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Es geschah in einer tropischen Nacht

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Trish Morey

Es geschah in einer tropischen Nacht

Als Zane sie leidenschaftlich küsst, glaubt Ruby, dass sie ihn endlich erobert hat. Doch liebt dieser attraktive, umschwärmte Mann sie wirklich? Oder sucht er nur eine Affäre bei ihr?

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Trish Morey

Es geschah in einer tropischen Nacht

 

Als Zane Bastiani die hinreißend schöne Ruby Clemenger im silbernen Mondlicht sieht, wird das Verlangen, sie zu erobern, übermächtig in ihm. Lange hat er sich gegen die leidenschaftlichen Gefühle für die junge Schmuckdesignerin gewehrt, doch in dieser tropischen Nacht muss es geschehen. Verheißungsvoll küsst er sie, geht mit ihr Hand in Hand in sein Hotelzimmer, um sie zärtlich zu verführen. Ein einziges Mal soll sie sein werden, dann muss er sie vergessen. Denn Zane glaubt, dass Ruby die Geliebte seines Vaters war ...

PROLOG

Sobald Zane Bastiani den Fuß auf das Flugfeld des Broome International Airport setzte, spürte er, wie die drückende Luftfeuchtigkeit ihn umschloss. Irritiert sah er zum Himmel auf, wo groß und golden die Sonne erbarmungslos auf ihn herniederbrannte.

Die Hitze hatte er tatsächlich völlig vergessen. Ebenso wie den azurblauen Himmel, die salzhaltige Luft und die nahezu unwirkliche Helligkeit. Nach neun Jahren im grauen, verregneten London konnte man so etwas vergessen.

Neun Jahre. Er war ein Fremder im eigenen Land.

Kaum zu glauben, dass es schon so lange her war, seit er mit nichts als der festen Überzeugung, es aus eigener Kraft nach oben zu schaffen, hier fortgegangen war. Heute, mit einer großzügigen Terrassenwohnung in Chelsea, einem Chalet in Klosters und dem Chefsessel in einer der dynamischsten Handelsbanken in ganz London, war er seinem Ziel schon ziemlich nahe gekommen.

Und die ganzen vergangenen neun Jahre über hatte er auf den Anruf seines Vaters gewartet. Dass sein Vater seinen Irrtum zugeben würde. Doch als er den Anruf aus Australien schließlich erhalten hatte, war nicht sein Vater am Apparat gewesen.

Sein Zustand sei stabil, hatten die Ärzte gesagt. Und dass Laurence ihn sehen wolle.

Nach den letzten bitteren Worten war ein Herzinfarkt nötig gewesen, um ein Wiedersehen in die Wege zu leiten.

So hatte Zane einen Platz in der ersten Maschine gebucht, die ihn auf schnellstem Wege in die ruhige australische Stadt bringen konnte. Mit einer Platin-Kreditkarte ließ sich so etwas in kürzester Zeit arrangieren.

Auf dem Weg zum Terminal lockerte Zane die verkrampften Nackenmuskeln und stählte sich für das Treffen mit seinem Vater. Als Kind war ihm Laurence Bastiani immer größer als das Leben erschienen. Der große Mann mit der donnernden Stimme, den hochtrabenden Ideen und der robusten Gesundheit. Nicht einmal eine Grippe hatte es gewagt, ihn zu befallen. Es war schwer, sich diesen Mann von einem Herzinfarkt niedergestreckt auf dem Krankenbett vorzustellen. Für Laurence musste es schrecklich sein. Wahrscheinlich hatte er seinen Körper bereits mental entlassen.

Zanes Reisetasche war unter den ersten Gepäckstücken, die auf dem Rollband erschienen. Er packte sie und ging zum Ausgang, vor dem die Taxis warteten.

Schon jetzt klebte ihm das dünne Baumwollhemd auf der Haut. Wie lange mochte es wohl dauern, bis er sich wieder an die Hitze gewöhnt hatte? Unwichtig, dachte er im gleichen Moment, als er dem Taxifahrer knapp die Adresse nannte.

Er wäre längst wieder in London zurück, bevor das passieren konnte.

1. KAPITEL

Das Notfallteam war fort, die Schläuche und Nadeln herausgezogen, die Apparate abgestellt. Seltsam …, in den letzten zwei Tagen hatte sie das monotone Piepen der Maschinen hassen gelernt, weil es Laurences sich ständig verschlechternde Konstitution anzeigte. Doch jetzt würde Ruby Clemenger alles dafür geben, diesen Ton wieder zu hören. Er würde die tödliche Stille im Zimmer brechen. Und er wäre Beweis, dass Laurence noch lebte.

Doch Laurence lebte nicht mehr.

Ihre Augen brannten, doch es kamen keine Tränen. Sie hatte es noch nicht akzeptiert. Es war so ungerecht. Fünfundfünfzig war kein Alter, um zu sterben. Erst recht nicht, wenn man so voller Energie und Leben steckte wie Laurence Bastiani, Besitzer des größten Zuchtperlenunternehmens der Welt. Selbst jetzt sah er aus, als schliefe er nur, doch da war kein Heben und Senken der Brust, kein unmerkliches Zucken im Gesicht, auch seine Finger reagierten nicht mehr auf den leichten Druck ihrer Hand.

Ruby neigte den Kopf und presste die Lider zusammen. Sie versuchte, sich auf etwas anderes als auf das schwarze Loch der Verzweiflung zu konzentrieren, doch Logik und Vernunft hatten sie zusammen mit Laurences unerwartetem Abschied verlassen. Sie konnte nur noch an seine letzten Worte denken: „Kümmre dich um ihn“, hatte er angestrengt geflüstert und seine Finger in ihren Arm gedrückt. „Kümmre dich um Zane. Und sag ihm, es tut mir leid …“

Sie hatte keine Zeit mehr gehabt zu fragen, was er damit meinte. Warum der Sohn, der sich seit fast zehn Jahren nicht beim Vater gemeldet hatte, jemanden brauchte, der sich um ihn kümmerte, oder warum der Vater es für nötig hielt, sich zu entschuldigen. Ganz zu schweigen davon, warum ausgerechnet sie das machen sollte.

Dieser verlorene Sohn, der seinen Vater all die Jahre ignoriert hatte, stand bei ihr so weit unten auf der Liste, dass er für sie praktisch gar nicht existierte. Denn sie hatte ihren Mentor und eine Vaterfigur verloren, und vor allem einen lieben Freund.

„O Laurence“, flüsterte sie stockend. „Du wirst mir schrecklich fehlen.“

Sie hörte, wie hinter ihr die Tür aufging, und holte tief Luft. Das Krankenhauspersonal würde sie wohl jetzt auffordern zu gehen, damit es die notwendige Arbeit tun konnte.

Ruby hob den Kopf, ohne sich umzudrehen. „Ich bin gleich so weit. Lassen Sie mir nur noch einen Augenblick, bitte.“

Es erfolgte keine Antwort, auch kein diskretes Zurückziehen oder das Schließen der Tür. Dafür verspürte Ruby plötzlich eine seltsame Kälte, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

„Ich würde gern mit meinem Vater allein sein.“

Ruby wandte den Kopf mit einem Ruck zu dem Fremden, der in der Tür stand. Für den Bruchteil einer Sekunde stieg freudiges Erkennen in ihr auf, bis ihr die Wahrheit klar wurde.

O ja, das hätten Laurences Augen sein können. Das gleiche Braun, die gleiche Form und die gleichen schweren, sinnlichen Lider. Doch während im Blick des Älteren eine Mischung aus Respekt und Zuneigung gelegen hatte, mit Lachfältchen in den Augenwinkeln wegen eines kleinen Scherzes oder der Freude über die perfekte Perle, blickte dieses Augenpaar sie kalt und herablassend an.

Zane. Alle Alarmsirenen in ihrem Kopf begannen zu läuten. Er mochte Laurences Sohn sein, aber ihr Freund war er deswegen noch lange nicht.

Seine Körpersprache machte es klarer als jedes Wort, angefangen von dem unrasierten Kinn, den wirren kurzen Haaren, den schwarzen Designerjeans bis hin zu den langen Beinen, die in handgearbeiteten Lederstiefeln steckten. Das weiße Hemd hätte den harten Eindruck mildern müssen, stattdessen betonte es nur die olivbraune Haut und die dunklen Züge. Dieser Mann strahlte Macht aus, als sei sie sein Geburtsrecht.

Ruby zwang sich dazu, den Rücken durchzustrecken, als sein Blick auf ihren mit seines Vaters verschränkten Händen auf dem Bett haften blieb. Unmut ging in großen Wellen von ihm aus, als er es sah, doch Ruby ließ ihre Hände dort, wo sie waren. Ob es ihm passte oder nicht, sie hatte ein Recht darauf, hier zu sein.

Doch ganz gleich, welche Fehler er haben mochte, auch er musste trauern. Selbst wenn Vater und Sohn fast eine Dekade kein Wort miteinander gewechselt hatten, so war Ruby doch klar, dass Laurences Tod ein Schock für Zane sein musste. Noch gestern war jeder davon ausgegangen, dass Laurence genesen würde. Als Zane gestern in London die Maschine bestiegen hatte, war der Tod seines Vaters eine völlig unwahrscheinliche Möglichkeit gewesen. Zane müsste schon hart wie Granit sein, sollte er nicht erschüttert sein. Niemand konnte so gefühllos sein.

„Sie müssen Zane sein“, hob Ruby an, um das eisige Schweigen zu brechen. „Ich bin Ruby Clemenger. Ich habe mit Ihrem Vater zusammengearbeitet.“

„Ich weiß, wer Sie sind“, knurrte er.

Sie holte tief Luft und überdachte ihr Urteil noch einmal. Vielleicht war er doch derart hart und gefühllos. Um Laurences willen setzte sie erneut an. „Herzliches Beileid.“ Sie schüttelte den Kopf. „Er wollte Sie so unbedingt sehen. Aber Sie sind zu spät.“

Zane kniff die Augen zusammen. „Ja, so sieht es mir auch aus.“ Nur mit Mühe riss er sich zusammen. Natürlich, sie musste ja hier sein! In den letzten Jahren hatte er kein einziges Foto von seinem Vater gesehen, ohne dass diese Frau an seinem Arm gehangen hätte. Ruby Clemenger, ständige Begleiterin und rechte Hand seines Vaters. Laurence hatte immer eine Schwäche für schöne Beine gehabt. Den schimmernden Gliedmaßen nach zu urteilen, die da unter dem Stuhl steckten, hatte Laurence sich in dieser Hinsicht nicht geändert.

Im Moment wünschte Zane sich jedoch nichts anderes, als dass sie diese Beine in die Hand nehmen und von hier verschwinden würde. Es war sein Vater, seine Trauer, seine Wut. Er war seit vierundzwanzig Stunden unterwegs und war wegen einer einzigen Stunde um das Wiedersehen mit seinem Vater gebracht worden. Er wollte seine Gefühle mit niemandem teilen, schon gar nicht mit jemandem wie ihr.

Zumindest schien es, als hätte sie den Wink verstanden. Die Angriffslust, die kurz in ihren Augen aufgefunkelt war, schwand. Doch sie trat nicht von dem Bett fort, und selbst in seinem übermüdeten Zustand fielen Zane die verführerischen weiblichen Kurven auf, die strahlend blauen Augen, umrandet von langen Wimpern, die vollen, schön geschwungenen Lippen, die geradezu darum bettelten, geküsst zu werden.

Ganz so, wie sein Vater es schätzte.

Bittere Galle stieg in ihm auf. Sie war gute dreißig Jahre jünger als Laurence. Bei ihrer Figur und ihrem Aussehen hatte sein Vater nicht die geringste Chance gehabt. Der Herzinfarkt war praktisch vorprogrammiert gewesen.

Jetzt beugte sie sich vor und küsste Laurence zum endgültigen Abschied auf die Wange. „Leb wohl, Laurence. Ich werde dich immer lieben.“

Ihre geflüsterten Worte trafen Zane wie ein Schlag in den Magen, brachten jenen Zynismus, den er sich bei einigen der unschönsten Firmenübernahmen in ganz Europa angeeignet hatte, zum Überschäumen. Diese Show war offensichtlich für ihn gedacht. Er wusste, wozu Menschen fähig waren, wenn Geld auf dem Spiel stand.

