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Stürmische Nächte auf Barbados

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Kathryn Ross

Stürmische Nächte auf Barbados

Niemals darf Luke erfahren, was sie für ihn empfindet. Denn Gefühle sollten bei ihrer Affäre keine Rolle spielen. Nicole muss den attraktiven Millionär verlassen, bevor sie sich rettunglos in ihn verliebt!

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Kathryn Ross

Stürmische Nächte auf Barbados

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Nicole will sich nur noch auf ihre Karriere konzentrieren. Bis sie ihren neuen Chef kennenlernt. Luke Santana ist so charmant, gut aussehend und männlich, dass er ihr Herz bald schneller schlagen lässt. Obwohl sie sich nach ihrer enttäuschenden Ehe nie mehr binden wollte, stürzt sie sich in eine leidenschaftliche Affäre. Doch ihr Plan, keine Gefühle zuzulassen, scheitert. Je näher sie Luke kommt, desto mehr wünscht sie sich, für immer mit ihm zusammen zu sein. Auf ihrem romantischen Kurztrip nach Barbados will sie endlich wissen, ob auch Luke an eine gemeinsame Zukunft denkt …

1. KAPITEL

Ihre Blicke trafen sich über den Tisch des Sitzungszimmers hinweg, und ganz plötzlich schien die Luft zwischen ihnen zu knistern. Hastig schaute Nicole zur Seite.

„Wie Sie sehen können, meine Herren“, fuhr sie fort und versuchte, sich wieder auf ihre Notizen zu konzentrieren, „sind die Zahlen sehr vielversprechend. Wenn es keine weiteren Komplikationen gibt, sollten wir die Übernahme bald unter Dach und Fach haben, und RJ Records wird uns gehören.“

Um den langen Tisch herum wurde applaudiert, und sie konnte auf zahlreichen Gesichtern ein zufriedenes Lächeln entdecken. Aber Luke lächelte nicht. Er beobachtete sie noch immer mit diesem Leuchten in seinen dunklen Augen, als könne er ihre Gedanken lesen und ihr direkt in die Seele schauen.

Sie wünschte, er würde sie nicht auf diese Art ansehen. Das ließ ihren Puls rasen … Hitze durch ihren Körper strömen … und es brachte sie dazu zu vergessen, was sie gerade dachte, was sie gerade sagen wollte.

„Deshalb …“ Sie schob ihre Unterlagen zurecht und zwang sich dazu, wieder geschäftsmäßig zu denken. „Was wir jetzt tun müssen …“

„Was wir jetzt tun müssen, ist, diese Sitzung zu beenden“, fiel Luke ihr ins Wort.

Nicole runzelte die Stirn und wollte ihm gerade mitteilen, dass noch einige wichtige Punkte zu besprechen seien, aber er schob schon seinen Stuhl zurück. „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren, aber ich denke, mit dem Ziel in greifbarer Nähe haben wir uns heute alle einen etwas zeitigeren Feierabend verdient. Morgen früh werden wir wieder hier zusammenkommen.“

Nicole sah verstohlen auf die Uhr. Es war halb sechs. Nach herkömmlichen Maßstäben alles andere als früh, aber verglichen mit den Überstunden der letzten Woche war es ein sehr kurzer Arbeitstag.

Alle packten hastig ihre Unterlagen zusammen und folgten dem Beispiel des Chefs. Sie standen auf und begannen, sich zu unterhalten, während die Anspannung der letzten Tage von ihnen abfiel. Die ganze Belegschaft hatte den Druck gespürt, den die Vorbereitungen für die geplante Übernahme mit sich brachten.

Nicole sammelte ihre Papiere ein und steckte sie in die Aktentasche. Auf der anderen Seite des Raumes konnte sie Luke mit seiner Assistentin Sandy plaudern sehen. Er lehnte am Fensterbrett, und hinter ihm war die Skyline von Miami in all ihrer Pracht zu erkennen. Doch es war nicht das Panaroma, das Nicoles Blick fesselte. Es waren Lukes breite Schultern in dem dunkelgrauen Anzug und dem weißen Hemd … die lässige Art, in der er das Jackett zurückgeschoben hatte, um seine Hand in der Taille abzustützen – das brachte die Linie seiner schmalen Hüften vorteilhaft zur Geltung.

Kein Mann hat das Recht, so gut auszusehen wie mein Chef, dachte sie zerstreut. Luke Santana war sechsunddreißig Jahre alt und bestand aus einem Meter achtundachtzig perfekter Männlichkeit. Er hatte üppiges, blau-schwarzes Haar, das ihm eine Spur zu lang über den Kragen fiel, und seine Augen waren von dunkler Intensität. Er war portugiesischer Abstammung, und das sah man ihm an. Seine Sprache war beinahe akzentfrei, nur hin und wieder machte sich ein leichter portugiesischer Einschlag bemerkbar, und das gefiel ihr. Ihr gefiel auch, wie er aussah. Wenn sie ihn nur anschaute, verspürte sie Schmetterlinge in ihrem Bauch. Sie versuchte dagegen anzukämpfen … Sie war der Meinung, dass sie schon Fortschritte gemacht hatte. Zumindest war sie in der Lage, in seiner Gegenwart eine muntere, geschäftsmäßige Fassade aufrechtzuerhalten, auch wenn sich ihr Herzschlag in erschreckender Weise beschleunigte.

Ein Kollege hielt Nicole auf, um kurz ein paar Worte mit ihr zu wechseln, danach drehte sie sich um und wollte gehen. Luke stand jetzt zwischen ihr und der Tür.

Sie strich sich eine Strähne ihres langen, kastanienbraunen Haars aus dem Gesicht und versuchte, nicht darauf zu achten, wie er seinen Blick über ihre schlanke Gestalt in der weißen Bluse und dem engen schwarzen Rock wandern ließ.

„Der Abschluss scheint hervorragend zu laufen, Nicole“, sagte er in seiner gedehnten Sprechweise.

„Ja, ich finde, wir machen gute Fortschritte.“

Er nickte, bevor er beiläufig hinzufügte: „Es gibt jedoch noch ein paar Punkte, die wir klären sollten, und besonders einige Details will ich mir noch einmal ganz genau anschauen.“

Nicole sah ihn mit ihren grünen Augen an. Sie hatte alle Berechnungen akribisch durchgeführt; wieso war er noch nicht zufrieden? „An welche Details dachten Sie denn dabei?“

„Machen Sie sich deshalb jetzt keine Sorgen. Hauptsache, Sie sind morgen in aller Frühe wieder hier.“

Seine Stimme klang ein wenig ruppig, aber daran war sie schon gewöhnt. Wenn Luke etwas wollte, dann wollte er es hier und jetzt. Geduld war nicht seine starke Seite.

Sie nickte. „Na klar, Chef.“

Luke musterte sie mit boshaft blitzenden Augen. „Bis morgen dann, Nicole“, sagte er.

Sie lächelte und ging zur Tür. Draußen im Gang, der inzwischen verlassen dalag, stieg sie in den Fahrstuhl, um zu ihrem Büro hinaufzufahren, wo sie noch ihre Handtasche holen wollte.

Bevor sie oben ankam, klingelte ihr Handy. „Zu dir oder zu mir?“, fragte eine arrogante männliche Stimme.

Der kühle, selbstbewusste Ton ihres Chefs ließ sie vor Erregung erschauern. „Ich weiß nicht, ob ich heute die Zeit habe, dich zu sehen. Ich habe noch einige Punkte zu überarbeiten“, neckte sie ihn mit heiserer Stimme.

„Genau wie ich … ganz besonders einige Details.“ Nicole hörte die Belustigung in seiner Stimme, aber auch die Hitze seines Begehrens. „Ich bin in einer halben Stunde bei dir.“

„Sagen wir in einer Dreiviertelstunde.“ Sie wollte etwas Zeit haben, um sich für ihn zurechtzumachen. „Was hältst du davon, wenn ich uns etwas zu essen koche?“

Am anderen Ende blieb es eine Weile still. Kein Wunder, dass Luke überrascht war. Sie hatte noch nie angeboten, ihm etwas zu kochen. Nicole runzelte die Stirn und war selbst von ihrem Angebot überrascht. Sie beide verband eine rein körperliche Beziehung. Natürlich führte Luke sie hin und wieder zum Essen in irgendein teures Restaurant aus, bevorzugt eins, in dem nicht die Gefahr bestand, Bekannte zu treffen. Aber ein selbst gekochtes Essen war etwas anderes – irgendwie ein wenig zu … intim.

„Okay, aber ich warne dich. Ich bin ausgehungert.“ Er sprach mit tiefer Stimme, und vor ihrem inneren Auge sah sie ihn in ihrer Wohnung ankommen und ihr die Kleider vom Leib reißen. Denn so verliefen ihre Treffen fast immer – fieberhaft. Schon bei der Vorstellung erwachten all ihre Sinne.

„Ich vermute, du sprichst jetzt nicht vom Essen?“ Sie lachte.

„Du hast es erfasst. Bis dann.“

Nicole verstand sich selbst nicht mehr. Warum hatte sie ihm angeboten zu kochen? Sie war nicht der hausfrauliche Typ.

Der Fahrstuhl war angekommen, und sie betrat ihr geräumiges, luxuriös ausgestattetes Büro inklusive Panoramablick über Miami, das in der Septembersonne funkelte wie ein Juwel. Als Santana Records ihr vor achtzehn Monaten die Versetzung hierher angeboten hatte, war ihr die Entscheidung mehr als leicht gefallen. Sie war froh gewesen, London mit seinen schmerzlichen Erinnerungen den Rücken zu kehren und von vorne anzufangen.

Seit sie in Amerika war, hatte Nicole sich ganz ihrer Arbeit gewidmet, und das hatte sich ausgezahlt. Vor sechs Monaten war sie zur Leiterin der Vertragsabteilung befördert worden. Nicht übel für eine Einunddreißigjährige! Um in einer Plattenfirma wie Santana Records so weit aufzusteigen, hatte sie die kühle, unbesiegbare, perfektionistische Miss Connell spielen müssen. Manchmal konnte sie es selbst nicht fassen, dass es ihr so erfolgreich gelungen war, diese Fassade als ihr wahres Ich zu verkaufen. Sie fand es immer wieder amüsant, dass sie als zartes Persönchen von gerade einmal einem Meter fünfundsechzig tatsächlich andere Menschen herumkommandieren konnte.

Alles war bestens gelaufen. Nach einer schmerzhaften Scheidung war es ihr ganz recht gewesen, die Priorität auf die Arbeit zu legen und Beziehungen hintanzustellen. Es hatte ihr gefallen, nur hin und wieder einmal eine Verabredung zu haben. Sie wollte sich auf niemanden einlassen, wollte die Dinge lieber unkompliziert halten. Und dann war vor fünf Monaten Luke Santana in die Stadt gekommen. Die letzten achtzehn Monate hatte er in Europa verbracht, und sie hatten sich in der Londoner Niederlassung nur knapp verpasst. Jetzt war er nach Miami zurückgekehrt, um die Übernahme eines Konkurrenzunternehmens, RJ Records, auszuhandeln. Er hatte Nicole dabei zu seiner rechten Hand gemacht, und plötzlich war ihr Leben aus dem Gleis geraten.

Eine Affäre mit dem Chef zu haben war nicht besonders klug, und sie hatte verzweifelt gegen die Anziehungskraft angekämpft, die er auf sie ausübte. Doch von dem Moment an, als sie das erste Mal sein Büro betreten hatte und ihre Blicke sich trafen, war es um sie geschehen gewesen.

„Hi, Nicole“, hatte er sie damals begrüßt, während er aufgestanden war, um ihr die Hand zu schütteln. „Ich habe schon viel Gutes über Sie gehört.“

Nicole hatte auch schon viel über ihn gehört. Er hatte den Ruf, ein rücksichtsloser Unternehmer zu sein, dem es nur darum ging, Geld zu machen. Laut der „New York Times“ kaufte und verkaufte er Firmen, als wenn das Leben ein Monopoly-Spiel wäre. Manchmal behielt er die Unternehmen und baute sie aus, manchmal zerschlug er sie skrupellos und verkaufte die einzelnen Teilbereiche. Um ihren Job brauchte Nicole sich allerdings keine Sorgen zu machen, denn Luke beabsichtigte, seine Plattenfirma weiter aufzubauen.

