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JULIA EXKLUSIV BAND 244

LYNNE GRAHAM

Intrige aus Eifersucht

Du hast mich betrogen, behauptet Andreas Nicolaidis, der Mann ihrer Träume. Hope Evans ist fassungslos, dass er seiner Schwester mehr vertraut als ihr und sich sofort von ihr trennt. Wie betäubt vor Kummer zieht sie sich in das Landhaus ihrer Familie zurück. Doch wenige Tage später kommt er zu ihr, und Hope spürt, dass er sie noch immer begehrt …

JACQUELINE BAIRD

Für kein Geld der Welt

Sie waren ein so wunderbares Paar: das Model Katy und der Millionär Jake Granton. Dass sie ihn vor Jahren verließ, hat Jake deshalb nie verwunden. Nun endlich scheint seine Chance gekommen, sie wieder an sich zu binden: Er würde mit seinem Vermögen sofort die Firma ihres Vaters retten, wenn sie nur zurückkäme. Nimmt sie sein unmoralisches Angebot an?

CAROLE MORTIMER

Schöner als ein Diamant

Die hinreißende Silke Jordan ist zweifellos der schönste Osterhase, der je in einem Buchanan-Kaufhaus präsentiert wurde. Doch Lyon Buchanan, der Besitzer der exklusiven Warenhauskette, würde nie zugeben, dass ihm die hübsche Blondine in dem Bunny-Kostüm gefällt. Denn ein Mann seiner Position und ein Model voller verrückter Ideen, das ist undenkbar …

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Intrige aus Eifersucht

PROLOG

Andreas Nicolaidis hielt das Lenkrad seines Ferrari fest umklammert, als der Wagen auf der vereisten Landstraße ins Rutschen zu geraten drohte.

Die Wiesen und Bäume waren von makellos weißem Schnee bedeckt, und es war weit und breit kein anderes Auto zu sehen. Die Polizei hatte über den Verkehrsfunk im Radio die Leute aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben. Andreas hingegen empfand diese Witterungsverhältnisse als Herausforderung, seine Fahrkünste unter Beweis zu stellen. Obwohl er mehrere Luxuslimousinen und Sportwagen besaß, hatte er nur selten Gelegenheit, sich selbst ans Steuer zu setzen. Momentan hatte er keine Ahnung, wo er sich befand, was ihn jedoch nicht beunruhigte. Er war zuversichtlich, dass er bald die Straße finden würde, die zur Autobahn führte, sodass er rasch wieder in London und in der Zivilisation sein würde, wie er es nannte.

Aber Andreas hatte schon immer hochgespannte Erwartungen gehegt, was sein Leben betraf, das in sehr geordneten Bahnen verlief. An diesem Tag hatte er eine Sache, die für ihn unangenehm hätte werden können, mit einer großen Summe Bargeld aus der Welt geschafft. Das war für ihn kein Problem, denn Geld hatte er mehr als genug.

Als Andreas ein Teenager gewesen war, war von dem riesigen Vermögen seiner Familie, das seine Vorfahren mit Schifffahrtslinien erworben hatten, nicht mehr viel übrig gewesen. Dennoch waren seine konservativen Verwandten entsetzt gewesen, als er sich geweigert hatte, in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters zu treten, und stattdessen eine Investmentgesellschaft gegründet hatte. In den folgenden Jahren waren ihre Einwände immer schwächer geworden. Und seit er auf der Leiter des Erfolgs immer höher stieg, lobte man ihn in den höchsten Tönen. Jetzt ließen sich sogar Regierungen von ihm beraten, wenn es um Investitionen ging. Andreas war mit seinen 34 Jahren ein Workaholic, er war unermesslich reich und wurde von seinen Familienangehörigen geradezu verehrt.

Was Frauen anging, so hatte sein Interesse bisher stets nach spätestens drei Monaten Bekanntschaft nachgelassen. Seine Emotionen und sein sexuelles Verlangen hatte er dank seines scharfen Verstands und seiner Disziplin perfekt unter Kontrolle. Sein Vater hingegen hatte sich immer wieder in Frauen verliebt, die nicht zu ihm passten, und hatte kurz vor seiner vierten Hochzeit gestanden, als er starb. Andreas hatte für seinen Vater kein Verständnis gehabt und war frei von solchen Regungen. In den Medien wurde Andreas oft als herzlos bezeichnet, weil er die Frauen so kühl und rücksichtslos behandelte. Er war jedoch stolz auf seine Selbstdisziplin und hatte zehn Eigenschaften aufgelistet, die eine Frau haben musste, ehe sie überhaupt als seine Lebens­partnerin infrage kam. Bis jetzt hatte noch keine Frau auch nur annähernd diese Kriterien erfüllt.

Hope verbarg die eiskalten Hände unter den Ärmeln ihres grauen Regenmantels. Ihre Füße waren taub vor Kälte.

Sie hatte sich verlaufen, und es gab niemanden, den sie nach dem Weg hätte fragen können. Aber sie war von Natur aus optimistisch und sah immer nur das Gute an allem. Die vielen Jahre, in denen sie sehr bescheiden gelebt hatte, hatten sie gelehrt, dass Pessimismus alles nur noch schlimmer machte. Deshalb war sie auch jetzt davon überzeugt, dass bald ein Auto auftauchen und ein freundlicher Fahrer ihr helfen und sie mitnehmen würde. Auch wenn der Tag nicht gerade erfreulich verlaufen war. Sie hätte Grund gehabt, frustriert und verzweifelt zu sein. Aber es brachte sowieso nichts, sich über etwas aufzuregen, was nicht zu ändern war. Am Morgen war sie voller Hoffnungen zu einem Bewerbungsgespräch gefahren. Es hatte sich jedoch herausgestellt, dass sie vergeblich gekommen war.

Es war ziemlich naiv gewesen, dieses Gespräch so wichtig zu nehmen. Hope suchte schon monatelang einen Job und wusste genau, wie schwierig es für sie war, eine Stelle zu finden. Leider hatte sie keinerlei Qualifikationen, hatte nicht studiert und keine Ausbildung gemacht. Außerdem hatte sie noch nie gearbeitet und konnte deshalb auch keine Zeugnisse vorlegen.

Sie war 28 und hatte zehn Jahre lang ihre Mutter Susan gepflegt, die immer krank gewesen und vor einigen Monaten gestorben war. Die Ehe von Hopes Eltern hatte der Belastung nicht standgehalten, und ihr Vater war ausgezogen. Hopes Bruder Jonathan war zehn Jahre älter als sie. Als Ingenieur hatte er meist im Ausland gearbeitet und war nur selten zu Besuch nach Hause gekommen.

Jetzt war er in Neuseeland verheiratet. Er hatte an der Beerdigung ihrer Mutter teilgenommen und war Hope beinah wie ein Fremder vorgekommen. Als er erfahren hatte, dass er der alleinige Erbe des Vermögens war, war er so erleichtert gewesen, dass er mit Hope offen über seine finanziellen Probleme geredet hatte. Er hatte erklärt, der Erlös aus dem Verkauf des Hauses ihrer Mutter sei für ihn so etwas wie ein Rettungsring, den man einem Ertrinkenden zuwarf. Da er drei kleine Kinder hatte, war Hope froh darüber gewesen, dass das Erbe ihrer Mutter einem guten Zweck diente. Zu dem Zeitpunkt hatte sie jedoch noch nicht geahnt, dass sie kaum eine Chance hatte, Arbeit zu finden. Und ohne Arbeit und Geld fand sie auch keine Wohnung.

Die Landschaft um sie her lag unter einer dichten Schneedecke. Plötzlich hörte Hope in der Ferne Motorengeräusche. Angespannt lauschte sie, ob das Auto in ihre Richtung fuhr oder irgendwo abbog. Dann lächelte sie, denn der Wagen kam näher. In ihren blauen Augen leuchtete es auf, und sie trat aus dem spärlichen Schutz der Hecke, um den Fahrer auf sich aufmerksam zu machen.

Erst als er aus der Kurve herauskam, bemerkte Andreas die junge Frau. Um sie nicht anzufahren, musste er scharf bremsen. Prompt geriet der Sportwagen ins Schleudern und prallte krachend gegen einen Baum. Wie erstarrt stand Hope da und beobachtete fassungslos, wie die Fahrertür aufging und ein großer schwarzhaariger Mann schnell heraussprang.

„Gehen Sie weg!“, rief er ihr zu, gewarnt von dem Geruch auslaufenden Benzins. „Verschwinden Sie! Schnell!“

Sekundenlang war Hope viel zu schockiert, um zu reagieren. Erst als der Wagen in Flammen aufging, geriet sie in Bewegung, aber viel zu langsam. Deshalb packte Andreas sie am Arm und zog sie aus der Gefahrenzone. Hinter ihnen explodierte der Benzintank, und die Wucht der Explosion riss Hope von den Füßen. Damit sie nicht zu hart aufschlug, legte Andreas ihr den Arm um die Taille. Dann fielen sie zusammen hin, und er begrub sie unter sich.

Sein Gewicht schnürte ihr die Luft ab. Während ihr bewusst wurde, dass er ihr wahrscheinlich das Leben gerettet hatte, versuchte sie zu atmen. Schließlich blickte sie auf und sah ihm in die glänzenden goldbraunen Augen.

Die Nässe drang durch ihren Mantel, doch das war ihr momentan nicht wichtig. Wichtig war die Frage, warum ihr die wunderschönen Augen des Fremden so bekannt vorkamen. Dann erinnerte sie sich. Als Kind war sie oft im Zoo gewesen, wo ein prächtiger Löwe in einem Käfig hinter Gitterstäben eingesperrt gewesen war, was er offenbar sehr gehasst hatte. Zorn hatte aus seinen goldbraunen Augen gelodert, und er hatte die Menschen, die ihn anstarrten, herausfordernd gemustert. Dabei war er so würdevoll an den Gittern des Käfigs entlanggeschritten, dass es Hope beinah das Herz gebrochen hätte.

„Sind Sie verletzt?“ Der Fremde hatte eine tiefe, wohlklingende Stimme.

Langsam schüttelte sie den Kopf. Dass sie unter diesem Mann im Graben lag, war bedeutungslos, nachdem sie in seine Augen geblickt hatte. Ihr fiel auf, dass er dichte schwarze Wimpern und ein markantes, sehr kompromisslos und männlich wirkendes Gesicht hatte. Zugleich sah er so atemberaubend gut aus, dass sie völlig fasziniert war.

