an?“, fragte er mit samtener Stimme.

„Gar nicht mal so schlecht …“, murmelte sie gegen seinen Hals, knabberte zärtlich an seiner Schulter und lachte leise, als ihn ein heftiger Schauer durchfuhr. „Aber ich denke, das kannst du noch besser …“

Mit einem geschickten Griff befreite Joaquin ihre vollen Brüste aus ihrem pinkfarbenen Käfig und widmete sich ihnen mit einer Hingabe, die Cassie einen erstickten Laut entlockte. Gleichzeitig umfasste er ihre runden Pobacken und presste ihren zarten Körper an seine harte Männlichkeit.

„Joaquin!“, keuchte sie. „Bitte …“

„Bitte was …? Sag es mir, querida!“

„Ich … ich will dich!“

Mit einem dumpfen Laut eroberte er ihre bebenden Lippen und küsste sie mit einer Wildheit, die ihr fast die Sinne schwinden ließ.

„Ich brauche dich!“, stieß Cassie fast verzweifelt hervor, als sie endlich wieder Luft bekam. Es war eine Kapitulation.

„Und ich will dich!“ Sein heiserer Aufschrei war Joaquins Zugeständnis an den Verlust der Kontrolle über seinen Willen und seine Libido. Mit einem kraftvollen Schwung hob er Cassie hoch und strebte auf die Stufen zu, die aus dem Pool führten. Halt suchend schlang sie die Arme um seinen Nacken, presste ihre Wange an seine und protestierte nur halbherzig, als er sie, nicht gerade sanft, auf einer der Sonnenliegen am Rande des Pools absetzte.

„Joaquin! Wir sind hier draußen … im Freien!“

„Und so ungestört, als wären wir oben in meinem Schlafzimmer“, erklärte er unbekümmert und legte sich zu ihr auf die grün-weiß gestreiften Kissen. „Also, lehn dich entspannt zurück und lass dich von mir verwöhnen …“

Noch während er das sagte, fuhr er zärtlich mit seinen kühlen Händen ihre zarten weiblichen Konturen nach, bis hinunter zu den samtenen Innenseiten ihrer schlanken Schenkel … der Stelle, die er an einer Frau als am erotischsten empfand. Ehrlich gesagt, wusste er gar nicht, wen er gerade in erster Linie verwöhnte … Cassie oder sich selbst.

Es gab Zeiten, da musste es die wilde Leidenschaft sein, die einen so ungezähmt und unberechenbar wie ein Tornado auf den Gipfel der Lust katapultierte. Und manchmal erforderte es bedachte Zärtlichkeiten und alle Zeit der Welt, um den Gleichklang der Körper zu erreichen, damit sie auf den sanften Wellen sinnlicher Lust und Hingabe ihre Erfüllung fanden.

Und dies war so ein Moment …

Querida …“, raunte Joaquin gegen Cassies Lippen. „Du bist alles, was ein Mann bei einer Frau sucht … bei seiner Geliebten …“

Ohne Unterlass streichelte er ihren bebenden Körper, liebkoste ihre empfindlichsten Stellen und genoss den Gedanken, dass sie einander so gut kannten wie ein Musiker sein Lieblingsinstrument. Dann schob er sich ganz langsam über sie, und Cassie öffnete bereitwillig die Schenkel.

„Joaquin …!“, flüsterte sie drängend und brachte ihn damit zum Lächeln.

Das war eine der Eigenschaften, die ihn an ihr anzogen – ihre Ungeduld, ihr sexueller Hunger, der nicht nur sein eigenes Begehren anstachelte, sondern ihn manchmal sogar überholte, wenn sie ihre auflodernde Leidenschaft nicht beherrschen konnte. Nie zuvor hatte er so eine Geliebte gehabt. Niemand hatte seine Bedürfnisse und lustvollsten Fantasien so umfassend befriedigen können wie dieses heißblütige Wunderwesen.

Und als sie ihn jetzt wie eine Ertrinkende umklammerte und ihre Nägel in seinen Rücken grub, konnte Joaquin sich nicht länger beherrschen. Mit einem harten, kraftvollen Stoß beantwortete er ihre unausgesprochene Einladung, und dann gab es in seinem Kopf keinen Raum mehr für Taktiken und Bedenken … nur pure physische Lust, die ihn immer weiter und höher vorantrieb in eine andere Welt.

Und Cassie folgte ihm auf jedem Schritt dieser unglaublichen Reise. Nach einem Jahr Beziehung waren ihre Körper und Bedürfnisse perfekt aufeinander eingespielt. Es gab kein Zaudern und keine Tabus.

Und die warme Sonne auf ihrer nackten Haut war wie ein zusätzliches Aphrodisiakum … dazu der süße Duft der exotischen Pflanzen, die im Garten blühten, das Zwitschern der Vögel in den Bäumen um sie herum … das alles erhöhte das erotische Vergnügen für sie beide in einem Maß, das kaum noch erträglich war.