Außerdem hatte sie gehört, dass Luke Santana nie geheiratet und, wie die Klatschmäuler behaupteten, mehr Frauenherzen gebrochen hatte, als ein Jahr Tage zählte. All das hatte sie sich ins Gedächtnis gerufen, als sie sich schon bei seinem Händedruck seiner körperlichen Präsenz unglaublich bewusst war. Sie hatte sich in seiner Gegenwart besonders kühl und geschäftsmäßig verhalten, um auf jeden Fall Abstand zu wahren.

Das hatte Luke offensichtlich amüsiert, und in den darauffolgenden Wochen war ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihnen abgelaufen. Je eisiger sie sich gab, desto charmanter wurde er. Man konnte nicht sagen, dass er ihr Avancen gemacht oder sich in irgendeiner Weise ungehörig benommen hätte … und doch hatte es unterschwellig eine knisternde Spannung zwischen ihnen gegeben, die von Tag zu Tag stärker wurde. Nicole hatte alles versucht, um eine gewisse Distanz aufrechtzuerhalten – hatte nur strenge, hoch geschlossene Kostüme getragen, ihre Haare zusammengebunden und sich einzureden versucht, dass sie Luke nicht mochte.

Aber das hatte die erotische Anziehung zwischen ihnen nur noch verstärkt. Schließlich hatte sie bei einer abendlichen Vorstandssitzung versehentlich mit ihrer Hand seine gestreift, und es war wie ein Stromschlag gewesen. Danach war sie für den Rest der Sitzung kaum in der Lage gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Später hatte Luke sie zu ihrem Büro begleitet, um ein paar Unterlagen zu holen.

„Sie waren sehr still heute Abend“, hatte er gesagt.

„Nun ja, ich muss den Überblick behalten.“ Sie beeilte sich, die gewünschten Papiere für ihn herauszusuchen. „Hier, bitte sehr.“

„Danke. Hätten Sie Lust, irgendwann einmal mit mir zum Abendessen auszugehen?“

„Um über diese Dokumente zu sprechen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, um darüber zu sprechen …“

Und dann hatte er sie geküsst.

War sie kurz zuvor noch kühl und reserviert gewesen, so hatte dieser Kuss bewirkt, dass sie dahinschmolz wie ein Eiswürfel in der Wüste.

Direkt hier in ihrem Büro hatten sie sich geliebt, und es war unglaublich heftig gewesen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Leidenschaft erlebt! Danach war sie erst einmal erschrocken darüber, was sie getan hatte – zumal er ganz offensichtlich auf Sex eingestellt war und Kondome dabeigehabt hatte. Aber dann hatte er sie so zärtlich geküsst, dass ihr Schreck einem Hochgefühl gewichen war.

Ihre eigenen Reaktionen hatten sie bestürzt; sie war schließlich eine Karrierefrau, die gefühlsmäßige Verstrickungen eher als hinderlich betrachtete. Bei diesem Gedanken hatte sie sich von ihm zurückgezogen. „Ich hoffe, du interpretierst mein Verhalten nicht falsch“, hatte sie gesagt und hastig ihre Kleidung wieder in Ordnung gebracht. „Ich habe wirklich nicht die Absicht, mich auf eine Beziehung mit dir einzulassen. Für so etwas habe ich im Moment keine Zeit.“

Vermutlich war es dumm, Derartiges zu einem Mann wie Luke zu sagen. Er wirkte auch tatsächlich leicht amüsiert.

„Das kommt mir sehr gelegen, Nicole. Ich bin für Beziehungen nicht geschaffen.“

„Gut, dann vergessen wir das am besten wieder, meinst du nicht auch?“ Irgendwie schaffte sie es, kühl und gefasst zu klingen, obwohl sie in Wirklichkeit weit davon entfernt war. Sie konnte nur daran denken, wie sie dort wieder herauskam. Noch nie in ihrem Leben war sie in einer peinlicheren Situation gewesen.

„Das sehe ich nicht so.“ Er klang sehr bestimmt, als er ihre Hände von den Knöpfen ihrer Bluse wegzog. „Ich bin noch nicht fertig mit dir, Miss Connell.“ Seine Worte hatten einen spielerischen, heiseren Unterton, und einen wilden Moment lang dachte sie, er wolle noch einmal mit ihr schlafen … Noch besorgniserregender war die Tatsache, dass sie selbst nicht abgeneigt gewesen wäre. Aber er hatte lediglich ihre Bluse ordentlich zugeknöpft, weil sie in ihrer Hektik nicht die richtigen Knopflöcher gefunden hatte. Die Berührung seiner Finger war sehr erotisch.

„Ich schlage vor, dass wir ein Verhältnis haben“, sagte er gelassen. „Keine Komplikationen, keine Verpflichtungen … nur perfekter Sex.“

Und genau das hatten sie in den vergangenen Monaten gehabt. Bis jetzt hatten sie es geschafft, ihre Affäre geheim zu halten, um dadurch unnötige Komplikationen im Arbeitsleben zu vermeiden. In der Öffentlichkeit waren sie kühl und höflich, aber wenn sie allein waren, brannte ihre Leidenschaft lichterloh.

So eine Liaison hatte Nicole noch nie zuvor gehabt. Unverbindlicher Sex hatte nicht zu ihren Gewohnheiten gezählt. Denn sie hatte fünf Jahre in einer sehr engen Bindung mit ihrem Ehemann gelebt. Leider war diese Beziehung schlecht ausgegangen, und deshalb hatte sie sich gesagt, dass es einer jungen Frau von einunddreißig Jahren nicht schaden konnte, ein bisschen Spaß zu haben.

Nicoles Sekretärin Molly betrat den Raum und legte einige Briefe auf den Schreibtisch. „Ich habe Sie von dem Meeting nicht so zeitig zurückerwartet“, sagte sie erstaunt.

„Luke hat beschlossen, dass wir heute ein wenig früher Feierabend machen.“

„Oh! Da scheint er ja gute Laune zu haben.“

„Stimmt. Deshalb empfehle ich Ihnen, das zu nutzen und für heute auch Schluss zu machen, Molly.“

„Sehr gut! Dann habe ich Zeit, beim Floristen vorbeizuschauen und mir meine Blumen auszusuchen.“

„Kann nicht mehr lange dauern, bis der große Tag da ist.“ Nicole lehnte sich einen Moment gegen die Schreibtischkante. Sie mochte Molly, eine temperamentvolle Fünfundzwanzigjährige, die so verliebt in Jack, ihren Verlobten, war, dass es Nicole ganz warm ums Herz wurde, wenn sie von den Plänen der beiden hörte. In gewisser Weise gab ihr das ihren Glauben an die Liebe zurück … ein Glaube, der ziemlich erschüttert worden war, als ihr Ehemann sie verlassen hatte.

„Am Samstag sind es noch fünf Wochen“, antwortete Molly mit glänzenden Augen. „Ach, Moment …“ Sie verschwand in ihrem eigenen Büro und kam mit einem edlen Briefumschlag zurück. „Ich kann Ihnen gleich Ihre Einladung geben.“

„Danke, Molly.“ Nicole öffnete den Umschlag und sah sich die hübsche Karte an. Auf der Einladung stand: Nicole und Partner.

Ihr erster Gedanke war, dass sie unmöglich in Begleitung von Luke dort auftauchen konnte. Und seltsamerweise machte diese Erkenntnis sie traurig.

Mit einem Stirnrunzeln schob sie dieses Gefühl beiseite. Was war nur los mit ihr? Sie rief sich entschieden ins Gedächtnis, dass ihre Beziehung mit Luke genau das war, was sie wollte.

Zwanzig Minuten später parkte Nicole ihren voll beladenen roten Sportwagen vor der Tür ihres Mietshauses. Sie hatte es sich anders überlegt und den Plan, etwas für Luke zu kochen, wieder verworfen. Stattdessen hatte sie im Feinkostladen einige leckere Kleinigkeiten besorgt, die sie vielleicht später zusammen im Bett essen konnten. Die Idee war ihr im Supermarkt gekommen, und sie hatte sich dazu hinreißen lassen, Champagner, Kaviar und diverse Delikatessen zu kaufen. Aufgeregt ging sie zu den Fahrstühlen. Die Vorstellung, einen ganzen Abend mit Luke zu verbringen, machte sie ganz euphorisch.

Als sie die Wohnung betrat, blieben ihr noch ganze fünfzehn Minuten. Sie stopfte hastig ihre Einkäufe in den Kühlschrank, dann duschte sie kurz, bevor sie sich in sexy rote Unterwäsche und ein Wickelkleid in derselben Farbe hüllte. Schließlich blieb ihr gerade noch Zeit, ihr langes kastanienbraunes Haar durchzukämmen und etwas Lippenstift aufzutragen.

Sie warf einen schnellen Blick auf ihr Spiegelbild. Ihre Augen blitzten voller Vorfreude, und ihre Haut glühte rosig. Jeder, der sie so sah, würde annehmen, dass sie verliebt war. Als ihr dieser unbekümmerte Gedanke durch den Kopf schoss, erstarrte sie plötzlich.

Sie war nicht verliebt! Sie konnte nicht verliebt sein! Das verstieß gegen alle Spielregeln. Sie hatten eine Affäre … unverbindlichen Sex mit einem großen U. Ohne Bindung, ohne Verpflichtung und ganz sicher ohne die Erwähnung des L-Wortes.

Warum hämmerte ihr Herz dann aber wie verrückt, wenn Luke sie nur ansah? Warum hatte es sie traurig gemacht, dass sie an Mollys Hochzeit nicht als Paar teilnehmen konnten?

Ach was, so dumm und naiv war sie nicht, dass sie sich in Luke Santana verliebt hätte. Sie wusste schließlich ganz genau, dass er keine feste Beziehung wollte und dass er bei der kleinsten diesbezüglichen Andeutung sofort die Flucht ergreifen würde. Außerdem hatte sie sich nach ihrer Scheidung selbst geschworen, dass sie nie wieder jemanden lieben wollte. Das führte nur zu schmerzlichen seelischen Verletzungen. Ein unverbindliches Verhältnis war genau das Richtige für sie.

Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken.

Luke lehnte lässig im Türrahmen. Er trug noch denselben grauen Anzug wie vorhin im Büro und lockerte gerade seine Krawatte. Es gab keinen anderen Ausdruck für ihn – er war einfach unbeschreiblich sexy. Wie immer bei seinem Anblick spürte Nicole, wie ihr Herz zu rasen begann.

„Tut mir leid, dass ich mich ein wenig verspätet habe.“ Er schaute sie mit seinem warmen Lächeln an. „Ich wurde am Telefon aufgehalten.“

Sie war zufrieden mit einem unverbindlichen Verhältnis? Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Sie war verrückt nach ihm und bis über beide Ohren in ihn verliebt.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er, als er an ihr vorbei die Wohnung betrat.

„Ja, natürlich.“ Sie riss sich zusammen. Das war eine Katastrophe … was sollte sie jetzt nur tun?

2. KAPITEL

„Möchtest du etwas trinken?“ Nicole ging in die Küche. „Ich habe Champagner kalt gestellt.“

Sie öffnete den Kühlschrank und fühlte sich durch den Anblick ihrer Leckereien verspottet. Ihr war überhaupt nicht mehr nach Feiern zumute.

Warum habe ich die Anzeichen dafür, dass ich mich verliebe, nicht früher erkannt, fragte sie sich. Es war, als wenn ihr plötzlich jemand die Scheuklappen von den Augen gerissen hätte. Sie hatte die Symptome ignoriert: das atemlose Gefühl, wenn sie mit ihm zusammen war, ihre Appetitlosigkeit, wenn sie ihn nicht sah. Die schmerzhafte Enttäuschung, wenn er nicht die ganze Nacht bei ihr verbrachte, nachdem sie sich geliebt hatten.

Und jetzt verspürte sie plötzlich das dringende Bedürfnis, ihn besser kennen und verstehen zu lernen. Nun, diesem Wunsch würde sie nicht nachgeben. Sie nahm die Champagnerflasche heraus.

„Champagner? Feiern wir etwas?“

„Eigentlich noch nicht, denn der Vertrag mit RJ ist ja noch nicht unterzeichnet.“ Entschlossen konzentrierte sie ihre Gedanken wieder auf die Arbeit.

„Du siehst übrigens toll aus“, sagte Luke leise, während sie Gläser aus dem Küchenschrank nahm.

„Danke.“ Nicole schaute zu ihm hinüber und spürte, wie sie dahinschmolz. Luke hatte so eine Art sie anzusehen und dabei mit seinen Blicken auszuziehen … Das hatte er auch schon heute Nachmittag im Konferenzsaal getan. Und das wirkte so überaus sinnlich auf sie, dass es ihr Blut zum Kochen brachte. Bei jedem anderen hätte sie es als Unverschämtheit empfunden, aber bei Luke erregte es sie total.

