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Julia Extra Band 0172

Grace Green

Tausend süße Träume

1. KAPITEL

Meg, die es sich auf dem Fenstersitz im Schlafzimmer ihrer Schwester gemütlich gemacht hatte, sah dieser träge dabei zu, wie sie die letzte Spitzenrose an den Saum ihres elfenbeinfarbenen Hochzeitskleides nähte, als plötzlich der Klang eines starken Motors durch den stillen Augustnachmittag brummte.

Meg blickte hinaus und sah einen schwarzen Sportwagen die Einfahrt zum Nachbarhaus hinauffahren. Hochzeitsgäste von außerhalb, dachte sie. Allerdings ein bisschen früh …

Sie gähnte. “Dee, die Carradines haben Besuch.”

Als Antwort kam nur das Klappern der Kleiderbügel, als ihre Schwester das Kleid in den Schrank hängte.

“Und zwar ziemlich reichen”, fügte Meg hinzu, “nach dem Wagen zu urteilen.”

Die Fahrertür wurde geöffnet, und ein Mann stieg aus. Er wandte sich dem Meer zu und streckte die Arme, als wolle er seine verspannten Muskeln lockern. Er war hochgewachsen, besaß dichtes dunkles Haar, den hageren Körperbau eines Läufers, eine selbstsichere Kopfhaltung …

Meg stockte der Atem.

“Was ist denn?” Deirdre trat von hinten zu ihr. “Oje!” Bedauernd schnalzte sie mit der Zunge. “Er ist früh dran. James hat mir gesagt, sein Trauzeuge würde erst einen Abend vor der Hochzeit kommen. Meg, es tut mir so leid. Ich weiß, wie schwer das für dich sein muss.”

“Er ist allein.” Megs Stimme zitterte leicht. “Ich dachte, seine Frau kommt auch mit.”

“Alix kommt wahrscheinlich noch nach. Sie ist momentan im Nahen Osten. Ich hab sie gestern in den Fernsehnachrichten gesehen. Sie ist Berichterstatterin über den Krieg in …”

Doch Meg hörte nicht zu. Sie hatte nur Augen für Sam Grainger. Seit mehr als dreizehn Jahren hatte sie den Mann nicht mehr gesehen. Aber allein sein Anblick hatte genügt, um ihre Haut trotz des warmen Sommertags kalt und feucht werden zu lassen.

Grainger drehte sich halb um, und Meg fuhr hinter den Vorhang zurück. Doch er schaute nicht auf, sondern hob eine Reisetasche aus dem Kofferraum seines Wagens und begann zum Haus zu gehen. Jedoch besann er sich eines anderen, warf die Tasche wieder in den Wagen und entfernte sich vom Haus, überquerte den Gehweg, die breite verlassene Straße, ging über das Salzgras oben an der Böschung und dann hinunter zum Strand.

“Er macht erst einen Spaziergang”, meinte Deirdre leise, während die beiden Frauen ihn dabei beobachteten, wie er sich seines dunkelgrauen Jacketts entledigte und es leger über die Schulter warf.

Megs Blick schweifte über den Strand hinweg zu den sich auftürmenden Wellen des Pazifik. Wie meistens herrschte auch heute eine recht kräftige Brise. Silbermöwen zogen hoch oben in der Luft ihre Kreise, weiße Segel sprenkelten das silberblaue Wasser, und eine Handvoll Windsurfer sorgten für den einen oder anderen Farbtupfer. Die perfekte Postkartenlandschaft.

Von ihrem alten Familienstammsitz am Rande der Stadt aus, ganz am Ende der Uferstraße, hatten Meg und Dee einen herrlichen Ausblick auf die halbmondförmige Bucht. Drei Meilen südwärts sprang die Spitze von Cape Hamilton hervor, in dessen Schutz das Seashor Hotel lag; nach Norden hin folgte die kleine Stadt dem Bogen des Sandstrandes bis hinauf zu Matlocks Jachthafen, wo mehrere Jachten an schmalen Holzstegen vor Anker lagen.

Es war ein Blick, den Meg immer geliebt hatte. Aber heute war dieser Blick beeinträchtigt durch die hohe Gestalt, die in ihrem eleganten weißen Hemd und den superschicken Stadthosen den Strand entlangschlenderte!

“Meg.” Dee berührte sie am Arm. “Du weißt, dass wir heute Abend nebenan zu Elsas Barbecue eingeladen sind, aber du musst ja nicht hingehen, wenn …”

“Ich kann mich ja nicht in alle Ewigkeit vor dem Kerl verstecken”, unterbrach Meg sie. “Es ist besser, die erste Begegnung mit ihm hinter mich zu bringen. Wenigstens ist Andy nicht da.” Mit bebenden Fingern fuhr sie sich durch das kurz geschnittene honigblonde Haar. “Ich habe also noch ein paar Tage Zeit, um mich für diese grauenvolle Begegnung zu wappnen!”

“Glaubst du, Sam wird …?” Dee biss sich auf die Lippen und sah ihrer Schwester in die beunruhigten blauen Augen.

“Irgendeine Ähnlichkeit feststellen?” Meg schnitt eine Grimasse. “Das bezweifle ich. Das hat bisher noch niemand getan! Seine Gesichtszüge sind so ganz anders. Andy ist ein Stafford, vom Aussehen her schlägt er nach unserer Familie, abgesehen natürlich von den schwarzen Haaren und seinem Körperbau – und natürlich … seinem Lachen.” Ihr Lachen war freudlos.

“Ja, er hat das Lachen seines Vaters”, nickte Dee, fuhr jedoch hoffnungsvoll fort: “Aber im Augenblick neigt Andy eher dazu, finster dreinzublicken, als zu lachen. “Seitdem er zwölf ist, ist er irgendwie … na ja, du weißt schon!”

“Dee, ich gehe ihm hinterher. Sam, meine ich. Es ist besser, sicherer, wenn wir uns zuerst alleine treffen. Andere Leute, so wie James oder seine Mutter, könnten meine … Befangenheit bemerken. Wenn ich den ersten Kontakt hinter mir habe, werde ich die Situation bestimmt besser unter Kontrolle haben.” Sie erhob sich von der Polsterbank.

“Soll ich mitkommen?”

“Danke, aber damit muss ich alleine fertig werden.” Meg stopfte sich das weite weiße T-Shirt in die ausgeblichenen Jeans, griff nach ihrem weißen Baumwollsonnenhut und strebte zur Tür.

“Willst du dich nicht umziehen? Etwas Make-up auflegen?”

Meg schnaubte verächtlich und drückte sich den breitkrempigen Hut in die Stirn. “Wenn es einen Mann auf der Welt gibt, den ich sicher nicht beeindrucken will”, warf sie über die Schulter zurück, während sie hinausmarschierte, “dann ist es Sam Grainger!”

‘Versager!’

Sam Grainger zuckte zusammen und presste sich die Hand gegen die Schläfe, in dem Bemühen, die hartnäckige Stimme in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen, die ihn die gesamte Fahrt über von Portland bis hierher in diese kleine Küstenstadt in der Nordwestecke des Staates Washington unbarmherzig gequält hatte.

Dennoch, es gab keine Möglichkeit, der Wahrheit auszuweichen, weil es stimmte: Er war ein Versager, und sein Leben war leer. In zwei Monaten wurde er vierzig, und was hatte er vorzuweisen? Keine Frau, keine Kinder, kein Zuhause …

Die Lippen grimmig zusammengepresst, zerrte er sich die Seidenkrawatte vom Hals, steckte sie in die Gesäßtasche seiner grauen Bundfaltenhose und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Das Einzige, was ihm geblieben war – abgesehen von der Familienfirma, die nach dem Tod seines Vaters im vergangenen Jahr ihm zugefallen war –, war seine Arbeit. Scheidungsanwalt. Und wenn das nicht Ironie des Schicksals ist, dann weiß ich’s auch nicht, dachte er sarkastisch.

Er ging bis dicht an das Wasser heran und ließ sich vom Rauschen des Ozeans einhüllen. Die Flut zog sich gerade zurück.

“Hi!”

Da Sam zunächst glaubte, sich die Stimme nur eingebildet zu haben, reagierte er nicht, doch dann platschte ein Hund, ein Golden Retriever, direkt vor ihm in die Wellen und besprühte dabei seine Hose mit einem Schauer Salzwasser.

Sam unterdrückte den Ärger, gestört worden zu sein, und drehte sich um.

Eine junge Frau stand wenige Meter von ihm entfernt und betrachtete ihn unverwandt unter der breiten Krempe ihres weißen Sonnenhutes hervor. Wegen der donnernden Brandung hatte Sam ihr Näherkommen nicht bemerkt.

“Hi”, antwortete er kurz angebunden.

Der Hund sprang aus dem Wasser und schüttelte sich energisch, sodass ein Regen kalter Tropfen über Sams Hemd und Hose niederging. Sam sah die junge Frau an, die errötet war.

“Sorry”, murmelte sie. “Ein Nachbarshund … Er ist mir einfach gefolgt.”

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. “Ist ja nichts passiert.” Ich sollte lieber zurückgehen, sagte er sich. Die Carradines haben bestimmt schon meinen Wagen gesehen und fragen sich, was los ist. Eigentlich hätte Sam ihnen sagen sollen, dass er früher eintreffen würde, aber nachdem er das Gerichtsgebäude verlassen hatte, war sein einziger Gedanke gewesen, so schnell wie möglich aus der Stadt herauszukommen.

“Viel Spaß bei Ihrem Spaziergang.” Er machte einen weiten Bogen um die Frau. Sie schien so angespannt zu sein … Und er wollte sie nicht erschrecken.

Doch sein letzter Blick in ihre Richtung zeigte ihm, dass er damit keinen Erfolg gehabt hatte. Ihre großen blauen Augen waren weit aufgerissen vor Schock und irgendeinem anderen Gefühl, das Sam nicht einzuordnen wusste.

Es hatte wie Ärger gewirkt, aber das konnte natürlich nicht sein. Er und die junge Frau waren einander völlig fremd. Sie konnte also unmöglich irgendeinen Grund haben, ihm Feindseligkeit entgegenzubringen! Vielleicht war sie ja ein bisschen verrückt. Jedenfalls hegte Sam keinerlei Wunsch, ihr noch einmal zu begegnen. Mit diesem Gedanken verbannte er das seltsame Zusammentreffen aus seinem Kopf.

“Ich glaub das einfach nicht, Dee!” Erbost lief Meg in der Küche auf und ab. “Er hat mich noch nicht erkannt! Ich habe die letzten dreizehn Jahre damit verbracht, immerzu an ihn zu denken, seine Gefühllosigkeit, die rücksichtslose Art, wie er mich behandelt hat, seine …”

“Liebes, ich weiß.” Dee öffnete die Backofentür, um die Brötchen herauszuholen, die sie für das Barbecue gebacken hatte, und ein Hitzeschwall breitete sich in der ohnehin schon stickig heißen Küche aus. “Aber meinst du nicht, dass es so das Beste ist? Wenn er sich nicht mal an dich erinnert, dann wird es, wenn er Andy sieht, ihm nicht im Entferntesten in den Sinn kommen, dass der Junge sein Sohn ist!”

Meg blieb abrupt stehen und sah ihre Schwester wütend an. “Daran habe ich auch schon gedacht! Aber es macht mich einfach so unwahrscheinlich zornig, dass ich, was Sam Grainger angeht, so … so …”

“Leicht zu vergessen bist?”, ergänzte Dee ruhig.

Meg spürte, wie ihr die Tränen kamen. Grob rieb sie sich mit den Knöcheln über die Augen. “Ja.” In ihren Seufzer mischten sich Ärger, Enttäuschung und Schmerz. “Ja, ich schätze, das trifft es wohl.” Ihr gelang mühsam ein selbstironisches Lächeln. “Ich fühle mich in meinem Stolz verletzt. Das tut weh, verdammt!”

Dee legte die Brötchen zum Auskühlen auf ein Drahtgestell. “Ich glaube”, sagte sie vorsichtig, “dass er hier ist, ist vermutlich im Endeffekt das Beste, was dir passieren konnte. Du hast dich immer vor dem Tag gefürchtet, an dem du ihn wieder sehen würdest. Jetzt ist es so weit, und du hast die erste Begegnung hinter dir. Ich finde ja auch, dass die Art und Weise, wie er dich damals behandelt hat, eine Schande gewesen ist …”

“Und das ist noch milde ausgedrückt!”

“… aber Meg, du musst endlich mal davon loskommen. Nicht alle Männer sind wie Sam Grainger. Du kannst dich doch von dem, was dir mit ihm passiert ist, nicht für den Rest deines Lebens bestimmen lassen, und dich für alle Zeit von Männern abwenden.”

“Jack war keinen Deut besser!”, gab Meg bitter zurück.

“Aber über Jack bist du hinweg. Während …”

“Wie soll ich denn jemals über Sam Grainger wegkommen, wenn jedes Mal, wenn ich Andy anschaue …” Frustriert breitete sie die Hände aus.

Die Standuhr im Flur schlug sechs.

“Du lieber Himmel, schau mal, wie viel Uhr es ist!”, rief Dee aus, “Meg, darüber müssen wir später weiterreden. Jetzt müssen wir uns umziehen, sonst kommen wir noch zu spät zu dem Barbecue.”

Meg nickte müde. “Geh du zuerst unter die Dusche”, meinte sie. “Ich räum solange die Küche auf.”

