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JULIA EXKLUSIV BAND 246

JACQUELINE BAIRD

Geständnis im Palazzo der Träume

In seinem prächtigen venezianischen Palazzo glaubt sich Max Quintano am Ziel seiner Träume: Endlich wird Sophie wieder seine Geliebte. Dafür tilgt er im Gegenzug sämtliche Schulden ihres Vaters. Er will sie zurück, nach all den Jahren, um jeden Preis. Doch erst in seiner Villa verrät ihm Sophie, warum sie ihn damals verließ. Ihr Geständnis trifft Max hart …

CAROLE MORTIMER

Nur eine Mitternachtsromanze?

Sinnlich, weiblich, verführerisch – so hat Marcus seine Sekretärin Kit noch nie gesehen! Während eines Arbeitswochenendes auf dem Land entdeckt er plötzlich eine ganz neue Seite an Kit. Da kommt ihm die unverschlossene Verbindungstür zwischen ihren Zimmern sehr gelegen. Aber er ist nicht der Einzige, der in dieser Nacht an Kits Tür klopft …

ROSALIE ASH

Deine Nähe, deine Wärme, deine Küsse

Sein Leben würde Jed dafür geben, um das der süßen Ana zu schützen! Nicht nur, weil ihr Vater ihm den Auftrag erteilt hat. Nein, Ana ist die aufregendste Frau, der Jed je begegnet ist! Als Ana eine Entführung droht, bringt er sie in der Karibik in Sicherheit. Doch sein Job verbietet es ihm, seinen Gefühlen nachzugeben …

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Geständnis im Palazzo der Träume

1. KAPITEL

Nur in seidenen marineblauen Boxershorts verließ Maximilian Andrea Quintano – für seine Freunde schlicht Max – das Bad. Allein sich zu bücken und die Hose anzuziehen, hatte ihm einen heftigen Schwindelanfall beschert. Weil er dringend frische Luft brauchte, ging er auf den Balkon, der sich über die gesamte Länge der Suite erstreckte. Die Kopfschmerzen waren unerträglich, aber seine eigene Schuld. Vor zwei Tagen, an seinem einunddreißigsten Geburtstag, hatte Max getan, was man von ihm erwartete, und den Tag auf dem Familienanwesen in der Toskana mit seinem Vater, seiner Stiefmutter Lisa und den anderen Familienangehörigen verbracht.

Nach seiner gestrigen Rückkehr in Rom hatte er zunächst seinen jährlichen medizinischen Routinecheck hinter sich gebracht, um sich anschließend mit seinem besten Freund Franco und anderen ehemaligen Studienkollegen zum Mittagessen zu treffen. Die nachfolgende Party endete damit, dass Franco erst viel zu spät wieder einfiel, dass seine Frau ihn zu Hause auf Sizilien erwartete. Und da Max am folgenden Tag sowieso dorthin fliegen sollte, begleitete er Franco sofort auf die Insel, um dort noch ein wenig weiterzufeiern.

Gegen halb fünf am nächsten Morgen war Max in einem reichlich angegriffenen Zustand in ein Taxi zum „Quintano Hotel“ gestiegen, wo er als Vertretung seines Vaters am Nachmittag desselben Tages erwartet wurde.

Seit Max’ Großvater sein erstes Hotel auf der Insel gebaut hatte – lange bevor er mit der Familie in die Toskana umgezogen war –, war es zur Tradition geworden, dass die Familie Quintano im August ihren Urlaub in dem sizilianischen Hotel verbrachte. In den vergangenen zehn Jahren hatte Max es allerdings meistens seinem Bruder Paulo und dem Rest der Familie überlassen, diese Tradition fortzuführen.

Bei dem Gedanken an den tragischen Tod seines älteren Bruders wurde Max ernst. Vor vier Monaten war Paulo bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Als Paulo vor Jahren voller Begeisterung in das Familienunternehmen eingestiegen war und sich zu einem Spitzenhotelier entwickelt hatte, hatte er Max damit die Freiheit gegeben, seinen eigenen Interessen nachzugehen. Max wusste, wie viel er seinem Bruder verdankte. Als Abenteurer, der er nun einmal war, verließ Max die Universität mit einem Diplom in Geologie, grenzenloser Energie und einem messerscharfen Verstand. Seine Neugier führte ihn zunächst nach Südamerika, wo er kurz nach seiner Ankunft bei einem Pokerspiel eine Smaragdmine gewann. Mit dem ihm angeborenen Geschäftssinn baute Max die Mine zu einem erfolgreichen Unternehmen aus und gründete die „MAQ Mining Corporation“ – kurz MAQ –, die im Verlauf der vergangenen neun Jahre enorm gewachsen war und zu der inzwischen Minen in Afrika, Australien und Russland gehörten. Längst zählte MAQ zu den großen, global vertretenen Unternehmen, und Max war ein Multimillionär. Doch vor wenigen Monaten hatte das Schicksal ihm nachdrücklich vor Augen geführt, dass Geld nicht alles war.

Tief betroffen und schockiert über Paulos Tod, bot er seinem Vater an, ihn beim Hotelgeschäft in jeder erforderlichen Weise zu unterstützen. Sein Vater bat ihn, in dem Hotel auf Sizilien nach dem Rechten zu sehen und eine Weile dort zu bleiben, wie es Familientradition war. Für Paulos Witwe Anna und ihre kleinen Töchter war der Verlust des Ehemannes und Vaters noch zu frisch, um dieses Opfer von ihnen zu erwarten.

Als er jetzt auf dem Balkon der Familiensuite stand und sich die schmerzenden Schläfen rieb, war er seinem Vater für diese Bitte geradezu dankbar. Eine kleine Verschnaufpause war jetzt genau richtig. Dios! Nie wieder, schwor er sich. Bei seiner Ankunft im Hotel, kurz vor Morgengrauen, hatte er wie durch ein Wunder noch die Geistesgegenwart aufgebracht, den Nachtportier zu bitten, seine vorzeitige Anreise geheim zu halten. Nichts und niemand würde ihn stören …

Max wandte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Jetzt brauchte er erst einmal Kaffee, schwarz und stark. Doch im nächsten Moment verharrte er vollkommen regungslos und fragte sich, ob er bereits an Halluzinationen litt.

Eine große, schlanke weibliche Gestalt schwebte mit unzähligen Blumen im Arm durch den Raum auf ihn zu. Ihr Haar war hellblond und zu einem langen Pferdeschwanz zurückgebunden, was ihr überirdisch schönes Gesicht zusätzlich betonte. Unter ihrer hochgeschlossenen weißen Bluse zeichneten sich volle Brüste ab, ein breiter schwarzer Gürtel betonte die zierliche Taille, und der schlichte schwarze Rock, der ihre gerundeten Hüften umschmiegte und eine Handbreit über den Knien endete, gab den Blick auf hinreißende Beine frei.

Kein Wunder, dass Max eine unmissverständliche Regung verspürte. Dieses unbekannte Mädchen war in der Tat atemberaubend.

„Ciao, bella ragazza“, sagte er rau.

Vom Hotelmanager geschickt, um in der Suite die Blumen zu arrangieren und vor der Ankunft des illustren Eigentümers nach dem Rechten zu sehen, fuhr Sophie Rutherford beim unerwarteten Klang der tiefen Männerstimme erschrocken zusammen. Als sie den großen Mann bemerkte, der in den geöffneten Balkontüren vor ihr stand, entglitten ihr die Blumen.

Erstarrt vor Schreck sah Sophie ihn an. Dichtes schwarzes Haar fiel ihm in die hohe Stirn, dunkle unergründliche Augen beherrschten das markante und durchaus attraktive Gesicht. Da nur blaue Boxershorts den sonnengebräunten muskulösen Körper bedeckten, hatte sie einen ungehinderten Blick auf breite Schultern, einen flachen Bauch und kraftvolle Beine. Der ganze Mann wirkte wie ein Gigant, und Sophies grüne Augen leuchteten beeindruckt angesichts einer derartigen Zurschaustellung von Kraft und Männlichkeit.

Dann aber kam er auf sie zu.

„Nein!“, schrie sie.

Urplötzlich fiel ihr ein, wo sie war und dass dieser Eindringling nichts in der Suite verloren hatte. „Keinen Schritt weiter! Ich rufe den Sicherheitsdienst!“

Ihr Aufschrei drang wie ein Messer in Max’ schmerzenden Kopf. Für einen Moment schloss er die Augen. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein Riesenaufstand! Nur ganz am Rande drang in sein Bewusstsein vor, dass sie Englisch gesprochen hatte. Langsam schlug er die Augen wieder auf, aber bevor er etwas erwidern konnte, verschwand sie bereits zur Tür hinaus. Dafür hörte er, wie sie den Schlüssel im Schloss umdrehte. Nicht zu glauben: Das verrückte Mädchen hatte ihn in seiner eigenen Suite eingesperrt!

Kopfschüttelnd griff er zum Telefon und wählte die Nummer von Alex, dem Hotelmanager, um ihn von seiner Anwesenheit zu unterrichten. Gleichzeitig bestellte er auch den Kaffee, den er so dringend brauchte, und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Als er rasiert und angezogen ins Wohnzimmer zurückkehrte, fegte ein Zimmermädchen gerade die Blumen zusammen, und Alex stellte ein Tablett mit Kaffee auf den Tisch. Seine Augen blitzten belustigt.

„Max, wie schön, dich zu sehen, Junge! Ich dachte mir schon, dass du der unerwünschte Riese bist, der das Hotel ausrauben wollte“, begrüßte Alex ihn väterlich und brach in herzliches Lachen aus.

„Wirklich sehr komisch, Alex. Aber ich freue mich auch, dich zu sehen. Und jetzt verrate mir bitte, wer dieses verrückte Mädchen ist.“ Max goss sich eine Tasse Kaffee ein und trank sie in schnellen Schlucken, bevor er seufzend auf eines der ­Sofas sank.

