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JULIA EXKLUSIV BAND 273

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Verräterische Sehnsucht

1. KAPITEL

„Die Verträge sind unter Dach und Fach. Es gehört alles Ihnen … die Firma, das Haus und das Grundstück“, bestätigte der ältere Mann.

Wenn Valente Lorenzatto lächelte, gingen seine Feinde in Deckung. Selbst seine Angestellten hatten gelernt, sich nicht davon täuschen zu lassen. „Ausgezeichnete Arbeit, Umberto.“

„Das ist Ihr Verdienst“, erwiderte Umberto. „Ihr Plan ist aufgegangen.“

Umberto hätte alles dafür gegeben, herauszufinden, weshalb sein überaus vermögender Arbeitgeber so viel Zeit und Energie auf den Kauf einer englischen Transportfirma und ein kleines Stück Land verschwendet hatte – weder die Spedition, noch das Grundstück schienen ihm in finanzieller oder strategischer Hinsicht diesen Aufwand zu rechtfertigen. Umberto bezweifelte die Gerüchte, dass Valente früher einmal, lange vor seinem ersten großen Geschäftsabschluss, dort gearbeitet hatte. Ohnehin konnte sich niemand vorstellen, dass Valente ein einfacher LKW-Fahrer gewesen sein sollte. Aber wie auch immer, das Blatt hatte sich gewendet, als Valente seinen ersten millionenschweren Deal abgeschlossen hatte und die stolze Familie Barbieri sich entschloss, Valente als Count Ettore Barbieris unehelichen Enkelsohn anzuerkennen.

Die Barbieris konnten sich glücklich schätzen, einen derart erfolgreichen Macher wie ihn im Stammbaum zu finden, gerade als das Familienvermögen eine kräftige Finanzspritze gut gebrauchen konnte. Der alte Count war sogar so weit gegangen, seine anderen Verwandten zu enterben. Mit Ausnahme seines Titels hatte er seinen gesamten Besitz Valente hinterlassen.

Im Gegenzug wurde Valente gebeten, den Namen Barbieri anzunehmen. Doch ganz der Rebell, der er war, hatte er verkündet, er sei stolz darauf, den Namen seiner verstorbenen Mutter zu tragen. Ihn abzulegen, sei eine Beleidigung ihres Andenkens.

Nachdem Valente Umberto und die anderen Mitarbeiter aus dem Zimmer geschickt hatte, trat er auf den steinernen Balkon hinaus und ließ den Blick über das muntere Treiben auf dem Canal Grande schweifen.

Er nippte an seinem schwarzen Kaffee und erlaubte sich, den Moment zu genießen, auf den er fünf lange Jahre hingearbeitet hatte. Matthew Baileys fehlerhaftem und inkompetentem Management hatte er es zu verdanken, dass Hales Transport jetzt ihm gehörte. Zusammen mit der Firma war auch ein altes renovierungsbedürftiges Haus namens Winterwood in seinen Besitz übergegangen. In diesem Augenblick verspürte er tiefste Zufriedenheit.

Dabei war Valente weder ein geduldiger, noch ein rachsüchtiger Mensch. Immerhin war er auch nicht auf Rache an seiner eigenen Familie aus gewesen, obschon sie seiner Mutter jede Unterstützung versagt hatte.

Danach gefragt, hätte Valente sicherlich geantwortet, er halte Rache für reine Zeitverschwendung. Es sei immer besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen, weil nur die Zukunft aufregende und lohnenswerte Herausforderungen bereithielt.

Allerdings, um diese Einsicht kam auch er nicht herum, war er in den letzten fünf Jahren keiner Frau begegnet, die ihn auch nur annähernd so fasziniert hatte, wie seine ehemalige englische Verlobte Caroline Hales. Seine Caroline mit den hellen Haaren und den nebelgrauen Augen, die immer weinte, wenn jemand Tiere grausam behandelte – die ihn aber skrupellos vor dem Altar stehen gelassen hatte und stattdessen einem reicheren Mann das Jawort gab.

Vor fünf Jahren hatte Valente noch als LKW-Fahrer seinen Lebensunterhalt verdient und in seiner spärlichen Freizeit versucht, den Abschluss als Diplomkaufmann zu machen. Das Leben war hart, aber gut … bis er den Fehler beging, sich Hals über Kopf in die Tochter des Besitzers von Hales Transport zu verlieben. Doch Caro, wie ihre Familie sie rief, hatte ihn von Anfang an zum Narren gehalten. Zwar hatte sie ihn und Matthew Bailey gleichzeitig zappeln lassen, letzten Endes aber, trotz heftiger Liebesbeteuerungen, ihre Sandkastenliebe in einer protzigen Zeremonie geheiratet.

Mittlerweile war er, Valente, nicht mehr arm. Tatsächlich war es die Vorstellung, dass die Frau, die er liebte, nackt und willig in den Armen eines anderen lag, die ihn zum Erfolg getrieben hatte. Bald wird Caroline sich nackt und willig in meinen Armen winden, dachte er mit einem finsteren Lächeln. Er konnte nur hoffen, die trauernde Witwe war Zeit und Aufwand wert, die er bereits in sie investiert hatte.

Zumindest konnte er sicherstellen, dass die Witwe unter ihren schwarzen Kleidern seinem Geschmack entsprach. Er klappte sein Handy auf und wählte die Nummer des besten Dessousgeschäfts in Italien, um eine ganz besondere Bestellung aufzugeben: ein pastellfarbenes Wäscheensemble in Carolines Größe, das ihre helle Haut und die sinnlichen Kurven auf äußerst verführerische Weise betonen würde. Schon der Gedanke an ihren perfekten Körper in der zarten Spitzenwäsche entzündete ein Feuer in seinen Lenden.

Offenbar war er sexuell ziemlich ausgehungert. Valente beschloss, vor dem Flug nach England seiner momentanen Gespielin Agnese einen kleinen Besuch abzustatten. Danach würde er in aller Ruhe seine neue Geliebte und alles, was ihr lieb und teuer war, in Besitz nehmen.

Es war an der Zeit.

Der Augenblick seines Triumphs stand unmittelbar bevor.

Valente drückte einige Tasten auf seinem Handy und konzentrierte sich auf den Anruf, auf den er sich bereits seit fünf Jahren freute …

Vierundzwanzig Stunden bevor Valente seinen Anruf tätigte, führte Caroline Bailey, vormals Hales, ein zunehmend beunruhigender werdendes Gespräch mit ihren Eltern. „Ja, natürlich weiß ich, dass die Firma vergangenes Jahr in Schwierigkeiten steckte! Aber wann habt ihr noch eine Hypothek auf das Haus aufgenommen?“

„Im Herbst. Die Firma brauchte Kapital. Das Haus als Sicherheit einzutragen, war die einzige Möglichkeit, einen Kredit zu bekommen.“ Schwerfällig ließ Joe Hales sich in einen Sessel sinken. „Es gibt nichts, was wir jetzt noch tun können, Caro. Wir haben alles verloren, weil wir mit den Zahlungen in Rückstand geraten sind. Das Haus ist bereits verkauft …“

„Warum hast du mir nicht rechtzeitig davon erzählt?“, fragte Caroline ungläubig.

„Es ist doch erst ein paar Monate her, dass du deinen Ehemann verloren hast“, erinnerte ihr Vater sie. „Du musstest genug eigene Probleme meistern.“

„Man hat uns nur zwei Wochen gegeben um auszuziehen!“, rief Isabel Hales dazwischen – eine kleine Frau Ende sechzig, deren fehlende Mimik von etlichen kosmetischen Operationen kündete. „Ich kann es einfach nicht fassen! Ich wusste, dass wir die Firma verloren haben … aber auch das Haus? Alles ist ein einziger Albtraum.“

Tröstend klopfte Caroline ihrem Vater auf die Schulter und widerstand dem Wunsch, ihre in Tränen aufgelöste Mutter in die Arme zu schließen.

Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, war sie ein sehr gefühlsbetonter Mensch. Während ihr Vater in sehr gesicherten Verhältnissen aufgewachsen war – als Sohn des größten Arbeitgebers der Region –, stammte ihre Mutter aus einem sehr ehrgeizigen Elternhaus, im dem Geldmangel und der eigene, niedrige soziale Status ständige Themen waren. Isabel hatte die Lebenseinstellung ihrer Eltern unhinterfragt übernommen, Wohlstand bedeutete ihr alles.

Obwohl Joe und Isabel anfangs überhaupt nicht zusammenzupassen schienen, blieb der einzige Wermutstropfen in ihrer Ehe ihre Kinderlosigkeit. Erst mit Mitte vierzig hatten sie die damals dreijährige Caroline adoptiert. Als das einzige Kind der stolzen Eltern hatte sie eine exzellente Schulbildung und ein stabiles häusliches Umfeld genießen dürfen. Niemals hätte sie sich eingestanden, dass sie sich ihrem herzensguten Vater enger verbunden fühlte, als ihrer oftmals scharfzüngigen und kritischen Mutter. In Wahrheit teilte sie nämlich Isabels Ansichten und Interessen in Bezug auf materielle Dinge ganz und gar nicht.

„Wie sollen wir in nur zwei Wochen ausziehen?“, fragte Caroline mit schwacher Stimme.

Müde schüttelte Joe den Kopf. „Wir können von Glück reden, dass man uns überhaupt diese Frist eingeräumt hat. Letzte Woche hat sich ein Gutachter das Haus angesehen und unserem Kreditgeber eine Schätzung unterbreitet. Es war kein berauschendes Ergebnis, doch die Bankleute haben es trotzdem angenommen. Sie sind nur an der Rückzahlung der Schulden und der Erhaltung von Arbeitsplätzen interessiert. Ich empfinde große Erleichterung, dass es ihnen gelungen ist, einen Käufer für Hales Transport zu finden.“

„Aber uns hilft das auch nicht mehr“, fuhr Isabel wütend dazwischen.

„Ich habe die Firma verloren, die mein Vater aufgebaut hat“, erwiderte ihr Ehemann finster. „Hast du eine Ahnung, wie sehr mich das beschämt? Alles, wofür mein Vater so hart gearbeitet hat, habe ich vermasselt.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen.

Joe hatte Hales Transport von seinem Vater geerbt. Bis vor Kurzem war ihm die Sorge um Geld völlig fremd gewesen. Die snobistische Überzeugung seiner Frau, die aktive Leitung eines Transportunternehmens würde ihren sozialen Status mindern, hatte zur Folge, dass er die Geschäftsleitung schon früh abgegeben hatte. Ein gewisser Giles Sweetman wurde als Manager eingestellt, während Joe lernte, wie man Golf spielt und angelt. Viele Jahre war alles gut gegangen, das Unternehmen hatte saftige Gewinne abgeworfen.

