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JULIA EXKLUSIV BAND 285

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Stille meine Sehnsucht, Geliebter!

1. KAPITEL

„Sehr geehrte Fluggäste, willkommen auf Sizilien. Bitte bleiben Sie so lange angeschnallt sitzen, bis das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hat.“

Laurel starrte weiterhin wie hypnotisiert auf das aufgeschlagene Buch in ihrem Schoß. Alles in ihr sträubte sich dagegen, einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Sie verband zu viele schmerzliche Erinnerungen mit diesem Ort – Erinnerungen, die sie in den vergangenen zwei Jahren versucht hatte zu vergessen.

Obwohl das Kleinkind, das hinter Laurel saß, schrie, quengelte und seine Füße mit solcher Wucht gegen die Rückenlehne ihres Sitzes rammte, dass sie leicht nach vorne gestoßen wurde, nahm sie nichts wahr außer das unwohle Gefühl in der Magengrube. Normalerweise entspannte sie die Lektüre eines guten Romans, doch diesmal wollten die Buchstaben vor ihren Augen einfach keinen Sinn ergeben.

„Sie können die Armlehnen jetzt loslassen. Wir sind sicher gelandet.“ Laurels Sitznachbarin berührte verständnisvoll ihre Hand. „Meine Schwester leidet auch unter Flugangst.“

Es dauerte einige Sekunden, bis Laurel die sanfte Stimme zuordnen konnte und langsam den Kopf zur Seite drehte. „Flugangst?“, brachte sie verdattert über die Lippen.

„Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen“, sagte die Frau aufmunternd. „Meine Schwester hatte einmal während eines Flugs nach Chicago sogar eine richtige Panikattacke, und die Stewardess musste ihr Beruhigungsmittel geben. Ich habe gleich zu meinem Ehemann gesagt: ‚Bill, der jungen Dame hier neben uns geht es gar nicht gut. Sieh nur, sie hat noch kein einziges Mal die Seite ihres Buches umgeblättert.‘ Und Sie haben sich an den Armlehnen festgeklammert, seit das Flugzeug in London abgehoben hat. Aber jetzt können Sie sich entspannen. Wir stehen auf sicherem Boden.“ Die Frau lächelte Laurel mütterlich besorgt an.

Mütterlich?

Laurel wunderte sich, dass sie überhaupt in der Lage war, diesen Wesenszug zu erkennen, schließlich war sie selbst nie in den Genuss mütterlicher Fürsorge gekommen. Zwar konnte sie sich glücklicherweise nicht daran erinnern, wie sie als Neugeborenes von ihrer Mutter in einer Einkaufstasche in einem kalten Park ausgesetzt worden war, aber ihre Kindheit in einem Heim war unauslöschlich in ihrem Gedächtnis eingebrannt.

„Sehen Sie nur, der blaue Himmel und die strahlende Sonne!“, riss die Frau sie aus ihren trüben Gedanken. Sie lehnte sich halb über Laurel, um aus dem Fenster zu schauen. „Ich besuche Sizilien das erste Mal. Und Sie?“

Small Talk. Die Kunst der beiläufigen Konversation, in der Gefühle bewusst außen vor gelassen wurden.

Darin war sie gut. „Nein, ich war schon einmal hier.“ Und weil Laurel sich für die Freundlichkeit ihrer Sitznachbarin erkenntlich zeigen wollte, rang sie sich sogar ein Lächeln ab. „Vor ein paar Jahren auf einer Geschäftsreise.“ Fehler Nummer eins, dachte Laurel, kaum hatte sie die Worte ausgesprochen.

„Und was verschlägt Sie diesmal hierher?“, fragte die Frau auch schon neugierig nach.

„Meine beste Freundin heiratet“, antwortete Laurel wie ferngesteuert.

„Eine echte sizilianische Hochzeit? Wie romantisch. Ich habe noch genau die Hochzeitsszene aus dem Film Der Pate vor Augen – das rauschende Fest mit Hunderten von Freunden und Familienangehörigen. Und die Musik und die Tänze. Einfach fantastisch. Die Italiener wissen, wie man feiert. Und wie man mit Kindern umgeht“, fügte sie hinzu und warf einen missbilligenden Blick auf die Passagierin hinter ihnen, die in aller Seelenruhe las, während ihr Kind weiterhin zappelte und schrie. „Familie steht für sie nämlich an oberster Stelle.“

Laurel konnte es plötzlich kaum erwarten, von der Frau wegzukommen. Sie stopfte das Buch in ihre Handtasche und löste den Gurt. „Vielen Dank für Ihre Sorge um mein Wohlbefinden. Ich hoffe, Ihnen gefällt Sizilien“, sagte sie und machte Anstalten aufzustehen.

„Ich glaube, Sie müssen sich noch ein bisschen gedulden, meine Liebe. Haben Sie die Durchsage nicht gehört? Es ist ein Prominenter an Bord, der es offenbar besonders eilig hat. Wir müssen warten, bis er ausgestiegen ist.“ Die Frau spähte an Laurel vorbei aus dem Fenster. „Oh, schauen Sie sich das an. Drei Autos mit schwarz getönten Scheiben sind gerade vorgefahren. Und die Männer, die jetzt aussteigen, sehen wie Leibwächter aus. Wow … das müssen Sie sehen, meine Liebe. Wie aus einem Film. Sie tragen tatsächlich Pistolen. Und was für ein Bild von einem Mann nun das Rollfeld betritt – ein Meter neunzig pure Muskeln und Schönheit.“

Ein attraktiver Mann?

Laurel starrte unbeirrt auf den Vordersitz. Nein, sie erwartete keinen Mann, sie erwartete niemanden. Um ein unerwünschtes Empfangskomitee zu vermeiden, hatte sie geheim gehalten, welchen Flug sie nehmen würde.

Plötzlich überfiel sie ein beengendes Gefühl im Brustkorb. Warum hatte sie das Asthma-Spray bloß in ihrem Koffer, der im Gepäckfach lag, verstaut und nicht in der Handtasche?

Wie ferngesteuert warf sie einen flüchtigen Blick aus dem Fenster.

Er stand lässig am Rande der Landebahn und beobachtete das Flugzeug, das langsam auf seine Parkposition rollte. Seine Augen waren von einer klassischen Ray-Ban-Sonnenbrille verdeckt. Die Tatsache, dass er die außerordentliche Erlaubnis für den Zutritt der Piste erhalten hatte, war ein mehr als deutliches Zeichen für seinen Einfluss. Einem normalen Bürger wäre solch ein Privileg nie zugestanden worden. Aber er war auch kein normaler Bürger. Er war ein Ferrara. Ein Angehöriger einer der ältesten und einflussreichsten Familien der sizilianischen Aristokratie.

Typisch, dachte Laurel. Wenn man ihn braucht, ist er nirgends zu finden. Und wenn man ihn lieber nicht sehen würde …

Ihre Sitznachbarin reckte neugierig den Hals Richtung Fenster, um zu sehen, was draußen vor sich ging. „Was meinen Sie, wer er wohl sein mag?“, fragte sie. „In Italien gibt es keine königliche Familie, oder? Auf jeden Fall handelt es sich um eine wichtige Persönlichkeit“, plapperte die Dame aufgeregt weiter. „Sonst hätte man ihm nicht erlaubt, die Sicherheitsbestimmungen zu umgehen und einfach so auf den Flugplatz zu fahren. Und was für ein Mann braucht gleich drei Leibwächter? Ich frage mich, auf wen er wohl wartet.“

„Auf mich.“ Laurel stand mit einem Gesicht auf, als müsse sie zum Galgen schreiten. „Sein Name ist Cristiano Domenico Ferrara, und er ist mein Ehemann.“ Fehler Nummer zwei, dachte sie wie benommen. Der sich glücklicherweise beheben ließ. Schließlich würde sie bald seine Exfrau sein. Eine Hochzeit und eine Scheidung auf derselben Reise. Das nannte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

„Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub“, sagte Laurel hastig. „Probieren Sie auf jeden Fall die sizilianische granita. Unglaublich lecker und sehr erfrischend.“ Ohne weiter auf den verblüfften Gesichtsausdruck der Sitznachbarin zu achten, schob sie sich an ihr und ihrem Ehemann vorbei, nahm den Koffer aus dem Gepäckfach und ging eilig den Korridor entlang zum vorderen Ausgang des Flugzeugs. Sie war froh, dass sie ihre hochhackigen Sandaletten trug. Irgendwie gaben ihr die hohen Absätze in heiklen Situationen ein Gefühl von Selbstvertrauen. Und das hier war ohne Frage eine heikle Situation. Laurel nahm nur entfernt die Blicke und das Getuschel der Passagiere wahr. Zu sehr beschäftigte sie der Gedanke, wie sie die nächsten Tage überstehen sollte. Sie hatte die ungute Vorahnung, dass es mehr als eines Paars hochhackiger Schuhe bedurfte, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern.

Dickköpfig, arrogant, herrschsüchtig – wieso holte er sie ab?

Der Pilot erwartete sie am oberen Ende der fahrbaren Außentreppe. „Signora Ferrara, ich wusste nicht, dass wir die Ehre hatten, Sie an Bord zu haben …“, murmelte er sichtlich verlegen und warf einen nervösen Blick auf das imposante Empfangskomitee auf dem Rollfeld. Auf seiner Stirn standen leichte Schweißperlen. „Sie hätten mir sagen sollen, wer Sie sind.“

„Ich wollte lieber unerkannt bleiben.“

Die unterwürfige Art des Piloten war Laurel unangenehm. „Ich hoffe, Sie haben den Flug genossen“, sagte er mit einem unsicheren Lächeln.

Die Reise hätte nicht schmerzvoller sein können – selbst wenn man sie an einen Karren gebunden nach Sizilien geschleift hätte.

Wie hatte sie nur so dumm sein können zu denken, dass sie unerkannt nach Sizilien reisen konnte? Cristiano verfügte über genügend Kontakte und Einfluss, um an alle für ihn relevanten Informationen heranzukommen. Es dürfte wahrscheinlich kein großes Problem für ihn gewesen sein, sich Einblick in die Passagierlisten der Flüge aus London zu verschaffen.

Als sie noch ein Paar waren, hatte sie oftmals staunend das Ausmaß seiner Macht beobachtet. Zwar war Laurel den Umgang mit Berühmtheiten und Superreichen aus ihrem beruflichen Umfeld gewohnt, aber die Welt der Ferraras hatte noch einmal eine ganz andere Dimension.

Für eine kurze Zeit hatte sie dieses privilegierte Leben mit ihm geteilt. Ein märchenhaftes Leben in unermesslichem Reichtum und Luxus. Es war ihr so vorgekommen, als sei sie nach einem Leben voller Entbehrungen und Mühen, in dem sie auf einer harten Pritsche geschlafen hatte, versehentlich in den Genuss eines weichen Daunenbetts gekommen.