Ruby Clemenger war lediglich eine Angestellte der Bastiani Pearl Corporation, auch wenn ihre Dienste offenbar weit über das reine Schmuckdesign hinausgegangen waren. Erhoffte sie sich, ein Stück des millionenschweren Unternehmens zu ergattern, jetzt, da Laurence nicht mehr lebte?

„Wie anrührend.“ Seine Geduld war zu Ende. „Sind Sie endlich so weit?“

Er sah, wie sie sich versteifte. Dann legte sie ein letztes Mal ihre Hand an Laurences Wange. Sie drehte sich um, und ohne Zane eines Blickes zu würdigen, ging sie an ihm vorbei und verließ leise den Raum.

Ihr Duft hing noch in der Luft.

Verführerisch.

Ärgerlich!

Zane stieß einen knurrenden Laut aus und trat an das Bett seines Vaters. Er war müde, litt unter Jetlag und kochte vor unterschwelliger Wut. Er war um die halbe Welt gehetzt, nur um zu spät zu kommen. Als Mann, der jede Frist um Längen schlug, traf ihn ausgerechnet dieses Zuspätkommen bis ins Mark.

Noch schlimmer allerdings war die Erkenntnis, dass trotz der erschütternden Ereignisse der in der Luft hängende Duft seine Aufmerksamkeit auf die Person lenkte, an die er jetzt am allerwenigsten denken sollte – die Geliebte seines Vaters.

„Soll ich Sie zum Haus mitnehmen?“

Ruby hatte vor dem Zimmer auf Zane gewartet. Als er nun nach einer halben Stunde herauskam, ignorierte er sie geflissentlich und ging mit energischen Schritten zum Schwesternzimmer, um dem medizinischen Personal Fragen zu stellen.

Ihr persönlich könnte es nicht gleichgültiger sein, wo er blieb und wie er dorthin kam. Warum kroch er nicht wieder unter den Stein zurück, unter dem er die letzten zehn Jahre gesessen hatte! Doch Laurences letzter Wunsch hielt sie zurück. Wenn Laurence eine so tiefe Liebe für einen Sohn empfinden konnte, der so lange nichts von sich hatte hören lassen, dann konnte sie zumindest höflich sein – um Laurences willen.

Eine Schwester überreichte Zane schließlich seine Reisetasche, die anderen gingen wieder ihrem Dienst nach. Er war also direkt vom Flughafen hergefahren? Irgendwo musste er also unterkommen.

Ruby erhob sich von ihrem Stuhl und wiederholte ihre Frage. „Möchten Sie, dass ich Sie mitnehme?“

„Ich habe Sie beim ersten Mal bereits gehört.“ Mit steinerner Miene warf er sich die Tasche über die Schulter, eine Bewegung, die seine Muskeln unter dem Hemd spielen ließ. Seine Statur glich der seines Vaters, aber er war größer und wirkte bedrohlicher, als Laurence jemals gewesen war. „Ich nehme mir ein Taxi.“

„Das wäre unsinnig, da ich den gleichen Weg habe.“ „Tatsächlich?“ Eine Augenbraue wurde nach oben gezogen. „Wieso das?“

Ruby zögerte. Das Arrangement, das sie und Laurence getroffen hatten und das ihr immer so normal erschienen war, war nicht mehr haltbar. Sie würde es ändern müssen. Schnellstmöglich. Es war eine Sache, das Haus mit Laurence zu teilen, Laurence, der ihr wie ein Vater gewesen war. Etwas ganz anderes allerdings war es, mit Laurences Sohn unter einem Dach zu leben, wenn seine Feindseligkeit und Geringschätzung so offensichtlich durchschimmerten.

„Weil … ich dort wohne.“

Zane verzog die Lippen. Ah, die Mätresse direkt im Haus! „Wie praktisch. Mein Vater muss Ihre …“ – Liebesdienste auf Abruf – „… Gesellschaft sehr geschätzt haben.“

Sie hob das Kinn ein wenig höher und schaute ihm direkt in die Augen. „Ihr Vater war ein bemerkenswerter Mann. Zwischen uns bestand eine ganz besondere Freundschaft.“

„Da bin ich sicher“, antwortete er verächtlich. Sein Vater hatte schon immer die Angewohnheit gehabt, „besondere Freundschaften“ zu pflegen. Die letzte hatte dem Sohn den Respekt für den Vater gekostet und die Vater-Sohn-Beziehung beendet. Zane war entschlossen, dass es ihn dieses Mal absolut nichts kosten würde.

Es war nicht weit bis zum Haus, doch mit der Klimaanlage im Auto war Fahren wesentlich angenehmer als Laufen. Zane starrte während der kurzen Fahrt aus dem Fenster, die alte Nachbarschaft war ihm noch vertraut. Und er versuchte den Duft zu ignorieren, der ihn daran erinnerte, in wessen Auto er saß.

Zumindest sagte sie nichts. Zu viel war in der kurzen Zeit auf ihn eingestürzt und die körperliche Erschöpfung zu groß, als dass er noch die Kraft für ein Wortgefecht gehabt hätte. In dem benommenen Zustand, in dem er sich im Moment befand, kristallisierten sich nur zwei Dinge klar heraus: Sein Vater war tot, und sein eigenes Leben würde sich radikal ändern.

Die Chancen, dass es besser würde, waren minimal.

Ruby lenkte den sportlichen BMW auf die Auffahrt zu dem großzügig angelegten Bungalow im Kolonialstil, der zwanzig Jahre lang Zanes Zuhause gewesen war. Als er ausstieg, fühlte er beim Anblick des Hauses kurz eine heftige Wärme, die nicht von der strahlenden Sonne herrührte.

London und die letzten neun Jahre waren ihm niemals so weit weg erschienen.

Gebaut worden war das Haus im neunzehnten Jahrhundert, als Perlen noch wertvoller gewesen waren als Gold und diejenigen, die mit ihren Booten hinaus zum Perlentauchen fuhren, die gleiche Macht besessen hatten wie Könige. Eine breite Veranda führte um das Haus herum. Üppig blühende Bougainvilleen rankten sich an den Wänden empor, luden dazu ein, das luftige, kühle Innere zu betreten.

Das leere Innere.

Bitterkeit troff aus einer Wunde, die trotz der langen Jahre kaum zu heilen begonnen hatte. Seine Mutter hatte dieses Haus mit den knarrenden Holzböden und den hohen Decken geliebt. Die großen Fenster waren dazu gedacht, auch die leiseste Brise hereinwehen zu lassen. Und seine Mutter hatte den tropischen Garten geliebt, der immer drohte, zu einem Dschungel zu werden und das Haus zu vereinnahmen, wenn man ihn nicht ständig im Auge behielt.

Das Gefühl von Verlust wurde zu einem körperlichen Schmerz, verkrampfte seinen Magen und hinterließ einen bitteren Geschmack. „Willkommen daheim“, murmelte er gepresst.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Er registrierte ihre Worte mehr, als dass er sie hörte. Sie zogen ihn zurück in die Vergangenheit. „Mein Großvater kaufte dieses Anwesen von einem der letzten großen Perlenmeister.“ Sein Blick lag unverwandt auf dem Haus, während er die Geschichte wiedergab, die seine Mutter ihm so oft erzählt hatte. „Laurence war damals noch ein Kind. Die Perlmuttindustrie schrumpfte immer mehr, und Großvater steckte alles, was er hatte, in die neue Zuchtperlentechnologie. Er hatte den Traum, der erste Perlenfarmer einer neuen Generation zu werden.“

„Er hat seinen Traum verwirklicht“, sagte Ruby leise. „Ihr Großvater und Ihr Vater haben ein riesiges Erbe hinterlassen. Die Bastiani Pearl Corporation ist ein Vermögen wert.“

Ihre Worte schnitten wie ein Messer durch seine Gedanken, und er richtete seinen düsteren Blick auf sie. Was war mit diesen Frauen los, dass sie nur an Geld dachten? Mit Annelies war es das Gleiche gewesen. Bei ihrem letzten unerwarteten Treffen – zwei Tage, bevor Zane zu diesem hektischen und, wie sich soeben herausgestellt hatte, nutzlosen Rennen nach Australien angetreten war – hatte sie ihn mit ihren weiblichen Waffen überrumpelt, als sie wohl endlich langsam begriffen hatte, dass die Beziehung zu Ende war. Sie hatte das Tränenventil aufgedreht und sich bitterlich beschwert, dass Zane schließlich ihrer gesamten Aufmerksamkeit zuteil geworden sei und sie für ihn unendlich viel aufgegeben habe.

Zane hatte nur gelacht. Selbst wenn, so hatte Annelies doch von der kurzen Liaison genügend profitiert, was ihr die Überbrückungszeit versüßen sollte. Lange hatte sie sowieso nicht gebraucht, bis sie den Nächsten gefunden hatte. Ihr goldenes Haar und ihre Alabasterhaut hatten ihn fasziniert, bis er ihren wahren Charakter erkannt hatte. Jetzt war er frei von ihrem vereinnahmenden Wesen. Und hatte die Nase voll von allen anderen Goldgräberinnen.

„Stimmt was nicht?“ Rubys Frage machte klar, dass ihr seine durchdringende Musterung nicht gefiel.

Er nahm seine Tasche. „Gehen wir hinein.“

Seine Augen brauchten etwas Zeit, um sich an das Licht im Innern des eleganten Bungalows zu gewöhnen. Zane sah sich um. Das Haus mochte vor über achtzig Jahren gebaut worden sein, doch seine Mutter hatte Wert darauf gelegt, bei jeder Renovierung über die Jahre dem jeweils neusten Stand gerecht zu werden und gleichzeitig den Stil des Hauses zu erhalten. Er ließ unmerklich die Luft aus den Lungen entweichen, als er wahrnahm, dass Rubys Anwesenheit keinen Einfluss auf die Handschrift seiner Mutter genommen hatte.

„Ich habe Kyoto gebeten, Ihr ehemaliges Zimmer vorzubereiten.“ Sie wandte sich ihm zu. „Falls Sie bleiben wollen. Ich hoffe, es ist Ihnen recht.“

Er konnte es kaum glauben. „Kyoto ist noch hier?“ Dass er überhaupt noch lebte! Der japanische Perlentaucher arbeitete schon seit Jahren für die Familie, erst als Koch, dann als Herr des Hauses. Als Zane noch ein Junge gewesen war, war Kyoto ihm schon wie ein alter Mann vorgekommen. „Er arbeitet doch sicherlich nicht mehr, oder?“

Ruby nickte, ein schwaches Lächeln hellte ihre Züge für einen Moment auf. „Hauptsächlich beaufsichtigt er die anderen. Wir haben einen Koch und eine Reinemachfrau für die groben Arbeiten.“ Das Lächeln schwand. „Ich habe ihn heute nach Hause geschickt. Die Nachricht hat ihn am Boden zerstört.“

Sie presste die Lippen aufeinander und wandte sich hastig ab. Entweder versuchte sie, Tränen zurückzuhalten, oder aber, wenn Annelies als Maßstab dienen konnte, Ruby wollte lediglich den Eindruck bei ihm erwecken, als würde sie Tränen zurückhalten. Annelies hätte eine Doktorarbeit über den jeweils effektivsten Einsatz von Tränen schreiben können – auch wenn er bezweifelte, dass sie je eine ehrliche Träne vergossen hatte. Warum sollte Ruby nicht mit einem ähnlichen Arsenal bewaffnet sein? Wahrscheinlich gehörte so etwas zu den Jobanforderungen.

„Nun, den Weg zu Ihrem Zimmer brauche ich Ihnen sicher nicht zu zeigen. Ich lasse Sie dann allein, damit Sie sich einrichten können.“

Er könnte jetzt einfach den langen Gang zu seinem alten Zimmer gehen. Er könnte sie ignorieren und ihr damit zeigen, dass ihre kleine Inszenierung ihn völlig kaltgelassen hatte. Eigentlich müsste er einfach gehen.

Doch etwas trieb ihn, ihr zu beweisen, dass er nicht auf sie hereingefallen war. Sie sollte wissen, dass er die Frauen kannte und sich nicht von billigen Tricks blenden ließ.

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter, achtete nicht auf ihr erschrecktes Zusammenzucken und drehte sie zu sich herum. Dann hielt er ihr Kinn und hob es an, sodass sie ihn ansehen musste. Unendlich langsam hob sie den Blick aus den aquamarinblauen Augen zu ihm auf.

