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Ein Palazzo für die Liebe

Christina Hollis

Ein Palazzo für die Liebe

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Christina Hollis

Ein Palazzo für die Liebe

1. KAPITEL

Milde Nachmittage in der Toskana waren wie geschaffen dafür, Leute zu beobachten. Allerdings versuchte Rissa, ihre Neugier zu verbergen, während sie von Signor Mazzini durch das Gedränge geführt wurde.

„Der verstorbene Conte hat Sie ja sicher mit den Freuden der passeggiata bekannt gemacht, Contessa. Um diese Zeit gehen wir alle gern frische Luft schöpfen.“ Rot im Gesicht und schwitzend, schlängelte sich Signor Mazzini mit seiner Klientin durch die Menschenmenge auf dem Dorfplatz.

„Mein Mann hat mich niemals in seine Heimat Italien mitgenommen, Signore. Nach unserer Hochzeit haben wir Amerika selten verlassen.“ Rissa bemühte sich, nicht enttäuscht zu klingen. Sie hatte vieles aufzuholen. Zu seinen Lebzeiten hatte es nur einen einzigen verunglückten Besuch bei ihr zu Hause in England gegeben. Jetzt, da sie frei und ungebunden war, hielt der Nachlass ihres Mannes sie ebenso gefangen wie früher ihre Ehe. Mit seinem verschwenderischen Lebensstil hatte Luigi das gesamte Vermögen der Tizianos aufgebraucht. Übrig war lediglich der schon lange leer stehende Palazzo, der den Namen seiner Familie trug. Bisher hatte Rissa den Besitz nur aus einiger Entfernung gesehen. An diesem Tag hatte sie zum ersten Mal Gelegenheit, sich das einzige verbleibende Grundstück der Alfere-Tizianos anzusehen.

Während Signor Mazzini vor dem hohen Tor nach seinen Schlüsseln suchte, fühlte sich Rissa beobachtet. Dass die Dorfbewohner neugierig sein würden, hatte sie erwartet, aber dies jetzt empfand sie irgendwie anders.

Mit einem freundlichen Lächeln drehte sie sich um. Es verschwand, sobald sie den Mann sah, der nur wenige Meter entfernt an einem der vielen auf dem Dorfplatz aufgestellten Cafétischen saß und sie anstarrte.

„Buon giorno!“

Ihr Beobachter antwortete nicht. Er war gut angezogen, und sie hätte ihn vielleicht sehr attraktiv gefunden, wenn sein Gesichtsausdruck nicht gewesen wäre. Ihr war, als würde der Mann sie mit seinem herausfordernden wütenden Blick durchbohren. Schaudernd wandte sie sich ab und folgte Signor Mazzini auf das große Grundstück, froh, dass er hinter sich wieder abschloss.

Die Erleichterung hielt nicht lange an. Vom Tor war es ein Weg von zehn Minuten bis zum Haus, und Rissa verlor den Mut, während sie sich in der wuchernden Wildnis umsah. Umgestürzte Bäume hatten an mehreren Stellen die Gartenmauer beschädigt. Große Reparaturen bedeuteten hohe Rechnungen.

Blind vor Liebe hatte sie Luigi geheiratet. Im Lauf der Jahre hatten sie sich mit ihrem traurigen Geheimnis abgefunden, und Rissas Liebe hatte sich verändert. Dann war er mit seinem Sportwagen bei einhundertneunzig Stundenkilometern von der Straße abgekommen.

Luigis Tod riss sie aus ihrem tranceartigen Leben. Den nächsten Schock erlitt Rissa, als sie entdeckte, dass alle Konten ihres Mannes so gut wie leer waren und sie der letzte Mensch auf der Welt war, der den Namen Alfere-Tiziano trug. Was jedoch auch ein starkes Verantwortungsgefühl in ihr weckte. Sie musste Luigi zuliebe unbedingt den Schein wahren, und sie musste diesen mysteriösen Palazzo sehen. Also gab sie fast ihr ganzes Geld für ein einfaches Ticket nach Italien aus – und verliebte sich sofort in die romantische Gegend. Aber sie wusste, dass dieser baufällige Besitz niemals auf einen rechtmäßigen Erben übergehen konnte.

Nach Luigis Tod hatte es Rissa einige Wochen lang wieder großen Kummer bereitet, dass ihre Ehe kinderlos geblieben war. Trotz ihrer prekären Finanzlage hatte sie abgelehnt, als von AMI Holdings – anscheinend ein bedeutendes internationales Bauunternehmen – ein außergewöhnlich großzügiges Angebot für den Palazzo Tiziano gekommen war. Der Verkauf hätte ihr mehr als genug Geld eingebracht, um zurück nach London zu ziehen. Nur hatte sie das Gefühl, ihrem angenommenen Familiennamen gegenüber noch immer verpflichtet zu sein.

Inzwischen ging ihr das Geld aus, und Rissa war in Versuchung, Signor Mazzini zu bitten, wieder Kontakt mit AMI Holdings aufzunehmen. Zwei Dinge hielten sie jedoch davon ab. Luigi war ein stolzer Mann gewesen, und sein Erbe stand auf dem Spiel. Dass das alte Heim der Familie abgerissen wurde, um Platz für luxuriöse Ferienwohnungen zu schaffen, war ein unerträglicher Gedanke – anscheinend passierte das mit vielen historisch bedeutsamen Gebäuden in der Gegend. Der zweite Grund war, dass ihr ein eigenes Haus eine gewisse Sicherheit geben würde.

In einer Mietwohnung zu leben hatte das ältere Ehepaar immer gestört, das sie aufgezogen hatte. Wenn sie an dem Palazzo festhalten und genug Geld verdienen konnte, wollte Rissa ihre Adoptiveltern herholen. Sie gab sich ein Jahr. Falls sie ihr Ziel bis dahin nicht erreicht hatte, würde sie verkaufen und in England ein Haus erwerben, in dem sie gemeinsam mit Tante Jane und Onkel George, wie sie ihre Adoptiveltern nannte, wohnen konnte.

Diese romantische Ruine und ihre märchenhafte Lage in den toskanischen Hügeln waren ihre große Chance, irgendetwas in ihrem Leben zu einem Erfolg zu machen. Das Haus war wunderschön. Sie musste unbedingt die ihr vom Schicksal gegebenen Karten ausnutzen, um die Dämonen ihrer Vergangenheit zu vergessen. Aufgeben war keine Alternative.

Es handelte sich um ein Problem, das wert war, von Sherlock Holmes gelöst zu werden, und Antonio Michaeli-Isola mochte keine Rätsel. Grüblerisch blickte er über den Dorfplatz auf das hohe Tor in der Steinmauer, die das Gut umgab. Er konnte jede Frau haben, die er begehrte, und hatte so viel Geld, wie es sich ein Mann wünschen konnte. Aber er wollte etwas anderes: den Palazzo Tiziano. Nur eins stand zwischen ihm und seinem idealen Heim: die Contessa Alfere-Tiziano.

Ohne sie kennengelernt zu haben, wusste Antonio genau, was für ein Typ Frau sie war. Die Frauen, die sich skrupellos ihren Weg nach oben in die High Society bahnten, waren alle gleich. Oberflächliche amoralische Modepuppen, die ihre männlichen Angestellten verführten und ihre Hausmädchen schikanierten. Sex und Geld waren ihre einzigen Antriebskräfte. Jetzt war Luigi Alfere-Tiziano tot, und da der Palazzo angeblich eine Ruine war, hatte Antonio erwartet, dass die Contessa die Bruchbude zu Geld machen und sich in die Hamptons absetzen würde. Aber sie war anscheinend fest entschlossen, das alte Haus zu behalten. Es war unerklärlich. So benahmen sich Frauen seines Wissens einfach nicht. Offensichtlich würde es ihn mehr als nur Geld kosten, den Palazzo zu bekommen.

Ein elegant gekleideter Mann begleitete eine Frau über den Dorfplatz zum Tor. Antonio spannte sich an, dann besserte sich seine Laune. Das musste die Contessa sein. Er hatte eine arrogante Manhattan-Zicke mit harten Gesichtszügen erwartet. Stattdessen blickte sich eine schlanke, bildhübsche junge Frau nervös und unsicher um, bevor sie in den überwucherten Garten geführt wurde.

Meine Chancen sind gestiegen, sagte sich Antonio. Den Schatz der Tizianos in die Finger zu bekommen könnte einfacher und angenehmer sein, als er gedacht hatte.

Bei seiner Rückkehr ins Hotel Excelsior in Florenz lag die Financial Times für ihn bereit. Bevor er die Mails auf seinem Laptop checkte, blätterte Antonio die Zeitung durch und hielt inne, als er in zentimetergroßen Lettern seinen Namen entdeckte. „Milliardär will neues Krankenhaus finanzieren“, begann der Artikel, in dem seine Großzügigkeit unterschätzt und sein Alter übertrieben wurde. Antonio war kein eitler Mensch, also würde er auf keiner Richtigstellung bestehen. Nur zeigte es, wie Journalisten Tatsachen verdrehen konnten. Wieder las er dieselbe alte Story, die sie so gern aufwärmten. Seine Mutter war die Tochter eines Flüchtlings. In Anerkennung der Familiengeschichte benutzte Antonio Michaeli-Isola noch immer einen Teil ihres Mädchennamens zusammen mit dem seines Vaters, der ein neapolitanischer Fischer gewesen war.

Anders als die Hochglanzmagazine hielt sich die Financial Times nicht lange mit Antonios gutem Aussehen und seiner italienischen Herkunft auf. Wie alle anderen Journalisten war auch dieser besessen von Antonios Kontostand und Spendenbereitschaft. Wie er das hasste! In Armut aufzuwachsen hatte ihn gelehrt, wie wichtig harte Arbeit und Selbstvertrauen waren, und er hatte es nach ganz oben geschafft. Jetzt machte es ihm Freude, etwas von seinem Vermögen wieder in die Allgemeinheit zu investieren. Dass andere Leute so fixiert darauf waren, wie er sein Geld ausgab, verblüffte ihn immer wieder.

Seine Gesichtszüge verlangten eher Respekt als Bewunderung. Die Kindheit und Jugend in den Straßen Neapels hatte Spuren hinterlassen. Er war viel öfter wütend als fröhlich, und sein Lächeln erreichte nur selten die dunklen Augen, selbst wenn er belustigt wirkte. Schon früh hatte er gelernt, dass der einzige Mensch, auf den er sich wirklich verlassen konnte, Antonio Michaeli-Isola war. Wenn sich eine Arbeit lohnt, mach sie selbst, war die Maxime, mit der er es zum Superstar in der Geschäftswelt gebracht hatte.

Männer scharwenzelten um ihn herum, Frauen konnten es nicht erwarten, ihn anzufassen und sich wie Kletten an seinen Arm zu hängen. In dem Armenviertel, in dem Antonio aufgewachsen war, blieb Frauen oft nur die Prostitution, um ihre Kinder ernähren zu können. Was die Schattenseiten des Lebens betraf, war er nicht zimperlich. Wenn aber reiche Frauen sich ihm anboten wie Flittchen, fiel es ihm schwer, seinen Abscheu zu verbergen. Seine guten Manieren wurden häufig auf eine harte Probe gestellt.

Er nahm die andere Zeitung auf, die in sein Hotelzimmer geliefert worden war. Während er sie auf der Suche nach dem Wirtschaftsteil durchsah, fiel ihm ein Gesicht auf der Gesellschaftsseite ins Auge. Es war die Frau, die er das Grundstück hatte betreten sehen, das eigentlich ihm gehören sollte. Die Frau, die zwei Angebote seines Unternehmens für den Palazzo Tiziano abgelehnt hatte. Antonios Miene wurde härter. Normalerweise las er die Klatschspalten nicht. Er kannte jeden, der im Geschäftsleben etwas darstellte, und zog die Wahrheit den Spekulationen vor. An diesem Tag nahm er den Text allerdings mit Wonne in sich auf.

Vom Immobilienvermögen zu Designerkleidern? Verschwendet die Contessa Alfere-Tiziano die Millionen ihres verstorbenen Mannes?

