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Mit den Waffen der Liebe

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Liz Fielding

Mit den Waffen der Liebe

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Mit den Waffen der Liebe

 

 

 

So eine Zumutung! Nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag soll Natalie den Manager Jason Radcliffe auch noch zu einem Dinner begleiten. Der Mann hat wirklich nur seine Arbeit im Kopf, keinen Blick für die schönen Dinge des Lebens. Das muss sich ändern, beschließt die temperamentvolle junge Frau. In großer Aufmachung erscheint sie beim Essen und ist sofort Mittelpunkt der Gesellschaft. Die Geschäftsfreunde sind hingerissen von ihrem Charme, flirten ungeniert. Und endlich fängt der kühle Jason Feuer …

1. KAPITEL

„Halt! Bitte, warten Sie auf mich“, rief Natalie Calhoun und lief durch die prächtige Eingangshalle des Radcliffe Towers.

Der Mann im Lift tat ihr den Gefallen und hielt ihr die Türen auf.

Dankbar lächelnd stieg sie ein. „Das ist wirklich nett von Ihnen! Heute ist mein erster Arbeitstag hier, und ich bin schon fürchterlich spät dran“, erklärte sie atemlos und stöhnte leise, als sie auf ihre Armbanduhr sah. Dann erst blickte sie zu dem Mann im Fahrstuhl auf. Das war bei ihr nichts Ungewöhnliches. Zu den meisten Mitmenschen musste sie aufschauen. Ihre Großmutter hatte sie immer gewarnt, dass sie nicht groß und ihr Haar nicht lockig werden würde, wenn sie ihren Spinat nicht ordentlich aß. Ihre Großmutter hatte jedoch nur in einem Punkt recht behalten.

Immerhin ein Volltreffer, dachte Natalie und musterte unauffällig den Mann neben sich.

Lieber Himmel! Da hatte sie mal wieder Glück – oder eher Pech – gehabt, denn er war ein echtes Prachtstück: schiefergraue Augen, markante Wangenknochen – solche hätte sie auch liebend gern gehabt – und ein schön geformter Mund mit ausdrucksvollen Lippen, wie geschaffen zum Küssen. Zu Küssen, bei denen man förmlich dahinschmolz wie Schnee in der Sonne. Das hieß, falls man Interesse und vor allem Gelegenheit hatte, sich zum Schmelzen bringen zu lassen.

Kurz gesagt, er gehörte zu den Männern, die man nur treffen wollte, wenn man perfekt geschminkt, elegant und zugleich sexy angezogen und tadellos frisiert war. Sie hingegen war erhitzt, hatte sicher rote Wangen, und die Bluse saß auch nicht richtig. Über ihr Haar wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken!

„Am ersten Tag schon zu spät zu kommen ist nicht so gut, stimmt’s?“, meinte Natalie und versuchte es mit einem Lächeln.

Falls sie auf eine beruhigende Antwort gehofft hatte, war ihr kein Glück beschieden.

„Es lässt tatsächlich auf einen gewissen Mangel an Begeisterung schließen“, erwiderte der Mann kühl.

Es würde ihm bestimmt nicht wehtun, auch zu lächeln, dachte Natalie aufsässig.

„Welches Stockwerk?“, erkundigte er sich höflich.

„Oh! Mal sehen.“ Sie zog die Karte zurate, die sie in der Hand hielt. „Das zweiunddreißigste, bitte.“ Als ihr „fahrender Ritter“, wie sie ihn nun ironisch im Stillen taufte, den entsprechenden Knopf drückte, behauptete sie: „Es wäre übrigens falsch, mich für desinteressiert zu halten. Ich brenne förmlich auf meinen neuen Job.“

Er zog die Brauen ungefähr einen Millimeter hoch. Dass er seine Zweifel so blasiert zum Ausdruck brachte, ärgerte sie maßlos.

„Das tue ich wirklich“, bekräftigte Natalie, gestand dann allerdings ehrlich ein: „Na ja, wahrscheinlich haben Sie recht: Man merkt es mir nicht auf Anhieb an. Mein Job als Aushilfe könnte sich als die kürzeste Anstellung in der gesamten Geschichte der Aushilfsarbeit erweisen.“

„Sie hätten sich früher wecken lassen müssen“, meinte er gleichmütig. Bevor sie sich eine vernichtende Erwiderung auf diese Verleumdung überlegen konnte, fragte er: „Für wen sollen Sie arbeiten?“

„Für den Finanzdirektor.“

„Dann haben Sie ein Problem!“

Ihr wurde ganz flau. So viel Pech konnte sie doch nicht haben, oder?

„Schauen Sie, es war ehrlich nicht meine Schuld“, erklärte sie schnell. „Ich hatte den Wecker auf sechs Uhr gestellt. Beinah wäre ich schon vor einer Stunde hier gewesen.“

„Vielleicht sollte ich Sie warnen, dass der Finanzdirektor ein ‚beinah‘ als Erklärung nicht akzeptiert.“

Ein schrecklicher Gedanke ging ihr durch den Kopf. „Bitte, sagen Sie nicht, dass Sie mein Boss sind!“

„Nein, das bin ich nicht. Sie sind also noch einige Minuten in Sicherheit“, beruhigte er sie, und nun lächelte er, wobei sich Fältchen um seine Augen und Mundwinkel bildeten.

Es war ein Lächeln, auf das zu warten sich gelohnt hatte. Zwar wirkte es durchaus ironisch, zugleich aber ernsthaft belustigt.

„So ein Glück!“ Sie fächelte sich mit der Hand Luft zu, als müsse sie ihre erhitzten Wangen kühlen … und es war nicht nur Schau. „Das wäre wirklich ein sehr schlechter Start gewesen.“

„Zu spät kommen ist schlimm genug. Haben Sie eine gute Ausrede parat? Verspätete U-Bahnen sind, soviel ich weiß, am beliebtesten.“

„Oft genug stimmt es ja“, meinte Natalie. „Aber so etwas Alltägliches war es nicht. Leider. Ich wünschte, es wäre so.“

Wieder zog der Mann die Brauen hoch, als wollte er sie auffordern, das doch etwas näher zu erläutern. Oder glaubte er ihr schon wieder nicht?

„Wissen Sie, es liegt an mir“, begann sie. „Ich scheine Missgeschicke, Wirrwarr und Unglücksfälle geradezu wie ein Magnet anzuziehen. Heute war es so ein armer Kerl, der in der U-Bahn-Station einen Kollaps hatte.“

„Das würde seine Verspätung rechtfertigen, nicht Ihre“, wandte ihr Begleiter ein.

„Schon, aber ich werde immer in solche Zwischenfälle verwickelt.“

„Ach, jetzt verstehe ich.“

Lachte er sie etwa insgeheim aus? Unauffällig sah sie zu ihm und stellte fest, dass seine Mundwinkel nicht zuckten. Nur mühsam wandte sie den Blick von den schön geschwungenen Lippen ab, die ihre Fantasie – und ihre Hormone – in Wallung brachten.

„Es war so“, berichtete sie, „dieser Mann war auf dem Bahnsteig zusammengebrochen, aber die Leute sind einfach um ihn herumgegangen, ohne sich um ihn zu kümmern. Wahrscheinlich dachten sie, er wäre betrunken oder hätte Drogen genommen. Es war nicht ganz so wie in ‚Während du schliefst‘, aber …“

„Wie bitte?“, fragte ihr Mitfahrer erstaunt dazwischen. „Oh! Ich meine doch den Film. Kennen Sie ihn nicht? Wo die junge Frau den Mann rettet, der auf die Gleise gestürzt ist, und er liegt danach im Koma, und seine Angehörigen glauben, sie wäre seine Verlobte, aber sie …“ Natalie verstummte verlegen. Offensichtlich hatte er keine Ahnung, wovon sie sprach. „Jedenfalls konnte ich den Mann doch nicht einfach da liegen lassen, oder?“

„Selbstverständlich nicht“, bestätigte er. Und lächelte wieder. Ein richtiges Lächeln … wobei man ihm ansah, wie viel Mühe er sich gab, um nicht lauthals loszulachen.

Warum verhalten Männer sich mir gegenüber immer so?, fragte Natalie sich im Stillen frustriert. Vielleicht weil sie nur knapp einen Meter sechzig groß war? Und zehn Kilo zu viel wog, falls man einer albernen Tabelle glauben durfte, die ihre Tante ihr in einer dieser Diätzeitschriften gezeigt hatte.

Warum wurden immer nur große, schlanke Menschen ernst genommen?

„Finden Sie es wirklich so komisch, einem Menschen helfen zu wollen?“, erkundigte sie sich schließlich pikiert.

„Nein, wirklich nicht.“ Plötzlich war er ganz ernst. „Hatten Sie denn keine Angst? Wahrscheinlich haben die anderen deswegen nicht eingegriffen.“

„Das liegt auf der Hand. Aber der Mann war krank und brauchte dringend Hilfe. Also habe ich mir die nächstbeste Frau geschnappt und die arme Person nicht eher losgelassen, bevor sie nicht ihr Handy genommen und die Ambulanz angerufen hatte. Danach habe ich versucht, es dem Mann ein bisschen bequemer zu machen. Natürlich hat es eine kleine Ewigkeit gedauert, bis die Sanitäter sich durch den morgendlichen Verkehr gekämpft hatten, anschließend musste ich ihnen ja noch erklären, was passiert war und was ich schon unternommen hatte.“

„Wird er denn wieder gesund?“, wollte ihr Begleiter wissen. Na schön, er hatte im falschen Moment gelächelt, aber wenigstens stellte er jetzt die richtige Frage!

„Ich glaube schon“, antwortete Natalie. „Er war noch benommen, aber er schien sich schon ziemlich gut erholt zu haben, als ich mich endlich auf den Weg machen konnte.“ Der Lift stoppte, die Türen glitten auseinander. „Oh, da sind wir schon! Danke, dass Sie eben unten auf mich gewartet und mich mitgenommen haben.“

„Jederzeit gern. Sie brauchen nur wieder zu brüllen“, erwiderte er und schenkte ihr nochmals sein ganz spezielles Lächeln.

Natalie hatte plötzlich Schmetterlinge im Bauch. Dann erst fiel ihr auf, was ihr „fahrender Ritter“ genau gesagt hatte. Lieber Himmel, sie hatte lauthals gebrüllt. In den heiligen Hallen des Radcliffe Towers!

„Das tue ich nur in Notfällen“, erklärte sie möglichst würdevoll und wünschte, sie wäre fünfzehn Zentimeter größer, weil man ihr dann etwas mehr Respekt entgegenbringen würde.

Sie war es leid, dass Männer nachsichtig auf sie herunter lächelten. Zwar hätte sie nicht gewusst, wie sie reagieren sollte, wenn einer sie mit unverhohlener Leidenschaft angesehen hätte, aber trotzdem! Ab und zu brauchte eine Frau einen anerkennenden Blick, der ihr Selbstvertrauen stärkte.

„Drücken Sie mir die Daumen“, bat sie ihren Begleiter. „Das werde ich“, versprach er – und verdarb den Effekt, indem er hinzufügte: „Nicht, dass es nötig sein wird. Sie können sich wahrscheinlich immer herausreden, egal, in welcher Klemme Sie stecken.“

Jason Radcliffe lächelte noch immer amüsiert, während er seine Bürosuite im obersten Stock des Radcliffe Towers betrat. Als er den erstaunten Blick seiner persönlichen Assistentin bemerkte, setzte er rasch eine ausdruckslose Miene auf.

„Guten Morgen, Heather. Rufen Sie bitte jetzt gleich Mike Garrett an, und richten Sie ihm aus, ich wäre ihm dankbar, wenn er seiner neuen Aushilfskraft nicht die Hölle heiß macht, weil sie zu spät dran ist. Sie musste sich auf dem Weg hierher um einen medizinischen Notfall in der U-Bahn kümmern.“

„Ach, du liebes bisschen! War es sehr schlimm?“ Heather runzelte die Stirn. „Was haben Sie denn in der U-Bahn gemacht, Jason?“

„Der Zwischenfall war, glaube ich, eher dramatisch als lebensbedrohlich, und ich hatte nichts damit zu tun, denn ich war nicht in der Station. Ich bin nur hier im Haus mit der jungen Frau im Lift nach oben gefahren.“

„Da scheinen Sie ja in kurzer Zeit ziemlich viel erfahren zu haben. Wie heißt sie?“, erkundigte Heather sich und nahm den Hörer ab.