Ihre langen Wimpern waren feucht. Sie war gut, das musste er zugeben, wenn sie auf Abruf Tränen bereit hatte. Doch dann erkannte er etwas in diesen Augen, das ihn bis ins Mark traf.

Schmerz. Unendliche Trauer. Verzweiflung, die den Verstand ausschaltete.

Dinge, die er selbst fühlte. Eine einzelne Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel, und aus einem Reflex heraus wischte er sie sanft mit dem Daumen fort. Er hörte Ruby leise nach Luft schnappen und fühlte, wie ein Zittern sie durchlief. Etwas in ihm veränderte sich gegen seinen Willen. Das war nicht, was er erwartet hatte. Sie war nicht, was er erwartet hatte.

„Sie haben ihn wirklich gern gehabt?“ Seine ungläubige Frage verriet seine Gedanken. Hatte sie mehr in Laurence gesehen als den Mann, der für den Luxus sorgte? Musste er seine Meinung über sie ändern? In seinem Kopf wirbelte alles durcheinander.

Ruby entzog sich seinem Griff und wich zurück. „Ist das so schwer zu glauben? Laurence machte es einem leicht, ihn zu mögen.“

Das Eingeständnis brachte seinen Gedankentumult schlagartig zum Stehen. Heiße Rage stieg in ihm auf, als die Fakten wieder an die richtige Stelle rückten. „Laurence machte es einem leicht“ – kein Vertuschen, keine Heuchelei. Mit einem einzigen Satz hatte sie offen das Verhältnis beschrieben. Kein Wunder, dass sie so erschüttert war. Sie hatte ihren großzügigen Gönner verloren! „Da gehe ich jede Wette ein“, meinte er verächtlich.

Sie kam näher, den Kopf leicht geneigt, so als habe sie ihn nicht richtig gehört. „Ich glaube, ich verstehe nicht ganz. Was genau meinen Sie?“

„Das ist ja wohl nicht besonders schwer. Ein reicher alter Mann mit einer ausgeprägten Vorliebe für hübsche junge Frauen, der es sich leisten kann, ihnen die Zeit, die sie mit ihm verbringen, angemessen zu vergüten.“

Wäre er nicht so übermüdet gewesen, hätte er vielleicht die Chance gehabt, sie abzuwehren. So jedoch war er nicht einmal vorbereitet.

Ihre flache Hand traf seine Wange mit der Wucht und der Schnelligkeit eines Pistolenschusses.

Entsetzt über sich selbst, wich sie einen Schritt zurück, starrte auf die Haut, die sich flammend rot färbte. Ihr Herz raste, doch langsam beruhigte sich ihr Puls wieder, und nur der Ärger blieb.

Zane rührte sich nicht von der Stelle, rieb sich nur mit zusammengekniffenen Augen Kinn und Wange. „Sie haben einen anständigen Schlag“, knurrte er.

„Das haben Sie verdient.“ Wie konnte er nur so etwas über Laurence und sie denken! „Ich werde mich auch nicht entschuldigen. Solche Beleidigungen brauche ich mir von Ihnen nicht anzuhören.“

„Weil Sie die Wahrheit nicht vertragen?“

„Sie glauben wirklich, ich wäre wegen des Geldes bei Laurence gewesen?“

„Für die meisten Menschen wäre das sehr verlockend.“

„Ich bin nicht ‚die meisten Menschen‘. Sein Geld hat mich nie interessiert.“

„Warum sonst sollten Sie mit einem Mann zusammenleben, der alt genug war, Ihr Vater zu sein?“

Sie brach in bitteres Gelächter aus, einfach, weil sie sonst über die Ungerechtigkeit heulen würde. Er lag so völlig falsch. Er kannte seinen Vater nicht. Er kannte sie nicht. Er wusste überhaupt nichts.

„Sie tun mir leid“, sagte sie mit einer Ruhe, die sie nicht fühlte. „Begriffe wie Freundschaft und Verbundenheit kennen Sie scheinbar nicht. Nur weil Sie nicht fähig waren, Ihrem Vater Respekt und Zuneigung entgegenzubringen, heißt das nicht, dass andere ebenso dachten.“

Seine Augen begannen hart zu funkeln. „Also sind Sie aus reiner Herzensgüte bei ihm gewesen? Um ihm Gesellschaft zu leisten und ihn zu unterstützen? Als Nächstes werden Sie mir noch weismachen wollen, dass Sie ihn wirklich geliebt haben.“

„Jemand musste es ja tun!“ Wütend lehnte sie sich vor, bis sie die Wärme, die von ihm ausstrahlte, fühlen konnte. „Von Ihnen hat er ja nichts als Kummer erfahren!“

2. KAPITEL

Stunden später lag Zane in seinem alten Zimmer und starrte mit offenen Augen in die aufsteigende Morgendämmerung. An Schlaf war nicht zu denken gewesen, selbst wenn er sich bei all den alten Postern und Trophäen aus der Schulzeit, die das Zimmer noch immer schmückten, einbilden konnte, er sei nie fort gewesen.

Seine Gedanken drehten sich unablässig um diese Frau. Die Frau, deren Augen Blitze schleuderten und deren Zunge Gift versprühte. Die Frau mit der Figur einer Göttin und dem Schlag eines Profiboxers. Sie hatte definitiv Feuer.

Zane wälzte sich auf den zerwühlten Laken. Wie sie wohl im Bett sein mochte? Jede Wette, dass sie ohne Kleider noch mehr Energie hatte.

Er schlug ein letztes Mal auf sein Kissen ein, gab auf und schwang die Beine aus dem Bett, um ins angrenzende Bad zu gehen. Im Spiegel betrachtete er sein Konterfei und fuhr sich müde mit der Hand über das Gesicht. Was war nur los mit ihm? Es konnte ihm doch gleichgültig sein, wie sie im Bett war. Er würde ganz bestimmt nicht da ansetzen, wo sein Vater aufgehört hatte!

Außerdem hatte er sich um wesentlich wichtigere Dinge zu kümmern. Die Beerdigung musste arrangiert werden, er musste sich um die Zukunft der Firma Gedanken machen. Eine Zeit lang würde er wohl übernehmen müssen, bis er eine endgültige Lösung gefunden hatte. Er sollte besser schnell damit anfangen, bevor Ruby dazwischenfunkte. Von Laurence hatte sie vielleicht „Zuneigung“ erwarten können, doch jetzt, da er hier war, würde sich einiges ändern.

Nach einer Dusche und mit frischen Kleidern fühlte sich Zane zumindest halbwegs wieder wie ein Mensch, als er in die Küche kam.

„Mister Zane!“, rief Kyoto aus. Das alte Gesicht verzog sich zu einem Lächeln mit Zahnlücken und bekam noch mehr Falten. „Gut, dass Sie zu Hause sind. Ich mache Ihnen Frühstück – spezial.“

Anschließend folgte eine kurze Umarmung von sehnigen dünnen Armen, dann wandte Kyoto sich seiner Aufgabe zu und rührte Eier in einer Pfanne, als hätte es den Körperkontakt nie gegeben.

Zane lächelte vor sich hin. So lange er Kyoto kannte, war dieser noch nie so aus sich herausgekommen. Irgendwie rührte es ihn an. „Es tut auch gut, dich wiederzusehen.“

„Ihr Vater.“ Der Alte schüttelte den Kopf, während er Eier auf einen Teller häufte. „Es ist so schlimm.“

„Ich weiß.“ Jetzt, da dampfender Kaffee, Toast und Rührei vor ihm standen, fühlte Zane Kyotos Verlust mehr als den eigenen.

Dann war er auch schon wieder allein in dem großen, luftigen Zimmer. Es war lange her, seit er das letzte Mal etwas Vernünftiges gegessen hatte, daher war der Berg auf seinem Teller ziemlich geschrumpft, als Kyoto zurückkam und wortlos eine kleine Holzkassette vor Zane auf den Tisch stellte.

Die antike Perlenfischerschatulle, das Prunkstück auf Laurences Schreibtisch, ein Relikt aus der Zeit, als natürliche Perlen noch selten und unendlich kostbar gewesen waren, stand jetzt vor ihm. Forderte ihn heraus. Verspottete ihn.

Denn es waren keine Perlen, die das Kästchen enthielt. Eher etwas wie Dynamit.

„Ihr Vater wollte, dass Sie es bekommen“, antwortete Kyoto auf Zanes stumme Frage.

Zane schob seinen Teller von sich und stürzte den letzten Schluck Kaffee hinunter, ohne den Blick von der Schatulle zu wenden. Nein, es war nicht das Kästchen, das er bekommen sollte, auch wenn es unvorstellbar wertvoll war. Sondern sein Inhalt.

Hatte sein Vater wirklich gedacht, er hätte es nicht geahnt? Zane wusste ganz genau, was da drinnen lag. Nämlich die bittere Erinnerung an den Grund, warum Zane damals gegangen war. Natürlich hatte Laurence es gewusst, entschied er in Gedanken. Und Laurence hatte Zane nicht gerufen, um sich mit ihm zu versöhnen und ins Reine zu kommen, sondern um seinen Standpunkt noch einmal zu bekräftigen und Salz in die Wunden zu streuen!

Die Bilder stürzten wieder auf ihn ein … Er war noch ein Junge gewesen und hatte sich während der Sommerferien in das Arbeitszimmer seines Vaters geschlichen – der große Schreibtisch mit den vielen Schubladen lockte einen Jungen auf große Entdeckungsreise. Der angelaufene Messingschlüssel, den er in einer der Schubladen gefunden hatte, passte sicher auf die kleine Truhe, die ganz bestimmt geheime Schätze enthielt …

Mit angehaltenem Atem hatte er damals den Schlüssel ins Schloss gesteckt und ihn vorsichtig gedreht. Doch welche Enttäuschung, das Kästchen enthielt keine Goldmünzen, auch keine Edelsteine, sondern nur alte Briefe. Den ersten nahm er vom Stapel und faltete ihn neugierig auseinander. Sein Vater schrieb an Tante Bonnie, die beste Freundin seiner Mutter. In dem Brief standen viele Zahlen und etwas über ein Haus und monatliche Überweisungen. Für den Jungen ergab das alles wenig Sinn, und es blieb auch keine Zeit, sich weiter Gedanken darüber zu machen, denn seine Nanny hatte ihn in dem Zimmer ertappt, das er nicht betreten durfte. Und er hatte nicht nur ihre Anordnung missachtet, sondern auch in Dingen herumgeschnüffelt, die ihn nichts angingen und die er nicht zu wissen brauchte.

Eine Weile wunderte er sich über ihre Worte, doch dann fand er ein neues Spiel und vergaß die Sache schnell.

Bis zu jenem Tag vor neun Jahren, als er an den Brief erinnert wurde und alle Teilchen plötzlich ins Bild passten.

Jetzt seufzte Zane schwer und betrachtete das Kästchen nachdenklich. Was hatte sein Vater damit bezweckt, ihm die Schatulle zu überlassen? Erwartete Laurence wirklich von ihm, alle Briefe – zweifelsohne Liebesbriefe – zu lesen und die ganze morbide Wahrheit zu erfahren? Sollte das etwa sein Erbe sein?

Ein schiefes Lächeln breitete sich auf Zanes Gesicht aus. Er würde es seinem Vater zutrauen. Laurence war nicht unbedingt für sein Taktgefühl bekannt gewesen.

Nein, er würde dieses Spiel nicht mitspielen. Das, was er vor Jahren gelesen hatte, reichte ihm. Die Kiste würde verschlossen bleiben.

Kyoto räumte Teller und Tasse ab. „Noch Kaffee?“, drang seine Frage in Zanes Gedanken.

Mit einem Kopfschütteln schob er die Schatulle von sich. Er brauchte keine weiteren Erinnerungen an die Vergangenheit. Das würde Ruby sicherlich schon erledigen.

