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JULIA EXKLUSIV BAND 243

SARA CRAVEN

Die Braut des Millionärs

Schon bei seiner ersten Begegnung mit Helen wird Marc klar: Noch nie hat er eine Frau so begehrt wie die junge Engländerin! Doch sie scheint nur an seinem Geld interessiert zu sein, das sie braucht, um den Familiensitz zu retten. Also: Zweckehe ja, Liebesheirat nein? Um die Wahrheit herauszufinden, muss er Helen näher kennenlernen – sehr viel näher …

SUSAN STEPHENS

Sinnliche Nächte im Inselparadies

Konstantin Zagorakis traut seinen Augen nicht. Ist diese atemberaubende Frau vor ihm wirklich Lisa Bond, die sonst so kühle Geschäftsfrau? Bislang hatte er nur die Übernahme ihres Konzerns im Sinn. Doch hier auf der einsamen Insel hat er plötzlich gar keine Lust mehr, geschäftliche Interessen zu verfolgen, sondern nur noch private …

LIZ FIELDING

Mein Herz schlägt wie verrückt

Die schöne TV-Köchin Cassie ist außer sich. Erst will dieser Nick Jefferson, den Kochen garantiert nicht interessiert, ein Autogramm von ihr – und dann zieht er sie einfach in seine Arme und küsst sie auch noch frech! Am liebsten würde Cassie ihn auf der Stelle ohrfeigen! Wenn nur ihr Herz nicht so unvernünftig klopfen würde …

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Die Braut des Millionärs

1. KAPITEL

Noch nie in ihrem Leben war Helen so nervös gewesen.

Die nüchternen Räumlichkeiten machten die Sache nicht gerade besser. Noch dazu war dies die Londoner Zentrale von Restauration International, einer Gesellschaft zur Erhaltung historischer Bauwerke. An so einem Ort hätte Helen Holzvertäfelungen und Gemälde an den Wänden erwartet, antikes Mobiliar und vielleicht einen Perserteppich. Eben alles, was den Charme vergangener Epochen ausstrahlte.

Stattdessen war sie von einer hochnäsigen Empfangsdame in diesen Käfig aus Glas und Chrom verbannt worden. Nur ein Wasserspender leistete ihr Gesellschaft, während die Minuten quälend langsam verstrichen.

Dass ihr Sessel, ein kunstvolles Geflecht aus grobem Leinen, überraschend bequem war, konnte ihre Unruhe nicht lindern. Nicht in einer so schicksalsträchtigen Situation wie dieser.

Ihre Finger schlossen sich fester um den Griff ihrer Aktentasche. In Gedanken ging sie noch einmal die Argumente durch, die sie dem Direktorium vortragen wollte.

Diese Leute sind meine letzte Hoffnung, dachte sie verzweifelt. Alle anderen Möglichkeiten waren bereits ausgeschöpft. Diesmal musste sie Erfolg haben!

Ungeduldig stand sie auf, ging zum Wasserspender und füllte einen der Pappbecher. Sofort reagierte die Überwachungskamera. Bei der Vorstellung, dass ein unsichtbarer Beobachter jeden ihrer Schritte kontrollierte, verfinsterte sich Helens Miene.

„Du musst wie eine seriöse Geschäftsfrau aussehen“, hatte ihre Freundin Lottie ihr vor dem Treffen geraten. „Also lass bitte die ewigen Jeans zu Hause, und zieh einen Rock an. Vergiss nicht – du gehst zu einer Präsentation und nicht zum Ausmisten. Außerdem hast du sehr viel Hilfe bekommen“, fügte sie gespielt streng hinzu, „also verpatz es nicht.“

Damit hatte Lotti recht: Freunde, Nachbarn wie Bekannte waren erstaunlich hilfsbereit gewesen. Mit viel Engagement hatten sie ihr bei der Formulierung des Antrags geholfen und spontane Anstreich- und Gartenaktionen veranstaltet, um die Fassade und die Außenanlagen einer raschen Schönheitskur zu unterziehen. Lottie hatte sogar ein Video über Monteagle gedreht.

Jetzt hing alles von ihr ab, darüber war sich Helen im Klaren. Dem Rat ihrer Freundin folgend, trug sie ihren guten grauen Rock mit einer schlichten weißen Bluse und einem schwarzen, nicht mehr ganz neuen Blazer. Sie hoffte, dass niemand ihrer bescheidenen Garderobe allzu viel Aufmerksamkeit schenken würde.

Ihr hellbraunes Haar, das dringend einen neuen Schnitt und ein neues Styling gebraucht hätte, war mit einem schwarzen Samtband im Nacken zusammengebunden. Zierliche silberne Stecker schmückten ihre Ohrläppchen.

Viel gab es ihrer Meinung nach nicht an ihrem Erscheinungsbild auszusetzen. Am liebsten hätte sie ihrem unsichtbaren Beobachter mit dem Wasserglas zugeprostet.

Scheinbar gelassen, als müsste sie sich keine Sorgen wegen des bevorstehenden Gesprächs machen, kehrte sie zu ihrem Platz zurück.

Es geht nur um mein Leben, dachte sie bedrückt. Alles, was ihr wichtig war, lag nun in fremden Händen.

Außer Nigel, natürlich.

Irgendwie musste sie das Gremium davon überzeugen, Monteagle zu erhalten, und den Anwesenden klarmachen, dass sie nicht tatenlos zusehen würde, wie das Anwesen verkam – oder schlimmer noch, wie es Trevor Newson in die Hände fiel.

Bei dem Gedanken an das feiste, selbstzufriedene Gesicht dieses Mannes, der den Sieg schon fest in der Tasche zu haben glaubte, schüttelte es Helen. Ihr verhasster Widersacher zählte sicher jetzt schon die Tage, bis er Monteagle in einen mittelalterlichen Erlebnispark verwandeln konnte.

Seine Pläne hatten sie zu diesem letzten verzweifelten Versuch getrieben, um das Geld für die dringend nötigen Renovierungsmaßnahmen aufzutreiben.

Zuvor hatten alle anderen Institutionen, an die sie sich gewandt hatte, ihr Anliegen mit der Begründung abgelehnt, der Besitz sei als Touristenattraktion zu klein und unbedeutend.

„Und deshalb braucht Monteagle mich“, hatte Trevor Newson behauptet. „Turniere auf dem Rasen, Schweinebraten am Spieß, Bankette in der Halle …“ Dabei hatten seine Augen vor Begeisterung geleuchtet. „Die Busse werden Schlange stehen, und wenn ich erst im Internet werbe, werden sogar Touristen aus dem Ausland kommen. Lassen Sie mich nicht zu lange warten“, warnte er sie abschließend. „Der Preis fällt.“

„Sie brauchen überhaupt nicht zu warten“, erwiderte Helen mit eisiger Höflichkeit. „Die Antwort ist Nein, Mr Newson.“

„Das ist aber ziemlich voreilig von Ihnen“, tadelte er sie in dem herablassenden Ton, den sie so hasste. „Welche Wahl haben Sie denn? Um Sie herum bröckeln die Mauern, und jeder weiß, dass Ihr Vater und Ihr Großvater Ihnen nur Schulden hinterlassen haben. Mit der Pacht für das Weideland und den spärlichen Einnahmen durch die Hand voll Besucher im Sommer kommen Sie nicht weit. Eigentlich ein Wunder, dass Sie sich überhaupt so lange über Wasser halten konnten.“ Mitleidig schüttelte er den Kopf. „Sie müssen verkaufen, meine Liebe. Und wenn Sie sich von Monteagle nicht losreißen können, hätte ich vielleicht sogar Arbeit für Sie. Bei diesen mittelalterlichen Spektakeln gibt es immer eine Königin der Liebe und der Schönheit, und Sie sind ein fesches Mädel.“ Dabei musterte er sie wohlgefällig. „Ein verführerisches Kleid, tief ausgeschnitten …“

„Ein verlockendes Angebot“, erwiderte Helen, mühsam beherrscht. „Aber es bleibt bei meinem Nein.“

„Was für ein widerlicher alter Lustmolch“, hatte Lottie geschimpft. „Erzähl das nicht Nigel, sonst legt er sich noch mit ihm an. Begleitet er dich zu deinem Termin?“

„Nein.“ Helen hatte sich bemüht, nicht enttäuscht zu klingen. „Er hat zu viel zu tun. Was soll’s? Ich bin erwachsen und komme allein klar.“

Genau das hatte Nigel auch gesagt. Vielleicht erwartete sie einfach zu viel von ihm. Andererseits waren sie schon so lange zusammen, dass sie fest mit seiner Unterstützung bei ihrem Kampf um Monteagle gerechnet hatte.

Tatsächlich hatten ihn ihre Bemühungen, ihr Zuhause zu retten, bisher herzlich wenig interessiert. Obwohl er nicht arm war, bei einer großen Handelsbank arbeitete und Geld von seiner Großmutter geerbt hatte, hatte er ihr keine Hilfe angeboten.

Darüber müsste sie noch mit ihm sprechen, aber erst, wenn sie die Fördermittel bekommen hatte. Helen war entschlossen, für sich selbst zu sorgen. Auch wenn Mr Newsons Erlebnispark für sie außer Frage stand, hatte sie durchaus eigene Ideen, wie sie Monteagle besser vermarkten konnte.

Nigel und sie hatten in letzter Zeit wirklich nicht viel miteinander geredet, das musste sie zugeben. Aber daran war sie zum größten Teil selbst schuld. Während er beruflich in London zu tun hatte, war sie so sehr mit ihren Anträgen beschäftigt gewesen, dass sie ihn kaum vermisst hatte.

Trotzdem erstaunte es sie, denn schließlich war er der Mann, den sie heiraten wollte.

Von jetzt an wird alles anders, schwor sie sich. Nach dem heutigen Tag, wie immer er auch enden mochte, wollte sie ganz für Nigel da sein. Ihm alles geben, was er von ihr wollte. Alles.

Vielleicht bin ich wirklich eine altmodische Spinnerin, dachte sie. Wenn ihre Altersgenossinnen wüssten, dass sie es vermied, vor der Ehe mit jemandem zu schlafen, hätten sie sie vermutlich ausgelacht.

Nicht, dass sie Angst hätte, sich hinzugeben. Oder an ihren Gefühlen für Nigel zweifelte. Das war bestimmt nicht der Grund, sagte sie sich wieder und wieder. Doch wenn sie mit Nigel vor den Traualtar trat, sollte er wissen, dass sie ihm allein gehörte. Und dass ihr weißes Brautkleid eine Bedeutung hatte.

Vielleicht hatte sich auch einfach nie die passende Gelegenheit ergeben, räumte sie ein. Und sie konnte Nigel nicht ewig warten lassen. Wenn sie zusammengehörten, warum sollte sie dann noch länger warten?

Als die Tür aufging und eine große, schlanke Blondine im schicken schwarzen Kostüm hereinkam, schreckte Helen hoch.