„Sie hat nie lange genug aufgehört zu reden, als dass ich sie nach ihrem Namen hätte fragen können.“

„Offensichtlich hatte sie keine Ahnung, wer Sie sind, Jason.“ „Ich glaube nicht, dass sie sich dann anders verhalten hätte.“

„Tatsächlich? Gut für sie. Wie sieht sie aus? Ich muss sie Mr. Garrett doch beschreiben.“

„Was glauben Sie, Heather, wie viele Aushilfssekretärinnen heute in der Finanzabteilung anfangen und zu spät kommen?“, fragte er sarkastisch. Plötzlich bedauerte er den Impuls, der jungen Frau aus der Patsche helfen zu wollen. Dann fügte er, noch immer spöttisch, hinzu: „Sie ist klein und ihre Haare gleichen einer explodierenden Matratze.“

„Welche Farbe?“

„Blond.“

„Ach so!“

Was sollte das denn nun bedeuten? Er weigerte sich allerdings, die Frage laut zu stellen.

„Behalten Sie die junge Frau ein bisschen im Auge, Heather. Schauen Sie mal, wie sie sich macht. Falls wir einen passenden Vollzeitjob haben, könnten wir sie dafür in Erwägung ziehen. Vorausgesetzt, sie hat Interesse daran.“ Als ihm auffiel, dass Heather ihn mit einem nachdenklichen kleinen Lächeln musterte, fügte er hinzu: „Sie ist, obwohl sie es eilig hatte, stehen geblieben und hat einem völlig Fremden geholfen. Solche Menschen findet man heutzutage selten.“

„Falls sie die Wahrheit erzählt hat“, gab seine Assistentin zu bedenken. „Es ist Ihnen doch sicher auch schon in den Sinn gekommen, dass sie sozusagen im Hinterhalt auf Sie gelauert und Sie dann mit einer herzzerreißenden und gut vorbereiteten Geschichte gekapert haben könnte?“

Nein, daran hatte er nicht gedacht. Nicht einen Moment lang – und das beunruhigte ihn, denn der Verdacht, bewusst geködert zu werden, ging ihm meist als Erstes durch den Kopf.

„Alles ist möglich“, erwiderte Jason bemüht gleichmütig. Und um jegliche albernen Gedanken zu zerstreuen, die seine normalerweise äußerst intelligente Assistentin hegen mochte, setzte er hinzu: „Deshalb habe ich Sie ja gebeten, die junge Frau im Auge zu behalten.“

„Ja, natürlich. Soll ich mich mehr auf ihre Fähigkeiten als Sekretärin oder ihr soziales Gewissen konzentrieren, Jason?“

Die Frage war, wie er wusste, nicht ernst gemeint, auch wenn Heather offensichtlich befürchtete, er hätte sich von einer ganz Raffinierten einfangen lassen, die so schlau gewesen war, mehr als ihr Aussehen als Köder einzusetzen. Es wäre seit Langem das erste Mal wieder der Fall.

„Da Sie schon so viele Jahre für mich arbeiten, Heather, hätten Sie sich die Frage eigentlich sparen können“, sagte er nüchtern, weil er fand, genug sei genug. „Wenn Sie mit Mike telefoniert haben, bringen Sie mir bitte die Unterlagen über den Deal in New York. Ich möchte noch ein bisschen an den Details feilen, bevor ich nach Schottland fahre.“

Natalie machte es Freude, für die Radcliffe Group zu arbeiten. Der Job war sehr anspruchsvoll, aber sie genoss es, etwas von der großen, weiten Welt mitzubekommen. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie sehr viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen müssen. Die Chance, zu einem Arbeitsplatz zu fahren und dort mit Kollegen zu reden sowie die Möglichkeit, ganz normale Dinge zu tun, waren für sie mittlerweile eine Art von Erholung.

Es gab allerdings eine Enttäuschung für Natalie: Sie hatte ihren „fahrenden Ritter“ aus dem Lift nicht mehr getroffen. Dabei hatte sie so gehofft, sich noch mal richtig bei ihm bedanken zu können. Und ihm zu erzählen, dass er sich in Mike Garrett geirrt habe.

Mike hatte am ersten Tag echtes Verständnis für ihre Verspätung gezeigt, er war als Boss ein richtiger Schatz, und sie wünschte, sie könnte länger für ihn arbeiten als nur die eine Woche, für die sie als Urlaubsvertretung seiner Sekretärin eingestellt war.

Für den Besitzer und Namensgeber des Radcliffe Towers, Jason Radcliffe, zu arbeiten, war angeblich die reine Hölle. Das behaupteten jedenfalls Natalies neue Kolleginnen, die sie am ersten Tag in der Mittagspause gleich zu ihrem Lieblingslokal in der Nähe der Firma mitgenommen und ihr alles Wissenswerte über den obersten Boss – den obersten Bastard, wie manche boshaft sagten – berichtet hatten. Demnach hatte sie echtes Glück gehabt, nicht in der Chefetage zu landen.

Zuerst hatte Natalie vermutet, dass ihre Kolleginnen pikiert waren, weil Jason Radcliffe – ein Multimillionär, der dazu noch unglaublich sexy sowie ungebunden war – sich für ihre weiblichen Reize völlig unempfänglich zeigte. Als allerdings zwei der älteren Sekretärinnen, die für ihn gearbeitet hatten, allein schon bei der Erinnerung daran schauderten, wusste sie, dass die Geschichten stimmen mussten.

Auch seine persönliche Assistentin galt bei den anderen als Drachen, aber eigentlich war sie ganz freundlich, fand Natalie, nachdem Heather im Verlauf der Woche bei ihr am Schreibtisch stehen geblieben war und sich nicht nur erkundigt hatte, ob Mike zu sprechen sei, sondern auch gefragt hatte, wie es ihr, Natalie, in der Firma gefiel. Ob sie sich gut eingewöhnt hatte, sich zurechtfand und welche Pläne sie weiterhin habe? Schließlich hatte sie sogar angeregt, Natalie solle ihren Lebenslauf in der Personalabteilung abgeben.

Da Jason Radcliffe in der einen Woche, die sie für seine Firma arbeitete, Ferien machte, hatte sie keine Gelegenheit, ihn selber in Augenschein zu nehmen. Seine Vorstellung eines erholsamen Urlaubs bestand offensichtlich in einer Wanderung durchs schottische Hochland, was die Damen im Büro so schockierte, dass sie entsetzte Gesichter schnitten, als sie es erwähnten.

Natalie fand nicht, dass es so schlimm klang, sagte aber nichts. Sie war nur die Aushilfe, ihre Meinung zählte nicht, vielmehr war sie da, um zuzuhören. Die anderen Angestellten schienen zu meinen, ihr Boss könne wenigstens einem luxuriösen Lebensstil frönen, damit sie etwas zu tratschen hatten, wenn sie zusammen ihre fettarmen Latte macchiatos tranken. Alles in allem schien ihr Boss eine einzige Enttäuschung für sie darzustellen.

„Natalie! Das Telefon klingelt. Gehst du bitte ran?“

Natalie war ohnehin schon die halbe Treppe hinuntergeeilt, als sie ihre Mutter rufen hörte. Anrufe mitten in der Nacht bedeuteten, Natalies Erfahrung nach, meist schlimme Nachrichten. Hastig hob sie ab und meldete sich mit einem schroffen „Ja?“

„Natalie? Sind Sie am Apparat? Hier ist Heather Lester von der Radcliffe Group. Wir haben uns unterhalten über …“

„Ich erinnere mich“, warf Natalie ein. „Tut mir leid, dass ich so kurz angebunden war, aber ich habe …“

„Schon geschlafen“, ergänzte Heather den Satz verständnisvoll. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, weil ich Sie so spät noch störe. Ich weiß doch, wie besorgt man ist, wenn nach Mitternacht das Telefon klingelt. Leider gibt es bei mir eine kleinere Krise, die keinen Aufschub duldet.“

„Oh, ach so.“ Natalie verkniff sich zu sagen, dass sie noch nicht geschlafen hatte. Wen interessierte das schon? Also fragte sie: „Was für eine Krise?“

„Bevor ich Ihnen die Einzelheiten erkläre, möchte ich erst wissen, ob Sie einen gültigen Reisepass haben.“

„Aber ja.“ Früher hatte sie durchaus ein fröhliches Leben und Ferien im Ausland genossen – wie gewöhnliche Leute auch.

„Gut, damit ist die erste Hürde schon genommen. Mein Problem ist Folgendes: Ich soll mit Mr. Radcliffe nach New York fliegen, und zwar morgen früh – nein, heute früh. Aber bei meiner Tochter haben die Wehen eingesetzt, zwei Wochen vor dem erwarteten Termin, und ihr Mann ist verreist. Kurz gesagt, sie braucht mich.“

„Und Sie brauchen jemanden, der an Ihrer Stelle nach New York fliegt?“, vermutete Natalie.

„Ja, und zwar stehenden Fußes, wie man so sagt.“

„Und da fragen Sie mich?“ Natalie atmete tief durch. „Ich soll nach New York?“ Mit dem obersten Bastard, fügte sie im Stillen hinzu.

„Meine Auswahl ist begrenzt, wissen Sie. Es gibt nicht allzu viele Sekretärinnen bei uns, die noch nach Diktat stenografieren können. Außerdem hat Mike Sie in den höchsten Tönen gelobt. Und der würde seine Berichte lieber selbst tippen, als sich mit unfähigen Schreibkräften herumzuschlagen.“

„Oh! Mich als kompetent einzuschätzen war wirklich nett von ihm. Ich würde ihm im Gegenzug auch jederzeit bestätigen, dass er ein fabelhafter Boss ist.“

„Das spricht Bände … Jedenfalls ist er, ehrlich gesagt, nicht so schwierig wie Jason. Sie dürfen jetzt nicht glauben, die Reise nach New York wäre ein Vergnügen. Es wird verdammt harte Arbeit.“

Ja, aber verdammt harte Arbeit in New York, dachte Natalie begeistert, ließ sich ihre Aufregung jedoch nicht anmerken.

„Das ist ja klar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mr. Radcliffe seine Sekretärin nur zur Dekoration mitnimmt“, meinte sie bewusst gleichmütig und legte sich dann entsetzt die Hand vor den Mund, als ihr klar wurde, wie das in Heathers Ohren klingen musste, die immerhin demnächst Großmutter wurde. „Oh, verflixt. Ich wollte nicht sagen …“

„Schon gut, Natalie, ich weiß genau, was Sie sagen wollten“, beruhigte die Ältere sie. „Eins muss ich Ihnen noch eindringlich ans Herz legen, und zwar die Notwendigkeit völliger Diskretion.“

„Das habe ich ohnehin für die Grundvoraussetzung des Jobs gehalten, Mrs. Lester“, stimmte Natalie zu. „Wenn Sie allerdings in der Hinsicht Bedenken haben, sollten Sie jemanden schicken, den Sie besser kennen.“

„Nennen Sie mich doch bitte Heather. Und wenn ich Bedenken hätte, würde ich Sie gar nicht fragen, ob Sie den Job wollen. Also: Ja oder Nein?“

„Ich würde liebend gern zusagen, aber ich habe mich schon bei einer anderen Firma als Aushilfe verpflichtet und kann die doch nicht einfach im Stich lassen, nur weil …“

„Keine Sorge! Ich habe mich mit Ihrer Agentur in Verbindung gesetzt. Dort würde man den anderen Auftrag rückgängig machen, falls Sie meinen annehmen.“

Mitten in der Nacht hat sie sich bei der Agenturchefin gemeldet?, dachte Natalie ungläubig.

Heather schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. „Ich bin mit Ihrer Chefin befreundet, die übrigens – wie ich hinzufügen möchte – sehr viel von Ihnen hält.“

„Oh! Ich verstehe. Gut, wenn Sie sich absolut sicher sind, dass ich … ich meine, es muss doch Sekretärinnen in Ihrer Firma geben, die …“ Plötzlich fiel Natalie ein, was die anderen im Büro über Jason Radcliffe erzählt hatten. „… die Steno beherrschen“, beendete sie schließlich den Satz.

Heather lachte. „Nicht so flink und perfekt wie Sie, Natalie. Und ich wäre Ihnen ewig dankbar, wenn Sie mir aus der Klemme helfen.“

Die Dankbarkeit der persönlichen Assistentin Jason Radcliffes wäre nicht zu verachten, wenn ich jemals einen Vollzeitjob übernehmen könnte, überlegte Natalie, obwohl sie den Fall für unwahrscheinlich hielt.

