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Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 281

Jennie Lucas, Sharon Kendrick, Ally Blake, Julia James

Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 281

JENNIE LUCAS

Liebe, Rache, heiße Nächte

Aus Rache entführt der spanische Millionär Marcos Ramirez die Braut seines Erzfeindes Aziz, die schöne Kosmetik-Erbin Tamsin Winter! Doch die bezaubernde Winter-Braut wird ihm selbst zum Schicksal …

SHARON KENDRICK

Prinzessin der Wüste

Wenn Alexa ihn nicht in sein Scheichtum begleitet, wird Prinz Giovanni ihr den Sohn nehmen. Schweren Herzens fügt sich Alexa – und erlebt in seinem Palast ein sinnliches Märchen aus 1001 Nacht …

ALLY BLAKE

Das Meer, der Strand und du

In ihrem Strandhaus will Maggie nach einer Enttäuschung wieder zu sich finden. Meer, Strand und Sonne warten! Und ein zärtlicher Mann, der ihr zeigt, dass es für das Glück nicht zu spät ist …

JULIA JAMES

Rendezvous in der Karibik

Warum lädt der reiche Grieche Xander Anaketos sie zu einem Urlaub auf eine Karibikinsel ein? Will er Clare etwa unter dem samtblauen Sternenhimmel verführen – ihrer Liebe eine zweite Chance geben?

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Jennie Lucas

Liebe, Rache, heiße Nächte

1. KAPITEL

Tarfaya, Marokko

Er wartete auf sie außerhalb von Dar el-Saladin.

Marcos Ramirez hob sein Fernglas und richtete es auf die blumengeschmückte Limousine, die das Fischerdorf in einem Wirbel von Rosenblättern verließ. Von seinem Standpunkt aus wirkte die ehemals solide Schutzmauer, die den Ort gegen die Sandstürme von der einen und das Meer auf der anderen Seite abschotten sollte, ziemlich marode.

Endlich! Sie war es tatsächlich – Tamsin Winter.

Während der zehn Jahre, die sie in Internaten im Ausland gewesen war, hatte er sie stets im Auge behalten. Und seit ihrer Rückkehr vor einem Jahr aufs Londoner Parkett war, brauchte er nur die Klatschpresse aufzuschlagen, um sie zu sehen – jedes Mal am Arm eines anderen Mannes.

Die leichtlebige Schönheit galt momentan als der heißeste Flirt Großbritanniens.

„Der Wagen bewegt sich auf die vorgesehene Stelle zu, Patrón“, rief ihm Reyes, sein Bodyguard zu.

Sí.“ Marcos ließ die Hand mit dem Fernglas sinken. Seine Männer hätten Tamsin Winter ebenso gut ohne seine Überwachung kidnappen können, um ihre Hochzeit zu verhindern. Doch anstatt in Madrid bei einem Kaffee zu sitzen und die Aktienkurse der Londoner und New Yorker Börse zu studieren, überwachte er lieber hier in der brütenden Wüstenhitze die Aktion.

Hauptsache, Aziz al-Maghrib wartete in seiner Kasbah, im Norden des Landes, vergebens auf seine Braut …

Seit zwanzig Jahren sann Marcos unablässig auf Rache, und heute war der Tag der Vergeltung gekommen. Sobald sich das Mädchen in seiner Gewalt befand, würde er sie und ihre Familie ohne den geringsten Skrupel vernichten – wie sie es verdient hatten!

Marcos lächelte grimmig. Was hätte er darum gegeben, den Ausdruck auf dem Gesicht des geprellten Bräutigams zu sehen, wenn ihn die Hiobsbotschaft erreichte. Dieser niederträchtige Bastard!

Die Limousine hatte die Stadtmauer weit hinter sich gelassen und bewegte sich in gemächlichem Tempo die staubige Straße entlang, die die Sahara vom Atlantischen Ozean trennte.

Marcos zog die schwarze Maske übers Gesicht und wandte sich zu Reyes um.

„Vámonos!“

Tamsin Winter hatte ihre Jungfräulichkeit an den höchsten Bieter verkauft.

Der weiße, mit aufwendigen Stickereien und unzähligen Brillanten verzierte Brautkaftan lastete wie ein zentnerschweres Leichentuch auf ihr, während sie mit unbewegter Miene aus dem Seitenfenster starrte.

Fast beneidete sie die alte Frau am Straßenrand, die neben einem flachen Karren stand und ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Orangen bestritt. Ein weitaus angenehmeres Schicksal, im Vergleich zu ihrer bevorstehenden Hochzeit mit einem Mann, der bereits für den Tod seiner ersten Frau verantwortlich war …

Tamsin holte tief Luft und schloss die Augen. Es ist mir egal, versuchte sie sich einzureden. Sollte Aziz al-Maghrib sie doch mit seinen groben Händen und seinen widerlichen Küssen belästigen. Mochte er ihr die Jungfräulichkeit rauben.

Das alles war ein geringer Preis, wenn sie dadurch ihre kleine Schwester vor einem Leben im Elend und voller Leiden bewahren konnte.

Noch bis zum letzten Monat hatte Tamsin von einer rosigen Zukunft geträumt, mit einer glanzvollen Karriere und ihrem Traumprinzen den sie heiraten und mit dem sie Kinder haben würde. Ein Mann, den sie achten und lieben konnte.

Seltsam, daran zu denken, dass dieser Traum nun für immer vorbei sein sollte.

Dennoch bereute sie ihre Entscheidung nicht. Das Leben und das Glück ihrer Schwester waren wichtiger. Trotzdem trauerte sie in einem Winkel ihres Herzens um die Romanzen, die sie nie gehabt hatte … und die verlorenen Chancen in Leben und Beruf. Wenn sie vorher gewusst hätte, dass ihr Leben so kurz sein würde …

„Tamsin! Hör auf, derart nervös herumzuzappeln! Du zerknüllst noch dein Kleid!“

Widerstrebend öffnete sie ihre Augen, die mit schwarzem Kajal ummalt waren, und schaute in das verhasste Gesicht ihrer Schwägerin. Camilla Winter war die Frau ihres Halbbruders und zwanzig Jahre älter als sie selbst. Die von mehreren Schönheitsoperationen straff gespannte Haut ließ ihr Gesicht als eine dauerhaft erstarrte, hässliche Maske erscheinen.

„Sind deine Faceliftings eigentlich auch aus Nicoles Vermögen finanziert worden?“, fragte Tamsin kalt. „Hast du deshalb ein zehnjähriges Mädchen ruiniert und fast vor Hunger sterben lassen?“

Camilla schnappte empört nach Luft.

„Keine Angst“, mischte sich Tamsins zukünftige Schwägerin Hatima ein. „Mein Bruder wird ihr diesen rebellischen Geist schnell austreiben.“

Hatima und Camilla waren Tamsins negaffa. Als Verwandte sollten sie nach marokkanischer Tradition die Braut begleiten und versuchen, ihr die Angst vor der bevorstehenden Hochzeit zu nehmen.

Tolle Begleitung!, dachte Tamsin ketzerisch.

Sie senkte den Blick auf ihre mit Henna verzierten Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt. Hatima hatte recht. Ihr zukünftiger Ehemann würde sie schlagen. Ob vor oder nach der Entjungferung war eigentlich egal. Vielleicht erwuchs daraus ja auch ein tägliches Ritual?

Erneut starrte Tamsin aus dem Seitenfenster. Inzwischen hatten sie die Stadtmauer passiert und hinter sich gelassen. Hätte sie sich bloß nicht für ihre einzige große Liebe aufgespart! Warum war sie nicht damals mit dem charmanten Typen ins Bett gegangen, der sie auf der Schulabschlussfeier geküsst hatte? Gut, er war betrunken gewesen, aber immer noch besser als …

„Na, was ist? Diesmal keine patzige Antwort parat?“, höhnte Camilla. „Dich verlässt wohl jetzt schon der Mut.“

Tamsin blinzelte heftig, um ihre Tränen zurückzuhalten. Doch ehe sie vor Camilla weinte, wollte sie lieber sterben! Mit versteinertem Gesicht schaute sie zu den Fischerbooten hinüber, die auf den Wellen des Ozeans schwankten, und den Möwen, die frei wie der Wind übers Wasser flogen. Enttäuscht von ihrem hartnäckigen Schweigen, begannen die beiden Frauen damit, den neuesten Klatsch aus dem nahegelegenen Laayoune auszutauschen.

„Stell dir vor, die Frau des wali ist gekidnappt worden … am helllichten Tag!“

Camilla seufzte dramatisch. „Was für eine Welt! Wo soll das alles noch enden? Was ist mit ihr passiert?“

Je weiter sie nach Norden kamen, desto schlechter wurde die Wüstenstraße entlang des Atlantiks. Bei jedem Schlagloch holperte der Wagen, und die Frauen wurden durcheinandergeschüttelt. Tamsin schaute nach vorn zum Fahrer. Obwohl der Verkehr immer spärlicher wurde, schien der Fahrer nervös zu sein.

„Der wali musste alles verkaufen, was er hatte, um das geforderte Lösegeld aufbringen zu können. Natürlich ist die Familie ruiniert, aber wenigstens ist seine Frau wieder bei ihm.“

„Und ihr ist nichts geschehen?“

„Nein, den Entführern ging es offenbar nur um das Geld. Es war …“

Hatima stieß einen spitzen Schrei aus, als der Fahrer abrupt nach rechts lenkte und heftig in die Bremsen trat. Die schwere Limousine drehte sich einmal um sich selbst, schleuderte über die Straße und kam in einer Sandwehe zum Stehen.

Der Fahrer öffnete die Tür, sprang aus dem Wagen und rannte, ohne sich umzuschauen, in Richtung Tarfaya davon.

„Wo wollen Sie denn hin?“, schrie Camilla ihm hinterher. Aufgebracht langte sie nach dem Türgriff, doch ehe sie ihn betätigen konnte, wurde die Wagentür von außen aufgerissen. Drei Männer in Camouflage-Kleidung und mit schwarzen Gesichtsmasken getarnt, steckten ihre Köpfe bedrohlich weit in den hinteren Fahrgastraum. Sie schrien Befehle in einer Sprache, die Tamsin nicht verstand.

Als auch auf ihrer Seite die Tür von außen aufgerissen wurde, wirbelte sie erschrocken herum. Unter der schwarzen Maske konnte sie nur den grausamen Mund und die kalten grauen Augen des Mannes ausmachen.

„Tamsin Winter“, sagte er auf Englisch. „Endlich gehörst du mir.“

Er weiß, wie ich heiße! Was für ein seltsamer Bandit … schoss es ihr durch den Kopf. Wie durch einen Nebel hörte sie die anderen beiden Frauen kreischen. Woher wusste der Ganove ihren Namen?

Waren ihre Gebete etwa erhört worden, und er kam, um sie zu retten?

Nein!, gab sie sich gleich selbst die Antwort. Niemand konnte sie vor ihrem Schicksal retten. Denn wenn die Hochzeit mit Aziz platzte, musste ihre Schwester dafür bezahlen.

Was hatte Hatima eben noch erzählt? Die Banditen wollten nur Geld?

Nervös befeuchtete Tamsin ihre Lippen mit der Zungenspitze, setzte sich aufrecht hin und bemühte sich, dem bohrenden Blick ihres Angreifers standzuhalten.

„Ich bin die Braut von Aziz ibn Mohamed al-Maghrib“, erklärte sie kühl. „Krümmen Sie mir auch nur ein Haar, tötet er Sie. Bringen Sie mich sicher zu ihm, wird er Sie reich belohnen.“

„Ah …“ Er lächelte sardonisch und zeigte dabei seine strahlend weißen Zähne. „Und wie will er mich belohnen?“

Er hatte einen seltsamen Akzent. Amerikanisch gefärbtes Englisch, versehen mit einer exotischen Note … einem rollenden, spanischen R. Wer war dieser Mann? Auf keinen Fall ein einfacher Räuber. Diese Erkenntnis machte Tamsin Angst.

„Mit einer Million Euro“, behauptete sie kess.

„Ein nettes Sümmchen.“

„Sie wären auf einen Schlag reich.“ Innerlich betete sie, dass Aziz’ Onkel, der das Familienvermögen verwaltete, auch tatsächlich bereit wäre, das Lösegeld zu zahlen.

„Ein großzügiges Angebot“, murmelte der Bandit. „Doch ich muss Sie enttäuschen … ich bin nicht hinter Geld her.“ Damit beugte er sich in den Wagen und griff nach ihren Schultern.

Tamsin schrie auf, trat nach ihm und versuchte, nach der Maske zu greifen.

