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Julia Extra Band 0177

Penny Jordan

Jetzt und für immer

1. KAPITEL

“Melisande ist hier – und warte erst, bis du den Mann siehst, den sie mitgebracht hat!”, verkündete Jennifer Knowles aufgeregt, während sie das Büro ihrer Chefin enterte und dabei bedeutungsvoll mit den Augen rollte. “Hinreißend – und bestimmt steinreich, so wie der aussieht! Nun, wenn er Melisandes Zukünftiger werden will, sollte er es auch sein”, fügte sie unverblümt hinzu. “Aber ich glaube, wir haben im Moment gar nichts für sie in Arbeit, und im Buch steht auch nichts.” Sie runzelte die Stirn, während sie das ledergebundene Auftragsbuch studierte. “Das Schwarzseidene hat sie doch bereits letzte Woche abgeholt.”

“Hm”, nickte India Lawson zustimmend, nahm ein halbes Dutzend Stecknadeln aus ihren zusammengepressten Lippen und betrachtete mit gerunzelter Stirn die pinkfarbene Seidenbluse, an der sie gerade arbeitete. “Sie ist zu einem Wohltätigkeitsball eingeladen und rief mich gestern an, ob wir nicht noch schnell etwas für sie zaubern könnten.”

“Natürlich vorausgesetzt, dass sie es umsonst bekommt”, fügte Jennifer sarkastisch hinzu. “Jetzt aber mal ernsthaft. Sie muss doch eine Stange Geld mit ihrer Rolle in Evergreen verdienen. Das Stück läuft bereits seit sechs Monaten, und es sieht auch nicht so aus, als sollte es demnächst abgesetzt werden. Ich habe vergeblich versucht, Karten fürs nächste Wochenende zu bekommen.”

India lächelte. “Vergiss nicht, dass Melisande allein dadurch, dass sie unsere Kleider trägt, eine ausgezeichnete Werbung für unser Atelier ist.”

“Ich weiß wirklich nicht, wie du immer so gelassen bleiben kannst”, knurrte Jennifer gereizt.

India lachte. “Sag Melisande bitte, dass ich in fünf Minuten bei ihr bin. Ach Jen, und biete ihr doch …” Fast hätte sie ‘eine Tasse Kaffee’ gesagt, erinnerte sich dann aber an die Beschreibung von Melisandes Begleiter. “Biete ihnen bitte ein Glas Sherry an”, korrigierte sie sich. “Ich muss schnell noch diese Bluse fertig machen, da Lady Danvers sie dringend für das Wochenende braucht.”

Die ausdrucksvolle Haltung, mit der Jennifer das Zimmer ihrer Chefin verließ, zeigte deutlich, was sie von Indias Entgegenkommen zahlungsunwilligen Kunden gegenüber hielt. Natürlich genoss India es, ihr eigener Boss zu sein. Das war ihr Bestreben gewesen, seit sie ihre Ausbildung beendet hatte. Und es war beileibe nicht leicht gewesen, ihren Traum zu verwirklichen. Nach dreijährigem Studium an einer Kunsthochschule hatte sie für wenig Geld drei weitere Jahre für einen sehr bekannten Modeschöpfer in Paris gearbeitet. Danach war sie eine Zeit lang im Einkauf tätig gewesen, wobei sie sich alles Notwendige über Materialkontrolle, Kalkulation, Buchführung und Rechnungswesen aneignete, um sich von anderen Designern abzusetzen, die zu glauben schienen, dass künstlerisches Genie schon ein ausreichender Garant für Erfolg sei.

Immerhin hatte es sich für sie ausgezahlt. Die kleine Erbschaft eines Großonkels hatte es ihr schließlich ermöglicht, sich selbstständig zu machen. Zu ihrer eigenen Begeisterung hatte sich ihre erste kleine Kollektion ausgefallener Röcke und Blusen ausgezeichnet verkauft und es ihr ermöglicht, noch exklusivere Mode zu fertigen, die den Vorstellungen und Bedürfnissen der Londoner Gesellschaft genügen konnte. Und so zählte sie inzwischen einige wichtige Damen der Gesellschaft zu ihren Kundinnen, deren Fotos regelmäßig in verschiedenen Hochglanzmagazinen zu finden waren.

Als sie wenige Augenblicke später die Tür zu ihrem Verkaufsraum öffnete, fiel ihr erster Blick auf den Mann, den Jennifer als ‘hinreißend’ beschrieben hatte. Sie hat wirklich nicht übertrieben, dachte sie trocken, während sie ein professionelles Lächeln auf ihre Lippen zauberte und gleichzeitig den ausgezeichneten Schnitt seines eleganten grauen Anzugs registrierte, ebenso wie das farblich passende Seidenhemd mit Krawatte und die gepflegten, aber dennoch männlichen Hände, die selbst jetzt im März tief gebräunt waren. Sein dichtes dunkles Haar lockte sich bis zum Hemdkragen, und seine Augen waren von einem beunruhigenden harten Grau.

“India Darling!”, begrüßte Melisande sie mit ihrer heiseren, tragenden Stimme. “Sie retten mir das Leben. Zeigen Sie mir gleich, was sie für mich ausgesucht haben. Aber es muss etwas ganz Besonderes sein – etwas absolut Außergewöhnliches! Wenn es Simon gefällt, hat er mir versprochen, mir noch etwas zu kaufen. Und, India Darling, ist es nicht langsam an der Zeit, dass Sie aufhören, dieses schreckliche Schulmädchen-Outfit zu tragen? Niemand würde im Entferntesten glauben, dass Sie die aufregendste Sexy-Mode entwerfen!”

India hoffte, ihr Befremden erfolgreich verborgen zu haben, doch, als sie langsam den Blick hob, bemerkte sie, dass Melisandes Begleiter sie mit zynischem Amüsement beobachtete.

“Oh, ich habe euch noch gar nicht einander vorgestellt”, sagte die Schauspielerin geziert. “Simon Darling, das ist India, ein wirklich geschicktes kleines Ding. India, dies ist Simon Harries – Sie werden in den Gesellschaftsnachrichten über ihn gelesen haben.”

“Das habe ich, und im Finanzteil natürlich”, antwortete India leichthin, und war sich des wachsamen Ausdrucks auf Simon Harries’ Gesicht sehr wohl bewusst.

“Sie haben demnach ein ausgeprägtes Interesse an der Welt der Finanzen?”

India knirschte ob seines herablassenden Tones lautlos mit den Zähnen. “Natürlich, wie wahrscheinlich jede Frau”, sagte sie mit einem bedeutsamen Seitenblick auf Melisande. Sie konnte an seinem Gesichtsausdruck sehen, dass der Pfeil getroffen hatte. Er konnte ja wohl nicht annehmen, dass Melisandes Interesse an ihm rein altruistischer Natur war.

India kannte die Schauspielerin nun schon seit einigen Jahren, und Melisande machte absolut kein Geheimnis daraus, dass sie von ihren Begleitern neben äußeren Attributen durchaus auch genügend Reichtum verlangte, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

India betrachtete sie gedankenverloren und war sich dabei des unterschiedlichen Bildes bewusst, das sie beide abgaben. Melisande war klein und sehr zierlich, mit hellem, silbrig glänzendem Haar und betont weiblichen Formen – der Prototyp eines zarten, anschmiegsamen Frauchens, während sie selber … Sie zog unwillkürlich ihre Nase kraus. Sie war für eine Frau sehr groß, ihr dichtes Haar leuchtete in einem dunklen, intensiven Rot, ihre grünen Augen saßen ein wenig schräg unter zwei hochgewölbten Brauen, und nur ihr verletzlich wirkender weicher Mund verriet, dass sie weniger selbstbewusst war, als ihre Erscheinung vermuten ließ.

Sie fühlte, dass Simon Harries sie beobachtete und unterdrückte das Verlangen, einfach zurückzustarren. Sie konnte spüren, wie er sie mit seinen grauen Augen von oben bis unten fixierte, an ihrem üppigen Busen hängen blieb und dann über die schmale Taille zu ihren endlos scheinenden Beinen wanderte.

Nachdem er eine Weile gedankenverloren auf Indias Beine gestarrt hatte, hob er unvermittelt den Blick.

“Ein echtes Rätsel”, sinnierte er. “Ein prüdes Blüschen, Schulmädchenrock, aber Seidenstrümpfe.”

India merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Es war etwas in seinem Blick, das ihr unwillkürlich heiße Schauer über den Rücken schickte.

“Oh, India ist weit davon entfernt, prüde zu sein, das kann ich dir versichern”, kicherte Melisande schelmisch. “Zufällig weiß ich, dass sie einen sehr charmanten und extrem gut gebauten Freund hat. Sie hat ihn zu meiner letzten Party mitgebracht, stimmt’s, Darling? Melford Taylor”, fügte sie in wichtigem Ton den Namen eines bekannten Geschäftsmannes hinzu.

Obwohl sie nicht in seine Richtung schaute, bemerkte India, dass Simon Harries ihren Modesalon plötzlich mit ganz anderen Augen betrachtete. Er war in Weiß und Gold gehalten, mit einigen grünen Akzenten – klar und frisch, mit dem undefinierbaren Flair unterschwelligen Reichtums. India hatte die Ausstattung selbst entworfen und preisgünstig von einer kleinen Firma für Bühnendekoration, mit deren Besitzern sie befreundet war, anfertigen lassen. Mit Einfallsreichtum, Kreativität und handwerklichem Geschick hatten sie gemeinsam ihr Modeatelier in ein Schmuckstück verwandelt. Und jetzt stand sie diesem Simon Harries gegenüber und konnte förmlich sehen, wie er den Wert ihrer kleinen Firma abschätzte, und dabei wohl überlegte, wie viel Anteil Melford Taylor daran hatte.

India war beileibe kein naives dummes Mädchen mehr. Sie war jetzt fünfundzwanzig und lebte seit dem Tod ihrer Eltern vor fünf Jahren allein. Sie war sich absolut der lockeren Moralvorstellungen der Gesellschaftskreise, in denen Melisande und dieser Simon sich bewegten, bewusst, und ebenso der Rückschlüsse, die dieser spöttisch dreinschauende Mann aus Melisandes Andeutungen gezogen hatte. Dabei hatte sie noch nie finanzielle Hilfe oder anderweitige Zuwendungen von irgendeiner Seite angenommen und ärgerte sich maßlos über solche Unterstellungen.

Absolut lächerlich, dachte sie bei sich, als sie die dezenten Glasvitrinen aufschloss, in denen sie fertiggestellte Aufträge zu präsentieren pflegte. Warum sollte es sie überhaupt stören, wenn Simon Harries sie falsch einschätzte. Ihre Beziehung zu Melford Taylor ging nur sie allein etwas an, und niemand sonst! Gereizt griff sie nach einem blassblauen Satinkleid in der Auslage.

“Ich liebe diese Farbe”, rief Melisande enthusiastisch. “Darling, ich bestehe darauf, dass Sie die Bühnengarderobe für mein nächstes Stück anfertigen. Wissen Sie überhaupt schon, dass ich die weibliche Hauptrolle in The Musgraves bekommen habe?”

India schüttelte den Kopf in gespielter Überraschung.

“Simon hat das für mich arrangiert”, fügte sie neckisch hinzu und tippte mit ihren rot lackierten Nägeln auf seinen Arm. “Er hat einigen Einfluss im kommerziellen Fernsehen.”

“Tatsächlich?”

India war sich nicht bewusst, wie dämpfend sich ihre Erwiderung angehört haben musste, bis ihr Blick auf Simon Harries fiel, der sie aus kühlen grauen Augen ärgerlich musterte.

Natürlich hatte sie gehört, dass Melisande die Hauptrolle in einer neuen Seifenoper ergattert hatte, aber Filmgarderobe zu entwerfen, war ein unbekanntes Terrain für sie, und außerdem hatte sie im Moment in ihrem Salon mehr als genug zu tun.

Ich bin sicher, er könnte auch für Sie ein gutes Wort bei den Studiobossen einlegen”, sagte Melisande.

“Und ich bin mir sicher, Fräulein Lawson braucht meine Fürsprache nicht im Geringsten”, murmelte Simon Harries süffisant. “Nicht mit Melford Taylor in ihrem Rücken als … Gönner.”

India schluckte ihre aufsteigende Wut mühsam hinunter und drehte ihm abrupt den Rücken zu, froh über die Ausrede, Melisande bei der Anprobe zur Seite stehen zu müssen. Es war schon Jahre her, dass sie so eine spontane und heftige Abneigung gegen irgendjemand gefasst hatte, und auch, dass jemand sie so unverschämt behandelt hatte. Und sie hatte keine Ahnung, warum er das tat. Selbst wenn sie tatsächlich Melfords Geliebte wäre, was um alles in der Welt ging Simon Harries das an?