„Sophie Rutherford“, antwortete Alex und setzte sich neben ihn. „Ihrem Vater Nigel Rutherford gehört die ‚Elite Agentur‘ in London, die einen Großteil der Buchungsarrangements für viele unserer englischen Kunden abwickelt. Nigel hat mich gebeten, seine Tochter während der Semesterferien hier arbeiten zu lassen, damit sie so ihre Sprachkenntnisse verbessert. Obwohl sie Russisch und Chinesisch studiert, spricht sie auch recht flüssig Italienisch, Französisch und Spanisch, was angesichts unserer internationalen Gäste nur von Vorteil ist. In dem einen Monat, den sie jetzt hier ist, hat sie sich jedenfalls schon sehr bewährt, einmal abgesehen davon, dass sie bereitwillig überall einspringt und sich für keine Arbeit zu schade ist.“

„Ich vertraue deinem Urteil blind“, meinte Max, wobei er seinem väterlichen Freund zuzwinkerte. „Allerdings vermute ich stark, dass ihre unübersehbare Schönheit deine Entscheidung beeinflusst haben mag.“

Alex erwiderte sein Lächeln. „Was du nicht sagst! Aber anders als bei dir gehört bei mir schon mehr als ein hübsches Gesicht dazu, um mich zu beeindrucken – erst recht in meinem Alter.“

„Lügner.“ Während er sich das Bild dieser reizvollen jungen Frau ins Gedächtnis rief, zuckte Max innerlich erregt zusammen. „Jeder normale Mann sieht, wie hinreißend sie ist, und ich hätte nichts dagegen, sie näher kennenzulernen.“

„Hände weg von ihr, Max.“ Plötzlich sah Alex ganz ernst aus. „Sophie ist erst neunzehn. In Abwesenheit ihres Vaters steht sie unter meinem Schutz. Sosehr ich dich auch mag, mein Lieber, ich glaube nicht, dass sie dein Typ ist. Sie nimmt ihr Studium sehr ernst und ist kein Mädchen für Affären … sondern eher zum Heiraten.“

Alex war für Max wie ein Onkel und kannte ihn besser als die meisten Menschen. Und sosehr Max die Frauen liebte – und die Frauen ihn –, sowenig hatte er doch vor zu heiraten. Zwar deutete sein Vater seit Paulos Tod immer mal wieder an, dass es allmählich Zeit würde, da ansonsten ein männlicher Erbe fehlte, um den Namen Quintano fortzuführen. Aber Max wollte noch nicht sesshaft werden, sondern die Welt bereisen und tun, was er wollte. Das Letzte, was er brauchte, war eine Ehefrau.

„Schade“, meinte er nun bedauernd. „Sie ist wirklich reizend. Aber keine Angst, alter Junge, ich verspreche dir, sie nicht zu verführen. Können wir jetzt zum Geschäftlichen übergehen?“

Am Nachmittag verließ Max den geschützten Hotelstrand und kletterte über eine felsige Landspitze in die kleine Bucht, die er als kleiner Junge für sich entdeckt hatte. Hier war er von den Felsen ins Meer gesprungen und hatte seine Liebe zur Geologie entdeckt. Heute jedoch wollte er sich nur etwas abkühlen und hoffte, beim ausgiebigen Schwimmen im Meer endlich seinen Brummschädel loszuwerden.

Vor den dunklen Felsen erregte ein blassgoldenes Aufblitzen seine Aufmerksamkeit. Max sah genauer hin und stellte fest, dass es das Mädchen vom Morgen war. Mit hochgebundenen, seidig glänzenden Haaren streckte es sich auf einem Strandlaken aus.

Leise ging Max auf sie zu, wobei sein Blick bewundernd über ihren Körper glitt. Ihr pinkfarbener Bikini war eher dezent im Vergleich zu dem, was er schon gesehen hatte, aber die Figur, die er zierte, hätte nicht reizvoller sein können. Mit geschlossenen Augen lag Sophie da. Ihre Beine waren genauso hinreißend, wie Max vermutet hatte: lang, schlank und sehr sexy, und ihre sanft gebräunte Haut war wie Samt und Seide. Unfähig, den Blick von ihr zu lösen, bedauerte Max schon jetzt, dass er Alex versprochen hatte, die Finger von ihr zu lassen.

Als er noch näher zu ihr kam, fiel sein Schatten auf sie. Sofort öffnete sie die Augen.

„Sophie Rutherford, richtig?“, fragte er lächelnd und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Max Quintano.“ Er beobachtete, wie sie elektrisiert hochfuhr. „Heute früh erschien es mir irgendwie nicht der richtige Zeitpunkt, mich vorzustellen. Bitte, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie in irgendeiner Weise in Verlegenheit gebracht haben sollte.“

„Sophie, ja …“ Errötend nahm sie seine ausgestreckte Hand. „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Quintano. Aber ich glaube, ich sollte mich bei Ihnen entschuldigen, weil ich Sie in Ihrer Suite eingeschlossen habe.“

Max spürte, dass ihre schlanke Hand leicht zitterte, und blickte in ihre wundervollen grünen Augen. In ihnen lag Befangenheit, aber auch ein unverkennbares weibliches Interesse. Und plötzlich verschwand sein Kater auf wundersame Weise wie von selbst.

„Bitte, nennen Sie mich Max. Und Sie müssen sich nicht entschuldigen. Es war meine Schuld. Ich habe Sie erschreckt. Außerdem ist es für einen Streit viel zu heiß, und Sie haben zufällig meinen Lieblingsstrand vereinnahmt.“ Wieder lächelte er. „Aber ich möchte Sie keineswegs vertreiben – schließlich habe ich das heute bereits einmal getan. Also bitte, bleiben Sie, damit ich Ihnen beweisen kann, dass meine Entschuldigung ernst gemeint ist und ich kein riesenhafter Einbrecher bin.“

Sophie entzog ihm ihre Hand und stöhnte. „Hat Alex Ihnen das erzählt? Wie peinlich!“ Noch nie zuvor hatte sie sich derart heftig zu einem Mann hingezogen gefühlt. Heute früh hatte ein Blick genügt, und sie hatte sich wie ein verschrecktes Kind verhalten. Verzweifelt bemüht, diesen Eindruck wiedergutzumachen, fügte sie lächelnd hinzu: „Aber zu meiner Verteidigung darf ich anführen, dass Sie wirklich sehr groß sind.“

„Ich bin ein Meter dreiundneunzig, und Sie müssen sich wirklich nicht schämen, Sophie. Allerdings haben Sie sehr rote Wangen … Wie wär’s, wenn wir schwimmen gehen, um uns etwas abzukühlen?“, schlug Max vor und fügte dann, ohne ihr Zeit zum Antworten zu geben, hinzu: „Wer als Erster am Wasser ist, hat gewonnen!“

Natürlich folgte Sophie ihm. Daran hatte er auch nicht eine Minute gezweifelt. Seit er erwachsen war, liefen die Frauen ihm nach.

Max lief ins Wasser, drehte sich um und spritzte sie nass. Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht, und ihre grünen Augen funkelten schelmisch, als sie sich bückte und zurückspritzte. Die nachfolgende Balgerei trug leider nicht gerade dazu bei, Max’ aufwallende Gefühle abzukühlen. Hatte Sophie überhaupt eine Ahnung, wie aufreizend sie ihm ihre vollen Brüste darbot, wenn sie sich vorbeugte?

Schließlich konnte Max es nicht länger ertragen und hob sie einfach auf seine Arme. „Du willst mich also nass spritzen, ja? Dafür wirst du bezahlen, Lady“, erklärte er und watete tiefer ins Wasser.

„Wage es ja nicht!“, schrie Sophie und umklammerte seinen Nacken. Aber ihre Augen blitzten vor unterdrücktem Lachen.

„Es gibt nichts, was ich nicht tun würde, um dich in meinen Armen zu halten, Sophie“, neckte Max und suchte ihren Blick.

Sie sahen sich an. Einen Moment, als lodernde Leidenschaft zwischen ihnen entbrannte, hörte alles Necken auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte Sophie ein überwältigendes sexuelles Verlangen. Wie hypnotisiert sah sie mit pochendem Herzen in seine Augen, während die Welt um sie stillstand und die Luft zwischen ihnen vor erotischer Spannung zu knistern schien.

Langsam schweifte Sophies Blick zu Max’ sinnlichem Mund. Wie von selbst öffnete sie einladend die Lippen, wobei sie sich ausmalte, wie es sich anfühlen würde, von ihm geküsst zu werden.

Im nächsten Augenblick tauchte sie ins Wasser, schlug wild um sich und gelangte schließlich hustend und prustend wieder an die Oberfläche. Keuchend richtete sie sich auf und wischte sich das Salzwasser aus den Augen. Dabei bemerkte sie, dass Max sie mit einem seltsamen, fast bedauernden Ausdruck beobachtete.

„Ich glaube, wir sollten uns beide ein wenig abkühlen. Ich werde zur Spitze der Landzunge hinausschwimmen. Bis später, Sophie.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, tauchte er mit einem eleganten Kopfsprung wie ein Delfin ins Meer ein und schwamm mit kraftvollen Zügen davon.

Später würde ihr aufgehen, dass der Vergleich mit einem Hai treffender gewesen wäre.

Zu diesem Zeitpunkt aber blickte sie ihm fasziniert nach. Nichts in ihrem bisherigen Leben hatte sie auf einen Mann wie Max Quintano vorbereitet.

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter war sie mit elf Jahren von ihrem Vater in ein Mädcheninternat geschickt worden. Mit dreizehn schoss sie in die Höhe wie eine Bohnenstange, maß plötzlich einen Meter fünfundsiebzig und war schrecklich gehemmt und unsicher. Sie hatte nur wenige Freundinnen und verbrachte die Schulferien zu Hause in Surrey mit der Haushälterin Meg, während ihr Vater arbeitete.

Als typische Spätentwicklerin entwickelte Sophie erst an der Universität Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Begeistert entdeckte sie, dass ihre Körpergröße keineswegs bedeutete, ohne Freunde auskommen zu müssen, und ging sogar mit einigen Jungen aus.

Doch niemals empfand sie dabei etwas ähnlich Erregendes wie die Gefühle, die Max Quintanos neckendes Lächeln in ihr weckte. Mit einem verträumten Ausdruck ging sie zurück an den Strand, setzte sich auf ihr Badelaken und suchte hingerissen Max’ dunklen Schopf, der jetzt sehr weit draußen zwischen den sanften Wellen auftauchte. Noch immer glaubte sie, seine Arme zu spüren, wie er sie hochgehoben hatte, die zufällige Berührung seiner Hand an ihrer Brust … Ist das Liebe oder nur Schwärmerei, überlegte sie, unfähig, den Blick von ihm zu wenden.

Als seine aufgewühlten Gefühle sich endlich beruhigten, wendete Max im Wasser und schwamm zum Strand zurück. Seit er nach Paulos Tod aus Australien zurückgekommen war, hatte er keine Frau mehr gehabt. Vier Monate der Enthaltsamkeit waren zweifellos Grund genug, warum er so heftig auf die reizende Sophie reagierte.

