Logo weiterlesen.de
Nur eine Nacht voller Liebe?

Susan Stevens

Nur eine Nacht voller Liebe?

Nie hat Santino erfahren, dass die Nacht mit Kate nicht ohne Folgen blieb, bis er zufällig ihre Tochter trifft. Er erkennt in ihr sein leibliches Kind – um das er mit allen Mitteln kämpfen will …

Linda Goodnight

Feuer und Flamme für dich

Wenn er die verletzliche Stephanie in seinen Armen hält, fühlt er sich stark, will sie vor allem Bösen beschützen. Doch als sie ihn um Hilfe bittet, wird Daniel schwach. Hat auch er Angst vor der Liebe?

Helen Bianchin

So heiratet man einen Milliardär

Ihre erste Ehe war kurz, jetzt hat Duardo eine zweite Chance: Die Schulden seiner Exfrau bezahlt der Milliardär sofort. Nur Kaylas Herz kann er nicht kaufen – das muss er noch einmal erobern ...

Elizabeth Harbison

Vertrau auf das Glück!

Als Kindermädchen ist sie Charles eigentlich zu jung. Aber seine kleine Tochter ist glücklich – und er selbst kann Laurels Charme nur schwer widerstehen. Bis ein Anruf seine alten Zweifel weckt …

image

Susan Stevens

Nur eine Nacht voller Liebe?

1. KAPITEL

„Wann müsste ich denn spätestens da sein?“ Kate Mulhoon umklammerte den Telefonhörer so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Für dich würde ich durchs Feuer gehen, Caddy, bloß nicht nach Rom …

Doch noch während sie das dachte, wurde Kate klar, dass sie ihre schöne Cousine Cordelia bei den Dreharbeiten in Rom unmöglich im Stich lassen konnte. Genauso wenig konnte sie aber … was? Das Risiko eingehen, Santino Rossi wieder zu begegnen? Santino …

„Kate, bist du noch da?“, fragte Caddy nervös.

„Sekunde … ich muss nur schnell eine Datei sichern.“

Im Büro war es kalt. Um sechs wurde die Heizung immer abgestellt, und Kate sehnte sich nach einem dicken Wollpullover. Wie stets trug sie heute ein konventionelles Kostüm, kombiniert mit einer leichten weißen Bluse. Die Kollegen sagten ihr oft, dass sie sich zu alt anzog für ihr Alter, doch Kate hatte ihre Gründe.

Nachdem sie die Datei gesichert hatte, rief Kate die Flughafeninformationen auf. Caddy, mit bürgerlichem Namen Cordelia Mulhoon, gehörte nicht nur zu den Menschen, die ihr am nächstenstanden. Zudem war Caddy auch noch Filmstar und eine der wichtigsten Klientinnen der Agentur. Zu Kates Aufgabe gehörte unter anderem, die Schauspieler zu betreuen. Und da sie Caddy sehr gut kannte, wusste sie, dass niemand ihr Selbstmitleid nachsagen konnte. Wenn Caddy um Unterstützung bat, brauchte sie wirklich Hilfe, davon konnte man ausgehen.

Ohne Caddys Mutter – Kates Tante Meredith –, die sich zu Hause um alles kümmerte, hätte Kate gar nicht wegfahren können. Aber auf Meredith war Verlass, außerdem konnte sie sich ihre Zeit flexibel einteilen. Trotzdem wusste Kate, dass es ihr nicht leichtfallen würde, ihre kleine Tochter Francesca zurückzulassen, auch wenn sie natürlich nicht lange wegbleiben würde.

Kate schob sich eine Haarsträhne aus der Stirn, während sie die Abflugzeiten nach Rom studierte. Das leicht gewellte honigblonde Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte, trug sie schlicht im Nacken zusammengebunden. Obwohl sie in einer Branche voller Glamour arbeitete, traf ‚glamourös‘ auf Kate gar nicht zu. Sie liebte es, mit Francesca lange Spaziergänge zu machen oder in Tante Merediths gemütlicher Farmhausküche Kuchen zu backen. Um Äußerlichkeiten scherte Kate sich wenig. Vielmehr bemühte sie sich, nicht aufzufallen. Weil man so sicherer war … geschützt vor Klatsch und Tratsch jeglicher Art.

Anderen fielen meistens ihre nebelgrauen Augen auf. Sie waren sanft, aber eindringlich. Und wenn Kate sich durchsetzen musste, wurde ihr Blick stählern.

„Wirklich, Kate, es ist einfach schrecklich“, klagte Caddy.

„Hm …“ Kate hatte gerade einen passenden Flug entdeckt.

„Du weißt, dass ich dich normalerweise nicht bitten würde herzukommen. Inzwischen sehe ich nur einfach keine andere Lösung …“

„Schon gut, Caddy, ich versteh dich“, versuchte sie, ihre Cousine zu beruhigen. Natürlich brauchte Caddy sie jetzt. Und Kate war entschlossen, sie nicht hängenzulassen – selbst wenn die Büchse der Pandora verglichen mit den Problemen, die Kate in Rom auf sich zukommen sah, einer Kindergartenlunchbox glich. Rom bedeutete für Kate: Santino Rossi. Eine böse Laune des Schicksals wollte es, dass ausgerechnet Santino den Film produzierte, in dem Caddy – zum ersten Mal in ihrer Karriere – die Hauptrolle spielte.

Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass sie Santino Rossi in den Cinecittà-Filmstudios nicht in die Arme lief?

Gleich null, konstatierte Kate missmutig.

Da all ihre Instinkte sie zur Vorsicht mahnten, wollte Kate retten, was vielleicht doch noch zu retten war.

„Aber was genau ist eigentlich passiert, Caddy? Ich meine, ich verstehe nicht ganz, warum Marge Wilson das Problem nicht für dich lösen kann …“ Kaum war die Frage heraus, biss Kate sich auf die Lippe. Was war los mit ihr? Hatte Caddy die Angelegenheit nicht schon als dringend genug geschildert? Schon, aber die Aussicht, Santino Rossi zu begegnen …

Trotz allem war Caddy ihre beste Freundin. Punkt. „Okay, ich buche jetzt einen Flug, Caddy …“

Das Aufatmen am anderen Ende der Leitung war nicht zu überhören. „Oh, Kate, Gott sei Dank! Du kannst dir nicht vorstellen, wie dankbar ich dir bin. Marge Wilson ist eine echte Katastrophe. Ich wünschte wirklich, ich hätte damals auf dich gehört und sie nicht engagiert. Sie ist ständig betrunken und …“

„Jeder macht mal einen Fehler“, fiel Kate ihr ins Wort. „Du brauchst mir nicht zu danken. Ich weiß doch, dass du für mich dasselbe tun würdest.“

Gedanklich war sie schon weiter. Erst kürzlich hatte sie eine Vertretung eingearbeitet – eine junge Frau, die genug Verstand und Begeisterungsfähigkeit mitbrachte, um vorübergehend ihren Platz einzunehmen. Das für den Job nötige dicke Fell hatte sie auch. Um Francesca brauchte Kate sich keine Sorgen zu machen, auf Meredith war Verlass. Außerdem würde sie ohnehin nur ein paar Tage weg sein. Bestimmt würde auf dem Set bald wieder Ruhe einkehren. Dann konnte Kate sofort wieder nach Hause. „Mach dir keine Sorgen, Caddy. Morgen bin ich bei dir.“

„Wirklich, ich würde dich nicht bitten herzukommen, aber solche Zustände habe ich noch nie erlebt“, fing Caddy wieder an. „Und keiner da, der mal auf den Tisch haut und sagt, dass das so nicht geht. Die saufen sich die Hucke voll, und dann koksen sie auch noch … wirklich, eine Katas…“

„Was sagt eigentlich der Regisseur dazu?“, unterbrach Kate sie.

„Der kokst doch selbst … und hängt die ganze Zeit mit seiner Freundin im Wohnwagen rum“, erklärte Caddy angewidert. „Santino Rossi ist irgendwo im Ausland, und wir hinken im Drehplan sowieso schon hinterher …“

Santino im Ausland? Kate konnte fast den Stein hören, der ihr vom Herzen fiel. Wenn Santino Rossi nicht in Rom war, bestand ja die Möglichkeit, dass sie ungeschoren davonkam. „Okay, dann machen wir es so“, sagte sie schnell. „Ich bin praktisch schon unterwegs.“

Doch sofort wurde sie wieder unsicher. Das Filmgeschäft bildete zwar nur einen Zweig von Santinos Imperium, allerdings auch den, der am stärksten im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand. Deshalb ließ es Santino bestimmt nicht kalt, falls ihm zu Ohren kam, was sich auf dem Set seines neuesten Blockbusters abspielte. Er war schlicht nicht der Typ, der es zuließ, dass negative Gerüchte aus der ohnehin oft genug skandalumwitterten Filmwelt einen Schatten auf sein Image warfen. Im Zweifelsfall würde er bestimmt sofort eingreifen.

Kate erschauerte, als sie an die Konsequenzen dachte, die sich für sie daraus ergeben konnten.

„Ich wünschte wirklich, es gäbe einen anderen Weg, Kate“, sagte Caddy. „Ich würde es dir ehrlich gern ersparen, aber ich weiß einfach nicht …“

„Mach dir um mich keine Gedanken“, versicherte Kate ihr. „Wegen Santino, meine ich. Es ist lange her … fünf Jahre“, ergänzte sie überflüssigerweise. Als ob eine von ihnen daran erinnert werden müsste.

„Na gut, wenn du dir sicher bist …“

„Absolut“, beendete Kate entschlossen die Diskussion.

In dem bescheidenen Firmenapartment übernachtete sie, wenn sie bis spät in die Nacht hinein arbeiten musste. Eilig stopfte Kate ein paar praktische Kleidungsstücke in eine Reisetasche. Nicht viele, denn sie hatte ja nicht vor, lange zu bleiben. Wenn sie den Flug erwischen wollte, musste sie sich beeilen, aber das war nicht der einzige Grund für ihre Nervosität. Beim Gedanken an Santino bekam sie immer Herzklopfen.

Vor über fünf Jahren war Santino mit seiner Filmcrew in die englische Kleinstadt eingefallen, in der Kate damals mit ihren Eltern gelebt hatte. Auf der Suche nach einem Drehort für den nächsten Film hatten die so gefährlich aussehenden Männer dem Städtchen Westbury einen Besuch abgestattet. In einer mit so viel südländischem Testosteron erfüllten Luft waren die Milchgesichter der einheimischen Jungen noch blasser gewesen. Aber wie um alles in der Welt hätten auch Wellington-Boots und Anoraks mit lässigen Jeans und knalleng sitzenden T-Shirts konkurrieren können? Oder das verschämte Blinzeln eines verklemmten Jugendlichen mit dem provozierend unverhohlenen Blick eines vor Selbstbewusstsein strotzenden Italieners?

Allein bei der Erinnerung rieselte Kate ein wohliger Schauer über den Rücken. Es war, als ob ein Hurrikan durch das Städtchen gebraust wäre. Die Mädchen waren total aus dem Häuschen gewesen … und sie selbst hatte alle Vorsicht über Bord geworfen und sich von dieser Welle der Hysterie mitreißen lassen.

Zufällig hatte sich die Filmcrew ausgerechnet in Slade Hall einquartiert. In dem zu einem Hotel umgebauten ehemaligen Herrenhaus verdiente Kate sich als Kellnerin das Geld fürs Studium. Natürlich hatte sie nicht gewusst, wer der italienische Filmproduzent und Großindustrielle Santino Rossi war.

Ihr Schicksal war in dem Moment besiegelt gewesen, als Santino Rossi ausgerechnet sie angelächelt hatte. Es war ihr damals vorgekommen wie im Märchen … und eigentlich völlig unmöglich. Und wie bitteschön hätte sie einer solchen absolut einmaligen Gelegenheit widerstehen sollen? Das hatte Kate sich damals gefragt. Und war die Unschuld wirklich so wertvoll, dass man sie nicht einmal einem derart überwältigenden Mann schenken durfte? Einem, der aussah, als ob er nur dazu auf der Welt wäre, einer Frau die höchsten Wonnen zu bereiten?

Für die Entscheidung hatte Kate keine zwei Sekunden gebraucht. Schnell war ihr klar, dass sie nicht bereit war, ihre Unschuld an irgendeinen pickeligen Jugendlichen auf dem Rücksitz eines Autos zu verlieren. Sie würde glücklich sterben, selbst wenn in ihrem Leben nach Santino Rossi nichts mehr kam.