Jetzt konnte sie nur noch daran denken, wie sehr sie ihn begehrte.

„Warte mal, ich öffne die Flasche für dich.“ Er stand plötzlich ganz dicht hinter ihr und nahm ihr die Flasche aus der Hand. Seine Arme umschlossen ihre Schultern, sie konnte den erregenden Duft seines Rasierwassers einatmen und seinen schlanken, harten Körper an ihrem spüren. Sie schloss die Augen, als eine Welle heftigen Verlangens sie durchströmte.

„So.“ Der Korken zischte aus der Flasche, und sie wurden mit etwas Schaum besprüht. Sie mussten beide lachen, und Luke setzte die Flasche ab, um seine Hände auf Nicoles Taille zu legen und sie auf die Wange zu küssen. „Ich wollte dich schon den ganzen Tag über berühren“, murmelte er.

„Ich dich auch.“ Sie lehnte sich rückwärts gegen ihn und hob die Arme, um ihm mit den Fingern durch die dichten, dunklen Haare zu fahren.

Er ließ seine Hände von ihrer Taille zu ihren Brüsten hinaufwandern, die sofort auf seine Berührung reagierten und sich vor Erregung aufrichteten. „Weißt du, Nikki, mit dir bekommt das Öffnen einer Champagnerflasche eine ganz neue und aufregende Dimension“, flüsterte er ihr heiser ins Ohr. Nicole drehte sich um und versank in seinen Armen.

Er mochte die Art, wie sie das tat. Es gefiel ihm, wie sie auf ihn reagierte und sich warm und weich an ihn schmiegte. Bereits während der Sitzung hatte er sich diesen Moment vorgestellt. Er hatte sie betrachtet, ihr zugehört, wie sie in ihrer knappen, effizienten Art die Zahlen und Fakten präsentierte, und das Wissen, dass er später ihre kühle Fassade bröckeln lassen und sie zur Ekstase bringen würde, hatte ihm großes Vergnügen bereitet. Sie war so sexy … so anschmiegsam im Schlafzimmer, doch eine nicht zu unterschätzende Größe in der Arbeitswelt. Das faszinierte ihn, und er brannte darauf, ihren verführerischen Körper hier und jetzt aufs Genaueste zu erkunden …

Luke presste seine Lippen auf ihre, hart und fordernd, und sie erwiderte seinen Kuss mit einer Leidenschaft, die der seinen in nichts nachstand. Auch das gefiel ihm.

„Wir haben so unglaublich guten Sex miteinander …“, murmelte er heiser und bedeckte nun auch ihren Hals mit glühenden Küssen.

Nicole konnte ihm zustimmen, aber in ihrem Innern rührte sich plötzlich eine widerspenstige Stimme, um die Wogen der Leidenschaft zu durchdringen und sie zu verspotten. Du wünschst dir mehr als guten Sex …

Vorsichtig zog sie sich von Luke zurück und versuchte verzweifelt, derartige Gedanken zu verdrängen.

„Geht es dir gut?“

„Bestens!“ Sie wandte sich der Arbeitsplatte zu. „Ich dachte nur, wir sollten jetzt den Champagner trinken.“ Schnell riss sie sich zusammen. Sie wollte sich die gemeinsame Zeit mit Luke nicht von solch irrationalen Anwandlungen verderben lassen. Als sie ihn wieder ansah, schenkte sie ihm einen herausfordernden Blick aus blitzenden grünen Augen. „Es wäre doch eine Schande, ihn schal werden zu lassen, nachdem du keine Mühe gescheut hast, um die Flasche zu öffnen.“

Luke zog spöttisch seine Augenbrauen zusammen. „Wenn du meinst … ich hatte eigentlich etwas anderes im Sinn.“

„Das habe ich bemerkt.“ Sie lächelte und machte sich daran, den Champagner zu entkorken. Er hatte Sex im Sinn, während sie sich mit diesen verrückten Liebesgefühlen herumschlug. Das musste aufhören, und zwar sofort. Leichter gesagt als getan!

Nicoles Hand zitterte, als sie die prickelnde goldene Flüssigkeit einschenkte. Zum Glück schien Luke das nicht zu bemerken. Sie hatte ihren Stolz und wollte nicht, dass er erriet, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Denn dann würde er vermutlich die Beziehung ganz schnell beenden. Seine Einstellung zu verpflichtenden Bindungen hatte er hinreichend klargestellt – er war sogar so weit gegangen, ihr zu erklären, dass Heirat und Kinder nicht das waren, was er vom Leben erwartete. Seine Arbeit kam für ihn an erster Stelle.

Sie reichte ihm sein Glas, und er stieß mit ihr an. „Cheers“, sagte er sanft.

„Cheers. Ich fand, die Vorstandssitzung heute lief ausgezeichnet“, sagte sie in einem Versuch, das Gespräch auf ein unverfängliches Thema zu bringen.

„Ja, du hast gute Arbeit geleistet. Ich war beeindruckt.“

„Ich weiß.“ Sie sah ihn verschmitzt an. „Aber du hast gesagt, es gäbe noch einige Punkte zu klären … besonders einige Details wolltest du dir noch einmal ganz genau anschauen?“

„Richtig, ich beabsichtige, diese Details jetzt gleich eingehend unter die Lupe zu nehmen. Ich habe mich nur vorsichtig ausgedrückt, damit niemand, der uns zugehört hat, zwei und zwei zusammenzählt und begreift, dass wir miteinander schlafen.“

So formulierte er das immer, dass sie „miteinander schliefen“. Bisher hatte sie das nicht gestört, aber heute tat es ihr weh. Außerdem war selbst das eine Übertreibung, denn zum gemeinsamen Schlafen kamen sie nie, da Luke normalerweise nach Hause ging, nachdem sie sich geliebt hatten.

Es war Nicoles Idee gewesen, ihre Affäre geheim zu halten. Es lag ihr nichts daran, ein Thema für den Bürotratsch zu werden. Luke dagegen fand die Heimlichtuerei amüsant, für ihn kam es einem Spiel gleich, das ihm Spaß machte.

„Ach, übrigens … du hattest etwas von Essen kochen gesagt. Ich denke, das sollten wir verschieben.“

„Oh, das hatte ich mir inzwischen eh schon wieder anders überlegt“, sagte sie lässig. „Ich dachte, wir knabbern stattdessen ein paar Kleinigkeiten …“

„Das klingt gut …“ Er nahm ihr das Glas aus der Hand. „Für Knabbereien bin ich immer zu haben.“ Während er sprach, strich er ihr die dunklen Haare aus dem Gesicht, beugte sich näher zu ihr und begann, an ihrem Ohrläppchen zu knabbern. „Wo waren wir stehen geblieben?“, murmelte er heiser, und sie spürte seine Hände besitzergreifend über die Rundungen ihres Körpers streichen. „Weißt du, ich glaube, ich kann es keine Minute länger aushalten ohne dich.“

Das Wickelkleid war schnell geöffnet, und seine Hände fanden ihren warmen, nackten Körper. Von heftigem Verlangen ergriffen, schloss Nicole die Augen. Auch sie konnte es keine Minute länger ohne ihn aushalten. Schon den ganzen Nachmittag über hatte sie ihn begehrt. Hatte sich danach gesehnt, dass die Menschen um sie herum verschwinden würden, sodass sie in seine Arme sinken konnte.

Ihre Lippen fanden sich in einem harten und leidenschaftlichen Kuss. Sie legte ihm die Arme um den Hals und ließ sich gehen, verlor sich in seinen Liebkosungen. Seine Zunge eroberte ihren Mund, ertastete und schmeckte dessen Süße.

Die Küsse wurden immer intensiver, seine Berührungen wilder und fordernder. Sie erlaubte ihm, ihr das Wickelkleid abzustreifen, und es fiel zu Boden. Plötzlich zog Luke sich von ihr zurück und ließ seinen Blick über ihren schlanken, wohlgerundeten Körper in den erotischen Dessous wandern. „Zum Teufel, du bist so schön, Nicole.“ Er streckte eine Hand aus und strich sanft über den Rand ihres Spitzen-BHs. Nicole reagierte sofort auf ihn und spürte, wie ihre Brustspitzen sich vor Verlangen aufrichteten.

Es war erst vier Tage her, dass sie sich geliebt hatten, aber sie war schon ganz ausgehungert nach ihm … es war beinahe so, als ob ein Fieber sie erfasst hätte, und ihr ganzer Körper schmerzte.

Als Luke ihr den BH auszog und damit ihren Busen entblößte, hatte sie das Gefühl, dass jeder Millimeter ihrer Haut sich nach seinen Berührungen verzehrte. Mit den Lippen liebkoste er ihren Hals, während seine Hände die Rundungen ihrer Brüste streichelten.

Gerade als sie das Gefühl hatte, die erotische Spannung nicht länger aushalten zu können, hob er sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer.

Sie ließen sich auf das Doppelbett sinken, und Nicole begann fieberhaft, sein Hemd aufzuknöpfen. „Ich will dich so sehr“, sagte sie mit vor Wollust erstickter Stimme.

Als er das Hemd abgeworfen hatte, streichelte sie mit ihren Fingern liebevoll die glatte Haut seiner breiten Schultern. Er hatte eine fantastische Statur … durchtrainiert wie ein Sportler. Er bedeckte jetzt ihren ganzen Körper mit langsamen Küssen. Sie liebte es, dass er im Schlafzimmer sowohl gebieterisch als auch außerordentlich zärtlich sein konnte. Langsam ließ er seine Lippen zu ihrem Mund zurückkehren, und die Leidenschaft zwischen ihnen wurde wilder, weniger kontrolliert. Er zog sie dichter an sich, und ganz plötzlich kam er zu ihr und bewegte sich aufreizend, während er gleichzeitig sanft ihre Brüste streichelte.

Die Empfindungen, die er in ihr auslöste, waren intensiv und überwältigend. Sie versuchte, sich ihnen noch nicht ganz zu überlassen, um die Lust zu verlängern, aber das schmerzhafte Verlangen steigerte sich so sehr, dass sie es nicht mehr länger aufhalten konnte.

Als sie gemeinsam den Gipfel der Lust erklommen, stöhnte sie hilflos auf. Sie war außer Atem und ihre Haut feucht an seine geschmiegt.

Er gab ein kehliges Lachen von sich und rollte sich zur Seite. Seine Augen funkelten vor Vergnügen. „Das war perfekt.“

Nicole wünschte, sie könnte das Gleiche empfinden. Ja, körperlich war sie befriedigt, aber in ihr war ein rauer Schmerz, der nicht verschwinden wollte … Es war der Schmerz zu wissen, dass sie ihn liebte, und wie aussichtslos diese Liebe war. Dieser Mann würde ihr nie gehören. Diese Erkenntnis verletzte sie tief.

Eine Weile lagen sie schweigend nebeneinander.

Sie betrachtete sein Gesicht. Er war so überaus attraktiv. Sein Kinn war kantig und entschlossen, mit der Andeutung eines Grübchens, und auf der olivenfarbenen Haut seiner Wangen zeichnete sich schon ein leichter Bartschatten ab.

Luke zog sie etwas enger an sich. Sie gestattete es sich, die Nähe zu genießen, und er küsste sie zärtlich. Sie erwiderte seinen Kuss, und dann glitt er über sie, und sie liebten sich noch einmal.

„Woher nimmst du nur deine Energie?“, fragte sie ihn atemlos, als sie sich schließlich erschöpft an seinen ausgestreckten Körper schmiegte.

„Keine Ahnung. Vielleicht hat es etwas mit meiner mediterranen Herkunft zu tun“, meinte er spielerisch. Er strich ihr das seidige Haar aus dem Gesicht und sah sie an. Es gefiel ihr, dass seine dunklen Augen goldgesprenkelt waren und dass sich an den Rändern kleine Fältchen bildeten, wenn er lächelte.

Der schrille Klingelton seines Handys unterbrach plötzlich die entspannte Stimmung. Nicole stöhnte innerlich und hätte ihm gern gesagt, dass er es ignorieren sollte. Aber sie wusste ja, dass die Arbeit für Luke immer an erster Stelle stand.