Als er sie in den Armen gehalten hatte, wusste er natürlich, wie sehr sie sich einen Kuss von ihm gewünscht hatte. Auch er hatte sich buchstäblich danach verzehrt, sie zu küssen – und sehr viel mehr. Aber es war richtig, die Finger von ihr zu lassen, wie Alex ihn gebeten hatte. Außerdem hatte Alex recht: Sie war viel zu jung für ihn.

Also war Max ziemlich stolz auf sich, als er aus dem Wasser watete und sich das nasse Haar aus der Stirn strich. Als er langsam auf Sophie, die noch immer am Strand saß, zuging, lächelte sie ihn an. Prompt schwanden all seine guten Vorsätze. Er würde eine Weile auf Sizilien bleiben … Was war schon so schlimm an einem kleinen Flirt mit einem schönen Mädchen?

„Komm, Sophie.“ Er streckte ihr eine Hand entgegen. „Du warst lange genug in der Sonne. Ich begleite dich zum Hotel zurück.“ Als sie aufstand, drückte Max ihr rasch einen Kuss auf die sanft gerundete Wange. Aber bevor er sich ganz zum Narren machte, fügte er schnell hinzu: „Ich zeige dir den Weg durch den Irrgarten im Hotelpark.“

Nach der ersten Woche wusste Sophie nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie bis über beide Ohren verliebt. Allein bei Max’ Anblick schlug ihr Herz schneller, und wenn er sie ansprach, brachte sie kaum ein Wort heraus. Allein seine zwanglosen Einladungen, ihn in ihrer Freizeit zum Schwimmen oder auf einem Spaziergang zu begleiten, genügten, damit sie sich wie im siebten Himmel fühlte. Natürlich willigte sie jedes Mal ein, und obwohl es keine richtigen Rendezvous waren, durchlitt Sophies naives Herz jedes Mal süße Qualen. Leider benahm Max sich stets wie ein perfekter Gentleman. Sosehr Sophie es sich auch wünschte, er ging nie weiter, als sie auf die Wange zu küssen.

Zwei Wochen nach ihrer ersten Begegnung kam Sophie aus ihrem Schlafzimmer in das Wohnzimmer des Chalets, das sie sich mit Marnie, der Chefrezeptionistin des Hotels, teilte. In dieser Nacht würden sich all ihre Träume erfüllen, das wusste Sophie. Denn Max hatte sie zum Abendessen in ein Restaurant in Palermo eingeladen, endlich ein richtiges Date!

„Und? Was sagst du, Marnie?“ Erwartungsvoll drehte sich Sophie vor ihrer älteren Freundin. Am Nachmittag hatte sie sich in der Hotelboutique ein elegantes grünes Kleid gekauft, in der Hoffnung, Max damit zu beeindrucken.“

„Lass mich raten – triffst du dich vielleicht mit Max Quintano?“, neckte Marnie sie ein wenig spitz.

„Ja“, antwortete Sophie strahlend. „Sehe ich auch gut genug aus?“

„Du siehst umwerfend aus. Max wird es die Sprache verschlagen. Aber weißt du auch, was du da tust?“, fragte Marnie mütterlich besorgt. „Ich habe dich wegen Max und seiner Frauen gewarnt und dir sogar einen Artikel über ihn gezeigt, erinnerst du dich? Kleines, ich kann ja verstehen, was du fühlst, aber er ist so viel älter und erfahrener als du. Du bist noch so jung und solltest erst einmal dein Studium beenden. Wirf das nicht alles weg wegen einer kurzen Affäre, denn mehr kann es gar nicht werden.“

Sophie erstarrte. „Ich weiß, und ich kenne die Gerüchte. Aber diese Geschichten sind sicher stark übertrieben.“

„Ich möchte doch nur, dass du vorsichtig bist. Max ist ein Multimillionär mit einem entsprechenden Lebensstil. Er verbringt hier selten mehr Zeit als nur das eine oder andere Wochenende. Einzig und allein, weil er nach dem Tod seines Bruders seinen Vater und seine Familie vertritt, ist er dieses Mal länger hier. Doch auch das wird sich ändern, denn bald reist der Rest seiner Familie an. Und dann wird Max hier nichts mehr halten.“

„Das weißt du doch gar nicht.“ Bei der Vorstellung, dass Max abreisen könnte, pochte Sophies Herz vor Angst.

„Nein, das zwar nicht. Aber es ist bekannt, dass Max und sein Vater kein besonders enges Verhältnis zueinander haben. Und obwohl er mit seiner gesamten Familie im Großen und Ganzen gut auskommt, steht ihm nur seine Stiefschwester Gina wirklich nahe. Die beiden sollen seit Jahren eine lose Affäre miteinander haben. Manche behaupten, Gina würde die anderen Frauen an seiner Seite nur dulden, weil sie sich mit Leib und Seele ihrer Karriere als Ärztin verschrieben und kein Interesse an einer Heirat habe. Andererseits soll der alte Quintano Max schon vor Jahren erklärt haben, eine derartige Beziehung keinesfalls zu dulden, denn nach seiner Auffassung seien sie Bruder und Schwester und jede andere Beziehung zwischen ihnen daher völlig undenkbar. Aber inzwischen ist Max sein eigener Herr, und sollte er sich doch jemals entschließen zu heiraten, würde es mich nicht verwundern, wenn die Braut Gina hieße. Sei also gewarnt, Sophie, und mach keine Dummheiten.“

Das Läuten an der Tür ersparte Sophie eine Antwort, aber ihr überschäumendes Glücksgefühl war verschwunden. Es kehrte allerdings in dem Moment zurück, als sie die Tür öffnete und Max in einem eleganten maßgeschneiderten Anzug vor ihr stand. So atemberaubend, so attraktiv und so sexy, dass Sophie das Herz bis zum Hals schlug.

Auch Max verschlug es einen Moment die Sprache. Sophie hatte ihr langes blondes Haar kunstvoll hochgesteckt, sodass nur einzelne feine Strähnen ihr schönes Gesicht umschmeichelten. Dezent betonte ein leichtes Make-up die zarten Züge und die ausdrucksvollen grünen Augen. Ihr Kleid, ein raffiniert schlichtes, halblanges Etui-Modell aus smaragdgrüner Seide, schmiegte sich reizvoll an die weiblichen Rundungen ihrer hinreißenden Figur. Verdammt, allein bei ihrem Anblick durchzuckte es ihn heiß!

„Du siehst … wundervoll aus. Und du scheinst bemerkenswerterweise auch schon bereit zu sein“, begrüßte er sie, wobei ihm durch den Kopf ging, dass sie nicht die Einzige war, die bereit war. Er hätte sie auf der Stelle lieben können.

„Ja.“

Bei ihrem Lächeln musste sich Max erneut ins Gedächtnis rufen, was er Alex versprochen hatte. Problematisch war nur, dass Sophie ihn in jeder Hinsicht faszinierte. Sie brachte ihn zum Lachen, war klüger, als es ihr Alter erwarten ließ, und eine wundervolle Gefährtin. Und was ihr Aussehen betraf – Max brauchte sie nur anzusehen, um sie zu begehren. Vermutlich hätte er sie besser nicht einladen sollen, denn er bezweifelte, ob er es wirklich schaffen würde, die Hände von ihr zu lassen.

Sophie allerdings ahnte nichts von Max’ Zweifeln, weder auf der kurzen Autofahrt, noch, als er sie in das Restaurant führte. Sie war einfach zu aufgeregt.

Zu allem Überfluss bestellte Max auch noch Champagner, hob sein Glas und prostete ihr zu. „Auf ein wunderschönes Mädchen und eine wunderschöne Nacht.“

Als er die Nacht ansprach, errötete Sophie. Meinte er das, was sie sich erhoffte? Würde er in ihrer Beziehung endlich einen Schritt weitergehen? Sie küssen und die Nacht mit ihr verbringen? Zumindest schien der tiefe Blick seiner unergründlichen dunklen Augen das zu versprechen. Damit war die besondere Stimmung für diesen Abend besiegelt.

Sophie überließ es Max, für sie zu bestellen. Einem köstlichen Gang folgte der nächste, und während der Champagner freizügig floss, geriet sie immer tiefer in Max’ Bann. Während sie sich über Gott und die Welt unterhielten, lächelte Max Sophie immer wieder an oder berührte scheinbar beiläufig ihre Hand. Er gab ihr Delikatessen zum Probieren, die sie noch nie gekostet hatte, und am Ende des Restaurantbesuchs wusste sie, dass sie sich unsterblich in ihn verliebt hatte.

„Das war ein perfektes Essen.“ Sie seufzte glücklich, als Max die Rechnung bezahlte.

Doch Max konnte ihr nur in Bezug auf das Essen zustimmen. Ansonsten war der Abend für ihn eine wahre Tortur gewesen. Nur mit all seiner Willenskraft hatte er die Hände von Sophie lassen können. Wie hatte er nur so verrückt sein können zu glauben, ein harmloser Flirt mit ihr reiche? Als er den Arm um ihre Taille legte und ihre Hüfte erotisch seinen Oberschenkel streifte, wäre er fast verloren gewesen.

„Ich bin so froh, dass du mich hierher ausgeführt hast.“ Sie lächelte ihm strahlend zu.

Max schluckte. Himmel, er war doch kein Masochist. Diese Sache musste aufhören, oder er würde wirklich die Beherrschung verlieren. Was sonst gar nicht seine Art war. Heftig zog er den Arm zurück und öffnete Sophie die Wagentür, aber sein Herz hämmerte unvermindert heftig. Dieses Mädchen war einfach so unglaublich hinreißend und so verdammt naiv, weil es nicht vernünftig genug war, seine Gefühle zu verbergen.

„Es war mir ein Vergnügen“, erklärte er galant, bevor er die Wagentür ein wenig zu hart zuschlug.

Erst als er sich hinters Steuer setzte und losfuhr, hatte er sich wieder unter Kontrolle. Verstohlen warf er Sophie einen Blick zu. Er hatte kein Recht, wütend auf sie zu sein. Schließlich war es nicht ihre Schuld, dass sie die Versuchung in Person war und die Männer verrückt machte.

Nach all dem vertraulichen Necken und Lachen während des Abendessens spürte Sophie Max’ Stimmungsumschwung wie einen Schlag ins Gesicht. Als er schweigsam vor ihrem Chalet vorfuhr, sah sie ihn befangen an, voller Angst, etwas falsch gemacht zu haben.