Sie waren einander völlig hingegeben … zügellos im treibenden Rhythmus der Begierde … und atemlos auf dem Gipfel der Ekstase.

„Deshalb gehörst du zu mir, Cassandra …“, murmelte Joaquin zufrieden, als sie aneinandergeschmiegt dalagen und langsam in die Wirklichkeit zurückkehrten. „Deshalb sind wir immer noch zusammen … du gehörst mir.“

Und in diesem Moment absoluter Erschöpfung wünschte sich Cassie nichts mehr, als behaupten zu können, dass ihr das reiche …

3. KAPITEL

Und diese Illusion hielt sogar noch bis zum nächsten Morgen. Hauptsächlich, weil Cassie in dieser Nacht gar nicht zum Nachdenken kam.

Sie hatte sich noch kaum vom Wonnegefühl des Sinnenrauschs erholt, da hob Joaquin sie auf seine Arme und strebte aufs Haus zu. Cassies Atem ging immer noch unregelmäßig, und der feine Schweißfilm auf der nackten Haut trocknete nur langsam in der schwachen Abendsonne.

„Joaquin …“, protestierte sie halbherzig, als er sie direkt die Treppe zum Obergeschoss hinauf und in sein Schlafzimmer trug. Dort legte er sie behutsam in den weichen Kissen ab, streckte sich genüsslich neben ihr aus, zog sie an sich und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund.

Daraufhin gab Cassie jeden Gedanken an Widerstand auf. Sie schmolz in seinen Armen dahin, und der Druck seines muskulösen Körpers an ihrem weckte ihre Lust aufs Neue und rief Gefühle in ihr wach, die sie ganz schwach machten.

Nur für heute Nacht wollte sie ihre Bedenken und Ängste vergessen. Für den Moment reichte ihr, was Joaquin ihr anbot. In den nächsten Stunden wollte sie sich treiben lassen, auf seine raue dunkle Stimme hören, mit der er ihr in seiner Muttersprache eine unverständliche Litanei ins Ohr raunte, die sich für sie trotzdem so sexy und erotisch anhörte, dass ihr heiße Schauer über den Rücken liefen.

Und während er mit kleinen getupften Küssen einen brennenden Pfad über ihren Hals … die Schultern … zu den Brüsten zog, denen er sich dann mit Hingabe und wachsender Leidenschaft widmete, schloss Cassie die Augen und biss sich auf die Unterlippe, um ihre Lust nicht laut herauszuschreien.

„Joaquin!“, brachte sie erstickt hervor, als sie glaubte, die süße Qual nicht länger aushalten zu können. „Gütiger Himmel … Joaquin …“

Und dann versank die Welt um sie herum in einem dichten rosa Nebel.

Cassie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, ehe sie aus dem Sturm ihrer Gefühle auftauchten, nur um sich nach einer kleinen Atempause erneut in den Strudel der Begierde hineinziehen zu lassen. Ihr Hunger aufeinander schien kein Ende nehmen zu wollen.

Später erinnerte sie sich nur noch vage daran, dass Joaquin irgendwann das Bett verließ, in die Küche hinunterging und wenige Minuten später mit einem Tablett in der Hand zurückkehrte, das mit frischem Brot, Käse, Obst und einer Flasche des besten Weines aus eigener Herstellung beladen war. Dazu gab es natürlich zwei kostbare Kristallgläser und gestärkte Leinenservietten.

Er fütterte Cassie mit der Hand, indem er abwechselnd ein Stück Brot oder Käse abbrach, ihr zwischendurch knackige Trauben und saftige Aprikosen in den Mund schob und ihr sogar das Glas mit dem dunklen Rotwein an die Lippen hielt, damit sie einen Schluck trinken konnte. Danach küsste er zärtlich einen glänzenden Tropfen von ihrer Unterlippe und trieb damit erneut Cassies Puls in schwindelnde Höhen.

Nachdem sie ihr schlichtes Mahl eingenommen hatten, stellte er das Tablett auf einem Tischchen am anderen Ende des Zimmers ab und kehrte zum Bett zurück. Wortlos fasste er Cassie bei den Händen, zog sie zu sich hoch und dann ins angrenzende Bad.

Unter der Dusche wusch Joaquin ihr die Brotkrümel von der Haut, den klebrigen Obstsaft aus dem sanften Tal zwischen ihren Brüsten, und weil sie das bereits wieder erregte, liebten sie sich hingebungsvoll im warmen Wasserstrahl wie in einer magischen Oase, wo nichts zählte außer ihrer Leidenschaft und sinnlichen Freude aneinander.