Ihn jetzt plötzlich am unteren Ende der Außenbordtreppe zu sehen, ließ sie fast das Gleichgewicht verlieren. Sie hatte ihn seit jenem Tag nicht mehr gesehen. Jenem schicksalsträchtigen Tag, bei dessen Erinnerung sich ihr noch heute der Magen zusammenkrampfte.

Als Daniela sie gebeten hatte, ihre Trauzeugin zu sein, hätte sie dem ersten Impuls folgen und Nein sagen sollen. Laurel hatte immer gedacht, dass man im Namen der Freundschaft bereit sein müsse, alles zu tun. Aber in diesem Moment wurde ihr klar, dass es für alles eine Grenze gab. Leider kam diese Einsicht etwas zu spät.

Laurel kramte ihre Sonnenbrille aus der Handtasche hervor und setzte sie auf. Wenn er sein Spielchen mit ihr treiben wollte, dann würde sie es ihm gleichtun.

Ohne sich weiter um den Piloten und die tuschelnden Passagiere zu kümmern, hob sie ihr Kinn und trat durch die offene Tür.

Die plötzliche Hitze traf sie wie ein Schlag nach dem kühlen Londoner Nebel. Das grelle Sonnenlicht brannte erbarmungslos auf sie nieder, als wolle es das Zögern in ihren Schritten hervorheben. Die Absätze hallten laut auf den metallischen Stufen. Es kam Laurel so vor, als würde sie in die Hölle hinabsteigen und der Teufel höchstpersönlich unten an der Treppe auf sie warten – groß, bedrohlich und unnatürlich starr stand er da, flankiert von seinen Leibwächtern in dunklen Anzügen, die respektvoll hinter ihm Abstand hielten.

Wie anders diesmal alles war. Bei ihrer ersten Ankunft in Sizilien war sie voller Aufregung und Vorfreude gewesen. Sie hatte sich sofort in die Insel und die Menschen hier verliebt.

Besonders in einen Mann.

In diesen.

Laurel konnte seine Augen hinter der dunklen Sonnenbrille zwar nicht sehen. Aber das brauchte sie auch nicht. Sie konnte die Spannung zwischen ihnen förmlich spüren – und wusste, dass auch er sich für einen Moment in die Vergangenheit zurückversetzt fühlte.

„Cristiano.“ Im letzten Moment besann sie sich darauf, wenigstens ihre Stimme gleichgültig klingen zu lassen. „Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass du die Willkommens-fahnen für mich hisst.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem gezwungenen Lächeln. „Wie hätte ich meine liebe süße Ehefrau nicht vom Flughafen abholen können?“

Es war ein Schock, ihm nach zwei Jahren von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Aber ein noch größerer Schock war es, in jeder Faser ihres Körpers ein wildes Verlangen zu spüren. Ein Begehren, von dem sie gedacht hatte, es sei – wie ihre Ehe auch – schon vor langer Zeit gestorben.

Sie wollte nichts dergleichen empfinden.

Cristiano Ferrara war ein kalter herzloser Mistkerl, der es nicht länger verdiente, einen Platz in ihrem Leben einzunehmen.

Nein, kalt traf es nicht, korrigierte Laurel sich in Gedanken. In der Tat wäre einiges einfacher gewesen, wenn er sich ihr gegenüber kalt verhalten hätte. Auf jemanden wie sie, die mit Gefühlen sehr zurückhaltend umging, hatte Cristianos explosives sizilianisches Temperament eine unglaubliche Faszination ausgeübt. Mit seinem sprühenden Charisma war es ihm gelungen, sie aus der Reserve zu locken.

Es hatte sie damals ihren ganzen Mut gekostet, Cristiano zu vertrauen. Umso härter hatte sie dann auch sein herzloses Verhalten getroffen.

Mit einer lässigen Geste winkte er einen der drei Wagen heran. „Steig ein, Laurel.“ Der eisige Ton seiner Stimme ließ sie erstarren.

Cristiano erwartete von ihr, dass sie, ohne Umstände zu machen, in das Auto kletterte. Dass sie seiner Aufforderung widerstandslos folgte, wie er es von allen gewohnt war. In der Welt, in der er lebte, hatte er allein das Sagen. Er entschied, was wann gemacht werden musste.

Fehler Nummer drei ist es gewesen, zurückzukommen, dachte Laurel. Die Wut, die sie für zwei Jahre erfolgreich unterdrückt hatte, brannte jetzt in ihr wie Feuer.

„Ich bin noch etwas angeschlagen von der Reise“, sagte sie trocken. „Ich glaube, ich möchte erst einmal ein bisschen in Palermo spazieren gehen, bevor ich mich zu meinem Hotel begebe.“ Sie hatte extra ein Zimmer in einer kleinen unscheinbaren Pension gebucht, um dem Ferrara-Clan zu entkommen. Ein Ort, an dem sie sich von den emotionalen Anforderungen, die die Hochzeit an sie stellen würde, erholen konnte.

Cristiano stieß zischend den Atem durch die Zähne. „Steig sofort in das Auto, oder ich befördere dich höchstpersönlich hinein, so wahr mir Gott helfe. Wage es noch einmal, mich in der Öffentlichkeit bloßzustellen, und du wirst es bitter bereuen.“

Noch einmal. Ja, denn genau das hatte sie damals getan. Sie hatte seinen männlichen Stolz verletzt, und das würde er ihr nie verzeihen.

Was Laurel aber nicht im Geringsten etwas ausmachte, denn auch sie würde ihm niemals verzeihen können.

Sie würde ihm nie verzeihen, dass er sie im Stich gelassen hatte, als sie ihn am meisten brauchte.

Aber das spielte nun keine Rolle mehr, denn schließlich hatte sie nicht vor, die Beziehung zu kitten. Was zwischen ihnen gewesen war, gehörte der Vergangenheit an. In dieser Woche würde es nicht um sie beide gehen, sondern um seine Schwester.

Ihre beste Freundin.

Mit diesem einzigen tröstenden Gedanken im Hinterkopf wandte sie sich von ihm ab und stieg in den Wagen. Sie war dankbar dafür, dass die verdunkelten Scheiben sie vor den schaulustigen Blicken der Passagiere schützten, die sich vor Neugier an den Fenstern des Flugzeugs fast die Nasen platt drückten. Cristiano schob sich neben sie auf die Rückbank, und die Autotür wurde wie von Zauberhand sanft hinter ihm zugeschlagen. Er lehnte sich vor und gab dem Fahrer auf Italienisch Anweisungen. Der melodische Klang dieser schönen Sprache glitt wie weiche Seide über sie. Als internationaler Geschäftsmann zog Cristiano das Italienische dem gutturalen sizilianischen Dialekt vor, den die meisten Inselbewohner im Alltag benutzten. Er hatte sich damals immer wohlwollend darüber lustig gemacht, dass sie so versessen darauf gewesen war, ihn Italienisch sprechen zu hören.

Der Fahrer setzte das Auto fast lautlos in Bewegung. „Woher hast du gewusst, mit welchem Flug ich komme?“, fragte sie, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen.

„Ist das eine ernsthafte Frage?“

Nein. Natürlich nicht. Wenn es irgendetwas gab, was die Familie Ferrara nicht wusste, dann nur, weil es von keinem Interesse für sie war.

„Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass du mich abholst“, entgegnete sie betont lapidar. „Ich hätte genauso gut mit einem Taxi in die Stadt fahren können.“

„Und wieso?“ Sein langes muskulöses Bein war gefährlich nah an ihrem, sodass Laurel sich wortwörtlich in die Ecke gedrängt fühlte. „Wolltest du herausfinden, ob ich das Lösegeld bezahlen würde, wenn du entführt wirst?“, fragte er sarkastisch.

Sie warf ihm einen flüchtigen Seitenblick zu. Die Autorität und Macht, die er ausstrahlte, zogen sie regelrecht in seinen Bann. Sie konnte kaum klar denken.

Laurel rutschte unauffällig von ihm weg, um eine gewisse Distanz zwischen sie zu bringen. „Bald werden wir ja geschieden sein“, erklärte sie trocken. „Wahrscheinlich hättest du die Entführer sogar dafür bezahlt, dass sie deine ungehorsame Exfrau von dir fernhalten.“

Die Atmosphäre im Auto war so angespannt, dass man sie mit einem Messer hätte schneiden können. „Solange deine Unterschrift noch auf der Heiratsurkunde steht, bist und bleibst du eine Ferrara. Also verhalte dich auch wie eine.“

Laurel ließ erschöpft den Kopf gegen die Rückenlehne fallen.

Laurel Ferrara. Ihr – noch – offizieller Name war eine mahnende Erinnerung daran, welch riesigen Fehler sie begangen hatte. Ein Name, der besser klang, als die Wirklichkeit war.

Die große mächtige Familie Ferrara blickte auf eine jahrhundertelange Historie zurück. Der Name stand für Erfolg, Verpflichtung und Tradition. Sogar Cristianos Schwester Daniela, die in England studiert hatte und einen sehr rebellischen Charakter besaß, war letztendlich in ihre Heimat zurückgekehrt und heiratete jetzt einen Sizilianer aus gutem Hause. Ihre Zukunft war damit praktisch vorprogrammiert. Gesichert. Spätestens in einem Jahr würde sie ein Baby bekommen. Und dann ein zweites. So war es für die Frauen der Familie Ferrara üblich. Sie gebaren Ferraras, um die Dynastie zu erhalten.

Es gab so viele Dinge, die sie am liebsten für immer aus ihrem Gedächtnis verbannt hätte. So viele Ecken in dem Haus der Erinnerungen, die sie geflissentlich mied.

In den vergangenen zwei Jahren hatte sie sich selbst streng verboten, Fotos aus ihren Zeiten mit Cristiano anzuschauen oder im Internet nach Nachrichten aus der Boulevardpresse über ihn zu suchen. Weil sie wusste, dass dies der einzige Weg war, um über ihn hinwegzukommen und ein neues Leben zu beginnen.

Einfacher gesagt als getan. Cristiano war so unglaublich gut aussehend, dass, wo immer er auch hinkam, die Frauen sich nach ihm umdrehten. Es hatte sie damals ganz verrückt gemacht. Aber sie konnte ihm dafür keinen Vorwurf machen, denn er tat nichts, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Seine alleinige Anwesenheit reichte schon.

Laurel ertappte sich dabei, wie sie ihm einen erneuten Seitenblick zuwarf.