„Hören Sie auf, so ein Theater zu machen“, grollte ihr Peiniger, doch sie kämpfte verbissen weiter. Als sie ihn mit einem gezielten Tritt am Schienbein traf, fluchte er lästerlich, umklammerte ihre Handgelenke mit einer Hand, langte mit der anderen in seine Jackentasche und zog ein weißes Tuch hervor, das er ihr auf Mund und Nase presste.

Er will mich betäuben!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie bemühte sich, nicht zu atmen, aber es war zwecklos. Der süßliche Geruch der Droge verursachte ihr Übelkeit. Alle Kräfte aufbietend wollte sie das Gesicht abwenden, doch der Mann verstärkte den Druck nur noch mehr. Verzweifelt rang sie nach Luft, die Erde begann sich um sie zu drehen, und Tamsin versank in tiefer Dunkelheit.

Als sie aufwachte, lag Tamsin in einem weichen, komfortablen Bett.

Zögernd öffnete sie die Augen. Ihr Kopf schmerzte unerträglich. Sie hörte Wellenschlag, das Ächzen von Holz und die schrillen Schreie der Seemöven.

Und jetzt erst fiel ihr auf, dass sie ausgezogen war.

Abrupt setzte Tamsin sich auf und schlug die edlen Leinenlaken zurück. Sie trug nur einen kostbaren Spitzen-BH mit passendem Höschen – gedacht als verführerisches Outfit für die Hochzeitsnacht.

„Ich nehme an, Sie haben gut geschlafen?“

Mit einem Ruck raffte Tamsin die Laken bis zum Kinn hoch. Ein attraktiver Fremder lehnte in der offenen Tür und musterte sie ironisch. Er war groß, breitschultrig, hatte einen olivfarbenen Teint und kurzes schwarzes Haar. Das schneeweiße Hemd und die enge schwarze Hose brachten seinen athletischen Körper ausgesprochen vorteilhaft zur Geltung.

Tamsin war sich sicher, ihn nie zuvor gesehen zu haben, aber sie erkannte seine Stimme. Und den sinnlichen Mund. Sinnlich und grausam zugleich! Am besten aber erinnerte sie sich an die kalten dunklen Augen.

„Wo bin ich hier?“ Sie hatte eine verschwommene Erinnerung an einen Helikopterflug und eine Fahrt durch die lauten Straßen Tangers. „Was haben Sie mit Hatima und Camilla gemacht?“

Er trat ganz in die Kabine ein, und sein intensiver Blick war so hasserfüllt, dass sie schauderte. „Sie sollten sich lieber darüber Sorgen machen, was ich mit Ihnen vorhabe.“

Genau daran versuchte sie am wenigsten zu denken … denn wenn sie das zuließ, dann fühlte sie helle Panik in sich aufsteigen. Nicht ihretwegen, sondern wegen Nicole, ihrer kleinen Schwester, die immer noch in Tarfaya gefangen gehalten wurde und deren Schicksal ganz allein von ihr abhing.

Sie musste sich zusammennehmen und Geduld haben, bis die Gelegenheit zur Flucht da war oder zumindest, bis sie einen Plan geschmiedet hatte.

„Sind die anderen beiden auch Ihre Gefangenen?“, wollte sie wissen und ärgerte sich über das leichte Beben in ihrer Stimme. „Wohin haben Sie mich verschleppt? Haben Sie dem Scheich schon eine Nachricht zukommen lassen?“

Der bedrohliche Fremde verschränkte die Arme vor der Brust. „Von mir wird er keine Nachricht erhalten.“

Was?“

Er trat ans Bett heran. Sein muskulöser Körper wirkte angespannt wie der einer Raubkatze kurz vor dem Sprung, und nur mit purer Willenskraft schien er sich davon abhalten zu können, nach ihr zu greifen.

„Die anderen habe ich in Tarfaya zurückgelassen“, sagte er hart. „Ich brauche nur Sie.“

„Mich? Aber warum?“

Stumm schaute er auf seine Gefangene herab, das klassisch schöne Gesicht zu einer undurchdringlichen Maske erstarrt.

„Wo bin ich hier?“, versuchte Tamsin es noch einmal.

„Auf meiner Jacht.“

Hmm … der Geräuschkulisse und ihrer Umgebung nach zu urteilen, war ihr das natürlich längst klar gewesen. Sie hatte es sich nur noch mal bestätigen lassen wollen. Durch eines der Fenster sah man die Sonne als rotorangen Feuerball im Meer versinken, doch Land konnte Tamsin nicht entdecken. Offenbar waren sie auf hoher See. Und hier würde sie ganz sicher niemand schreien hören.

Wenn er sie nicht des Lösegeldes wegen entführt hatte, warum dann? Egal, was die Klatschreporter sich auch zusammenfantasierten, an ihr war nichts Besonderes. Und auch ihre Familie besaß nichts, was für ihn von Interesse sein konnte. Zumal die Firma ihres Halbruders kurz vor der Pleite stand.

„Wer sind Sie …?“, flüsterte Tamsin.

„Ihr Entführer. Das ist alles, was Sie wissen müssen.“

Um ihn ihre Angst nicht sehen zu lassen, verbarg sie ihre zitternden Hände unter dem Laken. Schurken wie er wollten die Situation beherrschen, um Panik zu schüren. Das kannte sie von ihrem Vater. Der einzige Weg, um zu überleben, war Nachgiebigkeit vorzutäuschen.

„Was haben Sie mit mir vor?“

Er setzte sich zu ihr aufs Bett und strich Tamsin überraschend sanft mit einem Finger über die Wange. „Sie sind eine schöne Frau, Señorita, berühmt und berüchtigt für ihre geradezu magische Wirkung auf Männer … Können Sie sich wirklich nicht vorstellen, was ich von Ihnen will?“

Tamsin schauderte. Aus der Nähe betrachtet war er noch attraktiver. Dunkel und gefährlich wie ein Panther, strahlte er geradezu unwiderstehliche Stärke und Macht aus. Wären sie sich in einem Londoner Club begegnet, hätte sie sich ganz sicher zu ihm hingezogen gefühlt.

Ob sie tatsächlich gegen einen Mann wie ihn kämpfen und gewinnen konnte? Unter der Decke ballte Tamsin ihre Hände zu Fäusten, um sich selbst Mut zu machen. Denk an Nicole!

Einen Monat war es erst her, dass sie ihre zehnjährige Schwester verlassen und mutterseelenallein auf dem dunklen, kalten Anwesen ihres Stiefbruders in Yorkshire vorgefunden hatte. Sheldon und Camilla hatten sie dort ohne Lebensmittel und Geld zurückgelassen, während sie sich selbst nach London absetzten, wo sie ihr Jetset-Leben aus Nicoles Treuhandkonto finanzierten.

Immer noch sträubten sich Tamsin die Nackenhaare vor Horror, wenn sie an den Moment dachte, als sie das ausgekühlte, dunkle Landhaus betreten und den Namen ihrer kleinen Schwester gerufen hatte. Weinend hatte sich Nicole in ihre Arme geflüchtet und ihren dünnen, zitternden Körper ganz fest an sie gedrückt.

Das arme Kind war davon überzeugt gewesen, dass auch Tamsin sie im Stich gelassen hatte.

Das würde sie ihrem Stiefbruder nie vergeben! Guter Gott! Sie hasste Sheldon für das, was er Nicole angetan hatte! Und sie verachtete Camilla, wie jeden Menschen, der unschuldige, hilflose Menschen manipulierte und verletzte.

So wie der Mann vor ihr. Tamsins Augen verdunkelten sich. Sie würde es ihm nicht erlauben, ihre geplante Heirat mit Aziz zu boykottieren!

„Wenn Sie mich unbedingt haben wollen … dann bringen wir es so schnell wie möglich hinter uns“, sagte sie tonlos. „Und danach lassen Sie mich nach Marokko zurückkehren, um zu heiraten.“

Am Aufblitzen in seinen Augen konnte Tamsin sehen, dass sie ihn überrascht hatte. Doch dann stand er auf und schaute kalt und unbewegt auf sie herab. „Jetzt weiß ich wenigstens, warum Sie als heißer Flirt gelten.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.

„Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht an die Etikette halte, nur weil ich an meinem Hochzeitstag betäubt und entführt wurde, um dann nackt auf der Jacht eines Fremden wieder aufzuwachen“, gab sie ebenso zynisch zurück.

„Sie sind nicht nackt.“

„Woher wissen Sie das? Waren Sie vielleicht derjenige, der mich …?“ Ihr blieb förmlich die Luft weg vor Empörung.

„Leider hatte ich nicht das Vergnügen“, erwiderte er gelassen. „Noch nicht …“

Gerade hatte sich Tamsin entspannen wollen, doch bei seinen letzten Worten versteifte sie sich noch mehr als zuvor. Der Blick, mit dem er sie musterte, ließ ihr Herz bis zum Hals klopfen. Er war voller Hass, aber es lag auch noch etwas anderes darin. Sie fühlte ein seltsames Ziehen im Magen und spürte, wie ihr Blut immer schneller und heißer durch die Adern rann.

Ihr Blick fiel auf seinen Mund, und Tamsin brachte es nicht fertig, wegzuschauen. Dabei gingen ihr die unmöglichsten Dinge durch den Kopf.

Wie mochte er wohl ohne sein weißes Hemd aussehen? Wie würde es sich anfühlen, wenn er seinen muskulösen Körper gegen ihren presste und …

Tamsin schlug die Augen nieder und versuchte, die absurden erotischen Fantasien aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie sollte sich lieber darauf konzentrieren, herauszufinden, was er von ihr wollte, und ihm dann so schnell wie möglich entfliehen, um Nicole zu beschützen. Besonders, weil sie die Schuld am Unglück ihrer kleinen Schwester trug.

Nicole und sie hatten einander nie besonders nahegestanden, was hauptsächlich daran lag, dass Tamsin auf ein Internat nach Amerika abgeschoben wurde, kurz nachdem ihre kleine Schwester das Licht der Welt erblickt hatte. Als ihre Mutter starb, waren beide Töchter noch sehr jung, und ihr Vater folgte seiner Frau wenige Jahre später.

Aber Tamsin hätte ihre kleine Schwester niemals Sheldons Obhut überlassen dürfen. Denn während sie in London zum ersten Mal im Leben das herrliche Gefühl von Freiheit auskostete, verschleuderte ihr Halbbruder ihrer beider Treuhandvermögen. Dann feuerte er auch noch Nicoles alte Nanny und überließ das arme Kind sich selbst.

Ich hätte es wissen müssen! Ich hätte Nicole beschützen müssen …

„Wir sind fast da.“ Ihr Entführer durchquerte die Kabine und schaute aus einem der Fenster.

„Wo?“

„In meiner Heimat – Andalusien.“

Spanien! Ein wilder Hoffnungsblitz durchzuckte Tamsin. Spanischen Boden unter den Füßen zu haben, bedeutete Zivilisation … Freiheit! Wenn es ihr gelang zu fliehen, konnte sie eine Schnellbootfähre zurück nach Marokko nehmen und noch vor dem Morgengrauen wieder dort sein.

Als ihr Entführer sich abrupt umdrehte, senkte Tamsin rasch den Blick, aus Angst, er könne ihren Plan womöglich an ihrem Gesicht ablesen.

„Sprechen Sie eigentlich Spanisch, Señorita Winter?“

„Nein“, log sie dreist, um ihn in Sicherheit zu wiegen. „Und Sie …?“

„Natürlich.“ Er schenkte ihr ein eisiges Lächeln. „Aber meine Mutter war Amerikanerin. Nach ihrem Tod lebte ich sechs Jahre in Boston. Ich werde also um Ihretwillen weiterhin Englisch sprechen.“

„Dann erklären Sie mir doch bitte mal auf Englisch, warum Sie mich gekidnappt haben.“

„Vermissen Sie etwa bereits Ihren Verlobten?“

„N…nein“, stammelte sie, momentan aus der Fassung gebracht. „Oder, natürlich, ja … ich vermisse ihn. Außerdem geht Sie das nichts an. Ich habe Aziz das Versprechen gegeben, ihn zu heiraten, also muss ich mein Wort halten. Manche Leute können nämlich noch etwas mit dem Begriff Ehre anfangen.“

Wieder blitzte es in seinen Augen auf. „Dann geben Sie also zu, dass Sie ihn nicht lieben?“

„Davon habe ich nichts gesagt.“

„Das brauchen Sie auch nicht. Aziz al-Maghrib ist für seine gnadenlose Grausamkeit allseits bekannt. Sind Sie denn wirklich so habgierig, dass Ihnen das Vermögen seines Onkels als Anreiz für diese Hochzeit ausreicht?“

Tamsin hatte nicht vor, die Motive für die geplante Heirat ausgerechnet mit ihrem Entführer zu diskutieren. „Wenn Sie Aziz’ Ruf so genau kennen und es trotzdem gewagt haben, mich zu entführen, dann sind Sie ein Narr oder einfach lebensmüde. Dafür wird er Sie umbringen.“

Erneut setzte er sich zu ihr aufs Bett. Nahe … viel zu nahe. Tamsin versuchte von ihm fortzurutschen, doch sein schwerer Körper hielt das Laken so fest, dass sie sich nicht rühren konnte. Nie zuvor hatte sie sich einem Mann in ihrer Unterwäsche gezeigt, und damit würde sie heute ganz bestimmt nicht anfangen. Besonders deshalb nicht, weil sie sich der Reaktionen ihres Körpers auf seine beunruhigende Nähe nicht wirklich sicher war.