Gemeinsam steuerten sie auf den Höhepunkt zu, und nachdem sich ihre Ekstase mit einem wahren Wirbelsturm der Gefühle entladen hatte, blieb ihnen kaum noch genug Kraft und Energie, um den Weg zurück ins Bett zu schaffen, wo sie augenblicklich in einen Schlaf der Erschöpfung fielen, der fast schon einer Ohnmacht glich.

Wir haben die ganze Nacht über kaum ein Wort gesprochen, ging es Cassie jetzt, da sie wieder wach und bei Sinnen war, durch den Kopf. Aber das war auch nicht notwendig gewesen. Sie hatten sich mühelos ohne Worte verstanden, ja, eigentlich wusste der eine immer schon, was der andere sich wünschte, ohne dass er es erst aussprechen musste.

Aber jetzt war die Schonfrist vorbei. Heute mussten sie reden. Es gab wichtige Dinge, die sie Joaquin fragen und mit ihm diskutieren wollte. Das Kissen neben ihr trug noch den Abdruck seines Kopfes, und sein unvergleichlicher Duft entströmte bei der leisesten Bewegung den Laken und machte sie ganz verrückt.

Doch von dem Mann selbst war nichts zu sehen. Ein schneller Blick ins Bad ergab, dass er dort nicht war, doch Cassie war gerade auf dem Weg zurück ins Bett, da ging die Tür auf, und Joaquin stand auf der Schwelle. Obwohl sie nichts Verbotenes getan hatte, fühlte sie sich wie ertappt.

Doch Stolz und Trotz verbaten es ihr, sich wie ein erschrecktes Reh unter die schützenden Laken zu flüchten, nur weil sie nackt war. Immerhin hatte es ihr in der Vergangenheit immer besondere Freude bereitet, Joaquins stets bereite Libido mit vorgetäuschter Gedankenlosigkeit zu provozieren.

„Cassandra!“, rief er überrascht aus. „Ich dachte, du schläfst noch tief und fest.“

„Das hast du gehofft, willst du wohl sagen“, konterte sie spöttisch und merkte in der gleichen Sekunde, dass ihre aufgesetzte Flapsigkeit ein Fehler war.

Das signalisierte schon sein Aufzug – der elegante dunkle Anzug, die dezente Krawatte – alles roch nach Disziplin und Arbeit!

„Ja, ich wollte dich tatsächlich nicht unnötig wecken“, gab er kühl zurück. „Ich dachte, du würdest dich vielleicht erholen wollen, nachdem wir …“

Sein bedeutungsvoller Blick trieb heiße Röte in Cassies Wangen und brachte ihre Haut zum Kribbeln. Was sie jedoch gleich wieder verstimmte, war das triumphierende Aufblitzen, das seine dunklen Augen für einen Sekundenbruchteil erhellte. Und vor allem dieses Lächeln, das sie nur zu gut kannte und das ihr signalisierte, dass er sich, wie gewohnt, wieder absolut unter Kontrolle hatte.

Ganz im Gegensatz zu ihr. Jeder Nerv in ihrem Körper schien nach seinen magischen Berührungen zu schreien, und Cassie musste ihre Hände zu festen Fäusten ballen, um sie nicht verlangend nach ihm auszustrecken. Doch davon bekam Joaquin glücklicherweise nichts mit. Und um ganz sicherzugehen, dass sie sich nicht unabsichtlich verriet, flüchtete Cassie sich in Sarkasmus.

„Nachdem du deinen Spaß hattest, wolltest du sagen?“

Als er sie anschaute und sie in seinen Augen etwas las, das viel stärker war als ihre eigene Frustration, verwünschte sie sich innerlich.

„Nachdem wir beide unseren Spaß hatten“, korrigierte er kalt, und diesmal klang sein Akzent nicht weich, sondern scharf.

„Wie auch immer …“, brummte Cassie ungnädig, um sich keine weiteren Blößen zu geben. Besser, sie spielte die Entrüstete, obwohl das in dieser Situation kaum gerechtfertigt war. So fühlte sie sich wenigstens einigermaßen sicher.

Denn Joaquin gekleidet zu sehen wie jetzt, hatte einen seltsamen Effekt auf sie – physisch und psychisch. Sie liebte es, ihn für die Arbeit zurechtgemacht zu sehen … geschniegelt und gebügelt, wie er es selbst gern formulierte. Er wirkte einfach umwerfend attraktiv im anthrazitfarbenen Businessanzug zum schneeweißen Hemd, das seine markanten Gesichtszüge hervorragend zur Geltung brachte. Sein schöner starker Körper kam in den maßgeschneiderten Anzügen aus kostbaren, gut fallenden Stoffen perfekt zur Geltung und ließ ahnen, was für ein ungezähmter leidenschaftlicher Mann sich hinter der glatten eleganten Fassade verbarg.