Er griff nach dem Telefon und meldete sich. „Oh, hi, Amber. Wie geht’s?“ In Sekundenschnelle hatte er sich von Nicole zurückgezogen und sich im Bett aufgesetzt. „Hast du die Zahlen von Drew bekommen? Gut. Wir erreichen also unsere Sollwerte?“

Nicole beobachtete ihn in die Kissen gelehnt. Sie staunte immer wieder, wie rasant Luke von Zärtlichkeit auf kühle Geschäftsmäßigkeit umschalten konnte. Amber gehörte zu den Spitzenkräften seines Buchhaltungsteams und hatte sich die letzte Woche über im New Yorker Büro aufgehalten.

Nicole wünschte sich, dass die Außenwelt um sie herum verschwinden würde. Sie wünschte sich, dass Luke sie ansah und plötzlich feststellte, dass er ohne sie nicht leben konnte …

Jetzt machte sie sich aber wirklich lächerlich! Wütend auf sich selbst versuchte sie, solche Gedanken zu verdrängen.

Luke beendete sein Gespräch. „Es tut mir leid, Nicole. Ich gehe jetzt wohl lieber. Ich muss zu Hause noch etwas Arbeit für unsere New Yorker Filiale erledigen.“

Sie bemerkte, wie lebhaft und geschäftsmäßig seine Stimme klang. Von wegen, dass die Außenwelt verschwindet, dachte sie spöttisch. Das war’s dann auch mit ihren romantischen Plänen für einen langen gemeinsamen Abend und ein Picknick im Bett. Das hätte sie sich auch schon vorher denken können!

„Okay.“ Mit größter Mühe gelang es ihr, den gleichen Ton zu treffen wie er. „Ich mache dir einen Kaffee, während du duschst.“

„Das wäre toll, danke.“

Nicole zog ihr Negligé über und ging in die Küche. Sie wollte eigentlich keinen Kaffee, hatte aber das Gefühl, sie musste etwas tun, um sich zu beschäftigen. Es tat ihr nicht gut, über ihre … Zuneigung zu Luke nachzudenken! Als ihre Ehe zerbrochen war, hatte sie sich geschworen, nie mehr einen Mann so nahe an sich heranzulassen, dass er sie verletzen konnte. Entschlossen hatte sie die Scherben ihres Lebens wieder zusammengesetzt und war unabhängig und autark geworden. Wenn sie diesen neuen Gefühlen für Luke nachgab, würde sie all das wieder zunichte machen, würde ihre eigenen Regeln brechen. Sie musste sich zusammenreißen und ihre Gefühle unter Kontrolle bekommen.

Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, kam Luke gerade aus dem Bad. Er hatte ein Handtuch um die Hüften geschlungen und sah aus wie ein griechischer Gott – muskulös mit einem Waschbrettbauch.

Er lächelte sie an. Sofort beschleunigte sich ihr Puls, und ihre guten Vorsätze gerieten ins Wanken. „Hier ist der Kaffee“, sagte sie munter.

„Danke.“

Er setzte sich neben sie auf die Bettkante. Seine Haare waren feucht und zurückgekämmt, was die markanten Konturen seines Gesichts noch hervorhob. Sie wollte die Hand ausstrecken und ihn berühren.

Lukes Blick fiel auf die Hochzeitseinladung, die sie auf den Nachttisch gelegt hatte. „Was ist das?“, fragte er beiläufig, während er danach griff.

„Molly hat mich heute zu ihrer Hochzeit eingeladen.“

„Molly?“ Er runzelte die Stirn.

„Meine Sekretärin“, erinnerte sie ihn. „Du weißt …“

„Oh, ja … Molly. Attraktives Mädchen mit blonden, lockigen Haaren.“

„Das ist sie.“ Nicole nickte. Bei einer so großen Firma konnte man vermutlich nicht erwarten, dass er jeden Mitarbeiter kannte.

Er klappte die Karte auf. „Die Einladung ist für dich und einen Partner. Wen nimmst du mit?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich hatte noch keine Zeit, darüber nachzudenken.“

„Es würde Spaß machen, wenn wir gemeinsam hingehen könnten.“

Die lässig hingesagten Worte versetzten ihr einen Stich. Es wäre wunderbar, wenn sie ganz offen mit ihm zusammen sein könnte. „Aber wir müssen unsere Affäre vor den Kollegen geheim halten“, murmelte sie. „Molly wäre vermutlich ziemlich geschockt, wenn wir zusammen ankämen.“

„Ja, das ist das Problem.“ Er lachte. „Und wir wollen ja unser kleines Geheimnis nicht auffliegen lassen. Es ist viel zu unterhaltsam.“

„Auf jeden Fall.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Es macht viel zu viel Spaß und hält die Spannung aufrecht“, fügte er mit einem verschmitzten Lachen hinzu.

„Stimmt.“ Sie holte tief Luft und beschloss, die Lage vollends auszuloten. „Schließlich … ist es ja nicht so, dass wir eine ernsthafte Beziehung hätten …?“

Luke nickte. „Da sind wir uns einig, Nicole. So, wie es zwischen uns läuft, ist es genau richtig.“

„Das finde ich auch.“ Lügnerin!, höhnte eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf.

Er legte die Einladung wieder hin und nippte an seinem Kaffee. „Und mit wem wirst du zur Hochzeit gehen?“, fragte er beiläufig.

„Vielleicht gehe ich allein hin. Es kann Spaß machen, ohne Begleitung zu einer Feier zu gehen – man lernt viel mehr neue Leute kennen.“

Luke stellte seine Tasse ab. „Nun, solange du allein nach Hause kommst, habe ich nichts dagegen einzuwenden.“

Diese Feststellung machte sie wütend. Er konnte nicht erwarten, dass alle nach seiner Pfeife tanzten! „Ach ja?“ Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Du wirst herausfinden, dass du kein Recht hast, gegen irgendetwas, was ich tue, Einwände zu erheben …“

„Mmh-Mmh.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich denke, du wirst herausfinden, dass ich in der Lage bin, meine Einwände lautstark zu äußern.“ Er berührte ihre Schultern, und obwohl seine Stimme einen spielerischen Unterton hatte, bewegte er seine Hände sehr zielstrebig und besitzergreifend über ihren Körper.

Dann presste er seine Lippen mit beinahe aggressiver Leidenschaft auf ihre. Wenn ihm nichts an mir liegt, würde er mich dann so küssen? Benommen stellte sie sich diese Frage und versuchte, sich zurückzuhalten und ihm nicht nachzugeben. Doch als Luke ihr Gesicht und ihren Hals mit einer glühenden Spur von Liebkosungen überzog, konnte sie nicht widerstehen und gab sich ganz dem Moment hin.

Nun drückte er sie auf das Bett hinunter. „Ich dachte, du musst dringend gehen?“, fragte sie atemlos.

„Ja, das müsste ich eigentlich auch. Aber zuerst will ich dich noch einmal.“ Entschlossen riss er ihr das Negligé vom Leib. „Jetzt im Moment gehörst du mir allein, Miss Connell.“ Seine Stimme strotzte vor arroganter Selbstsicherheit.

„Ganz im Gegenteil. Ich gehöre niemandem außer mir selbst!“ Sie rutschte etwas von ihm weg.

Mit Leichtigkeit zog er sie wieder näher, woraus sich ein spielerischer Kampf entwickelte, bevor er sie erneut auf das Bett drückte.

„Das werden wir noch sehen, meine kleine Wildkatze.“ Lukes Ton war neckisch, und er hielt sie zwar sanft, aber doch mühelos unter sich fest.

Er blickte tief in ihre Augen, und sie genoss das Gefühl von Nähe und Sinnlichkeit, das plötzlich zwischen ihnen herrschte.

„Mein Gott, du bist so schön …“, sagte er mit heiserer Stimme. Er beugte seinen Kopf hinunter und küsste sie leidenschaftlich. Sie erwiderte seinen Kuss ebenso inbrünstig. Ihre Finger verhakten sich ineinander, und sie spürte seinen Körper hart und besitzergreifend an ihrem.

Die Intimität zwischen ihnen war so zärtlich, so … warm und liebevoll, und passte so gar nicht zu dem, was er vorher über die Unverbindlichkeit ihrer Affäre gesagt hatte.

Seit sie ihn kannte, fühlte sie sich viel lebendiger. Er hatte sie in jeder Beziehung wieder zum Leben erweckt. Selbst bei ihrem Ehemann hatte sie nie so etwas empfunden! Wie konnte es also sein, dass das hier nicht die große Liebe war?

„Das gefällt dir, Nikki, nicht wahr?“, flüsterte er an ihrem Ohr.

Gefallen? Dieses Wort war viel zu schwach, um auszudrücken, was Nicole empfand. Sie fühlte sich wie ein brennender Vulkan, und als Luke sich kurz von ihr löste, dachte sie einen entsetzten Moment lang, er würde aufhören, stellte dann aber fest, dass er nur nach einem Kondom gegriffen hatte.

Seine Zärtlichkeiten ließen sie jede Kontrolle verlieren, und er konnte sie dazu bringen, sich ihm hemmungslos hinzugeben. Als sie zusammen einen weiteren Höhepunkt erreichten und ihre Spannung sich löste, hätte sie am liebsten vor Freude geweint. Erschöpft klammerte sie sich an ihn, denn sie hatte sich körperlich und emotional total verausgabt.

Luke betrachtete sie, als sie in seinen Armen einschlief. Nicole hatte eine ihm bisher unbekannte besitzergreifende Seite in ihm angesprochen. Das war sonst gar nicht seine Art. Er runzelte die Stirn bei dem Gedanken daran. Wahrscheinlich handelte es sich einfach nur um Begierde. Er musste sich eingestehen, dass sie ihn ungeheuer erregte.

Und sie faszinierte ihn auch, machte ihn neugierig. Was trieb sie an? Wenn man sie im Büro bei der Arbeit sah, war das ein eindrucksvoller Anblick. In einem Moment konnte sie herausfordernd und sexy sein und im nächsten eine klar denkende und zielstrebige Frau, die überaus waghalsige Abschlüsse zustande brachte.

Auf jeden Fall war sie hart im Nehmen und schien sich nicht in Gefühlsangelegenheiten zu verlieren – da war sie vollkommen auf seiner Wellenlänge. Sie wollte sich nicht durch eine Beziehung einengen lassen, ihr lag etwas an ihrer Karriere. Doch manchmal meinte er, auch eine gewisse Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit an ihr wahrzunehmen, aber diese Momente gingen so schnell vorüber, dass er nicht sicher war, ob er sich das nicht nur eingebildet hatte.

Luke wurde plötzlich klar, dass er gerade dabei war, Nicole zu analysieren, und er ärgerte sich über sich selbst. Was spielte das für eine Rolle? Sie hatten eine unverbindliche Affäre – sie lachten viel zusammen und hatten den gleichen Sinn für Humor. Wie er, war sie ein Freigeist, und das fand er sehr angenehm.

Gereizt sah er auf die Uhr. Er durfte nicht vergessen, wo seine Prioritäten lagen. Jetzt war das Wichtigste für ihn, nach Hause zu fahren und dann Amber in New York anzurufen, um mit ihr noch einmal die Zahlen durchzugehen.

Vorsichtig stand er auf, denn er wollte Nicole nicht aufwecken. Er schlüpfte leise in seine Kleidung, als sie plötzlich die Augen aufschlug.

„Du bist angezogen!“ Sie raffte das Laken an den Körper und richtete sich auf.

„Entschuldige, ich hatte nicht die Absicht, dich zu wecken.“

„Das macht nichts. Musst du so dringend weg? Du könntest hierbleiben und noch etwas essen“, sagte sie mit verschlafener Stimme.

„Tut mir leid, Liebes, aber du weißt, ich muss gehen. Ich muss an meinen Computer, um mit Amber die Zahlen besprechen zu können.“

„Ja, natürlich.“ Sie sog die Luft ein und schalt sich dafür, ihn zum Bleiben aufgefordert zu haben. Nur weil er noch einmal mit ihr geschlafen hatte, hieß das nicht, dass er es sich anders überlegt hatte. So war es doch jedes Mal – eben noch kuschelte er sich an sie, und im nächsten Moment hetzte er zu seiner Arbeit zurück. Sie hatte sich immer eingeredet, dass sie das nicht störte, dass es ihr egal war … aber das stimmte nicht, es machte ihr sehr wohl etwas aus!

Ich nehme das nicht mehr länger hin, dachte sie plötzlich. Das ist nicht das, was ich will. Nur mit Mühe gelang es ihr, ruhig zu bleiben. Dies war nicht der richtige Moment für eine Auseinandersetzung. „Dann eben ein anderes Mal.“

„Ja, ein anderes Mal.“ Es amüsierte ihn, dass sie das Laken so krampfhaft festhielt … schließlich kannte er bereits jede Faser ihres nackten Körpers.