Selbst in seinem lässigen Outfit – ein Paar schwarze Jeans und ein schlichtes Poloshirt – sah er atemberaubend aus, und sie spürte, wie ihr Körper auf seine pure Männlichkeit reagierte. Eine Männlichkeit, die in seinen Genen verankert zu sein schien. So wie sein Stolz. Und sie hatte diesem Stolz einen empfindlichen Schlag versetzt.

„Wieso ist Dani nicht mit zum Flughafen gekommen?“, fragte sie.

„Meine Schwester glaubt an Happy Ends.“

Was sollte das jetzt wieder bedeuten? Dachte Daniela etwa, sie und Cristiano würden sich in die Arme fallen, wenn sie alleine wären?

Mit einem innerlichen Schmunzeln musste Laurel an die vielen unbeholfenen Verkupplungsversuche denken, die Dani während ihrer gemeinsamen Unizeit gemacht hatte. Sie wollte für alle ihre Freundinnen den Traummann finden. „Dani ist eine unverbesserliche Romantikerin“, stellte sie sachlich fest. „Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie heiratet, obwohl …“ Laurel stockte und biss sich auf die Lippe.

„… obwohl sie aus nächster Nähe Zeuge unseres Ehedebakels gewesen ist?“, vollendete Cristiano den Satz. „Angesichts deiner laxen Haltung gegenüber der Ehe wundert mich eigentlich viel mehr, dass du eingewilligt hast, ihre Trauzeugin zu sein. Eine Entscheidung, die ans Heuchlerische grenzt, findest du nicht?“

Er schiebt tatsächlich mir die Schuld am Scheitern unserer Ehe zu, dachte Laurel erbost. Aber sie hatte keine Lust zu diskutieren, denn sie wusste, dass es zu nichts führen würde. Wenn er sie hasste – in Ordnung.

Und was ihre Entscheidung betraf, Danis Trauzeugin zu sein …

Natürlich hatte es eine Million guter Gründe gegeben, Nein zu sagen. Doch wider alle Vernunft hatte sie es nicht übers Herz gebracht, Dani zu enttäuschen. Fehler Nummer vier, dachte sie. Wie war es bloß möglich, dass sie in so kurzer Zeit so viele Fehler gemacht hatte? „Ich bin eben eine loyale Freundin“, erwiderte sie knapp.

„Loyal?“ Er nahm demonstrativ die Sonnenbrille ab und musterte sie spöttisch. „Du wagst es, von Loyalität zu sprechen? Vielleicht ist es ein Sprachenproblem, denn offensichtlich hat für uns dasselbe Wort eine unterschiedliche Bedeutung.“ Im Gegensatz zu ihr machte er keinen Hehl aus seinen Gefühlen. Er warf sie ihr förmlich an den Kopf. Und je mehr er sich auf die emotionale Ebene begab, desto mehr zog sie sich zurück. Sie hatte schon Mühe, mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen. Jetzt auch noch mit seinen konfrontiert zu werden, war definitiv zu viel für sie.

Laurel kam es plötzlich so vor, als ob es im Auto an Luft mangelte. Ein leichtes Zittern überlief sie, und ihre Fingerspitzen wurden eiskalt. Sie zwang sich, tief einzuatmen, um sich zu beruhigen.

„Wenn sich bei dir gerade ein vulkanähnlicher Wutausbruch anbahnt, dann warte wenigstens, bis wir alleine sind“, presste sie leise hervor. „Es handelt sich schließlich nur um eine Hochzeit. Wir sollten in der Lage sein, diese wenigen Tage zu überstehen, ohne uns an die Gurgel zu gehen.“

Nur eine Hochzeit? So, so. Für dich sind Hochzeiten also nur eine belanglose Angelegenheit, Laurel?“

„Lassen wir es, Cristiano“, seufzte sie resigniert. Er war unfähig einzusehen, dass möglicherweise auch er Schuld am Scheitern der Ehe haben könnte. Unfähig, sich zu entschuldigen. Sie wusste, dass das Wort Entschuldigung in seinem Vokabular nicht vorkam. Und das hatte nichts mit einem Sprachenproblem zu tun – sondern einzig und allein mit seinem Ego.

„Wieso?“, hakte er unnachgiebig nach. „Weil du Angst vor Gefühlen hast? Angst vor dem, was du für mich empfindest? So war es ja schon damals.“

„Cristiano, bitte …“

„Es zerfrisst dich innerlich, nicht wahr?“ Seine Stimme klang gefährlich leise. „Du hast solche Angst davor, dass du dich eiskalt gibst. Das ist auch der Grund, warum du gegangen bist.“

„Du denkst allen Ernstes, ich habe dich verlassen, weil ich Angst vor meinen Gefühlen hatte?“ Laurel konnte ihre Empörung nicht länger verbergen. „Du bist so unglaublich arrogant, dass du eine ganze Insel brauchst, um Platz für dein Ego zu finden. Bist du sicher, dass Sizilien groß genug ist? Vielleicht solltest du dir Sardinien noch dazukaufen.“

„Ich arbeite daran“, entgegnete er ohne einen Anflug von Ironie.

Laurel konnte seinen forschenden Blick auf sich spüren, doch sie drehte bewusst den Kopf weg und starrte durch die getönte Scheibe der Limousine auf die vorbeirauschende Umgebung.

„Du siehst sehr gut aus“, hörte sie zu ihrem Erstaunen Cristiano nach einiger Zeit sagen. „Bekämpfst du deinen emotionalen Stress mit Sport?“, fügte er spöttisch hinzu.

„Du weißt genau, dass ich als Fitnesslehrerin mein Geld verdiene“, antwortete sie trocken. „Und um deinen Spekulationen ein Ende zu setzen – ich bin nur wegen deiner Schwester hier und nicht wegen un… wegen dir und mir.“

„Du bist nicht in der Lage, dieses Wort über die Lippen zu bringen, nicht wahr? Uns, tesoro. Aber die Vorstellung, Teil eines Wir zu sein, hat dich ja schon immer überfordert.“ Cristiano lehnte sich selbstgefällig in seinem Sitz zurück. „Es ist wohl besser, wenn du das Wort loyal in Bezug auf dich selbst in meiner Gegenwart nicht benutzt. Es bring mich nämlich ziemlich auf die Palme. Ich denke, das kannst du verstehen.“

Laurel fühlte sich wie ein Matador, der mit einem sehr wütenden Stier in einer engen Arena eingesperrt war. Und sie hatte nur ihre eigene Wut, um sich zu verteidigen.

Er will es einfach nicht einsehen, dachte sie zornentbrannt. Er sah einfach nicht, was er falsch gemacht hatte.

Und diese Tatsache machte alles tausendmal schlimmer.

Laurel atmete tief durch und besann sich darauf, dass sie nicht über die Vergangenheit diskutieren wollte. „Wie geht es Dani?“, fragte sie in dem Versuch, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.

„Sie kann es kaum erwarten, offiziell ein Wir zu werden.“

„Wenn du vorhast, die ganze Zeit auf mir rumzuhacken, sollte ich vielleicht lieber gleich den nächsten Rückflug nach London nehmen.“

„Das hättest du wohl gern. Aber so einfach kommst du mir nicht davon. Denn trotz allem bist du der Ehrengast.“

Mehr als die Worte an sich ließ sie der Ton seiner Stimme zusammenfahren, denn in ihm lag eine Bitterkeit, die in den Wunden ihres Herzens brannte wie der Saft einer sizilianischen Zitrone.

Manchmal, wenn es ihr nicht gelang, die Vergangenheit zu verdrängen, und der Schmerz an die Oberfläche kam, fragte sie sich, ob ihr jetziges Leben nicht besser gewesen wäre, wenn sie ihn nie kennengelernt hätte. Sie hatte schon immer gewusst, wie hart das Leben sein konnte. Deswegen war es ihr während ihrer gemeinsamen Zeit mit Cristiano Ferrara auch so vorgekommen, als sei sie zur Hauptdarstellerin in einem Märchen auserkoren worden. Was sie aber nicht gewusst hatte, war, wie viel härter ihr das Leben ohne ihn vorkommen würde.

Mittlerweile hatten sie die Autobahn verlassen und Palermo erreicht. Der Fahrer lenkte den Wagen geschickt durch den chaotischen Verkehr und das Wirrwarr der Straßen mit den unzähligen gotischen und barocken Kirchen und den antiken Palästen. Irgendwo hier in der Innenstadt befand sich auch der Palazzo Ferrara. Ein Teil des Gebäudes war der Öffentlichkeit zugänglich, den anderen nutzte Cristiano als Stadtquartier. Die wundervollen Mosaike und barocken Deckenfresken zogen Touristen und Architekturliebhaber aus der ganzen Welt an. Der Palazzo Ferrara war eine der vielen Immobilien auf der gesamten Insel, die Cristiano sein Eigen nannte, aber er nutzte ihn nur selten.

Laurel hatte sich damals sofort in die atemberaubende Atmosphäre der antiken Räumlichkeiten verliebt. Und jetzt musste sie sich zwingen, nicht an die kleine Privatkapelle im Inneren des palazzo zu denken, wo sie und Cristiano geheiratet hatten.

Sie wusste, dass er – trotz seiner aristokratischen Abstammung und seines enzyklopädischen Wissens über Architektur – eine moderne Wohnumgebung auf dem neusten Stand der Technik vorzog. Cristiano ohne schnellen Internetzugang wäre wie Michelangelo ohne Pinsel.

Laurel beobachtete gedankenversunken, wie der Fahrer sie aus dem dichten Verkehr herausmanövrierte und die Küstenstraße einschlug, die zum Ferrara-Spa-Resort führte. Die luxuriöse Wellness- und Hotelanlage war ein exklusiver Zufluchtsort für die nationale und internationale High Society, die sich nach Abgeschiedenheit sehnte. Und diese wurde nicht nur durch den effizienten Sicherheitsdienst der Ferraras garantiert, sondern auch durch die geografische Beschaffenheit der Küste. Die beiden Ferrara-Brüder hatten den modernen Hotelkomplex auf einer Landspitze konstruieren lassen, an die ein privater Strand angrenzte. Die einzelnen kleinen Gebäude waren umgeben von üppiger Vegetation und bizarren Felsformationen. Es war ein mediterranes Paradies mit Komfort und Ruhe.

Laurel versteifte sich unwillkürlich, als der Fahrer das Auto langsam zum Stehen brachte und darauf wartete, dass das automatische Tor der Hotelanlage sich öffnete. Ein Blick ins Innere des Geländes genügte, um unliebsame Erinnerungen in ihr aufsteigen zu lassen. Hier hatten sie die ersten Nächte ihrer Flitterwochen verbracht. Am äußersten Ende der Landspitze, abseits und verborgen von den restlichen Gebäuden, befand sich nämlich Cristianos privates Reich. Die Villa, die er für sich selbst hatte bauen lassen.