Jung war sie damals gewesen – erst achtzehn – und unglaublich leichtsinnig. Darum hatte sie alle möglichen Folgen einer solchen Begegnung einfach ausgeblendet. Die Abenteuerlust hatte alles andere verdrängt.

Aus heutiger Sicht fand Kate ihr damaliges Verhalten schlicht inakzeptabel – schamlos, anders konnte sie es nicht bezeichnen. Sie hatte Santino den ganzen Abend über nicht aus den Augen gelassen. Als sie zufällig mitbekam, wie er es nach dem Abendessen ablehnte, mit seinen Begleitern noch mit in die Bar zu kommen, folgte Kate ihm einfach. Angeblich war er müde und wollte ins Bett.

Unterwegs schnappte sie sich ein Tablett und belud es mit einem Kännchen Kaffee, einer Tasse und Untertasse. Dann klopfte Kate bei ihm und servierte den Kaffee.

„Mit den besten Empfehlungen der Hotelleitung“, behauptete sie mit unschuldigem Augenaufschlag. Das belustigte Glitzern in seinen dunklen Augen verriet ihr, dass er die Lüge durchschaute. Trotzdem bat er Kate ins Zimmer.

Wo er ihr – kaum subtiler im Vorgehen als sie selbst – befahl, das Tablett auf dem Tisch abzustellen. Anschließend drängte er sie gegen die Wand und küsste Kate, bis sie glaubte, zu vergehen … so zärtlich und verführerisch, dass sie wenig später bereits regelrecht in Flammen stand. Santino vertiefte den Kuss so lange, bis sie nicht mehr von dem Abgrund zurücktreten konnte und den letzten Schritt wagte.

Sie hatte in jener Nacht so gebrannt vor Leidenschaft, dass Santino zu keinem Zeitpunkt ihre Unschuld hätte erahnen können. Und in Kates Wahrnehmung hatte sich der Schmerz, den sie im ersten Moment gefühlt hatte, sofort in Lust verwandelt … in atemberaubende Lust, die sie bis zum heutigen Tag nicht vergessen konnte.

Aber jetzt ist es höchste Zeit, diesen gefährlichen Tagtraum zu beenden, befahl Kate sich energisch, während sie den Reißverschluss ihrer Reisetasche zuzog. Wenn sie noch rechtzeitig zum Flughafen kommen wollte, musste sie sofort aufhören, an Santino Rossis Berührungen zu denken. Nachdem Kate sich ein letztes Mal umgeschaut hatte, schwang sie sich den Riemen ihrer Reisetasche über die Schulter und machte sich auf nach Rom.

Er hatte von Carlo erfahren, dass auf dem Set der Teufel los war. Santinos harter Gesichtsausdruck vertiefte sich, als er an Carlo dachte. Der Mann war um die siebzig und hatte die unangenehme Entscheidung auf sich genommen, seine Kollegen zu verpfeifen. Die Dinge mussten wirklich schlimm stehen, dass sich der Alte zu diesem Schritt durchrang. Aus dem Grund hatte Santino alle Termine abgesagt und befand sich jetzt auf dem Weg zu den Cinecittá-Studios.

Carlo hatte ihn darüber informiert, dass ihn nicht nur ein pflichtvergessener Regisseur und eine führungslos dahintrudelnde Crew erwartete. Zu allem Überfluss war auch noch die neue Managerin seiner Hauptdarstellerin auf dem Set aufgetaucht und mischte sich in das Geschehen ein. Für Santino stand ohne Frage fest: Ohne sein Eingreifen würde alles im Chaos versinken.

Die Lippen ärgerlich zusammengepresst, malte Santino sich aus, was in den nächsten Stunden auf ihn zukommen würde. Künstlerpack! Künstler galten nicht umsonst als unberechenbar und schwierig. Der Regisseur, den er angeheuert hatte, gehörte angeblich zu den Besten. Fragte sich nur, zu den Besten von was. Santino würde ihn feuern müssen, das war klar. Zum Glück konnte er jetzt die Regisseurin engagieren, die ursprünglich seine erste Wahl gewesen war. Die Dreharbeiten zu ihrem letzten Projekt waren beendet. Und bis sie eingetroffen war, würde Santino selbst das Kommando übernehmen. Das war zwar lästig, aber unvermeidlich.

Sobald er vom Kontrollturm die Starterlaubnis bekommen hatte, lenkte Santino seine Gulfstream G550 auf die Startbahn, dann gab er Gas.

Als Santino auf dem Set eintraf, sah er die neue Managerin seiner Hauptdarstellerin zuerst nur von hinten. Dennoch sträubten sich ihm sofort die Nackenhaare. Sie schien noch sehr jung zu sein. In der bügelfreien Bluse und dem biederen Kostüm wirkte sie wie eine Provinzlehrerin, die eine Vorschulklasse übernahm. Und doch war an dieser Frau irgendetwas anders – allem Anschein nach verfügte sie über eine natürliche Autorität, mit der sie die Leute dazu brachte, ihr zuzuhören.

An seiner Empörung änderte das nichts. Was fiel der Frau ein, hier einfach aufzutauchen und die Führung an sich zu reißen? Für wen hielt sie sich? Außer dem langen, leicht gewellten honigblonden Haar, das ihr glänzend über den Rücken fiel, hatte sie nichts Bemerkensweites an sich. Zumindest nicht, soweit er sehen konnte. Flache Schuhe, Kostüm von der Stange, alles an ihr erschien ausgesprochen brav. Sie passte einfach nicht auf ein Filmset. Und auf sein Filmset schon gar nicht!

Dass sie sein Eintreffen scheinbar als Einzige nicht mitbekommen hatte, amüsierte Santino. Alle anderen standen bereits stramm, während sie immer noch ahnungslos war … das würde sich in einer Minute ändern.

Es dauerte nicht einmal halb so lange, bis ihr auffiel, dass ihre Zuhörerschaft sie im Stich ließ. Als die biedere Autorität sich zu ihm umdrehte, sah er, dass sie keinen Tag älter als fünfundzwanzig war. Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Diese Frau kannte er!

2. KAPITEL

Santino konnte ihr ansehen, wie sie förmlich erstarrte. Trotzdem erholte sie sich schnell und hielt seinem Blick stand.

Sie wirkte so anders. Ein Wunder, dass er sie überhaupt erkannt hatte. Er fragte sich, was wohl in den fünf Jahren seit ihrem ersten und einzigen Zusammentreffen mit ihr passiert war. Er mochte keine Geheimnisse. Wenn Dinge anders erschienen, als sie es sollten, genügte ihm das als Warnung.

„Besucher sind auf dem Set nicht zugelassen“, sagte er schroff, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er ging fest davon aus, dass sie sich einschüchtern ließ.

„Ich bin auf Bitten meiner Klientin Cordelia Mulhoon hier“, entgegnete sie kühl, ohne mit der Wimper zu zucken.

Klare graue Augen in einem Gesicht, das weit schöner war als in seiner Erinnerung, erwiderten unverwandt seinen Blick. Die Gesichtszüge wirkten wie gemeißelt. Selbst die lachhaft strenge Frisur konnte Kates fast bis zur Taille reichenden honigblondem Haar den Glanz nicht nehmen. Der Mund – üppig und schön geformt. Ihre Augen waren nach geltenden Schönheitsmaßstäben für das aparte herzförmige Gesicht vielleicht etwas zu groß, aber unglaublich sanft …

Unglaublich sanft? Ha, beileibe nicht immer! Als Santino zum letzten Mal in diese ach so sanften grauen Augen geblickt hatte, loderten sie vor Leidenschaft. Und hinter den schön geschwungenen Lippen verbargen sich kleine weiße, scharfe Zähne, die den härtesten Mann in den Wahnsinn treiben konnten.

Allein der Gedanke daran beschwor eine peinliche körperliche Reaktion herauf … verdammt. Obwohl er Kate nie vergessen hatte, war er nicht davon ausgegangen, sie jemals wiederzusehen. Diese Frau, die zufälligerweise die Hauptdarstellerin seines jüngsten Films managte, hatte aus irgendeinem Grund beschlossen, ihre wilde Seite unter einem trügerischen Mausgrau zu verstecken. Nichts, rein gar nichts, deutete darauf hin, dass sie eine Schwäche für heiße One-Night-Stands hatte …

Oder spielte sie Katz und Maus mit ihm?

Kate war schleierhaft, wie sie es schaffte, zumindest nach außen hin die Fassung zu wahren. Santino Rossi war Francescas Vater – eine Tatsache, bei der ihre Gedanken gefährlich ins Trudeln gerieten. Er war der Vater ihres geliebten kleinen Mädchens, und er wusste es nicht. Nur die Notwendigkeit, ihre Gefühle vor ihm geheim zu halten, gab Kate die Kraft, ihm in die Augen zu schauen. In dunkle erfahrene Augen, die auf den Grund ihrer Seele hätten blicken können.

Sie hatte ihn nie vergessen. Wie auch? Sein Gesicht war ihr so vertraut, als ob sie ihn gestern zum letzten Mal gesehen hätte … die schöne gerade Nase, die geschwungenen dunklen Brauen und das dichte tiefschwarze Haar, das er immer noch etwas zu lang trug, genau wie damals. Auf den Wangen lag ein leichter Bartschatten, dessen Anblick Kate sofort ins Gedächtnis rief, wie aufregend es sich angefühlt hatte … seine Wange an ihrer Haut. Und der bloße Anblick seines atemberaubend sinnlichen Munds brachte ihr die Erinnerungen an eine so intensiv erlebte Lust zurück. Prompt reagierte ihr Körper.

Dass sie ihn immer noch so begehrte, war gefährlich. Außerdem entdeckte sie ein seltsames Funkeln in seinen Augen. Wie seine Mundwinkel arrogant zuckten, mahnte Kate zur Vorsicht. Sie war nicht die, für die Santino sie hielt. Zwischen der Frau von heute und dem Mädchen von damals lag ein ganzes Leben. Irgendwie musste sie ihm das begreiflich machen. Einfach würde es sicher nicht.

„Ich bin auf die dringende Bitte meiner Klientin hin hierhergekommen.“ Kate erwiderte fest seinen Blick. Sie hatte nicht vor, ihm von Francesca zu erzählen, zumindest nicht sofort. Nur weil ich seinen Körper kenne, ging es ihr durch den Sinn, weiß ich noch lange nicht, was für ein Mensch er ist. Ich kann doch nicht meine kleine Tochter einem wildfremden Mann ausliefern!

„Sehr gut.“ Der harte Zug um seinen Mund löste sich etwas. „Es betrifft mich ebenfalls, deshalb bin ich hier“, erklärte er ebenso förmlich wie sie.

„Ich schlage vor, wir gehen weiter nach hinten.“ Er deutete auf eine Reihe von Stühlen, die von den Schauspielern genutzt wurden, wenn sie gerade Drehpause hatten. „Dorthin vielleicht. Da ist es etwas ruhiger.“

„Gern.“

„Am besten reden wir erst einmal mit Cordelia und bitten sie, uns das Problem zu schildern. Danach unterhalten wir beide uns“, schlug er vor, nachdem sie sich gesetzt hatten.

Nur sie beide? Kate bekam Herzklopfen. Sie wollte nicht mit ihm allein sein. Auf keinen Fall durfte sie sich auf ein Frageund Antwortspiel mit ihm einlassen – obwohl er noch immer so tat, als würden sie sich nicht kennen. Das war aber vielleicht besser so.

Sich zu wünschen, ihm gleich von Anfang an von ihrer Schwangerschaft erzählt zu haben, war vergebens. Zu jener Zeit hatte Kate noch mit der Reaktion ihrer Eltern zu kämpfen gehabt. Und kurz nachdem Meredith sie bei sich aufgenommen hatte, war eine Geschichte durch die Medien gegangen, die Kate die letzten Illusionen über Santino geraubt hatte.

Damals kursierten Gerüchte, dass Santino Rossi bei seinem Englandaufenthalt angeblich eine Frau geschwängert hätte. Santino, der das nicht auf sich sitzen lassen wollte, zerrte die angebliche Mutter seines Kindes vor Gericht und entlarvte sie als Schwindlerin. Natürlich verfolgte Kate den Prozess mit größter Aufmerksamkeit.

An dem Tag, an dem das Mädchen den Gerichtssaal verließ, war Kate beinah übel. Sie schwor sich, sich so eine Demütigung unter allen Umständen zu ersparen. Außerdem war Kate klar, dass sie es sich auch finanziell gar nicht leisten konnte, gegen einen so reichen und mächtigen Mann wie Santino Rossi zu klagen. Deshalb versuchte sie, den Vater ihrer Tochter ein für allemal aus ihrer Erinnerung zu löschen. Stattdessen suchte Kate für sich und Francesca nach anderen Lösungen.