„Miss Frayne? Bitte folgen Sie mir. Die Herren warten schon.“

„Und ich habe auf die Herren gewartet“, erwiderte Helen kühl und folgte der Frau durch einen Korridor mit schwindelerregenden geometrischen Mustern an den Wänden.

Noch mehr Beton, war ihr erster Eindruck, als sie den Konferenzsaal betrat. Noch mehr Stahl, noch mehr Glas. Und sieben Männer, die um einen ovalen Tisch standen und ihr zur Begrüßung zunickten.

„Bitte nehmen Sie Platz, Miss Frayne“, forderte sie ein bärtiger Mann mit grauem Haar und Brille auf – offenbar der Vorsitzende.

Helen setzte sich auf einen Stuhl aus Leder und Chrom, und auch die Männer nahmen wieder Platz.

In ihren dunklen Anzügen und dezent gemusterten Krawatten und wie sie kerzengerade am Tisch saßen, sahen sie alle gleich aus. Nur der Mann neben dem Vorsitzenden passte nicht in die Runde. Lässig rekelte er sich in seinem Stuhl.

Er war jünger als seine Kollegen, vielleicht Anfang dreißig, hatte wirres dunkles Haar und ein sonnengebräuntes Gesicht. Mit seiner Adlernase und dem schmalen, spöttischen Mund wirkte er gleichermaßen klug und gefährlich. Die Augen unter den halb gesenkten Lidern waren dunkel und undurchdringlich – und sie musterten Helen unverwandt.

Im Gegensatz zu den anderen Männern erweckte er den Eindruck, als sei er gerade erst aus dem Bett gestiegen und hätte sich hastig etwas übergezogen. Seine Krawatte saß locker, und die oberen Hemdknöpfe waren geöffnet.

Wie jemand, der zufällig hier hereingeplatzt ist, dachte Helen kritisch. Verlegen registrierte sie den spöttischen Blick des Mannes und ärgerte sich, dass er sie so eindringlich betrachtete.

Dies war nicht der Einstieg, den sie geplant hatte. Wütend warf sie ihm einen eisigen Blick zu und erntete ein breites strahlendes Lächeln.

In diesem Moment wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass ein Mann nicht nur schön sein musste, um unwiderstehlich und sexy zu sein.

„Entspannen Sie sich“, sagte der Vorsitzende.

Du meine Güte, dachte sie, wenn ich das nur könnte! Niemals zuvor war sie so verunsichert gewesen. Und so verängstigt.

Mit aller Mühe konzentrierte sie sich auf die Worte des Vorsitzenden, der ihre aussagekräftige Bewerbung lobte. Alle studierten aufmerksam ihre Unterlagen – bis auf einen natürlich, wie Helen missmutig feststellte. Immerhin sah er jetzt nicht mehr sie an, sondern blickte gedankenverloren ins Leere, als wäre er meilenweit weg.

Ich wünschte, er wäre es, dachte Helen. Was machte dieser Mann hier, wenn er nicht zur Mitarbeit bereit war?

Er reagierte nicht einmal, als sie das Video auf den Tisch legte. „Hiermit bekommen Sie einen Eindruck von den Veranstaltungen auf Monteagle“, sagte sie. „Ich plane, dort auch Hochzeiten ausrichten zu lassen.“

Als sie zustimmendes Gemurmel hörte, entspannte sie sich – nur um gleich darauf festzustellen, dass der Mann sie wieder fixierte. Langsam ließ er den Blick von ihrem Gesicht zu ihrem Ausschnitt gleiten, und obwohl sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, spürte sie, wie eine verräterische Röte ihre Wangen überzog. Zu ihrer Erleichterung senkte er den Blick und betrachtete ihre schmalen unberingten Hände.

„Wollen Sie dort selbst heiraten, Mademoiselle?“ Tief und wohlklingend war seine Stimme, das musste sie widerwillig zugeben. Er sprach ausgezeichnet englisch, aber mit französischem Akzent.

Wie mochte er wohl die in ihrem Antrag erwähnte Tatsache aufgenommen haben, dass die Festung Monteagle während des Hundertjährigen Krieges erbaut worden war und dem Schwarzen Prinzen, einem erbitterten Feind Frankreichs, als Residenz gedient hatte?

Entschlossen hob sie das Kinn und erwiderte seinen forschenden Blick, ein angriffslustiges Funkeln in den braunen Augen. In diesem Moment wünschte sie, Nigel und sie wären bereits offiziell verlobt und sie trüge seinen Ring am Finger.

„Ja, das habe ich vor, Monsieur. Vielleicht mache ich sogar den Anfang“, behauptete sie, einer spontanen Eingebung folgend.

Natürlich musste sie das erst mit Nigel klären, aber sie konnte sich kaum vorstellen, dass er etwas dagegen hatte. Monteagle war der perfekte Ort für eine Hochzeit, und die Publicity könnte nicht schaden.

„Wie romantisch“, bemerkte ihr Gegenüber und verfiel wieder in Schweigen.

Dann stürmten von allen Seiten Fragen auf sie ein, die sie detailliert beantworten musste. Alle Mitglieder des Gremiums schienen die Unterlagen gründlich studiert zu haben und wirkten äußerst interessiert, was Helens Stimmung hob und ihr wieder etwas Hoffnung machte.

Irgendwann ging die Tür auf, und die langbeinige Blondine servierte neben Kaffee auch Mineralwasser, das Helen dankbar annahm, da ihr Mund völlig ausgetrocknet war.

Als die Angestellte verschwunden war, zog der Franzose ein Blatt aus seinen Unterlagen.

„Dies ist nicht Ihr erster Antrag auf Fördergelder für Monteagle, Mademoiselle. Ist das eine korrekte Auflistung der Organisationen, an die Sie bereits herangetreten sind?“

Helen biss sich auf die Unterlippe und überflog die Liste.

„Ja“, erwiderte sie kurz und mit aufkeimender Angst.

„Und Ihre Anträge wurden immer abgelehnt?“, hakte er nach.

„Ja“, antwortete sie mit versteinerter Miene.

„Wie sind Sie auf uns aufmerksam geworden?“

„Eine Freundin von mir ist im Internet auf Ihre Organisation gestoßen und hat dort gelesen, dass Sie auch an kleineren Projekten interessiert sind. Also dachte ich, ich versuche es.“

„Weil Sie der Verzweiflung nahe waren.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Ja.“ Standhaft erwiderte sie seinen Blick, und plötzlich schien es ihr, als wären nur noch sie beide im Raum. Ihre gesamte Aufmerksamkeit galt ihm. „In meiner Situation muss ich jede Möglichkeit wahrnehmen. Ich kann nicht zulassen, dass Monteagle untergeht, und werde alles tun, um es zu retten.“

Eine Zeit lang herrschte Stille im Raum. Dann zog der Franzose noch ein Blatt Papier aus seiner Tasche. „Das beiliegende Gutachten ist zwanzig Jahre alt.“

„Ja, aber die Angaben stimmen nach wie vor, auch wenn die Kosten für die notwendigen Renovierungsmaßnahmen inzwischen gestiegen sind.“

„Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, Mademoiselle. Warum hat Ihre Familie die Arbeiten damals nicht durchführen lassen?“

Über ihre Wangen legte sich ein Rotton. „Mein Großvater hatte es vor, aber es kam etwas dazwischen.“

„Könnten Sie das näher erläutern?“, bat er mit weicher dunkler Stimme.

Sie atmete tief durch. „Damals gab es eine Krise in der Versicherungsbranche, und mein Großvater hatte viele Anteile an Lloyds. Die Forderungen nach dem Versicherungszusammenbruch trieben uns an den Rand des Ruins. Er hätte Monteagle beinahe verkaufen müssen.“

„Diese Möglichkeit besteht natürlich immer noch“, sagte ihr Widersacher sanft. „Haben Sie nicht gerade erst ein sehr großzügiges Kaufangebot von einem gewissen Monsieur Trevor Newson ausgeschlagen, das den Erhalt des Anwesens sichergestellt und Sie finanziell saniert hätte? Ist das nicht besser, als überall um Fördergelder zu betteln und eine Niederlage nach der anderen einzustecken?“

„Ich halte Mr Newsons Pläne für unseriös“, erwiderte Helen kühl. „Ich bin eine Frayne und werde nicht dulden, dass das Haus, das jahrhundertelang in unserem Familienbesitz war, zu einer billigen Touristenattraktion verkommt. Ich gebe nicht auf.“ Mit vor Erregung zitternder Stimme lehnte sie sich vor. „Ich werde alles tun, um das Geld aufzutreiben.“

„Alles?“ Spöttisch hob er die dunklen Augenbrauen. „Sie setzen sich sehr leidenschaftlich für Ihre Interessen ein.“

„Mir bleibt nichts anderes übrig.“ Stolz warf Helen den Kopf in den Nacken. „Und wenn ich betteln gehen muss, um mein Ziel zu erreichen, dann tue ich das. Monteagle ist jedes Opfer wert.“

Als wäre soeben ein Draht zwischen ihnen gekappt worden, entspannte sich die Situation. Der Franzose lehnte sich in seinem Stuhl zurück, und der Vorsitzende erhob sich.

„Es war uns ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Frayne. Wir werden Ihren Antrag sorgfältig prüfen.“ Er nahm das Video an sich und schenkte Helen ein warmes Lächeln. „Bis zum Monatsende hoffen wir, Ihnen Bescheid geben zu können.“

„Vielen Dank, dass Sie mich empfangen haben“, erwiderte Helen höflich und verließ den Raum, ohne den Mann, der sie dermaßen taktlos ausgefragt hatte, eines Blickes zu würdigen.

Im Korridor blieb sie abrupt stehen und presste eine Hand an die Rippen. Was war da drinnen geschehen? Hatten sie guter Polizist – böser Polizist mit ihr gespielt? Erst lullten die Herren sie mit freundlichem Getue ein, und dann schlug der Schurke vom Dienst zu.

Er war abscheulich, dachte sie wütend auf dem Weg zum Ausgang. Zum Teufel mit seinen Reizen und seinem Sex-Appeal!

Immerhin wusste sie jetzt, wie es sich anfühlte, mit Blicken ausgezogen zu werden. Und sie konnte wahrlich nicht behaupten, dass es ihr gefiel. Sexuelle Diskriminierung nannte sie das, aber davon hatte ein Mann, der auf dem geistigen Niveau eines Steinzeitmenschen stehen geblieben war, vermutlich noch nie etwas gehört.

Trotzdem hätte sie zu gern gewusst, wer er war und welche Position er bei Restauration International bekleidete. Das sollte problemlos herauszufinden sein.

Als Helen auf sie zukam, rangen sich die Blondine und ihre Kollegin am Empfang, die gerade einen Schwatz hielten, ein höfliches, unterkühltes Lächeln ab.

„Dürfte ich bitte eine Informationsbroschüre über Ihre Organisation haben?“

Die beiden Frauen tauschten befremdete Blicke. „Aber die Mappe wurde Ihnen doch zugeschickt, Miss Frayne“, antwortete die Blondine.