Er würde sie doch nicht ausgerechnet im Ferrara-Resort unterbringen wollen? „Ich habe außerhalb von hier ein Zimmer reserviert“, sagte sie mit einem Anflug von Panik.

„Ich weiß ganz genau, wo du gebucht hast. Und ich habe die Buchung bereits stornieren lassen. Du wirst übernachten, wo ich es dir sage, und dich dankbar zeigen für die sizilianische Gastfreundschaft, die uns dazu verpflichtet, jeden Besucher gebührend zu empfangen.“

Laurels Magen zog sich zusammen. „Ich hatte eigentlich vor, außerhalb des Resorts zu schlafen und erst am Tag der Hochzeit zu euch zu stoßen.“

„Daniela möchte, dass du an den vorbereitenden Feierlichkeiten teilnimmst. Heute Abend findet ein kleiner Cocktailempfang für die einheimischen Gäste statt. Mit Musik und Tanz. Abendgarderobe ist Pflicht. Und als offizielle Trauzeugin wird von dir natürlich erwartet, daran teilzunehmen. Du wirst also eine gute Miene aufsetzen und dich von deiner besten Seite zeigen. Unnötig, dich daran zu erinnern, dass für alle Außenstehenden unsere Trennung im freundschaftlichen Einvernehmen beschlossen worden ist. Wir werden die Scheidung wie zivilisierte Leute handhaben“, sagte er mit einem bedrohlichen Funkeln in den Augen.

Zivilisiert?

Unsere Beziehung ist von Anfang an alles andere als zivilisiert gewesen, dachte Laurel wie benommen. Die Leidenschaft, die sie geteilt hatten, war wild und unbändig gewesen. Vollkommen außer Kontrolle. So wie ihre Gefühle in diesem Moment.

Und auch die Aussicht, Cristianos zahlreichen Familienangehörigen gegenübertreten zu müssen, wühlte sie auf. Alle würden sie hassen. Und das konnte sie teilweise auch verstehen. Aus deren Sicht war sie das arme englische Mädchen, das ihren treu sorgenden und fürsorglichen Ehemann verlassen hatte. Ein unverzeihlicher Affront. In Sizilien war die Ehe für die Ewigkeit. Und eventuelle Probleme, wie zum Beispiel ein Seitensprung, wurden hinter verschlossenen Türen gehalten oder kulant übersehen.

Was sahen aber die Regeln der guten Etikette bei einem Fall wie dem von ihr und Cristiano vor? Wie hatte man sich zu verhalten, wenn man mit dem Schock einer Fehlgeburt und einem unglaublich selbstsüchtigen Ehemann zurechtkommen musste?

Nur Dani hatte trotz allem zu ihr gehalten und sie nicht verurteilt. Deswegen hatte Laurel ihrer besten Freundin den Wunsch auch nicht abschlagen können und war schweren Herzens für die Hochzeit nach Sizilien zurückgekehrt.

Ich werde diese Farce schon irgendwie durchziehen, dachte Laurel grimmig. Wenn man von ihr erwartete, dass sie lächelte, würde sie lächeln. Und wenn man von ihr erwartete, dass sie tanzte, würde sie tanzen. Der äußere Schein musste schließlich nicht ihr Inneres reflektieren. Das hatte sie bereits als Kind gelernt.

Doch Laurels Zuversicht bekam unvermittelt einen ersten Dämpfer, als der Wagen das Eingangstor des Resorts durchquerte und der Fahrer geradewegs die Privatstraße einschlug, die zur Villa Aphrodite führte. Sie war Cristianos ganz persönlicher Rückzugsort, wo er sich von den stressigen Anforderungen erholte, die die Führung eines Firmenimperiums an ihn stellte.

Er und sein Bruder hatten beim Bau der Hotelanlage einen Teil des Geländes genutzt, um den Hauptsitz ihres Unternehmens dorthin zu versetzen. Laurel war immer wieder aufs Neue hingerissen gewesen von dem spektakulären Meeresblick, wenn sie Cristiano in seinen grandiosen Büroräumen besucht hatte. Dass die Außenwände des Gebäudes fast komplett aus Glas bestanden, war dabei noch nicht einmal das Erstaunlichste. Für den größten Überraschungseffekt sorgte vielmehr der teils gläserne Fußboden, unter dem sich Schwärme von farbigen Fischen tummelten.

Es war typisch Cristiano, das Ästhetische mit dem Funktionalen zu verbinden.

„Ich sehe nicht ein, warum ein Unternehmenssitz ein langweiliger Kasten inmitten einer von Smog verpesteten Stadt sein muss“, so seine pragmatische Erklärung, als sie das erste Mal mit vor Staunen aufgerissenen Augen in seinem Büro gestanden hatte. „Ich liebe das Meer. Und so kann ich mich an ihm erfreuen, während ich am Schreibtisch festsitze.“

Diese Art von visionären Ideen und das Feingespür für echten Luxus machten nicht nur den Erfolg seiner Firma aus, sondern spiegelten sich auch in seinem Privatleben wider. Die Villa Aphrodite war der beste Beweis dafür – nur sorgte deren Anblick bei Laurel diesmal nicht für freudige Bewunderung.

„Du hast mich doch nicht etwa hier untergebracht?“, fragte sie mit einem Kloß im Hals, als sie vor der Villa hielten.

„Wo ist das Problem?“, erwiderte Cristiano verständnislos. „Wenn das, was uns verbindet, ‚nur eine Hochzeit‘ ist, dann haben wir hier in diesem Haus doch auch ‚nur unsere Hochzeitsnacht‘ verbracht. Dieser Ort dürfte für dich also keinerlei sentimentale Bedeutung haben. Es ist ‚nur ein Bett‘ für ein paar Tage.“

„Aber es ist doch die beste Unterkunft im ganzen Resort“, versuchte Laurel verzweifelt, das Unabwendbare abzuwenden. „Wieso solltest du sie an mich verschwenden?“

„Es ist das einzige noch freie Bett. Betrachte es als einen Glücksfall.“ Der Ton seiner Stimme war kühl und nüchtern. Für einen Mann, der unzählige Immobilien besaß und die meiste Zeit geschäftlich auf der ganzen Welt unterwegs war, stellte diese Villa womöglich nichts weiter dar als eine komfortable Unterkunft von ein paar Hundert Quadratmetern.

„Wie du siehst, genießt du alle Privilegien eines Ehrengastes“, fügte er mit nicht zu überhörendem Sarkasmus hinzu. „Und jetzt komm, lass uns nicht lange palavern.“ Ohne ihr die Möglichkeit zur Widerrede zu geben, schnappte er sich ihren Koffer und sprang voller Elan aus dem Auto, sodass Laurel nichts anderes übrig blieb, als ihm zu folgen.

Cristiano stieß die Tür auf und Laurel betrat zögernd hinter ihm den Eingangsbereich. Erfolglos versuchte sie, die Erinnerung an ihre Hochzeitsnacht zu verdrängen, als Cristiano sie über genau diese Schwelle getragen hatte und sie so heiß aufeinander waren, dass sie es kaum erwarten konnten, endlich ins Schlafzimmer zu kommen. „Wieso wartet er nicht auf dich?“, fragte Laurel verwundert, als sie hörte, dass der Fahrer den Motor anwarf und mit quietschenden Reifen davonfuhr.

Cristiano ließ den Koffer auf den gefliesten Boden fallen. „Was meinst du wohl? Weil auch ich hier untergebracht bin, natürlich.“

„Das ist ja wohl ein Witz …“, sagte sie entgeistert, und ihre eigene Stimme kam ihr seltsam fremd vor, „… es gibt doch nur ein Schlafzimmer.“ Ein riesiges Schlafzimmer mit Blick auf den Swimmingpool und den Strand. Das Schlafzimmer, in dem sie nie enden wollende leidenschaftliche Nächte miteinander verbracht hatten.

Cristiano bedachte sie mit einem dünnen Lächeln. „Du kannst Dani die Schuld dafür geben. Es ist ihre Hochzeit. Und ihre Zimmerzuteilung.“

„Ich werde bestimmt nicht ein Bett mit dir teilen“, stieß sie heftiger als gewollt hervor.

„Das brauchst du mir nicht zu sagen.“ Seine Augen funkelten wild, fast bedrohlich. „Glaubst du etwa, ich würde mit dir im selben Bett schlafen, nach dem, was du getan hast? Glaubst du das wirklich?

Laurel trat instinktiv einen Schritt zurück, auch wenn sie wusste, dass sie von ihm nichts zu befürchten hatte. Jedenfalls nicht körperlich. „Ich kann unmöglich hier mit dir bleiben.“ Ihr Herz hämmerte wie verrückt. All die Gefühle, die sie während der Autofahrt mühsam unter Kontrolle gehalten hatte, drohten jetzt überzukochen wie heiße Milch in einem Topf. „Es wäre …“ Laurel brachte den Satz nicht zu Ende.

„Es wäre was?“ Cristiano musterte sie mit stechendem Blick, als versuche er, ihre Gedanken zu lesen. Wofür er – das wusste sie von damals – eine besondere Gabe zu besitzen schien.

Doch diesmal durfte sie es auf keinen Fall dazu kommen lassen.

Laurel straffte die Schultern und sah ihm fest in die Augen. „Es wäre eine unangenehme Situation“, sagte sie betont kühl. „Für uns beide.“

Cristiano fixierte sie noch einen Moment lang mit zusammengekniffenen Augen, bevor er sagte: „Mach dir keine Sorgen. Ich werde auf der Couch schlafen. Und falls du Angst hast, dass ich meine Hände nicht von dir lassen kann – sei beruhigt, denn diese Angst ist völlig unbegründet. Du hast deine Chance mit mir nämlich schon lange verspielt.“ Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand Richtung Terrasse.

Doch auch seine momentane Abwesenheit änderte nichts daran, dass Laurel überall im Wohnbereich kleine Dinge sah, die sie an ihn erinnerten.

Das maßgeschneiderte Jackett, das er achtlos über eine Stuhllehne geworfen hatte. Das Glas mit hausgemachter sizilianischer Limonade, das er nicht ganz ausgetrunken hatte, weil er immer auf dem Sprung war. Der aufgeklappte Laptop, sein ständiger Begleiter. All das kam ihr so vertraut vor, dass sie wie angewurzelt stehen blieb und schwer schluckte, durchdrungen von dem Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können.

Doch wie weit zurück?

Hätte ihre Beziehung wirklich anders verlaufen können?

Nein. Ihre Liebe war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen.

Selbst Romeo und Julia wirkten im Vergleich zu ihnen wie ein Traumpaar.