Larissa Alfere-Tiziano hat ihr Erbe in Windeseile verkauft. Witwe geworden durch Conte Luigis Liebe zu schnellen Autos, hat die tragische Rissa sich auf eine kleine Shopping-Therapie vorbereitet, indem sie den Grundbesitz ihres jüngst verstorbenen Ehemannes zu Geld gemacht hat.

Mit jeder Zeile blickte Antonio finsterer drein. Der Schein konnte trügen, wie wahr. Auf ihn hatte die junge Frau ängstlich und sanftmütig gewirkt, die ihrem Lakai in den Garten des Palazzos gefolgt war. Er hatte kein Problem darin gesehen, sie bei einem persönlichen Treffen mit Schmeicheleien dazu zu bringen, das Haus aufzugeben. Jetzt erfuhr er, dass sie so oberflächlich und habgierig wie alle anderen Frauen war.

Nachdenklich faltete er die Zeitung zusammen. Zwei großzügige Angebote für den Besitz waren fehlgeschlagen. Ihr noch mehr Geld aufzudrängen würde die junge Frau nur misstrauisch machen, und umso wahrscheinlicher war es, dass sie abwarten würde, in der Hoffnung, den Preis immer höher zu treiben. Nein, er würde seinen Willen raffinierter durchsetzen. Sex würde natürlich die Hauptrolle spielen –so eine Gelegenheit würde er sich niemals entgehen lassen –, aber er würde ihn nur dazu benutzen, in Erfahrung zu bringen, warum sie Luxusimmobilien in besserer Lage verkauft hatte, diese jedoch nicht. Wenn er erst einmal ihre Beweggründe kannte, konnte er sich die beste Methode für den Schlussakt ausrechnen.

Zufrieden lächelnd lehnte sich Antonio in seinem Sessel zurück.

„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Contessa.“ Die alte Frau machte einen Knicks.

„Oh, bitte tun Sie das nicht … Livia, stimmt’s?“ Rissa blickte schnell zu ihrem Grundstücksverwalter Signor Mazzini.

Er nickte. „Livia kümmert sich schon seit vielen Jahren um dieses Haus.“

„Die Familie Alfere-Tiziano muss Ihnen sehr dankbar gewesen sein.“

„Ha!“, stieß die Haushälterin hervor, dann murmelte sie vor sich hin.

Obwohl sie nicht gut Italienisch konnte, reimte sich Rissa zusammen, dass Luigis aristokratische Mutter Livia ebenso von oben herab behandelt hatte wie ihre Schwiegertochter. Beide waren sie Bürgerliche und als solche für die Contessa unter aller Kritik gewesen.

Rissa wusste nicht, was sie angesichts Livias Unzufriedenheit sagen sollte. Zum Glück kam ihr Signor Mazzini zu Hilfe.

„Kommen Sie, bevor es zu dämmern beginnt. Sie wollen sich doch sicher in Ihrem neuen Haus umsehen.“

Mit einem Lächeln für Livia ließ sich Rissa aus der zugigen Eingangshalle in eine warme helle Küche führen. Eine Seite des Raums wurde fast völlig von einem gewaltigen altmodischen Herd eingenommen. Der Widerschein seines offenen Feuers tanzte über die funkelnden Töpfe und Pfannen aus Kupfer, die über dem großen Tisch hingen, auf dem ein Teller mit drei dicken Scheiben Ciabatta und einem Stück Ziegenkäse stand. Sofort blickte sich Rissa zur Haushälterin um, die mit finsterer Miene an der Tür stand. „Es tut mir leid, dass wir Sie beim Essen gestört haben. Setzen Sie sich bitte wieder hin. Signor Mazzini und ich können uns zuerst die anderen Räume ansehen.“

„Nein. Das ist für Sie, Contessa. Ihr Abendessen“, erwiderte Livia triumphierend.

Entsetzt wünschte Rissa, sie hätte Signor Mazzinis Einladung in die Trattoria des Dorfes angenommen. „Das ist nett, Livia. Soll ich jetzt essen, oder wollen wir erst das Haus besichtigen, Signore?“ Hilfe suchend sah sie ihn an, aber die Haushälterin war schneller.

„Jetzt wäre mir lieber. Dann kann ich abwaschen und noch vor dem Dunkelwerden ins Dorf gehen.“ Livia hob einen Krug aus einem Eimer mit kaltem Wasser, goss Milch in eine angeschlagene Tasse und stellte sie neben den Teller.

Auf der wässrigen Oberfläche der sauer gewordenen Milch schwammen Flocken. Rissa schaute durch die Türöffnung in die Eingangshalle, wo die Porträts der Adligen hingen, die vor ihr in diesem Haus gelebt hatten. Wenn so ein Essen für sie gut genug gewesen war, würde es für sie selbst auch gut genug sein müssen. Tapfer setzte sich Rissa an den Tisch, fest entschlossen, nicht die Nase zu rümpfen über das alte Brot und die saure Milch.

„Danke, Livia“, sagte sie schließlich und reichte der Haushälterin den leeren Teller, gerade als ihr Handy klingelte. „Tante Jane! Ja, heute ziehe ich endlich in den Palazzo Tiziano. Und sobald ich ein schönes Zimmer für dich und Onkel George eingerichtet habe, könnt ihr herkommen!“

Signor Mazzini verzog das Gesicht, und Rissa blickte ihn fragend an.

„Bevor man sich in die oberen Stockwerke trauen kann, müssen sie von einem Statiker überprüft werden. Und im Erdgeschoss werden gegenwärtig nur zwei Räume genutzt. Diese Küche ist einer von ihnen“, flüsterte er.

„Ich hoffe, ihr habt etwas für Camping übrig“, sagte Rissa zu ihrer Adoptivmutter. „Anscheinend ist das Haus ein Trümmerhaufen, aber es steht auf zehn Hektar …“

„… Gestrüpp und Einöde.“ Signor Mazzini schüttelte trübselig den Kopf.

„Also kann es nur besser werden!“, versicherte Rissa ihrer Adoptivmutter. „Das Ehepaar, das mich großgezogen hat, ist seit zehn Jahren nicht mehr in Urlaub gewesen“, erklärte sie ihrem Grundstücksverwalter, nachdem sie das Telefongespräch beendet hatte. „Meine Adoptiveltern haben mich während meines Studiums finanziell unterstützt, und sie bedeuten mir alles. Ich kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen.“

„Sie haben eine Hochschulausbildung, Contessa?“, fragte Signor Mazzini überrascht, und Livia blickte sie starr an.

„Ja, ich habe Marketing und Kommunikationswissenschaften studiert. Nach dem Abschluss wollten ein paar Freundinnen und ich einige Monate durch die Vereinigten Staaten reisen, bevor wir eine Laufbahn einschlagen. Lange sind wir nicht zusammengeblieben. Ich musste die Reise selbst finanzieren und wollte möglichst auch noch Geld nach Hause schicken. Abends auszugehen konnte ich mir nicht leisten, deshalb sind die anderen Mädchen allein nach Los Angeles und Las Vegas weitergezogen. Eines Tages hatte Conte Alfere-Tiziano auf der Fernstraße sechsundsechzig eine Reifenpanne und saß in dem Lokal fest, in dem ich gerade jobbte. Der Rest ist Geschichte, wie es heißt.“

Argwöhnisch von Signor Mazzini und Livia beobachtet, erkannte Rissa, dass sie zu weit gegangen war. Luigi hatte immer geschimpft, sie würde zu freundschaftlich mit dem Personal verkehren. Ihr schauderte bei dem Gedanken daran, was er zu ihrem Geplauder gesagt hätte. Das spielte jedoch jetzt keine Rolle mehr. Was er niemals erfahren würde, konnte ihn nicht verärgern. Rissa straffte die Schultern und räusperte sich. „Sie sollten mich jetzt besser durchs Haus führen, Signor Mazzini.“

Drei Stunden später war Rissa allein. Signor Mazzini war zurück nach Florenz gefahren, und Livia hatte sich auf den Weg ins Dorf gemacht. Donner grollte in der Ferne. Rissa ging in das kleine Zimmer, das für sie hergerichtet war. Früher musste es einmal eine Vorratskammer gewesen sein, denn das hohe Fenster war vergittert, und trotz des uralten Elektroofens in einer Ecke wurde es nicht warm im Raum. Das Bett war allerdings schön gemütlich, mit weichen Wolldecken und nach Lavendel duftenden Laken. Einschlafen konnte Rissa trotzdem nicht. Stundenlang lag sie wach und horchte auf jedes neue Geräusch. Das alte Haus knarrte auf seinem Fundament, und aus der Küche nebenan hörte sie Knabbergeräusche. Rissa hatte keine Lust, nachzusehen, ob es eine Maus war … oder etwas Größeres.

Nach einer weiteren Stunde gab sie auf, knipste das Licht an und ging zu einem ihrer Koffer, der auf einem alten Sessel lag. Zu ihren Lieblingssachen gehörte ein kleines Radio, das sie überallhin mitnahm. Wenn sie World Service einstellen konnte, würde es die einsamen Stunden bis zum Morgengrauen ausfüllen. Bei Tageslicht kam einem alles viel weniger schlimm vor.

Gerade als sie das Radio einschalten wollte, hörte sie einen klagenden Schrei. Der Wind frischte auf. Irgendwo quietschte eine Pforte in den rostigen Angeln, und ein Fensterladen schwang hin und her. Die Geräusche machten ihr noch mehr Angst, aber Rissa war sicher, dass draußen in der Dunkelheit eine Katze miaute. Vorsichtig öffnete sie die Tür, die in den Garten führte. Der Lichtstrahl aus dem Zimmer beleuchtete Gestrüpp, das sich fast bis ans Haus ausgebreitet hatte. Nur einen Meter entfernt von Rissa saß eine Katze. Das Tier hielt eine Vorderpfote hoch und bewegte den Kopf hin und her, um an Rissa vorbei ins Zimmer zu blicken.

„Miez, Miez, Miez“, rief sie und machte mutig einen Schritt nach draußen. Jetzt konnte sie das Blut auf der weißen Pfote erkennen. „Du armes Ding, lass mich mal sehen …“ Sobald sie die Hand ausstreckte, lief die Katze jedoch weg. Rissa folgte ihr in die Dunkelheit gleich hinter der beleuchteten Türöffnung. Das war ein Fehler. Sie verfing sich in den Dornensträuchern, verlor das Gleichgewicht und stürzte den Abhang hinter dem Haus hinunter.

Außer Atem und ziemlich mitgenommen, versuchte Rissa aufzustehen, und schrie auf, als ein stechender Schmerz durch ihren Knöchel schoss. Ein Blitz erhellte einen Moment lang das Gestrüpp, bevor die Dunkelheit zurückkehrte. Die ersten Regentropfen fielen. Jetzt bin ich in derselben Lage wie die Katze, dachte Rissa, oder noch schlimmer dran. Zumindest musste das Tier von hier sein und sich auskennen.

Ein alles andere als appetitliches Abendessen, eine deprimierende Führung durch den heruntergekommenen Palazzo und jetzt dieser Sturz sollten eigentlich genügen, um sie für immer von dem Plan abzubringen, das Haus zu behalten und darin zu wohnen. Stattdessen spürte Rissa eine neue Entschlossenheit. Mühsam stand sie auf und konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber für das letzte Stück nach oben musste sie auf allen vieren gehen und sich hochziehen. Als sie schließlich auf dem Boden saß und den Kopf hob, beruhigten sich ihre Nerven überhaupt nicht. Als Silhouette gegen das Licht aus der Türöffnung abgehoben, ragte ein großer muskulöser Mann über ihr auf.