So hatte er ausgesehen, als sie sich das erste Mal begegneten. Kühl, distanziert und absolut kontrolliert.

Cassie arbeitete damals als Übersetzerin für einen englischen Weinimporteur, der im Begriff war, einen wichtigen Vertrag mit Joaquin Alcolar abzuschließen. Er wollte, dass sie an den Verhandlungen teilnahm, um alles sachgerecht und ohne Missverständnisse unter Dach und Fach zu bekommen. So saß sie mit ihrem Arbeitgeber und seinem Kompagnon vor einem riesigen Mahagonischreibtisch im Büro des Alcolar-Weingutes, als die Tür aufging und Joaquin den Raum betrat.

Für Cassie hörte in diesem Moment die Welt auf, sich zu drehen. Sie fühlte sich aus der Realität an einen Ort entrückt, wo alles, woran sie jemals geglaubt hatte, plötzlich seine Bedeutung verlor.

Fassungslos starrte sie, blinzelte, zwinkerte … unfähig zu begreifen, was sie sah. Und von der Sekunde an war es ihr unmöglich gewesen, Joaquin aus den Augen zu lassen. Es war ein Gefühl, als sei dieser Mann der stärkste Magnet auf der Welt und sie eine winzige, stecknadeldünne Kompassnadel. Er zog sie magisch an, und seine fast aggressive sexuelle Ausstrahlung nahm sie auf der Stelle gefangen und ließ sie bis heute nicht los …

Und Joaquin war es nicht anders ergangen.

Cassie erinnerte sich noch genau an den Moment, in dem sie einander vorgestellt wurden … an den elektrischen Stromstoß, der durch ihren Arm fuhr, als er ihre Hand ergriff und mit seinem unwiderstehlichen Akzent „Buenos dìas, señorita“ murmelte. Ihre Blicke trafen einander, die Luft vibrierte vor Elektrizität, und beide hatten das seltsame Gefühl, nie mehr voneinander lassen zu können.

Und doch mussten sie es tun, weil der Vertrag irgendwann abgeschlossen und das Meeting damit vorbei war. Cassie hatte nicht die leiseste Ahnung, ob ihr Arbeitgeber die angestrebten Konditionen erhalten hatte oder ob es Joaquin gelungen war, seine Vorstellungen von dem Handel durchzusetzen, weil es mit ihrer Konzentration seit seinem Auftauchen vorbei gewesen war. Ein Wunder, dass sie es überhaupt fertiggebracht hatte, die Verhandlung zur Zufriedenheit beider Parteien zu übersetzen.

Erinnern konnte sie sich später nur noch an Joaquins wundervolle schwarze Augen. Wenn sie mit ihm sprach, ruhte sein Blick so eindringlich auf ihrem Gesicht, dass sie fast befürchtete, er würde ihre Haut versengen.

Anfangs dachte Cassie noch, er folge aufmerksam ihrer Übersetzung, aber später musste sie feststellen, dass er fast ebenso gut Englisch sprach wie sie selbst – nur eben mit diesem hinreißenden Akzent. Trotzdem hätte er leicht das Verhandlungsgespräch ohne ihre Hilfe führen können, hatte sich aber aus einem unerfindlichen Grund anders entschieden.

„Dann gibst du also zu, dass ich dich nicht gegen deinen Willen mit meinen Annäherungsversuchen belästigt habe?“

Joaquins frostige Stimme riss Cassie unsanft aus ihren Erinnerungen.

„Ich … ja, nun gut … ich gebe es zu“, murmelte sie widerstrebend und hoffte, dies sei die richtige Antwort auf seine Frage, die sie in ihrer Versunkenheit gar nicht richtig mitbekommen hatte. Sie musste sich besser konzentrieren!

„Es … es beruhte absolut auf Gegenseitigkeit“, fügte sie rasch hinzu und atmete innerlich erleichtert auf, als sie das brüske Nicken sah, mit dem Joaquin ihre Reaktion absegnete, doch der harte Ausdruck in seinen Augen hatte sich nicht verändert.

„Freut mich zu hören.“ Der zynische Ton in seiner Stimme bereitete Cassie Unbehagen. „Ich habe nämlich noch nie eine Frau zu irgendetwas gezwungen und werde jetzt ganz bestimmt nicht bei dir damit anfangen.“

Natürlich wusste sie, dass er das nicht nötig hatte! Vermutlich fühlte er sich nur in seiner Eitelkeit verletzt, da sie seinen versierten Verführungskünsten den emotionalen Applaus vorenthalten hatte, den er sonst von ihr gewohnt war. Und erst recht von den ungezählten reichen und weltgewandten Schönheiten, die er im Verlauf seiner Karriere als unwiderstehlicher Don Juan mit seiner Aufmerksamkeit beglückt hatte, dachte Cassie aufrührerisch.