2. KAPITEL

Cristiano leerte das Whiskeyglas in einem einzigen Schluck, als könne er so seine bitteren Gefühle einfach herunterspülen, während er auf der schattigen Terrasse der Villa darauf wartete, dass Laurel sich für das Fest zurechtmachte.

Er hatte sich vorgenommen, kalt und distanziert zu sein. Doch schon in dem Moment, in dem er sie die Treppe des Flugzeugs hatte herabsteigen sehen, war dieser Vorsatz ins Wanken geraten. Ihr Anblick hatte einen Sturm an widersprüchlichen Emotionen ausgelöst – und dieser war mittlerweile zu einem wahren Orkan angewachsen. Laurels Unnahbarkeit machte ihn vollkommen verrückt. Im Verstecken von Gefühlen war sie eine Meisterin, das musste er ihr lassen.

Cristiano zerrte fahrig am Kragen seines blütenweißen Hemdes und schenkte sich mit leicht zitternder Hand ein zweites Glas ein.

Sie gab ihm immer noch die Schuld an allem. Das war offensichtlich. Auch wenn sie nicht wirklich darüber sprechen wollte.

Genauso wie damals, unmittelbar nach dem fatalen Ereignis, als sie sich hinter einer Mauer des Schweigens verschanzt hatte. Sie hatte heftiger – und anders als er – auf die Fehlgeburt reagiert.

Er hatte sich an seinem Realitätssinn festgeklammert und versucht, so die Traurigkeit über den Verlust des Babys zu lindern. Fehlgeburten kamen zu Beginn einer Schwangerschaft häufig vor. Seine Mutter hatte zwei gehabt. Seine Tante eine.

Er war pragmatisch gewesen.

Sie untröstlich.

Und unerbittlich.

Abgesehen von der einen Nachricht auf seiner Mailbox, hatte sie sich danach rigoros geweigert, über den Zwischenfall zu sprechen. Du brauchst dein Meeting meinetwegen nicht mehr zu unterbrechen, ich habe das Baby nämlich schon verloren.

Cristiano spürte, wie kleine Schweißperlen seinen Nacken herunterliefen. Zum hunderttausendsten Mal wünschte er sich, damals sein Handy vor dem Geschäftstermin nicht ausgeschaltet zu haben.

Wäre vielleicht alles anders verlaufen, wenn er den Anruf sofort entgegengenommen hätte?

Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas und dachte mit Grauen an die Feierlichkeiten, die an diesem Wochenende vor ihm lagen. Doch schon im selben Moment wusste er, dass er seiner Schwester damit unrecht tat. Dani hatte mit viel Liebe und Enthusiasmus alles bis ins kleinste Detail geplant. Sie heiratete einen echten Sizilianer und wollte das Ereignis zelebrieren, wie es sich für echte alteingesessene Sizilianer gehörte. In großem Pomp. Und von ihm als ältestem Bruder und Oberhaupt der Familie wurde erwartet, seine Rolle entsprechend wahrzunehmen. Es war eine Sache der Ehre.

„Ich bin bereit“, hörte er Laurels klare Stimme hinter sich. Cristiano atmete einmal tief durch, um sicherzugehen, dass er sich voll unter Kontrolle hatte, bevor er sich zu ihr umdrehte.

Doch auch so versetzte Laurels Anblick ihn in Aufruhr.

Ein Kribbeln fuhr durch seinen Körper, und selbst die Luft schien plötzlich vor Spannung zu knistern.

Bereit? Dass er nicht lachte. Keiner von ihnen beiden konnte wirklich bereit sein für das, was sie in den kommenden Stunden erwartete. Ihre Trennung hatte beinahe genauso viel Aufsehen erregt wie ihre Hochzeit. Zwar würde es heute keine Paparazzi und Kamerateams geben, aber das hieß nicht, dass die Gäste sie nicht mit unstillbarer Neugier beäugen würden. Es war dieselbe makabre Faszination, die Menschen dazu trieb, rauchende Wracks nach einem Autounfall zu beobachten. Alle wollten sehen, wie er sich gegenüber seiner abtrünnigen Ehefrau verhielt.

Cristiano konnte nicht leugnen, dass Laurel noch immer eine magische Anziehungskraft auf ihn ausübte. Ihr schlanker, perfekt durchtrainierter Körper steckte in einem eng anliegenden Kleid aus dünner blauer Seide, das an den meisten Frauen gnadenlos jeden Makel hervorgehoben hätte. Aber Laurel brauchte sich nicht zu verstecken. Ihr Körper war ihr Markenzeichen, und sie trug ihn stolz zur Schau. Es hätte Cristiano nicht gewundert, wenn sie das Logo mit ihrem Firmennamen ans Kleid geheftet hätte. Ferrara Fitness. Er war es gewesen, der sie davon überzeugt hatte, ihr Einefrauunternehmen zu expandieren und im großen Stil zu vermarkten. Nachdem sie einer bekannten – und übergewichtigen – Schauspielerin dabei geholfen hatte, zu ihrem Idealgewicht zurückzufinden, war sie die Personal Trainerin geworden, die jeder wollte. Dass es ihm gelungen war, sie als Beraterin für den Fitness- und Wellnessbereich des Ferrara-Resorts zu engagieren, hatte sich für sie beide als ein Volltreffer erwiesen. Die perfekte Kombination.

Hampton und Ferrara waren in aller Munde.

Laurel entsprach sicherlich nicht dem klassischen Schönheitsideal. Doch die Entschlossenheit und Willensstärke, die sie ausstrahlte, wirkten weitaus faszinierender als blonde Haare und große Brüste. Nur er wusste, dass sie hinter ihrer professionellen souveränen Fassade eine unglaubliche Unsicherheit verbarg.

Er hatte Monate gebraucht, um ihre harte Schale auch nur ansatzweise zu knacken. War es arrogant von ihm gewesen, zu glauben, dass es ihm früher oder später gelingen würde, ihre Schutzmauer komplett zu durchbrechen? Doch genauso schnell, wie er ein Stück von ihrem Vertrauen gewonnen hatte, hatte er es auch wieder verloren.

Cristiano spürte die alte Wut erneut in sich hochsteigen. Laurel hatte die Ehe mit der Bestimmtheit eines Scharfrichters beendet und ihm nicht die kleinste Möglichkeit gegeben, seinen Fehler wiedergutzumachen.

Ob sie die überhastete Entscheidung von vor zwei Jahren jetzt vielleicht ein wenig bereute? Jedenfalls ließ sie sich keine Gefühlsregung anmerken.

Wie zu erwarten, wählte sie auch ein neutrales Gesprächsthema, um das Schweigen zu durchbrechen. „Du hast den Fitnessraum in ein Kino umgewandelt“, stellte sich sachlich fest.

„Wenn ich hier bin, versuche ich zu entspannen – und schaue mir Sport im Fernsehen an“, entgegnete er trocken. Ihre Ehe stand kurz davor, geschieden zu werden, und sie redeten hier um den heißen Brei herum?

Als sein Blick auf die dünne Goldkette um Laurels Hals fiel, runzelte er finster die Stirn. Dass sie ein Schmuckstück trug, das nicht von ihm stammte – und er hatte ihr wirklich unzählige geschenkt –, trieb seine nervliche Anspannung noch weiter in die Höhe. Handelte es sich etwa um das Geschenk eines neuen Verehrers?

Er sah vor seinem inneren Auge, wie fremde Männerhände die Kette um ihren schlanken Hals legten. Sah, wie jemand anders sie berührte und ihre sanfte Haut streichelte …

Bevor Cristiano wusste, was er tat, nahm er ihre linke Hand und zog sie ungestüm nach oben. Laurel entfuhr ein erstaunter Laut, und sie versuchte, sich seinem Griff zu entziehen, doch er hielt sie eisern fest.

„Wo ist dein Ehering?“, fragte er erbost.

„Ich trage ihn nicht mehr. Unsere Ehe gehört der Vergangenheit an.“

„Solange die Scheidung nicht vollzogen ist, sind wir offiziell noch verheiratet. Und in Sizilien müssen dafür erst einmal die drei erforderlichen Trennungsjahre vergehen.“

„Woher kommt denn dieser plötzliche Besitzanspruch?“, fragte sie spitz. „Außerdem ist Ehe mehr als ein Ring und ein Stück Papier, Cristiano.“

Du willst mir erklären, was eine Ehe ausmacht? Wer hat denn bitte unsere Ehe wie einen Wegwerfartikel behandelt?“ Eine explosive Mischung aus Zorn und Empörung brodelte in ihm. „Hast du schon einen Neuen?“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Ich bin wegen deiner Schwester gekommen und nicht, um alte Geschichten aufzuwärmen“, entgegnete sie kühl.

Cristiano wünschte sich mit aller Macht, dass sie seine Frage verneinte.

Dass sie seine Zweifel mit einem Lachen zerstreute und sagte: Natürlich gibt es keinen neuen Mann in meinem Leben – wie kommst du bloß auf so einen absurden Gedanken?

Stattdessen wich sie – wie immer – aus.

Ohne zu wissen, warum er es tat, packte er Laurel an den Schultern und zog sie ungestüm zu sich heran, als könne er so die Worte aus ihr herausschütteln.

Laurel geriet leicht ins Straucheln, und für einen kurzen und doch unendlich scheinenden Moment berührten sich ihre Oberkörper. Als er merkte, dass ihr Atem sich schlagartig beschleunigte, nahm ein ungezügeltes Verlangen von ihm Besitz. Nein, es war keine Vermutung, sondern eine Gewissheit – die Chemie, die zwischen ihnen herrschte, war noch genauso stark wie vor zwei Jahren. Ich bin ihr keineswegs gleichgültig, dachte Cristiano mit grimmiger Befriedigung. Es gab Gefühle, die selbst sie nicht verstecken konnte. Ein einziger Kuss würde genügen, um die Flammen der Leidenschaft vollends zu entfachen. Und dann gab es für sie beide kein Zurück mehr. Daran hatte sich auch trotz ihres Zerwürfnisses nichts geändert.

„Ich habe keinen Neuen“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Eine lausige Beziehung im Leben reicht mir vollkommen.“

Ihre Worte waren wie ein Eimer kaltes Wasser ins Gesicht.

Cristiano ließ abrupt ihre Schultern los. „Man wartet sicherlich schon auf uns“, sagte er um Fassung bemüht und trat einen Schritt zurück. „Lass es uns also hinter uns bringen.“

Erst jetzt fiel ihm auf, wie seltsam blass und erschöpft Laurel wirkte. Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, drehte sie sich wortlos um und entfernte sich zielstrebig auf dem schmalen Pfad, der inmitten des üppig wachsenden Gartens zum Haupttrakt des Resorts führte. Das gleichmäßige Klacken der hohen Absätze auf dem Pflaster untermalte ihre energische – und doch so feminine – Art zu gehen.