Sie hat die wunderschönsten blauen Augen, in die ich jemals geblickt habe, dachte Andreas. Er war davon überzeugt, dass dieses Türkisblau genauso wenig echt sein konnte wie ihr glänzendes hellblondes Haar, das wie Seide wirkte und ihr schönes Gesicht umrahmte. „Was, zum Teufel, haben Sie mitten auf der Straße gemacht?“

„Ist es Ihnen recht, wenn ich zuerst einmal versuche aufzustehen?“, fragte sie, wie um Entschuldigung bittend.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er noch immer auf der Frau lag, die für den Totalschaden seines Wagens verantwortlich war. Es war ihm etwas peinlich, was bei ihm nur sehr selten vorkam. Warum war er auf einmal so unkonzentriert? Er sprang auf und reichte ihr die Hand, um ihr zu helfen. Ihre feine helle Haut ist viel zu verführerisch, überlegte er zusammen­hanglos.

„Ich war nicht mitten auf der Straße. Aber ich habe befürchtet, Sie würden mich nicht bemerken“, erklärte Hope. In ihren feuchten Sachen schauderte sie vor Kälte. Der Mann ist sehr groß, dachte sie, während sie sich aufhelfen ließ.

„Doch, Sie standen mitten auf der schmalen Straße“, widersprach Andreas ihr, ohne zu zögern. „Ich musste Ihnen ausweichen, sonst hätte ich Sie überfahren.“

Hope drehte sich um und betrachtete den brennenden Sportwagen. Der Mann machte sie für den Unfall verantwortlich, und vielleicht hatte er damit sogar recht. Sie bekam ein schlechtes Gewissen.

„Es tut mir wirklich sehr leid“, entschuldigte sie sich angespannt, um jede Auseinandersetzung zu vermeiden. Ihre Eltern und ihr Bruder waren starke Persönlichkeiten gewesen, und es hatte oft Streit gegeben. Deshalb war sie daran gewöhnt, in die Rolle der Friedensstifterin zu schlüpfen.

Andreas ließ den Blick über die Überreste seines Ferrari gleiten, den er an diesem Tag erst zum zweiten Mal gefahren hatte. Dann sah er wieder die junge Frau an und musterte sie rasch von Kopf bis Fuß. Jede Einzelheit prägte er sich ein, ehe er sie kühl als uninteressant abqualifizierte. Sie war sehr bescheiden gekleidet und mittelgroß. Die Frauen in seinem Bekanntenkreis hätten sie vermutlich als leicht übergewichtig bezeichnet. Doch in dem Moment erinnerte er sich daran, wie weich und sexy sich ihre üppigen Rundungen unter ihm angefühlt hatten, und verspürte plötzlich heißes Verlangen.

„Es ist schade, dass Sie dem Baum nicht mehr ausweichen konnten“, fügte Hope hinzu, um ihr Bedauern auszudrücken.

„Es war mir wichtiger, Ihnen auszuweichen. Dass ich mich damit selbst in Gefahr gebracht habe, wollen wir lieber nicht erwähnen“, entgegnete er scharf, weil er das Gefühl hatte, sie hätte mit ihrer Bemerkung seine Fahrkünste angezweifelt. Als er sich wieder auf den Unfall konzentrierte, löste sich das Verlangen so rasch auf, wie es ihn überkommen hatte. Er redete sich ein, nur wegen der außergewöhnlichen Umstände so auf diese Frau reagiert zu haben.

„Aber wir haben beide Grund, dankbar zu sein“, erwiderte Hope, um ihn aufzumuntern.

„Erklären Sie mir bitte, wie Sie das meinen“, forderte er sie barsch auf.

„Wie bitte?“ Unsicher und bestürzt, sah sie ihn an.

„Du liebe Zeit, erklären Sie, wofür ich in dieser Situation Ihrer Meinung nach dankbar sein soll“, antwortete er spöttisch, während es heftiger zu schneien anfing und die Schneeflocken in seinem schwarzen Haar hängen blieben. „Ich stehe hier in einem Schneesturm und friere. Außerdem wird es dunkel. Mein Lieblingsauto ist nur noch ein Wrack, mein Handy ist im Auto verbrannt, und ich sitze mitten in der Einsamkeit mit einer fremden Frau fest.“

„Aber Sie leben, und wir beide sind unverletzt“, wandte Hope ein. Sie wollte ihn immer noch aufheitern.

Sie scheint eine Optimistin zu sein, dachte er leicht verächtlich. „Kann ich Ihr Handy benutzen?“

„Leider … habe ich keins …“

„Dann wohnen Sie hier in der Nähe, oder? Wie weit ist es bis zu Ihrem Haus?“, unterbrach Andreas sie ungeduldig.

„Ich wohne nicht hier“, entgegnete sie. „Ich weiß noch nicht einmal, wo wir uns befinden.“

Er zog die dunklen Augenbrauen zusammen und runzelte die Stirn, als hätte Hope etwas völlig Unsinniges gesagt. „Wie ist das denn möglich?“

„Ich bin nicht von hier“, erklärte sie. „Ich hatte mich um eine Stelle beworben, und man hatte mich zu einem Gespräch eingeladen. Auf der Hinfahrt hat mich jemand mitgenommen. Nach dem Gespräch habe ich mich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof gemacht und mich nach den Wegweisern gerichtet. Doch offenbar habe ich irgendwo die falsche Richtung eingeschlagen.“

„Wie lange sind Sie schon unterwegs?“

„Seit ungefähr zwei Stunden, und ich habe schon ewig keine Häuser mehr gesehen. Deshalb wollte ich unbedingt verhindern, dass Sie an mir vorbeifuhren, ohne mich zu bemerken. Ich wurde immer unruhiger …“

Als sie heftig zitterte, fiel Andreas auf, dass ihr Mantel völlig durchnässt war. „Wieso sind Sie so nass?“

„Der Graben da drüben ist voller Wasser“, erwiderte sie.

„Wie nass sind Sie?“ Er betrachtete sie aufmerksam. Sie ist klatschnass, beantwortete er sich die Frage selbst. „Sie hätten etwas sagen müssen. Bei diesen Temperaturen holen Sie sich schnell eine Unterkühlung, und ich brauche nicht noch mehr Ärger.“

„Ich werde Ihnen keinen Ärger bereiten“, versprach sie ihm rasch.

„Ich bin vorhin an einer Scheune vorbeigefahren. Dort sind Sie etwas geschützt vor der Kälte …“

„Glauben Sie mir, es ist alles in Ordnung. Sobald ich weiterlaufe, werde ich wieder warm“, erwiderte Hope leise. Es war ihr unangenehm, dass er sich ihretwegen Umstände machte.

„Ihnen wird erst wieder warm, wenn Sie die nassen Sachen ausgezogen haben.“ Andreas legte ihr den Arm um die Schultern und zwang Hope, mit ihm so rasch in Richtung der Scheune zu laufen, dass sie kaum mit ihm Schritt halten konnte.

Ihre Lippen waren taub vor Kälte. Deshalb konnte sie noch nicht einmal lächeln bei dem Gedanken, sich in Gegenwart dieses Fremden die nassen Sachen auszuziehen. Aber sie freute sich darüber, dass er so sehr um sie besorgt war. Er beschwerte sich nicht über den Totalschaden seines Wagens und nicht über seine eigene Situation, die alles andere als angenehm war, sondern kümmerte sich erst einmal um sie, Hope. Er war offenbar entschlossen, ihr Problem zu lösen.

War das nicht eine typisch männliche Reaktion? Man erwartet so etwas von einem Mann, doch meist wird man enttäuscht, überlegte Hope. Weder ihr Vater noch ihr Bruder hatten jemals versucht, ihr zu helfen, wenn sie Hilfe gebraucht hätte. Beide hatten es sogar vorgezogen, sie im Stich zu lassen, als ihre Mutter krank geworden war. Aber die beiden waren einfach nicht stark genug, um Schwierigkeiten zu bewältigen, im Unterschied zu ihr. Deshalb hatte sie ihrem Vater und ihrem Bruder diese Schwächen auch nie vorgehalten.

„Wie heißen Sie denn eigentlich?“, fragte sie. „Ich bin Hope Evans.“

„Ich bin Andreas“, antwortete er mit finsterer Miene und beobachtete sie ungläubig, während sie versuchte, über ein Tor zu klettern. Schließlich hob er sie von dem Balken herunter und öffnete das Tor.

„Oh, danke …“ Sie fror erbärmlich und konnte kaum glauben, wie mühelos er sie hochgehoben hatte. Andererseits hatte seit ihrem zehnten Lebensjahr niemand mehr versucht, sie zu tragen oder hochzuheben. Deshalb hatte sie keine Vergleichsmöglichkeiten. Sie hatte jedoch nicht vergessen, wie sehr man sie in der Schule wegen ihrer üppigen Rundungen verspottet hatte.

Als sie beinah in einen Graben, der unter einer hohen Schneewehe verborgen gewesen war, gefallen wäre, packte Andreas sie wieder am Arm und zog sie neben sich. „Passen Sie doch auf, wohin Sie treten.“

Sie spürte ihre Füße gar nicht mehr und fand es ziemlich schwierig, die Schritte zu kontrollieren. Doch weil es zu der Scheune nicht mehr weit war, versuchte Hope, sich zusammenzunehmen. Prompt stolperte sie wieder. Andreas atmete ungeduldig aus und trug sie die letzten Meter.

„Du liebe Zeit, lassen Sie mich runter“, protestierte Hope sogleich. „Ich bin viel zu schwer für sie …“

„Nein, das sind Sie nicht“, unterbrach er sie. „Wenn Sie hinfallen, brechen Sie sich noch die Knochen.“

„Und den Ärger wollen Sie sich ersparen“, erklärte Hope leise.

Schließlich stellte er sie in der düsteren Scheune, die zur Straßenseite hin offen war, auf den Boden.

Ehe sie begriff, was er vorhatte, hatte er ihr schon den Mantel abgestreift und die Jacke des Hosenanzugs gleich mit. Bestürzt wich sie zurück.

„Wenn Sie den Rest auch noch ausziehen, können Sie meinen Mantel haben“, schlug Andreas vor, zog den schweren Wollmantel aus und reichte ihn ihr.

Hope errötete vor Verlegenheit. Zögernd nahm sie den Mantel entgegen. Aber Andreas hatte natürlich recht. Sie musste die nassen Sachen ausziehen.