Vom Fenster über der Spüle aus konnte sie über den weißen Jägerzaun auf die Terrasse der Carradines blicken, wo James zwei große Zedern-Picknicktische zusammenschob, die beide gedeckt waren.

Elsa musste eine Menge Gäste eingeladen haben. Ein Glück, dachte Meg angespannt und wandte sich ab. Je mehr Leute, desto besser. Das macht es einfacher, Sam Grainger aus dem Weg zu gehen.

“Ich hätte Sie anrufen sollen, bevor ich aus Portland losgefahren bin, Mrs Carradine. Ich wollte Ihnen keine Schwierigkeiten bereiten …”

“Kein Problem, Sam.” Elsa Carradine hob den Blick von der Zitronen-Käsetorte, die sie gerade dekorierte, und lächelte Sam zu, der mit einer Dose Bier in der Hand an der Küchentheke lehnte. “Ich werde Dee bitten, Sie für die nächsten zwei oder drei Tage unterzubringen, bis der Maler und der Teppichmann mit dem Gästezimmer fertig sind.”

“Und das macht ihr nichts aus?”

“Du lieber Himmel, nein. Sie ist der gastfreundlichste Mensch auf der Welt! Die Staffords haben nur drei Schlafzimmer. Dee benutzt das vierte als Nähraum. Sie ist Schneiderin, das wissen Sie ja sicher noch. Aber sie kann Ihnen Andys Zimmer geben. Er wird bis zum Abend vor der Hochzeit fort sein, und bis dahin ist auch Ihr Zimmer hier bewohnbar.”

In diesem Augenblick schwang die Fliegergittertür auf, und James kam herein. Groß und schmal, mit ergrauendem braunen Haar und den braunen Augen seiner Mutter, war er ein stiller Mann mit einem scharfen Verstand und viel Humor. Er und Sam waren zusammen zur Universität gegangen und enge Freunde geworden. Und obwohl ihre Wege sich nach dem Jurastudium getrennt hatten, hatten sie sich niemals aus den Augen verloren.

James war Sams Trauzeuge gewesen, als Sam Alix geheiratet hatte. Nun erwiderte er ihm diese Ehre.

“Okay, Ma!” Er ging zum Kühlschrank. “Die Tische sind fertig, das Barbecue angezündet. Zeit für ein Bier.” Er nahm sich eine Dose heraus und zog den Metallverschluss mit einem hörbaren Knacken empor. “Noch keiner da?”

Da klingelte es.

“Ich mach auf.” Elsa nahm rasch die Rüschenschürze ab. “Ihr Jungs geht schon mal raus.”

Während James Sam auf die Terrasse hinausbegleitete, erkundigte er sich: “Wie lange ist es her, seit du Dee das letzte Mal gesehen hast?”

“Das muss … oh, vielleicht sechzehn Jahre her sein. Als ich vor dreizehn Jahren hier war, habe ich sie nicht gesehen.”

“Nein, da hast du ja auch im Hotel gewohnt, und du warst auch nur für eine Nacht da. Das war eine schlimme Zeit für dich. Wie schrecklich das gewesen sein muss! Eine solche Nachricht zu hören, und dann …”

Die Gittertür wurde aufgestoßen, und Elsa brachte die ersten Gäste mit, die Fairchilds, ein Ehepaar mittleren Alters, das weiter unten an der Straße wohnte.

Dann kamen aus dem Garten die drei Barnley-Schwestern, die seit dem Tod von James’ Vater vor zehn Jahren bei Elsa Dauerpensionäre waren. Die nächsten Ankömmlinge waren Tom und Janine Madison, ein frisch verheiratetes junges Ehepaar, die ein Haus ganz in der Nähe gekauft hatten.

Kaum war Sam ihnen vorgestellt worden, hörte er das Quietschen des Gartentores hinter sich. Er wandte sich um und sah zwei Frauen vom benachbarten Garten aus herüberkommen, eine Blondine und einen kastanienbraunen Rotschopf. Die Erste trug eine riesige Sonnenbrille, und die Letzte brachte ein Tablett voller Brötchen mit.

Den Rotschopf erkannte Sam sofort als Deirdre Stafford, James’ Verlobte. Und obwohl sie inzwischen Mitte dreißig sein musste, war sie noch immer so hübsch wie früher.

Ihre Begleiterin allerdings war eine Schönheit, langbeinig, schlank, mit einem selbstsicheren, sexy Gang und weiblichen Rundungen an all den richtigen Stellen. Ihr honigblondes Haar war kurz, ja geradezu superkurz. Wellig und von der Sonne in Strähnen hell ausgebleicht, wirkte es wie eine eng anliegende Kappe auf ihrem schön geformten Kopf. Sie besaß fein geschnittene Züge und hatte die herrlich vollen Lippen erdbeerrot geschminkt. Bekleidet war sie mit einem schwarzen Nackenträgertop und einem legeren schwarzen Rock aus einem weich fließenden Stoff, der ihr beim Gehen sanft um die Knöchel glitt.

Als Sam ihr ins Gesicht sah, merkte er, dass sie ihn beobachtete. Ihre Lippen waren verächtlich verzogen. Erstaunt hob er die Brauen. Was, zum Teufel, habe ich denn verbrochen?, dachte er. Ihm die Schulter zudrehend, nahm sie ihrer Begleiterin die Brötchen ab.

“Ich bring die mal rein, Dee.” Damit verschwand sie durch die Küchentür.

“Moment noch!”, rief James ihr hinterher. “Ich möchte dir …”

Doch sie hörte schon nicht mehr.

Bedauernd schüttelte James den Kopf. “Als wollte man einen Wirbelwind einfangen. So ist Meg schon immer gewesen. Du erinnerst dich doch noch an sie, Sam? Dees kleine Schwester?”

Sam blieb der Mund offen stehen. “Bohnenstange?”, fragte er ungläubig. “Das … war … Bohnenstange?”

Dee schmunzelte. “Du liebe Güte, den Spitznamen hatte ich schon ganz vergessen. Nun ja, irgendwann hat auch Meg aufgehört zu wachsen …”

“Aber erst bei mehr als der 1,75-m-Marke”, meinte James. “Und sie hat weibliche Formen bekommen”, fügte er mit unbewegter Miene hinzu. “Ein paar.”

In der Tat, dachte Sam. Er hatte Meg Stafford nicht mehr gesehen, seit sie dreizehn oder vierzehn gewesen war. Damals war sie ein Wildfang, groß, mager und immer unterwegs mit einem Haufen von Freunden, das Gesicht hinter einem langen Vorhang an Haaren versteckt. Wer hätte gedacht, dass sie zu einer solchen Schönheit heranwachsen würde!

“Ma wird dich fragen, ob du Sam für ein paar Tage bei euch unterbringen kannst, Dee”, sagte James. “Bis unser Gästezimmer fertig renoviert ist.”

Da er über das Barbecue gebeugt stand, sah nur Sam Dees unglücklichen Blick. Sie schluckte.

“Dee?” James sah auf, als er keine Antwort von ihr bekam. “Das ist doch kein Problem, oder? Sam kann Andys Zimmer benutzen. Er kommt doch erst …”

“Am Freitag.” Dee lächelte Sam an, doch diesem erschien ihr Lächeln etwas angestrengt. “Wir nehmen Sie natürlich sehr gerne bei uns auf.”

“Ich will Ihnen aber wirklich keine Umstände bereiten”, erwiderte er ruhig. “Ich könnte mir ein Zimmer im Hotel nehmen. Dort, wo ich das letzte Mal gewohnt habe …”

“Vergiss es!”, winkte James ab. “Wir wollen dich doch hier in der Nähe haben.”

Sam wusste, dass er sich Dees Bestürzung nicht eingebildet hatte, wenngleich er sich dies nicht zu erklären vermochte. Bevor er aber weiter darüber nachdenken konnte, kam Janine zu ihm und verwickelte ihn in ein Gespräch über einen Kinofilm, den sie am Abend zuvor gesehen hatte.

“Danke fürs Buttern der Brötchen, Liebes.”

“Kann ich sonst noch was tun, Elsa?” Da es Meg widerstrebte, wieder hinauszugehen, schaute sie sich hoffnungsvoll in der Küche um.

“Der Sekt ist im Kühlschrank. Könntest du ihn ausschenken? Du weißt ja, wo der Korkenzieher ist. Nimm die Gläser da drüben, Liebes.” Elsa deutete auf ein Tablett voller Gläser auf der Arbeitsfläche.

Während Elsa geschäftig mit den Brötchen hinauseilte, holte Meg die Sektflaschen aus dem Kühlschrank und bemerkte beim Einschenken des ersten Glases, dass ihre Hand zitterte.

Kein Wunder, dachte sie niedergeschlagen.

Als sie Sam vorhin am Strand angesprochen hatte, war sie zu aufgeregt gewesen, um allzu viel von seiner Erscheinung mitzubekommen; auch wenn ihr der kalte Blick aus seinen grünen Augen und die feindselig schmalen Lippen nicht entgangen waren.

Noch immer voller Groll, dass er sie nicht erkannt hatte, hatte Meg sich für das Barbecue ganz besonders sorgfältig zurechtgemacht, weil sie sich selbstsicherer fühlte, wenn sie gut aussah. Doch Sams offene Bewunderung hatte ihr schier das Herz stocken lassen, und sie hatte mit schnellen, nervösen Blicken seine Gestalt in sich aufgenommen – seine schwarzen Augenbrauen, die schwarz bewimperten Augen, die prägnanten Gesichtszüge und das kurz geschnittene schwarze Haar, an dessen Schläfen die ersten silbernen Strähnen zu sehen waren.

Sam Grainger war immer ein sportlich athletischer Typ gewesen und ausgesprochen gut aussehend, aber die Jahre hatten seinem muskulösen Körper eine harte Eleganz verliehen, während die neuen Linien um seine Augen und die Mundwinkel seine Anziehungskraft nur noch steigerten.

Er war unbestreitbar attraktiv.

Und verheiratet.

Nachdem Meg das letzte Glas gefüllt hatte, stellte sie die Sektflasche ab und blickte hinaus auf die Terrasse. Sie sah Sam sofort. Selbst in einem kobaltblauen T-Shirt und ausgewaschenen alten Jeans stach er aus der Menge hervor. Er stand neben Janine, deren helles Lachen zum offenen Fenster hereindrang, und Meg konnte seine raue, amüsierte Stimme hören.

Ihr Herz versteinerte sich.

Ärgerlich nahm sie das Gläsertablett. Was für ein Charmeur! Er lässt sich’s hier gut gehen, während seine Frau im Ausland ihr Leben aufs Spiel setzt. Wenn Alix Grainger ihn jetzt sehen könnte!

Sam rieb sich den Kiefer, sobald Janine sich endlich zu Elsa gesellte. Seine Gesichtsmuskeln taten ihm weh von der Anstrengung, ständig höflich lächelnd dem oberflächlichen Geschwätz der jungen Nachbarin zu lauschen. Er ließ den Blick schweifen, auf der Suche nach James, und sah Meg aus der Hintertür kommen.

Sie trug ein Tablett mit roséfarbenem Sekt in grünstieligen Gläsern. Sam heftete seinen Blick auf sie, und Meg stolperte prompt, fing sich jedoch wieder.

Sam stellte sein Bier ab, kam zu ihr herüber und streckte die Hand nach dem Tablett aus. “Darf ich?”

“Vielen Dank, ich komme schon klar.” Hochmütig reckte sie das Kinn. “Ich bin das Kellnern gewohnt, und ich bin gut darin. Warum also gehen Sie nicht einfach und tun das, worin Sie so gut sind!”

“Und was bitte wäre das?”, fragte er erstaunt.

“Den Damen den Kopf zu verdrehen!”

Sie stolzierte davon und ließ ihn verwundert blinzelnd stehen.

Was ist bloß mit dieser Frau los? Sam holte tief Luft, nahm sein Bier wieder an sich und leerte es in einem langen Schluck. Frauen! Wer kann die schon verstehen? Ich jedenfalls nicht. Das hab ich noch nie, und ich werde auch nie. Außerdem habe ich mich gerade legal von einer befreit. Und ich werde mich garantiert nicht mit einer neuen belasten, ganz egal, wie attraktiv sie ist.

Er leugnete nicht, dass er Meg Stafford attraktiv fand, körperlich gesehen. Was ihre Persönlichkeit betraf … Da würde er noch lieber Zeit mit einem missgestimmten Warzenschwein verbringen.

“Süße”, flüsterte Dee Meg zu, als diese ihr ein Sektglas reichte. “Ich muss dir was sagen.”

Meg griff nach dem letzten Glas für sich selbst und lehnte dann das Tablett gegen den Baumstamm des Apfelbaums hinter ihr. Fragend sah sie Dee an.

“Meg, James hat uns gebeten, Sam Grainger für die nächsten paar Tage bei uns aufzunehmen …”

Was?

“Schrei doch nicht so. Die andern gucken schon alle.”

“Sag, dass das nicht wahr ist!”, zischte Meg. Sie zog ihre Schwester hinter den Baum und leerte ihr Glas in drei großen Zügen. “Dee, er kann nicht zu uns kommen!” Sie bekam einen Schluckauf. “Das kommt nicht infrage. Ich will diesen Mann nicht …”

“Sie sprechen nicht zufälligerweise von mir?”

Nach Luft schnappend, fuhr Meg herum. Sam Grainger hatte den Kopf um den Baumstamm herum gesteckt.