„Das stimmt, aber ich habe sie zu Hause und muss etwas nachschlagen. Wenn es Ihnen also nicht zu viel Mühe macht …“

Mit spitzen Fingern zog die Empfangsdame einen foliengebundenen Ordner aus der Schublade und reichte ihn Helen.

„Normalerweise gibt es nur ein Exemplar pro Person, Miss Frayne.“

„Ich weiß es zu schätzen, vielen Dank“, erwiderte Helen. Gerade als sie die Mappe in ihre Tasche stecken wollte, hörte sie Schritte hinter sich. Wie auf Knopfdruck verwandelte sich der Argwohn in den Gesichtern der beiden Frauen in ein honigsüßes Lächeln.

Helen spürte ein merkwürdiges Kribbeln im Nacken und wusste, auch ohne hinzusehen, wer da kam.

Betont langsam drehte sie sich um, bemüht, ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu halten. „Wollen Sie sichergehen, dass ich das Gebäude verlasse, Monsieur?“

„Aber nein. Ich bin auf dem Weg zu meinem nächsten Termin, Mademoiselle.“ Er lächelte spöttisch. „Und mein Name ist Delaroche. Marc Delaroche. Sie hätten mich fragen können.“

Amüsiert beobachtete er, wie Helen gegen den Wunsch ankämpfte, ihm die Mappe an den Kopf zu werfen, sie dann aber zurück auf die Theke legte.

„Ich habe nach Lektüre für die Zugfahrt gesucht“, erklärte sie eisig, „aber ich kann mir auch eine Zeitung kaufen.“

„Selbstverständlich.“ Wieder setzte er dieses gewisse Lächeln auf, aber diesmal war Helen dagegen gefeit.

„A bientôt“, verabschiedete er sich, winkte kurz den beiden Angestellten zu, die ihm verzückt nachsahen, und ging davon.

Bis bald, Monsieur? Nicht, wenn ich es verhindern kann, dachte Helen. Doch wie bei einer bösen Vorahnung erschauderte sie erneut.

Als sie vor die Tür trat, war Marc Delaroche zum Glück verschwunden. Nicht so ihre Nervosität. Sie fühlte sich ratlos und verunsichert. Vielleicht ist es nur der Großstadtlärm, der an meinen Nerven zerrt, versuchte sie sich zu beruhigen. Wie konnte Nigel nur hier arbeiten?

Da sie nun schon einmal in London war, beschloss sie, die Gelegenheit zu nutzen und sich mit ihm zu treffen. Als sie ihn auf dem Handy anrief, meldete er sich sofort, im Hintergrund hörte sie Stimmengewirr, Gelächter und Gläserklirren.

„Helen?“ Er klang erstaunt. „Wo bist du?“

„Ganz in deiner Nähe“, sagte sie. „Essen wir zusammen zu Mittag?“

„Mittag?“, wiederholte er. „Ich glaube nicht, dass ich es einrichten kann. Ich bin sehr beschäftigt. Wenn du mir früher gesagt hättest, dass du heute in London bist, hätte ich mir freigenommen.“

„Aber ich habe es dir gesagt!“ Nur mühsam konnte Helen ihre Enttäuschung verbergen. „Heute war mein Termin bei Restauration International, erinnerst du dich nicht?“

„Ach ja, natürlich. Das habe ich vor lauter Arbeit glatt vergessen.“ Er zögerte. „Und – wie ist es gelaufen?“

„Ganz gut, hoffe ich.“ An Marc Delaroche wollte sie lieber nicht denken. Was konnte ein einzelnes Veto im Ernstfall schon ausrichten? „In etwa zehn Tagen bekomme ich Bescheid.“

„Ich drücke dir die Daumen“, meinte Nigel. Dann schwieg er einen Moment. „Vielleicht kann ich ja doch mit dir zu Mittag essen – zur Feier des Tages. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Treffen wir uns um eins im Martinique.“

„Aber ich weiß nicht, wo das ist!“, protestierte Helen.

„Das macht nichts, der Taxifahrer weiß es“, erwiderte Nigel leicht gereizt. „Es ist neu und total angesagt. Jeder geht dahin.“

„Finden wir denn da einen Platz?“, fragte Helen unsicher, die nicht einmal wusste, ob ihr Geld noch für die Taxifahrt reichte.

Er seufzte. „Helen, du bist so naiv. Die Bank hat eine Dauerreservierung. Bis später.“

Nachdenklich steckte sie das Handy wieder ein. Offensichtlich verkehrte Nigel öfter im Martinique, aber warum auch nicht? Kunden zum Essen auszuführen gehörte nun einmal zu seinem Job. Es war Teil seines Lebens, genau wie die Platinkarten, das ewige Taxifahren und die Erste-Klasse-Tickets in alle Welt.

Sie dagegen reiste mit einem billigen Tagesticket, musste jeden Penny umdrehen und bestellte Käsesandwiches und billigen Wein, wenn sie mit ihren Freundinnen ausging.

Nigel lebte in einer anderen Welt. Wenn sie mit ihm mithalten wollte, musste sie sich gewaltig anstrengen.

Aber es wird mir gelingen, sagte sie sich, löste die Schleife aus ihrem schulterlangen Haar und schüttelte es kräftig durch. Sie konnte alles erreichen, auch den Erhalt Monteagles, davon war sie überzeugt. Und nichts würde sie aufhalten. Jäh gedämpft wurde ihre Euphorie nur von der Erkenntnis, dass ihr knappes Budget ihr möglicherweise nicht einmal erlaubte, das Restaurant zu erreichen, in dem sie mit Nigel verabredet war.

Zum Glück fand sie heraus, dass das Martinique nur knapp eine Meile entfernt war, also machte sie sich kurzerhand zu Fuß auf den Weg. Erhitzt und durstig erreichte sie schließlich den Eingang, den eine schwarz-weiße Markise und Grünpflanzen schmückten.

„Haben Mademoiselle reserviert?“, fragte der junge Mann hinter dem Tresen im Foyer.

„Nicht direkt …“, begann sie, worauf er bedauernd den Kopf schüttelte.

„Tut mir leid, wir sind ausgebucht. Vielleicht dürfen wir Mademoiselle ein andermal bei uns begrüßen.“

„Ich werde erwartet“, sagte sie schnell. „Von Mr Nigel Hartley.“

Daraufhin sah der junge Mann zuerst erstaunt auf sie und dann in sein Reservierungsbuch. „Ja, Mr Hartley hat für ein Uhr reserviert, aber er ist noch nicht da.“ Mit einem sehr viel freundlicheren Lächeln als bisher verließ er den Tresen. „Darf ich Ihnen die Jacke abnehmen?“ Dabei deutete er auf den Blazer, den Helen unter den Arm geklemmt hatte.

„Danke, das ist nicht nötig.“ Beschämt dachte sie an das zerschlissene Futter.

„Dann darf ich Sie bitten, mir zu folgen.“ Die Geräuschkulisse, die ihnen entgegenschlug, als er die Tür zum Restaurant öffnete, erschreckte Helen.

Was die Beliebtheit des Lokals anging, hatte Nigel nicht untertrieben. In dem hellen Raum mit den großen Fensterfronten zu beiden Seiten schienen alle Tische besetzt zu sein, und der Lärmpegel war enorm hoch. Atemlos folgte Helen dem jungen Mann durch ein Meer aus weißem Damast, Kristall und Tafelsilber bis zu einem freien Eckchen ganz hinten im Saal.

Erleichtert ließ sie sich auf den harten Stuhl fallen und hätte am liebsten die Schuhe ausgezogen.

„Was darf ich Ihnen bringen, Mademoiselle?“

„Ein Wasser, bitte.“

Ohne Frage lag das Martinique voll im Trend, daran bestand kein Zweifel, aber Helen wäre es lieber gewesen, Nigel hätte ein ruhigeres Restaurant gewählt. Und nicht gerade ein französisches. Das weckte unliebsame Erinnerungen an ihr Kreuzverhör durch Marc Delaroche. Außerdem war das, was sie mit Nigel besprechen wollte, zu privat, um es permanent gegen den Lärm herauszuschreien.

Wahrscheinlich glaubt er, ich genieße diesen Ausflug in die Welt der Reichen, dachte sie schuldbewusst und beschloss, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr seine Wahl missfiel.

Und zum Reden haben wir noch den Rest unseres Lebens Zeit, tröstete sie sich.

Als sie feststellte, dass Nigel sich bereits um zehn Minuten verspäten würde, und sie gerade anfing, sich unbehaglich zu fühlen, servierte ihr ein Kellner nicht nur ein Mineralwasser, sondern auch ein hohes, schmales Glas mit einer perlenden rosa Flüssigkeit.

„Verzeihung, aber das habe ich nicht bestellt“, sagte sie irritiert. „Was ist das?“

„Kir Royal, Mademoiselle. Champagner mit Cassis, mit besten Empfehlungen von Monsieur.“

„Ach so“, erwiderte sie erleichtert. Nigel musste die Bestellung telefonisch durchgegeben haben, als Entschuldigung für seine Verspätung. Eine nette Geste, fand sie.

Sie löschte ihren Durst mit einigen Schlucken Mineralwasser, dann nippte sie an dem Kir, der herrlich fruchtig und erfrischend schmeckte. Leider konnte sie sich nicht endlos daran festhalten, und Nigel war immer noch nicht aufgetaucht. Allmählich wurde sie nicht nur nervös, sondern auch ärgerlich.

„Hat Monsieur Ihnen am Telefon gesagt, wann er kommt?“, fragte sie den Kellner. „Sonst hätte ich gern noch einen Kir.“

„Am Telefon?“, fragte der Kellner verwirrt. „Monsieur sitzt dort drüben und speist zu Mittag. Kann ich ihm etwas ausrichten?“

Entgeistert sah Helen den Kellner an. „Er ist hier? Sie müssen sich irren.“

„Nein, Mademoiselle. Dort am Fenster, sehen Sie selbst.“

Sie spähte in die angegebene Richtung, und ihr stockte der Atem. An dem Tisch saß Marc Delaroche mit zwei anderen Männern, und in diesem Moment – als hätte er ihren Blick gespürt – drehte er sich zu ihr um. Freundlich lächelnd sah er in ihr entsetztes Gesicht und prostete ihr zu.

Abrupt wandte sie sich ab.“

„Bitte bringen Sie mir die Rechnung für den Kir und das Wasser.“

„Aber Sie haben doch noch nicht gegessen“, protestierte der Kellner. „Und außerdem kommt dort Mr Hartley!“

Tatsächlich – groß, blond und in einem eleganten Nadelstreifenanzug mit Seidenkrawatte bahnte Nigel sich so energisch seinen Weg durch das Restaurant, als gelte es, die Teilung des Roten Meeres nachzuspielen.

„Da bist du ja“, begrüßte er Helen.