In der Umkleidekabine half sie Melisande in das blaue Satinkleid, dessen eng anliegende Korsage und schmalgeschnittener Rock die grazile Gestalt der Schauspielerin optimal betonten.

“Es ist einfach fantastisch”, zwitscherte Melisande und betrachtete sich hingerissen im Spiegel.

“Der Saum muss noch umgelegt werden, und ein, zwei Kleinigkeiten werde ich noch ändern, aber das ist kein Problem bis morgen”, versprach India.

Sie hörte, dass ihr privates Telefon klingelte und seufzte unwillkürlich bei dem Gedanken, dass es wahrscheinlich Mel war, der sie sprechen wollte. Sie hatte ihm am letzten Wochenende versucht klarzumachen, dass ihre Beziehung keine Zukunft haben konnte. Sie mochte ihn sehr gern, er hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor und war ein unkomplizierter und zuvorkommender Begleiter – aber er war auch ein verheirateter Mann.

Ob sie noch nie etwas von Scheidung gehört hätte, hatte er sie neckend gefragt, aber India hatte ihm sofort das Wort abgeschnitten. Wie sie wusste, hatte er zwei kleine Kinder, und selbst, wenn sie ihn geliebt hätte, was nicht der Fall war, bezweifelte sie, dass sie es fertigbringen würde, ihnen den Vater zu entziehen. Der Grund dafür lag in ihrer eigenen Kindheit. Als sie zwölf war, hatte ihr Vater eine Liebesaffäre, die über ein Jahr andauerte und die ganze Familie sehr belastete. Obwohl nach dem Ende der Affäre das Thema nicht mehr zur Sprache kam und ihre Eltern augenscheinlich wieder harmonisch miteinander lebten, hatte ihr dieses Erlebnis einen schweren Schock versetzt, dessen Auswirkungen sie nie mehr abschütteln konnte. Sie war vorsichtig und misstrauisch geworden – nicht bereit, sich so weit auf eine Beziehung zu einem Mann einzulassen, dass sie in Gefahr geraten konnte, verletzt zu werden. Das hatte dazu geführt, dass sie mit ihren fünfundzwanzig Jahren, was ihre emotionellen und sexuellen Erfahrungen betraf, weit hinter ihren Altersgenossinnen zurücklag.

Als sie aus der Umkleidekabine traten, sah sie, dass Simon Harries ganz vertieft ein Seebild betrachtete, das Indias Vater kurz vor seinem Tod gemalt hatte. Es zeigte den Ausblick aus dem Fenster ihres Elternhauses. India wusste, dass sie ihre künstlerische Begabung von ihrem Vater geerbt hatte. Er hatte vor seinem Ruhestand als Bauingenieur oft außerhalb gearbeitet. India selbst war das Ergebnis eines Besuches ihrer Mutter bei ihrem damals in Indien beschäftigten Vater. Daher stammte auch ihr ungewöhnlicher Name.

“Cornwall?”, fragte Simon über die Schulter, ohne sich umzudrehen.

“Ja.”

“Ihre Sekretärin hat gerade hereingeschaut. Sie bat mich, Ihnen auszurichten, dass jemand für Sie am Telefon war, Sie wüssten schon wer.” Bei diesen Worten schaute er sie direkt an. “Es ist bestimmt nicht einfach, eine Beziehung zu einem verheirateten Mann zu unterhalten, aber ich möchte Ihnen gratulieren. Sie scheinen wirklich außergewöhnlich diskret zu sein.”

Er ließ es so klingen, als unterstelle er ihr, ihr Geld als Prostituierte zu verdienen. Selbst Melisande hatte den ironischen Unterton in seiner Stimme mitbekommen und runzelte leicht ihre Stirn.

“Aber wirklich, Darling! Bist du da nicht vielleicht ein wenig altmodisch? Außereheliche Verhältnisse sind doch heute nichts Ungewöhnliches mehr. Sei ehrlich, könntest du dir vorstellen, verheiratet zu sein, und dein ganzes Leben lang einer Frau die Treue zu halten? Ich denke, India macht es ganz richtig. Lieber unabhängig mit einem Liebhaber, als gebunden mit einem Ehemann am Hals. Sie werden mir das Kleid doch ganz bestimmt bis morgen schicken, nicht wahr?”, fragte sie India, während Simon Harries ihr in die Fuchspelzjacke half. “Simon nimmt mich zum Wohltätigkeitsball ins Dorchester mit, und da will ich so gut wie möglich aussehen.”

India begleitete sie zur Tür. Melisande küsste sie auf beide Wangen, und India wandte sich zu Simon Harries, um ihn zu verabschieden. Doch der ignorierte ihre halb ausgestreckte Hand und ließ stattdessen seinen Blick noch einmal langsam und eindringlich über ihren Körper wandern, bevor er Melisande zu dem dunkelgrünen Ferrari folgte, der vor der Salontür geparkt war. India starrte ihm zähneknirschend hinterher.

“Hm, so etwas müsste ich auch einmal finden”, seufzte Jennifer verträumt hinter ihrem Rücken. “Fantastisches Aussehen, Geld satt und bestimmt auch noch ein umwerfender Liebhaber!”

“Es ist eher wahrscheinlich, dass du schwer enttäuscht sein würdest”, sagte India knapp.

“Glaubst du?” Jennifer runzelte nachdenklich die Stirn. “Er hat dich ganz schön aus der Ruhe gebracht, oder?”, sagte sie langsam. “Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass du deinen Sinn für Humor verlieren kannst. Und das nach all den Gestalten, die wir hier schon ertragen mussten. Ist er dir irgendwie zu nahe gekommen, als Melisande mal nicht hingeschaut hat?”

“Warum sollte er? Du sagst doch selbst, er könnte jede haben. Warum sollte er einen Blick an mich verschwenden, wenn er Melisande haben kann?”

“Oh, da fallen mir gleich mehrere Gründe ein”, antwortete Jennifer. “Zunächst einmal hast du wesentlich mehr Sex-Appeal als sie. Ja, ich weiß, dass sie wie ein zartes, anschmiegsames Püppchen aussieht, aber jeder weiß, dass sie unter ihrer Fassade hart wie Stahl ist, während du … Bist du sicher, dass er keinen Annäherungsversuch gemacht hat?”

“Ganz sicher! Können wir jetzt bitte das Thema wechseln?”

“Na gut”, lenkte Jennifer ein. “Worüber möchtest du denn reden? Oh Himmel, ich habe ja den Anruf völlig vergessen! Mr. Taylor lässt dir ausrichten, dass er dich um acht Uhr abholen wird. Ich wusste gar nicht, dass ihr heute eine Verabredung hattet.”

“Ich auch nicht, jedenfalls nicht sicher. Er hat letztens irgendetwas von einem gemeinsamen Dinner in dieser Woche gesagt, aber ich hatte ihm gleich erklärt …”

“Dass du mit verheirateten Männern nicht ausgehen willst”, vollendete Jennifer ihren Satz mit einem Grinsen. “Du machst dir das Leben gerne schwer, nicht wahr? Mit seinem Einfluss und seinen Verbindungen …”

“Ich brauche seine Verbindungen nicht”, schnitt ihr India mit ungewohnter Schärfe das Wort ab. “Ich mag Mel sehr gern und schätze seine Freundschaft. Ich kenne ihn jetzt gut drei Jahre, eigentlich, seit ich den Salon eröffnet habe. Mein Steuerberater hat uns miteinander bekannt gemacht. Mel war es auch, der mir diese Räumlichkeiten vermittelt hat …”

“Das ist ja wohl auch nichts Anrüchiges, oder?”, bemerkte Jennifer betont sachlich. “Er ist absolut verrückt nach dir – das sieht doch jeder!”

“Er ist verheiratet”, entgegnete India knapp. “Und abgesehen davon – ich liebe ihn nicht.”

“Liebe? Wer braucht die denn? Weißt du, obwohl ich drei Jahre jünger bin als du, fühle ich mich manchmal wie deine Mutter.”

“Wenn du das tatsächlich wärest, dürftest du mich erst recht nicht dazu drängen, ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann anzufangen”, bemerkte India trocken, aber Jennifer zog lediglich die Augenbrauen hoch.

“Du machst wohl Witze! Bei einem so gut situierten Mann wie Mel würde jede normale Mutter so eine Kleinigkeit, wie eine existierende Ehefrau, geflissentlich übersehen.”

War sie wirklich dumm? India seufzte, als sie sich wenige Stunden später zu Fuß auf den Weg nach Hause machte. Sie hatte das Glück gehabt, das Obergeschoss eines viktorianischen Hauses kaufen zu können, ehe diese Art Wohnungen in Mode kamen, und genoss die Ruhe und Großzügigkeit ihrer Behausung. Außerdem lag die Wohnung nur ein paar Minuten von ihrem Salon entfernt.

Mel hatte mehr als einmal versucht, ihre Freundschaft auf eine intimere Ebene zu ziehen, aber India hatte ihn jedes Mal sofort an seine Frau erinnert.

Als sie ihre Haustür öffnete, hörte sie das Telefon klingeln. Sie legte ihre Tasche und ihren Mantel auf einen wunderschönen, aufgearbeiteten viktorianischen Sessel, dem einzigen Möbelstück in der kleinen Diele, und nahm den Hörer ab. Sie hatte einige Freunde, die sie häufiger anriefen, aber sie wusste schon, bevor sie die Stimme hörte, wer im Moment am anderen Ende der Leitung war.

“Hast du meine Nachricht erhalten?”

“Das habe ich Mel, aber ich fürchte …”

“Gib mir bitte keinen Korb, ich muss wirklich dringend mit dir reden. Ich weiß, dass du niemals zu mir kommen würdest, also ist ein Abendessen die unverfänglichste Möglichkeit für ein Gespräch.”

Etwas irritiert durch die Anspannung in seiner Stimme, sagte India zu.

“Ich hole dich dann gegen acht ab. Wir essen im Jardines.”

Es war eines der neuen exklusiven Trend-Restaurants, und es war sehr schwer, dort einen freien Tisch zu bekommen, aber für einen Mann wie Melford Taylor war nichts unmöglich.

Melford war der typische ‘Selfmademan’, der durch harte Arbeit und unbeugsame Energie seine kleine Firma zu einem beeindruckenden Imperium ausgebaut hatte. Über seine privaten Hintergründe wusste sie so gut wie gar nichts. Gerade mal, dass er verheiratet war, und zwei kleine Söhne hatte, die eine sehr exklusive Schule besuchten. India meinte auch, gehört zu haben, dass Melford ‘über seine Verhältnisse’ geheiratet haben sollte, ein Ausdruck, den sie verabscheute. Er war ein kultivierter Mann mit einem ausgezeichneten Geschmack, höflich und freundlich, und sie konnte sich kaum vorstellen, was für Probleme in seiner Ehe überhaupt existieren konnten. Es war auch kein Thema zwischen ihnen. Sie hatte es seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft vermieden, in sein Privatleben einzudringen.

Und es war auch noch gar nicht so lange her, dass sie ihn überhaupt regelmäßig traf. Erst in dem letzten halben Jahr versuchte er, ihre Freundschaft in intimere Bahnen zu lenken.

Da sie zum Essen ausgehen würde, machte sich India in ihrer kleinen Küche, die sie selbst entworfen und eingerichtet hatte, nur schnell ein wenig Obst zurecht. Es hatte ihr ungeheuren Spaß gemacht, ihre Wohnung nach eigenen Ideen zu renovieren und auszustatten. Von ihren Eltern hatte sie einige sehr schöne antike Möbel geerbt, und verbrachte etliche Stunden in Antikläden und auf Märkten, um ihre Einrichtung zu ergänzen. Am liebsten stöberte sie auf den Flohmärkten herum, da sie dort auch häufiger alte Spitze fand, die sie aufarbeitete und für ihre eigenen Kollektionen gebrauchte.

Gewöhnlich schnappte sie sich nach dem Abendbrot ihren Skizzenblock und machte in der entspannten Atmosphäre ihrer gemütlichen Wohnung noch einige Entwürfe, aber heute würde sie keine Zeit dafür haben.

Das Jardines hatte sich zu einer Art Bühne für ein exklusives modeorientiertes Publikum entwickelt, und so schaute India besonders sorgfältig ihre überraschend spärliche Garderobe durch. Wie viele Menschen, die schöne Dinge für andere herstellten, fand sie selten die Zeit, etwas für sich selbst zu kreieren.

Ihr Tagesoutfit, über das sich Melisande und ihr unangenehmer Begleiter Stunden zuvor noch mokiert hatten, gehörte zu ihrer Lieblingsgarderobe und war schon mehrere Jahre alt. Die schlichte Seidenbluse hatte sie in Paris gekauft. Sie liebte den schweren, glatten Stoff genauso wie den exklusiven Schnitt und hatte damals ein kleines Vermögen dafür hinblättern müssen. Der graue Flanellrock war einer ihrer eigenen Entwürfe, extrem schlicht, aber wirkungsvoll geschnitten, und häufig trug sie ihn zu einer Kaschmirjacke in einem dunkleren Grau, die mit großen Perlmuttknöpfen geschlossen wurde. Die extravagante Kleidung, die viele ihrer Kundinnen bevorzugten, kam für sie selbst nicht in Frage.

Sie griff nach einem weichen schwarzen Samtkleid, mit einem hohen cremefarbenen Spitzenkragen und dreiviertellangem Arm, legte es vorsichtig über ihr Bett und ging ins Bad.

Sie hatte sowohl eine Wanne wie auch eine Duschkabine im Badezimmer, und wenn sie morgens zum Wachwerden ein erfrischendes Duschbad bevorzugte, gönnte sie sich nach Feierabend so oft wie möglich ein ausgedehntes Bad im duftenden Wasser.

Arpège, ein klassischer, kühler Duft, war ihr Lieblingsparfüm. So oft sie versucht hatte, zu einem blumigeren, orientalischen Duft zu wechseln, war dieses Experiment gescheitert, und sie hatte sich schnell auf ihre vertraute Marke zurückbesonnen. Vielleicht hatte es etwas mit ihren Kindheitserlebnissen zu tun, dass sie den Drang hatte, Traditionen aufrechtzuerhalten, gewohnte Wege zu gehen – India wusste es selbst nicht genau.

Mit schnellen, routinierten Bewegungen zog sie einen schwarzen Seiden-BH und einen spitzenverzierten, seidenen Slip über, setzte sich auf die Bettkante und griff nach den schwarzen Seidenstrümpfen – auch ein Luxus, dem man frönen konnte, ohne sich schuldig zu fühlen, wenn man genug dafür geschuftet hatte. Als sie die Strümpfe behutsam über ihre schlanken Beine zog, fielen ihr unwillkürlich Simon Harries’ unverschämte Bemerkung und sein noch unverschämterer Blick ein. Sie zuckte gereizt mit den Achseln. Er war sicher nicht der Typ Mann, den sie beeindrucken wollte. Viel zu dominant und maskulin für ihren Geschmack. Ganz im Gegenteil zu Jennifer glaubte sie nicht, dass er ein guter Liebhaber sei. Viel zu arrogant, selbstbezogen, überlegte sie, obwohl sie zugeben musste, dass sich die Liste der Frauen, die mit ihm in Verbindung gebracht wurden, wie das Guinnessbuch der weiblichen Schönheiten las.

Das schwarze Samtkleid stand ihr ausgezeichnet, und die Farbe des Spitzenkragens unterstrich ihren cremigen Teint.

Ihre Haare hatte sie in einer weichen Rolle im Nacken zusammengenommen, die von einem Netz gehalten wurde, das über und über mit Perlen bestickt war. Übrigens ein Weihnachtsgeschenk, das sie sich im letzten Jahr selbst gemacht hatte. Während sie noch Parfüm auf Hals und Handgelenke sprühte, hörte sie schon die Türklingel, griff nach ihrem Abendmantel, ebenfalls aus schwarzem Samt, und eilte zur Tür.

Mels Augen weiteten sich anerkennend, als sie ihm öffnete. Er beugte sich über sie, aber durch eine rasche Seitwärtsbewegung Indias landete sein Kuss auf ihrem Nacken, und nicht wie beabsichtigt, auf dem Mund.

“Du siehst wundervoll aus”, sagte er einfach. “Ich wünschte, wir würden heute Abend allein sein.”

Seine Augen und seine Stimme waren voll verhaltenem Schmerz, und India spürte sofort, dass ihn etwas quälte.

“Nicht jetzt”, griff er ihrer Frage vor. “Wir unterhalten uns beim Essen.”

Er war nicht mit seinem eigenen Wagen, sondern mit einem Taxi gekommen. Es regnete, und obwohl keiner von beiden sprach, fühlte India, dass sich Traurigkeit wie eine Decke über sie beide ausbreitete.

2. KAPITEL

Am Ende einer schmalen Straße in der Nähe des Hyde-Parks war das Jardines in einem ehemaligen Kutscherhaus eingerichtet worden. Dicht an dicht standen teure Autos am Ende der Sackgasse, und unter einer gestreiften Markise trat ein Portier hervor, um sie vom Taxi zum buchsbaumgeschmückten Eingang zu geleiten.

Als sie das Restaurant betraten, fielen India auf den ersten Blick wenigstens ein halbes Dutzend prominenter Gesichter auf, und sie unterdrückte einen schwachen Seufzer. Aus den verschiedensten Gründen hätte sie viel lieber in dem kleinen italienischen Restaurant gleich bei ihr um die Ecke gegessen, aber sie wusste, dass Mel ihr etwas Besonderes bieten wollte.

Die meisten der anwesenden weiblichen Gäste trugen Abendkleider – aufwendige, kostbare Kreationen, die mehr Fleisch zeigten, als verbargen. War sie etwa prüde? Sie verdrängte den Gedanken sofort wieder, konnte aber nicht umhin, sich an die unglückliche Bemerkung von Simon Harries über prüde Schulmädchenkleidung und Seidenstrümpfe zu erinnern. Es schien ihr fast so, als wolle er ihr unterstellen, dass sie so etwas wie kindliche Unschuld vortäusche. Unverschämter Kerl!

Sie wurden zu einem kleinen Tisch geführt, der etwas abseits in einer Nische stand, was die Intimität allerdings nicht förderte, sondern den Platz zum viel beachteten Mittelpunkt des Raumes machte.

Das Restaurant war erst vor Kurzem eröffnet und im viktorianischen Stil eingerichtet worden. Die nostalgischen Tische mit Marmorplatten verschwanden fast unter den üppigen Grünpflanzen, die jetzt am Abend durch die geschickte Illumination von innen zu leuchten schienen.

“Das Einzige, was jetzt noch fehlt, ist ein Papagei, der aus diesem Urwald geflogen kommt”, versuchte Mel zu scherzen, während er die Speisekarte studierte.

“Entweder das oder Tarzan”, pflichtete India ihm bei.

“Gefällt es dir hier nicht? Wir können auch woanders hingehen. Dies ist das begehrteste Restaurant im Moment, und ich dachte …”

“Es ist fantastisch hier. Kneif mich, wenn du mich mit offenem Mund starren siehst. Das letzte Mal, dass ich so viele Prominente auf einem Haufen gesehen habe, war irgendeine Preisverleihung im Fernsehen.”

“Hm, es scheinen wirklich auffallend viele Schauspieler hier zu verkehren. Was möchtest du essen?”

“Ich glaube, ich beginne mit der Meeresfrüchte-Platte, und danach vielleicht Hühnchen in Weißwein.”

Mel gab ihre Bestellung an den wartenden Ober weiter und fügte seine eigene hinzu. Er war ein sehr traditionsbewusster Mann, überlegte India. Kein Macho, aber ein Mann, der die Frauen als das schwächere Geschlecht betrachtete, das beschützt werden musste. In vieler Hinsicht erinnerte er sie an ihren Vater. Sie fühlte sich aufgehoben und sicher in seiner Gegenwart, zumindest hatte sie es bis jetzt so empfunden.

Er wartete, bis ihr Essen auf dem Tisch stand und der Wein eingeschenkt war, bevor er zum eigentlichen Zweck seiner Einladung kam.

“India, du kennst meine Gefühle für dich”, platzte er dann aber ohne Umschweife heraus. “Oh, ich weiß sehr wohl, dass du mich nicht ernst nimmst, aber du bist weder naiv noch unsensibel, das weiß ich genau. Und ich weiß auch, wie du dazu stehst, dass ich verheiratet bin, denn das gehört einfach zu deiner besonderen Persönlichkeit, auch wenn ich mir manchmal wünschte, dass du nicht so … altmodisch wärst.”

“Altmodisch?”, protestierte India schwach.

“Moralisch”, korrigierte er sich. “Und wenn ich ganz ehrlich bin, will ich dich auch gar nicht anders haben. Ich wünschte mir nur, ich hätte dich schon vor zehn Jahren getroffen, bevor ich Alison heiratete. Selbst wenn du mit einer Affäre einverstanden wärest, glaube ich nicht, dass es funktionieren würde. Ich könnte es nicht ertragen, daran schuld zu sein, deine aufrichtige und integere Haltung zerstört zu haben. India …, wenn ich mich von Alison scheiden lassen würde, würdest du mich dann heiraten?”

Sie hatte es erwartet, und trotzdem war es ein Schock. India war blass geworden, und ihre Hand zitterte, als sie nach dem Weinglas griff. Sie stieß das Glas um und schaute hilflos auf das Weinrinnsal, das erst über den Tisch und dann auf den Boden floss.

Während ein Angestellter den Schaden diskret behob, versuchte Mel die Situation zu entspannen.

“So etwas passiert jeden Tag, und du hast ja nicht einmal das Glas zerbrochen”, scherzte er schwach. “Und selbst wenn, wäre es nicht das Ende der Welt.”

India wusste selbst nicht, warum sie so aus der Fassung geraten war. Sie war doch sonst nicht so ungeschickt. Zum Glück hatte das Kleid nichts abbekommen, aber ihre Finger fühlten sich etwas klebrig an. Als sie ihre Handtasche öffnete, um ein Taschentuch rauszuholen, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie beobachtet wurde. Langsam hob sie den Kopf und schaute quer durch das Restaurant direkt in Simon Harries harte, graue Augen. Ihr Herz machte einen unvernünftigen Satz und schlug ihr plötzlich bis zum Hals, und ihr Mund wurde trocken, was aber nichts mit dem leeren Weinglas zu tun hatte.

Melisande war bei ihm, schien India aber bis jetzt nicht bemerkt zu haben.

“India …”

“Oh … Entschuldige bitte”, murmelte sie.

“Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.”

“Ich wünschte, es wäre so. Oh, tut mir leid”, entschuldigte sie sich, als sie Mels besorgten Blick sah. “Das ist nur Melisandes letzte Eroberung. Sie brachte ihn heute mit in meinen Salon, und irgendwie hat er mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich weiß auch nicht, warum.”

“Wer ist es denn?”

“Simon Harries. Du müsstest eigentlich von ihm gehört haben. Er taucht ständig in den Klatschspalten auf … Alles in Ordnung?”, fragte sie beunruhigt, als sie sah, dass er totenblass geworden war. “Mel …?”

“Es geht mir gut … Alles in Ordnung, India”, sagte er, aber seine Stimme klang verzweifelt. “Würdest du …, würdest du mich im Falle einer Scheidung heiraten, India?”

Sie beugte sich über den Tisch und legte ihre Hand in einer mitfühlenden Geste über seine. “Ich bewundere dich sehr, Mel. Ich genieße deine Freundschaft, und es gibt niemanden, den ich weniger verletzen möchte als dich, aber …”

“Aber du liebst mich nicht”, vollendete er ihren Satz mit schwerer Stimme. “Nun, ich glaube, dass ich die Antwort schon wusste, aber ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben.”

“Ich wünschte mir wirklich, ich könnte dich lieben”, sagte India spontan, selber überrascht über diesen Ausbruch. “Manchmal überlege ich, ob ich überhaupt zur Liebe fähig bin, zu dieser Liebe, die lichterloh brennt und alles andere unwichtig werden lässt”, fügte sie leise hinzu.

Tiefes Verständnis und Schmerz spiegelten sich in Melfords Augen, als er sie anschaute. “Das bist du, mein Liebling”, murmelte er heiser. “Du hast nur noch nicht den richtigen Mann gefunden. Aber weiche keinen Zentimeter von deinem Weg ab, und verleugne dich nicht selbst, indem du dich jemandem hingibst, der nicht der Eine ist.”

Dies war eine versteckte Anerkennung ihrer Zurückhaltung bezüglich ihrer sexuellen Erfahrungen, und India war überrascht von Mels Scharfsinn. Sie hatte nie mit ihm über dieses Thema gesprochen oder mit sonst irgendjemand, und sie konnte nur hoffen, dass sie für andere nicht so leicht zu durchschauen war. Es war ohnehin schwer genug für eine fünfundzwanzigjährige Jungfrau, eine angeblich coole, abgeklärte Miene zum Thema Sex zur Schau zu tragen.

“Schätzchen, du hast mir ja gar nicht gesagt, dass du heute hier essen würdest”, Melisandes scharfe Augen fixierten Mel von oben bis unten. “Du siehst erschöpft aus, Mel”, stellte sie fest. “Was haben Sie nur mit ihm gemacht, Schätzchen?”, fügte sie an India gewandt hinzu.

Simon Harries stand direkt neben ihr. Es war offensichtlich, dass die beiden ihr Essen beendet hatten und im Begriff waren zu gehen. Mel schien noch mehr Farbe verloren zu haben. Er war aufgestanden, als Melisande an ihren Tisch getreten war, aber obwohl er kein kleiner Mann war, überragte ihn Simon Harries immer noch um Haupteslänge.

Selbst India musste ihren Kopf noch zurücklegen, um ihm ins Gesicht zu sehen, obwohl sie heute Abend sehr hohe Absätze trug.

“Wir wollen noch zu Tokyo Joe’s”, informierte Melisande sie. “Warum kommt ihr nicht einfach mit? Ich habe übrigens das Drehbuch zu einem göttlichen neuen Stück gelesen. Die Hauptrolle ist mir wie auf den Leib geschrieben, aber es muss ein Vermögen kosten, so eine Produktion heutzutage auf die Beine zu stellen …”

Sie hatte Mel bei diesen Worten angeschaut, doch er antwortete nicht, und die Schauspielerin zog einen Schmollmund.

“Überrede sie, mit uns zu kommen”, wandte sie sich bittend an Simon Harries. “Es wird bestimmt lustig!”

“Ich befürchte, der Spaß, den Melford und Miss Lawson im Sinn haben, benötigt nur zwei Akteure”, murmelte er gedehnt, “entgegen der puritanischen Aufmachung von Miss Lawson …”

“Aber Liebling”, protestierte Melisande halb schockiert, halb belustigt, während sich ihre Augen vor Überraschung weiteten. Mel war aufgesprungen, und India sah an der Art, wie sich seine Finger zur Faust geballt hatten und seine Wangenmuskulatur zuckte, was er vorhatte. Instinktiv streckte sie ihre Hand nach ihm aus und bat ihn, ruhig zu bleiben.

“Welch sittsames, welch beherrschtes, wohl temperiertes Verhalten!”, bemerkte Simon Harries süffisant. “Niemand würde glauben, dass Sie jemandem den Ehemann stehlen könnten. Wie haben sie nur herausgefunden, dass die meisten Männer, besonders die älteren Semester, auf diese Rühr-mich-nicht-an-Masche hereinfallen?”

Er drehte sich auf dem Absatz herum, ehe India antworten konnte, schob seine Hand unter Melisandes Ellbogen und verließ mit ihr das Restaurant. Niemand von den anderen Gästen schien dieses kleine Intermezzo bemerkt zu haben. India schaute zu Mel. Er war weiß wie eine Wand, die Haut spannte über seinen Wangen, und in seinen Augen las sie Schmerz und Niederlage.

“Er hatte kein Recht, so mit dir zu reden”, stieß er erstickt hervor. “Niemals. Mein Gott, ich hätte ihn umbringen sollen!”

“Vergiss ihn. Es macht mir nichts aus”, sagte India leichthin.

“Ich habe nicht überlegt, in was für eine Situation ich dich bringe – wie andere unsere Freundschaft interpretieren könnten.” Sein Mund zuckte schmerzlich. “Und all das für nichts! India, da gibt es etwas, was ich dir sagen muss. Oh, wenn es nur die leiseste Chance gäbe, dass du mich heiraten würdest …! Alison, meine Frau …, sie ist schwanger.”

Er zog eine Grimasse, als er Indias Gesichtsausdruck sah. “Ja, ich weiß, was du jetzt denkst, mein Schatz … Aber weißt du – Männer sind einfach so. Trotz meiner Gefühle für dich habe ich mit meiner Frau geschlafen. Verabscheuungswürdig, nicht wahr? Und die ganze Zeit war mir klar, dass du mich sowieso nicht nehmen würdest, wenn du wüsstest, dass sie ein Kind von mir unter ihrem Herzen trägt. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Nach der Geburt der Jungen, hat der Arzt Alison gesagt, dass sie keine Kinder mehr bekommen dürfe. Vielleicht war das der Grund …” Er runzelte die Stirn. “Mein Gott, ich sollte dich nicht noch mit all dem belasten, aber Tatsache ist, dass wir nach Jonnys Geburt getrennte Schlafzimmer hatten. Es ging ihr sehr schlecht, und der Arzt hat uns vor einer weiteren Schwangerschaft gewarnt. Die Pille konnte sie nicht vertragen, und wie auch immer … wir haben nicht mehr miteinander geschlafen. Bis auf dieses eine Mal. Ihre Eltern, und ihr Bruder mit Frau haben uns besucht, und wir brauchten das zusätzliche Gästezimmer, also musste ich in dieser Nacht bei ihr schlafen …”

“Was wird sie tun?”, fragte India mit trockenem Mund. “Abtreiben?”

Mel schüttelte den Kopf. “Nein, das kommt für sie überhaupt nicht in Frage, und ich muss gestehen, ich habe damit auch meine Probleme. Nein, heute Abend ist die Entscheidung gefallen. Hättest du zugestimmt, mich zu heiraten, hätte ich Alison um die Scheidung gebeten. Glücklicherweise bin ich in der Lage, auch zwei Familien zu unterhalten. Aber da du mich nicht willst, werde ich die Verantwortung für mein Kind übernehmen und mich bemühen, ihm ein stabiles Heim zu verschaffen. Alison geht es nicht gut, und …”

“Weiß sie …, weiß sie über deine Gefühle Bescheid? Ich meine …”

“Über dich?” Mel schüttelte den Kopf. “Nichts Genaues. Oh, sie merkt, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte. Ich werde für eine Weile weggehen, India. Ich weiß, es ist alles meine Schuld, aber ich brauche Zeit – Zeit, um Kraft zu sammeln …”

“Wo wirst du hinfahren?”

“Das weiß ich noch nicht.”

Sie verließen das Restaurant in einem Schweigen, das auch während der Taxifahrt anhielt, mürrisch auf Mels Seite und mitleidig auf Indias. Mitleid nicht nur für Mel, sondern auch für seine Frau. Das Taxi hielt vor dem ausladenden Appartementkomplex, wo Mel wohnte.

“Komm mit rauf auf einen Drink”, bat er leise, und India hatte nicht das Herz, ihm einen Korb zu geben.

Sie war zwar schon in seiner Wohnung gewesen, aber niemals mitten in der Nacht und allein mit ihm. Es war ein seltsam steriles, unpersönliches Appartement, trotz der kostbaren Möbel und Accessoires.

“Alison hasst diese Wohnung”, vertraute er India an, während er ihr einen Drink reichte. “Sie bevorzugt das Land. Ich glaube, ich gebe das Appartement auf. Ich habe jetzt eine Position in meinem Arbeitsleben erreicht, dass ich es mir leisten kann, die meisten Geschäfte von zu Hause aus zu erledigen … Alison und ich hätten nie heiraten dürfen. Wir sind zu verschieden.”

“Wie habt ihr euch kennengelernt?”, fragte India sanft, weil sie sein Bedürfnis spürte zu reden.

“Auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Ihre Familie hatte das, was man Einfluss nennt, kaum Geld, aber Generationen von blauem Blut und jede Menge richtiger Eheschließungen. Um die Geschichte abzukürzen, wir beide überzeugten uns gegenseitig, dass wir füreinander bestimmt seien, dass wir uns lieben würden und heirateten schließlich. Es dauerte nicht lange, bis die Luftblase platzte. Alison war es bald leid, mich sämtlichen Ehemännern ihrer Freundinnen vorzustellen, die dann vorbeikamen und sehr schnell jegliches Interesse an mir verloren.”

“Aber du hast sie doch einmal geliebt”, erinnerte ihn India sanft. “Und sie liebte dich. Ihr beide tragt eine Verantwortung euch gegenüber, und gegenüber euren Kindern.”

“Verantwortung?”, lachte Mel bitter auf. “Himmel, das ist eine absolut sterile, erbarmungslose Welt. Komm, lass mich dir ein Taxi rufen.”

“Es ist nicht weit. Ich kann laufen.”

“Auf keinen Fall.”

Schließlich erlaubte sie ihm, ein Taxi zu rufen und musste unwillkürlich lächeln, als er darauf bestand, sie hinunterzubegleiten und mit ihr auf das Taxi zu warten.

Ungeachtet des Taxis und des vorbeirauschenden Verkehrs nahm sie zum Abschied sein unglückliches Gesicht in beide Hände und schaute ihm fest in die Augen.

“Oh, Mel. Schau mich nicht so an. Es wird alles gut werden … Ich weiß es ganz sicher.”

“Wird es das?” Mit einem dumpfen Aufstöhnen zog er sie in seine Arme und küsste sie mit einer verzweifelten Leidenschaft, gegen die sie sich nicht wehrte, da sie wusste, dass sie den endgültigen Abschied bedeutete. Sie schloss ihn in die Arme – überwältigt von Mitleid und ungeachtet des vorbeibrausenden dunkelgrünen Ferraris und des bitteren Zynismus in den Augen des Mannes, der ihn chauffierte.

Die ganze letzte Woche hatte sie für eine ihrer ältesten Kundinnen und deren Tochter gearbeitet. Es ging um Designerroben anlässlich des achtzehnten Geburtstages des jungen Mädchens. Celia Harvey war klein und mollig, mit weichen dunklen Haaren und einem madonnenhaften Ausdruck im Gesicht. India wollte sie gerne in etwas Fließendes, Engelhaftes stecken, aber die junge Dame bestand energisch auf einem knappen, sexy Outfit. Ihre Mutter zog verzweifelt die Augenbrauen hoch, und India sympathisierte stark mit ihr.

Nun, entweder Celia würden ihre Kreationen gefallen oder sie konnte sich eine andere Designerin suchen, beschloss India schließlich und blickte seufzend auf den Stapel sorgfältig gezeichneter Entwürfe. Ihr Kopf begann zu schmerzen. Jennifer und die Mädchen aus dem Nähraum waren schon vor Stunden nach Hause gegangen. Sie schaute auf die Uhr. Fast neun. Sie wollte nur noch nach Hause, ein schönes Bad nehmen und in ihr Bett kriechen.

India zog eine Grimasse, als ihr der Brief einfiel, den sie heute von ihrem Steuerberater bekommen hatte. Ihr Problem war, dass ihre Kundschaft derart schnell expandierte, dass sie kaum noch dazu kam, die buchhalterischen Arbeiten zu erledigen. Am liebsten würde sie diese ganze Schiene abgeben – aber an wen? In diesen Momenten vermisste sie Mel. Wie selbstsüchtig, überlegte sie. Seit dem Abend im Jardines hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich hatte er sich schon längst, wie geplant, irgendwohin zurückgezogen.

Auch sie selbst hatte einen Urlaub dringend nötig. Aber der Sommer schien so weit weg wie noch nie. London erlebte gerade einen schrecklichen Frühling, mit kalten, stürmischen Winden und einem penetranten Dauerregen.

Selbstverständlich war auch kein Taxi in Sicht, als sie auf die Straße trat. Anstatt auf den Bus zu warten, setzte sie sich energisch in Richtung ihrer Wohnung in Bewegung. Genau zwischen zwei Bushaltestellen setzte ein eisiger Schauer ein, aber der heftige Wind verbot von vornherein den Versuch, einen Schirm aufzuspannen. Als sie endlich ihre Wohnung erreichte, war sie sowohl völlig durchnässt wie auch halb erfroren.

Sie rannte in ihr Bad und gab sich die nächste halbe Stunde dem Genuss eines heißen duftenden Bades hin. Dann schlang sie ein Handtuch um ihre frisch gewaschenen Haare und marschierte in die Küche, um sich eine Suppe heiß zu machen.

Wenn sie weiter in diesem Stil wie heute arbeiten würde, drohte ihr Appetit sie noch völlig zu verlassen, überlegte sie. Sie hätte die Arbeit für Celia ablehnen können. Ihre jetzigen Aufträge würden sie ohnehin schon bis zum Herbst beschäftigen. Die Arbeit im Salon drohte sie fast aufzufressen. Erst heute Morgen hatte Jenny sie darauf angesprochen, dass sie nie mehr die Zeit finden würde auszugehen oder irgendetwas anderes privat zu unternehmen.

“Immer nur Arbeit und keinen Spaß, macht die Jungfer trüb und blass”, zitierte Jennifer. Wo ist nur mein Sinn für Humor geblieben, überlegte India, die sich durch diese Bemerkung unverhältnismäßig getroffen fühlte.

“Mach dir nichts draus”, versuchte Jennifer, sie zu beruhigen, als sie es ihr später gestand. “Wir leiden alle von Zeit zu Zeit darunter.”

“Leiden? Unter was?”, fragte India unklugerweise.

Jenny schaute ihr eindringlich in die Augen. “Unter den Hormonen natürlich!”

War das die Antwort? Sie hatte nie das Gefühl gehabt, dass ihr ein Liebhaber oder so etwas fehlte. Aber irgendwie meldeten ihr Körper und ihre Psyche Bedürfnisse an, die sie bisher erfolgreich ignoriert hatte, die sich aber gerade jetzt im Frühling energisch meldeten. Der Frühling war die schlechteste Zeit, um allein zu sein.

Aber ich bin doch gar nicht allein, sagte sie sich beruhigend. Sie hatte doch jede Menge …

Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre trüben Gedanken. Sie lief in die Diele und nahm den Hörer ab.

“Miss Lawson?”, meldete sich eine energische, männliche Stimme. “Sie erinnern sich an mich? Simon Harries.”

Mit ihrer freien Hand raffte sie ihren seidenen Bademantel vorne zusammen, als ob er durchs Telefon sehen könnte, wie wenig sie anhatte. Ihr Mund fühlte sich trocken an, und ihr Herz schlug bis zum Hals.

“Ja, Mr. Harries”, sagte sie so kühl wie möglich. “Was kann ich für Sie tun?”

“Es geht nicht darum, was Sie für mich, sondern darum, was Sie für Melisande tun können.”

“Melisande?” India runzelte ihre Stirn. “Ich denke, die ist in den USA zu Filmaufnahmen.”

“So ist es auch. Sie wird aber an diesem Wochenende zurückkommen. Ich bereite eine Überraschungsparty für sie vor, und sie hat mich eindringlich darum gebeten, Sie einzuladen.”

“Mich? Aber …”

“Ich hoffe, Sie können es einrichten. Einige meiner Kollegen vom South-Mid-Sender werden auch kommen, und Melisande hat mir erzählt, Sie seien sehr daran interessiert, Filmgarderobe zu entwerfen.”

“Nicht besonders”, erwiderte sie kurz.

Was um alles in der Welt hatte dieser Mann an sich, dass sich ihre Haare aufstellten, wenn sie nur seine Stimme hörte.

“Melisande würde sehr enttäuscht sein …”

“Ich weiß wirklich nicht, ob ich es einrichten kann”, unterbrach India ihn. “Ich habe im Moment eine Menge Arbeit und muss erst in meinen Terminkalender schauen.”

“Sehr gut. Ich werde Sie morgen im Salon anrufen und hören, was Sie tun konnten”, sagte er kühl.

Nachdem er aufgelegt hatte, versuchte India, sich zu beruhigen, aber es gelang ihr einfach nicht. Nervös und gereizt tigerte sie in ihrer Wohnung hin und her, bis sie schließlich in ihrem Arbeitszimmer landete und dort bis tief in die Nacht über ihren Entwürfen brütete.

Am nächsten Morgen beim Kaffee erzählte sie Jenny von der Einladung.

“Natürlich gehst du hin”, beschloss ihre Sekretärin kategorisch. “Du Glückliche!”

“Aber …”, zögerte India. “Ich weiß wirklich nicht, wie ich das schaffen soll. Es gibt so viel zu tun im Moment.”

“Nichts, was nicht auch warten kann”, sagte Jenny energisch. “Schau, ich habe das Auftragsbuch hier. Du kannst tagsüber, jede Nacht und auch noch am Wochenende arbeiten.”

“Ja, aber Celias Kleid …”

“Vergiss Celia! Ich weiß sowieso nicht, warum du so viel Zeit an sie verschwendest. Wenn sie sich wie ein fetter, kleiner Tannenbaum rausputzen will, dann lass sie doch! Nein, ernsthaft – du musst dort hingehen. Du bist zwar meine Chefin, und ich hänge an meinem Job, aber zu meinen Aufgaben gehört auch, dass ich auf meinen Boss aufpasse, dass er sich nicht überarbeitet. Eine Party! Ein halbes Dutzend Stunden deines Lebens …”

So gesehen, waren ihre Vorbehalte wirklich ein wenig lächerlich, musste India zugeben. Sie wusste eigentlich selbst nicht, warum sie sich innerlich so gegen diese Einladung sperrte. Aber irgendwie hatte das mit Simon Harries zu tun.

“Weißt du, ich glaube, du hast einfach Angst, dort hinzugehen”, sagte Jenny nachdenklich, als sie ihre Kaffeepause beendet hatten. “Habe ich recht, India?”

“Nein! Nein …, natürlich nicht! Warum sollte ich auch?” Ja, warum auch?

Unvermittelt begann das Telefon zu klingeln.

“Es ist Simon Harries”, teilte ihr Jenny, die den Anruf angenommen hatte, flüsternd mit. “Soll ich ihm sagen, dass du kommst?”

“Das kann ich ihm auch selbst sagen, vielen Dank”, sagte India trocken und streckte die Hand nach dem Hörer aus.

“Haben Sie es einrichten können?”, fragte er ohne Umschweife. Offensichtlich hatte er nicht vor, mehr Zeit als unbedingt notwendig in so eine belanglose Sache zu investieren.

Sich Jennys Anwesenheit deutlich bewusst, versuchte India so kühl und unverbindlich wie nur möglich zu antworten. “Ja, ich denke schon.”

“Gut. Melisande wäre sonst auch sehr enttäuscht gewesen. Sie legt sehr viel Wert auf Ihr Erscheinen, und ich auch.”

Wieso fing ihr Puls bei diesen lässig hingeworfenen Worten nur so an zu rasen?

“Oh, ehe ich es vergesse. Bemühen Sie sich bitte nicht um ein Taxi. Ich werde Sie abholen. Um acht vor ihrer Wohnung – ich kenne die Adresse.”

Er hatte aufgelegt, ehe India einen Ton hervorbringen konnte.

“Nun?”, fragte Jenny neugierig. “Gehst du hin?”

“Es sieht wohl so aus”, erwiderte India langsam.

“Großartig! Alles, was du jetzt noch tun musst, ist zu überlegen, was du anziehst.”

3. KAPITEL

Bedeutende letzte Worte, dachte India reuevoll, als sie wenige Tage später ihre spärliche Garderobe inspizierte. Wie sie Melisande kannte, würden die meisten Gäste aus der Sparte Reich und Schön sein, Menschen, mit denen sie ohnehin nicht mithalten konnte.

Positiv denken, ermahnte India sich selbst. Sie mochte weder reich sein, noch einen Titel haben, aber sie war jung, einigermaßen attraktiv, und wenn sie auch nicht so auf Glamour bedacht war wie andere Frauen, brauchte sie sich in keinem Fall zu schämen.

Andererseits war ihr Hang zu zeitlos schlichter Kleidung heute vielleicht nicht unbedingt angesagt. Zwischen Melisande und den High Society-Damen würde sie sonst wie ein Karpfen in einem tropischen Aquarium wirken. Nervös befingerte sie ihr Samtkleid und errötete unwillkürlich, als sie an den Blick dachte, mit dem Simon Harries es an jenem Abend im Jardines betrachtet hatte.

Ohne sich weiter Rechenschaft über ihre Gefühle abzugeben, ging sie zum Telefon und bestellte sich ein Taxi. Als es kam, war sie gebadet und frisch geschminkt. Vor ihrem Salon bat sie den Fahrer, auf sie zu warten und lief eilig hinein.

Sie brauchte nicht lange, um zu finden, was sie suchte. Sie hatte dieses Abendkleid für eine junge Kundin gemacht, die es zu Weihnachten tragen wollte, sich aber unglücklicherweise ein Bein gebrochen hatte, womit der Tanzabend für sie ausfiel, und deshalb hing es immer noch hier. Sie schnappte das Kleid samt Schutzhülle und lief zum Taxi zurück.

“Tut mir leid, dass Sie warten mussten”, sagte sie zu dem Taxifahrer, der die Wagentür für sie aufhielt.

“Machen Sie sich darum keine Gedanken, meine Liebe”, erwiderte er mit einem leuchtenden Blick auf das Kleid und grinste breit. “Jedenfalls kommen Sie mit der Ausrede, die meine Frau immer gebraucht, nämlich, dass sie nichts anzuziehen hätte, nicht durch. Nicht mit so einem Haufen Kleider in ihrem Laden.”

Wieder in ihrer Wohnung schaute India hastig auf die Uhr. Noch fünfzehn Minuten, bis Simon Harries sie abholen wollte. Mit einem bisschen Glück musste das zu schaffen sein. In keinem Fall wollte sie ihn warten lassen. Sie hatte ohnehin Probleme damit, dass er sie hier abholen wollte. Es gab nur wenige Freunde, die Zutritt zu ihrer Wohnung hatten, alle anderen Treffen verlagerte sie grundsätzlich in ihren Salon.

In ihrem Schlafzimmer schlüpfte India hastig aus ihren Kleidern und ging dann ins Wohnzimmer, um das Abendkleid von der Schutzhülle zu befreien. Das trägerlose Kleid aus gekrinkelter, goldfarbener Seide umschloss eng ihren Oberkörper und die hochangesetzten Brüste. Der exklusive Schnitt brachte ihre weiblichen Hüften vorteilhaft zur Geltung und ließ ihre ohnehin schon langen Beine noch länger erscheinen. Das Kleid brauchte eigentlich keinen weiteren Schmuck. Das Einzige, was India sich umlegte, war eine schwere gedrehte Goldkette, die ihren schlanken Hals umschloss.

Sie besaß zwar keine Goldsandalen, aber ein elegantes Paar schwarzer Abendschuhe, die sie in Paris gekauft hatte und deren Absätze so hoch waren, dass sie die meisten Männer in ihrer Bekanntschaft weit überragte. Über das Kleid zog sie dann doch ihren schwarzen Samtmantel, und im nächsten Moment läutete auch schon die Türglocke. Sie hatte das Gefühl, dass ein ganzer Schwarm Schmetterlinge in ihrem Magen aufflog, warf noch einen schnellen Blick in den Spiegel und war ein bisschen erschrocken über das strahlende Bild, das dieser zurückwarf.

Der goldene Widerschein ließ ihre Haare dunkel leuchten und warf helle Reflexe auf ihren cremefarbenen Teint. Obwohl sie sehr schlank war, war ihr Busen größer als der des jungen Mädchens, für das sie das Kleid entworfen hatte, und so umschloss das Mieder ihre Brüste in einer, wie sie selbst fand, provozierenden Weise.

Doch jetzt war es zu spät, um noch etwas daran zu ändern. Sie griff nach ihrer Abendtasche, löschte das Licht im Schlafzimmer, ließ dafür eine kleine Lampe im Wohnzimmer brennen und öffnete schließlich die Tür.

Ihr erster Gedanke war, dass Simon Harries noch viel größer war als in ihrer Erinnerung. In jedem Fall war sie gezwungen, das Kinn zu heben, um ihn anzuschauen, während er einfach eintrat.

India runzelte die Stirn. Sie war gerade im Begriff gewesen, die Wohnung zu verlassen, und so hatte ihrer beider Bewegung sie einander so nahe gebracht, dass ihr sein herbes Rasierwasser in die Nase stieg.

“Sind sie sicher, dass es klug ist, das anzulassen”, fragte er und schaute über Indias Schulter. Sie drehte sich um, um seinem Blick zu folgen und stellte fest, dass er wohl die kleine Wohnzimmerlampe meinte, die ein warmes Licht verströmte. Noch ein weiterer Schritt und er stand schon mitten im Flur. India fühlte, wie ihr eine ärgerliche Röte ins Gesicht stieg. Dieser unverschämte, aufdringliche Kerl. Sie machte eine instinktive Bewegung, um ihn wieder hinauszukomplimentieren.

“Das lasse ich immer brennen”, sagte sie kühl.

“Warum? Um Diebe abzuschrecken? Oder haben Sie Angst vor der Dunkelheit?” Sein Blick wanderte über ihre Möbel zu ihrem versteinerten Gesicht. “Wohl eher nicht”, sagte er dann schleppend. “Also …?”

“Weil es mich willkommen heißt, wenn ich nach Hause komme.”

“Ah, ja.” Etwas Beunruhigendes und Fremdes glomm in seinen Augen auf. “Sie wissen sicher einiges über die Annehmlichkeiten des Willkommen-geheißen-Werdens?”, sagte er sanft. “Hat ihnen denn noch niemand gesagt, dass das auch gefährlich sein kann?” Ehe sie einschreiten konnte, durchquerte er ihr Wohnzimmer und löschte das Licht, aber nicht ohne sich noch einmal im Zimmer umzuschauen.

“Sehr nett”, bemerkte er nebenbei. “Sie sind eine beneidenswerte junge Frau, India. Ein eigenes Geschäft – ein sehr erfolgreiches sogar, wie ich feststellen konnte – Jugend, gutes Aussehen …” Sie waren inzwischen auf der Straße, und unter dichten, schwarzen Wimpern, die viel länger waren, als es einem Mann zustand, ließ er seine Augen gemächlich über ihre Erscheinung schweifen.

India kochte. Was erwartete dieser Kerl jetzt von ihr? Sollte sie sich etwa geschmeichelt fühlen? Aber Simon Harries war offensichtlich noch nicht mit ihr fertig.

“Und dazu noch einen hingebungsvollen Verehrer …, auch wenn er zufällig mit einer anderen verheiratet ist … Er muss Ihnen sehr ergeben sein, dass er Sie mit Ihrem Salon in so einer vornehmen Gegend etabliert hat. Beste Lage in Mayfair. Nicht gerade eine der billigsten Adressen. Es muss ihn einiges gekostet haben.”

Sie standen direkt vor dem Ferrari, und Simon hatte sich gerade hinuntergebeugt, um die Beifahrertür für India zu öffnen. Sie trat einen Schritt zurück und starrte ihn aus Funken sprühenden grünen Augen an.

“Zu Ihrer Information – niemand hat mich in meinem Salon etabliert, wie sie es auszudrücken belieben. Ich habe mir alles durch meiner eigenen Hände harte Arbeit verdient!”

“Und Melford Taylor hat also gar nichts damit zu tun, wollen Sie mir weismachen?”

India war versucht, ihn einfach stehen zu lassen, aber zwei Gründe hielten sie davon ab. Der eine war Stolz, denn es war zu vermuten, dass er denken würde, es sei doch etwas Wahres an seiner Theorie, wenn sie jetzt einfach weglaufen würde, und der andere Grund war, dass Simon Harries ihre Handgelenk wie mit einer Schraubzwinge umklammert hielt. Seine überlegene Stärke zwang sie, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Dann ließ er sie los und schloss die Tür. India rieb sich ihr Handgelenk und starrte versteinert aus dem Seitenfenster, während Simon um den Ferrari herumging, einstieg und den Motor startete.

“Eingeschnappt?”, fragte er zehn Minuten später, als India immer noch wütend vor sich hinstarrte. “Ich wollte nur die Wahrheit wissen.”

“Die Wahrheit”, knirschte India zwischen zusammengepressten Lippen hervor. “Ich bezweifle, dass Männer Ihrer Sorte überhaupt mit der Wahrheit umgehen können!”

“Männer wie ich sind die Einzigen überhaupt, die den Wert der Wahrheit kennen”, kam die prompte Antwort. “Ganz einfach, weil wir ausreichend Erfahrung mit dem Gegenteil haben machen müssen. Ihr Geschlecht wird niemals damit aufhören zu versuchen, die Männer davon zu überzeugen, dass es ganz natürlich ist, wenn ihr die Wahrheit nach Gutdünken oder schlicht zu eurem Vorteil frisiert und verdreht. Glauben Sie mir, ich weiß, was ich sage.”

“Da bin ich mir sogar sicher”, schnappte sie.

In der Dunkelheit des Wagens fühlte India, wie er sie anschaute und blickte unwillkürlich zu seinen Händen hinüber, die ruhig und fest das Lenkrad umschlossen. So würde er auch eine Frau halten, um sie vor aller Unbill des Lebens zu schützen, dachte sie und fühlte, wie ihr ein Schauder über den Rücken lief. Himmel! Was um alles in der Welt war denn auf einmal mit ihr los?

Der Verkehr wurde langsam weniger. India schaute im Schein der Straßenbeleuchtung auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass sie schon gut eine halbe Stunde unterwegs waren. Sie runzelte irritiert die Stirn. “Dauert es noch lange?”

“Dauert was noch lange?”, kam es gedehnt zurück.

Plötzlich gingen Indias überreizte Nerven mit ihr durch. “Spielen Sie keine Spielchen mit mir”, fauchte sie. “Sie wissen genau, was ich meine! Ist es noch weit bis zu Melisandes Wohnung?”

“Nicht besonders.”

India starrte ihn wütend von der Seite an und an dem Flattern seiner Wimpern sah sie, dass er sich ihres Starrens bewusst war, obwohl er den Blick nicht einmal von der Straße nahm. Der Ferrari erhöhte plötzlich seine Geschwindigkeit, sodass India in die weichen Ledersitze gedrückt wurde. Leicht irritiert schaute sie aus dem Fenster, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, dass sie an einer ihr vage bekannten Abzweigung vorbeifuhren.

“Was soll das? Dieses ist nicht der Weg zu Melisandes Wohnung”, empörte sie sich. “Auf dem Wegweiser stand M 4, Bath and South Wales!

“Das stimmt”, entgegnete Simon gelassen.

“Na und? Wollen Sie nicht wenden?”

“Warum?”

“Warum?” India starrte ihn fassungslos an. “Weil wir auf dem falschen Weg sind, deshalb!”

“Oh nein, das sind wir nicht.” Er sprach die Worte so sanft aus, dass sie glaubte, sich verhört zu haben. “Wir sind genau auf dem Weg, den ich vor Augen hatte, als ich Sie darum bat, zu Melisandes Party zu kommen”, erklärte er gelassen und verzog dann seine Lippen zu einem sardonischen Grinsen. “Ich wusste, dass Sie den Köder schlucken würden.”

“Köder?”, fragte India tonlos. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

“Ja, die Aussicht auf einen Vertrag mit dem Sender als Designerin für Filmgarderobe.”

Für einen Moment hatte es India die Sprache verschlagen, aber nur für einen Moment.

“Was soll das? Wo ist Melisande?”, sprudelte sie dann hervor. “Wo bringen Sie mich hin?”

“Welche Frage zuerst”, forschte er zynisch. “Dieses, meine liebe India, ist eine Art von …, Vergeltung sollte ich es vielleicht nennen. Ein theatralischer Begriff, aber vielleicht trifft er ja doch ziemlich den Kern der Sache. Was Melisande betrifft …, meines Wissens ist sie immer noch in Kalifornien. Und nun zu Ihrer dritten Frage. Die lautete glaube ich, ‘Wo bringen Sie mich hin?’, nicht wahr?” Er hatte ihren halb fragenden, halb ängstlichen Tonfall glänzend imitiert, und India kochte vor Empörung.

“Ich bringe Sie zu einem kleinen Cottage in Dorset, das mir gehört, und dort werden wir beide das Wochenende miteinander verbringen. Am Montagmorgen werde ich Sie wieder vor Ihrem Salon absetzen, wobei wir hoffentlich eine Menge Zuschauer haben werden. Gleich morgen früh werde ich Ihre fähige Sekretärin vom Cottage aus anrufen, um ihr zu erklären, dass sie am Montag etwas später zur Arbeit kommen werden, und auch warum …”

Seine Augen funkelten in der Dunkelheit, und Indias Verstand weigerte sich zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. Aber ein bösartiges Grinsen, das sie im flüchtigen Mondschein aufblitzen sah, belehrte sie eines Besseren.

“So, wie ich Ihre Sekretärin einschätze, wird es maximal eine Woche dauern, bis alle, die es hören wollen oder auch nicht, darüber informiert sind, dass Ihr nobler Gönner weitere Wohltäter neben sich dulden muss.”

“Aber warum? Ich verstehe das nicht. Sie mögen mich nicht einmal. Sie können mich doch nicht …”

“Begehren?” Er machte sich offen über sie lustig, aber in seiner Stimme schwang auch verhaltene Wut mit. “Nein, ich begehre Sie ganz bestimmt nicht!”

“Also, warum?”, fragte India hilflos, während sich ihre Gedanken völlig verwirrten. War das vielleicht alles nur ein schlechter Scherz? Sie starrte hoffnungsvoll auf das harte Profil neben sich.

“Fragen Sie Melford Taylor!”, drang es hasserfüllt an ihr Ohr. “Oder besser, fragen Sie seine arme Frau – meine Cousine! Ihre Eltern haben mir nach der Scheidung meiner Eltern die Familie ersetzt, sie haben mir über die schwere Zeit geholfen. Alison war wie eine Schwester für mich. Ich habe ihr sogar Melford vorgestellt! Sie wissen doch wohl, dass Ihr Liebhaber zwei Söhne mit einer anderen Frau hat, nämlich seiner eigenen Ehefrau?” Er konnte seine Stimme kaum noch kontrollieren. “Und Sie hatten trotzdem keinerlei Skrupel, den Kindern den Vater zu stehlen?”

“Aber da ist doch gar nichts! Niemand …”

“Niemand weiß davon? War es das, was Sie sagen wollten? Sind Sie wirklich so naiv, dass sie glauben, eine Frau, die über zehn Jahre mit einem Mann zusammenlebt, würde nicht merken, wenn er sich einer anderen Frau zuwendet? Aber das ist noch nicht alles. Alison wird noch ein Kind bekommen – Melfords Kind …”

“Ich weiß.” Die Ruhe, mit der sie diese beiden Worte ausgesprochen hatte, stand plötzlich zwischen ihnen. Der Ferrari brauste die M 4 entlang, und India versuchte verzweifelt, Ordnung in das Chaos zu bringen, das in ihrem Kopf tobte.

“Sie wissen es, und haben trotzdem gehofft, er würde Alison und seine Kinder aufgeben, um Sie zu heiraten.”

“Ich will auf keinen Fall, dass er sich scheiden lässt”, sagte India völlig aufrichtig.

“Tatsächlich nicht?”, höhnte Simon. “Sie haben ihn ganz schön am Haken, nicht wahr? Mal heiß, mal kalt. Aber immerhin haben Sie ihm zu ein wenig Rückgrat verholfen. Vor einem Monat hat Alison mir erzählt, dass sie befürchtete, Mel sei kurz davor, sie zu verlassen.”

Vor einem Monat! Das war zu dem Zeitpunkt, als er von Melisande erfahren hatte, dass sie Melfords Geliebte sei. Sie wandte sich ihm zu, aber die Worte erstarben auf ihren Lippen, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. So leicht würde er sich nicht überzeugen lassen, indem sie ihm einfach nur die Wahrheit sagte. Sollte er doch denken, was er wollte, beschloss sie in einem plötzlichen Anfall von Trotz. Sollte er doch!

“Und warum haben Sie mich jetzt entführt”, fragte sie brüsk. “Um mich mit Mels Frau zu konfrontieren und mich zu zwingen, Mel aufzugeben?”

“Alison hat schon genug auszustehen. Sie ist zehn Jahre älter als Sie, und hat eine schwierige Schwangerschaft. Können Sie sich überhaupt vorstellen, was eine Begegnung mit Ihnen, mit Melfords Betthäschen, bei ihr auslösen würde?”

Seine Finger schlossen sich hart um Indias Hand, die sie erhoben hatte, um ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

“Oh nein, das werden Sie nicht tun, Sie kleine Höllenkatze!”, knurrte er.

“Ich werde Mel erzählen, was Sie mir angetan haben”, fauchte sie, den Tränen nahe.

“Dazu werden Sie keine Gelegenheit haben”, sagte er plötzlich mit beängstigend sanfter Stimme. “Er wird es vorher schon von anderer Seite hören. Was glauben Sie, warum ich das alles veranstalte. Bestimmt nicht, um zu sehen, ob Sie wirklich so gut im Bett sind, wie Mel es offensichtlich glaubt – darauf können Sie Gift nehmen!”

“Dazu werden Sie auch keine Gelegenheit bekommen”, zischte India, zu wütend, um seine Unterstellungen zurückzuweisen. “Sie sind der letzte Mann, mit dem ich das Bett teilen würde oder irgendetwas anderes!”

“Gut. Bleiben Sie dabei, dann werden wir das Wochenende einigermaßen erträglich über die Runden bringen können. Ach übrigens, sie werden die kleine Pointe, die ich in meinen Plan eingearbeitet habe, bestimmt zu schätzen wissen, da bin ich sicher. Alison weiß, dass ich zum Wochenende aufs Land komme und wird bestimmt mal bei mir hereinschauen. Ich würde gern Mels Gesicht sehen, wenn sie ihm erzählt, wen sie bei mir gesehen hat, Sie nicht auch?”

“Sie …, Sie Sadist.” Sie spuckte vor ihm aus und griff instinktiv nach dem Türgriff. Aber es schien so, als hätte Simon Harries mit so etwas gerechnet, denn die Beifahrertür war fest verriegelt.

“Oh nein”, sagte er ruhig. “Bis dieses Wochenende vorbei ist, lasse ich Sie nicht aus den Augen.”

“Ganz egal, was Sie tun, für Mel wird es keinen Unterschied machen”, teilte India ihm mit. “Alles, was ich tun muss, ist, ihm einfach die Wahrheit zu sagen.”

“Die Wahrheit ist, dass Sie ein Wochenende mit mir verbringen werden”, erinnerte er sie brutal. “Mel ist auch nur ein Mann, India. Er wird selbstverständlich denken, dass ich das getan habe, was er unter diesen Umständen auch tun würde. Selbst wenn ich ihm versichern würde, dass unsere Beziehung rein platonisch sei, würde er es nicht glauben. Das ist die Macht der Eifersucht.”

“Sie sind verabscheuungswürdig …, einfach widerwärtig!” schleuderte India ihm entgegen. “Sie …”

“Nicht verabscheuungswürdiger oder widerwärtiger als Sie”, entgegnete er hart. “Oder halten Sie es nicht für verwerflich, eine Ehe, eine Familie zu zerstören. Können Sie sich an Mels Geld wirklich freuen?”

“Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich mir alles selbst …”

Sie brach ab, weil Simon seinen Kopf zurückgeworfen hatte und hemmungslos lachte. “Ach ja, natürlich. Sie schlafen mit Mel nur aus reiner Menschenfreundlichkeit. Sie sollten flexibler sein. Vielleicht würden Sie über kurz oder lang feststellen, dass, mit mir ins Bett zu gehen, für Sie auf Dauer noch viel lukrativer sein könnte. Sie sollten nur nicht auf so unsinnigen Forderungen wie Diskretion bestehen. Ich dachte, das sei eine Lektion, die Sie schon längst gelernt hätten.”

Als sie die Schnellstraße verlassen hatten und auf einer holprigen Landstraße weiterfuhren, hatte India längst die Hoffnung aufgegeben, Simon von ihrer Unschuld zu überzeugen. Trotzdem startete sie einen letzten Versuch.

“Und wenn ich Ihnen sagen würde, dass Sie absolut danebenliegen? Dass ich niemals Mels Geliebte war? Dass ich keinerlei Bedürfnis hatte und habe, seine Ehe zu zerstören, sogar im Gegenteil …”

“Zu spät, meine Liebe”, antwortete er knapp und nahm eine scharfe Kurve. “Ich habe Ihnen doch erklärt, dass ich meine Lektion über die Wahrheitsliebe der Frauen gelernt habe. Da sind wir”, fügte er hinzu und hielt am Ende eines kleinen Feldweges. “Mrs. Barton aus dem Dorf wird inzwischen alles für uns vorbereitet haben. Ich habe ihr erzählt, dass ich einen Freund mitbringe und nicht gestört werden möchte. Was ist los?”, fragte er mit einem flüchtigen Blick auf ihr schneeweißes Gesicht. “Wünschten Sie, Mel wäre an meiner Stelle?”

Sie musste versuchen, die Autoschlüssel zu schnappen, wenn er ausstieg, sonst …

Der Wagen hielt an, und unter anderen Umständen wäre India von dem kleinen Landhaus, das vor ihnen lag, bezaubert gewesen. Sie wartete, dass Simon aussteigen würde, aber zu ihrer Bestürzung legte er den ersten Gang ein und fuhr langsam auf das Garagentor zu, das sich per Fernbedienung öffnete und hinter ihnen gleich wieder schloss. Von der Garage führte eine Tür direkt ins Haus. So viel zu meinen Fluchtplänen, dachte India bitter und zwang sich sitzen zu bleiben bis Simon die Autotür für sie öffnete.

Er fasste nach ihrem Ellbogen, um ihr aus dem Wagen zu helfen, und schob sie dann durch die Verbindungstür ins Haus. Er verschloss die Tür hinter sich und machte Licht.

Sie befanden sich in einem Wirtschaftsraum zwischen Waschmaschine und Kühltruhe. Simon ging weiter und zwang India, ihm zu folgen. Der nächste Raum war offensichtlich die Küche. Sie war großzügig geschnitten, komfortabel eingerichtet und mit wunderschönen, handgearbeiteten Möbeln ausgestattet. Eine richtige Familienküche, und keineswegs die passende Umgebung für diesen ebenso kultivierten wie arroganten Single, dachte India.

“Was ist los”, fragte Simon emotionslos. “Versuchen Sie, den Preis abzuschätzen? Das wird Ihnen nicht gelingen. Ich habe es von meinem ersten Verdienst als Ruine gekauft.”

“Und haben seitdem eine Menge investiert”, erwiderte sie scharf.

“An Zeit und an Knochenarbeit – nicht an Geld. Können Sie sich nicht vorstellen, dass ich Spaß daran haben könnte, altes Handwerk wieder auferstehen zu lassen? Aber Sie wissen ohnehin nichts über mich, oder?”

“Und Sie wissen nichts über mich”, feuerte sie ihm entgegen. “Sie beschuldigen mich einfach, die Ehe ihrer Cousine zu zerstören und …”

“Okay, das reicht! Wenn Sie vorhaben, hysterische Anfälle zu bekommen, dann bitte bei der Spüle. Das macht es einfacher, Ihnen kaltes Wasser über den Kopf zu schütten.”

Etwas in seinem Ton machte India klar, dass er nicht scherzte.

“Kommen Sie”, sagte er barsch und fasste wieder nach ihrem Arm. Sie würde morgen blaue Flecken haben, überlegte sie verdrossen.

“Wieso glauben Sie, mich das ganze Wochenende hier festhalten zu können”, fragte sie, während sie eine gemütliche Wohnhalle durchquerten.

“Ganz einfach. Wenn Sie nicht mit mir zusammen sind, werde ich Sie in Ihrem Zimmer einschließen.” Er zog einen Schlüssel aus der Hosentasche. “Eine wunderbare Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts, als die Menschen sich entschlossen, eine Privatsphäre zu haben”, sagte er spöttisch. “Jeder Raum in diesem Haus ist mit einem Türschloss und Schlüsseln versehen. Und raten Sie mal, wer die alle hat?”

Er schaute ihr prüfend ins Gesicht. “Vor allen Dingen unterlassen Sie solche heroischen Schulmädchenaktionen, wie etwa sich durchs Fenster abzuseilen, denn das Zimmer, in dem ich Sie unterbringen werde, ist mit einer anderen segensreichen Erfindung ausgestattet, nämlich mit soliden Eisengittern vor den Fenstern.”

“Ich wundere mich nur, dass Sie mich nicht in Ihrem eigenen Zimmer gefangen halten”, sagte India ironisch.

“Wozu?”, kam die brutale Entgegnung. “Ich bin im Moment nicht so sehr im Notstand, dass ich mich an Mels abgelegter Geliebten vergreifen müsste, und werde es wohl auch nie sein.”

Dieses Mal schlug India ihn ins Gesicht. Zielsicher und hart landete ihre flache Hand auf seiner Wange. Das laute Klatschen erschreckte sie ebenso, wie es auch ihn überrascht hatte, und sie starrte atemlos und mit wachsendem Entsetzen auf das rote Mal, das sich auf seinem blassen Gesicht abzeichnete. Schon als Kind hatte sie eine unüberwindbare Abneigung gegen jede Form von körperlicher Gewalt gehabt, war hilflose Zielscheibe für jeden Rabauken gewesen. Deshalb war sie über ihre eigene Reaktion mindestens so schockiert wie Simon Harries.

“Hexe”, Simon atmete heftig, und die Muskeln an seinem Hals traten hervor wie Kälberstricke. India beobachtete ihn mit wachsender Panik.

“Oh nein”, sagte er gefährlich leise. “Darauf falle ich nicht herein. Erst provozieren und dann verführen, ja? Dafür kenne ich das Spiel viel zu gut. Was versprechen Sie sich davon? Sicher sind sie weder so optimistisch, noch so dumm, dass Sie glauben, mich damit dazu zu bringen, meinen Plan aufzugeben. Oder sind Sie einfach scharf auf mich? Mel war eine ganze Weile nicht da, stimmt’s? Sie sind ja eine wahre Wundertüte. Kennen alle kleinen Tricks, nicht wahr? Eine kleine Lampe anlassen, für ein einladendes Heimkommen …”

“Ich hasse Sie”, stieß India hervor. “Ich weiß noch nicht wie, aber Sie werden für alles bezahlen, was Sie mir angetan haben – bitter bezahlen!”

Er ignorierte sie, während er sie grob über eine ausgetretene Treppe zu einer kleinen Galerie zog. Er steckte den Schlüssel, den er ihr gezeigt hatte, in das Schloss einer schmalen Tür am Ende der Galerie, schloss auf und drängte sie in das Zimmer. Es war ein kleiner Raum, in dem wenig mehr als ein Bett stand. India erschien es wie eine Gefängniszelle.

“Entschuldigen Sie bitte das Fehlen typisch weiblicher Accessoires”, murmelte er spöttisch. Wenn Sie das Bad benutzen wollen, haben Sie genau fünfzehn Minuten. Es lässt sich übrigens nicht von innen abschließen.”

Er presste die Lippen zusammen, als India ihm einen mörderischen Blick zuwarf.

“Nun kommen Sie schon, stellen Sie sich bloß nicht so zimperlich an. Wir beide wissen doch nur zu gut, dass Sie kein unschuldiges kleines Mädchen mehr sind.”

“Ich habe keine Schlafsachen mit”, protestierte India und wurde blutrot, als sie sah, wie er ihren Körper träge von oben bis unten musterte.

“Nein”, stimmte er zu. “Wenn Sie es nicht gewohnt sind, allein zu schlafen, werden Sie heute Nacht sicherlich frieren. Es würde Ihnen gar nichts schaden, etwas leiden zu müssen, aber das Letzte, was ich will, ist ein Grippefall in meinem Haus. Ich werde sehen, was ich finden kann. Kommen Sie mit.”

Er zog Sie hinter sich her in einen gemütlichen, holzvertäfelten Raum, der in Blau und Beige gehalten war und ihm offensichtlich als Schlafzimmer diente.

“Warten Sie hier”, er stieß sie auf das weiche Doppelbett und öffnete eine Kommode, um einen Seidenpyjama herauszuholen.

“Gucken Sie nicht so ängstlich. Sie werden sich schon nicht anstecken. Er ist noch nie getragen worden. Ich habe ihn für … Überraschungsgäste. Ich selber trage gar keinen … Hallo, sie werden ja rot. Schlaues Mädchen.” Er grinste zynisch. “Das muss Mel besonders gefallen haben. Er ist so ein altmodischer Typ, deshalb war er für Sie wohl auch so leicht zu handhaben. Er konnte noch nie einer herzerweichenden Geschichte widerstehen.”

“Ganz im Gegensatz zu Ihnen. Sie sind einfach unmenschlich, wissen Sie das?”

“Fünfzehn Minuten fürs Bad”, erinnerte er sie. Gereizt schnappte sie sich den Pyjama und verschwand im Bad. Als sie eine Viertelstunde später wieder herauskam, fand sie Simon Harries an die Wand gelehnt stehen. Er ließ seinen Blick über ihr abgeschminktes Gesicht gleiten und verweilte auf ihren Brüsten, die sich deutlich unter dem Seidenpyjama abzeichneten. Sie hasste ihn dafür, dass er sie zwang, sich ihres eigenen Körpers bewusst zu werden, und noch mehr hasste sie sich selbst für ihre Reaktion auf diese unverschämte Musterung.

Das kleine Schlafzimmer war kalt und ungemütlich. Unruhig warf sie sich im Bett hin und her und schmiedete mehr oder weniger sinnvolle Fluchtpläne. Plötzlich hörte sie das Wasser im Bad rauschen und fühlte, wie ihr Mund trocken wurde und ihr Herz anfing, schmerzhaft zu klopfen. Was war nur mit ihr los? Sie hatte nichts von Simon Harries zu befürchten, das hatte er ihr mehr als deutlich zu verstehen gegeben. Sie musste einfach nur ruhig abwarten. Früher oder später würde sich schon eine Gelegenheit zur Flucht ergeben, und selbst wenn nicht, würde sie dieses Wochenende auch überleben. Es war schon sehr spät, als sie endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

4. KAPITEL

Als India ihre Augen öffnete, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie war. Alles, was sie sehen konnte, waren die tanzenden Sonnenstrahlen, die durch das vergitterte Fenster auf ihr Bett fielen. Ihr Herz schlug dumpf, und sie fühlte einen Anflug von Panik, als ihr wieder einfiel, dass sie wirklich so etwas wie eine Gefangene in den Händen von Simon Harries war.

Unter anderen Umständen hätte sie der Blick aus dem Fenster ganz sicher begeistert. Selber in Cornwall geboren, sehnte sie sich oft nach dem Landleben und dem Meer. Doch hier war nichts von der wilden, faszinierenden Atlantikküste zu sehen. Meile für Meile dehnte sich eine zartgrüne Hügellandschaft vor ihren Augen aus, hier und da unterbrochen von hellen Flecken verschiedenster Frühlingsblumen.

Wenn ihr dieses Haus gehörte, würde sie als Erstes die Gitter vor dem Fenster entfernen, und die tiefe Fensternische als kuschelige Sitzecke einrichten. Vielleicht mit einer gepolsterten Bank, in der man bequem das Kinderspielzeug unterbringen konnte, schöne Baumwollstoffe von Laura Ashley für Gardinen und den Bettüberwurf, ihre Lieblingstapeten von Liberty’s, gewachste Dielen … Sie war so versunken in ihren Fantasien, dass sie fast vergessen hätte, warum sie überhaupt in diesem Zimmer war – aber eben nur fast.

Vorsichtig raffte sie den Seidenpyjama vor ihrer Brust zusammen und schlich zur Tür. Konnte sie Simon Harries wirklich trauen, wenn er ihr versicherte, dass der Pyjama noch nie getragen worden war? Allein der Gedanke daran, dass die schwere Seide schon einmal mit seinem maskulinen Körper in Berührung gekommen sein könnte, ließ ihr Blut schneller durch die Adern fließen. Warum ließen sie nur alle anderen Männer, die sie bisher kennengelernt hatte, so kühl, um nicht zu sagen kalt, und dieser Mann, den sie nicht einmal ausstehen konnte, rief solche körperlichen Reaktionen in ihr hervor?

Es musste so eine Art rein physisches Charisma sein, überlegte sie ernsthaft und schüttelte sich unwillkürlich, um diese ungewohnten Emotionen loszuwerden. Dann fasste sie mit ihrer freien Hand nach der Türklinke. Zu ihrem großen Erstaunen war die Tür nicht verschlossen. Ohne zu zögern, trat sie rasch aus dem Zimmer und fand sich in der nächsten Sekunde mit ihrem Gesicht an Simon Harries’ gebräuntem Hals wieder. Hastig schlug sie die Augen nieder – ein schwerer Fehler, wie sie sofort bemerkte. Der leichte Morgenmantel, der seine einzige Bekleidung zu sein schien, war an den schmalen Hüften nur lose zusammengehalten und ließ sehr viel von seiner muskulösen, dunkel behaarten Brust sehen, die er träge und gedankenverloren mit seiner kräftigen, braunen Hand massierte.

India stockte der Atem. In ihrem Körper breitete sich eine Hitze aus, die ihr fast die Besinnung raubte. Sie war so überwältigt von diesem unbekannten Gefühl, dass sie sich nicht bewegen konnte. Mühsam riss sie ihren Blick von Simon Harries’ Körper los und zwang sich, ihm ins Gesicht zu schauen. Sein zynisch amüsierter Blick sagte ihr, dass ihm ihre Reaktion keineswegs entgangen war. Röte schoss ihr ins Gesicht, und sie fing unkontrolliert an zu zittern. Instinktiv streckte sie die Hand aus, um sich am Türrahmen festzuhalten, aber was sie dann umklammerte, war nicht der Pfosten, sondern Simons kräftiger Arm.

“Wollten Sie ausgehen?”

“In diesem Aufzug?”, fragte sie in betont forschem Tonfall.

Wenn sie gehofft hatte, ihn damit in seine Schranken zu verweisen, sah sie sich sehr schnell getäuscht. Aufreizend langsam ließ er seinen Blick über ihre vollen Brüste gleiten, um dann träge auf ihrer schlanken Taille und den langen Beinen zu verweilen.

“Das dürfte sicherlich einiges Aufsehen erregen”, sagte er gedehnt. “Aber ich dachte nicht, dass Sie sich von so einer Kleinigkeit beeindrucken ließen … Abgesehen davon würden Sie ohnehin nicht weit kommen. Die Garage ist wie alle anderen Türen abgeschlossen, und ich verwahre die Schlüssel. Aber vielleicht wollen Sie ja auch in mein Zimmer einbrechen und danach suchen?”

Er sagte das in so anzüglichem Ton, dass India schon wieder die Röte ins Gesicht schoss. Alle ihre Vorsätze, ihren Mund zu halten und ihn an diesem Wochenende nicht weiter zu provozieren, verschwanden in einer Sekunde. Sie verengte ihre Augen zu schmalen Schlitzen und holte tief Luft.

“Warum …?”

“Simon, bist du schon auf?”

Harte Finger legten sich über ihren Mund und blitzende graue Augen warnten sie, auch nur einen Mucks zu machen. “Mel ist bei mir”, fuhr die liebenswürdige Stimme zu Indias Entsetzen fort. “Er ist gerade nach Hause gekommen. Dürfen wir raufkommen?”

Ohne der Frau zu antworten, die India unschwer als Mrs. Alison Taylor identifizieren konnte, zerrte Simon sie, immer noch mit der Hand auf ihrem Mund, in sein Schlafzimmer. Verzweifelt versuchte sie, sich zu befreien, aber er stieß sie mit einer harten Bewegung auf sein Bett und drückte sie mit seinem Körpergewicht in die Kissen.

India konnte Schritte auf der Treppe hören. “Ich bin mir sicher, dass er gesagt hat, er würde das Wochenende hier verbringen”, hörte sie die weibliche Stimme in verwirrtem Ton sagen. “Mrs. Barton hat mir gestern erzählt, dass sie den Kühlschrank für ihn aufgefüllt hätte.”

“Vielleicht ist er unterwegs, um eine seiner Freundinnen zu besuchen. Du kennst doch Simon.”

India schloss gequält die Augen, als sie Melfords vertraute Stimme hörte. Als sie sie wieder öffnete, sah sie, dass Simon Harries sie mit einem kalten, distanzierten Blick musterte, der alle Alarmglocken in ihrem Kopf schrillen ließ.

Sie hörten das Öffnen der Tür beide im gleichen Moment. India schloss wieder gequält die Augen, öffnete sie aber sofort wieder mit einem erstickten Laut, als sie fühlte, dass Simon ihren Pyjama mit einem Ruck über der Brust aufriss, sodass ihre milchweiße Haut und die zarten rosa Brustspitzen seinem kalten Blick preisgegeben waren. Ihren Protestschrei erstickte er mit seinen harten Lippen und drückte ihren sich windenden Körper mit seinem Gewicht tief in die weichen Kissen. Panik und Hysterie drohten sie zu ersticken, während sie fieberhaft versuchte, sich gegen seine starken Hände zu wehren, die schamlos jeden Zentimeter ihrer zarten Haut zu erforschen schienen.

Die Schlafzimmertür flog auf, und eine schlanke, dunkelhaarige Frau stand neben Melford Taylor in der Tür. Einen Moment lang herrschte atemlose Stille, dann fing Alison hastig an zu sprechen. Sie entschuldigte sich bei Simon, der scheinheilig versuchte, Indias Blöße mit dem Pyjama zu bedecken, und damit zumindest die Aufmerksamkeit von Melfords aschgrauem Gesicht ablenkte, das sich qualvoll verzerrt hatte.

“Ihr hättet klopfen können”, sagte Simon gedehnt. “Was treibt euch zu dieser unchristlichen Zeit hierher?” Er ließ seiner Cousine gar nicht erst die Zeit zu antworten. “Entschuldigt bitte meine Unhöflichkeit, das ist India. India, meine Cousine Alison und ihr Ehemann Mel. Mel, niemand erwartet unter diesen Umständen ein Händeschütteln von dir”, fügte er mit einem sardonischen Lächeln hinzu, als Mel instinktiv einen Schritt vorgetreten war, und dann wie erstarrt stehen blieb.

“Wir sind gekommen, um dich zu fragen, ob du mit uns in der Tenne essen möchtest”, sagte Alison hastig. “Aber …”

“Hört sich gut an”, unterbrach Simon sie geschmeidig, während er angelegentlich nach Indias Hand griff, wobei die Härte des Druckes ihr unmissverständlich klarmachte, dass sie sich immer noch in seiner Gewalt befand. “Wir werden es genießen, nicht wahr, Liebling? Zumal du dann nicht extra für mich kochen musst.”

“Das macht mir doch nichts aus”, protestierte India kokett, während sie sich unbehaglich Mels brennender Blicke bewusst war. “Du weißt doch, wie gerne ich dich verwöhne …” Mein Gott, wie es schmerzte, diese Lügen aus ihrem zugeschnürten Hals hervorzubringen, aber es gab keine Alternative.

Simon brach in glucksendes Gelächter aus, und seine drängenden Lippen an ihrem Hals ließen ihren Puls rasen. “Du sollst deine Energie nicht fürs Kochen verschwenden”, murmelte er mit falscher Sanftheit. “Ich kann mir einen weitaus attraktiveren Zeitvertreib vorstellen, du nicht auch?”

“Siehst du nicht, dass du das arme Mädchen in Verlegenheit bringst?”, wies seine Cousine ihn zurecht und lächelte India freundlich zu.

Ich bringe sie in Verlegenheit?” Die schwarzen Brauen schossen mokant nach oben. “Meine liebe Alison, nicht ich bin einfach hier hereingestürzt, und das ausgerechnet in dem Moment, wo …”

“Schon gut, es tut mir wirklich leid”, unterbrach Alison ihn hastig und griff nach Mels Arm. “Das war doch nur, weil ich nicht abwarten konnte, dir zu erzählen, dass Mel endgültig zurückgekehrt ist.”

“Nun, jetzt habt ihr es mir ja erzählt.”

“Dann sehen wir uns später in der Tenne? Entschuldigen Sie bitte unser unhöfliches Eindringen, India – was für ein ungewöhnlicher Name …”, fügte Alison hinzu.

“Mein Vater hat ihn ausgesucht. Er arbeitete gerade als Ingenieur in Indien, als ich geboren wurde”, erklärte India und wäre dabei am liebsten vor Scham im Boden versunken. Was ging es sie an, was diese Frau von ihr dachte. Sie würde sie wahrscheinlich nie wieder in ihrem Leben zu Gesicht bekommen. Aber da war auch noch Mel. Er hatte India keine Sekunde aus den Augen gelassen, während sie seinem Blick geflissentlich ausgewichen war. Was um alles in der Welt musste er jetzt von ihr denken? Nun gut, Simon Harries war zwar nicht verheiratet so wie Mel, aber ihr war ganz elend bei dem Gedanken, dass Mel dieses Haus verlassen könnte in dem Glauben, dass sie ein Verhältnis mit Simon hätte. Sie würde ihm so schnell wie möglich die Wahrheit sagen.

“Also dann bis später. Bemüht euch nicht, wir finden selbst hinaus”, versicherte Alison fröhlich.

“Es tut mir leid, dass wir Ihr Vergnügen gestört haben”, sagte Mel mit tonloser Stimme, die vor verhaltenem Schmerz zitterte, und riss seinen brennenden Blick von Indias kaum verhüllter Gestalt los. Als er die Tür erreicht hatte, versuchte sie in einem wilden Impuls aufzuspringen und ihm hinterherzulaufen. Aber, als wenn er ihre Gedanken gelesen hätte, griff Simon hart nach ihrem Handgelenk und riss sie zu sich herunter.

“Würdest du bitte die Tür hinter dir schließen, Mel? Ach, und bitte doch Alison, auch die Haustür hinter euch abzuschließen!”

“Keinen Mucks!”, knurrte er drohend, während sich die Tür langsam schloss. “Es würde alles noch schlimmer machen. Es war zwar nicht genau das, was ich geplant hatte, aber es erfüllt seinen Zweck. Nichts ist überzeugender, als der eigene Augenschein. Und jedes Kind weiß – was man mit eigenen Augen sieht, muss auch die Wahrheit sein, oder?”

“Wie konnten Sie nur”, keuchte India immer noch fassungslos. “Wie konnten Sie so etwas nur tun?”

“Ganz einfach”, kam die prompte Antwort. “Ganz einfach”, wiederholte er noch einmal langsam, aber jetzt in einem ganz anderen Ton, und India fröstelte, als sie seinen sengenden Blick sah, der ihren Körper entlangwanderte. “Rein physisch ist nichts an Ihnen auszusetzen, das bestätigt mein Körper mir eindeutig, aber … ich bin nun mal aus dem Teenageralter raus und suche doch noch etwas anderes bei einer Frau – Aufrichtigkeit, Hingabe, die Fähigkeit, etwas von sich abzugeben.”

“Und Sie, was bieten Sie ihr dafür im Gegenzug?”, ging sie törichterweise auf sein Spiel ein. “Nichts sehr Beeindruckendes, wenn man irgendetwas auf den Zeitungsklatsch geben kann. Durchschnittlich kommen dabei ein paar Monate an Ihrer Seite heraus, bis dann vielleicht Ihre körperlichen Vorzüge ihren Reiz verlieren.”

“Was soll das werden – ein Annäherungsversuch?”, grinste Simon Harries. “Na kommen Sie schon”, sagte er verächtlich. “Ich habe doch gesehen, wie Sie mich im Flur angestarrt haben. Was ist Ihr Problem? Konnte Mel Sie nicht befriedigen?”

Worte der Verteidigung erstarben auf Indias Lippen, in dem Unvermögen, ihm erklären zu können, dass sie unschuldig war, dass sie keinerlei Erfahrung hatte, dass sie nicht auf ihn persönlich reagiert hatte, sondern dass sie … Es war einfach hoffnungslos. Wie sollte sie ihm klarmachen, dass sie noch keinem anderen Mann so nahegekommen war, wie ihm heute.

“Sie können zuerst ins Bad”, sagte er plötzlich brüsk.

“Was kann ich bloß anziehen?”, murmelte India mehr zu sich selbst.

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