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JULIA EXKLUSIV BAND 299

Sommernacht in Rom

1. KAPITEL

Cristiano De Angelis saß abgeschirmt in seinem angenehm kühlen Mercedes, während er durch seine Sonnenbrille das hektische Treiben auf den Straßen betrachtete. Sengende Hitze ließ die Luft flirren, Autos fuhren Stoßstange an Stoßstange. Diesen Teil Roms kannte er genauso gut wie sein Penthouse in London, wo er den größten Teil des Jahres lebte. Ab und zu nahm er sich jedoch die Zeit, seine Familie in Italien zu besuchen. Als Spross einer der reichsten italienischen Familien, war er in Rom aufgewachsen und zur Schule gegangen, ehe er in England sein Studium begonnen hatte. Obwohl er gern in seine Heimatstadt kam, verspürte er auch ein Gefühl der Enge, selbst wenn er nur eine Woche blieb. Und er war jedes Mal ein wenig erleichtert, wenn er in das eher anonyme London zurückkehrte.

Stirnrunzelnd dachte er an das Gespräch, das er eben mit seiner Mutter und seinem Großvater geführt hatte. Gemeinsam hatten sie in dem luxuriös ausgestatteten Speisezimmer im Haus des Großvaters zu Mittag gegessen. Im Laufe der Unterhaltung war wieder einmal deutlich geworden, wie sehr sie beide sich Nachkommen von Cristiano wünschten.

Seine Mutter hatte ihm händeringend dargelegt, es sei ihr größter Wunsch, dass er endlich sesshaft werden und sein Glück finden sollte. Sein Großvater hingegen hatte seine nachlassende Gesundheit und sein Alter ins Spiel gebracht, als ob er schon ein klappriger Greis wäre und nicht ein rüstiger achtundsiebzigjähriger Mann, dessen schiere Präsenz schon Aufmerksamkeit einforderte.

„Ich kenne da ein sehr hübsches Mädchen“, hatte seine Mutter gesagt und dann innegehalten, um zu ergründen, ob ihre lässig hingeworfene Bemerkung auf fruchtbaren Boden gefallen war. Doch Cristiano ging nicht darauf ein. Obwohl er wusste, dass er eines Tages eine passende Frau heiraten musste, war er jetzt noch nicht bereit dazu. Entschieden war er bei seinem Standpunkt geblieben. Denn hätte er auch nur einen Moment geschwankt, hätten sie sofort eine ganze Liste möglicher Kandidatinnen ins Spiel gebracht.

Ein amüsiertes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während er die Sonnenbrille abnahm und die Menschen betrachtete, die in Scharen durch die Straßen mit ihren eleganten Designerläden schlenderten. Als hätten sie das Wort Kreditkrise noch nie gehört.

Schließlich klopfte er an die gläserne Trennscheibe und teilte seinem Chauffeur Enrico mit, dass er ihn hier herauslassen könne.

„Bringen Sie den Wagen zu mir nach Hause“, sagte Cristiano. Auch wenn ihm die Aussicht auf einen Spaziergang in der sengenden Sommersonne nicht sonderlich behagte und er lieber in dem angenehm kühlen Mercedes sitzen geblieben wäre, wollte er bei dem dichten Verkehr nicht noch mehr Zeit verlieren. „Ich muss etwas für meine Mutter abliefern. Und wenn ich die Seitenstraßen nehme, bin ich schneller, als wenn Sie mich hinfahren. Ich nehme mir dann ein Taxi nach Hause.“

„Aber Sir, die Sonne …“

Enrico war schon seit Cristianos Kindertagen Chauffeur der Familie. Und ihm behagte es gar nicht, dass Cristiano sich der Hitze aussetzen wollte.

„Ich bin doch keine alte Jungfer, die gleich in Ohnmacht fällt, Enrico“, gab er trocken zurück. „Eine halbe Stunde werde ich da draußen wohl aushalten. Und sehen Sie sich doch all die Menschen an, die durch die Straßen bummeln. Sie scheinen auch nicht unter der Temperatur zu leiden.“

„Das sind ja auch Frauen, Sir. Sie sind von Natur aus in der Lage, bei jedem Wetter einen Einkaufsbummel zu machen, ohne dass sie in irgendeiner Weise Schaden nehmen …“

Cristiano lächelte immer noch, als er in die gleißende Helligkeit hinaustrat, die Augen wieder geschützt hinter der Sonnenbrille. Auch wenn er die Blicke der Frauen spürte, an denen er vorbeiging, ignorierte er sie. Er wusste, sollte er seine Schritte verlangsamen, würde es nicht lange dauern, bis eine langbeinige, dunkelhaarige Schönheit der Gesellschaft sich ihm nähern würde. Obwohl er nicht mehr ständig in dieser Stadt lebte, war er in gewissen Kreisen wohlbekannt. Seine Besuche in Rom verliefen selten ohne hoffnungsvolle Einladungen von Frauen, die sich um ein Treffen mit ihm bemühten, auch wenn sie normalerweise keinen Erfolg damit hatten. Denn trotz der Vorwürfe seiner Mutter war er sehr wählerisch. Und während er die belebte Einkaufsstraße verließ, erinnerte ihn seine Haltung Frauen gegenüber wieder an ihre Versuche, ihn zu verkuppeln. Noch mit keiner Frau war er längere Zeit ernsthaft zusammen gewesen, auch wenn er gegen die Ehe per se nichts einzuwenden hatte. Und ein Leben ohne Kinder konnte er sich auch nicht vorstellen, obwohl er diesen Punkt eben mit einer unwirschen Handbewegung abgetan hatte. Dabei waren ihm seine Eltern in puncto Ehe doch ein leuchtendes Beispiel gewesen. Schon als Kinder hatten sie sich gemocht und passten in jeder Hinsicht perfekt zusammen. Und so wie im Märchen hätten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage zusammengelebt, wäre sein Vater nicht vor fünf Jahren gestorben. Seine Mutter trug immer noch Schwarz, bewahrte Bilder von ihm in ihrer Handtasche und sprach in seiner Gegenwart manchmal von ihm.

Doch in Zeiten schneller Scheidungen und geldgieriger Frauen, die auf das große Los hofften, wie sollte er da eine vergleichbare Verbindung finden?

Es dauerte etwas mehr als zwanzig Minuten, bis er vor dem eleganten Apartmentkomplex stand, wo er die zarte Orchidee abliefern sollte. Als Dankeschön an eine Frau, die vor zwei Wochen bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung ausgeholfen hatte. Seine Mutter, die zum Landsitz der Familie aufgebrochen war, wollte mit dem Geschenk nicht so lange warten, bis sie wieder in Rom war.

Der Spaziergang war keineswegs so unangenehm gewesen, wie er sich vorgestellt hatte. Jetzt wurde ihm bewusst, dass er nur selten zu Fuß ging. In London stand ihm Tag und Nacht ein Chauffeur zur Verfügung. Zudem erschien ihm ein Spaziergang aus reiner Lust und Laune als Zeitverschwendung, da ihm sein voller Terminplan ohnehin nur wenig Raum gab.

Nachdem er das luxuriös ausgestattete Gebäude betreten hatte, entschied er sich, die Treppe zu dem Apartment im dritten Stock zu nehmen. Das Treppenhaus mit den dicken Teppichen und der erlesenen Tapete zeugte von Eleganz. Das Apartment wäre sicher ähnlich elegant ausgestattet, wie er vermutete. Doch niemand öffnete die Tür, obwohl er einige Male geklingelt hatte.

Was, zum Teufel, sollte er nun mit dieser überteuerten Treibhauspflanze anstellen?

Er fluchte leise, weil er sich hatte erpressen lassen, diesen lächerlichen Auftrag auszuführen. Dann beschloss er, laut an die Tür zu klopfen. So wie in jedem exklusiven Apartmenthaus herrschte auch in diesem Flur gespenstische Stille. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass die Reichen lieber für sich blieben. Er selbst würde seine Zeit auch nicht mit sinnlosem Geplauder im Flur oder Aufzug verschwenden und war froh, dass er über einen eigenen Lift verfügte, der ihn in sein Penthouse beförderte.

Erneut klopfte er an die Tür, diesmal noch lauter. Und endlich hörte er trippelnde Schritte dahinter.

Unter normalen Umständen wäre Bethany sofort zur Tür gestürmt und hätte den ungebetenen Besucher scharf zurechtgewiesen, aber diesmal war es etwas anderes …

Sie schaute auf das Kleid, das sie trug, und wurde zunehmend nervös. Ein Kleid, für das seine Besitzerin sicher so viel ausgegeben hatte wie für einen Kleinwagen. Es war wunderschön und umschmeichelte ihre gute Figur. Es gab nur ein Problem: Noch vor einer Viertelstunde hatte es in einem fremden Kleiderschrank gehangen.

Himmel! Was hatte sie sich nur dabei gedacht, das Kleid anzuprobieren? Die letzten drei Tage hatte sie es geschafft, der Versuchung zu widerstehen. Warum war sie ihr gerade jetzt erlegen? An diesem Tag war es draußen sehr heiß gewesen. Zurück im Apartment, hatte sie in dem luxuriösen Marmorbad ein Schaumbad genommen. Dann war sie ins Ankleidezimmer gegangen, drei Mal so groß wie ihre winzige Studentenbude früher. Vorsichtig hatte sie all die herrlichen Kleider, Jacken und Mäntel berührt, war schließlich an dieser besonderen Kreation hängen geblieben und hatte nicht widerstehen können.

Das Klingeln an der Tür ignorierte sie. Als dann immer wieder an die Tür geklopft wurde, wusste sie, dass es nicht Amy sein konnte, die übers Wochenende zu ihrem Freund nach Florenz gefahren war. Ein Hausierer auch nicht, da diesen Menschen strikt untersagt war, das Gebäude zu betreten. Blieb nur noch einer der Bewohner oder, schlimmer noch, ein Freund der Eigentümerin dieses Apartments.

Das vierte Klopfen riss sie unbarmherzig aus ihren Grübeleien, die sich vor allem darum drehten, dass sie ihren Job hier verlieren und in Polizeigewahrsam genommen werden würde. Ein Witz, wenn man bedachte, dass es eigentlich Amys Aufgabe war, auf die Wohnung aufzupassen.