Doch zwei Unglücksfälle hatten gereicht, um die Firma in ihre momentane Krise zu steuern.

Zunächst war Giles Sweetman ein anderer Job angeboten worden, und er hatte Hales Transport innerhalb weniger Wochen verlassen. Danach hatte Carolines verstorbener Ehemann Matthew Bailey diese Position übernommen. Bislang hatte es ihr noch niemand ins Gesicht gesagt, aber das hatte sich als katastrophale Fehlentscheidung erwiesen.

Dann war auch noch ein neuer aggressiver Konkurrent aufgetaucht. Hales Transport verlor einen Auftrag nach dem nächsten an Bomark Logistics. Selbst die Entlassung von Mitarbeitern hatte den Niedergang nicht aufhalten können.

„Zwei Wochen ist eine lächerlich kurze Frist“, protestierte Caroline. „Wer ist der Käufer? Ich bitte ihn, uns ein bisschen mehr Zeit einzuräumen.“

„Wir sind nicht in der Position, um irgendetwas zu bitten. Das Haus gehört uns nicht mehr“, warf Joe ein. „Ich hoffe nur, dass der Käufer nicht auch noch die restlichen Angestellten entlässt und Hales Transport in Einzelteilen weiterverscherbelt.“

Verstohlen musterte Caroline ihre Eltern. Aufgrund ihres Alters und ihres schlechten Gesundheitszustands waren sie keine guten Kandidaten, den Stress und die Aufregung der nächsten Wochen durchzustehen. Joe Hales litt unter Herzbeschwerden, Isabel unter Arthritis. Wo sollten die beiden in Zukunft wohnen? Wie würden sie es verkraften, ohne den behaglichen Kokon der finanziellen Sicherheit zu leben?

Erbaut im vorletzten Jahrhundert, war Winterwood ein zauberhaftes, wenn auch ein wenig renovierungsbedürftiges Haus. Vielleicht würde der neue Besitzer Winterwood einfach abreißen und durch ein moderneres Haus ersetzen. Bei dem Gedanken, dass das Haus ihrer Kindheit dem Erdboden gleichgemacht würde, verspürte Caroline einen heftigen Stich.

„Du hättest nie bei Matthew ausziehen dürfen und zurück zu uns ziehen sollen“, beschwerte Isabel sich. „Jetzt musst du mit uns kommen, und nur der Himmel weiß, wo wir landen werden.“

„Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass Matthew dir außer Schulden nichts hinterlassen hat“, sagte Joe kopfschüttelnd. „Es ist die Aufgabe eines Mannes, dafür zu sorgen, dass seine Ehefrau ein Auskommen hat, wenn er einmal nicht mehr ist.“

„Matthew konnte wohl kaum damit rechnen, so früh von uns zu gehen“, entgegnete Caroline. Es war ihre übliche beruhigende Antwort auf Kommentare dieser Art. Mittlerweile wusste sie nur zu genau, wie sie das Geheimnis ihrer unglücklichen Ehe bewahrte. „Aber ich wünschte, er hätte ein Haus gekauft, dann hätten wir drei nun wenigstens ein Heim.“

„Die Baileys hätten dir wirklich mehr helfen können“, mischte Isabel sich verbittert ein. „Natürlich hast du nicht die Geistesgegenwart besessen, sie um finanzielle Unterstützung zu bitten.“

„Es war nicht ihre Schuld, dass Matthew keine ausreichenden Versicherungen abgeschlossen hat. Und sie haben seine Schulden bezahlt … Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass sie ebenfalls Anteile an Hales Transport besitzen. Auch sie haben viel Geld verloren.“

„Was spielt das jetzt für eine Rolle? Wir haben unseren gesamten Besitz verloren!“, rief Isabel mit schriller Stimme. „Sie haben ihre Villa noch und ihre Haushaltshilfen und Gärtner. Wir haben nichts mehr! Meine Freunde rufen mich nicht mehr an. Niemand will mehr etwas mit mir zu tun haben!“

Caroline presste die Lippen zusammen und erwiderte nichts. Es war überaus bedauerlich, dass die Freundschaften ihrer Mutter zu der oberflächlichen Sorte zählten, die auf Status und Geld beruhten. Ohne die materiellen Güter, die sie bislang als selbstverständlich angenommen hatte, war sie rasch von den Gästelisten der Besserverdienenden gestrichen worden. Für ihre Mutter musste es sehr erschütternd sein herauszufinden, dass sie zu einer Unperson geworden war. Aber daran konnte Caroline nichts ändern. Die Tage des großen Geldausgebens, der Designerkleider und Luxusferien waren für immer vorüber.

Am Abend widmete Caroline sich endlich wieder ihrer eigenen Arbeit. Dazu zog sie sich in ihre kleine Werkstatt zurück, eine umgebaute Scheune hinter dem Haus ihrer Eltern. Dort hämmerte und lötete sie Metalle in Form, verzierte sie mit Edelsteinen und verkaufte die Schmuckstücke anschließend über ihre Website. Es war eine mühsame und anspruchsvolle Arbeit, die ein gutes Auge und höchste Konzentration erforderte.

Während sie arbeitete, saß ihre Siamkatze Koko wie ein stiller Wächter auf der Bank neben ihr. Nach ein paar Stunden verspürte sie einen bekannten stechenden Schmerz hinter den Augen – eine heftige Migräneattacke kündigte sich an. Hastig räumte sie den Werktisch auf und ging zu Bett.

Natürlich war sie, obwohl sie ihre Tabletten genommen hatte, durch die Anspannung und den Stress des Tages viel zu aufgedreht, um schlafen zu können. Morgen würde sie nach einer neuen Unterkunft Ausschau halten, beschloss sie, das beständige Gefühl von Panik verdrängend. Eine passende Wohnung zu finden, würde nicht leicht werden. Abgesehen von ihrer kleinen staatlichen Witwenrente bestanden die gesamten Einkünfte der Familie aus dem Erlös ihres Schmuckverkaufs.

„Caro?“ Isabel Hales kam am nächsten Morgen mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Küche gehumpelt, als Caroline gerade das Frühstück zubereitete. „Glaubst du, Matthews Eltern würden uns einen Kredit gewähren?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Caroline erblasste. „Nein, das denke ich nicht“, erwiderte sie steif. „Matthews Schulden zu begleichen, war für sie eine Frage der Ehre. Aber sie gehören nicht zu den Menschen, die großzügige Spenden verteilen, von denen sie nichts haben.“

„Wenn du ihnen doch nur ein Enkelkind geschenkt hättest! Dann wäre jetzt alles anders.“

„Ich weiß.“ Tränen brannten hinter ihren gesenkten Lidern. Die Baileys hatten ihr oft genug denselben Vorwurf gemacht. Offensichtlich war ihre Unfähigkeit, ein Kind zu bekommen, ihr schwerwiegendster Fehler als Schwiegertochter. Darüber hinaus jedoch hatten die Baileys ihr auch zu verstehen gegeben, dass Matthew bestimmt mehr Zeit zu Hause verbracht hätte, wenn sie ihm eine bessere Ehefrau gewesen wäre.

Mit jedem neuen Angriff wuchs in Caroline das wilde Verlangen, ihren Schwiegereltern die Wahrheit über ihre Ehe zu erzählen. Doch sie hielt sich zurück. Sie konnte es nicht einfach ertragen, an die vielen Lebensjahre zu denken, die sie durch ihre unglückliche Ehe verloren hatte. Außerdem nützte es niemand, wenn sie heute anfing, die Dinge hinauszuposaunen, die sie so lange für sich behalten hatte.

„Ich nehme an, du hast nie an die Zukunft gedacht.“ Isabel seufzte. „Du warst noch nie sonderlich praktisch veranlagt.“

Caroline ließ ihren Blick auf der zierlichen Gestalt ihrer Mutter ruhen, die, sich schwer auf ihren Gehstock stützend, umwandte und ging. Auf einmal kam sie ihr sehr klein und verletzlich vor.

Wegen ihrer gesundheitlichen Probleme schliefen ihre Eltern bereits in einem Zimmer im Erdgeschoss. Joe stand auf der Warteliste für eine Bypassoperation. Das baufällige Winterwood war wirklich nicht mehr das geeignete Zuhause für sie, schoss es Caroline durch den Kopf. Doch nach über vierzig Jahren aus ihrem Haus vertrieben zu werden, war eine gänzlich andere Ausgangssituation, als die Entscheidung über einen Umzug aufgrund rationaler Überlegungen zu treffen.

Koko strich um Carolines Knöchel und maunzte um Aufmerksamkeit. Flüchtig streichelte sie die Katze, dann machte sie sich daran, eine Liste mit den dringendsten Erledigungen zu erstellen. Zeit, Kosten und eine Unterkunft schienen ihr am wichtigsten zu sein.

Aus der Gegend würden ihre Eltern nicht wegziehen wollen, was die Suche nach einem neuen Haus zwar eingrenzte, gleichzeitig aber auch verkomplizierte.

Während sie das Geschirr abwusch, klingelte das Telefon. „Kannst du rangehen?“, rief sie ihrem Vater zu, der im Nebenzimmer die Zeitung las.

Joe Hales nahm den Hörer ab und meldete sich. Einen Augenblick später hörte Caroline einen geflüsterten Wortwechsel zwischen ihren Eltern, dem sie nicht ganz folgen konnte. Aber ihre Stimmen klangen besorgt.

„Caro“, sagte dann ihre Mutter. „Könntest du kurz kommen?“ Isabel reichte ihr den Telefonhörer als sei er eine geladene Waffe. „Valente Lorenzatto“, murmelte sie steif.

Caroline erstarrte. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Dann überlief sie ein eiskalter Schauer. Valente, den sie einst geliebt hatte. Valente, den sie einst so falsch eingeschätzt hatte. Ihr wollte kein Grund einfallen, warum er sie anrufen sollte.

Mit zitternden Händen griff sie nach dem Hörer. Dann ging sie in den Flur hinaus. „Hallo?“, fragte sie, ihre Stimme kaum lauter als ein Flüstern.

„Ich möchte ein Treffen mit dir arrangieren“, sagte Valente in seiner tiefen samtigen Stimme. „Als neuer Besitzer von Hales Transport und Winterwood gibt es einiges zu besprechen.“

Caroline konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Dir gehört Hales … und das Haus auch?“, fragte sie.