„Was hältst du davon, wenn wir morgen zusammen zum Abendessen gehen?“, fragte er beiläufig, während er sich seine Krawatte umband.

„Morgen Abend habe ich schon etwas vor.“

Überrascht von der Absage sah er sie an. „Na gut, dann verschieben wir es.“

„Ja, gute Idee.“ Sie ließ sich wieder etwas tiefer in die Kissen sinken, und das Laken rutschte etwas herab und gab ihren Brustansatz frei.

Zu seinem Erstaunen bemerkte Luke, dass sein Körper schon wieder auf den Anblick ihrer geschmeidigen Haut reagierte, und plötzlich verspürte er den starken Wunsch, wieder zu ihr ins Bett zu steigen. Er zwang sich dazu, nach seinem Jackett zu greifen.

„Ich hoffe, du kannst das Problem mit den Verträgen lösen.“

„Danke.“ Luke warf sich das Jackett über die Schulter und sah Nicole an. „Und vielen Dank für den wunderbaren Abend.“

Ihr fiel keine muntere Erwiderung ein, und ihr Herz schlug so laut, dass sie meinte, es müsste den ganzen Raum erfüllen.

„Wenn du morgen Abend etwas vorhast, könnten wir uns vielleicht danach noch treffen“, schlug er beiläufig vor. „Und da weitermachen, wo wir heute aufgehört haben.“

Sich also nur zum Sex treffen mit anderen Worten. Zorn begann in ihr aufzuwallen. „Ich gehe mit ein paar Freundinnen aus, und es wird sicher spät“, erwiderte sie kühl. Sie hatte in Wirklichkeit überhaupt keine Verabredung für den folgenden Abend, aber sie würde den Teufel tun und ihm immer dann zur Verfügung stehen, wenn es ihm in den Kram passte.

Er schien ihren eisigen Ton nicht zu bemerken. „Na gut, dann müssen wir es bis nach dem Wochenende verschieben.“

Nicole sagte nichts.

„Dann sehe ich dich morgen früh im Büro.“

„In aller Frühe“, antwortete sie mit vorgetäuschter Munterkeit.

Er streckte die Hand aus, fuhr durch ihr seidiges Haar und küsste sie dann in einer sinnlichen und herausfordernden Art auf den Mund, die ihr Herz zum Rasen brachte.

„Tschüss, Nicole.“

„Tschüss.“ Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ sie ihren Kopf in die Kissen sinken. Jetzt war sie allein in der Stille ihrer Wohnung.

Sie hatten eine sexuelle Beziehung, und es würde nie etwas Tieferes zwischen ihnen geben. Das musste sie entweder akzeptieren oder aber Luke verlassen.

Sie biss sich auf die Lippe. So sehr sie sich auch mit dem Status quo begnügen wollte, wusste sie jetzt, dass ihr das nicht möglich sein würde. Ihre wahren Gefühle für ihn ließen das nicht zu. Morgen würde sie mit ihm Schluss machen, versprach sie sich entschlossen.

3. KAPITEL

Nicole war spät dran. Sie hatte nicht gut geschlafen, weil sie wieder und wieder ihre Zeit mit Luke überdacht und versucht hatte, ihre Situation zu analysieren. Doch es ist nie eine besonders gute Idee, Gefühle analysieren zu wollen … schon gar nicht mitten in der Nacht, dachte sie jetzt ärgerlich. Das Einzige, was sie dadurch erreicht hatte, war ein Gefühl der Lethargie.

Die Schublade ihres Nachttisches stand offen, aus der ihr eine Packung Kondome entgegenstarrte. Luke achtete immer sorgfältig auf Verhütung. Er hatte ihr kategorisch mitgeteilt, dass er nicht wolle, dass sie schwanger werde. Sie hatte sich nicht dazu durchringen können, ihm zu erklären, dass er sich darum keine Sorgen zu machen brauchte. Nicole wusste, dass sie nicht schwanger werden konnte. Während ihrer Ehe hatte sie sich nach einem Baby gesehnt, und sie und ihr Ehemann hatten immer wieder versucht, ein Kind zu zeugen. Dann war festgestellt worden, dass sie vermutlich unfruchtbar war. Diese Erkenntnis war sehr schmerzhaft für sie gewesen, und im Endeffekt war daran ihre Ehe zerbrochen.

Sie knallte die Schublade zu. Zwar gefiel es ihr, dass Luke so verantwortungsbewusst war – aber dennoch sprach es Bände, dass der einzige persönliche Gegenstand, den er je bei ihr deponiert hatte, eine Packung Kondome war.

Als sie begonnen hatten, miteinander zu schlafen, hatte sie ihm vorgeschlagen, ein paar Dinge bei ihr zu lassen, wie sein Rasierzeug und einen Anzug zum Wechseln. Das erschien ihr sehr praktisch, und außerdem hatte sie wohl heimlich gehofft, dass er dann mehr Zeit bei ihr verbringen würde. Aber er hatte diese Idee sofort abgeschmettert.

„Das ist sinnlos, Nicole“, hatte er erwidert. „Meine Wohnung liegt nur fünfzehn Minuten von hier entfernt. Es ist genauso einfach für mich, nach Hause zu gehen.“

Und sie ließ sich von der Entscheidung, ob sie mit ihm Schluss machen sollte, um den Schlaf bringen! Verärgert über sich selbst, griff Nicole nach ihrer Aktentasche und warf dabei einen Blick auf ihr Spiegelbild. Sie trug ein dunkles Nadelstreifenkostüm mit einem gerade geschnittenen Rock und dazu eine weiße Bluse. Ihr herzförmiges Gesicht wurde von glänzenden, glatt fallenden, kastanienbraunen Haaren umrahmt, und ihr Make-up war ihr gut gelungen. Zumindest sah sie wie eine kühle, gelassene Geschäftsfrau aus.

Ihre Sekretärin war bereits im Büro. „Guten Morgen, Nicole. Auf Ihrem Schreibtisch wartet schon ein Stapel Briefe“, sagte sie munter.

Nicole ging in ihr Büro, fuhr ihren Computer hoch und checkte ihre E-Mails. Eine kam von Luke. Er hatte sie in den frühen Morgenstunden abgeschickt:

Warum sagst du deine Verabredung heute nicht ab und kommst auf einen Drink zu mir?

Reichlich arrogant, dachte sie ärgerlich. Glaubte Luke, er brauchte nur mit den Fingern zu schnippen, und sie kam angelaufen?

Sie löschte die Nachricht, ohne sie beantwortet zu haben. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit der restlichen Korrespondenz zu.

Als sie gerade mit der Post fertig war, kam eine weitere Mail von Luke:

Guten Morgen, Nicole. Magst du nach oben kommen und einen Kaffee mit mir trinken, bevor wir zur Vorstandssitzung gehen?

Sie wollte ihn gern ignorieren, aber das konnte sie nicht tun, schließlich war er der Chef. Nach kurzem Zögern erwiderte sie:

Guten Morgen, Luke. Ich kann nicht hinaufkommen. Ich muss vor der Sitzung noch eine Zusammenfassung vorbereiten. Wir sehen uns dort.

Einige Sekunden später ging wieder eine Nachricht ein:

Lass einfach liegen, was immer du gerade tust.

Nicole runzelte die Stirn. Das klang nach einem Befehl! Nun, wenn sie mit ihm Schluss machen wollte, war jetzt vielleicht ein genauso guter Zeitpunkt wie jeder andere. Am besten, sie brachte es schnell hinter sich.

Sie nahm ihre Aktentasche mit, damit sie hinterher direkt zur Vorstandssitzung gehen konnte, und fuhr zum obersten Stockwerk hinauf.

Lukes Assistentin winkte sie mit einem Lächeln durch. „Er erwartet Sie, Nicole.“

Entschlossen stieß Nicole die Tür auf und trat ein. Es würde schwierig werden, aber sie musste stark bleiben. Wenn sie diese Affäre beendet hatte, würde sie wieder die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen.

Luke telefonierte gerade, doch er sah auf und lächelte ihr zu, wobei er seinen Blick anerkennend über ihre schlanke Figur schweifen ließ.

Sofort spürte sie ihre Entschlossenheit dahinschwinden.

„Nein, Thomas, das reicht mir nicht.“ Er machte Nicole durch eine Handbewegung klar, dass sie sich auf den Stuhl ihm gegenüber setzen sollte, und legte kurz die Hand über den Hörer, um ihr zuzumurmeln: „Es dauert nicht lange.“

Sie nickte und sah sich in dem luxuriösen Büro um, das eher einer Suite in einem Hotel ähnelte – auch hier hatten sie sich schon einmal geliebt.

Luke beendete sein Telefonat, und sie verscheuchte diese für ihre Zwecke unproduktiven Erinnerungen.

„Tut mir leid.“ Er lächelte.

„Das macht nichts.“ Sie erwiderte sein Lächeln, wobei sie sich sehr bemühte, sich nicht davon ablenken zu lassen, wie umwerfend gut er aussah.

„Und es tut mir leid, dass ich gestern so früh wegmusste.“

Ein Teil von ihr wollte antworten: „Du gehst immer früh nach Hause“ Doch sie hielt sich zurück. Sie wusste, das würde zu fordernd wirken und außerdem ihre wahren Gefühle erahnen lassen. Sie hatte auch ihren Stolz. Deshalb zuckte sie nur die Achseln. „Ich weiß, dass für uns beide die Arbeit an erster Stelle steht.“ Erfreut registrierte sie, dass sie sehr kühl und kontrolliert klang.

Er stand auf und setzte sich auf die Schreibtischkante gegenüber von Nicoles Stuhl. „Da wir gestern Abend nicht zum Essen gekommen sind, möchte ich das heute gern wiedergutmachen. Ich dachte an ein Abendessen im ‚La Luna‘?“

La Luna war eins der besten Restaurants in der Gegend. Dort war sie noch nie gewesen, da es immer wochenlang im Voraus ausgebucht war.

„Nein. Ich sagte doch schon, dass ich heute Abend keine Zeit habe.“

„Das ist wirklich zu schade.“

Ja, das war es. Sie wollte die Einladung annehmen. Sie wollte ihren Plan, mit ihm Schluss zu machen, vergessen. Wenn sie zum Essen ausgingen, würde er sie hinterher nach Hause bringen, sie würde ihn hereinbitten, und dann … Schnell verdrängte sie diesen Gedanken. Jedes Mal, wenn sie mit ihm schlief, verfiel sie seinem Zauber noch mehr, und das war eine Katastrophe. Diese Beziehung führte nirgendwohin. Sie musste jetzt stark sein.

„Es gibt etwas, was ich dir sagen muss, Luke.“ Atemlos stieß sie die Worte hervor.

„Und das wäre?“

Nicole bemerkte, dass seine Stimme freundlich und etwas heiser klang.

Ihre Augen wanderten über seinen Körper in dem leichten Anzug, der an seiner breitschultrigen Figur so gut aussah. Dazu trug er ein blaues Hemd, welches das intensive Schwarzblau seiner Haare noch hervorzuheben schien.

„Nicole?“ Seine dunklen Augen schienen sie zu durchdringen.

Sie hatte das Gefühl, vor der schwierigsten Aufgabe ihres Lebens zu stehen. Sie erhob sich und ging ans Fenster, um eine gewisse Distanz zwischen ihn und sich zu bringen. Wenn er sie berührte … wenn er sie küsste … wäre sie verloren.

„Tatsache ist, dass es nicht funktioniert, Luke.“

„Was funktioniert nicht?“ Er sah mit einem Auge auf seinen Computer, auf dem gerade eine E-Mail eingetroffen war.

„Wir.“

„Wir?“ Er runzelte die Stirn und sah sie wieder an.

„Was zwischen uns läuft, Luke … es funktioniert einfach nicht.“

„Wovon zum Teufel sprichst du?“ Er lächelte jetzt, als ob er annahm, dass sie scherzte. „Natürlich funktioniert es. Was zwischen uns läuft, ist fantastisch.“

„Ja, es war fantastisch“, gab sie zu. „Aber jetzt wird es Zeit, es zu beenden.“

„Warum sollten wir etwas beenden, wenn es für uns beide noch immer erfreulich ist?“ Er wirkte total verblüfft. „Wir haben doch viel Spaß zusammen gehabt, oder nicht?“

„Ja.“ Mit zittriger Hand strich sie sich durch die Haare. Das war alles, was sie für ihn bedeutete: etwas Spaß. „Aber es hat sich erschöpft, Luke.“

„Der Meinung bin ich ganz und gar nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Unser Sex ist so heiß wie eh und je. Gestern warst du genauso versessen darauf, dass die Konferenz endlich ein Ende findet, damit wir allein sein können, wie ich.“

„Ja.“ Darüber wollte sie jetzt wirklich nicht nachdenken. „Aber mir scheint nun der Zeitpunkt gekommen, um unser Verhältnis zu beenden“, sagte sie bestimmt.