Sie blieb hinter der Tür stehen und öffnete sie nur so weit, dass der Besucher nichts von dem Kleid sehen konnte, das sie sich ausgeliehen hatte. Ihr Blick wanderte von unten nach oben. Teure braune Halbschuhe, cremefarbene Hose und Poloshirt, gebräunte Arme und eine teure Uhr, um die sich dunkle Härchen kräuselten. Als sie ihm schließlich ins Gesicht sah, verschlug es ihr den Atem. Tatsächlich war der Fremde so außergewöhnlich attraktiv, dass Bethany sich wie benommen fühlte.

Doch sie fasste sich schnell wieder, als sie sich daran erinnerte, wo sie war. In einem Apartment, das nicht ihr gehörte, in einem Kleid, das auch nicht ihr eigenes war. Rasch wich sie noch ein Stück hinter die Sicherheit der schweren Tür zurück.

„Ja, bitte? Kann ich Ihnen helfen?“ Sie wollte ihn nicht anstarren, konnte es jedoch nicht verhindern. Es waren nicht allein seine Größe, die ebenmäßigen Züge oder sein männlicher Körper, die sie in seinen Bann zogen. Vielmehr war es seine Aura von unumschränkter Selbstsicherheit und Einfluss, die ihm eine unwiderstehlich sinnliche Anziehungskraft verlieh.

Cristiano, zu Anfang überrascht, eine junge Frau vorzufinden statt einer Witwe in mittleren Jahren, betrachtete ihr zartes, herzförmiges Gesicht, den vollen Mund, die schräg geschnittenen grünen Augen und das kupferrote Haar, das ihr fast bis zu den Hüften reichte.

„Verstecken Sie sich hier?“, fragte er und sah fasziniert zu, wie sie errötete. Sie verhielt sich ganz anders als andere Frauen, die in seiner Gegenwart mit den Wimpern klimperten und sich geziert gaben, um ihr Interesse zu bekunden.

„Verstecken?“, fragte sie und stellte fest, dass seine Stimme zu seinem Äußeren passte. Tief, lässig und selbstbewusst. „Ich verstecke mich keineswegs.“ Bethany wich noch ein Stück zurück. Sie kannte diesen Mann nicht, doch sollte er hier wohnen oder ein Freund sein, wusste er, dass sie nicht Amelia Doni war, eine Frau von Mitte vierzig, der dieses Apartment gehörte. Vielleicht wusste er sogar, dass eine einundzwanzigjährige Frau, die zufällig auf diese Wohnung aufpasste, niemals ein so sündhaft teures Kleid besitzen würde. „Ich bin nur ein bisschen überrascht … dass Besuch kommt … tut mir leid. Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen …“

„Cristiano De Angelis.“ Er wartete auf ein Zeichen, dass sie ihn erkannte. Denn jede Frau, der ein solch luxuriöses Apartment gehörte, würde von der Familie De Angelis schon gehört haben. Allerdings fragte er sich, warum er sie bisher bei keinem der gesellschaftlichen Ereignisse getroffen hatte, die er immer besuchte, wenn er in Rom war. Denn an ihr Gesicht würde er sich sicherlich erinnern. Sie war keine der üblichen italienischen Schönheiten, obwohl sie die Sprache fließend beherrschte. Vielmehr sah sie … Plötzlich wurde ihm bewusst, warum er sie vielleicht noch nicht getroffen hatte. Er lächelte, während er mühelos vom Italienischen ins Englische wechselte.

„Da ich mich nun vorgestellt habe, könnten Sie mir vielleicht sagen, ob ich hier richtig bin … Signora Doni?“

„Tut mir leid. Sie haben mir noch nicht gesagt, was Sie wollen.“

Cristiano hielt ihr die Schachtel mit der Orchidee hin, die er für einen Moment völlig vergessen hatte. „Von meiner Mutter.“

Verdutzt sah Bethany ihn an. Er wollte also nur etwas abliefern und wusste nicht einmal, wie Amelia Doni aussah. Also hatte er auch keine Ahnung, dass das Kleid nicht ihr gehörte. Sie entspannte sich ein wenig und streckte die Hand nach der Blumenschachtel aus.

„Wunderbar. Vielen Dank.“

Wunderbar? Vielen Dank? Müsste sie ihn nicht hereinbitten? Zumindest einen Anschein von Interesse zeigen, ihn näher kennenlernen zu wollen?

„Wollen Sie mich nicht hereinbitten?“, fragte Cristiano gedehnt. „Schließlich bin ich fast eine halbe Stunde in der Hitze draußen gebraten worden, nur um eine Topfpflanze abzuliefern. Ein kalter Drink wäre mir jetzt sehr recht.“ Er mochte kaum glauben, dass sie tatsächlich ein paar Sekunden überlegte, ob sie ihn wirklich hereinlassen sollte.

„Sie haben vielleicht noch nicht von mir gehört, aber ich kann Ihnen versichern, dass die Familie De Angelis in Rom sehr bekannt ist. Also besteht kein Grund, dass Sie um Ihr Leben oder Ihre Besitztümer fürchten müssten.“ Seit wann musste er jemandem seine Herkunft erklären? Außerdem hatte ihn noch keine Frau bisher mit einem Blick bedacht, als würde er sie jeden Moment anfallen.

„Das tue ich doch gar nicht. Aber man hat mir beigebracht, nicht mit Fremden zu sprechen.“

„Ich habe mich vorgestellt, also bin ich nicht länger ein Fremder. Außerdem kennen Sie meine Mutter, wenn auch nur flüchtig …“ Er lächelte, und Bethany schien dahinzuschmelzen. Ihre Haut prickelte, ihre Kehle war plötzlich trocken und ihre Brüste überempfindlich.

Sonst reagierte Bethany nie auf diese Weise, wenn es um das andere Geschlecht ging. Sie konnte entspannt mit Männern plaudern, sie necken, ohne so verstörend auf sie zu reagieren. In ihrer Gegenwart hatte sie sich immer wohlgefühlt. Sie war die mittlere von drei Schwestern. Während die ältere über einen herausragenden Intellekt verfügte, war die jüngste eine strahlende Schönheit, die schon mit elf Jahren den Jungen den Kopf verdreht hatte. Bethany hielt die Mittelstellung und hatte sich immer für durchschnittlich attraktiv und recht clever gehalten. Ihre Haltung Männern gegenüber zeichnete sich durch Zurückhaltung aus. Deshalb war sie ein wenig schockiert, aber auch erstaunt, welchen Gefühlsaufruhr dieser attraktive Fremde in ihr auslöste.

„Na schön. Ich denke, Sie können einen Moment hereinkommen“, räumte sie nervös ein. „Es ist wirklich heiß draußen. Wenn Sie mögen, hole ich Ihnen ein Glas Wasser …“ Sie hielt ihm die Tür auf, damit er an ihr vorbeigehen konnte.

„Hübsch hier“, meinte Cristiano, der sich flüchtig umgesehen hatte. Da er in einer prunkvollen Umgebung aufgewachsen war, interessierte ihn die Zurschaustellung des Reichtums anderer Leute nicht. „Seit wann wohnen Sie denn hier?“ Er hatte sich bei dieser Frage zu ihr umgedreht. Ihr Anblick beeindruckte ihn so sehr, dass die Zeit für ihn einen Moment stillzustehen schien. Ihre Augen waren von einem so klaren Grün, wie er es noch nie gesehen hatte, und ihre kupferrote Haarpracht unterstrich auf vorteilhafteste Weise ihre zarte, blasse Haut. Ihre Sommersprossen gaben ihrer Schönheit eine besondere Frische und bewahrten sie davor, nur ein attraktives Gesicht unter vielen zu sein. Jetzt konnte er noch weniger verstehen, warum sie so bedacht darauf gewesen war, sich zunächst hinter der Tür zu verstecken. Denn sie hatte einen umwerfend schönen Körper. Schlank, aber mit vollen Brüsten. Und ihrem Kleid nach zu urteilen, verfügte sie über einen ausgezeichneten Geschmack.

„Seit wann ich hier wohne?“, wiederholte Bethany wie ein Papagei. „Noch nicht lange.“ Und das stimmte tatsächlich. „Ich hole Ihnen schnell ein Glas Wasser. Wenn Sie bitte … hier stehen bleiben würden … Es dauert nicht lang.“

„Sie sehen aus, als ob Sie ausgehen wollen. Ich habe wohl einen schlechten Zeitpunkt für meinen Besuch erwischt, nicht wahr?“ Mit glühendem Blick sah er sie an, während er versucht war, dieses zufällige Treffen ein wenig befriedigender zu gestalten. Es geschah selten, dass er in die Rolle des Jägers gedrängt wurde. Und noch seltener, dass er so schnell auf diese Weise auf eine Frau reagierte. Doch es gefiel ihm.

„Sie meinen also, ich will ausgehen?“ Bethany zwang sich, den Blick von ihm abzuwenden, und stakste in ihren geborgten Stöckelschuhen zur Küche.

„Sind Sie immer so schreckhaft?“

Bethany, die gerade eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nehmen wollte, schreckte bei seiner Bemerkung tatsächlich zusammen, weil sie erst jetzt merkte, dass er ihr in die Küche gefolgt war.

„Mir wäre es lieber, wenn Sie sich nicht so anschleichen“, meinte sie angespannt. „Hier, bitte. Das Wasser.“ Sie reichte ihm das Glas, dann verschränkte sie erleichtert die Arme vor der Brust.

„Haben Sie auch einen Vornamen, Miss Doni?“ Dieser Frau musste man wohl alles aus der Nase ziehen.

„Warum wollen Sie meinen Vornamen wissen?“, fragte sie, während ihr durch den Kopf ging, welche Folgen diese Enthüllung nach sich ziehen könnte. Eigentlich hatte Amy, eine Verwandte der Eigentümerin, in dem Apartment nach dem Rechten sehen sollen. Darüber war Amy nicht eben begeistert gewesen. Sie hatte erst vor Kurzem einen Mann kennengelernt, und die Aussicht, einen ganzen Monat ihrer Sommerferien in Rom verbringen zu müssen, begeisterte sie ganz und gar nicht. Bethany hingegen war überglücklich, diese Aufgabe übernehmen zu können. Sie würde ihr Italienisch aufbessern können, in der schönsten Stadt der Welt. Zudem genoss sie freie Unterkunft in einem Apartment, das sie sonst nie im Leben zu Gesicht bekommen hätte. Und obendrein würde man sie dafür noch bezahlen. Gäbe sie jedoch ihre wahre Identität preis, würde nicht nur sie selbst, sondern auch Amy großen Ärger bekommen. Benommen senkte sie den Blick und lehnte sich gegen die Anrichte.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Als Bethany die Augen wieder öffnete, merkte sie bestürzt, dass er ihr viel zu nahe stand und sie nach Luft schnappen musste. Trotzdem klang ihre Stimme gelassen, als sie erwiderte: „Ja, mir geht es gut.“ Als sie ein kleines Stück abrückte, runzelte Cristiano verwirrt die Stirn.