„Erstaunlich, nicht wahr? Wie versprochen, habe ich mein Vermögen gemacht“, erwiderte er kühl. „Wie traurig, dass du vor fünf Jahren aufs falsche Pferd gesetzt hast.“

Beinahe hätte Caroline laut aufgelacht – zu dieser Erkenntnis war sie schon kurz nach ihrer Hochzeit gekommen, wenn auch aus Gründen, die er niemals nachvollziehen würde können. Was sie jedoch letztlich aus ihrer Erstarrung riss, war der Anblick ihrer Eltern, die sie mit ungläubigen und entsetzten Mienen von der Türschwelle her anstarrten. Offenbar hatten sie jedes Wort gehört.

„Das kann doch nicht wahr sein!“, rief Isabel.

Und auch Caroline hoffte, dass es nicht stimmte. Doch schon vor Jahren hatte sie in einer Zeitung über Valentes ersten großen und millionenschweren Erfolg gelesen. Für dieses Wissen hatte sie allerdings einen hohen Preis bezahlen müssen, als Matthew herausfand, dass sie nach Valentes Namen im Internet gesucht hatte. Seither hatte sie ihre Neugier im Zaum gehalten – selbst nachdem sie Witwe geworden war, hatte sie sich jede Recherche verboten. Die Vergangenheit ließ man am besten ruhen.

„Er war doch nur ein Fahrer … Es ist völlig unmöglich, dass er so reich geworden ist!“, warf nun auch Joe ein.

„Zumindest sollte es unmöglich sein“, pflichtete seine Frau ihm bei.

Caroline drückte den Telefonhörer fester gegen ihr Ohr, damit Valente nichts von dem Gespräch mitbekam. Die Tatsache, dass ihr Großvater ebenfalls als LKW-Fahrer angefangen und die Firma kraft seiner Hände Arbeit aufgebaut hatte, wurde in ihrem Elternhaus nie erwähnt. Ihre Eltern schienen sich der bescheidenen Anfänge des Familienunternehmens zu schämen und bewunderten daher die Baileys umso mehr, die selbstverständlich alle eine Privatschule besucht hatten und entfernt mit Adeligen verwandt waren.

Joe und Isabel sind Snobs und werden es immer bleiben, dachte Caroline traurig. Für ihre Eltern war Valente nur ein armer Schlucker, der ihnen niemals das Wasser reichen konnte.

Caroline zog sich in eines der Nebenzimmer zurück, um wenigstens ein bisschen Privatsphäre zu bekommen. „Warum willst du mich treffen?“, fragte sie.

„Das wirst du dann schon erfahren“, entgegnete Valente ungeduldig. „Morgen, elf Uhr. Im ehemaligen Büro deines Mannes.“

„Aber warum, um alles in der Welt …?“ Sie verstummte, als die Leitung abrupt unterbrochen wurde.

„Gib mir bitte das Telefon“, drängte Joe seine Tochter. Schweigend hörte sie zu, wie er mit seinem Anwalt telefonierte und darauf bestand, den Namen des Käufers von Hales Transport zu erfahren.

„Dieser italienische Junge …“ Isabels Miene zeigte wütende Verachtung. „Wahrscheinlich hat er irgendwie erfahren, dass du verwitwet bist. Das ist so typisch für ihn … warum kann er dich nicht in Ruhe lassen?“

„Ich weiß es nicht.“ Selbst dass ihre Mutter einen über einsneunzig großen Mann von sechsunddreißig Jahren als Jungen bezeichnete, fand sie im Moment alles andere als lustig.

Mit einem erstaunten Gesichtsausdruck beendete ihr Vater das Telefonat. „Die Spedition und Winterwood wurden von einem italienischen Firmenkonglomerat namens Zatto Group gekauft“, murmelte er schließlich.

Valente hatte den Spieß und die natürliche Ordnung der Dinge – wie ihre Mutter es ausdrücken würde – umgedreht. Im Gegensatz zu ihren Eltern war Caroline davon nur mäßig überrascht.

2. KAPITEL

Für das Treffen mit Valente entschied Caroline sich für ihr einziges Kostüm, einem maßgeschneiderten Rock mit passendem Jackett, dazu eine cremefarbene Seidenbluse. Gekauft hatte sie es für ihre erstes Gespräch bei einem Londoner Edeljuwelier, der ihren Schmuck seit nunmehr einem Jahr verkaufte. Seit damals hatte sie Gewicht verloren, deshalb saß es ein bisschen zu locker. Und so wirkte sie trotz der hochgesteckten Haare und dem Hauch Make-up, den sie eigentlich aufgetragen hatte, um eine schlaflose Nacht zu kaschieren, gehetzt und fahrig.

„Hallo, Mrs. Bailey“, begrüßte Jill, eine der Rezeptionistinnen, sie am nächsten Morgen im Foyer von Hales Transport. Für eine Angestellte, die sich seit Wochen Sorgen um die Zukunft ihres Arbeitsplatzes machen musste, schien sie überraschend fröhlich. „Ist heute nicht ein aufregender Tag?“

Verwirrt strich Caroline eine vorwitzige blonde Strähne aus dem Gesicht. „Ist es?“

„Der neue Chef kommt. Wir werden Teil einer großen Unternehmensgruppe, die Milliarden wert ist. Ich halte das für tolle Neuigkeiten“, flötete Jill.

„Sei dir da mal nicht so sicher“, mischte die ältere Rezeptionistin Laura sich ein. „Es gibt keine Garantie, dass wir alle unseren Job behalten, geschweige denn, dass die Firma in sechs Monaten noch existiert.“

Ein kalter Schauer lief Caroline über den Rücken. Sie sorgte sich sehr um ihre früheren Angestellten. Und diese Besorgnis reichte tiefer, als das Wissen um die Schuld ihres Ehemannes, der viel zu viele finanzielle Risiken eingegangen war und darüber das Tagesgeschäft vernachlässigt hatte.

Sie atmete tief ein und setzte sich in einen der Sessel im Foyer. „Hoffen wir auf das Beste“, sagte sie zu Laura.

In den Monaten nach Matthews tödlichem Verkehrsunfall hatte sie jeden Besuch in der Firma vermieden. Die Angst, die Menschen könnten über sie reden, war zu groß gewesen. Ihre Eltern und Schwiegereltern hatten verständnislos darauf reagiert, aber Caroline hatte nicht den geringsten Wunsch verspürt, als Matthews bemitleidenswerte Witwe dazustehen, hinter deren Rücken eifrig getuschelt wurde.

Schließlich musste es Menschen geben, die von Matthews außerehelichen Aktivitäten gewusst oder zumindest Vermutungen in diese Richtung gehegt hatten. Mit der Zeit war Matthew nämlich immer weniger diskret mit seinem Doppelleben umgegangen. Und all die Peinlichkeiten und emotionalen Verletzungen hatten ihre Spuren auf Carolines Seele hinterlassen. Dumm und naiv war sie gewesen, blind und unbedarft. Mittlerweile fiel es ihr schwer zu glauben, dass Matthew und sie einmal eng befreundet waren. Abrupt schob sie die düsteren Gedanken an ihre unglückliche Ehe beiseite.

„Er ist da!“, rief Jill aufgeregt, als eine lange schwarze Limousine vor dem Eingang hielt. Flankiert wurde sie von zwei Wagen der Luxusklasse, deren Insassen zuerst ausstiegen. Eine Phalanx aus Männern in dunklen Anzügen stand vor einem weiteren großen, durchtrainiert wirkenden Mann Spalier, der trotz des warmen Frühlingswetters einen Kaschmirmantel trug.

„Er sieht sogar noch besser aus als auf den Fotos“, seufzte Jill verträumt.

Caroline stockte der Atem, als sie sich auf das markante Gesicht unter dem kurz geschnittenen dunklen Haar konzentrierte. Lockiges Haar, das Valente – wie sie sehr genau wusste – nur durch häufige Friseurbesuche bändigen konnte. Haar, das viel länger gewesen war, als sie sich kennengelernt hatten. Wie sehr hatte sie es geliebt, mit den Händen durch die dunklen Locken zu fahren!

Wie erstarrt saß sie in ihrem Sessel. Valente zu sehen, obwohl sie fest davon überzeugt war, ihm nie wieder zu begegnen, war eine fast surreale Erfahrung.

Er ist wirklich ein äußerst attraktiver Mann, schoss es ihr durch den Kopf. Er besaß dunkle Augen, die manchmal heiß wie das Feuer der Sonne aufloderten, ebenmäßige Brauen, hohe Wangenknochen und eine leicht gebogene Nase, die an Marmorbüsten römischer Kaiser erinnerte.

In dem Designeranzug verströmte er Eleganz und Selbstsicherheit, wie sie nur Italienern zu Eigen war. Aber selbst in Jeans und Pullover, fiel ihr wieder ein, sah Valente so aus, als habe er sich Minuten zuvor noch auf einem internationalen Laufsteg befunden.

„Caroline“, murmelte er, als er sie im Foyer sitzen sah. „Komm mit nach oben ins Büro“, fügte er dann in dieser unvergesslich samtig sexy Stimme hinzu.

Auf schmerzhafte Weise wurde Caroline sich bewusst, dass sie auf einmal im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stand. Langsam stand sie auf. Durch seine ungezwungene Aufforderung wurde nur offensichtlich, dass sie eine gemeinsame Vergangenheit verband – dabei hoffte sie inständig, niemand würde sich daran erinnern.

Denn für diese Vergangenheit musste Valente sie einfach hassen. Schuldgefühle stiegen in ihr auf. Ihr war klar, dass er ihr niemals verzeihen würde. Auch den Druck, unter dem sie gestanden hatte, würde er nicht gelten lassen. Damals hatte sie versucht, es allen, die sie liebte, recht zu machen und hatte letzten Endes alles verloren.

Ein flüchtiger Blick auf Carolines lose sitzendes Kostüm und den wenig originellen mädchenhaften Zopf, verleitete Valente zu einem spöttischen Lächeln. Er wollte sehen, wie ihr die langen blonden Haare über die nackten Schultern fielen, wie die feinen Dessous, die er bestellt hatte, ihre Figur umschmeichelten und ihre helle Hautfarbe betonten.

Nichts sollte mehr an Matthew Baileys kleine Witwe erinnern, die sich in ihrer Freizeit um die Blumenarrangements in der örtlichen Kirche kümmerte und Schmuckstückchen entwarf.