„Ich habe nie behauptet, du hättest mich gezwungen“, erklärte sie steif.

„Aber was zum Teufel ist dann mit dir los?“, entfuhr es ihm unbeherrscht.

Joaquin wusste einfach nicht, was er von der seltsamen Stimmung halten sollte, die Cassie überfallen hatte, seit er ins Schlafzimmer zurückgekehrt war. Obwohl seine Sehnsucht und sein hungriger Körper danach verlangten, an ihrer Seite zu bleiben, hatte er das Bett heute Morgen – wenn auch sehr widerwillig – verlassen, um geschäftliche Angelegenheiten zu regeln, die keinen Aufschub duldeten.

Ansonsten würde sie jetzt in seinen Armen liegen und ihn nicht so seltsam anschauen. Immerhin hätte er auch gleich nach dem Duschen und Anziehen ins Büro fahren können, um die Zeit bis zur größten Mittagshitze fürs konzentrierte Arbeiten zu nutzen.

Aber er hatte nicht widerstehen können, noch einmal ins Schlafzimmer zu schauen, um einen Blick auf Cassandra zu werfen, ehe er das Haus verließ … nur um feststellen zu müssen, dass sie sich von der hingebungsvollen, anschmiegsamen Geliebten der letzten Nacht in jenes Wesen zurückverwandelt hatte, das ihm bereits in den vergangenen Wochen das Leben schwer gemacht hatte. In diese fremde, spröde, scharfzüngige Frau, deren wechselhafte Stimmungen nicht zu durchschauen waren … die ständig abwesend schien und deren Gedanken er nicht länger lesen konnte.

„Ich dachte …“

„Du dachtest, nur weil wir eine … heiße Nacht miteinander verbracht haben, würde ich splitterfasernackt und bereitwillig im Bett auf meinen Herrn und Meister warten, bis er zurückkehrt, um dort weiterzumachen, wo wir vor Stunden aufgehört haben?“, fuhr sie ihm scharf in die Parade.

„Ja … nein … Himmel noch mal! Was wäre denn so verkehrt daran?“ Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sie ihn so erwarten würde, aber deshalb die verlockende Vorstellung einfach verwerfen? Warum, um alles in der Welt? Immerhin war sein Bett die Spielwiese gewesen, auf der sie sich über Monate beide bevorzugt vergnügt hatten … und das zu jeder Tages- und Nachtzeit!

Joaquin wünschte nur, sie hätte nicht „splitterfasernackt und bereitwillig“ gesagt, denn das war es, was ihn an die letzte Nacht erinnerte und ihm jetzt das Blut glühend heiß durch die Adern jagte. Außerdem war es für einen leidenschaftlichen Mann wie ihn unmöglich, mit einer Frau zu argumentieren oder gar zu streiten, die wie eine Rachegöttin vor ihm stand und tatsächlich splitterfasernackt war!

„Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass ich …“ Cassie blieb vor Empörung die Luft weg, obwohl sie eigentlich genau davon ausgegangen war.

„Nun, immerhin bist du noch im Schlafzimmer und …“ Er ließ seinen Blick langsam und genüsslich über ihre weiblichen Kurven wandern, bereute es aber bereits in der nächsten Sekunde, als er ein schmerzhaftes Ziehen in den Lenden fühlte. „Und du bist splitterfasernackt …“, fügte er heiser hinzu.

Erst jetzt, da Joaquin es ausgesprochen hatte, wurde sich Cassie tatsächlich wieder ihrer Blöße bewusst und errötete heftig vor Verlegenheit. Instinktiv hielt sie einen Arm vor die Brüste und bedeckte mit der anderen Hand ihre Scham.

So aufgelöst hatte Joaquin sie noch nie erlebt. Nicht einmal in ihrer ersten Nacht. Dieses mädchenhafte Verhalten war neu. Und es war etwas, das er überhaupt nicht mochte und das ihn verstörte.

„Hier …“ Er griff nach dem schwarzen Morgenmantel, der auf einem Stuhl links neben ihm lag, und warf ihn Cassie zu. „Zieh dir das über.“

Die zitternde Hast, mit der sie seiner Anweisung folgte, beschrieb besser als viele Worte ihren gegenwärtigen Zustand. Und Joaquin wusste nicht einmal, ob er ihr das Kleidungsstück angedient hatte, um ihr aus der sichtbaren Verlegenheit zu helfen oder um sich selbst zu retten. Denn solange sie in ihrer nackten Vollkommenheit vor ihm stand, war er zu keinem klaren Gedanken fähig.

Cassies Augen sprühten heiße Funken, und nicht nur ihre Wangen brannten vor Empörung und Unbehagen; nein, ihr ganzer Körper hatte eine zarte rosige Tönung angenommen … und das wirkte auf Joaquin wiederum verflixt verführerisch.