Luke sah sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Anscheinend nahm er sie noch immer nicht ernst. „Ist es, weil ich letzte Nacht früher als üblich gehen musste?“

„Nein, natürlich nicht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, konzentriert zu bleiben.

„Doch, daran liegt es, nicht wahr?“ Er setzte ein verführerisches Lächeln auf. „Komm schon, Nicole. Das war Pech gestern Abend, aber ich habe dir versprochen, es wieder gutzumachen.“

„Es hat nichts mit dem gestrigen Abend zu tun.“ Wie konnte er es wagen, so herablassend mit ihr zu reden, als wenn sie ein launisches kleines Mädchen wäre? „Sieh mal, Luke, ich will nicht, dass wir uns in Unfrieden trennen, sondern ich möchte, dass wir Freunde bleiben …“

„Gut, genau das will ich auch. Deshalb lass uns alle Missverständnisse bereinigen und dann weitermachen wie bisher.“

Sie biss sich auf die Lippe. Wie konnte sie ihm verständlich machen, dass sie eben nicht so weitermachen wollte wie bisher? Sie wollte keine Ehe – das hatte sie ausprobiert, und es hatte nicht funktioniert. Aber sie erwartete mehr von einer Beziehung, als Luke zu geben bereit war. Sie wollte richtig mit ihm zusammen sein. Sie wollte an seinem Arm auf eine Party gehen können, sie wollte ganze Nächte mit ihm verbringen, ganze Wochenenden. Kurz gesagt: Sie wollte mehr sein als nur etwas Spaß … sie wollte seine Liebe.

„Luke, nimm mich einfach beim Wort. Es ist besser für uns beide, wenn wir es jetzt beenden“, beharrte sie. „Sonst könnten die Dinge kompliziert werden.“

„Ich sehe keinen Grund dafür.“ Er klang verwirrt. „Wir haben doch das perfekte Arrangement … keine Komplikationen, und wir beide wissen, wo wir stehen. Wo liegt das Problem?“

Diese kühle, teilnahmslose Frage brachte ihr Blut in Wallung. Wie konnte jemand, der so leidenschaftlich war, so ungerührt sein, wenn es um wirkliche Gefühle ging?

Sie war froh und dankbar, dass sie ihm nicht ihre wahren Motive für die Trennung offenbart hatte. Dann hätte er sie vermutlich für verrückt gehalten! Vielleicht war sie das auch. Nur eine Verrückte konnte sich in einen Mann verlieben, der immer wieder klar zum Ausdruck brachte, dass er kein Interesse an einer festen Beziehung hatte. Vielleicht sollte sie die Affäre in einer Weise beenden, die er verstand.

„Ich möchte dich daran erinnern, Luke, dass wir uns darauf geeinigt hatten, dass wir ein Verhältnis ohne Verpflichtungen haben … nur Sex.“

„Ja …?“ Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.

„Nun ja, das haben wir gehabt. Jetzt will ich weiterziehen.“ Nicole war überrascht, mit welcher Selbstsicherheit sie diese Worte herausbrachte. „Deshalb bist du jetzt eigentlich derjenige, der gegen unsere Abmachung verstößt, indem du mich zum Bleiben bewegen willst.“

„Mach dich nicht lächerlich, Nicole!“

„Oh, Entschuldigung. Soll das heißen, die Regeln für unsere Affäre gelten nur für dich?“ Ihre Stimme triefte vor Ironie. „Ich dachte, es wäre eine Abmachung auf Gegenseitigkeit, ich Dummerchen!“

„Ich möchte einfach nur wissen, was das Problem ist, das ist alles.“ Seine Stimme klang rau und barsch. Sein Telefon klingelte, aber er nahm den Hörer nicht ab, sondern drückte stattdessen auf den Knopf der Gegensprechanlage, um seine Assistentin zu instruieren. „Kein Gespräch durchstellen, Sandy“, blaffte er ungeduldig. Sofort verstummte das Klingeln.

Es fiel Nicole auf, dass er offensichtlich durchaus in der Lage war, seine Anrufe zu ignorieren, wenn er nicht gestört werden wollte. Das verstärkte ihren Ärger noch. Außerdem wirkte er nicht mehr so entspannt wie sonst. Gut, dachte sie hitzig, vielleicht kann ich ihm im Namen aller Frauen, die er in der Vergangenheit ohne Skrupel abserviert hat, wenigstens etwas heimzahlen. Luke Santana war arroganter und gleichgültiger, als ihm guttat, und es geschah ihm recht, wenn endlich einmal jemand den Spieß umdrehte und ihm zeigte, dass sich nicht immer alles nach ihm richtete.

Durch diesen Gedanken gestärkt, griff sie nach ihrer Aktentasche.

„Wo willst du denn hin?“, fragte er mit finsterem Gesichtsausdruck.

„Vielleicht hast du vergessen, dass wir jetzt an einer Vorstandssitzung teilnehmen müssen“, erwiderte sie ruhig.

„Natürlich nicht. Aber das hat noch eine Minute Zeit.“

Missbilligend sah sie ihn an. „Ich glaube nicht, Luke. Die Arbeit kommt immer an erster Stelle … schon vergessen?“

Lächelnd drehte sie sich um und verließ den Raum. Doch kaum hatte sie die Abgeschiedenheit des Fahrstuhls erreicht, geriet ihre gespielte Tapferkeit ins Wanken. Sie konnte es kaum fassen, dass sie tatsächlich mit Luke Schluss gemacht hatte – und dann noch auf so kühle Art!

Während der letzten Monate hatte sie ein permanentes Hochgefühl verspürt … und alles seinetwegen. Er hatte ihr das Gefühl vermittelt, etwas Besonderes zu sein, hatte sie zum Glühen gebracht. Sie hatte immer etwas gehabt, worauf sie sich freuen konnte … und jetzt war es vorüber! Was hatte sie nur getan? Mit Mühe gelang es ihr, ihre Empfindungen hinunterzuschlucken und sich zu sagen, dass sie genau die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Nicole trat in den Sitzungssaal. Dort wimmelte es schon von Mitarbeitern, und ein Stimmengewirr erfüllte den Raum. Die meisten Vorstandsmitglieder waren schon anwesend, aber noch hatte niemand Platz genommen. Jemand aus der Buchhaltung sprach sie an, und sie zwang sich dazu, sich zu konzentrieren und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass ein banales Gespräch über die Arbeit beruhigend war … es half ihr.

Allmählich normalisierte sich ihr Puls wieder. Jedenfalls bis zu dem Moment, als sie feststellte, dass Luke den Raum betreten hatte. Zum Glück stand er mit dem Rücken zu ihr und sprach mit einem der Vorstandsmitglieder.

Einige der Anwesenden gingen zu ihren Stühlen. Am anderen Ende des Saales füllte Molly die Kaffeekannen. Sie würde bei der Sitzung Protokoll führen. Es ist ein ganz normaler Arbeitstag, sagte Nicole sich. Vergiss Luke Santana.

Er nahm jetzt seinen Platz am Kopfende des Tisches ein. Nicole sah zu ihm hinüber und spürte, wie ihr Herz wieder zu rasen begann. Hastig holte sie ihre Unterlagen aus der Tasche und versuchte, sich geistig vorzubereiten.

„Wir sollten jetzt beginnen.“ Lukes ungeduldiger Ton unterbrach die kleinen Unterhaltungen rund um den Tisch, und alle eilten zu ihren Sitzen.

Dann war es Zeit für Nicole, ihre gestrigen Ausführungen fortzusetzen. Sie gab einen umfassenden Abriss von RJ Records und erläuterte die Erweiterungspläne nach der Übernahme.

Luke beobachtete sie. Sie klang selbstbewusst und wirkte effizient. Er konnte nicht glauben, dass sie ihre Beziehung gerade beendet hatte. Sie hatten sich so gut miteinander verstanden … er hatte es immer genossen, mit ihr zu schlafen. Wenn er jetzt nur daran dachte, verlor er den Faden und konnte ihren Ausführungen nicht folgen.

Warum hatte sie Schluss gemacht? Verärgert stellte er sich erneut diese Frage. Was sollte dieser Unsinn, dass es Zeit war weiterzuziehen? Natürlich hatte er in der Vergangenheit anderen Frauen gegenüber ähnliche Äußerungen von sich gegeben. Aber das hier war anders … Sein Verhältnis mit Nicole war noch nicht abgeflacht, sie waren immer noch Feuer und Flamme füreinander. Sie wusste das, und er wusste das. Warum es also gerade jetzt beenden?

Er hatte Mühe, sich zusammenzureißen und seine Gedanken wieder auf das Geschäft zu konzentrieren. Noch nie hatte er zugelassen, dass die Beziehung zu einer Frau seine Arbeit beeinträchtigt, und er würde auch jetzt nicht damit beginnen. Er würde eben auch weiterziehen. Es gab genügend andere Frauen …

Nicole schaute kurz zu ihm hinüber, und eine Sekunde lang trafen sich ihre Blicke. Sie hatte wunderschöne Augen. Von einem ausdrucksvollen Grün, umgeben von dichten, schwarzen Wimpern. Ich will keine andere Frau, stellte er ärgerlich fest. Er wollte sie in sein Bett zurückholen.

Hatte sie jemand anderen kennengelernt, mit dem sie sich traf? Diese Frage schoss ihm plötzlich durch den Kopf. Das war nicht ausgeschlossen …

Er fühlte sich betrogen und wurde noch wütender. Ärgerlich über sich selbst, schüttelte er diese Gefühle ab. So zu denken, war gar nicht seine Art. Vielleicht hatte Nicole recht, und es war wirklich Zeit für eine Veränderung. Normalerweise ließ er seine Affären nicht länger als sechs Monate dauern, weil er fand, dass die Dinge dann begannen, zu ernst zu werden. Vielleicht war es das auch, was Nicole zu schaffen machte? Denn sie waren jetzt schon seit fast fünf Monaten zusammen.

Aber es war eine drastische Neuerung, dass Nicole diese Tatsache zuerst erwähnt hatte. Und das gefiel ihm überhaupt nicht.

4. KAPITEL

Welche gravierenden Veränderungen doch innerhalb eines Tages eintreten konnten, dachte Nicole, als sie ihre Utensilien verstaute, bevor sie das Büro verließ.

Gestern um diese Zeit hatte sie nur daran denken können, dass sie gleich mit Luke ins Bett gehen würde. Und als ihre Blicke sich trafen, hatte sie mit Sicherheit gewusst, dass in seinem Kopf ähnliche Gedanken abliefen. Heute war ihre Beziehung beendet, und bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie miteinander hatten sprechen müssen, war jede Andeutung von Wärme und Leidenschaft aus Lukes Gesichtsausdruck verschwunden. Es ging nur noch um die Arbeit.

Aber was hatte sie denn auch erwartet? Luke würde sich über ihre Trennung nicht den Kopf zermartern. In dem kurzen Augenblick, die er am Morgen gebraucht hatte, um ihr in den Sitzungssaal hinunter zu folgen, hatte er sicher für den Abend schon eine andere Verabredung arrangiert.

Bei diesem Gedanken fühlte sie sich untröstlich.

„Nimm dich zusammen, Nicole“, murmelte sie auf dem Weg zum Fahrstuhl vor sich hin.

Mollys Schreibtisch stand verlassen da, genau wie alle Büros, an denen sie auf dem Weg vorbeikam. Es war Freitag, und die meisten Mitarbeiter waren vor etwa einer Stunde nach Hause gegangen.

Sie drückte auf den Fahrstuhlknopf und wartete. Das Gebäude war ruhig bis auf die Geräusche, die von der Putzkolonne ausgingen. Dann war der Fahrstuhl da, und als die Tür sich öffnete, stand zu ihrer Bestürzung Luke darin.