“Wir … wir haben keinen Platz für Sie …” noch ein Schluckauf, “… bei uns. Tut mir leid.” Und wieder hickste sie.

Er lachte leise.

Beschwichtigend meinte Dee: “Sei nicht albern. Selbstverständlich haben wir Platz. Meg … nun ja, sie ist Sekt nicht gewohnt. Jedenfalls nicht auf nüchternen Magen. Er ist direkt in den Kopf gestiegen.”

“Na gut”, erwiderte Sam. “Wenn das alles ist … Denn das Letzte, was ich will, ist, Ihnen irgendwelche Umstände zu bereiten. Vielen Dank, Dee. Und Meg …” Seine Miene war ausdruckslos. “Tut mir leid wegen Ihrer … kleinen Schwäche. Vielleicht sollten Sie sich doch lieber an Limonade halten.”

Noch ehe sie ihm eine passende Erwiderung an den Kopf schleudern konnte, war er gegangen.

“Es wird schon alles gut gehen.” Dee drückte sie besänftigend an sich. “Du musst nur so tun, als ob du ihm noch nie begegnet wärst. Aber behandle ihn höflich. Meinst du, das geht?”

“Klar!”, schnaubte Meg sarkastisch. “Ihn wie einen Fremden behandeln, das ist der Trick, Dee. Wieso bin ich da bloß selbst nicht draufgekommen?”

Weil er der Vater deines Sohnes ist, dachte Dee, schwieg jedoch.

2. KAPITEL

“Also, und wann kommt Alix?”, erkundigte sich Dee, als alle nach dem ausgedehnten Essen beim Kaffee zusammensaßen.

Sam unterdrückte ein entnervtes Brummen. Er hatte gehofft, den Abend hinter sich zu bringen, ohne dass irgendjemand nach Alix fragte. Aber das hatte wohl nicht sein sollen.

“Sie ist gerade im Ausland”, sagte er und wich damit einer direkten Antwort aus.

“Ich habe sie gestern im Fernsehen gesehen.” Elsa schauderte. “Es ist ja so mutig, wie sie sich mitten in diese grauenvollen Kriegsgebiete wagt. Ich finde, sie ist eine richtige Heldin.”

“Alix Grainger ist Ihre Frau?” Janines Augen leuchteten auf. “Sie müssen ja ungeheuer stolz auf sie sein.”

“Alix ist … eine erstaunliche Frau”, meinte Sam.

“Und sie kommt zur Hochzeit?”, fragte Tom.

“Sie versucht bestimmt zu kommen”, warf James ein. “Das hängt davon ab, ob sie nach Hause kann.”

“Sie leben in Portland, nicht wahr, Sam?”, wollte Angelina, die älteste der drei Barnley-Schwestern wissen. “Wie James erzählte, in einem Luxushaus, das groß genug wäre für eine sechsköpfige Familie.”

“Aber Sie haben keine Kinder, oder?” Das war Monique, die mittlere der drei, und sie runzelte die Stirn, als Emily, die jüngste, ihr warnend den Finger in die Seite stieß.

“Nicht jeder mag Kinder”, beschwichtigte Emily. “Einige Männer, na ja, die möchten ihre Frau nur für sich haben, und sie nicht teilen müssen.”

Unter dem Tisch ballte Sam die Hände zu Fäusten. Er liebte Kinder. Nur zu gern hätte er das Haus voller Kinder gehabt. Er hätte ihnen die Kindheit schenken wollen, die ihm nicht vergönnt gewesen war. Er hatte Söhne haben wollen, auf die er stolz sein, und Töchter, die er nach Herzenslust verwöhnen konnte.

Doch wegen Alix und ihres unverzeihlichen Betrugs hatten sich all seine Hoffnungen und Träume zerschlagen.

“Oh, ich mag Kinder”, gab er leichthin zurück. “Aber manchmal gerät ein Paar irgendwie in den beruflichen Konkurrenzkampf hinein, und ehe man sich versieht …” Er zuckte die Achseln.

Da erhob Dee sich und legte ihm die Hand auf die Schulter. “Sam, ich würde Ihnen jetzt gern Ihr Zimmer zeigen. Könnten Sie Ihre Tasche holen? Dann bringe ich Sie rüber.”

“Klar, prima …”

Meg sprang hektisch auf. “Lasst mir einen Augenblick Zeit, damit ich ein paar Sachen aus Andys Zimmer rausholen und es ein bisschen vorbereiten kann.”

Sie hatte gerade erst die Sonnenbrille abgenommen, nachdem die Sonne untergegangen war, und sah Sam direkt an, als sie an ihm vorbeiging. Ihre Augen waren riesengroß und blau wie der Himmel. Du meine Güte, dachte Sam, das ist ja die merkwürdige Frau vom Strand!

Doch nicht das war es, was ihn so verblüffte; und auch nicht die offene Antipathie in ihrem Blick. Nein, das, was ihn so völlig verwirrte, war die Furcht, die von Meg ausging – eine so tiefe Furcht, dass sie ihn frösteln ließ.

Wieso hat sie denn solche Angst vor mir?, fragte er sich, während er ihr nachsah. Was habe ich ihr nur getan?

Meg rannte die Treppe hinauf in Andys Zimmer, und ihr Herz hämmerte wie verrückt.

Panisch überflog sie die Fotos an Andys Bilderwand, an der er im Laufe der Jahre gewissenhaft jedes seiner Sportfotos aufgehängt hatte.

Verdammt, dachte Meg verzweifelt, warum muss der Junge auch so eine Sportskanone sein! Sie nahm jedes Bild ab, auf dem Andy lächelnd einen Eishockeypreis, eine Fußballmedaille oder eine Baseballtrophäe in Empfang nahm. ‘Lächelnd’, das war das entscheidende Wort, denn es war sein Lächeln, das ihn möglicherweise verraten könnte. Die jüngeren Fotos, auf denen er in typischer Teenagerbefangenheit finster dreinblickte, ließ Meg hängen.

Mit den Bildern, die sie entfernt hatte, eilte sie in ihr Schlafzimmer, wo sie sie ganz hinten in ihrem Schrank verstaute, hinter einem anderen, das sie nach ihrer Scheidung vor fünf Jahren dort versteckt hatte.

Plötzlich hatte Meg eine Eingebung. Sie nahm das Porträt, das Jack, Andy und sie selbst zeigte. Sie hatten es in einem Studio machen lassen, als Andy drei Jahre alt gewesen war. Der Fotograf hatte damals bemerkt, wie sehr der Junge doch seinem Vater ähnelte. Jack hatte Meg angesehen, den Mann jedoch nicht aufgeklärt. Und Andy war noch zu klein gewesen, um zu wissen, dass Jack nicht sein richtiger Vater war. Die beiden sahen einander nicht wirklich ähnlich, sondern sie besaßen nur beide schwarzes Haar und blaue Augen. Den Fotografen hatte dies getäuscht …

Und hoffentlich täuscht es auch Sam Grainger, dachte Meg flehentlich.

Rasch kehrte sie mit dem Familienporträt in Andys Zimmer zurück und wollte es gerade an einen der leeren Haken hängen. Da hörte sie Dee rufen.

“Meg, wo bist du?”

Ihr Herz tat einen Sprung. “In Andys Zimmer”, rief sie zurück.

“Gehen Sie schon mal hoch, Sam”, meinte Dee. “Ich hole nur noch ein paar saubere Handtücher.”

Gehetzt hängte Meg das Bild auf, und nach einem letzten prüfenden Blick lief sie hinaus.

An der Tür stieß sie mit einer kräftigen Gestalt zusammen.

“Hey!” Sam wirkte verblüfft. “Ist hier irgendwo ein Feuer ausgebrochen?”

“Entschuldigung! Ich …” Meg brach ab, als er seine Tasche fallen ließ, sie entschlossen bei den Oberarmen packte und in den Raum zurückschob.

Sie sträubte sich heftig, doch er hielt sie fest.

“Also.” Sein Blick bohrte sich in ihre Augen. “Was ist los?”

Sie schluckte. “Was … meinen Sie?”

“Wieso dieser Aufschrei des Entsetzens, als Sie hörten, dass ich hier untergebracht werde?”

Trotzig starrte sie zurück. “Sie sind der Anwalt. Finden Sie’s doch selbst heraus!” Endlich gelang es ihr, sich aus seinem Griff zu befreien, und sie stolperte rückwärts.

In diesem Moment kam Dee herein. “Sam, hier sind Ihre Handtücher. Hat Meg Ihnen schon das Badezimmer gezeigt?”

Meg ergriff die Gelegenheit, um zu entkommen. “Kannst du ihm nicht alles zeigen, Dee? Ich habe noch was in der Küche zu tun.”

Ohne Dees Antwort abzuwarten, verließ sie das Zimmer, wobei sie ihren unerwünschten Gast keines weiteren Blickes mehr würdigte.

Zum Teufel mit Sam Grainger, dachte sie hitzig, während sie die Treppe hinunterstürmte. Er ist noch keine sechs Stunden in Seashore, und schon stellt er mein ganzes Leben auf den Kopf.

Schon wieder.

Ihn wie einen Fremden behandeln, hatte Dee ihr geraten. Aber wie sollte Meg das gelingen, wenn allein durch seine Nähe tief verborgene Erinnerungen wach geworden waren; Erinnerungen an jene Nacht, unter dem Baum, auf dem Strand unterhalb des Seashore Hotels.

Jener Nacht, als Sam in den Nachrichten gehört hatte, dass seine Frau Alix bei einem tragischen Unfall über dem Mittelmeer in einer Hubschrauberexplosion ums Leben gekommen war. Jener Nacht, die Megs Leben für immer verändert hatte.

Sie war gerade achtzehn geworden, hatte die Highschool beendet und vorgehabt, im Herbst aufs College zu gehen. Sie hatte einen Sommerjob als Aushilfskellnerin im Seashore Hotel angenommen und genau an dem Tag zu arbeiten begonnen, als Sam Grainger angekommen war, um eine Woche Urlaub zu machen.

“Ärztliche Anweisung”, hatte Deborah Wilson, die stellvertretende Geschäftsführerin, Meg anvertraut. “Irgendein bösartiger Virus hat ihn wohl richtig schlimm erwischt. Jetzt ist er auf dem Wege der Besserung, aber der Arzt hat ihm ein paar Tage an der Küste verordnet, damit er sich an der frischen Seeluft erholt.”

Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte Meg Sam nicht mehr gesehen. Obwohl er in seinen frühen Studienjahren häufiger im Sommer in dem Hotel gearbeitet hatte, war er nach seiner Hochzeit mit Alix Merrick nie wieder nach Seashore zurückgekehrt.

Es hieß, Alix hasse Kleinstädte. Und es hieß, Sam sei völlig vernarrt in seine Frau, und jeder kleinste Wunsch von ihr sei ihm Befehl. Meg hatte dies als höchst romantisch empfunden, aber sie vermisste seine Besuche.

Sie freute sich, dass er zurückgekommen war. An jenem Abend kam er jedoch nicht in den Speisesaal, sondern ließ sich das Essen auf seinem Zimmer servieren.

Meg war enttäuscht, aber wenn Sam eine Woche lang hier war, würden sie einander bestimmt noch sehen. Nicht, dass er ihr in der Vergangenheit sonderlich viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte, immerhin war er zehn Jahre älter als sie, aber er hatte sie immer freundschaftlich behandelt, und sie hatte ihn gemocht. Sehr sogar. Er sah fantastisch gut aus, war aber so unerreichbar, dass sie keinen einzigen Moment daran verschwendet hatte, von ihm zu träumen.

An jenem Abend war ihre Schicht um elf zu Ende, und Meg fuhr ihr Fahrrad um das Hotel herum, froh, dass es eine schöne mondhelle Nacht zum Fahren war. Da bemerkte sie eine hochgewachsene Gestalt am Strand, die allein am Wasser stand.

Der Strand war menschenleer, und die Gestalt war Sam.

Meg zögerte nur kurz, dann ließ sie ihr Fahrrad stehen und ging über den noch immer warmen Sand zu ihm hin. Die Flut kam herein, die Luft roch nach Salz und dem trockenen Seetang, den die letzte Flut an den Strand gespült hatte.

“Sam?”, sagte Meg vorsichtig, als sie ihn erreicht hatte.

Er fuhr herum, und in dem blassen Mondlicht sah sie, dass seine Wangen nass waren, und seine Augen gequält.

“Sam … was …?”

“Wer ist da?”, fragte er schroff. “Was, zur Hölle, wollen Sie, mir zu so einer Zeit hierhin zu folgen? Sehen Sie denn nicht, dass ich allein sein will?”

“Ich bin’s … Bohnenstange. Sam, was ist passiert?”

Er trug nichts außer Jeans, kein Hemd, keine Schuhe. Seine bloße Brust hob und senkte sich schwer. “Du hast nichts davon gehört?”

“Was denn?”

Mit zitternden Fingern kämmte er sich durchs Haar. “Die Nachrichten. Es war in den Zehnuhrnachrichten. Ich habe sie in meinem Zimmer gesehen.” Seine Stimme brach. “Alix. Sie ist getötet worden … im Nahen Osten …”

“Oh Sam …” Meg kam zu ihm, als er sich vornüberbeugte und zu schluchzen begann – tiefe, trockene Schluchzer entrangen sich ihm. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, fühlte sich jedoch zu gehemmt. Ihr tat das Herz weh vor Mitleid. “Es tut mir so leid …”

Sam war vollkommen vernichtet. Es war, als sei seine gesamte Welt aus den Angeln geschleudert worden. Noch niemals hatte Meg jemanden so gebrochen gesehen.