„Sie sehen aber nicht so aus. Ihr Gesicht ist gerötet. Vielleicht von der Hitze. Sie haben eine sehr helle Haut. Die Italienerinnen sind die Hitze während der Sommermonate in Rom gewohnt, aber Sie sind ja keine Italienerin, nicht wahr? Obwohl Sie die Sprache fließend beherrschen.“ Sein Blick schweifte durch die perfekt ausgestattete Küche, die anscheinend kaum benutzt wurde. „Ist das Ihr … Feriendomizil?“

Verblüfft sah Bethany ihn an. Gab es tatsächlich Leute, die über so eine Ferienwohnung verfügten? Marmor überall und Gemälde an den Wänden, die ein Vermögen gekostet haben mussten. Und das Ankleidezimmer voll mit teuersten Designerkleidern.

Er bestätigte ihre Überlegungen, indem er hinzufügte: „Ich jedenfalls habe verschiedene Feriendomizile.“

„Ach ja?“, meinte sie ausweichend und war froh, als er seinen Blick von ihr abwandte und einen Schluck Wasser nahm.

Lässig zuckte Cristiano die Schultern. „Ja. Hier. Und in Paris, New York und auf Barbados. Die in Paris und New York benutze ich hauptsächlich, wenn ich dort geschäftlich zu tun habe.“ Er stellte das Glas auf die Anrichte und beschloss, das Gespräch wieder auf sie zu bringen. „Also, wie lautet Ihr Vorname …“

„Amelia“, erklärte Bethany niedergeschlagen und verkreuzte die Finger hinter ihrem Rücken.

„Und wo wohnen Sie normalerweise, Amelia Doni?“

„In London.“

„Sie sind wohl nicht sehr gesprächig, Miss Amelia Doni? Ich nehme doch an, dass Sie nicht verheiratet sind …? Jedenfalls habe ich keinen Ehering an Ihrer Hand gesehen.“

„Wenn Sie das Wasser dann ausgetrunken haben …“

Sie klang ganz und gar nicht so, als ob sein Interesse ihr schmeicheln würde, wie er irritiert feststellte. Stattdessen schien sie ihn nicht schnell genug loswerden zu können.

„Wie lange sind Sie denn schon in Rom?“, fragte Cristiano. Je abweisender sie sich gab, desto entschlossener war er seltsamerweise, die Barriere zwischen ihnen zu durchbrechen.

Bethany zuckte die Schultern und murmelte: „Nicht sehr lange.“

„Aber vermutlich schon lange genug, dass man Sie für die Wohltätigkeitsveranstaltung hat einspannen können.“

„Wohltätigkeitsveranstaltung?“

„Die Orchidee. Die gegenwärtig auf dem Tischchen im Flur dahinwelkt. Ein Dankeschön meiner Mutter, die solche Veranstaltungen immer sehr unterstützt. Sie wäre selbst gekommen, ist aber aufs Land gefahren und wird eine Weile dort bleiben.“

„Aufs Land …“, wiederholte Bethany und merkte, dass sie wie jemand klang, der ein wenig schwer von Begriff war.

„Wir haben ein Landhaus“, erklärte Cristiano, den ihr mangelndes Interesse an all dem, was er zu sagen hatte, sehr verwirrte. „In den Bergen ist es viel kühler als in der Stadt …“

„Ja … das denke ich mir. Sagen Sie ihr Danke schön … für die Pflanze …“

„Welche Rolle haben Sie denn bei der Wohltätigkeitsveranstaltung gespielt?“

„Ich … nun ja, eigentlich ziehe ich es vor, nicht über Vergangenes zu sprechen. Ich bin ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt …“

„Dann sind Sie genau die richtige Frau für mich. Ich muss erst morgen wieder in London sein. Gehen Sie heute Abend mit mir essen.“

„Wie bitte? Nein! Nein, nein …“ Bethany war hin und her gerissen. Zum einen war sie schockiert, weil er sie so überrascht hatte, zum anderen war sie erstaunt, dass sie seine Einladung tatsächlich akzeptieren wollte. Sie kannte sich selbst kaum wieder, aber vielleicht verhielt sie sich deshalb so seltsam, weil sie sich in einer fremden Umgebung befand. „Sie müssen jetzt gehen“, drängte sie benommen.

„Warum? Erwarten Sie jemanden? Einen Mann vielleicht? Sind Sie liiert?“

„Nein.“ Langsam ging sie zur Eingangstür. Es fiel ihr schwer zu lügen, und sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihr ein Fehler unterlief.

„Sie sind also nicht liiert. Und Sie erwarten niemanden. Warum sträuben Sie sich dann, mit mir zu Abend zu essen?“

„Ich … ich glaube, dass es doch ein wenig unhöflich ist von Ihnen, hierherzukommen, um eine Lieferung abzugeben und mich dann zum Abendessen einzuladen …“

„Sie fühlen sich also nicht geschmeichelt?“

„Ich weiß nicht …“

„Da wäre doch ein Abendessen die perfekte Gelegenheit, sich Klarheit zu verschaffen.“ Irgendwie hatte sie es geschafft, ihn zur Tür zu drängen, und umklammerte nun mit ihrer schmalen, blassen Hand die Türklinke.

„Das glaube ich kaum. Aber trotzdem danke für die Einladung. Und natürlich für die Blume. Ich werde mich um die Pflanze kümmern, obwohl ich nicht besonders geschickt darin bin.“

„Komisch. Ich auch nicht.“ Lässig lehnte er sich gegen die Tür, sodass Bethany sie nicht öffnen konnte. „Jetzt haben wir schon eines gemeinsam.“

„Machen Sie das öfter?“, fragte sie. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, da er sie völlig verunsicherte. „Ich meine, bei Fremden hereinplatzen und sie zum Abendessen einladen? Na gut, so unhöflich ist es auch wieder nicht, aber Sie müssen zugeben, dass es etwas seltsam anmutet.“ Prüfend sah sie ihn an. „Sie kennen mich doch überhaupt nicht. Ich könnte Gott weiß wer sein.“

„Ja“, sagte Cristiano nachdenklich, „das stimmt. Sie könnten eine Mörderin sein oder eine Psychopathin …“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen, das ihr den Atem nahm. „Und noch schlimmer. Vielleicht sind Sie eine raffinierte Betrügerin, die hinter meinem Geld her ist … Wie auch immer, Sie verfügen über gewisse Referenzen, nämlich die Bekanntschaft mit meiner Mutter und …“, er sah sich kurz um, ehe sein Blick zu ihr zurückging, „und die Tatsache, dass Sie dieses Apartment Ihr Eigen nennen. Mörder, Psychopathen oder geldgierige Betrüger interessieren sich vermutlich nicht für Wohltätigkeitsveranstaltungen oder besitzen ein Feriendomizil in einer der besten Gegenden von Rom. Also kann ich meine Angst getrost vergessen.“

Bethany schwirrte allmählich der Kopf, weil er sie völlig falsch einschätzte.

„Geben Sie es doch zu. Sie müssen etwas essen.“

„Ich … ich gehe eigentlich nicht gern aus zum Essen. Ich koche lieber zu Hause. Man kann hier so viele frische Zutaten kaufen. Es gefällt mir, Verschiedenes auszuprobieren.“

„Wunderbar. Dann komme ich heute Abend hierher.“

„Aber das geht nicht.“ Sie sah in sein attraktives Gesicht und hatte das Gefühl, an einem gefährlichen Abgrund zu stehen. Auch wenn die Aussicht grandios war, könnte sie nur zu leicht abstürzen.

„Natürlich geht das“, meinte Cristiano achselzuckend. Seinem Aussehen und seinem Reichtum hatte noch nie eine Frau widerstehen können. Warum also sollte er dieser Frau, die vor ihm stand, den Gefallen tun, ihm das Gegenteil zu beweisen? „Entweder hole ich Sie um acht ab, oder ich esse hier mit Ihnen.“

„Weshalb wollen Sie mich zum Abendessen einladen? Hat Ihre Mutter Sie darum gebeten?“

„Warum sollte sie?“ Cristiano zog die Stirn kraus. „Meine Mutter hat mit meinem Privatleben nichts zu tun. Außerdem hat sie es sich schon längst auf dem Land bequem gemacht, wenn ich heute Abend zu Ihnen rüberkomme.“ Er stieß sich von der Tür ab, ohne den Blick von Bethany abzuwenden. Sie hatte wunderschöne Haut, fast durchsichtig. Nicht wie die sinnlichen Brünetten, die er sonst bevorzugte. Seine Mutter hatte kaum etwas über sie gesagt, aber warum sollte sie auch? Vermutlich war sie nur eine entfernte Bekannte, bei der sie sich mit der teuren Blume auf eine eher unpersönliche Weise bedanken wollte. Jedenfalls war es besser, dass sie nichts gesagt hatte, denn das hätte ihn mit Sicherheit abgeschreckt.

„Alle Mütter mischen sich in das Leben ihrer Kinder ein“, erklärte Bethany. Sie musste an ihre eigene Mutter denken, die aus Irland immer noch kleine Lebensmittelpakete an sie schickte, aus Angst, ihre Tochter würde verhungern.

„Wenn es um Frauen geht, lasse ich mir nicht hereinreden.“ Er öffnete die Tür, um ihr keine Gelegenheit mehr einzuräumen, ihm einen Korb zu geben. Noch nie war er von einer Frau abgewiesen worden. Außerdem verrieten ihm seine hochsensiblen Antennen, dass sie an ihm interessiert war. Auch wenn er nicht verstand, warum sie sich mit Händen und Füßen gegen eine harmlose Einladung zum Abendessen wehrte, faszinierte ihn gleichzeitig, wie sie ihn mit großen Augen ansah. Natürlich könnte all das nur vorgetäuscht sein, um zu bekommen, was sie wollte, aber er bezweifelte es. Denn ihre Miene sprach Bände. Tatsächlich hatte er noch nie einen so aufrichtigen Blick gesehen. „Sie sollten wissen, dass ich normalerweise bekomme, was ich will“, warf er ohne Eitelkeit ein.