„Nein danke, Kyoto. Ich muss mich um ein paar Dinge kümmern. Gibt es einen Wagen, den ich benutzen kann, solange ich hier bin?“

„Sicher.“ Kyoto nickte eifrig. „Aber Sie bleiben doch jetzt hier, oder?“

Zane sog die Luft ein. Zu den Dingen, die er zu erledigen hatte, gehörte auch, eine langfristige Lösung für die Firma zu finden, die es ihm erlaubte, so schnell wie möglich wieder nach London zurückzukehren. Er brauchte also einen Manager, der das Perlengeschäft weiterführte. Selbst zu bleiben war keine Option. „Wir werden sehen, Kyoto. Zuerst muss ich sicherstellen, dass die Firma gut weiterläuft, jetzt, da die starke Hand meines Vaters fehlt.“

Kyoto, der scheuerte und schrubbte, bis alles in der Küche blitzte, wedelte mit dem Putzlappen. „Keine Sorge. Darum kümmert sich Miss Ruby.“

Zane blieb regungslos stehen. „Was meinst du damit?“ „Miss Ruby arrangiert alles. Sie ist schon in der Firma.“

Gäbe es eine Farbe für Magenverstimmung, so würde Zane Rot wählen. Gäbe es eine Erscheinungsform dafür, dann wäre es unter Garantie die Gestalt von Ruby Clemenger.

Sie saß am Schreibtisch seines Vaters, als wäre es ihr angestammter Platz, und gab Daten in einen Laptop ein. Neben dem Computer lag ein aufgeschlagener Aktenordner und verstreute Unterlagen.

„Sie verschwenden keine Minute, wie ich sehe.“

Ruby sah überrascht auf, doch sobald sie ihn erkannte, trat ein wachsamer Ausdruck in ihre Augen. Das strahlende Blau wurde frostig. „Ich dachte, Sie würden länger schlafen.“

Er lächelte zynisch. „Also hofften Sie, schon mal einiges arrangieren zu können, bevor ich aufwache?“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn. „Weil Sie hier sind.“ Er wies mit der Hand auf das geräumige Büro. „Mein Vater ist keine vierundzwanzig Stunden tot, und Sie sitzen in seinem Sessel, an seinem Schreibtisch.“

Sie legte den Stift ab und lehnte sich in den Stuhl zurück – seines Vaters Stuhl. „Darum sorgen Sie sich also?“ Ihre Augen glitzerten kalt wie Eiskristalle. „Dass ich Ihnen Ihr wertvolles Erbe streitig machen könnte? Dass ich Ihnen Bastiani Pearls unter der Nase wegschnappe, wenn Sie nicht aufpassen?“

„Sie hätten nicht einmal den Hauch einer Chance“, presste er hervor.

Sie lächelte. Ein Lächeln, das makellose weiße Zähne entblößte, nicht aber ihre Augen erreichte. „Dann ist es ja umso besser, dass ich gar nicht die Absicht habe, nicht wahr?“

„Und wieso sind Sie hier?“ Er kam auf den Schreibtisch zu. „Es ist Samstag. Nicht gerade die übliche Arbeitszeit.“

Weil ich aus dem Haus heraus musste. Weil ich von dir weg musste. Doch das würde sie sicher nicht sagen. „Weil Arbeit auf mich wartet. Laurence und ich steckten mitten in einem Projekt, als er den Herzinfarkt erlitt. Es muss weiter bearbeitet werden. Ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hätte, wenn ich seinen Schreibtisch benutze.“

„Was ist das für ein Projekt?“

Sie versuchte ihn zu ignorieren, während er um den Schreibtisch herumkam. Die ganze Nacht hatte sie wach gelegen und sich geschworen, nicht auf ihn, auf seine männliche Ausstrahlung, auf seine Anziehungskraft zu reagieren. Den ersten Zusammenstoß hatten sie hinter sich, beide wussten, wo sie standen, und das sollte es ihr möglich machen, ihren Ärger wie einen undurchdringlichen Schild vor sich zu tragen.

Tat es aber nicht. Warum sonst war sie im Morgengrauen aus dem Haus geflohen? Und warum sonst fühlte sie sich, als stünde sie in Flammen, nur weil er jetzt neben sie trat. Die Wut und der Ärger waren noch vorhanden, aber niemand konnte sich der Aura entziehen, die die Männer der Familie Bastiani ausstrahlten.

Wie der Vater, so der Sohn. Laurences Ausstrahlung hatte ihn zu einem faszinierenden Kollegen und wunderbaren Mentor gemacht, doch bei Zane schien sich dieses Familienmerkmal noch potenziert zu haben. Seine Nähe zerrte an ihren Nerven, seine Anziehungskraft ließ sie sich seltsam verletzlich fühlen.

„Was sind das für Zeichnungen?“, riss seine Stimme sie aus ihren Gedanken.

„Die neue Linie.“ Ein kleines bisschen Stolz schlich sich in ihre Stimme, als er die Blätter mit den Entwürfen begutachtete, an denen sie die letzten sechs Monate gearbeitet hatte. „Die Kollektion heißt Passion. Leidenschaft. In gut drei Monaten wird sie vorgestellt.“

„Hier?“

„Alle unsere Kollektionen werden zuerst in Broome präsentiert, beim Stairway to the Moon-Festival. Danach geht es über Sydney im ganzen Land weiter, bevor wir ausgewählte Stücke nach New York und London bringen. Sicher werden Sie Laurences Platz bei der Präsentation übernehmen wollen.“

Falls er beeindruckt von ihrem Angebot war, zeigte er es nicht. „Diese Entwürfe sind sehr ehrgeizig“, sagte er stattdessen. „Außergewöhnlich ehrgeizig.“

„Danke.“

„Stammen die von Ihnen?“

Sie nickte. Jeder einzelne. „Ich wurde als Designerin für die Bastiani Corporation eingestellt.“

„Ihnen müsste klar sein, dass das durchaus nicht als Kompliment gemeint war. Dieses Design wird nicht funktionieren. ‚Eine leidenschaftliche Umarmung‘ … Das kann nicht mit Perlen und Edelsteinen erreicht werden. Wir können keine gesamte Kollektion auf einer so verrückten Idee aufbauen. Das Risiko ist zu groß.“

Sie traute ihren Ohren nicht. „Natürlich funktioniert es.“ Angestrengt hielt sie die Zweifel im Zaum, mit denen ihr kreativer Geist auch ohne Zanes Dazutun ständig zu kämpfen hatte. „Ja, es ist ein ehrgeiziges Konzept, und vielleicht ist es sogar ein Risiko, aber die Produktion läuft bereits. Nicht nur das – die Kollektion ist fast fertig.“

„Die Bastiani Corporation setzt ihre Hoffnungen jetzt auf eine Kollektion, die ein Riesenflop werden könnte?“

„Laurence stand voll und ganz hinter diesem Projekt.“ „Laurence ist nicht mehr da.“

„Aber ich. Ich entwerfe Schmuckkollektionen für Bastiani, seit ich eingestellt wurde. Bisher sehr erfolgreich. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, warum die nächste Kollektion nicht den gleichen Erfolg haben sollte.“

Er legte die Zeichnung beiseite und lehnte sich gegen die Schreibtischkante. „Natürlich, was sollten Sie auch anderes sagen.“

Zane war ihr viel zu nahe. Solange er ihr den Rücken zugedreht hatte, war es noch in Ordnung gewesen, doch jetzt stand er direkt neben ihr und starrte auf sie herunter.

Unter dem Vorwand, sich ein Glas Wasser zu holen, erhob sie sich.

„Ich werde Laurence und die Firma jetzt nicht im Stich lassen.“ Nach einem Schluck Wasser und zweimal tief Luftholen hatte sie sich wieder gefasst und drehte sich zu ihm um. „Da wir gerade davon reden … Haben Sie jemals auch nur einen Blick in die Geschäftsberichte geworfen, die er Ihnen regelmäßig geschickt hat? Dann wäre Ihnen nämlich aufgefallen, dass der Gewinn von Bastiani exponentiell gestiegen ist, seitdem wir nicht nur die klassischen Designs verkaufen, sondern zwei Kollektionen pro Jahr entwerfen.“

„Ich nehme an, Sie schreiben das Ihrer Arbeit zu?“ Er spie die Worte nahezu aus, ohne auf ihre anfängliche Frage einzugehen.

„Nein.“ Ruby schüttelte den Kopf. „Laurence hat mich als Juniordesignerin eingestellt, da hatte ich gerade die Ausbildung beendet. Er sagte, er wolle jemanden Unverbrauchtes, der noch nicht zu stark von herkömmlichen Vorstellungen beeinflusst ist, wie Perlenschmuck auszusehen hat. Laurence hatte die Idee, Themenkollektionen zu entwerfen, die die teuersten und schönsten Perlen der Welt in einem nie da gewesenen Licht herausstellen. Er war es, der die Vision hatte. Aber die Designs stammen von mir.“

Sie hielt inne, plötzlich meinte sie, nicht mehr atmen zu können. Sein kühler, durchdringender Blick unter halb gesenkten Lidern hervor raubte ihr den Atem. Kondenswasser bildete sich außen an ihrem Glas, lief ihr über die Finger und tropfte ihr auf das leichte Top. Sie schnappte leise nach Luft, als das kalte Wasser durch den Stoff ihre Haut erreichte.

Zane hatte die kleine Szene fasziniert verfolgt. Wie sie zu dem Wasserbehälter gegangen war, um sich zu sammeln, bevor sie ihm ihre Argumente vortrug. Gegen seinen Willen war er beeindruckt von ihr und ihrem Wissen, welchen Wert sie für die Firma hatte, ohne großes Aufhebens darum zu machen.

Doch im Moment war es viel interessanter zu beobachten, wie die beiden Wassertropfen sich mehr und mehr auf dem Stoff ausdehnten. Vor allem gefiel es ihm, wie es Ruby aus dem Konzept brachte. Und was diese beiden kalten Tropfen mit ihren Brüsten anstellten.

Es war wie eine Einladung, der er nicht widerstehen konnte. „Sie sind eine Frau mit erstaunlichen Talenten“, murmelte er, als er die wenigen Schritte zwischen ihnen überbrückte und direkt vor ihr stehen blieb. Er streckte die Hand aus und nahm den Anhänger zwischen die Finger, der an einer feinen Kette in ihrem Dekolleté hing. „Haben Sie den auch entworfen?“

Ruby konnte nicht atmen, konnte sich nicht rühren, als eine nie gekannte Angst sie mitriss. Dieser Mann stellte eine Gefahr dar, der sie nie zuvor ausgesetzt gewesen war. Für einen Moment, als er die Hand ausstreckte, hatte sie doch wirklich geglaubt … Sie erschauerte unmerklich und holte tief Luft. Sie musste sich auf seine Frage konzentrieren, auf die Kette. Die große Perle, eingefasst in ein filigranes Geflecht aus Goldfäden, war ein Geschenk von Laurence. Er hatte sie ihr nach dem Erfolg ihrer ersten Kollektion überlassen. „Ja.“

„Das ist eine ziemlich große Perle.“ Er hielt den Anhänger noch immer, doch sein Blick haftete auf Rubys Lippen. „Und wunderschön“, murmelte er.

„Danke.“ Sie stellte sich vor, wie seine Lippen auf den ihren schmecken würden. Sein Blick gefiel ihr schon jetzt. „Laurence hat sie mir geschenkt.“

„Und Sie haben sich zweifelsohne entsprechend bei ihm bedankt.“

Der Bann brach. Ruby nahm ihm den Anhänger aus der Hand und hielt ihn fest wie einen Talisman. Doch wenn sie diesen Mann in seine Grenzen verweisen wollte, brauchte sie mehr als einen Glücksbringer. Also berief sie sich auf ihren Verstand und schlug zurück.

„Natürlich. Ich habe mein Bestes gegeben.“

Wut spiegelte sich in den Augen, in denen eben noch Verlangen gestanden hatte. Wut – und Ekel.

„Sagen Sie mir, dass es nicht stimmt“, forderte er. „Sagen Sie mir, dass Sie nicht mit meinem Vater geschlafen haben.“

Ruby starrte ihn an und lächelte dann sehr bewusst. Ah, er fühlte sich also mehr von sich selbst angeekelt, weil er sich zu der vermutlichen Geliebten seines Vaters hingezogen fühlte. Vielleicht schützte Laurences Geschenk sie doch. Denn solange dieser Mann da vor ihr sie für die Mätresse des Perlenmeisters hielt, war sie in Sicherheit. Auch vor der eigenen Nachgiebigkeit.

„Ihnen muss ich gar nichts sagen. Das geht Sie absolut nichts an.“ Als sie um ihn herumgehen wollte, hielt er sie an den Schultern fest.