„Ich werde versuchen, Feuer zu machen, damit Sie sich wärmen können“, verkündete er. Er hatte vor, sie anschließend allein zu lassen und ein bewohntes Haus zu suchen, um zu telefonieren. Ohne Hope kam er viel schneller weiter.

Vor einer Wand entdeckte sie einen Stapel Holz und stellte sich dahinter. Dann legte sie den Mantel darauf und fing an, sich auszuziehen. Die Hose abzustreifen erwies sich als ziemlich schwierig, denn ihre Finger waren steif vor Kälte. Außerdem war sie bis auf die Haut durchnässt. Sie schaffte es, auch den Pullover über den Kopf zu streifen, und zitterte, als sie in dem feuchten BH, dem feuchten Slip und den Stiefeln dastand. Rasch zog sie den Mantel über, der ihr viel zu groß war und beinah bis zu den Füßen reichte. Das Seidenfutter fühlte sich auf ihrer Haut kühl an, doch der Wollmantel selbst versprach viel Wärme und Schutz. Nachdem sie die Knöpfe zugemacht hatte, kam sie wieder hervor.

Andreas war damit beschäftigt, Holzscheite auf eine kleine Feuerstelle zu stapeln. Wieder einmal war Hope beeindruckt, wie schnell und entschlossen er handelte. Er war sehr erfinderisch und einfallsreich, überlegte nicht lange und beklagte sich nicht, sondern tat, was getan werden musste. Es war ein ausgesprochener Glücksfall, dass sie ausgerechnet ihm in der schwierigen Situation begegnet war.

Sein schwarzes Haar war perfekt geschnitten, und zu dem eleganten und sicher sehr teuren anthrazitfarbenen Anzug trug er ein dunkles Seidenhemd. Auch die Krawatte war aus Seide. Er schien ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann zu sein, mit dem sie normalerweise gar nicht zu reden gewagt hätte.

„Es gibt ein kleines Problem: Ich bin Nichtraucher“, sagte er.

„Oh, da kann ich Ihnen helfen.“ Hope nahm das kleine, billige Feuerzeug aus der Handtasche. „Ich rauche auch nicht. Aber ich dachte, mein zukünftiger Arbeitgeber würde vielleicht rauchen, und ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich hätte etwas dagegen.“

Was für eine seltsame Erklärung, dachte er und betrachtete Hope genau. Überrascht gestand er sich, dass sie sehr attraktiv war. Das lange hellblonde Haar fiel ihr offen über die Schultern und glänzte wie Silber. Ihre Wangen waren gerötet, die Augen strahlten. Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, und in dem viel zu großen und zu weiten Mantel wirkte sie ausgesprochen verführerisch.

„Hier.“ Sie reichte ihm das Feuerzeug.

Andreas bedankte sich mit ernster Miene auf Griechisch. Wieso fühlte er sich eigentlich zu ihr hingezogen? Normalerweise interessierte er sich nur für große brünette Frauen mit langen Beinen, während Hope nur mittelgroß und blond war.

Hope lächelte und bewegte die vor Kälte tauben Zehen. „Sind Sie Grieche?“

„Ja.“ Andreas schützte die winzige Flamme mit der Hand gegen den Wind, der durch die Ritzen in der Wand drang, und zündete das Feuer an. Wahrscheinlich fühle ich mich nur deshalb zu ihr hingezogen, weil ich weiß, dass sie unter dem Mantel fast nackt ist, versuchte er, sich einzureden.

„Ich war bisher nur ein einziges Mal in Griechenland. Es ist wunderschön dort, und ich liebe dieses Land.“ Als Andreas schwieg, fügte sie hinzu: „Sie schüren öfter Feuer, stimmt’s?“

„Nein“, antwortete er spöttisch. „Aber man braucht dazu kein Experte zu sein. So kompliziert ist es nicht.“

Hope errötete. „Ich rede zu viel.“

„Nein. Aber ich bin von Natur aus schweigsam, und Sie sind ein sehr angenehmer Mensch“, versicherte er ihr.

Überrascht lächelte sie und errötete noch stärker. „Meinen Sie das ernst?“

„Ja.“ Er war bestürzt und zugleich gerührt darüber, wie sehr sie sich über das unbedeutende Kompliment freute.

Hope zitterte vor Kälte am ganzen Körper, ohne es zu merken. Als das Feuer brannte, richtete Andreas sich auf. „In der linken Tasche des Mantels ist eine kleine Flasche Brandy. Trinken Sie etwas davon, sonst erfrieren Sie noch.“

Sie zog die Flasche hervor. „Ich trinke keinen Alkohol.“

Er seufzte, ehe er ihr die Flasche aus der Hand nahm und sie öffnete. „Seien Sie vernünftig.“

Hope trank vorsichtig einige kleine Schlucke und fing sogleich an zu husten, als der Brandy ihr warm die Kehle hinunter­rann.

Andreas verschloss die Flasche wieder und sah Hope belustigt an. „Offenbar sind Sie wirklich keinen Alkohol gewohnt.“

Sie atmete tief ein und legte die Arme fest um ihren Körper. „Ich hätte niemals gedacht, dass man so frieren kann“, erklärte sie.

Er nahm ihre Hände und zog Hope langsam zu sich heran. „Stellen Sie sich einfach vor, ich sei eine warme Wolldecke.“

Irritiert blickte sie ihn mit ihren wunderschönen blauen Augen an. „Ich glaube nicht, dass ich …“

„Versuchen Sie es. Es dauert noch einige Minuten, bis Sie sich am Feuer wärmen können. Tragen Sie eigentlich gefärbte Kontaktlinsen?“, fügte er hinzu und bereute sogleich seine alberne Frage.

„Wie bitte? Ich kann mir noch nicht einmal Make-up erlauben.“ Sie zuckte leicht zusammen, als Andreas sie an sich zog und sie seinen muskulösen Körper an ihrem spürte. Plötzlich bekam sie Herzklopfen, und das Atmen fiel ihr schwer.

„Sie brauchen auch keins, denn Ihre Haut ist makellos rein und geradezu perfekt“, antwortete er rau und versteifte sich. Er war sich ihrer üppigen Rundungen viel zu sehr bewusst. Obwohl er sich um Beherrschung bemühte, reagierte sein Körper verräterisch auf die Nähe dieser Frau.

Hope bekam weiche Knie und konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Als sie Andreas’ Blick begegnete, erbebte sie insgeheim. Während er langsam den Kopf senkte, ahnte sie, was gleich geschehen würde, konnte es aber kaum glauben.

Er presste die Lippen voller Verlangen auf ihre. Der Kuss brachte Hope völlig aus dem seelischen Gleichgewicht, und er dauerte endlos lange. Andreas fing an, mit der Zunge das Innere ihres Mundes zu erforschen, und Hope war den Gefühlen, die er in ihr wachrief, hilflos ausgeliefert. Hitze stieg in ihr auf und durchflutete sie. Als sie Atem schöpfen musste, löste sie sich etwas von Andreas.

Er blickte auf sie herab unter halb gesenkten Lidern. „Du liebe Zeit, das hätte nicht passieren dürfen. Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu küssen. Es tut mir leid.“

„Sind Sie verheiratet?“, fragte Hope und hoffte, er würde nicht Ja sagen.

„Nein.“

„Verlobt?“ Jetzt fror sie nicht mehr. Ihr ganzer Körper schien vor Hitze zu glühen und vor lauter Verlegenheit.

Er runzelte die Stirn. „Nein.“

„Dann brauchen Sie sich auch nicht zu entschuldigen.“ Hope wich seinem durchdringenden Blick aus, bemüht, sich wieder in den Griff zu bekommen. Ihre Reaktion auf diesen Mann war für sie so etwas wie eine Offenbarung. Sie fühlte sich sehr verletzlich und war verwirrt. Die Versuchung war groß, die Hände nach ihm auszustrecken. Sie tat es jedoch nicht, sondern drehte sich halb um. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, zu viele Gefühle stürmten auf sie ein und drohten, sie zu überwältigen.

Es war ihr erster richtiger Kuss gewesen, und er hatte sich entschuldigt. Es wäre jedoch unklug, zuzugeben, dass sein Kuss sie beinah umgehauen hatte und er sie gern noch einmal küssen durfte, wenn er wollte. Oh nein, wie komme ich dazu, so etwas zu denken? überlegte sie bestürzt. Mit bebenden Händen breitete sie ihre nassen Sachen auf dem Holzstapel aus.

„Ich habe Sie verärgert“, sagte Andreas leise.

Sie wirbelte herum und sah ihn an. Ihre Augen wirkten wie kostbare Edelsteine, und ihre Wangen waren gerötet. „Nein … ich bin nicht verärgert.“ Sie war alles Mögliche: schockiert und verwirrt über ihre heftige Reaktion, aber nicht verärgert. Zu lange hatte sie sehr zurückgezogen gelebt, es hatte keine Abwechslungen in ihrem Leben gegeben. Es war aufregend, Andreas kennengelernt zu haben, und sie fand ihn so faszinierend, dass sie ihn immer wieder ansehen musste.

„Ich wollte Sie eigentlich hier allein lassen“, erklärte er ruhig und immer noch darum bemüht, sein seltsames Verhalten zu verstehen.

„Warum? Was hatten Sie vor?“, frage Hope bestürzt.

„Ein bewohntes Haus zu suchen, um zu telefonieren. Aber jetzt ist es zu dunkel.“

„Außerdem habe ich Ihren Mantel an. Am besten warten Sie, bis es hell ist.“ Sie blickte hinaus in das Schneetreiben. Man konnte noch nicht einmal mehr die Hecken erkennen, die die Straße säumten. Sie ging näher an das Feuer heran und kniete sich hin, um sich vor den heißen Flammen zu wärmen.

„Erzählen Sie mir doch, wie das Bewerbungsgespräch verlaufen ist“, bat er sie. Ihm war aufgefallen, dass sie seinem Blicken auswich, und er wollte ihr das Unbehagen, das sie offenbar empfand, nehmen. „Was war es für ein Job?“

„Eine ältere Dame suchte eine Gesellschafterin, die bei ihr im Haus wohnen sollte. Doch das Gespräch ist gar nicht zustande gekommen“, erwiderte Hope wehmütig. „Bei meiner Ankunft hat man mir erklärt, eine Verwandte sei ins Haus gezogen, und man brauche niemanden mehr.“

„Hatte man Ihnen den Termin nicht abgesagt und Sie vergeblich kommen lassen?“, fragte er missbilligend.

„Ja. Ich wollte wissen, warum man mich nicht informiert hatte. Aber die Frau, mit der ich gesprochen habe, sagte, sie habe damit gar nichts zu tun, denn sie habe die Anzeige nicht aufgegeben.“ Hope zuckte die Schultern und lächelte. „So ist das Leben.“

„Sie sind viel zu verständnisvoll und nachsichtig“, entgegnete er. „Warum haben Sie sich überhaupt für so eine Stelle interessiert?“

„Weil ich für keine andere Arbeit qualifiziert bin, jedenfalls noch nicht.“ Hope wünschte sich ein Dach über dem Kopf und eine feste Anstellung, erst dann konnte sie Pläne für die Zukunft schmieden. „Ich brauche eine Unterkunft, deshalb wäre es eine ideale Lösung gewesen. Wohin waren Sie unterwegs?“

„Zurück nach London.“

„Warum haben Sie mich geküsst?“, fragte sie plötzlich zu ihrer eigenen Überraschung.

Er sah sie ruhig an. „Warum wohl?“

Sie errötete und betrachtete ihre Hände. „Ich weiß es nicht.“

„Sie sind sehr sexy.“

„Wie bitte?“ Sie blickte verblüfft auf. „Meinen Sie das ernst?“

„Natürlich. Ich kenne mich aus auf diesem Gebiet“, versicherte er ihr, ohne zu zögern.

Hope lächelte. Er war sehr direkt und ehrlich, und das gefiel ihr. Offenbar liebte er die Frauen und hatte schon viele Freundinnen gehabt. Warum auch nicht? Er war ungemein attraktiv, und es mangelte ihm bestimmt nicht an Verehrerinnen. Dass er das ausnutzte, war durchaus verständlich. Dennoch gefiel Hope der Gedanke nicht, und sie verstand sich selbst nicht mehr.

Sie fand es recht bemerkenswert, dass er sie für sexy hielt. Es kam ihr geradezu wie ein Wunder vor, denn sie hatte keine hohe Meinung von sich. Viele Jahre lang hatte sie ihre üppigen Rundungen sogar gehasst und sich gewünscht, sehr schlank zu sein. Nach mehreren Diäten und sportlichen Betätigungen hatte sie natürlich abgenommen, doch so superschlank, wie sie es sich gewünscht hatte, war sie nie geworden.

Und jetzt behauptete Andreas, dieser hinreißend gut aussehende Mann, sie sei attraktiv. Und nicht nur das, er hielt sie für sexy. Dass es kein leeres Gerede war, hatte er ihr bewiesen: Er hatte ihr nicht widerstehen können und sie geküsst. Das hätte sie sich niemals träumen lassen. Wahrscheinlich werde ich ihn mein Leben lang dafür lieben, dass ich mich ein einziges Mal schön und begehrenswert gefühlt habe, überlegte sie. Nach solchen Worten hatte sie sich immer schon gesehnt und war überzeugt gewesen, sie nie zu hören. Ein Traum war in Erfüllung gegangen.

„Was machen Sie beruflich?“, fragte Hope, nur um etwas zu sagen.

„Ich bin im Investmentgeschäft tätig.“ Er kniete sich neben sie.

„Ah ja. Vermutlich sitzen Sie den ganzen Tag am Schreibtisch und prüfen Zahlen. Das ist bestimmt langweilig, aber irgendjemand muss es ja tun.“ Sie sah ihn mit ihren blauen Augen mitfühlend an.

Andreas war stolz auf seine blendende Karriere. Er hatte jedoch viel zu viele Frauen kennengelernt, die Interesse an seinem Beruf heuchelten, nur um ihn zu beeindrucken. Hope hingegen war ganz anders. Er musste lächeln, was er nur sehr selten tat.

„Möchten Sie ein Stück Schokolade essen?“ Hope wühlte in ihrer großen Tasche und zog schließlich eine Tafel Schokolade hervor. Erst in dem Moment fiel ihr sein Lächeln auf. Er ist viel zu charismatisch, dachte sie fasziniert.

„Ja, geben Sie mir die Schokolade, bevor sie schmilzt“, antwortete er lachend und nahm ihr die Tafel, die sie gefährlich nah ans Feuer hielt, aus der Hand. Während er sich ein Stück abbrach, betrachtete er Hopes verführerische Lippen. Er erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, sie zu küssen, und schon regte sich in ihm der Wunsch, sie wieder zu umarmen und an sich zu pressen. Um sich abzulenken, schob er ihr das Stück Schokolade, das er selbst hatte essen wollen, in den Mund.

„Oh …“ Hope schloss überrascht die Augen und ließ die kalte Schokolade auf der Zunge zergehen.

Andreas beobachtete Hope wie gebannt, unfähig, den Blick von ihr abzuwenden. Würde sie genauso reagieren, wenn sie mit ihm im Bett lag? Rasch versuchte er, den Gedanken und das Verlangen, das sie in ihm weckte, zu verdrängen. Seltsamerweise gelang es ihm in Hopes Gegenwart nicht, sich zu beherrschen, obwohl er sich sonst stets unter Kontrolle hatte.

Sie öffnete die Augen wieder. „Für Schokolade würde ich beinah alles tun …“ Sie verstummte, als es in seinen Augen rätselhaft aufleuchtete. Instinktiv wusste sie, dass er sie begehrte. Ohne nachzudenken, presste sie die Lippen auf seine. Andreas zögerte nicht lange und erwiderte ihren Kuss, stürmisch und leidenschaftlich.

„Ich kaufe dir jeden Tag Schokolade“, versprach er ihr schließlich rau.

„So war es nicht gemeint, ich wollte … dich nicht provozieren“, erklärte sie und beschloss, ihn auch zu duzen.

„Das weiß ich.“ Er umfasste ihr Gesicht und sah ihr in die Augen. „Ich finde deine Spontaneität und deine Ehrlichkeit sehr erfrischend.“

„Andere finden mich zu direkt …“

„Das ist mir egal. Ich kenne nicht viele Menschen, die so sind wie du“, gab er zu. „Ich begehre dich so sehr, dass es beinah körperlich schmerzt. Das ist für mich eine völlig neue Erfahrung.“

Hope hatte das Gefühl, auf einmal ein ganz anderer Mensch zu sein. Freude erfüllte sie, und sie kam sich so verführerisch vor wie Kleopatra. Viele Jahre lang hatte sie das Bedauern darüber, dass ihr Leben so eintönig verlief, stoisch unterdrückt. Die geheimen Wünsche und Träume hatte sie hinter einer eher kühlen und sachlichen Fassade verborgen. Doch jetzt brach alles hervor. Andreas kam ihr vor wie die Erfüllung all ihrer Wünsche und Träume.

„Für mich ist es auch neu“, erwiderte sie atemlos.

Er knöpfte den Mantel auf und betrachtete Hope bewundernd. Plötzlich überlegte er irritiert, wieso er es so weit hatte kommen lassen. Aber er wollte und konnte sich nicht von ihr lösen. „Wir müssen den Verstand verloren haben …“

Hope legte die Finger um das Revers seines Jacketts. „Red nicht so viel, sonst verdirbst du alles“, flüsterte sie.

Andreas umarmte sie und zog sie mit sich auf den Boden, ehe er die Lippen über ihren Hals gleiten ließ. „Sag mir, wenn ich aufhören soll …“

Sie erbebte und hatte nicht die Absicht, ihn darum zu bitten. Er sollte nicht aufhören. Die Zweifel und Bedenken, die sich meldeten, verdrängte sie entschlossen. 28 Jahre lang hatte sie auf alles verzichtet. Ein einziges Mal wollte sie alles vergessen und diese eine Nacht mit Andreas genießen.

Er öffnete ihren Spitzen-BH und stöhnte auf, als er ihre vollen Brüste im Schein des flackernden Feuers betrachtete. „Du hast einen herrlichen Körper, er ist geradezu atemberaubend schön.“

Meinte er es ernst, oder war es ein Scherz? Verlegen und hilflos vor Verlangen, sah sie ihn an. Sein bewundernder Blick verriet, dass er es wirklich ernst meinte. Er strich aufreizend über die aufgerichteten Brustspitzen, die ganz hart wurden. Hope hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen, und schmiegte sich an ihn. Innerhalb weniger Sekunden drehte sich für sie alles nur noch um ihn und um das, was er da mit ihr machte.

Als er ihre Brüste und die Brustspitzen mit den Lippen zu liebkosen begann, war es beinah um ihre Beherrschung geschehen. Mit allen Sinnen reagierte sie auf diesen Mann und sehnte sich danach, mit ihm eins zu sein.

„Andreas …“, sagte sie leise und heiser. Endlich berührte er sie da, wo sie unbedingt von ihm berührt werden wollte.

Die Gefühle, die er in ihr weckte, führten sie in eine ihr bisher unbekannte Welt. Nichts war mehr wichtig außer seinen Zärtlichkeiten und dem brennenden Verlangen, das sich in ihr ausbreitete. Sie wand sich erregt hin und her, legte ihm die Arme um den Nacken und die Beine um die Hüften, sie nahm den Duft seiner Haut wahr und genoss es, seinen muskulösen Körper an ihrem zu spüren.

„Ich kann nicht mehr warten“, stieß Andreas rau hervor. Dass er sein starkes Verlangen, seine heftige Erregung in keiner Weise mehr unter Kontrolle hatte, war ihm noch nie zuvor passiert.

Hope war hilflos vor Lust und Verlangen. Er legte sich auf sie und stöhnte auf, als er in sie eindrang. Plötzlich hielt er irritiert inne.

„Bist du noch Jungfrau?“, fragte er schockiert.

„Hör bitte nicht auf“, bat sie ihn leise und klammerte sich an ihn.

Er erfüllte ihr die Bitte. Ein kurzer, stechender Schmerz durchdrang Hope, der jedoch schnell vergessen war, während sie sich von Andreas bis an den Rand der Ekstase führen ließ. Später, als alles vorbei war, fühlte sie sich erstaunlich leicht und beschwingt und sehr, sehr glücklich.

Andreas sah sie lange an, dann hüllte er sie behutsam in seinen warmen Mantel und nahm sie in die Arme. Zärtlich küsste er sie auf die Stirn. „Du bist bezaubernd. Aber du hättest mir sagen müssen, dass ich der erste Mann für dich war.“

„Das ist allein meine Sache“, entgegnete sie leise und barg das Gesicht an seiner Schulter.

„Jetzt ist es auch meine“, versicherte er ihr, während er sacht ihr Kinn umfasste und sie zwang, ihn anzusehen. „In den nächsten Wochen wirst du dich entscheiden, nach London zu ziehen und meine Geliebte zu werden.“

„Warum sollte ich das tun?“, fragte sie, obwohl ihr Herz vor lauter Freude wie wild zu klopfen begann.

Er lächelte und sah dabei atemberaubend attraktiv aus. „Weil ich dich darum bitte und du mir diese Bitte nicht abschlagen kannst.“

Sie lächelte ihn so warm und liebevoll an, wie es ihrem Wesen entsprach.

1. KAPITEL

Beinah zwei Jahre später saß Hope in einem beliebten Londoner Café und wartete auf ihre Freundin Vanessa.

Ihre Gedanken waren jedoch meilenweit entfernt und kreisten um Andreas. Verträumt fragte sie sich, wie sie den zweiten Jahrestag ihres Kennenlernens am besten feiern könnten. Indem sie eine Scheune in einer schneebedeckten Landschaft aufsuchten? Nein, das war keine gute Idee, wie sie sich lächelnd eingestand. Andreas verabscheute Kälte und jede Art von Unbequemlichkeit.

„Entschuldige, dass ich mich verspätet habe“, ertönte in dem Moment Vanessas Stimme. Die attraktive junge Frau mit dem roten Haar und den braunen Augen setzte sich neben Hope und legte die Kameraausrüstung auf den noch freien Stuhl. „Wenn du das Haar noch länger wachsen lässt, wird man sich fragen, ob du Rapunzel spielen willst“, fügte sie hinzu.

Hope sah sie verständnislos an. „Wie bitte?“

„Du weißt schon, das Märchen mit der jungen Frau, die in einen Turm gesperrt wird und ihr langes Haar zum Fenster hinunterlässt, damit jemand es als Leiter benutzen und sie retten kann“, erklärte Vanessa. „Leider war es nicht der schöne Prinz, der zu ihr hinaufgekletterte, sondern die böse Hexe. Deshalb warne ich dich.“

Hope lachte, und sie bestellten sich Kaffee. Sie war an die ironischen Bemerkungen ihrer weltgewandten Freundin gewöhnt. Vanessa war die Tochter eines berühmten Künstlers. Sie hatte die recht schwierige Kindheit relativ unbeschadet überstanden und war eine talentierte und bekannte Fotografin geworden. Aber das eher stürmische Liebesleben ihrer Eltern hatte bei Vanessa Spuren hinterlassen.

„Wie geht es deinem schönen Prinzen?“, fragte sie etwas spöttisch.

In Hopes Augen leuchtete es auf. „Andreas geht es gut. Er ist natürlich sehr beschäftigt, doch er ruft mich sehr oft an, wenn er sich im Ausland aufhält.“

„Das Handy benutzt er anstelle von Ketten und Fesseln“, spottete Vanessa. „Wie du mir erzählt hast, verlangt er eine Erklärung, wenn du es einmal ausgeschaltet hast und er dich nicht erreichen kann.“

„Er will nur wissen, wo ich bin, weil er um mich besorgt ist, das ist alles“, entgegnete Hope. „Weißt du, dass wir in zehn Tagen genau zwei Jahre zusammen sind?“

„Oh, der Mann, der bisher jeder festen Bindung aus dem Weg gegangen ist, stellt einen eigenen Rekord auf. Das wäre der Regenbogenpresse sicher eine Schlagzeile wert. Aber dazu müsste erst einmal bekannt werden, dass es dich in Andreas’ Leben überhaupt gibt. Bisher bist du sein sorgsam gehütetes Geheimnis.“

„Andreas hasst es, Aufmerksamkeit zu erregen, und ihm ist klar, dass ich genauso denke. Ich bin zufrieden damit, sein Geheimnis zu sein.“ Hope war wie er der Meinung, dass die sowieso knapp bemessene Zeit, die sie gemeinsam verbringen konnten, durch nichts gestört werden sollte. „Momentan überlege ich, wie wir diesen Jahrestag feiern sollen.“

„Letztes Jahr hat Andreas den Tag doch einfach ignoriert, oder?“

„Wahrscheinlich war ihm gar nicht bewusst, dass wir schon ein Jahr zusammen waren. Ich hätte nicht erwarten dürfen, dass er sich etwas Besonderes einfallen lässt. Sicher wäre es besser gewesen, ich hätte das Thema direkt angesprochen“, erwiderte Hope reumütig.

„Ist es ihm denn später noch eingefallen?“

Hope schüttelte den Kopf.

„Dann möchte ich dir einen Rat geben“, fuhr Vanessa fort. „Wenn du weiterhin mit Andreas Nicolaidis zusammen sein willst, solltest du in seiner Gegenwart den zweiten Jahrestag eurer Bekanntschaft gar nicht erwähnen.“

„Warum nicht?“

„Weil er vielleicht kalte Füße bekommt, wenn ihm klar wird, dass er schon so lange mit dir zusammen ist. Möglicherweise wird er sich dann sagen, es sei Zeit für einen Wechsel.“

„Was genau soll das heißen?“ Hope blickte die Freundin beunruhigt an.

Vanessa seufzte. „Ich habe das Gefühl, du verschwendest nur deine Zeit mit Andreas. Er war noch nicht einmal an dem Abend anwesend, als du die Auszeichnung nach dem Abschluss des Designerkurses erhalten hast.“

„Sein Flug hatte sich verspätet.“

„Wirklich?“, fragte Vanessa unbeeindruckt. „Er interessiert sich für das, was du machst, nur dann, wenn es ihn direkt betrifft.“

„Andreas ist kein Künstler. Ich kann kaum von ihm erwarten, dass er für die Taschen, die ich entwerfe …“

„Er hat dich bis jetzt weder seiner Familie noch seinen Freunden vorgestellt“, unterbrach Vanessa sie. „Wenn er mit dir ausgeht, dann nur in Restaurants, wo ihn garantiert niemand kennt und er vor der Presse sicher ist. Er bezieht dich nicht in sein Leben ein. Warum verschließt du dich den Tatsachen? Er unterhält dich und behandelt dich wie eine heimliche Geliebte. Mehr bist du für ihn nicht.“

„Nein, das stimmt nicht, er unterhält mich nicht. Ich nehme von ihm nichts an. Okay, ich wohne in seinem Apartment, aber alles andere bezahle ich selbst. Teure Geschenke akzeptiere ich nicht“, verteidigte Hope sich.

„Es geht nicht darum, wie du die Situation einschätzt, sondern wie Andreas sie einschätzt und wie er dich behandelt.“

„Er hat mich gern, und er ist lieb und nett“, wandte Hope angespannt ein.

Vanessa warf ihr kurz einen mitfühlenden Blick zu. Doch Hope wollte kein Mitgefühl. Es verletzte sie in ihrem Stolz.

„Warum sollte er nicht nett zu dir sein? Du tust alles für ihn. Das weiß er, und er nutzt es aus. Von Anfang an hat er die Grenzen festgesetzt, was eure Beziehung betrifft …“

„Nein, das hat er nicht getan. Ich bin mehr für ihn als nur eine Geliebte, sonst wäre ich nicht mit ihm zusammen“, wehrte Hope sich hitzig.

„Okay, er ist zu geschickt, um die Dinge beim Namen zu nennen. Hat er jemals über eine gemeinsame Zukunft gesprochen? Oder über Liebe, Heiraten, Kinder?“

Hope zuckte insgeheim zusammen.

„Du hast das Recht zu erfahren, wie er sich die Zukunft mit dir vorstellt“, fügte Vanessa hinzu. Dann wechselte sie das Thema.

Später wusste Hope nicht mehr, worüber sie danach geredet hatten. Sie wusste nur noch, dass sie oft gelächelt hatte, um ihrer besten Freundin gegenüber nicht den Eindruck zu erwecken, sie sei beleidigt über die offenen Worte. Ehrlicherweise gestand sie sich jedoch ein, dass Vanessas Bemerkungen sie sehr durcheinandergebracht hatten und sie beunruhigten. Immer wieder dachte sie über das Gespräch nach und kam zu dem Schluss, dass ihre Freundin zumindest in gewisser Weise recht hatte.

Noch wenige Stunden zuvor war Hope glücklich und zufrieden mit ihrem Leben gewesen, in dem sich alles um Andreas drehte. Natürlich konnte sie nicht die Freundin dafür verantwortlich machen, dass plötzlich alles anders war. Vanessa hatte ihr nur das aufgezeigt, was sie, Hope, nicht hatte sehen wollen. All die Fragen, die sie bisher erfolgreich verdrängt und Andreas nie zu stellen gewagt hatte, waren wieder wichtig.

Andreas hatte sie noch nie mit nach Griechenland genommen, obwohl er wissen musste, dass sie ihn zu gern einmal in das Land, in dem er geboren war, begleitet hätte. Seine einzige Schwester Elyssa war mit einem Engländer verheiratet und lebte in London. Aber auf Hopes dezente Andeutungen, sie würde sie gern kennenlernen, hatte er nie reagiert. Hope hatte sich nicht erlaubt, darüber nachzudenken, und sich eingeredet, Andreas würde sie mitnehmen, sobald er dazu bereit wäre. Genauso erfolgreich hatte sie sich eingeredet, es beunruhige sie nicht, dass Andreas sie seiner Familie und seinen Freunden noch nicht vorgestellt hatte.

Wahr war auch, dass er nie über eine gemeinsame Zukunft geredet hatte. Nicht ein einziges Mal hatte er erwähnt, er hätte gern Kinder. Und über Gefühle wie Liebe und dergleichen hatte er nur abfällige Bemerkungen gemacht. Deshalb hatte Hope dieses Thema nie angeschnitten.

Als sie die exklusive Dachterrassenwohnung betrat, die ihr Zuhause geworden war, standen Hope Tränen in den Augen. Auch wenn Andreas es nicht eilig hatte, sich zu binden, war sie nicht nur seine Geliebte. Oder etwa doch? Er war von Natur aus zurückhaltend und vorsichtig. Plötzlich tauchten weitere Zweifel auf. Konnte sie wirklich behaupten, sie und Andreas lebten zusammen? Wenn man es genau nahm, taten sie es nicht, denn er besaß immer noch das Stadthaus, in dem er sich hin und wieder aufhielt. Er hatte behauptet, das Penthouse habe er gekauft, weil es in der Nähe seines Büros lag. Seine Verwandten übernachteten in dem Stadthaus, wenn sie nach London kamen, und er schlief immer dann dort, wenn es ihm passte. In dieses Haus hatte er Hope noch nie mitgenommen.

Auf einmal hatte sie das Gefühl, die Basis ihres Glücks würde weggespült wie der Sand am Meer. Sie mochte Andreas sehr und hatte geglaubt, sie hätten eine gute und harmonische Beziehung. Doch Vanessas Bemerkungen hatten Hope verunsichert und sie gezwungen, sich unangenehmen Fragen zu stellen. Hatte sie die Dinge einfach nicht so sehen wollen, wie sie wirklich waren? War sie für Andreas vielleicht nichts anderes als eine geduldige Geliebte, die keine Forderungen und keine Fragen stellte?

Als das Telefon in der riesigen Eingangshalle läutete, zögerte Hope sekundenlang, ehe sie sich meldete.

„Weshalb war dein Handy drei Stunden lang ausgeschaltet?“, wollte Andreas wissen. Er hielt sich geschäftlich in der Schweiz auf. „Wo warst du?“

„Ich war einkaufen und habe mich mit Vanessa getroffen. Leider habe ich vergessen, das Handy einzuschalten“, erwiderte Hope und schluckte, denn es widerstrebte ihr zu lügen.

„Morgen Abend um acht bin ich wieder bei dir. Erzähl mir etwas“, forderte er sie auf. Er machte gerade eine Kaffeepause und wusste, dass sie immer irgendetwas zu berichten hatte. Egal, wo er sich gerade aufhielt, er brauchte sie nur anzurufen, und sogleich fing sie so lebhaft zu plaudern an, dass er sich entspannen konnte. Sie sagte nie ein böses Wort über andere und half sogar völlig Fremden.

Doch jetzt fiel ihr nichts ein. „Was soll ich dir erzählen?“

„Was du willst. Du könntest beispielsweise über das Wetter reden oder über die Leute, denen du im Eingangsbereich des Hauses, auf der Straße oder in den Geschäften begegnet bist“, zählte er auf, ohne zu zögern. „Ich weiß doch, dass dir immer unendlich viel einfällt.“

Hope errötete. War er etwa der Meinung, sie sei eine Schwätzerin? Schon oft hatte sie sich gefragt, was er in ihr sah. Schließlich plauderte sie einfach drauflos. Mit ihren Gedanken war sie jedoch woanders. Sie betrachtete sich in dem Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Besonders attraktiv fand sie sich nicht. Wie konnte ein Mann wie Andreas sich überhaupt ernsthaft für sie interessieren? Nein, so etwas darf ich gar nicht denken, ermahnte sie sich und drehte sich entschlossen um. Ihre Selbstzweifel durften sie nicht dazu verleiten, sich in die Küche und auf alles Essbare zu stürzen, um sich zu trösten.

Nach dem Gespräch mit Hope runzelte Andreas die Stirn. Worüber hatte Hope sich aufgeregt? Was hatte ihr die Stimmung verdorben? Normalerweise war sie nicht launisch, sondern bemerkenswert ausgeglichen und fröhlich. Wenn etwas sie bedrückte, sprach sie sogleich mit ihm darüber und fragte ihn um Rat. Was war geschehen? Weshalb wollte sie dieses Mal nicht mit ihm reden?

Obwohl sie es glücklicherweise nicht ahnte, ließ er sie rund um die Uhr diskret überwachen, natürlich nur zu ihrem eigenen Schutz. Wie so viele andere reiche Leute hatte auch er schon mehrfach Morddrohungen erhalten. Aus Angst, auch Hope könne in Gefahr schweben, hatte er einen Sicherheitsdienst beauftragt, sie rund um die Uhr zu überwachen. Er hatte die Absicht gehabt, es ihr zu sagen. Aber dann hatte er es sich anders überlegt, um sie nicht zu beunruhigen. Sie war freundlich, aufgeschlossen und vertrauensselig und sah immer nur das Gute im Menschen. Und so sollte es bleiben. Deshalb hatte er sich entschlossen, sie in Unwissenheit zu lassen. Er dachte kurz daran, den Sicherheitsdienst anzurufen und nachzufragen, wo sie gewesen sei und wen sie getroffen habe. Das hieße, die Situation ausnützen, doch er respektierte ihr Privatleben. Sein Ärger darüber, dass Hope ihm zum ersten Mal Anlass zur Sorge und Beunruhigung gegeben hatte, löste sich jedoch nicht auf. Nach der kurzen Pause setzte Andreas die Besprechung fort, zerstreut und unfreundlich seinen leitenden Mitarbeitern gegen­über.

Hope stand vor dem Kleiderschrank und überlegte, was sie anziehen sollte. Für Andreas machte sie sich immer besonders sorgfältig zurecht. Was sie sah, gefiel ihr nicht. Plötzlich wurde ihr so schwindlig, dass sie sich auf die Bettkante setzen musste. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich so fühlte. In den letzten Wochen war es immer wieder passiert. Sie erklärte es sich damit, dass sie sich von der Virusgrippe im Herbst noch nicht wieder völlig erholt hatte. Wegen so einer Kleinigkeit wollte sie jedoch nicht zum Arzt gehen.

In einer Stunde würde Andreas zurückkommen, und Hope war schon ganz aufgeregt. Sie weigerte sich, sich weiterhin mit Vanessas pessimistischen Vorhersagen herumzuquälen. Wahrscheinlich wollte sie damit nur erreichen, dass ich vorsichtig bin, dachte Hope. Nach schlechten Erfahrungen war Vanessa Männern gegenüber grundsätzlich misstrauisch. Außerdem kannte sie Andreas gar nicht und wusste nicht, was für ein wunderbarer Mensch er war.

Andreas hielt die Medien nach Möglichkeit von sich fern und war sehr darauf bedacht, seine Privatsphäre zu schützen. Hope geriet nicht so leicht in Wut, war jedoch sehr verärgert gewesen, als einige Zeitschriften ältere Fotos von Andreas veröffentlicht und ihn als rücksichtslosen, gefühllosen Frauenhelden und harten Geschäftsmann bezeichnet hatten. Hatte Vanessa vielleicht diese Artikel gelesen und sich davon beeinflussen lassen?

Während Hope sich das Haar bürstete, dachte sie immer noch über Andreas nach. Er war stark, großzügig und leidenschaftlich – und in beinah jeder Hinsicht ihr Traummann. Obwohl Städtereisen ihn langweilten, war er mit ihr nach Paris und Rom geflogen, damit sie diese wunderschönen Städte kennenlernen konnte. Und wenn sie deprimiert gewesen war und Hilfe gebraucht hatte, war er für sie da gewesen. Sie liebte ihn von ganzem Herzen und aus vielen Gründen. Hatte sie auch etwas an ihm auszusetzen? Nein, darüber wollte sie nicht nachdenken. Sie wollte sich ihre Vorfreude und die gute Stimmung nicht verderben.

Vom Flughafen aus rief Andreas sie an.

„Ich zähle schon die Minuten, bis du bei mir bist“, sagte sie wahrheitsgemäß.

Als er in der Stadt im Stau stand, rief er noch einmal an.

„Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie sehr ich dich vermisst habe?“, fragte er bei dem letzten Anruf. Da hatte er den Wagen schon in der Tiefgarage abgestellt und stieg gerade in den Aufzug, um nach oben in die Wohnung zu fahren.

Hope konnte es kaum erwarten, ihn wieder zu sehen. Als sie ihn endlich erblickte, war sie zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Sie bekam weiche Knie und lehnte sich gegen die Wand. Alles an Andreas gefiel ihr: sein dunkles Haar, sein markantes Gesicht, der muskulöse Körper und seine faszinierende Ausstrahlung. Er war atemberaubend attraktiv, und bei seinem Anblick klopfte ihr immer noch das Herz zum Zerspringen.

Er trat die Tür hinter sich zu und nahm Hope in die Arme. Einen herrlichen Augenblick lang genoss sie es, ihn zu fühlen und zu spüren. Sie nahm den ihr so vertrauten Duft seines Aftershave wahr und flüsterte dann atemlos: „Andreas …“

„Wenn du mich auf den Geschäftsreisen mal begleiten würdest, könnten wir mehr Zeit zusammen verbringen.“ Seine Stimme klang rau, und er sah Hope mit seinen goldbraunen Augen aufmerksam an. „Denk darüber nach. Du könntest doch deine künstlerischen Ambitionen eine Zeit lang ruhen lassen.“

Ich möchte meine Unabhängigkeit nicht verlieren, dachte sie schuldbewusst. Die Vorstellung, öfter mit Andreas zusammen zu sein, war verlockend. „Ich weiß nicht …“, begann sie unsicher.

Er nahm ihre Hände und presste Hope mit seinem Körper an die Wand. Momentan war er damit zufrieden, dass er ihr etwas zum Nachdenken gegeben hatte. Jetzt wollte er sie nur besitzen, sonst nichts. Er küsste sie leidenschaftlich, und sie reagierte genauso leidenschaftlich. Sie klammerte sich an ihn und hatte das Gefühl, süchtig zu sein nach seiner Nähe. Die Erregung, die er in ihr weckte, schien all ihre Sinne zu durchdringen. Besitzergreifend ließ er die Hände über ihre Hüften gleiten und presste Hope so fest an sich, dass sie seine heftige Erregung deutlich spürte.

Sie stöhnte auf und konnte es kaum erwarten, mit ihm eins zu sein. Als sie sich von seinen Lippen löste, um Luft zu holen, fiel ihr etwas ein. „Dein Handy …“, flüsterte sie.

Andreas versteifte sich.

„Ich oder das Handy“, fügte sie zögernd hinzu.

Er zog das Handy aus der Tasche des Jacketts, schaltete es aus und legte es auf den Tisch in der Eingangshalle. Dann küsste er Hope wieder voller Verlangen, ehe er sich zurückzog. „Zur Abwechslung beherrschen wir uns einmal und machen es nicht gleich schon hier.“

Benommen vor Erregung, nickte Hope.

Entschlossen dirigierte er sie ins Schlafzimmer. „Wenn ich schon auf mein Handy verzichte, musst du mich dafür entschädigen, mein Liebling.“

„Oh …“ Sie sah ihn an. Ihre Lippen fühlten sich heiß und geschwollen an nach Andreas’ leidenschaftlichen Küssen, und sie war ganz schwach auf den Beinen. In seinen Augen blitzte es voller Verlangen auf.

Er betrachtete sie zufrieden, ehe er den Reißverschluss ihres türkisfarbenen Kleides öffnete und es ihr abstreifte. Als sie in dem Spitzen-BH und dem winzigen Slip vor ihm stand, konnte er sich kaum noch beherrschen. „Du bist einfach großartig“, stellte er bewundernd fest.

Sie errötete und bekam Herzklopfen, während Andreas sie anlächelte. Dann hob er sie hoch und legte sie auf das Bett. „Bleib bitte da liegen“, forderte er sie auf.

„Ich habe auch nicht vor wegzugehen“, erwiderte sie leise und sah ihm zu, wie er das Jackett abstreifte.

Er ist ungemein sexy, dachte sie und kam sich seltsam hilflos vor ihren Gefühlen für Andreas gegenüber. Sie gestand sich ein, dass es sie immer noch verlegen machte, nackt dazuliegen und seinen Blicken ausgeliefert zu sein. Obwohl sie nicht so freizügig aufgewachsen war, hatte sie, nachdem sie Andreas kennengelernt hatte, die früheren Verhaltensweisen nicht nur über Bord geworfen, sondern sogar vergessen. Aber bedeutete sie ihm überhaupt etwas? Oder war das, was sie verband, für ihn nichts Besonderes?

„Denkst du an mich, wenn du auf Geschäftsreisen bist?“, fragte sie unvermittelt.

Er hatte gerade sein Hemd aufgeknöpft und beugte sich über sie. „Nach zwei Wochen ohne Sex?“, neckte er sie und lachte. „In der vergangenen Woche habe ich jede Minute mindestens einmal an dich gedacht.“

Wieder errötete sie. Sie war verletzt und enttäuscht darüber, dass er es so wörtlich genommen hatte. „So habe ich es nicht gemeint.“

Andreas zog sie an sich und sah sie mit arroganter Miene an. „Stell einem Griechen keine Fangfragen“, warnte er sie. „Du bist meine Geliebte. Natürlich denke ich an dich.“

Dann küsste er sie, und ihr Unbehagen wich verzehrendem Verlangen. Die zwei Wochen ohne Andreas waren ihr wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen. Ihre Zweifel, ob er es wirklich ernst mit ihr meinte, waren verflogen. Sie wollte von ihm leidenschaftlich geliebt werden und sich ihm hingeben. Als er ihre Brüste liebkoste, stöhnte sie auf. Und als er die aufgerichteten Brustspitzen mit der Zunge streichelte, wand sie sich hin und her und verlor vollends die Kontrolle.

Ihr Herz raste, ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Andreas wusste genau, wie er sie erregen konnte. Mit seinen aufreizenden Liebkosungen steigerte er ihr Verlangen ins Unerträgliche. Hope gab sich ganz ihren leidenschaftlichen Gefühlen hin.

„So stelle ich mir dich am liebsten vor“, sagte Andreas leise und zufrieden. „Du bist außer dir vor Lust. Und diese Lust bereite ich dir.“

Er drang kraftvoll in sie ein, sie ließ sich mitreißen von dem Strudel ihrer leidenschaftlichen Gefühle, glaubte, darin zu versinken. Schon bald fand ihr Körper die ersehnte Erfüllung, doch ihre emotionale Sehnsucht blieb unerfüllt. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, liefen ihr Tränen über die Wangen.

Andreas rollte sich auf den Rücken und zog Hope auf sich. Dann strich er ihr sanft das Haar aus dem Gesicht und streichelte ihr die Wangen. „Was ist los?“, fragte er.

„Nichts“, behauptete sie und schluckte. „Ich weiß nicht, warum ich weine. Es ist dumm.“

Er ahnte nichts Gutes und spürte, dass etwas nicht stimmte. Als sie das Gesicht an seiner Schulter barg, fuhr er ihr liebevoll übers Haar, ehe er die Arme um sie legte. Er musste nur Geduld haben, dann würde sie ihm sagen, was sie bedrückte. Hope konnte wichtige Dinge nicht für sich behalten, und sie hatte sich ihm bisher immer anvertraut.

„Es tut mir leid. Ich bin momentan ziemlich sentimental, weil wir bald unseren zweiten Jahrestag haben“, flüsterte sie schließlich.

„Unseren zweiten Jahrestag?“, wiederholte er erstaunt.

„Weißt du nicht, dass wir in wenigen Tagen schon zwei Jahre zusammen sind?“ Sie hob den Kopf und lächelte ihn glücklich an. „Ich möchte den Tag feiern.“

Zwei Jahre? überlegte er und kniff die Augen zusammen. Seine reglose Miene verriet nicht, wie verblüfft er war. War er wirklich schon zwei Jahre mit Hope zusammen? Er war entsetzt darüber, dass es ihm nicht aufgefallen war. Es gab viele Ehen, die keine zwei Jahre hielten. Wie konnte es geschehen, dass Hope so etwas wie ein fester Bestandteil seines Lebens geworden war? Erstaunlich unauffällig hatte sie sich in seinen Alltag eingefügt. Sie war einfach da, ohne sich an ihn zu klammern. Es kam ihm so vor, als hätte sie sich um ihn gerankt wie der Efeu um einen Baum. Nein, das war kein guter Vergleich. Wann hatte er zuletzt mit einer anderen Frau geschlafen? Sogleich bekam er Schuldgefühle und verdrängte den Gedanken. Er war Hope treu gewesen, was er selbst kaum glauben und sich nicht erklären konnte. Jedenfalls hatte sie seine persönliche Freiheit unterminiert, und er hatte sich von ihr einengen lassen, ohne es zu merken. Plötzlich ärgerte er sich und sah in Hope seine Gegnerin.

„Ich feiere keine Jahrestage mit Frauen“, erklärte er kühl. „Für solchen sentimentalen Unsinn bin ich nicht zu haben.“

Sie wagte kaum zu atmen und hätte ihm am liebsten die Finger auf die Lippen gelegt, um ihn zum Schweigen zu bringen. Es wäre mir unerträglich, wenn Vanessa recht behielt, dachte sie. Dennoch wollte sie das Thema nicht fallen lassen. „Für mich ist es aber etwas Besonderes, dass wir schon so lange zusammen sind.“

Andreas zuckte die Schultern und schob Hope von sich. „Wir verstehen uns gut, und das weiß ich zu schätzen. Es ist jedoch nicht angebracht, in diesem Zusammenhang etwas zu feiern. Darum geht es gar nicht.“

Hope war schockiert. Eine Welt stürzte für sie ein. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung stand Andreas auf und ging ins Badezimmer. Sie blieb wie erstarrt liegen. Der Mann, den sie liebte, hatte sich vor ihren Augen in einen völlig Fremden verwandelt, vor dem sie sich fürchtete. Sein Blick hatte hart gewirkt, seine Stimme kühl und unbeteiligt geklungen, und er hatte sie, Hope, weggeschoben. Schließlich stand sie auch auf und wollte den eisblauen Morgenmantel überziehen, der auf dem Stuhl lag. Aber ihr wurde schwindlig, und sie musste sich wieder hinsetzen. Vielleicht habe ich eine Ohrenentzündung, durch die das Gleichgewicht gestört wird, überlegte sie.

Er wisse es zu schätzen, dass sie sich gut verstanden. Was wollte er damit ausdrücken? Er sei nicht zu haben für sentimentalen Unsinn, wie er es nannte. Offenbar war es ihm egal, dass er sie mit solchen Bemerkungen verletzte. Er musste sich ihrer sehr sicher sein, sonst hätte er den Vorschlag, den Jahrestag zu feiern, nicht kategorisch abgelehnt. Hope biss sich auf die Lippe. Furcht erfasste sie, und sie zog den Morgenmantel über. Doch auf einmal gewannen Ärger und Zorn die Oberhand. Andreas hätte auf ihre harmlose Bemerkung nicht so hart und verletzend zu reagieren brauchen.

Ärgerlich und frustriert, ließ Andreas das warme Wasser über seinen Körper laufen. Normalerweise hätte er noch länger neben Hope im Bett gelegen. Aber er war über ihre Worte so überrascht gewesen, dass er so taktlos reagiert hatte. Ihre unver­bindliche Beziehung war beinah so perfekt, wie er es sich nur wünschen konnte. Hope verlangte nichts von ihm und war offen­bar damit zufrieden, ihn glücklich zu machen. Und das schaffte sie immer wieder, wie er sich eingestand. Er wollte sie nicht verlieren. Doch was sollte er mit einer Frau anfangen, die offenbar nicht wusste, dass sie nur seine Geliebte war? Sie wollte den Jahrestag feiern, als wäre sie seine Frau. Du liebe Zeit, was dachte sie sich dabei?

Wahrscheinlich hat ihre seltsame Freundin Vanessa sie beeinflusst, sagte er sich ärgerlich. War diese Frau dafür verantwortlich, dass Hope auf einmal nicht mehr zufrieden war? Einige Male hatte sie ihm erzählt, was für bissige Bemerkungen Vanessa über Männer machte. Und er hatte den Eindruck gewonnen, Hopes beste Freundin würde ihm gern irgendetwas antun, wenn sie nur könnte.

Er war empört darüber, dass seine Beziehung mit Hope so falsch beurteilt wurde. Er behandelte sie gut, und darauf war er stolz. Er sorgte gut für sie, und sie war glücklich. Warum wohl? Weil er alle Widrigkeiten von ihr fernhielt und ihr half, ihre Träume zu verwirklichen. Vor 18 Monaten hatte er seinen Einfluss geltend gemacht, damit sie an der Akademie für Kunsthandwerk an einem Designerkurs teilnehmen konnte. Das ahnte sie natürlich nicht. Aber sie hatte es ihm zu verdanken, dass sie den Kurs erfolgreich abgeschlossen hatte und jetzt modische Handtaschen entwerfen konnte, die seiner Meinung nach keine Frau kaufen würde. Darauf kam es jedoch nicht an, sondern nur darauf, dass Hope glücklich war. Zumindest war sie es bis vor Kurzem gewesen.

Während er sich abtrocknete, kam Hope ins Badezimmer. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen, und sah ihn mit ihren blauen Augen an. „Wenn du unseren Jahrestag nicht feiern willst, können wir doch etwas anderes machen an dem Tag, oder?“

Andreas versteifte sich. Sein schwarzes Haar war nach dem Duschen noch feucht, und auf seiner gebräunten Haut schimmerten Wassertropfen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie das Thema wieder aufgreifen würde, und zog die Augenbrauen zusammen. „Ich verstehe nicht, was du meinst.“

Hope hatte einen Kloß im Hals und war den Tränen nahe. „Ich möchte gern wissen, ob es das war.“

„Erklär mir das bitte“, forderte er sie kühl auf und blickte sie aufmerksam an. Wollte sie etwa die Beziehung beenden? Nein, das konnte er sich nicht vorstellen.

„Du hast einmal gesagt, alles sei fließend und würde sich ständig verändern, sonst würde es langweilig werden“, erinnerte sie ihn unsicher. „Aber in den letzten zwei Jahren hast du dich überhaupt nicht verändert, wie es scheint.“

In Zukunft werde ich mit solchen Weisheiten vorsichtiger umgehen, nahm er sich sogleich vor.

Hope sprach nur das aus, was sie empfand. Sie hatte sich keine Strategie zurechtgelegt, und ihre Worte dienten keinem bestimmten Zweck. Seiner Gleichgültigkeit und seiner Distanz war sie sich allzu sehr bewusst, und sie versuchte verzweifelt zu verstehen, was momentan mit ihnen geschah. Sie musste unbedingt wissen, woran sie mit dem Mann, den sie liebte, war. Deshalb fuhr sie trotz der Angst, die sie erfasste, leise fort: „Was ist mit uns? Wohin führt das alles?“

Andreas konnte kaum glauben, dass sie ihn mit solchen Fragen konfrontierte. Er streckte die Hände aus und zog Hope an sich, ehe er sie so innig küsste, dass sie erbebte. Schließlich löste er sich von ihren Lippen und hob den Kopf. „Gehen wir wieder ins Bett?“

Es war wie ein Schlag ins Gesicht, und Hope schämte sich sehr, weil sie sich so leicht hatte ablenken lassen. „Ist das deine Antwort? Ich möchte in jeder Hinsicht zu deinem Leben gehören und nicht nur deine Bettgefährtin sein“, entgegnete sie schmerzerfüllt.

In seinen Augen blitzte es ärgerlich auf, und er machte eine abwehrende Handbewegung. „Du gehörst doch zu meinem Leben.“

„Warum hast du mich dann deinen Freunden noch nicht vorgestellt?“ Ihre Stimme wurde lauter, obwohl Hope sich bemühte, ruhig zu bleiben. „Schämst du dich meiner?“

„Ich möchte dich ganz für mich allein haben, Liebes. Dafür werde ich mich nicht entschuldigen“, antwortete er. „Beruhige dich. Du bist ja hysterisch.“

„Nein, das stimmt nicht. Wir streiten uns, das ist alles.“

„Ich habe aber keine Lust zu streiten.“

„Ist das auch etwas, was du nie tust?“ Sie war selbst schockiert über ihren Mut und wich zurück. Dabei stieß sie mit der Hüfte gegen die Kante des Badezimmerschranks und verzog das Gesicht.

„Hast du dich verletzt?“, fragte er mit besorgter Miene.

Plötzlich läutete das Telefon im Schlafzimmer. Andreas fluchte auf Griechisch leise vor sich hin. Hope hingegen war froh über die Ablenkung. Sie eilte aus dem Badezimmer, um den Anruf entgegenzunehmen.

„Ich will mit Andreas sprechen“, verlangte Elyssa Southwick mit gebieterischer Stimme.

„Einen Moment bitte“, erwiderte Hope schroff.

Wenn Elyssa ihren älteren Bruder nicht über das Handy erreichen konnte, rief sie direkt hier in der Wohnung an. Sie und Andreas standen sich sehr nah, denn sie war noch ein Teenager gewesen, als ihre Eltern gestorben waren. Auch jetzt noch, mit Mitte 20, brauchte sie immer wieder seinen Rat und seine Hilfe. Offenbar ahnte Elyssa nicht, wer Hope war, denn sie behandelte sie am Telefon wie eine Hausangestellte.

Während Andreas sich mit seiner Schwester auf Griechisch unterhielt, betrachtete er Hope aufmerksam. Sie wirkte sehr zerbrechlich, sah ihn nicht an und hatte die Lippen zusammengepresst. Er ärgerte sich über sie. Warum tat sie ihm und sich so etwas an? Da sie seit vielen Monaten in einem Abendkurs Griechisch lernte, um ihn damit zu überraschen, verstand sie zumindest so viel, dass sie wusste, worum es ging. Elyssa erinnerte ihren Bruder an die Party in der nächsten Woche. Schließlich verließ Hope den Raum.

Natürlich war sie nicht mit eingeladen. Andreas hatte keine Eile, sie seinen Verwandten und Freunden vorzustellen. Wollte er wirklich nur Sex mit ihr haben, unkomplizierten Sex, weil sie dumm genug gewesen war, auf dieser Basis mit ihm zusammenzuleben und zwei Jahre damit zufrieden zu sein? Aber er hatte ihr nie etwas anderes versprochen, und sie hatte nie den Mut aufgebracht, ihn um mehr zu bitten. Wie konnte sie sich da beschweren?

Am liebsten hätte sie geweint vor Schmerz und Qual und erschrak über die Heftigkeit ihrer Gefühle. Doch in Andreas’ Gegenwart durfte sie nicht zusammenbrechen. Deshalb bemühte sie sich, die beunruhigenden Gedanken zu verdrängen.

Die Zweifel und Ängste ließen ihr jedoch keine Ruhe. Für Andreas war es ganz normal, immer wieder mit ihr zu schlafen. Er war ein leidenschaftlicher Mann und konnte von Hope nicht genug bekommen. Da er viel arbeitete und oft geschäftlich unterwegs war, brauchte er eine Frau, die sich mit einer eher unromantischen Beziehung und wenig Aufmerksamkeit zufriedengab. In dieser Hinsicht passe ich wirklich gut zu ihm, überlegte sie. Sie wollte unabhängig sein und bleiben und machte Andreas keine Vorwürfe, wenn er spät nach Hause kam oder keine Zeit für sie hatte. Dass sie in seinem Leben nicht die Hauptrolle spielte, hatte sie akzeptiert.

Und warum? Andreas war ganz anders als sie und so, wie sie nie würde sein können. Obwohl Hope ein gesundes Selbstbewusstsein besaß, ignorierte und vergaß sie nicht, dass Andreas ihr überlegen war. Er war ein attraktiver, weltgewandter Mann und kam aus einer privilegierten und ungemein reichen Familie. Er war verwöhnt, konnte sich alles leisten und sich jeden Wunsch erfüllen. Einmal war er sogar mit Hope in den Süden geflogen, nur um drei Stunden mit ihr am Strand zu verbringen. Er war sehr gebildet und überaus intelligent. Außerdem war er ein Perfektionist, erreichte alles, was er erreichen wollte, war jedoch nur selten mit dem Ergebnis zufrieden, auch wenn es noch so positiv war.

Hope hingegen war von durchschnittlicher Intelligenz und durchschnittlichem Aussehen. Wie hatte sie davon träumen können, er würde sich vielleicht eines Tages in sie verlieben oder ihr sogar einen, wie sie es nannte, sicheren Platz an seiner Seite anbieten? Sie liebte Andreas sehr, und das war ein Nachteil, wie sich jetzt herausstellte.

Entschlossen hob sie den Kopf, so als wollte sie sich selbst Mut machen. Andreas schien mit der Situation zufrieden zu sein, aber sie musste gründlich darüber nachdenken, ob sie so weitermachen wollte wie bisher, obwohl es für sie beide keine gemeinsame Zukunft gab. Ihr verkrampfte sich der Magen bei dem Gedanken, Andreas zu verlassen. Doch wenn sie für ihn nur eine Bettgefährtin war, hatte sie keine andere Wahl.

War es möglich, dass sie den falschen Zeitpunkt gewählt hatte, um mit Andreas über ein Thema zu reden, das ihm offenbar nicht behagte? Vielleicht hatte das Wort „Jahrestag“ bei ihm negative Assoziationen hervorgerufen. Oder war vielleicht ihre Reaktion auf die Ängste und Befürchtungen übertrieben, die sie bisher ignoriert hatte? Nur weil Vanessa ähnliche Bedenken geäußert hatte, war Hope jetzt so sehr beunruhigt.

Zum ersten Mal gab es Streit oder eine Auseinandersetzung zwischen ihr und Andreas, und sie setzte die Beziehung aufs Spiel. Sie ballte die Hände zu Fäusten, während ihr Tränen in die Augen traten. Was war plötzlich mit ihr los? Sie weinte normalerweise nur sehr selten. Alle möglichen Gefühle stürmten auf sie ein, und sie war erschreckend gereizt. Beinah hätte sie Andreas sogar angeschrien. Sie atmete langsam und tief durch, um die frühere Ruhe und Gelassenheit zurückzugewinnen.

„Hope …“ Andreas entdeckte sie am Fenster des luxuriös ausgestatteten Wohnzimmers. Außer einem Slip hatte er nichts an und sah ungemein sexy aus. Er kam auf sie zu, nahm ihre Hände und zog Hope an sich. Mit bekümmerter Miene erwiderte sie seinen Blick. „Was hältst du davon, mich nächste Woche auf die Party meiner Schwester zu begleiten?“

Sie war überrascht, doch zugleich auch überwältigt von Freude und Erleichterung. „Meinst du das ernst? Ich würde gern mitkommen“, erwiderte sie glücklich und mit strahlendem Lächeln.

Die Situation hat sich entspannt, es war die richtige Entscheidung, dachte er. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, das Wochenende in Paris zu verbringen, wäre er seinem Prinzip, nie einen Jahrestag zu feiern, untreu geworden. Unter den vielen Gästen auf Elyssas Party würde Hope kaum auffallen. Doch das war belanglos. Es gab keinen Grund, warum Hope ihn nicht be­gleiten sollte, aber er wollte es nicht zur Gewohnheit werden lassen.

Irgendwann müsste er heiraten und einen Sohn und Erben bekommen. Das war er sich und seiner Familie schuldig. Deshalb wäre es klug, diskret zu sein und deutlich zu unterscheiden zwischen öffentlichen Auftritten und dem Privatleben. Zu oft durfte er sich nicht mit Hope zeigen. Sie würde verletzt sein, das war ihm klar.

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