Wie von selbst wanderte sein Blick hinunter zu Laurels schmalen Hüften und ihrem runden festen Po.

Cristiano gab sich innerlich einen Ruck und folgte ihr missmutig. Er musste den absurden Impuls unterdrücken, sie einfach herumzureißen und gegen den nächstbesten Baum zu pressen, um eine ungefilterte Reaktion von ihr zu erzwingen. Aber am allerliebsten hätte er ihr die verfluchte Goldkette vom Hals gerissen und sie mit einem der zahlreichen Colliers ersetzt, die er ihr geschenkt hatte – einem Symbol, das der Außenwelt zeigte, dass sie zu ihm gehörte.

Er war so in seine düsteren Gedanken versunken, dass er fast gegen Laurel prallte, die plötzlich wie angewurzelt vor dem Eingang der großen Terrasse stehen geblieben war.

„Laurel.“ Santo versperrte ihr mit verschränkten Armen den Weg. Sein jüngerer – und hitzköpfiger – Bruder schien offensichtlich keinen Hehl daraus machen zu wollen, dass sie ihm nicht willkommen war. Cristiano wusste, dass Santo sich unsinnigerweise für die jetzige Situation mitverantwortlich fühlte. Es war er gewesen, der Laurel damals als seine Personal Trainerin eingestellt hatte, um sich auf den New Yorker City-Marathon vorzubereiten. Und er war es auch gewesen, der sie einander vorgestellt hatte.

Santo musterte Laurel mit unverhohlener Feindseligkeit.

Und sie erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Cristiano konnte nicht anders, als sie für ihre Unerschrockenheit zu bewundern. Obwohl sie genau wissen musste, dass die Familie Ferrara – abgesehen von Dani – ihr alles andere als wohlgesinnt war, stand sie hier mit stolz erhobenem Haupt und stellte sich der Situation. Santo überragte sie um mehr als einen Kopf, und doch schien es nicht, als handle es sich um ein ungleiches Duell. Laurel war eben eine Kämpferin.

Cristiano machte einen Schritt nach vorne und baute sich neben ihr auf. Wenn sie den Abend ohne einen Eklat über die Bühne bringen wollten, musste er die explosive Stimmung entschärfen. „Wo ist Dani?“, fragte er seinen Bruder betont gelassen.

„Sie wartet bereits darauf, ihren festlichen Einzug halte zu können“, erwiderte Santo, ohne seinen eisigen Blick von Laurel abzuwenden.

Wie lange wird dieses wortlose Kräftemessen noch weitergehen? fragte Cristiano sich mit einem Anflug von Ungeduld, als er sah, wie sie trotzig ihr Kinn vorschob. „Willst du Laurel nicht endlich begrüßen, Santo?“ Um ein klares Zeichen zu setzen, nahm er demonstrativ ihre Hand in seine – und stellte überrascht fest, dass diese eiskalt war und leicht zitterte.

Sie hat also wieder nur die harte Maske aufgesetzt, dachte er grimmig und umklammerte die zierlichen Finger noch fester, als er merkte, dass sie ihre Hand wegziehen wollte. Nach außen hin immer entschlossen und stark, innerlich hingegen unglaublich schwach. Er hatte geglaubt, mit ihrem zwiespältigen Wesen klarkommen zu können.

Aber offensichtlich hatte er sich getäuscht.

Als Santo sich von ihnen wegdrehte, um andere Gäste zu begrüßen, schnellte sie herum und funkelte ihn wütend an. „Du brauchst nicht meinen Beschützer zu mimen.“

Cristiano ließ ihre Hand los. „Das war auch nicht meine Absicht“, erwiderte er betont kühl. „Ich wollte nur ein unschönes Spektakel verhindern. Heute ist Danis Abend, und dieser soll ruhig und reibungslos verlaufen.“

„Ich hatte bestimmt nicht vor, eine Szene zu veranstalten“, fauchte sie zurück. „Unkontrollierte Gefühlsausbrüche sind ja wohl eher eine Spezialität der Sizilianer. Ich habe mich immer perfekt im Griff.“

Genau das war das Problem. War es schon immer gewesen.

Cristiano schluckte die Bemerkung jedoch herunter.

„Laurie?“ Die freudige Stimme seiner Schwester hallte über die Terrasse und unterbrach das Gespräch. Keine Sekunde später kam eine wahre Flut an raschelnder grüner Seide auf sie zugerannt. Überschwänglich warf Dani sich in Laurels Arme. „Da bist du ja endlich! Ich habe dir so viel zu erzählen. Komm, ich muss dir unbedingt etwas zeigen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten – und ohne ihren Brüdern groß Beachtung zu schenken –, nahm sie Laurel an die Hand und zog sie Richtung Villa.

Cristiano blickte diesen beiden so unterschiedlichen Frauen nachdenklich hinterher. Wie hatte es seine Schwester bloß geschafft, Laurels undurchdringliche Mauer zu durchbrechen, während er gescheitert war?

Santo, der in der Zwischenzeit mit seinem üblichen Charme die Gastgeberrolle wahrgenommen und dafür gesorgt hatte, dass alle Ankömmlinge mit Champagner und Erfrischungsgetränken versorgt waren, gesellte sich wieder zu ihm.

„Warum hast du zugelassen, dass sie hier auftaucht?“

„Es war Danis größter Wunsch“, erwiderte Cristiano sachlich.

„Mag sein. Aber für dich muss Laurels Anwesenheit wie ein Schlag ins Gesicht sein. Bitte sag mir, dass du nicht auch nur im Entferntesten daran denkst, sie zurückzuerobern.“

Cristianos Miene verdüsterte sich. „Wie kommst du denn darauf?“

„Nur so ein Eindruck“, sagte Santo wie nebensächlich und blickte der hübschen Blondine hinterher, die in diesem Moment an ihnen vorbeistolzierte. „Laurel ist zweifellos ein heißer Feger.“

„Wenn du unsere Schwester nicht mit einem blauen Auge zum Altar führen willst, solltest du meine Ehefrau lieber nicht als ‚heißen Feger‘ bezeichnen“, fuhr Cristiano ihn an.

„Sie ist nicht deine Ehefrau. Jedenfalls nicht mehr lange.“

„Ich dachte, du magst Laurel.“

„Das war, bevor sie dich verlassen hat“, erklärte Santo lapidar, ohne seinen Blick von der Blondine abzuwenden. „Wenn ich dir einen brüderlichen Ratschlag geben darf – sie ist es nicht wert. Du solltest froh sein, wenn ein anderer Mann sich mit ihren Macken herumschlägt.“

Mit der Geschwindigkeit eines Comichelden ließ Cristianos seine Faust nach vorne schnellen und verpasste seinem Bruder einen so kräftigen Kinnhaken, dass dieser taumelte und nach hinten gegen die Hauswand prallte. Es dauerte einen Moment, bis Santo sich von dem Schrecken erholte und reagierte. Doch dann warf er sich umso wütender gegen Cristiano, packte ihn am Hemdkragen und wirbelte ihn seinerseits herum. Cristiano konnte die rauen Mauersteine durch den dünnen Stoff seines Baumwollhemds spüren – und seine eigene schäumende Wut. Santos Hände hielten ihn wie zwei Schraubstöcke fest.

Basta! Hört auf, ihr beiden.“ Carlo, ein langjähriger Freund der Familie – und gleichzeitig der Anwalt, der Cristiano bei der Scheidung vertrat –, brachte die aufgebrachten Brüder auseinander und stellte sich zwischen sie.

Calma. Jetzt beruhigt euch doch endlich. Das letzte Mal, dass ich gesehen habe, wie ihr euch rauft, da wart ihr sechzehn. Was um Himmels willen ist denn hier los?“

„Nichts. Ich habe nur gesagt, dass Cristiano seine kleine Ehefrau endlich freigeben sollte“, erklärte Santo spöttisch und rieb sich den Kiefer.

Cristiano wollte bereits wieder auf seinen Bruder losstürmen, doch Carlo hielt ihn rechtzeitig zurück.

Santo rückte gelassen seine Krawatte zurecht. „Du brauchst dir keine Sorgen um uns zu machen, Carlo. Hol dir einen Champagner und genieß das Fest.“

Der Anwalt warf einen umsichtigen Blick Richtung Terrasse, doch offenbar hatte niemand den Streit bemerkt. „Kann ich euch wirklich beruhigt alleine lassen?“, vergewisserte er sich immer noch leicht argwöhnisch.

„Ich wollte nur eine Antwort auf eine Frage, die mich schon länger beschäftigte“, sagte Santo fast heiter und wischte mit dem Handrücken das Blut weg, das aus der kleinen Platzwunde floss. „Und jetzt habe ich sie bekommen.“

Kaum war Carlo gegangen, bedachte Santo seinen großen Bruder mit einem langen prüfenden Blick. „Wenn das Liebe ist, dann bin ich froh, dass mir dieses Los bis jetzt erspart geblieben ist. Für mich sieht es nämlich mehr aus wie die Hölle auf Erden.“

„Was hatte das Ganze hier bitte mit Liebe zu tun?“, fuhr Cristiano ihn an.

„Aus welchem Grund sonst hättest du mir das erste Mal seit fast zwanzig Jahren einen Faustschlag verpasst?“

„Wenn du deine Zunge nicht im Zaum halten kannst …“

„Ich wollte nur testen, ob du die Sache mit Laurel nach zwei Jahren endlich verdaut hast – und dem ist offenbar nicht so“, unterbrach Santo ihn. Er schnappte sich zwei Gläser Champagner vom Tablett einer vorbeieilenden Kellnerin und reichte eines davon seinem Bruder. „Hier. Trink etwas. Du kannst es gebrauchen. Ich habe mir schon gedacht, dass dein Liebeskummer noch tief sitzt. Aber ich habe nicht geahnt, wie tief.“

„Unglaublich. Cristiano hat Santo gerade einen Kinnhaken versetzt. Was eine Katastrophe ist, denn er wird mit seinen Platzwunden im Gesicht meine Hochzeitsfotos ruinieren.“ Dani raffte vorsichtig ihr langes Kleid hoch, damit es nicht zerknitterte, und kniete sich auf das Sofa, das am Fenster stand. „Und jetzt hat Santo Cristiano gegen die Wand geschleudert. Das letzte Mal, dass sie sich gerauft haben, waren sie Teenager. Ich setze mein Geld auf Cristiano. Aber es wird sicherlich ein enger Kampf.“

Laurel lief zum Fenster und schaute hinunter auf den Innenhof. „Ist er verletzt? Oh Gott, jemand sollte Santo von Cristiano wegziehen …“

„Keine Sorge. Cristiano ist immer noch der Stärkere von beiden.“ Dani warf Laurel einen prüfenden Seitenblick zu. „Ich dachte, er wäre dir vollkommen egal.“

„Nur weil ich nicht mehr in ihn verliebt bin, heißt das noch lange nicht, dass ich ihn zusammengeschlagen sehen will.“ Laurel fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. „Was meinst du, was der Grund für ihren Streit ist?“

Du, natürlich. Was sonst?“

Laurel setzte sich vorsichtig auf den Rand des Sofas. „Warum gehst du nicht runter und versuchst, sie zu beruhigen?“

„Ich denke nicht im Traum daran“, entgegnete Dani lachend. „Es könnte Blut auf mein Kleid kommen. Apropos … gefällt es dir? Es ist von einem italienischen Designer, der momentan total angesagt ist.“ Dani strich sanft den Stoff glatt. „In Sizilien ist es Brauch, an dem Abend vor der Hochzeit ein grünes Kleid zu tragen. Aber was erzähle ich dir da. Das weißt du ja selber nur zu gut. Das grüne Kleid, das du damals getragen hast, war wirklich atemberaubend schön.“

Laurel spürte plötzlich wieder ein beengendes Gefühl in der Brust.