„Haben Sie?“

Sie sah vielsagend auf seine Hände. „Dass Sie es überhaupt ertragen können, mich zu berühren.“ Ihr Blick wurde messerscharf, als sie ihm ins Gesicht schaute. „Oder wollen Sie nur sicherstellen, dass Sie wirklich alles von Ihrem Vater erben?“

Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern schüttelte seine Hände ab und ging hinter den Schreibtisch, sammelte die Zeichnungen und Unterlagen zusammen. „Sie müssen entschuldigen, ich würde wirklich gern weiterplaudern, aber ich gehe jetzt nach Hause. Zum Packen.“

„Wohin gehen Sie?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie lief bis zur Mitte des Raumes. „Es wird schon schlimm genug sein, bis zum Ende mit Ihnen arbeiten zu müssen. Aber mit Ihnen unter einem Dach zu wohnen … Der Gedanke ist schwer verdaulich.“

„Was soll das heißen, bis zum Ende?“, rief er hinter ihr her.

In Gedanken flehte sie Laurence um Verzeihung an. Aber eigentlich war es nicht so, dass sie seinen letzten Wunsch nicht respektierte. Sie setzte eben nur einen genauen Zeitrahmen.

„Ich kündige, Zane. Ich bringe meine Arbeit zu Ende und bleibe noch bis zur Präsentation. Danach werden Sie mich nicht mehr ertragen müssen. Ich werde Broome verlassen – für immer.“

3. KAPITEL

Laurence allerdings hatte offensichtlich ganz andere Pläne gehabt.

Einige Tage später saßen Ruby und Zane völlig perplex in Laurences ehemaligem Büro, nachdem der Anwalt das Testament verlesen hatte.

„Ich verstehe nicht …“ Natürlich hatte Ruby verstanden, was der Mann vorgelesen hatte, nur …, es ergab keinen Sinn.

Derek Finlayson machte eine entschuldigende Geste. „Sicherlich ist es im Moment schwer zu verkraften, doch zusammengefasst gesagt, erhalten Sie und Zane zu je fünfundvierzig Prozent Firmenanteile der Bastiani Pearl Corporation.“

„Aber …“ Sie wandte sich hilflos an Zane, doch von dem war wohl keine Hilfe zu erwarten. Wie eine Statue saß er in seinem Stuhl. „Ich will gar keine Firmenanteile.“

Jetzt jedoch wandte Zane ihr mit einem Ruck das Gesicht zu, seine Miene eine einzige Anklage. Ruby schüttelte den Kopf. Letztes Wochenende hatte sie ihre Sachen aus dem Haus abgeholt und war in ein Strandhaus im Cable Beach Resort umgezogen. Ein Luxus-Ferienhaus, aber deshalb hatte sie es nicht ausgewählt, sondern weil es so weit weg wie möglich von Zane lag. Außerdem war es ja nur für kurze Zeit. Sie hatte bereits einige Vorstellungstermine mit Juwelierschmieden in Sydney arrangiert. In den letzten Jahren hatte sie sich einen guten Ruf erarbeitet, die geplante Schmuckkollektion wäre die abschließende Krönung. Wenn alles glatt lief, würde es nicht lange dauern, bevor sie Broome verlassen konnte.

Doch wenn sie blieb …

Nein, unmöglich. Im Moment wusste sie, in spätestens drei Monaten konnte sie Zane und die vergiftete Atmosphäre hinter sich lassen. Länger würde sie das auch nicht durchhalten.

„Ich will die Firmenanteile nicht“, wiederholte sie. „Um genau zu sein, ich habe bereits Vorbereitungen getroffen, um aus Broome wegzuziehen. Ich habe andere Stellen in Aussicht …“

Der Anwalt nahm die Brille ab und rieb sich die Nasenwurzel. „Laurence ging davon aus, dass Sie bleiben“, setzte er mit einem Seufzer an, „um mit Zane zusammen die Firma zu leiten. Brauchen Sie vielleicht mehr Zeit, um sich die Sache zu überlegen? Die restlichen zehn Prozent der Anteile werden unter den Mitarbeitern verteilt, je nach Dauer der Firmenzugehörigkeit. So werden auch sie angeregt, das Unternehmen zu ihrem eigenen Nutzen zu unterstützen.“

„Soll sie nur gehen“, unterbrach Zane den Anwalt. „Reisende soll man nicht aufhalten. Ich kaufe sie aus.“

Derek Finlayson richtete die grauen Augen auf Zane. „Ich verstehe Ihre Aufregung, Mr. Bastiani, aber ich habe mich nach den Wünschen Ihres Vaters zu richten. Laurence wünschte ausdrücklich, dass Sie und Miss Clemenger zusammen die Firma leiten. Miss Clemenger hat jahrelang eng mit Ihrem Vater zusammengearbeitet, sie ist vertraut mit den laufenden Geschäftsvorgängen. Es ist von enormer Wichtigkeit, dass sie bleibt.“

„Ich habe auch nicht unbedingt auf der faulen Haut gelegen. Ich muss mich um meine geschäftlichen Angelegenheiten in London kümmern.“

„Ihr Vater hat das vorausgesehen. In seinem Testament räumt er Ihnen die Möglichkeit ein, sich so viel Zeit wie nötig zu nehmen, um in London eine Übergabe zu arrangieren.“ Der Anwalt wandte sich wieder an Ruby. „Miss Clemenger, Laurence wusste genau, welche Einstellung Sie zu der Firma und den Angestellten haben. Er vertraute Ihnen, dass Sie seine Vision weiterführen und Bastiani Pearls an der Spitze halten. Auch sah er in Ihnen die Person, die, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Angestellten die Firma in eine profitable Richtung lenken würde. Was kann ich noch sagen, um Sie zu überzeugen?“

„Wenn sie doch nicht bleiben will …“

„Nein!“ Ruby drehte sich abrupt zu Zane um. „Mr. Finlayson hat recht. Laurence hat mir eine Verantwortung übertragen, und der werde ich nicht ausweichen. Ich lasse Laurence nicht im Stich.“

Der korrekte Anwalt erlaubte sich einen Gefühlsausbruch und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Das nenne ich ein Wort! Laurence wäre stolz auf Sie, meine Liebe. Was Sie angeht, Zane …, was meinen Sie, wie lange werden Sie brauchen, um Ihre Geschäfte in London abzuwickeln?“ Er hob eine Augenbraue und sah Zane abschätzend an. „Das heißt, falls Sie überhaupt vorhaben, nach Broome zurückzukehren und hier zu übernehmen.“

Feindselig funkelte Zane Ruby an. „Täuschen Sie sich nicht, ich komme ganz sicher zurück.“

Der Anwalt hatte sich verabschiedet, die anderen waren ebenfalls fort. Der Raum war leer, bis auf Zane und Ruby.

„Ein meisterhafter Coup.“

„Was meinen Sie?“ Nur langsam drangen Zanes Worte in Rubys Bewusstsein. Im Moment dachte sie darüber nach, wieso er glaubte, dass sie sich das gewünscht hatte. Selbst die Vorstellung, dass sie jetzt ein riesiges Vermögen ihr Eigen nennen konnte, half nicht, ihre Ängste zu mindern.

Laurence hatte ihr keinen Gefallen getan. Das war keine Hinterlassenschaft, es war eine Verurteilung.

„Ich meine, Sie gehören nicht zur Familie, sind eine schlichte Angestellte. Wie ist es Ihnen gelungen, meinen Vater dahin zu bringen, Ihnen fast die Hälfte der Firma zu überlassen?“

Ruby blinzelte und riss den Blick von dem Bücherregal los, auf das sie gestarrt hatte, ohne etwas zu sehen. „Mir ist nichts ‚gelungen‘“, fauchte sie. „Ich hatte nicht einmal eine Ahnung.“

Zane schnaubte abfällig. „Sie haben mit ihm gelebt und hatten angeblich keine Ahnung?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich sagte doch schon, dass ich nach der Präsentation gehe. Wieso hätte ich Pläne machen sollen, wenn ich von dem Testament gewusst hätte?“

„Spielen Sie nicht die Unschuldige! Sie hatten nie vor zu gehen, solange die Chance bestand, im Testament meines Vaters bedacht zu werden. Und indem Sie bis zur Präsentation bleiben wollten, hatten Sie sich gut abgesichert.“

Sie machte eine hilflose Geste und seufzte schwer. Es war sinnlos, ihn überzeugen zu wollen. „Mir ist gleich, was Sie glauben. Fakt ist, Laurence hat mir keine Wahl gelassen. Ich muss bleiben.“

Zane lachte bitter auf. „Schon erstaunlich, wie schnell man bei ein paar Hundert Millionen seine Meinung ändert, was?“

„Das Geld interessiert mich nicht!“, fuhr sie auf. „Aber wenn ich gehe, was wird dann aus den Leuten? Wer übernimmt die Firmenleitung? Wer wird Laurences Traum weiterführen? Laurence wollte, dass ich mich um die Menschen, die hier arbeiten, kümmere. Solche Menschen wie Kyoto, die seit Jahren bei Bastiani in Diensten stehen.“

„Oh, Sie bleiben also allein wegen der Angestellten? Wie nobel von Ihnen.“ Er beugte sich zu ihr vor. „Verzeihen Sie, aber mir fällt es schwer, das zu glauben.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Von Ihnen erwarte ich auch nichts anderes. Sie haben sich bisher durch einen bemerkenswerten Mangel an der Fähigkeit zu glauben ausgezeichnet.“

„Und Sie zeigten bisher eine seltene Unfähigkeit, die Wahrheit zu sagen. Dabei ist es für jeden offensichtlich. Warum wohl sollte mein Vater Ihnen ein Vermögen hinterlassen? Sie haben selbst gesagt, dass Sie eine besondere Freundschaft miteinander verband. Ich glaube, da war viel mehr als nur Freundschaft.“

Das Blut schoss ihr in den Kopf und rauschte ihr in den Ohren. „Sie meinen also, Ihr Vater hat mir die Hälfte der Firma überlassen, weil ich seine Geliebte war?“

„Sie haben es erfasst.“

Angriffslustig schob sie das Kinn vor. „Reduzieren Sie eigentlich alles auf Sex?“

„Stimmt es denn nicht?“

Zu gerne hätte sie widersprochen, doch andererseits … War es nicht genau das, was er denken sollte? Wenn er sie verachtete, weil sie angeblich die Geliebte seines Vaters gewesen war, dann würde er die Finger von ihr lassen. Und wenn er die Finger von ihr ließ, hatte sie wenigstens die Chance, seiner Anziehungskraft zu widerstehen. Was wiederum bedeutete, dass sie ihm nicht hoffnungslos verfallen würde.

Also beschloss sie, eine andere Taktik anzuwenden. Seine Meinung über sie stand schon fest. Warum es nicht für ihre eigenen Zwecke ausnutzen?

Sie verzog die Lippen zu einem sinnlichen Lächeln und reckte die Schultern, damit ihre Brüste sich ein wenig vorwölbten. Der Trick funktionierte, sein Blick senkte sich automatisch auf die festen Rundungen. „Tja, da haben Sie mich wohl durchschaut, Zane“, hauchte sie und fuhr sich provozierend mit der Hand über die Hüfte. „Sie wissen verdammt gut, dass ich etwas Besonderes für Ihren Vater war. Ihm muss unsere Beziehung sogar mehr bedeutet haben, als ich annahm. Eine solche Großzügigkeit hätte ich nie erwartet.“

Zane lief dunkelrot an, an seinem Hals begann eine Ader hart zu pochen.

„Wissen Sie“, fuhr sie lasziv fort und freute sich diebisch, dass ihr Plan solch reife Früchte trug, „ich vermute sogar, ihm lag mehr an mir als an dem eigenen Sohn. Das ist es, was Sie so zerreißt, nicht wahr? Durchaus verständlich. Er liebte mich, aber nicht Sie. Deshalb hassen Sie mich auch so, stimmt’s?“

Er machte einen Riesenschritt auf sie zu, seine Bewegungen verkrampft vor Rage, seine Gesichtzüge verzerrt. Rubys Herz setzte einen Schlag lang aus. Wieso war er so wütend, wenn sie doch nur bestätigte, was er von ihr dachte? Allerdings, so wie er aussah, war sie wohl zu weit gegangen.