Offensichtlich glaubte Heather, alle Einwände wären nun zerstreut, denn sie erklärte: „Ein Wagen wird Sie um halb zehn abholen und zum Flughafen bringen. Der Fahrer hat sämtliche Unterlagen für Sie dabei, auch einige spezielle Notizen, die ich mir gemacht habe, für den Fall, der genau jetzt eintritt.“

„Ach, so ein Glück!“

„Nicht Glück, sondern weise Voraussicht und entsprechende Planung“, verbesserte Heather freundlich. „Babys haben nun mal eigene Vorstellungen davon, wann sie auf die Welt kommen wollen. Ich schicke Ihnen auch meinen Laptop mit, auf dem Sie alle Informationen finden, die Sie brauchen. Jason war im Urlaub, deshalb wird er mit ziemlicher Sicherheit während des Flugs arbeiten wollen. Haben Sie etwas zu schreiben zur Hand?“

Die folgenden zehn Minuten verbrachte Heather damit, Natalie die wichtigsten Informationen über das anstehende Projekt mitzuteilen, dann verabschiedete sie sich mit dem Hinweis, sie müsse sich nun dringend um ihre Tochter kümmern.

Natalie legte auf. Kurz setzte sie sich auf die unterste Stufe der Treppe und blickte auf die stenografierten Notizen, die sie sich gerade gemacht hatte – wie benommen von der Plötzlichkeit, mit der die Ereignisse über sie hereingebrochen waren. Konnte ihr tatsächlich denn etwas so Erstaunliches passiert sein?

Dann sollte sie lieber aufstehen, nach oben gehen und packen …

„Wer war das denn, Natalie? Es ist rücksichtslos, mitten in der Nacht anzurufen.“

Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Grübeleien. Natalie ging hinauf.

„Alles okay, Mom. Es ging um die Arbeit. Ein ganz spezieller Job hat sich kurzfristig ergeben, und ich muss für einige Tage verreisen, weil …“

„Verreisen? Wohin? Ich kann nicht …“

„Keine Panik, Mom, du kommst bestens klar!“, beruhigte Natalie ihre verstörte Mutter. „Karen ist doch noch bis Ende des Monats hier, bis dahin bin ich längst zurück. Und ich rufe dich jeden Tag an.“ Woher sie anrufen würde, sagte sie lieber nicht. Sie wechselte das Thema. „Ich habe dir heute neue Videos besorgt. Zwei Filme mit Doris Day.“

„Oh, wirklich?“, fragte ihre Mutter, sichtlich erfreut. Doch sofort wurde sie wieder betrübt. „Wenn doch nur dein Vater hier wäre!“

„Ich weiß, Mom, ich weiß!“ Zärtlich strich sie ihrer Mutter das Haar aus der Stirn und küsste sie zart auf die Wange. „So, jetzt schlaf schön weiter. Ich mache dir morgen noch das Frühstück, bevor ich fahre.“

„Heather? Schon den ganzen Morgen versuche ich, Sie zu erreichen! Was soll der Unsinn, dass Sie nicht mit nach New York kommen? Ich bin hier am Flughafen, und der Flug ist schon aufgerufen worden.“

„Tut mir leid, Jason. Ich habe letzte Nacht versucht, Sie anzurufen, aber es hat sich nur der Anrufbeantworter gemeldet, und die Sprechzeit war vorbei, bevor ich erklären konnte, dass …“

„Warum haben Sie Ihr Handy einfach ausgeschaltet?“ „Weil ich es im Krankenhaus nicht benutzen darf.“

„Im Krankenhaus! Wieso Krankenhaus? Was ist passiert?“ „Nichts Besorgniserregendes. Es geht um meine Tochter. Sie hat vorzeitig die Wehen bekommen und macht sich schlimme Sorgen. Die Ärzte erwägen einen Kaiser…“

„Ach, sind Sie neuerdings Chirurgin?“ Er wartete nicht auf ihre Antwort. „Hören Sie auf, mich zum Narren zu halten, Heather, und kommen Sie zum Flughafen. Sie können dem Baby ja etwas besonders Schönes von Tiffany mitbringen.“

„Natalie kann ebenso schnell stenografieren wie ich, und ich habe sie in alle Einzelheiten eingewiesen. Ich garantiere Ihnen, Jason, dass Sie mich überhaupt nicht vermissen werden.“

Natalie?, wiederholte er im Stillen. Wer zum Teufel war das denn?

„Ihre Tochter hat doch einen Mann, oder?“, fragte Jason. „Sie braucht nicht ausgerechnet Sie, Heather, zum Händchenhalten und …“

„Tut mir leid, ich muss jetzt Schluss machen.“

„Ich weigere mich, mit einer Fremden zu arbeiten. Ich will Sie, Heather. Hier. Und zwar sofort!“

„Sie ist doch keine Fremde!“, klang es aus dem Hörer. Und dann: „Lieber Himmel! Ist sie noch nicht da? Der Fahrer sollte sie um halb zehn abholen.“

In dem Moment glitten die Türen auseinander, und Jason entdeckte einen unverwechselbaren blonden Schopf, der aussah, als würde er jeden Moment das Band sprengen, mit dem er zusammengehalten war.

Jason hörte nicht länger zu. Das also war Natalie – diese Venus im Kleinformat aus dem Lift neulich. Sie schob einen hoch beladenen Kofferkuli vor sich her und sprach mit einer älteren Frau, die geistesabwesend in ihrer Handtasche kramte.

„Heather“, sagte Jason Radcliffe zu seiner persönlichen Assistentin, „Sie sind gefeuert.“

Verzweifelt schaute Natalie sich nach jemandem um, den sie um Hilfe bitten konnte – und sah sich plötzlich ihrem „fahrenden Ritter“ aus dem Lift gegenüber. Er hatte seine Rüstung, besser gesagt: seinen eleganten Anzug, abgelegt und sah umwerfend aus in Jeans und einem grauen Kaschmirpullover, der genau zur Farbe seiner Augen passte.

„Ach, fliegen Sie auch nach New York? Wie schön!“, rief sie erfreut. „Ich dachte schon, ich müsste allein mit Jason Radcliffe reisen, von dem jeder sagt, er wäre ein richtiger …“

Sie verstummte. Die Mädels im Büro mochten ja recht haben mit ihrer Meinung über den Boss, aber es wäre nicht ratsam, das auszuplaudern. Vor allem, da sie mit einem Firmenangehörigen sprach, vermutlich einem aus dem Stab brillanter junger Talente, die Jason Radcliffe um sich scharte.

Der Mann zog die Brauen hoch, wie um sie zum Weitersprechen aufzufordern, aber sie ignorierte es und wies auf die ältere Dame neben sich.

„Das ist Kitty“, stellte Natalie sie vor. „Sie will ihren neuesten Enkel in Neuseeland besuchen – vorausgesetzt, sie findet ihr Ticket rechtzeitig.“

„Schon gut, meine Liebe, es ist alles in Ordnung“, versicherte die Ältere. „Ich habe es gefunden – zwischen dem Buch und den Papiertaschentüchern.“

Natalie seufzte erleichtert und wandte sich dem „fahrenden Ritter“ zu. „Ich helfe Kitty nur noch schnell, den richtigen Schalter zu finden, und bin sofort wieder zurück.“

„O nein, Sie werden nirgendwo mehr hingehen. Unser Flug ist bereits aufgerufen worden. Sie hätten schon vor einer Stunde hier sein sollen!“

„Ich weiß, aber in einem der Tunnel hatte es einen Unfall gegeben“, rechtfertigte sie sich.

„Und Sie mussten Erste Hilfe leisten?“, erkundigte er sich. „Diesmal nicht“, erwiderte sie. Da sie annahm, er würde sie necken, blickte sie lächelnd zu ihm auf … woraufhin sie feststellte, dass sie mit dem Lächeln allein dastand. Nun wurde auch sie ernst. „Ich brauche nur eine Minute, um Kitty zu …“

„Sie haben mir anscheinend nicht zugehört, Natalie“, sagte er in einem Ton, der sie alles andere vergessen ließ.

„Oh! Sie kennen meinen Namen?“

Nach einer kurzen Pause gab er zu: „Nur den Vornamen.“ „Ach so. Ich bin Natalie Calhoun.“ Ohne zu lächeln reichte sie ihm kühl und geschäftsmäßig die Hand. „Ich vertrete Heather Lester, deren Tochter gerade …“

„Ich weiß, was ihre Tochter gerade anstellt“, erwiderte er und hielt ihre Hand etwas fester, als üblich – und angenehm – war.

Ganz so, als wollte er mich am Weglaufen hindern, dachte Natalie.

„Und ich hoffe, im Krankenhaus herrscht ein Mangel an Lachgas und sonstigen Schmerzmitteln“, fügte er schroff hinzu.

„Das ist nicht nett! Die arme Frau tut das doch nicht absichtlich.“ Der Einwand schien bei ihm nicht gut anzukommen, deshalb sagte sie sachlich: „Entschuldigung. Sie sind mir gegenüber im Vorteil, denn Sie wissen meinen Namen, ich Ihren aber nicht.“

Statt ihre indirekte Frage sofort zu beantworten, musterte er sie von Kopf bis Fuß. Sein Blick glitt von den lächerlichen Locken über den Hosenanzug – eher bequem als elegant, da sie eine lange Reise darin überstehen musste – zu ihren ebenfalls bequemen, flachen Schuhen. Plötzlich wünschte Natalie, sie hätte sich für Eleganz statt Bequemlichkeit entschieden und würde zehn Zentimeter hohe Absätze tragen, egal, ob praktisch oder nicht!

In dem Moment hörte Kitty auf, in ihrer riesigen Handtasche zu kramen und blickte auf. „Lieber Himmel, sind Sie nicht Jason Radcliffe? Ich habe Aktien Ihrer Firma gekauft, nachdem ich Sie im Fernsehen gesehen hatte. Sie waren ja so charmant, als der unangenehme Moderator Ihnen all die ungezogenen Fragen stellte.“

„Charme liegt, ebenso wie Schönheit, im Auge des Betrachters“, wehrte er ab. „Miss Calhoun findet, ich wäre ein richtiger …“

Seine hochgezogenen Augenbrauen luden Natalie ein, den Satz nun doch noch zu beenden.

„Oh, Mist“, sagte sie unwillkürlich. Aber wenigstens nicht „Mistkerl“.

2. KAPITEL

„Na schön“, begann Natalie schließlich, da sie irgendetwas sagen musste. „Jetzt wissen wir beide, dass ich mich nicht nur aus Schwierigkeiten herausreden kann, sondern auch das Gegenteil schaffe.“

Das Eingeständnis entlockte Jason Radcliffe ein Lächeln. Doch leider drückte es Zustimmung aus.

Endlich verstand sie, warum die Sekretärinnen ihn sowohl für umwerfend sexy als auch für einen Boss hielten, unter dem man nicht gern arbeitete.

Wenigstens hätte sich dieses spezielle Problem schnell für sie erledigt!

„Würden Sie so lange damit warten, mich zu feuern, bis ich herausgefunden habe, zu welchem Schalter Kitty jetzt gehen muss?“, bat Natalie kleinlaut.

„So leicht kommen Sie nicht davon“, erwiderte er. Mit einem einzigen Blick veranlasste er eine eben vorbeigehende junge Frau in der Uniform der Flughafenangestellten, sofort anzuhalten.

Das hatte Natalie auch mehrmals versucht, allerdings vergeblich.

„Lady Milward hat Probleme, den Schalter zu finden, an dem sie einchecken muss“, erklärte Jason. „Würden Sie sich bitte um sie kümmern?“

Und dann lächelte er – ein Lächeln der Hundertfünfzig-Watt-Kategorie. Die junge Frau war schon bei sechzig Watt wie Wachs in seinen Händen, was Natalie sehr gut nachempfinden konnte. Am liebsten hätte sie Jason empfohlen, die Wattmenge doch aus Energiespargründen zu reduzieren, aber dann sagte sie sich, dass sie schon genug Ärger hatte, auch ohne sich mit albernen Kalauern unbeliebt zu machen.

„Gute Reise, Kitty“, wandte er sich nun an die alte Dame und schüttelte ihr die Hand. „Ich hoffe, ich sehe Sie beim nächsten Treffen der Aktionäre.“

„Sie kennen sie?“, fragte Natalie, nachdem sie ihr Gepäck vom Kofferkuli gerettet hatte, bevor er weggefahren wurde.