Die sie auch fand. Ihr kleines Mädchen wuchs in einer liebevollen und behüteten Umgebung auf, genau wie Kate es sich wünschte. Sie hatte nie vorgehabt, ihrer Tochter den Vater auf Dauer und um jeden Preis vorzuenthalten – ebenso wenig dem Vater die Tochter. Doch da Francesca noch ein Kind gewesen war, hatte Kate vorerst für sie entscheiden müssen. Weil sie den Mann, mit dem sie damals eine Nacht verbracht hatte, auch heute nicht kannte, blieb sie vorsichtig.

Die Welt des Films war faszinierend, aber nicht alle, die sie bewohnten, waren psychisch stabil. Und auch jetzt wurde Kate wieder einmal klar, dass sie erst mehr über den Menschen Santino Rossi in Erfahrung bringen musste. Erst dann würde sie ihm – vielleicht – anvertrauen, dass er eine Tochter hatte.

Santino registrierte, dass niemand aus der Crew lauschte. Merkwürdig, denn alle waren doch bestimmt neugierig. Er wusste nicht, was Kate seinen Leuten gesagt hatte, aber es zeigte zweifellos Wirkung. Alle wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Wahrscheinlich waren sie schlicht froh, endlich wieder jemanden zu haben, der ihnen sagte, wo es langging. Dass endlich jemand da war, der ihnen die Last der Verantwortung von den Schultern nahm.

Bei diesem Gedanken sah Santino auf ihre Schultern, die sich nur schwach unter der Bluse abzeichneten. Sie waren zu schmal für eine schwere Bürde. Als er Kate in Gedanken plötzlich wieder nackt vor sich sah, erwachte sofort sein Verlangen. Er war gewarnt und ermahnte sich, sich in Zukunft darauf zu beschränken, ihr ins Gesicht zu schauen.

Er fühlte sich wie ein Tiger im Käfig. Und das war nur ihre Schuld. Gewöhnlich gab er die Richtung vor; er stand nicht einfach daneben und wartete ab, was passierte. Wie konnte Kate es wagen, hier einfach so reinzuspazieren und seiner Crew Vorschriften zu machen?

Andererseits … vielleicht hatte sie ja tatsächlich ein paar gute Ideen …

Santino taxierte Kate aus zusammengekniffenen Augen. Seit jenem Tag, an dem ihn seine Mutter verlassen hatte, vertraute er keinem Menschen mehr. Für einen sechsjährigen Jungen war so etwas ein stark prägendes Erlebnis. In seinen Augen waren alle Frauen gleich. Darum würde er auch nie auf die Idee kommen zu heiraten.

Nur diese Frau hier blieb ihm ein Rätsel. Im Gegensatz zu anderen Frauen flirtete sie überhaupt nicht mit ihm. Im Gegenteil. Bis jetzt hatte sie nicht mal den leisesten Versuch unternommen, ihn an ihre gemeinsame Nacht vor fünf Jahren zu erinnern … obwohl … im Grunde genommen eine Unverschämtheit, wenn er es recht bedachte. Dass sie sich etwas mehr um ihn bemühte, hätte er schon erwarten dürfen, oder? Andererseits war es vielleicht besser, es einfach dabei zu belassen.

Trotzdem gelang es Santino nicht, die wachsende Verärgerung abzuschütteln. Wie lange wollte sie ihre Rolle als züchtige Jungfer eigentlich noch spielen?

Abwarten. Einen Ring trug sie jedenfalls nicht.

Völlig idiotisch, das Ganze, dabei wartete jede Menge Arbeit auf ihn. Den Regisseur hatte er seit seiner Rückkehr noch nicht zu Gesicht bekommen. Das spielte jedoch keine Rolle, feuern würde er ihn sowieso. Doch eins nach dem anderen. Santino konzentrierte sich wieder auf die Frau vor ihm, die so tat, als habe sie ihn noch nie gesehen. Und wenn schon. Ihm konnte es nur recht sein. Er war bereit, ihr Spiel mitzuspielen.

„Ich glaube, fürs Erste sind alle beschäftigt“, erklärte sie unverschämt selbstbewusst. Nachdem er nicht reagierte, fuhr sie fort: „Wir waren uns einig, dass es am besten ist, wenn die Schauspieler noch eine Weile in Eigenregie proben. Währenddessen versuchen die Techniker, sich irgendwie nützlich zu machen. Arbeit gibt es ja genug.“

Verdammt, warum zum Teufel mischte sie sich da eigentlich ein?

„Ach, wirklich?“ Seine Stimme triefte förmlich vor Hohn, was ihr entweder entging, oder sie überhörte es einfach. Im Übrigen redete sie mit ihm in demselben bedächtigen Lehrerinnentonfall wie mit allen anderen, und das passte ihm nicht. Er hatte nicht übel Lust, Kate in die Schranken zu weisen. Nur weil auf dem Set tatsächlich so etwas wie eine ernsthafte Arbeitsatmosphäre entstanden war, hielt er sich zurück.

Dass sie diesmal den Sieg davongetragen hatte, wusste sie. Das konnte Santino ihr ansehen. Schon allein deshalb durfte er es ihr jetzt nicht zu leicht machen. „Für den Anfang würde ich mich schon damit zufriedengeben, wenn Sie mir Ihren Namen verraten, Ms. …?“

Als sie jetzt zum ersten Mal nervös mit den Wimpern zuckte, verspürte er Genugtuung. Indem er vorgab, sie nicht zu kennen – geschweige denn, sich an die Nacht mit ihr zu erinnern –, verletzte er sie ganz offensichtlich in ihrem Stolz.

„Ich bin Cordelias Cousine und gleichzeitig ihre Managerin.“ Sie hatte sich rasch gefangen und sprach in forschem Tonfall. „Ms. Mulhoon hat mich gestern angerufen und dringend gebeten …“

Sie unterbrach sich, als sich Cordelia zu ihnen gesellte. Während Santino sich seiner Hauptdarstellerin zuwandte, erkannte er überrascht Cordelias Anspannung. Normalerweise wirkte sie stets sehr ausgeglichen.

Irgendetwas entging ihm hier, das war ganz klar. Nun, er würde es herausfinden, und zwar sehr bald. Beinah unmerklich nickte Cordelia, wie um die Worte ihrer Managerin zu bestätigen.

Interessanterweise wich sie dabei seinem Blick aus.

3. KAPITEL

Ob Santino sie bewusst demütigen wollte, indem er nach ihrem Namen fragte? An seinem Gesicht konnte Kate kein Anzeichen dafür entdecken. Aber wie auch – bei dem Pokerface, das er aufgesetzt hatte.

Eins war jedoch klar: Die Nacht, die ihr ganzes Leben von Grund auf verändert hatte, bedeutete ihm nicht das Geringste. Wahrscheinlich hatte er sie sogar längst vergessen.

„Und haben Sie auch einen Namen, Mrs. Cordelias-Cousineund-Managerin?“, unterbrach er ihre Gedanken und wiederholte seine Frage kühl.

Um seinen Mund spielte der Anflug Lächelns, dennoch blickten seine Augen hart. Kate fühlte sich, als stünde das Wort ‚Demütigung‘ quer über ihrer Stirn geschrieben. Würde er sich erst an ihren Namen erinnern, wenn sie ihm ihren Besucherausweis unter die Nase hielt?

Aber habe ich ihm denn vor fünf Jahren meinen Namen überhaupt gesagt?

Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Damals war keine Zeit gewesen für Förmlichkeiten, deshalb hatten sie darauf verzichtet. Kate hatte zwar seinen Namen gekannt. Näheres hatte sie erst später aus der Zeitung erfahren, als Santino schon wieder fort gewesen war.

Kate schaute zu Caddy, die offensichtlich zu ihrer Rettung herbeigeeilt war.

„Dürfte ich Kate vielleicht ganz kurz entführen? Ich wollte nur …“

„Ah, dann heißt sie also Kate“, unterbrach Santino Caddy, während seine Mundwinkel schwach belustigt zuckten. „Und wie noch? Die wilde Kate? Oder die unbequeme?“

Bei der Anspielung auf Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ fingen Kates Wangen erneut an zu brennen. Dann hatte Santino die gemeinsame Nacht also doch nicht vergessen und wollte sie nur quälen. „Bitte entschuldigen Sie. Kate Mulhoon“, sagte sie betont forsch und streckte ihm die Hand hin.

Geflissentlich übersah er die Geste, das belustigte Glitzern verschwand aus seinen Augen. „Wir beide unterhalten uns dann beim Abendessen weiter, Ms. Mulhoon.“

„Beim Abendessen?“ Kate stockte der Atem. Mit Santino Rossi zu Abend zu essen war das Letzte, was sie wollte.

„Zeit ist Geld, und essen müssen wir beide. Es bietet sich also an, dass wir unser Gespräch bei dieser Gelegenheit fortsetzen.“

Es gibt kein Entrinnen, dachte Kate verzweifelt. Trotzdem konnte sie es sich nicht leisten, unentschlossen zu wirken. „Schön, ich muss dann vorher nur noch …“

„Punkt acht“, unterbrach er sie. „Ich hole Sie im Hotel ab.“

Santinos Meinung über die Filmbranche war also wieder einmal voll bestätigt worden. Allem Anschein nach konnte er dem Studio keine fünf Minuten den Rücken kehren, ohne dass sich irgendein skandalöser Vorfall ereignete. Diesmal handelte es sich um Drogenmissbrauch und massive Einschüchterung. Was würde es das nächste Mal sein? Noch einmal durfte so etwas nicht vorkommen. In Zukunft brauchte er eine starke Hand, die während seiner Abwesenheit das Steuer übernahm … eine Hand wie die von Kate Mulhoon.

Santinos Mund verzog sich zu einem seltenen Lächeln, während er den Gedanken weiterspann. Kates blasse weiche Hände hatten ihn schon einmal überrascht. Diese zupackende Art und der Einfallsreichtum … Vielleicht sollte er Kate anbieten, für ihn zu arbeiten. Wäre bestimmt interessant zu sehen, wie lange sie ihre Eisprinzessinnenmaske aufbehielt.

Im Moment aber warteten dringliche Angelegenheiten. Er musste auf die Polizei warten und veranlassen, dass der Regisseur in Gewahrsam genommen wurde. Cordelia Mulhoon hatte Santino anvertraut, dass es bei der Sache um mehr als nur um Drogenmissbrauch ging. Da konnte er kein Auge mehr zudrücken.

Sobald er davon erfahren hatte, schaltete er die Polizei ein.

Seine Hauptdarstellerin war übelsten Angriffen ausgesetzt gewesen. Ständig hatte bei ihr das Telefon geklingelt. Wenn sie abnahm, hatte sich niemand gemeldet. Statt der Blumen, die sie bestellt hatte, war ein Kranz geliefert worden. Außerdem hatte jemand eine Fuhre Mist vor den Wohnwagen gekippt. Und zu allem Überfluss war Cordelia auch noch sexuell gedemütigt worden.

Diese Schikanen hatten Cordelia offenbar so zermürben sollen, dass sie das Handtuch warf. Die drogensüchtige Freundin des Regisseurs war offenbar hinter der Hauptrolle her. Santino hatte Cordelia ansehen können, wie sehr sie das alles mitnahm, besonders die letzte Tat.

Um sie herabzusetzen, hatte der Regisseur Cordelia zum „Coaching“ in seinen Wohnwagen bestellt. Bei ihrem Eintreffen telefonierte der Mann, während seine Freundin unter dem Schreibtisch damit beschäftigt gewesen war, ihm …

Cordelia hatte nicht mehr sagen müssen. Sie war knallrot geworden, da hatte Santino sie unterbrochen. So ein Verhalten konnte unmöglich folgenlos bleiben.

Seine Gedanken wanderten zu Kate. Hoffentlich wertete sie das Eintreffen der Polizei nicht als Beweis dafür, dass sich die Lage stabilisiert hatte und das Gespräch mit ihm überflüssig wurde. Womöglich beschloss Kate sogar, schon sehr bald wieder die Heimreise anzutreten. Andererseits wollte sie sicher weiterhin ihrer Klientin schützend zur Seite stehen, bis die neue Regisseurin eingetroffen war. Eine Garantie dafür gab es leider nicht.