„Und das schon seit einer halben Stunde. Was war denn los?“

„Ich sagte doch, ich habe viel zu tun.“ Beim Platznehmen küsste er sie flüchtig auf die Wange. „Die Speisekarte bitte, Gaspard. Nein, warten Sie – ich nehme ein Steak, medium gebraten, und einen gemischten Salat.“

„Für mich bitte dasselbe“, meinte Helen. „Ich will ja nicht, dass du meinetwegen warten musst.“

„Sehr schön.“ Entweder war ihm ihre Ironie entgangen, oder er ignorierte sie absichtlich. „Dazu eine Flasche Roten und einen Gin Tonic“, sagte er, an den Kellner gewandt. „Möchtest du auch einen Drink, Sweetie?“

„Ich hatte schon einen Kir Royal.“

Überrascht verzog er den Mund. „Das sieht dir gar nicht ähnlich. Hat der Kellner ihn dir aufgeschwatzt?“

„Nein, aber keine Sorge. Einer reicht mir vollkommen“, erwiderte sie und schämte sich im selben Moment für ihren ungewohnt scharfen Ton. Schuld daran war nur diese Person dort drüben am Fenster! Aber sie würde sich die kostbaren Minuten des Zusammenseins mit dem Mann, den sie liebte, von nichts und niemandem verderben lassen.

„Schön, dass du da bist“, sagte sie sanft und berührte dann Nigels Hand. „Weißt du, wie lange wir uns nicht gesehen haben?“

Er seufzte. „Ja, aber ich habe auch wirklich sehr viel um die Ohren.“

„Deine Eltern vermissen dich sicher auch.“

„Die sind viel zu sehr damit beschäftigt, Dads Ruhestand zu planen und die Villa auf Vordermann zu bringen, bevor sie verkauft wird“, erwiderte er lässig. „Du weißt doch, sie ziehen demnächst nach Portugal.“

„Oaktree wird verkauft?“, fragte Helen erschüttert. „Aber es ist doch dein Zuhause!“

„Zumindest mehr oder weniger, aber inzwischen lebe ich nun einmal in London“, meinte er ungeduldig. „Ich werde dort ein Haus kaufen. Ach, da kommt mein Drink. Den brauche ich auch nach diesem hektischen Vormittag!“ Und dann setzte er zu einer weitschweifigen Schilderung seines mühseligen Arbeitsalltags an, die er während des Essens fortsetzte.

Helen war längst der Appetit vergangen. Die Tücken des Finanzmarkts, die Nigel ihr haarklein darlegte, interessierten sie nicht im Geringsten. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Irgendetwas war geschehen. Irgendetwas hatte sich grundlegend verändert, und sie hatte es nicht gemerkt. Aber sie war alarmiert, denn seine Pläne betrafen auch ihr Leben. Bisher war sie wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Nigel nach ihrer Hochzeit in Monteagle wohnen und nach London pendeln würde. Ihm musste doch klar sein, dass sie unmöglich wegziehen konnte!

Doch wie sollte sie mit ihm reden, wenn er in Windeseile sein Steak verschlang und dabei ständig auf die Uhr sah?

Irgendwann unterbrach sie seinen Monolog. „Nigel, wir müssen am Wochenende miteinander reden. Kommst du am Sonntag?“

„Diesen Sonntag? Unmöglich, tut mir leid. Die Pflicht ruft. Unser Vorstandsvorsitzender gibt einen Geburtstagsempfang in seinem Haus in Sussex.“ Er lächelte flüchtig. „Und jetzt muss ich los, ich habe gleich ein Meeting. Die Rechnung geht aufs Büro, also bestell dir ruhig Nachtisch und Kaffee. Bis dann!“ Eilig warf er ihr eine Kusshand zu und verschwand.

Wieder saß Helen allein am Tisch. Verstohlen sah sie sich nach ihrem Widersacher um, aber zu ihrer Erleichterung war sein Tisch nicht mehr besetzt. Wenigstens hatte er Nigels unhöflichen Abgang nicht mitbekommen, und sie musste sich nicht für den verdammten Drink bedanken. Wenn sie Glück hatte, sah sie den Mann nie wieder.

Es hatte so ein bedeutsamer Tag werden sollen, aber seit dieser Mann auf der Bildfläche erschienen war, ging alles schief.

Wenn sie ihren Zug noch erwischen wollte, musste sie sich beeilen. Hastig griff sie nach ihrer Tasche, aber im selben Moment trat der Kellner an ihren Tisch und setzte schwungvoll ein Tablett mit Kaffee, einer Flasche, zwei Tassen und zwei Gläsern vor ihr ab.

„Entschuldigen Sie, das muss ein Irrtum sein“, sagte sie. „Ich habe nichts bestellt!“

„Aber ich“, erklang Marc Delaroches sonore Stimme hinter dem Kellner. „Ich dachte, Sie könnten einen Cognac gebrauchen, also geben Sie mir keinen Korb, ma belle.“

Bevor sie protestieren konnte, hatte er Nigels Platz eingenommen und erwiderte ihren fassungslosen Blick mit einem strahlenden Lächeln.

2. KAPITEL

„Ich dachte, Sie wären gegangen.“ Sofort bereute Helen ihre unüberlegte Bemerkung. Auf keinen Fall sollte Monsieur Delaroche glauben, dass sie sich auch nur im Mindesten für ihn interessierte.

„Nein, ich habe mich nur von meinen Freunden verabschiedet.“ Er schenkte ihr Kaffee ein. „Bevor ich mich zu Ihnen gesellte und Sie zu einem Cognac einlud, was eigentlich Sache Ihres Begleiters gewesen wäre. Wenn er sein Essen immer so herunterschlingt, hat er mit vierzig ein Magengeschwür.“

„Danke, ich werde es ihm ausrichten.“

„Das war eher als Warnung für Sie gedacht. Ich nehme an, er ist es, mit dem Sie auf Monteagle Hochzeit feiern wollen.“ Ein spöttisches Lächeln glitt über sein Gesicht. „Und eine Ehefrau muss sich doch um das leibliche Wohl ihres Gatten sorgen – in jeder Hinsicht, oder?“

„Wollen Sie wirklich wissen, wie ich darüber denke?“ Wütend holte Helen tief Luft. „Sie sind ein Dinosaurier, Monsieur Delaroche.“

Daraufhin wurde sein Lächeln noch breiter. „Ein Mann mit Verdauungsproblemen ist noch viel schlimmer, glauben Sie mir. Und es ist ein Verbrechen, eine schöne Frau wie Sie allein im Restaurant sitzen zu lassen.“ Er erhob sein Glas. „Salute!“

„Ersparen Sie mir bitte Ihre Komplimente“, erwiderte Helen gereizt. „Darauf kann ich verzichten, genau wie auf Ihre Gesellschaft.“

„Aber auf meine Stimme im Gremium können Sie nicht verzichten, also sollten Sie so höflich sein, meine Einladung anzunehmen.“

Schmollend trank sie einen Schluck Kaffee. „Was führt Sie ausgerechnet in dieses Lokal?“

Amüsiert sah er sie an. „Glauben Sie, ich sei Ihnen gefolgt? Die Herren, mit denen ich hier war, haben mich eingeladen. Außerdem war ich vor Ihnen da. Ich könnte also Ihnen unterstellen, mir nachzulaufen.“

„So weit kommt es noch!“, erwiderte sie schroff.

„Zu meinem tiefsten Bedauern ist das eher unwahrscheinlich.“

„Warum tun Sie das? Warum laden Sie mich zu einem Drink ein und zwingen mir Ihre Gesellschaft auf?“

„Ich wollte mich mit Ihnen unterhalten, wenn Sie ein wenig … gelöster sind.“ Entspannt lehnte er sich zurück. „Das offene Haar steht Ihnen viel besser. Warum waren Sie vorhin so unvorteilhaft frisiert?“

„Weil ich seriös wirken wollte“, erwiderte sie kühl, „und nicht, als hätte ich es auf eine Sonderbehandlung abgesehen, nur weil ich eine Frau bin.“

„Verstehe.“

„Warum halten Sie sich dann nicht von mir fern?“

Versonnen blickte er in sein Glas. „Ihr Verlobter kam zu spät und ging zu früh. Vielleicht versuche ich einfach, sein Versäumnis wettzumachen.“

„Was fällt Ihnen ein, meinen Verlobten zu kritisieren? Sie kennen ihn doch überhaupt nicht. Zufällig arbeitet er sehr hart für unsere gemeinsame Zukunft. Und außerdem“, setzte sie wütend hinzu, „fühle ich mich kein bisschen vernachlässigt.“

„Das freut mich zu hören, ma belle“, sagte er ironisch. „Ich hatte schon befürchtet, dass er im Bett dasselbe Tempo vorlegt wie beim Essen.“

Schockiert sah sie ihn an und errötete bis zu den Haarwurzeln. „Sie haben kein Recht, so mit mir zu reden! Das ist geschmacklos.“ Dabei zitterte ihre Stimme vor Empörung. „Sie sollten sich schämen.“

Ohne ein Zeichen des Bedauerns musterte er sie. „Ich bin nur um Ihr Glück besorgt.“

Abrupt schob Helen ihren Stuhl zurück und stand auf. „Wenn ich das Geld für die Renovierung bekomme, werden Sie mich vor Glück jubeln hören, Monsieur. Alles andere geht Sie nichts an.“

Obwohl ihre Wangen glühten, marschierte sie hoch erhobenen Hauptes an ihm vorbei aus dem Restaurant. Erst auf dem Weg zur U-Bahn wurde ihr klar, wie sehr sie befürchtet hatte, dass er sie aufhalten würde.

Was er natürlich nicht getan hatte.

Ach, er ist nur ein schäbiger Frauenheld, sagte sie sich. Weil sie allein am Tisch gesessen hatte, hatte er die Situation ausgenutzt, das war alles.

Oder?

Wäre ich doch nur nicht rot geworden, dachte sie ärgerlich. Hoffentlich hatte er ihre Röte für Zorn und nicht für Verlegenheit gehalten. Er brauchte schließlich nicht zu wissen, dass sie keine Ahnung hatte, wie Nigel – oder irgendein anderer Mann – im Bett war.

Theoretisch wusste sie natürlich Bescheid, aber wie es sich wirklich anfühlte, wusste sie nicht. Sie hatte immer geglaubt, es würde genügen, Nigel zu lieben. Alles andere würde er ihr beibringen.

Allerdings musste sie zugeben, dass es schon eine Weile her war, seit er das letzte Mal ernsthaft versucht hatte, mit ihr zu schlafen. Vielleicht war er nur aus Angst vor Zurückweisung in letzter Zeit so oft weggeblieben. Plötzlich machte sie sich Vorwürfe, weil sie seine Gefühle so sträflich vernachlässigt hatte.

Wie unsensibel von mir, dachte sie reumütig – und wie tragisch, dass erst jemand wie Marc Delaroche kommen muss, um mir die Augen zu öffnen.

Von nun an, schwor sie sich, wird alles anders.