Sie öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass er sich entfernen solle, doch als sich ihre Blicke trafen, verlor sie den Faden und versank in der dunklen Tiefe seiner wundervollen Augen.

Ihn einfach nur als gut aussehend zu bezeichnen, wurde seiner Wirkung nicht gerecht, stellte Tamsin verwundert fest. Das dunkle Gesicht mit der römischen Nase, den hohen Wangenknochen und der harten Kinnlinie war unbestreitbar attraktiv. Besonders der Kontrast der stahlgrauen Augen zu dem olivfarbenen Teint und dem nachtschwarzen dichten Haar. Wie gern hätte sie es mit ihren Fingern berührt, doch sie wagte es nicht.

Er war so groß, dass er sie sogar im Sitzen um fast einen Kopf überragte. Dazu wirkte er ausgesprochen kräftig und muskulös. Wenn er sie überwältigen wollte, musste er sich nicht einmal anstrengen. Sie hatte keine Chance gegen ihn. Er konnte mit ihr tun, was ihm gerade in den Sinn kam …

Der Gedanke ängstigte und erregte Tamsin zur gleichen Zeit.

Als er die Hand hob, zuckte sie unwillkürlich zurück und sog heftig den Atem ein, doch zu ihrer Überraschung strich er ihr nur über die Wange.

„Darauf habe ich sehr lange gewartet.“ Die Berührung war freundlich und besitzergreifend zugleich, als sei sie ein wildes Pferd, das es zu zähmen galt. „Ein ganzes Leben …“

„Auf was?“, fragte sie heiser.

„Auf dich.“

„Auf mich?“ Tamsin wusste gar nicht, was sie mehr verblüffte. Die Aussage an sich oder der Umstand, dass ihr Entführer sie plötzlich duzte.

Fast wäre es ihr lieber gewesen, er hätte sie geschlagen, damit konnte sie umgehen. Stattdessen zitterte sie unter seiner Berührung. Er brauchte nicht einmal Gewalt anzuwenden. Ein sanftes Streicheln, und er konnte von ihr haben, was er wollte. Und dabei war es nur ihre Wange gewesen …

Was würde erst geschehen, wenn er sie küsste, ihre empfindlichen Brustspitzen liebkoste … zu ihr ins Bett kommen und sich über sie …

Rasch schlug sie die Augen nieder. „Warum haben Sie mich entführt?“, fragte sie erneut. „Was haben Sie mit mir vor?“

„Du bist so etwas wie eine Kriegsbeute für mich, Tamsin“, erklärte er in leichtem Plauderton. „Und ich freue mich bereits darauf, herauszufinden, ob Rache tatsächlich so süß schmeckt, wie behauptet wird …“

Während er sprach, fuhr er mit den Lippen über ihre zarte Ohrmuschel. Sein warmer Atem auf ihrem Hals ließ ihre Haut am ganzen Körper wie Champagner prickeln.

„Bitte …“, wisperte sie mit geschlossenen Augen, ohne zu wissen, worum sie überhaupt bat. Ihr Körper fühlte sich völlig fremd an. Angespannt und erregt, kalt und heiß zugleich.

Bedächtig strich er ihr eine rotgoldene Strähne hinters Ohr, zeichnete mit einem Finger die geschwungene Linie ihres wunderschönen Mundes nach und fuhr quälend langsam ihre zarte Kehle entlang, bis zu der Stelle, wo das Laken den Ansatz ihrer Brüste versteckte. Dann verfolgte er gebannt, wie Tamsin sich unbewusst mit der Zungenspitze über die weichen Lippen fuhr, und in der nächsten Sekunde lag sein Mund auf ihrem.

Sein Kuss war fordernd, hungrig und setzte Tamsins Körper in Flammen. Instinktiv schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und vergrub ihre Finger in dem dichten schwarzen Haar, als er seinen Kuss vertiefte.

„Die Fotos der Paparazzi werden dir auf keinen Fall gerecht“, raunte er gegen ihre Wange, als er sich zurückzog. „Um Frauen wie dich entfachen Männer Kriege …“

Tamsin spürte immer noch seine Berührung auf ihrer zarten Haut, als sie einen überraschten Laut ausstieß. Das Laken war ihrem Griff entglitten und bauschte sich um ihre Hüfte. Sein bewundernder Blick wanderte von ihren runden Brüsten, bedeckt durch den zarten Spitzen-BH, über den flachen Leib bis hinunter zu ihrem reizenden Bauchnabel und wieder zurück zu den aufgerichteten Brustspitzen, die sich gegen die dünne weiße Spitze drängten.

Bevor sie das Laken hochziehen konnte, waren seine Hände auf ihrer nackten Haut. Mit einer schnellen Bewegung fasste er Tamsin um ihre schmale Taille und zog sie ungestüm an sich. Sie versuchte erst gar nicht, sich gegen ihn zu wehren. Sie konnte es nicht …

Er küsste sie erneut, mit einer ungezügelten Leidenschaft, die sie bis ins Innerste aufwühlte. Mit seinen warmen, starken Händen massierte er ihren Rücken, und alles, was sie denken konnte, war, dass noch nie zuvor in ihrem Leben sie jemand so geküsst hatte.

Sie war verloren. Ohne sich Rechenschaft über ihr Tun abzugeben, schob sie ihre Hände unter sein Hemd, um ihm noch näher zu sein. Fast fiebrig liebkoste sie mit ihren schlanken Fingern den flachen, harten Bauch und arbeitete sich zu der muskulösen Brust empor. Als er den Verschluss ihres BHs berührte, vernahm Tamsin einen lustvollen Laut.

In dem Moment klopfte es hart an der Tür. Nur widerwillig löste Marcos sich von Tamsin, und nach Atem ringend schauten sie einander in die Augen.

Er wirkt fast verstört, stellte sie erstaunt fest, aber nicht halb so sehr wie ich. Noch während sie das dachte, änderte sich sein Gesichtsausdruck.

„Du bist gut … wirklich gut.“ Wie er es sagte, hörte es sich wie eine Anklage an.

Sie war gut? Als wenn sie diejenige gewesen wäre, die versucht hatte, ihn zu verführen!

Er ging zur Kabinentür und öffnete sie. Draußen stand eine junge Frau mit einem Arm voller Sachen. „Die Kleider für die Señorita, Patrón“, erklärte sie beflissen und zog sich wieder zurück.

Mit zwei Schritten stand er wieder neben dem Bett und legte ein schwarzes Kleid und ein Paar schwarze High Heels auf der Decke ab. „Hier … das war eben Maria, die dir auch den Kaftan ausgezogen hat, damit du bequemer schlafen konntest“, murmelte er spöttisch. „Die Sachen müssten dir passen.“

„Sie … Sie wollen mich hier allein lassen?“, stammelte sie irritiert. Ihr Widerstand war unter seinen leidenschaftlichen Liebkosungen geschmolzen und hatte sich in nichts aufgelöst. Sekundenlang blickte er sie abwartend an, dann wandte er sich abrupt zur Tür und wollte die Kabine ohne ein weiteres Wort verlassen.

„Warten Sie …“, rief sie ihm mit gedämpfter Stimme hinterher. Dieser verrückte Tag hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Tamsin bebte am ganzen Körper vor übersteigerten Emotionen und mentaler Erschöpfung. Tränen schossen ihr in die Augen und blieben an den Spitzen ihrer dichten Wimpern hängen wie glitzernde Tautropfen.

„Haben Sie mir gar nichts mehr zu sagen? Sie halten mich von meiner Hochzeit fern, entführen mich quer übers Mittelmeer, küssen mich, und jetzt wollen Sie ohne ein Wort der Erklärung einfach gehen?“

Marcos’ Stirn umwölkte sich, die Augen schienen noch einen Ton dunkler zu werden. Sein ganzer Körper drückte Abwehr aus, als er ihr antwortete.

„Also gut“, sagte er kalt. „Was willst du wissen? Meinen Namen? Marcos Ramirez. Was ich von dir will? Das ist ganz einfach, Miss Winter. Ich beabsichtige, deinen Verlobten zu vernichten und deine Familie zu ruinieren … Und du wirst mir dabei helfen.“

2. KAPITEL

Vielleicht hätte er doch besser Reyes die Entführung überlassen sollen.

Marcos betrachtete missmutig Tamsins reizendes Profil, während sein Chauffeur sie von der Küste aus drei Meilen landeinwärts kutschierte.

Endlich war sie still! Die letzten Stunden waren eine harte Prüfung gewesen, weil sie ihn die ganze Zeit über bekniete, er möge sie endlich gehen lassen, damit sie zu Aziz zurückkehren und ihn heiraten könne. Und da Bitten und Flehen sie nicht weiterbrachten, versuchte sie es mit Drohungen.

Als Marcos daran zurückdachte, hätte er fast aufgelacht. Aber er war keiner ihrer ergebenen Bewunderer, deshalb machte ihr Theater auch keinen Eindruck auf ihn.

Oder vielleicht doch? Die Erinnerung an ihren Kuss wollte einfach nicht weichen. Dabei hatte er auf der Jacht gar nicht vorgehabt, Tamsin zu küssen. Doch wie sie da in seiner Kabine im Bett gesessen hatte, war sie so verdammt begehrenswert gewesen. Und der Kuss selbst …

Energisch verbannte Marcos die störenden erotischen Fantasien aus seinen Gedanken. Diese Frau war eine professionelle Verführerin. Der Klatschpresse nach zu urteilen, ging sie mit jedem berühmten und einflussreichen Mann ins Bett, der in London aufkreuzte. Natürlich hatte sie dann auch genügend Praxis im Küssen.

Allein dieses unschuldige Erröten, als das Laken versehentlich herunterrutschte! Gab es überhaupt etwas, was diese Frau nicht tun würde, nur um nach Marokko zurückkehren zu können, um ihre Klauen auf das Al-Maghrib-Vermögen zu legen?

Nachdem er ihr seinen Plan eröffnet hatte, ihre Familie ruinieren zu wollen, hatte sie kein weiteres Wort darüber verloren. Offenbar war Tamsin sogar bereit, selbst ihre Verwandten zu opfern, nur damit sie mit Rubinen und Diamanten behängt an der Seite von Aziz, dem Neffen des Scheichs, auftreten konnte.

Gierig und skrupellos, ja das war sie. Ebenso verdorben wie ihr Bräutigam und wahrscheinlich genauso kopflos und korrupt wie ihr Bruder in geschäftlichen Belangen.

Schade, dachte Marcos. Denn gleichzeitig war Tamsin Winter auch die schönste und hinreißendste Frau, der er je begegnet war.

Und das lag nicht allein an ihrem zarten hellen Porzellanteint, den weichen, vollen Lippen oder den strahlend blauen Augen. Oder an ihrer schlanken, aufrechten Gestalt, mit einer Taille, die er leicht mit zwei Händen umspannen konnte … den hoch angesetzten, vollen Brüsten und ellenlangen, schlanken Beinen.

Nein, es war eine Schönheit, die tiefer ging. Die Art, wie sie sich bewegte – stolz und sich ihrer Wirkung bewusst – wie eine Flamencotänzerin. Oder wie sie ihre rote Mähne schüttelte, wenn etwas ihr Missfallen erregte – wild und ungezähmt. Und es war der Klang ihrer Stimme … tief und melodisch.

Kein Wunder, dass sie als die begehrenswerteste Frau Englands galt. Ein weniger gefestigter Mann als er konnte leicht zum Sklaven ihres unwiderstehlichen Charmes werden.

Es würde ihr nur recht geschehen, wenn ich sie verführte, dachte Marcos und schaute aus den Augenwinkeln zu Tamsin hinüber, die sich bewusst so weit wie möglich von ihm weggesetzt hatte. Mit verdrossener Miene starrte sie auf die vorbeiziehende spanische Landschaft.