Er wollte so viel … die Aussicht auf vierundzwanzig Stunden Wartezeit empfand er auf einmal als unerträglich.

Einer seiner Assistenten lief vor ihnen her und hielt ihnen die Türen auf. Das Hauptbüro war Caroline natürlich vertraut. Hier zeigte sich Matthews Liebe zu ultramodernen Möbeln. Die Einrichtung stand im krassen Gegensatz zu den restlichen Räumlichkeiten der Firma und war zu geradezu ruinösen Kosten angeschafft worden.

Valente schlüpfte aus seinem Mantel und reichte ihn der Sekretärin. Dann wandte er sich zu Caroline um. Hinter ihr fielen goldene Sonnenstrahlen durch das Fenster und zauberten eine strahlende Krone auf ihren Kopf. Mit weit aufgerissenen nebelgrauen Augen schaute sie ihn unverwandt an. In ihrem Blick lagen Verwirrung und Anspannung.

Eine Woge der Erregung wallte in Valente auf. Unvermittelt verspürte er Dankbarkeit für die Länge seines Jacketts. Er konnte es kaum noch erwarten, ihr die Wäsche zu überreichen.

Den Grund für den sinnlichen Ausdruck in Valentes Augen kannte Caroline natürlich nicht, dennoch reagierte ihr Körper mit einer Heftigkeit, die sie überraschte. Matthew hatte ihr deutlich gesagt, dass sie im Bett völlig nutzlos war. Sie würde seine Stimmung so sehr beeinflussen, dass er es nicht einmal ertrug, im selben Zimmer wie sie zu schlafen. Grausame, ehrliche Worte. War es nicht in höchstem Maße ironisch, dass sie ausgerechnet jetzt ein erotisches Kribbeln in ihren Brustspitzen spürte? Dass sich tief in ihrem Bauch Wärme ausbreitete? Und das alles beim Anblick eines Mannes, der, das verriet ihr ein weiblicher Instinkt, viel grausamer als ihr verblichener Gatte sein konnte?

Ihr Körper, der sich seit Jahren in einer Art Winterschlaf befand, erwachte plötzlich auf eine Weise zum Leben, die sie nervös machte.

„Dann gehört jetzt also alles dir“, sagte Caroline mit brüchiger Stimme, während sie gleichzeitig gegen die Reaktionen ihres Körpers ankämpfte, die ihr unsagbar peinlich waren.

„Si, piccola mia.“ Nachdenklich musterte Valente sie. Wie heftig ihr Atem geht, fiel ihm auf. Wie perfekt die helle Haut schimmerte, wie das Grau ihrer Augen im Licht changierte, wie überraschend sinnlich der Mund ihn lockte. Wie sich die Lider mit den langen schwarzen Wimpern auf die Wangen senkten, wie sie mehrmals nervös schluckte … all diese kleinen Anzeichen von Befangenheit kündeten auch von einer Verletzlichkeit, die das Raubtier in ihm erwachen ließen. Denn insgeheim wusste er ja, dass sie nichts weiter war als ein geldgieriges Flittchen, das über ein gewisses schauspielerisches Talent verfügte.

Was Aussehen und Charakter angingen, entsprach sie seinem genauen Gegenteil. Und trotzdem begehrte er sie mit einer stürmischen Leidenschaft, die seinem seelischen Gleichgewicht überhaupt nicht guttat.

„Du hättest mehr Vertrauen in mich setzen sollen“, fuhr Valente in demselben kühlen Tonfall fort, den er nur eiserner Selbstdisziplin verdankte.

Caroline atmete scharf ein. „Was willst du hören? Dass es mir leidtut? Dass ich …?“

„Ich will keine Entschuldigung“, fiel er ihr ins Wort. Innere Anspannung und Wut bündelten sich zu gefährlicher Ruhe. Auch Carolines Miene wirkte völlig ausdruckslos, nur die weit aufgerissenen Augen verrieten ihre Angst. Sie hat sich verändert, stellte er stirnrunzelnd fest. Früher hatte er jedes Gefühl in ihrem Gesicht lesen können. Anscheinend hatte sie endlich gelernt, nicht länger die verwöhnte Tochter zu sein, sondern auf eigenen Füßen zu stehen. Sie besaß niedliche kleine Füßchen, fiel ihm wieder ein. Jetzt steckten sie in funktionalen flachen Pumps, die ungefähr denselben Sexappeal wie Hausschuhe ausstrahlten. In diesem Augenblick beschloss Valente, ihre gesamte Garderobe in einer feierlichen Zeremonie zu verbrennen.

„Ich verstehe nicht, weshalb du alles haben willst, was einmal meiner Familie gehörte“, sagte Caroline.

„Sei nicht so bescheiden“, tadelte er sie.

„Ich bin nicht bescheiden. Ich begreife nur nicht, warum du mich überhaupt hergebeten hast.“

„Das ist ganz einfach“, erwiderte Valente sanft. „Ich habe gehofft, wir könnten zu einer Einigung kommen, bei der beide Seiten bekommen, was sie wollen. Hinsichtlich dieses Punktes werde ich den Anfang machen … Ich will dich in meinem Bett.“

Dieses Geständnis erstaunte Caroline so sehr, dass sie den Mund öffnete, ihn jedoch ohne ein Wort zu sagen wieder schloss. „Soll das ein Scherz sein?“, fragte sie schließlich.

„Meine Arbeitstage sind sehr lang, und ich nehme mein Sexleben zu ernst, um darüber zu scherzen. Leider kann ich dir heute Morgen nur ein paar Minuten einräumen. Es gibt zu viele anderen Aufgaben, die meine Aufmerksamkeit erfordern“, fügte er geschmeidig hinzu. „Aber natürlich ist mir bewusst, dass du und deine Eltern im Moment eine schwere Zeit durchmachen.“

„Ja“, erwiderte Caroline mit einem knappen Nicken. Insgeheim fragte sie sich jedoch, wie sie reagieren sollte, wenn Valente abermals auf diese Bettidee zu sprechen kam. Ihm sagen, dass sie die letzte Frau auf der Welt war, die die Erwartungen eines Mannes im Schlafzimmer zu erfüllen verstand? Dass allein die Vorstellung ein extrem schlechter Witz war?

„Offensichtlich könnte ich eine Menge tun, um eure augenblickliche Situation zu entschärfen“, machte Valente in dieser einschmeichelnden samtigen Stimme weiter. „Aber du musst mich überzeugen, dass es meine Mühe wert ist.“

„Ich glaube nicht, dass ich mich in der Lage befinde, dich zu irgendeiner Tat zu überzeugen. Und ich verstehe einfach nicht, worauf du hinauswillst.“

„Ich will die Hochzeitsnacht, die du mir verweigert hast.“

Seine Worte weckten sie aus ihrer dumpfen Erstarrung. „Aber wir haben nicht geheiratet!“

„Stimmt … doch diese Tatsache hält mich nicht davon ab, dich zu begehren“, widersprach er. „Und du solltest wissen, dass die Antwort, die du mir jetzt gibst, Einfluss auf das Leben von allen hat, die mit dieser Firma zu tun haben.“

Verwirrt zog sie die Augenbrauen zusammen. „Die Antwort auf was?“, drängte sie verärgert.

„Ich habe dir bereits gesagt, was ich will.“

„Sex?“ Aufrichtig verwundert über diese absonderliche Idee schüttelte Caroline den Kopf. Valente war jung, attraktiv und reich – eine unbegrenzte Anzahl wirklich gut aussehender Frauen würde ihm ohne zu zögern Sex ohne jede Verpflichtung anbieten. Wieso, um alles in der Welt, wollte er sie?

„Ich will ganz offen sein. Ich möchte, dass du meine Geliebte wirst.“

Ein schrilles Lachen entrang sich ihrer Kehle. Ihr war klar, wie hysterisch und zugleich ängstlich sie sich anhören musste. Sie fühlte sich völlig überfordert und ging rasch zum Fenster hinüber, das auf den Firmenparkplatz führte. Der Anblick von etwas Normalem half ihr, ruhiger zu werden.

Was sollte das? Vor fünf Jahren, das war richtig, hatte Valente sie begehrt. Als sie sich jetzt an sein glühendes Verlangen erinnerte, dem sie sich aus der unbestimmten Furcht, sich ihm ganz hinzugeben, widerstanden hatte, verspürte sie einen scharfen Stich tief in ihrem Inneren. Wie schon damals fragte sie sich auch nun, ob er nicht rasch das Interesse an ihr verloren hätte, wenn sie mit ihm geschlafen hätte. Wäre sie ihm, wie auch Matthew, eine ebenso unzureichende Gespielin gewesen?

Sie ärgerte sich maßlos, dass ihre Gedanken ihr diese vollkommen bedeutungslosen Fragen aufbürdeten. Schließlich war es mittlerweile viel zu spät, um noch irgendetwas zu ändern.

„Du würdest nur enttäuscht sein“, erwiderte sie gequält. „Ich besitze einfach nicht die Qualitäten, die eine solche Rolle erfordern. Manche Frauen mögen Sex, andere nicht. Ich gehöre zur zweiten Kategorie.“

Valente legte seine Hände auf ihre Schultern und drehte sie zu sich herum. Nun stand er ganz dicht vor ihr. Die Mischung aus seinem Aftershave und dem darunterliegenden herberen, männlicheren Duft ließ sie sich fast schwindelig fühlen. Ein belustigtes Funkeln lag in seinen dunklen Augen. „Nein, tust du nicht. Du könntest mich niemals enttäuschen. Hast du Matthew nicht zufriedengestellt?“

Als Reaktion auf diese Gegenfrage, hob Caroline abwehrend die Hände und schüttelte seine Arme ab. Dann wich sie einige Schritte zurück. „Du hast mir überhaupt nicht zugehört, oder? Was muss ich noch sagen, um dich zu überzeugen?“

Verärgert über ihren Rückzug, vor allem weil sein Körper sich nach viel engerem Kontakt sehnte, sandte er ihr einen warnenden Blick. „Taten würden mich weit mehr überzeugen als Worte. Komm mit mir ins Hotel. Dann kannst du mir deine Unzulänglichkeiten demonstrieren.“

Ihre grauen Augen weiteten sich, ein hartes, wütendes Funkeln ließ sie noch dunkler wirken. „Für wen hältst du mich? Eine Hure?“, fuhr sie ihn an.