„Ich kann nicht glauben, dass du schon zurück bist“, meinte Lottie, während sie den Auflauf in den Ofen schob. „Dein Anruf kam wirklich überraschend. Ich hatte dich nicht vor morgen erwartet.“ Sie warf Helen einen fragenden Blick über die Schulter zu. „Hast du dich nicht mit Nigel getroffen?“

„Oh doch“, antwortete Helen betont munter. „Wir waren in einem schicken Restaurant zum Mittagessen.“

„Mittagessen, ach so.“ Lottie sah gar nicht zufrieden aus. „Ich hätte eher auf ein romantisches Dinner zu zweit getippt und eine heiße Nacht in seinem Apartment. Ein Abendessen mit mir ist dagegen doch langweilig.“

„Mit dir ist nichts langweilig, Lottie. Ehrlich gesagt, konnte ich es nicht erwarten, aus London wegzukommen“, gab Helen zu.

Ihre Freundin musterte sie argwöhnisch. „Dein Gespräch ist wohl nicht so gut verlaufen?“

„Ich weiß es nicht.“ Helen seufzte. „Die meisten Mitglieder des Gremiums wirkten sehr interessiert, aber vielleicht haben sie mir nur etwas vorgemacht.“

„Und dieser Marc Delaroche, nach dem du dich am Telefon erkundigt hast – gehört der zu der freundlichen Fraktion?“

„Nein, bestimmt nicht“, erwiderte Helen grimmig.

„Wusste ich’s doch“, sagte Lottie triumphierend. „Jedenfalls habe ich getan, was du wolltest, und im Internet nachgesehen. Er ist Vorsitzender der Fabrication Roche, einer Firma, die preiswerte und zweckmäßige Industrieanlagen baut – vorwiegend in Entwicklungsländern. Seine Entwürfe sind preisgekrönt und haben ihn zum Multimillionär gemacht.“

„Was hat so jemand in einem Verein zu suchen, der sich mit dem Erhalt historischer Bauwerke befasst?“ Helen schüttelte den Kopf. „Das ergibt doch keinen Sinn.“

„Doch, wenn er sich mit der Finanzierung auskennt“, erklärte Lottie, „und modernen Renovierungsmethoden. Die anderen sind für die Ästhetik zuständig, er für die praktische Ausführung.“

Angewidert verzog Helen das Gesicht. „Dann will ich hoffen, dass die moderne Scheußlichkeit, in der wir heute getagt haben, nicht seine Handschrift trägt.“

„Das weiß ich nicht.“ Lottie lächelte. „Aber ich habe alles für dich ausgedruckt. Ein Foto war leider nicht dabei.“

„Ich weiß, wie er aussieht“, sagte Helen trocken. Und ich weiß, wie er mich angesehen hat, fügte sie im Stillen hinzu, als sie an seine anzüglichen Blicke und sein unverschämtes Lächeln dachte. „Danke, Lottie. Es ist immer gut, seinen Feind zu kennen.“

„Noch besser ist es, keinen zu haben“, konterte Lottie, während sie das Gemüse wusch. „Vor allem keinen so reichen. Hast du mit Nigel darüber gesprochen?“

Helen zögerte. „Er hatte nicht viel Zeit, deshalb konnte ich nicht ins Detail gehen.“

„Aber ihr seht euch am Wochenende, oder?“

„Nein“, antwortete Helen so leichthin wie möglich. „Er muss zu einem Empfang.“

„Ohne dich?“, fragte Lottie überrascht.

„Ja, aber es wird eine ziemlich steife Angelegenheit, und Nigel weiß, dass ich nichts Passendes anzuziehen habe.“ Sie lachte verlegen. „Wahrscheinlich wollte er mir die Peinlichkeit ersparen.“

„Genauso gut hätte er dir ein Abendkleid kaufen können“, sagte Lottie scharf. „Er kann es sich doch leisten.“

„Hat er aber nicht, und es spielt auch keine Rolle.“ Sie zögerte einen Moment. „Wenn wir erst offiziell verlobt sind, ist das natürlich etwas anderes.“

„Das will ich hoffen.“ Mit gerunzelter Stirn schenkte Lottie Wein ein.

„Und du?“, fragte Helen. „Hast du etwas von Simon gehört?“

Sofort hellte sich Lotties Miene auf, und ihre blauen Augen leuchteten. „Der Damm ist so gut wie fertig. Simon hat nächsten Monat zwei Wochen Urlaub, und dann planen wir die Hochzeit. Von jetzt an will er nur noch Verträge unterschreiben, wenn ich ihn begleiten kann.“

Helen lächelte schalkhaft. „Aber du kannst hier nicht weggehen! Wer liefert dann das Essen für die Dinnerpartys?“

„Ich gehe nicht, bevor ich nicht das Menü für deine Hochzeit zubereitet habe“, versprach Lottie feierlich. „Also legt endlich einen Termin fest!“

„Ich kümmere mich darum“, versprach Helen.

Auf dem Heimweg freute sie sich über Lotties Glück, war aber auch ein wenig neidisch. Nigel scheint wunderbar ohne mich auszukommen, dachte sie traurig. Wenn sie doch nur mehr Zeit füreinander gehabt hätten! Vielleicht wäre es dann wirklich zu dem romantischen Abend gekommen, von dem Lottie gesprochen hatte. Nigel hätte ihr einen Ring und ein Kleid gekauft, sie mit nach Sussex genommen und jedem erzählt: „Dies ist Helen, meine Verlobte. Ich konnte mich einfach nicht von ihr trennen.“

Um sich abzulenken, atmete sie tief die herrliche Nachtluft ein, denn es hatte geregnet, und die Luft roch nach feuchter Erde und frischem Gras.

Doch ihre Gedanken kehrten wieder zu dem Tag in London zurück. Obwohl sie ihn mit so viel Optimismus begonnen hatte, war nichts wie geplant verlaufen. Und irgendwo weit weg, in einem Kasten aus Glas und Beton, war die Entscheidung über ihr Schicksal vermutlich längst gefallen.

Ich brauche Nigel, dachte sie, damit er mich festhält und mir sagt, dass alles gut wird und Monteagle nicht in Gefahr ist.

Als sie durch den Torbogen trat, ragten die dunklen Mauern vor ihr in den sternenklaren Himmel. Aus dieser Perspektive wirkte das Haus massiv und uneinnehmbar, doch sie wusste, wie sehr dieser Eindruck täuschte.

Nicht nur ihre eigene Existenz stand auf dem Spiel. Auch George und Daisy Marland, die schon als blutjunges Ehepaar für ihren Großvater gearbeitet hatten, waren betroffen. George hatte alle Aufgaben rund ums Haus übernommen, während seine fröhliche, flinke Ehefrau sich um den Haushalt kümmerte. Helen war auf ihre Hilfe angewiesen, und es bedrückte sie, dass die Zukunft der beiden gefährdet war. Erst recht, wenn Trevor Newson den Zuschlag für Monteagle bekommen sollte.

„Zu alt“, hatte sein Urteil gelautet. „Zu unflexibel. Ich stelle meine eigenen Leute ein.“

Du stellst hier niemanden ein, hatte Helen damals wütend gedacht.

Sie wünschte, sie wäre auch jetzt noch so mutig. Aber ich gebe nicht auf, dachte sie entschlossen.

Während der Sommermonate öffnete Monteagle seine Tore für Besucher. Dann veranstaltete die Pfarrersfrau und begeisterte Hobbyhistorikerin Marion Lowell Führungen durch die mittelalterlichen Ruinen und den Teil des angrenzenden Jakobinerhauses, der Helen und den Marlands nicht als Wohnraum diente.

In den achtziger Jahren war Helens Großvater gezwungen gewesen, die Bücher der Bibliothek zu verkaufen, und nun nutzte Helen den Raum als Wohnzimmer. Wegen der herrlichen Aussicht über die Wiesen bis hin zum See war es nicht weiter tragisch, dass die schäbigen Möbel vom Speicher und das alte Sofa von einer Haushaltsauflösung stammten.

Bei schönem Wetter servierten Helen und Daisy Marland den Gästen nachmittags Tee und selbst gebackenen Kuchen im Hof. Und da am Samstagnachmittag eine Reisegruppe erwartet wurde, die ihrem Urlaub den leicht deprimierenden Titel Vergessene Winkel der Geschichte gegeben hatte, verbrachten sie den Freitagabend mit Backen. George stellte draußen Holzbänke und Tische mit weißen Leinentischdecken auf, die Helen mit Feldblumensträußen schmückte.

Zwar zahlte sich dieser ganze Aufwand kaum aus, aber im Gästebuch wurden die Nachmittagstees jedes Mal überschwänglich gelobt. Vor allem Daisys knusprige Waffeln mit Sahne fanden großen Anklang.

An diesem Tag kam der Bus ausnahmsweise pünktlich, und kaum war die Führung beendet, erschien auch schon die nächste Besuchergruppe. Im Hof herrschte ein geschäftiges Treiben, und alles lief reibungslos. Da auch das Wetter mitspielte, verließen die Gäste das Schloss an diesem Tag sehr spät und nur widerstrebend, obwohl Monteagle normalerweise pünktlich um sechs Uhr seine Tore schloss.

Als alle Arbeit getan war, band Helen die große weiße Schürze ab, die sie über ihrer Jeans und der blauen Bluse trug, streifte die Schuhe von den Füßen und schlenderte barfuß über die Wiese hinunter zum See.

Wenn nur alle Besuchertage so erfolgreich wären, dachte sie wehmütig. Nigel würde das allerdings gar nicht gefallen, das wusste sie. Oft genug hatte er sich darüber geärgert, dass sie als „bessere Kellnerin“ arbeitete. „Was würde dein Großvater dazu sagen?“, hatte er vorwurfsvoll gefragt.

„Gar nichts“, hatte Helen trotzig erwidert. „Er würde die Ärmel hochkrempeln und beim Abwasch helfen.“

Doch das eigentliche Problem war nicht Nigel, sondern seine Mutter Celia und ihr grenzenloser Snobismus. Dass Helen die Erbin von Monteagle war, fand sie zwar großartig, aber sie vermisste die dazugehörige Dienerschaft und die gefüllte Schatztruhe, daher hielt sich ihr Verständnis für Helens Kampf um das Anwesen in Grenzen.

Helen seufzte. Weil die Bluse an ihrer Haut klebte, hatte sie große Lust, zum Anlegesteg am alten Bootshaus zu gehen, sich auszuziehen und ins Wasser zu springen, wie sie es öfter tat. Aber plötzlich hatte sie das unbehagliche Gefühl, beobachtet zu werden.

Misstrauisch fuhr sie herum und war erleichtert, dass Mrs Lowell lächelnd auf sie zukam.