Nach einer Weile gingen sie gemeinsam den Strand hinauf bis zu dem alten Erdbeerbaum, wo der Sandstrand endete und das Gras, die wilden Blumen und der Wald begannen. Dort saßen sie im Mondschein, und Meg flüsterte Worte des Trostes, während aus Sam seine ganze Qual und Trauer hervorbrach.

Im Nachhinein hatte Meg nie sagen können, wann genau der Trost körperlich geworden war. Das Einzige, woran sie sich erinnerte, war, dass sie irgendwann mit ihren Händen über seinen bloßen Rücken streichelte, mitfühlende Worte murmelnd, und dass sein tränennasses Gesicht an ihrer Schulter lag, seine Finger in ihren langen Haaren vergraben. Und dann hatte er verzweifelt aufgestöhnt, seine heiße Wange an der ihren, sie fühlte seine Lippen auf ihrem Mund, seine Hände auf ihren Brüsten, und dann hatte er von ihren Lippen Besitz ergriffen in einem Kuss, der Meg bis in ihre Grundfesten erschütterte.

Von da ab war alles nur noch heiß, verzweifelt, drängend und völlig außer Kontrolle geraten. Meg hätte weder ihm noch sich selbst Einhalt gebieten können, auch wenn sie es gewollt hätte, was aber nicht der Fall gewesen war …

Danach, als sie aufgestanden war und sich wieder angezogen hatte, war Sam nackt und mit den steifen Schritten eines Roboters zum Wasser hinuntergegangen und geradewegs hinein in den Ozean.

Meg war fast das Herz stehen geblieben. Mit wild pochendem Puls wartete sie, während er schwamm und schwamm und schwamm. Und erst nachdem sie ihn wieder ans Ufer kommen und wie einen Meeresgott aus dem Wasser steigen sah, stieß sie einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

Sie sehnte sich danach, zu ihm gehen, aber sie spürte, dass er allein sein musste …

Und Meg musste nach Hause. Dee würde sich sicher schon wundern, wo sie so lange blieb.

Sie schlich die Grasböschung hoch, ihr Körper schmerzte, die Beine zitterten ihr, ihr Kopf drehte sich, und ihre Wangen und Lippen waren noch feucht von salzigen Tränen.

Als Meg schließlich die Stelle erreichte, wo sie ihr Fahrrad abgestellt hatte, rang sie mühsam nach Atem und schaute zurück, an den Ort, wo sie ihre Jungfräulichkeit zurückgelassen hatte.

Sie konnte Sam dort stehen sehen, eine einsame Gestalt. Den Rücken zu ihr gewandt, starrte er hinaus über das mondsilberne Wasser. Als ob die Begegnung zwischen ihnen niemals stattgefunden hätte.

Ein Splitter durchbohrte Megs Herz.

‘Ja, genau so, als ob es niemals geschehen wäre.’

“Es wird schon alles gut gehen.” Dee kam leise zu Meg in die Küche. “Sam sagt, er wird nicht viel im Haus sein. Er will wandern und segeln gehen.”

Meg wandte sich vom Fenster her zu ihr um. “Was macht er jetzt?”

“Er wäscht sich im Badezimmer. Er will bald ins Bett gehen, er ist müde.”

Erleichtert ließ Meg die Schultern sinken. “Gut. Vielleicht habe ich mich bis morgen ja besser im Griff.”

“Das Schlimmste ist ja vorbei.”

“Aber er muss immer noch Andy kennenlernen. Dee, ich werde erst wieder ruhig atmen können, wenn die Hochzeit vorbei und er abgereist ist.”

“Sam wollte wissen, wer Andy ist. Er konnte ja sehen, dass es ein Jungenzimmer ist.”

“Und, was hast du gesagt?”

Achselzuckend meinte Dee: “Nur dass er dein Sohn ist.”

“Ich habe alle Bilder von Andy abgenommen, auf denen er lächelt …”

“Ist mir gar nicht aufgefallen.”

“Verzeihung, meine Damen!”

Meg blickte sich rasch um. Sam stand unter der Tür, das Haar an den Schläfen noch feucht vom Waschen.

“Ja?” Ihr Tonfall war scharf.

“Ich wollte nur Gute Nacht sagen und Ihnen dafür danken, dass Sie mir das Zimmer Ihres Sohnes überlassen.”

“Sie können sich bei ihm selbst bedanken, wenn er nach Hause kommt”, erwiderte sie kühl.

“Er sieht nett aus. Sportlich?”

“Ja.”

“Ein Junge nach meinem Geschmack.” Eine Schulter an den Türrahmen gelehnt, ließ er interessiert den Blick durch die Küche schweifen. “Es muss schon sechzehn Jahre her sein, seit ich zuletzt in diesem Raum war, aber er kommt mir immer noch vertraut vor. Sie haben ihn etwas modernisiert, aber es ist Ihnen gelungen, die gemütliche Ausstrahlung zu erhalten, die er zu den Zeiten Ihrer Mutter hatte …”

“Dee sagt, Sie seien erschöpft”, fiel Meg ihm brüsk ins Wort. “Wir möchten Sie nicht aufhalten. Sie haben einen langen Tag hinter sich.”

“Meg!” Dee war schockiert.

“Schon gut, Dee”, meinte Sam gedehnt. “Bohnenstange war noch nie für ihr Taktgefühl bekannt.” Er gähnte. “Aber sie hat recht. Es wird Zeit, dass ich ins Bett komme. Oh, hätten Sie vielleicht einen Haustürschlüssel für mich? Es könnte sein, dass ich früh weggehe, und ich möchte Sie nicht stören.”

“Meg, du hast doch noch einen Ersatzschlüssel, oder?”

Meg griff nach ihrer Handtasche, die auf dem Tisch lag, und während sie den Schlüssel herauskramte, trat Sam zu ihr.

Sie schluckte, wich beinahe unmerklich zurück und hielt ihm den Schlüssel hin.

“Danke.” Seine Fingerspitzen berührten ihre Handfläche, als er den Schlüssel entgegennahm. Ob zufällig oder nicht, wollte sie gar nicht wissen.

Meg zuckte mit der Hand zurück und verschränkte die Arme.

“Ist der für vorne oder für hinten?”, erkundigte sich Sam.

“Für beides”, erklärte sie kurz. “Gute Nacht.”

“Gute Nacht, Ihnen beiden. Es tut gut, wieder in Seashore zu sein. Und ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie mich aufnehmen.”

“Es ist schön, Sie wieder hier zu haben”, sagte Dee. “Schlafen Sie gut.”

Sam hob die Hand, steckte dann den Hausschlüssel in seine Jeanstasche und schlenderte hinaus.

Weder Dee noch Meg sagten irgendetwas, bis sie hörten, dass sich seine Zimmertür geschlossen hatte.

“Du warst ausgesprochen unhöflich zu ihm”, sagte Dee dann.

“Nicht halb so unhöflich, wie er vor dreizehn Jahren zu mir gewesen ist!”, entgegnete Meg bissig. “Er tut so, als ob zwischen uns nie etwas passiert wäre, genau wie damals. Zeigt dir das denn nicht, was für ein mieser Typ Sam Grainger ist?”

“Ich begreife das wirklich nicht, Meg. James und er sind immer so gute Freunde gewesen. Und du weißt, wie anständig und moralisch James ist! Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Sam sehr schätzen würde, wenn Sam dies nicht verdient hätte.”

“James weiß doch überhaupt nichts von jener Nacht. Er hat keine Ahnung, dass Sam damals mit mir geschlafen und sich danach nie wieder gemeldet hat, falls ich schwanger geworden wäre. Wenn James wüsste, dass Sam Andys Vater ist, würde sich seine Meinung über seinen ach so tollen Trauzeugen vermutlich ziemlich schnell ändern!”

“Ich vertraue James’ Menschenkenntnis. Vielleicht hatte Sam ja einen guten Grund, keinen Kontakt mit dir aufzunehmen.”

“Zum Beispiel?”

“Ich weiß es nicht.” Hilflos zuckte Dee die Achseln. “Diese Frage haben wir uns schon hundert Mal gestellt, haben aber nie eine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden.”

“Weil es keine gibt!”, erklärte Meg. “Dieser Kerl hat einfach kein Verantwortungsbewusstsein.” Sie seufzte. “Ich würde mir wünschen, ich wäre ihm niemals begegnet, wenn da nicht Andy wäre. Dafür bin ich ihm was schuldig. Ich kann mir nicht vorstellen, wie mein Leben ohne …”

Abrupt brach sie ab, und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. “Oh Dee …” Megs Stimme zitterte. “Was ist, wenn Sam die Wahrheit herausfindet und versucht, mir Andy wegzunehmen?! Ein Junge in seinem Alter braucht einen Vater, das weiß ich! Aber ich könnte es nicht ertragen, wenn er es sich aussuchen würde, lieber mit Sam und Alix zusammenzuleben …”

“Um Himmels willen, Meg, hör auf, dir Sorgen über Sachen zu machen, die nie eintreten werden. Es gibt überhaupt keinen Grund, wieso Sam jemals die Wahrheit herausfinden sollte. Du und ich, wir sind die beiden Einzigen, die es wissen, und von mir wird er es ganz bestimmt nicht hören!”

“Von mir auch nicht!” Meg schloss die Augen. “Auf gar keinen Fall!”

Sam erwachte früh von dem monotonen Geräusch der Brandung und dem gellenden, ärgerlichen Schrei einer Seemöwe.

Er strich die zerzausten Haare zurück und trat ans Fenster, wo er die Jalousie hochzog und blinzelte, da die Sonne ihn blendete. Das Wasser glitzerte silbrig, der Sand erstreckte sich wie ein Band aus cremefarbener Seide, und der Strand lag bis auf eine weit entfernte Gestalt im Süden verlassen da.

Sam beschloss, seinen morgendlichen Jogginglauf zu machen. Nachdem er Shorts und Laufschuhe angezogen und seine Dehnübungen hinter sich gebracht hatte, schlüpfte er leise zur Hintertür hinaus.

Über den Strand lief er hinunter, bis er feuchten Sand erreichte, und zögerte flüchtig, ehe er begann, nach Süden in Richtung des Seashore Hotels zu joggen. Tief atmete er die salzige Seeluft ein, während er in einen gleichmäßigen Rhythmus verfiel.

Das ist das wahre Leben, dachte Sam. Die kristallklare Luft prickelte wie Champagner. Er hatte sich damals gleich vom ersten Augenblick an in Seashore verliebt und hatte James darum beneidet, dass dieser in dem kleinen Städtchen geboren und aufgewachsen war. Und in einem verborgenen Winkel seiner Seele war Seashore für Sam immer eine Art Paradies geblieben, ein für ihn unerreichbares Paradies …

Als das Hotel in Sichtweite kam, blieb er stehen, um es zu betrachten. Das weitläufige dreistöckige Gebäude mit seinem Schieferdach, den blau getünchten Wänden mit ihren weißen Verzierungen und den weiß gestrichenen Veranden stand hoch über dem Strand. Blau-weiße Schirme beschatteten die Tische auf dem Innenhof, und der frisch gemähte grüne Rasen, auf dem noch die Tautropfen glänzten, erstreckte sich bis zum Strand hinunter.

Sam kniff die Augen zusammen. Auf dem Rasen befand sich ein Schild, das er von hier nicht lesen konnte. Neugierig beschleunigte er seinen Lauf.

3. KAPITEL

Keuchend lehnte Meg sich gegen den rötlichen Stamm des Erdbeerbaumes. An diesem Morgen war sie schneller gelaufen als sonst, und als sie ihren gewohnten Wendepunkt, eben diesen Baum, erreicht hatte, war sie so ausgepumpt gewesen, dass sie erst einmal eine Pause einlegen musste. Und da bemerkte sie das große Schild auf dem Rasen des Hotels: Zu verkaufen, Burton Barton, Seashore Immobilien

Meg war wie vom Donner gerührt. Sie traute ihren Augen kaum. Das Seashore Hotel, in dem sie fast die gesamten letzten dreizehn Jahre gearbeitet hatte, stand zum Verkauf. Der Magen krampfte sich ihr zusammen. Wieso hat Mark mir nicht erzählt, dass er verkaufen will? Wer wird das Hotel kaufen? Und vor allem, was bedeutet das für meinen Job?

Erst in der vergangenen Woche hatte Mark, der Besitzer des Hotels, Meg zur stellvertretenden Geschäftsführerin befördert, als Nachfolgerin von Deborah, die Ende September in den Ruhestand gehen sollte.

Aber jetzt könnte sich das ändern. Ein neuer Eigentümer würde möglicherweise sein eigenes Personal mitbringen … Meg stieß einen müden Seufzer aus und kämmte sich mit den Fingern durchs Haar. Plötzlich vernahm sie das Geräusch von schweren Laufschritten, die sich ihr näherten. Als sie erkannte, um wen es sich handelte, rappelte sie sich mit finsterer Miene auf.

Sam Graingers Haar war ebenso feucht wie das ihre, und der Schweiß rann ihm über die Brust.

“Hi.” Er blieb in ein paar Meter Entfernung stehen. “Laufen Sie jetzt zurück?”

Meg nickte knapp.

“Also los!” Ohne ihre Antwort abzuwarten, machte er in lockerem Trab kehrt.