„Zane, ich wollte nicht …“, murmelte sie, doch in der aufgewühlten Atmosphäre brachte sie den Satz nicht zu Ende.

„Natürlich liebte er Sie mehr als mich. Wer sollte ihm das verübeln können?“ Seine Stimme blieb sanft und leise, stand damit in krassem Kontrast zu seiner Körpersprache. Als er die Hand hob, zuckte Ruby zurück, doch er fasste nur nach einer Strähne ihres seidigen Haars und ließ sie durch seine Finger gleiten. Dann strich er mit den Fingerknöcheln zart über ihre Wange und ließ seinen Blick über ihren Hals gleiten, ihre Schultern, weiter hinunter …

„Nein“, wisperte sie und schluckte. Eine neue Gefahr meldete sich an – es war ihre eigene Reaktion. Anstatt vor Angst zurückzuzucken, keimte plötzlich Erwartung auf. Sie leckte sich nervös über die Lippen und versuchte ihren Atem ruhig zu halten, denn ihr schien, als gäbe es keinen Sauerstoff mehr in der Luft.

„Das hätte ich nicht sagen dürfen. Es stimmt auch gar nicht …“

Zart legte er ihr einen Finger auf den Mund, brachte sie damit zum Verstummen. Sein Duft hüllte sie ein, zog auf ihre Zunge, sodass sie ihn schmeckte. Wie konnte er gleichzeitig so wütend und so sanft sein?

Sie wollte nicht, dass er sanft mit ihr umging. Gegen Ärger wusste sie sich zu wehren, aber nicht gegen Zärtlichkeit.

„Nein, Sie haben recht“, gab er schließlich zu. Er ließ seine Hand von ihrem Mund sinken, streifte dabei ihre Brust und jagte damit einen Stromstoß durch ihren Körper. „Sie müssen ihm etwas gegeben haben, was er von mir nie bekommen hat. Dennoch bleibt eine Frage offen. Bei fünfundvierzig Prozent Firmenanteilen, was ungefähr zweihundert Millionen Dollar ausmacht …“ Er beugte sich weiter vor, bis sein Mund nur noch Millimeter von ihren Lippen entfernt war, und suchte in ihrem Blick, während er mit einer Hand leicht ihren Kopf festhielt. Und dann verzogen sich seine Lippen zu einem dünnen, anzüglichen Lächeln.

„Wie gut sind Sie im Bett?“

4. KAPITEL

Es juckte Ruby in den Fingern, die Hand zu heben und zuzuschlagen. Es wäre ein gutes Gefühl, das arrogante Grinsen mit der flachen Hand von dem Gesicht zu wischen. Doch bei diesem Mann hatte sie schon einmal die Selbstbeherrschung verloren und es bereut. Diesen Fehler würde sie nicht wiederholen.

So ballte sie die Fäuste, bis ihre Fingernägel sich in ihre Handflächen gruben. „Darüber sollten Sie sich nicht den Kopf zerbrechen.“ Sie entzog sich seinem Griff und trat einen Schritt zurück. „Denn Sie werden das nie erfahren.“

Heißes Triumphgefühl floss durch ihre Adern. Sie hatte Haltung bewahrt und ihn in seine Schranken verwiesen.

Zane sah ihr nach, wie sie mit hocherhobenem Kopf davonschritt, so als hätte sie soeben eine entscheidende Schlacht geschlagen. Dennoch, ihre Knie waren unsicher, er sah es an ihrem Gang. Sie schien Schwierigkeiten zu haben, von warm und nachgiebig auf kalt und abweisend umzustellen. O ja, vor einer Minute noch war sie warm und nachgiebig gewesen. Er hatte ihre weibliche Stärke zu spüren bekommen und bei der flüchtigen Berührung die Perfektion ihres Körpers. Sie war aufsehenerregend, wenn sie wütend war, und doch nahm ihr die unterschwellige Verletzlichkeit die harten Kanten.

Kein Wunder, dass sein Vater ihr verfallen war! Fast hätte Zane einen wütenden Seufzer ausgestoßen. Er wollte jetzt nicht an seinen Vater denken. Aber dass sie sich mit so jemandem eingelassen hatte …, was für eine Verschwendung!

Doch wenn sie sich einbildete, hier sei das letzte Wort bereits gesprochen worden, lag sie falsch.

„Hören Sie, Ruby“, setzte er nahezu freundlich an, „wir beide wollen nichts miteinander zu tun haben. Ich habe die perfekte Lösung – ich kaufe Sie aus. Sie kriegen bare Münze für Ihren Firmenanteil, können in den ersten Flieger steigen, der Broome verlässt, und treten eine dieser wunderbaren Stellen an, die ja schon auf Sie warten. Obwohl, mit dem Polster im Rücken brauchen Sie nie wieder zu arbeiten.“

O ja, die Idee reizte sie. Er konnte es daran sehen, wie sie den Kopf leicht zur Seite neigte und nachdenklich die Augen zusammenkniff. Überlegte sie sich ihren Preis? Ganz sicher.

„Der Anwalt sagte …“

„Lassen wir doch den Anwalt aus dem Spiel, das ist eine Abmachung allein zwischen uns. Uns beiden gehört der Löwenanteil der Aktien. Wir treffen die Entscheidungen.“

„Und die Präsentation?“

„Läuft an wie geplant. Sie ernten die Lorbeeren für das Design“ – und die Kritik, falls es ein Flop wurde –, „und dann sind Sie frei und können tun und lassen, was Sie wollen.“ Sie zögerte. Fast hatte er sie so weit. Er hatte es ja gewusst, er kannte diesen Typ Frau genau. „Die Chance auf einen ganz neuen Anfang“, drängte er weiter. „Mit mehr Geld, als Sie je brauchen werden.“

Doch plötzlich schüttelte sie den Kopf. „Nein. Das kann ich nicht tun. Laurence wollte, dass ich bleibe und helfe, die Firma zu führen. Er wusste, dass eine gewisse Kontinuität garantiert sein muss.“

Zane warf frustriert die Hände in die Höhe. Vielleicht war er ein paar Jahre fort gewesen, aber zweifelte sie etwa an seinen Managerqualitäten? „Ich bin in diesem Geschäft groß geworden! Ich leite eine der aggressivsten Handelsbanken in London! Und Sie glauben, ich sei nicht in der Lage, die Firma meines Vaters zu übernehmen?“

Kühl musterte sie ihn. „Ihr Vater hatte offensichtlich seine Zweifel.“

Zischend stieß er die Luft durch die Zähne. Für jemanden mit dem Aussehen einer Göttin hatte sie auf jeden Fall eine scharfe Zunge! Wenn es ihr nur darum ging, den Preis hochzutreiben, wandte sie eine verdammt gute Taktik an. Aber ganz gleich, was sie verlangen mochte, kein Preis war ihm zu hoch, wenn sie verschwand.

„Ich zahle Sie aus“, wiederholte er sein Angebot. „Und lege noch zwanzig Prozent des aktuellen Werts drauf. Einen besseren Deal bekommen Sie nirgendwo.“

Ruby riss die Augen auf. „So viel wollen Sie mir zahlen?“

Sogar noch mehr, wenn es nötig war! Doch seine Hoffnungen wurden ein zweites Mal enttäuscht.

„Behalten Sie Ihr Geld, Zane. Mir geht es nicht um den besten Deal. Und Sie haben soeben meinen Verdacht bestätigt. Ich kann Ihnen unmöglich neunzig Prozent der Anteile überlassen. Die Leute wären Ihnen hilflos ausgeliefert. Kommt nicht infrage, dass ich Ihnen die alleinige Leitung überlasse.“

Zane schluckte seinen Stolz hinunter und stellte die Frage, die er nie hatte stellen wollen. „Also, wie viel?“

Es war eine Art Sieg, sie konnte es sehen. Obwohl er sie immer noch als die Goldgräberin ansah, die so viel Geld wie möglich aus der Firma seines Vaters herausschlagen wollte, war er prompt auf die Anzeichen ihres Zögerns angesprungen. Denn ja, für einen Augenblick hatte sie gezögert. Von hier wegzugehen, nie wieder etwas mit Zane zu tun zu haben, anderswo einen neuen Anfang zu starten …, das war wie der Lockruf der Sirenen. Vor allem, wenn die Alternative hieß, in Broome zu bleiben und mit Zane zusammenarbeiten zu müssen. Diese Zukunft wäre voller Konflikte und versprach ein Gefühlschaos.

Aber verflucht sollte sie sein, wenn sie sich von ihm hinausdrängen ließ!

„Sie kapieren es nicht, was? Ich will Ihr Geld nicht. Sie können mich nicht auskaufen.“

„Jeder hat seinen Preis.“

Sie lächelte ihn milde an. „Dann begreifen Sie endlich, dass Sie sich meinen nicht leisten können.“

„Wenn ich wieder aus London zurück bin, werden Sie keine zwei Tage durchhalten. Sie werden mich anbetteln, dass ich Ihnen Ihre Anteile abkaufe, und die Beine in die Hand nehmen!“

Sie zog einen Mundwinkel nach oben. „Eher sterbe ich, als dass ich Sie die Firma allein leiten lasse!“

Mistwetter!

Zane rollte mit seinem Schreibtischstuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Sein Nacken und seine Schultern waren von den langen Tagen und durchgearbeiteten Nächten, um die Leitung der Bank umzustrukturieren, völlig verspannt. Schneeregen fiel gegen das große Fenster, Eiskörnchen rutschten an der Scheibe herunter und verschmierten seine Lieblingsaussicht auf London zu einem tristen Grau.

Laut Kalender war es Frühling, aber in den letzten Tagen hatte Zane genug Hagel- und Graupelschauer erlebt, dass es ihm für den Rest seines Lebens reichte. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er es kaum abwarten, wieder zurück nach Broome zu kommen. Er brauchte die Farben, die Wärme, den Kontrast zwischen den grünen Mangrovensümpfen und der azurblauen Roebuck Bay, zwischen dem roten Staub der Landstraßen und dem silbernen Sand von Cable Beach.

Und er brauchte eine ganz bestimmte Frau.

Mit einem Ruck setzte er sich aufrecht hin und ließ die Faust auf den Schreibtisch schnellen. Verflucht sei Ruby Clemenger!

Seit er in London angekommen war, ging ihm diese Frau nicht mehr aus dem Kopf. Anstatt sich auf die Arbeit zu konzentrieren, schwebten ihm ganz anders geartete Bilder vor, die eher von sinnlichen Freuden bestimmt waren. Sie plagten ihn während des Tages und quälten ihn nachts in seinen Träumen. Bilder von ihr. Wie sie nackt auf weißen Laken lag, ihr Haar auf seinem Kissen ausgebreitet, ihre Augen halb verhangen vor wilder Lust. Wie ihre langen Beine ihn einkesselten, wie sie den Kopf nach hinten warf, wenn er sie beide nach bestem Wissen und Können zum Gipfelsturm antrieb …

Er musste verrückt sein! Wie konnte die Geliebte seines Vaters solche Bilder in ihm heraufbeschwören! Sie mochte schön sein, ihre Haut mochte sich wie Seide unter seinen Fingern anfühlen, aber sie war nichts für ihn.

Sein Vater hatte dafür gesorgt.

Zane klappte den Laptop zu. Es wurde Zeit für die Rückkehr. Hier hatte er so weit alles erledigt. Sein Stellvertreter würde die Leitung übernehmen, und er konnte zurück nach Broome.

Das hatte nichts mit diesen Visionen zu tun, sondern war einfach nur gut geschulter Geschäftssinn. Je eher er zurück war, desto eher konnte er das Chaos aufräumen, das Ruby in seiner Abwesenheit angerichtet haben würde.

Auf den Tag genau drei Wochen.

Ruby holte zitternd Luft und starrte auf den Kalender. Kein Wunder, dass sie nervös war. Bis zur Präsentation ihrer Kollektion blieben nur noch knappe zwei Monate, und es gab noch so viel zu tun. Ihre Nervosität hatte also absolut nichts mit Zanes Rückkehr zu tun.

Ihr Blick glitt von dem Schmuckstück in ihrer Hand, das sie ein letztes Mal prüfen wollte, wieder zurück zum Kalender. Seit einundzwanzig Tagen war Zane jetzt fort, und jeden Tag schaute sie auf das Datum und fragte sich, wann er wohl zurückkommen würde.