„Nein. Aber als sie sagte, sie sei Aktionärin, habe ich unauffällig ihre Kofferanhänger studiert. Sie haben sich reinlegen lassen, Natalie! Allerdings vermute ich, Sie waren nicht die Erste, die mit dieser ‚Ich bin nur eine hilflose alte Dame‘-Masche geködert wurde. Indem sie andere dazu bringen, die Schmutzarbeit gratis für sie zu verrichten, werden solche Leute ja überhaupt erst reich.“

„Mir ist egal, wie viel Geld sie hat“, erwiderte Natalie aufgebracht. „Sie brauchte Hilfe, und die hat sie von mir bekommen.“ Da sie nichts mehr zu verlieren hatte, fügte sie unerschrocken hinzu: „Was hat Sie eigentlich so zynisch werden lassen?“

„Erfahrung“, lautete die knappe Antwort. „Machen Sie eine Notiz, dass Kitty zur Cocktailparty eingeladen wird.“

Eine Notiz? Ganz so, als wäre ich seine Sekretärin?, dachte Natalie verblüfft – und plötzlich verstand sie den Sinn seiner Worte, dass sie so leicht nicht davonkommen würde. Sie zu feuern wäre zu großmütig von ihm! Nein, sie würde für ihn arbeiten müssen – und leiden.

Aber in New York, rief sie sich ins Gedächtnis. Immerhin in New York.

„Zu welcher Cocktailparty?“, hakte Natalie schließlich nach.

„Die nach der Jahreshauptversammlung für die Aktionäre gegeben wird.“

„Verstehe!“ Sie griff nach ihrer Tasche, um den Notizblock herauszunehmen.

„Ich meinte eine mentale Notiz. Wir müssen jetzt dringend einchecken, bevor sie den Flugsteig schließen.“

Jason griff nach ihrer fröhlich bunten, billigen Reisetasche, die sie schon durch ihre Studienzeit begleitet hatte. Neben dem funktionellen Laptopkoffer, den Heather mitgeschickt hatte, wirkte sie reichlich schäbig – und erst recht neben Jasons Ledertasche, obwohl diese sichtlich schon weit gereist war.

Das ist der Vorteil, wenn man Qualität kauft, dachte Natalie beim Anblick seines Gepäcks. Teure Sachen alterten sozusagen mit Würde und wurden, wie guter Rotwein, immer besser. Die Patina verlieh ihnen Charakter, hingegen wirkten preiswerte Dinge nur noch billig, sobald sie die besten Zeiten hinter sich hatten.

„Pass!“, verlangte Jason kurz angebunden und hielt die Hand auf, als sie zum Schalter kamen.

Er hat schöne Hände, fand Natalie. So kräftig, dass man sich daran festhalten konnte, wenn man Trost brauchte, doch mit langen, schlanken Fingern, die auf der Haut zu spüren bestimmt …

Sofort rief sie sich zur Ordnung. Sie durfte sich jetzt keinen heißen Fantasien hingeben. Angeblich verrieten Hände etwas über den Charakter eines Menschen, und in dem Fall täuschten seine etwas vor.

Jason Radcliffe war bestimmt alles andere als fürsorglich und zärtlich …

Sie reichte ihm Pass und Ticket. Die Frau am Schalter fand im Computer sofort die Information, dass das Ticket von Heathers auf Natalies Namen umgeschrieben werden musste, und somit gab es keine Verzögerungen durch lange Erklärungen. Erstaunlich, wie Heather trotz der Sorge um ihre Tochter alles so gut organisiert hatte, dass es reibungslos ablief!

Kein Wunder, dass Jason Radcliffe alles andere als begeistert war, sich mit ihr, Natalie, begnügen zu müssen, anstatt von seiner perfekten persönlichen Assistentin begleitet zu werden. Indem sie ein Gähnen unterdrückte, fasste sie im Stillen den Vorsatz, nichts mehr zu tun, was ihn noch weiter verärgerte.

Auf dem Weg zum Flugsteig versuchte sie, mit ihm Schritt zu halten, was nicht leicht war, da er keine Rücksicht darauf nahm, dass ihre Beine mindestens dreißig Zentimeter kürzer waren als seine.

Nun tat es ihr nicht mehr leid, sich für flache Schuhe entschieden zu haben. Auf zehn Zentimeter hohen Absätzen hätte sie den Sprint niemals geschafft.

Außerdem schwor sie sich, den Mund zu halten und erst zu reden, wenn sie angesprochen wurde.

Das fiel ihr nicht leicht, denn es gab so viel zu bestaunen.

In ihren Studententagen war sie in den Ferien mit der Kanalfähre auf den Kontinent gefahren und dort per Anhalter oder mit billigen Zugtickets durch halb Europa gegondelt. Diese Art zu reisen hatte sie geliebt. Geflogen war sie nur einmal, und sie hatte jede einzelne Minute gehasst. Es war ein Charterflug gewesen, und sie war sich in der vollgestopften Touristenklasse wie ein Stück Vieh in einem Transporter vorgekommen.

Doch diesmal war alles ganz anders! Trotz des unangenehmen Gefühls, das sie beschlich – und das sie bis jetzt vor lauter Aufregung gar nicht bemerkt hatte – sah sie sich interessiert um, nachdem sie ins Flugzeug eingestiegen waren. Am liebsten hätte sie begeistert darauf hingewiesen, wie breit die einzelnen Sitze waren, wie viel Platz jedem Passagier zugestanden wurde und wie niedlich die individuellen kleinen Bildschirme aussahen.

Sie redete immer zu viel, wenn sie nervös war.

Um das jetzt zu vermeiden, biss sie sich auf die Lippe und beschäftigte sich mit den bereitgestellten Informationen zum Flug. Nach einem Blick auf das Unterhaltungsprogramm war sie allerdings so erstaunt, dass sie ihr Schweigegelübde vergaß.

„Man kann sich tatsächlich einen Film aussuchen?“, erkundigte Natalie sich.

„Andere Leute vielleicht. Sie sind hier, um zu arbeiten“, antwortete Jason.

Geschlagene sieben Stunden lang?, dachte sie ungläubig, sagte jedoch energisch: „Selbstverständlich. Ich habe mich nur gewundert.“ Sie lenkte ihre Konzentration auf die bevorstehende Arbeit und öffnete den Laptopkoffer. Zuoberst lag ein Umschlag, den sie Jason reichte. „Das hier ist die Nachricht, die Heather Ihnen schickt, Mr. Radcliffe, um Ihnen zu erklären, was es mit mir auf sich hat.“

„Ich weiß schon alles über Sie“, erklärte er ohne Begeisterung. „Sie haben eine Vorliebe für romantische Filme, ziehen Schwierigkeiten magisch an und kommen immer zu spät.“

Halt den Mund, Natalie!, ermahnte sie sich streng. Zufrieden fügte er hinzu: „Und Sie werden mich ab sofort Jason nennen.“

„O nein, das könnte ich nicht!“, protestierte sie.

Damit kam sie allerdings nicht durch.

„Versuchen Sie’s!“ Jason gab sich alle Mühe, nicht die Geduld zu verlieren. Warum nur hatte Heather ausgerechnet dieses Geschöpf als Vertretung ausgewählt? Schlimm genug, dass er in den vergangenen Tagen ständig von Erinnerungen an die wenigen Minuten mit Natalie im Lift heimgesucht wurde, die ihn vom Wesentlichen ablenkten und ihm Zeit stahlen, die er eigentlich dazu verwenden wollte, einen Fünfjahresplan für die Firma zu erarbeiten.

Aber anstatt Strategien und Pläne zu entwickeln, hatte er an ihr albernes Haar gedacht. An ihr unwiderstehliches, ansteckendes Lächeln …

Auf dieser Reise brauchte er jemanden an seiner Seite, auf den er sich hundertprozentig verlassen konnte – und Heather selbst hatte angedeutet, dass Natalie ihn womöglich mit einer guten Geschichte geködert habe. Mit einer Geschichte, die sie sich ausgedacht hatte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Allerdings hatte er sie gerade in Aktion erlebt, und ihr Verhalten wirkte keineswegs gespielt – oder doch? Irgendwie beunruhigte ihn die Tatsache, dass ihr Mitgefühl und ihre Begeisterung nicht geheuchelt waren. Mit Hinterhältigkeit kam er zurecht. Die verstand er und konnte damit umgehen.

Jason atmete tief durch. Nun hatte er Natalie am Hals, und damit mussten sie sich beide abfinden.

„Ich mag ein richtiger Bastard sein“, begann er, „obwohl meine Mutter Ihnen da heftig widersprechen würde. Aber Heather nennt mich Jason, und deshalb werden Sie es auch tun.“ Und damit sie nicht irrigerweise glaubte, er versuche, freundlich zu sein, fügte er schroff hinzu: „Sonst muss ich bei jedem ‚Mr. Radcliffe‘ daran denken, wie viel lieber ich Heather bei mir hätte.“

Ohne auf eine Erwiderung zu warten, öffnete er den Umschlag und zog ein einzelnes, zusammengefaltetes Blatt heraus. Die Nachricht war kurz und bündig:

Jason, ich weiß, Sie werden fuchsteufelswild sein, dass ich die Reise nicht antreten kann, aber Sie wissen doch, Sie müssen sich daran gewöhnen, in naher Zukunft ohne mich auszukommen. Ich habe Ihnen ein Jahr gegeben, Ersatz für mich zu finden, und nun ist die Zeit bald um. Und, nein, ich habe das nicht absichtlich getan! Sogar Ihnen muss klar sein, dass ich die vorzeitige Ankunft eines Babys nicht planen konnte.

Lassen Sie Ihren Ärger darüber bitte nicht an Natalie aus. Es ist wirklich nicht ihre Schuld. Mike war ganz begeistert von ihr. Sie kann perfekt stenografieren, und ich habe mir die Mühe gemacht, ihre Geschichte über den Zwischenfall in der U-Bahn zu überprüfen. So unwahrscheinlich es auch klingt, Ihre kleine Blondine hat nicht geschwindelt.

Ja, ich weiß: Sie ist beinah zu gut, um wahr zu sein. Ich bin mir aber sicher, dass in der Woche, die sie für Sie arbeitet, mögliche versteckte Mängel ans Licht kommen werden. Und wenn Sie sich anständig benehmen, Jason, können Sie Natalie vielleicht überreden, Sie als Vollzeit-Boss zu akzeptieren.

Lieber Gruß, Heather

Jason blickte zu Natalie, die neben ihm saß. „Heather schreibt, Sie seien beinah zu gut, um wahr zu sein. Wollen wir ausprobieren, ob sie recht hat?“

„Wie bitte?“

Zum Glück waren ihre Augen blau, sonst wäre er gezwungen gewesen, sie mit denen eines aufgeschreckten Rehs zu vergleichen.

Was für ein grässliches Klischee, tadelte er sich gleich darauf.

Wenigstens hatte sie versucht, ihr widerspenstiges Haar zu bändigen, und es irgendwie hochgesteckt. Allerdings sah es nicht wie ein modischer Ballerinaknoten aus, sondern eher wie ein Spatzennest in einem Strohdach. Doch schon löste sich eine Locke aus der Frisur, die sich von etwas so Schwächlichem wie einer Haarnadel nicht bezwingen ließ.

Als er merkte, dass Natalie ihn noch immer ansah wie ein erschrockenes, blauäugiges … Reh – es gab wirklich keinen treffenderen Vergleich –, sagte er sarkastisch: „Wenn Sie vielleicht Ihren Notizblock zur Hand nehmen möchten, und zwar bevor wir in New York landen, finde ich eventuell heraus, ob Sie tatsächlich so gut sind, wie Heather und Mike behaupten.“

„Aber wir sind doch noch nicht mal gestartet und …“ Sie biss sich auf die Unterlippe.

Wahrscheinlich, um nichts Falsches zu sagen und mich zu weiteren spöttischen Bemerkungen zu provozieren, dachte er gereizt. Am liebsten würde er …

„Würden Sie sich bitte anschnallen“, sagte eine Stewardess, die den Mittelgang entlangging und überprüfte, ob alles Handgepäck ordentlich verstaut war. „Wir starten jeden Moment.“

Natalie schien genau zu wissen, was vorrangig wichtig war, denn sie nahm einen Notizblock aus der Tasche, bevor sie den Sicherheitsgurt anlegte. Dann schrieb sie Datum und Uhrzeit auf die erste Seite, dazu etwas in Steno – wahrscheinlich das, was sie eben sagen wollte und klugerweise unterdrückt hat, dachte Jason.