Es würde ihm sogar eine große Genugtuung verschaffen, ihren Willen zu brechen, sie vor Begierde seufzen und vor Lust aufschreien zu hören … ihren Widerstand und ihre wilden Drohungen in einem Sturm der Leidenschaft zu ersticken.

Allein bei der Vorstellung versteifte sich sein Körper, und er spürte ein quälendes Ziehen in den Lenden. Recht würde es ihr auf jeden Fall geschehen!

Zur Hölle mit dieser kleinen Hexe!

Marcos wurde mit einem Male bewusst, dass er sich auf einem extrem schmalen Grat bewegte. Wenn er nicht hellwach blieb, würde er die Kontrolle verlieren. Offenbar war er ebenso empfänglich für Tamsins verheerenden Charme wie jeder x-beliebige Kerl, den sie skrupellos um ihren kleinen Finger wickelte.

Diese Erkenntnis brachte ihn nur noch mehr in Rage. Natürlich hatte er kein Problem, der Versuchung zu widerstehen, die sie zweifelsfrei bot, aber allein, dass er mit dem Gedanken spielte, sie in sein Bett zu bekommen, zeigte ihm, wie gefährlich diese Frau tatsächlich war.

Als der Wagen vor dem Haupteingang des castillo hielt, das er sein Heim nannte, ließ Marcos seinen Blick noch einmal über Tamsins weibliche Kurven wandern, die in dem kurzen schwarzen Kleid perfekt zur Geltung kamen. Dann stieg er aus, machte eine abwehrende Handbewegung in Richtung seines Chauffeurs, ging um den Wagen herum und öffnete selbst die Tür auf der anderen Seite.

Es war eine schwüle, andalusische Sommernacht, die nicht ohne Wirkung auf Marcos blieb. Überdies lag der süße Duft von Jasmin in der Luft. Tamsin folgte immer noch ihrer Taktik, ihn komplett zu ignorieren. Mit einem unterdrückten Fluch griff er nach ihrem Arm, zog sie ziemlich unsanft aus dem Wagen und hinter sich her die steinernen Stufen zum Eingang des castillo hoch.

Maria, Reyes und die anderen Bodyguards, die im Van mitgefahren waren, folgten ihnen stumm.

Tamsin strauchelte auf der obersten Stufe, befreite sich mit einem Ruck aus Marcos’ Umklammerung und schaute an der altertümlichen Fassade des mit Zinnen bewehrten Gebäudes aus dem vierzehnten Jahrhundert empor.

Das ist Ihr Zuhause?“

„Ja“, gab er knapp zurück.

Ihre Miene nahm den rebellischen Ausdruck an, den er inzwischen kennen- und fürchten gelernt hatte. „Ich will hier nicht bleiben! Und zwingen können Sie mich nicht dazu.“

Marcos, der für seine eiserne Beherrschung und kalte Gelassenheit bekannt war, spürte, wie er langsam die Geduld verlor. Abgesehen von ihrer Schönheit und Unverschämtheit, schien Tamsin genau zu wissen, auf welchen Knopf sie bei ihm drücken musste, um ihn zur Weißglut zu bringen.

„Du wirst hier bleiben, solange ich es will!“

Mit einer stolzen Bewegung schob sie ihr Kinn vor und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann wandte sie sich abrupt um und betrat das castillo. Marcos ließ sie gewähren, in der Gewissheit, dass sie ihm nicht entkommen konnte, sobald sich die hohen schweren Türen hinter ihnen schlossen.

Als sie ihm folgte, verursachte das provozierende Klack-Klack-Klack ihrer High Heels ein hohles Echo in der riesigen Eingangshalle. Die hohe gewölbte Decke war kunstvoll mit verschlungenen Blumenmotiven, arabischen Schriftzeichen und geometrischen Mustern verziert und galt als Meisterwerk der maurischen Architektur.

Unvermittelt fiel Marcos ein, dass Tamsin laut seinen Erkundigungen zunächst Kunstgeschichte studiert hatte, ehe sie auf Wirtschaft umgeschwenkt war. Hoffentlich beeindruckt sie das Foyer entsprechend, dachte er voller Sarkasmus. Sie waren hier nicht in London, und es wurde langsam Zeit, dass Tamsin begriff, auf wessen Parkett sie sich bewegte und wer hier das Sagen hatte.

Sie als seine Gefangene im castillo festzuhalten, bedeutete für seine beiden Gegner eine vernichtende finanzielle Schlappe. Ohne die geplante Hochzeit zwischen den beiden Familien, würde Scheich Mohamed ibn Battuta al-Maghrib niemals bereit sein, seine Ölproduktion an Sheldon Winter zu verkaufen, der den Rohstoff unabdingbar für die Herstellung seines einzigen gewinnbringenden Produkts benötigte. Damit war Winter Cosmetics ruiniert und Sheldon endgültig erledigt.

Aziz würde es noch viel schlimmer treffen. Ohne das avisierte Hochzeitsgeschenk seines Onkels drohte das Lügengebäude um seine Spielsucht endgültig zusammenzubrechen. Und dem Scheich, einem ehrenhaften, aber kompromisslosen Mann, blieb nichts anderes übrig, als ihn von der Erbfolge auszuschließen. Damit war Aziz den Kredithaien, die seit geraumer Zeit seine Sucht bereitwillig unterstützten, gnadenlos ausgeliefert. Nach Marcos’ Ansicht ein verdientes Ende.

Das Einzige, was ihm noch mehr Befriedigung verschaffen könnte, wäre eine Konfrontation mit Aziz von Angesicht zu Angesicht. Nach dem, was dieser Mann seinem Vater angetan hatte, wäre es Marcos ein ganz besonderes Vergnügen, ihm höchstpersönlich den Hals umzudrehen.

Er hatte die verdammten Lügen, Geheimnisse und das endlose Warten so satt und wollte den Mann, der seine Familie zerstört hatte, endlich am Boden sehen.

Aus schmalen Augen betrachtete er Tamsins atemberaubende Figur und das feuerrote Haar, das in einer wilden Lockenkaskade über ihren Rücken herabfloss. Als sie leicht den Kopf drehte, bot sich ihm ihr reizendes Profil zur Ansicht. Die Haut war cremig weiß wie der Winter und wirkte so weich und zart wie eine Sommerbrise.

Er sehnte sich danach, sie zu berühren, um festzustellen, ob er recht hatte mit seinen quälenden Fantasien … zu sehen, ob ihr Haar wirklich wie züngelnde Flammen lodern würde, wenn er es in einer leidenschaftlichen Umarmung zerwühlte …

Marcos schob die dunklen Brauen zusammen und verzog angewidert das Gesicht ob seiner ungewohnten Schwäche. Die Erkenntnis, dass Tamsin Winter auch ohne ihr Zutun die Macht besaß, ihn aus der gewohnten Ruhe zu bringen, frustrierte ihn zutiefst.

Sie war seine Gefangene, nichts weiter!

„Du wirst mir heute Abend beim Dinner Gesellschaft leisten.“ Es war ein Befehl, keine Einladung.

„Eher würde ich sterben“, gab sie mit verächtlich gekräuselten Lippen zurück.

„Wie du wünschst.“ Mit angespannter Miene wandte sich Marcos zu seinem Bodyguard um, der sich diskret im Hintergrund hielt. „Reyes, sperr Miss Winter in den Turm.“

„Nein!“ Mit vor Entsetzen geweiteten Augen trat sie rasch einen Schritt auf ihn zu. „Sie können mich nicht einsperren!“

„Ich kann und ich will.“ Der Raum, den er für sie vorbereitet hatte, war groß, hell, komfortabel und weit entfernt vom Turm, aber das würde er ihr ganz sicher nicht auf die Nase binden. Nicht nach dem, was er heute ihretwegen hatte durchmachen müssen. „Du gibst mir keinen Grund, deine Gesellschaft zu suchen.“

Tamsin ballte ihre Hände zu Fäusten, um ihre Wut zu bezwingen. Ihr Gesicht wurde dabei schneeweiß vor Anstrengung. „Ich habe meine Meinung geändert“, murmelte sie tonlos. „Ich möchte sehr gern mit Ihnen dinieren …“

Endlich! Marcos verspürte ein geradezu lächerliches Gefühl der Erleichterung. Offensichtlich schien Miss Winter langsam zu begreifen, wie die Waffen verteilt waren.

„Wir werden das Dinner in der sala einnehmen, Nelida“, informierte er seine Haushälterin, die lautlos die Halle betreten hatte. „Es ist bereits sehr spät. Bring ruhig alle Gänge auf einmal. Wir bedienen uns dann selbst.“

Sí, Patrón.“

„Ich halte dich auf dem Laufenden …“ Marcos entließ seinen Bodyguard mit einem bedeutungsvollen Blick. Reyes nickte, gab dem Rest der Sicherheitstruppe einen Wink und zog sich im Gefolge der anderen Bodyguards zurück.

Marcos bot Tamsin seinen Arm. „Hier entlang.“

Misstrauisch beäugte sie seinen ausgestreckten Arm. Ihre blauen Augen mit den langen Wimpern, umrahmt von schwarzem Kajal, wirkten so uferlos und tief wie das Meer. Seine höfliche Geste zu akzeptieren, war offensichtlich das Letzte, was sie wollte.

Doch dann lächelte sie Marcos zu seiner Verblüffung strahlend an und legte ihre schmale Hand in seine Armbeuge. Die frappierende Wandlung von ihrer zuvor düsteren Miene zu einem Gesichtsausdruck, der fast an Begeisterung grenzte, nahm ihm den Atem.

„Danke, sehr freundlich …“ Es klang wie das Schnurren eines Kätzchens, und der Blick, den sie ihm jetzt unter gesenkten Lidern zuwarf, war wie ein Versprechen.

Instinktiv zog Marcos sie näher an sich heran. „Folgen Sie mir, Miss Winter …“, murmelte er heiser, erneut aus dem Gleichgewicht gebracht.

Ihr Lachen klang klar wie Kristall und war reine Musik in seinen Ohren. Fast zärtlich berührte sie seine Schulter. „Nennen Sie mich doch einfach Tamsin, Mr. Ramirez …“, bat sie kokett. „Wenn wir schon gezwungen sind, die nächsten Wochen unter einem Dach zu verbringen, können wir wohl auf unnötige Formalitäten verzichten. Deshalb werde ich dich auch ab sofort Marcos nennen …“

Seinen Vornamen aus ihrem Mund zu hören und die ungewohnte vertrauliche Anrede weckten in ihm einen Appetit, der weit über das geplante Dinner hinausging.

Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich die Eisprinzessin in einen vollblütigen Vamp verwandelt, und gegen sein besseres Wissen konnte Marcos an nichts anderes mehr denken, als sich ihr ganz auszuliefern.

Aber was hatte den abrupten Wandel in ihrem Verhalten bewirkt? Sicher nicht die Furcht, tatsächlich in den Turm gesperrt zu werden, oder?

Plötzlich kam ihm die Erleuchtung. Tamsin Winter änderte ganz einfach ihre Strategie. Anstatt ihm zu drohen, versuchte sie, ihn mit ihrem Charme einzuwickeln, aber da hatte sie die Rechnung ohne ihn gemacht!

Doch als er sie noch ein bisschen näher an sich heranzog, übertrug sich die unhörbare Melodie ihres wiegenden Ganges auf seinen Körper und brachte ihn auf den Gedanken, dass es doch recht vergnüglich für ihn werden könnte, zum Schein so zu tun, als falle er auf ihr lächerliches Manöver herein.

Da er sie durchschaute, war es für ihn absolut gefahrlos. Marcos wollte nur sehen, wie weit sie gehen würde …

Tamsin hatte inzwischen begriffen, dass es absolut zwecklos war, ihrem Entführer drohen zu wollen.

Anders als ihr selbstgefälliger, aufgeblasener Halbbruder, würde Marcos Ramirez nicht so leicht zu schlagen sein. Er war gerissen, gut organisiert und skrupellos und war extra nach Marokko gekommen, um sie zu entführen. Offenbar hatte er viel Zeit und Geld in seinen Rachefeldzug gegen Aziz und ihre Familie investiert. Da würde er sich durch ihre Feindseligkeit kaum beeindrucken lassen.

Also war es Zeit für einen neuen Plan.

Marcos warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, während sie die Treppe zu der sala hinaufstiegen. Sein Begehren stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, obwohl er versuchte, es durch ein nonchalantes Lächeln zu tarnen. Ganz offensichtlich hielt er sie tatsächlich für einen oberflächlichen, leichtlebigen Vamp.