„Was für ein gelungener Nachmittag!“ Strahlend schüttelte die Pfarrersfrau die Geldkassette in ihrer Hand. „Keine schlecht erzogenen Kinder und alle Broschüren verkauft! Kann die wunderbare Lottie uns neue drucken?“

„Ich habe sie schon darum gebeten“, antwortete Helen. „Waren heute nette Gäste da? Ich habe wieder mal gar nicht viel von ihnen mitbekommen, weil ich die meiste Zeit in der Küche war.“

„Ja, und sehr interessierte. Nicht, als hätten sie aus Versehen den falschen Bus erwischt. Sie haben mir eine Menge Fragen gestellt, vor allem einer von ihnen. Und der hat hinterher auch ein ansehnliches Trinkgeld dagelassen. Ich habe es in die Kasse getan.“

„Das sollen Sie aber nicht!“, protestierte Helen. „Ihre Führungen sind erstklassig, und ich wünschte, ich könnte Sie dafür bezahlen. Wenigstens das Trinkgeld sollten Sie behalten.“

„Aber die Arbeit macht mir doch Spaß, und zum Glück brauche ich das Geld ja nicht“, beruhigte sie die Pfarrersfrau. „Außerdem bin ich so wenigstens nicht zu Hause, wenn Jeff seine Predigt vorbereitet. Sein schöpferischer Denkprozess gerät schon in Gefahr, wenn nur eine Stecknadel zu Boden fällt“, setzte sie verschwörerisch lächelnd hinzu. „Aber unser heutiger Stargast ist Ihnen doch sicher aufgefallen, Helen. Sehr attraktiv, auf eine unkonventionelle Art. Sex auf zwei Beinen, würde meine Emmy dazu sagen.“

Erstaunt sah Helen sie an. „Ich habe niemanden gesehen, den man auch nur im Entferntesten als attraktiv bezeichnen könnte. Die Leute waren alle älter. Aber vielleicht hatte er Angst, sein Image als Herzensbrecher zu ruinieren, wenn er beim Waffelessen erwischt wird. Ich sollte vermutlich eher Champagner und Kaviar servieren.“

„Ja, vielleicht.“ Mrs Lowell seufzte bedauernd. „Schade, dass Sie ihn verpasst haben. Er hatte einen entzückenden französischen Akzent.“

„Französisch?“ Vor Schreck ließ Helen beinahe die Geldkassette fallen, die Mrs Lowell ihr gegeben hatte.

Normalerweise genoss sie die Abende, nachdem die Tore geschlossen waren und alle in der Küche bei einer Kanne Tee und dem übrig gebliebenen Kuchen saßen und die Einnahmen zählten. Zumal sie heute erst recht Grund zur Freude gehabt hätte. Doch sie musste ständig an den französischen Besucher denken. Natürlich konnte es irgendein wildfremder französischer Tourist gewesen sein, aber nach der Begegnung mit Marc Delaroche im Martinique glaubte sie nicht an einen weiteren Zufall.

Er war es, dachte sie. Er muss es gewesen sein.

Sobald Mrs Lowell gegangen war, schlug sie im Gästebuch nach. Sie musste nicht lange suchen. Als letzte Eintragung prangte dort Marc Delaroches schwungvolle Unterschrift.

Helen zwang sich, Ruhe zu bewahren. Na gut, er war hier gewesen, hatte einen überdurchschnittlich guten Besuchertag miterlebt und war gegangen, ohne sie anzusprechen. Was war denn schon dabei? Offenbar hatte er akzeptiert, dass sie keinen Wert auf persönlichen Kontakt legte. Und dass so viele zufriedene Gäste da gewesen waren, konnte sich nur positiv auf die Entscheidung des Gremiums auswirken.

Entschlossen klappte sie das Buch zu und ging in ihr Wohnzimmer.

Helen wachte am nächsten Morgen sehr früh auf, ohne sich besonders ausgeruht zu fühlen. Manchmal wünschte sie, sie könnte sich einfach wieder umdrehen und weiterschlafen, aber dafür gab es immer zu viel zu tun.

Da es ein schöner, sonniger Tag zu werden versprach, beschloss sie, George beim Kampf gegen das Unkraut zu helfen. Vorher aber radelte sie ins Dorf und holte die Zeitung. Vielleicht ließ sich ja mit dem Kreuzworträtsel Geld verdienen. Bei ihrer Rückkehr wartete George schon in der Einfahrt auf sie.

„Sie Sklaventreiber!“, rief sie lachend. „Darf ich wenigstens vorher einen Kaffee trinken?“

„Ich stelle Ihr Fahrrad weg, Miss Helen. Daisy sagt, Sie hätten Besuch.“

„Wissen Sie, wer es ist?“, fragte sie nervös, doch George schüttelte den Kopf.

Natürlich bestand die vage Möglichkeit, dass Nigel früher zurückgekehrt war. Doch das war mehr als unwahrscheinlich. Außerdem hoffte sie beinahe, dass er es nicht war, denn er sah sie nicht gern in Jeans und mit achtlos hochgestecktem Haar.

Wer auch immer es war – sie wollte zumindest ihre Frisur in Ordnung bringen, bevor sie ihn begrüßte.

Doch der Gast machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Als sie sich zur Hintertür hineinstahl, saß er am Küchentisch, biss gerade herzhaft in ein Schinkensandwich und ließ sich von Daisy Kaffee nachschenken.

Wie angewurzelt blieb Helen stehen. „Was machen Sie denn hier?“ Ihr feindseliger Ton trug ihr einen strafenden Blick von Daisy ein.

In seiner Kakihose und dem schwarzen Hemd glich Marc Delaroche eher einem Ganoven aus der Marseiller Unterwelt als einem erfolgreichen Geschäftsmann. Einem Ganoven, der sich bei ihren Worten lächelnd erhob.

„Wie Sie sehen, frühstücke ich gerade, Mademoiselle. Ihre Haushälterin ist ein wahrer Engel.“ Dabei bedachte er Daisy mit einem strahlenden Lächeln.

Mühsam beherrscht fragte Helen: „Haben Sie gestern nicht genug gesehen?“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Unser Dorf ist wohl kaum der passende Aufenthaltsort für Sie.“

„Ach, ich hatte hier noch etwas zu erledigen“, erwiderte er ruhig. „Also habe ich im Gasthaus übernachtet.“

„Gibt es dort kein Frühstück?“, fragte sie spitz.

„Doch, aber nach dem gestrigen Abendessen war ich nicht sehr erpicht darauf, es zu probieren. Darf ich jetzt weiteressen?“

„Kaffee, Miss Helen?“ Eindeutig besagte Daisys Blick, dass ihre Arbeitgeberin die Regeln der Gastfreundschaft bereits hinreichend verletzt hatte.

„Danke, gern.“ Helen lächelte ihr besänftigend zu, setzte sich und trank so hastig einen Schluck Kaffee, dass sie sich beinahe den Mund verbrannte.

„Ich konnte gestern nicht alle Räume des Hauses besichtigen, weil einige offenbar privat genutzt werden, wie mir Ihre charmante Fremdenführerin erklärte“, sagte Marc Delaroche. „Dürfte ich jetzt einen Blick hineinwerfen?“

Missmutig setzte Helen die Tasse ab. „Muss das sein?“

„Allerdings, sonst würde ich nicht darum bitten. Ihre Wohnräume sind von historischer Bedeutung – die Bibliothek, die Galerie, das herrschaftliche Schlafzimmer.“ Er musterte sie interessiert. „Schlafen Sie dort?“ Freundlich setzte er hinzu: „Ich hoffe, Sie finden die Frage nicht indiskret.“

„Ich schlafe nicht dort“, antwortete Helen kurz angebunden. „Es war das Zimmer meines Großvaters, und ich habe nicht vor, es der Öffentlichkeit zu präsentieren.“

„Obwohl einer Ihrer Könige es für ein romantisches Rendezvous benutzte? Charles der Erste, glaube ich.“

„Der Zweite“, korrigierte Helen. „Es heißt, er kam hierher, um die Tochter des Hauses zu verführen, nachdem sie vor ihm vom königlichen Hof geflohen war.“

„Waren seine Bemühungen erfolgreich?“

„Das weiß ich nicht. Es ist nur eine Legende, und ich glaube kein Wort davon, auch wenn ich nach dieser Frau benannt wurde.“

„Quel dommage“, sagte er bedauernd. „Schade.“

„Sir Henry hat immer behauptet, die Geschichte sei wahr“, ließ sich Daisy vom Herd her vernehmen.

„Mein Großvater nahm die Leute gern auf den Arm“, meinte Helen trocken. „Er hat auch gern behauptet, dass es in dem Zimmer spukt.“

„Dann haben Sie wohl Angst, Sie könnten neben einem Gespenst aufwachen!“ Marc Delaroches dunkle Augen funkelten vor Vergnügen.

„Keineswegs, aber ich ziehe mein eigenes Zimmer vor.“

„Bis zur Hochzeit, nehme ich an. Ein lebendiger Mann in Ihrem Bett wird die Gespenster schon vertreiben, ma belle.“

„Danke für die offenen Worte“, erwiderte sie finster.

„Legende hin oder her, Sie sollten dem Publikum das herrschaftliche Schlafgemach und diese romantische Geschichte nicht vorenthalten. Ich wäre gern der erste Besucher.“

„Wie Sie wünschen, Monsieur. Jetzt gleich?“

„Pourquoi pas?“, fragte er sanft. „Warum nicht?“

Ihr fielen auf Anhieb etliche Gründe ein, die dagegen sprachen, als sie mit ihm zusammen die Küche verließ. Allen voran die Tatsache, dass sie jetzt mit ihm allein sein würde.

Am beunruhigendsten aber war, dass sie nicht wusste, wem sie mehr misstraute – ihm oder sich selbst.

3. KAPITEL

Gemeinsam mit Marc Delaroche betrat Helen die Bibliothek. Auf ein weiteres Kreuzverhör gefasst, steckte sie die Hände in die Taschen ihrer Jeans, aber zunächst betrachtete der Franzose nur schweigend und mit gerunzelter Stirn die leeren Regale.

„War die Sammlung wertvoll?“

„Ja, sehr.“ Sie zögerte. „Mein Großvater musste sie verkaufen, genau wie die meisten Bilder. Es brach ihm beinahe das Herz, aber nur so konnte er Monteagle damals retten.“

Kopfschüttelnd ließ der Besucher den Blick über das schäbige Sammelsurium von Möbelstücken, die abgeblätterte Wandfarbe und die uralten, schlaffen Samtvorhänge schweifen. „Und hier verbringen Sie Ihre Freizeit?“

„Ja, wenn ich welche habe.“

„Finden Sie es nicht ein wenig … trist?“

„Im Winter ist es ganz gemütlich“, behauptete sie. „Auf dem Grundstück gibt es genug Kaminholz, und meistens zünde ich Kerzen an.“

„Sicher eine schmeichelhaftere Beleuchtung als das grelle Sonnenlicht“, sagte er trocken. „Gehen wir weiter?“

Ihn neben sich zu spüren machte sie zunehmend nervös. Obwohl er demonstrativ Abstand hielt und ihr höflich den Vortritt ließ, hatte sie auf der Treppe mit den holzvertäfelten Wänden das Gefühl, ihm beklemmend nahe zu sein, und bereute, die Führung nicht Daisy überlassen zu haben.

„Hier pflegte die Familie zusammenzukommen“, erläuterte sie in der Galerie.