Ganz sicher unbeabsichtigt, stellte sie dennoch für jeden vitalen Mann eine fast unerträgliche Provokation dar, auf die Joaquin nur zu gerne mit seiner vollen Manneskraft geantwortet hätte. Doch an Cassandras ausdrucksvoller Miene konnte er unschwer ablesen, dass jeder Versuch in dieser Richtung einen krassen Fehler bedeutet hätte.

Also musste er dafür sorgen, dass sich das Objekt seiner Begierde verhüllte, und sei es nur mit einem schlichten schwarzen Morgenmantel. Nicht, dass es wirklich geholfen hätte! Denn noch während Cassandra den Gürtel mit einem energischen Ruck festzog, wurde Joaquins Blick wie magisch angezogen auf ihre wespenförmige Taille gelenkt.

Der seidene Bademantel gehörte ihm und reichte Cassie fast bis zu den Knöcheln, während die Ärmel weit über ihre schmalen Hände fielen. Durch das weiche, fließende Material fiel die überlappende Vorderfront am Hals auseinander und ließ den Ansatz ihrer Brüste sehen.

Dadurch bedeutete die dezente Verhüllung ihrer sanften Kurven eine ganz neue, süße Tortur für Joaquin. Sie ließ Cassandra plötzlich viel femininer, verletzlicher erscheinen … betonte ihren fragilen Körperbau und die reizvolle Neigung ihres zarten Nackens.

Im scharfen Gegensatz dazu stand der herausfordernde Blick, den sie Joaquin unter gesenkten Wimpern zuwarf.

Maledito sea!“, murmelte er erstickt, als sie mit einer heftigen Bewegung einen zweiten Knoten in den Gürtel seines Morgenmantels machte. „Es gibt nicht den leisesten Grund, so zu tun, als könnte ich dich mit irgendetwas anstecken!“

Der grollende Unterton in seiner Stimme ließ sie zusammenzucken, und ihre Augen weiteten sich vor Schock. Joaquin hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, Cassie erklären zu müssen, dass sich seine unterdrückte Wut hauptsächlich gegen ihn selbst richtete und es eigentlich ein Konflikt zwischen Verstand und Libido war, der ihn gerade umtrieb, doch er wusste nicht, wie er sein Dilemma in Worte fassen sollte.

Wie denn auch, wenn er es nicht einmal selbst verstand?

„Ich … so etwas würde mir nie in den Sinn kommen“, flüsterte sie gepeinigt.

Ihr hilfloses Entsetzen machte Joaquin nur noch wütender. „Dann erkläre mir doch bitte endlich, was tatsächlich in deinem hübschen Köpfchen vor sich geht, querida!“, forderte er mit nur mühsam erzwungener Ruhe. „Warum soll es plötzlich ein Verbrechen sein, den Körper … deinen Körper, den ich unzählige Male gesehen, berührt, geküsst und genossen habe, zu begehren?“

„Das habe ich doch nie behauptet!“

„Vielleicht nicht mit Worten, aber du verhältst dich so!“

Er konnte es nicht verhindern, dass sein hungriger Blick jeden Zentimeter abtastete, was für ein ganzes Jahr die Erfüllung seiner kühnsten Träume und Fantasien bedeutet hatte.

„Findest du nicht, dass es etwas spät ist, sich plötzlich als zimperliche Jungfrau zu gebärden?“ Joaquin wusste, wie sehr er sie damit verletzte, aber im Grunde genommen bestrafte er sich damit in erster Linie selbst. Und diese Erkenntnis brachte ihn nur noch mehr in Rage. „Letzte Nacht hast du dich jedenfalls nicht so geziert.“

„Letzte Nacht war letzte Nacht!“

„Und was ist jetzt anders?“

Die Unfähigkeit, ihm diese Frage zu beantworten, legte sich wie eine schwere Last auf Cassies Schultern. Und ihre hilflose Miene verursachte Joaquin einen stechenden Schmerz in der Brust, der ihm förmlich den Atem nahm.

„Ich dachte, du hättest es genossen!“ Das Bemühen, seine erotischen Fantasien und die kaum zu bezwingende Begierde unter Kontrolle zu halten, ließen die Worte viel härter und anklagender klingen, als er es beabsichtigt hatte.

„Und Vergnügen ist alles für dich, nicht wahr?“, fragte Cassie verächtlich zurück.

Ihr lodernder Blick zeigte ihm eindeutig, dass er die Grenze überschritten hatte, aber Joaquin war inzwischen kaum mehr als ein verwundeter Stier, der nur noch rot sah.

„Zumindest ein wichtiger Teil des Ganzen“, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und bisher hast du dich darüber auch noch nie beschwert!“

„Was für dich automatisch bedeutet, dass alles in Ordnung ist?“, konterte sie spöttisch.

