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Julia Extra Band 0211

Helen Brooks

Ich trau dir nicht

1. KAPITEL

“Es ist lange her, Leigh.”

Die tiefe samtweiche Stimme traf Leigh wie ein Schlag in den Magen. Dass dieser Tag einmal kommen würde, hatte sie immer gewusst, und sie hatte ihn gefürchtet. Und dennoch brachte dieser einschmeichelnde französische Akzent eine ganz bestimmte Saite in ihrem Inneren zum Schwingen.

“Hallo, Raoul.” Die Erinnerungen überschlugen sich hinter ihrer glatten Stirn. Langsam drehte sie sich um. Sie versuchte nicht einmal zu lächeln, während sie in die zwingenden blauen Augen starrte, die ihr einst so viel Glück und Schmerz beschert hatten. “Fünf Jahre, um genau zu sein.”

“Und zwei Monate.” Er sah immer noch überwältigend gut aus, doch etwas, das sie nicht in Worte fassen konnte, hatte sich an ihm verändert. Vielleicht waren es die feinen Linien um den sensiblen, großzügigen Mund und in den Augenwinkeln, die sein gebräuntes Gesicht noch maskuliner erscheinen ließen. Die aristokratische Nase, das feste vorspringende Kinn waren genau so, wie sie sie in Erinnerung hatte. “Wie du siehst, erinnere ich mich sehr genau daran.” Auch er versuchte nicht, die Situation durch ein Lächeln zu entspannen. Seine offen zur Schau getragene Selbstsicherheit und Gelassenheit begannen Leigh zu ärgern, und das brachte ihre sanften braunen Augen zum Funkeln. So sehr hatte er sich also doch nicht verändert!

“Geht es dir gut?” Als Reaktion auf ihr kurzes Nicken zeigte er seine blendend weißen Zähne. “Das freut mich.”

“Und du?” Das ist doch lächerlich, dachte sie hilflos. Da standen sie nun voreinander und tauschten höfliche Nichtigkeiten aus, als wären sie nichts weiter als flüchtige Bekannte, die sich nach langer Zeit zufällig wiedertrafen.

“Mir geht es auch gut.” Er betrachtete ihre glühenden Wangen, den bebenden weichen Mund, verharrte dann bei ihrer brünetten Lockenpracht, die ihr bis über die Schultern fiel. “Du hast deine Haare wachsen lassen. Gefällt mir.” Der gönnerhafte Ton in seiner Stimme brachte sie zum Schäumen.

“Besten Dank.” Gleich schreie ich, dachte Leigh verzweifelt und hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Seit Jahren hatte sie sich nicht mehr so unsicher und verletzlich gefühlt. Seit fünf Jahren, genauer gesagt. Sie schaute auf ihre verkrampften Hände herab, deren Knöchel bereits weiß hervortraten. Mit großer Anstrengung zwang sie sich, dem durchdringenden Blick der blauen Augen noch einmal zu begegnen. “Bist du aus geschäftlichen Gründen in England?”

“So könnte man es auch nennen”, entgegnete Raoul mit flüchtigem Lächeln, offenbar immer noch völlig unberührt von ihrer Gegenwart.

“Oh …”, stammelte sie verunsichert und hatte das Gefühl, ihr Kopf sei völlig hohl. “Nun …” Sie schaute hilflos um sich und trat dann einen Schritt zurück. “Ich glaube, ich sollte jetzt lieber …”

“Ich habe gehört, dass du inzwischen großen Erfolg mit deinen Bildern hast.”

Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu, konnte aber keinen Anflug von Ironie oder Spott in seinem dunklen Gesicht entdecken. Stattdessen echtes Interesse und noch etwas anderes – etwas, das ihr fast den Atem nahm und sie ganz schwindelig machte. Er hatte kein Recht, sie auf diese Art anzusehen! Nicht das geringste!

“Du bist noch genauso wunderschön wie damals.” Seine Stimme klang heiser, und Leighs Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Wie oft war sie nach einer Nacht in seinen Armen von diesen geflüsterten Worten aufgewacht. Dass sie schön sei, dass sie sein größtes Entzücken sei und dass er sie nie gehen lassen würde …

“Ich war nie wirklich schön”, entgegnete sie kühl und versuchte, den Schmerz aus ihrer Stimme zu tilgen.

“Doch, für mich warst du es – immer.” Ich ertrage es nicht mehr, dachte sie wild. Seit Wochen hatte sie sich auf den heutigen Tag gefreut, in der Erwartung, auf Nigel Blakes kleinem Treffen, wie er seine legendären Partys nannte, zwischen all den reichen Müßiggängern auch auf einige bedeutende Künstler zu stoßen. Nigel war immens stolz darauf, dass es ihm immer wieder gelang, eine ausgewogene Mischung aus jungen, aufstrebenden Künstlern, einigen alten Hasen und betuchten, einflussreichen Leuten zusammenzustellen, die seine Gesellschaften zum Highlight der gehobenen Londoner Partyszene machten. Und es gab weit mehr als nur einen unbekannten, aber talentierten Künstler, der durch dieses Beziehungskarussell inzwischen sein Glück und sein Vermögen gemacht hatte.

“Ich muss mit dir sprechen, Leigh.” Als Raoul vertraulich seine Hand auf ihren Arm legte, hatte sie das Gefühl, einen heftigen elektrischen Schlag zu bekommen. Abrupt trat sie einen Schritt zurück, während es in ihren Augen wetterleuchtete.

“Tut mir leid”, sagte sie schnell, erschüttert von der Wirkung, die seine Berührungen immer noch auf sie hatten. “Aber ich möchte nicht mit dir reden.”

“Das ist nicht gerade freundlich von dir.” Meinte er das zynisch, oder hatte sie ihn mit ihrer Zurückweisung tatsächlich getroffen? “Ich bin ein geduldiger Mann, Leigh, aber es gibt da noch ein paar offene Punkte zwischen uns, die wir klären müssen. Das verstehst du doch sicher, oder?”

“Nein, verstehe ich nicht. Was genau meinst du damit?”

“Ach, komm schon!” Sein Akzent hatte sich verschärft, und seine blitzenden Augen schienen sie förmlich zu durchbohren. “Du kannst doch nicht wirklich geglaubt haben, dass wir ewig mit diesem Schattentanz weitermachen können. Du musst gewusst haben, dass der Tag der Abrechnung einmal kommen würde.”

“Hi, Leigh, Darling!” Bei dem schrillen Ton einer weiblichen Stimme mit breitem amerikanischem Akzent stieß Leigh einen unterdrückten Seufzer der Erleichterung aus. In ihren kühnsten Träumen hätte sie nie gedacht, sich einmal über das Auftauchen von Vivian James aufrichtig freuen zu können. Doch als die exaltierte Blondine auf mörderischen High Heels auf sie zugestöckelt kam, erschien sie ihr wie die Antwort auf ein stummes Gebet. “Das ist aber gar nicht fair, so ein Prachtexemplar zu monopolisieren!”, gurrte das attraktive Model und verzog schmollend den üppigen, roten Mund. Trotz ihres Gardemaßes überragte Raoul sie noch um einen halben Kopf. “Ich bin Vivian”, raunte sie mit einem verheißungsvollen Augenaufschlag.

“Natürlich sind Sie das”, konterte er unbeeindruckt, und mit steigendem Unbehagen beobachtete Leigh, dass sich seine Kiefer verhärteten, während er die ihm dargebotene schmale, beringte Hand flüchtig berührte. Sie kannte die Anzeichen. Raoul hatte noch nie etwas für Dummköpfe übergehabt.

“Also, ich muss Leigh wirklich tadeln, dass sie uns Sie bisher vorenthalten hat”, ließ Vivian in übertriebener Empörung hören. “Aber stille Wasser sind ja bekanntlich tief, nicht wahr?” Sie lachte kehlig und war sich ihrer Schönheit und Wirkung absolut bewusst. In den letzten zwei Jahren hatten sie ihr auf den Laufstegen der Welt sechsstellige Summen eingebracht. Provokativ und besitzergreifend griff sie nach Raouls Arm. “Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass Sie ein alter Freund sind!”

“Nicht im Traum würde ich daran denken”, entgegnete Raoul ruhig, aber seine Augen glitzerten wie Eis.

“Nicht?” Vivian klimperte mit ihren überlangen Wimpern und stieß Leigh fast um, als sie versuchte, ihre Beute mit sich zu ziehen. “Was dann?”

“Ihr Ehemann”, gab er ungerührt zurück und schien ein diabolisches Vergnügen angesichts ihrer fassungslosen Miene zu empfinden.

“Das ist ein Scherz!”, stieß das Model mit heiserer Stimme hervor und ließ ihren Blick von Raouls beeindruckender attraktiver Erscheinung zu Leighs mittelgroßer unauffälliger Gestalt und dem schmalen blassen Gesicht wandern, in dem die großen braunen Augen feucht glänzten. “Das glaube ich Ihnen nie!” Die unterschwellige Beleidigung war nicht zu überhören, und in dem Maße, wie Leigh vor Verlegenheit errötete, verdunkelte sich Raouls Miene. Als er wieder sprach, klirrte seine Stimme wie Stahl. “Das ist dann wohl allein Ihr Problem, nicht war?” Mit einer beschützenden Geste umfasste er Leighs Arm und zog sie in eine ruhige Ecke des überfüllten Raumes.

“Lass mich los!”, zischte sie unterdrückt und holte zitternd Luft, als er ihrer Aufforderung nach kurzem Zögern nachkam. Ihre unterdrückte Wut gab ihr die Courage, ihm ohne das leiseste Wimpernzucken direkt in die Augen zu schauen. “Warum hast du ihr das gesagt? Und warum bist du überhaupt hier? Ich will dich nicht in meinem Leben!”

“Das ist nicht zu übersehen”, gab er ruhig zurück. “Trotzdem ist es wahr. Du bist meine Frau, Leigh.” Unter seinem sengenden Blick begannen ihre Lider zu flattern, und sie wandte sich ab, um den Partygästen kein Schauspiel zu liefern. “Und schau mich nicht so ängstlich an. Ich will dir doch nicht wehtun.”

“Du willst nicht …?” Sie brach ab und stieß ein bitteres Lachen aus. “Was könntest du mir noch tun, was du mir nicht schon angetan hast, Raoul? Ich hasse und verabscheue dich. Warum hast du mir die Scheidung verweigert, als ich dich verlassen habe?”

“Damals wollte und konnte ich nicht anders. Und später hast du nicht mehr danach verlangt. Warum eigentlich nicht?”

“Warum?” Sie starrte ihn aus tränennassen Augen an. “Weil ich dich aus meinem Leben und Gedächtnis tilgen wollte! Ich wollte vergessen, dass du überhaupt existierst. Ich wollte glauben, dass unsere Ehe nie stattgefunden hat.” Das war allerdings nicht die ganze Wahrheit. Die Scheidung war ihr damals unwichtig erschienen, verglichen mit dem ungeheuren Schritt, ihren Ehemann tatsächlich zu verlassen. Der Gedanke an eine erneute Heirat wäre ihr ohnehin nie gekommen.

“Ich habe trotzdem darauf gewartet, dass du dich irgendwann bei mir melden würdest.”

Sie runzelte die Stirn und hob leicht ihr Kinn. “Bist du deshalb hier? Um mich um die Scheidung zu bitten?”

“Nein, das ist nicht der Grund.”

“Wie heißt sie?”, fragte Leigh kalt. “Marion ist doch bestimmt nicht mehr aktuell, oder?”

“Ich habe nicht vor, meine Privatangelegenheiten hier in der Öffentlichkeit zu diskutieren”, entgegnete er lässig. “Aber um die Scheidung geht es bestimmt nicht. Wann kannst du hier weg?”

Zunächst war sie sprachlos. Dann räusperte sie sich umständlich. “Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich irgendwo mit dir hingehen würde. Außerdem bin ich nicht allein.” Sie reckte den Hals und winkte vage in den überfüllten Raum hinein.

“Bist du nicht?” Seine glitzernden Augen schienen sie zu verspotten. “Dabei dachte ich, dass Jeff Capstone sich momentan in Schottland aufhält.” Sein kühles Statement trieb Leigh die Röte ins Gesicht. “Du siehst also – ich weiß mehr über dich, als du denkst.”