„Und Sie wollen mit mir zu Abend essen, ehe Sie morgen wieder abreisen.“

„Na also.“ Erneut warf er ihr ein umwerfendes Lächeln zu. „Das ist doch schon ein Anfang.“ Er nahm ihre Hand, drehte sie um und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Handfläche, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

„Vermutlich. Aber … ich muss früh wieder zu Hause sein“, sagte sie verängstigt.

„Sie meinen vor Mitternacht, ehe die Gespensterstunde beginnt?“

Bethany lief rot an. Auch wenn sie nicht wusste, warum sie die Einladung überhaupt angenommen hatte, spürte sie freudige Erwartung, während sie ihn fasziniert ansah. Selbst als er schon gegangen war, stand sie immer noch wie erstarrt da.

Erst als sie dann im Schlafzimmer einen Blick von sich im Spiegel erhaschte, wurde sie in die Realität zurückgeschleudert und gab Amys Handynummer ein.

„Ich habe ein kleines Problem“, begann sie zögernd, als die Freundin abgehoben hatte.

„O Gott! Sag nicht, dass das Apartment abgebrannt ist.“

„Es steht noch. Aber es war Besuch hier und …“ Das Kleid, das so verlockend schön gewesen war, wirkte jetzt bedrohlich, als sie in den Spiegel sah und ihrer Freundin erzählte, was vorgefallen war. Sie war noch völlig durcheinander, da sie das schöne, empörend sinnliche Gesicht des Fremden immer noch vor sich sah, mit einem Blick, der zugleich beängstigend wie auch faszinierend war. Noch nie hatte ein Mann sie auf diese Weise angesehen.

Warum sollte sie nicht ein Mal in ihrem Leben unvernünftig sein? Was sprach schon dagegen, für einen Abend eine andere zu sein und die Stunden mit diesem atemberaubenden Mann zu genießen?

2. KAPITEL

„Also, erzählen Sie mir von sich …“

Auch wenn sie mit dieser Frage gerechnet hatte, machte sie Bethany nervös. Nach der anfänglichen Euphorie, für einen Abend jemand anders zu sein, war die Ernüchterung gefolgt. Denn sie würde ein paar Stunden in der Gesellschaft dieses verstörend sinnlichen Mannes verbringen, allerdings unter falschen Vorzeichen. In den vier Stunden, bis er sie abholte, hatte Bethany genügend Zeit gehabt, darüber nachzugrübeln, dass ein kultivierter, eleganter und außerordentlich attraktiver Mann wie er einem Mädchen wie ihr unter normalen Umständen niemals einen zweiten Blick gönnen würde. Mehr noch, unter normalen Umständen hätten sie sich nie kennengelernt.

Bethany hatte sich wieder auf ihre eigenen Kleider beschränkt, weil es ihr ein wenig lächerlich erschien, in der Garderobe einer anderen auszugehen. Nun überlegte sie, was sie auf seine Fragen antworten sollte.

Schließlich meinte sie nur lapidar, ein Freigeist zu sein.

„Und was soll das heißen?“ Cristiano sah sie über den Tisch hinweg bewundernd an. Er konnte sich nicht erinnern, sich bei einer anderen Frau je so auf einen Abend gefreut zu haben. Und sie hatte ihn nicht enttäuscht. Als die Tür des Aufzugs sich öffnete und sie über den Marmorboden auf ihn zu schritt, war er buchstäblich erstarrt. Sie hatte das kleine schwarze Designerkleid und die hohen Stöckelschuhe gegen Jeans und flache Halbschuhe eingetauscht und eine hellblaue Stola um die Schultern geschlungen. Cristiano gefiel dieses Tuch. Nur eine Frau mit Selbstvertrauen konnte sich darin wohlfühlen.

„Was das heißen soll?“ Bethanys natürliche Herzlichkeit offenbarte sich in ihrem Lächeln. Jetzt, da sie endlich reden konnte und ihn nicht nur wie ein schmachtender Teenager ansah, entspannte sie sich ein wenig und konnte den gestohlenen Moment genießen. „Sie klingen ja so, als hätten Sie Ihr ganzes Leben in einer Seifenblase verbracht.“

„In einer Seifenblase …“ Gedankenverloren sah Cristiano sie an. „In gewisser Weise stimmt das vermutlich, wenn man privilegiert aufgewachsen ist. Natürlich werden gewisse Dinge von einem erwartet …“

„Was denn zum Beispiel?“, fragte Bethany, die es sich nur vorstellen konnte.

„Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie nicht dieselbe Erfahrung gemacht haben. Sie haben sich doch bestimmt auch von klein auf einem gewissen Lebensstil unterwerfen müssen.“

Bethany dachte an ihre fröhlich ausgelassene Kindheit in Irland. In ihrem Elternhaus waren Freunde ein und aus gegangen. Zwei Hunde, drei Katzen und ein glückliches Chaos hatten ihre prägenden Jahre bestimmt. Sich einem besonderen Lebensstil zu unterwerfen war ihr völlig fremd gewesen.

„Ich bin eher eine Nonkonformistin“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Ich meine damit nicht, dass ich ein verwildertes Kind war, aber mir wurde nie etwas vorgeschrieben.“

„Vielleicht geht es in Ihrer Welt ein wenig anders zu“, murmelte Cristiano. „Ich habe hier in Italien immer gewusst, was die Zukunft für mich bereithält.“ Sie traten nach draußen in die angenehm milde Abendluft.

„Das muss schwierig gewesen sein.“

„Schwierig? Warum?“ Es überraschte ihn, dass sie sein Leben mit diesem Wort belegte. Denn selbst die reichsten Frauen, mit denen er sich in der Vergangenheit getroffen hatte, waren zutiefst beeindruckt gewesen von seiner Macht und den Privilegien, die er genoss. „Seit wann ist es schwer, wenn man tun und lassen kann, was man will?“

„Das kann niemand.“ Bethany lachte, als sie langsam zu seinem Wagen gingen, den er am Ende der langen Straße auf dem einzig noch freien Parkplatz abgestellt hatte.

„Sie wären überrascht.“

Bethany erschauerte. Unter dem trägen sinnlichen Timbre seiner Stimme lag der rücksichtslose Unterton eines Mannes, der es gewohnt war, genau das zu bekommen, was er wollte. „Sie glauben das nur, weil alle Menschen um sie herum darauf eingestellt sind, jedem Ihrer Worte zuzustimmen“, erklärte sie. „Das gehört vermutlich zu den Nachteilen, wenn man zu viel Geld hat …“

Zu viel Geld? Ich glaube, diesen Ausdruck habe ich noch nie aus dem Mund einer Frau gehört.“ Insgeheim amüsierte es ihn, dass eine offenbar begüterte Frau über die Fallstricke des Reichtums sinnierte. Auf der anderen Seite war es erfrischend, sich in der Gesellschaft einer Frau zu wissen, die ein soziales Gewissen hatte.

Bethany spürte instinktiv, dass er es nicht gewohnt war, wenn man seine Meinung infrage stellte. Genauso wie er nicht einmal in Betracht gezogen hatte, abgewiesen zu werden, als er sich zum Abendessen mit ihr verabredet hatte.

„Und was sind das für Frauen, mit denen Sie sich sonst so treffen?“, fragte sie, berauscht von dem Mann, der sie mit durchdringendem Blick ansah. Seine Augen waren dunkel wie Melasse, umrahmt von enorm langen Wimpern. Sein schwarzes Haar trug er ein wenig zu lang für die herrschende Mode, doch ihre Sinne sprachen umso mehr darauf an.

Cristiano lachte und wickelte sich eine ihrer kupferroten Strähnen um den Finger. „Immer Brünette“, murmelte er, „obwohl ich mich inzwischen frage, warum. Ist das Ihre echte Haarfarbe?“

„Natürlich!“ Ihre grünen Augen weiteten sich vor Aufregung, als er sie wie zufällig berührte. „Nicht alle Frauen erhalten ihre Haarfarbe aus der Flasche.“ Sie schluckte. „Also gehen Sie nur mit Brünetten aus, die sich ihre Haare färben?“

„Und die noch über andere Charakteristika verfügen als nur gefärbtes Haar.“ Ihn überkam der verrückte Wunsch, sie an sich zu reißen und sich seinem Verlangen hinzugeben. Und so ein Verhalten sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Widerwillig ließ er ihre Haarsträhne los und trat ein wenig zurück, sollte sein primitiver Instinkt ihn doch übermannen. „Lange Beine. Ausnehmend schöne Gesichter. Und der richtige Background.“

„Der richtige Background?“

Cristiano hob die Schultern. „Das ist nun mal wichtig“, räumte er ein. „Das Leben kann auch so aufreibend genug sein, auch ohne die quälende Frage, ob eine Frau, die mit einem das Bett teilt, mehr an meinem Bankkonto oder an meiner Gesellschaft interessiert ist.“

Bethanys Magen flatterte beunruhigt, doch sie beruhigte sich wieder, weil sie wusste, dass sie ganz sicher nicht hinter seinem Geld her war. „Vielleicht sind Sie ein bisschen unsicher?“

Ein bisschen unsicher? Ungläubig sah Cristiano sie an. „Nein. Unsicherheit war nie mein Problem“, erklärte er ihr mit Genugtuung. „Und bitte versuchen Sie nicht, mich den ganzen Abend zu analysieren.“

Bethany wechselte sofort das Thema. „Wohin gehen wir denn zum Essen?“ Als er den Namen des Restaurants nannte, das sowohl für seine überhöhten Preise als auch für die ausgezeichnete Qualität seiner Küche bekannt war, sah sie missbilligend an ihrer Jeans herunter. Lektion eins der Superreichen. Sie scherten sich nicht um gesellschaftliche Gepflogenheiten. Cristiano war es wohl ziemlich egal, ob sie für ein teures Abendessen gekleidet war oder nicht. Er selbst trug lässige Kleidung, schwarze Hose und weißes Hemd. Jeder andere Mann hätte darin durchschnittlich ausgesehen, er jedoch sah unglaublich sexy aus.