Also los?! Ihr Gesicht verdüsterte sich noch mehr. Eine unangenehmere Art, den Tag zu beginnen, als mit Sam Grainger gemeinsam zu laufen, konnte sie sich nicht vorstellen. Andererseits musste sie aber auch zurück. Daher begann sie ebenfalls zu laufen, hielt sich jedoch absichtlich mehrere Meter hinter ihm.

Nach einer Weile verlangsamte Sam seine Geschwindigkeit, um auf Meg zu warten. Als sie mit ihm gleichauf war, wollte er sie ansprechen, doch arrogant lief sie einfach an ihm vorbei, den Kopf hocherhoben.

Erst auf dem letzten Stück gelang es Sam, sie wieder einzuholen.

“Hey, machen Sie mal ein bisschen langsamer”, meinte er. “Ich möchte Sie etwas über Andys Vater fragen …”

Das war kein kluger Schachzug.

Meg zuckte zusammen wie ein erschrecktes Fohlen. Sam erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf den Schock und die Bestürzung in ihren Augen, dann schoss sie davon – und zwar nicht nach Hause, sondern ins Wasser. Vor den schäumenden Uferwellen blieb sie nur gerade lange genug stehen, um die Laufschuhe abzustreifen, ehe sie sich mitsamt Shorts und dem engen Tanktop kopfüber in die Fluten stürzte.

Sam hatte gerade seine Abkühlungsphase beendet, als Meg an den Strand zurückkam. Die Hände in die Hüften gestemmt, beobachtete er sie belustigt.

Wütend zog sie ihre Schuhe wieder an. “Worauf warten Sie noch?” Ihre Stimme war eisig.

“Auf eine Antwort auf meine Frage … über Andys Vater.”

“Ich bin geschieden.” Herausfordernd reckte sie das Kinn. “Nicht, dass Sie das irgendetwas anginge. Jack und ich haben geheiratet, die Ehe war ein Fehler, und wir haben uns getrennt.” Sie wandte sich ab und ging zum Haus hinauf. “In aller Freundschaft.”

Sam folgte ihr. “Wo ist er jetzt?”

“Nach der Scheidung ist er weggezogen. Wir stehen nicht mehr miteinander in Verbindung.”

“Aber ist das für Andy nicht sehr hart?”

Meg hielt abrupt inne. “Hören Sie”, schnappte sie. “ich habe mich einverstanden erklärt, Sie bei uns aufzunehmen, weil wir damit Elsa und James einen Gefallen tun. Aber treiben Sie’s nicht zu weit. Wenn Sie nicht aufhören, Ihre lange Grainger-Nase in Dinge reinzustecken, die Sie nichts angehen, sind Sie schneller draußen, als Sie glauben! Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?”

Noch bevor Sam irgendetwas erwidern konnte, war sie auf und davon wie eine flüchtende Gazelle. Nachdenklich blickte er ihr hinterher, ehe er ihr zur Hintertür des Hauses folgte.

Dee stand bereits in der Küche am Herd, und Sam lief bei dem Duft gebratenen Specks das Wasser im Munde zusammen. Dee, die ihn hereinkommen hörte, drehte sich um. Mit emporgezogenen Augenbrauen warf sie einen bedeutungsvollen Blick auf die nasse Spur, die sich quer durch den Raum zog.

“Lassen Sie mich raten”, sagte sie. “Sie und Meg hatten einen Streit, und Sie haben sie ins Meer geworfen?”

“Nein, der Tauchgang war ihre Idee. Und wir hatten auch keinen Streit …” Er unterbrach sich, fuhr jedoch fort, sobald er sich durch das Wasserrauschen in der Leitung davon überzeugt hatte, dass Meg unter der Dusche stand. “Sie hat sich verändert, Dee. Ich kann mich nicht erinnern, dass Ihre kleine Schwester so … empfindlich gewesen ist. Sie hat mir erzählt, dass sie geschieden ist, und alles, was ich gesagt habe, war, ob es nicht hart für ihren Sohn ist, wenn er seinen Vater nicht sieht, und schon war sie auf hundertachtzig …”

Dee fiel der Pfannenwender aus der Hand. “Oh, verflixt …” Errötend hob sie ihn vom Boden auf und holte einen sauberen aus der Schublade. “Entschuldigung, was sagten Sie gerade?”

Schon wieder war da diese Spannung in der Luft.

“Ach, nichts”, meinte Sam. “Ich schätze, Meg spricht nicht gern über ihren Ex. Das kann ich verstehen. Eine Scheidung ist nie angenehm, egal wie freundschaftlich man sich trennt. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, dann gehe ich nach oben zum Duschen.”

Er war schon fast an der Tür, da sagte Dee: “Sam?”

“Hm?”

Ihr Gesichtsausdruck wirkte angestrengt. “Jack war nicht zum Vater geschaffen. Er hatte nie viel Zeit für Andy, und als die Ehe scheiterte …” Sie biss sich auf die Lippen.

“Sie meinen, er war kein großer Verlust, zumindest, was seinen Sohn betrifft.”

“Nach der Scheidung haben Meg und Andy Jack hinter sich gelassen. Keiner von beiden spricht von ihm. Es wäre also besser, wenn Sie das Thema vermeiden würden.”

“Selbstverständlich. Und Dee … Danke, dass Sie mich aufgeklärt haben.”

Sam ging hinauf in sein Zimmer. Dort fiel sein Blick auf das Familienporträt von Jack, Meg und Andy. Langsam ging er darauf zu und betrachtete es. Wenn das, was Dee gesagt hatte, nämlich dass Meg und Andy Jack aus ihrem Leben verbannt hatten … weshalb hing dann dieses Porträt noch hier? Das ergab keinen Sinn.

Weil es ein so schöner sonniger Morgen war, hatte Dee den Frühstückstisch draußen auf der Terrasse gedeckt.

“Was hat Sie dazu veranlasst, ein paar Tage früher hier herauszukommen?”, fragte sie Sam.

Meg, die wie gewöhnlich außer einem Becher schwarzen Kaffee nichts zu sich nahm, hatte sich hinter der Zeitung verschanzt. Sie musste Sam Graingers Anwesenheit im Haus ertragen, aber niemand konnte von ihr verlangen, dass sie sich auch noch darüber freute!

“Ich hatte gerade einen besonders bösartigen Scheidungsfall hinter mir”, antwortete Sam. “Und ich brauchte einfach mal eine Pause.”

“Na, da sind Sie hier ja richtig. Ich werde dieses friedliche kleine Städtchen vermissen, wenn ich mit James nach Seattle ziehe.” Dee schmunzelte. “Es ist schon komisch, James und ich kennen uns schon unser ganzes Leben lang, und es war ein ziemlicher Schock für uns beide, als wir merkten, dass unsere Freundschaft zu etwas anderem geworden war.”

“Sicher kein Fall von Liebe auf den ersten Blick!”, neckte Sam.

“Nein, nicht wie bei Ihnen und Alix. Hast du eigentlich jemals gehört, wie Sam und Alix sich getroffen haben, Meg?”

Meg schaute auf und faltete die Zeitung zusammen. “Nein.” Mit einem Blick auf die Uhr sprang sie auf. “Du liebe Zeit, ich komme zu spät! Es tut mir leid, ich muss zur Arbeit.”

Dee wurde rot vor Verlegenheit, und Meg verspürte einen Stich der Reue. Ich verhalte mich wirklich ungehobelt, und es ist nicht fair, dass ich sie meine Abneigung gegen Sam ausbaden lasse.

Sie zwang sich dazu, Sam anzusehen. “Heute beim Abendessen”, sagte sie so freundlich, wie es ihr möglich war, “müssen Sie mir davon erzählen.” Sie gab Dee ein Küsschen auf die Wange. “Bis später.”

Nachdem Meg gegangen war, erkundigte sich Sam: “Wo arbeitet sie?”

“Im Seashore Hotel. Sie ist die leitende Rezeptionistin.”

“Ist sie schon lange da?”

Dee wirkte erstaunt. “Nach ihrem Highschoolabschluss hat sie als Serviererin im Speisesaal angefangen.” Sie schenkte Kaffee nach. “Ihr erster Tag war genau der, an dem Sie zur Rekonvaleszenz hier ankamen.”

Sam erinnerte sich nicht daran, Meg im Hotel gesehen zu haben. All seine Erinnerungen an den kurzen Aufenthalt dort waren mit der vernichtenden Trauer verbunden, von der er nach dem Fernsehbericht über Alix’ Tod überflutet worden war.

Ein Bericht, der sich als falsch herausstellte. Zwar war der Hubschrauber explodiert, aber Alix war nicht an Bord gewesen, sondern kurz zuvor mit einer akuten Blinddarmentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Doch das hatte Sam erst am nächsten Morgen gehört. Und die Stunden zwischen der Todesnachricht und dem Morgen danach waren vollkommen aus der Erinnerung gelöscht. Mit einer Mischung aus Wodka, mit dem er seinen Schmerz betäubt hatte, und den starken Medikamenten, die er gegen seine heftige Viruserkrankung einnehmen musste, hatte er in jener Nacht einen völligen Blackout erlebt.

“Ah, da bist du ja endlich!”, murrte Meg halblaut vor sich hin. Mit einem halben Auge auf dem Besitzer des Hotels, der gerade das Foyer betrat, begoss sie die Topfbegonie auf ihrem Aktenschrank und verstaute die Kanne unter dem Schreibtisch. Dann stützte sie beide Hände auf die Theke und sah ihrem Chef entgegen, der gemütlich auf sie zugeschlendert kam.

“Guten Morgen, Mark.” Megs Stimme klang leicht gekränkt.

“Und dir wünsche ich auch den allerschönsten Morgen, Marguerite.” Breit lächelnd strahlte er sie an. “Wie geht es dir nach deinem freien Tag gestern?”

Mark O’Driscoll, ein noch immer gut aussehender Mann in den Siebzigern, war der einzige Mensch auf der Welt, der sie bei ihrem vollen Namen anredete. Als er damals das Einstellungsgespräch mit ihr geführt hatte, hatte er sie mit dem auf ihrem Lebenslauf angegebenen Namen angesprochen. Und dabei war es geblieben.

“Wie’s mir geht? Na, eigentlich ging es mir ganz gut, bis ich das Verkaufsschild heute Morgen gesehen habe! Was, zum Henker, geht hier vor? Du hast doch immer geschworen, dass du das Seashore Hotel nur mit den Füßen voraus verlassen würdest! Und mir siehst du nicht so aus, als ob du tot seist, Mark. Im Gegenteil …” Die Augen schmal, ließ sie den Blick über sein glatt gekämmtes graues Haar, das neu wirkende Hemd und die flotte gelb-weiß karierte Hose gleiten. “Ich habe dich noch nie so fesch gesehen!”

“Fesch?” Er lachte leise, und seine Augen funkelten fröhlich. “Ist das wahr, mein Herzblatt?”

Er sah aus, als hätte er ein glückliches Geheimnis, das er kaum für sich behalten konnte, und Meg wurde weich. “Okay”, lächelte sie ihn an. “Raus damit.”

Er neigte sich zu ihr, sodass sie sein frisches Aftershave riechen konnte. “Marguerite, ich werde mich wieder verheiraten.”

Sprachlos starrte sie ihn an.

Mark lachte. “Mit Deborah.”

Deborah? Seine Stellvertreterin, die im nächsten Monat in Pension gehen würde?

“Aber … du und Deborah, ihr seid doch nie gut miteinander ausgekommen! Seit ich euch beide kenne, habt ihr doch nie etwas anderes getan, als euch zu zanken!”

“Ja.” Mark wurde ernst. “Erst als ich wusste, dass sie geht, ist mir bewusst geworden … na ja, wie sehr ich sie vermissen würde. Und sie hatte ja auch nicht vor, in Seashore zu bleiben, sondern will die nächsten Jahre mit Reisen verbringen. Das ist schon immer ihr großer Traum gewesen. Und als ich ihr neulich sagte, wie sehr ich sie vermissen würde, hat sie mich bloß angefahren: ‘Nun, warum kommst du dann nicht mit.’ Und im Handumdrehen habe ich sie gefragt, ob das ein Heiratsantrag sein sollte, und sie sagte, jedenfalls würde sie mir nicht vorschlagen, ihren goldenen Lebensabend in Sünde zu leben!”

“Oh Mark …” Mit Tränen in den Augen beugte Meg sich vor und umarmte Mark. “Ich freue mich ja so für euch beide!”

Danach meinte er: “Und was dich betrifft, Marguerite, werde ich bei dem neuen Eigentümer natürlich ein glühendes Loblied auf dich singen. Ich werde dafür sorgen, dass wer auch immer den Laden hier übernimmt, weiß, dass du die Beste für den Job bist.”

“Danke, Mark. Aber darüber solltest du dir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Du und Deborah, ihr müsst euch auf euch selbst konzentrieren und euren Ruhestand genießen. Ihr habt beide hart gearbeitet, und ihr habt es euch wirklich verdient.”

Nachdem Mark gegangen war, spürte Meg, wie ihre Schultern sanken. Marks offensichtliches Glück versetzte ihr einen neidvollen Stich.

Was ist bloß los mit mir, dass ich nie den Richtigen gefunden habe? Liegt das an mir? Bin ich zu anspruchsvoll? Worauf warte ich denn … einen Märchenprinzen auf einem weißen Pferd?