2. KAPITEL

„Hier ist es gefährlich, Contessa.“

Als der Mann vor ihr in die Hocke ging, schreckte Rissa zurück. Er war so nah, dass sie seine Körperwärme spürte. Donner grollte über den Hügeln. Musste sie sich vor diesem Fremden mehr fürchten als vor dem Wetter und ihrem neuen Haus zusammen? „Woher wissen Sie, wer ich bin?“

„Das Dorf ist klein. Alle haben Sie ankommen sehen.“ Er hatte eine tiefe, aber melodische Stimme. „Die Leute hoffen, dass Ihr Einzug in den Palazzo Arbeit für sie mit sich bringt, die Aussicht darauf ist jedoch gering, stimmt’s?“

Von einem Blitz erhellt, sah sein Gesicht hart und grimmig aus. Rissa erkannte ihn sofort. „Sie haben heute Nachmittag an einem Tisch auf dem Dorfplatz gesessen und mich beobachtet.“

„Ja, Sie haben recht. Ich bin nach … langer Abwesenheit hierher zurückgekehrt.“

„Aber was machen Sie in meinem Garten?“

„Ich wollte sehen, ob das alte Haus noch so ist, wie meine Großmutter es mir beschrieben hat.“

Wenn er sie angreifen wollte, hätte er es inzwischen schon getan. Rissa beschloss, ins Haus zu laufen und zu versuchen, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. „Im Dunkeln werden Sie nicht viel sehen, Signore.“ Aufstehen konnte sie, aber beim ersten Schritt rang sie nach Atem vor Schmerz.

Als sie zusammenbrach, packte er sie und verhinderte, dass sie hinfiel.

„Lassen Sie mich los!“ Zu allem Unglück begann es in Strömen zu regnen, sodass sie innerhalb von Sekunden beide bis auf die Haut nass waren.

„Nein. Nicht, wenn Sie verletzt sind.“ Er hob sie hoch und ging auf die erleuchtete Türöffnung zu.

„Warten Sie! Irgendwo hier draußen ist eine Katze mit einer blutenden Pfote.“ Rissa wand sich in seinem Griff, doch der Fremde ging unbeirrt weiter.

„Ich werde nach dem Tier suchen, sobald Sie …“ Er lachte auf.

Wasser lief ihm aus dem dunklen Haar und über das sonnengebräunte Gesicht. Als Rissa den Blick von ihrem Retter löste, sah sie die ingwerfarbene Katze auf dem kleinen Teppich vor dem Elektroofen liegen. Sie aalte sich in der Wärme, während sie die verletzte Pfote sauber leckte.

„Um das Tier brauchen Sie sich wohl keine Gedanken zu machen, Contessa. Ihre Verletzung muss ich mir dagegen ansehen, um festzustellen, ob sie Anlass zur Sorge gibt.“

Er hielt sie unanständig eng an seinen Körper gedrückt, und es weckte seltsame Empfindungen in ihr, dass sie seinen Herzschlag spüren konnte. Um ihre Unsicherheit zu überspielen, schlug sie einen energischen Ton an: „Dies ist mein provisorisches Schlafzimmer, Signore. Bringen Sie mich sofort durch die andere Tür in die Küche.“

Schon lange war sie nicht mehr in den Armen eines attraktiven Mannes gewesen, und noch länger war es her, dass es in einem Schlafzimmer stattgefunden hatte.

„Meinetwegen. Und da Sie mir Befehle erteilen, als wäre ich Ihr Diener, sollte ich mich vielleicht vorstellen. Ich bin Antonio Isola.“ Nachdem er die Außentür geschlossen hatte, durchquerte er mit wenigen Schritten Rissas Zimmer und betrat die Küche. Einen Moment lang erhellte ein Blitz den Raum, sodass er sie auf einen Stuhl setzen konnte. Dann fand er den Schalter und machte Licht.

Fasziniert blickte Rissa den großen Mann an, der an der Tür stand. Die nassen Sachen klebten ihm am Körper und überließen nichts der Fantasie. Seine muskulösen Oberarme und seine breite Brust zeichneten sich unter dem im Regen fast durchsichtig gewordenen weißen Baumwollhemd deutlich ab. Der Bann wurde erst gebrochen, als ihr bewusst wurde, warum sein Lächeln immer breiter wurde: Ihre Brüste unter dem nassen Stoff des Nachthemds mussten auch gut sichtbar sein. Schnell verschränkte sie die Arme. „Würden Sie mir bitte meinen Morgenmantel bringen, Antonio? Er liegt am Fußende des Betts.“

Als er zurückkam, zog sie erleichtert das völlig unpraktische Negligé an, das Luigi ihr für die Flitterwochen gekauft hatte. Jene Zeit war ein Rausch aus großen Hoffnungen, Träumen und Erwartungen gewesen. Wenn sie sich doch nur erfüllt hätten. Dann hätte Luigi den Palazzo einem rechtmäßigen Erben hinterlassen anstatt mir allein, dachte Rissa traurig.

„Versuchen Sie, die Zehen zu bewegen.“ Antonio ging vor ihr in die Hocke.

Er sprach Englisch mit einem leichten Akzent, was beunruhigend charmant klang. Hastig konzentrierte sich Rissa auf ihren Knöchel und folgte Antonios Aufforderung.

Behutsam tastete er ihren Fuß ab. Rissa zuckte zusammen, obwohl der Schmerz fast verschwunden war.

„Es ist nichts gebrochen, aber Sie werden einige prächtige blaue Flecken bekommen, Contessa.“

Geräusche von draußen ließen sie beide erstarren. Antonio ging zur Tür, und einen Moment später hörte Rissa die aufgeregte Stimme der Haushälterin. Vorsichtig und langsam folgte sie Antonio in ihr Schlafzimmer.

Livia hatte die Katze auf dem Arm und sprach so schnell, dass Rissas Italienischkenntnisse nicht ausreichten, um alles zu verstehen. Doch Antonio übersetzte für sie.

„Der Kater ist aus Livias neuer Unterkunft im Haus ihrer Schwester entwischt und hat sich dabei eine Kralle herausgerissen. Anscheinend wollte Fabio zurück zu seinem alten Lieblingsplatz. Livia ist außer sich gewesen vor Sorge, und in der Hoffnung, ihn hier zu finden, ist sie früher zur Arbeit gekommen.“

Erstaunt blickte Rissa auf ihren Reisewecker. „Es ist schon fünf Uhr. Und ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan!“

„Darüber muss sich eine schöne Contessa doch keine Gedanken machen“, sagte Antonio seidenweich, mit einem Lächeln, das nicht seine Augen erreichte. „Schließlich können reiche Frauen ganze Tage im Bett verbringen, oder?“

„Ich nicht“, erwiderte Rissa energisch und hütete sich davor zu erwähnen, dass Livias verfügbares Einkommen wahrscheinlich höher sei als ihres. „Ich habe einen arbeitsreichen Tag vor mir. Und ich muss mir ein neues Zimmer einrichten, denn anscheinend hat mir Livia ihres gegeben, und das kann ich nicht zulassen. Sie müssen zurückkommen und wieder hier wohnen, Livia. Dies ist Ihr Zuhause.“

Vor Freude strahlend, drückte die alte Frau Fabio an sich.

„Würden Sie Antonio bitte mit einem Frühstück versorgen?“, sprach Rissa weiter. „Er war so freundlich, mir zu helfen. Ihm unsere Gastfreundschaft anzubieten ist das Mindeste, was wir tun können.“

„Also, ich weiß nicht, Contessa.“ Die Haushälterin musterte ihn argwöhnisch.

Völlig auf seinen Charme hereingefallen war Rissa auch nicht. Aber sie musste sich ja wohl irgendwie erkenntlich zeigen.

„Er ist hier fremd, Contessa“, murrte Livia.

„Das bin ich auch“, erwiderte Rissa sehr bestimmt. „Wenn Sie beide mich entschuldigen würden, ich muss erst einmal duschen und mich anziehen.“

In einem Schrank neben dem Herd lagen Handtücher. Sie nahm zwei und gab eins davon Antonio. Einen Moment lang sah er überrascht aus, dann setzte er wieder eine gleichmütige Miene auf.

Als Rissa wenig später in Jeans und einem kurzärmeligen T-Shirt zurück in die Küche kam, war das Frühstück fertig. Mit verschiedenen Brotsorten, Brötchen, Aufschnitt und frisch ausgepresstem Orangensaft machte es einen viel besseren Eindruck als das armselige Essen am Vorabend. Verblüfft blieb Rissa stehen und blickte die Haushälterin entgeistert an. Livia lächelte sie an, zum ersten Mal seit ihrer Ankunft! Worüber sich die alte Frau amüsierte, bemerkte Rissa erst einige Sekunden später. Antonio hatte sich vollständig ausgezogen. Das weiße Handtuch um die Taille gewickelt, stand er neben dem Herd und schenkte Espresso ein. Er sah umwerfend aus.

Während sie sich an den großen alten Tisch setzte und sich ein Brötchen nahm, sah Rissa, dass Antonios Haut überall sonnengebräunt war. Und es gehörte nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie sein übriger Körper unter dem Frottee wohl aussah. Unwillkürlich atmete Rissa bewundernd ein. Ihre Brüste prickelten, und sie spürte, wie die Spitzen unter dem Satinstoff des BHs hart wurden. Bestimmt konnte man es sehen. Ihr brannte das Gesicht. Wie konnte ihr Körper sie so verraten, obwohl es doch lange her war, dass Luigi irgendein Interesse an ihr gezeigt hatte? Sie hatte geglaubt, alle ihre leidenschaftlichen Gefühle seien gleich am Anfang ihrer Ehe erloschen. Die Erinnerung daran, wie eng Antonio sie gehalten hatte, während er sie ins Haus getragen hatte, musste irgendeine Reaktion in ihr ausgelöst haben.

Nachdem er Rissa eine Tasse Espresso hingestellt hatte, bot Antonio der Haushälterin auch eine an. Entsetzt trat Livia einen Schritt zurück.

„Sie sind doch so eine Art Arbeitgeberin, stimmt’s, Contessa?“, fragte er und setzte sich mit seiner Tasse ihr gegenüber.

Anscheinend bemerkte er nicht, was für eine Wirkung er auf sie hatte. Und als ehrbare Witwe sollte sie froh sein, dass er so gleichgültig war. Doch ihr Körper rebellierte gegen das, was der Verstand ihr sagte. „Natürlich kann sich Livia gern setzen und Kaffee trinken, während ich den heutigen Tag mit ihr bespreche.“

„Freut mich, dass Sie sofort zur Sache kommen wollen. Je schneller wir anfangen, desto eher kann das Haus restauriert werden.“

„Wir?“ Rissa blickte ihn verständnislos an.

Antonio schnitt sich ein Stück der Focaccia ab und unterdrückte ein zynisches Lächeln. Wenn alles nach Plan lief, würde der Palazzo Tiziano bald nicht nur zu seiner früheren Pracht, sondern auch zu seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückkehren. Das würde er der Contessa selbstverständlich nicht verraten. Er wollte, dass sie weit weg war, wenn er das Gut in Besitz nahm.

„Sie sprechen einigermaßen gut Italienisch …“

„Danke.“

„Das reicht aber nicht, um mit Lieferanten und Handwerkern zu verhandeln. Livia hat mir erzählt, dass umfangreiche Instandsetzungsarbeiten für das Haus und die Gartenanlage nötig sind. Wenn Sie sich Ihr neues Zimmer aussuchen, muss ich mitkommen und feststellen, ob es sicher genug ist. Dass wir uns gerade jetzt kennengelernt haben, ist ein Glück. Sie brauchen jemanden, der Erfahrung mit Haus- und Grundstückssanierungen hat.“

„Haben Sie jemand Bestimmtes im Sinn?“

Sie will überredet werden, dachte Antonio sarkastisch. Die Tricks der Frauen ärgerten ihn immer wieder. „Ich bin Experte auf allen Gebieten.“

Daran zweifelte Rissa nicht.