Lächelnd lehnte er sich in seinen Sessel zurück. Plötzlich glaubte Santino zu wissen, dass sie Rom erst verlassen würde, wenn Cordelia gut aufgehoben war. Daran zweifelte er nicht, obwohl er Kate kaum kannte. Denn während er sie vorhin auf dem Set beobachtet hatte, war ihm eines klar geworden: Aufgeben kam für sie nicht infrage.

Sie hatte darauf bestanden, ihre große Suite mit Kate zu teilen. Im Hotel angekommen, versuchte Caddy nun, Kate zu überreden, das Abendessen mit Santino abzusagen.

„Auf keinen Fall“, widersprach Kate entschieden. „Sonst denkt er womöglich, er kann dich über den Tisch ziehen, weil du eine so schwache Managerin hast.“

„Aber ich sehe doch, wie verletzt du bist. Warum er so tut, als ob er dich gar nicht kennt, ist mir ein Rätsel. Das ist absolut unmöglich.“

„Sei jetzt endlich still, Caddy, und hör mir gut zu.“ Kate stellte sich vor ihre Cousine und hielt sie an den Unterarmen fest. „Dieser Film ist deine große Chance. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn du sie meinetwegen nicht vernünftig nutzt! Hast du mich verstanden? Deshalb werde ich alles tun, um …“

Entschieden schüttelte sie den Kopf und machte sich frei. „Es reicht, Kate. Tu doch nicht so stark! Du musst dich nur mal anschauen!“ Sie drehte sie so, dass Kate sich im Spiegel betrachten konnte.

„So ein Gesicht mache ich immer, wenn ich mir eine Strategie überlege.“ Kate lachte, wenn auch wenig überzeugend.

„Dann siehst du immer so gestresst aus? Völliger Quatsch.“ Caddy blickte sie ernst an. „Gegenüber deinen Klienten musst du entspannt und locker wirken. Du musst Ruhe ausstrahlen. Also, zumindest im Moment tust du das überhaupt nicht.“

Diesmal versuchte Kate nicht, ihrer Cousine etwas vorzumachen. „Ich bin nicht gestresst. Ich bin mir nur einfach nicht sicher, wie dieses Meeting mit Santino ausgeht …“

„Tja, da bist du nicht die Einzige“, murmelte Caddy unglücklich.

4. KAPITEL

Santino empfand es wie eine Ohrfeige, dass Kate es nicht für nötig befunden hatte, sich für das Treffen mit ihm etwas zurechtzumachen. Dabei brauchte sie garantiert dieselbe Kleidergröße wie ihre Cousine Cordelia – was bedeutete, dass Kate deren gesamte exklusive Garderobe zur Verfügung stand. Dio, wenn sie gewollt hätte, hätte sie sogar auf die Künste von Cordelias Visagistin zurückgreifen können. Die meisten Frauen würden sich über so eine günstige Gelegenheit freuen. Die meisten Frauen würden sich nach so einem Arbeitsessen mit ihm die Finger lecken. Nur Kate nicht.

Er konnte es nur als Beleidigung auffassen. Aber bitte, wenn sie es unbedingt so wollte. Niemals würde er ihr dabei im Weg stehen.

Wütend war er trotzdem. Er kochte regelrecht vor Wut! Da lud er sie in eins der teuersten Restaurants der Stadt ein. Und Kate sah bewusst aus, als hätte sie einen Altkleidersack der Heilsarmee geplündert! Aber das erhöhte nur Santinos Entschlossenheit. Er würde die Fassade knacken, hinter der sie sich verschanzte. Wie sehr wollte sie ihn eigentlich noch provozieren?

Im Restaurant begrüßte Luigi ihn bereits an der Tür. Die unterwürfige Verbeugung des Obers bewirkte, dass sich Santinos Laune prompt noch weiter verschlechterte. Dabei hatte er Luigi schon tausendmal gesagt, dass er auf einen derartigen Firlefanz keinen Wert lege. Der Mann war anscheinend taub. Doch da er im besten Restaurant von Rom essen wollte, musste Santino die zweifelhafte Ehrenbezeigung wohl oder übel zähneknirschend über sich ergehen lassen.

Natürlich bekamen sie den besten Tisch. Nur Kates natürliche Anmut und Würde glichen ihren mangelnden Sinn für Stil aus. Das Restaurant war proppenvoll, in den prachtvollen Räumen drängte sich die römische Oberschicht. Auf dem Weg zu ihrem Platz musste Santino immer wieder stehen bleiben, um irgendwelche Leute zu begrüßen.

Kate ließ die unbarmherzige Musterung der Schönen und Reichen Roms über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das bereitete Santino eine seltsame Genugtuung. Aber es bedeutete noch lange nicht, dass er sich mit ihrer kleinen Scharade abfand.

Er dachte gar nicht daran, ihr die Rührmichnichtan-Haltung zu glauben.

Nachdem sie Platz genommen hatten, lehnte er sich zurück und nahm vom Kellner eine der beiden großen, in Leder gebundenen Speisekarten entgegen.

„Haben Sie irgendwelche Präferenzen beim Wein?“, fragte Santino, als der Sommelier an ihren Tisch trat. Weil Kate nicht antwortete, schaute er auf. Sie wirkte, als wollte sie am liebsten aufspringen und davonlaufen. Das gleißende Licht der Kronleuchter enthüllte dunkle Schatten unter ihren Augen. An ihren Schultern erkannte Santino eine extreme Anspannung. Vielleicht gelang es ihm ja viel schneller als angenommen, hinter Kates Fassade zu blicken.

„Präferenzen?“, wiederholte sie verständnislos.

Ihre Augen waren wirklich wunderschön. Bei diesem Gedanken verspürte er tief in seiner Brust ein ungewöhnliches Ziehen. Er ignorierte es, nahm sich jedoch vor, es bei nächster Gelegenheit genauer zu untersuchen. Konzentriert widmete er sich der Weinkarte. „Trinken Sie Rot- oder lieber Weißwein?“

„Santino …“

„Ja?“ Er war überrascht von dem fast vertraulichen Tonfall, in dem sie sprach. „Was ist?“ In freudiger Erwartung einer vollständigen Kapitulation stützte er die Arme auf den Tisch und neigte sich vor. Mit einem Wink bedeutete Santino den Kellnern, sich zurückzuziehen.

„Hier gefällt es mir nicht“, sagte sie unverblümt.

„Was?“ Stirnrunzelnd ließ er sich wieder gegen die Stuhllehne sinken.

„Ich fühle mich nicht wohl hier. Können wir nicht vielleicht woanders hingehen?“

Nun, das war originell – ganz zweifellos. Da führte er Kate in das vornehmste Restaurant von Rom, ein Etablissement, das so glamourös und angesehen war wie kein anderes. Normalerweise musste man hier ein halbes Jahr im Voraus einen Tisch reservieren. Wenn Luigi einen nicht auf Anhieb erkannte, konnte man sich glücklich schätzen, einen Tisch direkt neben der Küche zu bekommen.

Was war los mit ihr? Er wollte ihr schon fast sagen, dass ihr Unbehagen bestimmt mit ihrer unvorteilhaften Aufmachung zusammenhing.

„Was erwarten Sie von mir?“

„Bringen Sie mich woanders hin.“ Unverwandt sah sie ihn an.

„Und wohin, wenn ich fragen darf?“ Er gab ihr eine letzte Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Wenigstens könnten ihre stahlgrauen Augen sanfter schimmern …

„Irgendwohin, wo es typisch ist für die Gegend, mit einheimischer Küche …“

Ihr Gesichtsausdruck war enttäuschend ernst. „Das hier ist typisch für die Gegend“, erklärte Santino. Eine sarkastische Erinnerung daran, dass sie im vornehmsten Stadtteil Roms saßen.

„Sie wissen, was ich meine“, entgegnete sie. „Irgendwohin, wo … ach, ich weiß auch nicht … wo mamma kocht und papá serviert …“

„Wie niedlich.“ Er war machtlos dagegen, dass sich sein Mund leicht verächtlich verzog.

„Kein Grund, gleich bissig zu werden.“ Mit einem kleinen Auflachen versuchte sie, ihren Worten die Schärfe zu nehmen. „Ich dachte, das ist ein Arbeitsessen, kein … kein …“

Date. Sie hatte Date sagen wollen, da wäre er jede Wette eingegangen. Um Kate zu ermuntern weiterzusprechen, hob er fragend die Augenbrauen. Aber sie schwieg. Während sie den Blick stur aufs Tischtuch richtete, fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die sinnliche Unterlippe. Santino fragte sich sofort, ob Kate auch nur ahnte, wie provozierend das wirkte.

Wohl kaum. So wie sie sich zurechtmachte, konnte er nicht davon ausgehen. Eher versuchte sie, ihre Sehnsüchte rigoros zu verdrängen. Trotzdem verrieten die geröteten Wangen und die Brustspitzen, die sich unter dem dünnen Stoff ihrer Bluse abzeichneten, etwas anderes. Sie wollte ihn. Und er wollte sie. Zwei normale Erwachsene mit normalen sexuellen Bedürfnissen trafen aufeinander. Was also hinderte Kate daran, ihre Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen?

„Ich weiß, es klingt lächerlich, aber …“

Er zog es vor, nichts zu erwidern.

Seufzend zuckte sie die Schultern. „Ich hätte eher Lust auf etwas Schlichteres und Traditionelles.“

Für alles, was mit Lust zusammenhing, hatte er Verständnis.

„Außerdem halte ich es für nicht sonderlich klug, an einem Ort wie diesem über Caddys Privatangelegenheiten zu reden“, fuhr sie fort. „Die Spitzel der Paparazzi sitzen überall. Und diese vielen Kellner hier, die ständig um einen herumscharwenzeln … also, ich weiß nicht.“

Bei Lichte betrachtet stimmte das sogar.

„Nun, was ist?“, drängte sie, als er immer noch nichts sagte.

„Meinetwegen, gehen wir woanders hin“, willigte er schließlich ein.

Santino schickte seinen Fahrer weg, setzte sich selbst hinters Steuer und fuhr zu einem kleinen Lokal. Ohne ihn hätte Kate es nie entdeckt. Das Haus lag am Ende einer schmalen Sackgasse. Nichts deutete daraufhin, dass sich hinter der Tür ein Restaurant befand.

Beim Betreten des kleinen Raums schlugen ihnen Hitze, Lärm und köstliche Essensdüfte entgegen. Die Tische standen eng beieinander und waren mit rot-weiß karierten Decken geschmückt. Alle Plätze schienen besetzt. Erhellt wurde der Raum von Kerzen, die in leeren, mit Wachs vollgetropften Weinflaschen steckten.

Kate fühlte sich auf Anhieb wohl und rief erfreut aus: „Oh, wie schön! Aber gibt es hier denn überhaupt noch Platz?“

Die Antwort kam in Gestalt des beleibten Wirts auf sie zu, der Santino sofort entdeckt hatte.

„Santino!“ Der ältere, um mindestens einen Kopf kleinere Mann zog ihn zu sich herunter und küsste ihn überschwänglich erst auf die rechte, dann auf die linke Wange. „Vedo che lei portara un ospite!“, fügte er hinzu, während er sich zurückzog und Kate ansah.

„Wie ich sehe, bringen Sie einen Gast mit“, übersetzte Santino. „Ein Arbeitsessen“, informierte er den Wirt auf Englisch, woraufhin dieser Kate nachdenklich musterte.

„Natürlich … capisco! Ich verstehe“, rief er dann aus, wobei sein Gesicht einen ernsten Ausdruck annahm. „Ich hoffe, Sie sind hungrig?“

„Ich sterbe fast vor Hunger“, versicherte Kate ihm lächelnd.

„Bene … bene!“ Erfreut rieb der rundliche Mann sich die Hände. Suchend schaute er sich um, bis er einen Tisch entdeckte, an dem die Gäste gerade zahlten. „Zwei Minuten, dann gehört der Platz Ihnen“, sagte er mit einladender Geste.

5. KAPITEL

Nach dem Essen tranken sie Espresso und dazu aus gigantischen Kognakschwenkern einen alten Brandy. Um ihn anzuwärmen, hielten sie die Gläser zwischen den Handflächen. Das Gespräch war anfangs etwas stockend in Gang gekommen. Auch wenn sie jetzt ungezwungener plauderten, beschränkten sie sich glücklicherweise immer noch strikt auf Berufliches. Kate gelang es sogar, sich allmählich zu entspannen. Bis ihr Handy klingelte …

Ein kurzer Blick auf das Display genügte, Kate zuckte erschrocken zusammen. „Wenn Sie mich bitte kurz entschuldigen würden …“ Schon hatte sie sich erhoben.