Ihr entfuhr ein selbstironisches: “Pffh…”

Falls in ihrer Seele je ein romantischer Funke gewesen war, hatte Sam Grainger diesen vor dreizehn Jahren ausgelöscht. Und Jack hatte ein paar Jahre später noch eins draufgesetzt! Megs Lebenseinstellung war schroff und nüchtern. Sie glaubte nicht mehr an die romantische Liebe. Wenn sie Männer betrachtete, durchschaute sie diese nur allzu klar und erkannte nicht nur deren oberflächliche Macken, sondern auch die tiefer liegenden Charakterfehler.

Sam Grainger war geradezu ein Paradebeispiel dafür. Meg konnte sich gut vorstellen, wie leicht eine Frau sich Hals über Kopf in den Kerl verlieben könnte. Denn er war nicht nur absolut attraktiv, er besaß auch Ausstrahlung und Herzlichkeit. Allerdings nur eine oberflächliche Herzlichkeit. Darunter war er kalt, gleichgültig und verantwortungslos …

“Guten Morgen.” Mrs Morgan aus Zimmer 215 lächelte Meg an. “Mein Mann und ich würden gerne einen Picknickkorb zum Mitnehmen bestellen. Vegetarisch bitte.”

“Selbstverständlich, Mrs Morgan”, erwiderte Meg. “Ich werde mich sofort darum kümmern.”

Und indem sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Arbeit konzentrierte, gelang es ihr, ihre persönlichen Probleme beiseitezuschieben. Doch trotzdem nagten sie den ganzen Tag über weiter an ihr, und als sie um fünf nach Hause fuhr, hoffte sie, dass Sam Grainger nicht da sein möge.

Und tatsächlich, der schwarze Sportwagen war fort, wie Meg erleichtert feststellte.

Dee berichtete, dass Sam vermutlich erst spät wiederkommen würde. “Der Ärmste hat das Gefühl, er stört”, meinte sie nachsichtig.

Meg schnitt ein Gesicht. “Das ist meine Schuld. Aber ich hatte mir wirklich vorgenommen, beim Abendessen nett zu ihm zu sein. Oder wenigstens höflich. Aber außer Sam Grainger macht mir noch etwas anderes zu schaffen. Dee, du errätst ja nie, was passiert ist! Ich habe den ganzen Tag versucht, dich zu erreichen, aber du warst weg.” Sie nahm einen Glanzprospekt aus ihrer Handtasche und drückte ihn ihrer Schwester in die Hand. “Das Hotel steht zum Verkauf!”

Dee warf nur einen flüchtigen Blick darauf. “Ja, ich weiß. James und ich haben heute Vormittag die Annonce in Burtons Schaufenster gesehen. Warum will Mark denn verkaufen?”

Meg warf sich auf einen Stuhl und erzählte von ihrem Gespräch mit Mark O’Driscoll. Dee, die ihn und Deborah genauso gern hatte wie Meg, war entzückt von den Heiratsplänen der beiden. Dennoch wurde die Freude auch ein wenig von Megs ungewisser Zukunft überschattet.

“Der Zeitpunkt ist natürlich nicht so toll.” Dee zog die Mundwinkel nach unten. “Schon wegen der Abzahlungsraten für das Haus.”

Meg fuhr sich über den Nacken. Ihre Mutter hatte ihnen bei ihrem Tod vor fünfzehn Jahren das Haus gemeinsam hinterlassen, und erst letzte Woche hatte Dee verkündet, dass sie ihren Anteil daran ihrer Schwester schenken würde, sodass diese vom Tag der Hochzeit an die alleinige Besitzerin wäre. Meg, die von der Großzügigkeit ihrer Schwester überrascht war, hatte sich sehr gefreut.

“Du wirst die Hypothekenzahlungen alleine bewältigen müssen”, hatte Dee sie gewarnt. “Aber mit deinem neuen Job dürfte das kein Problem sein.”

Es schien alles wunderbar zusammenzupassen, doch nun stellte sich die Sachlage völlig anders dar.

“Mach dir nichts draus, Dee”, meinte Meg beschwichtigend. “Wenn es wirklich zum Äußersten kommen sollte, kann ich immer noch wie Elsa Dauergäste aufnehmen.” Die Aussicht gefiel ihr zwar nicht besonders, aber es wäre immerhin eine Möglichkeit.

Nach dem Essen machte Meg einen langen Spaziergang am Meer entlang, um sich von ihrem bohrenden Kopfschmerz zu befreien, der jedoch nicht viel half. Und so nahm sie nach ihrer Rückkehr zwei Schmerztabletten und ging früh zu Bett.

Sam schlüpfte leise durch die Hintertür herein. Gähnend knipste er das Licht in der Küche an. Er hatte heute eine Küstenwanderung unternommen, sich danach eine Platte mit Meeresfrüchten im Seashore Pub gegönnt und war bei ein paar Bier mit einigen Einheimischen ins Gespräch gekommen. Wieder gähnte er. Die Seeluft machte müde.

Da bemerkte er den Prospekt, der auf dem Küchentisch lag, und erkannte sofort das Seashore Hotel darauf. Meg musste den Prospekt von der Arbeit mitgebracht haben. Sam nahm ihn zur Hand, und ein Papier mit den Verkaufsinformationen fiel heraus. Es war alles aufgeführt, von der Gesamtgrundfläche über die Anzahl der Zimmer bis zum Verkaufspreis.

Sam pfiff durch die Zähne. Ganz schön gesalzen. Er legte das Papier wieder in den Prospekt ein und ließ beides auf dem Küchentisch zurück.

Zehn Minuten später jedoch im Bett kurz vorm Einschlafen, tauchte das Bild des Hochglanzprospektes wieder vor seinem inneren Auge auf – das attraktive Hotel und der nicht ganz so attraktive Preis.

Den Preis konnte Sam natürlich aufbringen. Er und Alix hatten bereits ihr luxuriöses Haus in Portland verkauft und all ihre gemeinsamen Vermögenswerte aufgeteilt. Es wäre ihm also möglich, das Hotel zu kaufen … falls er seine Anteile an der Firma veräußerte …

‘Du bist jetzt Grainger & Grainger, mein Sohn’, hörte er die barsche Stimme seines Vaters aus der Vergangenheit. ‘Die Firma ist jetzt in deiner Hand. Bewahre sie. Gib sie an deine eigenen Söhne weiter. Dies ist dein Familienerbe, deine Verantwortung …’

Die nächtliche Brise wehte durch das offene Fenster herein, und Sam fröstelte. Versuchte sein Vater immer noch, ihn zu kontrollieren, wie er dies bis zu seinem Todestag vor einem Jahr getan hatte?

Schmerzliche Erinnerungen stiegen in ihm auf. Nichts, was er je getan hatte, war für Fergus Grainger gut genug gewesen. Zum Henker, als pflichtbewusster Sohn hatte Sam auf Verlangen seines Vaters sogar Jura studiert und war in die Familienfirma eingetreten, obwohl Rechtsanwalt zu werden, das Letzte gewesen war, was er angestrebt hatte, und Scheidungsanwalt schon gar nicht. Aber alle Bemühungen Sams, die Anerkennung seines Vaters zu erlangen, waren vergeblich gewesen. Die Art von Vater-Sohn-Beziehung, die er sich gewünscht hatte, war niemals zustande gekommen.

Unvermittelt hellwach, starrte Sam an die Decke. Sein Vater war tot. Er war sein eigener Herr … endlich …

Aber du denkst doch nicht wirklich ernsthaft daran, deinen Beruf als Rechtsanwalt aufzugeben und das Seashore Hotel zu kaufen, oder?, fragte er sich. Ein plötzliches Gefühl der Vorfreude und der Spannung, etwas, das er seit Jahren nicht mehr empfunden hatte, stellte sich bei ihm ein. Doch, sagte er sich entschlossen, ich werde auf jeden Fall mal den Immobilienmakler aufsuchen.

Am nächsten Morgen war Meg, die heute nach Norden zum Jachthafen gelaufen war, früher zurück als Sam. Und sobald sie geduscht hatte, stürzte sie ihren Becher Kaffee herunter und meinte in der Küche zu Dee: “Ich will heute früh da sein. Theresa springt an der Rezeption für mich ein, denn ich werde fast den ganzen Tage bei Deborah im Büro sein, weil ich mich vor der Übergabe noch durch einen Haufen Papier durcharbeiten muss. In der nächsten Zeit wird es wohl ziemlich hektisch werden.”

“Was meinst du, wer das Hotel kaufen wird?”, fragte Dee nachdenklich.

“Sicher jemand von außerhalb”, erklärte Meg auf dem Weg zur Tür. “Hier in der Gegend hat keiner das nötige Kapital dafür!”

Burton Barton war ein kräftiger Mann mit einem rötlichen Schnurrbart und dichtem, ergrauendem rötlich blondem Haar. Rotgesichtig und übergewichtig, wischte er sich häufig mit einem braunen Bandanatuch über die Stirn.

“Das Seashore Hotel wird nicht lange auf dem Markt sein”, sagte er zu Sam, während er sich schwer in seinen überdimensionalen Ledersessel niederließ. “Solche Objekte sind hier in der Gegend schwer zu kriegen, und das Hotel ist ein Juwel. Es müsste natürlich renoviert werden. Der jetzige Besitzer hat es in den vergangenen zwölf Jahren etwas schleifen lassen, aber von der Bausubstanz her ist es völlig in Ordnung. Waren Sie schon mal drin und haben es sich angesehen?”

“Nicht jetzt, aber ich kenne es.” Sam legte ein Bein quer über das andere Knie. “In meinen ersten Studienjahren habe ich im Sommer öfter dort gejobbt, wo immer man mich gerade brauchte … in der Bar, im Speisesaal, in der Küche oder im Garten.”

“Sie kennen Mark also?”

“Oh ja.”

Burton warf einen Blick auf Sams Visitenkarte. “Sie sind Anwalt.” Neugierig schaute er auf. “Sie wollen das alles aufgeben?”

“Zeit für eine Veränderung”, antwortete Sam.

Burton hob die buschigen Augenbrauen. “Ein ziemlich gewagter Schritt.”

In der Tat, aber vom ersten Tag an hatte Sam die Arbeit im Hotel damals überaus gut gefallen und das Gefühl gehabt, seine wahre Berufung gefunden zu haben. Als er jedoch seinem Vater erzählt hatte, dass er ins Hotelgewerbe einsteigen wollte, hatte dieser einen solchen Zornesausbruch gehabt, dass Sam das Thema nie wieder erwähnt hatte.

“Stimmt”, erwiderte er nun. “Ein gewagter Schritt, aber einer in die Richtung, in die ich gehen möchte.”

Etwa eine Stunde lang beantwortete Burton Sams detaillierte Fragen zu dem Hotel, bis er schließlich seinen massigen Körper aus dem Sessel emporhievte und vorschlug, gemeinsam mit Sam ins Hotel hinüberzugehen, um es anzusehen.

Aber Sam schüttelte den Kopf. “Ich möchte hierbei in aller Stille vorgehen.” Er erhob sich. “Und im Augenblick wäre es mir lieb, wenn Sie mein Interesse vertraulich behandeln würden. Ich werde heute im Hotel vorbeischauen und Mark wissen lassen, dass ich an einem Kauf interessiert bin, und ein bisschen herumwandern. Danach setze ich mich dann wieder mit Ihnen in Verbindung.”

Auf dem Weg zu seinem Wagen war Sam klar, dass er das Hotel unbedingt haben wollte. Doch der Kaufpreis war hoch, und er musste zuerst einmal abschätzen, was es ihm wert war, ehe er sein Angebot machte.

Im Seashore Hotel traf er sich mit Mark und unterhielt sich mit ihm bei einem ausgedehnten Mittagessen. Die nächsten paar Stunden verbrachte Sam dann damit, sich unauffällig einen Eindruck von dem Gebäude zu verschaffen und es einer gründlichen Inspektion zu unterziehen, wobei er allerdings die Absicht hatte, sich sein Urteil noch von einem Baugutachter bestätigen zu lassen.

Später fuhr er wieder zu dem Büro des Maklers und ließ Burton ein vorläufiges schriftliches Angebot aufsetzen. Sobald Sam dies unterschrieben hatte, kehrte er zum Haus der Staffords zurück, wo er Dee alleine antraf, da Meg angerufen hatte, dass sie Überstunden machen würde.

Nach dem Abendessen, während Dee sich daransetzte, Dankesbriefe für bereits eingetroffene Hochzeitsgeschenke zu schreiben, erledigte Sam ein paar Arbeiten im Haus für sie und reparierte dabei auch gleich ein kleines Leck unter dem Waschbecken im Badezimmer.

Gegen halb elf stand er in der Küche und trank einen Becher Kakao, als er Schritte von draußen hörte. Sam öffnete, und Elsa kam herein, mit einer roten Auflaufform in den Händen.

“Hallo, Sam. Ihr Zimmer ist fertig. Ich hatte mich schon gewundert, weshalb Sie noch nicht bei uns aufgetaucht sind, bis ich herausfand, dass James vergessen hat, Ihnen Bescheid zu geben.” Sie wies auf den Auflauf. “Mein Kühlschrank ist bis oben hin voll, und ich wollte Dee fragen, ob sie das hier für mich aufheben kann. Es ist für das Probedinner morgen Abend.”

“Dee ist schon im Bett, Elsa. Sie war todmüde. Aber ich nehme es Ihnen gerne ab.” Er stellte die Form in den Kühlschrank.

Elsa blickte sich um. “Wo ist Meg?”

“Noch im Hotel.”