Den Bleistift in der Hand, wandte sie sich ihm zu. „Bereit zum Diktat, wann immer Sie wollen“, sagte sie. „Jason.“

Mühsam riss er den Blick – und seine Aufmerksamkeit – von ihrer Frisur los, die sich langsam auflöste, und begann, die Konzepte zu skizzieren, die er auf seiner einsamen Wanderung durchs schottische Hochland entwickelt hatte. Sofern er nicht an Natalies Grübchen gedacht hatte, das ohne erkennbaren Anlass ab und zu auf ihrer Wange erschien …

Das Flugzeug fuhr langsam vom Flugsteig zur Rollbahn, wo es ziemlich lange stand, während der Pilot auf die Starterlaubnis wartete. Jason blickte kurz zu Natalie, um sich zu überzeugen, ob sie bei seinem Diktiertempo mithalten konnte, und merkte, wie sie den Bleistift so fest umfasste, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

War sie nervös? Diese junge Frau, die ohne zu zögern völlig Fremden in Notlagen half?

Während er noch überlegte, ob er etwas dazu sagen sollte, blickte sie zu ihm auf, und nun sah er, dass sie ganz blass war.

Als die Motoren lauter dröhnten und das Flugzeug die Startbahn entlang beschleunigte, steigerte Jason das Tempo seines Diktats, um Natalie abzulenken.

Es hätte vielleicht funktioniert, aber wenn ein Tag schon mal schlecht anfing, ging er unweigerlich so weiter. Als das Flugzeug abhob, fiel in der Bordküche hinter ihnen etwas laut krachend um, und eine Frau auf der anderen Seite des Gangs kreischte erschrocken.

Natalie fuhr so heftig hoch, dass es sie aus dem Sitz gehoben hätte, wenn sie nicht angeschnallt gewesen wäre. Notizblock und Bleistift flogen ihr aus der Hand, und die Haarnadeln, die bisher tapfer gegen die Schwerkraft angekämpft hatten, um ihr Haar oben zu halten, gaben die Anstrengung auf – und das an ein Vogelnest erinnernde Gebilde auf ihrem Kopf schien zu explodieren.

„Müssen wir sterben?“, flüsterte sie entsetzt.

„Ja“, antwortete Jason und nahm ihre Hand. „Aber nicht heute!“

Er ist wirklich ein Bastard, dachte Natalie wütend, während sich ihr Herzschlag nur langsam beruhigte. Wie hatte sie auch nur einen Moment lang glauben können, er wäre freundlich? Charmant? Kurz gesagt, einfach hinreißend?

Na gut, da hatte sie ihn noch für ihren „fahrenden Ritter“ gehalten und während ihrer Mittagspausen die Lifte im Radcliffe Tower nach ihm abgesucht. Lieber Himmel, wie albern!

Okay, Jason Radcliffe sah tatsächlich umwerfend gut aus, sogar noch, wenn der Blick seiner schiefergrauen Augen so eisig wurde, dass sie förmlich am Sitz festfror. Und sie hatte recht behalten, was seine Hände betraf: Sie waren kräftig und warm und genau richtig, um sich daran zu klammern, wenn man glaubte, das letzte Stündlein habe geschlagen.

Zugegeben, er hatte das jungenhafte Aussehen eines Popidols verloren und stattdessen das markante eines Mittdreißigers erworben. Aber wenn er lächelte, sah er nicht annähernd alt genug aus für den missmutigen Finanzmagnaten, als den die Kolleginnen ihn geschildert hatten.

Da sie ihren Notizblock nicht zurückholen konnte, solange sie angeschnallt bleiben musste, saß sie einfach still da und versuchte, nicht darauf zu achten, wie warm sich Jasons Handfläche an ihrer anfühlte und wie beruhigend seine schlanken Finger ihre umfassten. Stattdessen schloss sie die Augen und ließ in Gedanken ihre erste Begegnung mit ihm im Lift Revue passieren. Dabei versuchte sie herauszufinden, wieso sie die Situation völlig falsch interpretiert hatte.

Er hatte durchaus freundlich gewirkt, aber sie hatte ihm ja auch keine Gelegenheit gegeben, anders zu reagieren, da sie ihn förmlich mit einem Wortschwall wegen ihrer Verspätung überschüttet hatte. Normalerweise hätte er wahrscheinlich gar nicht mit ihr gesprochen, und die meisten seiner Angestellten hätten sich bestimmt nicht getraut, mehr zu sagen als Guten Morgen.

Keiner hätte ihm zugerufen, er solle den Lift stoppen, alle wären wahrscheinlich lieber zu spät gekommen.

Und er hatte – wie sie leider jetzt erst merkte – seine Worte, dass sie sich aus jeder Klemme herausreden könne, nicht scherzhaft gemeint, sondern sarkastisch.

Das Signal, das zum Anschnallen aufforderte, erlosch, aber bevor Natalie sich auch nur rühren und ihren Notizblock zurückholen konnte, hatte Jason schon ihre Hand losgelassen und ihn vom Boden aufgehoben.

„Haben Sie inzwischen zu zittern aufgehört und können mit dem Diktat fortfahren?“, fragte er und reichte ihr den Block. „Oder brauchen Sie vorher einen Schluck Kognak als Medizin?“

„Das würde das Ende meines Arbeitstages bedeuten, nicht den Anfang“, lehnte sie dankend ab.

Sie blickte sich nach ihrem Bleistift um, doch der war unter einen Sitz gerollt. Da sie um nichts auf der Welt auf Händen und Knien im Gang herumkriechen und ihn suchen würde, nahm sie einen anderen aus der Tasche. Dann fiel ihr ein, dass sie womöglich mehr als einen brauchen würde, wenn dieser stumpf war. Rasch steckte sie sich das Haar wieder irgendwie hoch und schob einige Ersatzstifte zwischen die Locken, damit sie Jason nicht mitten im Diktat würde unterbrechen müssen.

„So, ich bin bereit“, sagte sie und schaute ihn an, als er nicht sofort etwas sagte. Er blickte starr auf ihr Haar, und einen Augenblick lang nahm sie an, er würde jetzt etwas wirklich Verletzendes über ihre Frisur sagen.

Nein, wahrscheinlich irrte sie sich. Oder er hatte es sich, klugerweise, anders überlegt. Nach einem Moment lehnte er sich jedenfalls zurück, schloss die Augen und begann, seine Ideen in einem Tempo zu diktieren, das sie völlig in Beschlag nahm.

Ihre Aufmerksamkeit wurde nur kurz abgelenkt, als ein Kind ihren Blick auffing und kichernd einen Plastikbecher in ihre Richtung warf. Anscheinend hoffte es auf eine Spielgefährtin, denn seine Mutter schaute wie gebannt einen der zur Auswahl stehenden Filme an.

Zu jeder anderen Zeit hätte sie dem Kind gern den Gefallen getan …

Der Becher rollte den Gang entlang, und das Kleine begann zu weinen. Es fiel Natalie unglaublich schwer, sitzen zu bleiben, wenn sie doch so gern aufgesprungen wäre und den Becher zurückgeholt hätte. Stattdessen atmete sie tief durch und drückte, während sie eine neue Seite aufschlug, den Knopf, der die Stewardess herbeirief.

„Guter Entschluss“, lobte Jason.

Sie schrieb es auf, bevor sie merkte, dass es ein Kommentar zu ihrem Verhalten war und nicht Teil des Diktats. Offensichtlich waren seine Augen nicht so fest geschlossen, wie es den Anschein hatte.

Der Flug verging ohne weiteren Zwischenfall. Natalie tippte die diktierten Notizen in den Laptop, bis ein akustisches Signal sie warnte, dass der Akku aufgeladen werden musste. Doch wenn sie geglaubt hatte, sie könne nun das bisher Geschriebene einfach speichern und sich anschließend für den Rest des Flugs entspannt zurücklehnen, hatte sie sich geirrt.

Jason hörte kurz auf, sich mit einigen Berechnungen zu beschäftigen, nahm einen Adapter aus seiner Laptoptasche, stöpselte ihn in Natalies Laptop, beugte sich über sie und schob das andere Ende in eine spezielle Steckdose in der Wand der Kabine.

Anscheinend fürchtet er, ich könne der Elektronik des Fliegers irreparablen Schaden zufügen, dachte Natalie pikiert. Er war wirklich ein echter Bastard als Boss! Aber er hatte herrliches Haar, stellte sie – insgeheim neidisch seufzend – fest, als sie es nun unerwartet nah zu sehen bekam. Dunkel wie Bitterschokolade und so perfekt geschnitten, dass jede einzelne seidig glänzende Strähne an ihrem Platz lag. Nicht einmal die eine, die ihm kurz in die Stirn fiel, musste er zurückstreichen, als er sich wieder aufrecht hinsetzte.

Während sie sich eine lose Locke hinters Ohr schob, tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass es auf schönes Haar allein im Leben nicht ankam.

Nett zu sein war wesentlich wichtiger.

Jason lehnte alle Angebote einer Erfrischung ab und wollte weder Kaffee noch Tee, ja nicht einmal Mittagessen, als es serviert wurde. Er trank nur ab und zu einen Schluck Mineralwasser und arbeitete unablässig.

Natalie wusste nicht, ob er von ihr erwartete, dass sie seinem Beispiel folgte. Aber nun reichte es ihr! Er konnte ja vielleicht von Luft und Leistung leben, sie hingegen brauchte eine ordentliche Portion Kalorien, wenn sie ihre Arbeitskraft auf dem geforderten Niveau halten sollte. Sobald sie an einem Süßwarengeschäft vorbeikam, würde sie sich eine eiserne Reserve an Schokolade zulegen, nahm sie sich vor. Dann ließ sie sich das Essen schmecken.

Nachdem die Stewardess das Tablett abgeräumt hatte, begann Jason erneut zu diktieren, diesmal eine Rede, die er nach dem Festessen vor einer Gruppe von Finanzgrößen halten würde. Er hörte erst auf, als Natalie kurz davor war, um Gnade zu flehen, weil sie ihre rechte Hand beinah nicht mehr spürte.

Allmählich fragte sie sich, ob Heathers Tochter tatsächlich vorzeitig die Wehen bekommen hatte, oder ob Jasons persönliche Assistentin vielmehr gedacht hatte, sie brauche dringend eine Atempause. Sie könnte sich ja ganz einfach auf falschen Alarm herausreden, wenn sie …

Pfui, was für hässliche Gedanken, tadelte Natalie sich im Stillen und widmete sich wieder dem Tippen. Als der Pilot verkündete, sie würden in Kürze in New York landen, fiel sie sozusagen aus allen Wolken.

„Ich glaub’s einfach nicht! Da drüben steht ein gelbes Taxi!“, rief Natalie.

Jason blickte zur anderen Straßenseite, wo ein schier endloser Strom an Taxis die soeben angekommenen Reisenden aufnahm.

„Sie haben recht, Natalie, es ist tatsächlich gelb“, bestätigte er spöttisch und entdeckte seinen Fahrer, der eben aus einer bereitstehenden Limousine ausstieg. „Das dort ist unser Wagen.“

Er ignorierte ihre Enttäuschung, weil sie nicht in einem der Wahrzeichen New Yorks in die Stadt fahren würden, aber es war ja nicht seine Aufgabe, ihre Träume zu erfüllen, oder?

„Guten Tag, Barney“, begrüßte er seinen Chauffeur. „Heather konnte mich nicht begleiten. Das hier ist Natalie, ihre Vertretung. Sie müssen mit ihr absprechen, wann wir Sie brauchen.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Natalie!“ Barney lächelte strahlend. „Sind Sie zum ersten Mal in New York?“

„Ja“, antwortete sie und erwiderte das Lächeln ebenso strahlend. „Ich kann es kaum erwarten, die Stadt zu sehen.“

„Na, dann steigen Sie schon mal ein und schnallen sich an, während ich mich ums Gepäck kümmere“, sagte der Fahrer. „Und in Null-Komma-Nix haben wir Sie mitten in der City.“

Sie setzte sich in den Wagen und studierte den Terminplan, den Heather ihr mitgegeben hatte.

„Heute um vier Uhr haben Sie ein Meeting mit Ihrem hiesigen Team, Jason“, teilte sie ihm mit, als er ebenfalls einstieg, und runzelte die Stirn. „Wirklich seltsam. Es war heute doch schon mal vier Uhr. Vermutlich ist das die Zeitverschiebung, stimmt’s?“

„Das wäre nicht passiert, wenn Sie Ihre Uhr gleich nach dem Start des Flugzeugs auf New Yorker Zeit umgestellt hätten.“

„Wann genau hätte ich das tun sollen?“, fragte sie zuckersüß.

Jason tat nicht so, als würde er sie nicht verstehen. „Sie haben Zeit gefunden, Mittag zu essen“, hielt er ihr vor.

