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Julia Extra Band 0213

Jessica Hart

Der falsche Mann?

1. KAPITEL

Schon wieder dieses Mädchen.

David verzog missbilligend den Mund. Die Frau vor ihm blickte zögerlich ein zweites Mal auf ihre Bordkarte. Sie war hochgewachsen, schlank und hatte hellblondes, locker fallendes Haar. Sie wirkte absolut selbstsicher und schien gar nicht zu bemerken, dass sie mit ihrer lächerlichen Tasche den Gang blockierte. Sie war ihm schon vorher dumm und oberflächlich vorgekommen. Nun ärgerte es ihn direkt, wie sie die Menschen hinter sich einfach Schlange stehen ließ. Sie wirkt ebenso arrogant wie Alix, dachte er mit einer gewissen Bitterkeit.

Dabei war sie durchaus hübsch zu nennen. Das heißt, wenn man ein elegantes selbstsicheres Auftreten an Frauen schätzte. David bevorzugte sanftere Mädchen, die sich weiblicher kleideten. Die leichte Hose, das Seidentop und die locker sitzende Jacke mit lässig hochgeschobenen Ärmeln in dezenter Farbabstimmung waren zwar durchaus schick zu nennen, doch hätte die Frau seiner Meinung nach in einem hübschen Kleid um einiges weicher gewirkt. Aber Weichheit zählte wahrscheinlich ohnehin nicht zu ihren Charaktereigenschaften, zumindest wenn sie Alix nicht nur oberflächlich ähnelte.

Sie musterte zum wiederholten Mal die Nummern auf den Gepäckfächern oberhalb der Sitze. Davids Blick fiel auf den leeren Sitz neben sich. Ihn überkam eine dunkle Vorahnung. Als er wieder zu der Frau aufsah, trafen sich ihre Blicke. Sie wusste es ebenfalls. Es war ein bitterer Trost, dass sie über ihren Sitznachbarn ebenso wenig erfreut war wie er.

Claudia war entsetzt. Sie hatte bereits einen hektischen Vormittag bei der Arbeit, die chaotische Fahrt zum Flughafen und den siebenstündigen Flug von London hinter sich. Nun musste sie nicht nur ihr Leben einem Flugzeug anvertrauen, das aussah, als ob es allein von Klebestreifen und Bindfäden noch zusammengehalten werde. Es kam noch schlimmer. Sie musste ausgerechnet neben dem hochmütigen sarkastischen Mann sitzen, vor dem sie sich schon in Heathrow zum Narren gemacht hatte.

Einen Moment lang überlegte Claudia verzweifelt, ob sie die Stewardess darum bitten sollte, ihr einen anderen Platz anzuweisen. Ein durchdringender Blick aus seinen kühlen grauen Augen brachte sie jedoch davon ab. Er wusste genau, welche Nummer auf ihrer Bordkarte stand. Sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, sie aus der Fassung zu bringen.

Er war einfach ein Geschäftsmann, der besonders unhöflich und humorlos war. Sie würde ihn nicht weiter beachten.

Claudia setzte sich grußlos auf den leeren Sitz neben ihn. Er schien ihr betont arrogantes Verhalten gar nicht zu bemerken, sondern griff nach einem Bericht, in den er sich sogleich vertiefte. Er hätte nicht deutlicher zeigen können, dass er nicht mit ihr zu reden gedachte.

Claudia ärgerte sich über diesen Mann. Sie hätte ihn gern den Rest des Fluges ignoriert. Doch das machte keinen Sinn, wenn er ihr dafür nur zu dankbar war. Ihn in seiner Ruhe aufzustören schien ihr die bessere Alternative zu sein. Nach gut zwei Stunden alberner Konversation würde er bereuen, in Heathrow überhaupt etwas zu ihr gesagt zu haben.

Claudia gefiel die Idee. Vielleicht würde sie den Flug doch noch genießen können.

“Hallo, so sieht man sich wieder”, sagte sie fröhlich.

Ihr Lächeln erfüllte David mit Argwohn. Nach einem kurzen Nicken vertiefte er sich demonstrativ wieder in seinen Bericht.

Sie missverstand diesen deutlichen Hinweis absichtlich. “So ein Zufall”, zwitscherte sie weiter. David seufzte unhörbar. “Ich hätte nicht gedacht, dass Sie auch nach Telema’an fliegen.”

Sie schob ihre große Tasche unter den Vordersitz. David nahm dabei einen feinen Duft wahr und sah ihr blondes Haar am Rand seines Gesichtsfelds aufglänzen.

“Wieso auch?”, fragte er, ohne von dem Bericht aufzusehen. Er hoffte, dass seine abweisende Antwort das Gespräch beenden würde. Doch Claudia ignorierte geflissentlich auch diesen Hinweis.

“Ich hätte gewettet, dass Sie in Dubai von Bord gehen”, plauderte sie weiter. “Wie man sich eben über seine Mitreisenden so seine Gedanken macht.”

“Ich nicht”, entgegnete David schroff. Sie überhörte auch diese Entgegnung.

“Ich konnte Sie mir an einem Ort wie Shofrar einfach nicht vorstellen”, fuhr sie fort, während sie sich zurücklehnte und ihn provozierend ansah.

“Und weshalb nicht?”, ließ er sich zu einer Antwort hinreißen.

“Nun, Shofrar scheint ein aufregender Ort zu sein”, sagte Claudia. Sie gratulierte sich zu ihrer Strategie. Dieses Spiel mit ihm war wesentlich amüsanter, als in eisiger Stille dazusitzen.

David sah sie aufgebracht an. “Wieso sagen Sie nicht gleich, dass Sie mich für einen Langweiler halten?”

“Ach, so war das doch nicht gemeint.” Claudia war die Unschuld in Person. David beging den Fehler, sie in diesem Moment anzusehen. Ihre Augen waren groß und außerordentlich schön. Die weiche, rauchig wirkende Farbe der Iris spielte vom Blau ins Grau.

“Shofrar scheint eine herrlich unzivilisierte Wildnis voller Romantik zu sein”, fuhr sie fort. David wandte mit Mühe seinen Blick ab. “In Heathrow hatte ich Sie für zu konventionell für dieses Land gehalten.” Claudia hielt sich scheinbar betroffen die Hand vor den Mund. “Ach, das war nun wirklich unhöflich. Es war nicht so gemeint”, gab sie vor. “Wahrscheinlich trifft gesetzt und zuverlässig die Sache besser. Sie sahen aus, als ob Sie Ihrer Frau immer telefonisch Bescheid geben, wenn es später wird.”

David ärgerte sich maßlos über diese Bemerkung. Bislang hatte er es geschätzt, als zuverlässig eingestuft zu werden. Doch aus dem Mund dieses Mädchens hörte es sich nach Langeweile an.

“Ich habe keine Frau”, warf er barsch ein. “Außerdem habe ich Shofrar ausgiebig bereist und kenne es offensichtlich weit besser als Sie. Von wegen Romantik! Shofrar ist ein hartes Land”, belehrte er sie. “Dort herrschen Hitze und Trockenheit vor. Die Infrastruktur ist erdenklich schlecht. Das Land ist nicht auf Touristen eingestellt. Daher werden Sie sich in Telema’an fehl am Platz fühlen. Ich mag vielleicht konventionell wirken, doch kenne ich die Wüste und bin an die dortigen Lebensbedingungen gewöhnt. Sie sind dafür zu verwöhnt. Ach, das war wohl unhöflich”, äffte er sie nach. “Ich meinte damit nur, dass Sie von dem luxuriösen Leben in Europa verwöhnt sind. Sie werden von Telema’an schockiert sein.”

“Wirklich?” Dieses Mal war Claudia an der Reihe, ihm einen eisigen Blick zuzuwerfen. “Wieso meinen Sie, dass ich noch nie in Telema’an war?”

“Ich habe gesehen, was Sie in Ihrer Tasche mit sich herumtragen”, antwortete David kühl. “Kein Mensch, der schon einmal in der Wüste war, würde auch nur ein Stück von diesem unnützen Zeug einpacken.”

Claudia biss sich auf die Lippen. Vielleicht hätte sie ihn lieber doch nicht provozieren sollen. Er war kein Mensch mit freundlichen Umgangsformen, der den peinlichen Vorfall in Heathrow aus Takt verschwieg.

In der Wartehalle des Flughafens hatte sie ihm gegenüber gesessen. Da es eine Verzögerung gegeben hatte, waren die meisten Passagiere ungeduldig auf- und abgegangen. Babys und Kinder waren unruhig geworden, während das Bodenpersonal über Funkgeräte Gespräche geführt hatte. Der Mann ihr gegenüber hatte jedoch von diesem Chaos unberührt seine Papiere studiert.

Er hatte mittelbraunes Haar und eines dieser starren nichtssagenden Gesichter. Claudia hatte die kühle Ruhe fasziniert, die er ausstrahlte. Sie dagegen verspürte vor jedem Flug Nervosität, was ihr insgeheim peinlich war. Mit neunundzwanzig sollte man eigentlich ans Fliegen gewöhnt sein. Es hatte beruhigend auf sie gewirkt, ihm beim konzentrierten Arbeiten zuzusehen.

Für Claudia war es unvorstellbar, so ruhig zu arbeiten. Sie war bei einer Fernsehproduktionsgesellschaft beschäftigt, in der hektische Aktivität vorherrschte. Panik und Zeitdruck ließen sie aufleben. Dieser Mann schien so etwas wie Panik gar nicht zu kennen. Wahrscheinlich war es anstrengend, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er war zwar bestimmt effektiv, doch gleichzeitig tödlich langweilig.

Claudia sah wieder auf den strengen Zug um seinen Mund. Langweilig war das falsche Wort. Die Mundwinkel wiesen eine leichte Krümmung nach oben auf. Wie er wohl aussah, wenn er lächelte?

Genau in diesem Moment blickte er hoch. Claudia sah in zwei wintergraue Augen. Er beugte sich vor.

“Stimmt etwas nicht?”, wies er sie zurecht.

“Nein”, gab sie errötend zurück.

“Meine Haare sind doch nicht blau geworden, oder kommt mir etwa Rauch aus den Ohren?”

Claudia musterte ihn mit gespieltem Interesse. “Nein.”

“Vielleicht können Sie mir dann sagen, was Sie schon zwanzig Minuten lang so sehr an mir interessiert?”

Sein vernichtender Blick ließ sie noch tiefer erröten. “Ich bin nicht die Bohne an Ihnen interessiert. Ich habe nur nachgedacht”, verteidigte sie sich störrisch.

“Würde es Ihnen in diesem Fall etwas ausmachen, jemanden anderen ins Visier zu nehmen? Ich versuche zu arbeiten. Das ist gar nicht so einfach, wenn einen jemand mit den Blicken auffrisst.”

So verhielt es sich also mit seiner Konzentration. “Aber sicher”, sagte sie eingeschnappt und erhob sich. “Ich hatte keine Ahnung, dass stilles Dasitzen stören kann. Ich werde mich in die Ecke stellen und die Augen schließen. Oder wird sie auch mein Atmen noch zu sehr ablenken?”

Er sah sichtlich verärgert aus. “Es ist mir gleichgültig, was Sie tun und lassen, solange Sie mich nicht ansehen, als ob Sie mich zum Mittagessen vorgesehen haben.”

“Zum Mittagessen?” Claudia lachte höhnisch auf. “Bedaure, ich habe einen kräftigeren Appetit. Sie würden höchstens als zweites Frühstück oder als Nachmittagstee ausreichen.”

Es war ihr nicht gelungen, ihn damit aus der Fassung zu bringen. Er sah sie lediglich einen Augenblick lang ungläubig an, schüttelte dann den Kopf und wandte sich wieder seinen Papieren zu. Claudia hätte vor Wut in die Luft gehen können.

Als sie zornig davonstapfen wollte, riss der Träger ihrer überladenen Tasche unter seiner Last. Zu ihrem Entsetzen landete Tasche samt Inhalt mit einem Knall genau vor den Füßen des Mannes.

Er hatte nur fünf Sekunden schweigend auf die Tasche geblickt, bevor er sich wieder in seine Lektüre vertieft hatte. Offensichtlich hielt er Claudia für zu nervig, um sich noch länger mit ihr zu beschäftigen.