„Cassie, wenn du meinst, dich über irgendetwas beschweren zu müssen, dann lass mich wenigstens wissen, wessen du mich beschuldigst“, verlangte er steif.

Cassie! Da war es wieder. Joaquin benutzte die Koseform ihres Namens nur dann, wenn für sie Gefahr in Verzug war …

Allein der Gedanke daran ließ ihren Mund ganz trocken werden. Ihr Kopf fühlte sich plötzlich an wie aus Watte.

„Nun … Cassie?“ Sein Lächeln, das die knappe Aufforderung begleitete, ließ eisige Schauer über ihren Rücken rinnen. „Hast du nichts dazu zu sagen? Nichts, worüber du dich beschweren möchtest?“

Natürlich hatte sie etwas zu sagen! Eine ganze Menge! Aber wie sollte sie ihm das unter diesen Umständen nahebringen?

„Wolltest du nicht in dein Büro gehen?“, brachte sie schließlich unmotiviert hervor und zuckte unter seinem spöttischen Auflachen zusammen.

„Natürlich, das will ich auch immer noch. Ich habe zu arbeiten …“, erklärte Joaquin zynisch. „Wie fast jeden Tag. Wo ist das Problem?“

„Ich …“

Mit bebenden Händen zog Cassie den Morgenmantel noch dichter vor der Brust zusammen, als könne sie sich so vor seinem brennenden Blick schützen, der ihr Gesicht erforschte und dann unweigerlich zu ihren Brüsten hinabglitt.

„Ich … ich dachte … hoffte, du würdest es heute nicht tun.“

Feigling!, schalt sie sich selbst. Eigentlich geht es doch gar nicht um heute, sondern um Freitag! Aber wenn er nicht selbst darauf kam … Möglicherweise würde es einen schwerwiegenden Fehler bedeuten, ihn mit der Nase darauf zu stoßen.

„Und warum soll das ausgerechnet heute so wichtig sein?“

Da sie ihm die Antwort schuldig blieb, lachte Joaquin hart auf, vergrub die Hände in den Hosentaschen und begann, wie ein gereizter Tiger im Schlafzimmer auf- und abzulaufen. „Ich verstehe schon … wegen heute Nacht, nicht wahr? Du willst nicht, dass ich gehe, weil …“

„Weil wir reden müssen“, warf Cassie hastig ein und biss sich auf die Lippe, als sie Joaquins erstaunte Miene sah. Offenbar hatte er tatsächlich gedacht, es gehe ihr nur um einen luxuriösen Tag im Bett mit allen dazugehörigen Vergnügungen.

„Aber ich habe heute tatsächlich sehr wichtige Dinge zu erledigen. Wie du dich vielleicht erinnern kannst, bin ich gestern extra früher aus dem Büro weggefahren, aber leider nicht dazu gekommen, wie geplant zu Hause weiterzuarbeiten.“

Und wessen Schuld war das?, lautete der unausgesprochene Vorwurf in seinen Augen und in der sarkastischen Linie um seinen gut geschnittenen Mund.

„Du musst gar nicht arbeiten“, stellte Cassie gelassen fest.

Selbst wenn Joaquin Alcolar nie wieder einen Finger rührte, würde er nicht am Hungertuch nagen müssen, so viel stand fest. Sein Weingut lief bestens, das Exportgeschäft war geschickt ausgebaut, längst etabliert und so profitabel, dass sein versierter Manager das Unternehmen allein führen könnte.

Natürlich respektierte und bewunderte Cassie Joaquin dafür, dass er so viel arbeitete, wie er es tat, anstatt ein sorgloses Playboyleben zu führen. Doch im Moment sah sie das Ganze eben unter einem anderen Aspekt.

„Ich arbeite aber gerne.“

Schwang da ein Unterton von Selbstverteidigung in der dunklen Stimme mit? Auf jeden Fall hatte sie einen härteren Klang angenommen. Und Cassie überfiel plötzlich das unbehagliche Gefühl, dass sie den Mann, mit dem sie jetzt fast ein Jahr zusammengelebt hatte, vielleicht gar nicht richtig kannte. Tief in seinem Innern verborgen gab es möglicherweise etwas, was er bisher vor ihr geheim gehalten hatte.

„In den nächsten Tagen habe ich noch eine Menge wichtiger Dinge zu erledigen“, erklärte Joaquin nüchtern. „Du weißt doch selbst, dass Freitag ein ganz besonderer Tag ist …“

Als ob sie das vergessen könnte! Seit Wochen dachte sie schließlich an nichts anderes …

4. KAPITEL

Am liebsten hätte Cassie die implizierte Frage in Joaquins Worten einfach überhört. Niemals fragen, wenn du die Antwort gar nicht hören willst, hatte ihre Mutter immer gesagt. Doch dann schalt sie sich einen Feigling und räusperte sich umständlich.