Und sie hatte Zeit gehabt, sich das Haar neu aufzustecken, woraufhin seine Konzentration beim Teufel gewesen war, weil er ständig eine neue Lockenexplosion und einen darauf folgenden Schauer von Haarnadeln befürchtet hatte. Doch die Landung war ohne Zwischenfall verlaufen, und die Frisur schien so weit fest verankert zu sein. Mühsam wandte er den Blick davon ab.

„Wegen des Jetlags brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen“, fügte er hinzu. „Ich verspreche Ihnen, dass Sie keine Zeit haben werden, um darunter zu leiden.“

„Oh, das freut mich. Ich hatte mir in der Tat schon Sorgen deswegen gemacht.“ Ihre Lippen zuckten, als müsse sie mühsam ein Lächeln unterdrücken. „Mindestens eine Minute lang.“

Ach, sie nahm es also mit Humor? Na schön! Man würde ja sehen, wie lange sie den beibehalten konnte.

„Übrigens: Nicht ich habe ein Meeting um vier Uhr“, verbesserte er sie. „Wir beide haben eins.“

„Sie möchten, dass ich Notizen mache?“, fragte sie überrascht.

„Ich habe Sie schließlich nicht als Modeaccessoire mitgenommen“, erwiderte er schroff. „Und da wir gerade davon sprechen: Ich glaube nicht, dass Bleistifte im Haar als neuester …“

Er merkte, dass sie ihm nicht zuhörte, und er schaute sie an, um festzustellen, was sie ablenkte.

Inzwischen waren sie seit einiger Zeit unterwegs, und natürlich war es die Skyline von Manhattan, die Natalie so fesselte. Golden schimmerten die Gebäude im Dunst des frühen Nachmittags, rechts überragte das Empire State Building die Stadt, weiter links funkelte die Sonne auf dem Dach des Chrysler Buildings.

Diese Silhouette war auf Abertausenden Postkarten abgebildet, und er hatte sie auch in der Realität schon so oft erblickt, dass sie keinen Reiz mehr für ihn besaß. Natalie hingegen war sichtlich wie verzaubert.

Sie seufzte leise und unverkennbar erfreut, dann gestand sie: „Ich kann es nicht glauben, dass ich tatsächlich auf das Empire State Building blicke. Dort ganz oben zu stehen ist auf meiner Wunschliste die Nummer eins.“

„Wenn Sie die Touristin spielen wollen, müssen Sie ein anderes Mal auf eigene Faust hierherkommen“, erwiderte er – gereizt, weil sie einem Klischee mehr Aufmerksamkeit widmete als ihm. „Solange Sie mit mir hier sind, erwarte ich, dass Sie mir vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung stehen.“

Ihre blauen Augen blitzten, und einen Moment lang glaubte er, sie würde sich mit ihm anlegen und ihn daran erinnern, dass er nur einen Arbeitstag von acht Stunden verlangen konnte – den sie bereits auf dem Flug absolviert hatte.

Schließlich gewann aber ihre Vernunft offensichtlich die Oberhand über den rebellischen Impuls, und nur ihre fest zusammengepressten, leicht zitternden Lippen verrieten, wie mühsam sie sich beherrschte.

Das fand er beinah schade. Zu gern hätte er gewusst, was genau sie in diesem Moment dachte.

Allerdings hätte er sie dann sofort entlassen müssen, dessen war er sich sicher.

3. KAPITEL

Natalie biss die Zähne zusammen, um nicht zu sagen, was ihr auf der Zunge lag. Immerhin war sie ein Profi. Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie wusste, dass auf Geschäftsreisen kein Achtstundentag üblich war … aber sie wusste ebenso, dass Jason Radcliffe sie unmöglich Tag und Nacht jede einzelne Minute beschäftigen konnte.

Denn sogar er musste irgendwann schlafen!

Dann würde sie das Empire State Building besuchen, selbst wenn es der einzige Punkt auf ihrer Wunschliste war, den sie sich erfüllen konnte. Sie würde jemanden dazu bringen, sie auf der Aussichtsplattform mit ihrem Apparat zu fotografieren, und das Bild würde sie Jason schicken, sobald sie wieder zu Hause in London war. Er würde sich wohl den Kopf zerbrechen, wie sie es geschafft hatte, Zeit für ihren Abstecher zu finden.

Inzwischen würde sie, das schwor sie sich, brav sein. Da Jason mittlerweile aufgehört hatte, Anweisungen zu geben und alles Mögliche zu diktieren – wahrscheinlich brauchte selbst er ab und zu eine Atempause –, saß sie einfach still da und genoss die Fahrt nach Manhattan.

Alles fand sie aufregend, sogar die heruntergekommenen Gegenden, wie sie an der Peripherie jeder Großstadt zu finden waren. Und endlich gelangten sie ins eigentliche New York mit dem speziellen Flair, das sofort an einen Woody-Allen-Film denken ließ.

Es gelang ihr, sich die Verwunderung nicht allzu deutlich anmerken zu lassen, wie schmal die Straßen waren. Oder wirkten sie nur so, weil die Gebäude so hoch waren? Auch gab sie – fast – keinen Laut von sich, als sie zum ersten Mal den Central Park sah und die Kutschen, die in einer langen Reihe bereitstanden für Kunden, denen nach einer romantischen Fahrt durch die Anlagen zumute war.

Es war unglaublich frustrierend, die Begeisterung nicht mit Jason teilen zu können!

„Stand das auch auf Ihrer Liste?“, fragte er unerwartet. Anscheinend hatte er ihren erfreuten Seufzer gehört und vermutete weitere touristische Anwandlungen bei ihr.

„Wie bitte?“ Natalie versuchte, gelassen zu bleiben und tat so, als hätte sie keine Ahnung, was Jason meinte. Das schien nicht zu funktionieren, und bevor er seine verflixten Augenbrauen fragend hochziehen konnte, sagte sie: „Ach, Sie meinen eine Fahrt mit der Kutsche? Nein! Allein würde das nicht viel Spaß machen.“

„Stimmt“, gab er nach kurzem Überlegen zu. „Das würde es wohl wirklich nicht.“ In dem Moment fuhr die Limousine vor dem Hotel vor und hielt an. „Okay, Natalie, Sie haben zwanzig Minuten Zeit, um sich frisch zu machen, bevor wir weiter müssen.“

„Soll ich mich ums Einchecken kümmern?“, fragte sie, während ein Hotelangestellter ihre Taschen nahm und zum Lift brachte.

„Nicht nötig. Ich habe hier ständig eine Suite gemietet. Das macht weniger Mühe als ein Apartment.“

„Aber natürlich“, stimmte sie zu und versuchte gar nicht, den ironischen Ton zu unterdrücken.

Als Jason dann mit einer Magnetstreifenkarte die Tür zur Suite öffnete und beiseite trat, um Natalie vorangehen zu lassen, wäre ihr der Mund vor Staunen offen stehen geblieben, wenn sie nicht die Lippen fest zusammengepresst hätte, damit ihr keine erfreuten Seufzer mehr entschlüpfen konnten.

Ihr war, als wäre sie in einen Film geraten – einen der Streifen, die sie Tag für Tag mit ihrer Mutter zusammen ansah.

Die Suite war luxuriös eingerichtet, der Teppich so dick, dass man bis zu den Knöcheln darin versank, überall standen frische Blumen und Schalen mit Obst …

Es gab sogar eine kleine, gut ausgestattete Küche und, was sie weniger verlockend fand, ein Minibüro mit modernsten Geräten.

Die atemberaubende Aussicht aus dem Fenster ihres Zimmers auf den Central Park ließ sie kurz vergessen, dass sie hier war, um zu arbeiten. Allerdings hatte sie nicht viel Zeit, um das Panorama zu genießen.

Egal! Nichts und niemand – nicht einmal Jason Radcliffe – konnte ihr die Freude verderben und das strahlende Lächeln vertreiben, das ihr Gesicht erhellte, als sie unter die Dusche ging.

Sie, Natalie Calhoun, war tatsächlich in New York!

„Haben Sie jemals daran gedacht, etwas wegen Ihres Haars zu unternehmen?“, erkundigte Jason sich, während sie in der Limousine in die City fuhren.

Natalie hatte offensichtlich geduscht, und die Feuchtigkeit hatte ihr Haar in eine Masse kleiner Korkenzieherlöckchen verwandelt, die sie offen trug. Anscheinend hatten die Haarnadeln endgültig den Dienst verweigert.

„Welche Art von ‚etwas‘ würden Sie vorschlagen?“, fragte sie und sah ihn an.

Nein, auf diesen Unschuldsblick würde er nicht hereinfallen! Allmählich durchschaute er ihre Taktiken.

„Etwas, wozu man eine Schere braucht?“, schlug er ironisch vor.

„Das ist bereits versucht worden“, antwortete sie, nicht unfreundlich, aber so übertrieben nachsichtig, als würde sie es einem Trottel erklären. „Mein Haar war, wie Sie sich wahrscheinlich vorstellen können, eine schwere Heimsuchung für meine Mutter. Eines Tages, nachdem sie mal wieder einen Kamm zerbrochen hatte beim Versuch, mein Haar zu bändigen, hat sie es mit der Schneiderschere gekürzt. Danach sah ich aus wie ein schlecht getrimmter Pudel.“

Vermutlich hätte er jetzt lachen sollen. Stattdessen erschien vor Jasons innerem Auge ungebeten das mitleiderregende Bild einer sehr kleinen Natalie mit unregelmäßig geschnittenem, kurzem und weiterhin krausem Haar. Er wünschte, er hätte den Mund gehalten.

„Ich hatte an etwas Professionelleres gedacht“, sagte er, für seine Verhältnisse ziemlich freundlich.

„Einen Hundefriseur?“, hakte sie nach. „Der auf Pudel spezialisiert ist?“

„Okay, ich habe verstanden“, erwiderte Jason und wollte seine Entschuldigung so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Ich hätte keine Bemerkung …“

„Ich habe einmal überlegt, ob ich sie mir ganz kurz schneiden lassen soll“, redete sie weiter, als ob er sie nicht unterbrochen hätte. „Aber dann hätte ich das Problem, dass ich die Frisur ewig behalten müsste, weil ich niemals den Albtraum durchmachen möchte, es wieder wachsen zu lassen. Wenn Sie aber“, fügte sie hinzu, „irgendwelche anderen Vorschläge haben, bin ich gern bereit, sie mir anzuhören. Inzwischen sollten Sie die gute Seite sehen: Wenn ich das Haar offen trage, kann ich wenigstens keine Bleistifte darin aufbewahren.“

Zum ersten Mal im Leben fiel ihm keine passende Erwiderung ein. Das hatte er nun davon, weil er den Fehler begangen hatte, die Grundregel in seinem persönlichen Handbuch über den Umgang mit Menschen zu missachten, die lautete: Abstand halten.

Er versuchte nicht einmal mehr, sich zu entschuldigen. Natalie hatte ihm seine ungebetene Einmischung heimgezahlt, sogar doppelt und dreifach.

Den Rest der Fahrt vergeudete er kostbare Zeit damit, sich zu überlegen, warum sie nur als Aushilfe arbeitete, wenn sie doch sowohl äußerst fleißig als auch so klug war, dass sie ihn mühelos in die Schranken gewiesen hatte.

Natalie schien auf andere ebenso faszinierend zu wirken. Als sie an seiner Seite in den Konferenzraum ging, stand ein halbes Dutzend Männer vorübergehend sprachlos da.

„Meine Herren, darf ich Sie mit Natalie Calhoun bekannt machen? Heather ist zurzeit damit beschäftigt, Großmutter zu werden, und Natalie ist für sie auf dieser Reise eingesprungen“, stellte Jason sie vor.

Er wollte gerade hinzufügen, dass man ihr jede Unterstützung gewähren solle, doch da merkte er, wie überflüssig das war. Ja, er lief beinah Gefahr, im Ansturm auf Natalie niedergetrampelt zu werden, als seine Mitarbeiter nach der ersten Überraschung zu ihr eilten und sich gegenseitig beiseite schoben, um ihr die Hand zu schütteln, ihr Kaffee anzubieten und ihr die Tasche abzunehmen.

Jason unterdrückte den idiotischen Wunsch, sie alle wegzuscheuchen. Er überließ es ihnen, sich selbst vorzustellen, während er sich von seinem Anwalt auf den neuesten Stand der Dinge bringen ließ.

Natalie hatte erwartet, dass Jason das Meeting sofort eröffnen würde, aber da er anderweitig beschäftigt war, lächelte sie nur und genoss es, auch einmal im Mittelpunkt zu stehen.