Claudia hatte rot vor Scham nach der Tasche gegriffen, die mit dem Zippverschluss nach unten zu liegen gekommen war. In der Eile hatte sie aber nicht bedacht, dass der Verschluss noch geöffnet war. So ergoss sich der gesamte Inhalt der Tasche über die Schuhe des Mannes.

Es geschah wie in Zeitlupe. Die Lippenstifte, die Wimperntusche, Parfüm, Haarbürste, Spiegel, Schwämmchen, um die Fußnägel zu lackieren, und andere Kosmetika, die sie am Morgen hektisch eingepackt hatte, kamen ebenso zum Vorschein wie Pfefferminzbonbons, Kugelschreiber, ihre Börse, eine Kamera, Ohrstöpsel, die Sonnenbrille, Filme, ein Roman, Papiertaschentücher, eine Nagelfeile und der kleine gestrickte Teddy, den sie seit ihrer Kindheit mit sich herumtrug. Selbst Schlüssel, Kreditkartenquittungen und ein Ohrring, den sie schon seit Ewigkeiten vermisst hatte, Fotos mit Eselsohren und eine billige Brosche, die ihr Michael einmal zum Spaß geschenkt hatte, türmten sich nun vor den Füßen und unter dem Sitz des Mannes.

Claudia schloss die Augen und hoffte, nur zu träumen. Doch als sie wieder aufsah, saß der Mann immer noch inmitten ihres Krempels.

Seufzend legte er seine Papiere auf den leeren Sitz neben sich und befreite seinen Schuh von einem BH, den sie als Wechselunterwäsche für den Flug eingesteckt hatte. Er reichte ihr ihn mit spitzen Fingern. “Sie werden das gute Stück zweifellos noch gebrauchen”, bemerkte er.

Tödlich beschämt nahm sie ihm den BH ab. “Entschuldigung”, murmelte sie. Dann begann sie auf den Knien herumrutschend in Eile die Sachen unter seinem Sitz in die Tasche zu stopfen. Weil ihr alles so peinlich war, stellte sie sich ungeschickt an. Die Hälfte der Sachen fiel neben die Tasche, zumal der Mann ihr ihre Kosmetika und sentimentalen Erinnerungsstücke schweigend anreichte, anstatt sich einfach auf einen anderen Platz zu setzen.

“Passagiere für den Flug GF920 nach Dubai und Menesset werden nun an Bord gebeten.” Claudia war erleichtert, als sie die Ansage über Lautsprecher vernahm. Die Passagiere der ersten Klasse und Familien mit Kindern gingen zum Ausgang.

“Bitte keine Umstände”, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen zu ihm, als er sich umsah. Seinem Auftreten nach flog er erster Klasse. “Gehen Sie nur. Ich habe ohnehin schon alles eingepackt.”

Er steckte gemächlich seine Papiere in die Aktentasche. Er flog tatsächlich erster Klasse. Mit einem kurzen Nicken verabschiedete er sich von ihr und ging zur Abfertigung, jedoch nicht ohne einen weiteren Lippenstift vom Fußboden hochzunehmen.

“Nächte der Leidenschaft”, las er sarkastisch das Etikett vor. “Den möchten Sie sicher nicht entbehren. Vielleicht werden Sie ihn noch dringend benötigen.”

Mit dieser letzten überflüssigen Bemerkung verschwand er. Claudia sah ihm bitter nach. Die treffenden Antworten, die ihr jetzt durch den Kopf gingen, kamen zu spät.

Zum Glück flog er erster Klasse, sodass sie wenigstens nicht neben ihm sitzen musste. Wahrscheinlich würde er in Dubai aussteigen. Claudia war froh, als er verschwand. Sie hatte sich lächerlich benommen und daher darauf gehofft, den Zeugen ihres Missgeschicks nie wiederzusehen.

Und nun musste sie in diesem lausigen kleinen Flugzeug gute zwei Stunden neben ihm verbringen. Das passte zu ihrer diesjährigen Pechsträhne, dachte Claudia bitter. Es war kein Spaß gewesen, neunundzwanzig Jahre alt zu sein. Auch der letzte Tag, an dem sie noch zu den Zwanzigjährigen gehörte, fügte sich in dieses Bild. Hoffentlich würde sich an ihrem morgigen Geburtstag alles ändern.

Mit einem leisen Seufzer musterte sie den Mann auf dem Platz neben sich. Ihre Geburt hatte offensichtlich unter keinem guten Stern gestanden. Sonst hätte ihr das Geschick einen attraktiven charmanten Mann an die Seite gegeben, der ihr die letzten Stunden ihrer Jugend leichter machte. Stattdessen saß nun dieser eigensinnige Mann mittleren Alters neben ihr. Er musste mindestens vierzig sein, beschied sie unbarmherzig. Vierzig war für sie immer eine unbestimmbare Zeit in der Zukunft gewesen. Es war schockierend für sie, ab dem nächsten Tag nur noch zehn Jahre jünger zu sein als dieser Mann.

Dabei sah er keineswegs aus, als ob er nächstes Jahr in Pension ginge. Claudia musterte ihn genauer. Er wirkte in sich ruhend, so als ob er vollkommen mit sich im Einklang sei. Schade nur, dass er so streng blickte. Mit einem Lächeln hätte er weit attraktiver ausgesehen.

Wie er wohl auf einen kleinen Flirtversuch von ihr reagieren würde? Der bestimmte Zug um seinen Mund brachte sie von diesem Gedanken schnell wieder ab. Solange er den langweiligen Bericht mit endlosen Absätzen und Zahlenreihen durchsah, war an einen Flirt nicht zu denken.

Doch das Unmögliche hatte für Claudia schon immer eine Herausforderung bedeutet. Sie griff daher nach den Sicherheitsvorschriften, die vor ihr in einem Netz steckten. Selbst wenn sie ihn nicht zum Lächeln bringen konnte, würde es Spaß machen, ihm so viele Informationen wie möglich aus der Nase zu ziehen. Wenn er geglaubt hatte, sie während der nächsten zwei Stunden übersehen zu können, hatte er sich getäuscht.

“Dieses Flugzeug sieht furchtbar alt aus”, sagte sie, um die Unterhaltung nach seiner unhöflichen Bemerkung zum Vorfall in Heathrow wieder aufzunehmen. “Glauben Sie denn, dass es sicher ist?”

“Natürlich ist es sicher”, sagte David, ohne aufzublicken. Er hätte es sich denken können, dass die Stille nicht lange währen würde. “Warum auch nicht?”

“Nun, zum einen ist es ziemlich alt”, sagte Claudia und zupfte an den schmuddeligen Sitzbezügen. “Sehen Sie sich das an! Dieses Muster ist in den Sechzigern aus der Mode gekommen! Wo hat sich dieses Flugzeug in der Zwischenzeit aufgehalten?”

“Es ist in aller Ruhe zwischen Menesset und Telema’an hin- und hergeflogen, würde ich sagen.” David machte eine Notiz an den Rand des Berichts. Er ließ sich nicht so leicht ablenken. “Was missfällt Ihnen an diesem Flugzeug, ich meine außer der Farbkombination der Polsterbezüge?”

Claudia sah sich um. Es waren nur um die vierzig Passagiere im voll besetzten Flugzeug, die jeweils in Zweierreihen rechts und links des Flurs saßen. “Ich bin erstaunt, dass es so klein ist.”

David wandte eine Seite des Berichts um. “Telema’an ist klein”, meinte er gelangweilt.

“Hoffentlich ist es groß genug für einen Flughafen”, meinte Claudia wütend über seine mangelnde Reaktion. “Oder müssen wir etwa mit Fallschirmen landen?”

Nun sah er sie immerhin an. Doch sein Blick war so vernichtend, dass sie es bedauerte, ihn von seinem Bericht abgelenkt zu haben. “Machen Sie sich nicht lächerlich”, sagte er. “Seit Jahren gibt es dort einen Behelfsflugplatz. Ein Flugzeug dieser Größe ist das Äußerste, was dort zurzeit landen kann. Sobald der neue Flughafen fertig ist, wird sich das natürlich ändern. Telema’an ist eine der entlegensten Regionen von Shofrar. Aber es ist strategisch wichtig, und die Regierung ist daran interessiert, die Gegend weiterzuentwickeln. Momentan ist es nur eine staubige kleine Oase inmitten der Wüste. Aber dem Scheich liegt daran, eine vollständige Infrastruktur mit Flughafen, Straßen, Wasser- und Energieversorgung aufzubauen. Das ist ein riesiges Projekt.”

Du lieber Himmel! Schon wieder einer der Männer, die einen Vortrag hielten, statt eine Antwort zu geben. Claudia seufzte. “Sie scheinen sich gut auszukennen”, meinte sie, während sie sich mit der Sicherheitskarte Luft zufächelte. Sie versuchte sich davon abzulenken, dass das Flugzeug eben auf die Startbahn einbog.

“Das sollte ich auch. Wir sind für dieses Projekt als Ingenieur-Team unter Vertrag.”

Sie sah ihn überrascht an. “Ich dachte, GKS Ingenieur-Bau sei der Vertragspartner.”

Dieses Mal erntete sie von David einen misstrauischen Blick. Was mochte diese Frau mit GKS zu tun haben? “Woher wollen Sie das wissen?”, fragte er.

“Meine Cousine ist mit dem leitenden Ingenieur des Projekts verheiratet. Kennen Sie Patrick Ward?”

David packte die Verzweiflung. Natürlich musste diese unmögliche Frau die Menschen besuchen, mit denen er gewöhnlich die meiste Zeit in Telema’an verbrachte. Es gab kein Entrinnen. “Ja, ich kenne Patrick”, sagte er widerstrebend. “Und Lucy.”

“Dann werde ich den beiden ausrichten, dass ich Sie getroffen habe”, sagte Claudia, die sein Zögern wohl bemerkt hatte. “Wie heißen Sie?” Zumindest das würde sie nun herausbekommen.

“David Stirling”, antwortete er nach einer kurzen Pause.

“Ich bin Claudia Cook”, stellte sie sich vor, obwohl er nicht nach ihrem Namen gefragt hatte. “Dann sind Sie also auch Ingenieur.”

“Sozusagen.” David haderte mit seinem Schicksal, das ihn für die nächsten zweieinhalb Stunden neben diese Frau gesetzt hatte und ihm auch noch gebot, höflich zu ihr zu sein. Er mochte Lucy und Patrick sehr. Er konnte deren Gast nicht kurz und bündig sagen, sie solle endlich ruhig sein. Kaum zu glauben, dass sie sich kannten. Die Wards gehörten zu den nettesten Paaren seines Bekanntenkreises, während dieses Mädchen eine entsetzliche Erscheinung aus einem Albtraum zu sein schien.

Trotz allem besaß sie einen wunderschönen Teint. Wahrscheinlich hatte sie sich nur gut geschminkt, relativierte er seine Beobachtung sofort. Ihre Wimpern waren zu lang, dicht und dunkel, als dass sie von Natur aus so sein konnten. Denn sie besaß hellblondes, fast schon goldenes Haar. Ihre Augen hatte sie mit einem dünnen Stift nachgezogen.

Wahrscheinlich war sie eine Marketing-Frau oder sie arbeitete für die Medien. Sie musste einen Job haben, bei dem sie Menschen überschwänglich auf die Wange küssen und wichtigtuerisch mit einem Notizblock umherlaufen konnte. Sie ging sicher auf Partys und erzählte, wie müde sie von ihrer Arbeit war, obwohl sie wahrscheinlich nur den ganzen Tag herumtelefonierte, um ein Treffen zum Lunch oder ein Date nach der Arbeit zu arrangieren.

David lächelte finster vor sich hin. Seit der Sache mit Alix kannte er Frauen wie Claudia und war durch sie nicht mehr zu beeindrucken.

Das Flugzeug hatte gewendet und hielt kurz inne, bevor es zu beschleunigen begann. Es hob erst im letzten Moment von der Landebahn ab. Claudia konzentrierte sich so lange vollständig auf ihren Atem.

Erleichtert hörte sie das Geräusch, mit dem die “no smoking”-Warnschilder erloschen. Erst als das Flugzeug die volle Flughöhe erreicht hatte, wandte sie sich wieder an David. Er las erneut in seinem Bericht.

“Sind Sie wie Patrick fest in Telema’an stationiert?”, fragte sie neugierig.