„Oh!“ Sie zögerte. „Du hast aber lange gearbeitet. Ich habe nicht erwartet, dich so spät noch hier zu sehen.“

„Nicht nur ich, will mir scheinen. Ich dachte, du wolltest heute Abend ausgehen?“

Nach kurzem Zögern zuckte sie die Achseln. „Ich habe abgesagt.“

„Verstehe. Steigst du jetzt in den Fahrstuhl oder nicht?“

„Ja, natürlich.“ Eilig trat sie in den Fahrstuhl und langte an ihm vorbei, um auf den Knopf für die Tiefgarage zu drücken.

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Nicole, die Lukes Blick auf sich spürte, hatte sich selten derartig unwohl gefühlt. Verzweifelt überlegte sie, was sie sagen konnte, um die ungemütliche Stille zu überbrücken. „Ich habe gerade den Bericht über die Verkaufsergebnisse in Europa fertiggestellt.“

Luke erwiderte nichts.

„Ich denke, wir brauchen …“

„Nicole, das ist lächerlich!“, fiel er ihr mit ruhiger Stimme ins Wort. „Ich habe über das nachgedacht, was du heute Morgen gesagt hast, und du hast recht. Wir sollten unserer Beziehung nicht zu viel Gewicht beimessen. Dennoch erscheint es mir seltsam, wenn du jetzt über europäische Verkaufsergebnisse schwafelst, während zwischen uns eine unerträgliche Atmosphäre herrscht, die geklärt werden muss.“

„Ich finde, wir sollten uns von nun an auf unsere Arbeit konzentrieren, Luke.“ Entschlossen schaute sie in die andere Richtung. „Ich habe wirklich keine Zeit für irgendetwas anderes.“ Sie wollte dieses Gespräch nicht führen, denn damit begab sie sich auf ein gefühlsmäßiges Minenfeld.

„Es ist Viertel vor sieben an einem Freitagabend, Nicole. Ich finde, die Arbeit kann getrost in den Hintergrund treten.“

„Im Gegenteil, meiner Meinung nach können wir es uns nicht leisten nachzulassen, bis wir den Vertrag mit RJ unterzeichnet haben.“

Er kniff die Augen zusammen. „Ich sage dir schon, wann wir uns auf den Abschluss konzentrieren müssen. Jetzt jedenfalls nicht. Heute Abend besteht für dich keinerlei Veranlassung, weiterzuarbeiten.“

„Alles muss sich nach deinen Bedürfnissen richten, nicht wahr, Luke?“ Sie funkelte ihn an.

„Bis jetzt haben wir es immer sehr gut geschafft, Arbeit und Vergnügen miteinander zu vereinbaren“, erwiderte er kühl. „Was hat sich also verändert?“

Als sie ihm nicht sofort antwortete, drückte er zu ihrer Bestürzung auf Halt, und der Fahrstuhl stoppte zwischen den Stockwerken.

„Was machst du denn?“

„Wir müssen darüber sprechen, was zwischen uns passiert ist.“

„Es ist alles gesagt worden.“

„Im Gegenteil, du hast bei Weitem nicht genug gesagt.“ Luke trat einen Schritt näher. „Du bist mir eine vernünftige Erklärung schuldig. Diesen ganzen Unsinn über die Arbeit nehme ich dir nicht ab.“

Ihr Herz pochte heftig. „Ich bin dir überhaupt nichts schuldig …“ Ihre Stimme erstickte, als er noch näher kam. „Luke, ich verlange, dass du den Fahrstuhl sofort wieder in Gang setzt.“

„Das verlangst du?“ Sie entdeckte ein amüsiertes Flackern in seinen dunklen Augen.

„Ja. Ich will hier raus, und zwar sofort.“ Trotzig reckte sie das Kinn.

„Je schneller du mit mir redest, desto schneller kommen wir hier auch wieder heraus.“

„Es gibt nichts mehr zu besprechen“, erwiderte sie entschieden. „Wir hatten abgemacht, dass es sich um eine unverbindliche, unbeschwerte Affäre handelt. Und die ist jetzt vorüber. Ende der Diskussion.“

Luke legte eine Hand an die Wand neben ihrem Kopf und durchbohrte Nicole mit einem intensiven Blick. „Wir hatten beide unseren Spaß. Warum also hast du Schluss gemacht?“

„Das habe ich dir heute Morgen schon gesagt.“ Es fiel Nicole schwer, mit fester und kühler Stimme zu sprechen. Luke war ihr zu nahe. „Ich habe das Gefühl, dass die Affäre sich erschöpft hat, und …“

„Jetzt erzähl mir nicht schon wieder diesen ganzen Unsinn, Nicole. Den habe ich dir heute Morgen schon nicht geglaubt. Ich will den wahren Grund wissen.“

„Das ist der wahre Grund.“ Noch während sie das sagte, konnte Nicole die Sinnlichkeit zwischen ihnen wahrnehmen. Luke war ihr so nahe, dass sie die goldenen Flecken in seinen Augen sehen konnte … die winzigen Bartstoppeln an seinem Kinn. Er war ihr so schmerzlich vertraut. Wenn sie sich sonst so nah gewesen waren, wäre sie in seine Arme gefallen … Sie sehnte sich danach, das auch jetzt zu tun, seine erregten, hungrigen Lippen auf ihren zu spüren. „Das ist der wahre Grund“, sagte sie noch einmal, als ob sie durch die Wiederholung nicht nur ihn, sondern auch sich selbst überzeugen könnte.

„Du bist also heute Morgen aufgewacht und hast plötzlich beschlossen, dass unsere Affäre zu Ende ist?“ Er klang zynisch.

Er reagierte so, weil sein Ego verletzt war, wie ihr plötzlich klar wurde. Es störte ihn nicht, sie zu verlieren, sondern, dass sie es war, die ihm den Laufpass gab. Wahrscheinlich war sie die erste Frau, die sich je von ihm getrennt hatte, und das machte ihn ganz verrückt.

„Ich hatte eigentlich schon eine ganze Weile darüber nachgedacht.“ Sie zwang sich dazu, ihm in die Augen zu sehen. „Ist das so schwer zu glauben?“

„Wenn man bedenkt, mit welcher Leidenschaft wir uns gestern geliebt haben … ehrlich gesagt, schon.“

Sie versuchte, nicht rot zu werden und nicht an das gestrige Liebesspiel zu denken. „Es war nur Sex, Luke.“

„Nein, es war nicht nur Sex, Nicole.“ Er sprach mit ungewohntem Nachdruck.

„Nicht?“ Seine Worte ließen ihren Herzschlag aussetzen. Hatte sie die Situation falsch gedeutet? Ein Hoffnungsschimmer stieg in ihr auf.

„Du weißt, dass es mehr war.“ Er streckte die Hand aus, um ihr Gesicht zu berühren. Sie wurde von einem überwältigenden Gefühl der Liebe und des Verlangens überflutet.

„Was war es dann?“, fragte sie heiser. Sie wollte, dass er die Worte aussprach, wollte hören, dass ihm etwas an ihr lag. Selbst wenn er es nicht über sich brachte, das L-Wort auszusprechen … irgendein Bekenntnis zu intensiven Gefühlen würde ihr im Moment reichen. Dann könnte sie sich erlauben, wieder in seine Arme zu sinken. Und das wollte sie jetzt so sehr, dass es schmerzte.

Er streichelte sanft ihre Wange und hielt seinen Blick auf ihre Lippen geheftet. „Es war unglaublicher Sex.“

Nicole hatte das Gefühl, aus großer Höhe abzustürzen. Sie wich vor seiner Hand zurück. Würde sie es denn nie lernen? Sie kam sich dumm vor, weil sie gehofft hatte, ihre Beziehung könnte ihm mehr bedeuten.

Jetzt kochte sie vor Wut. „Nein, Luke! Die Wahrheit ist, dass es zwischen uns ziemlich fade geworden ist.“

„Ach, wirklich? Also, davon habe ich nichts bemerkt.“ Er zuckte die Achseln. „Deine Reaktionen im Bett wirkten alles andere als lustlos.“

„Musst du ewig darauf herumreiten? Das Verhältnis ist jetzt beendet, und meiner Ansicht nach ist die Leidenschaft zwischen uns erkaltet.“

„Du meinst also, dass der Funke zwischen uns plötzlich erloschen ist? Und wenn ich dich jetzt streicheln würde, hätte das keine Wirkung auf dich?“

„Luke, ich möchte, dass du den Fahrstuhl wieder in Bewegung setzt!“

Ein spöttisches Lächeln umspielte Lukes Mundwinkel. „Und wenn ich dich küssen würde, würdest du meinen Kuss nicht erwidern?“

Er bemerkte, dass ihr Atem sich beschleunigt hatte und ein verletzlicher Ausdruck in ihren grünen Augen schimmerte.

„Luke …“

Er hob die Hand. „Ich weiß – du willst hier raus.“

Zu ihrer großen Erleichterung zog er sich von ihr zurück und setzte den Fahrstuhl wieder in Gang.

„Nachdem wir das nun geklärt haben, können wir zum normalen Alltag zurückkehren. Vergessen wir einfach unser privates Zwischenspiel.“

„Schon vergessen.“ Sie versuchte, gleichgültig und blasiert zu klingen, aber in ihrem Innern starb sie tausend Tode.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Nicole wäre am liebsten im Laufschritt zu ihrem Wagen gerannt, zwang sich aber dazu, würdevoll an Luke vorbeizugehen.

„Nur eine Sache noch.“

Sie drehte sich zu ihm um, und da hielt er sie schon fest und drückte sie an seinen Körper.

„Ich finde, ein letzter Kuss wäre jetzt passend … nur um uns gegenseitig zu beweisen, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.“

„Luke, ich …“

Was auch immer sie hatte sagen wollen, wurde durch die Berührung seiner Lippen erstickt. Der Kuss war ein sanfter Angriff auf ihre Sinne. Verzweifelt kämpfte sie gegen ihr Verlangen an, aber seine Liebkosungen waren sehr überzeugend … so zärtlich … dass ihre Verteidigungswälle einbrachen. Sie spürte, wie ihr Körper anschmiegsam wurde, wie ihre Lippen sich einladend öffneten, als sie seinen Kuss erwiderte.

Dann wurde ihr bewusst, was sie da tat, und sie riss sich los. Ihr Atem ging stoßweise, und sie sah Luke mit vor Schreck geweiteten Augen an.

„Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass keine Funken mehr zwischen uns fliegen.“ Lukes Stimme klang ironisch.

In einer Mischung aus Trauer und Wut sagte sie: „Das hättest du nicht tun sollen! Unser Verhältnis ist beendet, Luke.“

„Ja, natürlich ist es das.“ Er machte eine wegwerfende Bewegung. „Entspann dich, Nicole. Wie du richtig sagtest, wäre unsere Beziehung sowieso bald eingeschlafen. Wir hatten einfach nur ein bisschen Spaß.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatte momentan überhaupt keinen Spaß, im Gegenteil, sie fühlte sich verletzt. Aber sie trat nur einen weiteren Schritt von ihm weg und nickte. Er hatte recht – wenn sie das Verhältnis nicht beendet hätte, wäre es ein paar Wochen später ohnehin im Sande verlaufen. So hatte sie wenigstens ihren Stolz gerettet.

Das Problem war nur, dass ihr Stolz ihr momentan bloß wenig Trost schenken konnte.

„Dann bis Montag“, verabschiedete sich Luke.

„Ja.“ Sekundenlang sah sie ihm nach, wie er zum Parkplatz seines silberfarbenen Porsches ging. Am liebsten hätte sie ihm hinterhergerufen, dass sie es sich anders überlegt habe. Sie fischte ihren Autoschlüssel aus der Handtasche. Sie musste stark bleiben.

Luke stellte überrascht fest, dass er sehr zornig war. Vergiss Nicole, sie ist es nicht wert, ermahnte er sich, als er den Motor anließ. Doch das half nichts.

Noch nie hatte eine Frau ihn so behandelt. Vielleicht war er deswegen so erzürnt, weil sie sein Ego angekratzt hatte. Normalerweise war er derjenige, der entschied, wann eine Beziehung beendet wurde.

Er war erst ein paar Blocks weit gefahren, als sein Telefon klingelte. Er hielt am Straßenrand.

„Hi, ich bin’s.“ Die Stimme von Amber Harris klang warm und verführerisch. „Ich dachte, ob du wohl Lust hast, heute Abend mit mir etwas trinken zu gehen.“

Diese Einladung überraschte Luke so, dass er einen Moment lang nichts erwiderte.

„Du bist vermutlich beschäftigt, aber ich habe mir gedacht, ich frage einfach mal“, fuhr sie hastig fort.

„Ja, Amber, ich bin beschäftigt. Daraus wird leider nichts“, hörte er sich sagen.