Und wirklich, gemessen an dem perfekt sitzenden, weit ausgeschnittenen Gucci-Kleid mit den schmalen Spaghettiträgern und den passenden Christian-Louboutin-Pumps, die er für sie ausgesucht hatte, musste er sie seit geraumer Zeit beobachtet haben. Denn es war ein exaktes Duplikat eines ihrer Partyoutfits, das die Klatschpresse dazu herausgefordert hatte, sie als das neueste Londoner „It-Girl“ zu proklamieren.

Doch momentan hätte sie sich in einem Jogginganzug und Turnschuhen um einiges wohler und sicherer gefühlt. So hinreißend die Satinschuhe mit den mörderischen High Heels auch aussahen, waren sie kaum dazu geeignet über Burgmauern zu klettern oder vor Marcos’ Wachleuten zu flüchten.

Allerdings bot das sexy Outfit dafür ganz andere Möglichkeiten. Tamsin musterte ihren Entführer verstohlen unter gesenkten Wimpern hervor. Sie konnte mit ihm flirten … ihn bezirzen. Seine Selbstgefälligkeit und sein Ego streicheln. Ihn glauben lassen, dass sie unter Umständen sogar bereit wäre, sein Bett mit ihm zu teilen.

Ja, das war genau der richtige Weg, mit diesem arroganten Spanier umzugehen.

Sie musste Marcos nur dazu bringen, weiterhin zu glauben, was in den Medien über sie geschrieben wurde. Und ihn davon überzeugen, dass sie sich von dem hier gebotenen Luxus einfangen ließ, damit er seine Rachegelüste ganz nach seinem Plan befriedigen konnte. Und dann, wenn seine Wachsamkeit nachließ, würde sie ihm entkommen, nach Marokko zurückkehren und seinen schönen Plan vereiteln.

Tamsin lächelte in sich hinein, während sie sich den fassungslosen Ausdruck auf seinem dunklen Gesicht vorstellte, wenn er erkennen musste, dass er sie unterschätzt hatte und von ihr ausgetrickst worden war.

„Da sind wir …“, murmelte Marcos und öffnete die Tür zu einem riesigen Speisesaal. Dabei lag eine Hand auf ihrem Rücken und schien Tamsin durch das dünne Kleid zu versengen.

„Was für ein prachtvoller Raum!“

Und das war nicht einmal gelogen. Die mittelalterliche Architektur harmonierte seltsamerweise sehr gut mit der modernen Kunst an den naturbelassenen Steinwänden. Tamsin entdeckte einen Picasso und hätte schwören können, dass es sich dabei um ein Original handelte. Die Decke war sehr hoch und gewölbt, und auf dem langen dunklen Holztisch prunkte in der Mitte ein üppiges Bukett mit exotischen Blüten.

Die offenen, hohen Terrassentüren führten auf einen breiten Balkon mit einer steinernen Balustrade. Ganz tief sog Tamsin den betörenden Duft von blühendem Jasmin ein.

Marcos geleitete sie zu dem Ende des massiven Eichentisches, das den geöffneten Türen am nächsten lag, und als er den Stuhl für sie zurechtrückte, streifte sie sein markanter Duft. Er roch nach Sonne, der mediterranen See und irgendetwas anderem … undefinierbar, aber ungeheuer männlich.

Sein Duft, der athletische Körper und die dunkle Stimme reizten ihre Sinne und brachten jeden Nerv in ihrem Inneren zum Vibrieren. Es war … schrecklich verwirrend. Wie konnte sie sich zu jemandem hingezogen fühlen, dem sie gleichzeitig am liebsten eine Kristallvase auf dem Kopf zerschlagen hätte?

„Möchtest du einen Drink?“

Sie zögerte nur ganz kurz. „Ja, danke.“

Er ging zur Bar am Ende des Esszimmers, und Tamsin verfolgte jeden seiner Schritte. Groß und breitschultrig bewegte er sich mit der kraftvollen Grazie einer Raubkatze. Als er sich zu ihr umwandte, senkte sie wie ertappt den Blick.

Doch dann schaute sie gleich wieder auf und lächelte ihm entgegen. Mit dem nachtschwarzen gelockten Haar, den dunklen Bartschatten und den herausfordernd funkelnden Augen wirkte er wie der Freibeuter, der er in ihren Augen auch war. Sein markant geschnittenes Gesicht hingegen ließ nicht die leiseste Regung erkennen und erinnerte an die kalte Schönheit von Michelangelos Statuen.

Wie ein dunkler Engel, dachte Tamsin und schauderte.

„Der Brandy stammt von meinen eigenen Weinbergen.“ Marcos stellte die Gläser auf dem Tisch ab und setzte sich neben Tamsin. Als er dabei ihr nacktes Knie berührte, zuckte sie heftig zusammen.

Erstaunt hob er die Brauen. „Mache ich dich etwa nervös?“

Tamsin errötete und ärgerte sich darüber, dass sie wie die zimperliche Jungfrau reagierte, die sie nun mal war. „Nein, ich … du hast wirklich sehr lange Beine“, stammelte sie verlegen.

Gracias.“

Himmel, war sie unbeholfen! Vielleicht versuchte sie es mal mit einem verruchten Augenaufschlag. „Mir gefallen große, starke Männer … mit kräftigen Muskeln, die ordentlich zupacken können.“

„Oh, ich habe nicht nur Kraft, sondern auch eine bemerkenswerte Ausdauer …“, murmelte er gedehnt und zwinkerte Tamsin über sein Brandyglas hinweg amüsiert zu. „Ich kann die ganze Nacht über … zupacken, wann und wo immer du willst.“

Das ging nun wirklich zu weit!

Mit Marcos zu flirten war nicht mit dem leichtherzigen Partygeplänkel der Londoner High Society zu vergleichen! Er war keiner der blassgesichtigen Earls oder bulligen Finanzgrößen, mit denen sie es sonst zu tun hatte, sondern ein echter Mann – fordernd und gefährlich. Und sie war seine Gefangene, in seinem castillo.

Sich auf ihn einzulassen, war ein Spiel mit dem Feuer.

Du kannst das, machte Tamsin sich Mut. Lass ihn glauben, dass du ihn willst. Benimm dich wie die Frau, für die er dich hält. Küss ihn … jetzt!

Sie konnte es nicht tun. Sie hatte einfach nicht die Nerven dazu.

Mit zitternden Fingern griff Tamsin nach ihrem Brandyglas, setzte es an die Lippen und nahm einen großen Schluck. Prompt verschluckte sie sich an dem scharfen, ungewohnten Getränk und musste husten.

„Langsam, langsam …“ Marcos klopfte ihr leicht auf den Rücken. „Keine Erfahrung mit Brandy?“

Tamsin fühlte sich absolut unerfahren, und nicht nur, was den Brandy betraf!

„Ich hatte einfach Durst“, behauptete sie zaghaft.

„Ja, das ist nicht zu übersehen.“ Seine grauen Augen glitzerten. „Und Hunger wahrscheinlich auch.“

„Sehr sogar.“ Tamsin trank noch einen Schluck von dem Brandy, diesmal aber vorsichtiger. „Übrigens … ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt, nicht wahr?“

„Wofür?“, fragte Marcos misstrauisch.

„Dafür, dass du mich entführt und vor Aziz gerettet hast.“ Ihr Augenaufschlag war hinreißend, verschärfte aber nur noch sein Misstrauen.

„Gerettet? Du warst doch so wild darauf, Aziz zu heiraten, dass du fast über Bord gesprungen und nach Marokko zurückgeschwommen wärst“, erinnerte er sie.

„Da war ich voller Panik, weil ich keine Ahnung hatte, was du mir antun würdest. Aber ich wollte Aziz nicht heiraten … niemals! Er hätte mich irgendwo in der Wüste eingesperrt. Tausende von Meilen von jeglicher Zivilisation und Shoppingmeile entfernt!“ Tamsin schauderte sichtbar. „Was für ein Albtraum für eine Frau.“

Qué lástima, da hast du völlig recht“, spottete Marcos. „Eine echte Tragödie.“

Tragisch ist einzig und allein, wie leicht du diesen Unsinn schluckst, dachte Tamsin verächtlich und schenkte ihm ihr reizendstes Lächeln. Dann beugte sie sich vor und legte ihre schmale Hand auf seine.

„Ich bin nicht deine Feindin, Marcos. Weder für Aziz noch für meinen Bruder habe ich mehr als Verachtung übrig.“ Das klang so aufrichtig, dass er seine Augen überrascht zu schmalen Schlitzen verengte. „Vielleicht können wir beide einander sogar helfen.“

„Wie stellst du dir das vor?“

Sein Blick lag jetzt auf ihrem Mund, und unwillkürlich benetzte Tamsin ihre Lippen mit der Zungenspitze. Erneut überkam sie das Gefühl, diesem Mann nicht gewachsen zu sein. Sie spielte nicht in seiner Liga. Was, wenn er sie durchschaute und …?

Sie griff nach dem Glas, trank es beherzt leer und schaute Marcos fest in die Augen, als sie es ihm entgegenhielt. „Kann ich bitte noch einen Brandy haben?“ Sie kicherte leise. „Mein Kopf wird davon so angenehm leicht.“

Wortlos nahm er ihr das Glas ab und ging erneut zur Bar hinüber. Düster blickte Tamsin ihm hinterher, doch in dem Moment, als er sich wieder umwandte, kehrte das strahlende Lächeln auf ihr Gesicht zurück.

„Erzähl mir von deinen Plänen, und ich werde dir verraten, wie ich dir dabei helfen kann“, forderte sie ihn auf, streckte die Arme in die Luft, imitierte ein Gähnen und dehnte sich genüsslich, wobei ihr durchaus bewusst war, dass sich die Rundungen ihrer Brüste durch den dünnen Stoff ihres Kleides gut sichtbar abzeichneten. „Ich verstehe nämlich immer noch nicht, wie du dich an meinem Bruder und Aziz rächen kannst, indem du meine Hochzeit mit ihm verhinderst.“

Sein Blick ruhte wie gebannt auf ihren anmutigen Brüsten. „Es reicht, wenn du weißt, dass es so ist“, entgegnete er hart.

„Aber warum willst du uns vernichten?“

„Nicht dich, querida, nur die anderen.“

„Und warum sie?“

Marcos zuckte mit den Schultern. „Sie haben es verdient.“

Arroganter Kerl!, schäumte Tamsin innerlich, wütend darüber, dass Marcos sich nicht von ihr aushorchen ließ. Niemals würde sie zulassen, dass er wegen seiner albernen Rachegelüste Nicoles Zukunft ruinierte. Ihre kleine Schwester und sie hatten durch männliche Willkür schon viel zu viel in ihrem Leben erdulden müssen.

Als ihr Vater nach einem Schlaganfall verstarb, trauerte niemand um ihn, im Gegenteil. Tamsin war regelrecht erleichtert, weil er ihnen nie wieder würde wehtun können.

„Hier ist dein Brandy.“

„Danke.“ Tamsin schlug lässig die Beine übereinander, um sie ein wenig besser in Szene zu setzen, und ließ dann einen ihrer hochhackigen Pumps wie unabsichtlich vom Fuß gleiten. Während sie sich vorbeugte, um ihn aufzuheben, gewährte sie Marcos einen tiefen Einblick in ihr großzügiges Dekolleté. Als sie wieder aufrecht saß, begegnete sie seinem hungrigen Blick und verspürte plötzlich einen Hauch von Angst.

So sieht ein Wolf aus, wenn er auf der Lauer liegt, um ein Lamm zu reißen, schoss es ihr durch den Kopf.

Hatte sie sich mit ihrer provozierenden Geste vielleicht zu weit vorgewagt? Marcos stand auf, stellte sich hinter ihren Stuhl und legte seine Hände auf Tamsins nackte Schultern.

„Was tust du da?“

Sie spürte förmlich, dass er lächelte, als er mit einer Hand ihr Haar zur Seite schob und ganz sanft begann, ihren Nacken zu massieren. Ein heißer Schauer nach dem anderen rann ihren Rücken hinunter.

„Es war ein anstrengender Tag … für uns beide“, stellte Marcos fest. „Aber wir haben noch die ganze Nacht vor uns, um zu essen, zu trinken und … zu genießen.“

Tamsin spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen, schloss die Augen, und ohne darüber nachzudenken, lehnte sie sich zurück.