„Ich könnte Ihr Projektmanager werden, Contessa. Meine erste Aufgabe wird es sein, das ganze Haus von oben bis unten zu begutachten und festzustellen, welche Arbeiten ausgeführt werden müssen.“

„Einen Moment mal! Woher weiß ich, dass Sie der Richtige für den Job sind? Und kann ich Sie mir leisten?“

„Sie können es sich nicht leisten, auf mich zu verzichten. Dieses Haus braucht mich. Sie brauchen mich, Contessa.“

„Ich muss Signor Mazzini anrufen.“ Zweifellos benötigte sie einen guten Bauleiter, aber so ganz traute sie diesem Antonio nicht. Andererseits wollte sie den Palazzo so schnell wie möglich bewohnbar machen, damit ihre Adoptiveltern bei ihr einziehen konnten. Sie hatten sie als Baby aufgenommen und immer den Wunsch gehabt, ihr das Beste von allem zu geben. Was bedeutet hatte, dass sie kaum Geld für sich selbst übrig gehabt hatten. Sobald Rissa alt genug gewesen war, um die Opfer zu schätzen, die ihre Adoptiveltern für sie brachten, hatte sie sich unbedingt erkenntlich zeigen wollen. Mit vierzehn nahm sie den ersten Sonntagsjob als Kellnerin an. Und sie arbeitete selbstverständlich während ihres Studiums, um sich an den Kosten zu beteiligen. Sogar aus Amerika schickte sie Geld nach Hause, bis …

Vor ihrem geistigen Auge sah Rissa jetzt, wie Luigi Alfere-Tiziano damals das Lokal betrat, in dem sie arbeitete, und es war Liebe auf den ersten Blick. Jedenfalls was Rissa anbelangte. Bei Luigi war es mehr so etwas wie sinnliche Begierde und Rebellion gegen seine Mutter. Die Liebe kam später.

Sein ungestümes Werben mit Champagner und Geschenken gab Rissa das Gefühl, eine Prinzessin zu sein. Aschenputtel in den Armen eines Märchenprinzen. Erst als Luigi sie mit nach Hause nahm, um mit ihrem mehrkarätigen Verlobungsring anzugeben, erkannte Rissa, dass sie in eine Falle gegangen war.

Sie ist meilenweit weg, dachte Antonio, der aufmerksam beobachtete, wie sich ihr Blick vor Emotionen verschleierte. „Ich bin der perfekte Mann für den Job“, sagte er schroff.

Und Rissa kehrte auf den harten, nicht gerade vielversprechenden Boden der Wirklichkeit zurück. „Das behaupten Sie, Antonio. Zeitschriften wie Harpers & Queen und Country Life bringen ständig Artikel über schöne Häuser wie den Palazzo Tiziano. Ihn in den Zustand zurückzuversetzen, in dem er sein sollte, wird fachmännisches Können, Zeit und sehr viel Geld erfordern. Woher soll ich wissen, dass Sie wirklich die nötigen Kenntnisse besitzen?“ Sie runzelte die Stirn. Nachdem sie Luigis Gläubiger abgefunden hatte, musste Rissa jetzt auf jeden Cent achten, aber das würde sie Antonio keinesfalls sagen.

„Zeit haben wir beide genug, Contessa. Und harte Arbeit hat noch nie jemanden umgebracht. Sie können die Restaurierung planen und die einzelnen Etats aufstellen – natürlich unter meiner Anleitung. Ich werde die Arbeitskräfte organisieren, und zusammen machen wir den Palazzo Tiziano so schön, wie er sein sollte. Dessen bin ich sicher. Ich biete Ihnen an, umsonst zu arbeiten, damit Sie meinen Vorschlag akzeptieren.“

Antonio lächelte in sich hinein. „Milliardär zu vermieten!“ klang gut, und er brauchte das Geld ja nicht. Dabei zu helfen, dieses Haus instand zu setzen, würde ein reines Vergnügen sein. Schließlich wusste er, dass es bald ihm gehören würde. Ich werde sie undercover beeinflussen, dachte er zufrieden und stand auf.

Sein großzügiges Angebot hatte Rissa die Sprache verschlagen, aber jetzt rutschte ihr ein leises „Oh!“ heraus. Hitze durchflutete sie, während er so vor ihr stand. Ihr war, als würde sie wieder die Hände spüren, die sie packten … Sie räusperte sich und sah in sein Gesicht. Es war ein Fehler. Seine gespannte Miene ließ ihr Herz hämmern. Na los, küss mich, schien sie zu besagen, du weißt, dass du es willst …

Ihre haselnussbraunen Augen weiteten sich vor Sinnlichkeit. Wie es wohl wäre, ihre Lippen auf diesen energischen Mund zu drücken?

„Contessa …“

Antonios Stimme unterbrach ihre fieberhaften Gedanken. Schockiert wurde sich Rissa bewusst, dass sie stoßweise atmete. Vor Verlegenheit wurde sie knallrot.

„Wir werden ein förmliches Arbeitsverhältnis haben.“

„Natürlich!“ Entsetzt über die Wirkung, die er auf sie hatte, sprang Rissa auf. Sie fühlte sich ganz schwach und musste sich an der Tischplatte festhalten.

„Also haben Sie nichts dagegen, mich unter diesen Voraussetzungen einzustellen?“

„Selbstverständlich nicht, Antonio. Aber ich werde Sie bezahlen, sobald das Haus in so gutem Zustand ist, dass ich eine Hypothek darauf aufnehmen kann. Notieren Sie bitte alle Ihre Arbeitsstunden und alle Spesen, die Sie vielleicht machen.“

Das hatte er nicht erwartet. Während er auf seine gute, aber dezente Armbanduhr blickte, überlegte er schnell. „Nein, nicht nötig. Die Arbeit am Palazzo wird verhindern, dass ich mich langweile und meine Kenntnisse einrosten. Ich glaube, meine Sachen im Trockner müssten fertig sein.“

„Ich hole sie“, sagte Livia schnell und machte sich sogleich auf den Weg zum baufälligen Wäscheraum.

„Gut, dass wir allein sind, dann kann ich Ihnen jetzt wenigstens einen Rat geben, Contessa.“ Antonio stützte die Hände auf den Tisch und beugte sich vor.

„Ja?“ Rissa gelang es, gleichgültig zu klingen, allerdings nur, weil sie ihn nicht direkt ansah.

„Sie brauchen einen Mann nicht mit Blicken auszuziehen, wenn er ohnehin nur ein Handtuch trägt.“

„Wie bitte?“, quiekte Rissa. Genau in diesem Moment kam Livia zurück und brach in schallendes Gelächter aus.

„Ich habe bemerkt, wie Sie meinen Körper betrachtet haben.“

„Nie und nimmer!“

„Alle Engländerinnen begehren unsere Männer“, mischte sich Livia wenig hilfreich ein. „Und Antonio ist zweifellos ein Prachtexemplar, Signora.“

„Sehen Sie?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Livia gesteht Ihnen diese Empfindungen zu. Es ist eine anerkannte Tatsache, dass sich die Mächtigen gern mit Angehörigen der unteren Klassen vergnügen. Droit du seigneur nennt man das, glaube ich. Wenn Sie also in den Nächten hier einige private Dienstleistungen benötigen …“

„Nein!“, sagte Rissa scharf. Sie musste dringend ihre Autorität als Hausherrin zurückgewinnen. Wie, in aller Welt, sollte sie ihr neues Heim zu einem angemessenen Denkmal für die berühmte Familie Alfere-Tiziano machen, wenn ihre Angestellten auf ihre Kosten so viel Spaß hatten?

Antonio war vor einer Stunde gegangen, aber Rissa dachte noch immer ständig an ihn. Eine Frau müsste schon aus Stein sein, um von seiner herrlichen Figur und seinem gefährlichen Charme unberührt zu bleiben, doch das Ausmaß ihrer körperlichen Erregung war ein Schock für Rissa. Jahrelang hatte sie in ihrer Ehe das Gefühl gehabt, dass es ihr auf dem Gebiet an allem fehlte.

Ihr Ehemann hatte sie niemals so erregt. In den ganzen fünf schwierigen Jahren nicht, die sie verheiratet gewesen waren. Und nun hatte Antonio binnen Sekunden Wünsche in ihr geweckt, die sie bisher noch nie gehabt hatte. Das machte ihr Angst. Als Contessa Alfere-Tiziano hatte sie gelernt, wie wichtig es war, eine Schau für andere abzuziehen. Immer hatte sie darauf geachtet, das Richtige zu tun. In der Öffentlichkeit hatte sie niemals einer Versuchung oder einer Gefühlsregung nachgegeben.

Schwäche ist für kleine Leute, hatte Luigi gesagt.

Jetzt fühlte sich Rissa schwach. Und schuldig. Verruchte Gedanken stürmten auf sie ein, was sie nicht verstehen konnte. Schließlich hatte sie mit Luigi niemals Erfolg beim Sex gehabt, und Antonio hatte aus seiner Verachtung für ihren Titel und ihren gesellschaftlichen Rang kein Geheimnis gemacht.

Sich nach diesem Mann zu sehnen war verboten und gefährlich. Eine erschreckende, aber auch aufregende Kombination.

3. KAPITEL

„So viele schöne Kleider!“, sagte Livia am nächsten Morgen, als Rissa auszupacken begann.

Die beiden Frauen standen im Schlafzimmer der Suite, die Antonio für Rissa ausgewählt hatte, bevor er am Vortag gegangen war. Mit großer Sorgfalt hatte ihr selbst ernannter Projektmanager das ganze Haus überprüft und den größten Teil des ersten Stocks für stabil erklärt. In den übrigen Räumen und im obersten Stock musste gearbeitet werden, aber fürs Erste konnte Rissa aufatmen. In einem so hoffnungslosen Zustand schien das Haus doch nicht zu sein.

Im Moment war das einzig Positive an den großen staubigen Zimmern ihrer Suite die herrliche Aussicht auf die umliegenden Hügel. Wenn man direkt nach unten blickte, war die Aussicht nicht so schön. Auf dem überwucherten Grundstück musste viel getan werden, bevor Rissa es ertragen würde, sich das anzusehen, was die Gartenanlage sein sollte. Die baufälligen schmiedeeisernen Balkone vor den Fenstern durften nicht betreten werden. Zumindest hatte sich Antonio über das Innere des Palazzos optimistischer geäußert als Signor Mazzini.

Für die Suite hatte Antonio eine Liste mit notwendigen Arbeiten aufgestellt. Es ging dabei jedoch nur um kleinere Reparaturen und Verschönerungen. Das konnte warten. Zunächst sollte das ganze Haus so bewohnbar werden wie Rissas neues Schlafzimmer.

Nicht, dass sie es bewohnbar fand, als sie sich die Staubschichten und Spinnweben ansah. Beim Öffnen der Türen war aus den beiden riesigen Eichenschränken eine so modrige Luft geströmt, dass die Frauen den Plan wieder aufgegeben hatten, darin Rissas Habseligkeiten unterzubringen. Stattdessen hatten sie aus Backsteinen und alten Fußbodendielen provisorische Regale gebaut. Kleider von Armani und Moschino hingen jetzt an den Gardinenstangen. Damit sah das Zimmer viel schöner und bunter aus als mit den von Motten zerfressenen alten Vorhängen.

„Hier ist nicht einmal genug Platz für einen Bruchteil Ihrer Sachen, Signora“, meinte Livia mürrisch. Antonio konnte die Haushälterin dazu bringen, zugänglicher zu werden, aber wenn er wegging, nahm er ihr Lächeln immer mit.