“Nein”, entgegnete David kurz angebunden. Die Zeilen tanzten vor seinen Augen. Doch ließ er sich von Claudias großen Augen und ihrer schwärmerischen Stimme keinen Moment lang täuschen. Sie beabsichtigte, ihn zu provozieren. Wenn er kühl und höflich blieb, würde sie sich bald langweilen. “Ich bin die meiste Zeit in der Londoner Zentrale.”

“Was führt Sie jetzt nach Telema’an?”, hakte Claudia nach.

Er atmete tief durch. “Ein paar äußerst wichtige Besprechungen”, sagte er nach einer kurzen Pause. “Die erste Phase des Projekts geht ihrem Ende entgegen. Wir müssen die Regierung davon überzeugen, uns mit dem nächsten Bauabschnitt zu beauftragen. Die Konkurrenz ist hart.”

Er sah wieder in seine Papiere. “Letztendlich entscheidet der Scheich, der ein Cousin des Sultans ist und die Verantwortung für das gesamte Projekt trägt, welche von den großen Firmen den Auftrag erhält. Er ist ein schwieriger Verhandlungspartner. Nach monatelangen Bemühungen hat er uns für übermorgen ein Gespräch gewährt. Ich muss den Rest des Teams vor diesem Treffen dringend instruieren. Sie sehen also, wie wichtig es ist, dass ich diesen Bericht lese.”

“Was für ein Zufall!”, warf Claudia ungerührt ein. “Auch bei mir ist es von absoluter Wichtigkeit, morgen dort zu sein.”

“Wirklich?”, stieß er hervor. “Wieso denn das?”

Sie beugte sich näher zu ihm. “Morgen werde ich dreißig. Auf einer Party werde ich mein Schicksal treffen.”

David sah sie ungläubig an. “Wen?”

“Mein Schicksal”, wiederholte Claudia ungerührt. “Vor Jahren hat mir eine Wahrsagerin gesagt, dass ich erst mit dreißig heiraten und meinen Ehemann an einem Ort kennenlernen würde, an dem es viel Platz und Sand gibt.”

“Deshalb fliegen Sie in die Wüste?” David konnte es nicht glauben. Claudia lächelte mit großen Augen.

“Ich weiß auch genau, wer es sein wird. Die Prophezeiung lautete, dass die Initialen J und D eine bedeutende Rolle spielen werden. Daran werde ich den richtigen Mann sofort erkennen. Lucy hat für mich eine Party ausgerichtet, damit ich ihn an meinem Geburtstag kennenlernen kann.”

David seufzte verzweifelt. “Ich kann mir nicht denken, dass Lucy an diesen Mumpitz glaubt. Ich habe sie immer für intelligent gehalten.”

“Sie war damals dabei”, erzählte ihm Claudia ernst. “Wir waren beide erst vierzehn Jahre alt. Sie war tief beeindruckt.” Sie unterschlug ihm, wie sie kichernd das Zelt der Wahrsagerin verlassen und noch Jahre später darüber gescherzt hatten, dass Claudia bis zu ihrem dreißigsten Geburtstag auf ihre Hochzeit warten musste.

Dreißig hatte damals unvorstellbar weit weg geschienen. Als sie Michael kennengelernt hatte, meinte Claudia, dem Schicksal ein Schnippchen schlagen zu k”nnen.

Doch Michael hatte keine feste Bindung mit ihr gewollt. Daher war sie einen Tag vor ihrem dreißigsten Geburtstag immer noch ledig.

“Du kannst deinen dreißigsten Geburtstag nicht allein verbringen”, hatte Lucy erklärt, als Claudia ihr am Telefon von der geplatzten Verlobung erzählt hatte.

“Mir geht es so elend, dass mir alles egal ist”, hatte Claudia geantwortet. “Ich kann mich nicht zu einer Party aufraffen. Jeder würde mich nur bemitleiden.”

“Dann komm nach Shofrar”, hatte Lucy spontan angeboten. “Hier weiß keiner etwas von Michael. Es wäre ein großer Spaß”, fuhr sie fort. “Wir machen eine Geburtstagsparty für dich und laden Justin Darke dazu ein.”

“Wen bitte?”

“Justin Darke, einen attraktiven amerikanischen Architekten, der mit Patrick zusammenarbeitet. Als ich ihn kennenlernte, dachte ich gleich, dass er perfekt zu dir passt. Und zwar viel besser als dieser Schurke von Michael. Er ist unglaublich nett, warmherzig, ehrlich und darüber hinaus ein Single. Was erwartest du mehr von einem Mann?”

“Irgendetwas muss mit ihm nicht stimmen”, antwortete Claudia. Ihrer Erfahrung nach durfte man keine allzu hohen Erwartungen an einen Mann haben. Nette, warmherzige und ehrliche Männer waren nicht ohne Grund ledig.

“Nein, er ist einfach großartig”, gab Lucy zurück. “Außerdem mag er dich. Ich habe ihm kürzlich dein Bild gezeigt. Er sagte, du seiest eine aufregende Lady.”

“Ich fühle mich zurzeit alles andere als aufregend”, sagte Claudia melancholisch.

“Du brauchst jemanden, um dein Ego aufzupolieren. Justin hat den nötigen Charme dazu.”

Claudia fand langsam Gefallen an der Idee. “Es wäre sicher gut, wegzufahren.”

“Natürlich würden dir ein Tapetenwechsel und ein attraktiver Mann guttun. Vor allem würdest du nicht mehr an Michael denken”, lachte Lucy. “Erinnerst du dich noch an die Wahrsagerin? Sie hatte von Sand und den Initialen J und D gesprochen. Justins Initialen passen.”

“Außerdem werde ich dreißig. Erinnere mich bitte nicht daran.”

“Das ist die große Chance für dich!”, übertrieb Lucy dramatisch. Beide mussten lachen.

“Ich erwarte mir nichts mehr vom Schicksal”, meinte Claudia dann. “Nach dem Jahr mit Michael kann ich gut darauf verzichten. Ich möchte nur ein paar nette Tage verbringen.”

In der geschäftigsten Jahreszeit hatte sie nur mit Mühe zwei Wochen Urlaub erhalten können. Aber sie hatte es geschafft. Sobald sie aus dem Flugzeug steigen und Lucy sie herzlich in den Arm schließen würde, würde alles gut werden. Bis dahin konnte sie sich damit amüsieren, David Stirling noch mehr auf die Nerven zu gehen.

“Sie machen die weite Reise nur wegen eines Mannes, den sie noch nie getroffen haben?” Er schüttelte immer noch ungläubig den Kopf.

“Wieso auch nicht?”, fragte sie zurück. Ihm entging das freche Blitzen ihrer Augen.

“Ich dachte, Sie müssten klüger sein, weil Sie allein reisen. Selbst wenn man es nicht auf den ersten Blick erkennen kann”, bemerkte er sarkastisch. “Ohne guten Grund fährt man doch nicht an einen Ort wie Telema’an. Auch nicht, wenn man so verzweifelt ist wie Sie.”

Nach dem letzten Jahr war die Aussicht auf Sonne, Spaß und ein paar Schmeicheleien Grund genug für eine Reise. Aber das ging David Stirling nichts an. “Das verstehen Sie nicht”, lautete ihre dramatische Antwort. “Ich befinde mich an einem wichtigen Scheideweg meines Lebens. Morgen werde ich dreißig. Ich kann nicht wie bisher weiterleben. Ich muss die Gelegenheit beim Schopf packen.”

“Welche Gelegenheit?”

Sie verzog keine Miene, obwohl sie beinahe laut gelacht hätte. “Das Treffen mit meinem Seelengefährten natürlich. JD wartet in der Wüste auf mich. Ich weiß es. Ich muss nur zu ihm kommen.”

David sah sie nachdenklich an. “JD? Lucy wird zweifellos nach jemandem mit den richtigen Initialen Ausschau gehalten haben. Ist sie schon fündig geworden?”

“Vielleicht”, gab Claudia kokett zur Antwort.

“Welchen Unglücklichen hat sie genannt?” David überlegte kurz. “Jack Davis? Er ist verheiratet. Jim Denby? Unwahrscheinlich. Ach, natürlich! Justin Darke! Wieso ist er mir nicht gleich eingefallen.”

“Meine Lippen sind versiegelt”, sagte Claudia erschrocken. Ihre Plauderei konnte Lucys Freund in Schwierigkeiten bringen.

Doch David hatte die Schrecksekunde in ihren Augen bemerkt. Er musste den armen Mann warnen. Claudia wirkte so entschlossen, Justin Darke würde kaum vor ihr zu retten sein.

“Armer Justin!”, sagte er.

“Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen”, log Claudia. “Außerdem möchte ich auch gar nicht wissen, wer es sein wird. Ich überlasse das alles dem Schicksal.”

2. KAPITEL

“Morgen ist ein arbeitsreicher Tag für Sie. Sie werden nicht nur dreißig, sondern treffen auch noch Ihr Schicksal”, bemerkte David sarkastisch.

“Beides gehört zusammen”, plapperte Claudia, während sie sich ein Lachen verkniff. “Dreißig zu werden ist ein wichtiger Wendepunkt im Leben.”

“Ja?”, fragte David kritisch.

“Klar. Man überlegt sich, was man vom Leben erwartet, kann noch die Laufrichtung ändern, lässt aber definitiv die Jugend hinter sich und muss sich mit seiner Sterblichkeit auseinandersetzen.”

Er warf ihr einen geringschätzigen Blick zu. “Es fällt mir schwer zu glauben, dass Sie morgen dreißig werden.”

Claudia zuckte bei dem unerwarteten Kompliment zusammen. “Schönen Dank.”

“Es ist unbegreiflich, wie man solchen Unsinn reden kann, wenn man älter als fünf ist”, fügte David gnadenlos hinzu.

Claudia sah ihn wütend an. “Sie selbst hatten wohl mit dreißig keine Krise. Oder können Sie nicht so weit zurückdenken?”, stichelte sie.

“Ich hatte zu viel zu tun, um mir eine Krise leisten zu können.”

“Warten Sie einfach, bis Sie fünfzig sind. Dann werden auch Sie aufwachen, aber es wird zu spät sein, um noch etwas an Ihrem mit Arbeit vergeudeten Leben zu ändern. Da werden Sie Ihre Krise erleben.”

“Möglich”, meinte David unwirsch. “Darüber muss ich mir momentan aber nicht den Kopf zerbrechen. Ich bin zufällig noch nicht einmal vierzig. Ich habe noch einen ganzen Monat Zeit.”

“Ach?”, meinte Claudia so überrascht, dass es verletzend klang. “Wann haben Sie denn Geburtstag?”

Er seufzte. “Am siebzehnten September.” Er ahnte, was als Nächstes kommen würde.

“Also sind Sie eine Jungfrau.” Claudia nickte weise, obwohl sie nicht genau wusste, ob es stimmte. “Das passt.”

David antwortete darauf nicht. Sie war die furchtbarste Frau, die er je getroffen hatte. “Sicher”, sagte er beiläufig. “Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss wirklich weiterarbeiten.”

“Aber natürlich”, entgegnete Claudia. “Ich werde ganz still meine Illustrierte lesen. Sie werden gar nicht bemerken, dass ich da bin.”

David hielt das für unwahrscheinlich. Auch im Dunkeln und wenn sie still war, hätte sie ihn noch abgelenkt.

Er beugte sich über seinen Bericht und schrieb eilig ein paar Notizen an den Rand. Claudia versuchte vergeblich, ihn zu ignorieren.

Er sah nicht wirklich gut aus. Der Zug um seinen Mund und das entschiedene Kinn wirkten zu hart, sein intelligentes Gesicht zu schmal. Seine bewusste Zurückhaltung konnte sie nicht als langweilig abtun. Er besaß eine starke Persönlichkeit, die sich in ruhiger Selbstsicherheit, einem scharfen Blick und unantastbarer Autorität äußerte. Aus den Augenwinkeln sah sie an seinem Hals seinen langsamen und regelmäßigen Pulsschlag.

Ihr Herz dagegen schlug heftig und unregelmäßig. Vielleicht war sie nervlich überspannt.

Von David Stirling konnte man das nicht behaupten. Claudia musterte seinen Mund. Wie konnte man so einen Mann wohl aus der Ruhe bringen?

Über ihren Gedankengang erschrocken, blätterte sie schnell in ihrer Zeitschrift weiter. Ein Artikel über Sex kam ihr unpassend vor. Sie schlug die Seiten um, bis sie zu einem Artikel über die Freuden und Leiden verschiedener Altersstufen kam. Da die Freuden der Jugend bald hinter ihr lagen, begann sie gleich bei den Dreißigjährigen.