„Hatten Sie einen guten Flug?“, fragte ein großer, sonnengebräunter Mann mit der Figur eines griechischen Gottes.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie schelmisch. „Ich habe die ganze Zeit gearbeitet.“

„Ein Flug, den man gar nicht bemerkt, ist ein guter Flug“, erklärte ein anderer junger Mann.

Auch er war groß. Sie waren alle so groß, dass Natalie bald einen steifen Nacken haben würde, wenn sie ständig zu ihnen aufschaute.

„Hallo, ich bin Marcus Wade“, stellte er sich vor. Er besaß das Selbstbewusstsein eines Menschen, der weiß, dass er nur zu lächeln brauchte, um zu bekommen, was er wollte.

„Guten Tag, Mr. Wade“, sagte sie höflich und reichte ihm die Hand.

„Nennen Sie mich Marcus“, bat er, ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

„Oh, ich liebe diesen britischen Akzent“, bemerkte jemand hinter ihr. „Sagen Sie noch etwas!“

Sie wandte den Kopf. Ihr blieb ja nichts anderes übrig, wenn sie die Hand nicht aus Marcus’ Griff befreien wollte, was unhöflich gewirkt hätte.

Ein dritter junger Mann sah sie bittend an, und sie lächelte. „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“, zitierte sie aus My Fair Lady, und selbst der strenge Professor Higgins hätte an ihrer Aussprache nichts zu bemängeln gehabt.

Der junge Mann verdrehte schwärmerisch die Augen, und Natalie lachte.

„Sind Sie zum ersten Mal in New York?“, erkundigte sich ein Vierter, der Brad Pitt zum Verwechseln ähnlich sah.

Ja, sie alle sind athletisch und sehr gut aussehend, dachte Natalie. Außerdem wirkten sie … so gesund und wohlgeraten. Bis auf Marcus Wade. Er hatte das Flair des „bösen Buben“, das Müttern leicht zu beeindruckender Töchter kalte Schauer verursachte.

Zum Glück war sie kein Teenager mehr, und leicht zu beeindrucken war sie nie gewesen. Wenigstens nicht bis zu einer Fahrt vor Kurzem im Lift … Und die hatte bewiesen, wie gefährlich erste Eindrücke sein konnten.

„Ja, ich bin zum ersten Mal hier und kann es beinah nicht glauben“, antwortete Natalie.

„Wie schön! Für Sie ist also alles noch neu – die Freiheitsstatue, der Central Park, der Times Square und …“

„Als Erstes müssen Sie unbedingt eine Hafenrundfahrt machen“, mischte sich ein weiterer junger Mann ein.

„Und eine Sightseeing-Tour mit dem Bus, weil …“

„Ich glaube nicht, dass ich Zeit für ein so umfangreiches Programm habe“, meinte Natalie bedauernd.

„Absolut unverzichtbar ist Brunch am Sonntag bei ‚Katz’s‘. Sie sind doch übers Wochenende hier, oder? Ich würde mich freuen, Sie einzuladen, Natalie.“ Das kam von Marcus, der ihre Aufmerksamkeit wieder für sich beanspruchte. Und er sah sie so an, als ob ihn im Moment nichts anderes auf der ganzen Welt interessieren würde.

Sie schaffte es, nicht zu lachen. „Das ist wirklich ganz reizend von Ihnen, Marcus, aber …“

„Ganz reizend! Sie hat es tatsächlich gesagt! Das ist ja unbezahlbar“, schwärmte der junge Mann mit der Vorliebe für die echt britische Aussprache.

Marcus funkelte ihn an. Er fand die Unterbrechung offensichtlich nicht unbezahlbar.

„Aber wir fliegen schon am Donnerstag nach London zurück“, konnte Natalie endlich den Satz beenden.

„Sie haben aber doch hoffentlich Zeit, sich eine Show am Broadway anzusehen“, mischte sich nun wieder der Doppelgänger von Brad Pitt ein, der eine Chance witterte. „Das dürfen Sie auf keinen Fall versäumen.“

Das Getue, das die jungen Männer machten, lenkte Jason irgendwie ab, und missmutig blickte er zu ihnen hinüber. Er wollte seine Mitarbeiter gerade zur Ordnung rufen, als sein Blick auf Natalie fiel – und er vergaß, was er hatte sagen wollen.

Sie hatte den formlosen Hosenanzug gegen ein enges dunkelgraues Kostüm getauscht, das ihre altmodisch kurvenreiche Figur mit der schmalen Taille betonte, dazu trug sie hochhackige Schuhe, die den Blick auf ihre wunderbar schmalen Fesseln lenkten. Ihr Haar, auf das ein Sonnenstrahl durchs Fenster fiel, leuchtete golden wie ein Heiligenschein.

„Was man auch nicht versäumen darf, ist ein Besuch des Empire State Buildings bei Nacht. Das werden wir gleich heute erledigen, Natalie! Zuerst Abendessen, direkt nach dem Meeting, und dann entführe ich Sie ins …“

„Nicht heute, Marcus“, mischte Jason sich ein. „Natalie ist schon mit dem Computer verabredet, und ich bin mir sicher, dass Sie auch genug anderes zu tun haben werden.“

„Lassen Sie die Ärmste nicht einmal essen?“

Jason stellte erstaunt fest, dass sein fähigster und brillantester Mitarbeiter ihn herausforderte, aber nicht, wie zu erwarten gewesen war, in Form eines beruflichen Machtgerangels, sondern wegen einer Frau! Bald würde Marcus lernen, seine Kräfte für wirklich bedeutsame Schlachten aufzusparen.

Frauen gab es schließlich genug!

„Jason hat gearbeitet statt zu essen, nicht ich“, sagte Natalie und blickte so bedeutungsvoll auf ihre Hand, dass Marcus sie endlich loslassen musste. „Soll ich irgendjemandem Kaffee holen, bevor wir anfangen? Jason? Möchten Sie eine Tasse?“

Er ließ sich nicht anmerken, wie sehr es ihn ärgerte, dass sie ihm zu Hilfe gekommen war. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen!

„Nein, danke“, wehrte er ab. „Lassen Sie uns anfangen.“ Er bedeutete ihr, sich neben ihn zu setzen, dann versuchte er, nicht länger an sie zu denken, während er die Strategien für die kommende Woche skizzierte.

Es war nicht einfach, Natalie zu ignorieren.

Und es war unmöglich zu übersehen, wie hingerissen seine Zuhörer in seine Richtung blickten, wenn er sprach. Vielleicht lag es ja daran, dass sie wirklich an der vorliegenden Aufgabe interessiert waren, aber er hatte das unbehagliche Gefühl, dass es Natalie neben ihm war, die sie so faszinierte.

Mit Heather hatte er nie konkurrieren müssen, wenn es darum ging, die Aufmerksamkeit junger Geschäftsmänner zu fesseln, die offensichtlich von ihren Hormonen gesteuert wurden. Kurz blickte er zu Natalie, um sich zu vergewissern, dass ihr Arbeitseifer nicht nachließ, und ertappte sie dabei, wie sie mit einem der Männer ein Lächeln tauschte.

Heather ist allerdings gerade dabei, Großmutter zu werden, rief Jason sich ins Gedächtnis, als sie schließlich eine Pause machten, um sich mit Kaffee und Sandwiches zu stärken.

Natalie wurde mit Angeboten, ihr zu helfen, förmlich überschüttet, als sie Tassen füllte und Teller belud. Marcus tat sein Bestes, um die anderen abzublocken, wozu er als Footballspieler auch über die richtige Figur verfügte.

Er war seine, Jasons, erste Wahl gewesen, als es um den Posten des Vorstands der New Yorker Niederlassung ging. Marcus war nicht aufzuhalten, wenn er etwas wollte, und sein Charme überdeckte die grundlegende Skrupellosigkeit.

Natalie legte den Kopf in den Nacken und lachte herzlich über eine Bemerkung, die Marcus ihr ins Ohr geflüstert hatte, und Jason beglückwünschte sich nicht länger zur Wahl ausgerechnet dieses Mannes.

Unvermittelt rief er sein aufgewühltes Team zurück an den Konferenztisch.

„Was haben Sie wegen des Abendessens geplant, Jason?“, erkundigte Marcus sich, als das Meeting endlich zu Ende war. „Ich könnte beim Italiener anrufen, den Sie so gern mögen, und fragen, ob sie uns einen Tisch reservieren.“

„Wenn Sie meinen, dass Ihr Arbeitstag schon vorbei ist, Marcus, dann gehen Sie ruhig aus und amüsieren Sie sich“, erwiderte Jason.

Er ließ sich nicht eine Sekunde lang von der scheinbar beiläufigen Einladung hinters Licht führen. Es gab nur eine Person, mit der Marcus gern essen gehen wollte, und wenn er diese nicht loseisen konnte, lud er eben die ganze Gruppe und den Boss mit ein – und glaubte, sein Charme würde ihm den Weg ebnen.

„Wir sind nicht so gut dran wie Sie“, fügte Jason hinzu. „Natalie muss das Protokoll tippen, und ich habe auch genug zu tun. Deshalb werden wir uns mit dem Zimmerservice begnügen.“

„Das war schrecklich grausam von Ihnen, Jason“, meinte Natalie, als sie an seiner Seite das Gebäude verließ.

„Was war grausam?“

„Was Sie Marcus angetan haben. Er wird jetzt die ganze Nacht arbeiten.“

„Das wird er morgen jedenfalls behaupten. Ich würde allerdings jede Wette eingehen, dass er nur eine halbe Stunde durchhält und dann unterwegs in ein schickes Restaurant ist.“ Und nicht allein, hätte Jason am liebsten hinzugefügt, aber er ließ es bleiben. Marcus schlecht zu machen würde bedeuten, dass er ihn als Konkurrent ernst nahm. Und so wichtig war es ja wirklich nicht.

„Der Glückliche!“ Natalie seufzte leise.

„Sind Sie hungrig?“

Sie blickte zu ihm auf, und kurz hatte er den Eindruck, sie würde etwas Wichtiges zu sagen haben. Dann überlegte sie es sich offensichtlich anders und schüttelte den Kopf.

„Ehrlich gesagt, bin ich viel zu müde, um noch an Essen zu denken“, erklärte sie. „Ich möchte nur noch das Protokoll tippen und dann ins Bett. Schlafen darf ich doch, oder?“

„Wenn Sie nicht essen wollen, schlage ich vor, dass Sie genau das tun. Und zwar sobald wir im Hotel sind.“

Sie sagte nichts, aber ihr Blick sprach Bände.

„Aller Voraussicht nach werden Sie nämlich um drei Uhr früh hellwach sein und können dann die liegen gebliebene Arbeit nachholen.“

„Sie haben wirklich ein großes Herz, Jason“, erwiderte sie ironisch und stieg in die Limousine.

„Herzen sind was für Verlierer, Natalie. Mitgefühl bringt keine Dividenden. In dieser unserer Welt kann man sich nur auf eins verlassen: Geld.“

„Sind Sie wirklich so zynisch wie Sie tun? Das kann doch eigentlich nicht sein“, meinte sie.

Er machte sich nicht die Mühe, ihr zu widersprechen.

Kurz nachdem sie sich im Hotel zurückgezogen hatte – offensichtlich so müde, dass sie kaum noch die Augen offen halten konnte –, hörte er in ihrem Zimmer das Telefon einmal klingeln, dann war sie anscheinend bereits am Apparat.

Das habe ich nun von meinem Zynismus, sagte Jason sich. Und es geschah ihm ganz recht.

4. KAPITEL

„Natalie, würden Sie den Zimmerservice anrufen?“

Jason hatte sich auf ihre fröhliche Gesellschaft gefreut. Er hatte sich vorgestellt, wie sie bereits eifrig die stenografierte Mitschrift des Treffens in den Computer übertrug, während der Drucker munter die im Flugzeug getippten Notizen ausdruckte. Aber der Drucker stand still, der Laptop war geschlossen, und seine Sekretärin war nicht glänzender Laune, sondern glänzte durch Abwesenheit.

Es war kurz nach sieben Uhr morgens. Er hatte sich darauf verlassen, dass er wegen der Zeitverschiebung viel früher aufwachen würde, aber er war erst gegen zwei Uhr ins Bett gegangen. Diese Ausrede traf auf Natalie nicht zu!

Als sie auf sein Rufen nicht reagierte, klopfte er scharf an ihre Zimmertür, um sie zu wecken.

Dann nahm er eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und trank einen großen Schluck. Noch immer rührte sich nichts in Natalies Zimmer.