Argwöhnisch kniff Santino die Augen zusammen, als sie die Eingangstür aufzog.

Die kalte Nachtluft erinnerte Kate schlagartig wieder an die Welt, die sie zurückgelassen hatte.

„Meredith?“, fragte sie alarmiert. „Ist alles in Ordnung bei euch?“

Ihre Tante beeilte sich, ihr zu versichern, dass es keinen Grund zur Aufregung gebe. Stattdessen erkundigte sie sich besorgt, wie es Kate ging.

„Oh, danke gut!“ Die kühne Behauptung bereute sie sofort. Meredith war nicht leicht zu täuschen. Außerdem hatte sie bestimmt längst mit Caddy gesprochen. „Alles läuft bestens“, betonte Kate dennoch. Doch als sie nach ein paar weiteren Plattitüden die Verbindung beendete, ließ sie missmutig die Schultern hängen. Kate war es nicht gelungen, ihre Tante zu beruhigen.

„Entschuldigung“, sagte sie, nachdem sie wieder an den Tisch zurückgekehrt war. Nervös stellte sie fest, dass Santino für sie einen weiteren Espresso bestellt hatte. Er schien es nicht eilig zu haben, das Meeting zu beenden.

„Hoffentlich nichts Unangenehmes?“, fragte er und musterte sie forschend.

„Aber nein!“ Kate lachte, obwohl die Schuldgefühle langsam immer schwerer auf ihr lasteten. Sie bewahrte einfach zu viele Geheimnisse, und ihre Tochter war nur eins davon. Unfassbar, dachte Kate. Jetzt sitze ich hier mit Francescas Vater zusammen. Und er weiß nicht einmal, dass es Francesca gibt.

Solange sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was für ein Mensch er war, änderte sich jedoch nichts. Kate musste es für sich behalten.

„Sie haben sich so erschrocken, als Sie die Nummer sahen.“

Ihr wurde klar, dass er nicht lockerlassen würde, bis er eine zufriedenstellende Antwort erhielt. „Ich habe mich nicht erschrocken. Es war meine Tante Meredith, Caddys Mutter. Sie wollte nur wissen, ob alles in Ordnung ist. Verständlicherweise macht sie sich Sorgen um Caddy …“

Sie konnte Santino ansehen, dass er ihr nicht glaubte. Er war misstrauisch geworden. Das konnte Kate ganz und gar nicht gebrauchen. Um seinem Blick besser ausweichen zu können, sammelte sie ihre Sachen zusammen. Hoffentlich würde es ihm als Signal zum Aufbruch genügen.

„Warum erzählen Sie mir nicht ein bisschen über sich, Kate?“ Offenbar ignorierte er ihren Wunsch zu gehen. Seelenruhig saß er da und musterte sie über den Rand seiner Espressotasse hinweg.

Kate blieb fast das Herz stehen. „Was denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel wodurch Ihr Interesse an der Filmbranche geweckt wurde.“

Santino war darauf vorbereitet, methodisch vorzugehen. Wenn es sein musste, konnte er immer erst einen Schritt nach dem anderen tun. Aber langsam wurde es Zeit, das Gespräch in die richtigen Bahnen zu lenken. Immerhin hatte er sich vorgenommen, ihr einen Job anzubieten.

„Das habe ich eigentlich meiner Tante zu verdanken“, erwiderte sie.

„Ihrer Tante? Und was ist mit Ihren Eltern? Was haben sie dazu gesagt?“

Hinter ihrer Stirn arbeitete es, das konnte er sehen.

„Die waren außen vor“, erklärte Kate schließlich ausweichend.

„Verstehe“, sagte er, obwohl er es nicht verstand. Trotzdem wollte er nicht nachfragen und sein Ziel weiterverfolgen. Dass sie von sich aus fortfuhr, erleichterte ihm die Sache.

„Nach der Schule wusste ich nicht so recht, was ich machen sollte. Meredith hatte gute Kontakte zur Filmbranche. Sie stellte mich ein paar Leuten vor, und ich hatte nichts dagegen, irgendwo reinzuschnuppern. Auch wenn mich die Filmwelt anfangs nicht allzu sehr begeisterte, bin ich dann nach und nach in die Aufgabe hineingewachsen.“

Als er sah, wie sich ihr Gesicht aufhellte, fragte er: „Und jetzt lieben Sie Ihre Arbeit?“

„Ja.“ Seine Frage schien sie zu erstaunen.

Im Lauf der Jahre hatte er sich angewöhnt herauszufinden, was Menschen wollten, um ihnen genau das zu geben. Das war ein garantiertes Erfolgsrezept. „Wie mir scheint, können Sie sehr gut mit Menschen umgehen.“ Mit dem Kompliment wollte er ihr schmeicheln. Gleichzeitig brachte es ihn seinem Ziel wieder einen Schritt näher.

„Danke.“

Er konnte ihr ansehen, dass seine Worte die gewünschte Wirkung taten.

Sie versuchten beide, die Motive des anderen zu erkennen. Aber jetzt schlich sich ein Ausdruck in ihre Augen … War es Vorsicht oder … Verletztheit? Das konnte nicht sein. Schließlich zählte Santino sich nicht zu jenen Männern, die gebrochene Herzen hinterließen. Er ließ seine Sexpartnerinnen nie im Unklaren. Außerdem war er nur mit Frauen zusammen, die wussten, was sie wollten. Mit Frauen wie Kate …

Um sich zu vergewissern, dass ihm damals nichts entgangen war, rief er sich jene Nacht vor fünf Jahren wieder in Erinnerung. Es war eine Nacht gewesen, die wohl kein Mann leicht vergessen würde. Insgeheim musste Santino zugeben, dass er Kate nie ganz aus seinen Gedanken verbannt hatte. Warum er das nicht schaffte, darauf fand er keine Antwort. Er wusste nur, dass er sie diesmal nicht so einfach gehen lassen würde. „Ich möchte Ihnen ein Angebot machen …“

Als sie ihn interessiert ansah, fühlte er sich siegesgewiss. „Ich möchte, dass Sie in Rom bleiben und für mich arbeiten.“

„Für Sie arbeiten? Ich?“, stammelte sie verblüfft.

„Wäre das so undenkbar?“ Sofort wurde er ungeduldig. Niemals hatte irgendwer ein Jobangebot von ihm ausgeschlagen.

„Gar nicht. Ich kann nur nicht, das ist alles.“

„Was soll das heißen, Sie können nicht?“, fragte er scharf. „Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?“

„Tut mir leid, Santino, aber ich kann wirklich nicht. Da müssen Sie sich schon jemand anders suchen.“

„Ich will Sie.“ Angespannt presste er die Kiefer aufeinander.

„Sie wollen …“

Der Hoffnungsfunke in ihren Augen erlosch sogleich. Santino spürte Triumph in sich aufsteigen. Wahrscheinlich hatte sie erkannt, dass sie Santino Rossi weit mehr wollte als er sie. Kate war eine gute Schauspielerin, so gut allerdings auch wieder nicht. Spröde und zugeknöpft gab sie sich. Doch dicht unter dieser neuen Oberfläche loderte das Feuer.

„Es geht nur um einen Job, Kate. Ich biete Ihnen nur einen Job an …“, stellte er klar.

Die Worte ließen sie zusammenzucken. Trotzdem erholte sie sich rasch.

„Ich habe bereits einen Job … zwei, um genau zu sein. Ich arbeite bei der Agentur, die Caddy vertritt. Im Moment bin ich außerdem Caddys Managerin. Mir scheint …“

„Haben Sie nicht gehört? Ich will, dass Sie für mich arbeiten.“

„Also, wirklich … Das kommt alles sehr plötzlich …“

Er beobachtete noch eine Weile genüsslich, wie sie sich wand.

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, befand Kate schließlich.

„Im Augenblick brauchen Sie gar nichts zu sagen. Denken Sie einfach darüber nach. Es reicht, wenn Sie mir morgen früh Bescheid geben.“ Er liebte Ultimaten. Damit brachte Santino einen Stein ins Rollen. Woraufhin irgendetwas passierte. Nichts konnte er weniger ertragen als Ereignislosigkeit.

„Warum wollen Sie ausgerechnet mich, Santino?“ Sie musterte ihn eindringlich.

Weil die Gelegenheit günstig war und er sich grundsätzlich keine Chance entgehen ließ. „Weil mir nach diesem Debakel auf dem Set klar geworden ist, dass ich unbedingt eine Vertretung brauche. Ich will jemanden, der genug Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen hat und sich durchsetzen kann. Das haben Sie heute Morgen bewiesen. Für Sie wäre es ein Karrieresprung, Kate. Sie hätten Ihre eigene Abteilung und wären mir direkt unterstellt …“

„Also, wirklich … Das geht mir alles viel zu schnell.“

„Ach ja?“ Er legte den Kopf zur Seite und beobachtete Kate genau. „Dabei hatte ich eigentlich nicht den Eindruck, dass Sie von der langsamen Truppe sind.“

Keine Reaktion.

„Ich brauche dringend jemand wie Sie.“ Er lächelte. „Denken Sie darüber nach. Es ist ein Angebot.“

„Sie akzeptieren kein Nein, oder?“, flüsterte sie, während sie ihn wie gebannt anblickte.

„Geld dürfte kein Problem sein.“

„Nein, tut mir leid, ich kann nicht in Rom bleiben.“

Die Absage kam schnell und entschieden. Santino schien es, als sei der Schleier abrupt zerrissen, den er für einen Moment über die Wirklichkeit gebreitet hatte. Natürlich enttäuschte ihn Kates klare Absage. Aber er dachte gar nicht daran aufzugeben.

„Spätestens am Wochenende muss ich wieder in England sein“, fuhr sie fort, womit sie ihm jedoch – bewusst oder unbewusst? – einen Kompromiss unterbreitete.

„Na gut.“ Betont beiläufig zuckte er die Schultern, während er fieberhaft nachdachte. Was hatte das zu bedeuten? So eine Chance würde sie so schnell nicht wieder bekommen, trotzdem lehnte Kate ab. Warum? Da steckte doch bestimmt irgendetwas dahinter. Irgendjemand. Himmel … was war denn das? Das konnte doch unmöglich Eifersucht sein! Falls ja, spürte Santino sie zum ersten Mal. „Nun, wenn Sie persönliche Gründe haben“, sagte er mit ausdruckslosem Gesicht.

„Nein. Zumindest nicht …“

„Zumindest was?“ Er hörte, wie schneidend seine Stimme klang, und ermahnte sich, sich zu mäßigen.

Doch Kate zog sich bereits zurück und verschränkte die Arme. Santino musste es langsamer angehen lassen. „Schön, wenn Sie den Job wenigstens bis zum Wochenende übernehmen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Bis dahin müsste es mir eigentlich gelungen sein, diesen verdammten Idioten von einem Regisseur zu ersetzen. Selbstverständlich würden Sie für diese Zeit eine angemessene Vergütung erhalten.“

Keine Reaktion.

Er versuchte es nochmals. „Ich bin mir sicher, Cordelia würde es begrüßen, wenn Sie ihr während der Umstellungsphase zur Seite stehen.“

Volltreffer.

„Ich will kein Geld“, wehrte sie entschieden ab. „Wenn es Cordelia hilft, bleibe ich natürlich gern bis zum Wochenende. Meine Cousine ist eine tolle Schauspielerin. Sie können von Glück reden, dass Sie sie für diesen Film bekommen haben.“

Und Cousine Cordelia kann sich erst recht glücklich schätzen, dachte Santino. Damit Kate den Triumph nicht in seinen Augen aufblitzen sah, betrachtete er unverwandt die anderen Gäste.

6. KAPITEL

Santino hatte kaum die Rechnung bezahlt, da bedauerte sie ihren Entschluss schon. Selbstverständlich wollte sie Caddy unterstützen. Aber hatte Kate sich deswegen gleich auch noch bereit erklären müssen, für Santino zu arbeiten? Bei Licht betrachtet war das doch Irrsinn! Wie konnte sie sich bloß auf so etwas einlassen?

„Fertig?“ Santino stand auf.

In seiner Nähe bin ich anscheinend nicht ganz zurechnungsfähig, dachte Kate. Als er den Blick hob, hing eine pechschwarze Haarsträhne auf seinen Wimpern. Himmel, war dieser Mann attraktiv und selbstbewusst. Kate musste unter allen Umständen den nötigen Abstand wahren. Wenn sie sich ihr Geheimnis entlocken ließ, würde sie es womöglich ihr Leben lang bereuen.