„Wieder da“, meinte sie, nur um irgendetwas zu sagen, und errötete, weil ihr klar wurde, dass ein Mann wie Max Quintano einfach in einer anderen Liga spielte. Aber im nächsten Moment bewies er ihr, dass sie sich irrte.

„Ach Sophie“, flüsterte er rau, „was soll ich nur mit dir anfangen?“

Mit einem ungemein sinnlichen Lächeln legte er die Arme um sie und zog sie an sich. Dabei murmelte er etwas, was sie nicht verstand, doch es war ihr auch egal, denn im nächsten Moment küsste er sie auf den Mund.

Ein elektrisierendes Gefühl durchströmte ihren Körper. Als Max die Zunge verführerisch zwischen ihre leicht geöffneten Lippen schob, legte Sophie ihm, ohne zu wissen, was sie tat, die Arme um den Nacken und zog ihn zu sich. Mit geschlossenen Augen gab sie sich seinem Kuss hin, der erregender war, als sie es sich je erträumt hatte. Heißes Verlangen durchzuckte sie, als Max ihre Brüste berührte und die Daumen über die harten Spitzen glitten, die sich durch die dünne Seide drückten.

Dio! Ich will dich so sehr“, stöhnte Max.

Sophie krallte die Finger in sein dichtes schwarzes Haar und kam ihm mit ihrer Zunge mehr und mehr entgegen. Max hörte, wie sie leise aufstöhnte, als er sich von ihren Lippen löste, er sah das leidenschaftliche Leuchten in ihren wundervollen grünen Augen. Fast wäre er der Versuchung erlegen, schließlich war er auch nur ein Mann und zudem nicht an Enthaltsamkeit gewöhnt. Aber er hatte Alex ein Versprechen gegeben.

Also schob er Sophie sanft zurück, stieg aus dem Wagen und atmete erst ein paar Mal tief durch, bevor er um das Auto ging und Sophie die Tür aufhielt. „Komm, cara.“

Unverwandt sah Sophie auf die Hand, die Max ihr entgegenstreckte. Offensichtlich kostete es sie eine enorme Anstrengung, ihre immer noch zitternde eigene Hand in seine zu legen und auszusteigen. Unschlüssig blickte sie zwischen dem kleinen Bediensteten-Chalet und Max hin und her. Was sollte sie tun? Was sollte sie sagen?

Weil Max ihre Verunsicherung spürte, legte er einen Arm um ihre Taille und führte sie zur Eingangstür. Dort drehte er sie zu sich und betrachtete nachdenklich ihr verträumtes Gesicht. Er würde es ihr leicht machen.

„Danke für einen wunderschönen Abend, Sophie. Ich werde nicht mit hineinkommen, denn es warten noch einige wichtige Anrufe ins Ausland auf mich.“ Zart strichen seine Lippen über ihre Brauen, und er fügte bedauernd hinzu: „Ich werde morgen abreisen. Aber vielleicht können wir ja wieder miteinander essen gehen, wenn ich das nächste Mal hier bin?“

Natürlich wäre er gern mit ihr ins Bett gegangen, aber leider ahnte er, dass ihm einmal mit Sophie nicht genügen würde. Zwar glaubte Max nicht an Liebe, trotzdem war ihm klar, dass seine Gefühle für Sophie und vor allem die Art und Weise, wie leicht sie außer Kontrolle gerieten, seinen Seelenfrieden empfindlich in Bedrängnis bringen konnten.

„Gern, das würde mir sehr gefallen“, flüsterte sie jetzt.

In ihren schönen Augen las Max, wie sehr sie ihn anhimmelte und wie sehr sein Verhalten sie kränkte, aber Alex hatte recht. Max hatte Sophie im Umgang mit ihren Kollegen, den Gästen und vor allem mit deren Kindern beobachtet. Sie war so offen und einfühlsam, dass jeder sie einfach lieben musste. Ohne Frage verdiente Sophie wirklich nur das Allerbeste. Wohingegen er schon zu zynisch war, um noch an die große Liebe und das ewige Glück zu glauben. Ein Mädchen wie Sophie war einfach noch zu jung und zu romantisch für die Art von flüchtigen Affären, wie er sie sich erlaubte. Vielleicht in einigen Jahren, wenn sie ihr Studium beendet hatte und möglicherweise immer noch ungebunden war.

„Gute Nacht, meine süße Sophie.“ Max konnte nicht widerstehen, er musste sie noch einmal berühren. Zum Abschied streichelten seine Fingerspitzen ihre sinnlichen Lippen. Sie lächelte. „So ist es besser. Ein junges Mädchen wie du sollte immer lächeln“, meinte er sanft. Dann öffnete er die Tür zum Chalet und schob Sophie energisch hinein. Sie war wirklich die Versuchung in Person und wesentlich entgegenkommender und williger, als gut für sie war. Nicht jeder Mann besaß schließlich so viel Selbstbeherrschung wie er!

„Pass auf dich auf!“, fügte Max deshalb noch hinzu, bevor er sich frustriert abwandte und ging. Die Entscheidung war getroffen. Er würde nach Russland fliegen, um mit dem Manager seines dortigen Unternehmens einige Probleme zu klären. Wenn er sich recht erinnerte, war Nikita, die dortige Empfangssekretärin, überaus fantasievoll im Bett. Mit der Arroganz eines reichen Mannes in der Blüte seiner Jahre redete Max sich ein, dass die Welt voller schöner Frauen war, die mehr als bereit waren, das Bett mit ihm zu teilen. Er brauchte Sophie nicht und würde sie einfach vergessen.

Sehnsüchtig sah Sophie Max nach und hoffte vergeblich, dass er sich noch einmal umdrehen oder ihr sonst ein Zeichen geben würde, dass sie ihm etwas bedeutete.

Etwas später fand Marnie sie mit verweinten Augen auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen und konnte sich eine kleine Predigt nicht verkneifen.

„Was hast du denn nach einer Einladung zum Essen erwartet? Dass er dir ewige Liebe schwört? Kopf hoch, Kleines! Max Quintano kann jede Frau haben, die er will, und das weiß er auch.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und wer weiß? Wenn er zurückkommt, geht er vielleicht wieder mit dir aus. Aber dann erinnere dich bitte an meine Worte: Eine flüchtige Affäre ist alles, was sich eine Frau von diesem Mann erhoffen kann.“

Auch wenn Marnies Worte Sophie nicht trösteten, halfen sie ihr doch, der Realität ins Auge zu sehen. Warum musste sie sich auch ausgerechnet in Max Quintano verlieben – einen Mann, der viel älter war als sie, superreich und den Ruf eines echten Frauenhelden hatte? Genauso gut hätte sie die Hand nach den Sternen ausstrecken können. Sie hatte den Fehler gemacht, eine Schwärmerei für die große Liebe zu halten, und musste ihn jetzt einfach vergessen. Wenigstens war sie nicht mit ihm ins Bett gegangen.

Aber seltsamerweise tröstete sie das überhaupt nicht.

2. KAPITEL

Sieben Jahre später

Samstagnachmittag parkte Sophie ihr altes Auto in der Auffahrt, nahm den Koffer vom Rücksitz und betrat ihr Elternhaus. Schon in der großen Diele kam ihr kleiner Halbbruder Timothy ihr entgegengestürmt, sodass sie den Koffer zu Boden stellte, um den Kleinen hochzuheben und mit einem Kuss zu begrüßen.

„Hallo, Darling!“ Sie trug ihn in das elegante Wohnzimmer, wo sie ihre Stiefmutter und ihren Vater vermutete.

Ein einziger Blick auf die beiden verriet ihr, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Oh, gut, dass du endlich da bist“, begrüßte Margot sie.

Kein hallo, wie geht es dir? dachte Sophie trocken. Unaufgefordert setzte sie sich auf das Sofa und nahm Tim auf den Schoß.

„Ich nehme an, wir sollten uns geehrt fühlen, dass du überhaupt noch Zeit findest, deinen Bruder zu besuchen, so wie du inzwischen ständig um die Welt jettest. Wo geht es denn diesmal hin?“, erkundigte sich ihre Stiefmutter spitz.

„Venedig, zu einer dreitägigen internationalen Konferenz über globale Ressourcen. Aber ich muss erst morgen Abend fliegen, sodass mir mehr als genug Zeit bleibt, um auf diesen kleinen Mann hier aufzupassen.“ Dabei drückte sie Tim liebevoll an sich. „Warum nutzt ihr beiden das nicht aus und bleibt die Nacht im Hotel?“ Dieser Vorschlag hätte eigentlich ein Lächeln auf Margots Gesicht zaubern müssen.

Zwei Stunden später saß Sophie in der hochmodernen renovierten Küche des Hauses, in dem sie aufgewachsen war, sah Tim zu, wie er seine heiß geliebten Fischstäbchen verspeiste, und dachte darüber nach, wie sehr sich ihr Leben doch verändert hatte.

Nach ihrem Universitätsabschluss vor vier Jahren hatte sie sich ein Jahr Auszeit gegönnt und war rund um die Welt getrampt. Bei ihrer Rückkehr erwartete sie die Neuigkeit, dass die neue Sekretärin ihres Vaters inzwischen seine schwangere Freundin war. Die beiden heirateten, und zu Sophies großem Missfallen musste die alte Haushälterin Meg auf Margots Wunsch hin gehen. Vier Monate später kam ihr wundervoller kleiner Bruder zur Welt.

Von Anfang an vergötterte Sophie Tim, und wenn sie ehrlich war, war er der Hauptgrund, warum sie sich Margots wechselnden Launen immer wieder fügte. Nur seinetwillen hatte sie auch Margots sehr kurzfristig angemeldeter Bitte nachgegeben, an diesem Abend den Babysitter zu spielen, damit ihr Vater und seine junge Frau an einem illustren Wohltätigkeitsball in einem Londoner Luxushotel teilnehmen konnten.

Sophie sah sich in der kühlen Edelstahlküche um. Nachdem Margot ihr Elternhaus komplett hatte renovieren lassen, kannte sie es kaum wieder. Aber zumindest gehörte Sophie dank des Erbes ihrer Mutter eine kleine Wohnung in Hove mit Meeresblick. Und da sie in ihrem Beruf als Linguistin sehr erfolgreich war, blieb es ihr erspart, täglich nach London zu pendeln. Stattdessen bereiste sie als freiberufliche Dolmetscherin die ganze Welt. Inzwischen hatte sie sich eine beeindruckende Liste an Geschäfts- und privaten Kunden aufgebaut.