„Darüber habe ich noch nicht entschieden. Lass uns der Wahrheit ins Auge sehen. Vielleicht bist du keine Hure, doch vor fünf Jahren hast du dich an den höchsten Bieter verkauft“, entgegnete Valente ohne zu zögern.

Caroline wurde blass. „So war das nicht …“

„Warum sollte mich interessieren, wie es dann war?“, warf Valente trocken ein. „Ehrlich gesagt, empfinde ich Dankbarkeit, weil mir der Fehler erspart blieb, dich zu heiraten. Wenn ich einmal eine Frau zum Altar führe, dann bestimmt keine, die nur auf mein Geld aus ist.“

„Wie kannst du es wagen?“, herrschte Caroline ihn an. Rote Flecken breiteten sich auf ihren Wangen aus. „Ich habe Matthew nicht aus diesem Grund geheiratet! Geld hatte damit überhaupt nichts zu tun.“

„War es sein sozialer Status?“ Valente schlüpfte aus seinem Jackett und warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Du hast noch zwei Minuten. Mit mir zu streiten, ist reine Zeitverschwendung. Ich weiß, wer du bist. Und so seltsam es dir vielleicht vorkommen mag, es war nicht meine Absicht, dich zu beleidigen. Immerhin bin ich bereit, eine Menge Geld auf den Tisch zu legen, um dich in mein Bett zu bekommen.“

„Du kannst mich nicht kaufen!“

„Kann ich nicht?“, fragte er verächtlich. „Wenn du ablehnst, werde ich die Firma schließen und alle Angestellten entlassen. Und ich werde keinen Versuch unternehmen, die Notlage deiner Eltern zu beenden.“

„Das wäre absolut unmoralisch und ungerecht und …“

„Falls du aber meinen Vorschlag annimmst, werde ich in Hales Transport investieren und dafür sorgen, dass das Unternehmen für viele Jahre floriert“, fuhr er unbeeindruckt fort. „Außerdem werde ich deinen Eltern erlauben, auf meine Kosten in Winterwood zu wohnen.“

„Das ist ja widerwärtig!“, entgegnete Caroline ungläubig. „Es ist blanke Erpressung!“

„Wirklich?“ Valente ließ seinen Blick auf ihrem vor Wut geröteten Gesicht ruhen. „Es kommt darauf an, was du willst, oder? Nimmst du meine Bedingungen an, werde ich dich gut behandeln. Das ist ein sehr großzügiges Angebot von einem Mann, der keinen Grund hat, dich zu mögen, geschweige denn, zu respektieren.“

„Wenn du mich weder magst, noch respektierst, kannst du mich unmöglich begehren“, stieß sie atemlos hervor.

Seine Augen brannten wie flüssiges Gold. „Aber das tue ich. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.“

Bevor sie seine Absichten durchschaute, ergriff er ihre Hand. Unwillkürlich versteifte sie sich, jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an, während er sie mit kühler Entschlossenheit an sich zog. Panisch befreite sie sich aus seinem Griff und taumelte bis zur Wand zurück.

„Was ist nur los mit dir?“, fragte Valente aufgebracht. Ihr Atem ging schnell, ihre Brust hob und senkte sich wie bei einer Frau am Rande einer Panik. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich würde handgreiflich werden?“

Bestürzt über ihre viel zu heftige Reaktion, fürchtete Caroline auf einmal, Valente könne ahnen, dass sie, sobald es um Intimitäten ging, anders als normale Frauen war. „Natürlich nicht … Es tut mir leid“, stammelte sie. „Es ist nur so lange her, dass mich jemand berührt hat.“

Eingehend musterte Valente sie. Er spürte, dass es noch einen anderen Grund für ihr seltsames Verhalten geben musste. So angespannt und nervös, wie sie sich benahm – nichts erinnerte mehr an die ruhige junge Frau, die er damals kennengelernt hatte. Er hatte nie wissen wollen, wie ihre Ehe mit Matthew Bailey ausgesehen hatte, diese Büchse der Pandora hatte er wohlweislich verschlossen gehalten. Aber er hatte genug gehört, um zu ahnen, dass die Ehe mit ihrem Sandkastenfreund kein Zuckerschlecken gewesen war: Bailey hatte die Firma heruntergewirtschaftet, ein Vermögen, das er nicht besaß, für Luxusgüter ausgegeben und seiner Frau keinen einzigen Cent hinterlassen. Zudem machten Gerüchte die Runde, dass er etliche Affären gehabt hatte.

„Wirklich, ich weiß gar nicht, was über mich gekommen ist“, fuhr Caroline hastig fort, wobei sie nichtsdestotrotz weiter vor ihm zurückwich. Mit beiden Händen strich sie ihren Rock glatt und schaffte es sogar, ein kleines Lächeln aufzusetzen. Ihr Stolz war zu ihrer Rettung geeilt. Sie konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, dass Valente vermutete, was für eine Kuriosität sie im Vergleich mit anderen Frauen darstellte. Dieses schmachvolle Geheimnis würde sie mit niemandem teilen. Wie sollte sie auch einem anderen Menschen begreiflich machen, dass sie nach vier Jahren Ehe noch immer Jungfrau war?

„Nein?“ Langsam schlenderte er auf sie zu, den Blick fest auf sie gerichtet. Wieder ergriff er ihre Hand, woraufhin Caroline sich abermals versteifte. Dann neigte er den Kopf und presste seine Lippen sehr sanft auf ihre. Die zärtliche Berührung machte sie ganz schwindelig. Ganz still stand sie da und konnte nur hilflos und neugierig auf das Kommende warten.

Sie hatte vergessen, wie es sich anfühlte, Valente zu küssen. Sein Atem streifte ihre Wange, ihre Knie wurden weich. Die Zitrusnote in seinem Aftershave zauberte Schmetterlinge in ihren Bauch. Ein Schauer durchlief sie, ihre Nervenenden schrien auf.

Er berührte ihren Körper nicht, unternahm nicht den geringsten Versuch, sie festzuhalten. Und dieses Wissen um ihre Freiheit, verlieh ihr Stärke und beruhigte sie gleichermaßen. Weich und verführerisch fühlten seine Lippen sich auf ihren an, erkundend und so unvergleichlich sinnlich, dass sie sich aus freiem Willen gegen Valente drängte, um die Liebkosung zu vertiefen.

Er verstand das Zeichen und verstärkte den Kuss, saugte an ihrer Unterlippe und ließ seine Zunge in ihren Mund gleiten. Unvermittelt richteten sich ihre Brustknospen auf, und ein keuchender Laut entrang sich ihrer Kehle.

Als er ihr Aufstöhnen hörte, hob Valente den Kopf und betrachtete ihr verwirrtes Gesicht mit kühlem Interesse. Dann trat er einen Schritt zurück. Sie mag zwar angespannt und nervös sein, überlegte er selbstzufrieden, trotzdem kann ich sie jederzeit erobern. Allerdings war auch er so erregt, dass die kleinste Ermutigung gereicht hätte, um sie ohne weitere Verzögerung auf den Schreibtisch zu heben und sich in den seidigen Tiefen ihres himmlischen Körpers zu verlieren. Allein der Gedanke, wilden Sex mit Caroline zu haben, wann immer und wo immer er wollte, erfüllte ihn mit berauschender Leidenschaft.

„Die Zeit ist um, piccola mia“, murmelte er, als es laut an der Tür klopfte.

Angespannt wie eine aufgezogene Feder strich Caroline mit feuchten Handflächen über ihren Rock und suchte fieberhaft nach einer Lösung, einem Ausweg. „Du kannst unmöglich ernst meinen, was du vorhin gesagt … vorgeschlagen hast“, stieß sie schließlich hervor.

„Im Gegensatz zu dir mag ich Sex“, erwiderte Valente trocken. Amüsiert beobachtete er, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich. Es überraschte ihn, dass sie sich nach so vielen Jahren Ehe immer noch so prüde aufführte. Andererseits, überlegte er weiter, verriet ihre Reaktion ihm eine ganze Menge. Anscheinend hatte Bailey seine Rolle im Schlafzimmer verpfuscht. Diese Information war für Valente, der noch nie dabei versagt hatte, einer Frau Erfüllung zu schenken, Gold wert.

Nach einem weiteren Klopfen wurde die Tür geöffnet und ein junger Mann betrat mit entschuldigender Miene das Büro. Valente hob eine Hand, bevor er etwas sagen konnte. „Abramo, ich weiß, dass ich spät dran bin. Begleiten Sie Mrs. Bailey bitte zu ihrem Wagen.“

„Das ist nicht nötig“, protestierte Caroline. „Wir müssen über das reden, was du gerade …“

Valente musterte sie kühl. „Was gibt es da noch zu besprechen? Für Verhandlungen bleibt kein Spielraum. Wir sehen und heute Nachmittag in Winterwood.“

„In … Winterwood?“, rief sie erschrocken aus.

„Es ist mein Eigentum. Ich freue mich auf eine ausführliche Besichtigung.“ Er lächelte diabolisch. „Und du kannst deine Familie vorwarnen, dass ich nicht den Lieferanteneingang benutzen werde, piccola mia.“

„Mrs. Bailey?“, drängte der Assistent und hielt ihr die Tür auf.

Caroline verließ bebend vor Zorn das Büro. Sie fluchte nie, aber in diesem Moment hätte sie Valente gerne mit den übelsten Beschimpfungen belegt. Und sie wünschte sich die körperliche Kraft, ihn am Kragen seines eleganten Anzugs zu packen, ihn gegen die Wand zu drücken und zu zwingen, ihr zuzuhören!

Doch Valente schien zu sehr von seinem Wunsch nach Rache beherrscht zu sein, um ihr Gehör zu schenken. Ihr fehlgeleitetes Vertrauen in eine andere Person und ihre Krankheit hatten Valente vor fünf Jahren in die demütigende Position eines Bräutigams versetzt, der von seiner Braut vor dem Altar sitzen gelassen worden war. Widrige Umstände hatten verhindert, dass sie ihm rechtzeitig Bescheid geben konnte. Obwohl Valente später über sämtliche Ereignisse informiert wurde, war es mehr als offensichtlich, dass er immer noch sie allein für seine Schmach verantwortlich machte. Und insgeheim gab sie sich ja auch selbst die Schuld an allem. Ihr Nichterscheinen musste sich verheerend auf Valentes Stolz ausgewirkt haben. Er hatte um sie gekämpft und verloren, was aber noch lange nicht hieß, dass er seine Niederlage auch akzeptierte.