“Was macht sie denn da noch um diese Zeit?”

“Überstunden, habe ich gehört.”

“Komisch. Sonst hat sie abends noch nie gearbeitet.”

Sam grinste ein wenig schief. “Dann will sie mir vielleicht nur aus dem Weg gehen.”

“Warum sollte sie?”

“Sie mag mich nicht und hat mich das auch durchaus spüren lassen.”

Elsa schnaubte. “Sie mag Sie zu sehr, das ist jedenfalls meine bescheidene Meinung. Verflixt, Meg Stafford war schon in Sie verknallt, als sie Sie das erste Mal gesehen hat!”

Sam lachte. “Da täuschen Sie sich, Elsa. Außerdem, als Bohnenstange mich das erste Mal gesehen hat, war sie erst zehn oder elf. Da wusste sie noch gar nicht, dass das andere Geschlecht überhaupt existiert!”

“Sie wissen nicht viel über kleine Mädchen, Sam Grainger!” In Elsas Augen funkelte es. “Nein, ich glaube, Meg hat noch immer eine Schwäche für Sie, und da Sie ein verheirateter Mann sind, will sie der Flamme nicht zu nahe kommen.”

“Welcher Flamme?”

“Wenn es zwischen einem Mann und einer Frau so funkt wie bei Ihnen beiden an dem Barbecue vorgestern, gibt es eine Flamme. Aber Meg ist ein nettes Mädchen, Sam. Sie würde sich nicht mit dem Ehemann einer anderen Frau einlassen. Zum Teufel, sie weiß, was das für Probleme gibt. Schließlich hat ihr auch ein junges Ding ihren eigenen Mann gestohlen!”

“Ich dachte, die Scheidung sei freundschaftlich verlaufen …”

“Na klar, und Schweine können fliegen … Oh, du meine Güte, ich habe noch Plätzchen im Ofen! Hören Sie, kommen Sie doch einfach rüber, wenn Sie so weit sind. Kommen Sie zur Hintertür, ich bin in der Küche.”

Kaum war Elsa fort, ging Sam nach oben. Er brauchte nicht lange, um seine Tasche zu packen. Dann schlang er sie sich über die Schulter und ging hinunter.

4. KAPITEL

Meg war fast zu Hause angelangt, als sie das Licht in Sams Zimmer ausgehen sah. Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus. Er ist schlafen gegangen, dem Himmel sei Dank.

Sie gähnte. Es war ein langer Tag gewesen. Doch Mark, der normalerweise seine Mitarbeiter keine Überstunden machen ließ, war dankbar gewesen, dass Meg angeboten hatte, länger zu bleiben, um den für die Übergabe notwendigen Papierkram zu erledigen.

Er hatte ihr gesagt, dass der Makler bereits drei potenzielle Käufer auf seiner Liste hatte. Und obwohl Mark ihr noch einmal versichert hatte, dass er alles in seiner Macht Stehende tun würde, damit ihr die zugesagte Beförderung nicht verloren ging, war Meg trotzdem beunruhigt.

Sie sprang vom Rad und schob es über den Rasen zur Hintertür, wo sie es an die Hauswand lehnte. Leise öffnete sie die Fliegengittertür, schloss die Hintertür auf, schlüpfte in die dunkle Küche und schaltete das Licht an.

Beim Anblick der hochgewachsenen Gestalt, die gerade hereinkam, schrak sie unwillkürlich zusammen.

“Oh, hi”, meinte sie. “Ich dachte, Sie wären schon zu Bett gegangen!”

“Entspannen Sie sich”, gab er gedehnt zurück. “Ich gehe gerade.”

Erst da bemerkte Meg die Reisetasche über seiner Schulter. “Sie gehen?”

“Mein Zimmer nebenan ist fertig.” Er lächelte amüsiert. “Jetzt können Sie Sam Grainger nicht mehr länger piesacken!”

Dieses Lächeln. Es war dem von Andy so ähnlich, dass es ihr das Herz zu schmelzen drohte.

“Wo ist Dee?”

“Schon im Bett. Sie war völlig erschöpft.”

Meg hielt ihm die Tür auf. “Ich will Sie nicht weiter aufhalten.”

“Also dann … Bis morgen Abend.”

“Morgen Abend?”

“Die Probe für die Hochzeit. In der Kirche.”

“Oh. Ach ja.” Wie konnte ich das nur vergessen? Was hat dieser Kerl bloß an sich, dass er mich so aus der Fassung bringt, dass mir die einfachsten Dinge nicht mehr einfallen?

Sam zog die Tasche etwas höher und durchquerte mit langen Schritten die Küche. Vor Meg blieb er kurz stehen.

“Nur noch eins”, murmelte er.

Ihr stockte der Atem. Seine Augen waren auf einmal so dunkel geworden. Dunkel vor … Verlangen? Meg schluckte nervös.

Sam ließ die Hand in die Gesäßtasche seiner Jeans gleiten und holte den Hausschlüssel hervor. “Hier, bitte sehr.” Er ließ ihn in die Brusttasche von Megs muschelrosafarbener Bluse fallen, ohne dass er sie auch nur mit den Fingerspitzen berührte.

Also weshalb schwollen ihre Brüste an? War es möglich, dass sie die Erinnerung an jene Nacht gespeichert hatten, als Sam und sie …

“Was ist los?”, erkundigte er sich. “Sie sehen auf einmal aus, als wären Sie meilenweit weg!”

Nein, nur drei Meilen, hätte Meg sagen können. Unter dem Erdbeerbaum unterhalb des Hotels. Aber würde er von ihr an diese Nacht erinnert werden wollen? Wohl nicht!

“Meg?” Sam wedelte ihr mit der Hand vor den Augen. “Irgendjemand zu Hause?”

Sie blinzelte. “Sorry. Ich habe … geträumt.”

Nächtliche Düfte wehten durch die offene Tür herein – der Geruch nach sonnentrockenem Gras, nach Rosen und Seetang. Es war eine Nacht für einen Spaziergang am Strand, Hand in Hand mit einem Lover.

Ein gefährliches Bild.

Schnell verbannte Meg es aus ihren Gedanken und ersetzte es mit dem sehr viel sicheren Bild von Sams schöner Frau.

“Alix”, sagte sie. “Wann rechnen Sie mit ihr?”

Ein angespannter Ausdruck schien plötzlich über sein Gesicht zu huschen.

“Oh, bei Alix, da weiß man nie”, erwiderte Sam jedoch ungezwungen. “Sie taucht einfach … irgendwann auf.” Er gähnte. “Ich bin jedenfalls k. o.” Er wollte sich abwenden, hielt aber noch einmal inne. “Wann, sagten Sie, kommt Ihr Sohn zurück?”

Die Frage traf Meg so unerwartet, dass sie keine Zeit hatte, sich zu wappnen. Da ihre Beine nachzugeben drohten, umklammerte sie die Türkante noch fester. “Morgen, am späten Abend. Wieso?”

“Sieht aus, als wäre er ein netter Kerl. Ich würde ihn gerne kennenlernen.” Er drehte sich um, und dieses Mal ging er wirklich.

Langsam machte Meg die Tür hinter ihm zu, schloss ab, lehnte sich daran und starrte blind ins Leere. Sam gefiel sein Sohn, er dachte, er sei ein netter Kerl.

Meg biss sich so stark auf die Lippen, dass es wehtat. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob es damals vor dreizehn Jahren falsch gewesen war, dass sie sich entschieden hatte, Sam nichts davon zu sagen, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Sie hatte ihr Geheimnis aus Gründen für sich bewahrt, von denen sie aufrichtig überzeugt war, dass sie richtig waren. Aber wenn er je die Wahrheit über Andy herausfindet, dachte sie, wird er das dann genauso sehen? Oder wird er fuchsteufelswild sein und mich verurteilen, weil ich ihm etwas vorenthalten habe, worauf er ein Recht hat?

Hoffentlich findet er es nie heraus!

Am nächsten Morgen, nachdem Sam Elsa beim Frühstücksabwasch geholfen hatte, fuhr er zum Büro des Maklers, begierig darauf zu erfahren, welche Reaktion er auf sein Kaufangebot bekommen hatte.

“Mark hat ein Gegenangebot auf den Tisch gelegt.” Burton reichte Sam die Unterlagen und wischte sich die Stirn, heute mit einem orangefarbenen Tuch, während er seinen Klienten über den Schreibtisch hinweg scharf musterte. “Sie haben bis Mitternacht Zeit, es sich zu überlegen.”

Sam verzog die Mundwinkel, als er die Summe sah. “Er ist ein harter Verhandlungspartner. Aber ich werde versuchen, ihn noch etwas herunterzuschrauben.”

“Sie haben gemerkt, dass er das angrenzende Grundstück mit eingeschlossen hat? Fünf Morgen Buschland …”

“Ja, das ist ein echter Bonus. Also gut, ich stocke mein Angebot noch etwas auf und komme ihm auf halbem Wege entgegen.” Diese fünf Morgen Buschland hatten Sam besonders ins Auge gestochen, als er es gestern Nachmittag durchstreift hatte. Es wäre perfekt für einige Pavillons. “Und unser Gegenangebot gilt dann bis zehn Uhr morgen früh.”

Sam wartete in Burtons Büro, bis dessen Sekretärin sein neues Angebot aufgesetzt hatte, las es noch einmal durch und unterschrieb.

Burton begleitete ihn bis zur Tür und meinte: “Wie Sie es sich ausgebeten haben, haben Mark und ich die Verhandlungen absolut vertraulich behandelt. Ach, und übrigens, er ist sehr davon angetan, dass Ihr Angebot besser war als das der beiden anderen interessierten Käufer.”

“Großartig.” Sam trat hinaus auf die Straße.

Er fuhr über die Hauptstraße zurück, als er Meg erblickte, die schwer beladen mit mehreren Plastiktüten voller Lebensmittel auf dem Gehweg entlangstapfte.

Sam fuhr neben ihr an den Randstein und hielt den Wagen an. Sie sah zur Seite, und er bemerkte einen angestrengten Ausdruck in ihren Augen.

“Springen Sie rein”, forderte er sie auf. “Ich fahr Sie nach Hause.”

Sie wurde rot. “Würden Sie bitte aufhören, mir ständig überallhin zu folgen?”

“Wie bitte?”

“Sogar bis ins Hotel!” Ihr Ton war vorwurfsvoll. “Ich wollte ja nichts sagen, aber glauben Sie ja nicht, ich hätte nicht mitgekriegt, dass Sie gestern fast den ganzen Tag dort herumgehangen haben …”

“Jetzt bin ich also schon ein Schleicher!”

“Das haben Sie gesagt!”

“Ich versichere Ihnen, Meg, ich bin Ihnen bestimmt nicht gefolgt.” Das war ja wohl die ärgerlichste Frau, die ihm je untergekommen war! “Also, was ist jetzt, wollen Sie, dass ich Sie mitnehme, oder nicht?”

Sie zögerte einen Moment, sagte dann jedoch ungnädig: “Aber nur, weil ich sowieso schon spät dran bin. – Nein, Sie brauchen nicht extra auszusteigen. Ich schaff das schon.” Sie riss die Tür zum Rücksitz auf und lud ihre diversen Tüten darauf ab.

Als sie schließlich neben Sam auf dem Beifahrersitz Platz nahm, war sie außer Atem. Innerhalb von Sekunden war der Wagen von ihrem zarten Pfirsichduft erfüllt, und Sam spürte, wie plötzliche Freude in ihm aufstieg, während er ihn tief in sich einsog.

“Heute nicht bei der Arbeit?”, fragte er und fädelte sich wieder in den Verkehr ein.

“Ich hab mir den Tag freigenommen. Wegen der Hochzeit morgen gibt es noch so vieles zu erledigen. Unter anderem habe ich Elsa versprochen, vier verschiedene Salate für das Probedinner heute Abend zu machen.”

“Und wann müssen Sie wieder arbeiten?”

“Montag.”

“Wer kümmert sich denn um Ihren Sohn, wenn Sie im Hotel sind?”

Aus dem Augenwinkel sah Sam, dass Meg, die sich lässig in ihrem Sitz zurückgelehnt hatte, sich unvermittelt aufrichtete.

“Ich hatte Glück, dass Dee zu Hause arbeitet”, erklärte sie. “Und Elsa ist auch meistens da. Aber mein Sohn ist zwölf und durchaus in der Lage, auf sich selbst aufzupassen.”

“Sie, Dee und Elsa …”, dachte Sam laut vor sich hin. “Andy hat also eine enge Beziehung zu drei Frauen, aber keine Vaterfigur. Ich nehme an, er sieht James, aber auch nur ab und zu …”

“Was wollen Sie damit andeuten?”

Verblüfft über Megs schroffen Tonfall, blickte er zu ihr hinüber und erschrak beinahe über den Zorn, der in ihren Augen glitzerte.

“Das war nicht als Kritik gemeint.” Grimmig schaute er geradeaus.

Sam bog in die Seaside Lane ein und sagte nichts mehr, doch er konnte deutlich die Feindseligkeit spüren, die von Meg ausging. Und er war entschlossen, ihr dieses Mal auf den Grund zu gehen.

Sobald er den Wagen in der Auffahrt der Carradines geparkt hatte, stieg er aus und kam auf die andere Seite. Meg war bereits ausgestiegen und im Begriff, die rückwärtige Tür zu öffnen. Mit Bestimmtheit, aber ohne jede Gewalt schob Sam sie zur Seite.