„Kate?“

„Entschuldigung …“ Sie griff nach ihrer Kostümjacke und schlüpfte eilig hinein – um zu verhindern, dass Santino ihr half. Mit fahrigen Bewegungen knöpfte sie nicht nur die Jacke, sondern auch die Bluse bis zum Hals zu.

Santino beobachtete, wie Kate sich anzog. Dabei verschnürte sie ihre Kleidung regelrecht kunstfertig, fand er. Warum benahm sie sich nur so abwehrend? Er konnte den Verdacht nicht abschütteln, dass zu Hause jemand auf sie wartete. Anders konnte er sich ihr distanziertes Verhalten nicht erklären. Aus einer Femme fatale wurde nicht innerhalb von fünf Jahren eine Nonne. Auch wenn niemand es ihr auf den ersten Blick ansah … ebenso wenig auf den zweiten: Kate war eine Femme fatale.

Er sollte wachsam bleiben. Aber aus irgendeinem Grund wollte er Kate; und ihm gefiel, dass sie sich von anderen Frauen unterschied.

Allerdings brauchte er sich nur an die Tatsachen zu halten. Er konnte es sich gar nicht leisten, mit ihr etwas anzufangen. Vor fünf Jahren hatte er bedenkenlos eine einzigartige leidenschaftliche Nacht mit ihr verbracht. An das wunderbare folgenlose Abenteuer dachte er gern zurück. Seltsam nur, dass er sich hinterher so leer gefühlt hatte wie noch nie im Leben. Damals hatte er eine Weile nach dem Grund gesucht, bis ihm klar geworden war, dass er sich nach etwas Unerreichbarem sehnte. Es war nicht für ihn bestimmt.

Arrivederci, Santino!“

Arrivederci, Federico!“ Die Ablenkung durch den überschwänglichen Wirt kam höchst gelegen. Nichts empfand Santino als sinnloser, als über die Vergangenheit zu grübeln.

„Auf Wiedersehen, Federico …“

Kate drehte sich um und winkte. Wie unschuldig und ehrlich sie wirkte! Natürlich war das alles Show. Zweifellos strebte sie – wie alle Frauen – nur danach, sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu sichern. Wie konnte es auch anders sein?

„Wir könnten eigentlich zu Fuß zu Ihrem Hotel zurückgehen und dabei noch ein bisschen frische Luft schnappen, einverstanden?“, schlug er vor. „Oder haben Sie eine bessere Idee?“

Während er sprach, hielt er ihr die Tür auf. Als Kate an ihm vorbeiging, schloss er die Augen, um sich auf den schwachen Parfümduft zu konzentrieren, der sie umgab.

„Nein“, erwiderte sie. „Ich gehe leidenschaftlich gern spazieren.“

Zufrieden sah Santino, dass sie sich wieder etwas entspannte. Sogar ein kleines Lächeln rang sie sich ab.

„Vielen Dank für die Einladung. Es war wirklich ein netter Abend. Ich weiß, dass Sie meinetwegen Ihre Pläne geändert haben. Federicos Restaurant ist genau, was ich mir vorgestellt hatte.“

Offenbar wollte sie ihm Honig um den Mund schmieren. „War mir ein Vergnügen“, erwiderte er kühl. „Schön, dass es Ihnen gefallen hat.“

„Ist das Hotel Russie weit von hier?“ Sie wandte den Kopf und blickte suchend die Straße hinauf.

„Nein.“ Er runzelte die Stirn, während ihm tausend Möglichkeiten durch den Kopf schossen, wie sie den Abend auf angenehme Art beschließen könnten.

„Dann müssen Sie mich nicht begleiten.“

„Selbstverständlich begleitete ich Sie.“ Ihre Unabhängigkeit ärgerte ihn. Er war es nicht gewöhnt, dass Frauen die Richtung bestimmten – nicht in seiner Gegenwart. Er ergriff stets die Initiative. „Ich kann Sie doch nicht mitten in der Nacht allein durch Rom laufen lassen.“

„Ich kann mir ja ein Taxi nehmen.“

„Ich dachte, Sie wollen zu Fuß gehen. Außerdem ist hier nirgends ein Taxi.“

„Dann nehme ich eben den Bus.“

Unfassbar! Bevor er sich versah, stieg sie schon in einen soeben vor ihnen anhaltenden Touristenbus.

„He, was machen Sie denn?“, rief er. Doch wenn er eine Antwort wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als ebenfalls in den Bus zu steigen.

„Eine Stadtrundfahrt bei Nacht.“ Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Entschlossenheit, während Kate in ihrer Tasche nach dem Fahrgeld kramte.

„Gehen Sie schon mal nach oben und sichern sich einen Sitz in der vordersten Reihe. Ich bezahle.“ Er konnte es nicht fassen, dass er das sagte. Genauso unglaublich war die Tatsache, dass Santino Rossi in einem Bus fahren wollte. Wann hatte er das zum letzten Mal getan?

Zwei Minuten später setzte er sich neben sie. Kate hatte es tatsächlich geschafft, zwei der begehrten Sitzplätze in der ersten Reihe zu ergattern. Inzwischen hatte sie sich Kopfhörer aufgesetzt. Jetzt drehte sie an einem Rädchen, um die Ausführungen über die Sehenswürdigkeiten in ihrer Muttersprache zu hören. Als er die Kopfhörer von ihren Ohren zog, blinzelte Kate überrascht.

„He, trauen Sie mir nicht zu, dass ich mich auf dem Forum Romanum auskenne? Ich bin gebürtiger Römer.“

„Daran kann es wohl keinen Zweifel geben“, erwiderte sie, während der Bus sich dem in grelles Flutlicht getauchten Kolosseum näherte.

Jetzt flirtete sie beinah mit ihm. Diese Erkenntnis wirkte wie Balsam auf seiner wunden Seele. Leider währte der angenehme Zustand nur kurz, weil Kate das Gesicht gleich darauf verschlossen abwandte.

Seit langem hatte er seine Geschichtskenntnisse nicht mehr herausgekramt. Aber für Kate war er bereit, sich die Mühe zu machen. Er deutete auf eine der Aussparungen in dem antiken Gemäuer des Kolosseums. „Da unten ist die Arena. Können Sie sie sehen?“

Sie sah in die Richtung und erschauerte. Das konnte er ihr nicht verdenken. Das Einzige, was fehlte, war das Brüllen der blutrünstigen Menschenmenge.

Abermals erschauerte Kate.

„Ist Ihnen kalt?“

„Nein, alles in Ordnung.“

Doch in dem offenen Bus wehte ein kalter Wind. Santino zog sein Jackett aus, um es ihr zu geben.

„Danke, mir ist wirklich warm genug“, wehrte sie eilig ab, als sie merkte, was er vorhatte.

„Stimmt nicht, Sie frieren“, beharrte er, während er ihr die Jacke schützend um die Schultern legte.

„Und was ist mit Ihnen?“

Ihm war im Moment nur wichtig, dass sie sich wohlfühlte. Was für eine seltsame und gefährliche Anwandlung, wunderte Santino sich.

„Ihr Boss kann unmöglich zulassen, dass Sie sich einen Schnupfen holen, wenn Sie dienstlich mit ihm unterwegs sind.“ Er blieb so unpersönlich wie möglich. Höchste Zeit, sie beide daran zu erinnern, dass diese Bustour nur die etwas ungewöhnliche Verlängerung eines Arbeitsessens bedeutete.

„Haben Sie Angst, ich könnte morgen zu spät zur Arbeit kommen?“ Zu seiner Überraschung entdeckte er ein humorvolles Glitzern in ihren Augen. Plötzlich wurde ihm bei dem Gedanken, dass sie für ihn arbeiten würde – wenn auch nur für ein paar Tage – vor Freude ganz warm. Wann hatte er jemals zuvor so empfunden?

Als der Bus langsam an einer altertümlichen Ruine vorbeifuhr, streckte Kate die Hand nach den Kopfhörern aus. „Eigentlich wollten ja Sie für mich den Fremdenführer spielen“, erinnerte sie Santino, während sie das Kabel entwirrte.

„Das will ich immer noch.“ Sanft nahm er ihr die Kopfhörer aus den Händen. Mit aller Macht musste er sich dabei gegen den Drang zur Wehr setzen, ihre Finger noch einen Moment länger zu spüren.

„Jetzt kommt gleich der Tempel der Vesta“, kündigte er sachlich an, um die plötzliche Anspannung abzuschütteln, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Er legte den Kopfhörer zwischen sie auf den Sitz und rutschte ein Stück von Kate ab. Ob sie manchmal an die Nacht vor fünf Jahren dachte? Und wie um Himmels Willen sollte er mit den atemberaubenden Erinnerungen im Kopf die Geschichte seiner Stadt wiedergeben?

Santino machte es kurz. In Rom stand ein antikes Bauwerk neben dem anderen. Wenn er sich nicht auf wenige Informationen beschränkte, wären sie längst beim nächsten angelangt. „Der Tempel war das zentrale Heiligtum auf dem Forum Romanum. Er wurde von sechs Priesterinnen bewacht, die dafür sorgten, dass das Feuer im Tempel nie ausging.“ So wie Kate, ohne es zu wissen, fünf lange Jahre dafür gesorgt hatte, dass ihr Feuer in ihm weiter brannte … Herrgott, er musste endlich woanders hinsehen, nicht mehr auf ihren Mund. „Diese Priesterinnen waren zur Jungfräulichkeit verpflichtet und wurden bereits als Sechsjährige aus den besten Familien der Stadt ausgewählt. So stahl man ihnen Kindheit und Jugend.“

„Wie schrecklich“, flüsterte Kate, nachdem er geendet hatte.

„Das ist römische Geschichte. Mich dürfen Sie nicht dafür verantwortlich machen, ich kann nichts dafür.“

„Ich weiß. Aber es klingt so grausam. Unfassbar, was sich Menschen gegenseitig antun können.“

„Ja, nur war das schon immer so und wird sich auch nie ändern. Der Mensch ist des Menschen Feind.“ Seltsamerweise wich sie seinem Blick aus, fast als ob sie etwas vor ihm verbergen wollte. Oder als hätte sie ein schlechtes Gewissen.

Sie schwiegen eine Weile. Zu seiner Überraschung spürte er plötzlich, dass Kate ihre Hand vorsichtig auf seinen Arm legte.

„Sie sind plötzlich so still“, sagte sie. „Ist irgendwas?“

Vielleicht, dass er sich wieder einmal von einer Frau getäuscht fühlte? Santino straffte die Schultern. „Nur ein kleines Formtief, nichts weiter.“

Doch als er ihr wieder in die Augen sah, bemerkte er, dass ihr Blick auf seinen Lippen ruhte. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Münder. Statt sich zurückzuziehen, blieb sie einfach sitzen. Sie wartet darauf, dass ich sie küsse, dachte Santino. Sie will einen Kuss von mir. Nein. Nein, das werde ich nicht tun. Weil ich den Zeitpunkt bestimme, nicht sie.

Abrupt drehte er den Kopf und schaute aus dem Fenster. Die Abfuhr traf sie offensichtlich. Augenblicklich wirkte Kate extrem angespannt, und stillsitzen konnte sie auch nicht mehr.

„Wie weit ist es denn jetzt noch zum Hotel?“, fragte sie, während der Bus um eine Ecke bog.

Er sah ihr an, dass sie es gar nicht erwarten konnte, endlich auszusteigen. „Von hier sind es zu Fuß noch etwa zehn Minuten.“

„Oh, das ist gut.“

Schon stand sie auf und wartete darauf, dass er sie durchließ. Er machte ihr Platz, und sie lief schnell die Treppe hinunter. Als der Bus kurz darauf anhielt, trat Kate auf die Straße, ohne sich nach ihm umzusehen. Durch die Scheiben beobachtete Santino, wie Kate nach rechts und links blickte und etwas murmelte.

„Ich komme mit“, entschied er.

Allerdings war sie bereits losmarschiert wie ein verängstigter Feldhase. Nachdem Santino sie eingeholt hatte, erklärte er ihr, dass sie in die falsche Richtung lief. Kommentarlos machte Kate kehrt und rannte beinah, sodass er kaum mitkam.

Wirklich, jetzt reichte es ihm, alles hatte seine Grenzen. Weibliches Unabhängigkeitsstreben konnte er nur bis zu einem gewissen Grad ertragen. Deshalb ließ er Kate einfach gehen. Erst als ihr auffiel, dass er nicht mehr hinter ihr hereilte, blieb sie stehen und wartete. Die Hände erhoben, ging er auf sie zu.