„Ich werde sowieso die meisten Outfits verkaufen. In Florenz muss es Secondhandshops für Designermode geben.“

„Wir haben einen Wohlfahrtsladen im Dorf.“

„Leider muss ich praktisch denken. Wenn ich Kleider verkaufe, kann ich mit den Erlösen die Reparaturen im Palazzo finanzieren. Wenn dieses Landgut in perfektem Zustand ist und ich es der Öffentlichkeit zugänglich mache, können Erlöse, die übrig sind, an den Wohlfahrtsladen gespendet werden.“

„Also, ich weiß nicht, was Signor Mazzini und Signor Antonio zu solchen Plänen sagen werden.“ Livia schnalzte mit der Zunge. „Ausländer! Ha! Es war schlimm genug, dass das Haus abgerissen werden sollte, um Ferienhäuser auf dem Grundstück zu bauen. Wahrscheinlich müssen wir dankbar sein, dass Sie den Garten nur mit älteren englischen Damen füllen wollen!“

„Der Palazzo sollte abgerissen werden?“ Rissa war so entsetzt darüber, dass sie die Verunglimpfung ihrer Pläne kommentarlos durchgehen ließ. „Aber er ist so schön und von historischer Bedeutung.“

„Irgendjemand aus einem Büro in Cardiff ist mit einem Kaufangebot an Signor Mazzini herangetreten.“

„Und er hat Ihnen davon erzählt?“

„In Monte Piccolo wird alles sehr schnell bekannt. Ein Milliardär wollte hierherkommen und alles verändern. Am Tag der Beerdigung Ihres Mannes hat Signor Mazzini dem Unternehmen mitgeteilt, dass Sie niemals verkaufen würden.“

„Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch gar nichts von dem Palazzo“, sagte Rissa verwirrt.

„Signor Mazzini war klar, dass im Dorf alle dagegen sind. Er hat wohl einfach im Interesse aller geantwortet, Contessa.“

„Ja … Und er hatte recht. Die Zukunft des Palazzos muss gesichert werden, zum Vorteil des Dorfes.“

„Warum sollte Ihnen etwas daran liegen? Sie sind nicht von hier.“

„Die Mutter meines Mannes war eine Einheimische und stolz auf ihren alten Namen. Geschichtsbewusstsein und Kontinuität sind in einer sich schnell verändernden Welt wichtig. Deshalb bin ich fest entschlossen, dieses Haus zu behalten.“

Es war nur gut, dass Rissa wirklich an das glaubte, was sie da sagte. Livias verächtlicher Gesichtsausdruck machte deutlich, was sie davon hielt.

Mit Livias Hilfe sichtete Rissa ihr gesamtes Gepäck und sortierte die Designerkleider aus, die sie verkaufen wollte. Als sie danach auf ihre Rolex sah, war es noch nicht einmal zehn Uhr. Jetzt hatte sie Zeit, die Gartenanlage zu erkunden, bevor die Sonne zu heiß brannte.

Ihr Knöchel tat ihr offensichtlich nicht mehr weh. Antonio beobachtete, wie sie die Steinstufen hinuntereilte. Er war bereits bei Signor Mazzini gewesen und wusste, woher der Wind wehte. Der aufdringliche Mann hatte misstrauisch darauf bestanden, die Contessa anzurufen und zu überprüfen, ob er wirklich ihre rechte Hand war. Und so, wie der Grundstücksverwalter am Telefon mit ihr gesprochen hatte, war er nicht nur rein geschäftlich an der jungen Frau interessiert.

Antonio sah und hörte alles, sagte aber wenig. Es passte ihm gut, Rissa darüber im Unklaren zu lassen, wo er wohnte. Mit seinem schnellen Auto zwischen Florenz und Monte Piccolo zu pendeln würde kein Problem sein. Er hatte vor, sich von frühmorgens bis spätabends dort aufzuhalten. Das würde ihm genug Zeit geben, neben der Arbeit am Palazzo unbeobachtet das Anwesen zu durchstreifen, das viele Entwicklungsmöglichkeiten bot. Was für ein seltener Schatz der Besitz war, musste auch der Contessa klar sein, denn sonst hätte sie ihn schon verkauft. Antonio wusste, dass Signor Mazzini den Palazzo Tiziano ebenfalls haben wollte. Wenn die junge Frau nicht verkaufen würde, blieb beiden Männern nur eine Methode, legal an das Anwesen zu kommen. Antonio lächelte. Welcher Mann würde nicht gern glücklicher Grundbesitzer werden, indem er eine schöne Frau verführte?

Von seinem Aussichtspunkt auf dem frei stehenden Glockenturm des Landsitzes beobachtete er, wie sich die Contessa vorsichtig einen Weg durch das Gestrüpp und die Gesteinsbrocken bahnte. Ein perfektes Beispiel für ihren Typ Frau, dachte Antonio zynisch. In engen weißen Jeans und einem zitronengelben T-Shirt auf Dschungelexpedition.

Wie es wohl sein würde, mit ihr ins Bett zu gehen? Im Lauf der Jahre hatte er mit Frauen aus allen Gesellschaftsschichten geschlafen. Allen gemeinsam war der Wunsch nach einem Ehering gewesen, der sie mit seinem Vermögen verband. Ihr Problem war gewesen, dass sich Antonio keine Illusionen über die Verdorbenheit habgieriger Frauen machte. Er kannte viele reiche Männer, die in den Bann schöner junger Frauen geraten waren. Die Beziehungen folgten immer einem vorhersehbaren Muster. Sobald eine Frau den Ring am Finger trug, entwickelte sie eine schwere Verschwendungssucht. Mit Designerlabels und Renommierpartys ging es durchaus redlich los, aber es dauerte niemals lange, bis der muskelbepackte persönliche Fitnesstrainer ins Haus stand und Kokain die Petit Fours ersetzte.

Den Spieß umzudrehen und sich als einfacher Bauhandwerker auszugeben, der eine reiche Frau für sich gewinnen wollte, sprach seinen Sinn für Humor an. Er würde seinen Spaß mit der Contessa haben, während er sie in Sorge versetzte. Eine junge attraktive Witwe, allein in einem fremden Land, brauchte eine starke Schulter zum Anlehnen, besonders nachdem sie vom Tiziano-Fluch gehört haben würde. Wenn sie abergläubisch war, würde sie wie der Blitz von hier weg sein, und er konnte sich das ganze Verführungstheater sparen. Wenn nicht, würde sie sich trotzdem mit großen unschuldigen Augen zitternd an ihn wenden. Er wusste es einfach. Wie sie seinen halb nackten Körper angesehen hatte, sagte ihm alles.

Mauersegler stießen über den schon lange aufgegebenen Olivenhainen laute Schreie aus. Als Rissa zu ihnen hochschaute, nahm sie oben auf dem Kampanile eine Bewegung wahr. „Antonio! Was machen Sie denn da? Ist das nicht gefährlich?“

„Überhaupt nicht“, rief er, bevor er verschwand. Einige Minuten später tauchte er an der Tür des alten Turms auf. „Ich rate Ihnen jedoch, erst hineinzugehen, wenn ein paar Reparaturen ausgeführt worden sind.“

Sie näherte sich vorsichtig und sah an dem zerbröckelnden Mauerwerk hoch, allerdings nur flüchtig. Antonio zog ihren Blick wie magisch an. Er trug ein schlichtes schwarzes T-Shirt, das seine sonnengebräunte Haut noch begehrenswerter machte, und alte, aber gut sitzende Jeans. Die Hände in die Seiten gestemmt, wartete er auf Rissa, und seine Körperhaltung ließ ihr Herz noch schneller schlagen.

„Ich habe heute Morgen Ihren Signor Mazzini besucht, Contessa. Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass er sich über Ihre Anwesenheit hier ärgert.“

„Unsinn! Warum sollte er?“

„Weil er den Palazzo für sich selbst will?“

„Er hat mir geraten, das Angebot von AMI Holdings nicht anzunehmen. Wenn er mich loswerden möchte, hätte er sich aufgeregt, als ich bekräftigt habe, dass ich an niemanden verkaufen werde.“

Antonio beobachtete sie wachsam, während er überlegte, was er als Nächstes probieren sollte. Er wollte ihr Zweifel einpflanzen, aber der Grat zwischen dem Gruseligen und Unglaubwürdigen war schmal. „Dann hat er wohl an die alte Prophezeiung von Monte Piccolo gedacht.“

„Welche Prophezeiung?“

„Dass das Dorf untergeht, wenn der Palazzo nicht mehr im Besitz der Familie Tiziano ist.“

„Lachhaft“, sagte Rissa. „Ich denke, das hat jemand erfunden, um leichtgläubige Einheimische zu täuschen.“

„Natürlich! Allerdings ist es zu einem großen Erdbeben in den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gekommen, genau zu dem Zeitpunkt, als die Eigentümer aus dem Palazzo Tiziano vertrieben wurden. Für die Einheimischen ist es glimpflich abgegangen, und es war reiner Zufall, aber einer, der der alten Drohung neuen Schwung verlieh.“

„Haben wir hier Erdbeben?“

„Ja, wenn auch selten. Als der exzentrische Conte Angelo den Besitz aufgegeben hatte, um nach Rom zu pilgern, wurde das Dorf so erschüttert, dass bis auf die Kirche und den Palazzo alle Gebäude einstürzten.“ Antonio zuckte die Schultern. „Holzhäuser werden so schnell zerstört, wie sie gebaut werden. Trotzdem, den Palazzo ohne einen Tiziano zurückzulassen, ist das Risiko vielleicht nicht wert. Jedenfalls, wenn man an diese Dinge glaubt.“

„Oh, nein!“ Rissa kam ein schrecklicher Gedanke. „Ich bin nur durch Heirat eine Tiziano. Zählt das?“

„Wer weiß? Das alte Ammenmärchen ist vermutlich ebenso wenig wahr wie der Tiziano-Fluch.“

Also das war zu viel. „Signor Mazzini hat niemals einen Fluch erwähnt.“

„Das würde er auch nicht tun. Er will Sie heiraten und seinen Plan vollenden: eine Tiziano im Palazzo und er als Herr des Dorfes. Und da soll der Fluch ins Spiel kommen. Es heißt, dass eine treulose Ehefrau, die hier wohnt, das Unglück anzieht.“

Irgendwie klang es lächerlich. Aber für solche Dinge gab es oft einen historischen Grund … Rissa nahm sich zusammen. Für diese Art Geschichten hatte sie doch nie etwas übrig gehabt. „Was Sie Signor Mazzini unterstellen ist ebenso albern wie das mit dem Erdbeben und dem Fluch. Können wir jetzt anfangen zu arbeiten?“

„Sind Sie denn dafür gerüstet?“, spottete Antonio. „Wo sind, zum Beispiel, Notizbuch und Kugelschreiber?“

Wortlos zog Rissa beides aus ihren Jeanstaschen, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging davon.

Antonio nahm sich einen Moment Zeit, um ihre kurvenreiche Figur zu bewundern. Bis sie ihm über die Schulter einen schalkhaften Blick zuwarf.

„Na los, kommen Sie schon!“

Da wusste er, dass er bei ihrer ersten Begegnung seinem Instinkt hätte vertrauen und sie sofort auf das Bett in der Kammer hätte werfen sollen. Ihre dunklen weit geöffneten Pupillen und ihr verführerisches Lächeln sagten ihm, dass sie keinen Widerstand geleistet hätte, wenn er sie erst mit den Fingerspitzen und dann mit dem Mund erforscht hätte …

Sie ist genau wie alle anderen Frauen, ermahnte sich Antonio. Wenn sie erfahren würde, wer er wirklich war, würde sie auf seine Liebkosungen nur mit „Gib mir, gib mir, gib mir“ reagieren – Geld, Schmuck und Kreditkarten. Antonio schüttelte sich und folgte der Contessa. Keine Frau war echte Gefühle wert. Sein einziges Interesse musste dem Erbe seiner Familie gelten.

Beim Anblick von Antonio, der sich durch ein Gewirr aus Olivenbäumen und Kletterpflanzen kämpfte, sah Rissa im Geiste plötzlich vor sich, wie er sich auf sie stürzen und sie hier auf dem trockenen staubigen Boden nehmen würde. Wie er ihr T-Shirt hochschieben und … Sie legte die Hand auf die Stirn. Ihr wurde schwindlig, während sie sich seine sinnliche Kraft und völlige Dominanz vorstellte.

„Ist die Sonne zu viel für Sie, Contessa?“

„Nein, ich finde es nur schwierig, all die Fakten und Zahlen aufzunehmen, mit denen Sie mich überschütten“, log Rissa und fächelte sich mit ihrem Notizbuch Luft zu.