In den vergangenen acht Wochen war sie mit einer Handelsdelegation durch China gereist, und davor hatte sie sechs Wochen in Südamerika gearbeitet. An diesem Wochenende nun besuchte sie das erste Mal seit Monaten ihre Familie. Da ihre Stiefmutter nur zwei Jahre älter als Sophie war, hätten sie eigentlich vieles gemeinsam haben müssen. Leider war das nicht der Fall. Als feine Dame der Gesellschaft liebte Margot das Leben im großen Stil: nur die besten Restaurants und die luxuriösen Orte, wo man nur hinging, um zu sehen und gesehen zu werden. Fairerweise musste Sophie allerdings zugeben, dass Margot bei allem Hang zum Luxusleben eine gute Mutter war und Tim niemals einer fremden Person anvertraut hätte.

Sosehr Sophie ihren kleinen Bruder auch liebte, war sie doch einigermaßen erleichtert, als sie am folgenden Nachmittag zum Flughafen aufbrach, um nach Venedig zu fliegen. Als ihr Vater und Margot mittags nach Hause gekommen waren, herrschte zwischen den beiden noch eine genauso angespannte Atmosphäre wie bei Sophies Ankunft am Samstag. Irgendetwas stimmte da nicht, aber solange es nicht Tims Wohl berührte, wollte Sophie sich darüber nicht den Kopf zerbrechen.

Denn es belastete sie schon genug, dass sie zum ersten Mal seit sieben Jahren nach Italien zurückkehrte. Allein der Gedanke daran beschwor einen Strom ungebetener Erinnerungen an ihre erste und einzige Liebesaffäre herauf … und daran, wie sie sich dabei restlos zum Narren gemacht hatte. Nicht genug, dass sie sich unsterblich in Max Quintano verliebt und seine Abreise sie tief gekränkt hatte. Als er eine Woche später in das Hotel, in dem sie damals arbeitete, zurückkehrte, folgte sie ihm, ohne zu zögern, in sein Bett – und nachdem er ihr die Unschuld genommen hatte, nahm sie voller Glück und ohne Bedenken seinen Heiratsantrag an und willigte sogar ein, die Sache geheim zu halten, bis Max ihren Vater persönlich getroffen hatte.

Zwei Tage lang schwebte sie im siebten Himmel – bis sie entdeckte, was für eine besondere Art von freizügiger Ehe Max im Sinn hatte.

Ein spöttisches Lächeln umspielte ihren schönen Mund. Immerhin hatte sie aus dieser Erfahrung etwas sehr Wertvolles gelernt: Männern konnte man nicht vertrauen. Eine Lektion, die sich im Laufe der Jahre noch oft bestätigt hatte, wenn Sophie daran dachte, wie sich viele Männer verhielten, sobald sie weit weg von ihren Ehefrauen und Familien eine Konferenz besuchten. Wie oft ihr verheiratete Männer nachgestellt hatten, konnte sie gar nicht mehr zählen, und längst beherrschte sie die Kunst, diese Herren mit einem eisigen Blick und wenigen passenden Worten in die Schranken zu weisen, bis zur Perfektion.

Am Dienstagabend betrat Sophie am Arm von Abe Asamov den Ballsaal eines venezianischen Luxushotels. Abe war ein untersetzter kahlköpfiger Russe von Mitte fünfzig, der Sophie kaum bis zur Schulter reichte. Als er zum zweiten Tag der Konferenz angereist war, hatte sie sich sehr gefreut, bedeutete das für sie doch ein vertrautes freundliches Gesicht inmitten eines Meers von Fremden.

Geistreich und charmant, liebte Abe es, seinen Ruf als Schwerenöter zu pflegen. Nur Sophie wusste, wie sehr er in Wirklichkeit seine Frau und seine Familie vergötterte, denn sie hatte die Semesterferien ihres letzten Jahres an der Universität in Russland verbracht und Abes Enkelkindern Englisch beigebracht.

Als Abe sie also bat, ihn als seine Partnerin zu dem Galadinner mit Tanz zu begleiten, willigte sie sofort ein. Und die Firma, die sie für die Konferenz als Dolmetscherin engagiert hatte, war begeistert, denn Abe Asamov war ein Ölmilliardär, dem ein beträchtlicher Anteil an den russischen Quellen gehörte. Auch wenn Sophie nicht wusste, ob sie Abes Behauptung, er spräche nur Russisch, Glauben schenken sollte, freute sie sich ehrlich über seine Gesellschaft.

„Ihnen ist natürlich klar, Sophie, dass alle hier Sie für meine Geliebte halten“, bemerkte Abe augenzwinkernd auf Russisch, als der Ober sie zu ihrem Tisch führte. „Keinem normalen Mann könnte beim Anblick einer blonden Schönheit wie Ihnen in den Sinn kommen, dass Sie auch Verstand besitzen könnten.“ Er lachte vergnügt. „Ich glaube, es wird ein Riesenspaß, die Leute heute Abend zum Narren zu halten.“

„Passen Sie auf, Abe“, ging Sophie auf seinen neckenden Ton ein, denn sie wusste, dass Abe ihr niemals gefährlich werden würde. „Vergessen Sie nicht, dass Sie ein verheirateter Mann sind. Und wenn das als Kompliment gemeint war, war es ziemlich zweifelhaft.“

„Sie klingen genau wie meine Frau“, klagte Abe, bevor sie beide in Lachen ausbrachen.

Sobald Sophie Platz genommen und ein Glas Champagner erhalten hatte, ließ sie interessiert den Blick über die vielen Gäste im Saal schweifen. Etliche davon kannte sie durch ihre Arbeit. Da war der britische Botschafter Peter mit seiner Frau Helen und an ihrer Seite ein Paar, das für die italienische Regierung arbeitete – Aldo und seine Frau Tina. Unmittelbar neben Sophie saßen zwei Spanier, Felipe und Cesare, die einen sehr sympathischen Eindruck machten. Entspannt nippte sie an ihrem Champagner und genoss das luxuriöse Ambiente.

Die Tische waren um eine kleine Tanzfläche gruppiert, und auf einer Bühne auf der Stirnseite spielte eine Jazzband dezente Hintergrundmusik. In diesem Saal präsentierte sich die Elite Europas – die Männer im eleganten Smoking, die Frauen in exklusiven Designerroben und geschmückt mit kostbaren Juwelen. Doch Sophie fühlte sich davon nicht eingeschüchtert. Im Laufe der letzten Jahre hatte sie für einige der reichsten Leute aus aller Welt gearbeitet – sogar gekrönte Häupter waren darunter gewesen. Längst hatte sie sich das kultivierte Benehmen angeeignet, das man in diesen Kreisen brauchte.

Wenn sie zu Hause auch am liebsten Jeans und T-Shirts trug, besaß sie daneben natürlich auch ihre sogenannte „Geschäftsgarderobe“. Das Diorkleid aus schwarzem Satin, das sie an diesem Abend trug, gehörte dazu und war eines ihrer liebsten Stücke – ebenso wie das glitzernde Strasscollier und die dazu passenden Ohrringe. Sie wusste, dass sie gut aussah und sich auch in dieser illustren Gesellschaft nicht verstecken musste.

Als ihr Blick gerade gelassen über die Tanzfläche glitt, registrierte sie eine Gruppe Neuankömmlinge, die gerade Platz nahm, und ihre grünen Augen leuchteten erschrocken auf. Max Quintano und seine Stiefschwester Gina! Entsetzt bemerkte Sophie sein markantes schönes Profil und sah rasch beiseite. Sie war sich fast sicher, dass Max sie nicht bemerkt hatte. Mit klopfendem Herzen rückte sie ihren Stuhl so, dass sie Max halb den Rücken zuwandte, und betete insgeheim, dass er sie nicht entdeckte.

Entschlossen wandte sie sich nun ihrem Tischnachbarn Cesare zu und begann ein Gespräch mit ihm. „Und was machen Sie beruflich?“ Nur mit großer Mühe gelang es ihr, sich auf seine Antwort zu konzentrieren. „Sie sind Geologe? Wie interessant …“

Wie hatte sie nur so dumm sein können, nicht gleich die Verbindung zwischen dem Thema der Konferenz – globale Ressourcen – und Max Quintano zu ziehen!

Auf der anderen Seite der Tanzfläche nickte Max lächelnd zu einer Bemerkung von Gina, ohne auch nur ein Wort davon verstanden zu haben. In dem Moment, als er den Saal betreten hatte, erkannte er Sophie Rutherford. Ihr herrliches blondes Haar war unverkennbar. Heute trug sie es zu einer eleganten Frisur hochgesteckt, was ihren schlanken Hals und die perfekte Linie ihrer Schultern betonte. Das tiefe Rückendekolleté ihres schwarzen Satinkleids gab den Blick auf ihren seidigen Rücken frei. Als Max sich erinnerte, wie er seine Lippen darüber hatte gleiten lassen, durchfuhr ihn ein Schauer.

Ganz deutlich sah er, wie das kalte Biest ihn erkannte und sich erschrocken abwandte. Damals, nachdem sie verschwunden war, hatte er sie aus tiefster Seele gehasst und war nur mit der Trennung fertig geworden, indem er sie für viele Jahre radikal aus seinem Gedächtnis getilgt hatte. Vor vier Monaten aber, nachdem sein Vater an einem Herzinfarkt gestorben war, tauchte der Name Rutherford unerwartet wieder in Max’ Leben auf. Diesmal in Gestalt von Nigel Rutherford. Und zwei Monate später kamen Max bei einem Kurztrip nach Südamerika zu seinem Erstaunen viele Spekulationen über Sophie Rutherford zu Ohren. Zweimal in so kurzer Zeit wurde er also völlig unerwartet und ungebeten mit eben dem Namen konfrontiert, den er unbedingt vergessen wollte.

Da sein Vater ihn als seinen Nachlassverwalter bestimmt hatte und seine Stiefmutter vom plötzlichen Tod ihres Mannes sowieso viel zu erschüttert war, um sich um die Leitung der Quintano Hotels zu kümmern, hatte Max die Zügel in die Hand genommen. Eine kurzfristig anberaumte Revision ergab, dass das Familienunternehmen gesunde Gewinne einbrachte, wobei allerdings zwei erhebliche Außenstände die positive Bilanz auffällig störten. Der größere davon stammte aus London, aus der „Elite Agentur“ von Nigel Rutherford. Bei Max’ Nachforschungen kam schnell ans Tageslicht, dass die Agentur die Rechnungen ihrer Klienten nicht nur verspätet zahlte, sondern seit fast einem Jahr überhaupt keine Zahlungen mehr geleistet hatte.