„Damals waren aber noch keine Löcher in den Dielen, nehme ich an“, kommentierte er nur.

Sie verzog den Mund. „Ich weiß, der Boden muss komplett erneuert werden.“

„Sind das Ihre Vorfahren?“, fragte er mit Blick auf die verbliebenen Porträts an den Wänden.

„Ja. Die hässlicheren, die niemand haben wollte.“

Für diese Äußerung bedachte Marc Delaroche sie mit einem belustigten Seitenblick. „Meiner Meinung nach lässt eher die Qualität der Bilder zu wünschen übrig.“

Seine Sachkenntnis überraschte sie. „Stimmt, sehr gut sind sie nicht. Aber um nachgeborene Söhne und ledige Tanten zu verewigen, hat man keine berühmten Maler engagiert.“

„Tja, die Söhne zogen gegen meine Landsleute in den Krieg, und aus den Tanten wurden zwangsläufig alte Jungfern“, stellte er fest. „Da sind mir die Tanten sympathischer. Gibt es kein Bild von der Schönheit, nach der sich King Charles verzehrt hat?“

„Doch“, gab Helen widerwillig zu. „Mein Großvater konnte sich nicht davon trennen. Es hängt in seinem Schlafzimmer.“

„Ich bin gespannt. Nach Ihnen, ma belle.“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich nicht so zu nennen?“, fragte Helen im Weitergehen. „Was würden Sie sagen, wenn ich Sie mit schöner Mann anreden würde?“

„Ich würde Ihnen empfehlen, einen Augenarzt aufzusuchen, Mademoiselle. Was stört Sie daran, dass ein Mann Sie attraktiv findet?“

„Nichts“, erwiderte sie kurz angebunden. „Wenn es der richtige ist.“

„Dann bin ich der falsche?“

„Das fragen Sie noch? Sie wissen doch mittlerweile, dass ich verlobt bin.“

„Natürlich. Aber wo ist Ihr Verlobter?“

„Er konnte dieses Wochenende nicht kommen.“ Sie blieb stehen, drehte sich um und musterte ihn herausfordernd. „Nicht, dass es Sie etwas angeht.“

„Und wie viele Wochenenden vorher konnte er auch nicht?“, erkundigte er sich spöttisch. „Im Dorf redet man schon darüber.“

„Im Gasthof, vielleicht. Doch das Geschwätz sollten Sie nicht ernst nehmen, Monsieur.“

„Ich habe aber viel dabei erfahren. Nicht nur über Ihren abwesenden Geliebten, auch über Ihren Kampf um Monteagle. Die Leute waren sich nicht einig, ob Sie mutig oder einfach nur naiv sind, aber an Ihren Sieg glaubt niemand mehr so recht.“

„Großartige Schützenhilfe“, meinte Helen grimmig. „Wussten die Gäste denn, wer Sie sind?“

„Ich habe mich nicht eingemischt, sondern nur zugehört. Alle sprachen voller Sympathie von Ihrem Großvater, aber nicht ein Wort von Ihren Eltern. Sie selbst erwähnen sie auch nie, was ich merkwürdig finde.“

„Ich kannte sie kaum“, gestand Helen. „Sie haben England verlassen, als ich noch ein Kind war. Also wuchs ich bei meinem Großvater auf, deshalb standen wir uns auch so nahe.“

„Auch mein Vater war beruflich viel unterwegs, aber er hat mich immer mitgenommen.“

„Mein Vater hatte keinen Beruf … im herkömmlichen Sinn.“ Traurig schweifte Helens Blick in die Ferne. „Er sollte ursprünglich das Anwesen übernehmen, aber nach dem finanziellen Desaster stand das nicht mehr zur Diskussion. Und er wusste, dass er nie einen männlichen Erben haben würde, weil meine Mutter nach meiner Geburt keine Kinder mehr bekommen konnte.“

„Aber er hatte eine Tochter! War ihm das denn vollkommen egal?“

Helen lächelte gequält. „Ich hatte keine Gelegenheit, ihn danach zu fragen. In unserer Familie gab es immer schon einen Hang zum Spiel. Ganze Vermögen wurden im Laufe der Jahrhunderte gewonnen und wieder verloren. Mein Vater war ein brillanter Pokerspieler mit vielen reichen und berühmten Freunden. Er ist mit meiner Mutter um die Welt gereist und hat vom Glücksspiel gelebt. Manchmal“, sagte sie bitter, „hat er uns sogar Geld geschickt.“

„Aber dann verließ ihn das Glück?“, fragte Marc Delaroche leise.

Während sie nickte, ging sie weiter den Korridor entlang. „Meine Eltern waren mit Freunden in einem Privatflugzeug unterwegs. In der Karibik stürzte die Maschine ins Meer, und alle Insassen kamen ums Leben. Mein Großvater war am Boden zerstört. Er hatte immer geglaubt, wir würden uns irgendwann von den Verlusten erholen, die Renovierung in Angriff nehmen und wieder als Familie zusammenleben, doch nach dem Flugzeugunglück verlor er all seine Hoffnung. Es ging ihm nicht mehr um den Sieg, sondern nur noch ums Überleben.“

Hier trat ein Ausdruck von Entschlossenheit auf ihr Gesicht. „Aber jetzt gehört Monteagle mir, und ich will mehr als das.“

„Fällt es Ihnen schwer, darüber zu reden?“, fragte er überraschend sanft.

„Nein, denn es gehört zur Geschichte des Hauses“, erklärte sie sachlich. „Und mehr persönliche Details werden Sie auch nicht erfahren. Schließlich sind Sie geschäftlich hier, und so sollte auch unser Umgang miteinander sein.“

Du liebe Güte, dachte sie ärgerlich, ich höre mich an wie die prüdeste Frau von ganz England.

„Ich verstehe. Alles Persönliche ist tabu.“ Er lächelte ironisch. „Wie soll das funktionieren?“

„Das ist Ihr Problem, Monsieur. Nicht meins.“

Am Ende des Ganges öffnete sie die breite Flügeltür. „Und hier, wie gewünscht, das herrschaftliche Schlafgemach.“

Als sie die Vorhänge aufzog, fiel das Sonnenlicht in breiten Strahlen in den Raum. Glitzernde Staubkörnchen tanzten in der Luft. Es war ein geräumiges Zimmer mit alten, verblichenen Tapeten an den Wänden. In der Mitte stand ein riesiges Himmelbett mit abgezogener Matratze, einem Baldachin und Gardinen aus besticktem Satin.

Als Erstes trat Marc Delaroche zum Kamin, um sich das Porträt der jungen Frau anzusehen. Mit einem ernsten Gesicht – umrahmt von schimmernden Locken – blickte sie ein wenig scheu auf ihn herab. Sie trug ein zartgelbes Satinkleid im Stil der damaligen Mode. Ihren schlanken Hals schmückte eine Perlenkette, und in der Hand hielt sie eine goldene Rose.

Anerkennend pfiff er leise durch die Zähne. „Ich frage mich, wie lange sie dem König widerstanden hat.“

„Sie glauben, sie hat nachgegeben?“

„Früher oder später, ja. Wie alle Frauen“, antwortete er, ohne Helens Empörung zur Kenntnis zu nehmen. „Man muss sich doch nur ihren Mund ansehen.“ Gebieterisch streckte er die Hand aus. „Viens! Kommen Sie her.“

Widerstrebend trat Helen neben ihn. „Wovon reden Sie?“

„Sehen Sie selbst: Sie bemüht sich verzweifelt, die Unnahbare zu spielen, aber der leicht geöffnete Mund und die volle Unterlippe verraten, wie sehr sie sich danach sehnt, geküsst zu werden.“

„Sie haben eine lebhafte Fantasie, Monsieur“, widersprach Helen, doch ihre Stimme zitterte.

„Und auch Sie bemühen sich verzweifelt, mir etwas vorzuspielen, Mademoiselle“, sagte er leise. Bevor Helen wusste, wie ihr geschah, zeichnete er sanft die Kontur ihres Mundes nach und schob dann seine Fingerspitze ganz leicht zwischen ihre Lippen.

Ein Kuss hätte nicht intimer sein können. Empört wich Helen zurück, doch ihre Wut schien Marc Delaroche nur zu belustigen.

„Was fällt Ihnen ein, mich anzufassen?“, herrschte sie ihn an.

„Sie reagieren sehr konventionell“, stellte er vollkommen ungerührt fest. „Ich bin enttäuscht.“

„Enttäuschung ist nicht alles, worauf Sie sich gefasst machen dürfen, Monsieur Delaroche.“ Sie atmete tief durch. „Ich werde Ihre Auftraggeber wissen lassen, wie Sie Ihre Position missbrauchen. Hoffentlich wirft man Sie hinaus. Egal, wie viel Geld Sie haben!“, fügte sie wütend hinzu.

„Ich bin untröstlich, aber Sie irren sich, ma belle. Ich bin nicht im Auftrag der Gesellschaft hier, sondern privat.“

„Aber Sie haben mir doch all diese Fragen gestellt!“

„Ich wollte das Haus kennenlernen, das Ihnen so viel bedeutet.“

Helen schluckte, drehte sich um, ging zur Tür und hielt sie weit auf. „Der Rundgang ist beendet. Bitte gehen Sie.“

„Aber es gibt noch einen anderen Grund für mein Kommen.“ Bisher hatte er sich nicht einen Millimeter von der Stelle gerührt. „Ich wollte Sie etwas fragen.“

„Fragen Sie“, sagte sie gereizt, „und dann verschwinden Sie.“

„Wollen Sie heute Nacht mit mir schlafen?“

Im ersten Moment war Helen fassungslos. „Sie haben wohl den Verstand verloren!“, stieß sie dann hervor.

„Noch nicht.“ Langsam und genüsslich ließ er seinen Blick über sie gleiten. „Darauf muss ich wohl noch eine Weile warten.“

„Wie können Sie es wagen, mich so zu beleidigen?“

„Was ist beleidigend daran, dass ich Sie begehre? Tun Sie nicht so, als hätten Sie es nicht gewusst. Ich habe von Anfang an kein Geheimnis daraus gemacht.“

Darauf wollte sie lieber nicht näher eingehen. Stattdessen versuchte sie, ruhig durchzuatmen. „Sie … Sie scheinen zu vergessen, dass ich in Kürze heiraten werde.“

„Er scheint es vergessen zu haben, ma belle.“

„Und Sie glauben tatsächlich, dass ich mich mit Ihnen trösten würde, nur weil er gerade nicht hier ist? Wofür halten Sie mich eigentlich?“, rief sie erregt. „Ich liebe Nigel. Ich will ihm gehören, ihm allein, und wenn ich bis in alle Ewigkeit auf ihn warten muss! Aber das versteht jemand wie Sie natürlich nicht“, fügte sie verächtlich hinzu.