„Kommen Sie, und setzen Sie sich in den Schatten, während ich den Zustand der Terrassenmauern überprüfe.“ Antonio entwickelte einen neuen Plan. Mit Ammenmärchen konnte er die Contessa anscheinend nicht erschrecken, aber vielleicht würde er sie von hier verscheuchen, wenn er sie davon überzeugte, dass die Instandsetzung des Anwesens ein wahres Mammutprojekt war. Bestimmt wollte sie sich lieber mit der Innenausstattung beschäftigen als mit Erdarbeiten, Strom-, Gas- und Wasserleitungen.

Während Antonio in seine Arbeit vertieft war, konzentrierte sich Rissa auf ihre eigenen Berechnungen. Luigi war dagegen gewesen, dass sie berufstätig war, doch jetzt konnte sie nutzen, was sie während des Marketingstudiums gelernt hatte. Am schwierigsten würde es sein, Signor Mazzini und Antonio von ihren Plänen zu überzeugen.

Allein bei dem Gedanken an Antonio durchflutete sie Verlangen. Es war Wahnsinn. Er musste nicht einmal mehr vor ihr stehen, um diese Wirkung auf sie zu haben. Noch schlimmer wurde es, als er zu ihr zurückkehrte. Das Gestrüpp im Schatten der Terrassenmauer war vom Gewitterregen noch nass, und Antonios T-Shirt war feucht geworden, sodass sich der Stoff an seine muskulöse Brust schmiegte. Rissa spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Schnell begann sie, in ihrem Notizbuch zu blättern. Total nervös, ließ sie es zusammen mit dem Kugelschreiber fallen. Der Mont Blanc, den ihr Luigi beim ersten Date geschenkt hatte, rollte direkt auf eine Spalte zwischen den alten Steinplatten zu.

Im selben Moment wie Rissa hechtete Antonio hinterher, und sie stießen zusammen. Halt suchend griff sie nach ihm, aber seine Nähe, sein frischer Duft und das Spiel seiner harten Muskeln unter ihren Fingern waren zu viel: Rissa rang laut nach Atem.

„Tja, Contessa, das ist gerade noch einmal gut gegangen.“

„Was soll das heißen? Ich habe meinen Kugelschreiber verloren, ein Geschenk meines verstorbenen Mannes …“

„Ich habe das gemeint.“ Antonio blickte auf seinen Arm.

Sie zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.

„Bei mir brauchen Sie sich nicht zurückzuhalten, Contessa. Sie können sich gern gehen lassen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“ Mühsam stand sie auf und wich zurück.

„Oh, ich glaube, doch.“ Mit einer einzigen eleganten Bewegung zog sich Antonio das feuchte T-Shirt über den Kopf und klemmte es in seinen Gürtel. „Sie haben eine hoch geschätzte Erinnerung an Ihren kürzlich verstorbenen Mann verloren. Niemand kann es Ihnen verübeln, wenn Sie bei solch einem Verlust zusammenbrechen.“ Triumphierend beobachtete Antonio, wie sich ihre Miene veränderte. Jetzt hatte er bewiesen, dass die junge Contessa wirklich genauso schlimm war wie die anderen Frauen ihrer Gesellschaftsschicht. Die schöne Larissa hatte ihren Mann wegen seines Titels und seines Reichtums geheiratet. Wenn sie Luigi Alfere – den vornehmen Doppelnamen gestand er ihm nicht zu – geliebt hätte, dann hätte sie Tränen vergossen oder zumindest irgendeine Art von Trauer gezeigt. Stattdessen sah sie verlegen und beschämt aus. Antonio wandte sich ab und zog eine lange Metallstange aus einem Stapel mit Gerüstmaterial, um die Steinplatten hochzustemmen.

Das Problem war, dass er die junge Witwe trotz allem viel zu begehrenswert fand. Er wollte ihr Anwesen haben und durfte sich nicht von seinem Ziel ablenken lassen.

Als er den Kugelschreiber aus der Spalte geholt hatte, nahm Rissa ihn würdevoll entgegen und schlug vor, dass sie sich in die Küche setzten und die Baupläne besprachen. Livia hatte ihr mitgeteilt, dass sie den ganzen Tag dort beschäftigt sein würde. Und was konnte Leidenschaft besser dämpfen als der Anblick dieser italienischen Matrone, die geschäftig hin und her eilte, während Antonio und sie miteinander redeten? Genau das, was Rissa jetzt brauchte.

In dieser Nacht lag Rissa stundenlang wach, obwohl sie jetzt ein richtiges Zimmer hatte und nicht mehr allein in dem großen Haus war. Zuerst war die alte Frau entsetzt gewesen, dass Rissa in dem Raum im ersten Stock schlafen wollte, doch nach den Lieferungen war sie mit Fabio beruhigt wieder in ihre Kammer neben der Küche eingezogen. Antonio hatte nämlich Männer aus dem Dorf angeheuert, die ein bequemes Bett in Rissas Suite getragen hatten. Dann war ein Transporter angekommen, der das gemietete mobile Baubüro, tragbare Heizkörper und Entfeuchter mitgebracht hatte.

„Ich komme hier fürs Erste zurecht“, hatte Rissa zu Antonio gesagt, als sie in ihrem kahlen, aber inzwischen sauberen Ankleidezimmer gestanden hatten. „Wichtig ist, dass so bald wie möglich zwei andere Suiten bewohnbar sind, damit meine Eltern hier einziehen können und Livia eine angemessene Personalwohnung hat.“

Sein erstaunter Blick hatte Rissa zu dem Zeitpunkt lachen lassen. Jetzt, in den langen einsamen Nachtstunden, nahm sein Blick eine andere Bedeutung an. Sie stellte sich vor, wie Antonios Augen vor Verlangen funkelten, während sie sich seinen erfahrenen Berührungen hingab …

Das war ja lachhaft! Rissa stand auf, schaltete das Licht ein und zog ihren Morgenmantel an. Unten in der Küche machte sie sich einen Tee und nahm den Becher mit in die Eingangshalle, wo sie sich auf die Eichenbank neben dem gewaltigen Kamin setzte. Nachdenklich blickte sie die Porträts an der gegenüberliegenden Wand an. In dem harten elektrischen Licht sahen sie besser aus. Tageslicht warf mehr Schatten und ließ die Gesichter besonders formell und streng aussehen. Alle abgebildeten Ahnen der Familie Alfere-Tiziano hatten die gleichen großen dunklen Augen und aristokratischen Züge, seltsamerweise sah jedoch keiner im Entferntesten wie Luigi aus. Und noch etwas verwirrte Rissa: das Wappenschild über der Eingangstür. Aus dem Motto wurde sie nicht schlau, aber es enthielt eindeutig den Namen „Michaeli“.

Weder Luigi noch seine Mutter hatten ihn jemals erwähnt. Wahrscheinlich war Michaeli der Familienname irgendeiner bedauernswerten, ahnungslosen jungen Frau, die wie sie selbst ausgewählt worden war, um „den Genpool zu erweitern“, wie Luigi es ausgedrückt hatte. Und nachdem sie den kostbaren männlichen Erben zur Welt gebracht hatte, war sie wohl in den Hintergrund gedrängt worden.

Rissa hatte sich so schuldig gefühlt, weil sie Luigi keinen Erben geschenkt hatte. Ihr Mann hatte sich verzehrt vor Enttäuschung.

Zwei schlaflose Nächte machten sich bemerkbar, und die Lider wurden ihr schwer. Rissa stand auf, um wieder nach oben ins Bett zu gehen. Bevor sie das Licht ausmachte, warf sie einen letzten Blick auf die Ahnengalerie.

All diese Gesichter kamen ihr wirklich seltsam bekannt vor. Wenn ihr nur einfallen würde, warum …

Sonnenlicht schien durch die Fenster in ihr Zimmer, als Rissa am nächsten Morgen die Augen öffnete. Dann wurde ihr bewusst, dass noch etwas anderes als die Helligkeit sie geweckt hatte. Im Erdgeschoss war irgendetwas im Gange. Schnell zog sie ihren Morgenmantel an und lief nach unten. Livia wischte den Fußboden, während Kater Fabio aufsässig aus der Kaminecke hervorguckte.

Scusi, signora. Ich wollte Ihnen einen Kaffee bringen und bin über Fabio gestolpert. Dabei habe ich die Tasse fallen lassen.“

„Machen Sie sich deswegen keine Gedanken“, tat Rissa die Entschuldigung der Haushälterin ab. „Normalerweise schlafe ich nie so lange. Sie haben mir einen Gefallen getan, indem Sie mich geweckt haben.“

„Nein, habe ich nicht. Ich wollte Ihnen nämlich sagen, dass ich noch einmal ins Dorf muss. Wir hatten in den frühen Morgenstunden einen Stromausfall, deshalb war kein frisches Brot fertig, als ich das erste Mal einkaufen war.“

„Ich werde gehen, Livia“, bot Rissa an. „Nachdem ich verschlafen habe, brauche ich jetzt Bewegung, um einen klaren Kopf zu bekommen.“

Schnell duschte sie, zog Hüftjeans und ein knappes gestreiftes Top an und machte sich auf den Weg. Bis ins Dorf waren es zehn Gehminuten die früher sicher einmal prächtige Auffahrt hinunter. Die Natur hatte sie inzwischen zurückerobert, sodass nur noch ein schmaler Pfad übrig war.

Monte Piccolos Dorfplatz war voller Menschen, die über den Stromausfall sprachen und sich mit Vorräten eindeckten, für den Fall, dass es einen weiteren geben sollte. Niemand beachtete Rissa, was sie nicht störte. Es war Markttag, und sie lief alle Stände ab, kaufte Eier, einen Laib Brot und eine Focaccia. Als sie auf einen Obst- und Gemüsestand zusteuerte, sah sie nur wenige Meter entfernt Antonio, der sich mit einer bildschönen jungen Frau unterhielt. Rissa zog sich neben die Seitenmarkise des nächsten Stands zurück und beobachtete die beiden. Was die beiden sagten, konnte sie nicht verstehen, aber das war auch nicht nötig. Antonios charmantes Lächeln, während er seiner Begleiterin den Arm streichelte, verriet ihr, dass sie nicht einfach miteinander plauderten.

Ihr brannte das Gesicht. Rissa ging weiter und konzentrierte sich auf ihre Einkäufe. Sie suchte ein halbes Dutzend Fleischtomaten und verschiedene Salate aus, bevor sie einen Blick dorthin riskierte, wo Antonio mit seiner Freundin gestanden hatte. Sie waren nicht mehr da. Zu einem intimeren Treffpunkt aufgebrochen? Rissa redete sich ein, dass es ihr gleichgültig sei, dennoch traten ihr Tränen in die Augen. Kurz darauf hörte sie ganz in der Nähe seine tiefe Stimme und musste sich einfach umdrehen. Er redete mit dem Standinhaber, bei dem sie gerade gekauft hatte. Die Frau war verschwunden. Rissa überlegte, ob sie zu ihm gehen und ihn ansprechen sollte. Aber es wäre unhöflich, ihn bei einem Gespräch mit einem Landsmann zu stören. Sie mischte sich unter die Leute, bevor sich Antonio umsehen und sie entdecken konnte.

4. KAPITEL

„Wo wohnen Sie?“, fragte Rissa später an diesem Tag, als Antonio und sie bei Livias Tomaten-Basilikum-Salat die Renovierungspläne besprachen.

„Nicht weit weg.“ Er zeigte in Richtung Arno.

„Wollten Sie nicht im Baubüro wohnen?“

„Ja, nur herrscht darin zurzeit ein ständiges Kommen und Gehen. Ich lege Wert auf meine Privatsphäre. Wenn das Projekt angelaufen ist, wird es ruhiger werden. Fürs Erste ziehe ich es vor, mich von der Baustelle und meinen Arbeitern fernhalten zu können.“

„Von den Dorfbewohnern aber nicht?“

Antonio ignorierte die Neugier in ihrer Stimme. „Ich miete lieber dort Zimmer, wo mich niemand kennt.“

Eine Weile aßen sie schweigend, dann sagte Rissa: „Übrigens, ich muss dringend in einen Designerladen. Je schneller ich nach Florenz komme, desto besser.“

„Ach, meinetwegen brauchen Sie sich nicht schön zu machen. Ich finde Sie so schon unwiderstehlich“, erwiderte Antonio nachsichtig lächelnd, dann verfluchte er sich für seinen Flirtversuch. Er war ziemlich sicher, dass sie ihn am Morgen zusammen mit Donna gesehen hatte. Jetzt würde die Contessa denken, dass er nichts weiter war als ein Gigolo.