„Freitag?“, wiederholte sie anscheinend ahnungslos und verachtete sich für das unwürdige Spiel, das sie hier abzog. Doch in Joaquins viel zu großem schwarzen Morgenmantel und mit dem wirren Haar, das fatal an ein Vogelnest erinnerte, glich sie nicht im Entferntesten der eleganten selbstbewussten Frau, die vor fast zwölf Monaten, während eines Geschäftsmeetings, seine Aufmerksamkeit geweckt hatte.

Und so sollte sie ihn fragen, ob es nicht doch eine gemeinsame Zukunft für sie beide geben könnte? Niemals! Das ließen weder ihr Stolz noch ihr gesunder Menschenverstand zu. Deshalb trat sie vor den antiken Spiegel, der über der eleganten Frisierkommode hing, griff zur Haarbürste und versuchte, ihre zerzausten blonden Locken zu entwirren.

„Warum ist der Freitag so wichtig?“

Cassie wusste, dass sie mit dem Feuer spielte und Joaquins Antwort über ihr zukünftiges Schicksal entscheiden konnte.

„Weil dann unser Treffen mit den Londoner Einkäufern stattfindet“, erinnerte Joaquin sie mit einem Anflug von Ungeduld in der Stimme. „Das kannst du doch nicht vergessen haben!“

Unser Treffen?

„Du willst mich dabeihaben?“ Cassie suchte Joaquins Blick im Spiegel, während sie augenscheinlich konzentriert ihr Haar bürstete.

„Natürlich! Du fungierst als meine Übersetzerin.“

„Warum? Du sprichst so perfekt Englisch wie ich.“

Joaquins breites Lächeln ließ seine ebenmäßigen, strahlend weißen Zähne sehen. „Ich weiß es, und du weißt es. Aber unseren Gesprächspartnern müssen wir das ja nicht unbedingt verraten. In diesem Stadium der Verhandlungen habe ich gern noch einen zusätzlichen Trumpf im Ärmel. Wenn sie denken, ich verstehe sie nicht, besteht immerhin die Möglichkeit, dass ihnen nebenbei etwas entschlüpft.“

„Etwas, das dir geschäftlich weiterhilft, meinst du?“

Obviamente. Was sonst?“

Ja, was sonst?, fragte sich Cassie verbittert. Woran sollte Joaquin auch sonst denken außer ans Geschäft? Was konnte wichtiger für ihn sein, als Erfolg zu haben und noch mehr Geld zu scheffeln? Warum versuchte sie eigentlich immer wieder, sich vorzumachen, ihm könnte etwas anderes, Persönlicheres, Emotionaleres wichtiger sein?

Zu ihrem Entsetzen fühlte sie heiße Tränen hinter ihren Lidern brennen und zwinkerte heftig, um sie zurückzuhalten. Joaquin stand in der Mitte des Schlafzimmers, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, und starrte düster über ihre Schulter hinweg in den hohen Barockspiegel.

„Dann möchtest du also, dass ich dich am Freitag zu deinem Businessmeeting begleite?“, vergewisserte sie sich noch einmal.

„Businessdinner“, korrigierte Joaquin. „Wir führen unsere englischen Geschäftsfreunde abends in ein elegantes Restaurant aus und … Was um Himmels willen hat dieser Blick jetzt wieder zu bedeuten?“, fuhr er im gleichen Ton nach einer kaum merklichen Pause fort.

Cassie gab sich ahnungslos. „Welcher Blick?“, fragte sie harmlos und hörte an seinem dumpfen Grollen, dass er nicht auf ihr Spielchen hereinfiel. Joaquin hatte sie schon immer mit Leichtigkeit durchschauen können und spürte sofort, wenn sie versuchte, ihm etwas vorzumachen.

„Welcher Blick?“, wiederholte er gereizt, war mit zwei schnellen Schritten bei ihr und legte einen Finger unter Cassies Kinn, um ihr Gesicht anzuheben, damit sie sich selbst besser im Spiegel sehen konnte. „Dieser Blick, der mir vorwirft, eine nicht wiedergutzumachende Sünde auf mich geladen zu haben, für die ich dich auf Knien, und besser noch in Sack und Asche um Verzeihung zu bitten habe!“

Unter jedem seiner anklagenden Worte zuckte Cassie sichtbar zusammen.

„Jetzt machst du dich lächerlich …“, konterte sie schwach.

Cassie wusste genau, was sie sah, aber ahnte Joaquin es auch? Konnte es wirklich sein, dass er ihren bedrückten Ausdruck derart missverstand? Sah er denn nicht, dass es pure Angst war, die ihren Blick verschattete, und dass sie ihr Bestes tat, sie vor ihm zu ...

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