„Ich möchte lieber nicht dorthin gehen, so wie ich angezogen bin“, sagte Bethany angespannt. Vermutlich würde sie alle Blicke auf sich ziehen, wenn sie am Arm dieses Mannes das Restaurant betrat. Dabei hatte sie es noch nie gemocht, im Mittelpunkt zu stehen. Und was wäre, wenn er sie irgendjemandem vorstellte? Die exklusive Welt der Reichen war recht klein. Dann wäre sie schnell als Betrügerin entlarvt.

„Sie sehen … bezaubernd aus.“

„Aber nicht bezaubernd genug für dieses Restaurant.“ Bethany fluchte im Stillen, weil sie seiner Einladung nachgegeben hatte.

„Keine Sorge. Ich kenne den Besitzer. Selbst wenn ich diesen Ort mit einer Frau an meiner Seite betreten sollte, die einen Müllsack trägt, würde er es mir nicht übel nehmen.“

„Nur weil niemand Einspruch erhebt, haben Sie noch lange nicht das Recht, so etwas auch zu tun“, warf Bethany ein.

„Und warum nicht?“

„Weil man andere Menschen respektieren sollte.“ Das zumindest hatte man ihr und den Schwestern in ihrer Kindheit beigebracht.

Als Cristiano sie ansah, als käme sie von einem fremden Planeten, errötete sie.

„Eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens mit Prinzipien“, murmelte er mit einem verschmitzten Lächeln, das ihr den Atem raubte. „Das gefällt mir. In meiner Welt kommt es nur selten vor, dass eine Frau ihre Meinung freimütig äußert …“ Tatsächlich scherten seine früheren Bekanntschaften sich nicht im Geringsten darum, was sich außerhalb ihrer kleinen Welt abspielte. Und sie hätten niemals einen Fuß ins Chez Nico gesetzt, ohne vorher Stunden vor dem Spiegel verbracht zu haben. Für sie zählte nur der Schein.

„Ich bin keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“, beteuerte Bethany unbehaglich.

„Ach nein? Mit diesem riesigen Apartment in einem der besten Viertel Roms, das Sie als Feriendomizil nutzen? Den Spenden für wohltätige Zwecke?“

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass es … ein bisschen anders ist in der Welt, aus der ich komme …“

„Und was ist das für eine Welt?“

„Ach, Sie haben sicher noch nie davon gehört“, gab Bethany aufrichtig zurück. „Ein kleiner Ort in Irland … mitten im Niemandsland …“

„Mit einem großen, alten Familienstammsitz vielleicht?“

„Ja, es gibt dort ein riesiges altes Herrenhaus …“ Sie erinnerte sich, dass ihre Mutter vor vielen Jahren dort geputzt hatte, um sich für Weihnachten etwas extra zu verdienen. Ein großes graues Haus in desolatem Zustand.

„Dann müssen Sie Halbitalienerin sein. Von welcher Seite her?“

Bethany lachte befangen. „Fragen Sie alle Ihre Begleiterinnen, die Sie spontan zum Abendessen einladen, so neugierig aus?“

„Nein. Weil ich ihnen normalerweise nicht alles aus der Nase ziehen muss. Die meisten Frauen reden nämlich am liebsten über sich selbst.“

„Um Sie zu beeindrucken, meinen Sie.“

„Wollen Sie eine aufrichtige Antwort, oder soll ich mich in falscher Bescheidenheit üben?“

„Sie sind wohl sehr von sich selbst überzeugt, nicht wahr?“

„Ich glaube eher, dass ich ein feines Gespür für die Realität habe.“ Cristiano genoss diesen Schlagabtausch. Es gefiel ihm, wie sie sich in allem widersetzte, eine erfrischende Abwechslung zu den rehäugigen Schönheiten, die auf jede seiner Launen eingingen. „Und Sie haben nicht den Wunsch, mich beeindrucken zu wollen?“, forderte er sie unbarmherzig heraus.

„Warum sollte ich?“ Angst stieg in ihr auf. Dies war nicht einfach nur ein nichtssagender Abend mit einem Fremden. Vielmehr hatte sie das Gefühl, als würde er zu ihrer Seele vordringen wollen und Türen öffnen, von deren Existenz sie bisher selbst nicht einmal gewusst hatte.

„Weil ich seltsamerweise den Wunsch habe, Sie zu beeindrucken.“ Zudem wollte er mehr über sie herausfinden. Und das befremdete ihn, weil er all dies eigentlich nicht geplant hatte, als er sie zum Essen einlud. Vielmehr hatte er anschließend mit ihr ins Bett gehen wollen, weil er sie anziehend fand. Auch wenn es sonst nicht sein Stil war, wollte er nicht weiter darüber nachdenken und die Nacht mit dieser Frau genießen, die er vermutlich nie wiedersehen würde. Denn eine langfristige Beziehung kam bis jetzt überhaupt nicht für ihn infrage.

„Warum sagen Sie mir nicht, was erforderlich wäre …“

Seine Stimme war wie eine Liebkosung, genauso wie sein träger, fragender Blick, obwohl sie merkte, dass er auf Abstand bedacht war. Und trotzdem wirkte er in seiner Selbstbeherrschung seltsam erotisch. Dass er vermutlich abgestoßen wäre, würde er von ihrer wahren Herkunft erfahren, schmerzte sie. Er mochte sich für einen Mann von Welt halten, und zweifellos war er das auch. Und dennoch blieb ein Rest, über den er keine Macht hatte.

„Wir könnten spazieren gehen …“, schlug sie vor. „Rom hat doch so viele wunderschöne Sehenswürdigkeiten zu bieten. Und danach könnten wir in eine einfache Pizzeria gehen. Zufällig kenne ich eine, in der Nähe des Kolosseums.“

„Sicher. Warum nicht? In diesem Stadtteil habe ich zuletzt als Teenager gegessen. Ich glaube, ich kenne die Pizzeria, die Sie meinen. Rot-weiß gestreifte Markise draußen? Dunkle Einrichtung? Leere Weinflaschen auf den Tischen mit Kerzen darin, wie in den Siebzigerjahren? Übergewichtiger Gastwirt mit Schnauzer?“

„Er muss in den letzten Jahren ziemlich abgenommen haben“, meinte Bethany lachend, „aber den Schnauzbart hat er immer noch. Sind Sie früher mit Ihren Freunden dort gewesen?“

„Ja, ehe mich das wirkliche Leben eingeholt hat“, entgegnete er trocken.

„Was meinen Sie damit? Das wirkliche Leben?“

„Zuerst das Studium. Danach bin ich in die Fußstapfen meines Vaters getreten. Pizzerias spielen im Leben eines Mannes, der ein Unternehmen ausbauen will, keine Rolle.“ Er grinste. Ihre direkte Art gefiel ihm. Die anderen Frauen langweilten ihn schnell.

„Also gehen Sie nur noch in schicke Restaurants.“

„Wo man niemals eine Pizza in der Speisekarte finden würde.“

„Armer Cristiano.“ Bethany lachte, während ihre Blicke sich fanden. Das Blut stieg ihr zu Kopf, als sie hinter seinem amüsierten Blick eine eindeutige Einladung verspürte.

Er seufzte auf, während er sie unverwandt ansah. „Ich bin eben zu einem Leben ohne Pizza verdammt. Kein Wunder, dass Sie mich bedauern. Also gut, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Mit der Pizza bin ich einverstanden, aber die Sehenswürdigkeiten streichen wir. Enrico ist ohnehin überbezahlt, wie ich ihm immer wieder sage. Und es hat doch keinen Sinn, jemanden fürs Nichtstun zu entlohnen.“

„Wer ist denn Enrico?“

„Der Chauffeur meiner Mutter. Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie in London keinen Chauffeur haben.“

„Einige.“ Bethany dachte an all die Busfahrer, die ihre Doppeldeckerbusse zwischen ihrer kleinen Wohnung und der Universität hin und her lenkten.

„Schön. Dann wäre das geklärt.“

Bethany fühlte sich wie eine Prinzessin, als sie auf dem Rücksitz des eleganten schwarzen Mercedes Platz nahm. Eine Prinzessin, deren Kleider nicht unbedingt zu dem teuren Leder und dem glänzenden Walnussholz passten. Aber wen kümmerte das schon? Sie musste an sich halten, um nicht mit der Hand über den weichen Ledersitz zu fahren. Denn vermutlich sollte sie an diesen Luxus gewöhnt sein.

Jetzt konnte sie auch verstehen, warum Cristiano das Gefühl vermittelte, die Stadt würde ihm gehören. Denn während sie durch die Straßen fuhren, hatte auch sie nach einer Weile fast den Eindruck, von herrschaftlichem Geblüt zu sein.

Als sie dann in der überfüllten Pizzeria hinten einen Tisch gefunden hatten, spürte sie überdeutlich die Blicke der anderen Frauen, die sicher herausfinden wollten, wer der umwerfend sinnliche Mann war und seine farblose Begleiterin. Doch Cristiano schien von all dem nichts mitzubekommen.

Stattdessen ließ er sich darüber aus, wie wenig sich in den letzten zwanzig Jahren in dieser Pizzeria verändert hatte. Bethany widersprach ihm in jedem Punkt, den er vorbrachte. Schließlich warf sie ihm vor, ein Snob zu sein, als er verkündete, dass der Gastwirt zumindest die alten Baumwolltischdecken gegen neue hätte ersetzen können.

„Ich? Ein Snob?“ Er hatte ihren kleinen Streit sichtlich genossen, da ihm Frauen sonst nie widersprachen. Und es amüsierte ihn, dass sie seinen Charakter mit diesem einen kurzen Wort zusammenfasste. Sie hatte es mit einem Lachen gesagt, während sie ihn mit ihren klaren grünen Augen vielversprechend ansah, sodass ein schmerzliches Verlangen in ihm aufstieg.