Während der Rückfahrt nach Winterwood liefen Caroline mehrfach eisige Schauer über den Rücken. Aufgewachsen war Valente in großer Armut. Schon von Kindesbeinen an hatte er für alles Lebensnotwendige ringen müssen. Dieser permanente Kampf ums Überleben, die Verluste und Beleidigungen, die er hatte ertragen müssen, hatten eine dunkle Seite in ihm geweckt, die Caroline anfangs, als sie sich kennenlernten, Angst eingeflößt hatte. Er besaß weder Zeit noch Lust, sich mit ihren kultivierteren Wesenszügen auseinanderzusetzen und gab ihr von Anfang an zu verstehen, dass er ihre Loyalität gegenüber ihren Eltern, die alles getan hatten, um die Beziehung zu verhindern, verachtete.

„Wenn du mich wirklich liebst, kannst du jedes Hindernis überwinden“, hatte er ihr vor fünf Jahren gesagt.

Er hat so viel von mir erwartet, dachte Caroline jetzt bedrückt. Sie war zu behütet aufgewachsen, um seine Selbstbeherrschung und seine unbedingten Überzeugungen nachvollziehen zu können oder seine Fähigkeit zu besitzen, die Gefühle derer zu ignorieren und zurückzuweisen, die seine Meinung nicht teilten.

In jenem Sommer hatte sie ihre Ausbildung bei einem Schmuckdesigner beendet und brauchte nun Kapital, um ihr eigenes Geschäft aufzubauen. Dass sie ein kleines Unternehmen gründen wollte, bedeutete eine weitere Enttäuschung für ihre Eltern. Die Hales hatten auf eine heitere Tochter gehofft, deren Lebensziel darin bestand, sich ins gesellschaftliche Leben der Stadt zu stürzen und einen passenden Ehemann zu finden. Da sie ihre Eltern, die ihre Pläne ohnehin nicht guthießen, nicht um finanzielle Unterstützung bitten wollte, nahm sie einen Bürojob bei Hales Transport an. Ironischerweise traf diese Entscheidung Joe und Isabel noch mehr, weil sie die Spedition für ein viel zu raues Arbeitsumfeld für ihr über alles geliebtes Kind hielten.

Zwei Tage nachdem sie in der Verwaltung angefangen hatte, sah sie Valente zum ersten Mal. Seine samtige Stimme mit dem seltsamen Akzent erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie schaute auf und konnte den Blick nicht mehr von ihm abwenden. Mit Worten ließen sich die Gefühle nicht beschreiben, die sein atemberaubend attraktives Gesicht in ihr auslöste.

Die Flirtversuche ihrer Kollegin ignorierend, musterte Valente Caroline mit golden funkelnden Augen. In genau diesem Moment verliebte sie sich in ihn. Es spielte keine Rolle, wer oder was er war. Mit einem einzigen Blick hatte er sie zu seiner Gefangenen gemacht. Sie wäre ihm bis ans Ende der Welt gefolgt.

„Und du bist …?“, murmelte er.

„Caroline …“

„Die Tochter des Chefs … unser armes kleines reiches Mädchen!“, warnte einer der anderen Fahrer überdeutlich, woraufhin sie verlegen errötete.

„Wir sehen uns später, Caroline“, fuhr Valente jedoch unbeeindruckt fort. Allein der Klang seiner tiefen Stimme reichte aus, um ihr eine Gänsehaut zu bescheren.

Der Nachmittag schien sich ewig hinzuziehen, was Caroline allerdings nicht störte. Sie schwelgte in Tagträumen, in denen sie sein dunkles Gesicht vor sich sah, die hohen Wangenknochen, die schmale Nase, den sinnlichen Mund. Obwohl schon einundzwanzig, war sie Valente Lorenzatto mit der schwärmerischen Leidenschaft eines Schulmädchens verfallen.

Mehr Erfahrung als ein unschuldiges Schulmädchen besaß sie allerdings auch nicht. Aufgrund ihrer Herkunft war sie an der Kunsthochschule immer eine Außenseiterin geblieben. Das fast aggressive sexuelle Werben der Jungen hatte sie davor zurückschrecken lassen, Schritte zu unternehmen, die über eine zwanglose Verabredung hinausgingen. Wenn sie einen Begleiter für offiziellere Anlässe brauchte, lud sie Matthew Bailey ein – den netten Jungen von nebenan und ihr bester Freund.

Auch dieses schüchterne und introvertierte Verhalten bedeutete für ihre Eltern eine weitere Enttäuschung. Doch mit ihrer Einschreibung am College beugte sie sich zum ersten Mal nicht den Wünschen ihrer Eltern. Valente stellte das zweite, weitaus ernstere Aufbegehren dar.

Um das Chaos in ihrem Kopf zu beenden, versicherte Caroline sich jetzt ein ums andere Mal, dass ihre Beziehung für Valente wohl nicht so wichtig gewesen war. Rasch erledigte sie die wöchentlichen Einkäufe, dann fuhr sie nach Hause.

Eine Notiz ihrer Mutter auf dem Küchentisch erinnerte sie daran, dass ihr Vater am Nachmittag einen Untersuchungstermin im Krankenhaus wahrnehmen musste. Verflixt! Den hatte sie völlig vergessen! Aufstöhnend räumte sie die Lebensmittel weg. Allmählich fiel es ihr immer schwerer, Valentes Drohung, Hales Transport zu schließen, zu ignorieren.

Über zweihundert Menschen würden ihren Job verlieren, ganz zu schweigen von den weiteren Konsequenzen, die eine Insolvenz mit sich brachte. Vor einigen Jahren hatte eine andere Firma schließen müssen, worunter die gesamte Region noch lange gelitten hatte. Caroline wusste, dass Arbeitslosigkeit und der Verlust eines geregelten Einkommens Ehen zerstören und intakte Familien ruinieren konnte. Tatenlos zuzusehen, wie dies unzähligen Menschen passierte, obwohl ihr eine Alternative angeboten worden war, empfand sie als übergroße Last, die alleine auf ihren Schultern lastete.

Aber wer, wenn nicht sie, verdiente es, diese schreckliche Verantwortung zu tragen? Matthew hatte seine Luxusausgaben um keinen Cent gekürzt, als Hales Transport Aufträge an Bomark Logistics verlor. Stattdessen hatte er einen sehr teuren neuen Firmenwagen angeschafft und Unmengen für die Unterhaltung potenzieller Kunden ausgegeben. Insgeheim bezweifelte Caroline, dass es diese Kunden je gegeben hatte.

Trotzdem stand sie loyal zu ihrem Ehemann und ließ nichts über seine Misserfolge nach außen dringen. Obwohl Matthews Verhalten sie über die Maßen beschämte, fürchtete sie sich davor, ihre oder seine Eltern mit der Nachricht aufzuschrecken, dass man Matthew, was die Zukunft der Firma anging, nicht vertrauen konnte. Außerdem wollte das niemand hören, ihre Meinung interessierte keinen.

Die veraltete Ansicht, dass Männer die besseren Unternehmer waren, wurde von beiden Seiten der Familien geteilt. Ohnehin war Matthew von seinen Eltern immer vergöttert worden, die ihn für den kühnsten und cleversten Geschäftsmann überhaupt hielten.

Valente hatte gesagt, er wolle Sex von ihr. Nein, entschied Caroline. Was er wirklich wollte, war Rache. Und wenn ihm diese Rache zu gestatten, bedeutete, fast zweihundertfünfzig Arbeitsplätze und ihre Eltern vor der Obdachlosigkeit zu retten, welches Recht besaß sie dann, ihm seinen Wunsch zu verweigern?

Du lieber Himmel, dachte sie ernsthaft darüber nach, Valente Lorenzattos Geliebte zu werden?

Ein gequältes Lachen entrang sich ihrer Kehle. Valente würde rasch erkennen, auf was für einen schlechten Deal er sich eingelassen hatte. Bei dem Gedanken an diese neuerliche Demütigung wurde ihr ganz schlecht. Aber wenn sie nicht mehr zu tun brauchte, um vielen Menschen Leid zu ersparen, wie konnte sie da noch zögern? Es war ihre Schuld, dass Valente wütend und verbittert war. Niemand sonst. Sie hatte ihn im Stich gelassen.

Doch wie konnte sie auch nur einen Moment überlegen, auf seine Forderungen einzugehen? Sich auf eine Affäre mit ihm einzulassen, hieße wiederum, ihren Eltern Sorgen und unnötige Aufregung zu bereiten, was vor allem ihrem herzkranken Vater nicht guttun würde. Zudem würden Joe und Isabel wenig Lust haben, unter dem Dach des Liebhabers ihrer Tochter wohnen zu bleiben.

Aber was wäre, wenn sie Valente überzeugen könnte, seine Ansprüche zu senken und sich mit einem One-Night-Stand zufriedenzugeben, der sich problemlos geheim halten ließe? Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her. Würde er sich noch an seinen Teil der Abmachung gebunden fühlen, sobald er herausfand, was für eine Niete sie im Bett war?

Diese abgebrühten Gedanken weckten in ihr das Gefühl, doch das Flittchen zu sein, für die Valente sie ohnehin schon hielt. Später am Tag sagte sie sich jedoch, ein Körper war nur ein Körper. Außerdem war es höchst unwahrscheinlich, dass Valente ihr Gewalt antat. Immerhin wollte er ja, dass sie ihn begehrte. Sie sollte vor Verlangen nach ihm vergehen, damit sie auch wirklich litt, wenn er sie schließlich fallen ließ.

Konnte sie ihre Angst nicht überwinden und so tun, als ob? Tränen brannten in ihren Augen, als sie erneut an ihre Ehe dachte. Matthew hätte sich nie andere Gespielinnen gesucht, wäre sie ihm eine gute Ehefrau gewesen. Hatte er selbst ihr das nicht oft genug vorgehalten?

Andererseits bot Valente ihr ein unbestreitbar unmoralisches Geschäft an, sodass sie nicht das Gefühl hatte, ihm Aufrichtigkeit oder Ehrlichkeit zu schulden. Nein, er spielte nur ein grausames Spiel mit ihr.

Die Frage war nur, besaß sie die Kraft und den Mut, um die Bedingungen zu kämpfen, unter denen sein Vorschlag für sie akzeptabel wurde?

3. KAPITEL

Erschrocken beobachtete Caroline, dass nicht eine, sondern gleich drei Luxuslimousinen kurz nach vier Uhr die Einfahrt nach Winterwood hinaufrollten. Aus irgendeinem Grund hatte sie angenommen, Valente würde ohne Begleitung kommen.