“Ich nehme das Zeug.” Er zog die prall gefüllten Tüten heraus und stieß danach die Wagentür mit der Hüfte wieder zu. “Gehen Sie schon vor.”

Kerzengerade aufgerichtet, marschierte Meg über den Rasen, die benachbarte Einfahrt entlang und um ihr Haus herum zur Terrasse, wo sie die Hintertür aufschloss und sich umdrehte.

“Danke, ich werde die Sachen jetzt übernehmen …”

Sam schritt einfach schnurstracks an ihr vorbei und stellte die Tüten auf dem Küchentisch ab. Dee war offenbar oben am Arbeiten. Gut.

Um Meg daran zu hindern, in den Flur zu flüchten, stellte er sich ihr in den Weg. Die Fäuste in die Hüften gestemmt, sah er sie böse an.

“Ich möchte, dass Sie mir jetzt sagen, warum Sie mich nicht ausstehen können!”

Meg war blass geworden. “Bitte, gehen Sie.”

Er schüttelte lediglich den Kopf.

“Wenn Sie nicht gehen, dann gehe ich eben.” Sie versuchte, an ihm vorbeizukommen.

Sam packte sie bei den Schultern. Sie wollte sich wegdrehen. Er legte ihr die Arme um die Taille und hielt sie so in einer Lage fest, aus der sie nicht entkommen konnte. Megs Atem kam in abgehackten Stößen. Ihre Augen blickten wild umher.

Sie hatte nie schöner ausgesehen.

Und so eng an ihn geschmiegt wie jetzt, war sie ihm nie begehrenswerter erschienen. Ach, zum Henker! Ich will sie nicht begehren! Ich will doch nur wissen, warum sie eine solche Antipathie gegen mich hat. Dennoch erregte ihn der Gedanke, ihre Lippen zu berühren und zu schmecken …

Ihr Körper bebte, ihre Augen waren halb geschlossen, und Sam wusste ohne jeden Zweifel, dass Meg ihn ebenso wollte wie er sie. Scharf stieß er den Atem aus, ließ die Hände über ihre Hüften nach unten gleiten, umschloss ihren gerundeten Po und zog sie noch enger an sich …

Da ertönte ein empörter Laut von der Tür her, und Meg riss sich los.

Entsetzt entfuhr ihr ein: “Oh!”

Mit einem verlegenen Lächeln wandte Sam sich um, in der Erwartung, Dee zu sehen. Doch es war nicht Dee, der er sich gegenübersah, sondern ein hübscher Junge von etwa zwölf Jahren – groß, dunkelhaarig und blauäugig und mit fein geschnittenen Zügen, die zu einer finsteren Miene zusammengezogen waren. Staffordzüge, die Züge von Meg.

Während Sam die schlanke Gestalt in dem grauen T-Shirt, den weiten Kakihosen und den verrutschten grauen Socken betrachtete, bemerkte er, dass der Junge ein gerahmtes Foto in der Hand hielt, es im Moment jedoch zu vergessen haben schien. Seine Aufmerksamkeit war ausschließlich auf seine Mutter gerichtet.

“Andy!” Zitternd fuhr Meg sich mit der Hand durchs Haar. “Wann bist du denn gekommen? Ich habe dich nicht vor …”

“Ja”, erklärte der Junge verächtlich. “Das sehe ich!” Mit einer höhnischen Kopfbewegung deutete er auf Sam. “Also, wer ist dein Lover?”

Andrew!” Meg machte einen Schritt auf ihn zu, blieb jedoch unvermittelt stehen, als er das Foto, das er umklammert hatte, vor sich emporhielt.

Es war das Familienporträt von der Bilderwand des Jungen.

“Was hat das hier in meinem Zimmer zu suchen?!” Andy knallte das Bild mit solcher Wucht auf den Tisch, dass es ein Wunder war, dass das Glas nicht zerbrach. “Was geht hier vor, Mum? Kannst du mir das mal erklären?”

Bestürzt starrte Meg auf das Porträt. “Sam”, sagte sie schnell. “Ich möchte mit Andy reden … unter vier Augen. Könnten Sie uns bitte allein lassen?”

Sam runzelte die Stirn und zögerte. Es schien, als wolle er sie ungern im Stich lassen, doch Meg verhärtete ihren Blick nur noch mehr und wartete ab.

Nach einer angespannten Pause nickte er. “Sicher, wie Sie meinen.”

Auf dem Weg zur Tür sagte er jedoch halblaut zu ihr: “Ich bin nebenan, wenn Sie mich brauchen.”

“Danke, aber ich komme schon klar.” Sie wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, holte dann tief Luft und drehte sich mit einem Lächeln zu Andy um. “Na”, meinte sie. “Wie wär’s mit einer Umarmung? Ich hab dich vermisst!”

Er rührte sich nicht vom Fleck.

Meg ging auf ihn zu und drückte ihn kurz an sich.

“Wer ist der Typ?” Mit wütendem Gesichtsausdruck entzog Andy sich ihr und stand stocksteif da. “Wo hast du ihn aufgelesen?”

Meg ignorierte die offensichtliche Beleidigung, da sie spürte, dass sein Ärger in einer tiefen Verunsicherung wurzelte. “Er ist James’ Trauzeuge. Er hat ein paar Tage hier gewohnt, weil Elsa sein Zimmer bis gestern Abend noch nicht fertig hatte.”

“Wo hat er geschlafen?” Andys Kinn war streitlustig nach vorn gereckt. “Bei dir?”

Sie unterdrückte ihren Ärger. “Wir haben ihm dein Zimmer gegeben.”

“Dieser Blödmann war in meinem Zimmer?”

“Elsa hatte Dee gebeten, ihn unterzubringen. Und da konnte Dee ja schlecht Nein sagen, wo Elsa immer so gut zu uns gewesen ist.”

“Und wie kommt es dann, dass er dich befummelt hat?”

“Er hat mich nicht befummelt. – Himmel, Andy, der Mann ist verheiratet. Wir … eigentlich haben wir uns gestritten, und ich wollte abhauen, und da hat er mich gepackt und zurückgehalten. Ich mag ihn nicht, und er wollte wissen, warum.”

“Ach so.” Andy dachte einen Augenblick nach und straffte dann seine Schultern. “Wenn das so ist … Tja, dann soll er mal lieber aufpassen. Ich mag ihn nämlich auch nicht, und wenn er dich noch mal belästigt, werde ich …”

“Was denn, Andy?” Meg lächelte. “Er ist größer und stärker als du.”

“Ja, kann sein, aber ich kann ihn bestimmt ein paar Mal treffen, wo’s ihm wehtut, bevor er mich erwischt.” Er warf einen Seitenblick zu dem Bild auf dem Tisch. “So, und was ist damit?”

“Sam hat zu viel Interesse an unserer … Situation gezeigt, deshalb habe ich das Bild aufgehängt, ehe er rübergekommen ist, um irgendwelche weiteren Fragen über … deinen Vater zu verhindern.”

“Und du hast noch ein paar von den anderen Fotos abgenommen, um dafür Platz zu schaffen. Die hänge ich jetzt wieder auf, okay?”

“Ach, die Mühe würde ich mir jetzt nicht mehr machen”, wandte Meg schnell ein. “Du ziehst doch sowieso bald in Dees Zimmer. Dann lass uns doch noch solange mit dem Aufhängen der Bilder warten, ja?”

“Na gut.” Andy machte eine Pause und meinte dann rau: “Als ich das Bild sah, und dann auch noch eine Männerstimme hier unten gehört habe, dachte ich, dass Jack vielleicht mit seiner Tussi Schluss gemacht hat, und dass du ihn hast zurückkommen lassen.”

“Du weißt, dass ich das niemals tun würde!”

“Wahrscheinlich nicht, aber ich habe mir doch etwas Sorgen gemacht. Aber ich hätte es eigentlich wissen müssen, dass das nie passieren würde.”

“Nein, da hast du recht.”

“Also, was ist das für ein Kerl?”, fragte er, noch immer grollend.

“Er ist früher öfter in Seashore gewesen. Er hat im Hotel gejobbt, und manchmal war er auch an Weihnachten bei den Carradines. Er und James haben zusammen studiert. Aber jetzt ist er schon jahrelang nicht mehr hier gewesen.” Meg räusperte sich. “Seine Frau hat für kleine Städte nichts übrig. Vielleicht hast du sie schon mal im Fernsehen gesehen. Alix Grainger.”

“Alix Grainger? Wirklich? Ja, die kenne ich.” Verlegen trat Andy von einem Fuß auf den andern. “Mum?”

“Hm?”

“Ich … hab dir was mitgebracht.” Er grub die Hand tief in die Tasche seiner Hose und holte eine kleine Schachtel hervor. “Da.” Er hielt sie ihr hin.

“Was ist denn das?”

“Machs auf, dann wirst du’s ja sehen!” Seine Stimme klang kindlich aufgeregt.

In der Schachtel lag ein herzförmiger Baumachat, in Silber gefasst, und an einer silbernen Kette befestigt. “Oh Andy, der ist ja wunderschön!”

“Gefällt er dir wirklich?”

“Ich finde ihn toll.” Meg legte sich die Kette um und hakte den Verschluss ein. “Na, wie sieht das aus?”

“Ja.” Seine Augen strahlten. “Sieht richtig gut an dir aus.” Er umarmte sie ein wenig schüchtern. “Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein.”

“Darüber bin ich auch froh”, erwiderte sie liebevoll.

“So.” Er drehte sich um und griff nach dem Bild. Es mit den Fingerspitzen fassend, als handele es sich um ein abstoßendes Stück Abfall, meinte er: “Und wo soll das hin?”

“In die hinterste Ecke von meinem Kleiderschrank.”

“Alles klar!”

Als der Junge zur Tür strebte, setzte Meg hinzu: “Du hast mir noch gar nicht gesagt, wieso du schon da bist.”

“Mr Gardner musste zurückkommen, irgendein Notfall in der Familie, und darum mussten drei von uns mit ihm fahren. Sonst hätten nicht mehr alle in die übrigen Autos gepasst.”

“Und, hat es dir gefallen?”

“Ja, war ganz okay.”

Mehr würde sie im Augenblick nicht aus ihrem Sohn herausbekommen, das wusste Meg. Im Laufe der nächsten Tage würde sie sicherlich alle Einzelheiten zu hören kriegen, aber erst dann, wenn Andy Lust dazu hatte. Glücklicherweise hatte er nicht weiter über das Familienporträt gesprochen, und es auch nicht zum Anlass genommen, das Thema darauf zu lenken, wer sein Vater war.

Meg war sich natürlich bewusst, dass sie ihm irgendwann einmal die Wahrheit würde sagen müssen. Nach der Scheidung von Jack war Andy immer wieder einmal auf das Thema zu sprechen gekommen, doch Meg hatte es immer geschafft, ihn behutsam abzulenken. Aber in letzter Zeit hatte er begonnen, sie deshalb regelrecht zu belagern, und es wurde zunehmend schwieriger, ihn davon abzubringen.

Das letzte Mal, als er davon angefangen hatte, war vor zwei Wochen gewesen, bevor er ins Feriencamp gefahren war.

“Ich habe ein Recht darauf, es zu wissen!”, hatte er ihr vorgeworfen. “Mum, jedes Kind sollte wissen, wer sein Vater ist!”

Die schmerzliche Sehnsucht in seinem Blick war Meg ans Herz gegangen. “Andy, ich kann es dir nicht sagen. Jedenfalls jetzt noch nicht. Es wäre ihm gegenüber nicht fair …”

“Warum denn nicht?”

Meg hatte gezögert und dann beschlossen, in den sauren Apfel zu beißen. “Weil dein Vater verheiratet ist.”

Der Junge war schockiert gewesen.

“Andy …” Meg hatte die Hand hochgehalten, um seine sich überstürzenden Fragen abzuwehren. “Es tut mir leid. Ich werde es dir eines Tages sagen, das verspreche ich dir, wenn du älter bist …”

“War er auch schon verheiratet, als ihr zusammen geschlafen habt?”

Auf diese Frage hatte sie ihm unmöglich eine direkte Antwort geben können. Das wäre viel zu riskant gewesen.

“Andy, dein Vater ist ein Mann, auf den du stolz sein kannst. Er ist sehr erfolgreich in seinem Beruf, und auch sehr beliebt.”

Andys Miene hatte sich verdüstert. “Hat er auch noch … andere Kinder?”

“Nicht, dass ich wüsste, aber ich habe ihn nicht mehr gesehen seit …” Mühsam hatte sie den Kloß in ihrem Hals heruntergeschluckt. “Seit jener Nacht, in der ich mit dir schwanger wurde.”

“Er hat dich also nur benutzt und ist dann abgehauen. Für mich hört er sich wie ein verdammter Mistkerl an, Mum.” Sein Blick war hart und verächtlich. “Ein absoluter Mistkerl! Ohne ihn sind wir beide bestimmt besser dran!”

Ja, genau das hatte Meg auch viele Jahre lang geglaubt. Und in den wenigen Tagen, seit Sam in ihr Leben zurückgekehrt war, hatte er ihr nicht den geringsten Grund dafür geliefert, ihre Meinung über ihn zu ändern. Es würde eine große Erleichterung sein, wenn er endlich wieder von hier verschwunden war, und Meg ihn erneut in den letzten Winkel ihrer Gedanken verbannen konnte.

Bis dahin jedoch gab es noch einiges durchzustehen, zum Beispiel die Hochzeitsprobe heute Abend.

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