Ob er genauso oft an sie dachte, wie sie an ihn denken musste?

Der Teufel hole diesen Mann! Sie wollte nicht an ihn denken! Sie wollte nicht das Geringste mit ihm zu tun haben! Er war nicht einmal hier, und trotzdem bekam sie ihn nicht aus dem Kopf. Warum träumte sie nachts von ihm und wachte morgens in den zerwühlten Laken mit diesem schmerzhaften Ziehen in ihrem Schoß auf?

Es war wie eine langgezogene Folter. Weder bei ihren Telefonaten noch in den E-Mails ließ er auch nur eine Andeutung durchblicken, wann er zurückkommen würde. Rubys ungutes Gefühl wuchs mit jedem Tag. Lange konnte es jedoch nicht mehr dauern. Er würde ihr die Führung nicht länger als unbedingt nötig überlassen. Bald würde er kommen, um sein Erbe anzutreten. Um ihr das Leben zur Hölle zu machen.

Sie erschauerte. Das schwere Schmuckstück glitt ihr zwischen den Fingern hindurch und fiel auf den Schreibtisch.

„Konzentrier dich!“, ermahnte sie sich laut und überprüfte rasch, ob ihr Lieblingsstück aus der neuen Kollektion keinen Schaden genommen hatte. Gold und Diamanten fassten gelb schimmernde Südseeperlen. Auf den ersten Blick war es einfach nur ein auserlesener Anhänger, die Verschmelzung von Kunst, Handwerk und dem Besten, was Mutter Natur zu bieten hatte. Doch hielt man das Stück in einem speziellen Winkel und fiel das Licht von einer bestimmten Richtung darauf, erkannte man ein anderes Bild. Zwei Liebende, ihre goldenen Körper verschlungen, ihre Leidenschaft in Hunderten von winzigen Diamanten verewigt.

Das exquisiteste Stück, das ihr je gelungen war! Ein Triumph der Illusion!

Und warum musste sie bei dem Anhänger automatisch an Zane denken?

Ausnahmsweise war das Klingeln des Telefons dieses Mal eine willkommene Unterbrechung. Ruby hörte ihrer aufgeregten Assistentin eine Weile zu, bevor sie in die Muschel sagte: „Schon gut, Claudette, stellen Sie sie durch.“

Sie hörte das Klicken, dann eine ärgerliche weibliche Stimme: „Ich will nicht mit der nächsten Sekretärin reden, sondern mit Zane!“

Rubys Neugier war geweckt. „Zane ist momentan nicht im Büro. Ich bin Ruby Clemenger. Vielleicht kann ich Ihnen helfen?“

„Oh.“ Am anderen Ende erfolgte eine kunstvolle Pause. „Sie sind Ruby? Zane hat mir so viel von Ihnen erzählt.“ Die Stimme klang sofort viel friedlicher, ja schmeichelnd. „Er meinte, Sie sehen großartig aus.“

Ruby fehlten die Worte. Zane hatte mit dieser Frau über sie gesprochen? Wer war die andere überhaupt? „Mit wem spreche ich denn?“

„Annelies Christiansen. Zane hat mich Ihnen gegenüber sicher erwähnt?“

Kein einziges Mal. Argwohn mischte sich in die Neugier. Diese Frau war bestimmt keine Geschäftspartnerin. Andererseits … Zane und sie hatten auch nie über etwas anderes als über Laurence und die Bastiani Corporation geredet. „Ja, natürlich, Annelies“, log Ruby. „Leider kann ich Ihnen nicht sagen, wann er zurückkommt. Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?“

„Oh …, ich wollte mich einfach nur erkundigen, ob er heil angekommen ist. Er sah so schrecklich müde aus, als er mich zum Abschied küsste.“

Unter Garantie keine Geschäftspartnerin! Es traf Ruby wie ein harter Schlag. Da saß sie hier und erging sich in Fantasien über Zane, während er sich in London mit der zweifellos schönen Annelies amüsierte. Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können!? Wo war ihr Verstand geblieben!

„Er wird sicher bedauern, Ihren Anruf verpasst zu haben“, berief sie sich endlich auf besagten Verstand. „Ich werde ihm ausrichten, dass Sie angerufen haben.“

„Ach, und … falls er zu spät kommt, um mich noch zurückrufen zu können …“ Die Stimme am anderen Ende wurde verdächtig brüchig und stockend. „Sagen Sie ihm, dass ich mein Bestes tue und versuche, nicht daran zu denken, wie weit weg er ist.“

Als Ruby den Hörer auflegte, tobte ein Gefühlstumult in ihr. Nein, sie war nicht enttäuscht, dass er eine Freundin hatte. Sie würde es sich nicht erlauben. Ein Mann wie er hatte sicher ein Dutzend Freundinnen. Diese kalte Welle, die über ihr eingebrochen war, konnte also nur Erleichterung sein.

Eigentlich müsste sie Annelies dankbar für den Anruf sein. Jetzt wusste sie sich gegen seine Taktiken zu schützen. Denn nichts anderes waren diese zarten Berührungen, diese brennenden Blicke gewesen, als er ihren Anhänger begutachtet hatte – Taktiken, um sie durcheinanderzubringen. Darauf würde sie nicht noch einmal hereinfallen. Jetzt brauchte sie nicht mehr bei jeder seiner Bewegungen einen Annäherungsversuch zu fürchten. Sie würde nicht mehr überreagieren, sondern konnte kühl und professionell bleiben.

Sie nahm den Anhänger wieder zur Hand und betrachtete ihn. Die Liebenden verspotteten sie. Wie war es ihr gelungen, so etwas überhaupt zu entwerfen? Sie wusste doch rein gar nichts über Leidenschaft und Romantik. Und was Männer anging, so war sie praktisch völlig unbedarft.

Es war gut, wieder zurück zu sein.

Zane hielt das Gesicht in den heißen Wasserstrahl. Trotz des endlos langen Fluges fühlte er sich erstaunlich lebendig, so als hätte Broomes Luft, kaum dass er aus dem Flugzeug gestiegen war, ihm neue Energie eingeflößt.

Er drehte das heiße Wasser ab und das kalte auf. Die kurze Zeit, die er mit Annelies verbracht hatte, hatte nicht geholfen, dieses angespannte Gefühl in ihm zu besänftigen.

Schließlich stieg er aus der Dusche, trocknete sich ab und zog sich an. Es war schon spät, aber er war sicher, dass Ruby noch in der Firma saß. Bewusst hatte er sie nicht über seine Rückkehr informiert. Er wollte sie überraschen, damit ihr keine Zeit blieb, Dinge verschwinden zu lassen, die er nicht sehen sollte. Mittlerweile musste sie eingesehen haben, dass sie ein so riesiges Unternehmen wie Bastiani Pearls nicht leiten konnte. Und würde sein Angebot anstandslos annehmen.

Womit Zane allerdings nicht gerechnet hatte, war die Wucht, mit der Rubys Anblick ihn traf. Sie saß im Arbeitsraum an der langen Werkbank und schrieb konzentriert etwas auf einen Notizblock, um sie herum lagen Präzisionswerkzeuge und wertvolle Schmuckstücke. Ihr von der Sonne gebleichtes Haar war zu einem Zopf zusammengebunden, die langen Beine hatte sie unter dem Schemel verschränkt. Das Kleid, das sie trug, betonte ihre Linie und ließ die Kurven ihres Körpers deutlich hervortreten.

In dem künstlichen Licht des Hochsicherheitsraumes ohne Fenster verblassten die wertvollsten Edelsteine der Welt neben Ruby. Sie war eindeutig das Schönste in diesem Raum.

Zanes Mund wurde trocken. Kein Wunder, dass sein Vater sie hatte haben wollen.

Er ballte die Fäuste. Wieso saß sie überhaupt hier und spielte mit ihren Juwelen? Sicherlich gab es doch echte Arbeit zu erledigen!

„Was tun Sie da?“

Beim Klang seiner Stimme zuckte sie erschrocken zusammen und wandte den Kopf zu ihm um. Nur eine Sekunde lang war Überraschung in ihren Augen zu erkennen, dann wurde ihr Blick sofort frostig. Sie drehte sich wieder um und schrieb weiter auf ihren Block.

„Sie sind also wieder da. Gute Reise gehabt?“

Frustration kochte in ihm auf. Er hatte etwas mehr erwartet als diese gelangweilte Gleichgültigkeit. Wo blieb die Panik, wo die Hast, Spuren zu verwischen? Und warum reagierte sie körperlich nicht stärker auf sein Auftauchen?

„Die letzten Vorbereitungen für die Präsentation?“ Er stieß sich von der Tür ab und ging zu ihr hinüber, gegen seinen Willen von dem Bedürfnis gelenkt, erneut ihren Duft einzuatmen, um zu prüfen, ob seine Erinnerung ihn nicht täuschte.

„Da die Präsentation in wenigen Wochen stattfindet, erübrigt sich die Antwort wohl.“ Sie sah nicht einmal auf.

„Und natürlich läuft bis dahin nichts anderes, oder?“

Ihr Kopf schnellte empor. „Soll heißen?“

„Wie Sie selbst sagen, die Präsentation steht bevor. Kann das, was Sie da machen, nicht warten? Gibt es nicht dringendere Dinge zu erledigen?“

„Und Sie wissen natürlich, welche dringenden Dinge anstehen und welche warten können, nach dreiwöchiger Abwesenheit?“

„Warum sind Sie eigentlich immer so streitsüchtig?“

„Das sollten Sie wohl sich selbst fragen.“

Er biss die Zähne zusammen. Inzwischen stand er vor der Werkbank, ihr gegenüber, und war ihr so nah, dass er seine erste stille Frage beantworten konnte. Er atmete ihren Duft ein, schmeckte ihn regelrecht auf der Zunge, und Hitze durchzog seinen Körper.

Sie roch besser, als er es in Erinnerung gehabt hatte. Frischer. Lebendiger. Weiblicher.

„Ich dachte mir, wir könnten zusammen zum Dinner gehen.“ Woher, zum Teufel, kam das denn? Er hatte doch vorgehabt, mit sämtlichen Waffen im Anschlag zurückzukommen! Und jetzt das! „Wir sollten uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen, was in den drei Wochen passiert ist.“

„Dachten Sie also“, sagte sie gleichgültig und nahm ein Paar Ohrringe zur Hand, studierte die Fassung genau, machte sich weitere Notizen.

Was sollte das? Vor drei Wochen noch hatte sie auf ihn reagiert wie eine Frau! Warm und sinnlich! Auch wenn ihr Mund Gift versprühte, so hatte ihr Körper doch eine ganz andere Sprache gesprochen. Nicht, dass das sein Interesse erregt hätte, nein, ihm ging es nur um die Firmenanteile. Je stärker er sie einschüchtern konnte, desto besser. Was war inzwischen geschehen, dass sie so kühl auf ihn reagierte? Was immer es gewesen sein mochte, es gefiel ihm nicht.

„Was treiben Sie da eigentlich?“

„Ich liste den Präsentationsablauf auf. Wir lassen drei Models aus Europa einfliegen, jede ein anderer Typ. Ich will festlegen, welches Model welches Schmuckstück trägt. Dunkles Haar passt besser zu bestimmten Stücken als blondes, außerdem muss die Garderobe zusammengestellt werden. Das ist zu wichtig, um es dem Zufall zu überlassen.“

„Das meinte ich nicht.“

„Sondern?“, fragte sie harmlos, jedoch ohne den Kopf zu heben.

„Sehen Sie mich an.“

„Zane, ich bin wirklich beschäftigt, und es ist schon spät. Hat das nicht bis morgen Zeit?“

„Sehen Sie mich an!“

Sie erstarrte, und für Sekunden war ihr Atmen die einzige Bewegung. Dann legte sie behutsam die Ohrringe nieder, verschränkte die Hände vor sich auf der Bank und sah auf, mit großen Augen, wie ein Schulmädchen seinen Lehrer ansehen würde. „Ja?“

Ihr kühler Blick und ihre ausdruckslose Miene fachten seinen Ärger an. Was war hier los? Sie war doch kein Eisberg! Es fehlte nicht viel, und er wäre über die Bank gesprungen, hätte ihr unschuldiges Gesicht zwischen die Hände genommen und seinen Mund auf diese vollen, sinnlichen Lippen gepresst, bis sie ihn endlich angefleht hätte, sie zu lieben!