In einer fließenden Bewegung, die ebenso Teil seines Wesens war, wie zu atmen, stieg Valente aus dem mittleren Wagen. In dem dunklen eleganten Anzug, der seine breiten Schultern, die schmalen Hüften und die muskulösen Beine betonte, gab er ein eindrucksvolles Bild ab. Im Gegensatz zu den drei Männern, die ihm zum Eingang folgten, wusste er bereits um das protzige Dekor des Hauses. Deshalb starrte er auch weder überrascht die unechten Marmorsäulen, noch die überbordend vergoldete Einrichtung an. Was für ein Musterbeispiel an schlechtem Geschmack, dachte Valente belustigt. Der Versuch von Neureichen, ein Landhaus als herrschaftliches Anwesen auszugeben.

Mit makelloser Kühle stellte er Caroline seine Begleiter vor: einen Architekten, einen Sachverständigen und einen ortsansässigen Bauunternehmer, der sich auf die Restaurierung älterer Häuser spezialisiert hatte. „Sie sind hier, um sich das Haus anzusehen und erste Ideen für einen Umbau festzuhalten. Es wäre gut, wenn sie Winterwood auf eigene Faust erkunden dürften.“

Es entsetzte Caroline zwar, dass er bereits Pläne für den Umbau ihres Elternhauses machte, doch was blieb ihr anderes übrig, als zuzustimmen? „Natürlich“, sagte sie, als gebe es nichts Selbstverständlicheres.

„Wo sind deine Eltern?“, erkundigte Valente sich höflich, nachdem die drei Fachleute in alle Himmelsrichtungen verschwunden waren. Er hatte erwartet, auch Joe und Isabel anzutreffen, die ihn in der Vergangenheit ihre Abneigung deutlich hatten spüren lassen – freilich in Unkenntnis, dass er, als unehelicher Sohn eines Barbieri, es auf diesem Feld bereits mit wahren Profis zu tun bekommen hatte und sich mit den Jahren ein wirklich dickes Fell, was Beleidigungen anging, zugelegt hatte.

Gleichgültig musterte er Caroline. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt ausgeblichene Jeans, dazu ein lilafarbenes Shirt, was ihre Figur schmeichelhaft zur Geltung brachte und sie mindestens fünf Jahre jünger aussehen ließ. Unwillkürlich musste er leise aufstöhnen, als sein Körper auf den Anblick des herrlichen Dekolletés reagierte.

Caroline blieb das männlich anerkennende Blitzen in seinen Augen nicht verborgen. Prompt schoss ihr das Blut in die Wangen. Auf einmal war ihr heiß. Diese Wirkung hatte Valente schon immer auf sie gehabt.

Er verkörperte einfach durch und durch den aggressiven Alphamann, der feurige Leidenschaft und Männlichkeit ausstrahlte.

„Meine Eltern sind nicht da … mein Vater hat einen Termin im Krankenhaus.“

„Das vereinfacht die Sache“, erwiderte Valente. „Bringen wir es hinter uns. Ich habe nicht viel Zeit.“

Während Caroline ihn durch das Haus führte, zeigte er keinerlei wie auch immer geartete Reaktion, nur sein Stirnrunzeln vertiefte sich.

„Du kannst doch unmöglich hier leben wollen“, fuhr sie ihn schließlich genervt an. „Ich glaube kaum, dass du einen sinnvollen Nutzen von Winterwood hast oder es in deinem Stil umgebaut werden kann.“

„Wenn du mich an der Eingangstür erwartest, könnte ich lernen, das Haus zu mögen. Aber woher …“, er zog spöttisch eine Augenbraue hoch, „… willst du wissen, wie ich heute lebe?“

„Der Designeranzug und die Limousinen da draußen sprechen für sich!“

„Mich zu reizen, wird mich weder vertreiben, noch dir Vorteile bringen“, entgegnete er. „Winterwood ist mein Eigentum, und ich werde damit tun, was mir beliebt.“

„Aber meine Eltern …“

„Ich will kein Wort mehr hören! Ich hasse rührselige Geschichten“, unterbrach er sie kalt und marschierte auf die große Treppe in den ersten Stock zu. „Deine Eltern haben nicht einen Tag in ihrem Leben gearbeitet, geschweige denn ihren Lebensstil geändert, als es mit der Firma anfing, bergab zu gehen. Ich weigere mich, sie als irgendetwas anderes zu sehen, denn als Opfer ihrer eigenen Verschwendungssucht.“

Durch seine harschen Worte alarmiert, schluckte Caroline ihren Protest hinunter. Ihrer Meinung nach verdienten ihre Eltern durchaus ein bisschen Mitleid, weil sie ihren Haushalt nach dem ersten Straucheln von Hales Transport sehr wohl zurückgefahren hatten. Sämtliche Extras waren entfallen, die Haushälterin und der Gärtner entlassen worden. Doch sie und Valente entstammten zu unterschiedlichen sozialen Schichten, als dass sie auf sein Mitgefühl hoffen durfte. Caroline war stets mit allem versorgt gewesen, wohingegen Valente bei einer kränklichen Mutter aufgewachsen war, die starb, als er achtzehn war.

„Den perfiden Betrug Matthews haben deine Eltern allerdings auch nicht verdient“, lenkte Valente unverhofft ein. Seine Worte verwunderten Caroline so sehr, dass sie ins Straucheln geriet.

Sofort streckte er die Hände aus, um sie aufzufangen. Einen Moment schloss er sie in die Arme. Ein Zittern durchlief ihren Körper, als sie seinen Duft einatmete und seine Wärme spürte. Hastig drängte sie die ungebetenen Gefühle zurück.

„Was, um alles in der Welt, willst du damit sagen?“

„Dein verstorbener Mann war nichts weiter als ein Dieb, der sich selbst dann noch an den Firmenkonten bedient hat, als das Unternehmen rote Zahlen schrieb …“

Auf dem Treppenabsatz angekommen, wirbelte Caroline herum. „Vielleicht hat er einige wirtschaftlich unkluge Entscheidungen getroffen, aber ein Dieb war er nicht!“

„Meine Rechnungsprüfer und Buchhalter sind anderer Meinung – und sie können dir jede Menge Beweise vorlegen. Dein Mann hat sogar ein Scheinkonto unter falschem Namen eingerichtet und sich ungeniert an den Firmengeldern bedient.“

Valentes Gesicht wirkte völlig ernst. Die Aufrichtigkeit in seinen Augen ließ alle Farbe aus Carolines Wangen weichen. „Bist du dir sicher?“

„Absolut. Ist es nicht seltsam, piccola mia? Deine Eltern glaubten immer, ich würde ihrer kleinen Prinzessin ein unwürdiges Leben zumuten. Und in Wahrheit war es der gut erzogene Junge von nebenan, der die kriminelle Ader und die schlechten Gewohnheiten besaß. Er konnte einfach die Finger nicht aus der Kasse oder von den weiblichen Angestellten lassen.“

In diesem Augenblick sah Caroline rot. Bebend vor Wut, hob sie die Hand und versetzte Valente eine schallende Ohrfeige. „Matthew ist tot … zeig gefälligst ein bisschen Respekt.“

„Wag es ja nicht, mich noch einmal zu schlagen!“, warnte er sie eisig. Seine dunklen Augen blitzten vor Zorn.

„Du hast mich überrumpelt“, verteidigte sie sich, selbst am meisten von ihrem Gewaltausbruch überrascht. „Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Ich habe keinen Respekt vor deinem verstorbenen Mann … oder vor dir, wenn du es unbedingt wissen willst. Schließlich bist du bis zum bitteren Ende bei ihm geblieben, dabei wusstest du genau, wozu er fähig ist, oder? Ich habe dein Gesicht gesehen. Sonderlich schockiert hast du nicht gewirkt, als ich von seiner Geldgier gesprochen habe.“

Innerlich noch immer zitternd, wich Caroline einen Schritt zur Seite, damit einer von Valentes Begleitern an ihr vorbeigehen konnte. „Von dem Scheinkonto, das du erwähnt hast, hatte ich keine Ahnung“, gestand sie flüsternd. „Sein Lebensstil war kostspielig, aber ich hätte nie gedacht, dass er ihn durch Diebstahl finanziert. Bitte, du darfst diese Informationen nicht öffentlich machen …“

„Selbst über den Tod hinaus bleibt Matthew unantastbar, oder?“, fragte Valente ungläubig.

„Seine Eltern würden den Skandal nicht überleben. Matthew ist tot, er kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Lass seiner Familie ihr Andenken“, flehte sie.

Ihre Bitte versetzte Valente in Wut. Glaubte sie ernsthaft, er würde ein Mäntelchen des Schweigens über den Betrug dieses verkommenen Schufts breiten? Über Bailey, den Kerl, der ihn, Valente, aus ihrem Herzen und ihrem Bett vertrieben hatte?

Caroline las den Zorn in seinen Augen, und Panik stieg in ihr auf. Anstatt vernünftig mit ihm über die Zukunft zu sprechen, liefen die Dinge zunehmend aus dem Ruder.

Stimmen drangen an ihr Ohr, zwei Männer unterhielten sich darüber, wie man Platz für ein zusätzliches Badezimmer schaffen könnte.

Bevor die beiden zu ihnen stießen, öffnete sie kurz entschlossen die Tür zu einem unbenutzten Schlafzimmer und zerrte Valente hindurch. „Wir müssen reden …“

„Worüber? Ich habe dir einen ganz einfachen Vorschlag unterbreitet“, erklärte er ungeduldig, löste jedoch gleichzeitig ihren Griff von seinem Arm und umfing dafür ihr Handgelenk mit starken Fingern. „Heute Morgen warst du noch unschlüssig …“

Caroline lehnte mit dem Rücken gegen die Tür, um sie zu schließen. „Ich war nicht unschlüssig. Ich habe dir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass dein Vorschlag völlig indiskutabel ist.“

„Außer, als ich dich geküsst habe“, warf Valente lächelnd ein. Langsam streichelte er die empfindsame Innenseite ihres Handgelenks.

Caroline spürte, wie ihre Brustwarzen sich vor Erregung aufrichteten. Vor Verwirrung und Scham errötete sie heftig. Er hatte ja keine Ahnung, wie enttäuschend sie in erotischer Hinsicht war! Sicherheitshalber entzog sie ihm ihre Hand.