Vielleicht war das seinem Vater entgangen, womöglich weil er schon länger gesundheitlich schlechter dastand, als er es sich hatte eingestehen wollen. Letzteres konnte Max gut nachempfinden, war es ihm doch vor sieben Jahren ganz ähnlich ergangen. Als man ihm mitteilte, dass er möglicherweise Krebs hatte, wollte er es einfach nicht glauben und stürzte sich erst einmal in die Arme der schönen Sophie, bevor er in der Lage war, sich dem Problem zu stellen.

Wie auch immer, weitere Recherchen brachten zutage, dass Nigel Rutherford nicht nur Quintano Hotels, sondern noch einer ganzen Reihe anderer Firmen beträchtliche Summen schuldete. Für den kommenden Montag war in London eine Versammlung aller Gläubiger anberaumt worden. Aber Max wollte diese Angelegenheit seinen Anwälten überlassen, denn es war ihm völlig egal, ob Rutherfords Firma den Bach herunterging, solange Quintano Hotels das Geld bekam, das ihnen zustand.

Als er nun die ebenso schöne wie oberflächliche Tochter seines Schuldners nur wenige Meter entfernt dasitzen und lächelnd Champagner trinken sah, als könne sie kein Wässerchen trüben, kam ihm jedoch eine viel bessere Idee. Wenn er doch persönlich an dem Treffen in London teilnähme, gelänge es ihm sicher mühelos, die anderen Gläubiger davon zu überzeugen, die Firma von Sophies Vater in den Bankrott zu treiben.

Derzeit mochte Sophie noch in Venedig beschäftigt sein, aber in der kommenden Woche würde er Nigel Rutherford unmissverständlich klarmachen, dass er dessen Tochter unbedingt sehen müsse. Da Max Jahre auf seine gerechte Vergeltung gewartet hatte, würde ihm eine Woche mehr nun auch nichts mehr ausmachen. Oh, was für eine Genugtuung, Sophies Reaktion zu beobachten, wenn ihr klar würde, wer für den Niedergang ihres Vaters verantwortlich war! Und zu testen, wie weit sie zu gehen bereit war, um ihn zu retten.

Sophie Rutherford war die erste Frau, die ihn sitzen gelassen hatte – und das zu einem Zeitpunkt, an dem er besonders verletzlich gewesen war. Wie lange hatte ihn diese Kränkung gequält. Nun hatte das Schicksal sie in sein Leben – und seine Gewalt zurückgebracht. Und da ihr Anblick immer noch leidenschaftliche Gefühle in ihm auslöste, war er entschlossen, seine Macht rücksichtslos einzusetzen.

Eine schlimme Laune des Schicksals hatte Max damals veranlasst, überstürzt nach Sizilien und zu Sophie zurückzukehren. Nach einem fünftätigen Aufenthalt in Russland war er zunächst wieder in seine Wohnung in Rom gefahren, immer noch fest entschlossen, sich von Sophie fernzuhalten. Um sich abzulenken, hatte er eine alte Freundin angerufen und sie für den Abend zum Essen eingeladen, und für den nächsten Tag, einen Freitag, verabredete er sich mit Gina zum Mittagessen.

Weil das Rendezvous mit der alten Freundin eine Enttäuschung war, fuhr er am nächsten Morgen früh ins Büro, um endlich seine persönliche Post zu sichten. Beiläufig überflog er den medizinischen Bericht von der Routineuntersuchung, der er sich einige Wochen zuvor unterzogen hatte. Anscheinend gab es eine Unstimmigkeit bei seinen Blutwerten, weshalb Max gebeten wurde, mit einem Dr. Foscari Rücksprache zu nehmen.

Zwei Stunden später saß er, ganz benommen vor Schock, in Dr. Foscaris Sprechzimmer, nachdem der Arzt ihm gesagt hatte, dass gewisse erhöhte Hormonwerte in seinem Blut einen Hinweis auf Hodenkrebs bedeuteten. Dr. Foscari erklärte ihm außerdem, dass diese Krebsart sehr gut behandelbar sei und ausgezeichnete Heilungschancen besäße. Vor allem aber solle Max sich noch nicht zu viele Sorgen machen, da dieser eine erhöhte Wert noch keine Gewissheit brächte. Aus reiner Vorsicht jedoch habe er für die folgende Woche einen Termin mit einem Spitzenonkologen in der besten Spezialklinik von Rom gemacht.

Voller Angst verließ Max die Praxis des Arztes. War es nicht absurd anzunehmen, er, der vor Kraft nur so strotzte, sei ernsthaft krank? Gina war auch Onkologin und könnte ihn sicher beruhigen und beraten.

Nach dem Mittagessen mit Gina wusste Max tatsächlich mehr, als er sich gewünscht hatte, über seine mögliche Erkrankung. In ihrer direkten Art hatte Gina zunächst einmal sofort Dr. Foscari angerufen und Max anschließend gebeten, nicht sofort in Panik auszubrechen. Es gäbe durchaus noch viele andere mögliche Ursachen für die erhöhten Blutwerte, und außerdem habe dieser Krebs wirklich eine sehr hohe Heilquote. Auf Max’ Drängen skizzierte sie aber doch das Szenario für den schlimmsten Fall – die Krebserkrankung. Ausführlich beschrieb sie die zu erwartenden Symptome, die möglichen Therapien und verschonte ihn auch nicht mit den unangenehmen Begleiterscheinungen wie möglichem Potenzverlust und der Möglichkeit, wegen der zu erwartenden Zeugungsunfähigkeit Sperma einzufrieren.

Als Gina ihren Vortrag beendet hatte, fühlte Max sich richtig krank. Um ihn aufzumuntern, bot sie ihm an, wegen einer zweiten Meinung mit einem Kollegen in den USA Kontakt aufzunehmen, einem international anerkannten Spezialisten auf diesem Gebiet. Am liebsten wäre Max sofort in die USA geflogen, aber Gina riet ihm, nichts zu überstürzen. Da am Wochenende sowieso nichts Entscheidendes passieren könnte, sollte er lieber versuchen, etwas zur Ruhe zu kommen und sich zu entspannen.

Weil er Gina vorbehaltlos vertraute, hatte Max sich an ihren Rat gehalten. Schon seit sein Vater und ihre Mutter geheiratet hatten, als Max vier und Gina fünf gewesen war, vertraute er ihr. Auf Anhieb standen sie sich so nahe wie echte Geschwister, und an ihrer aufrichtigen Zuneigung füreinander änderte sich auch nichts, als sie erwachsen wurden. Gina hatte ihn ebenso in seinem Entschluss bestärkt, Geologie zu studieren, wie er sie darin unterstützt hatte, als Ärztin Karriere zu machen und sich nicht in ihr Privatleben hineinreden zu lassen.

„Max? Max!“

Ginas Stimme riss Max aus seinen unerquicklichen Erinnerungen. Nach einem kurzen Zusammenzucken blickte er auf und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Stiefschwester und die anderen beiden Personen in ihrer Gesellschaft: Rosa und ihr Ehemann Ted. Seit Jahren schon waren Gina und Rosa ein Liebespaar, was Ted aus ganz eigenen Gründen stillschweigend duldete. Denn zum einen war Rosa die Mutter seiner beiden Kinder, und zum anderen wusste Max, dass Ted selbst seit Langem eine Geliebte hatte. Max wiederum bewahrte das Geheimnis, weil Gina es so wollte. Sie war überzeugt, dass ihre Eltern voller Entsetzen und Unverständnis auf eine derartige Enthüllung reagieren würden und der mögliche Skandal außerdem ihrer Karriere schaden könne.

„Entschuldige, Gina“, bat Max lächelnd. Persönlich hielt er Ginas Heimlichtuerei für falsch, weil er davon überzeugt war, dass die sexuelle Orientierung einer Person den meisten Menschen heutzutage völlig egal sei. Aber das war allein Ginas Sache.

„Hast du sie gesehen? Sophie Rutherford?“, fragte seine Stiefschwester. „Alles in Ordnung?“

„Ja, bestens.“ Als er ihren besorgten Blick bemerkte, fügte er hinzu: „Ich kann nicht behaupten, dass mich ihre Partnerwahl beeindruckt.“ Max warf einen kurzen Blick zu der besagten blonden Venus, wobei ein verächtliches Lächeln über sein Gesicht huschte. „Aber sie überrascht mich auch nicht.“

Eigentlich war Max ein Mann der Tat, der nur selten über die Vergangenheit nachdachte. Nun aber, da die Frau, die für so viele schmerzliche Erinnerungen verantwortlich war, nur wenige Meter entfernt von ihm saß, fiel es ihm schwer, sich auf die Gegenwart und das exklusive Essen vor ihm zu konzentrieren. Das Wiedersehen mit Sophie rief ihm in allen lebendigen Einzelheiten die vielleicht schlimmste Phase seines Lebens ins Gedächtnis.

Damals, an jenem verhängnisvollen Freitag, hatte Max sich vor dem Restaurant von Gina verabschiedet und war langsam zu seinem Büro zurückgegangen. Für einen selbstbewussten Mann, der täglich Entscheidungen im Millionenbereich traf und nie an dem einmal eingeschlagenen Weg zweifelte, war es eine ernüchternde Erkenntnis, genauso von Angst und Zweifel bedrängt werden zu können wie jeder andere. Er liebte seine Arbeit, war sehr reich und erfolgreich und hatte bislang nur wenige Gedanken an seine persönliche Zukunft verschwendet. Nun aber sah er sich gezwungen, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass er womöglich gar keine Zukunft mehr hatte, und plötzlich erschien ihm alles, was er bisher erreicht hatte, ziemlich armselig.

Wenn er morgen tot umfiele, würden seine Familie und ein paar Freunde vielleicht eine Weile um ihn trauern, aber schließlich ginge das Leben weiter, als hätte es ihn nie gegeben. Noch vor wenigen Tagen hatte Max geglaubt, er hätte noch alle Zeit der Welt vor sich und würde in den nächsten Jahren weder an Heirat noch an Kinder denken. In seiner Arroganz hatte er sich eingebildet, dass es der falsche Zeitpunkt für eine Affäre mit Sophie wäre und dass er sie nicht brauchte. Nun aber, da das Damoklesschwert einer ernsten Krankheit über ihm schwebte, war Zeit plötzlich zu einem alles entscheidenden Faktor geworden.