„Ich verstehe nicht, was plötzlich in Sie gefahren ist, Kate. Hoffentlich hat das keine Auswirkungen auf Ihre Arbeit.“

„Keine Sorge, ich habe noch niemanden enttäuscht“, versicherte sie ihm, den Blick fest auf ihr rettendes Ziel gerichtet – das Hotel Russie.

„Da kann man nur hoffen, dass es auch so bleibt“, sagte er. „Von den Besten erwarte ich nämlich auch die beste Arbeit.“

„Keine Angst, die werden Sie von mir bekommen. Verlassen Sie sich drauf.“

„Gut“, kommentierte er das Versprechen und ging mit langen Schritten neben ihr her. „Dann ist ja alles geklärt.“

Nachdem sie vor dem Hotel angelangt waren, verabschiedete sie sich förmlich: „Gute Nacht, Santino. Und noch mal vielen Dank für den netten Abend.“

Geflissentlich überhörte er es und schritt an ihr vorbei, um dem Portier zuvorzukommen, der die Tür aufhalten wollte. Im Foyer bestand Santino außerdem darauf, Kate zum Aufzug zu bringen.

Während sie auf den Lift warteten, hatte Santino das Gefühl, jeden Moment zu explodieren. Kate ließ sich darauf ein, ein paar Tage für ihn zu arbeiten, aber das war auch alles. Das nagte schwer an seinem Stolz.

Natürlich hatte sie gewollt, dass er sie küsste. Jetzt reagierte sie verletzt, weil er sie abgewiesen hatte. Wie dumm von mir, überlegte Santino. Aber wie hätte er sie küssen sollen, da sie ihm so offensichtlich irgendetwas verheimlichte? Oh nein, er würde ihr ganz bestimmt nicht auf den Leim gehen. Und falls sich doch etwas zwischen ihnen ergeben sollte, dann nur zu seinen Bedingungen, so viel stand fest. Vorher musste er jedoch herausfinden, was sie ihm vorenthielt.

„Santino?“

„Ja?“ Absichtlich hatte er sich in den Schatten zurückgezogen, damit Kate sein Misstrauen nicht bemerkte. Sie hingegen stand im vollen Licht des Kronleuchters. Das gab Santino die Gelegenheit, sie unauffällig aus dem Augenwinkel zu betrachten. Sie war auf eine sehr natürliche Art schön. Er hätte gern geglaubt, dass diese Schönheit von innen kam. Seine Erfahrungswerte sprachen klar dagegen.

Als der Lift hielt und die Türen auseinanderglitten, reichte sie Santino die Hand.

„Noch mal danke, Santino“, sagte sie kühl.

Im ersten Moment ärgerte ihn ihre Distanziertheit. Aber als er ihre Finger an die Lippen zog, spürte er, dass Kate zitterte.

7. KAPITEL

Zum Glück hatte Caddy nicht beschlossen, auf sie zu warten. Kate wollte nicht noch einmal jeden Moment eines Abends durchleben, der sie in eine solche Verwirrung gestürzt hatte. Um ihre Cousine nicht zu wecken, schloss Kate äußerst behutsam die Tür.

Santino die Geheimnisse anzuvertrauen, die ihre Vergangenheit überschatteten, war immer noch unmöglich. Vor allem jenes Geheimnis konnte Kate nicht preisgeben, dem sie sich selbst kaum zu stellen wagte und das sie fünf Jahre lang erfolgreich verdrängt hatte.

Und die Gegenwart hatte es ebenfalls in sich. Wie zum Beispiel könnte Kate Caddy gegenüber zugeben, dass sie sich nach einem Kuss von Santino sehnte? Um ein Haar hätte er ihre Lippen berührt. Warum hatte er nur plötzlich einen Rückzieher gemacht? Die Demütigung, die Kate in dem Moment gefühlt hatte, war entsetzlich gewesen. Sie konnte mit niemandem darüber sprechen.

Nur in beruflicher Hinsicht war der Abend erfolgreich verlaufen. Für Caddy hatte Kate die bestmöglichen Bedingungen herausgeholt. Allein das bewies, dass sie ihr Verhandlungsgeschick sehr gut einsetzen konnte – auch wenn ihre Menschenkenntnis bedenklich schwach ausgeprägt war.

Auf Dauer konnte sie Santino nicht vorenthalten, dass er Francescas Vater war. Und je länger Kate damit wartete, desto schwerer würde ihr dieser Schritt fallen. Und trotzdem, obwohl ihr das alles klar war, wagte sie es nicht. Noch nicht.

„Kate? Bist du da?“

Sie hielt die Luft an, als sie Caddys verschlafene Stimme aus dem Nebenzimmer hörte.

„Ja. Tut mir leid, dass ich dich geweckt …“

„Hast du es ihm erzählt? Hast du Santino von Francesca erzählt?“

Natürlich fragte Caddy als Erstes danach.

„Heute noch nicht … vielleicht morgen. Schlaf weiter, Caddy. In ein paar Stunden ist die Nacht vorbei“, sagte Kate.

Gleichwohl wusste sie, dass sie es auch morgen bestimmt nicht tun würde.

Am nächsten Morgen atmete Kate erleichtert auf. Anscheinend wollte Caddy die kurze Unterhaltung von der vergangenen Nacht nicht vertiefen.

Aber sie kannte ihre Cousine zu gut. Kate wurde den Verdacht nicht los, dass Caddy irgendetwas im Schilde führte. Und so stand der Name Santino Rossi zwischen ihnen wie eine unausgesprochene Drohung.

„Wo ist mein Kostüm?“, erkundigte sich Kate, nachdem sie aus dem Bad gekommen war. „Ich habe es neben dem Waschbecken über den Stuhl gehängt, und jetzt ist es weg.“

Caddy beschäftigte sich angelegentlich mit ihrem Reißverschluss.

„Jetzt sag schon!“, drängte Kate.

„Oh! Ich dachte, es soll in die Reinigung, als ich es im Bad hängen sah“, erklärte Caddy. „Deshalb habe ich vorhin beide Kostüme vom Zimmerservice abholen lassen … nur für alle Fälle.“

„Beide?“ Ihre Stimme klang leicht schrill. Kate wusste, dass sie überreagierte. Trotzdem verstand sie nicht ganz, warum. „Was soll ich denn jetzt anziehen?“

„Ganz einfach.“ Verschmitzt grinsend legte Caddy legte ihr einen Arm um die Schulter. „Du leihst dir etwas von mir. Wir finden in meinem Kleiderschrank bestimmt etwas Wundeschönes für dich.“

Oh nein! Kate konnte es nicht fassen! Dieselbe Diskussion hatten sie bereits gestern Abend geführt. Mit allen Mitteln hatte Caddy sie überreden wollen, zu dem Abendessen mit Santino eine hautenge, auf den Hüften sitzende Jeans von ihr anzuziehen. Kate hatte sich standhaft geweigert.

„Himmel, Caddy, fang jetzt bloß nicht wieder damit an! “Verzweifelt fuhr sie sich durchs Haar.

„Danke, dass du mich an deine Frisur erinnerst“, sagte Caddy tapfer. „Ehrlich, ich finde, du könntest dir ruhig mal ein paar Strähnchen …“

„Kommt überhaupt nicht infrage.“ Kate war gerade dabei, sich einen Nackenknoten zu machen.

„Und wenn du es wenigstens einen Zentimeter schneiden lässt? Leicht stufig vielleicht? Einfach damit es etwas weniger streng …“

„Mir gefällt mein Haar genau so, wie es ist. Außerdem, was soll Santino von mir halten? Ich kann doch nicht an meinem ersten Arbeitstag mit einer neuen Frisur und in knallengen Jeans erscheinen.“

„Ach! Seit wann interessiert dich, was der von dir denkt?“

Dummerweise schon die ganze Zeit, dachte Kate, aber sie behielt es für sich.

„Bei den Jeans stimme ich dir ja vielleicht noch zu“, räumte Caddy ein.

„Natürlich habe ich recht. Am besten ist, wenn du jetzt gleich bei der Rezeption anrufst und versuchst, meine Kostüme zurückzubekommen.“

Wortlos marschierte Caddy durchs Zimmer und begann in einer ihrer teuren ledernen Einkaufstaschen zu suchen. Schließlich zog sie ein Kleidungsstück heraus und hielt es triumphierend hoch. Es war ein goldgelbes Kleid aus weichem Kaschmir, eng, aber nicht zu kurz, mit dezenten Trompetenärmeln und einem nicht zu gewagten V-Ausschnitt.

„Es ist wirklich hübsch, nur leider nichts für mich“, wehrte Kate entschieden ab. „Außerdem hast du es selbst noch nie getragen“, fügte sie mit Blick auf das Preisschild hinzu, das noch an dem Ärmel baumelte.

„Na und? Deswegen kann ich es dir doch trotzdem leihen, oder? Wo du im Moment nichts anzuziehen hast“, schloss Caddy.

Sie saß in der Falle. Das Hotel machte einen in jeder Hinsicht so professionellen Eindruck. Dass die Kostüme noch nicht in der Reinigung gelandet waren, konnte Kate sich kaum vorstellen. Sie würde sie erst in vierundzwanzig Stunden zurückbekommen, und bis dahin brauchte sie eine Notlösung.

„Und die hier auch“, beharrte Caddy und zeigte auf die passenden Schuhe.

„Nein“, erklärte Kate kategorisch. Die Begeisterung ihrer Cousine benötigte einen Dämpfer. Sie schwenkte ein paar bildschöne cremefarbene Wildlederstiefel mit halbhohem Absatz. Seitlich geschnürt, reichten sie bis zum Knie. Als Kate den Markennamen auf dem Karton las, ahnte sie, dass sie ein Vermögen kosteten.

„Warum nicht?“ Herausfordernd begutachtete Caddy die Stiefel.

„Aber sie sind so empfindlich. Womöglich ruiniere ich sie dir noch.“

„Du?“ Caddy zog belustigt die Augenbrauen hoch. „Das glaube ich kaum.“

„Aber meine Schuhe sind im Schlafzimmer. Ich hole sie …“

Sie kam nur bis zur Tür, dort hielt ihre Cousine Kate auf. „Wenn du auch nur eine Sekunde glaubst, ich erlaube dir, mein göttliches Kleid mit diesen flachen Latschen zu tragen, musst du verrückt sein, Kate Mulhoon. Du bist meine Managerin, erinnerst du dich? Dementsprechend musst du dich auch kleiden.“

Sie runzelte die Stirn, während sich Caddy ins Schlafzimmer zurückzog. Das verführerische Outfit lag direkt vor Kate. Diesmal hatte Caddy gewonnen.

Kate kam früh auf dem Set an, sodass ihr noch Zeit blieb. Also fasste sie sich ein Herz und überließ sich den erfahrenen Händen von Caddys Stylistin. Eine Dreiviertelstunde später blickte Kate verunsichert in den Spiegel. Im ersten Moment erschrak sie, als sie den neuen Schnitt sah. Wenig später musste sie zugeben, dass ihr die neue Frisur wirklich gut stand.

„Und was ist mit deinem Gesicht?“, erkundigte sich Caddie, nachdem sie die Veränderung gebührend bewundert hatte. „Das könnte auch eine kleine Auffrischung vertragen.“

„Ist es denn wirklich so schlimm?“, fragte Kate lächelnd.

„Noch viel schlimmer.“ Caddie lachte.

Als Kate schließlich mit der Arbeit begann, wirkte sie völlig verändert. Mit dem hübschen goldgelben Kleid, den eleganten Stiefeln und der neuen Frisur zog sie mehr Aufmerksamkeit auf sich als jemals zuvor im Leben. Anfangs war es ihr irgendwie peinlich. Doch sie gewöhnte sich rasch daran, bald fühlte sie sich sogar wohl damit. Absolut wohl. Bis zu dem Moment, in dem Santino auf dem Set auftauchte und mit langen Schritten geradewegs auf sie zukam.

„Du meine Güte, was haben Sie denn mit Ihren Haaren gemacht?“

Seine offensichtliche Missbilligung traf Kate. Es schwächte ihr neu erworbenes Selbstvertrauen empfindlich. Nur weil sie entschlossen war, sich nichts anmerken zu lassen, hob sie das Kinn und erwiderte kämpferisch: „Na so was. Ich wusste gar nicht, dass für meine Tätigkeit hier eine bestimmte Frisur vorgeschrieben ist.“

Daraufhin konnte Santino sie lediglich verdutzt ansehen. Kate hielt seinem Blick so lange stand, bis er sich abwandte. Der nächste Punkt ging auch an sie, weil sie in munterem Ton sagte: „Guten Morgen, Santino. Ich würde ganz gern ein paar Dinge mit Ihnen besprechen.“

„Was denn zum Beispiel?“ Er widmete ihr wieder seine Aufmerksamkeit, indem er Kate von Kopf bis Fuß taxierte.