Bevor er leise antwortete, musterte Marc Delaroche sie einen Moment nachdenklich. „Sie irren sich, ma chère. Je comprends tout.“ Er atmete scharf ein. „Ich werde wohl Geduld mit Ihnen haben müssen, Hélène, aber die Belohnung, die auf mich wartet, ist es wert.“

„Zum Teufel mit Ihnen! Ich würde lieber sterben, als mich noch einmal von Ihnen anfassen zu lassen!“

Kaum hatte sie ausgesprochen, da zog er sie an sich und drückte seinen Mund so fest auf ihren, dass ihr der Atem stockte.

Dieser heiße, leidenschaftliche Kuss traf Helen völlig unvorbereitet. Langsam und ausgiebig liebkoste er ihre bebenden Lippen und das Innere ihres warmen, weichen Mundes.

Als er sich schließlich von ihr löste, lag ein feuriger Glanz in seinen dunklen Augen.

„Na also“, meinte er spöttisch, „Sie leben noch. Seien Sie in Zukunft lieber etwas vorsichtiger mit leeren Drohungen.“ Mit einem Lächeln führte er ihre Hand an die Lippen, und als sie seine Zähne an der Innenseite ihres Handgelenks spürte, stieß Helen einen erschrockenen Laut aus.

„Au revoir, ma belle“, verabschiedete er sich. „Und denken Sie daran – beim nächsten Besuch bleibe ich über Nacht.“

Als er davonging, sah sie ihm verstört nach.

„Was Sie da ausreißen, sind Blumen, Miss Helen“, beschwerte sich George.

„Tut mir leid!“ Schuldbewusst blickte Helen auf das Grünzeug in ihrem Eimer. Sie hatte gehofft, die Gartenarbeit würde sie beruhigen, aber es funktionierte nicht. Immer wieder musste sie an ihren Gast denken, und das machte sie wütend. Vergeblich hatte sie versucht, Nigel zu erreichen, um ihn zu bitten, zu ihr kommen, aber sein Handy war ausgeschaltet.

Und was sollte sie ihm auch sagen? Dass er sie umarmen und küssen sollte, um die Erinnerung an den Kuss eines anderen zu vertreiben?

Vielleicht maß sie dem Ganzen auch zu viel Bedeutung bei. Es war nur ein Annäherungsversuch gewesen, nichts weiter. Sicher würde Nigel darüber lachen. Weil er wusste, dass sie keinen anderen Mann angesehen hatte, seit sie dreizehn war, und sie beide unwiderruflich zusammengehörten.

Also beschloss sie, die ganze Angelegenheit einfach zu vergessen. Vermutlich hat Marc Delaroche schon sein nächstes Opfer im Visier, sagte sie sich. Abgesehen von seiner fatalen Anziehungskraft war er reich genug, um nicht zu viele Abfuhren zu riskieren. Zweifellos würde er keine Zeit damit vergeuden, den wenigen Frauen nachzutrauern, bei denen er nicht landen konnte.

Ma belle hatte er sie genannt, aber sie wusste, dass er ihr nur schmeicheln wollte. Denn sie war nicht schön, bestenfalls hübsch. Wahrscheinlich hat er gehofft, dass ich ihm vor Dankbarkeit sofort um den Hals falle, dachte sie wütend und kappte energisch eine Löwenzahnwurzel.

Und doch fühlte sie sich merkwürdig bedrückt. Sie wollte ihn weder als Liebhaber noch als Freund. Aber als Feind konnte sie ihn erst recht nicht gebrauchen.

Bei Sonnenuntergang sammelten sich dichte Wolken am Horizont, und der nächste Tag brachte Regen und sinkende Temperaturen. Wenn das schlechte Wetter anhielt, würden die Touristen am Wochenende ausbleiben.

Notgedrungen kümmerte sich Helen um die Buchhaltung, was eher deprimierend war, half Daisy beim Backen und wartete jeden Tag gespannt auf das Postauto. Näher und näher rückte das Monatsende, doch solange sie keine Absage hatte, bestand Grund zur Hoffnung.

Zum Glück hatte Marc Delaroche sie mit weiteren Besuchen verschont. Vermutlich hatte er sich mit seiner Niederlage abgefunden. Trotzdem machte Helen der Gedanke an ihn immer noch nervös, und ihre Bemühungen, ihn zu vergessen, waren nicht sehr erfolgreich.

Wie gern hätte sie mit Nigel gesprochen! Da sie ihn in seinem Apartment nicht erreichte, rief sie schließlich notgedrungen in seinem Büro an, wo sie jedoch nur erfuhr, dass er geschäftlich in Luxemburg war. In welchem Hotel, wollte man ihr jedoch nicht mitteilen.

Zurück auf Los, dachte sie grimmig, zumal sie annahm, dass er sich kaum von selbst bei ihr melden würde. Aber sie wollte nicht ungerecht sein. Schließlich wurden seine Geschäftsreisen oft sehr kurzfristig anberaumt. Und am Wochenende würde er bestimmt nach Hause kommen, schon allein weil seine Mutter Geburtstag hatte.

Nigels Mutter war einer der Gründe, aus denen sie die offizielle Verlobung immer wieder verschoben hatten.

„Sie braucht Zeit, um sich mit dem Gedanken anzufreunden“, hatte Nigel mehrfach betont. „Und mit dir.“

Dass Mrs Hartley sie kannte, seit sie dreizehn war, und sie noch nie besonders gemocht hatte, erfüllte Helen zwar mit heimlicher Sorge, aber sie hatte geschwiegen.

Doch sie würde nicht zulassen, dass die Rücksicht auf Nigels Mutter ihnen noch länger im Weg stand. Egal, wie es mit Monteagle weiterging – sie brauchte Nigels Liebe und Unterstützung mehr denn je. Und sie ging davon aus, dass er das verstehen und trotz seiner Karriere für sie da sein werde. Oder?

Bei dem Gedanken daran, dass Marc Delaroche mehr Interesse an Monteagle gezeigt hatte, als Nigel es je getan hatte, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Und was das herrschaftliche Schlafzimmer betraf, hatte der Franzose natürlich recht. Ihr Großvater hätte nicht gewollt, dass es leer stand.

Kurz entschlossen ging sie nach oben und notierte, was nötig war, um den Raum instand zu setzen. Am Ende kam eine stattliche Liste zusammen, und die Kalkulation bereitete ihr Kopfschmerzen, aber immerhin wusste sie jetzt, wo sie anfangen wollte. Obwohl es ihr ein Dorn im Auge war, dass ausgerechnet der Franzose sie darauf gebracht hatte.

Wenn die Gelder erst bewilligt sind, werde ich ihm vielleicht sogar ein klein wenig dankbar sein, dachte sie. Vielleicht.

Am Freitagabend saß Helen in der Küche und brütete über den alten Kostenvoranschlägen, als Lottie mit einem Stapel neuer Broschüren hereinkam.

„Hallo! Hast du gute Nachrichten für mich?“

„Leider nicht“, erwiderte Helen seufzend. „Dabei hatte ich fest damit gerechnet, dass sie sich diese Woche melden.“

„Ich meinte nicht deine Bewerbung.“ Überrascht sah Lottie sich um. „Du bist allein?“, fragte sie dann sichtlich enttäuscht.

„Jetzt nicht mehr.“ Helen stand auf, um Kaffee zu kochen. „Wen hast du denn erwartet?“

„Nigel, natürlich, der mich schnellstens wieder loswerden will. Wo steckt er?“

„Ich schätze, er kommt morgen“, antwortete Helen ausweichend.

„Aber sein Wagen steht doch vor dem Haus seiner Eltern“, meinte Lottie stirnrunzelnd, „und als ich von der geplanten Feier gehört habe …“

Verständnislos sah Helen sie an. „Wovon redest du?“

„Oh, verdammt“, sagte Lottie zerknirscht. „Da bin ich wohl ins Fettnäpfchen getreten. Mrs Hartley hat mich heute Nachmittag angerufen, ich soll nächsten Monat ein ganz besonderes Büfett bei ihnen ausrichten. Weil sie so aufgeregt klang und so geheimnisvoll tat, habe ich wohl die falschen Schlüsse daraus gezogen. Tut mir leid, Schatz.“

Mit übertriebener Sorgfalt füllte Helen Pulverkaffee in zwei Tassen. „Sicher soll es eine Überraschung für mich sein“, sagte sie und bemühte sich, ihr Unbehagen zu überspielen. „Vielleicht mag Nigels Mutter mich ja doch lieber, als ich dachte“, fügte sie ohne große Überzeugungskraft hinzu.

„Hätte ich doch nur meinen Mund gehalten“, sagte Lottie betreten.

„Ist schon in Ordnung. Wenn ich Nigel sehe, spiele ich die Ahnungslose“, versicherte Helen. Was mir nicht weiter schwerfallen wird, setzte sie in Gedanken hinzu. Denn insgeheim fand sie es mehr als merkwürdig, dass Nigel sich noch nicht bei ihr gemeldet hatte. Er musste doch wissen, wie gern sie ihn sehen wollte!

Sobald Lottie weg war, griff sie zum Telefon.

„Ach, Helen“, Nigels Mutter klang nicht gerade erfreut. „Ich fürchte, dein Anruf kommt etwas ungelegen. Wir haben Gäste zum Dinner.“

„Entschuldigung, aber ich muss Nigel sprechen.“

„Nicht heute Abend“, fertigte Mrs Hartley sie ab. „Wenn es wichtig ist, ruft er dich morgen zurück.“

Wichtig, dachte Helen bitter. Es geht um den Rest meines Lebens!

Wieder einmal hatte Nigels Mutter es innerhalb von Sekunden geschafft, ihr das Gefühl zu vermitteln, dass in der Familie Hartley kein Platz für sie war. Wenn sie Nigel endlich zu Gesicht bekam, musste sie ihn unbedingt darauf ansprechen.

Am nächsten Morgen vertrieb ein frischer Wind die grauen Wolken, und die Sonne brach durch. Das Wetter ist genauso unberechenbar wie mein Leben, sagte sich Helen auf dem Weg zur Küche. Hoffentlich kamen zumindest die Besucher in Scharen – wie am letzten Wochenende. Nur ohne Marc Delaroche, natürlich!

„Irgendwelche Anrufe?“, erkundigte sie sich betont beiläufig bei Daisy, die gerade Tee auf den Tisch stellte.

„Bisher nicht. Aber es sind einige Rechnungen gekommen.“ Daisy zögerte. „Und das hier.“ Mit unsicherem Blick reichte sie Helen einen cremefarbenen Briefumschlag mit dem Emblem von Restauration International.

Unwillkürlich zog sich Helens Magen zusammen. Langsam schob sie ein Messer unter die Lasche des Umschlags und öffnete ihn.

Sofort sprangen ihr die Worte Wir bedauern ins Auge und machten jedes Weiterlesen überflüssig. Trotzdem überflog sie die höflichen Zeilen, die ihren Untergang bedeuteten.

Bei aller Niedergeschlagenheit zwang sie sich zu lächeln. „Pech gehabt“, sagte sie zu Daisy und George, die sie gespannt beobachteten.

„Oh, Miss Helen!“

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