„Ja. Sie.“ Sie hatte bereits ein Glas von der Flasche Wein getrunken, die ihnen serviert worden war. „Die Leute kommen in Scharen hierher, weil das Essen einfach, aber herzhaft und sehr, sehr gut ist …“

„Und noch besser wäre, wenn man ein bisschen an der Einrichtung verbessern würde.“

„Dass Sie weiße Leinentischwäsche und kriecherische Kellner mögen, heißt noch lange nicht, dass alle Ihren Geschmack teilen …“

„Die meisten würden es, wenn man ihnen die Wahl lässt.“

„Aber ich ziehe zufällig ein schlichtes Ambiente vor …“

„Schlicht also? Ich glaube, ich habe sogar noch ein paar der Weinflaschen mit Kerzen darin entdeckt, die schon hier standen, als ich vor hundert Jahren zum letzten Mal hier war.“

„Ich esse mit einem alten Mann zu Abend!“ Bethany stöhnte in gespielter Verzweiflung auf, während er ihr Glas erneut füllte und sie amüsiert ansah.

„Sie wären überrascht, was dieser alte Mann noch alles zustande bringt“, erklärte er leise und betrachtete lächelnd ihre geröteten Wangen.

„Was denn zum Beispiel?“, fragte Bethany atemlos. Ihre Haut prickelte, und sie kannte sich selbst kaum wieder, als hätte sie eine andere Welt betreten, in der die sonst üblichen Verhaltensregeln nicht mehr galten.

„Zum Beispiel ein Unternehmen leiten, mit Tochterfirmen in fast jeder großen Stadt rund um die Welt. Das erfordert großes Durchhaltevermögen. Außerdem bin ich sportlich sehr Interessiert. Die übliche Gymnastik, außerdem Ski, Polo und einmal in der Woche eine anständige Partie Squash.“

„Das ist wirklich sehr beeindruckend für einen Greis …“, spöttelte sie, um Nonchalance bemüht. Doch in ihrem Inneren fühlte sie sich ganz anders. Verlangen stieg in ihr auf, wie sie es noch bei keinem anderen Mann verspürt hatte. Tatsächlich war sie noch nie mit einem Mann zusammen gewesen, außer ein paar Küssen und den üblichen Zärtlichkeiten konnte sie auf keine Erfahrungen zurückblicken. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, ihre Jungfräulichkeit leichtfertig zu verschenken, nur weil die anderen Mädchen in ihrem Alter es längst getan hatten. Dass dieser Mann sie jetzt in Versuchung führte, gab ihr das Gefühl, nicht länger die Beherrschung über ihren Körper zu besitzen.

„Und dann ist da noch der Sex.“ Unverwandt sah er sie an. „Es hat nie Beschwerden gegeben …“

Röte übergoss ihre Wangen. Hastig griff sie nach ihrem Glas und trank den Wein in einem großen Schluck aus. „Wir sprachen eigentlich darüber, dass Sie ein Snob sind“, rief sie ihm zitternd in Erinnerung.

„Und ich habe in diesem Punkt nur meine Unschuld beteuert. Eine weniger snobistische Person als mich werden Sie kaum finden“, erklärte er.

Bethany beruhigte sich ein wenig, weil das Feuer, das in seinem Blick gelegen hatte, erloschen war.

„Na schön. Dann gehen Sie also doch mal in ein einfacheres Lokal?“

„Meinen Sie einen dieser Fast-Food-Läden, in denen man undefinierbares Fleisch bekommt, das in einer Soße ertränkt wurde? Nein.“

„Und Kino?“

Cristiano runzelte die Stirn. „In letzter Zeit nicht“, gab er zu und wunderte sich selbst, dass er schon seit Jahren nicht mehr im Kino gewesen war.

„Aber Sie gehen doch sicher ins Theater oder in die Oper, nicht wahr?“

Ergeben hielt er die Hände hoch. „Ich gebe mich geschlagen. Ich bin ein Snob durch und durch.“ Ihr Essen war inzwischen serviert worden, ohne dass sie beide es bemerkt hatten. Auch wenn die große Schüssel mit Pasta verlockend duftete, schien sie wie ein Eindringling, der bei einem unerwartet anregenden Gespräch störte.

„Jetzt mal im Ernst.“ Er nahm aus der Schüssel Spaghetti, deren überdimensionierte Größe nicht zu vergleichen war mit den kleinen Portionen, die er sonst in teuren Restaurants vor der Hauptspeise serviert bekam. Doch die Soße aus Meeresfrüchten war die beste, die er seit Langem gegessen hatte. „Für Sie ist es doch einfach, eine radikale Linke zu sein, wenn Sie genügend Geld haben, um ihre Ideale zu unterstützen?“

„Was meinen Sie damit?“ Für einen Moment hatte Bethany vergessen, dass sie nur eine Rolle spielte.

„Nun, es ist einfach, sich in der Rolle des Freigeistes behaglich einzurichten, wenn man weiß, dass man problemlos zwischen den beiden Welten hin und her pendeln kann. Sie können in eine Pizzeria wie diese hier gehen, aber wenn es sie langweilt, haben Sie die Möglichkeit, ein Taxi zu nehmen und zum nächsten Michelin-Restaurant zu fahren. Und nicht zu vergessen Ihr Apartment. Mit Geld können Sie sich den Luxus erlauben, so zu tun, als seien Sie ein ganz normaler Mensch, ohne dessen Alltag in Kauf nehmen zu müssen.“

Bethany öffnete den Mund, um zu protestieren, schloss ihn jedoch schnell wieder. Denn sie konnte seinen ironischen Kommentar durchaus verstehen, dem sie unter den gegebenen Umständen kaum widersprechen konnte. Deshalb sagte sie nur wenig überzeugend: „Ich bin keine radikale Linke.“

„Und ich bin kein Snob.“ Erneut schenkte er ihr ein umwerfendes Lächeln, sodass ihr Magen nervös flatterte. „Das Essen ist gut“, meinte er anerkennend. „Kann sein, dass ich wieder einmal hierher gehe.“

„Sind Sie sicher, dass die Frauen, mit denen Sie sonst ausgehen, von diesem Lokal begeistert wären?“

„Vielleicht nicht“, räumte Cristiano ein. „Deshalb sind Sie ja so einzigartig.“

„Wohl kaum. Sie sollten mal erleben, wie die Leute hier draußen oft Schlange stehen, um einen Platz zu bekommen. Wenn ich einzigartig bin, dann sind es all diese Menschen auch.“

„Sie wissen genau, was ich meine.“

Bethany wusste es. „Sie haben erklärt, dass Sie kein Snob sind“, hörte sie sich sagen. „Aber würden Sie auch hier mit mir sitzen, wenn ich nicht einzigartig wäre?“

„Was soll das heißen?“

„Nehmen wir mal an, ich wäre … ein ziemlich durchschnittliches Mädchen aus der Arbeiterklasse, so wie all die anderen jungen Frauen hier. Hätten Sie mich dann auch eingeladen?“

Ein seltsame Hypothese, der Cristiano sich jedoch stellen wollte. Denn eine Frau wie sie hatte er noch nie kennengelernt. Trotz ihres Reichtums schien sie überraschend unverdorben und sprach aus, was ihr gerade einfiel. Und sie besaß noch etwas anderes an sich, das er nicht bestimmen konnte, aber sehr reizvoll fand.

Zudem hatte noch keine dieses Thema zur Sprache gebracht. Stirnrunzelnd dachte er über ihre Frage nach.

„Wenn ich ehrlich bin, wahrscheinlich nicht.“

„Und warum nicht?“

„Wie ich schon sagte, ein reicher Mann kann nicht vorsichtig genug sein. Ich würde mich nie mit einer Frau zusammentun, die finanziell nicht unabhängig ist. Ehe man sich versieht, ist man verheiratet und findet sich im schlimmsten Fall vor dem Scheidungsrichter wieder, wo einem dann das schwer verdiente Geld aus der Tasche gezogen wird. Aber warum verschwenden wir unsere wertvolle Zeit mit einem Thema, das uns ohnehin nicht betrifft?“

„Da kann ich Ihnen nur zustimmen.“ Bethany nickte heftig. Sie sollte sich diesen einen wundervollen Abend nicht durch einen Streit verderben, der ohnehin zu nichts führte.

Zudem hatte er ein Recht auf seine eigene Meinung und darauf, seinen Reichtum zu schützen, selbst wenn er sich dadurch vieler neuer Erfahrungen beraubte.

„Und …“, er sah sie an, während er die Hand hob, um einen Kellner heranzuwinken, „sind wir jetzt fertig mit dieser Gewissensprüfung? Vielleicht könnten wir uns dann über etwas Unverfänglicheres unterhalten. Oder wir gehen einfach woandershin …“

„Wohin denn? Ich kenne die Klubs in Rom nicht.“ Und vermutlich hätte ich dafür nicht einmal genug Geld.

„Ich hatte an etwas … Gemütlicheres gedacht. Zu mir nach Hause ist es keine zehn Minuten von hier.“

Sein Blick war heiß und verlangend und ließ keinen Zweifel daran, dass dieser Abend im Bett enden würde. Ein One-Night-Stand. Ihre Schwestern wären schockiert und ihre Eltern tief gekränkt. Ihre Freundinnen würden glauben, dass plötzlich ein fremdes Wesen von ihr Besitz ergriffen hätte. All das, woran sie geglaubt hatte, würde mit einem Schlag zerstört. Und trotzdem wurde sie unwiderstehlich zu diesem neuen Wesen hingezogen.

Cristiano gab ihr das Gefühl, eine sinnliche Frau zu sein, die einzige Frau auf dieser Welt.

„Natürlich könnte Enrico Sie auch gleich zurück in Ihr Apartment bringen“, erklärte Cristiano, da es nicht seine Art war, eine Frau zu etwas zu zwingen, auch wenn ihm ihr Interesse natürlich nicht entgangen war.

„Wären Sie sehr böse?“

„Auf jeden Fall würde ich eine kalte Dusche brauchen.“

Bethany stellte sich seinen nackten muskulösen Körper unter der Dusche vor, das wunderschöne Gesicht mit geschlossenen Augen dem Wasserstrahl entgegengestreckt. Allein der Gedanke ließ ihren Puls schneller schlagen.

„Wollen Sie nicht auch früh schlafen gehen?“, fragte sie vorsichtig, und Cristiano lachte.

„Ich gehe nie früh schlafen, weil ich nicht viel Schlaf brauche.“

Unweigerlich musste sie daran denken, wie sie sich immer wieder in einem großen Bett liebten, das sicher mit feinsten Laken bezogen war. Hatte sie vorher noch eher vom Rand aus zugeschaut, war sie plötzlich zu einer Frau geworden, die leidenschaftliches Verlangen in sich spürte. Bis jetzt hatte sie noch nie gegen ihre drängenden Triebe ankämpfen müssen, sodass es für sie leicht gewesen war, enthaltsam zu leben.