Qué belleza …“, raunte er in ihr Ohr. „Du bist wunderschön.“

„Das bin nicht ich, es ist nur das Kleid.“

„Es ist die Frau, die es trägt“, korrigierte er charmant und zog Tamsin zu sich hoch an seine Brust. „Vielleicht hast du recht“, murmelte er heiser. „Vielleicht können wir einander wirklich helfen …“

„Erzähl mir von deinen Plänen“, bat sie mit klopfendem Herzen und konnte es immer noch nicht fassen, dass er auf ihr Theaterspiel hereingefallen war. „Dann überlegen wir zusammen, wie ich dir helfen kann.“

Marcos studierte aufmerksam ihre Unschuldsmiene und strich mit seinen warmen Händen über ihre bloßen Arme. „Wir werden sehen …“

Es funktioniert! Fast hätte Tamsin einen kleinen Jubelschrei ausgestoßen. Er glaubte tatsächlich, ihr vertrauen zu können! Noch während sie ihr Triumphgefühl auskostete, ging die Tür auf, und die Haushälterin erschien mit zwei jungen Mädchen in Dienstbotentracht, um das Essen aufzutragen.

Zu Tamsins Verdruss gab Marcos sie augenblicklich frei und setzte sich wieder auf seinen Platz.

„Ich serviere das ganze Dinner auf einmal, wie Sie es gewünscht haben“, erklärte die Haushälterin auf Spanisch und warf Tamsin einen strengen Blick zu, der sie verwirrte. Was mochte die Hausangestellte gegen sie haben? „Um Ihr romantisches Tête-à-Tête nicht zu stören“, fügte sie säuerlich hinzu.

„Danke, Nelida“, entgegnete Marcos in der gleichen Sprache. „Was würde ich nur ohne dich tun?“

Die untersetzte Frau mittleren Alters lächelte geschmeichelt. „Vor Hunger sterben, möchte ich wetten. Nur von diesem schwarzen Kaffee und ein paar tapas kann ein ausgewachsenes Mannsbild auf Dauer nicht überleben. Sie haben in Madrid schon wieder an Gewicht verloren“, tadelte sie ihren Arbeitgeber mit liebevoller Strenge.

„Aber ich komme immer wieder hierher zurück, um mich von dir aufpäppeln zu lassen, Nelida“, schmeichelte Marcos in einem Ton, den Tamsin bisher nicht von ihm gehört hatte.

„Ich glaube, deine Haushälterin mag mich nicht“, formulierte sie ihre Gedanken laut, nachdem Nelida und die beiden Mädchen gegangen waren.

„Es ist nichts Persönliches“, versicherte Marcos und bestrich eine noch warme Brotscheibe dick mit Butter. „Nelida war früher meine Nanny und kennt mich fast mein ganzes Leben lang. Sie ist sehr konservativ und ziemlich besitzergreifend. Und von losen Frauenzimmern hält sie rein gar nichts.“ Er sagte das in einem gleichmütigen Ton, der Tamsin die Sprache verschlug.

Lose Frauenzimmer! Mit zusammengekniffenen Lippen inspizierte Tamsin ihr Dinner. „Was ist das?“, wollte sie wissen.

„Das Rote hier heißt salmoreo. Es ist eine Tomatensuppe, die mit Brotkrumen angedickt und mit gehackten Eiern und Schinken bestreut wird.“

Zögernd probierte Tamsin einen Löffel voll und war überrascht. Die Suppe war kalt, aber köstlich. „Es schmeckt wie Gazpacho.“

„Ja.“

„Und das?“

Pato a la Sevillana. Gebratene Ente mit gedünsteten Zwiebeln, Porree und Karotten. Dazu frisch gebackenes Brot, Nelidas Spezialität.“

Tamsin probierte von allem ein paar Bissen und stellte dabei zwei Dinge fest. Erstens starb sie fast vor Hunger, und zweitens würde sie unweigerlich ein paar Pfund zunehmen, sollte Marcos sie hier länger gefangen halten. Natürlich nur, wenn Nelida ihr kein Gift unters Essen mischte!

„Und? Genießt du es?“ Marcos schaute sie an, als rede er nicht unbedingt vom Essen, und Tamsin fragte sich langsam, ob sie tatsächlich so dumm und liederlich war, wie er dachte. Wie sonst könnte sie sich von einem so kalten, herzlosen Mann angezogen fühlen? Nur mit Mühe gelang es ihr, sich auf das unbestreitbar köstliche Essen zu konzentrieren.

„Es schmeckt vorzüglich“, versicherte sie schnell. „Deine Haushälterin scheint eine Zauberin in der Küche zu sein.“

Während der nächsten Stunde plauderte sie munter, klapperte mit den Augenlidern, lachte immer wieder perlend auf und versäumte keine Gelegenheit, ihrem Gastgeber, wie um ihren albernen Anekdoten Nachdruck zu verleihen, immer wieder die Hand auf den Arm zu legen oder unabsichtlich seinen Schenkel mit ihrem Knie zu berühren.

Dabei versuchte sie ihr Bestes, mehr über seine Rachepläne zu erfahren, musste sich aber frustriert eingestehen, dass all ihre Mühe umsonst zu sein schien. Marcos selbst sprach sehr wenig, und wenn, dann nur über unwichtige Dinge.

Nachdem so ziemlich jedes Thema erschöpft war, von dem sie annahm, dass es ihn interessieren könnte – inklusive Reisen, Business und Fußball –, gab sie schließlich auf.

Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie mit einem so sturen, entnervenden und beunruhigenden Mann zu tun gehabt. Möglicherweise hatte sie ja auch ihre angeblich so verheerende Wirkung auf das andere Geschlecht eingebüßt.

Na gut, dachte sie gereizt, wenn du es nicht anders willst, wollen wir mal sehen, wie du damit zurechtkommst.

Von einer Sekunde zur anderen war Tamsin plötzlich auffällig einsilbig, und so verlief der Rest ihrer Mahlzeit in tiefem Schweigen.

„Du warst wirklich sehr hungrig, nicht wahr?“, stellte Marcos in neutralem Ton fest, als sie ihren Teller mit einer bezeichnenden Geste von sich schob.

„So eine Entführung ist ziemlich kräftezehrend“, gab sie ohne zu überlegen zurück und lachte dann leise, als wäre das als Scherz gedacht gewesen.

„Möchtest du noch etwas von der gebratenen Ente oder ein Dessert?“

Es war der längste zusammenhängende Satz, den er während des Dinners von sich gegeben hatte. Aber Tamsin hatte tatsächlich mehr als reichlich gegessen. Ein weiterer Grund, weshalb sie sich nach einem richtig bequemen Jogginganzug sehnte.

„Nein danke. Aber es gibt etwas anderes, was ich möchte.“

„Deine Freiheit, plus einem Flugticket nach Marokko?“

Tamsin lachte nervös auf. Genau das war es, was sie tatsächlich wollte, aber so leicht ließ sie sich nicht von ihm fangen. Deshalb schüttelte sie lächelnd den Kopf, legte die gefalteten Hände auf die Tischplatte und schenkte Marcos einen, wie sie hoffte, ernsthaften, aufrichtigen Blick.

„Ich möchte wirklich gerne wissen, was mein Halbbruder und Aziz getan haben, um sich deinen Hass zuzuziehen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde ihre Neugier endlich befriedigt, doch dann verschloss sich sein dunkles Gesicht, und er streckte fordernd die Hand aus.

„Komm mit auf den Balkon, von dort aus kannst du übers Tal bis zum Meer schauen“, erklärte er im Ton eines Reiseführers.

Nur widerwillig nahm Tamsin ihre Serviette vom Schoß, faltete sie sorgfältig, legte sie auf den Tisch und ließ sich von Marcos durch die offenen Türen nach draußen ziehen. „Siehst du die Lichter dort drüben? Das ist El Puerto de las Estrellas. Bekannt wurde die Stadt durch ihre Schmuggler, Diebe und Piraten.“

„Und ist es wohl immer noch“, konnte sich Tamsin nicht verkneifen.

Schlagartig verdüsterte sich Marcos’ Miene. „Auf jeden Fall, seit du hier bist“, entgegnete er hart. „Die Winters sind eine Bande von Dieben und Betrügern, und dein Verlobter ist noch schlimmer.“

Tamsin verbiss sich eine scharfe Entgegnung, da sie noch mehr erfahren wollte. Außerdem musste sie Marcos im Stillen recht geben. Sheldon hatte sie nach Strich und Faden belogen, besonders als er ihr versprach, sich um Nicole zu kümmern. Und obwohl sie Aziz nicht besonders gut kannte, wusste sie zum Beispiel, dass er eine Geliebte hatte, die er auch nach ihrer Heirat nicht aufzugeben gedachte. Ganz davon abgesehen, dass es hieß, er habe seine erste Frau umgebracht.

Eine kühle Brise, die aus dem Tal heraufwehte, ließ Tamsin frösteln. Sofort legte Marcos von hinten seine Arme um sie. „Ich bin froh, dass du hier bei mir bist.“

Unwillkürlich lehnte sie sich zurück, gegen seine warme, breite Brust. Vielleicht schätzte sie ihn ja doch falsch ein. Möglicherweise hatte er tatsächlich einen triftigen Grund, ihre Familie zu hassen. Dass Sheldon und Aziz sich in ihrem Leben mehr als nur einen Feind gemacht hatten, stand außer Frage.

War es vielleicht gar keine so gute Idee, ihn austricksen und vor ihm fliehen zu wollen? Was, wenn sie ihm die wahren Hintergründe ihrer geplanten Heirat erzählte und Marcos Ramirez um Hilfe bat …?

„Du bist der wichtigste Trumpf in meiner Hand“, raunte er ihr ins Ohr. „Ohne dich könnte ich deinen Bruder und Aziz niemals so gnadenlos schlagen.“

Tamsin schloss die Augen. Der unverhohlene Hass in seiner Stimme ließ sie innerlich schaudern, aber äußerlich blieb sie ruhig und gelassen. So viel zu ihrer Überlegung, sich ihm anzuvertrauen!

„Schon wärmer?“

„Ja“, sagte Tamsin und drehte sich in seinen Armen um. Sie waren einander so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spürte.

„Die kühle Nachtluft kommt vom Atlantik herübergeweht.“

Tamsin wandte den Blick in Richtung Meer. Im blassen Mondschein konnte sie ein schwaches Glitzern in der Ferne ausmachen. Ihr Weg in die Freiheit …

An ihrer Hüfte spürte sie einen seltsamen Druck, und als sie unter gesenkten Wimpern an sich herabschaute, sah sie etwas silbern Glänzendes aus Marcos’ Hosentasche ragen. Ein Handy!

Wenn es mir gelingt, es an mich zu bringen, kann ich Aziz anrufen, der sicher nicht zögern würde, mich mit dem Helikopter seines Onkels hier rauszuholen, überlegte sie aufgeregt.

Sie musste nur an Marcos’ Handy kommen …

Aber wie?

Küss ihn!, flüsterte eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf. Nervös fuhr sich Tamsin mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Dass Marcos auf diesem Gebiet ungleich mehr Erfahrung hatte als sie, stand fest, aber davon durfte sie sich nicht kopfscheu machen lassen!

Als Tamsin ihre zarten Finger in seine starke Hand schob und ihn mit einem betörenden Augenaufschlag ansah, fühlte sie sich seltsamerweise wie eine Verbrecherin. „Bitte, sag mir doch, was Aziz und Sheldon dir angetan haben“, bat sie weich.

Zum Glück ließ er ihre Hand nicht los, musterte Tamsin aber scharf. „Warum liegt dir so viel daran, es zu wissen?“

„Weil ich die beiden ebenso sehr hasse und verabscheue wie du. Sie sind schlecht und haben jemandem, den ich sehr liebe, Schreckliches angetan …“

Küss mich!, flehte sie innerlich. Küss mich doch endlich!

Der Ausdruck in seinen Augen, angesichts ihres unerwarteten Geständnisses, ließ sie fast vergessen, warum sie sich zu dieser Aussage hatte hinreißen lassen. Alles, woran sie denken konnte, war, dass sie in dieser Sache auf der gleichen Seite standen und sie sich nichts mehr wünschte, als endlich von Marcos Ramirez geküsst zu werden.

Sacht entzog sie ihm ihre Hand und legte sie flach auf seine Brust. Tamsin schluckte, als sie seinen durchtrainierten Körper und seinen Herzschlag unter ihren Fingern spürte. „Was haben sie dir angetan … und wie willst du dich revanchieren?“

Marcos umfasste ihre Finger mit seinen und hielt sie fest. Mit funkelnden wilden Blicken betrachtete er sie.