Es war das typische Warnzeichen für einen sich anbahnenden Asthmaanfall. Unauffällig warf sie einen Blick in ihre Handtasche, um zu kontrollieren, ob sie den Inhalator dabeihatte. Sie wusste aus Erfahrung, dass Stress der hauptsächliche Auslöser für ihre Attacken war. Und seit ihrer Ankunft am Flughafen von Palermo schien ihr Stresspegel kontinuierlich zu steigen. „Ich möchte lieber nicht über meine Hochzeit sprechen“, sagte sie mit tonloser Stimme.

„Du hast ein besseres Grün ausgewählt als ich“, fuhr Dani unbeirrt fort. „Nach langem Hin und Her habe ich mich für dieses Smaragdgrün entschieden. Vielleicht hätte ich doch lieber ein dunkleres Laubgrün nehmen sollen. Aber das passte leider nicht so gut zu meinen schwarzen Haaren.“

„Wie kannst du nur an Kleider denken, während deine Brüder sich vor unseren Augen prügeln?“, fragte Laurel ungläubig.

„Es ist für mich nichts Weltbewegendes. Ich bin mit ihren Raufereien schließlich aufgewachsen. Nur dass sie jetzt deutlich mehr Muskeln haben. Außerdem müssen wir uns noch keine Sorgen machen. Die Lage wird erst brenzlig, wenn sie einander die Hemden vom Leib reißen.“ Dani warf einen erneuten Blick aus dem Fenster. „Eigentlich solltest du dich geschmeichelt fühlen, dass sie deinetwegen streiten. Es ist doch romantisch.“

„Zwei Männer, die ihr Temperament nicht zügeln können – was ist daran bitte romantisch?“, erwiderte Laurel gereizt. Am liebsten hätte sie sich den ganzen Abend hier oben in der Villa versteckt. Fernab von dem sizilianischen Trubel.

„Kräftemäßig nehmen sie sich nicht viel“, bemerkte Dani mit einem weiteren fachmännischen Blick aus dem Fenster. „Aber ein Mann, der aus Liebe kämpft, hat wahrscheinlich einen größeren Ansporn. Cristiano ist also klar im Vorteil. Ich liebe deine Schuhe. Hast du sie in London gekauft?“

Laurel sprang vom Sofa auf und begann – mit den besagten Schuhen – nervös im Zimmer auf und ab zu gehen. „Cristiano liebt mich nicht. Wenn du es genau wissen willst – wir ertragen einander kaum.“

„Wer’s glaubt, wird selig“, sagte Dani und verdrehte theatralisch die Augen. „Weißt du eigentlich, wie viele Frauen versucht haben, sich Cristiano zu angeln?“

Der Gedanke versetzte Laurel einen Stich. „Warum sollte mich das interessieren?“

„Weil er sich für dich entschieden hat. Findest du das nicht interessant? Ich weiß, dass es nicht immer leicht mit ihm ist. Aber ich weiß auch, dass er dich liebt.“

„Seine Wahl ist bloß auf mich gefallen, weil ich ihn anfangs abgewiesen habe. Dein Bruder tut sich schwer damit, ein Nein zu akzeptieren. Ich war für ihn nur eine reizvolle Herausforderung.“

„Seine Wahl ist auf dich gefallen, weil er sich in dich verliebt hat“, gab Dani überzeugt zurück. „Und das ist für ihn schon eine große Leistung.“

Für seine Familie und Freunde hat Cristiano einen gottähnlichen Status, dachte Laurel verdrossen. Ganz egal, was er tat oder sagte – es war immer richtig. „Wir sollten lieber über dich reden“, versuchte sie mit einem müden Lächeln das Thema zu wechseln. „Bist du schon aufgeregt wegen morgen?“

„Und wie! Mindestens so aufgeregt wie du vor zwei Jahren.“

„Das war etwas ganz anderes.“

„Wieso?“

„Du planst deine Hochzeit schon seit knapp zwölf Monaten.“

„Und du und Cristiano habt in aller Eile in der kleinen Familienkapelle geheiratet, weil ihr es kaum erwarten konntet, endlich offiziell ein Ehepaar zu werden. Ich finde das fast noch romantischer.“

Dieses Gespräch war für Laurel ungefähr genauso angenehm, wie barfuß über Glasscherben zu laufen. „Nicht romantisch, sondern überstürzt“, stellte sie knapp fest und rieb sich fröstelnd über die nackten Arme. „Wären wir damals besonnener gewesen, würden wir jetzt nicht in dieser Situation stecken.“

„Mein Bruder ist schon immer sehr entschlussfreudig gewesen. Er weiß eben genau, was er will.“

„Und nimmt dabei keine Rücksicht auf den Willen anderer“, sagte Laurel trocken. „Für ihn zählt nur seine eigene Sicht auf die Dinge.“

Dani schaute sie nachdenklich an. „Willst du darüber reden, was zwischen euch vorgefallen ist?“, fragte sie sanft.

„Nein.“

„Bevor er dich kennengelernt hat, war Ehe ein Fremdwort für ihn“, beharrte Dani. „Für einen Mann wie Cristiano ist es der ultimative Liebesbeweis gewesen.“

Der ultimative Liebesbeweis.

Unglücklicherweise hatte er wohl gedacht, dass es damit getan sei.

Dass es genügte, ihr einen Ring an den Finger zu stecken. Und sie hätte sich von dem Moment an mit der Rolle der braven Ehefrau abfinden und ihn genauso bedingungslos verehren sollen wie alle anderen auch.

„Ich hätte niemals kommen dürfen“, sagte Laurel nüchtern. „Und du hättest mich nicht in diese für alle unangenehme Situation bringen dürfen. Wieso musstest du ausgerechnet mich bitten, deine Trauzeugin zu sein?“

„Ganz einfach. Weil du meine beste Freundin bist. Von dem Moment an, wo ich mich praktisch bei dir einquartiert habe, weil du das größere Zimmer im Studentenheim hattest. Wir haben uns sogar ewige Freundschaft geschworen, weißt du noch?“, fragte Dani mit einem Kichern.

„Nun werd mal nicht sentimental“, stellte Laurel unbeholfen fest.

Dani ging zu Laurel und nahm ihre Hände in ihre. „Du hast bis jetzt nie mit mir über den wirklichen Grund für eure Trennung sprechen wollen“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Du kannst mir doch vertrauen.“

„Es gibt da nicht viel zu erzählen. Es war einfach aus zwischen uns.“

„Ja, aber warum?“ Dani zögerte kurz. „Cristiano hat mir von der Fehlgeburt erzählt. Sei bitte nicht sauer auf ihn. Ich habe ihn gezwungen, es mir zu erzählen. Wieso hast du mir nichts gesagt?“

„Du hättest auch nichts tun können.“

„Ich hätte dir wenigstens eine Schulter zum Anlehnen bieten können. Du musst am Boden zerstört gewesen sein.“

Am Boden zerstört. Gab es Worte, um auszudrücken, wie sie sich damals gefühlt hatte?

Danis behutsamer Händedruck riss sie aus ihren Gedanken. „Niemand kann nachempfinden, was du erlebt hast. Aber ich kann immer noch nicht verstehen, warum du Cristiano verlassen hast. Hat er irgendetwas Falsches gesagt? Oder getan?“

Nein. Er hatte nichts getan.

Nicht einmal seinen Geschäftstermin unterbrochen.

„Mein Bruder kann manchmal arrogant und herrisch sein. Aber auch in ihm steckt ein weicher Kern.“

Es war so typisch für Dani – das Bedürfnis nach einer heilen Welt, in der sich alles zum Guten fügte.

„Ich weiß deinen Versuch wirklich zu schätzen, Dani“, sagte Laurel und zwang sich ein Lächeln auf. „Aber zwischen Cristiano und mir ist es definitiv aus. Und nichts wird etwas daran ändern.“

„Ihr wart für alle das perfekte Paar“, stellte Dani stur fest. „Man brauchte euch bloß anzuschauen, um daran zu glauben, dass die große Liebe wirklich existiert. Selbst Santo, der diesbezüglich ein Zyniker ist, musste zugeben, dass es an ein Wunder grenzte. Nie haben wir Cristiano so oft lachen sehen, wie als er mit dir zusammen war.“

Laurel fühlte sich wie ein Fisch an der Angel, der verzweifelt versucht, sich vom Haken zu befreien. Doch in ihre Verzweiflung mischte sich langsam auch Ungeduld. „Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, doch das wahre Leben entspricht nicht deinen Wunschträumen, Dani“, entgegnete sie barscher als gewollt. „Cristiano und ich passten vielleicht sexuell gut zusammen. Aber das war auch alles. Und könntest du jetzt bitte aufhören, dich einzumischen? Wenn du es genau wissen willst – es war auch nicht gerade sehr einfühlsam von dir, mich und Cristiano gemeinsam in der Villa Aphrodite unterzubringen.“

Dicke Tränen begannen über Danis Wangen zu laufen. „Damals konntet ihr kaum eure Hände voneinander lassen, wenn ihr zusammen wart. Ich dachte, dass ihr euch vielleicht wieder näherkommt und eure Probleme klärt, wenn …“ Ein ersticktes Schluchzen unterbrach ihre Worte.

„Da hast du leider falsch gedacht“, sagte Laurel einlenkend und rang sich ein Lächeln ab.