„Nun … es gibt nur eine kleine Sache …“

Auch wenn Cristiano sofort spürte, dass sie ihn damit höflich zurückweisen würde, überraschte es ihn, wie enttäuscht er darauf reagierte. Auf der anderen Seite war der Abend sehr viel angenehmer verlaufen, als er sich vorgestellt hatte. Sonst hatte er wenig Interesse an tief greifenden Gesprächen mit Frauen, doch an diesem Abend genoss er es, eine ebenbürtige Gesprächspartnerin zu haben, die ihn zum Lachen brachte und ihm Fragen stellte, die ihn nachdenklich machten.

„Ich bin ganz Ohr.“ Er beglich die Rechnung und winkte ab, als sie ihm die Hälfte dazugeben wollte. Dann lehnte er sich auf dem Stuhl zurück und sah sie aufmerksam an. Dieser Abend hatte ihm lauter neue Erfahrungen beschert, angefangen von der seltsamen Art, wie er sie zum Abendessen eingeladen hatte. Und abgewiesen zu werden wäre für ihn auch neu.

„Ich bin nicht … gerade besonders erfahren …“

Verwirrt beugte Cristiano sich vor, da er etwas ganz anderes erwartet hatte. „Ich verstehe nicht ganz.“

„Was verstehen Sie nicht?“, meinte Bethany abwehrend.

„Was Sie mir sagen wollen.“

„Weil Sie nicht richtig zuhören.“ Verlegenheit gab ihrer Stimme einen scharfen Unterton, und sie seufzte. „Ich weiß, dass Sie bestimmte Vorstellungen haben, wie ich bin …“, exklusives Apartment in Rom, Landhaus in Irland, ein ganze Reihe von Fahrern, die nur darauf warteten, dass sie mit dem Finger schnipste, „… aber ich bin nicht wie all die anderen Frauen, mit denen Sie sich sonst treffen.“ Sie atmete tief durch und überlegte einen Moment, ihm die ganze Wahrheit zu gestehen. Dass sie sich Kleider ausgeborgt und zu einer Notlüge gegriffen hatte … Würde er sie auslachen? Oder ihr verzeihen? Nein. Er wäre entsetzt. Weil er nichts mit Frauen zu tun haben wollte, die nicht den gleichen Background hatten wie er. Und sie wollte nicht, dass plötzlich alles zu Ende war. Er hatte es geschafft, ihr unter die Haut zu gehen. Und sie wollte es nicht anders.

„Also“, sagte sie gedehnt. „Ich bin noch Jungfrau.“

3. KAPITEL

Ich bin noch Jungfrau …

Vermutlich die einzig aufrichtigen Worte von ihr, während sie ihn zum Narren gehalten hatte.

Cristiano parkte den grünen Landrover, den er in Limerick gemietet hatte, und warf einen kalten Blick auf das idyllische, reetgedeckte Cottage, das am Ende der Straße lag.

Vor fünf Monaten hatte sie ihn ohne jede Vorwarnung verlassen. Und vor fünf Wochen hatte er herausgefunden, dass sie ihm nichts als Lügen aufgetischt hatte. Amelia Doni war nicht die junge Frau mit dem frischen Gesicht und den kupferroten Haaren und grünen Augen, der er verfallen war, weil sie ihn zum Lachen gebracht hatte. Für die er seinen Rückflug nach London gecancelt hatte und stattdessen mit ihr in seinem Privatjet nach Barbados geflogen war, um dort zwei Wochen mit ihr zu verbringen. Vielmehr war Amelia Doni eine Blondine in den Vierzigern, die ihm bei einem Besuch seiner Mutter an Weihnachten ausführlich von ihrer ausgedehnten Kreuzfahrt erzählte. Wie Cristiano verärgert von ihr hörte, war sie die Eigentümerin des Apartments in Rom. Und sie gab seiner Wut noch mehr Nahrung, als er erfuhr, dass eigentlich ihre Patentochter in der Wohnung hätte nach dem Rechten sehen sollen. Die Frau, die er dort kennengelernt hatte, war also nichts anderes als eine Hochstaplerin gewesen.

Es hatte eine Woche gedauert, bis er die Adresse dieser Bethany Maguire herausgefunden hatte. Weitere Wochen waren vergangen, ehe er sich entschloss, sie zur Rede zu stellen, um seiner rasenden Wut endlich Ausdruck zu verleihen.

Er wusste nicht, was er sich davon erhoffte und warum ihn ihr Verhalten so aufbrachte. Er, ein Mann, der sich immer seiner Selbstbeherrschung gerühmt hatte! Ein Mann, der bereitwillig all ihre Lügen geschluckt hatte!

Das fahle Januarlicht begann allmählich zu verblassen. Zehn Minuten später, und das idyllische Cottage neben den bunt gestrichenen Häusern und kleinen Geschäften würde zu einem unbestimmten Grau verschwimmen. Er könnte immer noch zurück zum Hotel fahren, etwas essen, um dann am nächsten Morgen wieder nach London zu fahren. Doch dann würde ein Knoten der Verbitterung bleiben, der wie ein Geschwür in seinem Magen saß.

Er stieg aus dem Wagen und ging langsam den Gehsteig entlang, während er sich das märchenhaft anmutende Städtchen ansah. Nicht eben sein Geschmack. Es wirkte, als hätte ein Kind es entworfen, das sich mit Block und Stift einmal richtig hatte austoben dürfen. Wäre er über ein Lebkuchenhaus gestolpert, hätte ihn das nicht einmal verwundert.

Das Haus am Ende der Straße bildete keine Ausnahme. Sein Vorgarten wirkte trostlos mit den kahlen Bäumen, während er im Sommer vermutlich vor Blumen und Apfelbäumen überquellen würde, so wie sich eben ein Kind einen Garten vorstellte. Ein Schwätzchen hier und da mit den Nachbarn über die obligatorische kleine Steinmauer hinweg, während Wäsche aufgehängt wurde. Er schluckte gegen den bitteren Geschmack in seiner Kehle an, als er laut an die Tür klopfte, statt auf die Klingel zu drücken.

Bethany war gerade damit beschäftigt, Lebensmittel aus dem Kühlschrank herauszunehmen. Sie hatte ihren Eltern versprochen, etwas für sie zu kochen. Als es klopfte, fluchte sie leise, weil sie keine Zeit für ein Schwätzchen hatte. Während ihrer letzten beiden Jahre in London hatte sie völlig vergessen, wie es in der kleinen Stadt zuging, in der sie aufgewachsen war. Die Leute kamen einfach vorbei, plauderten, tranken eine Tasse Tee. Die Nachbarn, die sie schon seit Langem kannte, wären beleidigt, würde sie ein Plauderstündchen mit ihnen ablehnen.

Ob sie so tun könnte, als sei sie nicht da? Schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Denn das halbe Städtchen wusste, dass ihre Eltern beim Wohltätigkeitsbasar waren. Und die Leute wussten auch, dass sie selbst abgesagt hatte, weil sie sich an diesem Morgen nicht wohlfühlte. So war das Leben nun mal in dieser Gegend, und sie musste für die nächste Zukunft das Beste daraus machen.

Sie legte die Lebensmittel auf die Küchenanrichte und lief zur Haustür, während sie überlegte, wer geklopft haben mochte. Vielleicht war es ja die alte Mrs. Kelly, die ein paar Häuser weiter wohnte und die gern auf einen Besuch vorbeikam, der sich inzwischen immer länger ausdehnte.

Bethany unterdrückte einen Seufzer, als sie die Tür öffnete. Sie war wie vom Donner gerührt, während sie den Besucher ungläubig anstarrte.

Sprachlos kniff sie die Augen zusammen, weil sie fast schon glaubte, einer Wahnvorstellung erlegen zu sein, doch als sie die Augen wieder öffnete, stand er immer noch da.

„Du?“, rief sie mit schriller Stimme, die sie kaum wiedererkannte. „Was machst du denn hier?“ Sie schlug die Hand vor den Mund und schwankte.

„Du wirst jetzt nicht vor mir in Ohnmacht fallen“, stieß Cristiano zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Mit dem Fuß schob er die Tür weiter auf und trat ein, während sie entsetzt nach Luft schnappte. Ihre Augen wurden groß, und sie sah aus, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Gut so.

Bethany hörte, wie er die Haustür zuschlug. Für sie klang es wie das Fallbeil eines Henkers. Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, konnte jedoch nur hilflos zusehen, wie er, groß und voller Wut, den ganzen Flur auszufüllen schien.

„Cristiano“, brachte sie schließlich zitternd heraus. „Was für eine Überraschung.“ Sie lehnte sich gegen die Wand, um nicht wie ein Häufchen Elend zu Boden zu sinken.

„Das Leben ist voller Überraschungen, wie ich aus eigener Erfahrung feststellen musste.“

„Was machst du hier?“, stammelte sie, nicht gewillt, auf seine Anspielung einzugehen.

„Ach, ich war zufällig in der Gegend und wollte mal bei dir vorbeischauen … Amelia. Oder lautet dein Name nicht Amelia, sondern Bethany?“

„Mir ist schwindlig. Wirklich.“ Sie legte die Hand an die Stirn und atmete ein paar Mal tief durch. „Ich glaube, ich werde krank.“

„Tu, was du nicht lassen kannst. Ich werde hier warten, bis du dich wieder erholt hast.“ Er trat näher, und mit jedem Schritt schlug Bethanys Herz schneller.

„Wie … hast du mich gefunden?“

„Nicht doch“, meinte Cristiano beißend. „Ist es nicht ein wenig unhöflich von dir, mir nicht einmal eine Tasse Kaffee anzubieten? Wir könnten doch gemütlich über alte Zeiten plaudern. Schließlich habe ich einen weiten Weg hinter mir, um dich zu sehen …“

Offensichtlich hatte er es nicht eilig, und dass er so nah vor ihr stand, machte sie noch nervöser.

Erst jetzt fiel ihr ein, dass ihre Eltern in weniger als einer Stunde zurückkommen würden. Spätestens dann musste er verschwunden sein. Je länger sie nur dastand, desto länger würde er bleiben. Aber sie konnte nicht zulassen, dass er ihre Eltern traf.