Sie hätte nicht aufschauen dürfen.

Ruby kämpfte gegen den Impuls, den Blick zu senken, um nicht in diese sinnlichen Augen sehen zu müssen, nicht dieses Verlangen erkennen zu müssen und überhaupt den gesamten dominierenden Mann vor sich ignorieren zu können.

Er ist widerwärtig arrogant, erinnerte sie sich und begann still mit der Auflistung seiner Fehler. Nachtragend und verbittert darüber, wie sein Vater ihn behandelt hatte, auch wenn er es verdient hatte. Unehrlich, weil er die Beziehung zu Annelies verschwiegen hatte und sich an sie heranmachte.

So gewappnet, hob sie angriffslustig das Kinn ein wenig höher. „Also, Sie haben jetzt meine volle Aufmerksamkeit. Was ist denn so wichtig?“

„Sind Sie fertig mit dieser Liste?“

„Warum?“

Er stand vor ihr, die Hände auf die Bank gestützt, und funkelte düster auf sie herab. Sie versuchte seine breiten Schultern zu ignorieren, wollte nicht auf das Spiel seiner muskulösen Arme unter dem Hemd achten, riss den Blick von der braunen Haut los, die unter dem offen stehenden Kragen zum Vorschein kam und sie magnetisch anzog.

Sie schluckte. „Für den Moment, ja. Aber ich …“

„Dann führe ich Sie zum Essen aus.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist nicht nötig.“

„Es ist spät, und Sie müssen etwas essen.“ Er beugte sich weiter vor, bis ihr sein Duft in der Nase brannte und einen Hunger tief in ihr auslöste, der durch eine warme Mahlzeit nicht zu stillen sein würde. „Außerdem will ich einen vollständigen Bericht über diese Präsentation. Sie geben hier eine Menge Geld aus, lassen Models und Stars einfliegen.“

„Der Etat ist bereits bewilligt.“

„Nicht von mir! Also, ich will diesen Bericht.“

Ruby erhob sich steif und verdrängte das unwillkommene Prickeln, das über ihre Haut ziehen wollte. Wie konnte dieser Mann noch immer diese Wirkung auf sie haben, nach allem, was sie von ihm wusste! „Soll ich Ihnen den Bericht nicht morgen abliefern?“ Sie sammelte die Unterlagen zusammen und verschloss die Schmuckstücke im Safe. „Sie müssen doch müde nach dem Flug sein.“

Er kam um die Werkbank herum, schnitt ihr den Fluchtweg zur Tür ab. „Wollen Sie behaupten, in drei Wochen sei in diesem riesigen Betrieb nichts passiert, was ich wissen müsste?“

„Ich habe Ihnen regelmäßig E-Mails geschickt. Haben Sie sie nicht gelesen?“

„Was Sie geschickt haben, habe ich gelesen.“

„Mehr gibt es nicht zu berichten.“

„Nichts?“ Seine Stimme triefte vor Skepsis. „Nichts, was Sie für wichtig halten, meinen Sie wohl.“

So, jetzt hielt er sie auch noch für inkompetent. Obwohl sie jahrelang mit Laurence zusammen das Geschäft geführt hatte. „Doch, da war noch etwas, jetzt fällt’s mir wieder ein. Es gibt etwas, das ich Ihnen sagen muss. Aber das wird nicht lange dauern.“

„Nämlich?“, fragte er lauernd.

Sie nahm den Aktenordner auf und stellte sich vor Zane. „Ihre Freundin rief an und hinterließ eine Nachricht. Sie hofft, dass Sie gut angekommen seien. Sie hätten nämlich so müde ausgesehen, als Sie sie zum Abschied küssten.“

5. KAPITEL

Zane stutzte nur den Bruchteil einer Sekunde. „Annelies hat hier angerufen?“

Seine Frage hätte ihr Triumphgefühl nicht dämpfen sollen. Auf dem Weg zum Raum hinaus jedoch wurde Ruby klar, dass seine Worte ihre Vermutung bestätigten. Zane hatte eine Freundin, die in London auf ihn wartete, und seine Avancen ihr gegenüber waren nichts als Einschüchterungsversuche gewesen.

Der Sieg, ihn so überrumpelt zu haben, schmeckte plötzlich schal. „Natürlich war es Annelies. Wie viele Freundinnen haben Sie denn?“

„Annelies würde ich nicht als meine Freundin bezeichnen.“ Ruby blinzelte, als ihr bewusst wurde, dass er näher gekommen war. „Dann eben Ihre Geliebte.“

„Würde es Sie stören, wenn ich eine Geliebte hätte?“

„Nein, warum sollte es?“ Sie sah überallhin, nur nicht zu ihm. „Ihr Privatleben geht mich nichts an.“

Er erwiderte nichts, doch als ihr Blick ihn traf, sah sie, dass er die Mundwinkel zu einem wissenden Lächeln verzogen hatte und ein lauerndes Glitzern in seine Augen getreten war. Ihr stockte der Atem, als sie vergeblich gegen die Hitze ankämpfte, die sie überkam.

„Vergessen Sie Annelies“, murmelte er und kam noch näher. „Sie ist nur eine alte Freundin. Sie brauchen nicht eifersüchtig zu sein.“

„Aber nein!“ Ruby schüttelte wild den Kopf. Sie war nicht eifersüchtig, ganz bestimmt nicht! „Das verstehen Sie völlig falsch.“

Sein Lächeln veränderte sich, wurde vorsätzlich, eindringlich. Überlegen.

„Ich habe Sie vermisst“, sagte er heiser. „Den Streit mit Ihnen, Ihre funkelnden blauen Augen, und am meisten habe ich es vermisst, wie gut es ist, Sie zu berühren.“ Mit der Hand steckte er ihr eine lose Strähne hinters Ohr.

Rubys Puls beschleunigte sich rasant, als seine Fingerspitzen ihr Ohr berührten. Das Blut rauschte ihr so laut durch die Adern, dass sie meinte, er müsse es hören.

Jetzt fasste Zane sanft ihr Kinn. „Haben Sie an mich gedacht, während ich weg war?“

„Ich …“ Sie blinzelte, hektisch blickte sie sich nach dem besten Fluchtweg um. „Ehrlich gesagt, ich hatte zu viel zu tun.“

Er lachte, ein tiefer, kehliger Laut, der ihr die Knie weich werden ließ. „Schade. Denn ich musste ständig an Sie denken. Sie haben mir den Schlaf geraubt.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte sie mit sehr viel mehr Courage, als sie verspürte. „Sie sollten eine Wiedergutmachung verlangen.“

„Genau das habe ich vor.“

Seine Lippen waren nur noch Millimeter von ihren entfernt. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Fast schon spürte Ruby seinen Mund auf ihrem, konnte ihn schmecken, hieß ihn willkommen …

Für einen Moment sah Zane den Ausdruck in ihren Augen. Fragen und Unsicherheit wirbelten darin wie in einem Strudel, doch dann senkte er den Blick auf die vollen Lippen und konzentrierte sich ganz darauf. Einen Arm um ihre Taille gelegt, um eine mögliche Flucht zu verhindern, ließ er die Hand von ihrem Kinn an ihren Nacken gleiten und vertiefte den Kuss. Sie war so warm und weich. So anschmiegsam. Ihre Kurven passten perfekt zu seinem Körper, und ihr Geschmack ließ sein Verlangen auflodern. Jetzt hob sie die Hände und legte sie an seine Hüften, krallte die Finger in sein Hemd, als müsse sie sich festhalten. Es war ein Anfang – sie berührte ihn. Doch er wollte mehr von ihr, wollte ihre Hände auf seiner Haut spüren, wollte nackte Haut auf nackter Haut fühlen.

Er wollte sie. Jetzt!

Zane griff an ihren Hinterkopf und löste die Spange, die ihr langes Haar zusammenhielt, vergrub seine Finger in der seidigen Mähne, zog ihren Kopf näher heran und ließ einen Schauer von heißen Küssen auf ihren Hals regnen, drängte sich an sie, dass sie seine Erregung unmissverständlich fühlen musste …

Was, um alles in der Welt, dachte sie sich nur! Das leise Klicken der Haarspange drang durch den sinnlichen Nebel. Ruby riss die Augen auf und fand sich in der grell erleuchteten Wirklichkeit wieder, auch wenn seine Küsse sie dazu verlocken wollten, die Augen wieder zu schließen und sich ganz diesem wunderbaren Gefühl hinzugeben.

Aber genau das war ja das Problem, nicht wahr? Sie dachte überhaupt nicht! Man musste sich nur anschauen, wohin dieses Nichtdenken sie geführt hatte – fest an seinen Körper geschmiegt, den schockierenden, doch ach so sinnlichen Beweis seiner Erregung zwischen ihnen, der ihren Körper in Flammen stehen ließ und jegliche Vernunft ausschaltete …

Die Hände an seiner Taille ballten sich wie aus eigenem Willen zu Fäusten, und Ruby versuchte Zane mit aller Macht von sich wegzudrücken. Ganz gleich, wie verführerisch es auch sein mochte, sie musste dem widerstehen!

Sie wandte den Kopf ab und versuchte, mehr Abstand zwischen sie zu bringen. „Zane, hör auf. Hör auf damit!“

„Du willst es auch.“ Er reagierte nicht auf ihre Anordnung, glitt mit den Lippen über ihren Hals, ihre Wange, ihr Kinn. „Ich merke es doch.“ Wie zur Bestätigung seiner Worte strich er mit einem Daumen über die hart gewordene Knospe ihrer Brust.

Neue Emotionen fuhren nahezu schmerzhaft durch sie hindurch, Emotionen, die sie dazu bringen wollten, sich noch enger an Zane zu schmiegen, obwohl das doch genau das war, was sie nicht wollte.

Sie klaubte den letzten Rest Selbstbeherrschung zusammen und besann sich auf die wirkungsvollste Waffe, die sie hatte.

„Und was willst du?“ Sie erkannte kaum die eigene Stimme. „Herausfinden, wie du im Vergleich zu deinem Vater abschneidest?“

Er stieß sie abrupt von sich, so als sei sie eine giftige Natter. Ruby beäugte ihn misstrauisch, während sie zur Tür eilte, ob ein weiterer Anschlag zu erwarten sei, doch er rührte sich nicht.

Erst als sie den Raum verlassen hatte, ließ Zane seine Faust donnernd auf die Werkbank fallen. Er spürte nicht einmal den körperlichen Schmerz, sondern nur den Ekel vor sich selbst. Drei Wochen. Drei Wochen, und er hatte sich in ein primitives Tier verwandelt! Er war kurz davor gewesen, Ruby auf diese Werkbank zu heben und sich zwischen ihre Beine zu drängen, sie in Besitz zu nehmen …

Die Geliebte seines Vaters!

So viel also zu seiner Selbsteinschätzung, dass er eine Stufe höher auf der Evolutionsskala stand als sein Vater. Er war nicht besser als Laurence. Und das Schlimmste an der Sache war … Er wollte Ruby noch immer.

Die nächsten zwei Tage gingen Zane und Ruby einander so gut wie möglich aus dem Weg und wechselten kaum ein Wort miteinander.

Doch das konnte nicht mehr lange anhalten, darüber war Ruby sich klar, als sie ihre Handtasche unter den Schreibtisch stellte und den Computer einschaltete. So ließ sich keine Firma führen. Es gab Dinge zu besprechen, Entscheidungen zu treffen … Sie sah auf die Notiz, die ihre Assistentin ihr hingelegt hatte: „Halb zehn. Sitzung mit Zane im Vorstandszimmer.“

Zane wartete noch immer auf ihren Bericht, und die Organisation der Perlenernte stand bevor. Das Wissen, dass es geschäftliche Angelegenheiten zu bereden gab, nahm ihr nicht die Angst vor dem Wiedersehen mit ihm. Sie wollte ihn nicht sehen, wollte seiner Anziehungskraft nicht erneut ausgesetzt sein.

Du willst es auch, hatte er gesagt. Und er hatte recht gehabt. Es zu bestreiten würde nichts daran ändern. Sie hatte sich von ihm küssen und streicheln lassen, und sie hatte sich nach mehr gesehnt.

Wenn sie nicht im letzten Moment zur Besinnung gekommen wäre … Doch selbst da war es nicht sie selbst gewesen, die sie gerettet hatte, sondern Laurence.

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