„Ich bin und bleibe wohl ein ziemlicher Tollpatsch“, brachte Dani mühsam hervor. „Und als wäre das nicht schon schlimm genug, habe ich jetzt auch noch mein Make-up ruiniert.“

Manch einer hätte Dani vielleicht als oberflächlich definiert, aber Laurel schätzte und bewunderte sie dafür, dass nichts ihre optimistische Weltsicht trüben konnte. Dass sie tatsächlich glaubte, dass guten Menschen gute Dinge widerfuhren.

„Hier unten ist dir zu Ehren ein Fest in Gang“, sagte Laurel aufmunternd und hakte sich bei Dani ein. „Du solltest deine Gäste nicht länger warten lassen.“

Ihre Miene hellte sich augenblicklich auf.

Mit Wehmut dachte Laurel an die Zeit zurück, als sie und Dani die Abende lachend und tratschend im Studentenwohnheim verbrachten. Eine Zeit, in der noch alles einfach schien.

Manche Menschen mochten vielleicht glauben, dass es besser war, die Liebe einmal gefunden und wieder verloren zu haben, als niemals geliebt zu haben.

Für Laurel waren diese Menschen verrückt.

3. KAPITEL

Das Gespräch mit Dani war eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen.

Doch der Rest des Abends würde sicherlich ein wahrer Höllenritt werden. Es kam Laurel so vor, als sei sie zwei Jahre auf Entzug gewesen und müsse jetzt der Versuchung widerstehen, in die alte Abhängigkeit zu verfallen.

Obwohl Cristiano am anderen Ende der Terrasse in ein Gespräch verwickelt war, konnte sie seine Anwesenheit deutlich spüren. Als sie sein herzhaftes Lachen hörte, drehte sich ihr Kopf wie automatisch in seine Richtung. Wie oft hatten sie gemeinsam gelacht. Damals, als ihr Leben noch wie ein schöner Traum schien. Doch jetzt teilte er sein Lachen mit einer anderen Frau.

Die dazu bildhübsch war.

Aus der Körpersprache ließ sich vermuten, dass die beiden mehr als eine platonische Freundschaft verband.

Es grenzte an Selbstquälerei, aber Laurel konnte den Blick nicht von ihnen abwenden. Als eine von Cristianos kleinen, festlich herausgeputzten Cousinen zu ihm gerannt kam und sich wie ein Äffchen an sein Bein klammerte, zog er sie mit einem amüsierten Grinsen hoch und schenkte ihr seine ganze Aufmerksamkeit. Laurel konnte zwar nicht hören, was er sagte, aber an dem Gesichtsausdruck seiner Cousine war zu erkennen, dass es sich um etwas sehr Lustiges handeln musste.

Zu sehen, wie liebevoll er mit dem Kind umging, versetzte ihr einen so schmerzhaften Stich ins Herz, dass es ihr fast den Atem raubte. In diesem Moment war sie fast dankbar, in eine harmlose Partyplauderei inmitten der dicht gedrängten Menschenmenge verwickelt zu sein – denn sonst hätte sie entgegen aller Benimmregeln einfach die Flucht ergriffen.

„Du solltest etwas essen.“ Cristiano tauchte plötzlich wie aus dem Nichts neben ihr auf. Souverän und cool wie immer. Mit einer lässigen Geste winkte er einen Kellner heran und nahm zwei Kanapees von dem Tablett.

„Ich habe keinen Hunger.“

Cristiano reichte ihr trotzdem eines der Appetithäppchen. „Das solltest du dir nicht entgehen lassen. Hühnchen mariniert in frischen Kräutern und Zitronenschaum. Danach warst du doch immer ganz verrückt.“

Tut er das absichtlich? überlegte Laurel verwirrt. Oder wieso rief er Erinnerungen an jene Nacht hervor, als sie wie zwei kleine Kinder den Kühlschrank geplündert hatten, um ein Mondscheinpicknick am Strand zu machen?

Obwohl der Kloß im Hals ihr das Gefühl gab, nichts herunterschlucken zu können, schob sie sich das kleine Häppchen in den Mund. Es schien ihr einfacher, zu essen, als ein zwangloses Gespräch mit Cristiano zu führen.

Vor allem, weil er gefährlich nah vor ihr stand und sie mit seinen dunklen durchdringenden Augen musterte.

Laurel wandte nervös den Blick von den Konturen seines sinnlichen Mundes ab, um gar nicht erst auf dumme Gedanken zu kommen. Es wäre nämlich ein Leichtes gewesen, die wenigen Zentimeter zu überbrücken und ihre Lippen auf seine zu drücken. Niemand küsste so gut wie Cristiano. Er wusste genau, was eine Frau brauchte. Seine Küsse konnten leidenschaftlich und feurig wie Lava sein. Oder unglaublich tastend und zärtlich.

Die Abendluft war erfüllt von dem unverwechselbaren Geruch des Meeres und dem süßen Duft der mediterranen Pflanzen. Von allen Seiten wehten Gesprächsfetzen und Gelächter zu ihnen hinüber, und doch kam es Laurel so vor, als stünden sie allein auf der Terrasse.

Für einen zufälligen Beobachter sahen sie wahrscheinlich wie zwei alte Bekannte aus, die sich auf einer Feier nett unterhielten, doch Laurel konnte deutlich spüren, dass die Atmosphäre zwischen ihr und Cristiano langsam in eine Richtung abdriftete, die alles andere als unverfänglich war.

Wie ein kleines Boot, das langsam, aber unaufhaltsam auf einen reißenden Wasserfall zutrieb. Und sie musste sich mental mit aller Kraft dagegen wehren, um nicht von dem gefährlichen Sog mitgerissen zu werden.

„Ich habe gehört, dass du und Santo auf Sardinien eine Baufläche in erstklassiger Lage gefunden habt“, lenkte Laurel das Gespräch auf ein neutrales Terrain wie die Arbeit.

Cristiano war sofort ganz in seinem Element. „Die Verhandlungen sind in der kritischen Endphase. Es ist nicht einfach, auf Sardinien Geschäfte zu machen. Die Sarden haben eine sehr verschlossene Mentalität.“

Aber das stellte für ihn sicherlich kein Hindernis dar.

Cristiano liebte Herausforderungen. Und fast immer meisterte er sie mit Bravour.

Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, warum er so wütend auf mich ist, kam es Laurel in den Sinn. Nicht nur, weil ich ihn verlassen habe. Sondern vor allem, weil ich ihm nicht die Möglichkeit gegeben habe, um mich zu kämpfen. Das Gefühl der Ohnmacht war für ihn bestimmt unerträglich.

„Gratuliere. Du wolltest ja schon lange dorthin expandieren.“

„Noch ist der Deal nicht abgeschlossen“, erwiderte er geschäftsmäßig.

„Hier hast du dich also versteckt, Cristiano.“ Die laszive Stimme – sowie die fast unerträglich süße Parfumwolke – kamen von einer Blondine mit sexy geschminkten Katzenaugen und einem vollen Schmollmund. Sie schenkte Cristiano ein kokettes Lächeln und platzierte vertrauensvoll ihre Hand auf seinem Arm – während sie Laurel gekonnt ignorierte und so tat, als sei sie Luft.

Laurel war geschockt von der rasenden Eifersucht, die plötzlich in ihr aufstieg.

Missmutig starrte sie auf die Hand, die besitzergreifend um seinen Arm gekrallt war.

Selbst wenn die Frau die rot lackierten Fingernägel direkt in Laurels Herz gebohrt hätte, wäre der Schmerz nicht größer gewesen.

Wieso können sie ihn nicht in Ruhe lassen? dachte sie aufgebracht.

Schon damals war es so gewesen – ganz egal, wohin sie kamen, die Frauen überrannten sich beinahe gegenseitig, um in Cristianos Nähe zu kommen.

Laurel wollte sich gerade zum Gehen abwenden, doch Cristiano war schneller. Er fasste sie sanft, aber bestimmt um die Taille und zog sie zu sich heran. „Adele, ich glaube, du hast Laurel noch nicht kennengelernt.“

Das dünne Lächeln auf dem Gesicht der Frau offenbarte, dass sie nicht gerade erpicht darauf war, Laurels Bekanntschaft zu machen. „Hi“, brachte sie knapp hervor.

„Meine Ehefrau“, fügte Cristiano mit fester Stimme hinzu. Das Lächeln der Blondine verblasste vollends.

Laurel stand stocksteif da. Sie hörte nur das Blut in ihren Ohren rauschen und spürte Cristianos starken Arm um ihre Taille liegen.

Wieso betonte er ihren Familienstand, jetzt, wo sie fast geschieden waren?

„Dann will ich euch nicht länger stören.“ Fast unwillig löste sich die Frau von Cristiano und verabschiedete sich mit einem arroganten Kopfnicken.

„Siehst du?“, stellte er trocken fest, kaum war die Frau davonstolziert. „Auch ich kann sensibel sein.“ Eine offenkundige Anspielung auf das einzige Mal, zu Anfang ihrer Ehe, als Laurel die Geduld verloren und ihrer Eifersucht freien Lauf gelassen hatte. Sie waren auf einer Feier gewesen, und ein nicht enden wollender Strom von Verehrerinnen – für die eine Ehefrau anscheinend keinen Hindernisgrund darstellte – hatte sich den ganzen Abend lang über ihn ergossen. Laurel hatte ihm damals vorgeworfen, unsensibel zu sein. Und Cristiano ihr, überzureagieren.

„Es ist mir nicht mehr wichtig, mit wem du flirtest“, stellte sie jetzt betont gleichgültig fest – und wünschte sich, dass es tatsächlich so wäre. Doch in Wirklichkeit zermürbte sie die quälende Frage, wer Cristianos Neue war. Denn dass er mittlerweile eine neue Freundin haben musste, daran gab es keinen Zweifel. Schließlich waren über zwei Jahre vergangen.

„Erwartest du, dass ich dir das glaube?“, fragte er spöttisch. Während die letzten tiefroten Strahlen der untergehenden Sonne hinter dem Horizont verschwanden, gingen die bunten Lichterketten in den Bäumen an und verwandelten die Terrasse und den Garten in eine stimmungsvolle Partylocation. Eine magische Szenerie, die leider völlig unpassend war für den Schlussakt einer Ehe, dachte Laurel mit einem Stich im Herzen.

„Ob du mir glaubst oder nicht, ist mir egal. Wir sind einander zu nichts mehr verpflichtet“, entgegnete Laurel trocken. War ihm eigentlich bewusst, dass er immer noch seinen Arm um ihre Taille geschlungen hielt? Und warum sorgte sie nicht endlich für eine größere Körperdistanz?

Cristiano atmete hörbar aus. „Soweit ich mich erinnern kann, haben wir uns damals ein gegenseitiges Versprechen gegeben. In guten und in schlechten Zeiten. In Gesundheit und in Krankheit. Bis dass der Tod uns scheidet.“ Er sah ihr herausfordernd in die Augen.

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