Erneut drohte Übelkeit in ihr aufzusteigen, doch sie bezwang sie und räusperte sich.

„Na schön, ich bringe dir eine Tasse Kaffee, aber wenn du nur gekommen bist, um mich zu zwingen, mich bei dir zu entschuldigen, kannst du dir die Mühe sparen. Es tut mir leid. Zufrieden?“

„Bei Weitem nicht. Warum trinken wir nicht erst einmal einen Kaffee. Danach können wir uns ausgiebig über alles unterhalten. Ach übrigens, wusstet du, dass es strafrechtliche Konsequenzen haben kann, wenn man sich für eine andere Person ausgibt?“

Bethany wurde blass, während Cristiano, dem diese Behauptung spontan eingefallen war, ihr ein bedrohliches Lächeln zuwarf.

„Was hast du denn sonst noch im Apartment der Doni angestellt? Außer dass du dich schamlos ihrer Garderobe bedient hast? Hast du lange Finger bekommen? Soweit ich mich erinnere, ist die Wohnung vollgestopft mit Wertgegenständen.“

„Wie kannst du es wagen?“

„Ich weiß, es ist abscheulich von mir, nicht wahr? Aber an deiner Stelle würde ich es mir zweimal überlegen, ehe du dich zu moralischen Höhen aufschwingst.“ Er hatte erwartet, dass sein Besuch sie überraschen würde. Nein, dachte er, vergiss es. Er hatte erwartet, dass sie schockiert und abweisend reagieren würde. Aber mit ihrer Panik hatte er nicht gerechnet. Auf der anderen Seite bot diese junge Dame immer wieder unerwartete Reaktionen an, doch keine konnte man für bare Münze nehmen.

Bethany fühlte sich wie eine Maus, die sich einem Raubtier und damit dem sicheren Tod gegenübersieht. Als sie ihn verlassen hatte, mehr aus Feigheit denn aus einem anderen Grund, hätte sie nie erwartet, dass er sie aufspüren könnte. Sie hatte ihn nicht für den Typ Mann gehalten, der sich so weit erniedrigte, einer Frau hinterherzulaufen. Einer Frau, die ihm ohne jedes erklärende Wort den Laufpass gegeben hatte. Das würde sein Stolz ihm verbieten. Leider hatte sie nicht damit gerechnet, dass er herausfinden könnte, dass diese Frau so unecht war wie eine Dreipfundnote. Zumindest nach außen hin. Jetzt wusste sie, dass er gekommen war, um zum Gegenschlag auszuholen.

„Ich wollte mich nicht zu moralischen Höhen aufschwingen.“ Bethany drückte sich noch fester gegen die Wand. Er kam ihr so nahe, dass sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. „Ich wollte lediglich sagen, dass ich keine Diebin bin.“

„Warum fällt es mir nur so schwer, irgendetwas von dem zu glauben, was du sagst …?“

Es hatte keinen Sinn, ihm zu widersprechen oder ihre Unschuld zu beteuern, weil er ihr ohnehin nicht glauben würde. Deshalb entschied sie, dass es Zeit war für eine Tasse Kaffee. Sie verdiente seinen Zorn und würde ihn mit gesenktem Kopf und aufrichtiger Reue ertragen. Danach würde er gehen, und ihr Leben könnte in seiner unbedeutenden Routine weiterlaufen.

„Der Kaffee … ich mache dir eine Tasse … wenn du dann im Wohnzimmer warten würdest … es ist gleich hier drüben …“

„Damit ich dich nicht mehr im Blick habe? Oh nein! Wer weiß, ob du dich nicht hinten aus dem Fenster davonschleichst? Darin scheinst du ja ziemlich gut zu sein.“

„Ich habe doch gesagt, dass … es mir leidtut.“ Sie wusste, dass sie ihm nicht so schnell entkommen würde, als er ihr in die Küche folgte. Auch wenn er ihr nicht mehr so nahe war, spürte sie ihn.

„Hübsches Haus“, meinte er im Plauderton, von dem sie sich jedoch nicht täuschen ließ. Es machte ihm einfach Spaß, sein Spiel mit ihr zu treiben. „Seltsam. Du hast mir doch gesagt, dass du in London lebst.“

„Das stimmt auch.“ Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, während sie den Kessel mit Wasser füllte und einen Kaffeebecher nahm. Widerwillig drehte sie sich schließlich um und sah, dass er sich auf einen der Holzstühle am Küchentisch gesetzt hatte. Obwohl die Küche recht geräumig war, schien sie jetzt klein wie eine Gefängniszelle.

Sie stellte den Becher mit Kaffee vor ihn auf den Tisch und setzte sich ein Stück entfernt von ihm auf einen Stuhl. Dieser Fremde mit dem kalten Blick hatte nichts mehr gemein mit dem verführerisch sinnlichen und hochintelligenten Charmeur aus Rom. Denn der hatte ihr so sehr den Kopf verdreht, dass aus einer Nacht zwei wunderbar romantische Wochen im Paradies geworden waren.

Ob es stimmte, dass man sie wegen Hochstapelei belangen könnte? Der Gedanke war so schrecklich, dass sie ihn schnell verdrängte und stattdessen auf seine anklagenden Worte wartete.

Natürlich war sein Zorn gerechtfertigt. Wie oft hatte sie ihm die Wahrheit gestehen wollen, war jedoch am Ende immer wieder davor zurückgeschreckt, weil sie nicht wollte, dass ihre Affäre ein jähes Ende nahm. Stattdessen war sie immer geschickter seinen peinlichen Fragen ausgewichen.

Dabei hatte er ihr Herz gestohlen. Hätte er sie gebeten, noch weitere vierzehn Tage mit ihm auf der sonnigen Insel Barbados zu bleiben, hätte sie nur zu bereitwillig zugestimmt und das Unvermeidbare noch weiter aufgeschoben.

Er hatte vollständig von ihr Besitz ergriffen, und nach der Trennung verging kein Tag, an dem sie nicht an ihn und daran dachte, dass sie kein Recht hatte, noch einmal mit ihm zusammenzukommen. Nie wieder.

„Hör auf, mich so anzusehen“, murmelte sie.

„Wie soll ich eine Lügnerin, Betrügerin und Diebin denn sonst ansehen?“

„Ich habe dir gesagt, dass ich Amelia Doni nicht bestohlen habe.“

„Aber du hast mich bestohlen, wenn man an all die Abendessen, die Kleider und das Erste-Klasse-Ticket zum anderen Ende der Welt denkt …“

„Du verstehst nicht …“

„Dann klär mich auf.“ Als er sich vorbeugte, wich Bethany instinktiv zurück. Nervös fuhr sie sich über die Lippen und hielt mit einem Auge die Küchenuhr im Blick.

„Ich wollte dir ja die Wahrheit sagen …“

„Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten“, meinte er grimmig. „Aber irgendwann schien es dir wohl lohnender, meine Großzügigkeit auszunutzen, nicht wahr? Sex ohne Unkosten.“

„Sei nicht so grausam.“

„Wann hast du dich entschlossen, London zu verlassen, dein Studium zu unterbrechen, um hier im Niemandsland unterzutauchen? Hattest du den Eindruck, London wäre zu klein für uns beide? Oder hat dir dein schlechtes Gewissen so zugesetzt, dass du ständig in der Angst gelebt hast, mir irgendwann über den Weg zu laufen?“

Bethany wurde blass, denn mit seiner achtlos hingeworfenen Frage hatte er unbewusst ins Schwarze getroffen.

„Wie … hast du mich gefunden, Cristiano?“, fragte sie erneut. „Und warum hat es dir überhaupt etwas ausgemacht?“

Cristiano hob die Schultern. Selbst in seiner Wut, das Gesicht eine kalte Maske des Abscheus, wirkte er ungeheuer anziehend auf sie. Beschämt merkte sie, dass sie ihn mit Blicken verschlang, um sein Bild für immer in sich tragen zu können.

„Warum, fragst du?“, meinte Cristiano in schleppendem Tonfall, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Es hat mir nichts ausgemacht. Auch wenn du dich bei Nacht und Nebel davongeschlichen hast, bin ich Manns genug, um mit meinem leicht angeschlagenen Stolz fertig zu werden.“ Es gab ihm ein Gefühl der Befriedigung, ihr zu sagen, dass sie keinen bleibenden Schaden bei ihm angerichtet hatte. Sicher, ihr Bild stand ihm zu seinem großen Verdruss immer lebhaft vor Augen, aber in ein paar Monaten hätte er sie sicher vergessen. Und dass er nicht das Bedürfnis gehabt hatte, sich eine andere Frau zu suchen, war sicher seiner Vernunft zu verdanken. Denn nur ein Narr würde sich nach einer solchen Abfuhr gleich wieder einer Neuen zuwenden. „Wie gewonnen, so zerronnen“, fügte er scharf hinzu. „Aber da ist noch etwas. Es ist eine Sache, von einer Frau sitzen gelassen zu werden, aber eine ganz andere, von ihr zum Narren gemacht zu werden.“

Bethany ließ seine Vorwürfe schweigend über sich ergehen. All ihre Entschuldigungen würden seinem Zorn die Schärfe nicht nehmen.

Und dann machte ein anderer Gedanke sich in ihr breit. War er vielleicht nicht nur gekommen, um eine Erklärung von ihr zu fordern? Vielleicht wollte er all das Geld zurück, das er für sie ausgegeben hatte? Für Essen und Kleidung. Sie hatte vorgegeben, in der Eile nicht genug eingepackt zu haben, sodass sie in seinem wunderschönen Haus auf Barbados nicht einmal einen eigenen Badeanzug dabeihatte. Mit schlechtem Gewissen hatte sie zugestimmt, als er sie zu einem Einkaufsbummel einlud.

Sex ohne Unkosten. Seine Worte klangen bitter und gaben ihr das Gefühl, billiger als ein leichtes Mädchen zu sein. Zurück in London, hatte sie all die Kleider in eine Tüte gepackt und das meiste einer Wohltätigkeitsorganisation gegeben, aber sie bezweifelte, dass er ihr glauben würde. Wie auch, wenn sie sich so viel mehr hatte zu Schulden kommen lassen?

Und dann die Flüge erster Klasse. Bethany wurde blass bei dem Gedanken, wie viel sie ihm schuldete.

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