<ba>Dreißigjährige Frauen haben die Unsicherheiten der letzten Dekade hinter sich gelassen. Sie sind mit sich selbst im Gleichgewicht, besitzen Selbstvertrauen und fühlen sich wohl in ihrer Haut.<be>

Claudia konnte diese Behauptungen nicht nachvollziehen.

<ba>Sie wissen, was ihnen steht und was nicht. Sie sind erwachsen und gebildet genug, um ihr Leben nach selbst aufgestellten Regeln zu führen. “Ich liebe dreißigjährige Frauen”, meint ein Mann. “Sie sind wesentlich interessanter als junge Mädchen, weil sie ihre eigene Meinung haben und wissen, was sie wollen. Sie haben genügend Selbstvertrauen, um sich zu nehmen, was sie brauchen. Es ist meiner Meinung nach das sexieste Alter. Viele Frauen haben erst mit dreißig ihr bestes Aussehen erreicht. Sie kennen ihren Körper. Das gibt ihnen eine Klasse und Sicherheit, mit der keine Zwanzigjährige mithalten kann.<be>

Claudia seufzte ungläubig. Sie hatte noch keine Frau getroffen, die mit ihrem Körper zufrieden war. Aber Selbstsicherheit und Klasse hörte sich gut an.

Claudia wäre gern bereits mit gewaschenen Haaren und einem großen, gut gekühlten Gin Tonic in Telema’an gewesen, mehr wollte sie im Moment nicht. Das waren allerdings kaum die passenden Wünsche für eine neue Lebensphase.

Als Claudia die Illustrierte beiseitelegte, las David immer noch in seinem Bericht. Sie wagte es nicht, ihn erneut zu stören. Sie wurde erst morgen dreißig. Dann würde sie mehr Selbstvertrauen besitzen.

Auf der Suche nach einer Ablenkung sah sie sich im Flugzeug um. Auf dem Sitz gegenüber des Ganges saß ein gut aussehender Shofrani in modischer westlicher Kleidung. Er hatte dunkles Haar und freundliche Augen. Er lächelte ihr charmant zu, als sich ihre Blicke trafen. Claudia lächelte zurück.

“Verzeihung, dass ich Sie so gemustert habe”, sagte er in fließendem Englisch. “Wir haben nicht oft so schöne Passagiere auf dem Flug nach Telema’an an Bord.”

Claudia ging auf seine Schmeicheleien ein. Er stellte sich als Amil vor, und bald waren sie in einen netten Flirt vertieft. Er befand sich auf der Heimreise, nachdem er für seinen Onkel Geschäfte in der Hauptstadt erledigt hatte.

“Werden Sie länger in Telema’an bleiben?”, fragte er.

“Nur ein paar Wochen, dann muss ich wieder arbeiten.”

“Bei Ihrer Arbeit sind Sie nicht länger entbehrlich?”

“Leider nicht. Ich arbeite für eine Fernsehgesellschaft. Im Moment ist sehr viel los.”

David hatte wider Willen die Konversation verfolgt. Er hatte also richtig geraten und hörte nun, wie hektisch und wichtig Claudias Job war. Ihr neuer Freund schien ganz Ohr zu sein. David biss die Zähne zusammen.

Claudia bemerkte es und verdoppelte ihre Bemühungen um Amil. “Genug von meiner Arbeit”, sagte sie mit einem berückenden Lächeln. “Ihr Leben ist sicher weit interessanter als meines!”

Eine weitere Viertelstunde musste David der süßlichen Unterhaltung lauschen, bevor der Steward mit einem Wagen den Gang entlangkam und das Gespräch unterbrach.

David seufzte erleichtert auf. Doch die Ruhe war nur von kurzer Dauer. Claudia suchte nun in ihrer Tasche nach einem Lippenstift und trug ihn mit einem Blick in ihren Handspiegel auf. Es folgte eine ausgiebige Nagelpflege mit Feile und Handcreme. Schließlich benutzte sie auch noch ein Parfüm. Er nahm den subtilen, teuren und sexy Duft wahr, der für ihn bereits zu ihr zu gehören schien. Auch das ignorierte er, so gut es ging.

Im Anschluss kämmte sie sich. Schließlich warf sie die seidige Haarpracht zurück, bis sie wippend ihr Gesicht umrahmte. David bemühte sich, keine Notiz davon zu nehmen, wie die Sonne auf dem glänzenden Haar glitzerte und es in gesponnenes Gold verwandelte.

Endlich schien sie fertig zu sein. Weil aber weder David noch Amil, der inzwischen mit seinem Sitznachbarn sprach, Notiz von ihr nahmen, trommelte sie gelangweilt auf die Lehne ihres Sitzes.

“Können Sie denn nicht eine Sekunde still sitzen?”, fuhr David sie an.

“Ich sitze still”, widersprach Claudia.

“Nein”, entgegnete David mit mühsamer Beherrschung. “Wenn Sie nicht mit Fremden ein Gespräch führen, schminken Sie sich und kramen in der Tasche. Selbst wenn diese intellektuellen Tätigkeiten erschöpft sind, machen Sie irritierende Klopfgeräusche.”

Claudia sah ihn gekränkt an. “Was soll ich denn sonst tun?”

“Sie sollen gar nichts tun. Können Sie nicht einfach still dasitzen?”

“Ich sitze nicht gern”, schmollte sie. “Ich habe eine sehr niedere Langeweileschwelle. Ich muss immer etwas unternehmen.”

“Wieso versuchen Sie es nicht mal mit Nachdenken?”, schlug David vor. “Das dürfte eine ganz neue Erfahrung für Sie sein.”

“Ich habe nachgedacht”, warf Claudia ein.

“Sie verblüffen mich!” David schüttelte spöttisch den Kopf. “Und worüber, wenn man fragen darf?”

“Ich habe mich gefragt, wie Patrick einem so arroganten und unfreundlichen Menschen einen Job geben konnte”, meinte sie.

David sah auf. “Wieso glauben Sie, dass Patrick mich eingestellt hat?”

“Er ist der leitende Ingenieur des Projekts. Wenn Sie an den Verhandlungen teilnehmen, müssen Sie zu seiner Mannschaft gehören. Wie Sie GKS hier repräsentieren, würde ihm nicht gefallen. Ich kenne ihn schon lange. Patrick wirkt zwar umgänglich”, fuhr sie fort. “Aber so etwas sieht er nicht gern.”

“Und Sie meinen, dass er mir vor den wichtigen Besprechungen kündigen sollte?”

Claudia schüttelte den Kopf. “Das hängt ganz von Ihnen ab”, sagte sie kurz.

“Darf ich bleiben, wenn ich für den Rest des Fluges nett zu Ihnen bin?”

“So sehr müssen Sie sich gar nicht anstrengen”, stichelte sie. “Es ist Ihnen augenscheinlich nicht von der Natur gegeben.”

“Das kommt nur auf mein Gegenüber an”, sagte er. Bevor Claudia etwas entgegnen konnte, wurde sie von einem Geräusch der silbernen Tragfläche unter dem Fenster abgelenkt.

“Mit dem Motor ist etwas nicht in Ordnung”, sagte sie beunruhigt. “Immer wieder macht er so seltsame Geräusche.

“Das ist doch lächerlich”, sagte David. “Was sollte damit nicht stimmen?”

“Das weiß ich doch nicht!”, fuhr sie auf. “Ich kenne mich mit Motoren nicht aus.”

“Woran wollen Sie dann ein seltsames Geräusch erkennen?” Er beugte sich vor und legte die Hand ans Ohr. “Für mich klingt es normal.”

“Das sagen die immer”, orakelte Claudia düster. “Exakt wie in einem Katastrophenfilm. Da werden auch immer Menschen gezeigt, die ganz normalen Beschäftigungen nachgehen wie wir.”

“Sie haben sich in diesem Flugzeug in keiner Weise normal verhalten”, warf David ein. Sie ignorierte seinen Einwand.

“Die Leute trinken Kaffee und unterhalten sich. Sie ahnen nicht, dass etwas Schreckliches passieren wird. Das ist auch in Ordnung, weil Bruce Willis oder Tom Cruise mit an Bord sind, um sie zu retten. Ich habe dagegen nur einen Papiertiger neben mir.”

David hatte ihr mit wachsender Verzweiflung zugehört. “Ich habe noch nie jemanden getroffen, der wegen nichts und wieder nichts so aus dem Häuschen gerät.”

“Es stimmt etwas nicht, das kann ich fühlen!”

“Zum letzten Mal”, zischte David. “Mit dem Motor ist alles in Ordnung.”

Bei diesen Worten geriet der Motor ins Stottern und fiel schließlich ganz aus. Das Flugzeug neigte sich stark zur Seite. Als das Flugzeug plötzlich an Geschwindigkeit verlor, hörte man panische Schreie.

Claudia ergriff instinktiv Davids Hand. Er stöhnte unter ihrem festen Griff leise auf. Doch als er ihre ängstlich geweiteten Augen sah, fasste er ihre Hand, um einem hysterischen Anfall entgegenzuwirken. “Kein Grund zur Panik”, sagte er beruhigend. “Der Pilot bringt das Flugzeug jetzt wieder in die Horizontale. Alles ist unter Kontrolle.”

Das Flugzeug flog wieder geradeaus. Der zweite Motor arbeitete mit voller Kraft, um den Ausfall des anderen auszugleichen. Auf Arabisch sagte der Pilot etwas über den Bordlautsprecher an. David lauschte aufmerksam.

“Was hat er gesagt?”, fragte Claudia ängstlich.

“Er sagt, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Ein Motor ist ausgefallen, aber wir werden problemlos mit dem zweiten Motor bis zum nächsten Flugzeuglandeplatz kommen. Wir werden dort vorsichtshalber landen.” David klang ruhig. “Sie können sich also entspannen.”

Claudia seufzte. “Ich werde mich erst entspannen, wenn ich wieder festen Boden unter den Füßen habe”, meinte sie zitternd.

Obwohl es nur zwanzig Minuten dauerte, bis der Pilot auf dem staubigen Landeplatz inmitten der Wüste landete, war es Claudia wie eine Ewigkeit vorgekommen. David hatte weiter ruhig auf sie eingesprochen. Sie hatte sich an seine Ruhe geklammert, ohne zu hören, was er im Einzelnen sagte. Sie dachte, wie unnötig es gewesen sein mochte, sich mit Gedanken über die kommenden Jahrzehnte zu quälen, wenn sie vielleicht gar nicht dreißig werden würde.

Als das Fahrwerk mit einem Krachen ausfuhr, setzte sie sich aufrecht hin und wappnete sich für eine Notlandung. Das Flugzeug landete aber so sanft, dass Claudia es zuerst gar nicht bemerkte. Sie schloss erleichtert die Augen und atmete stoßweise. Sie hatte so lange den Atem angehalten.

Als sie die Augen wieder öffnete, war das Flugzeug zum Stillstand gekommen. Draußen tanzte die Hitze über dem Teer und auf den silbernen Tragflächen. Ein paar Fertigbauten befanden sich nahebei, ein baufälliger Kontrollturm und ein paar staubige Gebäude lagen an einer Straße, die sich in flimmernder Hitze aufzulösen schien.

Claudia befeuchtete ihre Lippen. “Wo sind wir?”

“Dieser Ort heißt Al Mishrah.” David sah unwirsch aus dem Fenster. “Früher war hier ein großer Gasumschlagplatz, daher auch der Flughafen. Heute gibt es nur noch gelegentlich Versorgungsflugzeuge, die das Überbleibsel der damaligen Stadt beliefern.”

“Also, kein idealer Zwischenstopp”, meinte Claudia.

David war erleichtert über ihren Versuch, einen Witz zu machen. “Das kann man wohl sagen.”

“Was wird jetzt passieren?”

Er seufzte. “Erfahrungsgemäß nicht allzu viel.”

Er hatte recht. Ein paar Passagiere erhoben sich und klatschten Beifall. Es dauerte einige Minuten, bevor eine Treppe herangerollt wurde. Die Luft war zum Ersticken. Claudia sehnte sich nach Frischluft. Doch sobald sich die Türen öffneten, drang hitziger Benzingeruch herein. Claudia rümpfte angewidert die Nase.

Die Passagiere drängten nach draußen. David wartete, bis der erste Schub im Freien war. “Fühlen Sie sich jetzt besser?”

“Ja, mir geht es gut.”

“Könnten Sie dann vielleicht meine Hand wieder freigeben?”

“Ach!” Claudia reagierte wie von der Wespe gestochen. “Verzeihung, es ist mir gar nicht aufgefallen.”

“Schon in Ordnung”, unterbrach David sie kühl und stand auf.

Claudia zögerte. Es war ihr peinlich, wie ein kleines Mädchen seine Hand gehalten zu haben. Er musste sie für absolut hysterisch halten. Dennoch hatte er wirklich Geduld bewiesen. “Sie waren sehr freundlich, danke”, sagte sie unbeholfen.

David war von ihrer Reaktion positiv überrascht.

In der Fertigbauhütte, die als Terminal diente, war es kaum kühler als draußen. Ein einziger Ventilator fächelte müde die von den Beschwerden der Passagiere erfüllte Luft. David und Claudia setzten sich auf die staubigen orangefarbenen Plastikstühle mit Rissen.

Zuerst war Claudia einfach erleichtert, wieder lebend auf festem Boden zu sein. Die Untätigkeit störte sie nicht. Ruhig saß sie neben David. Die Hitze und die grelle Sonne draußen flößten ihr ebenso Angst ein wie dieses Gebäude, in dem nichts zu funktionieren schien.

Claudia empfand Davids Gegenwart in dieser chaotischen Situation als ungeheuer beruhigend, selbst wenn er sich unfreundlich verhielt.

Während Claudia wartete und auf ein Plakat starrte, auf dem ein Softdrink angepriesen wurde, vergingen langsam die Minuten. Die Farben des Plakats waren vom grellen Licht ausgeblichen. Fliegen summten in der bedrückenden Hitze bedrohlich nahe an ihren Ohren vorbei, bis sie sie mit einer müden Handbewegung vertrieb. Der unbequeme Plastiksitz klebte an ihrer dünnen Hose.

Mit wachsender Ungeduld rutschte sie auf ihrem Stuhl umher und sah zum hundertsten Mal auf ihre Uhr. Sie saßen bereits fast eine Stunde hier. “Was passiert nun?”, fragte sie schließlich.

David seufzte. Die Angst hatte ihr Verhalten nur vorübergehend gebessert. Er hätte es sich denken können, dass sie nicht mehr lange stillhalten würde. “Der Pilot und ein paar Leute vom Flughafenpersonal werfen einen Blick auf den Motor. Wir warten auf deren Rückkehr.” Er hielt inne, weil der genervt wirkende Pilot eben eintrat.

Claudia erhob sich. “Lassen Sie uns fragen, was los ist.”

“Ich werde mit ihm sprechen. Sie warten solange hier”, sagte David bestimmt.

Sie widersprach nicht, sondern setzte sich und sah David nach. Er war ein großer schlanker Mann, der sich mit graziöser Leichtigkeit bewegte. Die anderen Männer ließen ihm den Vortritt.

Claudia sah ihm zu, wie er mit dem Piloten sprach. Seiner finsteren Miene bei der Rückkehr nach zu urteilen gab es keine guten Neuigkeiten.

“Das Flugzeug wird aus dem Verkehr gezogen”, erklärte er. “Sie werden das nächste Flugzeug vorbeischicken, um uns aufzusammeln.”

“Immerhin”, bemerkte Claudia erleichtert. “Wann kommt das Flugzeug?”

“Erst in zwei Tagen.”

“In zwei Tagen?” Sie starrte ihn entgeistert an.

David vergrub die Hände in den Hosentaschen und seufzte frustriert. “Sie haben richtig gehört.”

“Aber wir können doch nicht zwei Tage in diesem Loch verbringen.”

“Es gibt eine Art Hotel in der Stadt, wohl noch ein Überbleibsel aus besseren Tagen. Wahrscheinlich ist es etwas heruntergekommen.”

“Selbst das Ritz würde mich nicht locken”, fuhr Claudia auf. “Morgen ist mein Geburtstag, und ich werde nicht hierbleiben! Wieso können sie nicht gleich ein Flugzeug vorbeischicken?”

“Shofrar ist auf Tourismus nicht eingestellt. Es handelt sich um eine kleine inländische Fluggesellschaft. Die anderen Flugzeuge sind alle auf anderen Routen eingesetzt.”

“Großartig!” Claudia sprang auf und stapfte mit verschränkten Armen auf und ab. “Wir müssen doch irgendetwas dagegen unternehmen können. Gibt es keinen Bus?”

“Ich halte es für höchst unwahrscheinlich, dass es eine Busverbindung nach Telema’an gibt. Wir mussten von der Strecke abweichen, um hier notzulanden.”

“Gut, vielleicht gibt es dann wenigstens ein Taxi.”

“Wir sind nicht am Piccadilly, Claudia. Sie können sich nicht einfach ein Taxi heranwinken und sich durch die Wüste bringen lassen. Hier gibt es nicht einmal Metallstraßen.”

“Was dann?”, fragte sie ungeduldig. “Wie können Sie nur so herumstehen und gar nichts tun?”

“Es bringt nichts, wenn ich mich auch so in Rage rede wie Sie.”

“Sie werden also nichts unternehmen?”, warf ihm Claudia vor. “Und was ist mit dem Meeting? Ich dachte, dass Sie ebenso dringend nach Telema’an müssen wie ich.”

“Ich will so früh wie möglich dorthin”, sagte er kühl. “Wenn Sie einen Moment zuhören würden, könnte ich Ihnen sagen, dass ich mich auf die Suche nach einem Fahrzeug begeben werde. Ich bezweifle allerdings, ob etwas Passendes zu mieten sein wird. Vielleicht kann man einen Wagen kaufen.”

“Kaufen?” Sie sah ihn entgeistert an. “Man kann doch nicht einfach mit einem Auto in die Wüste fahren.”

“Man kann schon, wenn man sich auskennt”, sagte David. “Zum Glück ist das bei mir der Fall. Ich werde den Weg nach Telema’an finden.”

Claudia spielte nervös an ihrem Ring. Sie wünschte, ihm vorhin nicht so direkt ihre Meinung gesagt zu haben. “Ich habe zwar nicht viel Geld bei mir”, fing sie unbeholfen an. “Aber wenn Sie mich mitnehmen könnten, würde Patrick Ihnen gewiss die Hälfte der Kosten erstatten. Ich könnte es ihm zurückzahlen, sobald ich wieder in London bin. Ich wäre Ihnen dafür sehr dankbar.”

Sie sah ihn bittend an. “Bitte”, fügte sie hinzu.

David fand ihre Augen wirklich außergewöhnlich. Sie waren blaugrau. Es war eine tiefe weiche Farbe, die ihn an die Dämmerung über den Bergen erinnerte. In diesen Augen konnte sich ein Mann verlieren.

Er riss sich von ihrem Anblick los. Claudia war der Inbegriff all dessen, was er an einer Frau nicht mochte. Sie war dumm und eitel. Sie hatte ihn absichtlich provoziert. Nur weil ihre schönen Augen ihm den Atem nahmen, würde er sie nicht mitnehmen. Lange bevor sie Telema’an erreichen würden, würde er sie umbringen. Er musste es ihr abschlagen.

“Nun gut”, meinte er irritiert. “Aber keine Beschwerden! Es wird eine harte Reise werden, und sobald ich mir ein Gejammer anhören muss, können Sie aussteigen und zu Fuß gehen.”

“Danke!” Claudia strahlte. David musste schlucken. Wie tief das Blau ihrer Augen wirkte, wenn sie lächelte. “Sie werden es nicht bereuen”, versprach sie. “Ich werde kein Wort reden”, bot sie ihm großzügig an. “Ich werde alles machen, was Sie wollen.”

“Das glaube ich erst, wenn ich es erlebe”, antwortete David. Er war über seine unbeabsichtigte Reaktion wütend. Das Treffen in Telema’an war für die Firma lebenswichtig. Er musste sich darauf konzentrieren und durfte sich nicht von schönen Augen oder einem unerwarteten Lächeln ablenken lassen.

“Ich werde mich umsehen, was sich machen lässt.” David duldete keinen Widerspruch. “Bleiben Sie hier!”

“In Ordnung”, sagte Claudia erleichtert. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, er würde ihre Bitte ablehnen. Sie hätte es ihm nicht verübeln können. Ihre Begegnung hatte unter einem schlechten Stern gestanden. Von nun an würde sie freundlich zu ihm sein.

Sie wartete gehorsam, bis David zurückkehrte. “Ich habe mit ein paar Leuten gesprochen”, sagte er. “Es gibt möglicherweise eine Gelegenheit zu einem Kauf, aber erst in der Stadt. Man scheint gerade einen Bus zu organisieren. In der Zwischenzeit bleibt uns nur zu warten.”

“Ich habe schon auf dieser ganzen Reise gewartet”, seufzte Claudia resigniert. Er verwünschte seine Reaktion auf ihr Lächeln erneut.

“Sie wollten sich doch nicht mehr beschweren!”

“Das war keine Beschwerde, sondern ein Kommentar”, entgegnete sie ihm. Dann verfiel sie in dumpfes Schweigen, um nicht wieder mit ihm zu streiten. Sie wollte nicht zurückgelassen werden.

Seufzend schlug sie die Beine übereinander, wechselte dann auf die andere Seite. Doch auch so war es nicht bequemer.

“Hören Sie damit auf”, zischte David.

Claudia erhob sich. “Ich habe einen Krampf im Bein”, erklärte sie beschwichtigend. “Ich werde ein wenig umhergehen.”

Sie ging zum Fenster hinüber und sah zu, wie das Gepäck aus dem Flugzeug auf einen alten Wagen geladen wurde. Dabei entdeckte sie Amil, mit dem sie im Flugzeug gesprochen hatte. Er nahm eine Tasche aus dem Gepäckwagen heraus. Claudia winkte ihm zu, als er wieder in den Terminal kam.

“Warten Sie nicht auf den Bus?”

“Ich habe zum Glück Familie hier”, erklärte er. “Ich muss morgen in Telema’an sein. Daher haben mir meine Verwandten ein Auto gebracht. Wenn ich jetzt aufbreche, kann ich es noch rechtzeitig schaffen.”

“Was für ein Glück!”, rief Claudia neidisch aus. “Wir werden hier eine halbe Ewigkeit festsitzen.”

“Haben Sie es auch eilig?”

“Ich muss morgen in Telema’an sein.”

“Wieso fahren Sie dann nicht mit mir?”, schlug Amil vor. “Die Fahrt ist lang und unbequem. Zudem müssen wir die Nacht in einer Oase verbringen, doch könnten Sie so schon morgen in Telema’an sein. Ich würde Sie gern mitnehmen.”

“Ich könnte mit Ihnen mitkommen?” Claudia z”gerte. Amil wirkte charmant, doch kannte sie weder ihn noch die Sitten in Shofrar. Sie war nicht so naiv, sich ihm anzuvertrauen.

Andererseits mochte sie nicht zwei Tage ihres kostbaren Urlaubs verlieren. Sie wollte ihren Geburtstag nicht an diesem schrecklichen Ort verbringen.

“Es ist sehr freundlich von Ihnen, aber …”, setzte sie zu einer höflichen Absage an. Dann entdeckte sie David, der selbstsicher wie immer auf einem der orangen Plastikstühle saß.

In diesem Moment fiel ihr die Lösung des Problems ein. “Es ist schrecklich nett von Ihnen”, wiederholte sie mit einem freundlichen Lächeln. “Wir würden liebend gern mitkommen. Ich muss nur noch kurz meinem Ehemann die gute Neuigkeit erzählen.”

3. KAPITEL

Es folgte eine kurze Pause. Amils Lächeln gefror unmerklich. “Ihr Ehemann?”

“David”, meinte Claudia unschuldig. “Wussten Sie nicht, dass ich verheiratet bin?”

“Nein”, entgegnete Amil. “Sie müssen meine Überraschung entschuldigen”, erklärte er. “Als wir vorhin miteinander plauderten, hatte ich den Eindruck, dass Sie allein reisen.”

“Verzeihung, ich hätte sie miteinander bekannt machen sollen”, sagte Claudia mit einem treuherzigen Blick. “Mein Mann saß im Flugzeug neben mir. Bei der Notlandung musste er meine Hand halten.”

Amil schien sich zu entsinnen. “Das war Ihr Mann?”

“Ja”, sagte sie. “Mit einem Fremden würde ich doch nicht Händchen halten.”

“Natürlich nicht”, gab Amil lächelnd zurück. Er schien sich mit der neuen Situation abgefunden zu haben. “Ich würde Ihnen beiden jedenfalls gern eine Mitfahrgelegenheit anbieten.”

Claudia bewunderte seine formvollendete Höflichkeit. Vielleicht wäre die Zuflucht zu einer Lüge gar nicht nätig gewesen.

“Das ist sehr freundlich von Ihnen”, erwiderte sie herzlich. “Wann fahren Sie?”

“So bald wie möglich.”

“Dann werde ich David suchen”, lächelte Claudia. “Ich bin gleich zurück.”

David sah sie schon von weitem mit einem breiten Lächeln auf sich zukommen.

“Wieso sind Sie so vergnügt?”

“Ich habe für uns beide eine Mitfahrgelegenheit nach Telema’an organisiert”, sagte sie stolz. “Es geht gleich los.”

“Wie bitte?”, erkundigte sich David ungläubig.

“Amil wird uns mitnehmen.”

“Wer zum Teufel ist Amil?”

“Er saß im Flugzeug neben mir.”

“Ach so”, knurrte David. “Sie haben ausgiebig mit ihm geflirtet.”

“Immerhin hätte ich dann mit dem richtigen Mann geflirtet”, flötete Claudia. “Er hat draußen ein Auto stehen.”

“Wie ist ihm das gelungen?”

“Er hat seine Kontakte spielen lassen. Hauptsache ist, dass wir so morgen in Telema’an sein können.”

David warf ihr einen misstrauischen Blick zu. “Wieso nimmt er auch mich mit? Ich habe mit ihm bislang kein Wort gewechselt.”

“Das wollte ich eben erklären”, sagte Claudia unsicher. “Ich habe ihm gesagt, Sie seien mein Ehemann.”

“Wie bitte?” Davids Stimme erhob sich. Claudia versuchte erschrocken, ihn zu beruhigen.

“Ich musste. Ich konnte nicht allein mit ihm mitkommen, weil ich ihn überhaupt nicht kenne.”

“Sie kennen auch mich überhaupt nicht. Trotzdem haben Sie mich als Ihren Ehemann ausgegeben.”

“Sie kennen Patrick und Lucy”, erklärte sie. “Daher kenne ich Sie zumindest indirekt. Ich hätte gedacht, dass Sie mir dafür dankbar sein werden.”

“Weil ich Ihren Ehemann spielen soll?” David war außer sich. Diese Frau war noch arroganter als Alix. “Sie machen wohl einen Scherz.”

“Sehen Sie es so”, erklärte Claudia energisch. “Sie wollten morgen in Telema’an sein. Eine bessere Gelegenheit gibt es nicht. Selbst wenn Sie ein Auto finden sollten, wird es noch eine halbe Ewigkeit dauern, bis wir mit einem Bus in die Stadt kommen. Vor Mitternacht würden wir nicht loskommen!”

David zögerte. “Wir wollen doch beide schnellstens nach Telema’an”, drängte sie ihn.

“Manche Frauen schrecken vor nichts zurück, um einen Mann zu bekommen”, antwortete David unentschlossen.

Claudia sah über seine Schulter hinweg Amil herankommen.

Verzweifelt wandte sie sich erneut an David. Bitte, kommen Sie mit”, bat sie inständig. “Ich kann nicht alleine mitfahren. Sie brauchen auch gar nichts zu tun!”

“Außer den Dummkopf von Ehemann spielen!”

“Bitte, sagen Sie Ja!” Claudia pfiff auf ihren Stolz. “Er ist jeden Moment da. Bitte!”

“Ach, hier sind Sie! Ich habe Sie schon gesucht.” Amil war zu wohlerzogen, um seine Ungeduld zu zeigen. Claudia warf ihm verzweifelt ein Lächeln zu.

“Verzeihen Sie die Verzögerung. Ich habe meinem Mann nur von Ihrem freundlichen Angebot erzählt.” David verzog keine Miene. “Amil, das ist mein Ehemann David Stirling.”

Es gab eine längere Pause. Claudia wagte es nicht, David anzusehen. Er befand sich durch ihre Lüge in einer peinlichen Situation. Es war nicht fair, ihn nun mit ihren unschuldigen Augen groß anzuschauen, als ob sie seinen Verrat erwarte.

Die Vorstellung, dass sie in Tränen ausbrechen würde, war ihm unerträglich.

“Guten Tag”, sagte er und reichte Amil die Hand. Jetzt war es für eine Richtigstellung zu spät. “Ihr Angebot ist sehr großzügig. Ich hoffe, dass wir Ihnen keine allzu großen Umstände bereiten.”

“Keineswegs”, entgegnete Amil höflich, während er Davids Hand schüttelte. “Ich freue mich über Ihre Gesellschaft.”

Claudia atmete erleichtert auf. Amil sah sie besorgt an. “Wir haben eine lange Fahrt vor uns. Ich möchte so früh wie möglich nach Telema’an kommen. Ich wollte eigentlich sofort losfahren, aber wenn Sie müde sind?”

“Aber nein”, beschied sie schnell. “Wir möchten so bald wie möglich ankommen.” Sie sah David an. “Nicht wahr, Darling?”

David verzog keine Miene. “Ich kann nicht früh genug da sein.”

“Schön.” Amil ließ sich nicht anmerken, ob ihm die geladene Atmosphäre zwischen den beiden aufgefallen war. “Der Wagen steht draußen. Ich werde dort auf Sie warten, bis Sie Ihre Koffer geholt haben.”

Als er außer Hörweite war, wandte sich David an Claudia. “Wieso sagen Sie Darling zu mir?”

“So reden verheiratete Paare miteinander”, gab sie fröhlich zurück. “Es sollte überzeugend klingen.”

“Wenn Sie mich die nächsten vierundzwanzig Stunden Darling nennen sollten, werden Sie es bereuen!”

“Liebst du mich denn nicht mehr?”, sagte sie mit gespielter Enttäuschung.

David fand das nicht komisch. “Ich bin nicht in der Stimmung für ein Spielchen”, warnte er. “Ich hätte Amil am liebsten Ihre Lüge aufgedeckt.”

“Ach, seien Sie kein Spielverderber”, erwiderte sie ungerührt. “Wir kommen so immerhin von hier weg.”

“Vielleicht bliebe ich lieber hier, als von Ihnen Darling genannt zu werden”, meinte David genervt. Claudia lächelte jedoch nur.

“Also hol deinen Koffer, Darling.”

Amil stand draußen vor einem schäbigen Laster. Er sprach mit einer Gruppe von Männern. Als David und Claudia auf ihn zukamen, winkte er den Männern zum Abschied zu.

“Die Koffer müssen leider hinten auf die Ladefläche”, erklärte er entschuldigend. “Im Fahrerhäuschen ist nur Platz für uns drei.”

Der Protest, den David in Erinnerung an Alix’ Verhalten von Claudia erwartet hatte, blieb aus. Obwohl ihr Koffer auf der offenen Ladefläche völlig einstauben würde, reichte sie Amil fröhlich ihre Tasche und kletterte auf den Vordersitz. Sie machte weder Bemerkungen über den abgenutzten Sitz noch über die seltsam keuchenden Geräusche des Motors. Sie zeigte zu Davids Überraschung gute Manieren, sobald es darauf ankam.

Claudia machte die Aussicht, von Al Mishrah wegzukommen, so euphorisch, dass sie selbst mit einem Müllwagen mitgefahren wäre. Nach dem verkorksten letzten Jahr wollte sie unter keinen Umständen auch noch ihren dreißigsten Geburtstag in Al Mishrah verbringen. Als der Terminal mit den verhassten orangen Stühlen hinter ihr zurückblieb, geriet sie in Hochstimmung. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, dreißig zu werden.

“Wie lange werden wir bis Telema’an brauchen?”, fragte sie Amil.

“Das kommt auf die Straßen an”, gab er ihr zur Antwort. “Es ist zu heiß für Teer. Die Straßen sind kaum mehr als unbefestigte Wege in der Wüste. Manchmal sind sie von Sand zugeweht oder so zerfurcht, dass man eine andere Route nehmen muss und Gefahr läuft, in Fließsand einzusinken. Wenn alles gut läuft, dürften wir es heute Abend bis zu einer kleinen Oase namens Sifa schaffen. Bis dorthin fahren wir vier Stunden. Morgen fahren wir weitere zwölf oder dreizehn Stunden.”

Auch dieses Mal protestierte Claudia zu Davids Überraschung nicht. “Hoffentlich haben wir nicht allzu viele Pannen”, meinte sie nur.

Die Kabine war eigentlich für zwei Personen ausgerichtet. Amil saß auf einem separaten Fahrersitz. David und Claudia drängten sich auf den anderthalb Plätzen daneben. Es war unmöglich, Berührungen zu vermeiden. David drückte sich so gut er konnte gegen die Tür. Er hatte sich halb gedreht, um den Arm auf der Rückenlehne ruhen zu lassen. Seine Hand berührte beinahe das dichte blonde Haar Claudias. Mit jedem Atemzug konnte er ihren Duft wahrnehmen und bei jedem Schlagloch wurde ihr warmer Körper an ihn gedrückt.

“Der Lkw hat Air-Conditioning. Damit sind seine Vorteile auch schon aufgezählt”, bemerkte Amil entschuldigend, als sie über eine besonders tiefe Spalte holperten. “Es ist nicht das bequemste Gefährt für solche Touren.”

“Das macht nichts”, erwiderte Claudia gut gelaunt. “Nach diesem Gerumpel werden wir heute Abend so müde sein, dass wir überall schlafen können.”

“Ich bin froh, dass sie das sagen”, sagte Amil mit einer Grimasse. “In Sifa gibt es zwar ein kleines Gästehaus. Aber der Ort ist nicht auf Touristen eingestellt, daher sind die Zimmer sehr einfach.”

“Egal”, entgegnete sie. “Solange wir nur zusammenbleiben können.”

“Wenn ich eine so schöne Frau hätte, würde es mir auch nichts ausmachen”, gab Amil charmant zurück.

Claudia lehnte sich seufzend gegen Davids Brust. “Kannst du es glauben, dass Amil gar nicht bemerkt hat, dass wir verheiratet sind, Darling?”, zog sie ihn auf.

“Seltsam”, stieß David hervor.

“In Wahrheit”, vertraute Claudia Amil an, “hatten wir heute den ersten Streit. Daher haben wir uns gegenseitig nicht beachtet.”

David sah sie wütend an. “Amil interessiert das sicher nicht, Darling.” Er wollte weiteren dummen Geschichten vorbeugen.

“Sind Sie schon lange verheiratet?”. fragte Amil taktvoll.

“Ja”, sagte David, während Claudia im selben Moment verneinte.

Eine kurze Pause trat ein.

“Er sagt das nur, weil es uns vorkommt, als ob wir schon immer zusammen gewesen wären”, sagte Claudia mit einem Lachen, das David garantiert den letzten Nerv rauben musste. “In Wahrheit sind wir aber erst seit letzter Woche verheiratet.”

“Dann sind das wohl die Flitterwochen?”

David unterdrückte einen Schauer. “Nein”, widersprach er energisch. “Ich bin auf einer Geschäftsreise, und Claudia wollte eine Cousine besuchen, die in Telema’an lebt.”

“Ach Darling, du erzählst Geschichten!” Claudia gab sich schmollend. “Du hättest es nicht ertragen, wenn ich zu Hause geblieben wäre.”

Während Amil sich auf die stark beschädigte Straße konzentrieren musste, warf David Claudia einen zurechtweisenden Blick zu. Sie ignorierte ihn.

“Arbeiten Sie auch fürs Fernsehen, David?”, fragte Amil, sobald die Straße wieder besser war.

“Du lieber Himmel, nein”, entgegnete dieser erschrocken. “Ich bin Ingenieur.”

“Ach, dann haben Sie mit dem neuen Flughafen in Telema’an zu tun?”

Amil kannte offensichtlich das Projekt. Die beiden Männer sprachen eine Weile über technische Einzelheiten. Claudia ließ sie reden. Sie freute sich, mit jeder Sekunde Lucy näher zu kommen. Dabei versuchte sie Davids schlanken durchtrainierten Körper zu ignorieren, der bei jedem Schlagloch gegen sie gedrückt wurde. Es würde schön sein, morgen Abend Lucys Gesicht endlich wiederzusehen.

Wie Justin Darke wohl sein mochte? Hoffentlich war er so charmant, wie Lucy erzählt hatte. Zur Abwechslung würde ihr ein charmantes Geplauder guttun. Bislang hatte sie sich Justin gut vorstellen können, doch nun schob sich immer wieder Davids Bild dazwischen.

Sie kannte ihn erst wenige Stunden, konnte aber sein Aussehen irritierend genau nachzeichnen. Komisch, dass sie ihn zunächst für langweilig gehalten hatte. Er war nicht direkt gut aussehend, aber trotzdem alles andere als gewöhnlich.

Sie fuhren immer weiter auf der schnurgeraden Straße, die sich endlos bis zum Horizont erstreckte, an dem die Sonne eben mit einem feurigen Aufleuchten in Rot und Orange unterging. Claudias Kopf schaukelte, von der gleichbleibenden Szenerie eingelullt, sobald der Wagen tiefere Risse in der Fahrbahn umfuhr.

David sah sie an. Sie schlief fast. Hatte sie die ganze Zeit an Justin Darke gedacht? Der Gedanke missfiel ihm. Justin war nett, aber zu freundlich. Claudia würde ihn dominieren. Selbst ihn hatte sie in diese chaotische Lage gebracht.

Kaum zu glauben, dass er sie erst wenige Stunden kannte. Sie kam ihm schon so vertraut vor, als ob sie zu seinem Leben gehöre. Mit ihrer Klasse und Selbstsicherheit ähnelte sie Alix. Nur hatte Alix nicht den Schalk in den Augen gehabt. Und Alix wäre auch weder klaglos in diesem Gefährt mitgefahren, noch wäre sie um die halbe Welt gereist, in der Hoffnung, einen Ehemann zu finden. Sie hätte auch zu Hause leicht einen Mann finden können, dachte er bitter.

Claudias Kopf schaukelte erneut hin und her. Sie lehnte sich nur nicht zurück, um nicht an seinen ausgestreckten Arm hinter der Lehne zu stoßen.

“Um Himmels willen”, seufzte David, als sie nach einem besonders tiefen Schlagloch kurz die Augen öffnete und wieder schloss. Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Claudia wehrte sich im Halbschlaf zunächst dagegen, gab dann aber der Bequemlichkeit nach.

David rutschte noch weiter nach außen, um für sie mehr Platz zu schaffen. Sie lehnte sich wie selbstverständlich an ihn und drückte ihr Gesicht mit einem leisen Murmeln an seinen Hals. David senkte bei ihren sanften ruhigen Atemzügen unwillkürlich seinen Kopf, bis er auf ihrem Haar auflag.

Amil warf einen Blick auf die schlummernde Claudia. “Sie haben großes Glück, so eine Frau zu haben”, bemerkte er leise zu David. “Das ist eine der schlimmsten Straßen des Landes, und sie scheint wirklich müde zu sein. Trotzdem hat sie sich mit keiner Silbe beschwert.”

“Das stimmt.”

Amil seufzte. “Sie ist sehr schön”, fuhr er fort. Davids Griff wurde Besitz ergreifend.

“Ja, das ist sie wohl”, sagte er langsam.

Amil war enttäuscht von dieser zurückhaltenden Antwort.

“Wir sind bald bei der Oase. Hoffentlich ist im Gästehaus noch Platz. Ohne Touristen gibt es keine Hotels.”

“Ja”, meinte David lächelnd. “In der vierten Phase des Projekts werden wir in Telema’an ein Hotel bauen, aber das nützt uns im Moment nicht.”

“Wo werden Sie wohnen?”, fragte Amil. “Es gibt in der Nähe der Baustelle ein paar Häuser für die ausländischen Ingenieure. Wohnen Sie bei Ihren Kollegen?”

“Normalerweise ja. Dieses Mal war Scheich Said jedoch so freundlich, mich in die Gästeunterkünfte seines Palastes einzuladen.”

Amil sah ihn erstaunt an. “Sie werden bei meinem Onkel wohnen?”

David hob den Kopf. “Bei Ihrem Onkel?”

“Hatte ich es noch nicht gesagt? Ja, wir scheinen alle an denselben Ort zu wollen. Wenn mein Onkel Sie eingeladen hat, sind Sie sein Ehrengast.”

David schnitt im Dunkeln eine Grimasse. Wenn auch Amil zum Palast fuhr, mussten er und Claudia wohl oder übel auch in Telema’an zusammenbleiben. Amil würde sicher erzählen, dass das Paar mit ihm gereist war. Er hätte erklären müssen, wo seine angebliche Ehefrau abgeblieben war.

“Claudia und ich haben so kurz entschlossen geheiratet, dass der Scheich nicht darüber informiert ist, dass ich nicht allein reise. Es wäre unhöflich, unangemeldet mit meiner Frau aufzutauchen. Außerdem arbeite ich den ganzen Tag. Daher schien es unter den gegebenen Umständen das Beste, wenn meine Frau bei ihrer Cousine untergebracht wird.”

“Das wird nicht notwendig sein”, meinte Amil herzlich. “Mein Onkel wird Ihrer frisch angetrauten Frau gern seine Gastfreundschaft gewähren.”

“Ich möchte mich nicht aufdrängen”, fing David an, doch Amil winkte ab.

“Gastfreundschaft ist eine ehrwürdige Tradition in Shofrar. Es würde meinen Onkel verletzen, wenn Ihre Gemahlin sich nicht im Palast aufhalten möchte.”

David versuchte ein letztes Mittel. “Ich möchte Scheich Said keineswegs verletzen. Doch vielleicht wird er verstehen, dass Claudia vom Palast aus ihre Cousine nicht so leicht besuchen kann. Die Ingenieure wohnen außerhalb der Stadt. Ohne einen Wagen …”

“Dieses Problem lässt sich leicht lösen”, warf Amil ein. “Mein Onkel besitzt viele Autos. Er wird Ihnen sicherlich eines zur Verfügung stellen, damit Sie und Ihre Frau frei entscheiden können, wann und wie Sie den Palast verlassen.”

Nachdem auch dieser Plan durchkreuzt worden war, blieb David nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. “Sehr freundlich von Ihnen.” Hoffentlich bemerkte Amil seine Enttäuschung nicht.

Sie fuhren schweigend weiter. David brütete darüber, was er Claudia alles sagen würde, sobald sie allein waren. Aufgrund ihrer Lüge würden sie ihren ganzen Urlaub über aneinander gebunden sein. Er war neugierig auf Claudias Gesicht, sobald sie die Neuigkeiten hören würde.

Claudia erwachte erst, als der Lkw vor einem niederen Gebäude mit Flachdach zum Halten kam. Sie streckte sich, als Amil ausstieg, um sich um die Zimmer zu kümmern.

“Wachen Sie auf, Claudia.” Davids Stimme brachte ihre Erinnerung schlagartig zurück. Sie setzte sich kerzengerade auf.

“Verzeihung, ich hatte Sie nicht als Kopfkissen missbrauchen wollen”, stammelte sie.

“Wenigstens haben Sie mich während des Schlafs nicht Darling genannt”, gab David zurück. Er spürte eine seltsame Leere, als sie von ihm abrückte.

Amil kam zurück. “Sie haben zwei Zimmer, allerdings beide höchst primitiv ausgestattet.”

Claudia und David wurden in ein weiß getünchtes Zimmer mit einem Stuhl, rissigem Waschbecken und eisernem Bettgestell geführt, das von einer nackten Glühbirne erleuchtet wurde. Claudia sah entsetzt auf die kahlen Wände, den schmutzigen Fußboden und schließlich auf das Bett. Sie hatte nicht damit gerechnet, mit David ein Bett teilen zu müssen.

David ahnte, was in ihr vorging. Er sagte dem Besitzer der Unterkunft, dass das Zimmer in Ordnung sei, und zog die Tür schnell hinter sich zu. “Jetzt sind Sie hoffentlich zufrieden”, sagte er.

Claudia ließ sich auf den Stuhl sinken. “Was sollen wir tun?”

“Ich werde mich waschen und dann eine Runde schlafen”, erklärte David müde.

“Ich meine wegen des Bettes.”

“Sie hatten gesagt, dass wir verheiratet sind”, erklärte er kurz angebunden. “Da können Sie kein eigenes Zimmer erwarten.”

“Das Bett ist zu klein für zwei Personen.”

David suchte nach seinem Waschbeutel. “Und was kann ich dagegen tun?”

“Vielleicht gibt es noch ein Bett.”

“Sie können ja bei Amil anklopfen und ihn fragen, ob er Ihnen sein Bett überlässt, weil sie nicht bei Ihrem angeblichen Ehemann schlafen möchten. Ich werde allerdings nicht mitkommen. Er hat heute schon genug für uns getan.”

“Vielleicht kann man eine Matratze auf den Fußboden legen.”

“Hier gibt es keine zusätzliche Matratze”, seufzte David erschöpft. “Außerdem würden die Kakerlaken dann über Sie hinwegkrabbeln.”

Claudia zuckte vor Schreck zusammen, als in diesem Moment eine Kakerlake hinter dem Waschbecken hervorkam. “Sie haben doch sicher keine Angst vor ein paar Krabbeltieren.”

“Ich denke gar nicht daran, auf dem Boden zu schlafen, nachdem sie meinen Arm stundenlang als Kissen benutzt haben. Ich werde jetzt schlafen gehen, und zwar im Bett.”

Damit zog er sein Hemd aus und warf es auf seinen Koffer. Dann öffnete er die Hähne am Waschbecken. Eine trübe Flüssigkeit tröpfelte heraus. Es gab sogar einen Stöpsel. David sah mürrisch zu, wie sich das Becken füllte.

Claudia war sich seines nackten Oberkörpers nur zu gut bewusst. Sie fühlte sich befangen. Sie hatte noch nie ein Zimmer mit einem fremden Mann geteilt. Sie war längst nicht so selbstbewusst, wie sich dreißigjährige Frauen laut diesem Illustriertenartikel gaben.

Obwohl sie sich auf die rissige Wand konzentrieren wollte, sah sie immer wieder zu David hinüber. Ihn schien ihre Gegenwart nicht zu stören.

Er hatte einen schönen Körper. Die Schultern waren kräftig, die Hüften schlank, der Rücken breit und geschmeidig. Sie erinnerte sich, wie sie an ihn gelehnt in aller Ruhe geschlafen hatte.

“Vielleicht kann ich im Wagen schlafen”, bot sie ihm zögernd an. “Ich könnte Amil erzählen, dass wir uns gestritten haben.”

David seufzte. “Ich glaube, es reicht mit Ihren Geschichten”, sagte er, während er sich Gesicht und Oberkörper wusch. “Sie haben genug Schaden angerichtet.”

“Was meinen Sie damit?”

“Ich hatte eine interessante Unterhaltung mit Amil, während Sie geschlafen haben”, antwortete er. “Er ist der Neffe von Scheich Said.”

“Wie bitte?” Claudia war so beunruhigt, das Bett mit David teilen zu müssen, dass sie kaum reagierte. “So ein Zufall.”

“Nicht wahr?”, entgegnete David, während er sich ausgiebig einseifte. “Er wird uns direkt bis vor die Tür fahren. Daher werde ich Sie nicht bei Lucy absetzen können, sobald wir ankommen.” Er wusch sich die Seife ab und griff nach einem Handtuch, bevor er Claudia zynisch anblickte.

“Wieso denn nicht?”

“Weil wir beide die Verheirateten spielen müssen, solange wir in Telema’an sind.”

Claudia sah ihn entsetzt an.

“Sie haben Amil erzählt, dass Sie meine Ehefrau sind. Nun müssen Sie auch mitspielen.”

4. KAPITEL

“Das ist doch lächerlich!”, stammelte Claudia.

“Denken Sie mal nach”, gab David zurück. “Der Scheich hat mich in die Gästegemächer im Palast eingeladen. Amil wird uns als Ehepaar vorstellen. Was soll der Scheich davon halten, wenn Sie gleich nach der Ankunft verschwinden?”

“Eine Ausrede lässt sich immer finden”, entgegnete Claudia am Rande der Verzweiflung. “Wir sagen, Lucy sei krank.”