Auch Rissa tadelte sich scharf, weil seine Schmeichelei sie leichtsinnig machte, obwohl er damit doch bestätigte, was sie schon vermutet hatte. Er war der Typ Mann, der jede Frau anmachte und einer festen Beziehung aus dem Weg ging. Rissa wusste, dass es falsch war, dass sie verletzt werden würde, doch sie konnte nicht leugnen, wie stark sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

„Freut mich, dass Ihnen mein Aussehen gefällt“, sagte sie, bevor ihr gesunder Menschenverstand sie davon abhalten konnte. Dann wurde sie rot und blickte auf ihren Teller, schockiert über ihre eigenen Worte.

Die selbst ernannte Contessa Alfere-Tiziano war wirklich kein Unschuldsengel, sondern leicht zu haben. Ihr Erröten kann das nicht bestreiten, dachte Antonio, während er beobachtete, wie unter dem dünnen Baumwolltop ihre Brustspitzen hart wurden. Sie war erregt. Und, wie er zugeben musste, er auch.

Ihr brannte das Gesicht vor Verlangen. Sie musste sich in den Griff bekommen, bevor alles außer Kontrolle geriet. Sonst kam Livia vielleicht zurück und entdeckte, dass sie beide den Küchentisch zweckentfremdeten! Rissa versuchte, das Gespräch auf ein Thema zu bringen, das ihre Leidenschaft abkühlen würde. „Lassen Sie nicht Ihre hübsche Freundin im Dorf hören, wie Sie mit mir reden, Antonio.“

An Donna erinnert zu werden machte ihm noch einmal bewusst, dass die Contessa das schlimmste Beispiel für ihren Typ Frau war, und sein vor Verlangen schmerzender Körper kämpfte gegen seinen Verstand. Donna hatte ihm erzählt, dass die Contessa Signor Mazzini verzaubert habe. Seit Monaten war Donna die Geliebte des Grundstücksverwalters, aber Antonio wusste, dass das eine Frau wie die Contessa nicht davon abhalten würde, einen reichen alten Mann auszunehmen, bis er nur noch ein armes Würstchen war. Kein Wunder, dass Donna jetzt Mitgefühl von ihm erwartete.

Rissa sah, wie sich Antonios Miene verfinsterte. Ihm hatte ihre Bemerkung offensichtlich den Spaß am Flirten verdorben. Weil ihm die junge Frau wirklich etwas bedeutete? Da er hartnäckig schwieg, atmete Rissa tief durch und kehrte zu dem Thema zurück, von dem er sie durch sein Kompliment abgelenkt hatte. „Ich möchte einige von meinen Designerkleidern verkaufen, damit ich genug Bargeld zur Verfügung habe. Dieses Projekt soll nicht durch Liquiditätsprobleme gebremst werden.“ Jetzt brannte ihr das Gesicht vor Scham. Sie konnte nur hoffen, dass Antonio nicht erriet, wie knapp bei Kasse sie wirklich war.

„Die Material- und Arbeitskosten werden sehr hoch sein, Contessa. Und ich nehme an, dass die Dienste von Signor Mazzini teuer sind. Schließlich muss er eine anspruchsvolle Geliebte wie Donna finanzieren. Sie ist die Frau, mit der Sie mich auf dem Markt gesehen haben. Aber zumindest arbeite ich ja umsonst.“

„Wofür ich Ihnen sehr dankbar bin.“

„Kein Problem. Für ein so prächtiges Haus wie den Palazzo Tiziano tue ich das gern“, sagte Antonio mit einem wissenden Lächeln.

Während ihrer Ehe hatte sich Rissa an ein Leben im Luxus gewöhnt, mit Dinnerpartys, Wochenenden in den Hamptons und Urlaub auf der Jacht der Alfere-Tizianos. Hier auf dem Anwesen in der Toskana würde alles ganz anders sein. Es würde noch lange dauern, bis der Palazzo mit allem Komfort ausgestattet war. Und Rissa würde den Besitz nur halten können, wenn sie hart arbeitete und Geld damit verdiente.

Ihr war eine weitere Idee gekommen, als Antonio ihr von seinem Gespräch mit dem Standinhaber auf dem Markt erzählt hatte. Er wollte sich zur Ruhe setzen, aber sein Sohn hatte einen guten Bürojob in Florenz und nicht die Absicht, die Gemüsegärtnerei zu übernehmen. Also würde der alte Mann den Stand aufgeben. Für Livia und andere Dorfbewohner war das ein großer Verlust, denn Italiener kauften am liebsten frisches Obst und Gemüse aus der Region. Rissa wusste von einem Rundgang mit Antonio, dass auf ihrem Land Pinienkerne, Mandeln, Feigen, Trauben und Aprikosen wuchsen. Überall um die vernachlässigten Bäume und Weinstöcke herum lagen Früchte, an denen nur Insekten ihre Freude hatten.

Während Antonio am nächsten Tag in der Stadt war, um Elektriker und Klempner zu beauftragen, ging Rissa noch einmal ihren Besitz ab und entdeckte auch noch wilde Erdbeeren, die aus Spalten zwischen Pflastersteinen wuchsen. Wenn sie unter solchen Bedingungen überlebten, wie viel besser würden dann erst Kulturpflanzen in guter Erde gedeihen? Sicher würde sie dafür Abnehmer auf dem Markt finden.

Beim Glockenturm blieb sie stehen und bewunderte das schöne alte Gebäude. Wenn Antonio sogar bis nach ganz oben gestiegen war, konnte sie ja wohl einen Blick ins Innere werfen, oder? Die Holztür ließ sich mühelos öffnen, und der große Raum war überraschend sauber und aufgeräumt. Ein Notizbuch, ein Klemmbrett mit Kugelschreiber und ein Messband lagen auf einer Fensterbank.

„Antonio?“, rief Rissa und ging vorsichtig die Treppe hoch, deren Stufen bedrohlich knarrten. Ein lautes Scheppern ließ sie zusammenfahren, gerade als sie umkehren wollte. Sie hielt sich am Holzgeländer fest, spürte, wie es unter ihrer Hand zerbrach, und verlor das Gleichgewicht. Mit einem Schrei stürzte sie die Treppe hinunter.

Jemand tastete sie ab. Rissas Kopf hämmerte, und sie war nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Sie konnte nur still daliegen und die Untersuchung über sich ergehen lassen.

„Antonio?“, brachte sie schließlich heraus.

„Sch. Bewegen Sie sich nicht, bis ich sicher bin, dass Sie okay sind.“

Als er ihre Brust abtastete, begann ihr Körper zu reagieren, und Rissa atmete scharf ein.

„Tut das weh?“

„Nein … autsch! Nur mein Kopf.“

„Lassen Sie mich mal sehen.“ Antonio umfasste ihre Schultern und half ihr, sich aufzusetzen. „Schauen Sie mir in die Augen, Contessa.“

Rissa gehorchte und war wie hypnotisiert. Unwillkürlich befeuchtete sie sich die Lippen. Fast spürte sie schon den Druck seines Mundes auf ihrem … Ihr wurde bewusst, dass sie ihn am Arm festhielt. Was für eine peinliche Situation! Knallrot im Gesicht, wich Rissa zurück und stand auf.

„Viel kann Ihnen nicht fehlen, wenn Sie sich so schnell bewegen können!“ Antonio rang sich ein Lächeln ab, aber seine Stimme klang rau vor Erregung. Tatsache war, dass die Contessa eine beunruhigende Wirkung auf ihn hatte. Sie zu verführen, um sein Haus zurückzubekommen, sollte eine völlig emotionslose Angelegenheit sein. Mit rein sexuellen Beziehungen konnte er umgehen. Damit hatte er überhaupt keine Probleme. Was er jetzt empfand, war jedoch echtes Verlangen, eine verzehrende Sehnsucht, wie er sie noch nie erlebt hatte.

Die Contessa lief an ihm vorbei nach draußen. Antonio folgte ihr und holte sie auf dem Weg zum Haupthaus ein.

„Wenn der Turm so gefährlich ist, gehört ein Schild an die Tür.“

„Als Lagerraum für Baumaterial ist das Erdgeschoss gut genug. Für neugierige Besucher ist das Gebäude nicht geeignet“, sagte Antonio streng. „Warten Sie hier, ich will die oberen Blendsteine untersuchen.“

„Ich habe das Gleichgewicht verloren, weil Sie dieses verdammte Ding haben fallen lassen“, beschwerte sich Rissa, als er die Leiter hochstieg.

„Sie sind zusammengeschreckt, weil Sie ein schlechtes Gewissen hatten. Schließlich hatte ich Ihnen davon abgeraten, das Gebäude zu betreten.“ Nach wenigen Minuten kam Antonio wieder herunter. „Es sieht ganz so aus, als würde der Palazzo ein neues Dach brauchen.“

„Davon hat Signor Mazzini nichts gesagt!“

„Musste er auch nicht. Sie haben das alte Haus geerbt und nicht gekauft.“

„Wie viel wird es kosten?“, fragte Rissa besorgt.

„Genau kann ich das jetzt noch nicht sagen, aber es wird auf jeden Fall sehr teuer.“

Sie seufzte laut.

„Meiner Ansicht nach ist das alte Gemäuer den ganzen Stress nicht wert. Warum verkaufen Sie es nicht und gehen zurück nach England?“

„Dann würde sich ein reicher Bauunternehmer den Palazzo schnappen und ihn entweder ganz abreißen oder zu luxuriösen Eigentumswohnungen umbauen. Die schönen Gartenanlagen würden unter Parkplätzen und Ferienhäusern verschwinden.“

Nur zu wahr. Antonio vermutete jedoch, dass die Contessa das Anwesen noch aus einem anderen Grund behalten wollte. In Gedanken versunken, ging er voran zur Rückseite des Hauses. Durch sein Unternehmen AMI Holdings hatte er so großzügige Angebote gemacht, dass jeder vernünftige Mensch das Geld genommen hätte. Seine Leute in Cardiff und Mazzinis Angestellte in seinem Büro in Florenz waren sich einig gewesen, dass es verrückt wäre, Nein zu sagen. Dann hatte sich Mazzini persönlich eingeschaltet und das erste Angebot zurückgewiesen. Die Contessa hatte das noch höhere zweite Angebot abgelehnt. Antonio wollte herausfinden, ob wirklich etwas zwischen den beiden war. Überzeugt, dass ihm keine Frau widerstehen konnte, beschloss er, die Contessa auf die Probe zu stellen.

Durch Anbauten an einer Seite des Haupthauses war ein auf drei Seiten geschützter, aber nach Süden offener sonniger Platz entstanden. „Ideal zum Sonnenbaden“, sagte Antonio, während sie über den ungepflegten Rasen gingen.

„Und das Wetter heute ist genau richtig dafür.“

„Tun Sie es doch! Die Männer arbeiten alle vorn, niemand wird Sie sehen.“

Rissa lachte. „Ich müsste erst meine Sonnenmilch holen, und dann würde ich nicht wieder herkommen, weil im Haus zu viel Arbeit auf mich wartet.“

„Ich hole sie.“

Warum soll ich eigentlich nicht den schönen Tag nutzen?, dachte Rissa, plötzlich übermütig. „In Ordnung. Die Flasche steht auf dem Wandschrank in der Küche.“

Als Antonio zurückkehrte, lag Rissa auf dem Bauch im Gras. Obwohl er darauf achtete, dass sein Schatten nicht auf sie fiel, spürte sie seine Nähe und stützte sich auf die Ellbogen.

„Legen Sie sich wieder hin“, befahl Antonio, während er Sonnenmilch in seine Handfläche schüttete und den Flaschenverschluss wieder zuklappte.