“Wie kannst du es wagen …” Ihre Stimme versagte vor Wut. “Was glaubst du eigentlich, wer du bist?”

“Das haben wir doch inzwischen geklärt. Ich bin dein Ehemann.”

“Nur dem Namen nach!”, fauchte Leigh.

“Ich bin jederzeit bereit, diesen Zustand zu verändern, wenn du darauf bestehst”, bot er mit spöttischem Blick an. “Wenn ich mich recht erinnere, haben wir uns einmal sehr gut verstanden.”

“Bist du sicher, dass du dabei auch an uns beide denkst? Es gab so viele Frauen in deinem Leben, dass es mich überraschen würde, wenn du dich auch nur an die Hälfte deiner Gespielinnen erinnern würdest.”

Jetzt schien sie ihn getroffen zu haben. Sie sah es an der eisigen Kälte in seinen blauen Augen und an der Art und Weise, wie sich sein muskulöser Körper versteifte. “Du warst keine Gespielin für mich”, presste er heiser hervor. “Du warst, nein, du bist meine Ehefrau!”

“Wie schade, dass du daran nicht gedacht hast, als es mir noch etwas bedeutet hat”, konterte sie kühl. “Leb wohl, Raoul.” Damit wandte sie sich von ihm ab und durchquerte hastig den Raum, wobei sie leise nach rechts und links Entschuldigungen murmelte, während sie sich durch die Menschenmassen zwängte.

Sobald sie die hohe, kunstvoll geschnitzte Jugendstiltür erreichte, die in den nächsten Salon führte, lehnte sie sich kurz gegen den kühlen Rahmen, um Luft zu schöpfen und ihre Fassung wiederzugewinnen. Leigh legte eine Hand auf ihr wild hämmerndes Herz. Wie hatte Raoul sie überhaupt gefunden? Und, was noch wichtiger war, was wollte er von ihr? Abwesend ließ sie ihren Blick über die verschiedenen, teilweise kunstvoll frisierten Köpfe schweifen. Auch der benachbarte Raum war mit illustren Gästen gefüllt, die sich alle offensichtlich ausgezeichnet unterhielten. Nigel kann sich mal wieder selbst auf die Schulter klopfen, dachte sie. Jeder, der Rang und Namen in der Londoner High Society hatte, schien seiner Einladung gefolgt zu sein.

Noch vor zwei Jahren hatte sie lautstark behauptet, nur aufgrund ihrer künstlerischen Leistung akzeptiert werden zu wollen. Als aber eine Einladung zu einer von Nigels Partys in ihren Briefkasten geflattert war, hatte sie schließlich doch nicht widerstehen können. Und jetzt zahlte sie einen Preis für ihre Eitelkeit, den sie sich nicht einmal in ihren Albträumen hätte vorstellen können. Sie hätte nie aufs gesellschaftliche Parkett zurückkehren dürfen, dann hätte Raoul sie auch nicht finden können.

“Alles in bester Ordnung, Schätzchen?” Ohne auf eine Reaktion ihrerseits zu warten, tänzelte ihr Gastgeber an Leigh vorüber, wobei der überraschende Kontrast seiner leuchtend roten Hose zu seinem überlangen schwarzen Frack sie förmlich blendete. Sie biss sich auf die Unterlippe und schaute auf ihre Uhr. Zwei Stunden war sie hier, sodass die wichtigsten Leute sie eigentlich alle gesehen haben mussten. Raoul war im Moment nirgendwo zu entdecken – also ein idealer Moment, um zu fliehen.

“Du willst schon gehen, Darling?” Leigh wühlte sich gerade durch Massen von Seidenschals, Jacken und Mänteln, als Vivian sie von hinten ansprach. “Einen noch größeren Fisch an der Angel?”

“Bitte?” Sie hatte Vivian noch nie gemocht, kannte das Model aber seit Jahren von Modeaufnahmen, bei denen sie selbst gelegentlich als Fotoassistentin mitgewirkt hatte. Damit hatte sie sich das Geld für ihren Lebensunterhalt verdient, während sie versuchte, ihren Traum zu realisieren, als freie Malerin zu leben. “Ich verstehe nicht ganz.”

“Was für ein Spielchen spielst du eigentlich?” Vivians Augen sprühten wütende Blitze. “Ich habe mich ein bisschen umgehört. Das war doch Raoul de Chevnair, mit dem du eben gesprochen hast, nicht wahr? Du willst mir doch nicht allen Ernstes weismachen, dass dieser Playboy und Multimillionär jemals Notiz von einem unscheinbaren Ding wie dir nehmen – geschweige denn, dich auch noch heiraten würde!” Sie lachte hysterisch auf.

“Mir ist völlig egal, was du glaubst oder nicht, Vivian”, entgegnete Leigh ruhig und zog ihren Mantel über, den sie endlich in dem Tohuwabohu gefunden hatte.

“Du hast meine Frage nicht beantwortet – Miss Leigh Wilson!”, zischte die Blondine mit verzerrtem Gesicht. “Hört sich irgendwie nicht nach Madame de Chevnair an, oder?”

“Wie mein Mann eben schon richtig bemerkte – das ist allein dein Problem.” Leigh schob die verblüffte Frau einfach zur Seite. “Gute Nacht, Vivian.” Damit verließ sie den Raum und trat aufatmend in die großzügige holzgetäfelte Eingangshalle hinaus. Endlich! Raoul war seit kaum einer Stunde in ihr Leben zurückgekehrt, und prompt herrschte bereits wieder das totale Chaos. Die Frauen umschwirrten ihn wie die Bienen den sprichwörtlichen Honigtopf, aber in ihrem Leben würde er nicht wieder Fuß fassen, dafür würde sie sorgen!

Als sie sich damals von ihm befreit hatte, war ihr die Zukunft wie ein großes schwarzes Loch erschienen, aus dem es kein Entrinnen gab. Sie hatte nicht erwartet, jemals wieder Ruhe und Frieden zu finden – geschweige denn, noch einmal lachen und das Leben genießen zu können. Und so war es anfangs auch gewesen. Sie war nach London zurückgeflohen, war in der Anonymität der Großstadt untergetaucht. Wochenlang war sie unfähig gewesen zu essen, zu schlafen oder irgendwelche Pläne zu fassen. Dann, eines schönen Frühlingsmorgens, hatte sie sich einen Ruck gegeben und beschlossen, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Sie wollte ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen zurückerobern, das sie in der kurzen Zeit ihrer Ehe verloren hatte. Sie wollte sich ein Leben aufbauen, mit dem sie, wenn auch nicht glücklich, so doch wenigstens zufrieden sein konnte. Im Laufe der Jahre war es ihr tatsächlich gelungen, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. In ihrem kleinen sonnigen Apartment, aus dessen Atelierfenstern sie London aus der Vogelperspektive genießen konnte, lebte sie ein ruhiges, zurückgezogenes Leben.

Und jetzt war Raoul zurückgekommen! Warum nur, nach all dieser Zeit? Der bloße Gedanke an ihn brachte ihr Herz sofort wieder zum Rasen. Sie schlüpfte durch die hohe Eichentür aus dem Haus und war erleichtert, dass sie so unbemerkt hatte entwischen können. Die laue Londoner Abendluft, von Blütenduft und Benzingeruch geschwängert, kitzelte sie in der Nase und gab ihr etwas von ihrer gewohnten Gelassenheit zurück. Sie war jetzt wieder Leigh Wilson, eine junge Malerin, die allein in einer aufregenden Stadt lebte, und sonst nichts!

Ich hätte mir telefonisch ein Taxi rufen sollen, dachte sie verdrossen, während sie die breiten Steinstufen hinabschritt.

“Leigh?” Sie stieß einen erschrockenen kleinen Laut aus, als sich eine hohe Gestalt aus dem Schatten der Straßenbäume löste. Wortlos starrte sie in Raouls dunkles Gesicht, das nicht die Spur eines Lächelns trug. “Darf ich dich nach Hause fahren?” Er wies mit dem Kopf auf eine lange helle Limousine, die unter einer Laterne am Straßenrand parkte. “Bitte.”

Bitte? Das waren neue, unbekannte Töne. Der Raoul, mit dem sie achtzehn berauschende, stürmische Monate zusammengelebt hatte, kannte das Wort Bitte nicht einmal. “Lieber nicht.” Sie warf ihm einen nervösen Blick zu. “Ich möchte wirklich nicht kompliziert oder zickig erscheinen, aber …”

“Dann sei es auch nicht!” schnitt er ihr mit seiner gewohnten Arroganz das Wort ab. Das war der Raoul, den sie kannte! Der ohne Skrupel über jeden hinwegtrampelte, der es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen. “Wir müssen und werden miteinander reden, Leigh. Also, warum es unnötig aufschieben?”

Unschlüssig nagte sie an ihrer Unterlippe. “Ist das wirklich notwendig? Können unsere Anwälte die Angelegenheit nicht unter sich klären?”

“Nein, verdammt noch mal! Das können sie nicht!” explodierte er. “Ich will keine Anwälte in meine Angelegenheiten einschalten. Jetzt sei ein braves Mädchen und schenk mir ein paar Minuten deiner kostbaren Zeit, während ich dich nach Hause fahre. Kingston Gardens, nicht wahr?”

Sie runzelte die Brauen und trat unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu. “Woher weißt du, wo ich wohne?”

“Ich sagte dir bereits, dass ich mehr über dich weiß, als du ahnst”, murmelte er gedehnt, und der träge Blick, den er ihr unter seinen schweren Wimpern zuwarf, ließ sie den Atem anhalten. “Zuerst war es ein möbliertes Zimmer in Baron Place, dann eine Wohngemeinschaft mit Miss …” Er zog grüblerisch die dunklen Brauen zusammen. “Ach ja, mit einer Miss Angela Hardwick, und in den letzten beiden Jahren dann das Apartment in Kingston Gardens.” Zufrieden verschränkte er die Arme vor der breiten Brust.

“Du hast mich ausspionieren lassen?” Sie kreischte fast. “Wie konntest du …”

“Halt den Mund und steig ein!” Ohne weitere Umstände griff er nach ihrem Arm und bugsierte sie geschickt in seinen Wagen. Er war noch nie für seine Geduld berühmt gewesen, und auch diesmal machte er seinem unbeherrschten Temperament alle Ehre. Leigh biss sich auf die Lippe und gab ihren Widerstand auf. Sie würde ihm ruhig und gelassen zuhören, und danach würde das Kapitel Raoul für sie endgültig abgeschlossen sein.

“Du solltest deine Stirn nicht so runzeln”, empfahl Raoul nach einem schnellen Seitenblick. “Sonst hast du schon mit vierzig das Gesicht voller Falten. Glaube ja nicht, dass ich mein Geld für Schönheitsoperationen ausgeben werde. Meine Frau soll in Natürlichkeit und Würde altern.”

“Wie bitte?” Leigh fuhr herum und starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. “Wovon, um alles in der Welt, redest du überhaupt?”

“Von uns”, gab er gelassen zurück. “Ich rede von uns.” Geschickt fädelte er den Wagen in den abendlichen Verkehr ein. Plötzlich schien er außerordentlich entspannt und sogar amüsiert zu sein.

“Es gibt kein uns mehr!”, wies sie ihn scharf zurecht und starrte dann verbissen aus dem Seitenfenster auf die vorbeifliegenden Häuserfronten. Er fuhr natürlich zu schnell – wie immer. Der muskulöse, warme Körper, so dicht an ihrer Seite rief unwillkommene Emotionen in ihr wach. Erinnerungen, die ihre Wangen zum Brennen brachten und ihren Magen zusammenkrampften. Leigh presste ihre zitternden Knie zusammen. Glücklicherweise war sie inzwischen immun gegen ihn! Ja, das war sie!

“Oh doch, Kätzchen”, widersprach er lächelnd. Der fast vergessene Kosename stach wie ein Dolch in ihr Herz. “Das wird es immer geben.”

“Halt an, ich möchte aussteigen!” Als er nur spöttisch auflachte, krampfte sie ihre Hände im Schoß zusammen. “Hast du mich gehört, Raoul?”

“Keine Chance, Darling!”

Sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu und wünschte im gleichen Moment, sie hätte es nicht getan. Sein Profil war ihr immer noch so vertraut – schrecklich und quälend vertraut. Fast hatte sie vergessen, wie ungeheuer attraktiv dieser Mann war, wie entnervend selbstsicher, wie elektrisierend. Aber es war nicht nur sein Aussehen, das jeden in seinen Bann zog. Mehr noch seine innere Vitalität, die sich durch jede Zelle seines gestählten Körpers auszudrücken schien.

“Gleich bist du zu Hause.” Ohne zu zögern bog er in die kleine spärlich beleuchtete Seitenstraße ein, in der Leighs Apartment lag. Ehe sie sich über seine geradezu traumwandlerische Sicherheit wundern konnte, hatte er den Wagen schon vor ihrer Haustür geparkt und schaltete den Motor aus. “Da wären wir also.”

Leigh schauderte leicht. Da war er also – Raoul, ihr Ehemann, der mehr von ihr wusste und sie intimer kannte als jeder andere Mann auf der Welt. Der Mann, der sie fast vernichtet hatte und vor dem sie geflohen war. Beklemmende Angst stieg in ihr auf. Würde sie diesmal stark genug sein, seinem Charme und seiner Anziehungskraft zu widerstehen? Sie hatte ihn nie wirklich verstanden und konnte sich auch jetzt keinen Reim darauf machen, warum er ihr nachspioniert hatte. Doch offenbar schien es sich dabei nicht um einen spontanen Impuls gehandelt zu haben.

“Leigh …” Er beugte sich zu ihr hinüber, strich mit einer Hand über ihr dunkles, seidiges Haar, legte die andere um ihre Hüfte und zog sie mit einem Ruck an sich, ehe sie auch nur reagieren konnte.

“Nicht, ich …!” Ihren Protest erstickte er mit einem sengenden Kuss, der ihr erschreckend vor Augen führte, dass die alte Magie noch unverändert wirkte. Sie konnte ihm nicht entkommen. Mit seinem starken Körper schmiedete er sie fester an den Sitz als jede Fessel. Leigh versuchte verzweifelt, ihn von sich zu stoßen, aber als sein fordernder Kuss sich noch vertiefte und er begann, das intime Territorium zu erforschen, das niemand anderer als er je berührt hatte, wollte sie gar nicht mehr widerstehen. Seine überwältigende unbeherrschte Leidenschaft hatte es schon immer vermocht, sie in einen alles übertreffenden Rauschzustand zu entführen. Plötzlich konnte sie es gar nicht mehr fassen, dass sie es fünf lange Jahre ohne seine zärtlichen Liebkosungen hatte aushalten können. Zitternd schmiegte sie sich an seinen starken warmen Körper, und die Erkenntnis, dass sie ihn genauso zu erregen vermochte wie er sie, raubte ihr fast die Besinnung.

Er schien an dem gleichen Anfall von Wahnsinn zu leiden wie sie. Heiser raunte er unverständliche Worte gegen ihre bebenden Lippen und versuchte mit fiebernden Händen jeden Zentimeter ihres zitternden Körpers zurückzuerobern. “Du bist mein, du gehörst immer noch mir und wirst mir immer gehören …” Ohne Vorwarnung überfluteten Scham und Wut sie wie eine heiße Welle.

“Nein!” schrie sie gepeinigt auf und warf sich mit aller Kraft gegen die Beifahrertür. Es durfte nicht noch einmal passieren. Sie fühlte sich plötzlich wieder wie ein Roboter, der nur auf Befehl seines Herrn funktionierte. Doch das war vorbei, sie brauchte ihn nicht mehr! Nie wieder!

“Leigh, hör mir zu …!”

“Nein!” Sie wusste, dass sie überreagierte, aber es war ihr egal. Raoul musste endlich begreifen, dass sie nicht mehr sein Spielzeug war, das er nach Belieben hervorholen und wieder weglegen konnte. “Fass mich nie wieder an! Nie wieder, hörst du! Ich hasse dich – habe dich immer gehasst …” Ihre Stimme drohte, sich zu überschlagen, während sie immer noch erfolglos versuchte, die Beifahrertür zu öffnen.

“Ein einfaches Nein hätte auch genügt”, sagte er gelassen. Leigh hielt die Luft an. Jetzt machte er sich auch noch über sie lustig! Instinktiv hob sie die Hand, um ihn ins Gesicht zu schlagen. “Leigh!” Nicht nur der Ton in seiner Stimme, sondern auch sein harter Griff verhinderte ihr Vorhaben. Erst jetzt dämmerte ihr, zu was sie sich fast hätte hinreißen lassen.

“Du kannst dich wirklich glücklich schätzen”, zischte Raoul. “Keine andere Frau auf Erden würde damit zwei Mal bei mir durchkommen.”

Zwei Mal? Als sich ihre Blicke trafen, stand ihr plötzlich die Szene ihres letzten Zusammenseins wieder so glasklar vor Augen, als sei es erst gestern gewesen. Marions schlanker goldbrauner Leib, ausgestreckt auf dem Bett – ihrem Bett! Ihre langen blonden Haare, auf den weißen Kissen ausgebreitet wie ein seidiger Fächer, die großen grünen Augen glänzend vor Triumph, als sie Leigh mit schneeweißem Gesicht in der offenen Schlafzimmertür stehen sah. Und dann war Raoul splitterfasernackt aus dem Bad getreten …

Völlig überrumpelt hatte er nur heiser ihren Namen ausgestoßen, während sein Blick von ihr zu Marion geflogen war. Jedes weitere Wort hatte sie ihm mit ihrem Handrücken abgeschnitten, den sie ihm hart übers Gesicht gezogen hatte. Leigh verschloss ihre Erinnerung vor der Szene, die dann gefolgt war. Zu oft hatte sie sich damit gemartert.

“Ich bringe dich noch zur Tür.” Sie zuckte zusammen, als er ihre Hand überraschend sanft in ihren Schoß zurücklegte und aus dem Wagen stieg. Leigh versuchte, den dicken Knoten in ihrem Hals herunterzuschlucken. Was war denn nur mit ihr los? Sie war doch kein dummer Teenager mehr, sondern eine erwachsene Frau. “Ich hasse dich, Raoul”, murmelte sie tonlos vor sich hin, während er um den Wagen herumging, um die Beifahrertür zu öffnen. Doch warum fühlte sie sich dann zum ersten Mal nach fünf langen Jahren wieder richtig lebendig?

2. KAPITEL

Während sie an Raouls Seite auf die Haustür zuging, verwünschte Leigh sich immer noch für ihre Schwäche.

“Ich bringe dich hinauf.”

“Nein, Raoul!” Sie versuchte den Anflug von Panik aus ihrer Stimme zu verbannen. “Bitte nicht.”

“Wie du willst.” Er trat einen Schritt zurück und musterte sie eindringlich aus glitzernden blauen Augen. “Dann also gute Nacht.”

“Was? Oh, ja, natürlich! Gute Nacht.” Das wars also. Vor ihrer Wohnungstür holte sie tief und zitternd Luft, ehe sie mit schwachen Fingern den Schlüssel ins Schloss schob. Die spärliche Einrichtung ihres Apartments bestand aus einem alten gemütlichen Ohrensessel, der direkt am Fenster stand, dem Bett und einem schmalen Kleiderschrank. Ihr gesamtes Geld, das sie mit den verschiedensten Jobs verdient hatte, war in eine Staffelei, in Farben, Pinsel und Leinwände geflossen, die jeden freien Winkel belegten. Überall standen fertige und halb fertige Bilder herum, es roch nach Farbe und Terpentin. Leigh liebte ihr kleines Paradies.

Einen Moment lang stand sie einfach da und versuchte, das hart erkämpfte Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit zurückzuerlangen, das sie vor wenigen Stunden noch begleitet hatte, als sie ihr Zuhause verließ. Doch es wollte ihr nicht gelingen. Raoul hatte es zerstört – zumindest für heute Nacht.

Als das Telefon in der Küche klingelte, stand sie unter der Dusche und ließ eiskaltes Wasser über ihren Körper laufen. “Klingel ruhig!”, rief sie laut und drehte den Wasserhahn auf warm. Dann angelte sie nach der Shampooflasche, drückte die cremige Substanz in ihre Handfläche und verteilte sie bedächtig in ihrem langen Haar. Sie wollte heute Abend mit niemandem mehr sprechen. In ihrem Kopf ging immer noch alles drunter und drüber. Das Telefon meldete sich bereits zum dritten Mal, als sie sich gründlich abfrottierte, und ein weiteres Mal, während sie, in ihren flauschigen Bademantel gekuschelt, in der Küche einen heißen Kakao zubereitete. Bevor es sich noch ein weiteres Mal melden konnte, legte sie den Telefonhörer neben die Gabel, nahm den Kakao mit ans Bett und versuchte, sich müde zu lesen. Da ihr das aber nicht gelingen wollte, stand sie auf und widmete sich ihrem angefangenen Gemälde, um sich von den quälenden Gedanken an Raoul abzulenken.

Gegen sechs Uhr ließ sie sich, farbverschmiert wie sie war, einfach auf ihr Bett fallen und schlief, bis sie gegen acht von einem heftigen Klopfen an ihrer Wohnungstür wieder aufgeschreckt wurde. Gähnend und immer noch mit ihrem fleckigen Arbeitskittel bekleidet, taumelte sie zur Tür und öffnete.

“Wo, zur Hölle, bist du die ganze Nacht über gewesen?”

“Was?” Raouls wütendes Gesicht schien aus einer Szene des Albtraums zu stammen, aus dem sie eben erst aufgewacht war. “Was … was machst du hier?”, stammelte sie verschlafen.

“Antworte mir gefälligst!” Er scheint ernsthaft verärgert zu sein, dachte sie verschwommen. “Ich habe die ganze Nacht über versucht, dich telefonisch zu erreichen”, lamentierte er weiter. “Erst hat keiner abgenommen, und dann war ständig besetzt! Was für ein Spielchen spielst du? Wen hast du bei dir?”

“Wen ich …?” Er schob sie einfach zur Seite, stürmte in ihre Wohnung und durchforstete jeden einzelnen Winkel, bis er vor ihrer Staffelei zum Stehen kam. “Du hast die ganze Nacht über gearbeitet”, stellte er verblüfft fest. “Du hast den Hörer zur Seite gelegt, weil du in Ruhe malen wolltest?” Er schüttelte den Kopf. “Dummes Mädchen! Was, wenn es einen Notfall gegeben hätte? Wenn jemand dich unbedingt hätte erreichen müssen?”

“Hör auf, mich anzuschreien!” Endlich hatte sie ihre Sprache wiedergefunden und stemmte empört die Hände in die Hüften. “Was fällt dir überhaupt ein, hier hereinzustürmen, um zu kontrollieren, wen ich bei mir habe?! Du solltest nicht immer von dir auf andere schließen. Es soll Menschen geben, die noch andere Dinge im Kopf haben, als permanent ihren Fortpflanzungsdrang auszuleben!”

“Was?” Leigh konnte sehen, dass sie ihn mit ihrem Ausbruch wirklich überrascht hatte. Sein verblüffter, fassungsloser Gesichtsausdruck stachelte sie nur noch weiter an.

“Du dringst in mein Heim ein und kritisierst meinen Lebensstil! Wie kannst du es nur wagen! Fünf Jahre lang hast du mich ignoriert, und jetzt glaubst du, mich rumkommandieren zu können? Raus hier! Raus!”

“Fortpflanzungsdrang?” Den Rest ihrer Schimpftirade schien er gar nicht gehört zu haben. “Fortpflanzungsdrang!” Raoul warf den Kopf in den Nacken und brach in haltloses Gelächter aus – natürlich ohne den leisesten Gedanken daran zu verschwenden, dass es gerade mal acht Uhr am Sonntagmorgen war und die Nachbarn im Haus vielleicht noch schlafen wollten. Er hatte schon immer einen seltsamen Sinn für Humor gehabt, und sein überschäumendes, von Herzen kommendes Lachen hatte Leigh schon immer angesteckt. Während Mrs. Billet von nebenan gereizt gegen die Wand klopfte und Mister Silver über ihr den Boden mit seinem Krückstock malträtierte, versuchten die beiden Streithähne ihren Lachanfall unter Kontrolle zu bekommen, aber es war zwecklos. Sie brauchten sich nur anzuschauen, schon platzten sie wieder los. Alles nur Nervosität, sagte sich Leigh.

“Fortpflanzungsdrang!” Raoul ließ sich kraftlos in den Sessel sinken und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. “So etwas kannst wirklich nur du hervorbringen.” Er versuchte, mit der Hand vor dem Mund einen erneuten Lachanfall zu ersticken. “Du bist wirklich unbezahlbar, Kätzchen!” Seltsamerweise ließ der fast vergessene Kosename sie beide von übersteigerter Heiterkeit in plötzliches Schweigen verfallen.

“Leigh?” Raouls Stimme war jetzt nur noch ein heiseres Raunen. Sie hob wie abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück. “Lass mich dich in die Arme nehmen, um dir zu zeigen, dass sich nichts wirklich geändert hat.”

“Nein, Raoul, nein …” Sie wich bis zum Fenster zurück. Dort blieb sie stehen, klein und schutzlos gegenüber seiner riesigen Gestalt. Mit einem unterdrückten Stöhnen schlang er seine starken Arme um ihre Hüften und hob sie wie ein Kind vom Boden hoch.

“Du hast einen Farbklecks auf der Nasenspitze”, murmelte er weich. “Und du riechst nach Terpentin.” Mit zärtlichen kleinen Küssen zeichnete er den feinen Bogen ihrer Kinnlinie nach, dann den Schwung ihrer Lippen, die sich zum Protest geöffnet hatten. “Und du bist so wunderschön …” Sie wusste nicht, warum gerade diese Worte wie ein roter Knopf wirkten, auf den er nur drücken musste, um ihre Emotionen zum Überschäumen zu bringen. Vielleicht, weil außer ihm noch niemand sie als schön bezeichnet hatte?

“Lass mich runter, Raoul”, bat sie heiser. “Ich will das nicht. Ich will dich nicht! Ich …” Er erstickte ihren Protest mit einem langen süßen Kuss, und sogleich erinnerte sie sich an seine Sanftheit, seine Geduld im Liebesspiel, das fast ängstliche Bemühen, ihr die gleiche Befriedigung zu verschaffen, die auch er empfand.

Er war ihr erster Liebhaber gewesen, ihre einzige, große Liebe, und die Vereinigung ihrer Körper hatte für sie das Paradies bedeutet. Aber er war auch der Mann, den sie in den letzten fünf Jahren versucht hatte aus ihrer Erinnerung zu verbannen, den sie in ihren Gedanken als notorischen Schürzenjäger und Frauenverführer hochstilisiert hatte, um sich aus seinem Bann zu befreien.

“Ich will dich, mein Liebling.” Wie sie plötzlich zu ihrem Bett gelangt waren, hatte Leigh nicht mitbekommen. Sie versuchte verzweifelt gegen die Schwäche anzukämpfen, die seine Berührungen in ihren Gliedern verursachten. Als er sie sanft auf der Bettdecke absetzte, zog sie die Knie bis zum Kinn hoch und zwang sich, ihm in die Augen zu schauen.

“Bitte, lass mich allein. Ich kann nicht …”

“Doch, du kannst, Kätzchen. Wir sind verheiratet – du bist meine Frau. Erinnerst du dich nicht mehr daran?”, fragte er neckend, während er ihr eine weiche braune Strähne aus der erhitzten Stirn strich. Er war so gelassen, seiner selbst so sicher, dachte sie neidvoll. Es schien, als wären die letzten fünf Jahre für ihn völlig bedeutungslos. Hatte er inzwischen überhaupt gemerkt, dass sie ihn verlassen hatte? Sie fühlte, wie sich ihr Körper unter seinen zärtlichen Liebkosungen versteifte. Irgendwann bemerkte auch Raoul ihren stummen Widerstand, stützte sich auf einen Ellenbogen und schaute ihr forschend in die dunklen Augen. “Erzähl mir nicht, dass ich meine Anziehungskraft auf dich verloren habe.” Bitterkeit über seine mangelnde Sensibilität und ihre eigene Schwäche ließ sie förmlich zu Eis erstarren.

“Ist das alles, worum du dir Sorgen machst?”, fragte sie mit klirrender Stimme. “Dein Ruf als unwiderstehlicher Ladykiller?” In ihrer Stimme lagen Wut und Schmerz. “Deine Arroganz und dein übersteigertes Ego widern mich an, Raoul. Wir sind einander fremd geworden – zwei grundverschiedene Menschen, die nur noch durch ein Stück Papier miteinander verbunden sind.”

“Zur Hölle, das sind wir nicht!” Vehement fuhr er von der Bettkante hoch und wandte sich dann zu ihr um. “Hast du deshalb auf einer kirchlichen Hochzeit bestanden, nur um unsere Ehe dann auf ein Stück Papier zu reduzieren? Das nehme ich dir nicht ab. Dafür kenne ich dich zu gut! Du bist meine Frau – vor Gott und vor den Menschen! Ich weiß das, und du weißt das auch!” Der harte französische Akzent ließ seine Stimme wie sprödes Glas erklingen.

“Nein!”

“Oh doch, meine kleine englische Rose!” Er setzte sich wieder neben sie und umfasste ihre kalten Hände mit seinen warmen. “Du gehörst zu mir, und was mir gehört, ist mein für immer, das solltest du wissen.” Seine Stimme bebte vor Erregung und Entschlossenheit.

“Raoul, hör mir zu …”

“Warum sollte ich!” Der kalte Ausdruck in seinen Augen ließ sie zurückweichen. “Du hörst mir ja schließlich auch nicht zu. Das hast du vor fünf Jahren schon nicht getan, und du tust es immer noch nicht! Was ist nur mit dir los?”

“Mit mir?” Jetzt wurde auch sie wütend. “Ausgerechnet du fragst mich das? Du musst verrückt sein!”

“Unsinn”, sagte er kalt. “Wenn du nicht vernünftig diskutieren kannst …”

“Nicht vernünftig diskutieren?” Sie starrten sich an wie zwei Kampfhähne. Wenn er nur nicht so unglaublich attraktiv aussehen würde, dachte Leigh mit zuckendem Herzen. “Vielleicht sage ich nicht genau das, was du hören willst”, formulierte sie bedächtig. “Aber deshalb ist es nicht unvernünftig. Zumindest nicht für mich”, endete sie mit schwankender Stimme. Sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, sie in Tränen aufgelöst vor sich zu sehen.

Raoul seufzte leicht, während er in ihre tränenfeuchten braunen Augen und das kalkweiße Gesicht schaute. Dann strich er ihr leicht übers Haar, wobei der harte Zug aus seinem Gesicht verschwand. “Du bist dir selbst dein schlimmster Feind, Kätzchen”, sagte er weich. “Gib doch endlich zu, dass wir damals sehr glücklich zusammen waren. Und du kannst gegen unsere Beziehung kämpfen, wie du willst, aber dein Körper wird dich immer verraten, sobald ich dich berühre. Du willst mich, und das weißt du auch.”

Einen Moment lang konnte sie nicht glauben, was sie hörte. “Du hast mich betrogen, Raoul. Auf die übelste Weise, die man sich nur vorstellen kann – in unserem eigenen Ehebett! Das willst du doch wohl nicht leugnen?”

“Will ich nicht?” Er hatte seine dunklen Brauen zu einem schwarzen Strich zusammengezogen. “Natürlich! Es ist ja alles so klar und eindeutig, nicht wahr? So wie an dem Abend vor fünf Jahren, als ich auch nicht reden durfte!”

“Oh, ich nehme an, hättest du mich mit einem anderen Mann in unserem Ehebett erwischt, hättest du dich sicher zu uns auf die Bettkante gesetzt, um mit uns zu plaudern, nicht wahr? Die Situation damals ließ nicht den leisesten Zweifel zu, also kannst du ruhig gestehen.”

“Du langweilst mich.” Sein Gesicht hatte sich wieder verhärtet.

“Ich langweile dich?” Sie rang um Fassung. “Nun gut, mag sein. Aber ich bin nicht so dumm, wie du denkst. Marion war seit Ewigkeiten hinter dir her, und du hast das gewusst. Ich denke, du hast dich nur so lange beherrscht, weil sie die Frau deines besten Freundes war und wir alle miteinander freundschaftlich verkehrten. Und dann hast du ihn und mich betrogen – und wofür? Für ein billiges …” Sie brach ab und biss sich auf die Lippe. “Wie auch immer – es ist vorbei. Nichts bedeutet mehr etwas. Vielleicht können wir sogar eines Tages wieder Freunde sein.”

“Freundschaft ist nicht das, was ich von dir will”, sagte er brutal. “Ich will mehr, viel mehr als das, oder gar nichts.”

“Dann – gar nichts.”

“Ist das dein Ernst?” Seine Stimme klang jetzt seidenweich, aber mit einem unerbittlichen Unterton. Leigh wusste, dass er immer am gefährlichsten war, wenn er sich absolut unter Kontrolle hatte. “Sag mir, Leigh, wie stellst du dir die Zukunft vor? Dass ich wie ein liebeskranker Hengst auf ewig im Hintergrund auf dich warte?” Seine rüde Formulierung ließ sie unwillkürlich zusammenzucken.

“Ich erwarte gar nichts von dir”, gab sie ruhig zurück. “Ich dachte, das hättest du inzwischen begriffen.”

“Dann liegst du eben falsch.” Er stand auf, schlenderte zur Tür hinüber und lehnte sich mit seinem breiten Kreuz gegen den Rahmen. “Völlig falsch.”

“Kannst du mich nicht endlich allein lassen, Raoul?”

Mit einer geschmeidigen Bewegung, die Leigh nur zu gut kannte und die den Grad seiner Gereiztheit verriet, stieß er sich vom Türrahmen ab. Seine Stimme war sehr beherrscht, als er schließlich sprach. “Nein, ich werde dich nie mehr allein lassen.” Es war ein Statement, das keinen Widerspruch zu dulden schien. “Hör zu, Leigh. Wir müssen Entscheidungen treffen, aber nicht mehr heute, und nicht, solange du in dieser seltsamen Stimmung bist.”

“Es ist keine seltsame Stimmung”, sagte sie scharf. “Das bin ich, so, wie ich heute bin. Und ich …”

Mit einer heftigen Geste schnitt er ihr das Wort ab. “Schluss jetzt! Als du mich damals Hals über Kopf verlassen hast, habe ich deinem Wunsch entsprochen, dich in Ruhe zu lassen. Fünf lange Jahre habe ich mich zurückgehalten, damit du dein Ziel verfolgen konntest, Malerin zu werden und autark zu sein. Aber das heißt nicht, dass ich akzeptiere, dass du einen anderen auf meinen Platz setzt! Hast du mich verstanden?” Seine blauen Augen brannten in einem kalten Feuer. “Hätte ich dich damals gezwungen, bei mir zu bleiben, wärest du dir deiner selbst und deiner Liebe zu mir niemals ganz sicher gewesen. Aber in all den Jahren habe ich immer genau gewusst, was du machst, wo du bist – und mit wem. Und ich toleriere in keinem Fall, dass du diesen Jeff Capstone triffst, hast du mich verstanden?”

Leigh konnte nicht glauben, was sie da hörte. War Raoul völlig übergeschnappt?

“Morgen komme ich wieder, und dann werde ich dir mitteilen, was ich von dir erwarte. Auf Wiedersehen, Leigh.”

“Raoul!” Endlich hatte sie ihre Stimme wiedergefunden, doch da hörte sie schon das Knallen der Wohnungstür. Mit einem wütenden Aufschrei sprang sie aus dem Bett und hastete zur Tür, doch als sie sie aufriss, war Raoul bereits im Lift verschwunden. Ohne an die Nachbarn zu denken schlug Leigh jetzt ihrerseits die Tür hinter sich zu und stürmte in die Küche. Sie machte sich einen Kaffee, nur um ihre zitternden Hände zu beschäftigen, und marschierte dann auf ihren kleinen Balkon, wo sie sich an dem heißen Getränk den Mund verbrannte.

“Elender Mistkerl!”, schimpfte sie vor sich hin. Wenn er es tatsächlich wagen würde, noch einmal Kontakt zu ihr aufzunehmen, würde sie umgehend die Scheidung einreichen. Das hätte sie schon vor Jahren tun sollen! Warum hatte sie es eigentlich nicht getan? Langsam rutschte sie mit dem Rücken an der rauen Hauswand entlang, bis sie auf dem kühlen Steinboden hockte, und streckte ihr Gesicht der morgendlichen Sonne entgegen. Konnte es sein, dass sie trotz allem noch immer an ihrem großen Traum festhielt? Sie hatte an eine Liebe geglaubt, die bis ans Lebensende halten und alle Hindernisse und Krisen überdauern würde. An Kinder, Enkelkinder …

Leigh lächelte bitter über ihre unglaubliche Naivität. Das war wirklich der Traum eines dummen kleinen Mädchens gewesen. Ihre ganze Ehe war gar nicht real gewesen. Seufzend schloss sie die Augen und lehnte ihren Kopf gegen das verzierte Metallgeländer, das von der Sonne bereits angewärmt war. Raouls Reichtum hatte es ihnen ermöglicht, sich wie in ewigen Flitterwochen zu fühlen. Die ersten fünf Monate ihrer Ehe hatten sie in seinem zauberhaften Haus in der Karibik verbracht, weitere zwei Monate in seiner Villa in Griechenland – dann die langen Kreuzfahrten auf seiner Luxusyacht, bis sie in das Haus in Südfrankreich gezogen waren, das er selbst sein Heim nannte.

Es war traumhaft – ja, geradezu magisch gewesen, aber eben nicht real. Das wahre Leben bestand aus Arbeit, Fürsorge für den Partner, für die Familie. Eben aus einem Auf und Ab, aus guten und schlechten Zeiten, die man gemeinsam bewältigte.

Seufzend erhob sie sich, um wieder in die Wohnung zu gehen, und ertappte sich dabei, wie sie mit dem Handrücken über ihre tränenfeuchten Wangen strich. Nein, keine Tränen mehr, sagte sie sich. Es war vorbei. Es musste vorbei sein!

3. KAPITEL

“Mrs. de Chevnair?” Der junge Bursche vor Leighs Tür war hinter dem riesigen Strauß roter Rosen kaum zu sehen. “Mrs. Leigh de Chevnair?”

“Jaa?” murmelte Leigh gedehnt. Das heftige Klingeln um neun Uhr morgens, nach einer schlaflosen Nacht, und der Hinweis auf ihren Status als verheiratete Frau erschienen Leigh nicht unbedingt als ein glücklicher Wochenauftakt.

“Ich dachte schon, ich hätte mich in der Adresse geirrt. Auf dem Türschild steht nämlich Leigh Wilson”, erklärte der Blumenbote mit gerunzelter Stirn. “Aber das geht mich ja nichts an.”

“So ist es!” Das war sonst gar nicht ihre Art, aber als der Junge sich daraufhin nach einem steifen Nicken entfernte, schaute sie ihm nicht einmal hinterher. Missmutig starrte sie auf den prächtigen Strauß in ihrer Hand. Kein Brief, keine Erklärung – nur das Bild eines kleinen, braunen Kätzchens steckte zwischen den duftenden Blüten. Seufzend legte sie das Bukett auf dem Küchentisch ab und ging unter die Dusche. Dann zog sie sich mit mechanischen Bewegungen an. Während sie ihr dickes kastanienbraunes Haar kämmte, betrachtete sie sich kritisch im Spiegel. Die bleichen Wangen, die verhangenen braunen Augen und das sanfte Oval ihres Gesichtes, das niemand, der nicht völlig verblendet war, als hübsch bezeichnen konnte. Wie seltsam, dass Raoul ihr vom ersten Tag ihrer Begegnung an versichert hatte, dass sie wunderschön sei.

“Schluss! Es ist vorbei! Endgültig!” Energisch legte sie die Bürste aus der Hand. “Du widmest dich ab sofort nur noch deiner Arbeit und wirst eine große und bedeutende Künstlerin!” Nach einigen fruchtlosen Versuchen in dieser Richtung beschloss Leigh, erst einmal einen ausgiebigen Spaziergang zu machen. Der schwere Duft der Rosen betäubte sie fast, und sie brauchte unbedingt einen klaren Kopf.

“Na, schon wieder auf der Flucht?” Leigh schaute an der schlanken, dunklen Gestalt hoch, in die sie vor ihrer Haustür hineingelaufen war. Raoul! Wer erlaubte ihm eigentlich, so unverschämt gut auszusehen, dachte sie aufrührerisch. Die ausgeblichenen Jeans und das legere marinefarbene T-Shirt unterstrichen das leuchtende Blau seiner Augen und gaben ihm ein fast jungenhaftes, verwegenes Aussehen.

“Ich wollte nur einen Spaziergang machen, mehr nicht. Deine gnädige Erlaubnis vorausgesetzt!”, fügte sie bissig hinzu. “In etwa einer Stunde werde ich voraussichtlich zurück sein.”

“Wow!” Raoul lachte und strich ihr mit einem Finger spielerisch über die Wange. “Mein Kätzchen zeigt die Krallen. Ich denke, ich werde dich begleiten. Etwas Bewegung wird mir guttun.”

Leigh machte ihrem Unwillen mit einem hörbaren Grummeln Luft. “Was für ein Glück für mich, dass ich nicht an diesen typisch englischen Selbstzweifeln leide”, sagte er ruhig. “Sonst wäre mein Ego in der ersten Sekunde unserer Bekanntschaft bereits eines traurigen Todes gestorben.” Lässig legte er ihr einen Arm um die Schulter, was zwei außerordentlich gut gekleideten, attraktiven Damen, die ihnen entgegenkamen, Anlass zu neidvollen Blicken gab. Leigh konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Kommentare hinter ihrem Rücken ausfallen würden. Sie hatte es oft genug mit anhören müssen. “Was will so ein Mann denn ausgerechnet von der”

“Erinnerst du dich noch?”, wisperte Raoul in ihr Ohr, während er versuchte, seine Schritte den ihren anzupassen. “In St. Tropez?”

“Natürlich erinnere ich mich”, gab sie gequält zurück. “Ich war mit meiner Cousine als Rucksacktourist unterwegs, und du hast dich auf der Yacht von Lord Sowieso getummelt.” Sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. “Außerordentlich symbolisch.” Er ignorierte die Spitze. “Und dann hast du deine Strandshow für die holde Weiblichkeit hingelegt”, spottete sie weiter.

“Habe ich nicht!” Endlich hatte sie seine ganze Aufmerksamkeit! “Ich habe nur mit ein paar Freunden Fußball gespielt, weiter nichts. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an ein Mädchen, das sich unter ihren Sonnenschirm verkrochen hatte und nicht für eine Sekunde die Nase aus ihrem Buch nahm, egal was für Kunststücke wir veranstaltet haben. Nichts als ein paar zarte, demonstrativ hochgezogene Knie waren zu sehen. Und diesen Knien war ich vom ersten Moment an verfallen.”

“Raoul!” Sie knuffte ihn leicht in die Seite.

“Das ist nichts als die reine Wahrheit”, beteuerte er grinsend. “Und dann, als ich gerade beschlossen hatte, den zarten Schmetterling aus seinem Kokon zu locken und zu entfalten, musste ich mir anhören, dass ich in deinen Augen nichts anderes war als ein …, wie hast du das noch so zartfühlend formuliert …, alter Lustmolch.”

“Du übertreibst maßlos!”, protestierte Leigh. “Ich war damals bereits achtzehn und du erst fünfundzwanzig. Also nicht gerade ein Methusalem.”

“Ah, was deine Erfahrungen mit der Liebe betraf, warst du nicht mehr als ein Baby, Darling”, murmelte er rau und ließ ihr den Vortritt in die Parkanlage. “Aber wie schnell du gelernt hast … Du wirst immer nur mir gehören!”, fügte er leidenschaftlich hinzu. Leigh hörte den harten Unterton in seiner Stimme und schauderte unwillkürlich.

“Wie deine Yacht oder deine Autos?”, fragte sie kalt. “Etwas, das man benutzt, wenn einem danach ist und das man gegen ein anderes Modell umtauschen kann, wenn es einem über ist?” Sie schaute ihn jetzt direkt an.

“Du glaubst doch selbst nicht, was du da sagst”, entgegnete er grimmig. “Außerdem hat eine Ehe ewig Bestand. In meiner Familie hat es noch nie eine Scheidung gegeben.”

“Ist das alles, was für dich zählt? Konventionen? Das Ansehen deiner Familie?”

Seine Antwort bestand darin, dass er abrupt stehen blieb und sich in einer besitzergreifenden, fast arroganten Geste über sie beugte, um ihr einen Kuss zu geben. “Nein, Raoul!”

“Kätzchen, ich habe entschieden, dass es nur einen einzigen Weg gibt, deinen albernen Widerstand zu brechen”, sagte er gedehnt. “Ich habe dir ausreichend Zeit gegeben, zu dir selbst zu finden und dich in der Künstlerszene zu etablieren. Jetzt ist es an der Zeit, dass du zu mir zurückkommst.”

“Du bist verrückt”, brachte sie fassungslos hervor. “Ich werde nicht zu dir zurückkommen!”

“Dieser Mann, Jeff, hat er etwas mit deiner Entscheidung zu tun?”, fragte er brüsk, während er sie neben sich auf eine der hölzernen Parkbänke zog.

“Mein Leben geht nur mich etwas an. Du besitzt mich nicht.”

“Das habe ich nie – wenigstens nicht mehr, als du mich”, sagte er eindringlich.

“Es ist endgültig vorbei.” Sie hatte es ausgesprochen. Sie hatte es ihm tatsächlich gesagt! Leigh schloss die Augen in Erwartung einer weiteren Explosion, aber außer dass sich sein Körper unmerklich versteifte, zeigte Raoul keine Reaktion. Der Punkt ging eindeutig an ihn.

“Haben dir die Rosen gefallen?”, fragte er beiläufig.

Leigh rang sich ein zittriges Lächeln ab und schüttelte den Kopf. Er war wirklich unverbesserlich. “Sie sind wunderschön. Du musst ja den ganzen Laden aufgekauft haben.”

“Eine Rose für jeden Monat, den wir getrennt waren …” Seine Stimme klang völlig neutral. “Wie willst du mich davon überzeugen, dass unsere Ehe tatsächlich am Ende ist?”, fragte er nach einer kurzen Pause im gleichen Ton. “Ich weiß sicher, dass du während der Trennung von mir keusch gelebt hast, also muss ich doch annehmen, dass du mich immer noch begehrst, auch wenn du es dir nicht eingestehen willst.”

Leigh hielt den Atem an. Sie kam mit seinen plötzlichen Stimmungsumschwüngen nicht zurecht. Was wollte er wirklich von ihr?

“Hör zu, Leigh”, sagte er, als sie ihm nicht antwortete. “Ich habe dir einen Vorschlag zu machen, den du dir sehr sorgfältig überlegen solltest. Du kennst mich und weißt, dass ich nicht so leicht aufgebe”, fügte er sanfter hinzu. “Ich möchte, dass du für drei Monate zu mir zurückkommst.” Als sie den Mund öffnete, hielt er sie mit einer schnellen Geste zurück. “Du brauchst nichts zu tun, was du nicht willst – in sexueller wie in gesellschaftlicher und sozialer Beziehung, verstehst du?”

Sie antwortete immer noch nicht, aber ihre Augen hingen wie gebannt an seinem dunklen Gesicht.

“Wenn du am Ende dieser Zeit immer noch dazu in der Lage bist, kalt und emotionslos die Scheidung von mir zu verlangen, werde ich einwilligen.”

“Und wenn ich das nicht tue?”

“Dann wirst du wieder meine Ehefrau sein – in jeder Beziehung.”

“Das ist doch lächerlich.” Leigh sprang von der Bank auf und stemmte die Hände in die Hüften. “Ich muss das nicht tun. Wir leben seit fünf Jahren getrennt. Ich kann mich scheiden lassen, wann immer ich will – mit und ohne deine Einwilligung!”

“Vielleicht, vielleicht auch nicht.” Er lächelte frostig. “Ich will mir erst ganz sicher sein, dass du auch meinst, was du sagst. Nur dann würde ich dich in Ruhe lassen.”

Sie runzelte die Stirn. “Und wenn ich nicht …”

“Dann würde ich zu deinem Schatten werden – Tag und Nacht.” Leigh konnte es nicht fassen. Er hörte sich an wie ein ganz ordinärer Erpresser. Aber vielleicht war er das ja auch? Was wusste sie überhaupt über ihn? Sie hatte ihn als routinierten Playboy kennengelernt, als charmanten Gefährten und fantasievollen Gatten. Doch dieser Mann hier war gefährlich. Sie dachte an die letzten beiden Tage. Er hatte es darauf angelegt, sie ins Bett zu bekommen. Aber warum ausgerechnet sie? Unzählige Beautys versuchten Tag für Tag, ihn zu verführen.

Als ihr die Antwort dämmerte, wunderte Leigh sich, dass sie nicht schon viel früher darauf gekommen war. Das war es! Sie war eine fortwährende Herausforderung für ihn. Das hatte er selbst zugegeben. Sie war ihm nie so hinterhergerannt wie all die anderen Frauen. An dem Tag, als sie sich kennengelernt hatten, war sie die Einzige gewesen, die sich gegen seinen Charme immun gezeigt hatte. Oder zumindest so getan hatte, als ob, korrigierte sie sich ehrlicherweise. Trotzdem hatte er es geschafft, sie zu erobern.

Wie sollte sie es ertragen, wenn er Zeit ihres Lebens wie ein Geist immer in ihrer Nähe weilen und sie beunruhigen würde? Sie musste einen scharfen Schnitt machen, um ihn endgültig loszuwerden. “O. k., Raoul, du hast gewonnen.” Sie sah das triumphierende Aufblitzen in seinen schönen Augen angesichts ihrer Kapitulation. “Ich werde drei Monate mit dir zusammenleben, und zwar nur die drei geforderten Monate. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass dir die Zeit gefallen wird.”

“Es wird mir gefallen”, sagte er ausdruckslos.

“Und nach diesen drei Monaten werde ich dich beim Wort nehmen. Keine Schlichen, keine Tricks.”

“Du hast mein Wort.”

“Und danach wirst du mich endlich in Ruhe lassen.”

“Das sagte ich bereits.”

Der Rückweg zu Leighs Apartment verlief in tiefem Schweigen. Diesmal lag kein starker Arm um ihre Schulter, es gab keine Neckereien – er schien sich ihrer Anwesenheit nicht einmal mehr bewusst zu sein. Als sie vor der Haustür standen, schaute er grimmig auf sie hinab. “Halte deinen Pass bereit. Übermorgen werden wir nach Frankreich abfliegen.”

“O. k.” Etwas in seiner rauen Stimme hätte sie fast dazu verführt, ihre Hand zu heben und über sein ungebärdiges, dunkles Haar zu streichen. “Raoul …”

“Du hast zugestimmt, jetzt halte auch dein Wort.” Sein Mund war schmal geworden, und seine eisblauen Augen glitzerten gefährlich – nie hatte er attraktiver ausgesehen und nie unerreichbarer. Im nächsten Moment hatte er sich bereits umgedreht und lief leichtfüßig wie eine Raubkatze davon. Bevor er um die nächste Straßenecke verschwunden war, konnte Leigh beobachten, wie drei Frauen bei seinem Anblick fast über ihre eigenen Füße gestolpert wären. Sie biss sich auf die Lippe. Nie hätte sie dieser albernen Scharade zustimmen dürfen. Drei Monate! Ihre Arbeit würde darunter leiden und ihr Ego auch.

Kaum hatte sie ihr Apartment betreten, klingelte auch schon das Telefon. “Ich habe vergessen, es zu erwähnen.” Seine Stimme klang höflich und kalt. “Ich zahle natürlich die Miete für dein Apartment, in der Zeit deiner Abwesenheit.”

“Oh, ich … danke.” Sie zögerte, unsicher, wie das Gespräch weitergehen sollte, als ihr ein Klicken verriet, dass der Hörer am anderen Ende aufgelegt worden war. Langsam hängte auch sie ein und schaute sich hilflos in ihrer kleinen Wohnung um. Das war alles so verrückt, so … überwältigend, verstörend – wie Raoul selbst.

Zumindest würde es nicht lange dauern, ihre Sachen zusammenzupacken. Ihre Garderobe bestand nur aus Jeans und T-Shirts, außer einem kleinen Schwarzen, das sie zu besonderen Gelegenheiten anzog. Am Abend, als sie Raoul verlassen hatte, waren all ihre Kleider und Besitztümer dem riesigen Feuer zum Opfer gefallen, das sie mitten auf seinem gepflegten Golfrasen entfacht hatte. Er war unterwegs gewesen, um Marion und ihren Mann zum Flughafen zu bringen. Was auf dieser Fahrt zwischen den dreien besprochen worden war, hatte sie nie erfahren, weil sie bereits gegangen war, als Raoul zurückkam. “Genug!” Sie versuchte, die unwillkommenen Erinnerungen abzuschütteln und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Später am Abend rief Raoul noch einmal an und teilte ihr weitere Einzelheiten mit. Er sprach mit scharfem Akzent und in autoritärem Ton. Sie passte ihren Ton den seinem an und explodierte nach dem Gespräch fast vor Wut und Frust. Doch obwohl sie nicht erwartet hatte, nach diesem aufregenden Tag überhaupt ein Auge zumachen zu können, fiel sie in einen tiefen traumlosen Schlaf, sobald ihr Kopf das Kissen auch nur berührt hatte.

4. KAPITEL

Der nächste Tag verlief als ein einziges Chaos. Eine Mischung aus wilder Packerei, letzten Arrangements und Telefonaten, mittelschweren Panikattacken und dem Gefühl, unweigerlich in eine Falle zu laufen. Leigh wollte nicht nach Frankreich! Raoul hatte es tatsächlich wieder geschafft, sie zu manipulieren und die Situation nach seinem Gutdünken zu beherrschen. Wie immer!

Am späten Morgen des darauf folgenden Tages saß Leigh mit zitternden Knien neben ihrem Gepäck auf der Bettkante, als das erwartete Klopfen an der Tür ertönte. Ihr Herz überschlug sich fast. Raoul war gekommen, um sie abzuholen! Er hatte seine Meinung also nicht geändert. Wäre sie vielleicht sogar enttäuscht gewesen, wenn er es getan hätte? Der Gedanke irritierte sie und ließ sie für einen Moment ihre Panik vergessen.

“Geschniegelt, gebürstet und bereit zur Abfahrt?”, begrüßte Raoul sie grinsend und warf einen Blick auf ihren Koffer und den alten Rucksack, die ihre gesamte weltliche Habe beherbergten. “Keine Zweifel mehr?”

War er sich seiner umwerfenden Ausstrahlung wirklich nicht bewusst, oder gehörte sein unverschämt gutes Aussehen etwa zu seinem perfiden Plan, sie wieder an sich zu binden? “Jede Menge”, grollte sie und weigerte sich, sein Lächeln zu erwidern. “Macht das irgendeinen Unterschied?”

“Nein.” Sein Blick hatte sich verhärtet. “Und jetzt versuche endlich, die Situation zu akzeptieren und dich zu entspannen. Wenn du schon entschlossen bist, die nächsten drei Monate zu einem Kleinkrieg werden zu lassen, lächele wenigstens dabei. Das lässt mich deine ungerechtfertigte Feindseligkeit besser ertragen.”

Leigh schnappte empört nach Luft. “Ungerechtfertigt? Wie kannst du das sagen, nachdem du …”

“Ich kann das sehr wohl sagen, weil nicht ich es bin, der mit geschlossenen Augen durchs Leben läuft”, entgegnete er ruhig. “Im Gegensatz zu dir bin ich Realist und bereit, Fehler, die ich gemacht habe, auch einzugestehen.”

“Du? Du würdest doch nie zugeben, dass du dir in deinem Leben jemals etwas hast zu Schulden kommen lassen!”

“Vielleicht deshalb, weil es wirklich so ist?”

Sie war schon im Begriff zu explodieren, da bemerkte sie das Glitzern in seinen Augen und das verräterische Zucken um seine Mundwinkel. Den Ausdruck kannte sie! Er versuchte, sie herauszufordern und wütend zu machen, damit sie die Kontrolle über sich verlor und sich in ihrer Rage ihm gegenüber ins Unrecht setzte. Wie oft hatte er sie mit dieser Art an den Rand des Wahnsinns gebracht! Meist waren ihre Machtkämpfe in haltlosem Gelächter oder in stürmischen Umarmungen und schließlich im Bett geendet. Die Erinnerung daran wirkte wie eine kalte Dusche auf ihr erhitztes Gemüt. Energisch griff sie nach ihrem Gepäck, ehe sie womöglich noch in Tränen ausbrach.

“Besser, du kommst rein und nimmst mir den Koffer ab”, knurrte sie. “Ich kann ihn nicht einmal anheben.”

“Leigh?” Er war einen Schritt vorgetreten, griff nach ihrem Arm und kickte hinter sich die Tür mit dem Fuß zu. Das herausfordernde Grinsen auf seinem Gesicht war wie weggewischt. “Ich weiß, dass du mir nicht traust, dass du dir vielleicht sogar wünschst, du wärest mir nie begegnet, aber willst du uns nicht noch diese letzte Chance geben?”

“Nein, ich will und kann dir keine Chance mehr geben”, gab sie leise zurück. Sie durfte es nicht! Noch eine Enttäuschung würde sie nicht überleben.

“Ich glaube dir nicht.” Sein Blick brannte vor Intensität. “Du gehörst zu mir, Leigh! Ich will dich, und ich brauche dich! Kein anderer Mann kann dir das geben, was ich dir geben kann. Es gibt kein Entkommen.”

“Nein!” Das klang endgültig. “Als du dein Eheversprechen gebrochen hast, hast du damit auch das Band zwischen uns zerschnitten. Ich gehöre nicht mehr zu deinem Leben, Raoul. Es ist vorbei.” Sie hoffte nur, dass er ihre zitternden Knie nicht bemerkte. “Ich brauche dich nicht mehr”, schloss sie mit noch mehr Nachdruck.

“Tust du nicht?”, murmelte er rau, nachdem er fast eine volle Minute geschwiegen hatte. “Ich bin versucht, dir zu beweisen, wie sehr du dich irrst, aber …” Er brachte sein dunkles Gesicht dicht vor ihres. “Ich kann warten, Kätzchen …” Mit einem Finger strich er ihr ein paar vorwitzige Ponyfransen aus der Stirn und lächelte dann schief. “Mit deinem Ponyschwanz siehst du mehr denn je wie meine alte Leigh aus.”

“Pferdeschwanz”, korrigierte sie automatisch und fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Die wenigen Male, die sie sein ansonsten perfektes Englisch in der Vergangenheit hatte korrigieren müssen, hatten von jeher eine seltsame Rührung in ihr ausgelöst. Es waren die kleinen Schwächen an diesem fast perfekten Mann, die sie angezogen und immer wieder weich gestimmt hatten. Sie durfte sich von diesen längst vergessenen Gefühlen nicht irritieren lassen!

“Ah, ja, Pferdeschwanz”, wiederholte er ernsthaft. “Zum Schluss hast du dein Haar so jungenhaft kurz getragen – so gefällst du mir besser.” Er umfasste sie mit einem weichen Blick.

“Die alte Leigh ist tot, Raoul”, sagte sie fest und kämpfte immer noch gegen das seltsame Schwächegefühl an, das sie zu überwältigen drohte. “Und eine veränderte Frisur kann sie nicht zurückbringen. Können wir jetzt gehen?”

“Ja, wir werden sofort gehen, meine Leigh”, sagte er trügerisch sanft. “Aber eines will ich noch klären – was ist mit diesem Jeff? Hast du in den letzten beiden Tagen Kontakt zu ihm aufgenommen? Hast du ihm erzählt, dass ich dich weghole?” Von ihm ergänzte Leigh im Kopf. Sie hatte mit ihren Vermutungen also doch recht gehabt. Dass sie ihn vor fünf Jahren ohne ein Wort verlassen hatte, musste seinem übersteigerten Ego einen Schlag versetzt haben, von dem er sich offenbar immer noch nicht erholt hatte. Wie konnte man auch nur den großen Raoul de Chevnair einfach sitzen lassen?

In den Jahren ihrer Trennung hatte sie jedes männliche Wesen einfach abblitzen lassen. Nach den Erfahrungen ihrer Ehe hatte sie ohnehin keinen Bedarf nach maskuliner Gesellschaft gehabt. Aber Jeff … Er unterschied sich von den anderen Männern. Er war höflich, freundlich, zuvorkommend … Ihr Verhältnis hatte kameradschaftlich begonnen, und es bewegte sich immer noch auf diesem Level, zumindest was Leigh betraf. Natürlich hatte sie gemerkt, dass sie für Jeff längst mehr als eine gute Freundin war. In den letzten Monaten hatte er es ihr auch mehr als einmal gestanden und ihre klaren Zurückweisungen mit unerschütterlichem Gleichmut hingenommen. Trotzdem hatte er weiterhin humorvoll und unaufdringlich versucht, ihr Herz zu gewinnen, was Leigh zumindest einen gewissen Respekt abgenötigt und ihrem Selbstbewusstsein gutgetan hatte. Offensichtlich war auch Raoul über die Bemühungen seines Nebenbuhlers im Bilde.

“Ich kann ihn nicht einmal für seine Hartnäckigkeit tadeln.” Es war, als hätte er ihre Gedanken gelesen. “Aber es wird ihm niemals gelingen, auch nur deinen kleinen Finger zu berühren”, versprach er so ausdruckslos, dass Leigh den Sinn seiner Worte nur langsam erfasste.

“Was?”, rief sie dann aus. “Du weißt nichts über unsere Beziehung, und sie geht dich auch nichts an!”

“Du bist immer noch meine Frau. Vergiss das nicht!”

“Das ist lächerlich! Du bist lächerlich! Du weißt nichts über uns, also stell keine Vermutungen an, die du nicht beweisen kannst.”

“Du solltest mich wirklich besser kennen”, sagte er kalt. Er schlenderte zu ihrem Bett hinüber, warf ihr die leichte Jacke zu, die auf dem Koffer lag, und hob mit einer Hand das schwere Gepäckstück an, als wäre es aus Papier. “Hast du vergessen, welchen Wert ich darauf lege, über alles informiert zu sein? Und das gilt besonders für die letzten fünf Jahre.”

“Was meinst du damit? Du kennst ihn doch nicht einmal. Wie solltest du also …?” Sie schüttelte abwehrend den Kopf, als ihr ein ungeheuerlicher Verdacht kam. “Du hast dich doch nicht etwa mit ihm getroffen?”

“Natürlich habe ich das”, gab er kühl zurück und ging ruhig zur Tür. “Es war letzte Woche, in einem Hotel in Deutschland, in dem wir uns zufällig getroffen hatten. Wir hatten eine … interessante Unterhaltung über ein Mädchen, das er in England zurückgelassen hatte und das zufällig meine Frau war.”

“Wusste er, wer du warst?”

“Selbstverständlich!” Er warf ihr einen arroganten Blick zu. “Ich habe es nicht nötig, im Verborgenen zu kämpfen. Ich wollte ihn auf neutralem Boden treffen, um zu erfahren, welche Absichten er in Bezug auf dich verfolgt. Er hat sie mir erfrischend aufrichtig mitgeteilt. Dieser Jeff scheint wirklich ein netter Mann zu sein. Unter anderen Umständen hätte ich sicher versucht, unsere Bekanntschaft zu vertiefen.”

“Eure Bekanntschaft zu vertiefen?” Ihre Stimme war schrill vor Wut.

“Er hat mir unumwunden erklärt, dass er dich heiraten möchte, Leigh, aber das weißt du ja selbst”, fuhr er ruhig fort. “Er hat mir auch anvertraut, dass du seine Gefühle nicht erwiderst, jedenfalls nicht so tief, wie er es sich wünschte. Dass du ihn nur als guten Freund akzeptierst und sonst nichts. Ist das die Wahrheit?”

“Du … du …!” Ihr fehlten die Worte. Raoul griff mit seiner freien Hand nach ihrer Schulter und schob seine Frau einfach aus der Wohnungstür. Dann ging er zurück, holte den Rucksack und hielt ihn ihr entgegen. War sie verrückt? War er verrückt? Leigh hatte das Gefühl, sich in einem Albtraum zu befinden.

“Was hast du ihm gesagt?”, fragte sie mit brüchiger Stimme, ohne den prallen Rucksack in seiner ausgestreckten Hand zu beachten. “Hast du ihn beleidigt oder sogar zusammengeschlagen?”

“Ob ich …?” Rasch stellte er das Gepäck auf dem Boden ab, umfasste ihre Oberarme und schüttelte sie sanft. “Leigh, komm zu dir. Glaub mir, er hat gar keinen Versuch gemacht, um dich zu kämpfen. Kein bisschen”, fügte er fast verächtlich hinzu. “Du gehörst zu mir. Ich weiß es, er weiß es. Du bist eine de Chevnair!” Leigh starrte wie hypnotisiert auf seinen grimmigen Mund, der jetzt dicht vor ihrem Gesicht war, und den er im nächsten Moment mit wütender Leidenschaft auf ihre bebenden Lippen presste. Sein Kuss war hungrig und besitzergreifend. Vergeblich versuchte sie, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Erst das Geräusch des heraufrauschenden Lifts schien ihn wieder zur Besinnung zu bringen. Abrupt ließ er sie frei, griff nach dem Koffer und überließ es ihr, ihm mit dem Rucksack in den kleinen metallenen Käfig zu folgen, bevor sich die Türen wieder schließen konnten.

Die Fahrt zu dem kleinen Flugplatz, auf dem sich Raouls Privatjet befand, verlief in tiefstem Schweigen. Doch die Atmosphäre zwischen ihnen schien vor aufgestauten Emotionen förmlich zu knistern. Kurz vor dem Flughafen fuhr Raoul plötzlich an den Straßenrand, stellte den Motor aus und wandte sich zu seiner Frau um. “Sollen wir nicht noch einmal ganz von vorn anfangen, Leigh? So wie jetzt möchte ich unsere gemeinsame Zeit nicht beginnen”, sagte er leise.

“Nein?” Leigh holte mühsam Luft. “Wie genau stellst du dir denn unser Zusammenleben vor?”

Eine Weile starrte er auf seine gebräunten Hände, die auf dem Steuer lagen und fuhr sich dann fast verzweifelt durchs Haar. “Wie ich sie mir vorstelle?”, fragte er rau, legte den Kopf zurück und schloss die Augen. “Ich glaube, ich habe einfach gehofft, dass du, nachdem du zu dir selbst gefunden hast, eine Ehe als das ansehen könntest, was sie für die meisten Menschen ist. Eine wundervolle Partnerschaft, die auf Liebe und Vertrauen gegründet ist und die für beide Partner eine Art Schutzraum gegen äußere Einflüsse und Angriffe bildet.” Er wandte sich ihr wieder zu und schaute ihr eindringlich in die Augen. “Und ich habe gehofft, dass die Zeit und dein neu erworbenes Selbstbewusstsein es dir ermöglichen, dich endlich mit den dunklen Schatten auf deiner Seele auseinanderzusetzen, die du so tief und sorgfältig in deinem Unterbewusstsein begraben hast”, fügte er behutsam hinzu. “Und dass es dir endlich gelingen würde, die Dinge so zu sehen und zu akzeptieren, wie sie wirklich sind, und nicht, wie deine verworrenen Erinnerungen sie dir vorgaukeln.”

“Mit den Dingen, die ich zu akzeptieren habe, meinst du wohl Marion”, presste sie hervor und war überrascht, wie sehr es sie immer noch schmerzte, diesen verhassten Namen überhaupt auszusprechen.

Raoul stieß eine Art Stoßseufzer aus. “Ja, genau das meine ich. Du bist inzwischen älter, selbstsicherer und reifer geworden. Da kannst du doch wenigstens versuchen, großzügig zu sein und dein Herz für neue Gefühle zu öffnen.”

Und akzeptieren, dass er andere Frauen neben ihr hatte? Oh, nein! Keine Chance! Tränen der Wut und Frustration trübten ihren Blick. Heftig versuchte Leigh, sie wegzublinzeln. “Mit nichts, was du gesagt hast, kann ich etwas anfangen”, sagte sie hart.

“Das ist schade.” Raoul ließ wieder den Motor an und lenkte die Limousine auf den Flughafeneingang zu. “Ich hatte gehofft, die Zeit der Trennung und der Abstand zu mir hätten dir geholfen, mich so zu sehen, wie ich wirklich bin. Doch offensichtlich kennst du mich immer noch nicht.”

Leigh vergrub sich in den weichen Lederpolstern und schob trotzig das Kinn vor. Sie hatte genug gesehen, um zu wissen, wie er war. Sie verstand ihn nicht, und sie würde ihn auch nie verstehen. Die Welten, aus denen sie stammten, waren viel zu verschieden. Sie wünschte nur, dass er sie endlich kaltlassen würde, aber das war leider nicht so. Der Gedanke, dass er eine andere Frau als sie in seinen Armen halten könnte, brachte sie immer noch fast um den Verstand.

In der Nähe des Rollfeldes hielt Raoul den Wagen an und erwiderte gelassen den Gruß des Bordmechanikers. “Mister de Chevnair. Die Maschine steht bereit und wartet auf Sie.” Der Mann wies auf das kleine komfortable Flugzeug, das in einiger Entfernung bereitstand. “Schöne Maschine, wenn ich das sagen darf, Sir. Wunderschön.”

“Das ist sie, nicht wahr?” Raoul lächelte über den offen zur Schau getragenen Enthusiasmus des jungen Mannes. “Ich habe sie schon eine ganze Weile, aber sie ist so zuverlässig, dass ich mich einfach nicht zu einem Wechsel entschließen kann.”

Der Flug verlief rasch und problemlos, und das Gefühl, sich – dank Raouls immensen Reichtums und der damit verbundenen Annehmlichkeiten – außerhalb der Realität zu befinden, verstärkte sich für Leigh mit jeder Flugmeile. Ob ihr verwöhnter Gatte jemals im Dauerregen über eine Stunde auf einen Bus hatte warten müssen? Ob er sich schon einmal wochenlang mit Brot und Käse hatte begnügen müssen, um Geld für neue Arbeitsmaterialien erübrigen zu können? Sie seufzte lautlos. Schon vor dem Tod ihrer Mutter war ihr Leben wie ein andauernder Kampf gewesen. Ihr Vater hatte die Familie direkt nach ihrer Geburt verlassen, und obwohl ihre Mutter immer voll gearbeitet hatte, schien nie auch nur für das Notwendigste Geld vorhanden zu sein, geschweige denn für Luxus. Sie seufzte wieder. Kein Wunder, dass Raouls Welt auf ein schüchternes, unerfahrenes Mädchen von achtzehn Jahren geradezu magisch gewirkt hatte.

Pierre, Raouls Vertrauter und Mann für alle Fälle, erwartete sie bereits bei der Landung. Sein schmales, koboldhaftes Gesicht verzog sich zu einem warmen Willkommenslächeln, als er Leigh die Gangway hinunterschreiten sah. “Madame de Chevnair!” Die offensichtliche Freude des kleinen Mannes, der sonst nicht gerade zu überschwänglichen Gefühlsäußerungen neigte, war Balsam auf ihre Seele. “Wir freuen uns, freuen uns so sehr, dass Sie wieder hier sind. Colette und Suzanne senden Ihnen durch mich ihre besten Grüße.”

“Vielen Dank, Pierre.” Sie umarmte den zierlichen Mann kurz zur Begrüßung – ein Mangel an Etikette, der sie während ihrer Ehe mit Raoul bei seiner Dienerschaft äußerst beliebt gemacht hatte. “Wie geht es denn Ihnen allen?”

“Unverändert, Madame.” Pierre lächelte flüchtig. “Colette ist inzwischen ein wenig fülliger geworden, Sie verstehen? Aber sonst …” Er zuckte die schmalen Schultern. Colette war Pierres Frau, mit der er über dreißig Jahre verheiratet war, und schon vor Leighs Weggang war sie kugelrund gewesen.

“Können wir?” Raoul erschien an ihrer Seite, sein Gesichtsausdruck war kühl und reserviert. Leigh zog die schmalen Brauen zusammen. Wo war der leichtherzige, großzügige, extravagante Verführertyp geblieben, den sie einmal geheiratet hatte und der unter der warmen Sonne Frankreichs immer ganz in seinem Element gewesen war? Seine Verwandlung war ja geradezu dramatisch und konnte doch wohl nichts mit ihr zu tun haben – oder? Sie verwarf diesen Gedanken sofort als lächerlich. Er hatte damals kaum registriert, dass sie ihn verlassen hatte. Und sie war sich sicher gewesen, dass sein verrückter extravaganter Lebensstil und die dazugehörigen Freunde die Lücke, die sie vielleicht hinterließ, rasch ausfüllen würden. Stumm marschierte sie zwischen den beiden Männern auf das Flughafengebäude zu.

Südfrankreich war immer noch das zauberhafte Fleckchen Erde, an das sie sich aus ihrer glücklichen Zeit erinnerte. Der schwere Duft von wildem Lavendel und Thymian stieg ihr zu Kopf wie eine Droge. Die mit roten Ziegeln bedeckten Landhäuser wurden von hohen Zypressen beschattet, während die Luft vor Hitze flirrte. An den antiken steinernen Brunnen saßen wie eh und je die alten Männer und schwatzten von längst vergangenen Zeiten, gestikulierten wichtig oder versuchten mit Geschick und Routine, den Gegner beim Boulespiel auszutricksen.

Alles war so, wie sie es vor fünf Jahren verlassen hatte, schien aber heute eine Bedeutung zu haben, die ihr den Hals zuschnürte. Wie glücklich waren sie hier gewesen, und wie sehr hatte sie Raoul geliebt. Sie warf einen schrägen Blick auf den grimmigen, reservierten Mann an ihrer Seite. Ob er sich auch an die Zeit erinnerte, als sie wie sorglose wilde Teenager Hand in Hand über die bewaldeten Hügel von Ste. Maxime gerannt waren, um dann ihre brennenden Füße im Mittelmeer abzukühlen? Wie sie die salzigen Marschen und Lagunen der Camargue mit den wilden kleinen Pferden, den eleganten rosa Flamingos und den wilden Schwänen und Gänsen durchstreift hatten? Sie konnte es kaum ertragen und ballte ihre Hände in den Taschen ihres leichten Blazers zu Fäusten.

“Bald sind wir da”, riss Raouls Stimme sie aus ihrer Agonie, und erst jetzt registrierte Leigh, dass sie schon kurz vor seinem Anwesen waren. “Es hat ein paar Veränderungen gegeben, seit du weg warst.” Bei ihm hörte es sich so an, als wäre sie nur für ein paar Stunden zum Shopping in Paris gewesen. “Ich habe einen See auf dem Grundstück anlegen lassen – mit rosa Flamingos und Pfauen …” Er lächelte verzerrt. “Ich hätte mir nie träumen lassen, was die für einen Krach machen. So ein klagender, verzweifelter Ton. Es war, als wollten sie meine Gefühle ausdrücken.”

Leigh blinzelte ihn unsicher an. “Raoul …”

Er schnitt ihr mit einer raschen Geste das Wort ab. “Entschuldige, aber ich nehme an, es ist schon zwanghaft, dass ich solche Kommentare abgebe – vielleicht, um dich zu irritieren? Ich werde mich ab sofort bemühen, auf dem Platz zu bleiben, den du mir zuweist – herzloser Ehemann, unheilbarer Schürzenjäger … So ist es doch, oder?”, schloss er bitter. Sie starrte ihn nur wortlos an. “Was ist mit unserer Hochzeit, Leigh?”, stieß er plötzlich hervor. “Wenn du darauf zurückblickst, erscheine ich dir dann auch kalt und herzlos? Erinnerst du dich denn nicht mehr, wie es damals war?”

“Ich will mich an gar nichts mehr erinnern”, gab sie tonlos zurück und starrte aus dem Seitenfenster. “Ich lebe nur noch für den nächsten Tag.”

“Das mag dir im Moment helfen.” Er hielt den Wagen an und griff nach ihrer Hand. Abwesend spielte er mit ihren Fingern, was zur Folge hatte, dass heiße Schauer über Leighs Wirbelsäule rannen. “Aber die Vergangenheit ist eigentlich dazu da, um uns zu helfen, die Zukunft zu bewältigen. Sonst geraten wir in Gefahr, uns selbst zu verlieren.” Er hatte sehr leise und wie zu sich selbst gesprochen.

“Ich wusste gar nicht, dass du zu einem Philosophen mutiert bist”, spottete sie und versuchte erfolglos, ihm ihre Hand zu entziehen.

“Vielleicht bin auch ich inzwischen ein bisschen erwachsener geworden”, sagte er mit einem schiefen Lächeln und zog ihre bebenden Finger an seine Lippen. Warum ließ sie ihn nur gewähren? “Wir können nicht auf ewig wie wilde unvernünftige Kinder durch die Gegend jagen – so wundervoll und berauschend es auch war.” Sie fühlte sich wie paralysiert, als er ihre Hand ganz sanft in ihren Schoß zurücklegte. “Nur noch fünf Minuten, dann sind wir zu Hause.”

Als der luxuriöse Wagen den grünen Hügel erklomm, der zu dem kleinen Städtchen führte, das unterhalb von Raouls Anwesen lag, begannen die Schmetterlinge in Leighs Magen verrückt zu spielen. Während sie die verträumte Altstadt durchquerten, konnte sie nicht verhindern, dass ihr Herz erwartungsvoll zu klopfen begann. Hinter der Stadt mussten sie sich noch hunderte Höhenmeter durch die Serpentinen winden, ehe sie das eindrucksvolle schmiedeeiserne Tor passierten, das zum Haus führte.

Leigh stockte der Atem, als sie es im Grün der Bäume eingebettet liegen sah – es schien ihr vertraut und dennoch seltsam fremd. Raouls Vater hatte es vor mehr als zwanzig Jahren bauen lassen, wenige Monate, bevor er und seine junge Frau tödlich verunglückt waren. Raoul war damals als zwölfjährige Waise zurückgeblieben. Eine ältere Tante war in das Chateau gezogen, um dem Jungen wenigstens zu ermöglichen, in seinem geliebten Elternhaus aufzuwachsen, bis er das achtzehnte Lebensjahr erreicht hatte. Dann war sie wieder in ihr eigenes Chalet auf dem Land gezogen, wo sie verstarb, kurz nachdem Leigh und Raoul sich kennengelernt hatten.

Das Haus war im Stil eines mittelalterlichen Chateaus errichtet worden, umrahmt von hohen Pinien und Kaskaden von blühenden Glyzinien, die sich über die ganze Front erstreckten und die tief liegenden Fenster umrahmten. Sie konnte sich noch genau an die atemlose Faszination erinnern, die sie ergriffen hatte, als sie das Haus zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Und jetzt erging es ihr nicht anders. Es war so wunderschön, so unglaublich romantisch und irreal. Sie konnte verstehen, dass Raoul es als sein Heim bezeichnete.

“Es hat dich vermisst”, sagte Raoul leise. “Wir haben dich vermisst …” Ihr Herz machte einen unvermuteten Purzelbaum, und sie fragte sich, wo ihr Stolz geblieben war. Zögernd nahm sie seine dargebotene Hand an, als er ihr aus dem Wagen helfen wollte. Im nächsten Moment fühlte sie sich schon von Colette umfangen, die sie gnadenlos an ihren üppigen Busen presste. Atemlos und mit heißem Gesicht tauchte Leigh aus der erstickenden Umarmung auf.

“Wie schön, Sie wieder bei uns zu haben!” deklamierte Colette, wobei sie ihre molligen Arme wie Pumpenschwengel bewegte, um ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. “Wie oft haben wir uns gewünscht, Sie wären hier …”

“Vielen Dank, Colette”, sagte Leigh, mit einem schnellen Seitenblick auf Raouls dunkle, unbewegliche Gestalt. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und betrachtete mit grimmiger Genugtuung die spektakuläre Heimkehr seiner Frau. “Oh, Oscar!” Schon im nächsten Moment taumelte Leigh unter der stürmischen Begrüßung eines riesigen Katers. “Er erinnert sich an mich”, sagte sie verblüfft und schaute zu ihrem Gatten hinüber. “Er erinnert sich tatsächlich an mich, Raoul!”

“Natürlich tut er das.” Seine Stimme war tief und rau, als er sie betrachtete, wie sie den rot getigerten Kater liebevoll an sich drückte. “Du hast ihm immerhin das Leben gerettet. Er war schon immer mehr deine Katze als meine. Nachdem du gegangen bist, war auch er wochenlang verschwunden.”

“Oscar! Was muss ich da von dir hören?” Das plumpe Gesicht des Katers spiegelte höchste Euphorie wider, und Leigh kämpfte erneut mit ihren Tränen. Sie hatte ihn wenige Wochen nach ihrer Heirat am Strand gefunden, als sie Raoul bei seinen waghalsigen Wasserskimanövern beobachtet hatte. Zuerst hatte sie nur ein klägliches Miauen gehört, doch im nächsten Moment sah sie eine Plastiktüte außerhalb ihrer Reichweite vorbeitreiben, aus deren Tiefen das jämmerliche Maunzen zu kommen schien. Ungeachtet ihrer teuren Garderobe hatte sie sich spontan in die Fluten gestürzt und das seltsame Paket an Land gerettet. Drinnen fand sie ein neugeborenes Kätzchen, das viel zu schwach und jung erschien, um sich überhaupt auf den eigenen Beinen halten zu können. Aufgeregt hatte sie ihrem Mann wilde Signale gegeben, die ihn umgehend ans Ufer getrieben hatten, und dann waren sie nach Hause geeilt, um das winzige Wesen vor dem Tod zu retten. Drei lange Tage und Nächte hatte Leigh es fast stündlich mit einer Pipette gefüttert, bevor sie bereit war zu glauben, dass ihr Schützling es schaffen würde. Danach hatte sich das kleine Ding mit einer geradezu beängstigenden Geschwindigkeit erholt und war zu einem riesigen Kater mutiert. Raoul hatte immer behauptet, dass er die Kreuzung aus einem Tiger und einer leichtsinnigen Hauskatze war.

“Ich habe dich schrecklich vermisst, Oscar”, murmelte Leigh in sein dickes, weiches Fell. Aus den Augenwinkeln sah sie einen dunklen Schatten über Raouls angespanntes Gesicht huschen.

“Wie demütigend, auf einen räudigen Kater eifersüchtig zu sein”, murmelte er kaum verständlich. Dann holte er tief Luft und warf ihr einen aufmunternden Blick zu. “Colette hat einen kleinen Imbiss für uns vorbereitet. Würdest du gern im Terrassenzimmer sitzen?”

Leigh hielt Oscar immer noch an sich gepresst und nickte langsam. “Ja, sehr gern sogar.” Wie oft hatte sie von diesem Haus geträumt, seit sie es verlassen hatte? Und immer war es derselbe Traum gewesen. Sie sah sich selbst durch die hohen eleganten Räume rennen, und immer war sie auf der Suche nach einem großen, dunklen Schatten, den sie zu fassen versuchte, der ihr aber immer wieder entkam. Sie sah sich selbst verzweifelt mit den Fäusten an verschlossene holzgeschnitzte Türen hämmern, während sich um sie herum groteske Gestalten immer neu formierten und sie zu verhöhnen schienen. Oft war sie schreiend aufgewacht und hatte noch stundenlang zitternd und schweißgebadet in ihrem Bett gelegen, ehe sie sich wieder beruhigt hatte. Im Laufe der Jahre hatte dieser Albtraum nachgelassen, und selbst wenn er ab und zu noch wiederkehrte, gelang es Leigh inzwischen recht schnell, die Bedrückung abzuschütteln, die er immer wieder verursachte.

Als Raoul sie in das bezaubernde, exquisit möblierte kleine Zimmer neben der hinteren Terrasse führte, klopfte ihr Herz bis zum Hals. Auf der Seite zum Garten gaben die großen Fenster, die hier bis zum Boden reichten, eine atemberaubende Sicht über den weitläufigen blühenden Garten bis zum glitzernden Mittelmeer frei. Mitten auf der weiten Rasenfläche stand die Marmorbüste eines wunderschönen Mädchens, an die Leigh sich nicht erinnern konnte. Sie hatte ganz vergessen, wie spektakulär der Ausblick von hier aus war und konnte kaum ihre Augen abwenden.

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