„Zum Beispiel, dass es auf dem Set schon seit gestern kein warmes Wasser gibt“, fuhr Kate fort. „Außerdem lässt der Cateringservice ziemlich zu wünschen übrig. Der Toast war heute verbrannt, und Eier gab es auch nicht genug …“

„Ach ja?“, murmelte Santino.

Während Kate den Ausdruck in seinen Augen zu deuten versuchte, bekam sie schlagartig Herzklopfen. „Ja, und das ist noch nicht alles …“

„Vorerst schon.“ Er nahm sie am Arm und zog sie mit sich fort, bis sie außer Hörweite waren. „Hören Sie, ich habe vorhin versucht, Sie anzurufen. Ich wollte Sie darüber informieren, was ich für heute geplant habe. Weder im Hotel noch über Cordelias Handy waren Sie erreichbar. Sie müssen mir Ihre Handynummer geben, Kate. Ich möchte Sie jederzeit sprechen können, auch wenn Sie nur ein paar Tage für mich arbeiten.“

Kate schluckte, bevor ihr eine zurechtweisende Antwort entschlüpfte. Das passierte, wenn man das Kleingedruckte vor dem Unterschreiben nicht las. Offenbar erwartete Santino, dass sie ihm vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung stand – und eine Frisur seiner Wahl trug.

„Gehen wir“, sagte er kurz angebunden. „Alles Weitere besprechen wir beim Frühstück.“

„Frühstück?“ Bitte nicht! Nicht schon wieder ein Essen mit Santino. Nicht schon wieder dicht bei ihm sitzen … so dicht, dass ihr Kopf ganz leer wurde und sie keinen klaren Gedanken mehr zustande brachte.

„Aber … aber haben wir denn Zeit, um zu frühstücken?“, wandte sie ein.

Er blieb stehen und drehte sich langsam zu ihr um. Als sie sein herablassendes Lächeln sah, begann Kates Herz wieder zu hämmern.

„Ich bin der Boss, Kate. Wenn ich sage, wir haben Zeit, dann haben wir Zeit.“

Kate sank der Mut, als der schwarz glänzende Maserati vor dem Hotel hielt. Santino war mit ihr in die Berge gefahren, die Fahrt hierher hatte Stunden gedauert. Wegen des dichten Verkehrs in den Vororten hatten sie sich nur im Schneckentempo dem Ziel genähert. Kate konnte wahrscheinlich von Glück sagen, wenn sie es noch rechtzeitig vor Feierabend ins Studio schafften. Dabei hatte sie dort alle Hände voll zu tun.

„Sind Sie bereit?“, fragte Santino, während er sein Fenster herunterließ, um dem Hotelpagen den Autoschlüssel zu reichen.

„Sie sind der Boss, sagen Sie es mir“, erinnerte sie ihn mit leisem Spott. Eilig stieg sie aus und blickte an der beeindruckenden Fassade des hellen Sandsteingebäudes hoch.

„Findet es Ihre Zustimmung?“, erkundigte sich Santino nicht weniger spöttisch, ohne eine Antwort abzuwarten.

Dieses Hotel fiel etwa in dieselbe Kategorie wie das erste Restaurant, in das er Kate am vergangenen Abend geführt hatte. Diesmal sagte sie jedoch nichts. Eine Alternative gab es in den Bergen wohl ohnehin nicht.

„Wir sind aus einem ganz bestimmten Grund hier“, bekannte Santino mit einem Mal, während er mit ihr zum Eingang ging.

Kate bekam Herzklopfen. Was hatte er vor? Und warum brachte er sie in ein so abgelegenes vornehmes Hotel, obwohl sie jetzt arbeiten sollte?

Beinah hatten sie den Eingang erreicht, da schwang die Drehtür auf. Zwei Männer kamen herbeigeeilt, um die Gäste freudig zu begrüßen.

„Signor Rossi.“ Der eine, den Kate für den Geschäftsführer hielt, neigte ehrfürchtig den Kopf. „Willkommen. Wir freuen uns, Sie begrüßen zu dürfen. Was können wir für Sie tun?“

„Wie ich sehe, hat La Pergola geschlossen, aber …“

„Geschlossen? Nicht für Sie, Signor Rossi.“

„Ich hatte gehofft, dass Sie das sagen, Fritz. Darf ich vorstellen … Ms. Mulhoon kommt aus England.“

„Ich gebe sofort dem Küchenchef Bescheid.“

Santino hob eine Hand. „Danke, nicht nötig. Wir nehmen nur einen kleinen Imbiss zu uns. Wir haben ein paar geschäftliche Dinge zu besprechen.“

Der Geschäftsführer verbeugte sich. „Sehr gern. Ganz wie Sie wünschen, Signor Rossi.“

8. KAPITEL

Der kleine Imbiss war natürlich vom Feinsten. Zu knusprig frischem Brot und saftigen grünen Oliven bestellte Santino einen köstlichen Käse. Den Vergleich mit einer Sorte von Paxton & Whitfield, dem berühmtesten Käsegeschäft Londons, brauchte dieser gewiss nicht zu scheuen. Als Aperitif gab es teuren Champagner.

Während Santino ihr Dinge anvertraute, die sich bei den Dreharbeiten hinter den Kulissen abspielten, entspannte Kate sich nach und nach. Trotzdem ermahnte sie sich immer wieder, wachsam zu bleiben.

„So, und jetzt erzählen Sie mal, was Sie in England so machen“, forderte er sie schließlich auf.

Das hätte sie sich denken können. So schloss er also seine Verträge ab: Indem er den Gegner in Sicherheit wiegte, bevor er zum vernichtenden Schlag ausholte. Aber Kate war gewappnet. „Das wissen Sie bereits. Ich arbeite für die Agentur, die unter anderem Caddy vertritt …“

„Wenn es nach mir geht, tun Sie das nicht mehr lange … schön, reden Sie weiter.“

„Hin und wieder muss ich bis in die Nacht arbeiten. Dann bleibe ich in London und übernachte in einem Apartment, das der Firma gehört.“

„Und was machen Sie, wenn Sie nicht bis spät abends am Schreibtisch sitzen?“, erkundigte er sich und beugte sich interessiert vor.

„Na ja … ich lebe außerhalb von London auf dem Land, mit Tante Meredith und Caddy … Nur wenn Caddy da ist, natürlich.“ Ihre Antwort schien ihn zufriedenzustellen, vielleicht sogar mehr als das. Als Santino ihr jetzt einen aufmerksamen Blick zuwarf, begann ihr Herz wie verrückt zu pochen.

„Sie leben mit Cordelia und deren Mutter zusammen?“ Santinos dunkle Augen schienen den Grund ihrer Seele ausloten zu können. Kate beschloss, bei jedem Wort besonders vorsichtig zu sein.

„Ja.“

„Wie steht es mit Ihrem Familienstatus?“

Die Frage verblüffte sie so sehr, dass Kate sie prompt zurückgab. „Was ist denn mit Ihrem?“

„Das ist eine sehr persönliche Frage.“ Santino hielt ihren Blick fest.

„Ihre etwa nicht?“

„Sie gilt einer potenziellen Angestellten.“

Verlegen errötete Kate. Sie war blindlings in die Falle getappt, die Santino für sie aufgestellt hatte. „Ich bin alleinstehend und habe auch nicht die Absicht, das zu ändern.“

„Aha.“

„Ja. Mir geht es gut so. Mein Leben ist ausgefüllt. Ich brauche keinen Mann, um mich ganz zu fühlen …“

Sie war drauf und dran, sich um Kopf und Kragen zu reden, da klingelte zum Glück Santinos Handy. Er entschuldigte sich und stand auf. Als er sich umdrehte und wegging, atmete Kate erleichtert auf.

Himmel, das war ja gerade noch mal gut gegangen! Obwohl sie wirklich neugierig auf seine Antwort gewesen war, hatte Kate sich mit ihren Erklärungen kaum bremsen können. Das Wichtigste behielt sie aber zum Glück immer noch für sich. Zwar wollte sie ihn nicht anlügen, die Wahrheit sagen konnte sie dennoch nicht … nicht mal zum Teil.

Als Santino an den Tisch zurückkehrte, lächelte er.

„Gute Neuigkeiten?“ Kate hoffte, dass er wegmusste. Sie musste dringend nachdenken und sich eine Strategie zurechtzulegen.

„Scheint so“, sagte er. „Hoffentlich sehen Sie das genauso. Die neue Regisseurin ist früher eingetroffen als erwartet.“

„Na, das ist doch wunderbar!“ Jetzt würde sie Abstand zu Santino gewinnen. Und den benötigte sie, um wieder klar denken zu können. Ernst begutachtete Kate ihre Schuhspitzen. „Wir sollten zurückfahren.“

„Sie haben es ja richtig eilig.“

In Santinos Stimme schwang ein warnender Unterton mit, der Kate zur Ruhe mahnte. Sie versuchte, sich zu entspannen, indem sie sich zurücklehnte. „Eigentlich nicht. Ich dachte nur …“

„Wir fahren nicht zurück“, fiel Santino ihr ins Wort. „Ein Stück weiter oben in den Bergen gibt es ein nettes Lokal. Traditionell feiert unser Team dort den Beginn eines neuen Projekts.“

„Und ein neuer Regisseur bedeutet, dass ein neues Projekt anfängt.“

„So ist es.“

Das Lokal befand sich in einer alten umgebauten Scheune. Andächtig blickte Kate zu der hohen, spitz zulaufenden Balkendecke. Die Geräusche hallten wegen des nackten Steinfußbodens laut wider, alle Tische waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Am einen Ende des Raums gab es eine offene Küche. Santino hatte Kate bereits vorgewarnt, dass es dort temperamentvoll zuging. Übertrieben hatte er keineswegs. Denn dort brüllte jeder jeden an. Wenn die Kellner dazukamen, wurden die hitzigen Diskussionen noch lauter. Deshalb musste jeder, der sich Gehör verschaffen wollte, ebenfalls rufen.

Weil sich das Studiofest spontan ergeben hatte, konnten sie nicht als geschlossene Gesellschaft feiern. Neben der Crew aßen hier auch andere Gäste. Allerdings nahm das Filmteam separate lange Tische ein, auf denen Sektkübel, große Krüge voll Eiswasser und Weinflaschen standen.

„Ach, Kate, da bist du ja!“ Caddy gab Kate zur Begrüßung auf jede Wange ein Küsschen, während sie ihren Produzenten anlächelte. „Wir sind eben erst angekommen. Sie müssen ja mit Windgeschwindigkeit gefahren sein, Santino.“ An Kate gewandt, sagte sie: „Na, wie findest du es hier? Ist es nicht herrlich?“

Von dem Lärm um sich herum fühlte Kate sich wie betäubt. Einen Moment lang sprachlos, lächelte sie nur. Sie wusste, dass sie sich dringend entspannen musste. Irgendetwas hinderte sie daran.

„Ich dachte mir, dass es Ihnen hier gefällt“, sagte Santino. „Ein bisschen ländlich und sehr typisch für die Gegend.“

„Ja“, murmelte Kate. Ohne zu wissen, wonach sie suchte, sah sie sich nervös um. Was war bloß los mit ihr?

Es ist zu albern, wirklich, wies sie sich zurecht. Was Santino sagte, stimmte. Das Lokal war hübsch, sehr hübsch sogar. Und wie könnte es ihr auch nicht gefallen, wenn er sie, eine Hand angenehm auf ihrem Rücken, durch das Gewühl lotste? Wenn die an sich harmlose Berührung sich bloß nicht ganz so gut anfühlen würde … Könnte es Kate nur leichterfallen, sich allein auf den Job zu konzentrieren …

Sie war nicht hier, um mit Santino zu flirten. Ich sollte die neue Regisseurin Diane Fox kennenlernen und mich um Caddy zu kümmern, ermahnte sie sich. Wo war Diane Fox eigentlich? Und Caddy konnte Kate weit und breit nicht entdecken.

Sie hatten die Tische, an denen die Filmcrew sich versammelt hatte, fast erreicht. Plötzlich stand Caddy wieder neben ihr und berührte sie an der Schulter. Im selben Moment hielt Kate wie erstarrt den Atem an.

„Na, was sagst du jetzt, Kate?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 0273" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen