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JULIA EXKLUSIV BAND 291

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Herz an Herz mit dem Boss?

1. KAPITEL

Jamie war spät dran. Seitdem sie für Ryan Sheppard arbeitete, würde sie zum ersten Mal zu spät kommen. Eingepackt in ihren dicken Wintermantel stand sie auf dem Bahnsteig und sah alle zehn Sekunden auf die Uhr.

Ryan Sheppard hasste es, wenn man zu spät kam. Jamie konnte sich zugutehalten, dass sie in den vergangenen achtzehn Monaten stets überpünktlich gewesen war – doch das hieß nicht, dass er nun nachsichtiger mit ihr sein würde.

Als die Bahn schließlich einfuhr, hatte Jamie die Hoffnung, vor halb zehn im Büro zu sein, bereits aufgegeben. Widerwillig dachte sie an den Grund dafür, warum sie das Haus erst eine Stunde später verlassen hatte als sonst, und der Gedanke an ihre Schwester ließ sie alles andere vergessen. Sie fühlte, wie sie sich immer mehr verspannte, und als sie das auffällige, hochmoderne Gebäude erreichte, das RS Enterprises beherbergte, konnte sie ihre Kopfschmerzen nicht mehr leugnen.

Hinter dieser stattlichen Fassade befand sich das Herzstück des Firmenkonglomerats ihres Chefs, das seine Arme in die unterschiedlichsten Richtungen ausstreckte. Ein Heer von hoch qualifizierten, hoch motivierten und hoch bezahlten Angestellten hielt alles am Laufen, auch wenn um Viertel vor zehn kaum einer davon zu sehen war. Die meisten saßen an ihren Schreibtischen und sorgten dafür, dass in seinem Konzern alles glattging.

Normalerweise saß auch sie um Viertel vor zehn an ihrem Schreibtisch und machte ihre Arbeit.

Aber heute …

Um das Gesicht ihrer Schwester aus ihren Gedanken zu vertreiben, zählte Jamie bis zehn, dann fuhr sie mit dem Aufzug hoch in die Vorstandsetage.

Sie öffnete die Bürotür – überflüssig, herauszufinden, in welcher Laune er sich befand. Normalerweise würde er entweder nicht da sein und ihr eine Mail geschickt haben, in der er sie darüber informierte, was sie in seiner Abwesenheit zu erledigen hatte, oder er würde in seine Arbeit versunken am Schreibtisch sitzen.

Heute saß er zurückgelehnt auf seinem Schreibtischsessel, hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und die Füße auf den Tisch gelegt.

Sogar nach achtzehn Monaten konnte Jamie noch immer nicht mit der Autorität umgehen, die von Ryan Sheppard ausging, von diesem unerträglich anziehenden und verwirrend ungewöhnlichen Mann, der ganz anders war, als man sich einen erfolgreichen Unternehmer vorstellte.

Lag es daran, dass das Kerngeschäft der Firma Computersoftware war, ein Bereich, in dem Köpfchen und Kreativität wichtiger waren als Anzüge und hochglanzpolierte Schuhe? Oder lag es daran, dass Ryan Sheppard sich so wohl in seiner Haut fühlte, dass er sich keine großen Gedanken darüber machte, was er anhatte oder was die anderen über ihn dachten?

Jedenfalls sah man ihn selten im Anzug, und wenn, dann nur, wenn er sich mit Geldgebern traf. Doch Jamie war recht schnell zu dem Schluss gekommen, dass selbst dann noch alle nach seiner Pfeife tanzen würden, wenn er in Badehosen bei einem Meeting erscheinen würde.

Sie wartete geduldig ab, während er einen bedeutsamen Blick auf die Uhr warf, die Stirn runzelte und Jamie mit seinen dunklen Augen durchdringend ansah.

„Du bist zu spät.“

„Ich weiß. Es tut mir sehr leid.“

„Du bist sonst nie zu spät.“

„Ja, also, der unzuverlässige öffentliche Nahverkehr Londons ist schuld, Sir.“

„Ich hasse es, wenn du mich Sir nennst. Falls ich irgendwann zum Ritter geschlagen werde, können wir noch einmal darüber reden, aber bis dahin heiße ich Ryan. Und du bist nicht die Einzige, die Bus oder Bahn benutzt, aber außer dir ist niemand zu spät gekommen.“

Jamie wusste nicht, was sie sagen sollte. Da sie sich die Zeit genommen hatte, sich kurz in dem luxuriösen, marmorgetäfelten Waschraum am Ende des Ganges frisch zu machen, wusste sie, dass sie nicht mehr so besorgt und verschreckt aussah wie vor zwanzig Minuten, als sie aus der U-Bahn gestiegen war. Aber ihre Nerven lagen weiterhin blank.

„Könnten wir nicht einfach mit der Arbeit anfangen und … und … Ich hole die Zeit nach, die ich zu spät gekommen bin. Ich kann die Mittagspause durcharbeiten“, versuchte sie der unangenehmen Situation auszuweichen und setzte sich an ihren Platz.

„Wenn es nicht an den öffentlichen Verkehrsmitteln liegt, dass du zu spät bist, woran liegt es dann?“ Seit eineinhalb Jahren versuchte Ryan, hinter die ruhige, undurchdringliche Fassade seiner übertüchtigen Sekretärin zu blicken, um den Menschen zu sehen, der sich dahinter verbarg. Doch die 28-jährige Jamie Powell mit ihrem gepflegten, kinnlangen braunen Haar und ihren coolen braunen Augen blieb ihm ein Rätsel.

Er schwang seine Füße vom Tisch und beugte sich vor, um sie neugierig zu mustern. „Anstrengendes Wochenende? Lange gefeiert? Kater?“

„Natürlich habe ich keinen Kater!“

„Nein? Es spricht ja nichts dagegen, sich ab und zu mal ein bisschen gehen zu lassen. Ganz im Gegenteil, ich bin ja der Meinung, dass das gut für die Seele ist.“

„Ich trinke nicht.“ Solche Vermutungen wollte Jamie gar nicht erst aufkommen lassen. Bei RS Enterprises verbreiteten sich Gerüchte in Windeseile, und Jamie wollte auf keinen Fall, dass irgendjemand dachte, dass sie ihre Wochenenden im Alkoholrausch verbrachte. Genau genommen wollte sie nicht, dass überhaupt irgendjemand irgendetwas über sie dachte. Sie wusste es aus eigener Erfahrung: Wenn man etwas mit den Kollegen unternahm, ab und zu aus sich herausging und ein entspanntes Verhältnis zu seinem Chef aufbaute, konnte es ganz schnell kompliziert werden. Genau das war ihr passiert und sie hatte nicht vor, so etwas noch einmal mitzumachen.

„Sehr löblich!“, gratulierte Ryan mit gespieltem Ernst. „Also können wir den bösen Alkohol schon einmal ausschließen. Hat dein Wecker vielleicht versagt? Oder …“

Er lächelte sie an. Kein Wunder, dass er so gut bei Frauen ankam. Bei jemandem, der sich nicht unter Kontrolle hatte, konnte dieses Lächeln eine Gänsehaut verursachen. „Vielleicht“, fuhr er fort, „gab es da jemanden in deinem Bett, der das Aufstehen an einem kalten Dezembermorgen noch schwerer gemacht hat …?“

„Ich möchte mit Ihnen nicht über mein Privatleben sprechen, Sir – Entschuldigung, Ryan.“

„Damit bin ich auch völlig einverstanden, solange es sich nicht auf deine Arbeit auswirkt. Aber der Umstand, dass du erst um zehn Uhr hier aufgetaucht bist, erfordert doch eine Erklärung. Und es reicht nicht aus, mich mit dem Versprechen, die Mittagspause durchzuarbeiten, abzuspeisen. Ich bin ein äußerst verständnisvoller Mensch“, fuhr er fort, klopfte mit dem Stift auf den Schreibtisch und musterte ihr verschlossenes Gesicht. „Ich gebe dir sehr gern frei, wenn irgendetwas Dringendes ist. Weißt du noch, als das mit dem Klempner war?“

„Das war ein einziges Mal!“

„Und was ist mit letzten Weihnachten? Da habe ich dir großzügigerweise einen halben Tag freigegeben, damit du deine Weihnachtseinkäufe erledigen konnest.“

„Aber da hast du allen einen halben Tag freigegeben.“

„Eben! Was beweist, dass ich ein verständnisvoller Mensch bin. Und darum finde ich, dass ich eine vernünftige Erklärung für dein Zuspätkommen verdient habe.“

Jamie atmete tief ein und machte sich bereit, etwas von ihrem Privatleben preiszugeben. Sie würde ihn mit einem Minimum an Information zufriedenstellen, denn wenn sie gar nichts sagte, würde Ryan sie weiterhin belagern wie ein Bullterrier seinen Knochen.

So war er – seine Hartnäckigkeit war schon fast krankhaft. Sie nahm an, dass er es deshalb geschafft hatte, aus der winzigen, schwächelnden Computerfirma seines Vaters einen florierenden multinationalen Konzern zu machen. Hinter seinem anziehenden, relaxten Äußeren verbarg sich ein Mann mit starkem Geschäftssinn, der sagte, wo es langging und zusah, wie alle andern sich ihm fügten.

Gerade als sie den Mund öffnete, um ihm eine gekürzte Version dessen, was vorgefallen war, vorzutragen, wurde seine Bürotür aufgerissen. Und zwar so theatralisch, dass sich beide im gleichen Moment nach der langbeinigen, blonden, blauäugigen Frau umdrehten, die ins Büro hineingerauscht kam. Ihr üppiges langes Haar wogte, und über dem Arm trug sie einen dicken roten Mantel.

Sie warf den Mantel mit einer so übertriebenen Geste auf den nächstbesten Stuhl, dass Jamie sich sehr anstrengen musste, nicht laut loszulachen.

Ryan Sheppard hatte keine Skrupel, seine Frauen zu sich ins Büro kommen zu lassen, sobald er Feierabend gemacht hatte. Jamie nahm an, dass dies der Arroganz eines Mannes geschuldet war, der mit einem Kopfnicken jede Frau bekam, die er haben wollte. Warum sollte er sich die Mühe machen, um neun Uhr abends zu einer Frau nach Hause zu gehen, wenn sie genauso gut in sein Büro kommen konnte und er sich so den Weg sparte? Als es einmal besonders hektisch zuging und seine Angestellten bis spät in die Nacht angespannt arbeiteten, hatte sie beobachten können, wie er in einer höchst romantischen Geste seine Mitarbeiter nach Hause geschickt hatte, damit er seine Geliebte im Büro mit chinesischem Fast Food bewirten konnte. Nicht ein einziges Mal hatte Jamie mitbekommen, dass irgendeine seiner Frauen sich beklagt hätte. Sie lächelten und sahen bewundernd zu ihm auf, und wenn sie ihm langweilig zu werden begannen, wurden sie auf taktvolle und teure Weise abgeschoben. Und sein Charme wirkte so nachhaltig, dass es ihm gelang, mit dem größten Teil seiner Exfreundinnen ein freundschaftliches Verhältnis aufrechtzuerhalten.

Aber soweit sie sich erinnerte, hatte es etwas wie das hier noch nie gegeben – zumindest nicht, seitdem sie für ihn arbeitete.

Jamie konnte sich ein Lachen über diese komische Situation nicht mehr verkneifen. Rasch versuchte sie, es als Hustenanfall zu tarnen, doch als sie ihn ansah, warf er ihr einen finsteren Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder der aufgebrachten Schönheit zuwandte, die vor seinem Schreibtisch stand.

„Leanne …“

„Ich fasse es nicht, dass du es wagst, einfach am Telefon Schluss zu machen!“

„Nach Tokyo zu fliegen, um es dir ins Gesicht zu sagen, kam nicht infrage“, antwortete er und warf einen kurzen Blick auf Jamie, die gerade aufstehen wollte, weil sie den Kummer und den Ärger der aktuellen Exfreundin ihres Chefs lieber nicht mit ansehen wollte. Doch Ryan bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, dass sie bleiben solle.

„Du hättest warten können, bis ich zurück bin!“

Ryan seufzte und rieb sich die Augen. Dann stand er auf und ging um seinen Schreibtisch herum, um sich auf dessen Kante zu setzen.

„Beruhige dich“, sagte er mit perfekt modulierter Stimme, in der allerdings eine kalte Drohung mitschwang. Leanne, die den Unterton nicht überhörte, schnappte nach Luft.

„Denk an unsere letzten beiden Treffen“, fuhr er erbarmungslos ruhig fort, „dann erinnerst du dich vielleicht daran, dass ich bereits angedeutet habe, dass unsere Beziehung vorbei ist.“

„Aber das hast du doch nicht so gemeint!“ Sie warf ihre blonde Mähne zurück.

„Es ist nicht meine Art, Dinge zu sagen, die ich nicht meine. Aber du wolltest es nicht wahrhaben, und so blieb mir nichts anderes übrig, als es in aller Deutlichkeit auszusprechen.“

„Aber ich dachte, dass da mehr zwischen uns sei. Ich hatte noch einiges vor mit dir! Und was …“, Leanne warf Jamie, die zu Boden starrte, einen finsteren Blick zu, „… was macht sie hier? Ich will, dass wir das unter uns ausmachen! Und nicht in Anwesenheit deiner langweiligen kleinen Sekretärin, die alles genau mit anhört und sich Notizen macht, damit sie jedem in der Firma Bericht erstatten kann.“

Klein? Ja. Eins dreiundsechzig konnte man kaum als groß bezeichnen. Aber langweilig? Diese Bezeichnung hätte Jamie verletzt, wenn sie von irgendjemand anderem gekommen wäre als von Leanne. Wie alle Frauen in Ryans Leben war Leanne eine Schönheit, die für Frauen, die sich nicht so sehr um Äußerlichkeiten kümmerten, nur Geringschätzung übrig hatte.

Jamie warf der hochgewachsenen Blondine mit den blauen Augen einen verächtlichen Blick zu.

„Jamie ist hier“, antwortete Ryan kühl, „weil das hier, falls du es noch nicht bemerkt hast, mein Büro ist, und wir gerade mitten in der Arbeit stecken. Ich glaube, ich hatte dir klar gesagt, dass ich es nicht leiden kann, wenn ich bei der Arbeit gestört werde. Egal wann. Und egal von wem.“

„Ja, aber …“

Er ging zu dem Stuhl, auf den sie ihren Mantel geworfen hatte, und reichte ihn ihr. „Du bist verärgert, und ich entschuldige mich bei dir. Aber jetzt würde ich vorschlagen, dass du sowohl mein Büro als auch mein Leben mit Würde verlässt. Du bist eine schöne Frau und wirst keine Probleme haben, jemanden zu finden, der mich ersetzt.“

Fasziniert beobachtete Jamie, wie in Leanne Stolz und Wut gegen Selbstmitleid und den Wunsch, ihn anzuflehen, kämpften. Doch am Ende ließ sie sich in ihren Mantel helfen, und als sie die Tür hinter sich schloss, tat sie das wesentlich weniger stürmisch als beim Hereinkommen.

Jamie starrte weiter vor sich hin und wartete darauf, dass Ryan etwas sagen würde.

„Wusstest du, dass sie zu mir wollte?“, fragte er abrupt. „Bist du deswegen ausgerechnet heute zwei Stunden zu spät gekommen?“

„Natürlich nicht! Ich bin nicht gerade scharf darauf, in deine Privatangelegenheiten hineingezogen zu werden.“ Obwohl genau das schon vorgekommen war: Sie hatte Geschenke für die Frauen gekauft, Blumen ausgesucht und bringen lassen und Theaterkarten vorbestellt. Einmal hatte er sie sogar zu einem Nobelwagenhändler mitgenommen und sie gefragt, für welche Farbe er sich entscheiden sollte, als er einer Frau, mit der er nur ein paar Wochen lang zusammen war, einen Porsche kaufen wollte. Obwohl er nie eine längere Beziehung im Sinn hatte, war er ein großzügiger Liebhaber. „Und es gefällt mir nicht, wenn du mich bezichtigst, gemeinsame Sache mit deinen Tus… Freundinnen zu machen.“

Sie fühlte, wie sie errötete. Ryan sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Ich frage nur, weil du Leannes Auftritt eben offenbar etwas Komisches abgewinnen konntest. Ich könnte schwören, dich lachen gehört zu haben.“

Jamie sah ihn an. Er hatte sich wieder auf die Tischkante gesetzt, seine langen Beine, die in Jeans steckten, ausgestreckt und die Füße übereinandergelegt. Mit hochhackigen Schuhen war Leanne mindestens einen Meter dreiundachtzig groß, und trotzdem hatte er sie noch um ein gutes Stück überragt.

„Es tut mir leid. Das war unangemessen.“ Doch sie musste sich sehr beherrschen, um nicht wieder loszulachen, und sah auf ihre gefalteten Hände hinab.

Als sie wieder aufsah, stand er vor ihr, und bevor sie mit ihrem Stuhl wegrücken konnte, hatte er sich zu ihr heruntergebeugt, die Hände auf die Stuhllehnen gestützt und sein Gesicht so nah an ihrem, dass sie sah, wie ungewöhnlich lang seine Wimpern waren und dass seine dunklen Augen leicht goldgesprenkelt waren. Er kam ihr so nah, dass sie die Hand nur wenige Zentimeter hätte heben müssen, um ihm über die Wange zu streichen und seine Bartstoppeln an den Fingern zu spüren.

Verwirrt von diesem abwegigen Gedanken kämpfte Jamie gegen ein flaues Gefühl im Magen an und sah Ryan unverwandt ins Gesicht, obwohl sie ihr eigenes Herz wie verrückt schlagen hörte.

„Was mich interessiert“, sagte er sanft, „ist, was genau du daran so lustig fandest.“

„Warum willst du das wissen?“

„Weil ich gern wüsste, was im Kopf meiner Sekretärin vor sich geht. Das mag verrückt klingen, aber ich glaube, dass das die Zusammenarbeit wesentlich leichter macht.“ In Wirklichkeit glaubte Ryan nicht, dass es irgendjemanden gab, mit dem die Arbeit angenehmer gewesen wäre. Jamie besaß eine verblüffende Fähigkeit, sein Handeln vorauszusehen, und ihre Ruhe bildete einen angenehmen Gegenpol zu seiner Sprunghaftigkeit.

Nachdem seine treue Sekretärin mittleren Alters, die ihm fast zehn Jahre lang gute Dienste geleistet hatte, nach Australien ausgewandert war, hatte er sich drei Jahre lang mit unfähigen Sekretärinnen herumgeärgert, die sich dummerweise alle in ihn verliebt hatten.

Jamie Powell hingegen arbeitete wirklich für ihn, ganz unabhängig davon, was in ihrem Kopf vorging oder was sie über ihn dachte. Trotzdem überkam ihn plötzlich das Bedürfnis, sie aus der Reserve zu locken.

Er richtete sich auf und ging zu dem Sofa, welches ihm auch als Bett diente, wenn er so lange arbeitete, dass es das Einfachste war, im Büro zu übernachten.

Widerwillig drehte sich Jamie mit ihrem Stuhl in seine Richtung und fragte sich, wie viele milliardenschwere Chefs in Jeans und verblichenem Pulli die Arbeit unterbrachen und sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen auf ihrem Sofa ausstreckten, um Dinge zu fragen, die sie nichts angingen.

Ihr lief ein nervöser Schauer den Rücken hinunter. Hätte sie diese Stelle angenommen, wenn sie gewusst hätte, was sie erwartete?

„Ich werde nicht dafür bezahlt, dir meine Meinung über dein Privatleben mitzuteilen“, sagte sie in einem letzten Versuch, das Thema zu wechseln.

„Keine Sorge. Du hast hiermit die Erlaubnis, zu sagen, was du denkst.“

Jamie fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Dies war das erste Mal, dass er nicht von ihr abließ, obwohl er wusste, dass seine Neugierde bei ihr nicht auf fruchtbaren Boden fiel.

„Na gut.“ Sie sah ihn ruhig an. „Ich war überrascht darüber, zu erleben, dass eine deiner Freundinnen es wagt, ins Büro zu stürmen und dir die Meinung zu sagen. Ich fand es lustig, darum musste ich lachen. Und wenn ich das Büro verlassen hätte, als ich es wollte, hätte ich nicht gelacht. Aber du hast mich gebeten zu bleiben. Also kannst du mir meine Reaktion nicht zum Vorwurf machen.“

Ryan setzte sich auf und sah sie aufmerksam an. „Siehst du? Ist es nicht befreiend, sich auszusprechen?“

„Ich weiß, dass es dir Spaß macht, mich durcheinanderzubringen.“

„Bringe ich dich durcheinander?“

Jamie wurde rot und kniff die Lippen zusammen. „Im Bezug auf Frauen scheinst du keinerlei Sitte oder Anstand zu kennen“, sagte sie knapp. „Ich arbeite erst ein wenig länger als ein Jahr für dich, und in der Zeit hattest du ein Dutzend Frauen oder mehr. Du spielst mit den Gefühlen der Menschen und scheinst dir überhaupt nichts dabei zu denken.“

„Findest du, dass ich die Frauen benutze? Dass ich sie schlecht behandele?“

„Ich …“ Sie öffnete den Mund, um zu sagen, dass sie bis jetzt nie irgendetwas darüber gedacht hatte, wie er mit Frauen umging, aber das wäre gelogen gewesen. Etwas widerwillig gestand sie sich ein, dass sie viel über Ryan Sheppard und seine außerberuflichen Beziehungen nachgedacht hatte. „Ich bin sicher, dass du sie gut behandelst, aber die meisten Frauen wollen mehr als nur teure Geschenke und ein paar Wochen Spaß.“

„Wie kommst du darauf? Hast du dich mit meinen Freundinnen unterhalten? Oder sprichst du von dem, was du willst?“

„Ich habe mich nicht mit deinen Freundinnen unterhalten, und wir reden jetzt auch nicht über mich“, antwortete Jamie brüsk.

Sie war rot geworden, und zum ersten Mal bemerkte er, wie viel Temperament in ihrem Blick lag und wie voll ihre Lippen waren. Er fragte sich, warum ihm diese Details an ihr nicht früher aufgefallen waren. Ihm fiel auf, dass sie fast nie – wenn überhaupt – längere Unterhaltungen führten, die Augenkontakt erforderten.

„Ich behandele die Frauen, mit denen ich zusammen bin, sehr gut, und, was noch wichtiger ist, ich mache ihnen keine falschen Hoffnungen darüber, welchen Stellenwert sie in meinem Leben haben. Ihnen ist von Anfang an klar, dass ich nicht auf eine längere Beziehung aus bin oder gar eine Familie gründen will.“

„Warum?“

„Wie bitte?“

„Warum bist du nicht auf eine längere Beziehung aus und willst keine Familie gründen?“

Ungläubig sah Ryan sie an. Er hielt sich zugute, dass er damit umgehen konnte, wenn man ihm die Meinung sagte. Vielleicht dachte er manchmal nicht weiter darüber nach, meistens sogar, aber man konnte wirklich nicht sagen, dass er für die Ansichten anderer nicht offen wäre. Aber so eine sonderbar persönliche Frage war ihm noch nie gestellt worden.

„Das ist eben nicht jedermanns Sache.“ Doch nun wollte er diese Unterhaltung beenden. „So. Ich denke, es wird Zeit, dass wir uns an die Arbeit machen.“

Jamie zuckte mit den Schultern. „Gut. Ich bin leider noch nicht dazu gekommen, die Berichte über die Softwarefirma, in die du investieren willst, durchzusehen. Soll ich das jetzt machen? Bis heute Nachmittag hätte ich dann alles zusammen.“

Und so begann der Arbeitstag – was Ryan ein wenig enttäuschte – genau wie immer: mit einer Jamie, die ihre Arbeit machte, und zwar mit einer Geschwindigkeit und Gründlichkeit, dass er sich fragte, wie er vorher ohne sie hatte klarkommen können.

Um drei nahm er seinen Mantel; er hatte ein Meeting mit drei Investmentbankern und war spät dran. Als er nach dem erfolgreichen Treffen um halb sechs zurück ins Büro kam, packte sie gerade ihre Sachen.

Jamie, die dabei war, den Computer auszuschalten, fühlte, wie ihr Herz unangenehm zu flattern begann. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er zurückkommen würde, bevor sie ging.

„Du gehst schon?“ Ryan ließ seinen Mantel auf seinen Schreibtisch fallen und zog den Pullover aus, den er des Meetings wegen angezogen hatte.

Das T-Shirt, welches er darunter trug, verbarg kaum, wie muskulös Ryan war. Jamie wandte den Blick ab und hätte sich dafür ohrfeigen mögen, weil sie mittlerweile an all das hätte gewöhnt sein müssen und sie nicht wusste, warum sie auf einmal so dumm darauf reagierte. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ihre Schwester wieder auf der Bildfläche erschienen war. Wenn sie sich die Mühe machen würde, der Sache auf den Grund zu gehen, würde sie sicher einen Zusammenhang finden.

„Ich … ich wäre gern noch länger geblieben, Ryan, aber es ist etwas dazwischengekommen, darum muss ich mich jetzt sputen.“

„Es ist etwas dazwischengekommen? Was denn?“ Er kam auf Jamie zu, die noch immer zögernd am Rechner stand.

„Nichts.“

„Nichts? Etwas? Was denn nun, Jamie?“

„Ach, lass mich doch in Ruhe“, rief sie, und zu ihrem Entsetzen fühlte sie, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie drehte sich weg und begann, in einem Stapel Unterlagen herumzukramen, in der Hoffnung, dass Ryan ihren Wink verstehen und verschwinden würde. Doch das tat er nicht. Schlimmer noch, er legte ihr einen Finger unters Kinn und hob sanft ihren Kopf.

„Was geht hier vor?“

„Nichts geht hier vor. Ich bin nur ein bisschen müde, das ist alles. Vielleicht habe ich mir etwas eingefangen.“

Sie schüttelte seine Hand ab, spürte aber deren Wärme auf ihrer Haut, als sie in ihren dicken schwarzen Mantel schlüpfen wollte, um für die beißende Kälte draußen gerüstet zu sein.

„Hat es etwas mit der Arbeit zu tun?“

„Wie bitte?“

„Ist hier bei der Arbeit etwas vorgefallen? Hat irgendjemand etwas Komisches zu dir gesagt? Irgendeine unangemessene Bemerkung gemacht?“

Jamie sah ihn verständnislos an. „Natürlich nicht. Nein, hier ist alles prima.“

„Ist es ein Mann, der dir Kummer bereitet?“ Er bemühte sich, teilnahmsvoll zu klingen, aber seine Vorstellungskraft war mit ihm durchgegangen und hatte seinen Kopf mit allen möglichen Bildern gefüllt, die eindeutig der Kategorie „unangemessen“ zuzuordnen waren.

„Was für einen Kummer?“

„Hat sich jemand an dich rangemacht, obwohl du es nicht wolltest?“, fragte Ryan direkt. „Du kannst es mir sagen, und ich sorge dafür, dass das nie wieder vorkommt.“

„Wie kommst du auf die Idee, dass ich in einem solchen Fall Hilfe benötigen würde?“, fragte sie kühl. „Glaubst du, ich wäre nicht fähig, selbst mit einem Typen fertigzuwerden, der mich anmacht?“

„Habe ich das gesagt?“

„Du hast es angedeutet.“

„Andere Frauen“, sagte Ryan, indem er sich straffte, „kennen sich wahrscheinlich besser mit Männern aus. Du … vielleicht liege ich da falsch, aber du kommst mir doch recht unerfahren vor.“

Leicht irritiert fragte sie sich, wie ihre Unterhaltung an diesen Punkt hatte führen können. Was musste alles schiefgegangen sein, wenn er aus Gesprächen über Software auf ihr Liebesleben schloss – oder darauf, dass es ein solches nicht gab?

„Ich denke, es wird Zeit, dass ich mich auf den Weg mache. Morgen werde ich pünktlich hier sein“, sagte sie und ging in Richtung Tür. Er folgte ihr, und plötzlich fühlte sie seine warme Hand um ihr Handgelenk. „Du warst so durcheinander. Da kannst du es mir doch nicht übel nehmen, dass ich wissen wollte, warum.“ Mit einem kleinen Ruck zog er sie zu sich.

„Doch, das kann ich.“ Ihr Mund war trocken und sie wusste, dass sie rot geworden war. Es fühlte sich an, als würde ihr ganzer Körper glühen.

„Ich bin dein Chef. Du arbeitest für mich, und daher trage ich die Verantwortung für dich.“ Er sah auf ihren Mund hinunter und dann noch ein wenig weiter hinab, auf ihre frisch gestärkte weiße Bluse und das adrette Jackett, unter dem er ihren wogenden Busen erahnte.

„Ich kann selbst die Verantwortung für mich übernehmen“, presste Jamie hervor. „Es tut mir wirklich leid, dass ich meine Probleme mit hierher gebracht habe. Es wird nicht wieder vorkommen. Und, nur zu deiner Information: Es hat nichts mit der Arbeit oder irgendjemandem hier im Büro zu tun. Niemand hat irgendetwas zu mir gesagt, und es hat mich auch niemand angemacht. Aber, nur der Vollständigkeit halber: Wenn irgendjemand etwas getan hätte, mit dem ich nicht einverstanden gewesen wäre, dann hätte ich mich schon zu wehren gewusst. Es ist nicht nötig, dass du eingreifst und mir zu Hilfe kommst.“

„Die meisten Frauen mögen es, wenn man ihnen hilft“, murmelte Ryan, und auf einmal veränderte sich die Atmosphäre zwischen ihnen. Er lockerte seinen Griff um ihr Handgelenk, und anstatt ihre Hand wegzuziehen, sah Jamie wie hypnotisiert zu ihm auf und verlor sich in seinen dunklen Augen. Schließlich blinzelte sie, was sie glücklicherweise auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte.

„Ich bin aber nicht die meisten Frauen“, sagte sie leise, „und ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mich jetzt gehen lassen würdest.“

Das tat er. Er machte einen Schritt beiseite und sah zu, wie sie ihren Mantel anzog.

Sie brachte es nicht fertig, ihn anzusehen. Innerlich bebte sie, und es war ihr unerklärlich, was eben mit ihr passiert war. Nicht einmal der Gedanke an Jessica konnte sie von jenem Moment ablenken. Und ihr war bewusst, wie sie von ihm angestarrt wurde und er denken musste, dass sie überreagierte, dass sie sich benahm wie eine Verrückte, obwohl er doch nur hatte verstehen wollen, warum sie sich heute so anders verhalten hatte als sonst.

Sie arbeitete für ihn, und als ihr Chef hatte er es als seine Pflicht angesehen, sie vor etwaigen Unannehmlichkeiten am Arbeitsplatz zu schützen. Und was tat sie? Sie benahm sich wie eine alte Jungfer, die von einem Lustmolch bedrängt wurde. Wie peinlich!

Und obendrein hatte sie ihn angestarrt. Ob er es bemerkt hatte? In Bezug auf Frauen entging ihm nichts, und das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass er auf die Idee kam, sie würde in ihm irgendetwas anderes sehen als ihren Chef – einen Mann, den sie respektierte, aber immer auf Distanz halten würde.

„Ich habe die Berichte auf deinen Schreibtisch gelegt“, sagte sie knapp. „Dein Meeting morgen um zehn habe ich umgelegt. Also …“

„Also kannst du jetzt gehen und deinen Ärger mit dir selbst ausmachen“, sagte Ryan.

„Das werde ich.“

Den gesamten Heimweg lang ging ihr der Tonfall nicht aus dem Kopf, mit dem er dies zu ihr gesagt hatte. Sie fragte sich, was er von ihr dachte. Es kam ihr vor, als würde die von ihr gesetzte Grenze zwischen ihnen, die ihrer beider Rollen festlegte, einstürzen wie ein Kartenhaus, und das nur, weil er sie in einem schwachen Moment erwischt hatte.

Was sie Jessica zu verdanken hatte.

Als sie von der U-Bahn-Station nach Hause ging, war es stockfinster und eiskalt. Seit zwölf Jahren hatte es keinen so harten Winter in London gegeben. Noch hatte es nicht geschneit, aber der Wetterbericht sagte weiße Weihnachten voraus.

Bei ihr zu Hause brannten alle Lichter. Jamie seufzte. Immerhin hatte Jessica den Schlüssel gefunden, der unter einem Blumentopf neben dem Haus versteckt war. Und immerhin hatte sie es wohlbehalten von Edinburgh nach London geschafft, auch wenn ihre Ankunft weiteren Stress für Jamie bedeutete.

2. KAPITEL

„Du verstehst das nicht …“

Jamie, die dabei war, die Geschirrspülmaschine einzuräumen, wandte sich zu ihrer Schwester um. Die ging gerade mit missmutiger Miene in der Küche auf und ab, wobei sie ab und zu innehielt, um irgendetwas in die Hand zu nehmen und es gelangweilt und geringschätzig zu betrachten. Nichts in diesem Haus entsprach ihrem Geschmack, das hatte sie deutlich gezeigt, sobald Jamie nach Hause gekommen war.

„Hättest du dir nicht etwas Komfortableres suchen können? Mum hat uns ja nicht gerade viel hinterlassen, aber ehrlich, Jamie!“ Die Möbel waren zu langweilig, im Kühlschrank war nichts Gesundes, und: „Du hast ja nicht einen Tropfen Alkohol im Haus!“

Zwar war Jamie das Gemecker ihrer Schwester durchaus gewohnt, aber sie hatte sie so lange nicht gesehen, dass sie ganz vergessen hatte, wie sehr ihre Bemerkungen ihr auf den Geist gingen.

Als Jamie sechs Jahre alt gewesen war und Jessica noch ein Kleinkind von drei Jahren, war ihr Vater gestorben, und ihre Mutter hatte sie großgezogen. Jamie war ein Bücherwurm gewesen, hatte viel für die Schule getan; es war ihre feste Absicht gewesen, später einmal zu studieren. Jessica hingegen lackierte sich die Fingernägel, frisierte sich aufwendig und kannte schon mit dreizehn alle Tricks, um beim anderen Geschlecht gut anzukommen.

Jamie blieb ein Studium verwehrt. Als sie gerade erst neunzehn war, musste sie sich um ihre Mutter kümmern, die sich bei einer Routineoperation multiresistente Krankenhauskeime eingefangen hatte. Nachdem Gloria gestorben war, musste Jamie allein für ihre sechzehnjährige Schwester sorgen. Während Jamie sich gern zurückzog, um zu lesen, und wie ihr Vater ein dunkler Typ war, hatte Jessica die blonden Haare ihrer Mutter geerbt. Ihr lag es fern, sich irgendwohin zurückzuziehen; ganz im Gegenteil, sie war erpicht darauf gewesen, immer im Mittelpunkt zu stehen.

Also musste Jamie, die noch immer um ihre Mutter trauerte, sich plötzlich um eine Jugendliche kümmern, die außer Rand und Band war.

Was hätte sie tun sollen? Ihre Mutter hatte sie gebeten, sich um Jessica zu kümmern und gut auf sie aufzupassen. „Denn du weißt ja, wie sie sein kann – sie braucht eine feste Hand …“

Jamie fragte sich oft, warum sie über all dem Stress keine grauen Haare bekommen hatte.

Und jetzt, wo all das lange her war, all diese Vorfälle, an die Jamie nur sehr ungern zurückdachte, war Jessica hier, überwältigend schön wie eh und je – oder noch schöner, wenn das überhaupt möglich war –, und schon ärgerte sich Jamie wieder über sie.

„Ich kann ja verstehen, dass die Verantwortung, die du trägst, zu viel wird, aber du kannst nicht einfach davor weglaufen.“ Übertrieben heftig schloss Jamie die Geschirrspülmaschine und trocknete sich die Hände ab.

Du musst dich nicht mit einem Ehemann herumschlagen, der von dir erwartet, dass du lächelnd zu Hause sitzt und dich darauf freust, dass er endlich nach Hause kommt, damit du ihn bekochen und ihm den Rücken massieren kannst. Wie so eine grässliche perfekte Hausfrau!“

„Wie wäre es, wenn du dir einen Job suchst?“

„Ich hatte einen Job. Ich hatte sogar acht Jobs! Aber was kann ich dafür, wenn die alle nichts für mich waren? Außerdem weiß ich nicht, warum ich für das bisschen Geld arbeiten gehen soll, wo Greg doch so gut verdient.“

Jamie sagte nichts. Sie wollte nicht an Greg denken. An ihn zu denken verdarb ihr grundsätzlich die Laune. Einst war er ihr Chef gewesen. Einst hatte sie gemeint, in ihn verliebt zu sein – das angenehme Gefühl heimlicher Sehnsucht hatte ihrem Leben Würze gegeben und die lästige Pflicht, sich um ihre kleine Schwester zu kümmern, erträglicher gemacht. Einst war sie so töricht gewesen zu denken, dass er eines Tages feststellen würde, dass sie ihm so viel bedeutete wie er ihr. Doch leider hatte er dann Jessica kennengelernt, und es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.

„Und hast du darüber nachgedacht, etwas Ehrenamtliches zu machen?“, hakte Jamie genervt nach.

„Oh, ich bitte dich! Kannst du dir wirklich vorstellen, dass ich so etwas machen würde, Jamie? In einer Suppenküche in Edinburgh arbeiten? Oder mit alten Omas Wohltätigkeitsbasare veranstalten?“ Jessica betrachtete ihre knallrosa lackierten Fußnägel. „Mir ist langweilig“, maulte sie. „Ich habe das alles satt und möchte etwas aus meinem Leben machen. Ich bin viel zu jung, um in einem öden Vorort von Edinburgh herumzuhängen und auf Greg zu warten, der sich für nichts anderes interessiert als für kranke Tiere.“

Jamie wandte sich ab und schloss einen Moment lang die Augen. Es war Jahre her, dass sie Greg zum letzten Mal gesehen hatte, aber sie erinnerte sich an ihn, als sei es gestern gewesen. An sein freundliches Gesicht, seine grauen Augen, die Fältchen in den Augenwinkeln, wenn er lächelte, und daran, wie er sich ständig mit der Hand durch sein blondes Haar fuhr.

Die Vorstellung, dass ihre Schwester sich mit ihm langweilte, erfüllte Jamie mit Entsetzen. Genau genommen war Greg ihre Rettung gewesen – er hatte ihr die Aufgabe, sich um Jessica zu kümmern, abgenommen. Vielleicht brauchte Jessica ihn nicht, aber Jamie brauchte ihn auf jeden Fall.

„Er ist verrückt nach dir, Jess!“

„Viele Männer sind verrückt nach mir.“

Jamie erstarrte. „Wie meinst du das? Hast du … Du machst doch keine Dummheiten, oder?“

„Sei doch nicht so verklemmt!“ Seufzend warf Jessica den Kopf in den Nacken und starrte mit glasigem Blick an die Decke. „Nein, ich mache keine Dummheiten, falls du damit meinst, dass ich eine Affäre habe oder so. Obwohl, wenn ich es mir überlege …“

Zumindest ließ Jessica die Möglichkeit im Raum stehen, und Jamie hätte ihr am liebsten eine geklebt. Doch aus jahrelanger Erfahrung wusste sie, dass ihr Ärger schnell verfliegen würde. Und in der Hoffnung, dass es sich irgendwann erübrigen würde, war es das Beste, dieses Thema zu meiden. Während sie sich noch fragte, womit sie am besten davon ablenken konnte, klingelte es an der Tür.

„Bestimmt irgendwer, der mir irgendetwas aufschwatzen will“, murmelte sie, erleichtert über die willkommene Ablenkung. „Jess, bitte ruf Greg wenigstens an. Er macht sich sicherlich furchtbare Sorgen um dich.“

Sie ließ eine schlecht gelaunte Jessica in der Küche zurück, die sie darüber informierte, dass sie nicht vorhatte, ihren Mann anzurufen, dass dieser genau wisse, wo sie sei und dass sie ihren Freiraum brauche.

Jamie fragte sich, wie lange Greg das mitmachen würde, und dachte noch immer darüber nach, während sie die Haustür öffnete.

Als sie Ryan auf der Schwelle stehen sah, war sie so erschüttert, dass sie einen Moment lang nicht wusste, was sie denken sollte.

Nicht ein einziges Mal war er bisher bei ihr gewesen. Selbst wenn sie zu einem Meeting außerhalb Londons mussten, hatte er sie nie zu Hause abgeholt oder abgesetzt. Eigentlich hatte sie angenommen, dass er nicht einmal wusste, wo sie wohnte.

Als sie schließlich begriffen hatte, wen sie sah, fragte sie mit heiserer Stimme: „Was machst du denn hier?“

„Du warst so gestresst heute. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Darum bin ich vorbeigekommen, um zu sehen, ob es dir gut geht.“

„Ja, alles bestens.“ Als ihr ihre schlecht gelaunt in der Küche sitzende Schwester wieder einfiel, ging sie hinaus und zog leise die Tür hinter sich zu, ohne sie ganz zu schließen.

„Woher weißt du, wo ich wohne?“, fragte sie im Flüsterton.

„Aus der Personalakte. Ganz einfach.“

„Tja, dann kannst du ja wieder gehen.“

„Du zitterst wie Espenlaub. Es ist kalt – lass mich doch ein paar Minuten hereinkommen.“

„Nein!“, rief sie. Als er sie verwundert ansah, fügte sie hinzu: „Es ist schon spät.“

„Es ist Viertel vor neun.“

„Aber ich habe zu tun.“

„Warum bist du so angespannt? Sag mir, was los ist.“ Ryan lachte. „Du bist meine unentbehrliche Sekretärin. Ich kann nicht zulassen, dass du irgendwelche dunklen Geheimnisse hast und irgendwann auf die Idee kommst, mich sitzen zu lassen. Was sollte ich denn ohne dich machen?“

„Ich habe eine Kündigungsfrist von einem Monat“, wandte Jamie stammelnd ein. Der Umstand, dass Ryan Sheppard auf ihrer Türschwelle stand, machte die überaus wichtige Distanz zwischen ihnen kaputt, und das gefiel Jamie nicht.

„Also denkst du tatsächlich darüber nach, mich zu verlassen. Na, ein Glück, dass ich hergekommen bin und so die ganze Geschichte erfahren habe. So kann ich zumindest meine Position verteidigen. Warum lässt du mich nicht kurz rein, damit wir darüber reden können wie erwachsene Leute? Wenn du mehr Geld willst, sag einfach, wie viel, und die Sache ist geritzt.“ Als er den Arm ausstreckte, um die Tür zu öffnen, erklang die gereizte Stimme Jessicas, die wissen wollte, wo Jamie blieb, weil sie unbedingt etwas essen müsse und wissen wolle, ob man irgendwo in der Nähe einen halbwegs anständigen Salat bekommen könnte. Sie wolle nicht den Rest des Abends im Haus verbringen.

Und da war sie auch schon. Als Jamie sich seufzend umdrehte, sah sie Jessica am Treppengeländer stehen, groß und schön und blond, genau so eine Frau, wie Ryan sie gernhatte. Blond, umwerfend schön und gefährlich gelangweilt von ihrem Ehemann.

Jamie hätte Ryan einfach hinausgeschubst, wenn es nicht schon zu spät gewesen wäre, denn er stand bereits im Flur und zog seinen Mantel aus, ohne Jessica aus den Augen zu lassen.

„Oh, là, là“, sagte er, „wen haben wir denn da?“

„Meine Schwester“, murmelte Jamie.

Jessicas Augen leuchteten in Anbetracht seines interessierten Blicks auf, und Jamie lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Überflüssig, die beiden einander vorzustellen. Denn ihre Schwester stolzierte mit ausgestreckter Hand auf ihn zu und stellte sich ihm selbst vor.

„Du hast mir nie erzählt, dass du eine Schwester hast“, sagte Ryan und sah Jamie an.

Jamie, die sich wie eine Fremde im eigenen Haus vorkam, antwortete steif: „Ich habe das für unwichtig befunden. Jessica lebt nicht in London.“

„Obwohl ich mir überlege, das zu ändern.“

Entsetzt wandte sich Jamie zu ihrer Schwester um. „Das geht nicht!“

„Warum nicht? Ich habe dir doch erzählt, wie sehr ich mich in Schottland langweile. Und wie ich hier gerade sehe, hat London doch einiges mehr zu bieten. Warum hast du mir nie erzählt, was für einen heißen Chef du hast, Jamie? Hattest du Angst, dass ich herkommen und ihn dir wegnehmen würde?“

Ryan versuchte, das angespannte Verhältnis zwischen den Schwestern einzuschätzen. Die Idee, bei seiner Sekretärin vorbeizuschauen, war ihm ganz spontan gekommen, und auf dem Weg zu ihr hatte er es auch schon wieder bereut, aber nun war er froh darüber, hergekommen zu sein.

„Wie lange bleibst du in London?“, fragte er Jessica, aber in Gedanken war er noch bei Jamie und der dicken Mauer der Verschwiegenheit, die sie um sich errichtet hatte – warum auch immer.

„Sie ist nur ein oder zwei Tage hier, dann fährt sie zurück nach Schottland. Ihr Mann erwartet sie zurück.“

„Musstest du jetzt damit kommen?“

„Es ist eben so, Jess. Greg ist ein netter Mann. Er verdient das nicht.“ Und ganz sicher verdienst du ihn nicht, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Ich befinde mich gerade in einer Ehekrise“, erklärte Jessica. „Ich dachte, dass ich hier ein wenig herunterkommen und Unterstützung bei meiner Schwester finden könnte, aber ich befürchte, ich habe mich geirrt.“

„Das ist nicht fair, Jess! Außerdem bezweifele ich, dass Mr. Sheppard unsere Familiengeschichte hören möchte.“

„Bitte redet ruhig weiter. Ich bin ganz Ohr!“

„Geh jetzt bitte“, sagte Jamie zu Ryan. Jede Faser ihres Körpers war zum Zerreißen gespannt. „Und du, Jess, solltest langsam ins Bett gehen.“

„Ich bin kein kleines Kind mehr!“

„Aber du benimmst dich so.“

Zunächst herrschte angespannte Stille. Dann schürzte Jessica die Lippen und warf ihrer Schwester einen wütenden Blick zu. „Du kannst mich nicht zwingen, nach Schottland zurückzukehren“, brummte sie.

„Das können wir morgen früh besprechen“, sagte Jamie müde, „ich hatte genug Stress für heute.“

„Sie ist wirklich gestresst“, mischte Ryan sich ein, und Jessica näherte sich ihm ein Stück, wobei ihre Körpersprache ihr Interesse an ihm so deutlich ausdrückte, wie Worte es nicht vermocht hätten. „Heute Morgen ist sie zu spät zur Arbeit gekommen.“

Kichernd warf Jessica ihrer Schwester einen durchtriebenen Blick zu. „Wenn du mir gesagt hättest, dass du es eilig hast, hätte ich dich nicht so lange am Telefon behalten. Ich weiß doch, wie wichtig dir Pünktlichkeit ist. Keine Sorge. Ich werde ganz lieb sein, solange ich hier bin, und du kannst wieder die brave Sekretärin sein und pünktlich zur Arbeit erscheinen. Allerdings …“, sagte sie und sah Ryan kokett an, „wenn ich einen Chef wie diesen hätte, würde ich um sechs zur Arbeit gehen und bis Mitternacht bleiben. Oder überhaupt nicht mehr nach Hause gehen …“

Jamie drehte sich um und ging in die Küche. Sie wusste, wie solche Unterhaltungen mit ihrer Schwester verliefen. Auf die leiseste Kritik reagierte Jessica mit Schlägen unter die Gürtellinie. Schon lange wusste Jamie, dass es in solchen Fällen das Einfachste war, ihre Schwester wie ein Kind zu behandeln, das nichts für seine Wutanfälle konnte, und einfach wegzugehen. Jessicas Groll war meistens so schnell vorüber, wie er gekommen war, und wenn Jamie sich solange rarmachte, bekam sie weniger davon ab.

Sie nahm an, dass Jessica noch im Flur stand und versuchte, Ryan zu bezirzen. Doch kaum, dass Jamie sich an den Küchentisch gesetzt hatte, erschien Ryan in der Tür und sah sie ruhig an.

Es war unangenehm still, bis sie Ryan zögernd einen Kaffee anbot. Am liebsten hätte sie ihn fortgeschickt, aber es gab Dinge, die gesagt werden mussten, und auch wenn sie nicht gerne über ihr Privatleben redete, wusste sie nicht, wie sie dem Thema nun aus dem Weg gehen sollte. „Wo ist Jessica?“, fragte sie, stand auf und ging zum Herd.

„Ich habe sie weggeschickt.“

„Und sie hat auf dich gehört?“

„Ich weiß, wie man mit Frauen redet.“

Jamie schnaubte – sie bemühte sich nicht mehr, nett zu sein, was in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Mann ihr Gehalt zahlte, angemessen gewesen wäre. Er war in ihr Territorium eingedrungen, und was sie betraf, war das Nettsein vorerst eingestellt.

„Jetzt weißt du, warum ich heute Morgen zu spät gekommen bin. Ich habe fast eine Stunde mit Jessica telefoniert. Sie hat mich vom Zug aus angerufen.“

„Kein Problem.“ Ryan nahm die Tasse, die sie ihm reichte, und setzte sich. „Warum hast du mir das heute Morgen nicht einfach erzählt?“ Er beobachtete sie und stellte fest, dass sie ihn kaum wahrnahm. Für ihn, der wusste, wie er auf das andere Geschlecht wirkte, war es eine ganz neue Erfahrung, plötzlich unsichtbar zu sein.

Er musterte sie eingehend; sie war ganz anders gekleidet als bei der Arbeit, viel lässiger. Gemächlich ließ er seinen Blick über ihre Jeans, die sich an ihre perfekten Kurven schmiegte, und das langärmelige T-Shirt wandern, das ihren flachen Bauch und ihre vollen Brüste bedeckte. Selbst ihr Haar sah anders aus – weniger adrett als sonst, ein bisschen zerzaust, so als wäre sie ein paar Mal mit der Hand hindurchgefahren, was sie, wenn man die Stimmung bedachte, die im Haus herrschte, sicherlich auch getan hatte.

„Wahrscheinlich habe ich es nicht gesagt, weil ich finde, dass dich mein Privatleben nichts angeht.“

„Ach, komm schon! Ich wusste nicht einmal, dass du eine Schwester hast! Das kann doch kein so großes Geheimnis sein!“

Errötend spielte Jamie mit ihrer Tasse herum. „Ich … ich bin eben nicht besonders mitteilsam.“

„Tatsächlich? Da wäre ich niemals drauf gekommen.“

„Ich habe dir nicht von Jessica erzählt, weil die Wahrscheinlichkeit, dass du ihr jemals begegnen würdest, gleich null war. Ich lebe in London, sie lebt am Rand von Edinburgh. Sie hat nichts mit meinem alltäglichen Leben zu tun.“

„Und das ist dir wahrscheinlich auch ganz recht so.“

„Ich möchte nicht, dass du Vermutungen über meine Familienverhältnisse anstellst.“

„Wenn du nicht möchtest, dass ich Vermutungen anstelle, musst du mir ein wenig entgegenkommen.“

„Warum? Was würde das ändern? Das einzig Wichtige ist doch, dass ich meine Arbeit gut mache.“

„Warum ist dir diese Unterhaltung so unangenehm?“ Er hätte sie in Ruhe lassen können. Sie hatte recht: Sie machte ihre Arbeit gut, und alles andere ging ihn nichts an. Doch Ryan beschloss, nicht lockerzulassen. Er war nun einmal neugierig geworden.

„Du verstehst das nicht. Erstens bin ich wie gesagt einfach nicht besonders mitteilsam, und zweitens bist du mein Chef.“

„Das Einfachste vielleicht, aber nicht unbedingt das Beste. Vergiss doch mal einen Moment lang, dass ich dein Chef bin. Tu so, als sei ich irgendwer – zum Beispiel dein Nachbar, der vorbeigekommen ist, um sich eine Tasse Zucker zu leihen, zufällig genau in dem Moment, als du jemanden brauchtest, bei dem du dich ausweinen kannst.“

„Ich soll mir vorstellen, dass du mein Nachbar bist, der Zucker braucht?“ Dieser Gedanke ließ ihre Mundwinkel zucken. „Aber was würdest du mit dem Zucker machen?“

„Einen Kuchen backen. Ich bin nämlich ein netter Nachbar, der gerne backt. Backen ist meine Lieblingsbeschäftigung. Neben Ikebana und Sticken.“ Nun entspannte sie sich. Ja, sie lächelte sogar, und das erfüllte ihn mit einer gewissen Genugtuung. Ihm gefiel es nicht, dass sie gestresst und traurig und nicht in der Lage war, mit jemandem darüber zu reden. Er war es von Frauen gewohnt, dass sie es kaum abwarten konnten, ihr Herz auszuschütten, und dass sie sich jedem anvertrauten, der bereit war, ihnen zuzuhören. „Also?“, ermutigte er sie.

„Also, ich weiß nicht genau, wie ich es sagen soll …“ Jamie seufzte und setzte neu an. „Nachdem du meine Schwester nun kennengelernt hast, was hältst du von ihr?“

„Nach den paar Sekunden ist alles, was ich sagen kann, dass sie sehr attraktiv ist.“

Obwohl seine Antwort ihr einen Stich versetzte, nickte Jamie tapfer. „Sie war schon immer die Hübschere von uns beiden …“

„Moment mal …“

„Spar dir den netten Versuch. Ich sage nur, wie es ist, und es hat mich auch nie sonderlich gestört.“ Einen Moment lang fragte sich Jamie, was er hatte einwenden wollen. Natürlich wäre es nur eine höfliche Lüge gewesen, aber trotzdem … „Jessica sieht super aus, und sie weiß es. Außerdem ist sie verheiratet und hat gerade eine schwere Zeit, aber das vergeht, zumindest, solange sie keine …“

„Solange sie sich nicht mit jemandem wie mir ablenkt?“

„Ich weiß, auf was für Mädchen du stehst – groß, blond und gut aussehend. Und Jess ist groß, blond und gut aussehend. Wahrscheinlich denkst du, dass ich nicht ganz richtig ticke, wenn ich dir all das sage, aber du hast es so gewollt.“ Sie fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. „Ich hoffe, dass ich damit nicht meinen Job riskiere.“

„Wie bitte? Für was für einen Menschen hältst du mich?“ Es empörte ihn, wie sie es für möglich halten konnte, dass er sie für ihre Offenheit bestrafen könnte. Hielt sie ihn für ein Monster?

„Du brauchst dir keine Sorgen um deinen Job zu machen, und wenn du so erpicht darauf bist, alles für dich zu behalten, dann kann ich gerne gehen. Und was deine Schwester betrifft – sie ist zwar mein Typ, aber ich fange grundsätzlich nichts mit verheirateten Frauen an.“

Er stand auf, und alle Farbe wich aus Jamies Gesicht. Sie hatte es immer gemocht, wie offen und locker er mit ihr umgegangen war. Wollte sie das wirklich aufs Spiel setzen? Wollte sie einen Boss, der sich eisern an die Regeln hielt und sie nie neckte, sie nie nach ihrem Privatleben fragte? Nein. Also sprang sie auf und griff vorsichtig nach seinem Arm.

„Es tut mir leid. Ich weiß, wie das klingt, aber ich muss auf meine Schwester aufpassen. Weißt du …“, sie zögerte einen Moment. „Unser Vater ist gestorben, als ich sechs war, und als Jess sechzehn war, hat Mum die Folgen einer Operation nicht überlebt. Es war schrecklich. Ich musste die ganze Verantwortung übernehmen. Mum hat mir das Versprechen abgenommen, mich um Jess zu kümmern. Eigentlich wollte ich studieren, aber ich musste mir einen Job suchen und auf Jess aufpassen.“

„Viel Verantwortung für jemanden, der so jung ist“, sagte Ryan leise und setzte sich wieder.

„Es war nicht einfach“, stimmte Jamie ihm zu. „Sie war verrückt nach Jungs, und ich hatte meine liebe Mühe damit, dafür zu sorgen, dass sie jeden Tag zur Schule ging.“

„Als was hast du gearbeitet?“, wollte er wissen, und als sie errötend zu Boden sah, machte ihn das umso neugieriger.

„Ich habe bei einem Tierarzt gearbeitet. Es war nicht das, was ich eigentlich mit neunzehn hatte tun wollen, aber es hat mir Spaß gemacht. Es war …“

„Was hattest du denn tun wollen?“

„Wie?“

„Was hattest du denn vor? Was waren deine Pläne, bevor dann alles anders gekommen ist?“

„Na ja … ich wollte Jura studieren. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Viel wichtiger ist, dass ich dir raten wollte, die Finger von ihr zu lassen.“

„Es muss hart sein, wenn man all seine Pläne aufgeben muss. Insgeheim gibst du bestimmt ihr ein wenig die Schuld daran, oder?“

„Natürlich nicht! Für die Schicksalsschläge, die das Leben für einen bereithält, kann man nicht einfach andere verantwortlich machen.“

„Eine noble Haltung. Leider sind die meisten Menschen weniger edelmütig.“

„Wie gesagt …“ Jamie hatte entschieden, nicht weiter auf seine Andeutung einzugehen. „Ich wollte dir nur raten, die Finger von ihr zu lassen.“

„Weil sie dann brav zu ihrem Mann zurückkehrt und sie bis an ihr Lebensende glücklich zusammenleben?“

„Genau.“

„Dein Rat ist angekommen.“

„Welcher Rat?“

Jessica stand im Türrahmen, und Jamie wurde klar, dass sie nicht verschwunden war, weil man sie darum gebeten hatte, sondern vielmehr, um zu duschen und so leichtbekleidet wie möglich zurückzukommen. Sie trug enge Shorts und ein knappes Hemdchen mit nichts darunter. So war jeder Zentimeter ihrer atemberaubenden Figur deutlich zu sehen, als sie die Küche betrat.

Unter dem dünnen grauen Hemdchen zeichneten sich die Brustwarzen ihrer Schwester ab. Sicher entging das auch Ryan nicht. Er hatte ihr versprochen, die Finger von Jessica zu lassen, aber wie viel Willenskraft musste es einem normalen Mann abverlangen, die Finger von einer Frau zu lassen, die sich so aufreizend verhielt?

„Ich höre?“ Jessica lehnte sich an die Küchenzeile und bog sich ein wenig zurück, sodass ihre Brüste sich provokativ hervorwölbten.

„Sie hat mir nur geraten“, sagte Ryan gedehnt, „mich nicht einzumischen und dich zu überreden, zu deinem Mann zurückzukehren.“

Jessica sah ihre Schwester skeptisch an. „Ist das wahr, Jamie?“

„Warum sollte er dich anlügen?“

„Das heißt, dass du nichts dagegen hast, wenn ich eine Weile hierbleibe? Vielleicht sogar über Weihnachten? Ich meine, das ist ja nur ein paar Wochen hin. Ich könnte dir beim Weihnachtsbaumschmücken helfen, und bis dahin sehe ich vielleicht etwas klarer.“

Nun saß Jamie in der Falle und musste sich geschlagen geben.

„Wir könnten sogar eine Party veranstalten!“ Jessica warf Ryan einen Seitenblick zu und lächelte ihn an. „Was hast du eigentlich an Weihnachten vor?“

„Jessica!“

„Jamie, sei nicht so eine Spaßbremse!“

„Ich bin im Land“, antwortete Ryan. „Warum?“ Er hatte so viele Einladungen für Weihnachten bekommen, dass er ernsthaft überlegte, sie alle abzusagen und sich zu Hause einzuschließen, bis der Trubel vorbei war.

„Dann könntest du mit uns feiern.“

Ihm entging nicht, wie entsetzt Jamie über den Vorschlag war, und fast hätte er laut losgelacht, aber es gelang ihm, ein gleichgültiges Gesicht zu machen, als er so tat, als würde er ernsthaft über den Vorschlag nachdenken.

„Nun ja …“, antwortete er zögernd. „Da ich Weihnachten ohne meine Familie verbringe …“

„Wo ist deine Familie?“ Jessica ging auf ihn zu. Dabei steckte sie ihre Daumen unter den Gummizug ihrer Shorts, sodass diese ein wenig hinunterrutschten und ihr flacher, braun gebrannter Bauch mit dem funkelnden Bauchnabelpiercing sichtbar wurde.

Ryan dachte, dass es kein Wunder war, dass Jamie sich Sorgen um ihre Schwester machte. Diese Frau konnte jeden Mann um den Verstand bringen.

„Sie sind in der Karibik.“

Jessica machte große Augen. „Du machst Witze.“

„Ich habe dort ein Haus, in dem sie dieses Jahr Weihnachten und Silvester verbringen wollen.“

„Ich weiß nicht, warum wir diese unsinnige Diskussion hier führen“, unterbrach ihn Jamie. „Sicher hat Ryan Weihnachten schon etwas vor.“ Sie erhob sich und öffnete die Geschirrspülmaschine, um anzudeuten, dass es an der Zeit war, dass Ryan seinen spontanen Besuch beendete.

„Vielleicht lasse ich mich überreden“, sagte Ryan und sah zu, wie Jamie lautstark das Geschirr wegräumte und dabei ein ärgerliches Gesicht machte. „Was hattest du denn vor, Jamie? Ganz alleine feiern ist doch eher langweilig.“

„Ich würde es eher entspannt nennen“, erwiderte sie schnippisch. „Und außerdem wollte ich am Weihnachtsmorgen mit ein paar Freunden ausgehen und am Weihnachtsabend mit zu einem Weihnachtsessen gehen.“

„Ich möchte lieber traditionell feiern“, sagte Jessica.

Jamie drehte sich zu ihrer Schwester um. „Und was macht Greg? Weiß er, dass du an Weihnachten nicht bei ihm sein wirst?“

„Das wird ihm nichts ausmachen. Außerdem hat er Bereitschaft, und seine Eltern können es kaum abwarten, ihn für sich alleine zu haben, um ihm zu erzählen, was für eine furchtbare Frau er hat. Also …“ Nachdem sie diesen Punkt geklärt hatte, wandte sich Jessica wieder Ryan zu, der so selbstverständlich und entspannt dasaß, als wäre er schon unzählige Male in dieser Küche gewesen. „Wirst du kommen? Jamie hatte noch nie viel für Weihnachten übrig, aber ich werde sie schon dazu bringen, einen Baum aufzustellen, und mit einem Truthahn und dem ganzen Drumherum wird es sicherlich sehr festlich.“

„Ich bin sicher, dass er darüber nachdenken wird. Aber jetzt hör auf, ihn zu bedrängen, Jess.“ Jamie war sicher, dass sie Ryan davon überzeugen konnte, sich nicht weiter um das Gerede ihrer Schwester zu kümmern. Er war ein gefragter Mann. An einem kleinen Kieferntisch herumzusitzen und einen von seiner Sekretärin zubereiteten Truthahn zu essen, war sicher das Letzte, worauf er Lust hatte.

„Super, dass du für mich antwortest“, sagte Ryan grinsend, worauf Jamie ihm einen finsteren Blick zuwarf. „Du kannst meine Gedanken lesen. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass wir so gut zusammenarbeiten.“

„Haha. Sehr witzig.“

„Aber sie hat recht.“ Er stand auf und sah Jessica an. „Ich werde darüber nachdenken und Jamie Bescheid geben.“

„Oder du sagst mir Bescheid. Ich gebe dir meine Handynummer, dann kannst du mich jederzeit anrufen. Dann brauchen wir uns nicht über Jamie zu verabreden.“

Als er fünf Minuten später gegangen war, ließ Jamie sich auf einen Stuhl sinken. Die Erleichterung darüber, dass ihre Schwester endlich im Bett lag, wurde von beunruhigenden Gedanken getrübt.

Nicht nur, dass Ryan eben innerhalb einer Stunde mehr über sie erfahren hatte als vorher in achtzehn Monaten – obendrein musste sie befürchten, dass er weiter nachhakte, nachdem er nun schon einmal den Fuß in der Tür hatte.

Alles war vorher so schön einfach gewesen, doch nun war alles durcheinandergeraten.

Was, wenn er tatsächlich zu ihrem Weihnachtsessen kam? Diese Vorstellung erfüllte sie mit Besorgnis. Und noch etwas beunruhigte sie, etwas, das sich fast wie Vorfreude anfühlte.

3. KAPITEL

Das näher rückende Weihnachtsfest brachte ein wenig Ruhe in den sonst so straff durchgeplanten Arbeitsalltag. Vor Weihnachten zeigte sich Ryan stets als sehr großzügiger Chef. Er trug seinen Teil zur adventlichen Atmosphäre bei, indem er sich um die Dekoration kümmerte und jeden Abend um sechs Uhr allen, die noch da waren, Champagner spendierte. Wenn jemand länger Mittagspause machte, um Geschenke zu kaufen, sah er geflissentlich darüber hinweg. Am Vierundzwanzigsten wurde nur bis zwölf gearbeitet; danach tauschten alle ihre Julklapp-Geschenke untereinander aus und es gab ein üppiges Buffet.

Zu Hause ertrug Jamie geduldig eine Schwester, die sich ganz der vorweihnachtlichen Feierlaune hingegeben hatte. Sie kam zu allen Partys mit, auf die Jamie eingeladen war, flirtete mit jedem halbwegs gut aussehenden Mann, der noch zu haben war, und hatte binnen einer Woche mehr Telefonnummern erhalten, als Jamie in ihrem Adressbuch hatte. Zu Jamies Sorge erwähnte sie Greg nicht ein einziges Mal. Wenn sie Kontakt hatten, dann auf jeden Fall nicht übers Festnetz. Jamie hatte aufgehört zu fragen, da ihr die tränengefüllten Augen und die Vorträge über den Freiraum, den Jess so dringend brauchte, zu sehr auf den Geist gingen.

Sie hatten einen Baum aufgestellt und Jessica hatte begeistert angefangen, ihn zu schmücken, doch nach fünfzehn Minuten war es ihr langweilig geworden. Überall flogen ihre Klamotten herum, und wenn Jamie es wagte, eine Bemerkung darüber zu machen, sammelte Jessica sie mit einer Leidensmiene zusammen. Das führte dazu, dass Jamie den ganzen Tag ihrer Schwester hinterherputzte und herummeckerte.

Natürlich war Jamie klar, dass sie ihre Schwester hätte zur Rede stellen müssen, wann sie vorhabe, nach Schottland zurückzukehren, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen, versteckte sich hinter den Weihnachtsvorbereitungen und beschloss, vor dem zweiten Weihnachtsfeiertag jegliche heiklen Gespräche zu vermeiden.

Dann war da noch der erste Weihnachtstag, den sie durchstehen musste. Völlig unerwartet hatte Ryan Jessicas verrückte Einladung, zum Weihnachtsessen zu kommen, angenommen, und da ein Truthahn zu viel für drei Personen war, hatte Jamie noch ein paar Kollegen Bescheid gesagt. Drei Jungs aus der Softwareabteilung und ein paar Freundinnen, die sie aus dem Fitnessstudio kannte, hatten die Einladung angenommen.

Jamie nahm an, dass es eine etwas verkrampfte Veranstaltung werden würde, aber als sie Jessica ihre Befürchtungen mitteilte, hatte diese nur gelächelt und Jamie versichert, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche.

„Ich bin ein Partygirl!“, hatte sie verkündet. „Ich kann jedes Fest in Schwung bringen, und ich habe ganz viele Hütchen und Knallbonbons besorgt. Es wird super! Viel besser als das todlangweilige Essen mit den Schwiegereltern letztes Jahr. Ich kann es gar nicht abwarten, Greg davon zu erzählen, sobald alle weg sind.“

„Es erstaunt mich, dass es dich überhaupt interessiert, was er denkt“, hatte Jamie etwas trocken angemerkt und es beruhigte sie ein wenig, dass ihre Schwester daraufhin knallrot geworden war.

Nicht, dass sie darüber länger nachgedacht hatte. In der vergangenen Woche war sie hauptsächlich von der Aussicht, dass Ryan zum Weihnachtsessen zu ihr nach Hause kommen würde, in Anspruch genommen gewesen.

Und nun war also der Tag gekommen. Er begann mit grauem Himmel und einer Enttäuschung: Der Schnee, der angekündigt war, schien überall zu fallen, nur nicht in London.

Von unten dröhnte Musik nach oben; Jessica hatte einige Songs zusammengestellt. Um halb neun hatte Jamie das Badezimmer gründlich geputzt, das langsam, aber sicher von Jessica in Beschlag genommen worden war.

Nun starrte Jamie ihr Spiegelbild an und fragte sich, wie lange sie Jessica noch ertragen könnte. Dann überlegte sie, was sie anziehen sollte; ein langärmeliges schwarzes Kleid, von dem sie wusste, dass es langweilig wirken würde neben dem pfauenblauen Kleid und den High Heels von Jessica, mit denen sie mindestens einen Meter dreiundachtzig groß war.

Als die ersten Gäste erschienen, hatte Jamie schon die Rolle des unscheinbaren Helfers ihrer im Mittelpunkt stehenden Schwester eingenommen. Jedes Mal, wenn es klingelte, wurde sie nervös, doch als Ryan schließlich kam, war sie gerade in der Küche beschäftigt. Draußen floss bereits der Alkohol. Jessica flirtete herum und genoss die Aufmerksamkeit, die ihr geschenkt wurde, obwohl die anwesenden Männer hochbegabte Exzentriker waren, die Jessica normalerweise geringschätzig als komplette Nerds bezeichnet hätte.

Als sie seine Stimme hinter sich hörte, war es, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Sie sprang auf und drehte sich zu ihm um. Gerade war sie dabei gewesen, im Ofen nach dem Truthahn zu sehen.

„Na“, begrüßte er sie, kam in die Küche, schloss die Tür hinter sich und warf einen Blick in die Schüsseln mit dem vorbereiteten Essen, die auf der Küchentheke standen. „Es sieht so aus, als wäre die Party schon in vollem Gange.“

„Du bist hier.“

„Dachtest du, ich würde nicht kommen?“ Er hatte viel über sie nachgedacht, seitdem sie ihm neulich zum ersten Mal in Jeans und T-Shirt begegnet war. Wie erwartet hatte sie ihre Schwester bei der Arbeit nicht erwähnt, was nicht hieß, dass ihr berufliches Verhältnis zueinander wieder das gleiche wie vorher gewesen wäre. Denn das war es nicht. Irgendetwas war anders geworden, obwohl er das Gefühl hatte, dass nur er davon betroffen war. Sie war verschlossen gewesen wie eh und je.

„Auf mich kann man sich hundertprozentig verlassen“, sagte er und reichte ihr eine Tüte. „Champagner.“

Nervös hielt sie den Blick auf sein Gesicht gerichtet und vermied es, die Stelle anzusehen, wo man, weil er die obersten beiden Hemdknöpfe offen trug, ein paar feine dunkle Brusthärchen hervorlugen sah.

„Danke.“ Sie nahm die Tüte und sah verblüfft, dass er eine kleine, als Geschenk verpackte Schachtel hinter seinem Rücken hervorholte. „Was ist das?“

„Ein Geschenk.“

Nachdem sie sich die Hände abgetrocknet hatte, öffnete sie das Päckchen. Ihr Mund wurde trocken. Sie wusste, was er Frauen schenkte – von ausgefallenen Blumensträußen über teuren Schmuck bis hin zu Reisen war alles dabei. Aber das hier war etwas ganz anderes. In der kleinen Schachtel befand sich eine antike Brosche in Form eines Schmetterlings. Sie nahm sie heraus, hielt sie ans Licht und legte sie wieder zurück in ihr Bett aus Seidenpapier. Dann sah sie zu ihm auf.

„Du hast mir einen Schmetterling gekauft“, flüsterte sie.

„Auf dem Kaminsims in deinem Wohnzimmer habe ich ein paar Schmetterlinge gesehen. Da habe ich angenommen, dass du sie sammelst. Diesen hier habe ich bei einem Antiquitätenhändler in Spitalfields gefunden.“

„Er ist wunderschön, aber ich kann ihn nicht annehmen.“ Sie hielt ihm die Schachtel entgegen und wandte sich errötend ab.

„Warum nicht?“

„Weil … weil …“

„Weil du sie nicht sammelst?“

„Doch, ich sammele sie, aber …“

„Liegt es wieder an irgendeinem Geheimnis über dich, von dem ich nichts wissen soll?“

„Es ist einfach unangemessen“, antwortete Jamie steif.

„Na gut, aber dir ist schon klar, dass es eine Beleidigung ist, ein Geschenk zurückzugeben“, gab Ryan zu bedenken. „Ich bin hier zu Besuch. Sieh es doch als kleines Dankeschön dafür, dass du eine einsame Seele davor bewahrt hast, an Weihnachten alleine in London herumzulaufen.“

„Ich bitte dich!“ Sie atmete flach – während im Wohnzimmer die Musik plärrte und wahrscheinlich den Nachbarn auf den Geist ging, war sie hier mit ihm in der Küche in einer sonderbaren Vertrautheit gefangen, die ihr Angst machte.

Das wollte sie nicht. Sie ermahnte sich, daran zu denken, wie es mit Greg gewesen war, wie unglücklich sie in ihn verliebt gewesen war, bevor Jessica auftauchte und sein Herz erobert hatte.

Doch wenn sie jetzt darauf bestand, dass Ryan die Brosche zurücknahm, riskierte sie, dass das Ganze zu einer großen Sache wurde.

„Aber ich habe nichts für dich“, sagte sie.

„Damit kann ich leben. Warum sammelst du Schmetterlinge?“

„Mein Vater hatte eine Leidenschaft für Schmetterlinge“, sagte Jamie verlegen. Schon wieder hatte sie ihm etwas von sich preisgegeben. „Mum hat uns oft von ihm erzählt. Er ist gerne gereist. Vor allem, um Insekten zu studieren. Und von allen Insekten haben ihn die Schmetterlinge am meisten interessiert. Mum hat gesagt, dass er sie viel interessanter fand als Menschen.“

Ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck wurden sanfter, als sie sich ihren Erinnerungen hingab. „Also habe ich als Kind angefangen, sie zu sammeln. Die Schönsten habe ich auf den Kaminsims gestellt.“

Plötzlich schlug ihr laute Musik entgegen, weil die Tür aufgerissen wurde, und Jamies Schwelgen in Erinnerungen wurde jäh durch Jessicas Auftritt unterbrochen. Sie trug ein glänzendes Hütchen auf dem Kopf und hatte einen der Computertypen im Arm, der sterbensaufgeregt zu sein schien, weil diese langbeinige Blondine an ihm hing.

„Genieß es, Kollege.“ Ryan grinste seinen besten Softwareentwickler an. „Aber vergiss nicht, dass die Dame verheiratet ist.“

Mittlerweile waren zehn Gäste da. Jessica hatte noch ein paar Leuten Bescheid gesagt, „um das Ganze ein bisschen zu beleben“. Auf der Anrichte im Wohnzimmer standen Weinflaschen und die Sessel waren zur Seite gerückt, sodass eine Art Tanzfläche entstand.

Wenn man in den Raum hineinging, hatte man das Gefühl, eine Disco zu betreten, allerdings eine Disco mit Christbaum und Weihnachtsdekoration. In der Mitte des Zimmers wiegte sich Jessica mit einem Drink in der Hand und halb geschlossenen Lidern zum Takt der Musik. Stolz wie ein Pfau präsentierte sie ihre atemberaubende Figur und zog die Aufmerksamkeit der Männer auf sich.

Als die Musik langsamer wurde und Jessica anfing Ryan zu umarmen, wandte Jamie den Blick ab. Was hatte sie denn erwartet? Dass er einer Frau, die sich ihm so anbot, tatsächlich widerstehen konnte? In ihrem Kopf breitete sich ein dumpfer Schmerz aus. Sie mischte sich unter die Leute und tanzte halbherzig mit ihrem Kollegen Robbie, der ihr begeistert erzählte, woran er gerade arbeitete.

Unterdessen tanzte Ryan weiter mit Jessica.

Von der Musik angelockt, kamen noch ein paar Nachbarn dazu. Es waren junge Berufstätige, die Jamie ein paar Mal im Vorbeigehen gesehen hatte. Jetzt stellte sich heraus, dass es Leute waren, mit denen sich Jamie gut verstand, und die Ablenkung war wohltuend. Gemeinsam mit ihnen begab sie sich in die Küche und unterhielt sich mit ihnen über das Leben im Viertel.

Jamie war sich nicht sicher, wie sie die Sache mit dem Essen angehen sollte. Wie erwartet waren die Vorbereitungen an ihr hängen geblieben, während Jessica untätig mit einem Glas Wein in der Küche herumgeschlendert war und unsinnige Vorschläge gemacht hatte, wie man alles beschleunigen konnte. „Lass das doch alles und bestell etwas beim Chinesen“, war einer ihrer dümmsten Vorschläge gewesen, besonders, wenn man bedachte, dass sie diejenige gewesen war, die auf dem Truthahn bestanden hatte.

Verärgert und mit von der Hitze in der Küche errötetem Gesicht holte Jamie den dämlichen Vogel aus dem Backofen, als sie plötzlich dicht hinter sich Ryans Stimme hörte und vor Schreck fast den Truthahn fallen ließ.

„Ich helfe dir.“

Vorsichtig stellte Jamie den Aluminiumbräter auf die Küchentheke und wandte sich zu Ryan um. „Danke, das geht schon.“

„Dir ist doch klar, dass Märtyrer nicht dafür bekannt sind, die glücklichsten Menschen auf dieser Erde zu sein, oder?“

„Ich bin kein Märtyrer“, antwortete sie gereizt. „Ich wurde genötigt, das … das hier zu machen“, fuhr sie fort und machte eine umfassende Geste. In der Küche sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. „Also mache ich es.“

„Genau – du bist ein Märtyrer. Wenn du all dies“, er imitierte ihre umfassende Geste, „nicht hättest tun wollen, dann hättest du es einfach bleiben lassen sollen.“

„Hast du eine Ahnung, wie meine Schwester ist, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen kann?“, rief Jamie. „Natürlich nicht, du musstest dich ja nicht jahrelang mit ihr herumschlagen. Du kennst sie nur als atemberaubende Sexbombe.“

„Ich atme ganz normal.“ Er nahm die Kartoffeln aus dem Backofen und füllte sie in eine Schüssel. „Warum holst du sie nicht und bestehst darauf, dass sie dir hilft?“

„Das würde unter dem Titel ‚Mission impossible‘ laufen.“

„Dann werde ich dir eben helfen, ob du willst oder nicht.“

„Du bist mein Chef. Du solltest mir nicht helfen.“

„Du hast recht, ich bin dein Chef. Und darum musst du tun, was ich von dir verlange.“

Die unbeabsichtigte Anzüglichkeit seines Satzes ließ Jamie tief erröten, und sie schämte sich, als er laut loslachte.

„In einem gewissen Rahmen, versteht sich“, sagte er belustigt. „Obwohl ich nach dem, was deine Schwester mir erzählt hat, kaum Gefahr laufe, von irgendwelchen eifersüchtigen Freunden vermöbelt zu werden, falls ich doch einmal zu weit gehen sollte …“

Er lachte sie aus. Abrupt drehte sie sich weg, wissend, dass ihr Nacken verräterisch rot war und ihre Hände zitterten, als sie die Soße in die Sauciere goss und sich um die gebackenen Kartoffeln kümmerte. „Jessica sollte sich nicht über mein Privatleben ausbreiten“, brachte sie hervor, den Tränen nah.

„Sie hat gesagt, dass du keinen Freund hast“, entgegnete Ryan sanft. „Was ist denn schon dabei?“

„Dass es dich nichts angeht, das ist dabei!“

„Es ist gefährlich, so geheimnisvoll zu tun. Das macht einen nur noch interessanter.“

„An meinem Privatleben ist nichts interessant. Es ist nicht annähernd so abenteuerlich oder glamourös wie deins.“

„Wenn du wirklich denken würdest, dass mein Leben glamourös, aufregend und abenteuerlich ist, würdest du es nicht so missbilligen – und versuch nicht, zu leugnen, dass du das tust. Du hältst mich für einen skrupellosen Womanizer ohne Moral – das hast du selbst gesagt.“

„Das habe ich nicht gesagt!“ Sie erwiderte sein belustigtes Grinsen mit einem widerwilligen Lächeln. „Na gut, vielleicht habe ich angedeutet, dass du …“

„Was für eine unverschämte Unterstellung, Jamie Powell“, unterbrach er sie mit Unschuldsmiene. „Niemand wird gern beschuldigt, abenteuerlich und aufregend zu sein.“

„Das habe ich nie gesagt. Du drehst mir die Worte im Mund herum.“

„Vielleicht fällst du nicht so sehr auf wie deine Schwester, aber wenn es darum geht, einen Mann abzubekommen – und glaub mir, ich weiß, wovon ich rede –, dann hast du …“

„Sei still! Ich will das nicht hören.“

„Irgendwie hat deine Schwester es geschafft, über all die Jahre dein Selbstvertrauen zu zerstören.“

„Ich habe sehr viel Selbstvertrauen. Ich arbeite für dich, du solltest das also wissen.“

„Ja, das stimmt, solange es um die Arbeit geht. Aber was das Gefühlsmäßige betrifft, ist es fast, als würde ich dich zum ersten Mal sehen.“ Und das, was ich sehe, gefällt mir, hätte er hinzufügen können.

Das hörte Jamie nicht gerne. Und es missfiel ihr, dass seine beiläufigen Bemerkungen sie nachdenklich machten. Fehlte es ihr an Selbstvertrauen? Unterstellte er ihr, dass sie ein emotionaler Krüppel war?

„Du wolltest mir helfen, das hast du zumindest gesagt. Es war nie die Rede davon, dass du mich analysieren willst. Könntest du mir also bitte die Plastiktassen aus dem Regal da drüben geben und aufhören, mir Ratschläge zu geben? Und außerdem“, fuhr sie fort, „habe ich nur deshalb keinen Freund, weil ich nicht dazu neige, alles zu nehmen, was kommt, nur weil es besser ist als gar nichts.“

Plötzlich merkte sie, wie sie einander anstarrten, während die Musik als dumpfes, stetiges Pulsieren zu ihnen hinüberdrang und der aromatische Duft in der warmen Küche sie umgab wie ein betörendes, verführerisches Räucherwerk.

„Guter Grundsatz“, murmelte Ryan und betrachtete Jamies gerötete Wangen und ihre funkelnden Augen – sie sah so ganz anders aus als die kühle, gefasste Frau, die er von der Arbeit gewohnt war.

„Und wenn es in meinem Leben einen Mann gäbe“, fuhr sie zu ihrem eigenen Entsetzen fort, „dann wäre es ganz sicher keiner, der herumläuft und andere Leute vermöbelt.“

„Weil du auf dich selbst aufpassen kannst.“

„Genau!“

„Und dich definitiv nicht zu einem Höhlenmenschen hingezogen fühlen würdest.“

„Richtig.“

„Was für ein Mann würde dich denn anziehen?“

„Ein rücksichtsvoller, empfindsamer und fürsorglicher Mann.“ Erschrocken stellte sie fest, dass sie ihren Gefühlen freien Lauf ließ.

Aber nach der ganzen Anstrengung mit ihrer Schwester und den chaotischen Vorbereitungen für das Weihnachtsessen war es ihr einfach zu viel gewesen, dass die angetrunkene Jessica bei ihrem Chef über sie tratschte.

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich steif und wandte sich ab, um sich zu sammeln.

Nicht so schnell, wollte Ryan sagen, du hast gerade Dinge gesagt, dass mir der Kopf surrt.

„Was tut dir leid?“ Wie im Büro waren sie auch in der Küche ein gutes Team; während Jamie sich um das Essen kümmerte, stellte Ryan das schmutzige Geschirr ins Spülbecken. „Dass du Gefühle hast?“

„Alles zu seiner Zeit.“ Wenn er unbedingt hinter ihrem Rücken über ihr trauriges Singledasein lachen wollte, bitte sehr. „Und zwar nicht, während ich ein Weihnachtsessen gebe.“

„Wir können einen neuen Termin vereinbaren. Wie gesagt, es ist wichtig, dass ein Chef weiß, was im Leben seiner Sekretärin vor sich geht.“

„Nein, das ist es nicht.“ Aber natürlich neckte er sie nur. Froh darüber, dass wieder alles so war wie sonst, lächelte sie schief.

Als er sie ansah, wurde Ryan plötzlich ärgerlich. Würde er mit ihr ausgehen, um herauszufinden, was sich unter dieser glatten Oberfläche befand? Er wusste es nicht. Was er wusste, war, dass sie dabei war, ihre Schutzmauer wieder aufzubauen.

Mit mitleidiger Miene drehte er sie zu sich herum, die Hände sacht auf ihren Schultern ruhend. „Man sagt, dass ich sehr gut zuhören kann. Und ich behaupte stolz von mir, dass ich sehr viel Menschenkenntnis besitze.“

Jamie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch ihr Mund wurde trocken und sie blinzelte nur, während er auf sie hinuntersah. Benebelt dachte sie, dass er unverschämt schön war.

„Und ich wollte dich nicht kränken, als ich sagte, dass deine Schwester deinem Selbstbewusstsein geschadet haben könnte. Ich habe nur gemutmaßt, dass bei dir in der Vergangenheit etwas schiefgelaufen ist.“

„Was redest du da?“, flüsterte sie.

„Irgendein Idiot hat dir das Herz gebrochen und du leidest noch immer darunter.“

Jamie atmete tief ein und rückte von Ryan ab, um den Bann zu brechen, in den er sie eben gezogen hatte.

„Was hat meine Schwester dir erzählt?“

Ryan hatte einfach nur geraten. Er war neugierig gewesen – verständlicherweise, wie er fand. In seiner Welt waren Frauen leicht durchschaubar. Und es war sehr erfrischend, sich mit einer Frau zu beschäftigen, bei der das anders war.

Und er hatte offenbar einen Volltreffer gelandet.

Sie war kreidebleich, und obwohl sie sich alle Mühe gab, gefasst zu wirken, merkte er, wie sie mit sich kämpfte.

Wer zum Teufel war der Kerl, der ihr das Herz gebrochen hatte?

„Das ist doch lächerlich!“ Abrupt drehte sich Jamie um und holte einen Stapel Teller aus dem Schrank.

„Glaub mir, er war es nicht wert!“

„Ich möchte wirklich nicht darüber reden.“

„Manchmal stellen sich diese fürsorglichen, teilnahmsvollen Typen als die größten Dreckskerle überhaupt heraus.“

„Woher willst du das wissen?“ Sie fuhr herum und blitzte ihn an. „Nur zu deiner Information: Jener betreffende fürsorgliche, teilnahmsvolle Typ war der netteste Mensch, den ich je kennengelernt habe.“

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