Küss mich … Tamsin ging noch einen Schritt weiter und schmiegte sich vertraulich an seinen harten Körper, ohne den Blickkontakt abreißen zu lassen. Obwohl sie sein sengender Blick mehr denn je an eine Raubkatze erinnerte, verspürte sie plötzlich keine Angst mehr. Nur noch Sehnsucht und ein unbestimmtes Begehren.

„Du bist nicht allein, Marcos …“, flüsterte sie und schmiegte ihre Wange an sein unrasiertes Kinn. „Lass mich dir helfen.“ Ihre Lippen streiften seinen Hals.

Sie hörte ihn scharf einatmen und taumelte leicht, als er sie unverhofft freigab und einen Schritt zurücktrat.

„Das wird nicht funktionieren“, informierte er sie kühl.

„Was?“, fragte sie, ehrlich verblüfft.

„Glaubst du wirklich, es reicht, ein wenig mit den Wimpern zu klimpern und mich mit deiner süßen Stimme einzulullen, um dann unbemerkt fliehen zu können?“

Tamsins Wangen brannten vor Verlegenheit und Wut. War sie denn wirklich so leicht zu durchschauen? „Nein … ich …“

„So dumm bin ich nicht, dich für ein paar billige Küsse so einfach laufen zu lassen.“

Tamsin presste geschockt die Lippen zusammen und holte tief Luft. Jetzt war nicht die Zeit für zimperliche Kleinmädchenattitüden. Sie war verzweifelt, und sie musste hier weg, um ihre kleine Schwester zu retten.

„Und was, wenn ich dir mehr als nur ein paar Küsse anbieten würde …?“, fragte sie heiser.

„Deinen Körper meinst du?“ Ohne auch nur zu ahnen, was sie dieses Angebot gekostet hatte, ließ Marcos ein verächtliches Auflachen hören. „Wenn ich dich wirklich haben wollte, wäre es mir ein Leichtes, dich zu verführen, querida.“

„Das ist nicht wahr!“, stieß sie verletzt hervor.

Marcos lächelte zynisch. „Wir wissen es doch beide …“

Tamsin senkte den Blick. Selbst wenn er recht hätte und sie in ihrer Unerfahrenheit instinktiv auf seine maskuline Ausstrahlung reagierte, würde sie das nie offen zugeben.

„Nur zu deiner Information: Ich habe schon Männern widerstanden, die sehr viel attraktiver waren als du. Reicher. Klüger. Begehrenswerter.“

Er schien nicht beeindruckt. „Tatsächlich?“ Marcos streckte die Hand aus, legte einen Finger unter Tamsins Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu schauen. „Wenn ich dich jetzt küsse, lässt dich das also völlig kalt?“

„Und ob!“, entgegnete sie hitzig.

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, fand Tamsin sich in Marcos’ Armen wieder und starrte wie gebannt auf seinen Mund, der immer näher kam, bis sich ihre Lippen fast berührten. „Und du fühlst nichts …?“

„Gar nichts.“

In der nächsten Sekunde versank die Welt um Tamsin in Nebel. Ihr Körper schien in Flammen zu stehen, und als Marcos seinen hungrigen, zügellosen Kuss noch vertiefte, drohte sie die Besinnung zu verlieren. Diesmal wäre sie gefallen, als er sie abrupt freigab, hätte sie sich nicht wie eine Ertrinkende an ihn geklammert.

„Und wie sieht es jetzt aus?“

Tamsin zwang sich zu einem stummen Schulterzucken und sah Marcos überrascht an, als er leise auflachte. „Kleine Hexe …“, murmelte er und bemächtigte sich erneut ihrer weichen Lippen, die schon von seinem ersten Kuss geschwollen waren. Während sie sich willig an ihn schmiegte, fühlte Tamsin erneut den Druck des Handys an ihrem Oberschenkel und konnte gerade noch einen triumphierenden Laut unterdrücken. Fast hätte sie vergessen, warum sie dieses Manöver überhaupt gestartet hatte!

Später … dachte sie verschwommen, rief sich aber gleich wieder zur Ordnung. Sie durfte jetzt nicht schwach werden. Also verhärtete sie ihr Herz gegen den verführerischen Schurken, der sie mit seinen leidenschaftlichen Küssen fast in den Wahnsinn trieb, und fingerte behutsam das Handy aus seiner Hosentasche.

Sie verbarg es in ihrer hohlen Hand, machte sich aus seinen Armen frei und schaute Marcos fest in die Augen. „Tut mir leid … nichts“, log sie dreist.

„Du lügst!“

Tamsin zuckte mit den Schultern. „Ich bin eben eine Winter“, erklärte sie kühl. „Wie du selbst sagst, eine Lügnerin und Diebin. Vielleicht solltest du mich doch lieber in den Turm sperren.“

„Vielleicht sollte ich das wirklich tun …“

Als er seine Hand hob, um über ihr Haar zu streichen, wich Tamsin ihm aus und wandte sich zum Gehen. Gerade als sie dachte, mit ihrer Beute einfach so davonzukommen, rief er sie zurück.

„Warte.“

„Was ist?“ Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Jeden Moment konnte er bemerken, dass sein Handy fehlte.

„Nach allem, was mir über deine raffinierten Verführungskünste zu Ohren gekommen ist, ließ dieses kleine erotische Intermezzo sehr zu wünschen übrig.“

Der Sarkasmus in seiner Stimme brachte Tamsins Blut in Wallung.

„Nicht viel mehr als ein etwas unbeholfener Versuch, würde ich sagen.“

Du warst es doch, der mich geküsst hat!“, schoss sie spontan zurück.

Marcos lachte zynisch. „Ich wollte nur testen, wie weit du zu gehen bereit bist, querida. Und eines steht felsenfest … du wärst auf den kleinsten Wink hin bereit, das Bett mit mir zu teilen. Also versuch nicht noch einmal, mich mit deinem Körper zu ködern. Warum für etwas bezahlen, was man umsonst haben kann?“

Tamsin biss sich auf die Lippe, um nicht etwas zu sagen, was ihr später womöglich leidtat. Sie musste hier raus! Aber nicht, ohne sich wenigstens etwas Luft zu machen, sonst würde sie vor Wut zerspringen. „Lieber bleibe ich mein Leben lang im Turm eingesperrt, als noch eine Minute in deiner Gesellschaft zu verbringen!“, schleuderte sie ihm entgegen und wandte sich erneut zur Tür.

„Bestens!“, grollte Marcos. „Ich habe es auch langsam satt … warte!“ Der scharfe Ton in seiner Stimme ließ sie zur Salzsäule erstarren. „Was hast du da in deiner Hand?“

„Nichts!“

„Nichts?“ Mit wenigen langen Schritten war er bei ihr und nahm rücksichtslos das Handy an sich. „Du verlogener kleiner Satansbraten!“ Das klang fast bewundernd. „Habe ich dich doch unterschätzt!“

Tamsin fühlte sich plötzlich unendlich elend. Alles war umsonst gewesen. Es hatte sie ihre letzte Kraft gekostet, mit diesem hartherzigen Menschen zu flirten und zu lachen, und jetzt war ihre einzige Chance vertan!

Aber sie wollte ihn nicht ihre Angst und Verzweiflung sehen lassen. Trotzig schob sie das Kinn vor und funkelte ihren Entführer wütend an. „Warum hätte ich mich wohl sonst von dir küssen lassen sollen? Allein in deiner Nähe zu sein, jagt mir kalte Schauer über den Rücken.“

Marcos lächelte amüsiert, doch in seinen grauen Augen glomm ein gefährlicher Funke auf. Wut und noch etwas anderes … Bitterkeit?

„Allein zu denken, ich wäre auf deine kleine Mitleidsshow hereingefallen! Ich fühle mit dir, Marcos“, imitierte er ihren Ton. „Du bist nicht allein, Marcos … Du bist wirklich durch und durch eine Winter. Dabei hätte ich dir fast abgenommen, dass du Aziz hasst.“

„Das tue ich auch!“, stieß sie leidenschaftlich hervor.

„Ja, natürlich!“, höhnte er. „So sehr, dass du es kaum abwarten kannst, in sein Bett zu kommen … vielleicht kurz nachdem du in meinem warst! Kannst du deine zahllosen Liebhaber überhaupt noch auseinanderhalten? Oder legst du gar keinen Wert mehr darauf?“

Mit einem unartikulierten Laut hob Tamsin die Hand und schlug ihrem Peiniger ins Gesicht.

3. KAPITEL

Marcos betastete vorsichtig seine brennende Wange. Das hatte er vermutlich sogar verdient.

Verdammt! Aber Tamsin führte ihn die ganze Zeit an der Nase herum, und er fiel auch noch darauf herein. Sie zu küssen war unglaublich berauschend gewesen. Eigentlich hätte er schon nach dem flüchtigen Kuss auf der Jacht gewarnt sein müssen, aber da hatte er es noch für einen einmaligen Ausrutscher gehalten.

War er nicht überzeugt davon gewesen, gegen Tamsin Winter immun zu sein?

Er hatte sich geirrt.

„Ich erwarte eine Entschuldigung.“

Marcos hob arrogant die Brauen. „Ich schulde dir gar nichts.“

„Ich bin nicht die Schlampe, für die du mich hältst.“

Verächtlich blickte er Tamsin an.

„Okay!“, stieß sie entnervt hervor. „Ich war in London mit verschiedenen Männern aus … zum ersten Mal in meinem Leben. Ich bin erwachsen und kann tun und lassen, was mir gefällt. Mein sogenannter guter Ruf interessiert mich nicht. Wenn ich die ganze Nacht unterwegs sein möchte, dann tue ich es einfach. Aber ich habe nie …“

„Was hast du nie?“, hakte er nach, als sie verstummte.

Tamsin wandte sich ab. „Vergiss es.“

Sie wirkte plötzlich so traurig, dass er den unbändigen Drang verspürte, sie in die Arme zu schließen und zu trösten. Und vor allen Dingen, sie zu küssen …

Por Dios! Das war doch nur ein neuer Trick von ihr. Hatte diese Frau denn überhaupt kein Schamgefühl? Mit einer heftigen Bewegung klappte er sein Handy auf.

„Was tust du da?“, wollte Tamsin alarmiert wissen.

„Etwas, was schon seit Stunden überfällig ist“, knurrte Marcos. „Ich werde deinen Bruder und Aziz endlich wissen lassen, dass du in meiner Gewalt bist. Wen soll ich zuerst informieren?“

„Keinen von beiden.“

„Keinen? Das überrascht mich. Jede normale Frau würde mich anflehen, ihre Familie und ihre Freunde über ihren Verbleib zu unterrichten. Und sei es nur aus der vagen Hoffnung heraus, vielleicht von ihnen befreit zu werden.“

Tamsin errötete. „Natürlich will ich von hier weg, es ist nur …“

„Ja?“ Sein Finger schwebte abwartend über den Tasten.

„Ich befürchte, sie würden gar nicht versuchen, mich zu retten.“

„Du glaubst, es macht ihnen nichts aus, dass ich dich entführt habe?“ Er lachte spöttisch. „Da täuschst du dich. Du bist Aziz’ Verlobte und Sheldons Schwester. Wenn sie schon keine Angst um dich haben, dann aber ganz gewiss um ihren dicken Geschäftsabschluss.“

Tamsins Augen weiteten sich erstaunt. „Du weißt davon?“

„Natürlich“, gab er ungeduldig zurück. „Ohne Heirat kein Geschäft. Winter Cosmetics wird aufgesplittet und unter Wert verkauft, und sowohl Sheldon als auch Aziz sind ruiniert.“

„Deshalb hast du mich also entführt …“

Als Marcos bewusst wurde, dass er gegen seinen Willen so viel preisgegeben hatte, warf er ihr einen grimmigen Blick zu.

„Wenn es Sheldon gelingen sollte, den Geschäftsabschluss auch ohne Heirat zustande zu bringen, könnte es sein, dass dein schöner Plan nicht funktioniert …“, sagte sie mehr zu sich selbst. „Oder wenn Aziz eine andere Braut findet.“

Marcos hob eine Braue. „Ist das vielleicht dein heimlicher Traum? Ich nehme dir einfach nicht ab, dass du Aziz al-Maghrib wirklich ernsthaft heiraten willst. Dafür bist du zu gerissen, um dir nicht ausmalen zu können, wie ein Leben an seiner Seite aussehen würde, oder?“

Unerwartet wich Tamsin alle Farbe aus dem Gesicht. „Aber es ist wichtig, dass sie das Gefühl haben, mich zu brauchen“, murmelte sie und rang verzweifelt die Hände. „Das ist mein einziger Trumpf …“

„Trumpf? Wofür?“

Der Ausdruck in ihren schönen Augen nahm ihm den Atem. „Bitte, Marcos, lass mich mit Aziz telefonieren“, bat sie.