Spontan rief er seinen Piloten an und flog nur eine Stunde später zurück nach Sizilien – und zu Sophie. Zum Teufel mit Alex! Max brauchte jetzt Sophies fröhliche, unkomplizierte Gesellschaft, ihre unverhohlene Bewunderung, ihren hinreißenden Körper – und er war nicht bereit zu warten. Nein, er würde sie sich nehmen, weil sie womöglich die letzte Frau in seinem Leben sein würde.

Im Hotel wanderte Max’ Blick über den gepflegten Hotelpark. Am Swimmingpool spielten drei Jungen mit einem Mädchen Wasserpolo. Das Mädchen war Sophie. Max beobachtete, wie sie sich nach einer Weile aus dem Pool schwang und auf einer Sonnenliege ausstreckte. Die Jungen folgten ihr und hockten sich ihr zu Füßen.

Allein Sophies Anblick, bekleidet nur mit dem pinkfarbenen Bikini, vertrieb Max’ letzte Zweifel. Heftiges Verlangen regte sich in ihm, als er entschlossen auf sie zuging.

„Hallo, Sophie. Wie ich sehe, liebst du immer noch die Wasserspiele“, begrüßte er sie spöttisch und zupfte an ihrem langen, feuchten Haarzopf.

Als sie ihn sah, leuchteten ihre großen grünen Augen vor Freude auf. „Max! Du bist zurück! Ich hatte ja keine Ahnung!“ Und die Art, wie sie errötete und ihn strahlend anlächelte, war für Max Ermunterung genug.

„Darf ich fragen, ob du heute Abend Zeit hast?“ Nicht eine Sekunde zweifelte er daran, dass die Antwort Ja lauten würde. Schon rückten die bedrückenden Neuigkeiten vom Vormittag weit in den Hintergrund, während sein Blick bewundernd über Sophies schönen Körper glitt. „Ich dachte, wir könnten ein Stück die Küste entlangfahren und vielleicht irgendwo picknicken?“

„Das wäre wundervoll“, willigte sie sofort begeistert ein, und Max konnte der Versuchung nicht widerstehen und zog sie in seine Arme und küsste sie.

Wie sehr musste er sich zwingen, sich von ihr zu lösen. Voller Verlangen sah er in ihr zartes Gesicht. Dio, wie sehr er diese Frau begehrte! Nach einem tiefen Atemzug schob er sie sanft zurück. „Dann hole ich dich um acht ab.“

Glücklich sah Sophie ihm nach, als er davonging. Max’ Rückkehr hatte sie die ganze Trostlosigkeit der vergangenen Woche auf Anhieb vergessen lassen.

Am Abend fuhr Max mit ihr zum Hafen einer kleinen Stadt. Als er ihr aus dem Wagen half und den Picknickkorb vom Rücksitz nahm, schaute Sophie sich neugierig um.

„Wo sind wir?“ Lauter bunte Lampen säumten die Hafenmauer und erhellten die Dunkelheit. Auf den sanften Wellen schaukelten etwa ein Dutzend Jachten.

„La Porto Piccolo“, antwortete Max lächelnd. „Mein bester Freund Franco und ich waren oft hier, als wir jünger waren. Mit neunzehn haben wir uns zusammen unsere erste Jacht gekauft, um den Mädchen zu imponieren. Sie lag immer hier, weit weg von den neugierigen Blicken unserer Eltern. Wie du siehst, ist sie klein, aber wir hatten tolle Zeiten auf ihr.“ Er nahm Sophies Hand und half ihr an Bord.

War dies so eine Art Liebesnest? Wie viele Mädchen mochte Max schon auf dieses Boot eingeladen haben? Im nächsten Moment entdeckte sie an Deck einen Tisch und zwei Stühle. „Essen wir hier?“

„Ja.“ Max stellte den Picknickkorb auf den Tisch und zog Sophie in seine Arme. „Es ist eine wundervolle Nacht, und ich dachte, es würde dir vielleicht gefallen, an Deck zu essen.“ Zärtlich drückte er ihr einen Kuss ins Haar. „Du ahnst ja gar nicht, wie wichtig es mir ist, dir in jeder Hinsicht Freude zu bereiten.“ Bei diesen Worten küsste er sie auf den Mund und sah ihr so liebevoll in die Augen, dass es sie tief berührte.

In diesem Moment glaubte Sophie zu spüren, dass sie ihm wirklich etwas bedeutete. „Ich habe dich so vermisst“, erklärte sie offen. „Ich habe dein unbändiges schwarzes Haar vermisst, dein neckendes Lächeln …“ Sie strich ihm eine Locke aus der Stirn. „Ich bin froh, dass du zurück bist.“

„Wie sehr, kannst du mir ja später zeigen …“ Als Max sich zu ihrem Hals vorbeugte und die Zungenspitze über ihre zarte Haut gleiten ließ, erschauerte Sophie. „Aber zuerst zeige ich dir die Jacht, und dann essen wir.“

Als er sie in einer engen Umarmung über das Boot führte, war Sophie so damit beschäftigt, ihm nahe zu sein, dass sie von der Jacht nicht allzu viel mitbekam. Flüchtig warf sie einen Blick in eine Kabine mit zwei Kojen, da öffnete Max bereits die Tür zu der einzigen anderen Kabine.

„Zieh den Kopf ein“, warnte er Sophie und schob sie hinein. Die Kabine war winzig, und das Licht der Hafenlaternen, das von draußen hereinschien, beleuchtete ein wunderschönes Doppelbett, das fast den gesamten Raum ausfüllte. „Es ist nur zum Schlafen gedacht“, flüsterte Max vielsagend, wobei sein warmer Atem Sophies Wange streichelte.

Sophie dachte an alles andere, nur nicht an schlafen. Und als er sie zu sich herumdrehte, sah sie ihn wie gebannt an. Alle Warnungen ihrer Vernunft waren beiseitegefegt. Als er sie jetzt auf den Mund küsste, gab sie bereitwillig dem Drängen seiner Zunge nach. Unglaublich erregende Gefühle durchströmten ihren Körper und ließen sie alles andere vergessen.

Nach dem Kuss sah Max ihr in die Augen. „Willst du es wirklich?“, fragte er.

„Ja“, flüsterte Sophie, und im nächsten Moment lagen sie sich nackt in den Armen auf dem großen Bett.

Viel später sank Sophie atemlos und erschöpft auf Max’ Körper. Nie hätte sie sich erträumt, solche Lust zu empfinden. Sehr behutsam hob Max ihr Kinn.

„Du hättest mir sagen sollen, dass ich dein erster Mann bin.“

„Und mein einziger“, flüsterte sie. „Ich liebe dich so sehr.“

„Ach Sophie, ich vergöttere dich. Du bist wirklich etwas ganz Besonderes … Bitte bleib immer so, wie du bist“, erwiderte er sanft.

„Ich habe mich schon verändert – dank dir.“

„Ich weiß. Aber ich sollte mich bei dir bedanken. Du hast mir etwas sehr Kostbares gegeben, das mir mehr bedeutet, als du ahnst.“ Noch nie zuvor hatte er mit einer Jungfrau geschlafen, und nie zuvor war seine Leidenschaft derart wild und entfesselt erwidert worden. Als sein Körper mit dem von Sophie verschmolz, schien die Welt stillzustehen, und er vergaß alles andere bis auf die unvorstellbare Lust dieses Augenblicks.

Und genau das war das Problem. Er hatte auch vergessen, sich zu schützen. Und nun sah er in ihre wunderschönen, vor Glück strahlenden Augen und brachte es nicht über sich, diesen Moment zu zerstören. Stattdessen hörte er sich sagen: „Heirate mich.“ Und begriff, dass er es ernst meinte. Was immer die Zukunft ihm bringen würde, Sophie sollte ihm allein gehören.

Rückblickend war Max klar, dass sein Antrag vermutlich eine rein gefühlsmäßige Reaktion auf den schweren Schlag gewesen war, den die mögliche Diagnose Hodenkrebs seinem männlichen Ego versetzt hatte. Damals jedoch, nachdem er mit Sophie geschlafen hatte, war er überzeugt gewesen, dass er sie aufrichtig liebte und heiraten wollte.

Nun sah er sie nach all den Jahren wieder und beobachtete, wie sie lächelnd mit den Männern an ihrem Tisch flirtete. Gerade tätschelte Abe Asamov ihr die Wange. Ein zynisches Lächeln huschte über Max’ Gesicht und wich einer versteinerten Miene, als Sophie sich von Abe zur Tanzfläche führen ließ.

Dio! Es bestand kaum ein Zweifel daran, dass sie mit ihm schlief – wofür nur ein Grund infrage kam: Geld. Max konnte den Blick nicht von den beiden wenden. Als sie die Tanzfläche wieder verließen und Sophie den dicken kahlköpfigen Russen auf die Wange küsste, hielt Max es nicht mehr aus. Anstatt noch ein, zwei Wochen zu warten, entschied er sich, sofort mit Sophie zu sprechen.

Hieß es nicht, Rache sollte man am besten kalt genießen? Als Max sich jetzt erhob, redete er sich zumindest ein, von nichts anderem als eiskaltem Zorn getrieben zu werden. Zorn auf Sophie und das, was aus ihr geworden war. Vor Jahren hatte er einmal geglaubt, die Zeit sei noch nicht reif für eine Affäre mit ihr, und sich dann doch umentschieden. Zwei Tage später hatte das herzlose Biest ihn kurzerhand sitzen lassen. Nun lag es in seiner Macht, den Spieß noch einmal umzudrehen. Dieses Mal würde er sie sitzen lassen. Aber erst, nachdem ihr hinreißender Körper all seine Wünsche befriedigt hätte.

3. KAPITEL

Sophies Selbsterhaltungstrieb riet ihr, auf der Stelle kehrtzumachen und davonzulaufen. Hatte sie nicht geahnt, dass es keine gute Idee sein würde, nach Italien zurückzukehren? Jetzt bestätigte das Wiedersehen mit Max ihre schlimmsten Befürchtungen. Doch sie wusste, dass sie dieses Galadinner durchstehen musste, und sei es nur, um zu beweisen, dass sie in ihrem Beruf ein echter Profi war und Max Quintano ihr nichts mehr bedeutete.