“Ich habe alles versucht, das können Sie mir glauben”, unterbrach David sie. “Ich möchte dieses dumme Spiel selbst nicht länger mitmachen. Amil wollte nichts davon hören, dass Sie bei Ihrer Cousine wohnen. Wir sind nun beide Ehrengäste seines Onkels. Basta.”

“Aber ich kann nicht zwei Wochen lang Ihre Gattin spielen!”

“Sie müssen aber”, entgegnete er unbarmherzig.

“Aber Lucy erwartet mich!” Claudia konnte nicht fassen, wie schnell alle ihre Pläne über den Haufen geworfen worden waren. “Das verdirbt mir den ganzen Urlaub!”

“Claudia, ehrlich gesagt ist mir Ihr Urlaub vollkommen gleichgültig”, meinte David erschöpft. “Die Zukunft von GKS steht mit dem Auftrag in Telema’an auf dem Spiel. Scheich Said kann charmant sein, nimmt aber schnell Anstoß, wenn es um Familienangelegenheiten geht. Wenn er davon erfährt, dass wir ihn angelogen haben, um mit seinem Neffen mitfahren zu können, wird er das als Misstrauen gegenüber Amil deuten.”

Claudia zeigte zu Davids Ärger keinerlei Verständnis.

“Ich habe zwei Jahre gebraucht, um eine gute Beziehung mit dem Scheich aufzubauen”, versuchte er zu erklären. “Die Tatsache, dass er mich eingeladen hat, spricht dafür, dass wir den Vertrag für die nächste Phase des Projekts bekommen werden. Doch noch ist nichts unterschrieben, und es stehen noch einige Verhandlungen aus. Wenn er mir gegenüber weiterhin freundlich eingestellt ist, wird es klappen. Er könnte aber auch seine Meinung ändern und einer anderen Firma den Zuschlag erteilen. Ich möchte nicht, dass die ganze Vorarbeit vergeblich ist, nur damit Sie Ihren Urlaub mit Ihrem mystischen Schicksal in Form von Justin Darke genießen können.”

Claudia sah David frustriert an. Sie bereute ihren dummen Scherz längst.

“Ich bin nicht auf der Suche nach Justin Darke”, sagte sie.

David schüttelte den Kopf. “Das überlassen Sie dem Schicksal, das einen seltsamen Humor besitzt. Ich würde Ihnen Justin gern gönnen, aber die nächsten beiden Wochen werde leider ich Ihr Gatte sein.”

“Ich möchte lediglich meinen Urlaub bei meiner Cousine verbringen”, seufzte Claudia erschöpft.

“Das können Sie auch als meine vorgebliche Frau”, meinte er. “Die Gästeunterkünfte des Scheichs gleichen einem Hotel. Sie können frei kommen und gehen. Ich werde mit Besprechungen beschäftigt sein. Niemand wird Misstrauen schöpfen, wenn Sie die Tage mit Lucy verbringen.”

“Ich mache mir keine Sorgen wegen der Tage”, fuhr Claudia auf.

“Ich habe nicht vor, Sie nächtelang mit wahnsinniger Leidenschaft zu lieben, falls Sie das beunruhigen sollte.”

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. “Das habe ich nicht gemeint”, sagte sie kühl.

“Was dann?”

“Ich habe ein fürchterliches Jahr hinter mir und wollte das alles im Urlaub hinter mir lassen. Jetzt muss ich meinen kostbaren Jahresurlaub mit dem arrogantesten, unfreundlichsten Mann verbringen, den ich kenne. Und sogar bei der Feier zum Abschied meiner Jugend werde ich Sie an meiner Seite haben, anstatt mit Freunden zu feiern.”

David wirkte erschöpft. “Dreißig ist doch kein besonderes Alter.”

“Für mich schon”, sagte sie düster. “Ich werde eine Krise durchleben, und das ausgerechnet mit Ihnen!”

“In diesem Fall sollten Sie sich zusammenreißen”, meinte er ungerührt. “Immerhin war das Ganze Ihre Idee. Ich bin auch nicht gerade begeistert von der Aussicht, mit der dümmsten, nervenaufreibendsten Frau, die ich kenne, die nächsten Tage zu verbringen.” Er nahm keine Rücksicht mehr. “Es ist zu spät, um daran etwas zu ändern. Wir sind für die Leute in Telema’an verheiratet, bis Sie wieder ins Flugzeug steigen. Ich freue mich schon auf diesen Moment. Bis dahin lassen Sie uns das Beste daraus machen.”

Claudia schob trotzig ihr Kinn vor. “Ich könnte Amil morgen aufklären. Er würde uns sicher nicht hier zurücklassen.”

“Das könnten Sie tun”, pflichtete David bei. “Ich kann auch Justin Darke erzählen, was Sie hierherführt.”

Sie kämpften kurz mit eisigen Blicken. Schließlich gab Claudia nach. Es wäre zu peinlich für Lucy und Justin. “Ich kann es nicht glauben”, sagte sie, den Tränen nahe. “Hätte ich nur nie etwas von diesem blöden Land gehört. Zuerst hat das Flugzeug Verspätung, dann stürzt es beinahe ab und ich habe die Wahl zwischen einem zweitägigen Aufenthalt in einem Kaff mitten in der Wüste oder der Fahrt in dem unbequemsten Gefährt, das ich je kennengelernt habe. Und nun auch noch das! Mitten im Niemandsland werde ich dreißig und muss den ganzen Urlaub damit vergeuden, die Verheiratete zu spielen, wo ich einfach nur Spaß haben wollte.”

David hoffte, dass sie nicht in Tränen ausbrechen würde. “Genug davon. Wir sind beide müde. Morgen werden die Dinge freundlicher aussehen. Wieso waschen Sie sich nicht, dann können wir versuchen, eine Runde zu schlafen.”

“Gut”, nickte Claudia benommen. Sie war völlig erschöpft.

David ließ für sie Wasser ins Becken einlaufen und reichte ihr Handtuch und Waschbeutel. Claudia wusch sich automatisch das Make-up vom Gesicht, putzte die Zähne und ging in die dunkle eklige Toilette auf dem Flur.

David lag schon im Bett, als sie zurückkehrte. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und sah mit ironischem Gesichtsausdruck zu, als Claudia sich ein weites T-Shirt überzog und dann den BH ablegte und einen frischen Slip anzog. Es war stickig in dem kleinen Raum, sodass sie nicht mehr tragen wollte.

David hatte seine Hose anbehalten, um ihr Schamgefühl nicht zu verletzen. Claudia fand aber schon seine entblößte Brust beunruhigend. Sie sagte aber vorsichtshalber nichts. Er sollte nicht wissen, dass es ihr etwas ausmachte.

Mit einem tiefen Atemzug drehte sie sich um. Mit ungeschminktem Gesicht und den hinter die Ohren gesteckten Haaren wirkte sie sehr anziehend. Sie schien nervös zu sein. Endlos lange Beine wurden unter dem T-Shirt sichtbar. Verunsichert zog sie am unteren Rand des T-Shirts, um es in die Länge zu ziehen.

“Soll ich das Licht ausknipsen?”, fragte sie.

David nickte. Es würde ihr im Dunkeln leichter fallen. Sie ertastete den Weg zum Bett und spürte plötzlich einen festen Körper unter ihren Händen.

Mit einer Entschuldigung zuckte sie zurück. David rutschte zur Seite. “Es gibt genug Platz”, sagte er ruhig.

Claudia streckte vorsichtig wieder die Hand aus und berührte dieses Mal die Matratze. Sie setzte sich auf den Rand.

In diesem Moment spürte sie etwas an ihren Füßen vorbeikrabbeln. Claudia sprang aufs Bett und landete direkt auf David.

“Uff!” schnaufte er und griff instinktiv nach ihr, um sie zu stützen. “Zum ersten Mal ist ein Mädchen wirklich zu mir ins Bett gesprungen!”

“Ich hatte die Wahl zwischen Ihnen und einer Kakerlake”, stieß Claudia hervor.

“Wie charmant.” David setzte sich auf. Ihn verunsicherte ihre Nähe ebenso sehr, wie sie seine Körperwärme erregte. “Hören Sie auf mit dem Herumwackeln. Ich werde die Kakerlake jagen.” Er schwang sich aus dem Bett. “Legen Sie sich hin.”

Claudia folgte seiner etwas brüsken Anweisung. Sie zog ihr T-Shirt, das hochgerutscht war, wieder hinab und legte sich ganz auf ihre Seite des Betts. Obwohl David gar nicht wie ein Verführer wirkte, zuckte sie zusammen, als er sich wieder ins Bett legte.

“Entspannen Sie sich”, sagte er verärgert. Es war so wenig Platz, dass sie keine Stellung fanden, in der sie sich nicht berühren mussten. “Das ist doch lächerlich”, meinte er schließlich, als er fast aus dem Bett herausfiel. Er drehte sich zu Claudia, sodass ihr Rücken an seinen Körper geschmiegt lag, und legte seinen Arm um sie. “So geht es besser. Ich hänge nun wenigstens nicht halb in der Luft.” Er rutschte noch etwas. “Ist es bequem?”, fragte er.

“Klar.” Claudia nahm zum Sarkasmus Zuflucht. “Ich liege auf einer ein paar Zentimeter großen, flohgeplagten Matratze mit einem Mann zusammen, dem ich heute zum ersten Mal begegnet bin. Was sollte daran unbequem sein?”

“Es könnte schlimmer kommen”, meinte er ungerührt.

“Wie denn?”, erkundigte sich Claudia mürrisch.

“Sie könnten zum Beispiel immer noch auf einem dieser orangen Plastikstühle in Al Mishrah sitzen.”

“Okay”, gab sie widerstrebend zu. An ihrem Rücken spürte sie das Heben und Senken seiner Brust und die Härchen auf seinem Unterarm, der auf ihrem bloßen Arm ruhte. Mit einer kleinen Bewegung hätte sie sie streicheln können. Die Versuchung war groß.

David seufzte, als er ihr Zittern spürte. “Sie brauchen sich nicht jedes Mal zu verspannen, sobald ich mich bewege.” Es klang resigniert. “Ich werde mich nicht auf Sie stürzen. Ich bewege mich nur, um es mir bequemer zu machen. In Ordnung?”

“In Ordnung”, wiederholte sie benommen.

“Dann lassen Sie uns eine Runde schlafen”, schlug David vor. “Morgen ist ein langer Tag.”

Es war unmöglich, mit Herzrasen einzuschlafen. Ihr ganzer Körper war angespannt. Daher lag Claudia lange wach und lauschte auf seine langsamen regelmäßigen Atemzüge. Sie beneidete ihn um seine Ruhe. Man hätte meinen können, dass er jede Nacht neben einer fremden Frau schlief.

Sie seufzte bei dem Gedanken.

David erwachte aus tiefem Schlaf, als der Wecker in seiner Armbanduhr piepste. Mühsam öffnete er die Augen und blickte im Dunkeln auf das erleuchtete Zifferblatt. Es war fünf Uhr. Er seufzte schwer, ohne sich erinnern zu können, wo er war oder warum er den Wecker auf diese unchristliche Stunde gestellt hatte.

David vergrub seinen Kopf erschöpft wieder in das seidige Haar einer schlafenden Frau und atmete ihren warmen Duft ein. Fast unbewusst nahm er ihren weichen Körper wahr, der sich an seinen schmiegte. Ohne nachzudenken schloss er sie fester in seine Arme und hauchte einen Kuss auf ihren Hals.

Claudia regte sich genüsslich im Schlaf. Sie fühlte sich sicher in den starken Armen, die sie umfasst hielten. Instinktiv drückte sie sich näher an den wundervoll starken Körper, streichelte den Hals des Mannes und küsste zärtlich sein Kinn.

Zwischen Traum und Wachen kam David dies alles ganz natürlich vor. Er gab sich dem zärtlichen Kosen einfach hin und genoss den warmen einladenden Körper, der dicht gegen seinen gepresst war.

Er küsste ihr Haar und ihre Schläfen, die Augen und dann ihren erwartungsvollen Mund. Jenseits der Realität tauschten sie zarte kleine Küsse aus, die sie langsam wach werden ließen. Claudia verspürte ein nebelhaftes Entzücken und umschlang seinen Hals, während sie dem Vergnügen nachspürte, das seine verführerischen Küsse auslösten.

David reagierte auf ihr weiches Nachgeben. Während sie sich fester küssten, lockerte er seinen Griff, um Besitz ergreifend ihre Schenkel entlangzustreicheln.

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