„Weshalb?“

Tamsin trat auf ihn zu und schaute Marcos flehend an. „Aziz und ich kennen einander kaum, aber ich bin mir sicher, dass er eine Geliebte hat. Indizien dafür habe ich anlässlich meines einzigen Besuchs bei ihm gefunden und ein Telefonat mitgehört, das keinen anderen Schluss zulässt. Wenn ich zum Hochzeitstermin nicht auftauche, wird er vielleicht sie heiraten.“

Marcos schüttelte unwillig den Kopf. „Meine Ermittler haben keinen Hinweis auf eine Geliebte gefunden. Die einzigen Frauen in seinem Umfeld sind seine Schwester, Camilla und du.“

„Er hat eine Geliebte“, behauptete Tamsin stur. „Ich weiß es genau.“

„Und selbst wenn, bezweifele ich, dass der Scheich irgendeine halbseidene Kokotte als Braut seines Neffen akzeptieren wird … Anwesende natürlich ausgenommen“, fügte er mit einem perfiden Lächeln hinzu.

Tamsin presste die Lippen zusammen, wandte sich ab und stütze sich mit beiden Händen auf die steinerne Balustrade. „Beleidige mich, so viel du nur willst, aber lass mich bitte mit Aziz telefonieren. Denk doch daran, was für eine Befriedigung dir dieser Anruf verschaffen könnte. Ich werde weinen, jammern, schluchzen … was du nur willst, um ihn davon zu überzeugen, dass ich vor Angst sterbe. Ich kann behaupten, du würdest mich foltern und er sei meine letzte Rettung.“

Auf Marcos’ Gesicht stritten Verblüffung und Misstrauen miteinander – Letzteres überwog. „Was geht eigentlich wirklich in deinem hübschen Köpfchen vor sich?“, überlegte er laut. „Hast du etwa vor, ihm versteckte Hinweise über deinen Aufenthaltsort zu geben?“

„Wenn das deine Befürchtung ist, telefoniere ich in deinem Beisein mit Aziz“, schlug Tamsin vor.

Marcos schüttelte den Kopf. „Ich verstehe einfach nicht, warum du so scharf darauf bist, die Ehefrau dieses Ungeheuers zu werden.“

„Ich habe meine Gründe … genau wie du. Und die möchte ich ebenso wenig mit dir teilen wie umgekehrt.“

„Gut, ich kann dir also nicht vertrauen …“ Er senkte den Blick und begann, Aziz’ Nummer in sein Handy zu tippen. Eine Telefonnummer, die seit Ewigkeiten in seinem Gedächtnis gespeichert war. „Ich habe schon viel zu lange …“

Mit einer wieselflinken Bewegung schnappte Tamsin sich das Handy und warf es über die Balkonbrüstung. Sekundenlang herrschte angespanntes Schweigen zwischen ihnen. Tamsin hielt den Kopf hoch erhoben, ihre Augen waren weit geöffnet. In ihnen stand keine Furcht, sondern eiserne Entschlossenheit. Und Marcos fragte sich, wie er Tamsin Winter je für ein gedankenloses Partygirl hatte halten können.

„Warum hast du das getan?“, fragte er gefährlich leise.

Mit einem Augenzwinkern versuchte sie die Stimmung zu retten. „Wozu braucht man heutzutage überhaupt noch ein Handy? Ohne Handy lebt es sich viel entspannter.“

„Warum hast du mein Handy vom Balkon geworfen?“

Da er offenbar nicht bereit war, die Sache von der sportlichen Seite zu nehmen, ging Tamsin spontan zum Gegenangriff über. „Du hast mich beleidigt und verletzt!“

„Ich warte immer noch auf eine Antwort.“

„Ich wollte nicht, dass du mit ihm sprichst!“, rief sie diesmal in echter Verzweiflung aus. „Er darf die Hochzeit auf keinen Fall absagen! Ich muss ihn davon überzeugen, dass nur ich es bin, die er will! Sonst wird Sheldon …“

„Was wird er?“

„Nichts. Ich liebe Aziz! Ich vermisse ihn und muss unbedingt mit ihm reden!“

„Lügnerin. Du liebst ihn genauso wenig, wie du mich liebst. Du spielst nur mit mir … den ganzen Abend schon. Was ist dein Plan? Hast du vielleicht inzwischen einen Weg gefunden, deinen Bruder zu benachrichtigen, und hältst mich nur hin?“

Als Tamsin nicht antwortete, umfasste er ihre Oberarme und schüttelte sie unsanft. „Rück endlich raus mit der Sprache! Verdammt, sonst werde ich …“

„Bitte, nicht …“ Alle Kraft schien sie plötzlich verlassen zu haben. Tamsin zitterte am ganzen Körper, ihr Gesicht war totenblass. Erst jetzt begriff Marcos voller Entsetzen, dass sie offenbar angenommen hatte, er würde sie schlagen. Erschüttert ließ er die Arme sinken.

Madre de Dios, Tamsin! Ich würde dir nie wehtun!“, stieß er heiser hervor und strich ihr sanft über die Wange. Als sie zurückzuckte, verengten sich seine Augen, und er fluchte unterdrückt. Dann legte er einen Finger unter ihr Kinn und hob es an, bis er ihr Gesicht im Schein der antiken Außenlampe genauer betrachten konnte. Halb verborgen unter ihrem weichen rotgoldenen Haar entdeckte er ein paar hässliche, fast verheilte Schrammen.

„Wer hat dich geschlagen? Aziz?“, fragte er gepresst.

„Nein“, wisperte sie. „Nicht Aziz …“

Er kannte die Antwort, auch ohne sie zu hören. „Dein Bruder“, sagte er grimmig.

Als Tamsin zu ihm aufschaute, glitzerten Tränen in ihren nachtblauen Augen. „Mein Vater hat mich ständig geschlagen, Sheldon wenigstens nur dieses eine Mal“, bekannte sie voller Scham. Mit einem unsicheren Auflachen verschränkte sie die Arme vor der Brust, als wolle sie sich schützen. „Ich habe versucht, mit meiner Schwester vor ihm wegzulaufen. Wir sind nicht weit gekommen, ehe er uns einholte und nach Tarfaya brachte. Mit der Sahara auf der einen und dem Ozean auf der anderen Seite war es nahezu unmöglich zu fliehen.“

„Warum hast du versucht wegzulaufen?“

Keine Antwort.

„Wolltest du vor der Hochzeit mit Aziz fliehen?“ In Marcos’ Kopf ging es drunter und drüber. Das Ganze machte einfach keinen Sinn. „Wenn dir Aziz dermaßen zuwider ist, warum willst du ihn jetzt immer noch heiraten?“

„Ich kann dir nicht trauen“, murmelte sie dumpf. „Du hast mich gekidnappt und drohst damit, meine Familie zu vernichten. Ich werde dir gar nichts mehr sagen!“

„Hör zu, Tamsin, die Heirat ist passé, und weder dein Bruder noch Aziz werden dich oder irgendjemand anderen in Zukunft verletzen können.“

„Sie ist nicht gegen meinen Willen arrangiert worden!“, beharrte sie verbissen. „In den letzten Wochen habe ich meine Meinung über Aziz geändert.“

„Unsinn! Du weißt so gut wie ich, dass er seine erste Frau umgebracht hat.“

„Das war ein Unfall.“ Tamsin befeuchtete ihre trockenen Lippen mit der Zungenspitze. „Sie wurde in der Wüste von wilden Pferden niedergetrampelt.“

„Ah, ja, ein Unfall!“, höhnte Marcos. „So wird es auch aussehen, wenn es dich trifft.“ Er hörte, wie sie scharf den Atem einsog. „Willst du wirklich riskieren, dass deine kleine Schwester ohne deinen Beistand aufwachsen muss? Woher diese Todessehnsucht, Tamsin?“

Er sah, wie ihre Knie zu zittern begannen. Rasch zog er einen gepolsterten Korbstuhl heran und drängte sie sanft zum Sitzen, ehe sie zu Boden sinken konnte. Dann holte er von drinnen ihr Glas mit dem Brandy.

„Trink“, befahl er.

„Nein.“

„Trink! Alles!“

Damit zog Marcos einen weiteren Sessel heran und ließ sich hineinfallen. Sekundenlang sprach keiner von ihnen. Stumm schauten sie über die mit Moos bedeckte Balustrade in die andalusische Nacht hinaus, wo sich die Palmen sacht im Wind wiegten und sich die fernen Lichter der Stadt im Ozean widerspiegelten.

„Warum bist du plötzlich so nett zu mir?“, fragte Tamsin nach einer Weile.

„Immerhin bist du mein Gast“, gab er lakonisch zurück.

„Aber du versuchst, mich zu zerstören.“

„Deine Familie, ja.“

„Das schließt mich mit ein.“

Marcos presste die Lippen zusammen und starrte in die Dunkelheit, Tamsins Vermutung traf mitten ins Schwarze. Er hatte sich tatsächlich auf die Fahne geschrieben, die ganze Winter-Sippe zu bestrafen. Obwohl die Schwestern nicht unmittelbar an der Vernichtung seiner Familie beteiligt gewesen waren. Die jüngere von ihnen war damals noch nicht einmal geboren. Er hasste die beiden trotzdem.

Sie hatten alles, was ihm genommen wurde – Sicherheit, Geld, sein Heim, die Familie.

Marcos ballte seine Hände zu Fäusten. Besonders seine Familie. Gepeinigt schloss er die Augen und dachte an ihre letzten gemeinsamen Ferien …

Sein Bruder Diego, sonst viel zu ernst und diszipliniert für sein Alter, lief Stunde um Stunde am Strand entlang und versuchte, einen Papierdrachen steigen zu lassen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Trotzdem gab er nicht auf.

„Warum kannst du nicht wenigstens ein bisschen sein wie dein kleiner Bruder?“, hatte seine Mutter ihn seufzend gefragt, als Marcos seinen eigenen Drachen als Zielscheibe für wütende Steinwürfe missbrauchte. Dann küsste sie ihn auf die Wange, und in ihren sanften braunen Augen stand ihre Liebe … auch für den oft ungestümen älteren Sohn.

Doch bereits am nächsten Tag waren ihre Augen geschwollen und rot vom Weinen. Vierundzwanzig Stunden später war sie tot, wie der Rest der Familie …

Energisch verdrängte Marcos die quälenden Erinnerungen. Er hatte sich inzwischen fast alles wiedergeholt, was damals verloren gegangen war. Dank seiner florierenden Anlagefirma konnte er sich inzwischen leisten, was er wollte. Er besaß eine Wohnung in Madrid, ein Apartment in New York, eine Farm in Argentinien. Er verfügte über einen Privatjet, einen Aston Martin, einen Ferrari, einen Lamborghini, eine Ducati … und umwerfend attraktive Begleiterinnen für jede Gelegenheit.

Was konnte sich ein Mann mehr wünschen?

Doch egal, was er sich kaufte oder unternahm, die dumpfe Leere in seinem Inneren blieb bestehen. Sie war wie ein nie enden wollender Schmerz, der ihn zu ersticken drohte. Seine einzige Hoffnung bestand darin, die „Geister der Vergangenheit“ zu vernichten, um endlich Ruhe und Frieden zu finden.

Marcos wandte den Kopf und musterte die junge Frau neben sich mit einem düsteren Blick. „Ich habe nicht vor, dir wehzutun, Tamsin“, bekräftigte er noch einmal. „Aber ich werde auf keinen Fall zulassen, dass du Aziz heiratest. Je eher du das begreifst, desto besser für uns beide. Also, erspare mir weitere Spielchen.“

„Ich kann nicht …“

„Willst du mir etwa immer noch weismachen, dass du diesen Verbrecher liebst?“

Heftiges Kopfschütteln. „Ich liebe nur einen Menschen auf der Welt, und das ist meine kleine Schwester. Sie ist … sie ist etwas ganz Besonderes. Wenn sie ein krankes Tier findet, nimmt sie es mit nach Hause und pflegt es gesund … und wenn sie Geld hat, gibt sie es den Obdachlosen auf der Straße.“

Tamsin blinzelte heftig, um ihre aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. „Sie verdient wahrlich eine bessere Familie, aber sie hat doch nur mich …“

Auch Diego hatte Tiere über alles geliebt. Erinnerungen an seinen kleinen Bruder überschwemmten Marcos mit einer Macht, die ihn erschreckte. Plötzlich fiel ihm wieder ein, wie er ein ganzes Jahr lang versucht hatte, die Eltern davon zu überzeugen, dass er ohne einen eigenen Hund nicht leben könne.

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