„Dann vielleicht ein anderes Mal.“ Sie klang enttäuscht.

„Ja, vielleicht. Wolltest du noch etwas anderes besprechen, Amber?“

Sie schaltete schnell wieder um und redete über ein arbeitsbezogenes Thema. Warum hatte er sie abgewiesen? Luke wunderte sich über sich selbst. Amber war sehr attraktiv und gäbe sicher eine unterhaltsame Begleiterin ab. Er hatte nicht nur Zeit heute Abend, er hatte sogar eine Reservierung im La Luna, wohin er gehofft hatte, Nicole auszuführen.

Ärgerlich verzog er das Gesicht. Normalerweise hatte er keine Skrupel, seine Affären zu wechseln, aber seltsamerweise begeisterte ihn der Gedanke überhaupt nicht, mit einer anderen Frau auszugehen – selbst wenn sie so attraktiv war wie Amber.

Er sah im Geiste Nicole vor sich, wie sie ihn eben angeschaut hatte. Ihre Reaktion auf seinen Kuss war nicht so enthusiastisch gewesen wie sonst. Er hatte eine merkwürdige Zurückhaltung gespürt, die seinen Kampfgeist weckte.

Er sollte sie lieber gehen lassen und stattdessen Ambers Einladung annehmen. Das Problem war nur, dass er nicht die geringste Lust dazu hatte. Er unterbrach Ambers Bericht über das New Yorker Büro.

„Hör mal, Amber, ich muss leider auflegen“, sagte er ungeduldig.

„Natürlich …“ Sie klang verwirrt. „Dann sprechen wir später weiter.“

„Ja, ich werde mir die letzten Unterlagen nächste Woche vornehmen.“ Er schaltete das Telefon aus.

Er war nicht bereit, das Ende dieser Beziehung zu akzeptieren und sich mit einer anderen Frau einzulassen. Er wollte Nicole zurück.

5. KAPITEL

Im Büro waren sie umeinander herumgeschlichen, sodass es eine unangenehme Woche gewesen war.

Das passiert, wenn man ein Verhältnis mit seinem Chef eingeht, dachte Nicole, während sie mit einem unguten Gefühl ihren Wagen auf ihrem angestammten Platz einparkte. Das gab nur Ärger.

In letzter Zeit schien nichts zu klappen. Nicht genug, dass sie sich vergangene Woche erfolglos selbst davon zu überzeugen versucht hatte, dass sie ohne Luke besser dran war, jetzt hatte sie sich auch noch eine besonders garstige Variante einer Lebensmittelvergiftung zugezogen. Das gesamte Wochenende über war ihr übel gewesen, und nun fühlte sie sich müde und erschöpft. Im Moment wäre ihr sogar ein Zahnarzttermin lieber als die Aussicht darauf, eine weitere Woche Luke gegenübertreten zu müssen und ihm kühl und kurz angebunden zu begegnen.

Und nun war noch ein drittes Problem aufgetaucht. Die sorgfältig geplante Übernahme von RJ Records war gefährdet: Der Inhaber, Ron Johnson, hatte letzten Freitag den Vertrag nicht unterzeichnet.

Nicole hatte immer gewusst, dass Ron Johnson unberechenbar war. Er hatte sein Geschäftsimperium mithilfe seiner Frau Helen aufgebaut. Seit deren Tod vor gut einem Jahr hatte er wie ein Einsiedler in der Karibik gelebt und es seinen Anwälten überlassen, den Verkauf seiner Firma zu organisieren. Im Laufe der Zeit war er hinsichtlich der Bedingungen, unter denen er bereit war, sein geliebtes Unternehmen abzugeben, immer kompromissloser geworden.

Dieser Deal war von Anfang an schwierig gewesen. Rons Anwälte hatten an Luke verkaufen wollen, da er das höchste Gebot abgegeben hatte. Doch Ron konnte sich nicht entschließen, weil noch ein weiteres Angebot von einem ihm sympathischen Ehepaar existierte. Als tiefreligiöser Mann wollte er lieber an diese Leute verkaufen, weil er der Meinung war, dass sie sich vertrauenswürdiger und zuverlässiger um den Erhalt der Firma bemühen würden.

Nicole erinnerte sich an den Morgen, an dem Luke diese Nachricht erhalten hatte. Als das Telefon geklingelt hatte und Rons Anwälte zum fünften Mal innerhalb einer halben Stunde am Apparat waren, hatte sie das Gefühl gehabt, dass sich größere Schwierigkeiten zusammenbrauten. Sie hatten Ron schon ihre lauteren Absichten in Bezug auf sämtliche Aspekte des Geschäfts versichert, aber als Luke die neuste Bedingung gehört hatte, war er beinahe explodiert.

„Meint der Mann das ernst?“, hatte er empört ausgerufen.

„Was ist das Problem?“ Nicole hatte auf seiner Schreibtischkante gesessen und sich weiter vorgebeugt.

Luke hatte den Lautsprecher eingeschaltet, damit sie mithören konnte.

„Ja, das ist ernst gemeint, Mr. Santana. Mr. Johnson hat seine Prinzipien, außerdem liegt ihm das Unternehmen auch aus sentimentalen Gründen am Herzen. Und er ist eben der Meinung, dass ein Ehepaar am besten in der Lage ist, die Firma zu führen.

„Nun, dann sagen Sie ihm, dass ich mein Unternehmen mit der Hilfe meiner sehr vertrauenswürdigen Verlobten leite“, meinte Luke sarkastisch. „Sie können ihm auch sagen, dass wir planen, RJ Records eines Tages als Familienunternehmen zu führen.“

„Ach, wirklich?“ Der Anwalt klang hocherfreut. Es schien ihm zu entgehen, dass Luke sich über ihn lustig machte. „Nun, diese Aussage könnte den Wendepunkt bedeuten, Miss Santana, denn ich weiß, dass Mr. Johnsons Hauptsorge darin besteht, dass Sie seine Firma zerschlagen und weiterverkaufen wollen.“

Das verschlug Luke die Sprache.

„Ich werde Mr. Johnson über Ihre Pläne unterrichten und mich dann wieder melden. Ich nehme an, die fragliche Dame ist diejenige, mit der wir schon zu tun hatten? Eine Ms. Connell?“

Der Anwalt hatte ihm ein Stichwort gegeben. Luke sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu Nicole hinüber. „Ja, das ist sie.“

„Hey! Du hättest mich zumindest erst einmal fragen können, bevor du mich als falsche Verlobte präsentierst!“, rief Nicole zornig, sobald das Gespräch beendet war.

Luke wirkte amüsiert. „Das war eine spontane Entscheidung. Mach deswegen kein Theater.“ Er hatte sie auf seine Knie hinuntergezogen und ihr einen besitzergreifenden Kuss auf die Lippen gedrückt. „Das ist keine bindende Verpflichtung … nur ein Provisorium, um einem exzentrischen Millionär eine Freude zu machen. Ich bin gespannt, wie unser Deal mit Johnson sich entwickeln wird.“

Fünf Minuten später wussten sie es: Das Telefon klingelte erneut, und sie wurden informiert, dass Ron Johnson grünes Licht gegeben hatte.

Als Luke auflegte, hatte er triumphiert: „Er hat uns die Verlobungsgeschichte abgekauft.“ Und dann hatten sie sich in seinem Büro geliebt …

Jemand klopfte an die Scheibe ihres Wagens, und Nicole schreckte aus ihren Erinnerungen auf. Amber Harris hatte neben ihr geparkt und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

„Oh, hi, Amber.“ Eilig griff Nicole nach ihrer Aktentasche und stieg aus.

„Du sahst gerade aus, als wärst du meilenweit entfernt“, bemerkte Amber fröhlich, während sie zu den Fahrstühlen gingen.

„Ich war in Gedanken bei der vielen Arbeit, die ich heute vor mir habe“, erwiderte Nicole munter. „Ich muss mich um einen Berg neuer Verträge kümmern.“

„Wem sagst du das!“ Amber schüttelte ihre lange rote Mähne, während sie in den Lift stiegen. Sie trug ein enges schwarzes Kleid, in dem sie fantastisch aussah – eher wie ein Topmodel als eine Buchhalterin.

„Ich bearbeite gerade die Zahlen für die New Yorker Filiale. Letzte Woche musste ich drei Mal dorthin fliegen. Das ging bis zu dem Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, in welcher Stadt ich gerade war.“

„Das kann wahnsinnig anstrengend sein“, meinte Nicole mitfühlend.

„Das kannst du laut sagen! Das Einzige, was mich aufrechterhält, ist Luke. Ist er nicht hinreißend?“ Sie seufzte verträumt.

„Ja, er sieht sehr gut aus.“

„Obwohl er anscheinend eine harte Nuss ist – es ist nicht leicht, ihn sich zu angeln. Ich kenne eine Menge Frauen, die versucht haben, ihn festzunageln, aber keiner ist es gelungen. Doch das macht ihn nur zu einer noch größeren Herausforderung, findest du nicht?“

„Kann schon sein.“

„Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass er kurz davor ist, mich zum Abendessen einzuladen.“ Amber warf ihr einen verschwörerischen Blick zu. „Ich arbeite daran.“

Irgendwie gelang es Nicole, ein Lächeln zustande zu bringen. Sie war schon daran gewöhnt, dass die meisten Frauen Luke zu Füßen lagen. Und es ging sie nichts an, wenn er mit anderen Frauen ausgehen wollte. Trotzdem konnte sie ein Verlustgefühl nicht unterdrücken. Hör auf, Nicole, ermahnte sie sich streng. Du musst ihn loslassen.

Schnell wechselte sie das Thema. „Ich stecke bis zum Hals in dieser RJ-Übernahme.“

„Ich habe gehört, dass es Probleme gibt und Ron Johnson den Vertrag nicht unterzeichnet hat.“

„Ach, das hat nichts zu bedeuten“, antwortete Nicole zuversichtlich. „Das kennen wir schon.“

„Aaron Williams ist der Meinung, dass dieser Deal nicht zustande kommen wird.“

Insgeheim hatte Nicole dieselben Befürchtungen, hatte aber nicht die Absicht, diese öffentlich zu äußern. Sie würde bis zum Letzten um diesen Abschluss kämpfen. „Wir werden die Firma bekommen“, sagte sie entschieden. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit.“ Der Fahrstuhl hielt in Nicoles Etage. „Man sieht sich, Amber.“

In ihrem Büro angekommen, wandte sie sich entschlossen der Arbeit zu. Als sie ihren Computer gerade hochgefahren hatte, kam eine E-Mail von Luke.

Du solltest schleunigst herkommen, damit wir eine Lösung für das RJ-Problem finden.

Kein „Guten Morgen, Nicole, wie geht es dir?“, dachte sie bitter, während sie sich mit der Hand die Haare glatt strich und versuchte, sich für das Zusammentreffen zu wappnen. Sie hätte gern darauf verzichtet. Als sie widerstrebend aufstand, bemerkte sie, dass ihr immer noch übel war – offensichtlich war die Lebensmittelvergiftung noch nicht vollkommen überstanden.

In Lukes Büro musste sie feststellen, dass er nicht nur sie zu sich beordert hatte. Sein Anwalt Aaron Williams war auch da, genauso wie der Hauptbuchhalter der Firma, John Sorenson. Luke lief im Zimmer umher wie ein Löwe im Käfig.

Wie war es nur möglich, dass Luke sogar sexy aussah, wenn er wütend war? Er strahlte eine kraftvolle Energie aus, die unwiderstehlich wirkte.

„Warum hat das so lange gedauert, Nicole?“, fragte er kurz angebunden. „Rons Anwälte haben angerufen und …“ Luke hörte auf zu sprechen und musterte sie eingehend. „Geht es Ihnen gut? Sie sind ziemlich blass.“

„Alles in Ordnung“, log sie, überrascht, dass ihm das aufgefallen war.

Er sah sie noch ein paar Sekunden prüfend an, und ihr Herzschlag schien auszusetzen. Bilde dir nicht ein, dass er um dich besorgt ist, ermahnte sie sich. „Mir geht es gut“, bestätigte sie noch einmal.

Er nickte. „Nun, das hoffe ich auch. Denn wir haben ein paar sehr geschäftige Tage vor uns. Wir haben einen kritischen Punkt in diesem Geschäft erreicht.“

Na bitte – nicht ihr Wohlergehen lag ihm am Herzen, sondern er befürchtete, dass sie aus Krankheitsgründen nicht zur Arbeit kommen konnte.

„Dann zum Thema zurück.

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