Doch eingedenk der Zukunft der Angestellten von Hales Transport ignorierte sie ihre Gewissensbisse. Hatte sie Valente nicht schon genug vor ihren Unzulänglichkeiten gewarnt? Wenn er erst im Schlafzimmer herausfand, wie ungeschickt sie sich anstellte, war das allein seine Schuld. Schlussendlich blieb es dabei: Er versuchte, sie zu erpressen. Deshalb glaubte sie sich im Recht, jede Waffe in ihrem Repertoire zu benutzen, um zurückzuschlagen.

„Ich kann niemals deine Geliebte werden“, erklärte sie unumwunden. „Es würde meine Eltern umbringen. Sie sind zu alt, um mit einer solchen Situation umzugehen, Valente. Zudem könnten sie keine Affäre akzeptieren und weiterhin in Winterwood wohnen.“

Mit ausdrucksloser Miene schlenderte er auf die Tür zu. „Warum hast du mich in dieses Zimmer gezerrt?“ Er lächelte spöttisch, während er einen vielsagenden Blick in Richtung Bett sandte. „Als ich das Bett gesehen habe, habe ich einen Moment geglaubt, du wolltest eine kleine Anzahlung leisten.“

Fassungslos beobachtete sie, wie er die Hand nach der Klinke ausstreckte. Da war sie wieder, die Unterstellung, sie sei ein billiges Flittchen. Sie hasste ihn dafür, weil sie ihm keinen Grund gegeben hatte, sie in diesem Licht zu sehen. Hastig trat sie einen Schritt vor und blockierte den Ausgang. „Hör mir doch endlich mal zu“, zischte sie wütend. „Ich würde fast alles tun, um die Angestellten der Firma zu beschützen, aber du kannst nicht verlangen, dass ich meine Eltern verletze. Das von dir vorgeschlagene Szenario würden sie nur akzeptieren, wenn wir verheiratet wären.“

Valente warf den Kopf zurück und lachte, als hätte sie etwas unglaublich Komisches gesagt. „Che idea! Ich bin nicht mehr der Romantiker wie vor fünf Jahren, als du meine Beschützerinstinkte angesprochen hast. Auch bin ich nicht so scharf auf deinen hübschen Körper, dass ich dafür meine Freiheit aufgeben würde.“

Wieder schoss ihr das Blut in die Wangen, als ihr klar wurde, dass er ihre Worte komplett missverstanden hatte. Dabei war ihr nur gerade eingefallen, dass ihre Eltern eben nur dann nichts gegen eine amouröse Liaison mit Valente einzuwenden hätten, wenn er ihr Ehemann wäre. Andererseits bot die Vorstellung, wieder verheiratet und wehrlos männlichen Forderungen ausgesetzt zu sein, für Caroline ungefähr denselben Reiz, wie die Aussicht auf eine Pestinfektion. In ihrer Ehe mit Matthew hatte sie sich hilflos und gefangen gefühlt. Allerdings erschien ihr mit einem Mal eine Heirat mit Valente die einzig sichere Lösung zu sein, was die Rettung ihrer Familie und der Angestellten anging. Eine Geliebte, die ihn im Schlafzimmer nicht zufriedenstellte, würde er nach ein paar Tagen mir nichts, dir nichts in die Wüste schicken.

„Aber es würde ja gar keine richtige Ehe sein … ich meine, keine für die Ewigkeit“, konnte Caroline der Spitze nicht widerstehen.

Maledizione! Wie kannst du allen Ernstes glauben, ich würde dich heiraten?“, fragte er entgeistert. „Natürlich verstehe ich, wie du auf diesen Gedanken kommst. Bei einer Scheidung würdest du Millionen erhalten. Und wir beide wissen, dass du für Geld alles tun würdest!“

„Ich dachte, dafür gibt es heutzutage Eheverträge. Mir ist bewusst, dass du mir nicht glaubst, aber ich will dein blödes Geld überhaupt nicht!“

„Ich werde mich unter gar keinen Umständen dazu herablassen, dich zu heiraten!“, versicherte er ihr verächtlich. „Du bist eine lügende, betrügende und geldgierige kleine Hexe. Schlag dir die Idee einer Hochzeit sofort und ein für alle Male aus dem Kopf.“

Doch so schnell wollte Caroline nicht aufgeben. „Tja, ich fürchte, das ist die einzige Möglichkeit, die ich akzeptieren könnte …“

„Aber was wäre für mich dabei drin? Abgesehen von dem Gefühl, ein zu großes Opfer erbracht zu haben?“, knurrte er wütend. Allein dass sie es wagte, eine solche Idee zu äußern, versetzte ihn in Rage – hatte sie nicht ihn vor fünf Jahren vor dem Altar stehen gelassen?

„Dann musst du akzeptieren, dass ich niemals deine Geliebte werde, Valente. Anscheinend haben unsere Verhandlungen einen Stillstand erreicht.“ Trotzig streckte sie das Kinn vor, öffnete die Tür und marschierte mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte, aus dem Zimmer.

„Ich möchte ein Kind.“

Caroline erstarrte. Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Einen Erben, der in meine überaus erfolgreichen Fußstapfen tritt, piccola mia“, fuhr er in seidigem Tonfall fort. „Was sagst du jetzt?“

Also waren die Verhandlungen noch nicht vorbei. Er hatte eine neue Herausforderung auf den Tisch gelegt. „Gar nichts“, entgegnete sie.

Valente stieß ein amüsiertes und grausames Lachen aus. „Damit habe ich auch nicht gerechnet, aber so lautet mein letztes Angebot, cara mia. Wenn ich dich zur Frau nehme, muss mehr für mich drin sein, als bloß Sex. In dieser Hinsicht verfüge ich über eine schier endlose Auswahl, dafür brauche ich nicht zu heiraten. Aber ein Kind wäre das Sahnehäubchen auf diesem Deal.“

„Leider bin ich weder eine Hure, noch eine Zuchtstute.“

„Alle Frauen sind in der Lage, die Hure zu spielen … für den richtigen Mann … oder die richtige Gelegenheit. Ich begehre dich, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Du hast den Einsatz erhöht, dasselbe habe ich auch getan. Ich denke über deinen Vorschlag nach, wenn du die Nacht mit mir im Hotel verbringst.“

Ungläubig starrte Caroline ihn an.

„Ich kämpfe immer mit harten Bandagen. Und wenn du einen Ehering von mir erzwingen willst, erwarte ich, zuvor die Ware besichtigen zu dürfen“, ergänzte er. „Bis um zehn Uhr bin ich in Meetings. Wir sehen uns danach.“

Zutiefst verletzt durch seine Bemerkung, sie sei eine Ware, murmelte sie nur: „Unmöglich.“

„Es ist mein letztes Wort“, sagte er, schlang seinen Arm um ihre schmale Taille und zog Caroline an sich. „Das Spiel ist vorbei, angelina mia. Diese Chance solltest du dir nicht entgehen lassen!“

Schon die Berührung, die er vielleicht für Leidenschaft hielt, die für sie jedoch an Nötigung grenzte, entfachte ihre Wut aufs Neue. Es kostete Caroline jeden Funken Selbstdisziplin, sich nicht gegen ihn, wie gegen einen Angreifer, zur Wehr zu setzen. Valente neigte den Kopf und presste seine Lippen auf ihre. Diesmal erwiderte sie den Kuss nicht.

„War das deine Antwort?“, fragte Valente brüsk.

Beinahe hätte sie Ja gesagt. Doch irgendetwas hielt sie zurück. Und dieses unbegreifliche Gefühl erschreckte sie fast ebenso sehr, wie es ihn überraschte. „Nein … nein, ist es nicht.“

Schlagartig verflüchtigte sich jede Anspannung aus Valentes muskulösem Körper. In einer fließenden Bewegung wirbelte er herum und nickte seinen Begleitern zu, die gerade die Treppe hinunterkamen. Ein paar Minuten später saßen die ungebetenen Besucher wieder in ihren Limousinen und fuhren davon. Caroline jedoch blieb noch lange nach ihrer Abfahrt wie angewurzelt auf ihrem Platz stehen. Das Entsetzen über Valentes nächtliche Einladung nahm sie so gefangen, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Erst das Klingeln des Telefons riss sie aus ihrer Erstarrung.

Es waren ihre Eltern. Sie würden den Abend bei Charles, dem Bruder ihres Vaters, verbringen und auch dort übernachten. Zunächst empfand Caroline nur Erleichterung, weil sie absolut keine Lust verspürte, ihnen von dem Treffen mit Valente zu berichten.

Erst allmählich dämmerte ihr, dass ihr nun auch jede Möglichkeit offen stand, zu Valente ins Hotel zu gehen … was sie natürlich nicht tun würde. Oder sollte sie doch? Schon oft hatte sie darüber nachgedacht, dass sie, wenn sie Valente und nicht Matthew geheiratet hätte, heute keine Jungfrau mehr wäre.

Es war dumm gewesen zu glauben, sie und Matthew hätten sich über Nacht von platonischen Freunden in leidenschaftlich Liebende verwandeln können. Andere Menschen, die in sexuellen Dingen mehr Erfahrung besaßen, hätten diesen Sprung vielleicht hinbekommen, sie allerdings hatte kläglich versagt. Von Anfang an hatte sie sich schüchtern und gehemmt verhalten. Die körperlichen Reaktionen, die Valente mit scheinbarer Leichtigkeit in ihr hatte hervorzaubern können, waren bei Matthew völlig ausgeblieben. Alles, was zwischen ihnen hatte schief laufen können, war auch schiefgegangen – und sobald sich die Muster einmal eingeschliffen hatten, war es zu spät, an ihnen etwas zu ändern.

Was, wenn mit Valente alles anders wäre? Wenn sie bei ihm eine ganz normaler Frau sein konnte? Leidenschaftlich, hemmungslos … Vehement drängte sie Panik beiseite, die sie empfunden hatte, als Valente sie geküsst hatte und klammerte sich an den Gedanken, er könne einen magischen Schlüssel besitzen, mit dem es ihr gelang, ihre Unzulänglichkeiten zu überwinden.

Wäre es nicht möglich, sich mithilfe von ein wenig Alkohol locker zu machen? Sich das nötige Selbstvertrauen einzuflößen? Würden Schüchternheit und Hemmungen nicht wie von selbst verschwinden? Alles, was sie zu tun brauchte, war, die Panik zu überwinden, die sie im entscheidenden Augenblick immer zu verschlingen drohte …

Gestärkt durch ein großes Glas Wodka, rebellierte alles in Caroline gegen ihre konservative Kleidung, auf der Matthew immer bestanden hatte.

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