Nochmals klopfte Jason, dann ging er hinein. Nun war klar, warum er keine Antwort erhalten hatte: Sie war nicht da. Ihr Bett sah aus, als hätte sie nicht darin geschlafen, und das schockierte ihn.

Er wusste nicht, was ihn wütender machte: dass Marcus Wade Zeit damit vergeudet hatte, Natalie zu umgarnen, wenn er sich auf seinen Job hätte konzentrieren sollen – oder dass sie dumm genug gewesen war, auf ihn und sein Süßholzraspeln hereinzufallen.

Sie hatte vielleicht nicht mehr gewollt, als die Stadt vom Dach des berühmtesten Gebäudes in New York zu betrachten, aber jedem musste aufgefallen sein, dass Marcus ganz anderes im Sinn hatte.

Das Klingeln des Telefons in seinem Zimmer riss Jason aus den finsteren Gedanken. Schnell ging er hin und hob ab. „Ja?“

„Mr. Radcliffe? Hier Vince vom Sicherheitsdienst des Hotels. Wir haben hier … ein Problem.“

Natalie! Es konnte nur um sie gehen.

„Und welches?“, hakte Jason nach.

„Na ja, wir halten hier eine junge Dame fest, die um einen Schlüssel zu Ihrer Suite gebeten hat. Sie behauptet, sie wäre Ihre persönliche Assistentin, und obwohl ich weiß, dass sie lügt – immerhin kennen wir alle Mrs. Lester sehr gut –, hielt ich es für besser, bei Ihnen nachzufragen. Bevor ich weitere Schritte unternehme.“

Das war so vorsichtig formuliert, dass Jason keinen Zweifel hatte, was Vince vermutete, und er war sehr versucht, Natalie im Gewahrsam des Sicherheitsdienstes zu belassen – zumindest für eine Weile. Das würde wenigstens seine Laune bessern! Und Natalie lehren, nicht nach einer durchgemachten Nacht heimlich ins Hotel zurückzuschleichen.

Leider konnte er nicht so lange auf sie verzichten, aber einige Minuten sollte sie ruhig noch im Ungewissen bleiben.

„Ich komme gleich nach unten, Vince“, versprach er und legte auf.

Dann zog er seinen Trainingsanzug an, denn er hatte vor, einige Zeit im Fitnessraum des Hotels zu verbringen, während seine kleine Miss Tourist emsig tippen würde, um ihren Fauxpas wettzumachen.

„Das ist absolut empörend!“

Jason hörte Natalie schon durch die geschlossene Tür. „Bitte, Ma’am, bleiben Sie ganz ruhig und …“

„Ruhig! Können Sie sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als man mich von der Rezeption hierher eskortiert und jeder mich angesehen hat, als wäre ich eine Hochstaplerin oder eine Hoteldiebin? Oder sogar eine … Professionelle?“ Beim letzten Wort wurde ihre Stimme noch lauter.

„Bitte, Ma’am, es besteht kein Grund, wütend zu werden. Wir werden der Sache auf den Grund …“

„Ach, Sie denken, ich wäre wütend?“, wollte sie wissen.

In dem Moment öffnete Jason die Tür. Natalie stand mitten im Raum, umringt von drei Security-Männern, die sie bei Weitem überragten, aber sie wich und wankte nicht.

„Ich bin nicht wütend“, erklärte sie weiter. „Bestenfalls leicht gereizt.“

„Hallo, Natalie! Was gibt’s? Irgendwelche Probleme?“

Sie wandte sich rasch um. „Jason! Endlich! Was, zum Teufel, hat Sie so lange aufgehalten?“ Einen Moment lang zitterte ihre Stimme und verriet so ihre Befürchtungen.

Am liebsten hätte er Natalie den Arm um die Schultern gelegt und ihr versichert, dass alles in Ordnung sei. Doch bevor er sich rühren konnte, hatte sie sich bereits wieder gefangen.

„Warum haben Sie Vince nicht einfach am Telefon gesagt, dass alles okay ist?“, fragte sie aufgebracht und wies auf den ältesten der Männer.

„Ich war sowieso auf dem Weg nach unten, deshalb hielt ich es für besser, Vince persönlich zu beruhigen.“

Natalie trug – wie zu erwarten gewesen war – nicht mehr das dunkle Kostüm, aber sie hatte auch kein verführerisches Outfit an, mit dem sie seinen Schützling Marcus hätte beeindrucken können. Vielmehr trug sie ein dünnes graues T-Shirt, das sich eng an ihre Kurven schmiegte, und Joggingshorts, die glatte, wohlgeformte und sonnengebräunte Beine zeigten.

Einzelne Strähnen ihres aufsehenerregenden Haars hatten sich aus dem Band gelöst, mit dem sie es zusammengefasst hatte, und klebten ihr feucht an Stirn und Wangen.

„Ach, vergessen Sie Vince! Sie hätten doch nur zu sagen brauchen: ‚Wenn die betreffende Person klein und vorlaut ist und schreckliches Haar hat, ist sie okay.‘ Stimmt’s?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, während sie ihn nun zur Zielscheibe ihres Zorns machte.

Jason fiel es schwer, nicht laut zu lachen, aber er wusste, dass sie ihm nie verzeihen würde, wenn er auch nur lächelte. Also sagte er ruhig: „Vince, darf ich Ihnen Miss Natalie Calhoun vorstellen, die Mrs. Lester diese Woche vertritt?“ Er lächelte freundlich. „Sie ist okay. Könnten Sie ihr einen Schlüssel besorgen?“

„Ja, natürlich, Mr. Radcliffe.“

Plötzlich hatten die Männer es sehr eilig, ihren Pflichten nachzukommen, und Jason blieb mit Natalie allein.

„Sie haben also befürchtet, man könne Sie für eine Pro…fessionelle halten?“, fragte Jason. „Da hätten Sie sich keine Sorgen zu machen brauchen.“

Natalie errötete heiß. „Meinen Sie, das wäre zu ehrgeizig von mir gedacht … so wie ich aussehe?“

Eine Locke fiel ihr über das linke Auge. Sie blies sie weg, aber natürlich fiel sie sofort wieder zurück. Jason konnte nicht anders, er streckte die Hand aus und schob sie ihr hinters Ohr.

„Bei der Frage passe ich lieber“, sagte er. Plötzlich merkte er, dass er kurz davor war, eine Grenze zu überschreiten, hinter der Gefahr lauerte. Rasch trat er einen Schritt zurück und fragte: „Wo, zum Teufel, waren Sie überhaupt?“

Sie sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren, dann blickte sie betont auf ihr Outfit, das ihm ja deutlich verraten musste, was sie getan hatte. Schließlich sagte sie – wahrscheinlich für den Fall, dass er unheilbar schwer von Begriff war – betont sachlich: „Beim Joggen.“

Doch nicht die ganze Nacht, dachte er. Und fragte scharf: „Allein?“ Plötzlich bereitete ihm ihre Sicherheit mehr Kopfzerbrechen als ihre Moral.

„Ist das etwa gesetzlich verboten?“, konterte Natalie. „Schauen Sie, Jason, um vier Uhr habe ich den Versuch aufgegeben zu schlafen. Ich bin aufgestanden, habe das Protokoll der gestrigen Sitzung getippt und zusammen mit den Notizen aus dem Flugzeug ausgedruckt, danach wollte ich einfach an die frische Luft. Okay?“

„Sie haben schon alles erledigt?“ „Sie haben doch gesagt …“

„Ich weiß, was ich gesagt habe. Aber ich habe es nicht so gemeint.“

„Nicht? Oh!“ Sie zuckte leicht die Schultern, wie um zu sagen, dass sie das ja nicht hatte wissen können.

„Tut mir leid, Natalie, dass Sie es ernst genommen haben. Aber ich bin so an Heather gewöhnt, die meine ironische Art …“

„Schon gut, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Jason. Ich war doch ohnehin hellwach, und es hatte wenig Sinn, im Bett zu liegen und auf den Sonnenaufgang zu warten.“

„Deshalb haben Sie die Protokolle getippt und sind anschließend im Central Park joggen gewesen?“ Er klang noch immer ungläubig.

„Ja, zusammen mit Dutzenden anderer Leute, also brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, ich hätte mich wie eine typische Touristin verhalten.“ Mit den Fingern malte sie bei dem Wort Anführungszeichen in die Luft. „Ich habe mich wie eine waschechte New Yorkerin aufgeführt.“ Sie musterte seinen Trainingsanzug. „Wenn Sie rechtzeitig aufgewacht wären, hätten Sie mich begleiten können. Hatten Sie eine Schlaftablette genommen? Ich habe an Ihre Tür gehämmert, aber Sie haben nichts gehört.“

„Warum haben Sie nicht die Magnetstreifenkarte für die Tür mitgenommen? Die lag auf dem Schreibtisch.“

„Das habe ich doch! Aber ich habe sie in meine Gürteltasche gesteckt, zusammen mit meiner Kamera, und die Batterie scheint den Magnetstreifen zerstört zu haben. Als ich Sie mit meinem lauten Klopfen an der Tür zur Suite nicht wecken konnte, bin ich zur Rezeption gegangen, um eine neue Karte zu besorgen. Und da wurde ich eingeladen, die Herren vom Sicherheitsdienst in ihr Büro zu begleiten.“

Da kam der Manager des Hotels herein und überreichte ihnen zwei Karten. „Ich bitte wegen des Irrtums vielmals um Entschuldigung“, begann er. „Aber Mrs. Lester rief uns vorige Woche an und teilte uns mit, dass sie mit Ihnen, Mr. Radcliffe, herkommen würde. Allerdings hat uns niemand von einer Änderung der Pläne benachrichtigt, und der …“

„Erstaunlich“, rutschte es Natalie heraus. „Ich hätte gedacht, die Frau sei unfehlbar.“

„… der Rezeptionist ließ natürlich lieber Vorsicht walten.“ „Ja, das ist verständlich, Mr. Luis“, stimmte Jason zu. „Es war allein unsere Schuld, dass …“

„Nein, tun Sie das nicht, Jason! Entschuldigen Sie sich nicht bei ihm. Ich bin wie eine Aussätzige behandelt worden“, mischte Natalie sich ein, anscheinend in dem – nicht unberechtigten – Glauben, dass ihr eine Entschuldigung zustand. „Wahrscheinlich wären alle viel höflicher gewesen, wenn ich Designerlaufschuhe tragen würde, die mehr kosten, als ich in einer Woche verdiene. Und die ich mir leisten könnte“, fügte sie zuckersüß hinzu, „wenn ich tatsächlich eine Hoteldiebin wäre.“

„Ich bin mir sicher, dass man Sie ab jetzt mit äußerstem Respekt behandeln wird“, entgegnete Jason. Er legte ihr eine Hand auf den Rücken und schob sie keinen Widerstand duldend aus dem Büro. Erst als sie außer Hörweite waren, redete er weiter. „Ihnen ist doch klar, dass Sie mir in zwei Tagen mehr Probleme bereitet haben als Heather in zehn Jahren?“

Natalie sah überrascht aus, was kein Wunder war, denn was ihn so peinigte, spielte sich hauptsächlich in seinem Kopf ab. Anders gesagt, es waren seine Überlegungen und Fantasien, die ihm keine Ruhe ließen.

Sie atmete tief durch und schien ihm widersprechen zu wollen, doch dann sagte sie nur: „Diesmal war es wirklich nicht meine Schuld.“

„Ich weiß, aber der Mann hat nur seine Pflicht getan“, erwiderte Jason mitleidlos. „Lassen Sie’s endlich gut sein.“

„Na schön“, meinte sie nach einem weiteren tiefen Atemzug. „Wie Sie wollen. Ich werde zurückgehen und mich entschuldigen, sobald ich mich geduscht und richtig angezogen habe.“ Als sie vor dem Lift standen, sagte sie noch: „Tut mir wirklich leid, Sie in Verlegenheit gebracht zu haben, aber ich hatte Angst, in einer Arrestzelle zu landen.“

„Ich hätte die Kaution für Sie bezahlt und Sie da rausgeholt“, versicherte er ihr. „Irgendwann einmal.“

Sie lächelte breit. „Verstehe. Sie sind nicht so schlimm, wie alle behaupten.“ Schnell wechselte sie das Thema. „Aber ehrlich. Schauen Sie mich doch mal an!“ Ihr Zorn war ebenso rasch verflogen, wie er aufgeflammt war. Sie lächelte, und das Grübchen neben ihrem Mundwinkel schien ihn aufzufordern, die Angelegenheit aus ihrer Perspektive zu betrachten. „Was glaubte dieser unglückselige Mensch denn, was ich halbe Portion Ihnen antun könnte?“

J

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