Rissa hörte es und spannte sich an. „Ich weiß nicht, ob das …“ Sobald er fest und ruhig die Hände über ihre Schultern gleiten ließ, vergaß sie alle Einwände. Plötzlich hörte er auf, und sie erwartete, dass er die Flasche wieder öffnete. Stattdessen spürte sie, dass er das Nackenband ihres Kleides löste. Während er die Sonnenmilch von ihren Schultern aus über den jetzt völlig entblößten Rücken verteilte, war sie sich bewusst, dass sie Antonio stoppen sollte. Gleichzeitig wünschte sie, dass er weitermachte. Er tat es nicht. Jetzt klappte er den Flaschendeckel auf, und einen Moment später begann er, ihre Waden einzucremen.

Unwillkürlich seufzte Rissa auf, als er die Hände unter den Saum ihres Sommerkleides und bis zu ihren Oberschenkeln gleiten ließ, immer höher, bis er die Fingerspitzen unter den Rand ihres Slips schob und sanft ihren nackten Po streichelte.

Neue, ungewohnte Empfindungen durchfluteten sie, und Rissa erschauerte vor Vorfreude. Luigi hatte sie niemals dazu gebracht, so zu reagieren. Bei dem Gedanken war plötzlich alles vorbei. Wenn sie das jetzt nicht stoppte, würde Antonio die Wahrheit herausfinden, und das könnte sie nicht ertragen.

„Nein!“ Vor Angst und Verzweiflung streifte sie ihn mit einem Schlag, als sie sich herumwarf, aufstand und das Oberteil des Kleides an ihre Brust presste.

Antonio war entsetzt aufgesprungen und zurückgewichen. Die Hände zu Fäusten geballt, blickte er Rissa wütend an.

„Ich … wollte niemals, dass Sie so weit gehen, Antonio.“

„Das ist gelogen“, sagte er gefährlich leise. „Sie haben nur plötzlich kalte Füße bekommen. Weil Sie daran gedacht haben, dass Ihr Signor Mazzini Sie vielleicht fallen lässt, wenn er glaubt, dass Sie sich mit dem Personal amüsieren.“

Ersteres war nur zu wahr, der Rest stimmte nicht. Rissa rang verzweifelt mit sich. Nein, sie konnte Antonio unmöglich verraten, warum sie ihn unvermittelt zurückgewiesen hatte: Trotz ihrer Ehe war sie in der Liebe noch immer unerfahren. „Nein. Signor Mazzini bedeutet mir nichts. Ich treffe mich nur wegen des Palazzos mit ihm. Sie haben kein Recht, irgendetwas anderes zu behaupten. Ich will nur das Beste für dieses Haus.“

„Kommen Sie mir nicht damit! Solche Frauen wie Sie bringen immer schnell ihre Ehrenhaftigkeit ins Spiel.“

„Und was genau sind ‚solche Frauen‘?“

„Sie sind ein typisches Mitglied der besitzenden Klasse, Contessa. Wenn man eine Pechsträhne hat, lässt man sich umgehend mit neuem Geld versorgen. Mit Luigi Alfere hatten Sie eine gute Einnahmequelle. Als Sie die verloren, wurde es Zeit, eine andere zu finden. Da erscheint der korpulente eitle Signor Mazzini auf der Bildfläche, und Sie sind wieder fit fürs Luxusleben. Tja, herzlichen Glückwunsch. Eine bessere Wahl hätten Sie kaum treffen können. Der Mann ist alt und nicht bei bester Gesundheit. Mit Glück müssen Sie seine Aufmerksamkeiten nicht allzu lange ertragen. Dann werden Sie sich einen weiteren Ernährer suchen – Hauptsache, Sie müssen sich nicht allein durchs Leben schlagen. Sie sind eine Schmarotzerin, Contessa.“

„Nein! Ich höre mir das nicht länger an!“ Rissa wandte Antonio den Rücken zu und befestigte das Nackenband. „Sie wissen überhaupt nichts über mich. Niemand darf so mit mir sprechen, schon gar nicht ein sexbesessener Dinosaurier. Schon gar nicht auf meinem eigenen Grund und Boden!“ Als sie sich wieder umdrehte, verschwand Antonio bereits um die Hausecke.

In ihrem Zimmer ließ sich Rissa auf die Bettkante sinken und schlug die Hände vors Gesicht. Wie konnte Antonio sie so falsch beurteilen? Das Bild, das er von privilegierten Müßiggängerinnen gezeichnet hatte, hatte sie durchaus wiedererkannt. Aber sie war anders. Sie hatte niemals wirklich zum Kreis der reichen Frauen gehört, die das gesellschaftliche Leben von New York bestimmten.

Wenn diese Frauen von einem Mann wie Antonio so behandelt worden wären, hätten sie ihn hinausgeworfen. Drei Dinge hielten Rissa davon ab, dasselbe zu tun. Erstens hatte er das Bauprojekt innerhalb weniger Tage in Gang gebracht. Zweitens arbeitete er umsonst. Und durch ihn hatte sie etwas Wichtiges über sich erfahren. Die Ehe mit Luigi hatte sie veranlasst zu glauben, frigide zu sein. Jetzt wusste sie, dass sie sehr wohl leidenschaftlich auf einen Mann reagieren konnte. Immer wenn sie Antonio ansah, spielte sie mit dem Feuer. Nicht, dass sie der Versuchung nachgeben und sich die Finger verbrennen würde. Er hatte ihr sogar einen Gefallen getan, als er mit seinen verletzenden Bemerkungen alle ihre Fantasievorstellungen von ihm zerstört hatte.

5. KAPITEL

Rissa kniete auf dem Hof vor dem Palazzo und jätete Unkraut. In den vergangenen Tagen war sie Antonio aus dem Weg gegangen und hatte von morgens bis abends gearbeitet, damit sie keine Zeit zum Nachdenken hatte. Um fünf Uhr früh hatte sie angefangen, jetzt ging es auf Mittag zu, und sie hatte den Eimer mit Unkraut schon so oft geleert, dass sie es nicht mehr zählen konnte. Nur die Erinnerung an Antonios höhnische Bemerkungen über die Faulenzerinnen der High Society ließ sie noch weitermachen. Sie wollte ihm beweisen, dass sie ganz anders war. Außerdem würde sie wirklich tief in seiner Schuld stehen, wenn sie bei der Instandsetzung des Palazzos nicht mithalf.

Sie sah an der mattgelben Steinfassade hoch. Mit Gardinen würde das Haus sofort freundlicher wirken, aber für solche Luxusartikel war kein Geld da. Plötzlich hatte sie eine Idee. Auf dem verwilderten Grundstück hatten einige alte Rosenbüsche überlebt.

Eine Pause hatte sie längst verdient. Rissa stand auf und holte eine Schere aus der Küche. Zehn Minuten später hatte sie den Unkrauteimer nicht nur mit Rosen, sondern auch mit Myrten- und Rosmarinblütenzweigen gefüllt. Als sie um die Hausecke bog, stieß sie mit Antonio zusammen. Er muss der einzige Mann sein, der in einem Overall und mit Schutzhelm sexy aussieht, dachte sie und wurde rot.

„Hier gibt es Wichtigeres zu tun, als Blumen zu pflücken.“

„Ich habe den ganzen Morgen den Hof in Ordnung gebracht!“, erwiderte Rissa empört.

„Ja, ich weiß. Aber wenn Sie sich nützlich machen wollen, sollten Sie zuerst dringendere Aufgaben anpacken.“

„Mir ist die Vorderseite des Hauses wichtig. Und Sie wären sicher der Erste, der mich darauf aufmerksam macht, dass ich eine ungelernte Arbeitskraft bin.“

„Deshalb habe ich an eine Arbeit gedacht, die sogar Sie ausführen können, Contessa. Nach dem Mittagessen werden Sie von allen Fensterrahmen und Türen im Erdgeschoss die alte Farbe entfernen. Haben Sie schon mal eine Lötlampe benutzt?“, fragte Antonio spöttisch. Die vornehme kleine Contessa mochte sich ja mit Unkrautjäten und Blumenpflücken beschäftigen, doch sobald es um echte Arbeit ging, würde sie bestimmt spurlos verschwinden.

„Nein, habe ich nicht. Wenn Sie es mir aber zeigen, kann ich es ja lernen.“

Das war nicht die Antwort, die Antonio erwartet hatte. Nicht, dass er sich seine Überraschung anmerken ließ. „Sie müssen darauf achten, dass das Glas nicht zerspringt. Es kostet zwölf Euro, eine dieser kleinen Fensterscheiben zu ersetzen. Vielleicht spornt Sie das ja an, keine kaputt zu machen.“

Das tat es, nur sollte er nicht denken, dass seine Anweisungen sie einschüchterten. Rissa aß in Ruhe zu Mittag, danach band sie die Blumen zu Sträußen und stellte Vasen auf mehrere Fensterbänke und Tische im Erdgeschoss, bevor sie Antonio suchen ging.

„Was ist nun mit der schrecklich wichtigen Arbeit, die ich übernehmen soll?“

Er hütete sich davor, sie noch einmal zu unterschätzen. Mit großer Sorgfalt zeigte er ihr, wie er es haben wollte. Schließlich konnte er nicht umhin, ihr das Kompliment zu machen. „Sie lernen schnell.“

„Müssen Sie das so widerwillig sagen?“

„Ich habe viel zu tun und keine Zeit für sinnloses Geplauder.“

„Dann verschwenden Sie nicht noch mehr Zeit für mich.“ Mit der zufriedenen Miene eines Menschen, der eine neue Lebensaufgabe gefunden hatte, löste Rissa ein langes Stück alte Farbe vom Fensterrahmen ab.

Sofort wollte Antonio nicht gehen. Einer Frau hatte er seit seinem sechzehnten Lebensjahr nicht mehr gehorcht, und er würde nicht wieder damit anfangen. Also wartete er noch einige Minuten, bevor er sich langsam entfernte.

Im Baubüro zog er den Overall aus, setzte sich an den Schreibtisch und schaltete seinen Laptop ein, um E-Mails an seine leitenden Angestellten in der Zentrale von AMI Holdings zu schreiben. Neue Mitarbeiter würden es vielleicht seltsam finden, dass Antonio Michaeli-Isola im Urlaub unentgeltlich ein Renovierungsprojekt leitete, aber ihr Boss war eben ein ungewöhnlicher Mensch.

Als Jugendlicher hatte er echten Ärger bekommen, weil er ständig die Schule geschwänzt hatte. Ein Lehrer hatte sich schließlich bemüht, den Grund dafür herauszufinden. Der alte Dini entdeckte, dass sich Antonio seine handwerkliche Begabung zunutze machte und Geld verdiente, während er eigentlich im Klassenzimmer sitzen sollte. Weil er meinte, seine verwitwete Mutter und seine Großmutter unterstützen zu müssen. Wer im Stadtviertel irgendwelche Arbeiten gut und schnell ausgeführt haben wollte, holte den Jungen. Nachdem er das erfahren hatte, überredete sein Lehrer den Direktor der Berufsschule, Antonio aufzunehmen. Und der zeigte sich für das in ihn gesetzte Vertrauen erkenntlich. Mit neunzehn hatte er genug verdient, um sein erstes baufälliges Haus kaufen zu können. Nach der Sanierung hatte er es zu einem erschwinglichen Preis und dennoch mit Gewinn an ein junges Ehepaar verkauft.

Jetzt war er der milliardenschwere Boss eines internationalen Bauunternehmens, aber er vergaß niemals, wie es war, benachteiligt zu sein. Und von Zeit zu Zeit arbeitete er gern wieder auf einer Baustelle, anstatt nur vom Schreibtisch aus Befehle zu erteilen. Den Palazzo Tiziano zu restaurieren machte doppelt Spaß, weil er wusste, dass das Haus früher oder später ihm gehören würde.

Er schuldete es seinen Vorfahren, sich um ihr Heim zu kümmern. Andererseits schuldete er den Alferes überhaupt nichts. Sie waren verwöhnte Parvenüs, die einfach nur Glück gehabt hatten.

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