Zunächst einmal war sie froh, dass Abe sie bat, für ihn im Gespräch mit Cesare zu dolmetschen, denn wenn sie sich auf die beiden konzentrierte, konnte sie fast so tun, als gäbe es Max und Gina gar nicht. Damals, nach ihrer kurzen Affäre mit Max, war sie fast an ihrem Kummer zerbrochen. Nur mithilfe ihrer Freunde und indem sie sich auf ihr Studium stürzte, schaffte sie es schließlich, darüber hinwegzukommen. Nun fiel es ihr sehr schwer zuzugeben, dass es ihr immer noch wehtat, Max und Gina zusammen zu sehen.

Während Sophie aß, trank, lächelte und dolmetschte, vergaß sie tatsächlich nicht eine Sekunde, wie nahe Max Quintano ihr war. Ständig glaubte sie, seinen Blick in ihrem Nacken zu spüren, und sie musste all ihre Willenskraft aufwenden, um keine unverständlichen Dinge zu sagen und sich nicht umzudrehen. Dabei ärgerte es sie maßlos, dass allein sein Anblick sie derart durcheinanderbrachte. Deshalb lächelte sie noch strahlender und ließ ihren Charme noch mehr als sonst spielen, was ihr Cesares Bewunderung eintrug und woran Abe schließlich merkte, dass etwas nicht stimmte.

Väterlich tätschelte er ihr die Wange. „Sophie?“ Sie sah in seine klugen blauen Augen. „Sie tun zu viel des Guten“, meinte er leise auf Russisch. „Wer immer es ist, dem Sie aus dem Weg gehen wollen, benutzen Sie mich dazu und nicht den jungen Cesare. Ihn könnten Sie damit verletzen, ich jedoch habe breite Schultern und mache Ihr Spiel gern mit.“

„Sie sind ja fürchterlich scharfsichtig, Abe“, seufzte Sophie. Doch als Abe sie zum Tanzen aufforderte, erhob sie sich mit einem fast natürlichen Lächeln und ließ sich zur Tanzfläche führen.

Trotz seiner Körperfülle war Abe ein guter Tänzer. Entspannt gab sich Sophie seiner Führung und der Musik hin, wobei ihre große anmutige Gestalt die bewundernden Blicke sämtlicher Männer auf sich zog – und die eines bestimmten im Besonderen.

„Sie sind eine sehr schöne Frau, wie ich Ihnen schon oft gesagt habe“, meinte Abe, als er sie galant zum Tisch zurückführte. „Wer immer es ist, er ist ein Dummkopf und hat Sie nicht verdient. Sie verdienen nur den allerbesten Mann, vergessen Sie das ja nicht!“

Sophie sah in das runde rötliche Gesicht des Ölmilliardärs und stellte nicht zum ersten Mal fest, dass Abe Asamov nicht nur ein sehr netter, sondern auch ein sehr schlauer Mann war. „Sie haben recht.“ Lächelnd küsste sie ihn auf die Wange. „Danke.“ Warum vergeudete sie ihre kostbare Zeit damit, sich zu ärgern, nur weil sie einmal eine flüchtige katastrophale Affäre mit einem unverbesserlichen Schürzenjäger gehabt hatte? Es war höchste Zeit, nach vorn zu blicken!

„Verzeihen Sie …“ Der Klang der tiefen Stimme ließ Sophie aufblicken. Wie aus dem Nichts war Max Quintano vor ihnen aufgetaucht. „Überlassen Sie mir Ihre Partnerin für den nächsten Tanz?“

Ohne sich von Max’ Größe im Geringsten beeindrucken zu lassen, begutachtete Abe ihn eindringlich, bevor er sich mit fragendem Blick Sophie zuwandte. Auf Russisch erkundigte er sich bei ihr, was der Mann gesagt habe. Notgedrungen sah Sophie sich gezwungen, es ihm zu übersetzen.

„Aha.“ Abe Asamov wandte sich wieder Max zu. „Sie wollen meine Frau?“, meinte er in gebrochenem Englisch, wobei seine blauen Augen übermütig blitzten.

Kein Zweifel, der Russe amüsierte sich köstlich. Sophie warf Max einen verstohlenen Blick zu und bemerkte verärgert sein verächtliches Lächeln. Ganz bewusst hatte Abe den Eindruck vermittelt, dass sie seine Geliebte war, und offensichtlich glaubte Max ihm. Welches Recht nahm er sich heraus, über sie zu urteilen, wo er eine ganze Legion von Frauen vorzuweisen hatte und seine Dauergeliebte in diesem Moment auf der anderen Seite der Tanzfläche saß? Und wenn er Sophie so verachtete, warum wollte er dann unbedingt mit ihr tanzen?

„Ich hoffe, Sie gewähren mir einen Tanz mit Ihrer charmanten Begleiterin“, meinte er nun, wobei er Abe herausfordernd ansah. „Sophie und ich sind alte Freunde.“

Abe hob in einer theatralischen Geste beide Hände. „Ich bin nicht ihr Wärter. Fragen Sie sie selbst.“ Urplötzlich schien der russische Ölmogul die englische Sprache viel besser zu beherrschen, als er allen, Sophie eingeschlossen, bislang vorgemacht hatte.

Max wandte sich an Sophie und blickte ihr direkt in die Augen. „Darf ich dich um diesen Tanz bitten, Sophie? Dein Partner scheint nichts dagegen zu haben“, fügte er spöttisch hinzu.

„Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen, Max“, erwiderte sie kühl. Dass die beiden Männer über sie gesprochen hatten, als wäre sie überhaupt nicht anwesend, ärgerte sie maßlos. „Ich wusste gar nicht, dass du tanzen kannst. Hat Gina es dir beigebracht?“, fügte sie spitz hinzu. Dieser hinterhältige Kerl besaß die Frechheit, ihr hier vor allen Leuten einen Seitenhieb zu verpassen und dennoch zu erwarten, dass sie mit ihm tanzte!

„Das hat sie tatsächlich – wie so vieles andere mehr“, antwortete Max ungeniert.

Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache. Doch dann wurde ihr bewusst, dass sie dort am Rande der Tanzfläche wie auf dem Präsentierteller standen, und sie riss sich zusammen. „Daran zweifle ich nicht“, entgegnete sie überfreundlich. „Und solltest du nicht besser mit ihr tanzen, da sie heute Abend offensichtlich deine Begleiterin ist?“

„Nein, Gina hat anderes im Sinn“, antwortete er und blickte sichtlich amüsiert zu seinem Tisch hinüber.

Seine aufreizende Gleichmütigkeit überraschte Sophie. Ärgerlich betrachtete sie ihn genauer. Er hatte sich kaum verändert. Das schwarze Haar trug er jetzt etwas kürzer, und an den Schläfen zeigte sich erstes Grau. Auch die Linien in seinem markanten Gesicht waren tiefer geworden, sodass er insgesamt härter wirkte als der fröhliche Mann, den sie kennengelernt hatte; aber er war immer noch umwerfend attraktiv.

„Es überrascht mich, dass du mit mir tanzen willst“, gestand sie offen.

Max kam näher und reichte ihr die Hand. „Das sollte es nicht. Immerhin waren wir einmal extrem eng befreundet.“ Dabei funkelten seine dunklen Augen spöttisch.

Sophie zögerte. So wie er sich benahm, traute sie ihm durchaus zu, sie vor all diesen Leuten ernsthaft in Verlegenheit zu bringen, wenn sie sich weigerte. „Es wird mir ein Vergnügen sein, mit Ihnen zu tanzen, Mr Quintano“, erklärte sie deshalb mit einem kühlen, höflichen Lächeln und nahm seine Hand.

Natürlich spürte Max, dass sie aus reiner Höflichkeit einwilligte. Ihre zarte Hand zitterte leicht, als er sie nahm. „Das war doch nicht so schwer“, flüsterte er ihr ins Ohr, während er sie zur Tanzfläche führte. Die erste Schlacht hatte er gewonnen, ohne dass Sophie sich großartig gewehrt hätte.

Auf der Tanzfläche drehte er sie zu sich, hielt sie auf eine Armeslänge Abstand und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. „Du siehst gut aus.“ Sophie Rutherford hatte sich zu einer außerordentlich eleganten Lady gewandelt – mochte sie auch die Moralvorstellungen einer Straßenkatze haben. „Schöner denn je, genau genommen. Aber ich habe dich beobachtet, und manche Dinge ändern sich nie. Du wirfst dich immer noch jedem Mann an den Hals. Wobei Abe Asamov allerdings ein guter Fang ist! Aber weißt du nicht, dass er verheiratet ist?“, fragte er verächtlich, bevor er endlich das tat, was er von dem Moment an hatte tun wollen, als er sie im Ballsaal gesehen hatte: Er zog sie dicht an sich und führte sie gekonnt zu den langsamen Rhythmen der Jazzband über die Tanzfläche.

Gegen ihren Willen erschauerte Sophie, als seine Wärme und der Duft seines Aftershaves sie umhüllten und seine kraftvollen Beine sie berührten. Die herzlose Art, mit der er sie daran erinnert hatte, wie bereitwillig sie ihm vor all den Jahren entgegengekommen war, führte ihr brutal vor Augen, wie naiv sie damals gewesen war. Ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde. Doch sie ließ es sich nicht anmerken. Das Mädchen von damals gab es längst nicht mehr. Heute war sie eine selbstbewusste, kultivierte Frau, die jeder Situation gewachsen war.

„Na und?“, nahm sie mit einem betont gleichgültigen Schulterzucken auf Max’ Bemerkung Bezug. „Ich bin nicht auf der Suche nach einem Ehemann.“

„Nein, natürlich nicht.“ Max blickte sie wissend an. „Ich sollte schließlich besser als jeder andere wissen, dass du nur Reichtum und Vergnügen suchst und die alltäglichen Mühen einer Ehe, die mögliche Fürsorge für einen Ehemann doch eher scheust.“

„Du kennst mich ja so gut“, erwiderte sie überfreundlich und hielt den Atem an, als er sie noch fester an sich presste. Wider Willen klopfte ihr Herz schneller, und die Spitzen ihrer Brüste drückten sich hart durch den seidigen Stoff ihres Kleides.

„Das siehst du ganz richtig.“ Mit einem bedeutsamen Lächeln sah er auf ihr verführerisches Dekolleté. „Und ich hätte nichts dagegen, dich noch einmal ganz neu kennenzulernen. Was hältst du davon, Sophie?“, fragte er kalt. „Mich anstelle dieses Gorillas Abe? Du weißt, dass wir im Bett fantastisch zusammengepasst haben, und es heißt doch, dass eine Frau ihren ersten Liebhaber nie vergisst.“

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